Autor: Stefan Bock

  • DIE RASENDEN – In sechseinhalb Stunden nach Troja und zurück. Karin Beier eröffnet mit einem Antikenmarathon das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg.

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    Deutsches Schauspielhaus HamburgAntikenprojekte erfreuen sich seit jeher landauf, landab großer Beliebtheit. Seien es nun der König Oedipus und die Orestie unter Max Reinhardt 1910/11 am Deutschen Theater Berlin, das ebenfalls zweiteilige Antikenprojekt von Peter Stein 1974/80 an der Berliner Schaubühne und Einar Schleefs Mütter-Projekt 1986 am Schauspiel Frankfurt, oder neuerlich Andreas Kriegenburgs 2002 an den Münchener Kammerspielen inszenierte Orestie, Michael Thalheimers Projekt Ödipus / Antigone zur Eröffnung der Intendanz Reese 2009 in Frankfurt und Stephan Kimmigs Ödipus Stadt zur Spielzeiteröffnung 2012 am Deutschen Theater Berlin. Die Themen Schicksal, Hybris, Krieg ähneln sich, die Zusammenstellung der Stücke variiert meist nur geringfügig. Die Königsdisziplin ist dabei aber immer noch die Inszenierung der gesamten Thebanische Trilogie des König Ödipus von Sophokles oder des in der Orestie des Aischylos beschriebenen Endes der Atriden-Saga. Die Fragen richten sich da meist nur noch nach der Länge und der Möglichkeit der Aktualisierung oder Verschränkung mit Tragödien anderer antiker Dichter.

    Karin Beiers Antikenmarathon Die Rasenden stellt da keine Ausnahme dar. Gerade hier schienen schon im Vorfeld Hybris und Schicksal eine fast unvermeidbar tragische Verbindung eingegangen zu sein. Kaum war das anspruchsvolle Vorhaben zur großen Intendanz-Eröffnung im November des vergangenen Jahres auf den Spielplan des gerade in Renovierung befindlichen Schauspielhauses gehievt, sauste wie von Götterhand der Eiserne Vorhang nach oben und die runterstürzenden Gegengewichte zerschlugen im Gegenzug den neuen Bühnenboden. Es wurde dabei zwar glücklicher Weise niemand verletzt, aber die Tragödie war dennoch perfekt. Die Eröffnung des Deutschen Schauspielhauses musste auf den Januar 2014 verlegt werden.

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    Am letzten Samstag fand diese nun endlich statt, und es sind davon keine weiteren großen Verluste mehr zu vermelden. Die Regisseurin Karin Beier, neu berufene Intendantin des Schauspielhauses, hat sich für mehrere Tragödien rund um den Trojanischen Krieg eine Art Mythos der „Mutter aller Kriege“ entschieden. Im ersten Teil des Abends kommen die Tragödien Iphigenie in Aulis und Die Troerinnen des Euripides zur Aufführung, Anfang und Ende des großen Krieges um die antike Stadt Troja. Im Programmbuch lässt man sich dazu lang und breit über Mythen als innere Triebkräfte des Menschen aus. Euripides setzte als erster griechischer Dichter das Drama des Menschen auf der Suche nach dem richtigen Handeln gegen das göttliche Gesetz des Schicksals. Dass er dabei auch verstärkt Frauenfiguren in den Mittelpunkt seiner Tragödie gestellt hat, scheint Karin Beier zusätzlich gereizt zu haben.

    DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: St. B.
    Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg
    Foto: St. B.

    Zu Beginn wird die Opferung der Iphigenie, Tochter des griechischen Heerführers Agamemnon, als notwendige Voraussetzung für guten Wind und die Fahrt nach Troja zur Vernichtung der Stadt des frechen Räubers der Helena verhandelt. Dabei tragen die Darsteller weiße Sporthemden, stehen zum Teil auf hohen Styroporkothurnen und halten sich immer wieder große Pappmachemasken vor die Gesichter. Es wird dabei meist frontal ins Publikum gesprochen. Alles nach griechisch antikem Tragödienvorbild. Agamemnon (Götz Schubert) wird von Bruder Menelaos (Yorck Dippe) bedrängt, das Volk begehrt auf und droht mit Aufstand. Der Feldherr wird seine Zweifel beiseite wischen und sich dem Gebot der Götter fügen und für die Sicherung der eigenen Autorität als Führer sorgen. Wogegen Mutter Klytaimestra (Maria Schrader) natürlich emotional aufbegehrt. Es ist dabei viel von Raserei die Rede. Tochter Iphigenie ist der Spielball zwischen beiden. Anne Müller (letztes Jahr noch am Berliner Maxim Gorki Theater), erst ganz hibbeliger, ungelenker Teenager, wird immer mehr in den ideologischen Sog um die Rechtfertigung des Krieges gezogen und mutiert schließlich vom ängstlichen Opferlamm zum willigen Einpeitscher. „Der Gottheit Schrecken vernichte Troja mit meinem Blut.“

    Die eigentliche zehnjährige Schlacht um Troja wird dann in einem minutenlangen Orchestersturm für Streicher und Chor mit einer Komposition von Jörg Gollasch abgehandelt. Das hat durchaus sehr starke Momente. Die Stadt geht schließlich in einem großen dissonanten Regeninferno mit gelbem Rauch unter. Aus dem Hintergrund schälen sich am Ende mehrere graue Gestalten in Decken gehüllt. Mit den Troerinnen kommen nun auch die Mütter der Toten zu Wort. Sie warten als Kriegsbeute auf ihren Abtransport nach Griechenland. Aus einem großen Lautsprecher über der Bühne ertönen immer wieder Befehle: „Los, weiter, nicht einschlafen!“ Die Frauen schleppen dabei unentwegt Säcke von einer Bühnenseite auf die andere. Danach wird ihnen eröffnet, welchem griechischen Herrscher sie per Los zugefallen sind. Dabei sind die Erwartungen der Versklavten ganz unterschiedlicher Art. Während die meisten ängstlich ihr Schicksal beklagen, schwingt sich Seherin Kassandra (großartig: Rosalba Torres Guerrero) zu einem wilden Rachetänzchen auf.

    Die Inszenierung hat Karin Beier aus Köln mitgebracht. Sie verwendet darin eine Bearbeitung der Euripides-Tragödie von John Paul Sartre. Der hatte das Stück näher in die Gegenwart (damals die Zeit des Algerienkrieges) gerückt und politisch aufgeladen. Da ist dann wiederum ganz aktuell von Flüchtlingen, die man nicht gerufen habe, und der Kolonisation Afrikas und Asiens die Rede. Schön hier auch wieder der Einsatz von Musik und Chorpassagen.

    Besonderen Raum nimmt hier die Klage der Hekuba (Julia Wieninger), Königin von Troja, an Zeus ein, der sich von den Troerinnen abgewandt habe. Andromache, die Frau des Hectors, ruft ihren Mann, dass er aus dem Hades zurückkehre, um sie zu retten und zu rächen. Sie ist dem Sohn Achills bestimmt. Ihr Kind wird der Sieger aber nicht verschonen. Das sind bewegende Szenen an der Rampe, in denen sich Lina Beckmann als Andromache von ihrem Kind trennen muss. Die Richtung der Anklage ist klar. Im zweiten, deutlich ironisch aufgeladenen Teil der Troerinnen geht es dann wieder um die ungeklärte Schuldfrage des Krieges. Verhandelt wird das wie bei einem Erotik-Quiz mit blanken Brüsten und umgeschnalltem Gummi-Penis. Die blonde Helena (Angelika Richter) darf dabei wie Marylin Monroe das Röckchen lüften und „Happy Birthday, Mr. President“ singen, während der tumbe Menelaos (Yorck Dippe) mit Pappkrone lüstern zur Wahl stellt, ob er sie gleich oder später steinigen lassen soll.

    DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: St. B.
    DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

    Nach der ersten Pause fährt Karin Beier mit dem Agamemnon aus der Trilogie der Orestie von Aischylos fort. Das ist witzig und nachdenklich zugleich angelegt. So aber mit Sicherheit auch der schwächste Teil des Marathons. Der Versuch, die Rückkehr und Ermordung des griechischen Feldherrn aus dem Trojanischen Krieg poppig zu unterlegen und das zurückgebliebene Volk in einem Schrumpf-Chor der dekadenten Meckerer, Schlappschwänze und Opportunisten im Rollkragenpulli zu überironisieren, ist gleichermaßen Konzession und Aufforderung an das Publikum, das sich eigentlich selbst erkennen soll, es aber lieber vorzieht, zu lachen. Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler kalauern sich Äpfel essend durch das Geschehen, obwohl sie eigentlich doch lieber gar nichts mehr sagen wollten. Dass hier eine Übersetzung von Peter Stein gespielt wird, will man da gar nicht glauben. Götz Schubert poltert als tätowierter Wilder mit seiner erlahmten Kriegsbeute Kassandra auf der Schulter heran, während Nebenbuhler Ägisth (Markus John) verstohlen am Küchenherd schnippelt und die ganz in rot gewandete Rachemegäre Klytaimnestra (Maria Schrader) schon die Wanne für die Abschlachtung bereitet.

    Ernster wird es wieder in der eingeschobenen Elektra nach Hugo von Hoffmannsthal. Die Bühne ist meist dunkel, und die in der Unterbühne sitzende Elektra wird per Videoprojektion auf Leinwände übertragen. Wer zu ihr will, muss eine steile Treppe hinabsteigen. Birgit Minichmayr sitzt tief düster gestimmt, mit dickem Kajal unterm Auge, in ihrer Gruft und grollt. Der an Albträumen leidenden Mutter Klytaimnestra schenkt sie nichts außer Verwünschungen, während sie die unsichere Schwester Chrysothemis (Lina Beckmann) wortreich zu indoktrinieren weiß. Ein böses Psychospielchen, das erst mit dem Auftauchen des jungen Orest (Carlo Ljubek) endet, der sich dem Götterwillen beugt und die Rachetat an Mutter und Nebenbuhler vollstreckt.

    Hernach geht es übergangslos in die Euminiden. Während sich Orest noch im Blute der Erschlagenen wälzt und gleichzeitig, sich einen Athene-Schrein bauend, von der quälenden Schuldfrage getrieben wird, tritt der lustige Dreierchor aus dem Agamemnon nun als wahrlich Wohlmeinende auf. Man palavert munter populärwissenschaftlich über Schwarze Löcher, Quantenphysik und Schrödingers Katze. Gesegnet ein Theater, das es sich leisten kann, Darsteller vom Format eines Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler als Chor- und Eumeniden-Clowns zu besetzten. Die Frage: „Schuldig oder Nichtschuldig?“ wird hier mit einem „klaren“ fifty-fifty beantwortet, oder besser mit einem ruhigen null zu null. Nur nicht aufregen ist die Devise. Das Ganze endet nicht in der gottgegebenen Demokratie, sondern in einem Debattierclub des So-wohl-als-auch. Die Götter sind aus dem Olymp verbannt. Der Mensch steht nun allein mit seiner Not. Es bleibt schwierig, ist die Quintessenz. Dem vielschichtigen Abend mehr als angemessen.

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    DIE RASENDEN
    Iphigenie in Aulis, Die Troerinnen, Die Orestie/Elektra
    Nach Euripides / Sartre / Aischylos / von Hofmannsthal
    Deutsch von: Soren Voima / Hans Mayer / Peter Stein
    Spielfassung: Karin Beier, Rita Thiele
    Regie: Karin Beier, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Maria Roers, Komposition und musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Rita Thiele, Dramaturgie und Spielfassung Die Troerinnen: Ursula Rühle.
    Mit: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Rosemary Hardy, Markus John, Anja Laïs, Carlo Ljubek, Joachim Meyerhoff, Birgit Minichmayr, Anne Müller, Maria Schrader, Angelika Richter, Götz Schubert, Rosalba Torres Guerrero, Julia Wieninger, Michael Wittenborn, Gustav Peter Wöhler.
    Musikerinnen: Silvia Bauer, Nora Krahl, Yuko Suzuki, Der Trojanische Krieg unter Mitwirkung des Ensemble Resonanz, Chor bei Der Trojanische Krieg und Elektra: Sängerinnen der Sängerakademie Hamburg, Klagechor bei Die Troerinnen: Sängerinnen aus den Chören MissKlang und Schrillerlocken.

    Premiere vom 18.01.2014 im Deutschen SchauSpielHaus Hamburg
    Dauer: 6 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

    Infos: http://schauspielhaus.de/de_DE/repertoire/die_rasenden.950698

    Zuerst erschienen am 22.01.2014 bei Kutura-Extra.

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  • Zweimal Gerhart Hauptmann einmal anders. „Die Ratten“ in der Regie von Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg und „Roter Hahn im Biberpelz“ zum 60. Geburtstag von Katharina Thalbach in der Komödie am Kurfürstendamm.

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    Jette Steckel verbindet am Thalia Theater in Hamburg Gerhart Hauptmanns Drama Die Ratten mit Szenen von Maxim Gorki und Einar Schleef

    Vor den Türen des Thalia Theaters steht wie sooft ein Obdachloser und verkauft das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Einige Besucher geben ihm etwas Geld, andere strömen hastig vorbei, ohne den Mann nur eines Blickes zu würdigen. Sehr viel näher kommt der deutsche Bildungsbürger dem Elend dann auch meistens nicht. Aber immer wieder wird es auf den Theaterbühnen des Landes verhandelt. „Kann man einen richtigen Penner mit einem richtigen Schauspieler verwechseln?“ fragte Einar Schleef 1986 in seinem Theaterstück Die Schauspieler, das den Besuch des Uraufführungsensembles von Maxim Gorkis Nachtasyl unter der Leitung von Regisseur Konstantin Stanislawski auf dem Moskauer Chitrow-Markt reflektiert. Gemeinsamer Ausflug zum Pennerstudium sozusagen. Das ging arg schief, Gorkis Stück wurde dennoch eine Sensation und steht bis heute fast ununterbrochen auf den deutschen Spielplänen sowie immer wieder unter dem Generalverdacht des Sozialkitsches.

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    Nun geht es bei Jette Steckels neuer Inszenierung eigentlich nicht um Gorkis Nachtasyl, sondern um Gerhart Hauptmanns Drama Die Ratten, aber gerade Hauptmann hatte den Realismus und Naturalismus auf der Bühne zum Hauptstilmittel erklärt. Seine Stücke Die Weber und Die Ratten sind bestes Beispiel dafür und auch heute immer noch Herausforderung für Regisseure zur Darstellbarkeit von menschlichem Elend auf der Bühne. Und so beginnt es auch im Thalia mit einem Monolog von Catrin Striebeck als Frau Sidonie Knobbe – eine abgehalfterte Schauspielerin, die auch schon bessere Tage gesehen hat und von ihren einstmals bis zu 14 Vorhängen berichten kann. Sie wird schließlich vom Abenddienst unter großem Protest hinausgetragen. Man will sich ja nicht gleich am Anfang die gute Laune verderben lassen. So viel zu realem Schauspielerelend, das es, nebenbei bemerkt, ja auch tatsächlich gibt und nicht nur in Gorkis Nachtasyl.

    Die Ratten im Thalia Theater in Hamburg
    Die Ratten im Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

    Das eigentliche Stück beginnt auf dem Dachboden des ehemaligen Theaterdirektors Hassenreuther, einem Vertreter des guten alten Repräsentations- und Deklamationstheaters, für den vermutlich mit Shakespeares Hamlet die Theatergeschichte für abgeschlossen gilt. Mit viel Humor gibt Karin Neuhäuser den alten Patriarchen mal zynisch von oben herab als großen Theatertheoretiker – dazu hat ihr die Maske das Aussehen von Thalia-Intendant Joachim Lux verpasst, der als ehemaliger Dramaturg auch gerne große Reden über die Geschichte und Bedeutung von Theater hält. In leicht depressiven Phasen sinniert sie allerdings auch mal wie ein ehemaliger Kollege vom Hamburger Schauspielhaus. Hassenreuthers Geliebte, die Schauspielerin Alice Rütterbusch (Franziska Hartmann), spreizt sich im weiten Revuefächer und singt „Im Theater ist nichts los“ von Georg Kreisler. Da staubt es mächtig, natürlich nur aus dem Fächer. Neue Darstellungsweisen am Theater will der ehemalige Theologiestudent Erich Spitta (Mirco Kreibich) ausprobieren und hat sich dazu mit Hassenreuthers Tochter Walburga (ebenfalls Franziska Hartmann) auf dem Dachboden verabredet. Da wird auch mal kurz mit Handpuppen Heiner Müllers Herzstück gespielt.

    Der Disput ums Theater zwischen ihm und Hassenreuther wird zum Mittelpunkt dieser fast zweieinhalbstündigen Inszenierung. Es geht um die Dreifaltigkeit des Theaters nach Hassenreuther: Vorstellung, Verstellung, Darstellung. Und Spitta und das Publikum bekommen ihre Lektion. Das ist gespickt mit Zitaten und jeder Menge Wortwitz. So tun als ob, ist Spitta natürlich nicht genug. Er will das Elend durchleben und fühlbar machen. Es geht ihm um Freiheit und Gerechtigkeit und eine realistische Darstellungsweise der Welt da draußen. Heute würde man von Authentizität und Relevanz sprechen. Für Hassenreuther geht es dagegen einzig und allein um die Kunst. Das alte Dilemma des Künstlers. Und da besteht die Eigenart des Theaters ja meistens darin, dass es mit der Fliegenpatsche nach Sachen schlägt, die in der Realität eigentlich mindestens eines Bulldozers bedürften.

    Jette Steckels Bulldozer heißt hier nun Einar Schleef, den sie just am siebzigsten Geburtstag des 2001 zu früh verstorbenen Schriftstellers, Theaterautors und -regisseurs auffahren lässt. Schleef bemängelte immer wieder die fehlende „Ausdrucksnot“ der Schauspieler, die einfach immer wieder nach einem Mantel verlangten, um sich auszudrücken. Um diese Art Bemäntelung geht es wohl auch in Jette Steckels Inszenierung. Genauso einen hängt sich dann nämlich Franziska Hartmann als Schauspielerin Alice Rütterbusch aka Pilger Luka aus Gorkis Nachtasyl um, und springt als Anspielpartnerin dem bereits in einer zu großen Jacke befindlichen und verzweifelt mit seiner Darstellung des Penners Kleschtsch ringenden Mirco Kreibich als Spitta bei.

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    Jette Steckel während des Ratten-Schlussbeifalls im Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

    Der Gang der drei zum Penner-Markt, um dem gepeinigten Elendsdarsteller Spitta das Studium am lebenden Exemplar zu ermöglichen, wird für sie zum Purgatorium mit brennendem Einkaufswagen, grölenden Pennern, kleinen Seitenhieben auf Hamburger Gefahrenzonen und endet in einer Vergewaltigungsdarstellung der verdutzten Schauspielerin Rütterbusch. „Du hast doch keine Ahnung von uns, du bist doch ein Spieler“, schlägt es dem konsternierten Spitta entgegen. „Alles nur Lüge.“ „Lügen, das wollten wir doch nicht mehr“, konstatiert da nur noch resigniert der Möchtegernschauspieler Spitta aka Kleschtsch aka Kreibich. Das Ganze löst sich aber schließlich in einem schönen Ringelrein mit Walzermusik auf. Und so unterstreicht auch die Musikauswahl der beiden Livegitarristen Dieter Fischer und Markus Graf immer wieder den Scheincharakter der Bühnenrealität. Mit The Notwist „Good Lies“ wird die Realität imitiert, aus Mangel einer besseren.

    Das Theater reflektiert hier auf komödiantische Art zur schönsten Abendunterhaltung des Publikums sein Unvermögen nicht etwa in darstellerischer Hinsicht. Ihr Spiel ist nichts anderes als exzellent. Die Schauspieler zeigen hier den alten Kampf von Sein und Schein und führen sich und ihre Theatermittel genüsslich vor. Das alles ist ehrenwert, hat aber nur einen Haken, nämlich dass uns genau das bereits im letzten Jahr in Karin Henkels zum Theatertreffen eingeladener Kölner Inszenierung der Ratten deutlich vor Augen geführt wurde und mit Lina Beckmann eine bemerkenswerte Darstellerin der Frau John hatte. Am Thalia Theater spielt man natürlich nebenbei auch noch den gesamten Plot von Hauptmanns Ratten. Nur gerät das Stück dabei etwas zu sehr unter das theatertheoretische Räderwerk der Inszenierung.

    Lisa Hagmeister als Frau Jette John und ihr Paul, dargestellt von Jörg Pohl, berlinern sich herzzerreißend durch den Plot, in dem die kinderlose Maurerpoliersgattin der Polin Pauline Piperkarcka (Maja Schöne) erst ihr auf dem Dachboden geborenes Kind abschwatzt und es dann als ihr eigenes ausgibt. Vor weißer Einbauküchenlandschaft entspinnt sich das Drama um Kind, Kindsmutter, -vertauschung und Tod, bis sich das kleine Glück der Frau John in Luft auflöst und ihr schräger Bruder Bruno (Thomas Niehaus in Bomberjacke) mit blutverschmierten Händen die schöne Mittelstandseinrichtung zerlegt. Der Rest ist wie bei Hamlet fast Schweigen. Vater John begreift die Welt nicht mehr und rennt vor die vorgetäuschte Bühnenrückwand. Den Kladderadatsch vorn auf der Bühne muss die Putzfrau wegfegen, und konstatiert wie Frau John am Anfang: „Eene jans scheene Süzifuzarbeit.“ Es ist aber auch manchmal ein Elend mit dem Theater.

    DIE RATTEN

    Thalia Theater Hamburg
    Regie: Jette Steckel
    Bühne: Florian Lösche
    Kostüme: Pauline Hüners
    Musik: Mark Badur
    Dramaturgie: Carl Hegemann
    Besetzung:
    Markus Graf (Quaquaro/Schierke/Luka)
    Lisa Hagmeister (Frau John)
    Franziska Hartmann (Walburga / Alice Rütterbusch)
    Mirco Kreibich (Erich Spitta)
    Karin Neuhäuser (Harro Hassenreuther)
    Thomas Niehaus (Bruno Mechelke / Frau Kielbacke)
    Jörg Pohl (Herr John / Kleschtsch)
    Maja Schöne (Pauline Piperkarcka / Selma)
    Catrin Striebeck (Frau Sidonie Knobbe)
    Musiker: Dieter Fischer und Markus Graf
    Premiere war am 17. Januar 2014
    Dauer: 2 Stunden und 20 Min., keine Pause
    Weitere Termine: 23. 1. / 11., 17., 24. 2. / 12. 3. / 1., 2., 19., 30. 4. / 20. 6. 2014

    Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

    Zuerst erschienen am 18.01.2014 auf Kultura-Extra.

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    Roter Hahn im Biberpelz nach Gerhart Hauptmann, mit Katharina Thalbach in der Hauptrolle. Eine Inszenierung von Philippe Besson in der Komödie am Kurfürstendamm.

    Katharina Thalbach, 19.01.2014 - Foto: St. B.
    Katharina Thalbach, 19.01.2014
    Foto: St. B.

    Die Schauspielerin und Theaterregisseurin Katharina Thalbach wurde 1954 als Tochter der Theaterschauspielerin Sabine Thalbach und des Theaterregisseurs Benno Besson in Ost-Berlin geboren. Der Drang zum Theater ist vorprogrammiert und das junge Talent wird früh entdeckt. Nach dem Tod der Mutter wächst sie bei Pflegeeltern auf und wird von Brechtgattin Helene Weigel weiter gefördert. Erste Theatererfolge feiert die Thalbach dann auch Ende 60er Jahre am Berliner Ensemble und ab Anfang der 70er auch an der Berliner Volksbühne und in zahlreichen DEFA-Filmen. Sie ist die Hure Betty in Brechts Dreigroschenoper, die schöne Helena von Peter Hacks und Lotte in der Werther-Verfilmung von Egon Günther. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Dichter und Filmregisseur Thomas Brasch, siedelt sie infolge der Biermann-Affäre 1976 nach West-Berlin über. Hier gehört sie als Schauspielerin und zunehmend auch als Regisseurin zum Ensemble des Schillertheaters.

    In den Filmen Engel aus Eisen und Domino von Thomas Brasch spielt Katharina Thalbach die Hauptrollen. Brasch verewigt sie liebevoll auch in seinen Gedichten und spricht von einem Künstler-Dreigestirn „Heine und Tahlbach und ich“, eine Art Dreifaltigkeit aus Kopf, Bauch und Sohn. Einem breiteren Publikum bekannt wird die Thalbach dann mit der Rolle der Maria Matzerath in Schlöndorffs Blechtrommel-Verfilmung. Eine mögliche Hollywoodkarriere schlägt sie aber realistisch nüchtern denkend aus und konzentriert sich weiter auf das Theater, seit den 90er Jahren vermehrt auch auf die Arbeit als Opernregisseurin. Leander Haußmann holt Katharina Thalbach dann wieder für seine Komödien Sonnenallee und NVA vor die Kamera. Und am BE des Claus Peymann isnzeniert sie Brecht und Shakespeare.

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    Die Thalbach fühlt sich neben der ernsthaften Opernkunst seit jeher vor allem in der Komödie zu Hause. Und da ist es folgerichtig, dass sie ihren 60. Geburtstag auch in ihrem zweiten Wohnzimmer feiert, der Komödie am Kurfürstendamm. Hier hat die Thalbach bereits so legendäre Komödien wie Shakespeares Wie es euch gefällt, mit einem reinen Damenensemble und den Raub der Sabinerinnen, die Theater-Klamotte schlechthin, auf die Bretter geknallt. Am besten feiern lässt es sich meist im Kreise der Familie, und wenn diese dann noch eine reine Theaterfamilie ist, natürlich auch auf der Bühne. Die 1,54m-Übermutter, eine Art Alphatier der Schauspielerinnenfamilie Thalbach, muss hier mal nicht den Ton angegeben. Für die Regie sorgt diesmal Halbbruder Philippe Besson. Die Thalbach spielt dabei neben Tochter Anna – aus der Beziehung zum Weigel-Großneffen Vladimir (ebenfalls Schauspieler), Enkelin Nelli und dem zweiten Besson-Sohn Pierre aber nicht nur als Geburtstagskind die Hauptrolle.

    Es steht Gerhart Hauptmann auf dem Spielplan. Und, wie bereits in den 50ern von Bertolt Brecht bearbeitet, Der Biberpelz und Der Rote Hahn im Doppelback. Die Fassung von Jan Liedtke und Philippe Besson trägt den Titel Roter Hahn im Biberpelz. Und das Alphatier in Hauptmans Biberpelz heißt Mutter Wolffen. Vater Wolff (Pierre Besson) ist tumb und versoffen, zieht nur den Gürtel aus der Hose und ansonsten eher den Kürzeren. Die Thalbach/Wolffen schickt ihn zum Brennholzklauen, schiebt ihn auf die Rolle, oder in die Kneipe ab. Die Töchter Leontine und Adelheid (Anna und Nelli Thalbach) werden früh ans Leben heran- und als Hausmädchen in die feine Gesellschaft eingeführt. Dabei ist auch etwas Bildung wichtig, und die wird mit Goethes Zauberlehrling und Erlkönig vermittelt. Daheim heißt es zusehen wo man bleibt. Mutter Wolffen legt ihre Fangschnüre überall aus, da landen nicht nur „verendete“ Rehböcke drin. Und „Ob wir’s nu fressen, oder de Raben, jefressen wird’s doch, Amen.“

    Diese Inszenierung ist eine echte Familienangelegenheit. Vorne: Katharina Thalbach, Mitte v. l.: Tochter Anna und Enkelin Nellie, hinten v. l.: Halbbruder Philippe Besson führt Regie, Halbbruder Pierre steht ebenfalls auf der Bühne - Foto (C) Michael Petersohn (www.polarized.de)
    Diese Inszenierung ist eine echte Familienangelegenheit. Vorne: Katharina Thalbach, Mitte v. l.: Tochter Anna und Enkelin Nellie, hinten v. l.: Halbbruder Philippe Besson führt Regie, Halbbruder Pierre steht ebenfalls auf der Bühne – Foto (C) Michael Petersohn (www.polarized.de)

    Das Derbe liebt die Thalbach sehr. Ihre Mutter Wolffen knarzt, balzt und berlinert sich bauernschlau durch den Abend und lässt dabei die Mannsbilder noch älter aussehen, als sie sowieso schon sind. Pierre Besson gibt den preußisch korrekten Amtsvorsteher Wehrhahn streng nach dem Motte: „Erst mustern, dann säubern!“ Und dabei wischt er sich dann erst einmal die Hundekacke vom Schuh. Anna Thalbach katzbuckelt mit angeklebtem Bärtchen als Schreiber Glasenapp eine Etage tiefer auf der Karrieretreppe (Bühne: Momme Röhrbein). Der Rest der Männerwelt besteht aus lispelnden Knallchargen, Duckmäusern, Denunzianten und Wimmerbeuteln. Der besagte, abhandengekommene Biberpelz bleibt ein Phantom, das man zwar irgendwo gesehen haben will. Aber keiner wird Mutter Wolffen damit direkt in Verbindung bringen können. Der erste Teil geht dann auch folgerichtig mit viel Palaver aus wie das Hornberger Schießen.

    Das ist zunächst beste Volkstheater-Klamotte, aber auch ein wenig platthumorig. Da fehlt es, außer natürlich der Thalbach, am nötigen Biss. Gern denkt man dabei auch an den wahnwitzig überdrehten, knallbunten Biberpelz in der Regie von Herbert Fritsch zurück. Aber Hauptsache der Berliner Schenkelklopfer im Publikum kommt zu seinem „Amüsemong“, und das möglichst reichlich. Erwähnenswert sind noch die in Sepia gehalten Videos, die in den Umbaupausen etwas Alt-Berliner Zeitkolorit versprühen. In den Wunsch- und Albträumen von Tochter Leontine sieht man zunächst verschneite Winterlandschaften, später dann das boomende Berlin zur Jahrhundertwende. Und immer wieder die zähnebleckende Mutter Wolffen mittenmang.

    12 Jahre später setzt Hauptmann dann seinen Roten Hahn an, und nach der Pause auch die Inszenierung wieder ein. Alle sind etwas älter geworden, Mutter Wolffen heißt jetzt Fielitz und geht am Stock. Ihr geliebter Vater Wolffen liegt unter der Erde, aber der Nachfolger Schumacher Fielitz (Jörg Seyer) gibt beileibe keine bessere Gestalt ab. Auch er bringt nichts zustande und brüllt sich seinen Frust aus dem Leib. Die Schulden drücken weiter. Aus einer Spielidee der Fielitz mit Kistchen, Holzspänen und Stearinlichtern wird schnell ernst und der „Rote Hahn“ steht bei Abwesenheit plötzlich auf dem Dach. Mit der Versicherungssumme baut Schwiegersohn und Möchtegern-Baulöwe Schmarowski (schmierig Julian Mehne) ein Mietshaus, was den Fielitzens den Alterssitz sicher soll. Ein Schuldiger für den Brand ist im geistig behinderten Alfred (großartig Nelli Thalbach) schnell ausgemacht und ruft Amtsvorsteher Wehrhahn samt Büttel Schulze (finster Ronny Miersch) wieder auf den Plan.

    Der Rote Hahn ist bei Hauptmann eigentlich als Tragikomödie gedacht. Da braucht es schon ein paar Anstrengungen, um daraus noch eine echte Klamotte zu machen. Das wirkt dann mitunter auch recht angestrengt und nicht mehr so flüssig wie vor der Pause. Die Fielitz hat nun auch einen echten Widerpart, den alten Rauchhaupt (Roland Kuchenbuch), der seinen Sohn Alfred wieder aus dem Heim holen will und dafür hartnäckige nach den wahren Schuldigen sucht. „Ma möcht schon irgendwie ma raus, aus dem Matsch.“ ist da die letzte Rechtfertigung der bereits totkranken Intrigenschmiedin Fielitz. Die Regie streut hie und da noch ein paar aktuelle Seitenhiebe auf Finanzwelt und Moral ein. Pierre Besson gibt weiter den strammen Preußen und Nelli Thalbach hat noch einen schönen Auftritt als mondäne Berliner Schönheit an der Seite ihres Baulöwengatten Schmarowski.

    Nelli, Anna und Katharina Thalbach sowie Pierre Besson nach der Premiere von Roter Hahn im Biberpelz in der Komödie am Kurfürstendamm - Foto: St. B.
    Nelli, Anna und Katharina Thalbach sowie Pierre Besson nach der Premiere von Roter Hahn im Biberpelz in der Komödie am Kurfürstendamm – Foto: St. B.

    Frau Fielitz stirbt schließlich im Lehnstuhl mit den schönen Worten: „Ma langt … ma langt nach was…“ wobei die Thalbach sehnsüchtig und pathetisch nach oben greift. Zum Schluss gibt es noch eine kleine Reminiszenz an Theater-Urvater Brecht mit seiner Kinderhymne Anmut sparet nicht noch Mühe. Die leise Systemkritik verpufft aber bereits mit dem Schussapplaus, den die wieder auferstandene Jubilarin strahlend entgegennimmt. Trotzdem großer Jubel, Trouble, Heiterkeit. Es gab später noch passend zur Aufführung Bier, Blasmusik und Stullen sowie ein Feuerwerk auf dem Kudamm. Herzlichen Glückwunsch, Katharina Thalbach. Die Inszenierung läuft nun bis zum 23. Februar durchweg, außer Montags, an der Komödie am Kurfürstendamm.

    Roter Hahn im Biberpelz

    nach Gerhart Hauptmanns Der Biberpelz und Der rote Hahn
    Bearbeitet von Jan Liedtke und Philippe Besson
    Regie: Philippe Besson, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüm: Gabriella Ausonio, Musik: Emanuel
    Hauptmann, Video: Maximilian Reich.
    Mit: Katharina Thalbach, Pierre Besson, Anna Thalbach, Nellie Thalbach, Julian Mehne, Roland
    Kuchenbuch, Jörg Seyer, Ronny Miersch.
    Premiere war am 19.01.14 in der Komödie am Kurfürstendamm
    Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
    Weitere Termine täglich bis zum 23.02.2014 außer Montags.

    Weitere Infos: http://www.komoedie-berlin.de/archiv/roter+hahn+im+biberpelz.htm#.Ut1WWKEweos

    Zuerst erschienen am 20.01.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Kasimir in der Wanne, oder die Umkreisung eines heiligen Quadrats – Kasimir Malewitsch und die Russische Avantgarde im Amsterdamer Stedelijk-Museum

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    Wen bereits die periodisch immer mal wieder zu besonderen Kunstanlässen auftretenden Schlangen an Berliner Museen abschrecken, der war noch nicht im Amsterdamer Museumsquartier. Was in Berlin die Museumsinsel mit ihren jährlich weit über zwei Millionen Besuchern ist, ist in Amsterdam der Museumplein. Ein weiter, grüner und leeren Platz, gesäumt von drei nicht ganz unbedeutenden Museen, die zahlreiche Kunstwerke vom Mittelalter, über Renaissance und das sogenannte Goldene Zeitalter der Niederlande, bis in die Moderne beherbergen. Alles eine Nummer kleiner zwar als in Berlin, aber in der Länge der Warteschlangen und der Ausdauer der Besucher steht das bezaubernde Grachtenstädtchen an der holländischen Nordseeküste der Spreemetropole in nichts nach. Wer nach Amsterdam fährt, fährt also nicht ausschließlich der Tulpen oder der Coffeeshops wegen. Gefühlt mindestens jeder dritte Tourist reiht sich auch in die langen Schlangen vor dem Rijks- oder Van Gogh Museum ein.

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    Das Stedelijk Museum am Museumsplain in Amsterdam. Foto: St. B.

    Wem die Zeit oder die Lust zum Anstehen fehlt, hat zumindest noch eine weitere Chance. Am Städtischen Museum der Moderne, dem Stedelijk, sind die Schlangen um einiges kürzer aber der Raum für Kunstentdeckungen um nichts geringer. Allerdings muss der Amsterdamer Museumsbesucher neben Zeit auch das nötige Kleingeld mitbringen. Eintrittspreise von 15 bis 20 € pro Person sind die Norm. Da lohnt sich für echte Kunstverrückte schon der Erwerb einer Jahreskarte für alle niederländischen Museen, die mit knapp 55 € (inkl. 4,95 € Gebühren) ins Kontor schlägt. Diese Karte verspricht ein Jahr lang freien Eintritt in fast alle niederländischen Museen. Nur Vorsicht, bei einigen größeren Museen, wie auch dem Stedelijk, werden zusätzlich 3 bis 5 € für Sonderausstellungen fällig. Aber ab mindestens drei Museumsbesuchen (Amsterdam hat da noch so einiges anderes als nur den Museumplein zu bieten) hat man die Investition schnell wieder drin.

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    Kasimir Malewitsch und die Russische Avantgarde im Amsterdamer Stedelijk-Museum.
    Foto: St. B.

    Zurzeit kann man einen Gang ins Amsterdamer Stedelijk nicht nur wegen der kühler werdenden Außentemperaturen sogar wärmstens empfehlen. Im 2012 neu eröffneten Anbau aus Kunststoffharz, der sogenannten „Badewanne“, den die Benthem Crouwel Architekten neben das 1895 im Stil der Neo-Renaissance errichtete Hauptgebäude gestellt haben, wird mal wieder der Ikone der Russischen Avantgarde und dem Begründer des Suprematismus, Kasimir Malewitsch, gehuldigt. Hierzu muss man wissen, dass das Stedelijk Museum über eine der wohl umfangreichsten Sammlungen der Russischen Avantgarde in Europa verfügt, nämlich die des 1996 in den Niederlanden gestorbenen Russen Nikolai Chardschijew, Freund und Dokumentarist der Avantgardisten und Schreiber der ersten Malewitsch-Monografien. Ergänzt werden die Werke aus dem Stedelijk Museum durch Bilder der griechischen Sammlung George Costakis aus dem State Museum of Contemporary Art Thessaloniki. Insgesamt 500 Werke der Russischen Avantgarde, im Zentrum davon allein 300 von Kasimir Malewitsch, sind in dieser großen Schau, die in Zusammenarbeit mit der Ausstellungshalle Bonn und der Tate Modern in London entstanden ist, zu sehen.

    Kazimir Malevich And The Russian Avant-Garde, Installation view. Foto © Gert Jan van Rooij, Stedelijk Museum Amsterdam
    Kazimir Malevich And The Russian Avant-Garde, Installation view. Foto © Gert Jan van Rooij, Stedelijk Museum Amsterdam

    Und so kreist dann auch diesmal das gesamte Schaffen des 1879 in Kiew geborenen Künstlers um das eine, wohl immer noch bekannteste Motiv in all seinen Abwandlungen, das schwarze Quadrat auf weißem Grund, die „Ikone der neuen Kunst“, wie es Malewitsch selbst bezeichnete. Im ersten Raum der Ausstellung sind an den Mittelwänden einige seiner suprematistischen Bilder der letzten Futuristischen Ausstellung 0.10 vom Dezember 1915 in Petrograd (St. Petersburg) gehängt. Darum gruppieren sich Werke aus den symbolistisch, impressionistisch bis neo-primitivistisch und kubo-futuristisch beeinflussten Phasen des Malers. Dabei fällt neben ein, zwei pointilistischen Gemälden besonders die Nähe zu Cézanne, den farbenfrohen französischen Fauves und den dem Symbolismus nahe stehenden Nabis ins Auge. Warum ich das erwähne? In der Amsterdamer Hermitage ist zurzeit eine Ausstellung mit Werken der Nabis von Gauguin über Bonnard bis Denis zu sehen. Die ansehnliche Privatsammlung des Moskauer Textil-Fabrikanten Ivan Morozow (1871 – 1921) aus dem bekannten St. Petersburger Kunstmuseum an der Newa gastiert noch bis zum 28. Februar in der kleinen Dependance an der Amstel.

    Baadsters op de rug gezien, 1910, Stedelijk Museum Khardziev Chaga collectie
    Badende in Rückenansicht, 1910 – Sammlung Chardschijew
    © Stedelijk Museum Amsterdam

    Unbestritten ist, Malewitsch, wie all die anderen russischen Avantgardisten, war von den französischen Malern beeindruckt und natürlich auch von ihrem Werk beeinflusst. Eine andere, viel näher liegende Quelle der Inspiration war aber die russische Ikonenmalerei und religiöse Volkskunst. Es ist z.B. belegt, dass Kandinsky auf Flohmärkten immer wieder nach sogenannten Bauernluboks, volkstümliche Darstellungen von Sagen, Heldenlegenden oder christlichen Motiven, wie dem des Jüngsten Gerichts, suchte und diese als Vorlage für seine Werke nutzte. So auch Malewitsch, der sich in seiner symbolistischen Phase verstärkt religiösen Themen widmete und später patriotische sowie satirische Bilderbögen mit kritischem Inhalt druckte. Sie sind in einem Raum der Ausstellung zu bewundern und vergleichsweise denen anderer russischer Künstler gegenübergestellt. Auch wenn die Bilderreihung der Ausstellung streng chronologisch ausgerichtet ist, hat Malewitsch auch immer wieder in den einzelnen Stilen gewechselt. Treu geblieben ist er dabei nur dem Inhalt seiner Kunst. „Die Welt als Empfindung der Idee, unabhängig vom Bild.“ Es ist leider nicht explizit erwähnt, man muss da schon etwas genauer hinsehen, oder die entsprechende Literatur bemühen.

    Kazimir Malevich, Mystischer Suprematismus (red cross on black circle), 1920-1922 - © Collection Stedelijk Museum Amsterdam
    Mystischer Suprematismus (red cross on black circle), 1920-1922 – © Collection Stedelijk Museum Amsterdam

    Nach seiner symbolistischen und impressionistischen Phase wandte sich Malewitsch zunehmend dem Malen mehrerer Bauernzyklen im Stile des Neo-Primitivismus und Kubo-Futurismus zu, deren Figuren er im Weiteren immer mehr reduzierte. Zu sehen sind z.B. seine eindrucksvoll kubistischen Holzfäller, oder der Schnitter. Daneben hängen Werke anderer russischer Avantgardisten, wie Michail Larionow, Natalija Gontscharowa, Ivan Klyun, El Lissizky und u.a.m. Selbst ein träumerischer Chagall, mit dem Malewitsch im Clinch um die vorherrschende Lehrmeinung an der Kunstschule in Witebsk war, hat sich hierher verirrt. Natürlich dürfen die beiden Maler, mit denen Malewitsch sicher am meisten verband, nicht fehlen. Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky wurden in Europa bekannt, als sie 1911/12 in München die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ gründeten. Ausgehend von der russischen Ikonografie über die Bild-Komposition, Reduktion, Improvisation, Meditation, etc. fand jeder von ihnen seinen eigenen Weg in die Abstraktion. Und Malewitsch wird derjenige sein, der auch wieder aus ihr herausfindet.

    Junges Mädchen  mit roter Stange, 1932-33
    Junges Mädchen mit roter Stange, 1932-33
    © Stedelijk Museum

    Zunächst aber begann für Malewitsch 1913 mit der futuristischen Oper Sieg über die Sonne der Siegeszug des Suprematismus über „das Bollwerk des künstlerischen Elends“ in die vollständige Gegenstandslosigkeit. Von Malewitsch stammen Kostüme, Bühnenbild und die Lichtregie. Seine Entwürfe und eine filmische Rekonstruktion werden in einem Nebenraum gezeigt. Lang und breit beschäftigt sich die Ausstellung auch mit den Kunsttheorien des radikalen Lehrers Malewitsch und zeigt viele Papierarbeiten sowie Architekturstudien und Modelle, die auch seine Nähe zum Bauhaus belegen, wo der mittlerweile bei Stalin in Ungnade gefallene Avantgardist im Gegensatz zu Kandinsky aber keine Anstellung fand. Das Spätwerk Malewitsch‘ wird dann zunehmend wieder gegenständlicher. Die Gesichter seiner farbigen, zunächst noch recht flächigen Bauernfiguren tragen fast ikonenhafte Züge. Am Ende ist Malewitsch wieder da angekommen, wo er einst um 1900 begonnen hatte. Stoisch und stolz, den Blick am Betrachter vorbei auf das vergangene Leben gerichtet, sieht sich der Maler in einem letzten spätimpressionistischen Selbstbildnis.

    Diese großartige Retrospektive, die noch bis zum 2. Februar in Amsterdam weilt, wird in etwas veränderter Form vom 23. März bis 22. Juni in der Kunst- und Ausstellungshalle des Bundes in Bonn Station machen. Dann vermutlich angereichert mit Werken aus der ebenfalls bedeutenden Sammlung  Russischer Avantgarde aus der Sammlung Ludwig in Köln, wo 2010 die letzte Malewitsch-Ausstellung in Deutschland zu sehen war.

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    Kasimir Malewitsch
    und die russische Avantgarde

    Kasimir M.

    Mit Werken aus den Sammlungen Chardschijew und Costakis

    Eine Kooperation zwischen dem Stedelijk Museum Amsterdam, der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn und der Tate Modern, London.

    noch bis 02.02.14 im Stedelijk Museum Amsterdam

    8. März bis 22. Juni 2014 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn

    Weitere Infos:

    Amsterdam: http://www.stedelijk.nl/en/exhibitions/kazimir-malevich-and-the-russian-avant-garde

    Bonn: http://www.bundeskunsthalle.de/ausstellungen/index.html

    Zuerst am 17. Januar 2014 auf Kultura-Extra erschienen.

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  • SMALL TOWN BOY – Ein Projekt von Falk Richter im Maxim Gorki Theater

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    Während sich Gorki-Schauspieler Thomas Wodianka zu Beginn von Falk Richters neuem Theaterprojekt Small Town Boy gerade genüsslich provokant über die Achselhöhlen und andere Löcher von Mitspieler Alexander Radenković auslässt, will er plötzlich das Wort „Schwuchteltheater“ vernommen haben. Unvermittelt fällt er hier erstmals an diesem Abend aus seiner Rolle und schimpft ins verdutze Publikum. Nun ist diese Szene gestellt. Aber – „wie homophob ist Deutschland wirklich auf einer Skala von 1 bis 10?“ Das fragte zumindest in dieser Woche anlässlich des Outings von Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger der RBB-Sender Radio eins.

    Ein Projekt von Falk Richter am MGT - Foto: Esra Rotthoff
    Ein Projekt von Falk Richter am MGT
    Foto: Esra Rotthoff

    Die Medien sind mal wieder voll von Glückwunschdepeschen und Liberalitätsbekundungen. Prominenten-Outing macht sicher Mut, bringt aber noch nicht allzu viel für einen normalen, unaufgeregten Umgang mit Homosexualität und eine breitere Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Realistische und kritische Äußerungen zur Lebenswirklichkeit von Schwulen und Lesben in Deutschland sind da eher Mangelware. Aus gutbürgerlichen Gazetten tönt es sogar: „Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: ‚Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.‘“ (Quelle: F.A.Z.) So viel dazu.

    Der letzte halbwegs ernstzunehmende Beitrag, die Lebenswelt Homosexueller in Berlin komödiantisch auf die Theaterbretter zu knallen, fand 2002 just hier am Maxim Gorki Theater statt. Noch unter Intendant Volker Hesse – kennt den überhaupt noch jemand – wurde das Stück Karussell von Klaus Chatten – wer kennt den eigentlich noch – uraufgeführt. Das Stück fiel bei der Kritik eher durch, und die zwei Lederschwulen auf der Premiere wurden vom übrigen normalen Hochkulturpublikum merkwürdig von der Seite beäugt.

    Die Welt hat sich zwölf Jahre weitergedreht, der Bürgermeister von Berlin ist immer noch schwul, nur ist deswegen nicht unbedingt alles „gut so“ – und besser geworden schon gleich gar nicht. Nun ist der heteronormative Deutsche nicht zwangsweise immer homophob und der Schwule oder die Lesbe natürlich nicht automatisch der/die bessere, liberalere Deutsche. Darum geht es Falk Richter mit seinem Theaterprojekt auch gar nicht. Das schwul/lesbische Selbstverständnis endet nicht mit den überwundenen Schwierigkeiten beim erfolgreichen Coming-Out. Das ist hier lediglich der Anfang.

    So nennt dann Falk Richter sein Projekt auch Small Town Boy, nach einem Song der britischen Band Bronski Beat aus den 1980er Jahren, der von einem Jungen handelt, der sein Elternhaus in der Provinz verlässt, nachdem er sich zu seiner Homosexualität bekannt hat. Und es beginnt bei Richter dann genau da, wo es bei Bronski Beat heißt: „Mother will never understand…“. Die fünf Protagonisten des Abends zählen hierbei so ziemlich jedes Klischee männlicher Teenagerpein von unverständigen, überbesorgten und kontrollwütigen Elternteilen auf, was man sich nur denken kann.

    Dazu ertönt der besagte Song mit dem eindrücklichen finalen Ruf: „Run away, turn away, … cry, boy, cry“. Auf der Drehbühne des Gorki liegt Flokati und sind Bilder von Schwulenikonen wie Rainer Werner Fassbinder, David Bowie und Annie Lennox zu sehen. Aber auch von der Eisernen Lady Margaret Thatcher oder dem Macho-Bösewicht J.R. aus der 80er-Kultserie Dallas. Erste schwule Identitätssuche zwischen Paddy Kelly, Poesialbum und William S. Burroughs‘ The Wild Boys.

    Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.
    Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

    Richter hangelt sich in 25 kurzen Szenen wie Intimität und Sprache, Erste Liebe, Warum Liebe weh tut oder Grenzen überschreiten relativ frisch, frech und mit viel Musik am Thema der homosexuellen Identitätswerdung entlang. Und das erinnert zunächst durchaus auch an sein letztes Projekt For the Disconnected Child an der Berliner Schaubühne. Denn ist der Schwule erst mal in der großen freien Stadt angekommen, dreht sich alles plötzlich auch um Karriere, Beziehungsstress, und/oder das Problem der Einsamkeit in einer durchdigitalisierten Welt. Für allgemeine Heiterkeit sorgt dabei immer wieder Niels Bormann, der bereits bei Chattens Karussell mit von der Partie war, wenn er erst beklagt, als Mitvierziger wiedermal nachts um 4 als letzter seinen Anorak an der Garderobe des SchwuZ abzuholen oder seinem Verflossenen die nie verwirklichten Träume einer glücklichen Beziehung nachwirft.

    Dabei bleibt Richter dann aber nicht stehen. Auch wenn es noch einmal hochnotkomisch wird, wenn sich Lea Draeger als taffe Managerin der Rüstungsindustrie nach der Härte des Schwanzes ihres Angestellten Murat sehnt und nach einem Analpfropf sowie ein paar Zeilen aus dem Erotikklassiker Shades of Grey verlangt. Der Abend erschöpft sich beileibe nicht allein im Kabarettistischen. Richter benennt in weiteren Spielszenen, wie der eines schwulen Türken (Mehmet Ateşçí), der seinen Liebhaber nicht zur Hochzeit seiner Schwester mitnehmen will, klar alltägliche Schwierigkeiten schwuler Paare in der Öffentlichkeit: beim Entdecken und Bekennen der eigenen Sexualität sowie bei Eifersucht oder Verlustängsten. Einen großen Raum nimmt das Vater-Sohn-Verhältnis mit den üblichen Enttäuschungen, Vorwürfen und der fehlender Anerkennung ein.

    Der Abend kulminiert dann aber schließlich in einem zweiten verbalen Wutausbruch von Thomas Wodianka à la „das musste mal raus“. Falk Richter hat ihm einen großen Anklage-Monolog geschrieben, in dem es um den Russen geht, der nicht nur Birken liebt, sondern auch Homosexuelle verachtet und quält, und dessen Präsidenten Putin, der das nicht verhindert und es vielmehr noch mittels Gesetzgebung forciert. Wodianka versteht sein Volk, die Russen, nicht und beklagt mangelnde Solidarität oder etwa die Unterstützung von Opernsängerin Anna Netrebko für Putins Politik und die Ignoranz dessen durch die deutsche Presse. Auch Äußerungen deutscher, christlich-demokratischer Politiker, wie die der Menschenrechtsbeauftragten der CDU, Erika Steinbach, erregen seinen Unmut. Und wie Klaus Chatten in Karussell einst feststellte: „Die Katholiken ficken und schämen sich nachher, die Protestanten ficken und schämen sich währenddessen“ – kommt auch bei Wodianka die bigotte Kirche nicht gut weg.

    Das Kapitel nennt sich Frühling der Reaktionäre. Bilder von Wladimir Putin, Angela Merkel, Silvio Berlusconi, Anna Netrebko oder den Mitgliedern der Band Pussy Riot bestimmen nun das Geschehen. Thomas Wodianka redet sich mehr und mehr in Rage. Erstaunlicherweise spricht er dabei auch von den Homosexuellen als ein Volk, was etwas verstört. Angesichts der offenen Ausgrenzung und Diffamierung durch deutsche konservative Kreise als Homolobby, wie etwa durch die Publikationen der Journalistin Gabriele Kuby, die Homosexualität immer noch als therapierbare Krankheit bezeichnet (Lea Draeger zitiert aus Schriften Kubys), ist das aber durchaus verständlich. Die Verstörung und Provokation ist kalkuliert, aber auch auf ganz emotionale Reaktionen aus. Falk Richters Projekt lebt dabei von seinen guten, engagiert spielenden Darstellern, ist offen, direkt, witzig und regt zum Weiterdenken an. Und das ist dann letztendlich auch mal wirklich gut so.

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    SMALL TOWN BOY
    Ein Projekt von Falk Richter
    am Maxim Gorki Theater
    Regie: Falk Richter
    Bühne und Kostüme: Katrin Hoffmann
    Musik: Matthias Grübel
    Dramaturgie: Jens Hillje / Daniel Richter
    Mit: Mehmet Ateşçí, Niels Bormann, Lea Draeger, Aleksandar Radenković und Thomas Wodianka
    Uraufführung war am 11. Januar 2014
    Dauer: ca. 2 Stunden
    Weitere Termine: 15., 28. 1. | 25., 28. 2. 2014

    Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

    zuerst veröffentlicht auf Kultura-Extra

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  • Siehe da, ein Mensch? Berufung, Heuchelei oder Wunsch nach Erlösung – Michael Thalheimer inszeniert Schillers Jungfrau von Orleans am Deutschen Theater und Molières Tartuffe an der Schaubühne in Berlin.

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    Die Jungfrau von Orleans am Deutschen Theater Berlin – Michael Thalheimer zeigt Friedrich Schillers idealistisch überhöhte Figur als eine an ihrer Berufung Verzweifelnde.

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    Kathleen Morgeneyer ist Die Jungfrau von Orleans am DT. – Foto: St. B.

    Schiller hat seine Jungfrau als ein zwischen Neigung und Pflicht schwankendes Wesen dargestellt. Einerseits von Gott berufene Heilige, andererseits menschliche Regungen empfindendes, zweifelndes Menschenbündel, das sich selbst schuldig sprechend im Endeffekt für die gottbefohlene Pflicht entscheidet. Berückend und gleichsam entrückt steht Kathleen Morgeneyer in Michael Thalheimers Inszenierung, die bereits Ende September im Deutschen Theater Premiere hatte, an der Rampe. Nicht in voller Rüstung, im weißen, noch unbefleckten Hemd steht sie dort. Regungslos, die Arme ausgebreitet, das Schwert in einer Hand, ruft sie ihre Franzosen zum Handeln. Ins blendende Spotlight gestellt, fordert dieses fanatische Mädchen so gleichsam Abscheu und Empathie. Menschliche Emotionen allemal, jede für sich schrecklich und schön gleichermaßen.

    Das Heft wird man ihr später wieder aus der Hand nehmen. Sobald ihr göttliches Antlitz dem profanen weicht, gehen dieselben Männer (Dieter Motzen als Herzog von Burgund, Andreas Döhler als Bastard Dunois und Henning Vogt als Du Chatel), die noch zuvor ihre Hand begehrten sogar forderten, ohne mit der Wimper zu zucken von der Fahne. Die Zeit dazwischen füllen sie mit pathetischen Reden, Kriegsgeschrei und fragwürdigen Bekenntnissen. Männliche Allianzen schmiedend und wieder verwerfend, führen sie die Jungfrau wie ein Maskottchen auf der Fahne. Dem willensschwachen Dauphin Karl hat Schiller versucht, ein leuchtendes Äquivalent zu schaffen. Die romantische Utopie, dass ein Herrscher zum „guten Fürsten“ zu bekehren sei, ist mit Thalheimer nicht zu machen. Bei ihm und Darsteller Christoph Franken ist Karl ein weiches, kriechendes Muttersöhnchen in langen Unterhosen, das sich, nachdem sich seine Mutter Isabeau von ihm losgesagt hat, an eine neue klammert.

    Meike Droste als Agnes Sorell, die Geliebte Karls, in geblümter Abendgarderobe (Kostüme: Nehle Balkhausen) mit heruntergelassenen Trägern, gibt ihre letzten Ringe für ihn hin und Almut Zilchers Königin Isabeau schreitet mit hochtoupierter Frisur auf Mega-Absätzen wie ein griechische Furie durch das Geschehen. Nichts Erhabenes, eher verbrauchte Verruchtheit strahlen diese Frauengestalten aus. Die Männer, alle in verschiedenen Rollen, stehen aufs Schwert gestützt im Hintergrund, tragen Kettenhauben und gehen nur zum martialischen Wortgefecht oder Sterben nach vorn. Viel Theaterblut spucken sie dabei auf das weiße Hemd der Jungfrau, die das weiter ungerührt über sich ergehen lässt. Denn aus ihr spricht die Muttergottes selbst.

    Michael Thalheimer beim Premierenapplaus der Jungfrau von Orleans am DT - Foto: St. B.
    Michael Thalheimer beim Premierenapplaus der Jungfrau von Orleans am DT – Foto: St. B.

    Dass sich Johanna gerade in einen dieser austauschbaren, kettenbehängten Schwertträger verlieben soll, erscheint hier wie ein bloßer Zufall. Nichts Außergewöhnliches noch Tragisches haftet dem an. Das blutige Antlitz des englischen Anführers Lionell (Alexander Khuon) sieht sie nicht einmal an. Die Zweifel wischt sie weg: „Verdient ichs, die Gesendete zu sein, wenn ich nicht blind des Meisters Willen ehrte!“ Den Montgomerie (ebenfalls in Gestalt von Alexander Khuon) haut sie mit Worten in Stücke, den Flüchen des sterbenden Talbot (Markus Graf) und den Warnungen des Schwarzen Ritters (der tote Talbot mit weißem Gesicht) widersteht sie. Die Sendungsbewusste steht weiter wie in Trance, bis sie ihren Platz verlassen muss. In Ungnade gestürzt durch die Anfeindungen des eigenen Vaters (Michael Gerber), verstummt, verstoßen, auf ihren rechten Platz als Frau zurückgestellt.

    Aus diesem Zwiespalt aber entwickelt Thalheimer im Weiteren nichts. Er plakatiert ihn lediglich. Die stark gekürzte Fassung gibt keinen Raum für weitere Gestaltung, stellt den Fokus allein auf die Jungfrau, deren Lichtkreis die anderen nur kurz durchlaufen und das göttliche Gleichgewicht doch nachhaltig stören. Keine Möglichkeit selbstbestimmte Freiheit zu erlangen, der Berufung zu entkommen, zieht es Johanna wieder ins Licht. Zum Ende erscheint sie darin nur klein und wirft einen großen Schatten an die zum Dom aufstrebenden Umfassungswände von Olaf Altmann. Anmut, Würde, Erhabenheit oder Liebe und Mitleid. Aus diesem Gefängnis gibt es kein Entrinnen. Ob nun religiöse Fanatikerin, tragische Märtyrerin oder große Nationalheldin, die letzten Worte Johannas: „Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“, klingen hier dann doch eher wie Hohn.

    siehe auch: http://www.livekritik.de/livekritiken/livekritik-von-stefan-bock-23/

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    An der Schaubühne inszeniert Michael Thalheimer den Tartuffe des Molière als bibelfesten Prediger des Unheils

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    Die Schaubühne am Lehniner Platz. – Foto: St. B.

    Ein ganz anderes und besonderes Exemplar der göttlichen Berufung ist dagegen Molières Tartuffe. Der Tartuffe oder Der Betrüger heißt in deutscher Übersetzung diese Vers-Komödie des französischen Dichters Molière, die 1664 in Paris uraufgeführt wurde. Was eigentlich doppelt gemoppelt ist, da ein Betrüger nichts anderes als ein Heuchler (le tartuffe) also ein Vortäuscher falscher Tatsachen ist. Erst in der dritten, heute bekannten Fassung passierte das Stück endgültig die französische Zensur. Die Kritik Molières richtete sich gegen religiöse Heuchelei zur Erreichung materieller Vorteile. Was damals als Broterwerb kirchlicher Würdenträger wie auch von Laien nicht gerade als unüblich galt und die Katholische Kirche dermaßen in Verruf brachte, wie heute etwa nur der sexuelle Missbrauch an Schutzbefohlenen oder die jüngst bekanntgewordene Protzsucht regionaler Kirchenfürsten.

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    Lars Eidinger ist der Tartuffe an der Schaubühne.
    Foto: St. B.

    Was aber in Molières Komödie von Anfang an nicht in Frage steht, wird bei Thalheimers Inszenierung an der Schaubühne einer selbigen hochnotpeinlichen unterzogen. Man glaubt hier, wie Mme Pernelle, Mutter des Hausherrn Orgon, seinen Augen nicht zu trauen. Könnte dieser Tartuffe etwa tatsächlich, wie sie zum Anfang in einer großen Hass-Suade behauptet, nur ein besonders frommer Mann und das Opfer von Neidern sein? Felix Römer wettert als Karikatur einer religiösen Eiferin in schwarz wallender Soutane mit weißem Mühlsteinkragen direkt ins Publikum. Jener Tartuffe wird es diesen Neidern im Folgenden schon zeigen. Oder besser noch einbläuen. Lars Eidingers Tartuffe tritt hier als eine Art Messias der Apokalypse auf. Ein Jesusdouble mit strähnigem Langhaar und Hassprediger von Gottes Gnaden. So trägt er dann auch Gottes Wort im Mund und auf dem ganzen Körper geschrieben. Bevorzugt presst er dabei gequält Alttestamentarisches ins Publikum, wie den Segen für Gehorsam und den Fluch bei Nichtbeachtung der Stimme des Herrn (5. Mose 28).

    Und genau das ist es wohl auch, was Hausherrn Orgon so an seinem religiösen Gast zu faszinieren scheint. Als Abklatsch dessen sitzt Ingo Hülsmann in einem Sessel, dem einzigen Ausstattungsstück, das Olaf Altmann in dem ins wieder mit Spanplatten verschlossene Bühnenportal eingelassen, kleinen kathedralartigen Raum aufgestellt hat. Ein kleiner Haustyrann, der seine Herrschsucht mit frommen Sprüchen legitimieren will, um seine Familienbagage besser an der Kandare halten zu können. Diese tritt dann auch als verschüchterte, grenzdebile Schar von blassen Zombies und verhinderten Blutsaugern auf. Eine schrecklich nette Familie Monster, der man die Worte zum Aufstand gegen den Erbschleicher und Mitgiftjäger Tartuffe aber erst soufflieren muss. Judith Engel als Zofe Dorine übernimmt den Job mehr aus stoischem Widerwillen als aus besonderer Sorge um das Wohlergehen der sichtlich Gehirnamputierten.

    Orgon-Tochter Mariane (Luise Wolfram), ihr Verlobter Valère (Tilman Strauß) und Sohn Damis (Franz Hartwig) zappeln und grimassieren hier wie einer Regiearbeit von Komödienstar Herbert Fritsch entsprungen. Michael Thalheimer greift aber nur ein weiteres Mal zu einem seiner extremsten Theatermittel, dem radikalen Körper-Seelen-Striptees. Und den vollführen alle zum besonderen Vergnügen der sichtlich amüsierten Zuschauer nahezu perfekt. Einzig subtiler gezeichnet erscheint hier Orgons Gattin Elmire, die bei Regine Zimmermann aber auch kaum eine Chance gegen die eindeutigen Avancen des Verführers Tartuffe hat. Gegenüber den erhobenen Anschuldigungen erweist sich dieser als besonders resistent und in seiner Pose des Büßers fast unangreifbar. Selbst Elmires Bruder Cléante (Kay Bartholomäus Schulze), bei Molière eigentlich die Vernunft in Persona, schlägt er wie ein Exorzist des Bösen in die Flucht. Alles gerät in den Sog dieses Apostels der Wahrheit, der sich im plötzlich zu rotieren beginnenden Schicksalsraum über die verdammungswürdigen Ungläubigen erhebt. Die jämmerlichen Wimmerbündel haben hier nur noch eins, die Fresse zu halten.

    Danach hat dann noch Urs Jucker einen Slapstickauftritt als Gerichtsvollzieher, der dem verdutzen Häuflein den Austrieb aus dem vergoldeten Paradies verkündet. Das ist diabolisch und komisch, furchteinflößend und lächerlich zugleich. Erlösung wird hier keiner erlangen. Von was auch? Man fügt sich doch allzu gern in sein Schicksal. Und so bleibt dann auch folgerichtig die Bestrafung des Betrügers aus. Am Ende steht selbst Dorine ganz tartuffisiert an der Rampe und rattert noch mal einen Lobgesang auf Gottes Wort (Psalm 119) herunter, das mit einem „Herr, es ist Zeit zu handeln; man hat dein Gesetz gebrochen.“ schließt. Wenn da der Jubel im Publikum erschallt, möchte man nicht wirklich wissen, wem er gilt. Michael Thalheimer verstört hier einmal mehr mit der Ambivalenz seiner Botschaft zwischen Ernst, überbordendem Schalk und bitterer Ironie.

    Das Ensemble des Tartuffe beim Premierenapplaus in der Schaubühne - Foto: St. B.
    Das Ensemble des Tartuffe beim Premierenapplaus in der Schaubühne – Foto: St. B.

    Herbert Fritsch, der momentane Molière unter den Theaterregisseuren, hat den Tartuffe in bekannter Weise bereits 2008 in Oberhausen inszeniert. Erst 2010 wurde er dann, mit seiner besonderen Art Komödien zu zelebrieren, gleich zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. 2008 fand mit Was ihr wollt am DT Michael Thalheimers letzter Ausflug ins Komödienfach statt. Dass auch er zu blödeln versteht, hatte Thalheimer aber bereits 2001 mit seiner Leipziger Inszenierung von Büchners Leonce und Lena bewiesen. Das war noch bevor ihn die Kritik zum erfolgreichen Stückesezierer kürte und seine Kariere als düsterer Tragöde begann. Auch Michael Thalheimer debütierte einst mit einem Doppelschlag beim Theatertreffen. Seitdem ist er mit kleineren Pausen Dauergast beim Berliner Jahrestreffen der bemerkenswertesten Inszenierungen. Mit seinem Tartuffe scheint er zumindest wieder ganz nah dran zu sein. Und dran glauben soll ja bekanntlich selig machen. In diesem Sinne ein Halleluja und gesegnetes Weihnachtsfest.

    siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/tartuffe-oder-der-betrueger

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    Die Jungfrau von Orleans
    von Friedrich Schiller
    Koproduktion mit den Salzburger Festspielen

    Regie Michael Thalheimer, Bühne Olaf Altmann, Kostüme Nehle Balkhausen, Musik Bert Wrede, Dramaturgie Sonja Anders
    Mit: Michael Gerber, Kathleen Morgeneyer, Christoph Franken, Meike Droste, Andreas Döhler, Henning Vogt, Jürgen Huth, Almut Zilcher, Peter Moltzen, Markus Graf, Alexander Khuon
    Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

    Weitere Termine:
    25.12. 2013, 19.00 Uhr
    11.01.2014, 19.30 Uhr
    14.01.2014, 19.30 Uhr
    26.01.2014, 19.30 Uhr

    Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2013_2014/jungfrau_von_orleans/

    Tartuffe
    von Molière, deutsch von Wolfgang Wiens

    Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider.
    Mit: Ingo Hülsmann, Regine Zimmermann, Lars Eidinger, Judith Engel, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Tilman Strauß, Kay Bartholomäus Schulze, Felix Römer, Urs Jucker.
    Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

    Weiter Termine:
    25.12.2013, 20.00 Uhr
    27.12.2013, 20.00 Uhr
    09.01.2014, 20.00 Uhr
    10.01.2014, 20.00 Uhr
    11.01.2014, 20.00 Uhr
    12.01.2014, 20.00 Uhr
    08.02.2014, 20.00 Uhr
    09.02.2014, 20.00 Uhr
    10.02.2014, 20.00 Uhr

    Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/tartuffe.html/ID_Vorstellung=287

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  • „Die Übergangsgesellschaft“ und „Vor den Vätern sterben die Söhne“ – Zwei Texte aus der DDR-Wirklichkeit an Theatern in Berlin und Dessau

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    Die Übergangsgesellschaft von Volker Braun in einer Spielfassung von Lukas Langhoff und Holger Kuhla am Maxim Gorki Theater Berlin

    „Unsere Arbeit ist die Zerstörung. Ich würde auch lieber aus Lehm Menschen formen, aber nach wessen Bilde? Ich bin Abrißarbeiter. Krieg den Palästen.“ (Paul Anton, Schriftsteller)

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    Die Übergangsgesellschaft im GOЯKI - Foto (C) Esra Rotthoff
    Foto (C) Esra Rotthoff

    Ein Zitat aus Volker Brauns 1982 geschriebenem Stück Die Übergangsgesellschaft, das 1988 in der Regie von Thomas Langhoff am Maxim Gorki Theater gefeiert wurde. Es kommt in der von Sohn Lukas Langhoff gemeinsam mit dem Dramaturgen Holger Kuhla erarbeiteten Stückfassung nicht vor. Langhoff jun. nimmt es jedoch als ziemlich präzise Regieanweisung. Schriftsteller Paul Anton – in Anspielung an Tschechows Vor- und Vatersnamen – (Taner Şahintürk) reißt hier aber keine Paläste ein, er zerfetzt lediglich zwei vorher präparierte Theaterstühle und liefert sich dabei ein heftiges Wortgefecht mit Walter Höchst (Till Wonka), Betriebsleiter und Sohn des Hauses, um Privat- und Volkseigentum. Langhoff führt Brauns „realsozialistische Passion“, die an Anton Tschechows Stillstands- und Wartedrama Drei Schwestern angelehnt ist, im leeren Zuschauersaal des Gorki auf, während das Publikum oben auf der Bühne platziert wird.

    Empfangen wird der Zuschauer aber zunächst mit wummernder Technomusik. Auf dem Balkon des Rangs steht Volkan T. und erinnert an die fiktive DJ-Legende DJ Overground, indem er dessen Schaffen als eine immer gleiche Elektronikbeatschleife präsentiert. Wohl ein Hinweis darauf, dass sich auch Geschichte in einer Endlosschleife wiederholt. Unterbrochen wird er schließlich durch eine Schar Besucher, die mit einem Schild Gorki-Tours 91″ den Saal betreten haben. Wir befinden uns also nach der sogenannten Wende, der Übergang hat demnach bereits stattgefunden. Man besichtigt vergangene Theaterkunst, Bedeutendes, das der Malsaal hier auf der Bühne zurückgelassen hat. Sozialistischer Realismus, Expressionismus oder Abstrakte Kunst, darüber wird man sich allerdings nicht einig. Das diskutierte Bild stellen natürlich wir, die Zuschauer, dar. Die Statisten, die üblicherweise im Saal sitzen und vor denen sonst das Schauspiel der Darsteller und Statisten auf der Bühne stattfindet. So hat es Volker Braun in seinen Arbeitsnotizen zur Übergangsgesellschaft vermerkt. Lukas Langhoff nimmt das als Gag in seiner Inszenierung wieder auf und dreht die Ausgangssituation einfach um.

    Das Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.
    Das Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

    Wie aus einer längst vergessen Zeit sitzen weiß gewickelte Mumien in den Theatersesseln. Langhoff zitiert damit die Eingangsszene von Volker Brauns Stücks, in der die Protagonisten von Tschechows Drei Schwestern unter Gaze auf der Gartenterrasse sitzen. Langhoffs Schauspieler setzen sich nun neben sie und lassen einer nach dem anderen die Luft aus ihnen heraus. Leider lässt Langhoff im Folgenden auch aus dem eigentlichen Stück nach und nach die Luft ab. Übrig bleiben einige wenige Satzhülsen, die er mit reichlich Slapstick und Klamotte aufpeppt. Dass Langhoff die Übergangsgesellschaft vom Blatt spielen würde, war von vornherein nicht zu vermuten. Dass er aber das Spiel ganz und gar verweigert, überrascht dann doch.

    Brauns radikale Wirklichkeitskritik des real existieren Sozialismus in seiner Erstarrung erstarrt bei Langhoff zur provokanten Pose der Postdramatik. Da werden noch eine Heizungsverkleidung zerstört und Schauspielerin Mette (Marleen Lohse), die bei Braun noch den Ausbruch wagt, scheitert hier beim Zerschlagen der Eingangstür des Saals. Sie kommt nicht durch das Loch hindurch und steht nun mit Faltenmaske als alternde tragische Figur wieder vor uns. Sie muss sich von den Männern als Schlampe und schlechte Schauspielerin beschimpfen lassen. Die Männerriege trinkt Bier, erzählt Witze und ergeht sich in unendlichen Labereien unter einer großen aufblasbaren Leberzirrhose. Schon bei Braun eine Blase von Opportunisten und Schönrednern, geraten sie hier vollends zu Schaumschlägern. Der Spanienkämpfer Wilhelm Höchst (Falilou Seck), ein senil brabbelnder Alter; sein Neffe Walter, ein gelackter Wendehals; der Schriftsteller Anton, eine verhinderte Künstlerpose; Dr. Bobanz (Simon Brusis), ein schwätzender Popanz par excellence und Fahrer Franz (Sebastian Brandes), ein sachsen-anhaltinischer Ost-Prolet und Frauenanbaggerer (Frau in Not“) mit blonder Rotzbremse.

    Berliner Herbstsalon des MGT - Foto: St. B.
    Berliner Herbstsalon des MGT –  Foto: St. B.

    Die Frauen stellen ihnen da nicht wirklich eine Alternative entgegen. Alternativlosigkeit, ein Diktum unserer heutigen Gesellschaft, hier wird sie vorgeführt. Die drei Schwestern (Mareike Beykirch, Elizabeth Blonzen und Sesede Terziyan) haben zwar ihre Auftritte, aber nicht wirklich das Sagen. Die Frage nach Olgas verschwundenem Kollegen Frank wird zum Runnig Gag. Ihre Frage erstarrt zum Schrei. Lukas Langhoff hat sich bereits komödiantisch mit der DDR und dem Kapitalismus auseinandergesetzt. In Dessau inszenierte er den Turm von Uwe Tellkamp als 90minütige Kabarettnummer, und in Potsdam ließ er Elfriede Jelineks Kontrakte des Kaufmanns in Affenkostümen aufführen. Endlich in Berlin angelangt, verpasst er allerdings die Gelegenheit beide Systeme kritisch zusammenzuführen.

    Die Idee, das als gescheiterten Auftrag des Bilderbürgertheaters abzubilden, ist an sich ja nicht verkehrt. Ist der Schauspieler per se ein guter Mensch, wenn er ihn auf der Bühne darstellt? Das Ensemble quittiert Bobanz‘ naive Aussage mit Gelächter. Das Theater als verschlossenen Tempel einzureißen ist das Gorki angetreten. Von der Sehnsucht der Menschen nach einer Ideologie oder einem Gott, der ihre Probleme löst, berichtet Tamer Arslan als Erscheinung im weißen Cowboyoutfit in einer Parabel vom Volk der Esel. Das Haus brennt hier zum Ende hin nicht ab. Die Übergangsgesellschaft verkriecht sich wieder unter ihre Gazehüllen. Der Tabubruch bleibt aus und Langhoffs vermeintliches Sakrileg ohne Folgen. Wie tickt der neue Mensch? Das wird die Frage bleiben. Und das neue Gorki wird hoffentlich Lukas Langhoffs Inszenierung nicht zum Programm erklären.

    Zuerst erschienen am 22.12.13 auf Kultura-Extra

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    Vor den Vätern sterben die Söhne von Thomas Brasch – Der Sieger der Wunschstück-Wahl hatte am Alten Theater Dessau Premiere.

    Das Anhaltisches Theater Dessau - Foto: St. B.
    Das Anhaltische Theater Dessau – Foto: St. B.

    Neben dem legendären Bauhaus ist das Anhaltische Theater Dessau das zweite kulturelle Standbein der neben Halle und Magdeburg drittgrößten Stadt in Sachsen-Anhalt. Aber während am Bauhaus gerade in einer sehr interessant gestalteten Ausstellung das Totaltheater des Bauhausgründers Walter Gropius wieder aufersteht, scheinen am monumentalen Vierspartenhaus am Friedensplatz langsam die Lichter auszugehen. Die Landesregierung Sachsen-Anhalt hat beschlossen, die Zuschüsse für das Anhaltische Theater Dessau von acht auf fünf Millionen Euro zu kürzen. Das Geld würde so nur noch für die Sparte Oper reichen. Die fehlenden drei Millionen sind allerdings selbst mit der Schließung der Sparten Ballett, Schau- und Puppenspiel auf Dauer nicht zu kompensieren. Kultusminister und Haupt-Kahlschläger Stephan Dorgerloh gibt sich weiterhin uneinsichtig, und ist somit für die um den Erhalt ihres Theaters kämpfenden Dessauer mittlerweile zum Buhmann des Jahres geworden. Es ist der Stadt und seinem Theater zu wünschen, dass diese schlechte Farce noch zu einem guten Ende kommt.

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    Das Altes Theater Dessau - Foto: St. B.
    Das Altes Theater Dessau – Foto: St. B.

    Dass kollektives Wünschen noch zu einem Ziel führen kann, zeigte das Theater Dessau nun mit seiner ganz speziellen Wunschstückwahl. Mittenhinein in den Kampf ums Theater kam am letzten Samstag der Sieger Vor den Vätern sterben die Söhne von Thomas Brasch zur Premiere. Man wollte es besser machen, als das Thalia in Hamburg. Daher verordnete das Anhaltischen Theater Dessau Demokratie in Maßen, und gab drei Stücke zur Wahl vor. Braschs Prosaminiaturen aus der sozialistischen Produktion setzten sich dabei gegen Einar Schleefs Totentrompeten, einem vierteiligen Abgesang dreier Damen auf die alte DDR, und Fritz Katers Stück 3 von 5 Millionen, einer Geschichts-Farce über drei Arbeitslose von den 1920er Jahren bis in die Nachwende-Ära. Auch Thomas Brasch stellte in seinem 1977 nach der Ausreise aus der DDR erschienen Buch den werktätigen Menschen in den Mittelpunkt. Nur nicht so, wie es sich die DDR-Oberen in ihren festgelegten Normen gesellschaftlichen Lebens vorstellten, sondern als entmenschlichtes Wesen zwischen Maschinen, der Norm und eigenen Vorstellungen vom Leben gefangen.

    Mensch-Raum-Maschine im Bauhaus Dessau - Foto: St. B.
    Mensch-Raum-Maschine im Bauhaus Dessau
    Foto: St. B.

    Mensch – Raum – Maschine heißt auch die Ausstellung über die Bühnenexperimente des Dessauer Bauhaus‘. Wie dem ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaat ging es schon den Bauhäuslern um den Entwurf eines neuen idealen Menschenbilds. Oskar Schlemmer charakterisierte es, die innere Zerrissenheit des modernen Menschen aufgehoben, als einen harmonischen Verbund von Geist und Materie, Mensch und Maschine. Nur konnte man in der DDR zwar viel mit Gemeinschaft, aber weniger mit harmonischer Metaphysik anfangen. Drei dieser Vertreter der damaligen DDR-Arbeiterklasse stellt Regisseur David Ortmann nun auf die Bühne im Foyer des Alten Theaters, der kleineren Dessauer Nebenspielstätte. Und gleich zu Beginn übertönt höllischer Maschinenlärm, der im Folgenden auch noch durch zwei Windmaschinen verstärkt wird, die Schreie der drei Dreher beim gemeinsamen Einrichten der Bühne (Jan Steiger). Es knallt und schallt durchs offene Treppenhaus, wie in einer Werkhalle. Man kann das Eisen, von dem Brasch in seinem Text spricht, regelrecht durch die Luft fliegen hören.

    Dann sitzen die drei auf Stühlen, essen, rauchen und erzählen sich wie in der Betriebskantine ihre Geschichten aus der Produktion. Es geht darin u.a. um die Dreher Grabow, Ramtur und Fastnacht, dem gescheiterten Neuerer wider Willen, der selbst noch im Selbstmordversuch vom übermächtig fordernden Geist MARXENGELS verfolgt wird. Hier stellen zwei im Duett sprechende Darsteller das Denkmal am Marx-Engels-Forum in Berlin nach. Für einige Belustigung sorgen die nachgelassenen Briefe, des nach einem Arbeitsunfall im Krankenhaus sterbenden Ramtur, einst eulenspiegelnd aufmüpfig an den Betriebsdirektor geschrieben. Die Jungen hören den Alten und ihren immer gleichen Geschichten von Spanienkrieg, KZ und dem Aufbau des Sozialismus nicht mehr zu. Sie sehen beim Blick aus dem Fenster nur einen Riesenknast mit Grünanlagen. Das war in den 1960er Jahren, als man noch für eine kurze Zeit des Tauwetters auf der Spur der Steine war, wie ein wenig später im Giftschrank der DDR-Kulturpolitik verschwundener DEFA-Film verhieß.

    Die drei Darsteller berichten darüber wie aus einer längst vergangenen Zeit, die heute nur noch den Stoff für ein lustiges, sozialistisches Arbeiterkabarett zu liefern scheint. Und das ist dann auch das Problem des Inszenierenden und der Spielenden, die voller Enthusiasmus etwas erzählen, was sie natürlich nicht selbst erlebt haben und eigentlich auch nicht zwingend müssten, um es mit den Mitteln des Theaters wiedergeben zu können. Brasch schrieb seine Geschichten aus der eigenen Erfahrung heraus. Zerrissen zwischen Affirmation und Auflehnung, mit einer Wut, gleich einem eingeschlossenen, verkehrt liegenden Wolf im Bauch, den man nicht herausoperieren kann. Der Autor beschreibt es auch mit dem mythologischen Bild des geschundenen  Marsyas, der sich, dem geforderten Spiel verweigernd, lieber die Haut vom Leibe ziehen lässt, als nach den Regeln der Herrschenden zu spielen. Diese Passagen sind in der Spielfassung gestrichen.

    Dirk S. Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke – Foto (C) Claudia Heysel
    Die Dessauer Textarbeiter Dirk S. Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke – Foto (C) Claudia Heysel

    Zentraler Kern der Geschichten ist mit Sicherheit die von Robert, der in den Westen will, und seiner kurzen Freundschaft zu einem der Dreher. Sie muss sich hier, etwas aus dem Gefüge des Buches gerissen, dem Erzählstil der Inszenierung anpassen. In ihr spiegelt sich der stetige Widerspruch der Intelligenz gegenüber die Klasse der Werktätigen. Das „I can get now satisfaction“-Gefühl von Robert gegen den Zwang und das eintönige Leben in der Produktion. Zusammen erleben sie gemeinsam mit Sophie einen fast unbeschwerten Sommer an der Ostsee. Regisseur Ortmann nimmt alles für eine Große-Jungs-Geschichte, was sie in Teilen ja auch ist, natürlich mit dem vorhersehbar bösen Ausgang. Robert stirbt bei der Republikflucht, was der Freund erst spät in den Verhören mit dem Stasi-Mann erfährt.

    Der Konstellation mit den drei männlichen Protagonisten werden leider auch die nicht unwesentlichen Frauenfiguren Sophie, Rita und Christiane geopfert. Wenn Fastnacht zwischen seiner Frau und der schwangeren Lehrgangs-Bekanntschaft Christiane hin und her gerissen wird, spielen die Männer eine lustige Travestienummer und wirbeln den armen Gequälten ordentlich durcheinander. Aber immer dann, wenn sich die Darsteller vom Erzählmodus lösen und zu spielen beginnen, erreicht die Inszenierung auch den Sound der Vorlage. Da wird z.B. eine rasante Motorradfahrt der Protagonisten auf einem Stuhl getrommelt, wie „im Rhythmus des Bebop: sanft und kräftig.“ Den drei Schauspielern Dirk S. Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke, die in wechselnden Rollen agieren, ist es zu danken, dass der Abend in weiten Teilen doch beim Publikum ankommt. Der Regie hätte man etwas mehr Gespür für den Stoff gewünscht. Da steckt noch so einiges an dramatischem Potential in der vermeintlich unspielbaren Vorlage.

    Zuerst erschienen am 16.12.13 auf Kultura-Extra

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    DIE ÜBERGANGSGESELLSCHAFT
    (Maxim Gorki Theater, 19.12.2013)
    Regie + Bühne: Lukas Langhoff
    Mitarbeit Bühne: Justus Saretz
    Kostüme: Ines Burisch
    Musik: Volkan T.
    Dramaturgie: Holger Kuhla
    Mit: Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Elizabeth Blonzen, Sebastian Brandes, Simon Brusis, Marleen Lohse, Taner Şahintürk, Falilou Seck, Sesede Terziyan und Till Wonka
    Premiere war am 14. Dezember 2013
    Weitere Termine: 28. 12. 2013 / 8., 25., 26. + 31. 1. 2014

    weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/die-uebergangsgesellschaft/

    VOR DEN VÄTERN STERBEN DIE SÖHNE
    nach dem Erzählband von Thomas Brasch
    (Altes Theater, Foyer, 14.12.2013)
    Inszenierung: David Ortmann
    Dramaturgie: Sabeth Braun
    Mit: Dirk Greis, Patrick Rupar und Patrick Wudtke
    Premiere war am 14. Dezember 2013
    Weitere Termine: 24. 1. 2014, 26.02.14

    Weitere Infos siehe auch: http://www.anhaltisches-theater.de

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  • Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

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    Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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    Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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    Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

    Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

    Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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    Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

    Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

    Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

    Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

    Gorki5
    Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

    Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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    Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

    In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

    Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

    Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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    Gorki-Studio
    Gorki-Studio Я

    Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

    Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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    Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

    Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons
    Sibylle Berg im Okt. 2013
    Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

    Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

    Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

    So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

    ***

    Gorkilogo

    Der Kirschgarten
    eine Komödie von Anton Tschechow

    Mit:
    Jascha: Tamer Arslan
    Dunjascha: Mareike Beykirch
    Firs: Çetin İpekkaya
    Anja: Marleen Lohse
    Ranewskaya: Ruth Reinecke
    Lopachin: Taner Şahintürk
    Gajew: Falilou Seck
    Trofimov: Aram Tafreshian
    Warja: Sesede Terziyan
    Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
    Charlotta: Fatma Souad
    Musiker: Özgür Ersoy
    Musikerin: Sinem Altan

    Regie: Nurkan Erpulat
    Bühne: Magda Willi
    Kostüme: Ulrike Gutbrod
    Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
    Licht: Norman Plathe
    Dramaturgie: Daniel Richter

    Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

    Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
    von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

    Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

    Regie: Yael Ronen
    Bühne: Magda Willi
    Kostüme: Esther Krapiwnikow
    Video: Benjamin Krieg
    Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
    Dramaturgie: Irina Szodruch.

    Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

    — 

    Schwimmen lernen. Ein Lovesong
    von Marianna Salzmann

    Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

    Regie: Hakan Savaş Mican
    Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
    Musik: Enik
    Video: Benjamin Krieger
    Licht: Daniel Krawietz
    Dramaturgie: Irina Szodruch.

    Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

    Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
    von Sibylle Berg

    Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

    Regie: Sebastian Nübling
    Choreographie: Tabea Martin
    Raum: Magda Willi
    Kostüme: Ursula Leuenberger
    Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
    Licht: Jan Langebartels
    Dramaturgie: Katja Hagedorn.

    Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

    siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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  • Tragödie als Spektakel – Elektra und Hamlet, zwei Getriebene einer heiligen, selbstauferlegten Pflicht (be)geistern auf Berliner Bühnen.

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    „In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Heiner Müller, aus: Wolokolamsker Chaussee

    Flüche, göttliche Eingebungen und Erscheinungen der anderen Art treiben Elektra, Tochter aus dem antiken Herrschergeschlecht der Atriden und Hamlet, Prinz von Dänemark an und um. Zwei Sprosse von höchstem Geblüt sind im heiligen Auftrag unterwegs. Angetreten mit ganz ähnlichen Motiven der Rache sind sie berufen und verdammt zugleich. Sind Kinder der immer gleichen Tragödie aus schicksalhafter Verstrickung, hehrem Pflichtgefühl und großen Selbstzweifeln. Ob sie es nun vermögen ihren Auftrag auszuführen, oder nicht,  sie werden dabei doch auch mitschuldig am Kreislauf der Gewalt und scheitern schließlich am eigenen hohen Anspruch. Eine entschlossene Rachefurie aus einem verfluchten Königsgeschlecht und ein schwermütiger, zaudernder Renaissanceprinz, am Deutschen Theater und Berliner Ensemble stehen sie nun beide in ganz unterschiedlichen Inszenierungen auf der Bühne. Gemeinsam ist ihnen dabei nur der Hang zu Glamour, Trash und dem ganz hohen Ton.

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    Hamlet, oder Rache ist Blutwurst – Leander Haußmann dreht am Berliner Ensemble Shakespeare durch den Theaterwolf.

    „Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge über seine Hamlet-Inszenierung 1990 am DT (Garather Gespräch)

    HAMLET am Berliner Ensemble - Foto: St. B.
    HAMLET am Berliner Ensemble – Foto: St. B.

    Paralyse, Parabellum, Panoptikum. So sind sie, die Theatermörderkinder. Erst abwartend und dann umso entschlossener in der Tat. Und ist keine Schusswaffe zur Hand machen es auch Beil, Messer oder Schwert. Bereite dich für den Krieg, denn bereit sein ist alles. Das macht das Morden im Gedanken. Da spuken sie herum, die Theatergeister der Vergangenheit und wollen wieder gegenwärtig werden. Doch zuvor muss man ihnen erst noch gehörig den Gar ausmachen. Das muss alles irgendwann mal raus aus dem Hirn. Da sind die Bühnengeschöpfe wie ihre meist schon verstorbenen Autoren oder die heutzutage an deren Stelle getretenen Regisseure. Was denen durch die Rübe rauscht, wie es ein bekannter Großkritiker verächtlich beschreibt, wird grausame Gestalt annehmen.

    Und während Elektra am DT im Nadelstreifen noch wartet, auf einen der die Drecksarbeit macht, wühlt sich Prinz Hamlet am BE höchst selbst durchs blutige Gedärm. Alles muss raus! Raus, raus, raus aus dem verfaulenden Inneren dieser aus den Fugen geraten Welt. Dass er auf diese kam, um sie wieder einzurenken, will dem melancholischen Intellektuellen zunächst nicht recht schmecken. So haben wir es jedenfalls über die Jahrhunderte deutscher Aufführungspraxis gelernt. Ihm fehlt’s an Galle. Doch nun am BE in der Neuinszenierung von Leander Haußmann wühlt sich sein Hamlet tief in die Innereien dieser Welt hinein, vor der ihm eigentlich doch ekelt, um nachzuschauen, was ihm da so stinkt, und mistet bzw. weidet dann den Saustall nach Herzenslust aus. Stellvertretend dafür nimmt er hier die Innereien des frisch geschlachteten, beim Guck und Horch überraschten Polonius. Denn so was kommt von so was. Und renken nach Ränken. Rache ist Blutwurst und nur dem Wurst, der seinen Machiavelli nicht richtig gelesen hat. Vom richtigen Gebrauch der Grausamkeiten ist dem jungen Helden aber weder an der Wiege gesungen noch an der Uni im deutschen Wittenberg gelesen worden.

    Doch er lernt schnell. Sein oder nicht sein. Obs edler im Gemüt, Geblüt, oder mehr Inhalt mit weniger Kunstblut zu machen wäre, ist hier die Frage nicht. Und auch des Gedankens Blässe kränkelt Hamlet nicht mehr an. Hirn gibt’s am Stück. Es setzt es Nadelstiche satt. Erst Polonius, dann ein Zuschauer und sogar Hamlets Mutter bekommt ein paar Schläge ab. Später dann noch die verhinderten Flötenspieler Rosenkranz und Güldenstern und so weiter und so fort. Hamlet versucht die Geister in seinem Kopf zu töten. Komödie oder Tragödie wie heißt dies Genre? Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode? Einen Theatertot muss man immer sterben. Und Leander Haußmann stirbt sie alle zugleich. Er tanzt vergnügt auf den Ruinen und Gräbern der Altvordern. Ganz verleugnen kann er sie nicht. „Kommunismus ist die Zeit, wo Shakespeare verstanden wird.“ prophezeite Peter Hacks. Da sei Stalin vor und Heiner Müller. Dem Intellektuellen ekelt vor der Welt, und dieser Ekel „ist ein Privileg / Beschirmt mit Mauer / Stacheldraht Gefängnis“, sagt Müllers Hamlet. Hamlet ist nur ein feister Spießbürger auf Urlaub, ruft da Brecht von der anderen Seite der Schulter. Ein Rückfall in die Barbarei. Kein Humanismus nirgends.

    HAMLET am BE - Christopher Nell, Peter Luppa - Foto: Lucie Jansch
    HAMLET am BE – Christopher Nell, Peter Luppa
    Foto: Lucie Jansch

    Doch Haußmann versucht erst gar nicht Shakespeare zu verstehen. Sein Hamlet bleibt Geheimnis, ist Theater satt. Der will nur spielen und lässt dabei die alten Geister aus dem Sack. Sie feiern hier fröhliche Urständ. Man muss ihnen mit der Schaufel an die Kinnbacken schlagen. Von Privilegien sprechen da nur die Totengräber. Und mit ideologischen Totengräbern ist seit jeher schlecht philosophieren. Ihr erdiger Überbau hält bis zum jüngsten Tag. Haußmanns Dänemark ist ein dunkler Knast mit hohen Wänden. Ein sich beständig drehendes Labyrinth, in dem man sich auf dem Weg ins Rampenlicht schon mal verrennen kann. Hamlet tut dies zunächst mit eingezogenem Kopf und hängenden Schultern gegen die Wand. Der kleine Christopher Nell ist dieser Hamlet. Alles überragt ihn um mindestens einen Kopf, falls dieser zu Beginn nicht schon gerollt ist. Ein Leichtgewicht zunächst, läuft er doch mit der Zeit zu wahnhaft großer Form auf. Angestachelt durch einen nackten, bärtigen Vater-Geist (Joachim Nimtz), der ihm das Gebot der Rache anträgt, entledigt er sich schließlich selbst der schwarzen Kluft und läuft im weißen Büßerhemd Amok.

    Der Rest des faulen Staates rekrutiert sich aus einem Panoptikum der Theaterchargen. Eine Komparserie der Macht, die Hamlet vereinnahmen will und ihm, als das nicht gelingt, nach dem Leben trachtet. Roman Kaminski und Traute Hoess als Claudius und Gertrude erledigen hier mit viel Verve ihrer Rollen als zweckgebundenes Duo in Royale. Während Traute Hoess das besorgte Muttertier gibt, entwickelt Roman Kaminski regelrecht diabolische Kräfte. Ein Spiel der Muskeln und Masken. Mausefallen überall. Norbert Stöß ist Oberkämmerer Polonius und speichelleckender Buchhalter der Mächtigen. Der reüssiert als talentarmer Kleindarsteller und Schwadroneur moralisierender Benimmfloskeln. Seine Tochter Ophelia erlaubt sich in seiner Anwesenheit schon mal ein Nickerchen. Ganz hinweg zu schnarchen vermag sie das ihr zugedachte Schicksal allerdings nicht. Anna Graenzer gelingt eine berückende Ophelia. In unbeschwerter jugendlicher Schwärmerei, wie in großer Verzweiflung und selbst noch im blumenbekränztem Wahn verleiht sie ihr Würde und fehlende Autonomie.

    BE_Leander Haußmann
    Leander Hausmann auf der öffentlichen Probe am BE.
    Foto: St. B.

    Und überhaupt hat man das BE-Ensemble selten so voller Spielfreude erlebt. Wo andere Regisseure die bleierne Schwere der Handlung betonen, kitzelt Leander Haußmann selbst noch in der Tragik die komischen Momente heraus. Sein Hamlet ist ein romantischer Moralist, dem der Sinn für das Gute und Schöne abhandengekommen ist. „So long, my Love, my Killer“ singt das Duo Apples in Space (Julie Mehlum und Haußmannsohn Philipp) in Ophelias Song. Zwischen „The Carneval is over” und „The Death is not the End” begleiten die beiden in engelsgleicher Kostümierung Haußmanns lustvolles Totentänzchen mit viel düsterer Rockmusik von Nick Cave bis Bob Dylan. Und während Hamlet noch seiner persönlichen Rache frönt, ist Fortinbras schon auf dem Weg zur großen Koalition. Nur im Vorübergehen zu besetzen ein Fleckchen Land, „nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen nur zu verbergen.“ Die tanzen weiter, im Rücken die Ruinen von Europa. Im Haus von Übervater Brecht fokussiert Haußmann den Hamlet durch das Brennglas der Müllerbrille, bis das intellektuelle Bollwerk einen Sprung bekommt. Was von Heiner Müller einst als Riss zwischen zwei Epochen postuliert wurde, geht heute mitten durch die Gesellschaft. Der Rest ist wie immer Schweigen.

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    Elektra, oder Rache als Event – Stefan Pucher lässt am Deutschen Theater die Tragödie des Sophokles singen.

    Der Engel der Verzweiflung

    Ich bin der Engel der Verzweiflung
    Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus,
    die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber.
    Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei.
    Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken.
    Meine Hoffnung ist der letzte Atem.
    Meine Hoffnung ist die erste Schlacht.
    Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt.
    Ich bin der sein wird.
    Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.

    (Heiner Müller, aus: Der Auftrag)

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    So ein Engel der Verzweiflung könnte die Elektra der Katharina Marie Schubert am DT sein. Ganz in schwarz und mit fettem Kajal um die Augenhöhlen beklagt sie die Toten und klagt die Lebenden dafür an. Ein schwarzer Racheengel, Erinnye von Apolls Gnaden. Denn ihr Auftrag heißt nun mal einzig Rache zu nehmen. Für den Mord am aus Troja zurückgekehrten Vater Agamemnon soll die mit dem Mörder Aigisthos in Blutschande lebende Mutter Klytaimnestra ebenfalls mit dem Leben büßen. Was Sophokles einst als antikes Drama über Schicksal, Schuld und der Unmöglichkeit, sich anders entscheiden zu können schrieb, reduziert Regisseur Stefan Pucher auf einen reinen Krimiplot mit passenden Videotrailern und Soundtrack. Schuldfrage XY ungeklärt.

    Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT_Promobild filmstarts.de
    Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT.
    Promobild filmstarts.de

    Aber Elektra wirkt hier im schwarzen Nadelstreifenanzug als Mann verkleidet, wie eine verhinderte Comic-Heldin. Anstatt selbst wie Black Mamba aus Tarantinos Kill Bill zur Tat zu schreiten, ist sie auf die Rückkehr des Vollstreckers angewiesen. Aus ihr kann keine emanzipierte Emma Peel mehr werden. Für Heiner Müller liegt die Tragik der Elektra dann auch im Warten müssen auf den Bruder, als Werkzeug der Rache. Müller deutet die Elektra als Sinnbild weiblicher Rebellion, als „Metapher für Verweigerung, für Verweigerung von Anpassung“. Darin sind sich die Figuren Hamlet und Elektra ähnlich. Aber während Hamlets anfängliches Zögern vor dem väterlichen Mordauftrag noch intellektueller Natur ist, stützt sich Elektras unbedingter Wille zur Rache auf ein göttliches Gebot, das keinen Aufschub duldet.

    Pucher bringt Sophokles Plot komplett, hier in neuer Übersetzung von Peter Krumme. Er interessiert den Regisseur aber einzig als Aufhänger für eine Rock’n’Pop-Show auf großer Revuebühne. Und da scheinbar schon alles über Elektra gesagt ist, lässt Pucher nun singen. Das Drama findet nicht mehr statt, wie Müller sagen würde. Auf den Brettern die die Welt bedeuten reproduziert es sich nun als Allerweltsgeschichte aus dem TV-Vorabendprogramm. Untermalt mit eingängigen Rock- und Popballaden von den Musikern Michael Mühlhaus und Masha Qrella. Elektra schiebt den Blues, und der Chor swingt dazu mit den Hüften. Sie greint und wartet auf den Mann mit der Axt. Susanne Wolff als Mutter Klytaimnestra dominiert im kurzen, schrillen Soloaufritt. Schwester Chrysothemis (Tabea Bettin) fürchtet um ihre soziale Stellung und möchte sich lieber nicht zu Elektra ins Abseits stellen. Während Bruder Orest wie ein abgehalfterter Grungerocker völlig paralysiert vom Rachegebot über die Bühne schlurft. Er und sein Begleiter sind fette, schlaffe, langhaarige Männer im Rock.

    Pucher will den ollen schwarz-weißen Kintopp-Streifen des Sophokles rocken und poppt ihn zusätzlich mit bunten Video-Bildern von Chris Kondek in Breitwandästhetik auf. Der von Michael Schweighöfer reißerisch vorgetragene Bericht des alten Dieners über den angeblichen Wagenrennen-Unfall des Orest wird mit Videos von ebenso gefakten Stock-Car-Rennen untermalt. Im Stile eines Bondgirls schwebt eine dunkle weibliche Gestalt auf einer Axt durchs Bild. Nur ist Orest kein James Bond und Aigisthos kein wirklicher Dr. No. Andreas Döhler spielt ihn als gelangweilten Anzugträger, der, sich seiner Macht ganz sicher, eher erstaunt dem jungen Orest zur Abschlachtung ins Haus folgt. Helter Scalter! Aber auch die Nacht der langen Messer bleibt Behauptung. Felix Goesers Orest schlägt im Video mit der Axt auf Pappmacheköpfe ein. Alles nur Show. And The Show Must Go On will uns Stefan Pucher sagen.

    Deutsches Theater Berlin - Foto: St. B.
    Deutsches Theater Berlin – Foto: St. B.

    Drei Akkorde Aschenputtel, zwei Takte Rockpalast, ein Schuss Denver Clan und fertig ist Puchers neuer Atriden-Cocktail namens Elektravue. Eine aufgeblasene Soap Opera zerplatzt auf Sitcom-Niveau. Elektra erscheint dann nach getaner Arbeit ebenfalls im Showkostüm und reiht sich in den Chor der Angepassten ein. Mit dem Massenmörder Charles Manon singt man nun gemeinsam „Your home is where you’re happy / It’s not where you’re not free”. Was wie ein ironischer Abgesang auf die einstige Rebellion und ein selbstbestimmtes Leben klingen soll, ist hier nichts weiter als Just Another Popsong. Wenn man ein Stück als altbacken und überkommen erkannt hat, dann hilft ihm das einfache Überstülpen neuer ironischer Kleider auch nicht weiter. Stefan Pucher entsorgt die wahre Tragödie der Elektra in der Altkleidersammlung und befördert sie damit von der Theater-Wunderkammer direkt ins Kuriositätenkabinett der Regieeinfälle, einem Panoptikum der blutleeren Theatertoten.


    Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich stoße allen Samen aus, den ich empfangen habe. Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe. Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln. Ich begrabe sie in meiner Scham. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Heiner Müller, aus: Hamletmaschine

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    HAMLET
    PRINZ VON DÄNEMARK
    von William Shakespeare, übersetzt von August Wilhelm Schlegel

    Mit: Roman Kaminski, Traute Hoess, Christopher Nell, Norbert Stöß, Anna Graenzer, Felix Tittel, Luca Schaub, Peter Miklusz, Georgios Tsivanoglou, Boris Jacoby, Joachim Nimtz, Peter Luppa, Martin Seifert, Marcus Hahn, Rayk Hampel, René Haßfurther, Franz Jarkowski, Ulrike Just, Carsten Kaltner, Marc Lippert, Haiko Neumann, Apples in Space (Philipp Haußmann, Julie Mehlum).

    Hamlet_BE-ÖP 20.11.13 (4)Regie: Leander Haußmann
    Bühne: Johannes Schütz
    Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
    Komposition: Apples In Space
    Dramaturgie: Steffen Sünkel
    Licht: Ulrich Eh
    Kämpfe: Rainer Werner

    Dauer: 3h 30 Min (eine Pause)

    Weitere Informationen: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/95

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    ELEKTRA
    von Sophokles, Deutsch von Peter Krumme

    Mit: Katharina Marie Schubert, Susanne Wolff, Anita Vulesica, Tabea Bettin, Felix Goeser, Michael Schweighöfer, Andreas Döhler; Musiker: Masha Qrella, Michael Mühlhaus; im Video: Damian Fink, Karolin Wiegers.
    Regie: Stefan Pucher

    Bühne: Barbara Ehnes
    Kostüme: Annabelle Witt
    Musik: Christopher Uhe
    Video: Chris Kondek
    Licht: Matthias Vogel
    Ton: Matthias Lunow
    Dramaturgie: Claus Caesar

    Dauer: 1 h 30 Min (keine Pause)

    Weitere Informationen: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/elektra/

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  • RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE – Drei szenische Lesungen im neuen STUDIO Я am Maxim Gorki Theater

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    Süß findet die junge Prostituierte Bibi (Lina Krüger) Adems andauernde, ungelenke Annäherungsversuche. Süß und teuer sind auch die Baklava, die Adems Mutter Meryem (Sema Poyraz) aus der Türkei mit nach Berlin gebracht hat. Allerdings zeigt Adem (Jerry Hoffmann) mehr Interesse für Bibis Po, als für die lästigen Fragen und alten Geschichten seiner besorgten Mutter Meryem. Und dann gibt es da noch Adems Freundin Joelle (Katja Nesytowa), die Jüdin ist, und das leidige Problem: Wie bringe ich es meiner Mutter bei?

    Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.
    Das neue STUDIO Я am Maxim Gorki Theater.
    Foto: St. B.

    Um derlei Probleme, Mutter-Sohn-, Mutter-Tochter- und/oder Tochter-Vaterbeziehungen sowie dass die jungen Protagonisten immer noch mindestens ein weiteres Land mitdenken müssen, obwohl sie doch in Deutschland geboren sind und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, drehen sich die drei Stückentwicklungen, die das neue Gorki-Studio Я nun als szenische Lesungen herausgebracht hat. Die jungen Leute besitzen alle einen ganz bestimmten Hintergrund, der ihnen zu schaffen macht, ob sie nun wollen oder nicht. Ihre Eltern oder Großeltern sind irgendwann mal aus der Türkei, Afrika oder Russland nach Deutschland ausgewandert. Und wo wären ihre Geschichten besser aufgehoben, als am neuen Gorki Theater, das sich seit dieser Spielzeit mit neuer Intendanz und multiethnisch gemischtem Ensemble verstärkt den Themen der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund widmen will.

    Adem wird im Lauf des von Hakan Savaş Mican geschrieben Stücks Du weißt ich muss gehen erfahren, dass es besser ist, sich den Problemen zu stellen, als vor ihnen davon zu laufen, auch wenn das Schmerzen auf allen Seiten zur Folge haben kann. Mutter Meryem erweist sich trotz Kopftuch als weitaus weltoffener als vermutet, und auch Joelle muss im Gespräch mit der Schwiegermutter in Spe einige ihrer Vorurteile revidieren. Regisseur Michael Ronen hat die Lesung auf einem großen Bett eingerichtet, was ein wunderbares Sinnbild für Unter-einer-Decke-Stecken bzw. etwas unter der selbigen halten wollen darstellt. Ins gemachte Bett kann sich hier jedenfalls keiner legen. Hakan Savaş Micans Stück, das zu ca. zwei Dritteln zur Aufführung kam, sprüht nur so vor Wortwitz, und man möchte gern erfahren, wie sich Adem nun entscheiden wird und ob es doch noch Hoffnungen auf das türkisch-israelische Wunder gibt, oder ganz andere Wunder auf die Protagonisten warten.

    Am liebsten auf den Mond schießen möchte Noah (Ernest Allan Hausmann), der Protagonist aus mais in deutschland und anderen galaxien von Olivia Wenzel, seine Mutter Susanne. Sie, einst siebzehnjährige Punkerin in der DDR, hat sich nie sonderlich für Noah interessiert. Susanne, in allen Lebenssituationen unglaublich präsent von Gorki-Schauspielerin Ruth Reinicke dargestellt, wollte immer nur ganz weit weg und hätte ihn gern zu seinem Vater nach Angola gebracht, um dann weiter zu fliehen. Das hat sie allerdings damals nur bis in die Psychiatrie gebracht. Noah wuchs die meiste Zeit bei seinen von Susanne wegen ihrer spießigen Angepasstheit gehassten Großeltern auf. Das Stück verfolgt Noahs Leben vom dreijährigen Jungen bis zum 50jährigen Mann, der immer noch auf der Suche nach sich selbst und seinen eigentlichen Talenten ist.

    Noahs Problem ist nicht so sehr seine dunkle Hautfarbe, obwohl er sich auch mal gegen eine Bande von Skinheads verteidigen muss. Wie seine Mutter kann er in seinen Beziehungen nie wirkliche emotionale Nähe aufbauen. Als Zwanzigjähriger, nachdem er endgültig bei Susanne ausgezogen ist, beginnt er seine Hassliebe zur Mutter in einem Comic zu reflektieren. Und der beinhaltet jenen finalen Wunsch, Susanne so weit weg wie möglich in die Galaxie zu schießen. Auf der Reise zum (bei einem Preisausschreiben gewonnen) Mondflug begegnet den beiden das wunderliche Mädchen Lila (Elmira Bahrami), das mit seinen konkreten Fragen die nie ganz ausgesprochenen wunden Punkte zwischen Noah und Susanne wieder aufbrechen lässt. Die bekannte deutsch-türkische Schauspielerin İdil Üner hat den Text, der beständig zwischen Realität und Märchen changiert, mittels South-Park-Puppen und phantastischen Kostümen wunderbar eingerichtet. Olivia Wenzels Text, der am weitesten fortgeschritten war, hat durchaus das Zeug zum Publikumsrenner.

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    RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE
    Foto: Esra Rotthoff

    Zu bereits fortgeschrittener Stunde kam dann noch das Stück Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь (Wera, Nadeshda, Ljubow) von der Dramatikerin und Studio-Я-Leiterin Marianna Salzmann zur szenischen Aufführung. Hier geht es beileibe nicht nur um alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören. Die Haare dienen auch als generationsübergreifendes Sinnbild für die Sehnsüchte der Protagonisten zwischen Tradition und dem eigenen Kopf, den es durchzusetzen gilt. Die recht komplexe Handlung dreht sich um die Ärztin Wera, ihre Tochter Nadeshda und den russisch jüdischen Großvater Konstantin, früher Held der Roten Armee, jetzt krebskrank ans Bett gefesselt. Nadeshda wünscht ihre Haare loszuwerden. Konstantin, der das für eine Ersatzhandlung zur jüdischen Beschneidung hält, wünscht sich seine einstige Haarpracht zurück. Dazwischen steht die alleinstehende Wera, die zwischen dem türkischen Blumenhändler Imran und dem Amerikaner John schwankt.

    Dass auch Nadeshda zu John eine rein sexuelle Beziehung pflegte, verkompliziert das Ganze zusätzlich. Sie hat beider Frucht abgetrieben. Nun verfolgt sie dieses Kind vergangener Liebe (Ljubow) in Gedanken und erzählt makabre Witze. Wera, Nadeshda, sind nicht nur einfach drei russische Frauennamen, sondern stehen auch für die drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Trotz dass Marianna Salzmann, die bereits mit Muttersprache Mameloschn am DT und Schwimmen lernen jüngst hier im Studio Я glänzte, ihr Stück dermaßen symbolisch auflädt, hebt es nicht total ab. Diese multikulturell zusammengewürfelte und religiös so verschiedene Gruppe von Menschen kommt ausgerechnet zu Weihnachten am Bett Konstantins zusammen und tut, was alle Familien an Heilig Abend so tun. Sie lieben und sie streiten sich.

    In der von Babett Grube eingerichteten szenischen Lesung sitzt das bestens aufgelegt Ensemble wie bei einer Familienaufstellung auf Stühlen beisammen. Die Gorki-Truppe mit Marina Frenk (Ljubow), Dimitrij Schaad, Mehmet Yılmaz und ihre Gäste Katja Nesytowa (Nadeshda), Daniel Kahn und Adriana Metzlaff sowie die beiden DT-Schauspieler Anita Vulescia und Bernd Stempel als Wera und Konstantin spielen sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes in einen Rausch und bekommen dann noch nacheinander die Haare geschnitten. Nicht zuletzt hier zeigt sich, dass die Themen dieser Stücke direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Um die Zukunft des neuen Gorki-Studios unter der Leitung von Marianna Salzmann muss man sich so keine Sorgen mehr machen.

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    Gorki-StudioDie insgesamt sieben Stücke der Reihe RAUŞ – Neue deutsche Stücke werden im Januar 2014 noch einmal im koproduzierenden Ballhaus Naunynstraße zu sehen sein. Die Texte und Portraits der Autoren kann man im Gesellschaftsmagazin freitext, Heft 22 (10 €) nachlesen.

    Premiere vom ersten Abend war am 29. 11.2013 im Studio Я.

    RAUŞ – Neue deutsche Stücke

    Stagediving

    Eine Kooperation vom Maxim Gorki Theater mit dem Ballhaus Naunynstraße und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext, gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

    Du weißt ich muss gehen
    Von Hakan Savaş Mican
    Szenische Einrichtung: Michael Ronen
    Mit Jerry Hoffmann, Katja Nesytowa, Sema Poyraz, Lina Krüger

    mais in deutschland und anderen galaxien
    Von Olivia Wenzel
    Szenische Einrichtung: İdil Üner
    Mit Ernest Allan Hausmann, Ruth Reinecke, Heide Simon, Peter von Strombeck, Prodromos Tsinikoris, Katharina Alf, Elmira Bahrami

    Zöpfe – Вера, Надежда, Любовь
    Von Marianna Salzmann
    Szenische Einrichtung: Babett Grube
    Mit Anita Vulescia, Katja Nesytowa, Marina Frenk, Bernd Stempel, Daniel Kahn, Mehmet Yılmaz, Dimitrij Schaad, Adriana Metzlaff

    Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/raus-neue-deutsche-stuecke-29-11-13/

    zuerst erschienen am 02.12.2013 auf Kultura-Extra

    siehe auch Beitrag auf Freitag-Community

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  • Vom 5.-10. November fand wieder das 23. FilmFestival in Cottbus statt – Eine Bilanz des Wettbewerbs und seine Preisträger

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    Am vergangenen Samstag ging das 23. Festival des osteuropäischen Films mit der Preisverleihung in der Stadthalle Cottbus zu Ende. 150 Filme aus 38 Ländern standen diesmal auf dem Programm. Mit 20.300 Zuschauern konnte das Festival auch einen neuen Besucherrekord verbuchen. Das Cottbuser Publikum und zahlreiche internationale Gäste füllten besonders an den Abendveranstaltungen die fünf Festival-Kinos in der Stadthalle, dem Weltspiegel, den Kammerspielen des Staatstheaters Cottbus sowie dem Gladhouse- und Obenkino. Bis zu 700 Filme wurden für das Festival gesichtet, wie Programmchef Bernd Buder, der auch den erkrankten Festivalchef Roland Rust vertreten muss, dem Medienpartner Radioeins vom RBB verriet. Bei der Auswahl sei man dabei wie immer um ästhetische und thematische Vielfalt bemüht gewesen. Und so bekam man dann auch eine breite Palette an Genre-, Autoren- oder epischen Filmen im Programm des Festivals geboten. In den Spielfilmwettbewerb hatten es diesmal elf Filme aus dreizehn Ländern geschafft. Das lag vor allem daran, dass viele Filmschaffende Osteuropas untereinander kooperieren oder sich Produzenten aus dem Westen Europas suchen.

    Stadthalle Cottbus - Foto: St. B.
    Die Stadthalle Cottbus – Foto: St. B.

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    Gleich zum Anfang machte das FilmFestival Cottbus mal wieder seinem Ruf alle Ehre, eine besonders novembrige Veranstaltung mit Hang zur Melancholie zu sein. Besonders düster in Farbe und Thema war dann auch der Beitrag aus Bosnien-Herzegowina, Für die, die keine Geschichten erzählen können. Die Idee zum Film geht auf eine Tanzperformance der Australierin Kym Vercoe zurück, die bei einem Festival in Sarajevo aufgeführt wurde. Vercoe verarbeitete darin ihre Erlebnisse als Touristin im Nachkriegsbosnien. Durch Zufall erfährt sie später im Internet, dass das Hotel in dem für seine alte Brücke bekannten Višegrad, in dem sie übernachtet hatte, während des Krieges als Vergewaltigungscamp genutzt wurde. Bei einer zweiten Recherchereise in die Republika Srpska, dem von Serben bewohnten Teil Ost-Bosniens, stößt sie bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer aus Mistrauen, Schweigen und sogar offener Feindseligkeit. Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić, bekannt durch den Film Grbavica, der den Goldenen Bären bei der BERLINALE 2006 erhielt, musste diesen Stoff unbedingt in einen Film umsetzten. Mit der Australierin Vercoe in der Hauptrolle stellt sie deren Bemühungen, den stummen Opfern (nichts in der Stadt verweist auf die Kriegsverbrechen) eine Stimme zu verleihen, in einer Art semidokumentarischem Streifen nach. Der Film entstand fast ohne Budget und besitzt allein durch die ständige Präsenz und den hartnäckigen Kampf der Hauptdarstellerin gegen das Vergessen eine Dringlichkeit, die bei aller Sparsamkeit der Mittel und Schwierigkeit des Drehs vor Ort doch ein stetiges Unbehagen beim Zuschauer erzeugt und somit für den notwendigen Gesprächsstoff sorgen dürfte.

    Die Religionen in Osteuropa waren großes Thema des letztjährigen Festivals. Diesmal hatte es die Ökumenische Jury etwas schwerer, einen passenden Beitrag zu prämieren. Der Preis ging an den serbischen Wettbewerbsbeitrag Odumiranje (Das Verschwinden) von Regisseur Miloš Pušić. Hier spielt zur Abwechslung mal den Krieg in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens nur ganz am Rande eine Rolle. Hauptthema ist das Ausbluten der ländlichen Gebiete. Bis zu 300.000 junge Serben haben nach Aussage des Mitproduzenten und Hauptdarstellers Branislav Trifunovic schon das Land verlassen. Einer von ihnen ist Janko, der es selbst in der Hautstadt Belgrad nicht mehr aushält und sich entschlossen hat, in die Schweiz auszuwandern. Zuvor will er schnell noch den väterlichen Grund und Boden, auf dem auch das Grab des Vaters liegt, zu Geld machen und kehrt dazu in sein Heimatdorf zurück. Hier lebt noch seine Mutter, die die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass sich Janko doch noch mit einer Frau hier niederlassen wird. Ihre Einwände und Wünsche spielen für Janko aber keine Rolle. Die Hoffnung der Mutter wie auch die Hoffnungen der anderen Dorfbewohner stellen sich bald als Selbstbetrug heraus. Sämtliche Familienverhältnisse sind hier längst tief zerrüttet.

    Odumiranje (Das Verschwinden) von  Miloš Pušić. Foto (c) FFC
    Odumiranje (Das Verschwinden) von Miloš Pušić. Foto (c) FFC

    Janko lässt sich in seiner Entscheidung auch nicht durch Strahinja, den alten Freund des Vaters, der sich schon vor Jahren erhängt hat, umstimmen. Auch Strahinja selbst steckt in einer tiefen familiären Krise, die er mit sentimentaler Musik und Alkohol ersäuft. Im Film geht es um das Wegbrechen von familiären Traditionen und den Verlust der Heimatverbundenheit infolge mangelnder Perspektiven. Das weite, karge Land tut sein Übriges zu diesem fast wie ein Kammerspiel wirkenden Film, der auch tatsächlich auf einem Theaterstück beruht, und hier zum stummen Mitspieler und bildgewaltigen Mahner wird. Die Ökomenische Jury sah darin vor allem ein moralisches Dilemma und einen provokanten Verweis darauf, das 4. Gebot „Ehre deine Eltern“ neu zu überdenken. Mit dem kroatisch-serbischen Film Svecenikova Djeca (Die Kinder des Priesters) übte ein anderer Wettbewerbsbeitrag Kritik an den strengen Dogmen des Katholizismus und der Scheinheiligkeit sowie den Verfehlungen des Klerus. Regisseur Vinko Brešan erzählt von einem übereifrigen Priester, der, um die Moral seiner Schäfchen zu stärken und den Kindermangel auf einer kleinen kroatischen Insel zu bekämpfen, u.a. Löcher in Kondome sticht. Dass, wenn man selbst Gott spielen möchte, auch einiges schief laufen kann und dem Priester dabei schließlich des Heft des Handelns entgleitet, zeigt dieser Film auf schwarzhumorige Weise, was zum Ende hin auch ins Tragische kippt.

    Der dritte Beitrag aus einer der Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens ist in Slowenien angesiedelt. Chefurji raus! (Chefurs raus!) spielt in der Ljubiljaner Hochhaussiedlung Fužine, in der überwiegend Einwanderer aus den anderen Republiken des einstigen Vielvölkerstaats leben. Eine Gruppe von Jugendlichen um den Basketballer Marko verbringt hier ihre Zeit mit dem Abhängen vor den Blocks. Die Jungs sind auf der Suche nach einer eigenen Identität und zeigen dies auch stolz in machohaften Gesten und Opposition gegen Elternhaus und Staatsgewalt. Sozialkritische Studie und Coming-of-Age-Drama gleichermaßen, zeigt der Spielfilm nicht ganz ohne Witz ihren Alltag zwischen Traditionen, zerbrechenden Familienbanden und Ausgrenzung durch die slowenische Gesellschaft. Auch dieser Film hat eine bekannte literarische Vorlage und wurde bereits als Theaterstück umgesetzt. Der auf realen Erlebnissen von Jugendlichen aus diesem Stadtviertel beruhende Plot zeigt durchaus Parallelen zu in Deutschland oder anderswo im Westen lebenden Menschen mit Migrationshintergrund, was auch das Interesse am Stoff über die Grenzen Sloweniens hinaus und die Übersetzung der Novelle in mehrere Sprachen erklärt.

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    Einer der Höhepunkte dürfte der polnische Spielfilm Papusza vom Regie-Duo Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze gewesen sein. Ein gewaltiges filmisches Epos und beeindruckender Beitrag zum diesjährigen Fokus auf das Leben der Roma im Wettbewerb des Festivals. In langen Einstellungen und vielen Rückblenden erzählt der in Schwarz-Weiß gedrehte Film das Leben der ersten Roma-Dichterin Bronislawa Wajs, genannt Papusza, in einem Zeitraum von ihrer Geburt 1910 bis in die 1970er Jahre des kommunistischen Polens. Die junge Papusza, ein lebhaftes, neugieriges Mädchen, lernt bei einer jüdischen Buchhändlerin, die sie dafür mit gestohlenen Hühnern bezahlt, lesen und schreiben. Ein Schulbesuch bleibt ihr aber verwehrt. Mit 15 wird sie mit dem viel älteren Harfenspieler und Clanchef Dionizy Wajs verheiratet. Der polnischer Schriftsteller Jerzy Ficowski, der sich einige Monate nach dem Krieg bei der fahrenden Romagruppe vor den polnischen Behörden verstecken muss, erkennt ihr lyrisches Talent und bewegt sie dazu, ihre Gedichte aufzuschreiben. Später sorgt er auch für Veröffentlichungen in polnischen Zeitungen. Nachdem er im kommunistischen Staatsapparat aufgestiegen ist, schreibt Ficowski ein Buch über seine Erlebnisse und die Lebensweise der polnischen Roma, für das er auch Gedichte von Papusza verwendet.

    Papusza von Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze - Foto (c) FFC
    Papusza von Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze
    Foto (c) FFC

    Der Film verfolgt das harte Leben der fahrenden Roma von der Verfolgung vor und während des Krieges, bis zu den Zwangsmaßnahmen zur Sesshaftmachung durch die kommunistische Regierung Polens. Das Leben in der Natur, Sehnsüchte und Träume, aus denen ihr dichterisches Vermögen entspringt, werden Papusza dabei aber auch zum Verhängnis. Die um ihre Identität fürchtenden Roma sehen in Papusza eine Verräterin ihrer Geheimnisse und Gebräuche. Die unglückliche Ehe, ständige Armut und schließlich der Ausstoß aus der Gemeinschaft der Roma lassen Papusza schließlich seelisch und psychisch zusammenbrechen. Ein tragisches Leben als bedrückendes und zugleich aufwühlendes Filmerlebnis.

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    Etwas heller wurden die Farben dann in der ukrainisch-türkischen Koproduktion Lyby meine (Liebe mich). Allerdings nicht in dem Maße, wie es sich die Regisseurin Maryna Er Gorbach vorgestellt hatte. Sie unterbrach die Vorführung im Weltspiegel wegen ästhetischer Unzumutbarkeit, so dass nur ein Gang in den Presse-Vorführraum des Festivals blieb, um den Film noch in voller Pracht sehen zu können. Die technische Panne bewahrte zumindest einen Teil des Cottbuser Publikums vor einem etwas zu dick aufgetragenen Sozialkitsch.

    Der junge Türke Cemal bekommt von seinem Onkel vor der Hochzeit eine Reise in die Ukraine geschenkt. Dort will man sich noch mal so richtig ausleben, bevor der traditionelle Ehealltag in der Türkei beginnt. Cemal rutscht hier als Sextourist wider Willen in einige Verwicklungen um die junge schöne Kiewerin Sasha, die ihn aus Liebes-Frust (ihr verheirateter Geliebter hat sie an Silvester versetzt) aus einem einschlägigen Club abschleppt. Die mondäne Sasha kommt eigentlich aus ärmlicheren Verhältnissen, und bei der Suche nach der verstörten Großmutter lernt Cemal mit ihr die ukrainischen Verhältnisse hinter den glitzernden Sex-Bars kennen. Das erschöpft sich allerdings in den üblichen Klischeebildern von Säufern, Rassismus, korrupten Polizisten, abgerissenen Mietskasernen und dem allgegenwärtigen Mangel in der postkommunistischen, ehemaligen Sowjetrepublik. Etwas zu blauäugig erscheint hier der junge Türke auf seinem unfreiwilligen Sex-Trip. Und die allzu schöne, etwas oberflächlich gezeichnete Sasha ist auch keine wirklich herausragende Charakterstudie. Man hat das alles schon wesentlich eindrücklicher gesehen.

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    Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank) von Aleksandr Veledinsky - Foto (c) FFC
    Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank) von Aleksandr Veledinsky – Foto (c) FFC

    Schalgartig heiterer wurde es dann in der russischen Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank). Der Film von Aleksandr Veledinsky berichtet in flotten Sprüchen und mit viel Humor über das Leben eines Geografielehrers in der eintönigen, russischen Provinzstadt Perm. Viktor, eigentlich Biologe, ist wegen seiner Trunksucht in Moskau entlassen worden und ergreift die Chance, als Lehrer in der Provinz den Unterhalt für seine kleine Familie zu verdienen. Er bemüht sich zunächst noch, den desinteressierten Jugendlichen etwas über ihre Heimat und den Fluss Kama beizubringen, gibt aber schnell auf und verfällt wieder dem alten Trott aus Saufgelagen mit seinem Kumpel und amourösen Abenteuern mit den ebenfalls frustrierten Frauen der Stadt. Der graue Himmel, der die Sonne nur schemenhaft durchlässt und von einer Schülerin als permanente Explosion bezeichnet wird, charakterisiert auch gut Viktors Stimmungsschwankungen. Der zunehmend zynische, sich selbst als überflüssigen Menschen bezeichnende Viktor erkennt erst auf einer Klassenfahrt mit Raftingtour auf der Kama, die fast in einem Drama endet, wieder den Blick für das eigentlich Wesentliche in seinem Leben.

    Aleksandr Veledinskys wunderbare Tragikomödie konnte aber schließlich nicht wie vermutet den Publikumspreis, dafür aber überraschender Weise den Hauptpreis, die gläserne Lubina, mit nach Hause nehmen. Der Regisseur weilte leider nicht in Cottbus, so dass die Lubina für den besten Spielfilm von Olga Vostretsowa, der ehemaligen Programmkoordinatorin des Goethe Instituts Moskau, entgegengenommen wurde. Der Wettbewerbs-Jury imponierte an dieser „Geschichte um einen modernen, russischen Heiligen“ auf der Suche nach dem Glück vor allem die vorzügliche Beherrschung des Handwerks und seine große Verspieltheit. Was in dieser Kombination tatsächlich preiswürdig sein dürfte. Der Film lief ebenfalls schon recht erfolgreich auf den Festivals in Sotchi und Odessa und wird am 27. November im Kino International die 9. Russische Filmwoche in Berlin eröffnen.

    Pepe Danquwart im Weltspiegel - Foto: St. B.
    Pepe Danquwart im Weltspiegel – Foto: St. B.

    Zuvor hatte der Eröffnungsfilm des Festivals Lauf, Junge, lauf von Regisseur Pepe Danquart den Publikumspreis eingeheimst. Die deutsch-französische Koproduktion beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Uri Orlev, der 2004 die Erlebnisse des heute in Israel lebenden Yoram Friedmann während der Jahre 1942-1945 im besetzten Polen aufgeschrieben hatte. Als Neunjähriger war Friedmann aus dem Warschauer Ghetto geflohen und versuchte, indem er sich als polnische Waise ausgab, in den Wäldern und unter polnischen Bauern den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Jurek, wie sich der jüdische Junge Srulik in Orlevs Roman nennt, wird im Film von den polnischen Zwillingen Andrej & Kamil Tkacz verkörpert. Bei seiner Flucht vor der SS und deutschen Wehrmacht durch das katholisch geprägte, ländliche Polen erfährt Jurek Nächstenliebe und Hilfe, wie auch Gewalt und Verrat. Pepe Danquart setzt auf starke, emotionale Bilder, versucht aber weitestgehend großformatigen Hollywood-Kitsch zu vermeiden. Der Film kommt im April 2014 in die deutschen Kinos.

    Elisabeth Duda, Hauptdarstellerin von Lauf, Junge lauf und Jurymitglied bei der Preisverleihung - Foto: St. B.
    Elisabeth Duda, Hauptdarstellerin von Lauf, Junge lauf und Jurymitglied bei der Preisverleihung – Foto: St. B.

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    Die Themen und Genres der Wettbewerbsfilme waren in diesem Jahr sehr vielschichtig und breit gefächert, was die Entscheidung sicher nicht gerade leicht gemacht haben dürfte. Bis zum Ende hatte sich kein wirklicher Favorit auf die Hauptpreise herauskristallisiert. Die recht jung besetzte Jury streute die Preise trotz allem scheinbar recht zielsicher. Das Votum fiel eindeutig zu Gunsten künstlerisch und handwerklich herausragender Leistungen aus und nicht (wie sonst öfter) für besonders sozialkritische Projekte oder mutige Low-Budget-Produktionen. Eine solche dürfte auch die rumänisch-moldawische Koproduktion La Limita de jos a cerului (Der untere Rand des Himmels) von Igor Cobileanski sein. Ohne rumänische Hilfe hätte dieser Film sicher nicht entstehen können. Eine in ruhigen Bildern gezeichnete Geschichte über die Schwierigkeiten junger Menschen in der moldawischen Provinz, die in wenig aussichtsreicher Position ihren Platz im Leben finden müssen, ohne dabei ihre moralische Integrität aufzugeben oder sich selbst untreu zu werden. Hier hatte zumindest die Jury der Fédération Internationale de la Presse Cinématographique ein Einsehen und verlieh dem Film den FIPRESCI Preis der Filmkritik.

    Der ebenfalls sehr ambitionierte, semidokumentarische bosnische Beitrag Für die, die keine Geschichten erzählen können von Regisseurin Jasmila Žbanić über die Nachforschungen einer Australierin zu den Hintergründen eines ehemaligen Rapecamps in einem Hotel der Stadt Višegrad ging dagegen leer aus.

    Den Preis für eine herausragende Darstellerin erhielt Michaela Bendulová für ihre Rolle der 15-jährigen Ela in der slowakisch-tschechischen Koproduktion Zázrak (Wunder) vom slowakischen Regisseur Juraj Lehotskýs. Ela wird von ihrer Mutter, die nicht mit ihr fertig wird, einfach in ein Kinderheim abgeschoben. Das Mädchen versucht immer wieder zu fliehen, um ihren Freund Roby zu suchen. Ihr Traum ist es in England als Friseurin zu arbeiten. Roby ist drogensüchtig und hat Schulden bei zwielichtigen Typen, die nun ihr Geld eintreiben wollen. Um Roby zu helfen, lässt sich Ela für ihre Liebe ohne lange nachzudenken auf eine gefährliche Sache ein. Die Rollen der Jugendlichen im Film sind ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt, von denen sich Michaela Bendulová als Ela mit ihrer eindrücklichen Spielweise besonders hervortut. Ein starker Film, der durchaus mehr verdient hätte.

    Ähnliches lässt sich sicher auch über den slowenisch-kroatischen Wettbewerbsfilm Chefurs raus! von Regisseur Goran Vojnović sagen, der eine Gruppe Jugendlicher in einer Plattenbausiedlung am Rande Ljubljanas porträtiert. Aber nicht der anwesende junge Hauptdarsteller Benjamin Kretić erhielt den Preis für einen herausragenden Darsteller, sondern der bosnische Schauspieler Emir Hadžihafizbegović für seine ungeheure Präsenz in der Nebenrolle als dessen Vater Radovan.

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    Major von Yury Bykov - Foto (c) FFC
    Major von Yury Bykov – Foto (c) FFC

    Der Spezialpreis der Wettbewerbsjury für die beste Regie ging etwas überraschend an das künstlerische Multitalent Yury Bykov für dessen Film Major, dem zweiten russischen Beitrag im Wettbewerb. Bykov zeichnet neben der Regie auch für Drehbuch, Schnitt sowie die Musik verantwortlich und spielt eine der Hauptrollen. Das allein scheint aber nicht ausschlaggebend für diese Entscheidung gewesen zu sein. Der vom zweifachen Cottbus-Preisträger Alexey Uchitel (Der Spaziergang / Gefangen) produzierte Film will mit einfachen, schlagenden Mitteln überzeugen. Bykows Thema ist die latent im Menschen lauernde Gewaltbereitschaft, die in Extremsituationen urplötzlich und ungebremst zum Ausbruch kommen kann. In Major ist es ein ganzer, organisierter Mechanismus aus Gewalt, Angst und hierarchischem Korpsgeist unter Polizisten.

    Polizeimajor Sobolev ist auf spiegelglatter Straße irgendwo in der russischen Provinz auf dem Weg zur Entbindung seiner Frau. Er verursacht einen Autounfall, bei dem ein Kind getötet wird. Das soll nun mit allen Mitteln vertuscht werden. Die Mutter wird brutal eingeschüchtert und gezwungen eine falsche Aussage zu unterschreiben. Nachdem ihr Mann mit einer Schusswaffe in die Polizeistation eindringt, eskaliert die Gewalt. Schließlich geht es, um Zeugen zu beseitigen, auch unter den Polizisten jeder gegen jeden. Regisseur Bykow zielt hier aber nicht, wie vielleicht nahe liegend, auf die gegenwärtigen politischen Zustände in der russischen Gesellschaft, sondern inszeniert ein spannendes, nahezu perfektes Actiondrama über die Bereitschaft von Menschen, für die Durchsetzung eigener Ziele auch Gewalt anzuwenden. Darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein, was die etwas kritische Haltung des Publikums beim Gespräch mit dem anwesenden Koproduzenten nach der Präsentation des Films belegt. Diskussionswürdig ist das Thema aber allemal.

    Das 24. FilmFestival Cottbus findet vom 4. bis 9. November 2014 statt.

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    Filmtrailer: Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank) Youtube

    Weitere Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

    Liste der Preisträger: http://www.filmfestivalcottbus.de/usr_files/463_Liste_Preistr%C3%A4ger-2013.pdf

    Stadthalle mit Loge

    siehe auch:

    http://www.kultura-extra.de/film/veranstaltung/23cottbuserfilmfestival_ersteeindruecke.php

    http://www.kultura-extra.de/film/veranstaltung/23cottbuserfilmfestival_preistraeger.php

    http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/das-23-filmfestival-in-cottbus-5-10-11-13

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