„Die Großstadt soll der Individualität eine Umgebung sein. Aber wehe, wenn sie selbst Individualität hat und eine Umgebung braucht.“Karl Kraus, aus: Aphorismen (1912), V. Von zwei Städten
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Gustav Klimt: Johanna Staude (unvollendet), 1917/18
Was der Wiener Karl Kraus vom Moloch Berlin hielt, hat er in mehreren gallig scharfen Aphorismen verdeutlicht. Aber auch Wien kommt bei ihm bekanntlich nicht viel besser weg. „Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“ Kraus muss es wissen, er hat in beiden Metropolen eine nicht unerhebliche Zeit zugebracht.
Und so war er auch dem heute in beiden Städten gleichermaßen als Malerfürsten anerkannten Gustav Klimt nicht sonderlich gewogen und übte scharfe Kritik an dessen überbordender Ornamentik. Um Klimts umstrittene Fakultätsbilder für die Wiener Universität entbrannte sogar ein regelrechter Kritikerkrieg. Es ging dabei um die sogenannte Nuda Veritas, wie der Titel eines Klimt-Gemäldes verrät, also nichts weniger als die nackte Wahrheit. Für Karl Kraus wie auch den Klimt-Verteidiger Hermann Bahr stand neben dem Werk von Klimt aber vor allem auch die eigene Person im Mittelpunkt. Kraus warf Bahr dessen enge Kontakte zu den Künstlern vor und blieb selbst stets der Einzelkämpfer, mit seiner Fackel nur sich und der Wahrheit verpflichtet. Umso bitterer dann für Kraus, dass es Bahr gelang als Regisseur und mit eigenen Werken bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin zu reüssieren, während ihm gleiches mit seinem Monumentalwerk Die letzten Tage der Menschheit nicht vergönnt war.
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Die Berlinische Galerie in der alten Jakobstraße.
Die Beziehungen Wien-Berlin sind in Sachen Theater, Literatur, Musik also bereits hinreichend geklärt. Dramatiker, Theaterregisseure, Schriftsteller und Komponisten wie Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Joseph Roth und Hanns Eisler stehen dafür mit ihren Werken. Die in beiden Metropolen beginnende Durchsetzung der Psychoanalyse von Sigmund Freud tat ihr Übriges zur engeren Verbandelung von Wien und Berlin. Wie es dabei um die Beziehungen der bildenden Künstler an Donau und Spree stand, zeigt nun eine große Ausstellung, die am 23. Oktober feierlich in der Berlinischen Galerie eröffnet wurde.
Unter den Wiener Malern sind Gustav Klimt und sein legitimer Nachfolger Egon Schiele über die Grenzen beider Metropolen hinaus stadtbekannt. Ihre gezeigten Werke sind in den Museen Wiens ein steter Publikumsmagnet. Als der erst 28jährige Schiele nach dem 1. Weltkrieg und Niedergang der Donaumonarchie 1918 der grassierenden Spanischen Grippe zum Opfer fiel – knapp neun Monate zuvor war bereits Klimt verstorben – war das ein tiefer Einschnitt für die Wiener Moderne. Hier endet dann auch meist die Kennerschaft des deutschen Wienbesuchers, und gleichermaßen dürfte es wohl auch dem Wiener Gast mit den meisten Berliner Künstlern gehen. Dass nun ausgerechnet die im Schatten des die Besucherströme anziehenden Jüdischen Museum gelegene Berlinische Galerie endlich mit diesem Halbwissen aufräumen will, ist löblich und guter Grund, noch die paar Schritte weiter in die Alte Jakobstraße zu gehen.
Blick in den Ausstellungsteil Secessionen
Einen ziemlich ähnlichen Kampf gegen die vorherrschende akademische Kunstauffassung sowie antisemitische Ressentiments in Deutschland hatte bereits etliche Jahre vor Gustav Klimt der Berliner Maler Max Liebermann bezüglich seines Gemäldes Der zwölfjährige Jesus im Tempel auszufechten. Eine erste echte Gemeinsamkeit also zwischen den um die Jahrhundertwende mit ihren Werken in die Moderne aufbrechenden Künstlern aus Wien und Berlin. Die nun in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Galerie Belvedere organisierte Schau Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz beginnt dann auch mit den Malern der Wiener und Berliner Secessionen. Wie selbstverständlich hängen da ein SelbstbildnisMax Liebermanns, des führenden Malers der Berliner Secession, und ein Portrait des besagten Kunstkritikers Hermann Bahr von Emil Orlik einträchtig nebeneinander.
Aus Sicht des Kurators Dr. Ralf Burmeister sind Wien und Berlin zwei Metropolen, die sich zwar geschwisterlich ähneln, wie Geschwister aber auch ein sehr unterschiedliches Temperament haben. Wobei Berlin dabei der Part des Stürmischeren, Direkteren zukäme, Wien dagegen zurückgenommener und feiner im Stil sei. Und so lassen sich in den hier ausgestellten Werken bei ähnlicher Motivwahl doch immer auch Unterschiede in der Grundstimmung der Sujets oder Mentalität der Portraitierten feststellen.
Ernst Barlach: Bettlerin mit Schale, 1906
Neben dem dunkel leuchtenden Waldsee-Gemälde Aus der Mark von Walter Leistikow hängt ein helles Birkenwäldchen im Abendlicht von Carl Moll. Neben der nächtlichen Berliner Straßenszene von Lesser Ury sieht man eine Donaulände im Sommer von Franz Jaschke. Einerseits harter Realismus der Wärmehalle in Berlin von Jens Birkholm, anderseits ein eher pfiffig wirkender Wiener Pülcher von Josef Engelhart. Der Berliner Hans Baluschek und der Wiener Ferdinand Andri zeigten dagegen beide die ländliche und städtische Bevölkerung in stimmungsgeladenen Alltagsszenen.
Die Unterschiede erschöpfen sich dann auch nicht allein in hell oder dunkel, gefühlvoll oder rau. Auch nicht in der Wahl zwischen Wiener Schnitzel oder Eisbein mit Sauerkraut. Wie in Strudel und Pfannkuchen mancherlei stecken kann, so ist die Beziehung beider Städte auch entsprechend vielgestaltig, beeinflussten sich die Kunst-Stile und befruchteten sich unterschiedliche Strömungen an Donau und Spree wechselseitig. Von einem ersten Austausch zeugt hier ein Plakat von Julius Klinger zur Wiener Kunstschau von 1916 in der Berliner Secession. Während die Berlinerin Käthe Kollwitz mit ihren Grafiken auch in Wien gegen den Hunger anmahnte, ging der Wiener Emil Orlik 1905 nach Berlin, wurde dort Mitglied der Secession und Professor an der Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums. Zu seinen Schülern gehörten so bekannte Künstler wie Georg Grosz und Hanna Höch. Für ein Gastspiel des Deutschen Theaters mit Hauptmanns Webern in Prag und Hamburg gestaltete Orlik das Plakat.
Der in Wien vorherrschende Jugendstil wird vom Berliner Maler Fidus aufgenommen. Architektur und Design der Wiener Werkstätten drängen nach Berlin. Mit Kolomann Moser ist ihr wohl wichtigster Vertreter mit einigen Werken zu sehen. Und eine kleine verspätete Reminiszenz zum in Berlin so gut wie unbeachteten Klimt-Jahr 2012 wird hier zum Ereignis. Die groß gemusterte Bluse derJohanna Staude ist im Original sowie im gleichnamigen Ölbild von Gustav Klimt zu bewundern. Ihr zur Seite gestellt ist die schwungvolle Tänzerin Baladine Klossowska,Schwester des in Paris und Berlin arbeitenden Malers Eugen Spiro.
William Wauer: Bildnis Herwarth Walden, 1917
Der Expressionismus hält 1910 in Wien mit dem Maler Oskar Kokoschka Einzug und drängt via Herwarth Waldens WochenschriftDer Sturm ins avantgardistische Berlin. Eine große Vitrine zeigt Ausgaben jener Jahre. Im Gegenzug veröffentlicht Else Lasker-Schüler Zeichnungen und Gedichte in Karl Kraus‘ Wiener Fackel. In der boomenden Metropole Berlin sind bereits die Maler der Künstlervereinigung Die Brücke am Werk. Ernst LudwigsKirchners Frauen auf der Straße hängen in der Ausstellung neben weiteren ausdrucksstarken Bildern der Brücke-Künstler Max Pechstein und Erich Heckel. Ihnen gegenübergestellt sind die nicht minder farbgewaltigen Wiener Expressionisten wie Herbert Boeckl, Anton Kolig oder Oskar Kokoschka mit seinem Bildnis der Nell Walden. Da darf natürlich auch William Wauers kubistische Bronzebüste Bildnis des Herwarth Walden aus der Berlinischen Galerie nicht fehlen.
Wie ein Solitär zwischen all dieser expressiven Farbigkeit wirkt da das sparsame und dennoch ausdrucksstarke Bildnis des Verlegers Eduard Kosmack von Egon Schiele. Daneben ein Schiele-Portrait von Max Oppenheimer. Schiele hatte seinen Wiener Malerkollegen im gleichen Jahr ebenfalls porträtiert. Eine Entdeckung auch die von 1913 bis zu ihrem Tod in Wien lebende deutsche Malerin Helene Funke mit ihrem sinnlichen an den Pariser Fauves geschultem Frauengruppenbildnis Träume.
Hanna Hoech: Dada-Puppen, 1916-17
1914 zog ein Großteil der Wiener und Berliner Künstler zunächst begeistert in den 1. Weltkrieg. Ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiteten sie dabei ganz unterschiedlich. Sehr direkt zeigen die grafischen Mappenwerke des Berliners Georg Grosz die Kriegsgreuel. Ludwig Meidner malte düstere Untergangsszenarien wie Apokalyptische Landschaft und jüngster Tag. Noch mehr mit Symbolik aufgeladen sind die Werke der Wiener Maler wie Ludwig Heinrich Jungnickel mit seinem Gemälde Die Sintflut und Fritz Schwartz-Waldegg als Vertreter der Verlorenen Generation der Zwischenkriegszeit mit seinem aufwühlenden Selbstbild Bekenntnis.
Gestreift wird auch die in den 1920er Jahren in Berlin entstandene Avantgardekunstbewegung des Dada. Mit ihren reichen Beständen an Grafiken, Collagen, Ölbildern und Objekten von Georg Grosz, Hanna Höch und Raoul Hausmann kann die Berlinische Galerie hier aus dem Vollen schöpfen. Dada blieb allerdings in Wien ebenso unbeachtet, wie der in Wien aufkommende futuristische Kinetismus kaum Nachahmer in Berlin fand. Die Wiener Avantgarde erreichte immerhin noch mit der Malerin und angewandten Künstlerin Friedl Dicker sowie dem Schweizer Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten das Weimarer Bauhaus. Bemerkenswert ist hier in der Berliner Schau aber vor allem die in Deutschland relativ unbekannte Wiener Künstlerin Erika Giovanna Klien mit ihren futuristischen Großstadtbildern von Menschen und Maschinen sowie der comicartigen Bildergeschichte Klessheimer Sendbote.
Rudolf Belling: Max Schmeling, 1929 – Lotte Laserstein: Tennisspielerin, 1929
Einen besonders großen Raum nimmt in der Berlinischen Galerie natürlich die Zeit der Neuen Sachlichkeit ein. Eine klar vermutete Domäne der Berliner Künstler der 1920er und 30er Jahre wie Otto Dix, Rudolf Schlichter, Christian Schad und Jeanne Mammen. Ihren bekannten Portraits werden Wiener Realisten wie Herbert Ploberger,Rudolf Wacker und Albert Paris Gütersloh, Lehrer und Vater der nach dem 2. Weltkrieg aufstrebenden Wiener Phantasten um Ernst Fuchs und Wolfgang Hutter, gegenübergestellt. Franz Lerchs Schlafendes Mädchen korrespondiert hier wunderbar mit Karl HofersRuhendem Mädchen. Die Wiener Straßenszenen des Grafikers Wilhelm Traeger stehen Max BeckmannsBerliner Reise in nichts nach und der Pressezeichner B. F. Dolbin karikierte Wiener und Berliner Theatergrößen wie Max Reinhardt, Bertolt Brecht, Lotte Lenya, Fritz Kortner und Alfred Kerr.
Die Ausstellung schließt mit den bedrückenden Bildern der unter den Nazis im KZ ermordeten Felix Nussbaum und Friedel Dicker-Brandeis und kann dann noch einmal mit dem vor einem Jahr im Kunsthandel wieder aufgetauchten Bildnis Im Gasthaus von Lotte Laserstein punkten, das sich nun im Besitz einer Privatsammlung befindet. Laserstein konnte 1937 noch rechtzeitig nach Schweden emigrieren. Schon 1930 wehte eine Art melancholische Vorahnung durch ihre Tischgesellschaft Abend über Potsdam. Hier ist man aber noch längst nicht am Endpunkt der Wien-Berlin-Connection. Die Ausstellung verlangt förmlich nach einer Fortsetzung. Auch in der Nachkriegsmoderne ließen sich noch so manche Gemeinsamkeiten und Gegensätze finden. Die Berlinische Galerie muss sich hierfür nur nach weiteren Partnern in Wien umsehen. Ein erster Schritt ist mit dieser großartigen Schau getan.
Als hervorragende Ergänzung zur Ausstellung dient der reich bebilderte und mit etlichen lesenswerten Beiträgen zum Kunstverständnis beider Städte vervollständigte Katalog, der seine immerhin 39 Euro auch tatsächlich wert ist.
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Lotte Laserstein: Im Gasthaus, 1927
Wien Berlin Kunst zweier Metropolen 24.10.2013–27.01.2014
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und
Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin
„Ein Schrei durch die Brandung! Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut. Ein Wrack auf der Sandbank, noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich‘s der Abgrund.“ Otto Ernst, aus: Nis Randers, verwendet in Brandung von Maria Milisavljevic
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Diese und noch einige andere poetische Einlassungen im sonst recht epischen Text von Maria Milisavljevic geben ihrem Stück Namen und Richtung. Und noch von anderer Seite ist poetisch Hochtrabendes in den Text geflossen. Regisseur Christopher Rüping stellt den Musiker des Abends, Christoph Hart, als bebildertes Zitat an den Anfang. Er, oben Mensch und unten Fisch, spricht einen Auszug aus Hermann Hesses Demian. Bei Hesse heißt es in der Einleitung zum Roman weiter: „Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ Maria Milisavljevic geht es um die Rückkehr zu den Wurzeln der Kindheit, um die Herkunft und Heimat des Menschen.
Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin – Foto: St. B.
Im Stück, dass im Juni bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Uraufführung kam, sind es zunächst drei, Milisavljevic nennt sie ICH, ER, SIE, die einen weiteren, namens Karla, suchen. Karla ist von einem schnellen Ausflug zum Supermarkt um die Ecke nicht mehr zurückgekehrt. Die Freunde melden sie als vermisst und beginnen ihrerseits mit einer groß angelegten Suchaktion. Was wie ein spannend inszenierter Krimi daherkommt, hat im zweiten Hinsehen aber wesentlich tiefere Ursachen. Ungeklärte Freundschafts- und Liebesbeziehungen quälen die Protagonisten und lassen sie schließlich auf eine Reise zurück bis zu ihren familiären Wurzeln gehen.
Die von Natalia Belitski gespielte Ich-Erzählerin ist mit Vlado, dem ER, zusammen, zeigt aber auch Interesse an den Annäherungsversuchen von Jo, was sie Vlado natürlich verschweigt. Der neu aus Leipzig zum Ensemble des DT gestoßene Benjamin Lillie spielt die beiden erst nichts voneinander wissenden und dann sich beargwöhnenden Kontrahenten. SIE (Barbara Heynen) heißt eigentlich Martina und ist die Schwester der Ich-Erzählerin. Als Mitbewohnerin Karlas und einzig scheinbar unbelastete Figur wirft sie sich pflichtschuldig in die Suche nach ihr, organisiert das Erstellen von Webseiten und Handzettel, macht Druck bei der örtlichen Presse und Polizei.
Die anderen beiden bergen weiter ihr Geheimnis, werden aber von einem inneren Gefühl, wie einem schlechten Gewissen angetrieben, die Verschwundene zu finden. In wechselnden Monolog- und Dialogpassagen forschen sie einander aus, suchen nach Ursachen des plötzlichen Verschwindens. Ihre einst innige Beziehung ist an einem gewissen Kältepunkt angelangt, was sich im Text in der Metapher des gefrorenen Sees, der erst später die Leiche der jungen Karla freigeben wird, wiederfindet und sich auf der Bühne in Form einer Wand voller quadratischer, schmelzender Eisscheiben spiegelt.
Je weiter die Protagonisten in die Tiefen ihres Beziehungsgeflechts und ungeklärte Vergangenheit vordringen, je schneller das Eis in der Wand schmilzt, umso näher kommen sie sich wieder bei der gemeinsamen Suche nach Karla. Für den nötigen Spannungsbogen sorgt die Autorin mittels einiger Krimibezüge und kolportagereifen Szenen, die der Regisseur auch in entsprechend spritzige Bilder übersetzt. Da will ein zwielichtiger Deutscher die Tasche Karlas in der Nähe eines barackenartigen Russenviertels am Fluss gefunden haben, wo dann auch noch ein roter Gummistiefel mit aufgemaltem Herzen entdeckt wird.
Die drei Schauspieler laufen dabei mit Taschenlampen bewaffnet durch die Zuschauerreihen und treiben das skurrile Spiel mit der Spannung auf die Spitze. Der Musiker Christoph Hart hinter der Wand liefert je nach Stimmung den passenden Keyboardsound dazu. Da schreien mal die Darsteller wie Möwen, ist unablässig tropfendes Wasser zu hören oder später auch feinfühliges Harfenspiel.
Nachdem Karlas Tod Gewissheit wird, flieht das Paar schließlich zu Vlados Großeltern nach Kroatien. Ob es Mord oder Selbstmord war, untersucht die Polizei, während das Paar zur Ruhe zu kommen versucht und sich unter dem Druck von Schuldgefühlen ihre Geheimnisse gesteht. So birgt nicht nur ICH ein Geheimnis, auch Vlado hat Karla die Wahrheit über seine Beziehung zur Ich-Erzählerin verschwiegen.
Mit Einsprengseln über die Geschichte von ICHs und Vlados Familie versucht Maria Milisavljevic die Verlustängste der beiden zu erklären und gibt den beiden dadurch wieder Halt. So können sie ihre Luftwurzeln wieder erden, und aus imaginären Sehnsuchtsorten mit Sonne und Meer werden echte gemeinsame Erlebnisorte. Hier verarbeitet die Autorin mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien durchaus auch eigene Erfahrungen. Nicht alle Rätsel über das Verschwinden Karlas können hier gelöst werden. Aber eines ist den beiden Zurückgebliebenen klar: „Wer nicht erzählt, braucht das Schweigen.“ Und das zu brechen, ist manchmal wie Löcher in eine Eiswand schlagen.
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Ein bemerkenswerter Achtungserfolg und neben Marianna SalzmannsMuttersprache Mameloschn weiterer gelungener Beitrag des Deutschen Theaters zum Thema Heimat und Familie. Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und ein weiteres Mal großartige Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück war ganz zu Recht für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis 2013 nominiert. Muttersprache Mameloschn in der von Regie von Brit Bartkowiak ist ebenfalls wieder in der Box des DT zu sehen.
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Brandung (UA) von Maria Milisavljevic
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Dramaturgie: Meike Schmitz.
Mit: Natalia Belitski (Ich), Benjamin Lillie (Er), Barbara Heynen (Sie), Christoph Hart (Musiker).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Don Juan kommt aus dem Krieg am Berliner Ensemble – Foto: St. B.
Dienstag, 15. Oktober, ausverkaufte Premiere. Das hat es auch schon länger nicht mehr am Berliner Ensemble gegeben. Die Promidichte im Publikum ist auch sehr hoch. So wurden u.a. Edith Clever, August Diehl, Leander Haußmann und sogar Rolf Hochhuth gesichtet. Das schafft nicht jedes Theater mit einem kaum gespielten Horvath-Stück. Selbst auf der Bühne treten sich einige überregionale Theaterstars und örtliche Sternchen auf die Füße. Erstaunlich, wie es dem BE immer mal wieder gelingt, so ganz gegensätzliche Theaterauffassungen und Darstellungsweisen unisono zusammenzuführen. Und das ist noch nicht mal ironisch gemeint.
Schon Thomas Langhoff hatte die alten DT-Haudegen Christian Grashof, Alexander Lang und Robert Galinowski oder die ins Operettenfach gewechselte Dagmar Manzel ans BE hinübergerettet. Vom Burgtheater schauen hin und wieder mal Claus Maria Brandauer, Gert Voss oder Michael Maertens vorbei. Die alte Schaubühne ist mit Corinna Kirchhoff und Angela Winkler vertreten. Claus Peymann holte den mittlerweile wieder an der Schaubühne engagierten Ernst Stötzner als buckeligen Richard III. und Leander Haußmann die Volksbühnen-Aktrise Silvia Rieger als finstere Klytaimnestra in Hoffmannsthals Elektra auf die Bühne des BE. Martin Wuttke, der Pendler zwischen den Welten der Berliner Volksbühne und Wiener Burg, spielt hier seit Jahren Soloprogramme und Brechts Arturo Ui in der unvergessenen Inszenierung von Heiner Müller in Dauerschleife.
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Diesmal sind es also Ilse Ritter (Schaubühne, Burgtheater, Schauspielhaus Hamburg, etc., etc.), Kathrin Angerer (Volksbühne) und Samuel Finzi (u.a. Deutsches Theater und Volksbühne), die sich ein gemeinsames Stelldichein am Berliner Ensembles geben. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. Ritter, Dene, Voss wird allerdings nicht gegeben. Und auch Claus Peymann ist nicht der verantwortliche Regisseur des Abends. Luc Bondy holt seine bereits 2011 für die Ruhrfestspiele geplante Inszenierung von Ödon von Horvaths Don Juan kommt aus dem Krieg nun hier am BE nach.
Regisseur Luc Bondy – Foto: St. B.
Aus den allseits bekannten mimischen und sprachlichen Unterschieden der Darsteller sollten sich doch auf der Bühne auch ein paar Funken schlagen lassen. Aber so unähnlich sind sich diese drei Charaktere dann wohl doch nicht. Oder Luc Bondy hat deren unterschiedliche Strahlkraft im Probenprozess stark nivelliert. Unterstützt werden sie in ihrem Spiel von so gestandenen BE-Frauen wie Anke Engelsmann, Swetlana Schönfeld, Katharina Susewind, Ursula Höpfner-Tabori und dem immer präsenten weiblichen BE-Nachwuchs. 35 verschiedene Frauen hat Horvat für sein Schauspiel vorgesehen. Mit „elfen“ begnügt sich das BE. Allerdings spricht Horvath – am BE ist Irm Herrmann via Konserve zu hören – in seinem Vorwort zum Stück auch von immer gleichen Grundtypen, die sich entwickeln können. Hier weiß also einer Bescheid über die Frauen.
Was treibt nun die Frauen zu Don Juan? Da weicht Horvath ins Metaphysische aus. Don Juan sucht die Vollkommenheit, die es im Leben nicht gibt. Mit rein irdischem Horizont wird ihn das ewig Weibliche also nicht hinan ziehen können. Don Juan als tragische Figur, der bei der Suche nach dem eigenen unerreichbaren Glück die Frauen, wie zum Gegenbeweis angetreten, reihenweise ins Unglück stürzt. Dabei selbst zynisches Opfer seiner Wirkung. Er wird den Damen nicht entrinnen.
Samuel Finzi ist dieser Don Juan. Er starrt hier so Mitleid erregend aus seinen tief geschminkten Augenhöhlen und verströmt dabei im abgerissenen Soldatenmantel den Charme eines nassen Hündchens, dass die umstehenden Damen gar nicht anders können, als den müden Streuner mit nach Hause zu schleppen. Die neue Nummer des großen Herzensbrechers, der geläutert, so glaubt er zumindest, aus dem 1. Weltkrieg heimgekehrt, nach seiner verflossenen Liebe sucht. In jeder der ihm nun nacheinander begegnenden Frauen meint Don Juan diese eine Liebe wiederzuerkennen. „Wir kennen uns.“, eine Masche, die heute nicht mehr ganz so populär ist. Ihn ficht das fürderhin nicht an, hungern doch die ihn zahlreich umgebenden Frauen, dick oder auch rachitisch, gleichermaßen nach seiner Liebe, oder was immer sie dafür halten.
Der einst für seine „erotischen Skandalaffären“ bekannte Don Juan hat seine Verlobte für Kaiser, Volk und Vaterland oder auch einfach nur für eine Andere verlassen. So genau will Horvath das dann auch nicht klären, welche Traumata in dem fiebrig fantasierenden Kriegsheimkehrer schlummern. Schuld und Verantwortung, wie in Borcherts Heimkehrerdrama Draußen vor der Tür, machen Don Juan jedenfalls keine schlaflosen Nächte. Es scheint zumindest von diabolischer Größe, was eine Krankenschwester (Johanna Griebel) ihn nicht nur der ansteckenden Grippeviren wegen fliehen lässt. Luc Luc Bondy, der Meister der leisen Ironie, lässt uns ebenso im Unklaren, wie Finzis Don Juan selbst. Sein mürrisches NICHTS bleibt einzige Antwort.
Auf zackig expressionistischer Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann defilieren die Damen in veristischer Aufmachung von Kostümbildnerin Moidele Bickel oder sitzen vorn in einer Art Wartelounge an kleinen Tischchen. Die wieder sehr gute ausgewählte Live-Band spielt Walzer, Swing und Charleston. Es klimpert das Klavier, es klingt die Violine. Sanft singt die Säge dazu. Zwischen den Szenen wird im Halbdunkel geschwoft und die Frauen reihen sich auch mal zu einem Totentanz mit Masken. Ilse Ritter füllt hier einen ganzen Typenkatalog an Damen und beweist damit, dass sie vom jungen Mädchen über die Soubrette und Hure bis zur Witwe alles spielen kann. Katharina Susewind singt als Operndiva Arien aus Mozarts Don Giovanni, während sich Samuel Finzi von einer Loge zur gegenüberliegenden hangelt. Früher war mehr Slapstick.
Weitere Akzente setzen immer wieder Svetlana Schönfeld als grantige Großmutter, in einen Sessel mit Stapeln alter Zeitungen eingekeilt, und Kathrin Angerer als ihre wunderbar nölige Magd mit Kleinmädchenzöpfen. Später gibt die Angerer noch eine blaubestrumpfte Professorenwitwe, bei der sich Don Juan einmietet und anderswo weiter Herzen bricht. Lesbische Kuntgewerblerinnen (Iles Ritter und Katharina Susewind) entzweien sich wegen ihm, – eine droht sogar ins Wasser zu gehen – ein junges Mädchen (Coco König) schwärmt erst und bezichtigt ihn dann der Unzucht. Eine überzeugte Parteigenossin (Larissa Fuchs) wirft sich schließlich dem Kapitalisten für die revolutionäre Sache an den Hals. Naja.
Dunkel ist es die meiste Zeit auf der Bühne, sehr finster sogar. Es nebelt und ein stetiger Altherrenmief weht durchs Parkett. Dabei hätte man Luc Bondy eigentlich noch nicht zu den älteren Herren gezählt. Diese Meinung ist nun wohl zu revidieren. Die aufkommende Altersmilde gegenüber dem ewigen Schwerenöter Don Juan, die sich schon in der stark melancholisch angelegten Figur des Orgon von Gert Voss in Bondys Wiener Inszenierung des Tartuffe zeigte, entstammt dann wohl doch auch eigener Erkenntnis. Das war schon in Wien handwerklich sehr gut gearbeitet, letztendlich aber auch bis auf wenige Momente steril und langatmig. Nirgends auch im Don Juan ein Hauch einer ironischen Brechung. Man tut niemanden, und Horvath schon gar nicht, einen Gefallen dieses Stück nochmal aufzuführen. Aber wo besser, als am BE passt es hin.
In eins nun die Hände. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. – Foto: St. B.
Später wird ein weißes Tuch des Schweigens über die Bühne gezogen und es beginnt zu schneien. Am Grab seiner Liebsten angekommen, erstarrt Don Juan schließlich zur Schneemannfigur mit roter Möhre im Maul. Ein toter Mann mit Clownsmaske. Ein Anachronismus, aus der Gesellschaft gedrängt und verspottet, versinkt wie ein Mammut im ewigen Eis. Wer möchte da nicht die Parallelen zu Stein, Peymann oder Bondy sehen. So zumindest sehen sie sich zum Teil selbst. Luc Bondy hat sich nicht umsonst immer mehr aus Deutschland nach Frankreich zurückgezogen. Er hat seine Inszenierung dem kürzlich verstorbenen Freund Patrice Chéreau gewidmet. Das ist ihm hoch anzurechnen, haben doch die deutschsprachigen Bühnen diesen Film- und Theaterzauberer kaum entsprechend gewürdigt.
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Ein Don Juan unserer Zeit heißt es in Horvaths Vorwort. Nur, aus welchem Krieg kommt der heute und wie könnte er wirklich aussehen? Darauf weiß Luc Bondy keine Antwort mehr. Einige Feuilletons glauben zumindest ihn schon zu kennen. Ein vom Patriarchat 2.0 gestresster Mann, was auch nur irgendein neues Schlagwort für einen von den Frauen, sprich vom Feminismus Verfolgten ist. Wirklich neu ist das allerdings nicht. Nur das die Socken nicht mehr ganz so stark müffeln und man(n) sich gelegentlich das Hemd selber bügelt. Nun haben sie also neben einem designten Rumsteh-Horvath von Enrico Lübbe auch noch einen melodramatischen Umherschau-Horvath von Luc Bondy am BE. So kann‘s kommen, wenn nichts mehr geht.
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Don Juan kommt aus dem Krieg
von Ödön von Horváth
Regie: Luc Bondy
Mitarbeit Regie: Geoffrey Layton
Bühne: Karl-Ernst Herrman
Kostüme: Moidele Bickel
Musik: Bela Koreny
Künstlerische Mitarbeit: Reinhild Hoffmann
Maske: Cécile Kretschmar
Dramaturgie: Dieter Sturm, Dietmar Böck.
Mit: Samuel Finzi, Kathrin Angerer, Antonia Bill, Anke Engelsmann, Larissa Fuchs, Johanna Griebel, Ursula Höpfner-Tabori, Coco König, Laura Mitzkus, Ilse Ritter, Swetlana Schönfeld, Katharina Susewind, Musiker: Bela Koreny / Max Doehlemann (Klavier), Dragan Radosavievich (Violine, Banjo, Singende Säge), René Decker (Saxophon, Mundharmonika, Flöte).
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere war am 15.10.13
Das bürgerliche Mädchen Emilia Galotti liebt den jungen Grafen Appiani und kann diesen auch noch aus freien Stücken ehelichen. Zumindest darf man das annehmen, gegenteiliges wird in Lessings Trauerspiel nicht angedeutet. Und dennoch will sie durch die Hand des Vaters sterben, um frei zu sein, da es für sie aus den Fängen eines liebestollen, besitzergreifenden Prinzen kein Entrinnen zu geben scheint. Ist das noch zeitgemäß? Würde, wie etwa in Schillers Kabale, dem einen oder anderen Teil des Brautpaares die Verbindung elterlicherseits vorgeschrieben, es sich also um eine Zwangsheirat handeln, man könnte Bände mit der Beantwortung der Frage füllen, was uns diese Emilia Galotti heute noch zu sagen hat.
Das Schauspiel Leipzig mit neuer Intendanz – Foto: St. B.
Bei Lessing sagt sie zum Beispiel folgende Sätze: „Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.“ Und tatsächlich gerät diese junge Frau ungewollt in einen bedrohlichen Sog aus Verführung und höherer Gewalt, dem sie sich nicht mehr selbst zu entziehen weiß. Weiter heißt es aber auch: „Ich habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut.“ Worte, die heute immer noch erschüttern, erkennt sich doch hier eine junge Frau als verführbares und selbst verführendes Wesen, was den damaligen Moralvorstellungen sehr zuwiderläuft. Gleichzeitig kann sie sich aber noch nicht als selbstbestimmt Handelnde verstehen. Kant lässt grüßen, und neben dem Konflikt Bürgertum versus Adel, ist das hier der entscheidende Punkt.
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Um die Frage der selbstbestimmten Liebe geht es dem neuen Intendanten des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbeaber in erster Linie nicht. Es geht um Menschen, die in schwierigen Stresssituationen die falschen Entscheidungen treffen. So erklärt vom neuen Leipziger Chefdramaturgen Torsten Buß, bei einer Stückeinführung anlässlich der zweiten Vorstellung am vergangenen Samstagabend. Und das ist dann natürlich schon sehr gegenwärtig gedacht. Nur von übermäßigem Stress kann dann auf der Bühne kaum die Rede sein, sieht man mal davon ab, dass Lübbe seine Inszenierung in ca. 80 Minuten abhandelt, dabei ständig gezappelt bzw. getänzelt werden muss und dem sonst steifen Marinelli (Michael Pempelforth) irgendwann der Atem über den Verheerungen seiner Intrigen ausgeht. Er reißt sich das Hemd auf und ringt würgend nach Luft.
Und das ist schon das einzig Bemerkenswerte, wie sich dieses Netz aus Intrigen schließlich selbst um seinen eigenen Initiator windet. Schuld an seiner plötzlich auftretenden Atemnot ist die Tatsache, dass ihm hier eine andere Dame über ist. Gräfin Orsina (Bettina Schmidt) ist der Lichtblick der Leipziger Inszenierung. Im blauen Kleid der Hoffnung betritt sie die Bühne, sorgt als einzig Sehende für Aufklärung und bringt dann doch das Corpus Delicti ins böse Spiel. Und hätte es Dramaturg Buß nicht selbst vorher explizit erwähnt, man hätte es eigentlich nur in dieser einen Person wirklich erkennen können. Die Ambivalenz zwischen der enttäuschten Liebe einer betrogenen Verlassenen und dem letzten Aufbäumen einer nach Rache Verlangenden.
Alle anderen Figuren bleiben dagegen entweder völlig blass oder sind bis zur vollen Kenntlichkeit gezeichnet. Vater Galotti (Denis Petkovic) ist zunächst noch mit Worten oben auf, bevor ihm Tochter und Haltung abhandenkommen. Und auch die erst sorglose Mutter (Henriette Cejpek) wird irgendwann verzweifelt ihre Unschuld beteuernd in die Knie gehen. Die Vernachlässigung des Kindeswohls kann man beiden hier aber einzig aus ihrer mangelnden Präsenz auf der Bühne vorwerfen. Graf Appiani (Jonas Fürstenau) ist ganz der Musterschwiegersohn und erlaubt sich nur ein kurzes Nachdenken, als er durch Marinelli vom Ansinnen des Prinzen hört, ihn zum Gesandten zu berufen. Warum Appiani dem nach erfolgter Duellandrohung feige zurückrudernden Marinelli einen leidenschaftlichen Kuss geben muss, bleibt willkürlicher Regieeinfall. Der verführerische Kuss der Macht? Als Marinelli in der Umklammerung des Grafen diesen schließlich erwidern will, wird er nur rüde von Appiani zu Boden gestoßen. Das sich hier zwei in tief empfundener Abscheu gegenüberstehen, bedarf kaum einer näheren Bebilderung.
Der Prinz von Guastalla (Ulrich Brandhoff) wirkt wie ein verzogenes Herrensöhnchen, das es gewohnt ist, unter allen Umständen seine Willen zu bekommen. Barfuß und in legerer Kleidung gibt sich dieser entscheidungsschwache Narziss seine Launen und den falschen Versprechungen Marinellis nur zu gerne hin. Ein Todesurteil tut er mit einem kurzen „Recht gern. – Nur her! geschwind.“ ab. Ein kleines Verbrechen ist für ihn nichts, die größeren überlässt er Marinelli, damit indirekt auch den Mord am Grafen Appiani billigend. Des Prinzen Verführungskunst besteht im Scharwenzeln und Grimassieren. Anna Keil als Emilia im zarten Blütenkleidchen (Kostüme: Michaela Barth) kann dagegen kaum ein Wässerchen trüben. Sie ist als eigentliche Hauptperson die große Fehlstelle einer Inszenierung, die glauben machen will, dass es sich hier um eine in ihren Gefühlen Schwankende handele, die wie um das zu bekräftigen, sehnsüchtig ihr Arme hinter sich streckt und, wie über sich erschreckend, schnell wieder zurückzieht.
Lübbes Inszenierung ist schnell und routiniert hingetuscht. Einen prägenden Stempel vermag er ihr damit jedoch nicht aufzudrücken. 80 Minuten perfekt designtes Theater können auch sehr lang werden. Die Bühne von Hugo Gretler füllt ein anthrazitfarbenes und viel Platz zum Haschen und für Schattenspiele bietendes, eckiges Säulengebilde, das sich fast unaufhörlich dreht. Dazu klingt ungewohnt Klassisches aus der Feder des sonst wummernden Gitarrenspezialisten Bert Wrede. Irgendwann fragt man sich nur noch: „Who kills Bambi?“ Und so blickt hier Emilien auch ziemlich rehäugig ihrem Schicksal entgegen. Allein, zu berühren vermag das nicht. Als einzige freie Tat nimmt sie dem Vater die Waffe aus der Hand und flüchtet sich gefolgt vom Prinzen ins Halbdunkel der hohen Säulen. Odoardo Galotti ist hier entschuldet. In einer angedeuteten Vergewaltigung Emilias durch den Prinzen löst sich im Halbdunkel der Bühne schließlich der erlösende Schuss.
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Emilia Galotti (12.10.2013)
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
Mit:
Ulrich Brandhoff, Henriette Cejpek, Jonas Fürstenau, Anna Keil, Maximilian Pekrul, Michael Pempelforth, Denis Petković, Bettina Schmidt und Jonas Steglich
Der Versuch eines postkolonialen Exorzismus – BLACK BISMARCK von andcompany&Co. im HAU 2
Im Rahmen eines kleinen Afrika- und Kolonialismus-Schwerpunkts bei den Foreign Affairs 2012 hatten die Performer Alexander Karschnia, Sascha Sulimma und ihr belgischer Kollege Joachim Robbrecht von andcompany&Co. bereits einen kleinen Ausblick auf ihre jetzt am HAU 2 herausgekommene Produktion Black Bismarck gegeben. Im Haus der Berliner Festspiele saßen die drei vor einer weißen Leinwand und hielten eine Art Lecture-Performance über die Suche nach den kolonialen Wurzeln Europas und im Speziellen über die Verstrickungen Deutschlands. Eine Lehrstunde für alle überprivilegierten Unterpigmentierten über das Weißsein als unmarkierte Normalität sowie das Spielen im Dunklen der romantisierenden und gleichsam diskriminierenden Vorstellungen über den schwarzen Kontinent.
Black Bismarck Foto: Jan Brokof&Co.
Als graue Eminenz, oder besser Weißer Revolutionär bzw. Riese der deutschen Kolonialgeschichte beleuchteten andcompany&Co. vor allem den einstigen Ministerpräsidenten des preußischen Staats und späteren Kanzler des Deutschen Reichs, den heute wohl immer noch bekanntesten und beliebtesten Politiker Otto von Bismarck. Black Bismarck previsited war nicht einfach nur ein interessanter Lichtbildervortrag mit Musikuntermalung. Es war kluge Unterhaltung mit ernstem Hintergrund auf hohem Niveau. Ein tiefer Abstieg auf die dunkle Seite des weißen, europäischen Selbstverständnisses, wo das Gespenst des Kolonialismus noch immer munter umherspukt.
Sascha Sulimma und Joachim Robrecht sind auch diesmal wieder mit von der Partie. Allerding ist, sieht man mal davon ab, dass die zwei mit Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Nicola Nord und Gorges Ocloo schlagkräftige Verstärkung bekommen haben, inhaltlich nicht allzu viel Neues hinzugekommen. Ohne Frage, spielerisch haben andcompany&Co. den Abend ausgebaut. Es wird viel herumgetollt, erklärt, gestritten und musiziert. Die Performer tragen dabei als sichtbare Zeichen fantasievolle Helme und Kostüme, mit deren Hilfe sich z.B. die schwarzen Performer im Team als deutsche Birken verkleiden können. Eine klare Aussage und bestimmtes Zeichen, wie eine Kusshand oder der Mittelfinger eines deutschen Politikers.
Auch die weiße Leinwand ist im Hintergrund wieder angebracht. Sie stellt beim ersten Hinsehen noch kein Zeichen dar, erweckt aber sofort die Fantasie und den Expansionstrieb des Europäers, wie ein weißer Fleck auf der Landkarte, den es zu entdecken und zu kolonisieren gilt. Bei der sogenannten Kongo-Konferenz 1884-85 in Berlin teilten die europäischen Mächte Afrika unter sich auf, zogen Grenzen, die noch heute bestand haben und Grund für Konflikte sind. Von den Kolonialläden, Gartenkolonien über Afrikaferiendörfer und koloniale Straßennamen bis in die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die romantische und unbewusste Vereinnahmung des dunklen Kontinents Afrika als Symbol für das Fremde und Unbekannte ist im deutschen Sprachgebrauch allgegenwärtig. In den 70ern belegte Ingrid Peters mit der Coverversion des Rose-Laurens-Hits Afrika Platz eins der deutschen Hitparade im ZDF.
Warum ist der Knecht Ruprecht schwarz? Wer hat den schwarzen Peter? Warum werden weiße Schauspieler im Theater schwarz angemalt? Und auf welche Rollen sind schwarze Schauspieler im Nibelungenhort des deutschen Theaters festgelegt? Fragen über Fragen, die die Performer auf ironische Art ausdiskutieren und versinnbildlichen. Ein Exkurs tief ins Herz des Weißseins. Der Unbewusstseinszustand besteht hierbei darin, weiß und nichtmarkiert zu sein, selbst aber ständig alles zu markieren. Und auch der titelgebende Fürst Bismarck spukt als Gespenst weiter durch Deutschland mit seinen Bismarckheringen, -zigarren, -schnäpsen und -apotheken. In sage und schreibe 142 Städten und Gemeinden stehen heute noch Bismarcktürme.
BLACK BISMARCK –Foto (c) MuTphoto-Barbara-Braun
Das Ganze verzettelt sich dann leider mehr und mehr in eine lustige Performance. Da springt im Video ein Withe Rabbit in der bekannten Berliner U-Bahnstation mit umgewandeltem Namen Möhrenstraße herum und bewegt sich ein kolonialer Albtraum aus Zucker und Gummi in Form des Marshmellowman Stay Puft über die Bühne. Dem schrägen Diskurs werden zwar immer wieder neue Schlagworte zugeführt, allerdings kommt dabei kaum etwas wirklich Zwingendes zustande. Auch ein Zeichen für die bisweilen hart und bizarr geführte Diskussion um den alltäglichen Rassismus in Deutschland. Einziger Hinweis auf schwarze Gegenpositionen bleibt die Erwähnung des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Burghardt Du Bois mit seiner These des Zweiten Gesichts, nach der sich ein Schwarzer immer zugleich auch durch die Augen der Weißen wahrnimmt.
Unsere Wahrnehmung der afrikanischen Kultur erfolgt noch immer anhand von Exponaten, die in der Kolonialzeit aus diesen Gebieten nach Deutschland verbracht wurden und nun bald an geschichtlich brisantem Ort des ehemaligen preußischen Stadtschlosses gezeigt werden. In einer gelungenen Merkel-Parodie verblüfft uns Nicola Nord mit elitärem Politikersprech zum Thema Entwicklungshilfe. Der bunte Abend gipfelt dann im Versuch von Joachim Robrecht, den alten Witz vom Schwarzen auf dem Zebrastreifen zu konterkarieren. „Man sieht mich, man sieht mich nicht“ rufend hüpft er mit vollem Körpereinsatz vor der weißen Leinwand auf und ab und kugelte sich dabei leider auch noch die Schulter aus. Gute Besserung von hier aus.
Letztendlich bringt es andcompany&Co.-Mastermind Alexander Karschnia, der sofort für Robbrecht einsprang, mit seinem Mantra „Empty your Head!“ auf den Punkt. Wenn das nur so einfach wäre. Vielleicht sollte es besser „Open your Mind!“ heißen. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben. Die durchaus anregende Performance geht jetzt auf Deutschlandtournee nach Mülheim, Münster und Düsseldorf und wird auch im kooperierenden deSingel Antwerpen zu sehen sein. Weitere Termine siehe unten.
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Black Bismarck (29.09.2014)
Von und mit: Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Gorges Ocloo, Joachim Robbrecht, Sascha Sulimma&Co.
Dramaturgie: Alexander Karschnia&Co.
Bühne: Jan Brokof&Co.
Licht: Gregor Knüppel&Co.
Video: Kathrin Krottenthaler&Co.
Kostüm: Raki Fernandez&Co.
Regieassistenz: Mascha Euchner-Martinez
Bühnenbildassistenz: Julia Harttung
Technische Leitung: Marc Zeuske
Company Management: Katja Sonnemann
Eine Produktion von andcompany&Co. in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), deSingel Antwerpen, FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Mülheim und dem Theater im Pumpenhaus Münster.
Zuerst erschienen am 2. Oktober 2013 auf Kultura-Extra.
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Ende oder die Welt als crazy Rock-Scheibe – She She Pop denken im HAU 3 über das richtige Schlussmachen nach.
Was geschieht eigentlich mit den ganzen Dingen, die ein Performancekollektiv so bei der angestrengten Probenarbeit anhäuft, begutachtet, sortiert, wieder verwirft? Kreativmüll sozusagen. Wird das noch gebraucht, oder kann das weg? Die Probenzeit ist mit dem heutigen Tag beendet, konstatiert Mieke Matzke von der Gruppe She She Pop. Aber irgendwie scheinen die vier Performer mit ihrer Arbeit nicht ganz fertig geworden zu sein. Überall auf dem Bühnenboden verstreut liegen diese Dinge, nebst einigen blauen Müllsäcken, die besonders Mieke Matzke Angst bereiten. Die Angst nicht fertig zu werden, nicht zum Ende zu kommen. Dabei hatte das Ganze noch gar nicht richtig angefangen.
ENDE von She She Pop im HAU 3 – Foto: St. B.
Dunkel ist es nämlich zu Beginn der Performance Ende im HAU 3. Und wir hören die ersten Worte vom Anfang und Ende, von der Schöpfung der Welt aus der Ursuppe, herumfliegendem Weltraummüll und dem Problem etwas Unfertiges, Ungelöstes aus dem Tag mit in die Nacht zu nehmen. Denn davon handelt die Performance, vom Willen, das einmal Begonnene zu Ende zu bringen.
Nach und nach beginnt sich das Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen, bis es hell geblendet den ersten Tag der She She Pop‘ schen Schöpfungsgeschichte erblicken darf. Creation day 1. Und da liegt sie dann, die Ursuppe aus aufgehäuften Utensilien, wie Gaffer Tape, Äpfel, Orangen, Post-its, rote Menstruationsfäden, Wasserflaschen und natürlich eine Bibel. Auf einer aufgeklappten Kreisscheibe, die am Rand mit den Albumtiteln der Bat Out Of Hell-LP von Meat Loaf verziert ist. Die Welt als crazy Rock-Scheibe in der kreativen Schöpfungs- und Vorstellungskraft der Performer.
Diese Welt teilt sich in Adam und Eva, die himmlischen Heerscharen und selbstredend Gott, der das ganze Kuddelmuddel verbockt hat. Jeder übernimmt seine Rolle, wobei zuerst das Problem der Nacktheit zu Gunsten hautfarbener Kostüme geklärt wird. Nur die himmlischen Heerscharen bekommen etwas mehr Farbe ab und die vielleicht undankbarste Aufgabe. Lisa Lucassen, einst jugendliches Opfer der Geschmacksverirrungen ihres Bruders, und heute eigentlich eher cool und modebewusst, schmettert mal zart, mal inbrünstig den „Soundtrack ihres Lebens“, den sie hier nun öffentlich durch Absingen des ganzen Albums exorzieren will. You Took The Words Right Out Of My Mouth. Direkt raus aus der Hölle. Und da ist sie wirklich nicht zu beneiden, denn was sich dieser durchgedrehte Hackbraten da in den 70ern so zusammengesungen hat, passt heute auf keine politisch korrekte Kuhhaut mehr.
ENDE von She She Pop – Foto: Benjamin Krieg
Sieben Songs und sieben Tage in nur 90 Minuten, da bleibt nicht viel Zeit für überflüssige Details. Aber ob hier etwas Kunst ist, oder in den blauen Müllsack gehört, überlässt man dann doch lieber nicht der Putzfrau. Die Performer nehmen sich nun selbst nochmal die allegorisch belegten Dinge eines nach dem anderen vor. Und Mieke Matze ordnet sie akribisch wie Gott auf der Weltenscheibe an. Muss aber erkennen, dass die Arbeit nie getan ist, immer noch was kommt und immer noch eine Frage zu klären bleibt.
Schluss soll also gemacht werden. Zum Beispiel mit den Vorurteilen über Frauen. Ilia Papatheodorou als Eva beklebt sich mit Orangenhaut und stopft sich hinten und vorne aus, ihre weibliche Zuschreibung grotesk betonend. Was erwartet man von Frauen, wie werden sie gesehen und sehen sich selbst? Papatheodorou performt es auf Äpfeln laufend, Prosecco einschenkend und Frauenwitze erzählend. Sie gibt lächelnd Konversationstipps und streicht ein Klischee nach dem anderen von der Welttafel.
Sebastian Bark dagegen trägt als Adam, oder besser vielleicht doch lieber nur Mensch, das Lebenslicht und versucht sich sonst in der Eigenbeschränkung. Das geschieht rein körperlich in Form von Tape, Schnüren und einem Mülleimer. Denn: „Ende ist, wenn nichts mehr geht.“ Das hindert Bark aber nicht daran, noch die Geschichte seines immer zu kurz gekommenen Cousins vorzutragen. Im übertragenen Sinne ein Beispiel, für das Verschließen der Sinne als Ende aller Fantasie, die selbst gewählte und von anderen zugeschriebene Rolle, in der man gefangen ist. Und sei es eine Ehe, die alles beendet. Meat Loaf / Lisa röhrt dazu: „I’m praying for the end of time that’s all that I can do uhhh.. uhh…”
Wie immer bei She She Pop sind das alles ganz persönliche Erfahrungen und Geschichten, die hier auf Dauer aber doch etwas zu nebulös aus der performativen Ursuppe wabern. Nun ist es ja Gott sei Dank nicht Aufgabe des Kritikers, die unfertig herumliegenden Gedankenenden eines Performers zu ordnen. Lustige Anregungen zum Weiterdenken lassen sich in den zum Ende hin wieder zusammengeschobenen Weltenraumbruchstückchen aber allemal finden. Man muss sie nur aufnehmen und ganz entspannt weiter darüber nachdenken. Heaven Can Wait.
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ENDE (08.10.2014)
Konzept und Produktion: She She Pop
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer und Forum Freies Theater Düsseldorf
Bühne und Kostüme: Sandra Fox und SSP
Choreographische Beratung: Minako Seki
Musikalische Beratung: Max Knoth
Von und mit: Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Der Me Collectors Room der Sammlung Olbricht in der Auguststraße.
Neben dem Gallery Weekend im Frühjahr ist die Berlin Art Week der wohl wichtigste Event im Berliner Kunstherbst. Im Messezirkus des internationalen Kunstmarkts will Berlin mit seinen zahlreichen Galerien unbedingt mithalten. Und so soll denn auch die Galerienhauptstadt Deutschlands zum größten Galeriestandort Europas entwickelt werden. Das lässt sich der Senat rund 350.000 Euro Fördergelder kosten, wie Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer auf einer Pressekonferenz Ende August betonte. Ob sich damit auch die Arbeitsbedingungen für Berlins Künstler verbessern werden, wird die um mehr Unterstützung vom Senat ringende Freie Szene weiterhin kritisch hinterfragen müssen.
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Die vierteilige Ausstellung „Painting Forever!“ als Kooperationsprojekt der Berlin Art Week
Auguststraßenmusik
Bei einem wie gemalt blauen Himmel wurde bereits am Dienstag die Berlin Art Week gemeinsam mit dem Kooperationsprojekt „Painting Forever!“ bei einem großen Straßenfest eröffnet. Den Startschuss in der Auguststraße gab als Schirmherr gegen 19:30 Uhr der Regierende Bürger- und Partymeister Klaus Wowereit. Er ließ es sich im Anschluss nicht nehmen, bei einem kleinen Bad in der Menge, die kreative Kunstszene der Stadt mal ganz aus der Nähe zu besichtigen.
Links und rechts der Berliner Kunstmeile schlechthin hatten die Galerien geöffnet und luden zum Schauen und Fachsimpeln. Umrahmt wurde der Open-Air-Event von zahlreichen Livebands und DJs entlang der Flaniermeile. Nicht nur auf der Straße, auch vor dem Me Collectors Room der Sammlung Olbricht, oder dem Hof des benachbarten KW Institute for Contemporary Art drängen sich die Kunstinteressierten. Auf der schmalen Stiege der Kunst Werke ging stellenweise nichts mehr.
Keilrahmen in den KunstWerken
Das KW Institute zeigt in der Ausstellung „Keilrahmen“ im großen Saal des Erdgeschosses Positionen junger Berliner Maler. Dicht gehängt ist die Rückwand mit einem bunten Mix an Formen und Stilen. Und nicht wenige Bilder springen dabei förmlich aus dem Rahmen und dem Gegenüber direkt ins Auge. In zwei Geschossen ist die erste Einzelausstellung des britischen Künstlers Merlin James zu sehen. Auch er spielt mit den Wahrnehmungen des Betrachters und setzt den mittlerweile fast verpönten Rahmen wieder in den Blickpunkt.
Nebenan im Me Collectors Room ist eine Retrospektive des Düsseldorfer Bildhauers und Zeichners Thomas Schütte zu sehen. Seine voluminösen Skulpturen werden durch klein- und großformatige Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Olbricht ergänzt. Die Ausstellung „Schöne Grüße Thomas Schütte“ ist noch bis 23. März 2014 zu sehen.
Auf der nächtlichen Auguststraße.
Einen ergänzenden Blick auf die rege Berliner Kunstszene geben viele der Galerien in der Auguststraße. Die ehemals Neuen Wilden wie Rainer Fetting oder Salomé sind in der Galerie Deschler zu sehen. Ein richtiger Eyecatcher der Ausstellung „Painting Water“ ist aber ein Gemälde der österreichischen Künstlerin Xenia Hausner, die in Deutschland nicht allzu oft sehen ist. Nebenan bei Naimah Schütter ist der Ägypter Khaled Hafez mit sehr symbolgeladen Grafiken und großformatigen Werken in Mischtechnik zu sehen. Ostdeutsch „Aussicht“ bietet dagegen die Galerie Berlin. Hier werden Skulpturen von Beate Debus mit Gemälden von Johannes Heisig kombiniert.
Daneben kann man auch weitere Positionen der Malerei in der Neuen Nationalgalerie sehen. Dort sind so bekannte Künstler wie Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle, Thomas Scheibitz ausgestellt. In der Kunsthalle der deutschen Bank Unter den Linden flankieren junge Künstler wie Antje Majewski, Katrin Plavčak, Giovanna Sart Spätwerke der berühmten Berliner Malerin der Neuen Sachlichkeit Jeanne Mammen. Die Berlinische Galerie in Kreuzberg komplettiert mit den farbenfrohen großformatigen Wandgemälden des Berliners Franz Ackermann die vierteilige Sonderausstellung „Painting Forever!“.
Painting Forever – Franz-Ackermann in der Berlinischen Galerie.
Es ist schön, dass die Berlin Art Week mit einem separaten Schwerpunkt wieder einen Fokus auf die vielgestaltige Kunst der modernen Malerei setzt. Die Ausstellungen werden auch über die Dauer der Berlin Art Week hinaus weiterhin zu sehen sein. Die Malerei ist also nicht tot zu kriegen und ruft zu Recht: Painting Forever!
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Sehen und Gesehen werden auf der abc art berlin contemporary.
Zentraler Anchorpoint der internationalen Kunstszene auf der Art Week ist mittlerweile die 2008 gegründete abc art berlin contemporary mit ihrem Standort am Gleisdreieck. Die Station Berlin in der Luckenwalder Straße ist seit 2011 fester Austragungsort der Hauptmesse der Berlin Art Week. Das Innovative der abc besteht darin, dass üblich Konzept, bei dem die Galerien in festen, abgegrenzten Kojen untergebracht sind, zu Gunsten einer offenen Struktur aufgelöst zu haben. Die Aussteller müssen sich so auf eine Position beschränken. Der einzelne Künstler steht damit im Mittelpunkt der jeweiligen Präsentation.
Motorrad-Performance auf der abc.
Dieser große Vorteil für die Künstler neben einer architektonisch ansprechenden Verbindung mit den sehr hohen, historischen Hallen der Station Berlin erweist sich aber für den ungeübten Besucher auch gleichzeitig als kleiner Nachteil. Sich hier im betriebsamen Gewusel der Messeprofis zurechtzufinden, ist eine kleine Herausforderung. Ohne den sonst üblichen Kleinstkatalog ist man lediglich mit einem kleinen Faltplan bewaffnet auf seinen eigenen guten Orientierungssinn und einen gewissen Instinkt für das Wesentliche angewiesen. Es empfiehlt sich immer, schon im Voraus im Internet die Künstlerliste nach persönlichen Vorlieben zu durchforsten. Man kann sich dann zielstrebiger im weitläufigen Ausstellungsgelände bewegen, oder, wenn man das nicht will, auch einfach nur treiben lassen.
Malerei und Grafik stehen auf der abc traditionell nicht im Vordergrund, sind aber, ob nun in abstrakter, gegenständlicher oder Mixed-Media-Form, vereinzelt immer wieder anzutreffen. Filmemacher David Lynch beweist bei der Galerie Karl Pfefferle, dass er auch als bildender Künstler mit seinen düsteren Lithografien zu verstören weiß. Lustiger geht es da beim Indonesischen Künstler Uji Handoko zu, dessen comichafte Skulpturen und Zeichnungen den Stand der Galerie ARNDT schmücken. Bei der Galerie Zink kokelt das Künstlerduo Muntean/Rosenblum etwas an den Wänden herum, an denen ihre ironischen Sprechblasenbilder hängen.
Der Schwede Jens Fänge zeigt für die Galleri Magnus Karlson eine große, über Eck zusammengesetzte, zeitgenössische Interriör-Malerei, und Pae White gestaltet für neugerriemschneider gar eine ganze Wand aus kleineren, grafischen Kunstwerken. Einen interessanten Zwitter aus Rauminstallation, Malerei und Wort hat die Berliner Multimediakünstlerin Brigitte Waldach für die Galerie Bo Bjerggaard gestaltet. Ihre aus netzartig gespannten roten Fäden, Bildern mit verloren wirkenden Figuren und Worten wie Trauma, Erfahrung, Fiktion gestaltete Brain Box Ideology lädt den Betrachter zum echten Nachdenken ein.
Skulptur für Christoph Schlingensiefs Operndorf.
Die Liebhaber von Installationen, Soundarbeiten, Performances und Videokunst kommen auf der abc dagegen voll auf ihre Kosten. Im Hof der Station wird man bereits mit einer schier ohrenbetäubenden Klanginstallation begrüßt. Das scheint der regen Unterhaltung der Besucher an den zahlreichen Bierbänken aber keinen großen Abbruch zu tun. Drinnen wird man dann von einer ebenso lauten Musikperformance mit Motorradgedröhn in den Bann gezogen. Etwas kontemplativer sind dagegen ein Paar von echten Zebrafinken gebaute Vogelnester, die der Künstler Björn Braun in einer Installation für die Galerie Meyer Riegger liebevoll auf Stangen drapiert hat. Die Natur als unerschöpflichen Lieferanten für die zeitgenössische Kunstinstallation hat auch Luca Trevisani entdeckt. Am Stand der Galerie Mehdi Chouakri zeigt der Künstler an Drähten hängende Äste und Blumen.
Olaf Metzel hat für die Galerie Wentrup eine demolierte Zuschauertribüne, ähnlich einem umkämpften Fußballstadion, in die Halle gebaut. Nina Beier von der Galerie Croy Nielsen legt überdimensionale Geldscheine in den Weg der Besucher, wie einen ironischen Hinweis, dass das große Geld hier förmlich auf der Straße liegt. Überdimensional sind auch die Steine, die William Tucker für die Galerie Buchmann in eine Betonecke gestellt hat. Sie würden gut in den Bunker von Sammler Christian Boros passen. Bei Hauser und Wirth haben die Künstler Andy Hope 1930, Anri Sala und Aino Laberenz eine turmartige Skulptur für Christoph Schlingensiefs Operndorfgestaltet und die Konzeptkünstlerin Sharon Hayes führt uns für die Tanya Leighton Gallery in einen ganzen Schilderwald aus Parolen und Verboten.
William Tucker auf der abc.
Auf der abc ist neben dem Sehen natürlich vor allem das Gesehen werden wichtig. Und so stolpert man am Eröffnungsabend auch ständig über Promis und solche, die es gerne werden wollen. Man kann sich mit dem selbst zu Kunst gewordenen Paar EVA & ADELE ins Blitzlichtgewitter stellen, dem stets filmenden und referierenden Kunstkontakter bei der Arbeit zusehen oder den in die Jahre gekommenen Pionier der Wiener Aktionskunst Hermann Nitsch beim gemütlichen Verkosten seines eigenen Weißweins beobachten. Schon allein wegen der Weinauswahl sieht die Foto- und Video-Präsentation des Studios Morra/ Alnitak Art agency in einer Ecke der Halle nicht gerade nach dem üblichen, blutigen Orgien- und Mysterientheater aus. Auch die traditionell tief roten Schüttbilder wirken hier eher etwas blass. Einige weiß eingedeckte Pritschen lassen auf eine spontane Kurzperformance des Altmeisters schließen. Die Nitsch-Fans können sich aber an den opulenten Aktionsfotos und Videos laben.
Pauline Curnier Jardin auf der abc.
Spontanität und ein stetiger Work in Progress sind auf der abc Programm. Danilo Dueñas von der Galerie Thomas Schulte stapelt an einem Gerüst befestigte, senkrecht stehende Türen übereinander. Davor sieht es aus, als hätten sich die Bauarbeiter vor der Fertigstellung ihrer Arbeit einfach aus dem Staub gemacht. Der Kolumbianer zeigt einen umgestürzten Schrank, der diverses Werkzeug unter sich begräbt. Aber vielleicht wird man deren Besitzer dann später lachend bei Bratwurst und Bier im Restaurantbereich wiedersehen können. Wem das alles zu turbulent erscheint, konnte auf die kleineren, familiärer wirkenden, deswegen aber nicht minder interessanten Nebenmessen wie die PREVIEW in den Opernwerkstätten in der Zinnowitzer Straße oder der BERLINER LISTE im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte in der Köpenicker Straße ausweichen.
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Viel Interessantes gibt es auch bei einem Rundgang über die PREVIEW Berlin art fair zu sehen.
Die PREVIEW Berlin art fair, die kleine Schwester der art berlin contemporary, ist für ihre 9. Ausgabe vom Flughafen Tempelhof in die Opernwerkstätten Mitte in der Zinnowitzer Straße umgezogen. In zwei der ehemaligen Malersälen präsentieren sich hier wieder zahlreiche Galerien aus Berlin, der nationalen und der internationalen Kunstszene. Man ist sich dabei des übertriebenen Hypes des Kunstmarkts sehr wohl bewusst und setzt vor allem auf kleinere Galerien und Newcomer jenseits des Marktes, wie es im Katalog zur Messe dargestellt wird.
Samuel Salcedo auf der preview.
Trotzdem bedarf es natürlich immer einiger Zugpferde und so stellt die G & G Fine Art Galerie Miamai-Berlin den Street-Art-Künstlers Banksy mit zwei Arbeiten aus. Als wirkliche Entdeckung am Stand erweist sich aber der Kolumbianer Juan Carlos Arana mit seinen Ölbildern, die ironisch Anklänge an die Stummfilmzeit nehmen. Er ist damit aber nicht der einzige Künstler auf der PREVIEW der sich Charly Chaplin als Vorlage für seine Malerei genommen hat.
Banksy auf der preview.
Anklänge an die Malerei der Renaissance und des Barock nimmt der angesagte Portraitfotograf Josef Fischnaller mit seinen in üppiger Pracht schwelgenden, großformatigen Fotografien. Weitere Highlights sind die Stände der Maerzgalerie Halle mit den in düsterem Sepia gehaltenen Bildern des Malers Sebastian Schrader und die Leipziger Galerie Kleindienst mit starken Namen wie Rosa Loy und Tilo Baumgärtel. Bemerkenswert auch die verstörenden Skulpturen der spanischen Künstler Samuel Salcedo und José Cobo bei der 3 Punts Galeria Barcelona.
Von noch etwas ausgefallenerer Art sind die verzerrten, sexuell aufgeladen Grafiken des Schweden Carl Wassa Lübeck, die er auf farbiger Wand zu Klängen der Band Rammstein zeigt. Einem Albdruck entsprungen scheint auch die aus Lindenholz geschnitzte Figurengruppe von Yasam Sasmazer, die nach einem Zitat aus dem frühen Dostojewskiroman „Der Doppelgänger“ mit der Hauptfigur Goljadkin benannt ist. Etwas verspielter sind da die aus Kunstharz gestalteten Skulpturen der Liechtensteiner Galerie Art Felicia. Regelrecht witzig dagegen sind aber die Fotografien des Kunstvereins Familie Montez aus Frankfurt am Main.
Juan Carlis Arana auf der preview.
Der viel beschworene Nachwuchs ist dann an den Ständen der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle und der Akademie für Malerei Berlin zu sehen, wo vor allem die Künstlerin Anja Sieber mit ihren Mixed-Media-Arbeiten zu Dantes Göttlicher Komödie aus Acryl, Kleber, Draht, Schellack und Tusche auf Papier auffällt. Ein weiteres, vielversprechendes Maltalent stellt die Galerie Smudajescheck mit der jungen Münchnerin Janina Roider aus. Ihre großformatigen Acrylportraits versprühen einiges an ungezügelter Wildheit und Lebenslust.
Jule Ja Kantor bei der preview.
In einer Parallelwelt über den Wolken schweben die Bilder der Malerin Jule Ja Kantor bei privatview. Dieser nahezu göttlichen Verherrlichung von Kunst und Liebe schaut von außerhalb der große Metaphysiker der Kunst Christoph Schlingensief sichtlich belustigt zu. Und einem guten alten Bekannten der DDR-Kunst kann man fast am Ende der Messe auch noch begegnen. Die Berliner LÄKEMÄKER Galerie stellt den ostdeutschen Vertreter der Popart und begnadeten Illustrator Hans Ticha mit einigen Ölbildern aus. Man ist in gut zwei Stunden dann auch schon durch mit dieser interessanten Preview zeitgenössischer Kunst und hat dabei in jedem Fall einiges an guter und durchaus preiswerter Kunst zu sehen bekommen.
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Yasam Sazmazer auf der preview.
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alle Fotos (c) St. Bock
Die einzelnen Texte wurden in ausführlicher Form am 18. und 20.09.2013 auf Livekritik veröffentlicht.
Die ewige Wanderschaft scheint ein Ende gefunden zu haben. Seit nunmehr drei Jahren findet die BERLINER LISTE in der großen Trafo-Halle des alten Heizkraftwerkes Mitte (MUMA) in der Köpenicker Straße statt. Sie hat sich als Satellitenmesse des ehemaligen Art-Forums emanzipiert und gehört im Berliner Kunstherbst zu den drei großen ständigen Messen für zeitgenössische Kunst. In diesem Jahr stellen auf über 2.500 Quadratmetern, 131 Galerien, Projekträume und Künstler aus 30 Ländern ihr Werke aus.
Skulptur des Kunstkontakters Konstantin Schneider
Passend zur Bundestagswahl hat die LISTE „Wählen Sie Kunst!“ als Motto ausgerufen. Das hat der Berliner Kunstkontakter wörtlich genommen und die Partei, die für die Kunst Partei ergreift, gegründet. In der Ausstellungsbox des Kunstkontakters steht Konstantin Schneider, das bekannte Enfant terrible der Berliner Kunstszene, und erklärt kurzerhand als Generalsekretär die Künstlerstimme zur Kanzlerstimme. In ironischer Weise nehmen die ausgestellten Bilder den personalisierten Wahlkampf und Attitüden der Politiker auf Wahlplakaten aufs Korn.
Sven Bergholz‘ Kunstharz-Jesus
Die BERLINER LISTE versteht sich seit jeher als Entdeckermesse, die ganz großen Namen wird man hier nicht finden. Eine Ausnahme bildet da der Filmemacher David Lynch, der in Deutschland als Bildender Künstler noch zu entdecken ist. Die Galerie Obrist aus Essen stellt eine Serie von Lithografien des Regisseurs von Filmen wie Blue Velvet und Twin Peaks aus. Thematisch kommen die Bilder der mysteriösen Düsternis dieser Filme erstaunlich nahe.
Die Messe teilt sich in diesem Jahr in drei Bereiche. Im Erdgeschoss befinden sich die Gallery Section und einige Projekt Spaces. Im Zwischengeschoss gibt es neben dem Catering-Bereich die Sonderausstellung „Gelistet“, eine speziell kuratierte Schau für Künstlerinnen und Künstler, die in Berlin leben und arbeiten. Im Obergeschoss ist die Artist Section und die extra neu gestaltete Photografy Section untergebracht.
Carsten Sanders Fotoserie „Heimat – Deutschland Deine Gesichter“
Der gestiegenen Bedeutung der Fotografie in der modernen Kunst in Zeiten der massenhaften Digital-Fotografie will man mit dieser thematisch abgegrenzten Sektion gerecht werden. Besonderes Augenmerk hat Stephan Köhler, der Projektleiter der Photografy Section, darauf gelegt, allen möglichen Facetten der Fotokunst Raum zu geben. Hierbei sticht zunächst am Beginn die Portraitserie Deutschland – Deine Gesichter des Berliners Carsten Sander ins Auge. Was zunächst wie eine Ansammlung von Promifotos aussieht, ist beim näheren Hinsehen eine Arbeit die mittlerweile 1.000 Portraits in Deutschland lebender Menschen umfasst. Sander will mit seinen sehr reduzierten Fotografien den Menschen hinter dem Vorurteil zeigen.
„Das hinausgeworfene Geld“ von Wadim Rakowski
Weitere interessante Arbeiten gibt es u.a. von Alexander Gehring bei der Berliner Galerie Pavlov’s Dog, Franziska Strauss mit ihren in der Natur aufgenommenen expressiven Tänzerinnenportraits bei Egbert Baque, Berlin, oder dem Litauer Algis Griškevičius mit seinen symbolistischen schwarz/weißen Fotografien bei der Greifswalder Galerie STP. Umso farbiger sind die archaisch anmutenden Strandbilder mit beflügelten Männerwesen von Arsen Savadov, die die Dymchuk Gallery aus Kiew zeigt. Die Ukrainer sind auf der LISTE zweimal vertreten. In der Gallery Section im Erdgeschoss präsentieren sie Malerei zu postkommunistischer Thematik.
Joanna Skurska und Leszek Skurski bei der Red Corridor Gallery
Insgesamt ist ein Trend Richtung Osteuropa deutlich erkennbar. Zum Beispiel mit dem Künstler- und Ehepaar Joanna Skurska & Leszek Skurski aus Gdansk. Sie zeigt am Stand der Red Corridor Gallery aus Fulda filigrane Kleiderskulpturen aus Kupferdraht, er malt auf das Wesentlichste reduzierte Figurengruppen auf meist hellem Hintergrund. Oder auch LISTE-Stammgast Malgosia Jankowska mit ihren wie verzaubert erscheinenden großformatigen Landschafts-Aquarellen. Die aus Warschau stammende Künstlerin lebt und arbeitet mittlerweile in Berlin.
Timm David Trillsams Skulptur „Das Überich“
Aber auch die Skulptur nimmt wieder einen breiten Raum ein. Hier sei u.a. auf Tim David Trillsam mit seinen eindrucksvollen Bronzefiguren oder Sven Bergholz‘ in weißem Epoxidharz gegossener Jesus am Kreuz hingewiesen. Den Werkstoff Holz bevorzugen Katharina Gerold mit ihren Köpfen im Profil bei Transient Berlin oder der in Greifswald lebende litauische Holzbildhauer Edvardas Racevicius, der seine kleinen Figuren direkt in einen Bezug zum lebenden Werkstoff Holz stellt.
Edvardas Raceicius, der Holzbildhauer aus Greifswald
Kaum Videos oder Installationen gibt es zu sehen. Da ist die Installation Bedrooms‘ Show des Esten Raul Rajangu besonders auffällig. In seiner Collage aus Malerei, Video und einem großen Coca-Cola Doppelbett verbindet er gleich drei Kunstformen auf eine, ironisch die Popart persiflierende Weise. Messen bieten natürlich auch immer den Raum für Selbstdarstellung und Eigenwerbung. So zeigt sich der russische Maler Wadim Rakowski in einer sarkastischen Selbstportraitserie Das hinausgeworfene Geld. Der Berliner Künstler Mané Wunderlich liebt es gleich gigantisch. Er hat die kleinformatige Skulptur seines aus weiteren Berliner Wahrzeichen stilisierten Brandenburger Tors zu einem witzigen, goldgelben monumentalWunderlich mit Phallus-artigem Turmfortsatz aufgeblasen. Nomen est omen. Insgesamt ist die BERLINER LISTE also wieder hervorragend aufgestellt.
„Bedrooms‘ Show“ von Raul RajanguMané Wunderlichs „monumentalWunderlich“
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(c) Text und Fotos: Stefan Bock
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Der Beitrag wurde am 19.09.13 auf Kultura-Extra veröffentlicht.
Das Hexenkessel Hoftheater in Berlin-Mitte und die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg versuchen sich mehr oder minder erfolgreich am „Amphitryon“ von und nach Molière
„Man kann ein anständiger Mensch sein und doch schlechte Verse machen.“ Jean-Baptiste Molière (1622-1673)
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Das Amphitheater des Hexenkessels in schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum. Foto: St. B.
Glänzte das Hexenkessel Hoftheater bisher ebenfalls meist mit Shakespeare-Werken, hat man sich in den letzten Jahren immer mehr der Commedia dell’arte von Carlo Goldoni oder dem französischen Komödiendichter Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, zugewandt. Besonders mit Stücken Molières wie „Der Geizige“, „Don Juan“ und „Der eingebildete Kranke“ konnte die Truppe unter ihrem Leiter Christian Schulz immer wieder ihr Publikum begeisterten. In diesem Jahr will es der Zufall, dass es zu einer wunderbaren Doppelung kommt, und sich der Hexenkessel im Amphitheater am Monbijoupark mit den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg messen muss. Eine wundersame gottgewollte Verdoppelung der Protagonisten ist dann auch das Thema der Molièreschen Bearbeitung der antiken Sage des „Amphitryon“. Der Feldherr Thebens wurde während seiner Abwesenheit durch den Göttervater Zeus in Gestalt des Aphitryon gehörnt. Seine Frau Alkmene gebar daraufhin den antiken Helden und Halbgott Herakles. Es sind fragmentarische Stückfassungen des griechischen Tragödiendichters Sophokles und des römischen Komödienschreibers Plautus überliefert.
Grundlage für Molières Verwechslungskomödie „Amphitryon“ dürfte die Tragikomödie des Plautus gewesen sein. Davon zeugen die römischen Bezeichnungen des Gottes Jupiter und seines Begleiters und Sohnes Merkur. Beide versetzen sich zum Spaß in die Gestalten des Feldherrn Amphitryon und dessen Dieners Sosias und nähern sich während deren kriegsbedingten Abwesenheit der ahnungslosen Alkmene. Was in Folge zu einiger Verwirrung führt, als erst Sosias mit der frohen Kunde des Sieges und später der gehörnte Ehemann Amphitryon selbst unverhofft in Theben auftauchen. Das Stück wurde bisher von einigen Dichtern wie dem Deutschen Peter Hacks oder den Franzosen Jean Rotrou (Les Deux Sosies) und Jean Hyppolyte Giraudoux adaptiert. Es ist in mehrfacher Bearbeitung immer wieder Stoff für großen Jux und Tollerei gewesen und inspirierte sogar den deutschen Dichter Heinrich von Kleist zu philosophischen Betrachtungen über das Ich. Mit dem Sturz der Protagonisten in die Identitätskrise gab Kleist der Komödie des Molière das tragische Moment zurück.
„Amphitryon“ vom Hexenkessel Hoftheater Fotos: Bernd Schönberger
Vlad Chiriac als Sosias. Foto: St. B.
Im Hexenkessel muss der Zuschauer aber nicht befürchten mit trockener Philosophie gequält zu werden. Das ist die Sache der komödienerprobten Darsteller nicht. Die moderne Fassung von Carsten Golbeck (Text) und Sarah Kohrs (Regie) gibt klar dem Spaß an der Unterhaltung den Vorrang. Und so haben dann auch die beiden Götter Jupiter (Milton Welsh) und Merkur (Roger Jahnke) zunächst ganz menschliche Wünsche und Schwächen. Der Verführer im fliederfarbenen Wams brüstet und sonnt sich in seiner Manneskraft und schiebt den zu kurz gekommenen Sohn Merkur zur Wache ab. Dieser mit einem leichten Vaterkomplex Ausgestattete lässt seinerseits den Frust am heimgekehrten Diener Sosias aus, dem er in seiner Gestalt nicht nur den Verstand, sondern gleich auch noch die Identität raubt. Vlad Chiriac ist der geborene Komödiant und spielt seinen Sosias als bauernschlauen Schwejk, der sich zwar oft um Hals und Kragen redet, aber mit viel Witz auch immer wieder aus misslicher Lage befreien kann. Dafür erntet er sehr viel Sympathie und Szenenapplaus und avanciert zu Recht in der Gunst der Zuschauer zum heimlichen Publikumsliebling.
Matthias Horn als Amphitryon gibt mit stoischer Vehemenz den rumpelnden Feldherrn gleichermaßen wie den sich missverstanden fühlenden, aufbrausenden Ehegatten. Nach der Enthüllung des Jupiters ist er es auch, der sich als erster wieder fängt und einen zählbaren Vorteil aus dem Götterfehltritt zu schlagen weiß. Alkmene (Claudia Graue) und Clea (Carsta Zimmermann) sind nicht nur schmückendes, weibliches Beiwerk, sondern dürfen so manches Wortgefecht mit den sich windenden oder prahlenden Mannsbildern austragen. Clea versucht sogar als eine Art orakelnde Schamanin, die schlechten Vibes mit probaten Zaubermittelchen zu vertreiben. Aus der Identitätsverwirrung und dem leidigen Geschlechterkampf weiß das spielfreudige Ensemble jedenfalls so manchen Funken zu schlagen. Man kann hier zumindest erahnen, was Kleist einst an Molières Komödie so interessiert hat. „Ich war noch nie icher“ ist dann auch der Spruch des Abends. Und die Hexenkesseltruppe war mit Sicherheit auch schon lange nicht mehr so sicher bei sich, als mit diesem „Amphitryon“. Ein großes Vergnügen, ihnen dabei zusehen zu dürfen.
Etwas neben sich scheinen dagegen die Woesner Brothers beim Schreiben ihrer eigenen Fassung der Molièreschen Komödie gestanden zu haben. Mit „Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ schrammen die Meister des gerührten Schüttelreims hart an der Gürtellinie des guten Geschmacks vorbei. Hier erheben sich auch keine fünffüßigen Jamben mehr. Man (und vor allem Frau) kriecht bevorzugt auf allen Vieren, wackelt mit dem Hinterteil, kräht und meckert oder gibt sich Tiernamen. Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza), wie sich das gleichermaßen liebestolle wie betrogene Paar aus dem schönen Theben beim Kosenamen ruft, scheinen auch ähnlich wirkende Substanzen eingeworfen zu haben, und geben sich dementsprechend aufgeputscht albern, übergriffig oder leicht tapsig und bräsig. In Kostüm und Gestus scheint das Ganze einem Asterix-und-Obelix-Comic a la „Die sind verrückt, diese Römer“ entlehnt. Es herrscht der gepflegte Herrenwitz und Unterleibshumor, der bevorzugt mit der Gummikeule ausgeteilt wird. Das haut selbst einen strammen Jupiter (Gideon Rapp) mit angeklebtem Kaiser-Wilhelm-Bart aus den Sandalen.
„Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ von den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg. Foto: St. B.
Etwas konsterniert flieht dann auch ein Teil, vor allem des weiblichen Publikums, den Abend in der überflüssigen Pause. Der Rest spricht im, trotz Edelrestaurantverdrängung, immer noch recht lauschigen kleinen Biergarten auf dem Pfefferberg alkoholhaltigen Flüssigkeiten zu und haut sich weiter tapfer auf die Schenkel. Jedoch auch nach der Pause will es nicht mehr sehr viel besser werden. Schlapp gemacht oder Schlappgelacht? „Wir sind die letzten Hänger der Legion“ ist der Hit des Abends. Leider ein Tiefpunkt der aktuellen Open-Air-Theatersaison. Da hilft auch keine Peitsche schwingende Lederdomina mehr. Einziger Lichtblick: Was der Sosias fürs Amphitheater ist der Merkur für die Woesner-Variante. Franz Lenski als kleiner fieser Intrigant hängt hier den Ossibeuteligen Dummbatzen Sosias (Peter Princz) mit großartig gespielter Leichtigkeit ab. Und sein Weib Cleantis, Sabine Weitzel im Putzkittel, darf derweil die Bretterbühne abfegen. Der Rest ist schnell erzählt. Zum Schluss bekommt auch jeder noch so täppsche Topf seinen passenden Deckel.
Der Pfefferberg am Senefelder Platz. Foto: St. B.
Das ist weder doppeldeutig noch irgendwie identitätsverwirrend, sondern nur noch nervtötend und geht auch als verunglückte Parodie auf triebgesteuerte Götter- und Menschenwesen nicht mehr wirklich durch. „Ach, hätten doch die Götter die Frauen nie erschaffen! Denn allzu oft macht sich der Mann um ihretwillen zum Affen.“ Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer: „Wer reimend eine Öse schweißt, verhakt sich im Gewoese meist.“ Auch einen Shakespeare haben die Woesners zu allem Überfluss noch im Angebot. Eine Romeo-und-Julia-Variante auf queer. „Chaos in Verona“ erzählt die angeblich wahre Geschichte von Romeo und Julius. Der Rezensent hat sich die Probe aufs Exempel vorsichtshalber erspart, weiß aber von einigen positiven Publikumsreaktionen. Das Ding scheint tatsächlich wesentlich besser zu laufen, als die albtraumartig erotisierten Götterstreiche. Am 20. September wird dann auch die fertiggestellte „Sch(w)ankhalle“ auf dem Pfefferberg mit einer Komödie der Woesner Brothers eingeweiht. „Zur Hölle mit Faust“. Wir können es kaum noch erwarten, den alten Goethe mal endlich richtig in Grund und Boden zu lachen. Ehrlich!
Juliane Gregori, Eddi Burza. Foto: St. B.
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„Amphitryons Albtraum
oder Die tolldreisten Streiche
erotisierter Götter“
bis 13. Sept.
Di – Sa, 20:00 Uhr
auf dem Pfefferberg,
im Wechsel mit
„Chaos in Verona –
Die wahre Geschichte
von Romeo und Julia“
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Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.
Johann Wolfgang Goethe, Faust I, Vorspiel auf dem Theater
Das HKW lädt seit 18. Juli wieder auf die Dachterrasse zur Wassermusik 2013.
Wasser, von oben ein Ärgernis, das den Berliner in den letzten Jahren oft verdrießlich stimmte und nicht mehr recht an den Sommer glauben lassen wollte. Wasser von oben, in diesem Jahr nach nassem Frühling seit Wochen Fehlanzeige. Endlich mal wieder richtig Sommer, und das auch noch in den Ferien. Seit Anfang Juli leuchtet „Klärchen“ gnadenlos hell vom Himmel herunter und die Berliner Strandbäder sind proppenvoll. Was dem Badegast in den letzten Jahren eher schnuppe war, interessiert ihn neuerdings mehr als feuchte Keller oder der Wasserstand von Havel und Spree. Nämlich die Wasserqualität, womit wir fast beim Thema wären. Was für den Badespaß gilt, ist auch Voraussetzung für ungetrübten Musikgenuss an der frischen Luft. Und da bürgt das Open-Air-Festival „Wassermusik“ seit Jahren für andauernde akustische Qualität.
Das Haus der Kulturen der Welt, am Spreeufer des Tiergarten gelegen, hob 2008 diese vielversprechende Musikreihe aus der Taufe. Jedes Jahr steht das Festival unter einem anderen Motto. Ob Surf und Tiki, Karibik und Akkordeon, große Flüsse oder gar die eher wasserarme Wüste, es dreht sich dabei, natürlich in erster Linie musikalisch, immer um das lebensspendende Nass. Aber auch Vorträge werden gehalten und Filme rund ums Wasser gezeigt. Thema in diesem Jahr ist „Der neue Pazifik“. Ein sogenannter Wassermarkt lädt auf der sonnenüberfluteten Dachterrasse des HKW mit handwerklichen und kulinarischen Produkten aus den jeweiligen Regionen zum Bummeln und Verweilen ein.
Barack Obama erklärte den pazifischen Raum beim ASEAN-Gipfel 2011 zum neuen „globalen Machtzentrum“. Dabei hatte er aber wohl eher die aufstrebende Wirtschaftskraft von Pazifikanrainern wie China oder den schwindenden Einfluss der USA auf dem Südamerikanischen Kontinent im Sinn. Aber auch musikalisch dürfte der in Hawaii geborene US-Präsident nicht nur eine Vorliebe für Surf und Tiki, sondern vielleicht auch für japanischen Free-Jazz oder kolumbianische Cumbia teilen. Die jährlichen Wasserspiele mit Musik eröffneten dann letzten Donnerstag auch passend die US-amerikanische Band Dengue Fever aus L.A. mit einem Transpazifischen Fiebertraum aus kambodschanischen Khmer-Pop-Coverversionen und die Sängerin Julieta Venegas, ein Multitalent von der mexikanischen Baja California.
Cumbia deconstruida mit den Meridian Brothers und bildgewaltiger Free-Jazz mit dem Shibusa Shirazu Orchestra
Eblis Álvarez von den Meridian Brothers
Erster musikalischer Höhepunkt dürfte aber am 21. Juli das Doppelkonzert der Meridian Brothers aus Bogotá (Col.) und des japanischen Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio gewesen sein. Mit ihrer schrägen Cumbia deconstruida im Gewand einer klassischen Salsa-Band spannen die kolumbianischen Meridian Brothers um den musikalischen Mastermind Eblis Álvarez im wahrsten Sinne des Wortes einen Bogen von Nord nach Süd. Das Neue hierbei ist die konsequente Uminterpretation des ursprünglich südamerikanischen Volkstanzes mittels modernem Rockinstrumentarium, schepperndem Schlagzeug sowie elektronischen Keyboard- und Synthesizerklängen. So rhythmisch ausstaffiert, lässt sich dann auch jeder x-beliebige amerikanische Rocksong genüsslich dekonstruieren. Eblis Álvarez führt dies am Beispiel von Jimi Hendrix‘ „Purple Haze“ vor, indem er zu elektronisch verzerrter Stimme den Klassiker durch den kolumbianischen Synthie-Fleischwolf dreht. Heraus kommt ein plingender und fiepender „Niebla Morada“ – völlig abgefahren.
Das Shibusa Shirazu Orchestra aus Japan.Butoh-Tänzer des Shibusa Shirazu Orchestras
Noch unglaublicher ist dann allerdings der Aufritt des Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio. Die japanischen Multiinstrumentalisten, Performer, bildenden Künstler und Butoh-Tänzer touren seit Jahren mit einem bis zu 40 Personen starken Ensemble durch die Welt. Auf der farbenfroh ausgestalteten Bühne mit ausladendem Laufsteg standen zwar in etwa nur halb so viele Mitglieder, die aber dennoch ein wahres Feuerwerk an Free- und Bigband-Jazz, Video und expressionistischem Ausdruckstanz darboten. Während einer Theateraufführung 1989 in Tokio geründet, wurzelt die darstellerische Kunst des Jazz-Ensembles auch im traditionellen japanischen Theater des Kabuki, Nō und Elementen des Butoh-Tanzes, einer Weiterentwicklung des zeitgenössischen, europäischen Ausdruckstanzes der zwanziger Jahre.
Das Shibusa Shirazu Orchestra in Aktion.
Auch wenn Butoh so viel wie „Tanz der Finsternis“ bedeutet und weißgekalkte und schamanische Gestalten die Bühne bevölkern, überwiegt doch der Spaß an extremer Performance und Verwurstung moderner westlicher Einflüsse, wie Latin-, Brass- oder Jazz-Musik. So versteht sich das Orchester auch als ein einziges, ständig mutierendes Gesamtkunstwerk. Und auch ein japanischer Jimmi Hendrix mit Rastalocken traktiert wie sein großes Vorbild die E-Gitarre mit den Zähnen. Niemals nur cool, immer heißblütig bedeutet der wortspielerische Name der Band in etwa übersetzt. Eine Mischung aus schrägen Bigband-Klängen, Gesang, Tanz und Pantomime bringt auch das Publikum so langsam zum Schwitzen. Spätestens als dann auch noch ein heißluftgefüllter Silberdrache über der Dachterrasse schwebt, bleibt der staunenden Menge vor der Bühne der Mund offen stehen, und das Klischee des ewig knipsenden japanischen Touristen wird durch die gezückten Kameras der Europäer bildgewaltig widerlegt.
Jazz-Rock mit Troker aus Mexiko und Susana Baca, eine schwebende Diva aus Peru.
Troker aus MexikoDer Drummer von Troker
Am 26. Juli ging es dann wieder lateinamerikanisch weiter. Zu Beginn heizte die Band Troker aus Mexiko den sich nach der Hitze des Tages langsam auf der Dachterrasse des HKW versammelnden Wassermusik-Fans ordentlich ein. Der treibende Beat ihres feurigen Jazz-Rocks trieb bei gut 30 Grad im Schatten nicht nur den Musikern den Schweiß auf die Stirn. Besonders die beiden Bläser schonten sich nicht, und der wuchtige Schlagzeuger traktierte nicht nur seine Drums, sondern benutzte die Beatsticks auch als Maultrommel. Der musikalische Spagat der Truppe aus Guadalajara reicht von Latin über amerikanischen Rock bis hin zu jazzigen Dancebeats, unterstützt durch einen scratchenden DJ an den Turntables. Troker verließ erst nach wiederholten Zugaberufen des begeisterten Publikums die Bühne, und war damit nicht einfach nur Support für den Hauptact des Abends, den die spanischsprachige Community Berlins sehnsüchtig erwartete.
Die Diva schwebt. Susana Baca aus Peru.
Sie war zahlreich erschienen, um ihren Star aus Lima, die afro-peruanische Sängerin Susana Baca zu feiern. Sie ist nicht erst seitdem sie für kurze Zeit als Kulturministerin dem Kabinett des Staatspräsidenten Ollanta Humala angehörte über die Grenzen Perus bekannt. Schon länger setzt sich Susana Baca in ihren Liedern für die Rechte der schwarzen Bevölkerung Perus ein. In einem luftigen orangefarbenen Sommerkleid betrat die Sängerin dann gegen 21:30 Uhr die Bühne auf der Dachterrasse des HKW und begrüßte freundlich die wartenden Zuschauer. Mit traditionellen Volksliedern aus den schwarzen Ghettos der peruanischen Hauptstadt, afro-kubanischer Salsa und brasilianischen Sambaklängen brachten sie und ihr Ensemble das Publikum dann zum Schwärmen und Tanzen. Und für einen Moment sah es so aus, als begänne die barfüßige Diva selbst zu schweben.
Das Festival berieselt auch an den kommenden Wochenenden noch die hitzegeplagten Berliner mit frischer Wassermusik und dauert noch bis zum 11. August an. Mit Sonne satt ist hoffentlich auch in den nächsten Tagen zu rechnen.
Anlässlich der Hamburger Premiere von Antú Romero Nunes‚ Inszenierung „Don Giovanni. Die letzte Party“ im Januar am Thalia Theater Hamburg mokierte sich der bekannte Theaterkritiker Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung über den am Theater um sich greifenden, schleichenden Bedeutungsverlust der darstellenden Künste durch eine dauernde „Verdünnung mit Ironie“. Ironie wäre ja durchaus ein probates Mittel gegen die Dummheit, liest man bei Briegleb. Als Regie-Mittel auf der Bühne diene die Ironie aber zunehmend nur noch dazu, „sich selbst vom Stoff, den man spielt, zu distanzieren und möglichst jede Aussage oder inhaltliche Festlegung zu vermeiden“. Eine durchaus diskussionswürdige These, die leider kein allzu großes Echo fand. Nun äußern sich ja in regelmäßigen Abständen immer wieder mal Autoren oder Kritiker zum Niedergang des Theaters aus ganz unterschiedlicher Perspektive. Ob nun ironisch der Verfall des Sprech-Theaters beklagt, gegen das Regietheater gewettert oder sich zynisch über die Armut an großen Schauspielern geäußert wird. Ein Körnchen Wahrheit lässt sich allemal in diesen meist auf ein möglichst großes Furor angelegten Polemiken finden.
Zumindest das weibliche Publikum im Rücken. „Don Giovanni“ am Thalia Theater Hamburg. Regie: Antú Romero Nunes – Foto: St. B.
Für den Philosophen, Kritiker und Literaturhistoriker Friedrich Schlegel (1772 – 1829) war Ironie eine philosophische Methode und bedeutete „eben nichts andres, als dieses Erstaunen des denkenden Geistes über sich selbst, was sich oft in ein leises Lächeln auflöst“. Für den Künstler bedeutet das, die ständige Reflexion der Umwelt und seiner selbst, sowie die Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit in ein Kunstwerk umzusetzen. Also im Großen und Ganzen die poetische Reflexion und Spiegelung des eigenen künstlerischen Schaffensprozesses. Auf dem Theater wenden u.a. Regisseure wie Nicolas Stemann, Jan Bosse oder eben auch Antú Romero Nunes diese Methode in ihren Inszenierungen an. Darüber hinaus kommt es aber auch immer mal wieder zu künstlich aufgeblasenen theatralen Übertreibungen, die bis zum billigen, rhetorischen Klamauk reichen. Und das ist in der Tat zu einer Modeerscheinung am Theater geworden. Schlegel scheint hierbei dahingehend missverstanden zu werden, dass sich selbst beobachten und reflektieren ein ständiges neben der Rolle stehen oder aus ihr heraustreten meint (siehe Ironie als permanente Parekbase). Da immer nur ein sehr schmaler Grat zwischen Ironie und Klamauk besteht, ist auch der Drang zur Übertreibung in jedem Künstler vorhanden. Mal geht es gut, mal eben voll daneben. Dazu kommt noch, dass es für das Aussenden sowie das Empfangen und Verstehen von Ironie einer guten Sensorik bedarf. Mit dem Holzhammer ist da nichts zu machen. Sich auf die Schenkel klopfen, dass es kracht, kann jeder. Man kann auch alles soweit in sein Gegenteil verkehren, bis es jede tiefere Bedeutung verloren hat.
Wer über die Gabe der Ironie verfügt, feine Kritik anzubringen, hat vermutlich auch einen Sinn für Humor. Mit Komik hat das noch nicht in jedem Falle zu tun. Genau wie eine Satire nicht für jeden komisch ist, muss Ironie auch nicht von jedem gleichermaßen verstanden werden. Es ist nicht in jedem Fall vom gleichen Wissensstand des Gegenübers auszugehen. Worin natürlich durchaus auch ein gewisser Reiz liegen kann. Leider kommt es aber oftmals dazu, dass sich das Publikum über- bzw. unterfordert oder schlechterdings nur veralbert fühlt. Einen dramatischen Stoff oder eine Situation in einem Stück zu ironisieren, geht oft zu Lasten des Autors oder seiner Aussage. Was nicht weiter schlimm ist, wenn diese überholt scheint, kritisiert werden soll oder verschieden deutbar ist. Dabei kommt es immer auch auf den passenden Zeitbezug an, oder wie die Sache künstlerisch, ästhetisch rübergebracht werden soll. Till Briegleb hat also in seinem SZ-Artikel durchaus ganz richtig auf ein allgemein bestehendes Problem hingewiesen. Ob es nun gleich ein Elend mit der Ironie ist, sei dahingestellt. Sie aber nur zu benutzen, um sich den Stoff oder eine Stellungnahme dazu vom Hals zu halten, zeugt doch meist von einer gewissen Ignoranz wenn nicht sogar von Unvermögen.
Foto: St. B.
Was hat das nun mit der Jubiläumsausgabe des Berliner Theatertreffens zu tun? Da diese Veranstaltung immer auch ein Abbild der am Theater vorherrschenden Tendenzen und Moden ist, lässt sich natürlich auch wunderbar anhand der diesjährigen Auswahl weiter polemisieren. Zum Beispiel zum eingangs erwähnten Einsatz der Ironie als Mittel des Theaters, sich selbst zu reflektieren. In mindestens 7 Inszenierungen sind die verschiedenen Spielarten der Ironie zu bewundern. Wenn man mal von Michael Thalheimers archaischer Inszenierung der „Medea“ absieht, die vollkommen ohne ironische Reflexionsebene auskommt, oder der ästhetisch eher eindimensionalen Bebilderung von Friederike Mayröckers Selbstbetrachtung „Reise durch die Nacht“ durch Katie Mitchell, die nicht einmal mehr auf einem Experimentalfilmfestival für Aufsehen sorgen dürfte, und die Reflexionen der Autorin mit Hilfe von Live-Video und Textaufsagen in statische Bilder übersetzt, versuchen sich die meisten anderen Regisseure im Hinterfragen der Wirkung von Theatermitteln beim Publikum. Sie reflektieren sich und ihr Medium ganz selbstironisch aus verschiedensten Gesichtspunkten, oder inszenieren den Entstehungsprozess von Theater gleich mit.
Julia Häusermann und Remo Beuggert vom Theater Hora – Foto: Michael Bause
Selbst bei der Tanztheater-Produktion „Disabled Theater“ des Choreografen Jérôme Bel, einer Koproduktion mit dem Theater Hora aus Zürich, reflektieren die behinderten Darsteller ganz bewusst ihr Selbstverständnis als Schauspieler, die sie ja auch sind. Das dabei eine wie auch immer geartete Ironie nicht unbedingt im Vordergrund steht, versteht sich fast von selbst. Man kann aber durchaus erkennen, dass es ihnen wichtig ist, was sie machen, und dass sie ihr Anderssein nicht als Hinderungsgrund empfinden. Selbstbewusst stellen sie sich dem Blick des Publikums. Und darin liegt vielleicht die Ironie des Abends, dass man hier den eigenen Blick hinterfragen muss, um dem standhalten zu können. Der Alleinjuror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises Thomas Thieme hat sich dem ausgesetzt und eine grandiose Wahl getroffen. Der Preis für die herausragende Leistung eines jungen Schauspielers geht an Julia Häusermann vom Theater Hora. Thieme begründete das so: „Ganz sie selbst, von anarchischem Humor, stiller Aggressivität und so unendlich traurig. Von immenser Kraft und beängstigender Zartheit, ganz weich und auch wie ein Muskel. Jede Bühnensekunde beschäftigt: mit ihrem Spiel, mit sich, mit der Liebe zu dem Riesen, der neben ihr sitzt. Existenz im Augenblick. Schwermut und Übermut zugleich.“ Ein weiterer Schritt dahin, Schauspieler mit Behinderungen als Künstler wirklich ernst zu nehmen. Eine wichtige Entscheidung, die sie verdienter Maßen endlich in die Mitte der Gesellschaft rückt, wo sie als Menschen auch hingehören.
Die Lacher auf seiner Seite. Herbert Fritsch bei der Konferenz „Theater und Netz“. – Foto: St. B.
Über Herbert Fritsch und seine Inszenierung „Murmel Murmel“ (Volksbühne) nach Dieter Roth muss man eigentlich nicht mehr viele Worte verlieren. Nur so viel, der Meister des großen Theaterspaßes läuft fast schon außer Konkurrenz und hat beschlossen, eh nur noch zu machen was er will. So verkündet auf der von nachtkritik.de organisierten Konferenz „Theater und Netz“. Eine sehr weise Entscheidung. Mit der Selbstreflexion scheint Fritsch demnach durch zu sein. Auf ihn trifft wohl am ehesten das zu, was der „Magister der Ironie“ Sören Kierkegaard in einer kleinen Anekdote seines großen Werkes „Entweder-Oder“ dem Ästhetiker in den Mund legt. Von den Göttern Griechenlands nach einem Wunsch befragt, wählt dieser nicht Schönheit oder Macht, ein langes Leben oder das schönste Mädchen, sondern entgegnete ganz einfach: „Hochverehrte Zeitgenossen, eines wähle ich, daß ich immer die Lacher auf meiner Seite haben möge. Da war auch nicht ein Gott, der ein Wort erwiderte, hingegen fingen sie alle an zu lachen. Daraus schloß ich, daß meine Bitte erfüllt sei, und fand, daß die Götter verstünden, sich mit Geschmack auszudrücken; denn es wäre ja doch unpassend gewesen, ernsthaft zu antworten: Es sei dir gewährt.“ Und wenn dabei weiterhin solch vergnügliche Werke entstehen, wie sie Fritsch bisher in der Volksbühne gezeigt hat, dann muss man sich wohl auch keine allzu großen Sorgen um ihn machen.
Sebastian Hartmann bei der Konferenz „Theater und Netz“. Foto: St. B.
Ein paar Zukunftssorgen plagen vielleicht den scheidenden Leipziger Intendanten Sebastian Hartmann, der am eigentlichen Tiefpunkt seiner Intendanz nun endlich zum ersten Mal nach Berlin geladen wurde. Hätte ihn diese Ehrung schon für die ebenfalls recht bemerkenswerte Inszenierung von Thomas Manns „Zauberberg“ ereilt, wäre u.U. noch nicht das letzte Wort über die sogenannte Leipziger Handschrift gesprochen worden. Hartmann denkt wie kaum ein anderer Regisseur über den Prozess des Entstehens von Theater nach. Die starre Grenze zwischen Schauspieler und Zuschauer versucht er durch das Bespielen des gesamten Theaterraums aufzuheben. Slapstick und Ironie sind dabei nicht einfach nur Mittel zum Zweck oder alberner Regieeinfall, sondern längst zum eigenständigen ästhetischen Mittel geworden. Durch die Einbeziehung anderer Kunstformen wie spezielle Live-Musik und Videoarbeiten erweitert er bewusst das künstlerische Spektrum des Theaters. In seiner Inszenierung von Tolstois „Krieg und Frieden“ ist es ihm bisher am eindrücklichsten gelungen, die verschiedenen Kunstformen zu einer ästhetischen Einheit zu verbinden.
Ähnliches konnte man bisher durchaus auch von Sebastian Baumgarten behaupten. Seit Anfang der 90er Jahre führt er Musik- und Sprechtheater gleichberechtigt nebeneinander auf. Mit Brecht kann er beides nun sozusagen kongenial miteinander verbinden. Und die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ (Schauspielhaus Zürich) ist nicht das erste Stück von Brecht, was Baumgarten inszeniert hat. Mit der „Jasager und der Neinsager“ 1998 am Thalia Theater Halle und „Der gute Mensch von Sezuan“ 2011 am Centraltheater Leipzig hat er bereits Erfahrungen mit Lehrstück und Epischem Theater gesammelt. Baumgarten versucht aber gar nicht erst, Brechts Methoden spielerisch auszuloten oder, wie etwa Nicolas Stemann in seiner Inszenierung der „Heiligen Johanna“ am Deutschen Theater, kritisch ironisch zu hinterfragen.
Sebastian Baumgarten (l.) mit dem Regieteam der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ beim Theatertreffen – Foto : St. B.
Baumgarten zitiert einfach, was ihm passend erscheint, von den Kostümen, wie den riesenhaften Strohhüten, über Maskenverfremdung bis zu den Einblendungen der Brecht’schen Zwischentitel, und überzeichnet dabei mit fett ironischem Edding. Nur dient die Ironie hier nicht der Reflexion oder gar der aktuellen Debatte über das Finanzkapital, sondern stellt die Figuren lediglich als Typen aus. Es überwiegt eine bildhafte Kapitalismuskritik, bei der Schlagworte wie Materialismus und Negation der Negationen lediglich als Zeichen reproduziert werden. Conklusio: Denken in Widersprüchen leicht gemacht, Dialektik für Dummies. Was, neben grenzdebilen Proleten und einer an Naivität nicht zu überbietenden Johanna, die den sprichwörtlichen Schlamm auf dem Körper trägt, in Form einer geblackfaceden Frau Luckerniddle geradezu zum Ärgernis gerät.
Mit roter Brechtgardine der Ironie. „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ beim 50. TT. – Foto: St. B.
Die Figur der Frau Luckerniddle bei Baumgarten verweist vermutlich auf die Figur des Alboury in Bernard-Maria Koltés‚ Stück „Kampf des Negers und der Hunde“, was ja zunächst nicht falsch gedacht wäre. Hier wirkt es aber albern aufgesetzt und unnötig. Da ist Blackfacing wirklich einfach nur Blackfacing. Mehr nicht. Da helfen auch nicht der interessante Diskurs im Programmheft und eine jazzige Klavierbegleitung durch Jean-Paul Brodbeck. In solchen Gesprächen kann man vieles erleuchten. Die Erleuchtung auf der Bühne blieb hier aus. Dort war es die meiste Zeit eher finster, bis auf ein paar flimmernde Videofilmchen und jede Menge bunten Tand. Das ironische Zitieren Baumgartens kennt man bereits aus „Dantons Tod“, 2010 am Maxim Gorki Theater aufgeführt. Wie bei Hartmanns „Krieg und Frieden“ stand da am Ende eine Art kleines Essay im Stummfilmformat. Hier nun verweist der Film lediglich auf sich selbst, zitiert das Genre des amerikanischen Western und der Soap-Opera. Das Video ist somit keine eigene ästhetische Arbeit mehr, sondern nur noch ironischer Regieeinfall, wie das auf die Bühne Schieben eines großen Pappbullen am Schluss und die Verwendung des Rammstein-Songs „Und der Haifisch der hat Tränen“. Wir leben ja auch in finsteren Zeiten. Da erscheint ein bisschen Firlefanz auf der Bühne für manche schon wie das Hosianna. Ein Tiefpunkt dieser recht aufgeblasenen Jubelschau.
Bernd Grawert und Lina Beckmann als Ehepaar John. Foto: Klaus Lefebvre
Für das Ärgernis des letzten Jahres sorgte noch Karin Henkel mit ihrem ziemlich uninspiriertem, belanglosen „Macbeth“ aus München. Diesmal wurde ihre Inszenierung „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann (Schauspiel Köln) überaus kontrovers aufgenommen. Die Buhs und Bravi bei der Premiere auf der Hinterbühne des Berliner Festspielhauses versuchten sich in ihrer emotionalen Intensität schier zu übertönen. Was zumindest diesbezüglich bemerkenswerte Züge trägt, und somit eine Einladung durchaus rechtfertigen dürfte. Es ist eine jener Inszenierungen, in denen sich das Theater selbst zum Thema macht und neben der Gesellschaftskritik Hauptmanns auch die ästhetischen Mittel des Kunsterschaffungsprozesses offen zeigt und reflektiert. Schon die Wahl des Ortes der Aufführung ist ein Zeichen für die Bespiegelung des Mediums Theater durch die Macher selbst. Der Zuschauer muss sich durch den Garten zum Bühneneingang des Hauses der Berliner Festspiele begeben und durch enge Gänge vorbei an Garderoben und Kisten für das Bühnenbild, um auf diesem Umweg zum Herzstück des eigentlichen Theaters, der Hinterbühne zu gelangen, von wo aus sonst, vom Publikum unbemerkt, vor und während einer Aufführung die Fäden gezogen werden. Hier bedienen sich die Schauspieler aus dem Kostümfundus, werden noch während des Einlasses geschminkt und warten ansonsten auf ihren Auftritt. Der erfolgt erst einmal, wie es sich für die Hauptmann’schen Dachbodenratten gehört, durch Luken in der Bühnenrückwand.
Man ist dabei dennoch weit entfernt von jeglichem Naturalismus. Die Darsteller wirken wie expressionistische Zirkusfiguren, die durch harte Gitarrenklänge getrieben, durch die Manege des Lebens irren und rein von ihrer starken Überzeichnung leben. Weniger erfolgreich führte Karin Henkel bereits Tschechows Kirschgarten als ebensolche Zirkusnummer auf. Hier zur klaren Trennung von realer und der Kunstwelt des Theaters funktioniert das aber zunächst recht gut. Das Zusammentreffen dieser grundverschiedenen Welten erfolgt auf besagtem Dachboden, den sich hier die kurz vor dem Gebären eines unehelichen Kindes stehende junge Polin Pauline Pieperkarcka (Lena Schwarz wie aus einem veristischen Hunger-Bild von Otto Dix oder Käthe Kollwitz entsprungen), als einen realen Raum für ihre Nöte und die surreal anmutende Welt des Bildungsbürgertums in Persona der Familie des ehemaligen Theaterdirektors Hassenreuter (Yorck Dippe) samt dessen Schauspieleleven Spitta (großartig Jan-Peter Kampwirth mit veritablem S-Fehler) teilen.
Die beiden liefern sich dann auch einen verbal-grotesken und philosophisch verbrämten Schlagabtausch über die Bedeutung des Theaters als Abbild der Wirklichkeit oder als idealen Raum der reinen Ästhetik, des Wahren, Guten und Schönen im Menschen. Was in Form des blasierten Direktors aber eher gelangweilt und besserwisserisch daherkommt. Hier wird nicht mehr Schillers Idealvorstellung verkörpert, sondern Spitta verzweifelt an der wirklichkeitsnahen Darstellung des Mörders Macbeth. Ein durchaus selbstironischer Seitenhieb von Karin Henkel auf ihre eigene Inszenierung aus dem letzten Jahr. Kampwirth, der in Doppelrolle auch Bruno, den schrägen Bruder der Frau John spielt, nimmt hier bereits die Mordtat an der Pieperkarcka völlig übersteigert zwischen hohem Ton und naturalistischer Karikatur vorweg, ständig von Hassenreuter dabei unterbrochen und geschulmeistert. Im Abgang, nachdem er Mutter John die tat gestanden hat, übergibt Bruno ihr seine Pappkrone.
Das Schauspielteam der „Ratten“ um Regisseurin Karin Henkel (4. v. l.) beim 50. TT. – Foto: St. B.
Karin Henkel spielt in den Figuren Hauptmanns dessen extremen Verismus und die ideale Kunstwelt ironisch karikierend gegeneinander aus. Ein Zwiespalt, der auch in Hauptmanns späterem Anspruch an die eigene Kunst wiederzufinden ist. Die Schauspieler stellen hier fast durchweg zwei Seiten in ihren Charakteren aus bzw. spielen gleich mehrere Rollen in unterschiedlicher Ausrichtung. Lena Schwarze ist verzweifelt getriebene Paulina Pieperkarcka und gleichsam naives Mädchen Walburga Hassenreuter. Kate Strong gibt die Elendsfigur der Alkoholikerin Sidonie Knobbe als expressionistischen Ausdruckstanz neben der übersatten im Suff ständig wegknickenden Frau Hassenreuther im Barockkostüm. Eine durchaus reflektierte und mit der nötigen Selbstironie ausgestattete Herangehensweise der Regisseurin, die aber in der Figur der Mutter John die der Pieperkarcka erst ihr Baby abschwatzt und sie dann mit weiteren Lügen und Bedrohungen mundtot machen will, stark realistisch konterkariert wird.
Und mit der stoisch geradeaus spielenden Lina Beckmann hat Karin Henkel dafür auch die ideale Besetzung gefunden. Ihr zur Seite steht Bernd Grawert als stiernackig berlinernder Maurerpolier John und zusätzliches Element der brutalen Realität, die Hauptmann über den satten Bildungsbürger ausschütten wollte. Die bedrohliche Enge der Mietskaserne in einer durch ein schmales Gerüst dargestellten Stube kontrastiert das gutbürgerliche Geschwafel der Hassenreuters auf offener Bühne, die sie im zweiten Teil auch prompt verlassen, um es sich mit uns im Publikum gemütlich zu machen. Nun herrscht wieder Hauptmanns Elendsnaturalismus mit Lina Beckmann als Täterin und einsamem Opfer gleichermaßen, die nach ihrem Sturz aus dem Fenster mit einem Eimer Kunstblut übergossen wird. Eine zwiespältige und aufwühlende Inszenierung gleichermaßen, wie die anfänglich beschriebenen Publikumsreaktionen beweisen. Hier fällt das üblicherweise wohlfeile Abnicken oder lässige Abwinken schwer.
Luk Perceval beim 50. Theatertreffen. – Foto: St. B.
Ähnlich wie Karin Henkel geht auch Regisseur Luk Perceval in seiner Fallada-Bearbeitung von „Jeder stirbt für sich allein“ vor. Der nüchternen realistischen Darstellung des Ehepaars Otto und Anna Quangel (Thomas Niehaus und Oda Thormeyer), die in der Nazizeit in Berlin Postkarten schreiben, als eine besondere, ganz persönliche Art des Widerstands gegen Hitlers Regime der allgegenwärtigen Angst, Denunziation und Propaganda, stellt der Hausregisseur des Thalia Theaters Hamburg einen schrägen Kosmos typischer Charaktere aus dem Berliner Kiezleben jener Zeit entgegen. Falladas präzise Milieubeschreibung der kleinen Leute kommt hier als unermüdlich laut karikierendes Defilee aus Eingeschüchterten, Mitläufern, Denunzianten und Heil Hitler rufenden Kasperlefiguren daher, immer in Angst und Ohnmacht vor den kleinen und großen Grausamkeiten der ermittelnden, nach schnellen Erfolgen gierenden Staatsmacht. Das erinnert durchaus an Jorinde Dröses zweistündige Kurzversion am Berliner Maxim Gorki Theater. Perceval lässt sich bei seiner Adaption dagegen wesentlich mehr Zeit, was nicht unbedingt neue Facetten an Falladas in düsteren Farben gehaltenem Zeitkolorit freilegt, aber letztendlich zu einem Festakt der Flexibilität und Spielfreude gerät. Gestützt durch ein bestens aufgelegtes Ensemble, was durch die Bank mehrere Rollen bewältigen muss und das auch bravourös meistert.
Allen voran Daniel Lommatzsch als sympathisch trotteliger, stark berlinernder Strizzi Enno Kluge und André Szymanski als ambivalenter Kommissar Escherich zwischen Weltekel und Bemühung seine eigene Haut zur retten. Ein ungleiches, in langen Dialogen miteinander ringendes und bis zum Tod schicksalhaft aneinander gekettetes Duo, das den Hauptdarstellern fast die Show stiehlt. Und auch Barbara Nüsse, Alexander Simon und Gabriela Schmeide dürfen ihr komödiantisches Talent in verschiedenen Rollen beweisen. Stark auch das mächtige Bühnenbild, das bei Annette Kurz immer auch Raumskulptur wird, man denke nur an die aufgestapelten und abgehängten Tische in Percevals Inszenierung des Macbeth oder die Mäntel und den toten Hirschen im Hamlet. Gerade erst in Hamburg hängte sie für „Die Brüder Karamasow“ einen ganzen Wald aus Klangstangen auf. Hier steht eine große Wand, die ein Berliner Straßenbild aus Alltagsgegenständen wie ein reliefartiges Google-Luftbild zeigt, auf dem nach und nach immer mehr Lücken aufreißen und sich der Schutt der Stadt am Boden sammelt. Davor rennen die Figuren immer wieder aneinander vorbei, bis sie für kurze oder längere Spielszenen an einem einzelnen Tisch aufeinanderprallen.
„Jeder stirbt für sich allein“ beim 50. TT. Bühnenbild von Annette Kurz – Foto: St. B.
Bei all dem Gewimmel, Geschrei und karikierender Übertreibung der Darsteller um das stoisch aufrechte Paar der Quangels menschelt es dennoch wieder mächtig bei Perceval. Der Ohnmacht und Angst des Einzelnen Menschleins stellt er die Macht der Menschlichkeit und Liebe entgegen. Sogar den von Fallada selbst kritisierten Blick in die Zukunft der Jugend mit dem auf dem Lande geläuterten Großstadt-Halbstarken Kuno-Dieter Barkhausen (Mirco Kreibich) fasst Perceval in ein versöhnliches Bild der Gemeinschaft. In den Augen des Ironiekritikers der SZ, Till Briegleb, fand dieses Spiel dann auch eine ganz besondere Gnade: „Wenn Theater sich noch jener moralischen Verantwortung stellen will, einmal ohne ironische Distanzierung oder drastische Symbolik über politische Handlungsfähigkeit zu sprechen, dann bekommt es in Percevals Inszenierung ein Beispiel geboten, wie das aussehen könnte.“ Und das möchte man seinem Menschengewimmel auf der Bühne dann auch jederzeit gerne und ohne große Probleme abnehmen.
Bleiben noch die seit 2002 mit einer einzigen Unterbrechung jährlich geladenen Münchner Kammerspiele. Wie bereits im letzten Jahr ist das Theater in der Maximillianstrasse zur 50. Jubelschau sogar mit gleich zwei Inszenierungen in Berlin vertreten. Nach einem Jahr Pause ist auch die österreichische Dramatikerin Elfriede Jelinek wieder mit von der Partie, die 2011 ans Kölner Schauspiel ausgewichen war und mit Karin Baiers fulminantem Wasserspiel „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ das Berliner Publikum beeindruckte. Zum großen Jubiläumsjahr der Kammerspiele hat sich Noch-Intendant Johan Simons, der 2014 die Leitung der Ruhrfestspiele übernehmen wird, ein Stück über den Münchner Prachtboulevard, an dem das Theater seit 100 Jahren liegt, gewünscht. Und Elfriede Jelinek lieferte in gewohnter Manier mit „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ einen schön ironisch kalauernden Fließtext über Sein und Schein, den Körper und die Mode ab. Verbunden mit einem Monolog des 2005 ermordeten Modezaren Rudolph Moshammer, dem Aushängeschild der Münchner Schickeria und Modeszene auf der Maximillianstraße.
„Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ Sandra Hüller, Hans Kremer, Stephan Bissmeier und Marc Benjamin (v.l.n.r.) – Foto: Julian Röder
Die Ironie in Elfriede Jelineks Texten besitzt dabei nicht nur eine rein gesellschaftskritische Funktion. Die Autorin versteht dies auch als persönliches, ästhetisches Mittel der Selbstbespiegelung. In ihren überspitzt meandernden Textflächen befinden sich auch immer wieder deutlich autobiografische Passagen. Was dennoch nie zur reinen Nabelschau gerät. In diesem Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele hat Elfriede Jelinek Theater- und eigene Körperreflexionen mit allgemeiner Konsumkritik verknüpft sowie mit der sich geradezu anbietenden, gleichermaßen Kunst- wie Kommerzraum seienden Maximillianstraße kurzgeschlossen. Herausgekommen ist ein Text, der in seiner unnachahmlichen Penetranz (das Lieblingswort auf dem tt13 hieß Redundanz) nicht zu den ganz großen Würfen der Autorin gehört, aber in der wie immer behutsamen, unaufdringlichen Regie von Johan Simons dennoch zu strahlen vermag. Ein Glücksfall, der nicht jedem Jelinek-Stück gleichermaßen zu Teil wird. Man denke nur an die gerade bei den Autorentheatertagen am DT gezeigte Wiener Matthias-Hartmann-Inszenierung von „Schatten (Eurydike sagt)“.
Johan Simons, Sandra Hüller und Benny Classen beim 50. TT. – Foto: St. B.
Wo Hartmann den Text mit dem groben ironischen Holzhammer traktiert, lässt Simons ihm den nötigen Freiraum zur Entfaltung des eigenen ironischen Potentials. Dazu genügt eine Bühne voll gecrashtem Eis und lauter Zwitterwesen in Anzügen, geschnürten Miedern und Glitzerfummeln, die über diesen glatten Parkcours des schönen Scheins und dahinschmelzenden Seins stöckeln und dabei virtuos Jelinektext a la „Die Leute kaufen hier ein, um andere zu werden, … aber sie werden ja auch nicht andere als sie waren.“ repetieren. Dazwischen bewegt sich Sandra Hüller zielsicher als bezaubernd verunsichertes Fashion Victim und Alter-Ego der Autorin, stets bestrebt, in immer neuer Form Alter und Schwerkraft zu entfliehen. Je schneller das Eis schmilzt und seine feste Form verliert, umso mehr klammern sich diese indifferenten Gestalten an ihre äußerlichen Luxushüllen und deren Gestaltraum Maximilianstraße. Und der nicht enden wollende Abgang von Benny Classens Mooshammer ins Grab zieht sich wie ein redardierendes Moment und traurig ironischer Abgesang über den Glamourboulevard und das alte München. Dabei wäre die Jelinek nicht die Jelinek, wen sie die Angst vor der allgemeinen Vergänglichkeit nicht auch auf den Repräsentationsraum Theater selbst beziehen würde. Einem Unternehmen, das sich wie kein anderes an die schillernde Scheinwelt modischer Accessoires klammert, immer auf der Suche nach dem neuesten Trend und doch immer nur eine Kopie bleibend, nie selbst Trendsetter sein darf. Die Weltrevolution in Gestalt eines alles gleichmachenden Chanelkostüms. Welch grandiose Ironie!
Fast vollständig ohne Ironie kommt Sebastian Nübling im zweiten Theatertreffenbeitrag der Münchner Kammerspiele aus. Und das ist dann wohl auch das Bemerkens- wenn nicht sogar Erstaunenswerteste an seiner Inszenierung des selten gespielten Tennessee-Williams-Stücks „Orpheus steigt herab“. Nübling entführt uns in eine zeitlose Welt aus Bigotterie, Hass, Angst und Sehnsucht. Endstation für die lebenshungrigen, enttäuschten und unterdrückten Frauen des Ortes wie Carol (Sylvana Krappatsch), die unangepasste dem Wahnsinn Nahe, Lady (Wiebke Puls) die verhärtete Außenseiterin oder die verschüchterte Sheriffgattin Vee (Çigdem Teke). Als Katalysator dieser Sehnsüchte wie Ängste gleichermaßen fungiert der müde Variete-Sänger Val Xavier als fremdländisch wirkender Mann mit der Schlangenhaut, den einst Marlon Brando so präsent in der Verfilmung von Sidney Lumet darstellte. Projektionsfläche für die Damenwelt und passender Sündenbock für die gefährlichen Phobien der durch Hundegebell angekündigten Kleinstadtmachos, die mit Motorrädern vorfahren und stets bewaffnet sind. Bei dem estnischen Schauspieler Risto Kübar ist dieser Val eher ein traurig philosophierendes Wesen, kein wirklicher Hoffnungsschimmer. Und dennoch klammern sich die Frauen an ihn, einen der sich dreht und windet, immer auf dem Sprung und dabei wie traumverloren melancholische Lieder singt und öfter auch nur müde zu Boden sinkt.
Zum Symbol des Ausbruchs aus der Tristesse wird ein Kettenkarussell. Bei Williams noch ein Laden, den Lady auf den Ruinen des vom heimischen Mob angezündeten Lokals ihres italienischen Vaters wieder aufbauen will. Ein schönes Bild für die Sehnsucht nach einem flüchtigen Stückchen Freiheit, das wie ein Vogel ohne Beine dahinfliegen und dabei den Boden nicht berühren kann. Doch genau wie dieses Karussell verkehrt herum von der Decke hängt, so verkehrt sind diese beiden Außenseiter in diese Welt der Ausgrenzung und Zerstörung jeglicher Individualität gestellt. Das gemeinsame Glück, dem beide ebenso wenig trauen, wie sie davon lassen können, beim Behängen des Karussells währt nur kurz. Val erklärt die Schwierigkeiten dieser zaghaften Annäherung so: „Alles was wir voneinander kennen, ist bloß die Hautoberfläche. Weil ein Mensch niemals einen anderen kennenlernt. Wir sind alle… wir sind, jeder von uns, zur Einzelhaft in unserer einsamen eigenen Haut verurteilt, solange wir auf dieser Erde leben.“ Der Versuch des Ausbruchs wird auch prompt mit dem Tode bestraft. Eine bedrohlich dichte, atmosphärisch verstörende Inszenierung und wieder einmal große schauspielerische Leistung des Ensembles der Münchener Kammerspiele.
Um nun am Ende wieder den Bogen zur anfangs erwähnten Don-Giovanni-Inszenierung von Antú Romero Nunes zu bekommen, es steckt von allem ein wenig und noch viel mehr darin. Wobei das nicht etwa nur ein Beispiel für ein vollkommen haltloses Drauflosinszenieren wäre, sondern vor allem auch der Wunsch sich auszuprobieren und mit allen zur Verfügung stehenden Theatermitteln zu experimentieren. Ein Haltung, der nichts heilig ist, die nichts mehr Ernst nehmen will und kann. Der es aber auch an Einfällen nicht mangelt. Jedes scheinbar noch so veraltete bzw. triste Stück, oder was die Regie dafür hält, kann somit zum multimedialen Event erklärt werden, die Möglichkeit des Scheiterns mit inbegriffen. Wenn nichts mehr geht, geht’s immer noch ganz anders. Dabei verwechselt man noch häufig Klamotte mit wirklichen Humor oder meint andauernder Slapstick erzeuge mehr Handlungsdichte. Das Spiel mit der Ironie wird somit immer mehr auch zum ästhetisches Dilemma. Man nehme dazu die Äußerungen Nunes’ aus einem Interview mit der Berliner Morgenpost. Er schielt dort nicht ganz ohne Neid nach Hollywood und ins heimische Fernsehen. „Wenn man sich den Erfolg von Reality-Shows anschaut,“ stellt Nunes dabei fest, „scheint es leicht zu sein, die Leute zu unterhalten. Aber wenn die ins Theater gehen, dann langweilen die sich meistens.“
„N Haufen Kohle – Eine Stückentwicklung“ Regie: Antú Romero Nunes – Foto: St. B.
Ausgehend von der Annahme, dass nur etwa 5 Prozent der Deutschen überhaupt ins Theater gehen, macht sich Nunes Sorgen um die fehlenden 95 Prozent. Auch eine Art der Reflexion, die ihn immer wieder veranlasst, über die Glaubwürdigkeit von Theater nachzudenken. Auch eines der vielen Probleme des Theaters, das sich in Zeiten schwindenden Interesses und mangelnder Finanzierung immer wieder neu erfinden will. Was dem einen der Bildungsauftrag ist dem anderen der Hang zum möglichst breit angelegten Happening. Irgendwo dazwischen liegt wohl für Jung-Regisseur Nunes die Wahrheit, wenn er sagt: „Natürlich will jedes Theater, das etwas tolles passiert, neue Formen entstehen. Aber Veränderungen werden nur ästhetisch begriffen, nicht inhaltlich.“ Was auch immer er genau damit meint, die Sehnsucht nach Superhelden, die Hollywood befriedigt, versucht Nunes in Form des klassischen Theatertragöden aus Schillers „Räubern“ oder eben in der ambivalenten Figur des „Don Giovanni“ als Identifikationsmodell neu zu erzählen. Oder er bietet Exoten wie mexikanischen Wrestling-Stars eine Bühne. Große Gefühle und jede Menge Action, anstatt einfach nur „zum 500. Mal die „Räuber““.
Ja, im Schutze des subventionierten Theaterbetriebes ist auch diese Art Umdeutung oder Neuschreibung des klassischen Dramenkatalogs möglich. Was andere wiederum dazu befleißigt sich Gedanken um die 5 Prozent Zuschauer, die schon da sind, zu machen. Und vielleicht ist ja genau wegen dieser verschwindenden Minderheit der deutsche Bühneverein der Meinung, das deutsche Theatersystem gehöre geschützt und auf die Liste des Weltkulturerbes. Die Ironie dieser verzweifelten Ahnungslosigkeit liegt hierbei in der irrigen Annahme, darin stecke das Bedürfnis nach eben genau einer bestimmten Art von Theater, die auch den restlichen 95 Prozent, von denen der Bühnenverein nicht mal im Ansatz weiß, woran sie wirklich interessiert sind, auf Dauer nicht vorzuenthalten sei. Ein im Untergang begriffenes System, das sich selbst zum Anachronismus erklärt. Was soll man dazu noch sagen? Auf weitere 50 Jahre Theatertreffen. Es lebe die Ironie!