Autor: Stefan

  • „Dichtung und Kunst ist Kraft. Wir brauchen Dichtung.“ Stéphane Hessel, der Autor der Streitschrift „Empört Euch!“ ist gestorben.

    stephane-hessel.jpg Foto: G. Freihalter (Wikipedia)
    Stéphane Hessel (20.11.1917 – 26./27.02.2013)

    „Man kann dialektisch überwinden, was einem nicht passt, das ist mir heute noch wichtig. Und ich glaube daran, dass man dialogisch vorwärts kommen kann.“ Stéphane Hessel 2012 bei einem Besuch im Hölderlinturm in Tübingen

    Wer noch lebt, sage nicht: niemals!

    Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
    Das Sichere ist nicht sicher.
    So, wie es ist, bleibt es nicht.
    Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
    Werden die Beherrschten sprechen.
    Wer wagt zu sagen niemals?
    An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
    An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Ebenfalls an uns.
    Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
    Wer verloren ist, kämpfe!
    Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?
    Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen.
    Und aus niemals wird: Heute noch!

    Bertolt Brecht (Lob der Dialektik)

    „Widerstand, auch der friedliche, ist nie gänzlich frei von Gewalt. Die britische Kolonialmacht musste Gandhis gewaltlosen Widerstand durchaus als politische Gewalt erleben. Jeder Widerstand ist im Kern moralische Gewalt – die Entschlossenheit des Sichentgegenstellens, die Weigerung zurückzuweichen. Das ist jedoch etwas ganz anderes als terroristische Gewalt, die immer ihre Wirkung verfehlt. Man kann die Terroristen, die Bomben legen und sich selbst mit in die Luft sprengen, vielleicht verstehen, aber nicht entschuldigen. Gewalt ist ein Ausdruck der Verzweiflung, nicht der Hoffnung. Eine gewalttätige Hoffnung kann es in der Politik nicht geben. Terroristische Gewalt vergiftet die Ziele, für die sie zu kämpfen vorgibt. (…)
    Walter Benjamin, ein Freund meines Vaters, ich habe ihn selbst noch vor seinem tragischen Selbstmord in den Pyrenäen 1940 kennengelernt, misstraute dem Fortschritt. Er sah dahinter immer einen moralischen Rückfall. Ich halte es lieber mit meinem Lieblingsdichter Hölderlin: Wenn das Schlechte kommt, ist auch das Gute nicht mehr weit.“

    aus einem SPIEGEL-Gespräch mit dem ehemaligen Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel über die Zumutungen des modernen Kapitalismus (Ausgabe 4/2011)

     

    „Stéphane Hessel ist auch ein Engel der Geschichte. Einer, der sich umzudrehen vermochte und ein Lächeln aus der Zukunft in die Katastrophen der Gegenwart brachte.“

    aus: „Der Engel der Geschichte“ – Ein Nachruf von Arno Widmann in der Berliner Zeitung (28.02.2013)

    Paul Klee: Angelus Novus (1920) klee-angelus-novus.jpg
    Israel-Museum, Jerusalem

    _________

  • Goe East! Die Berlinale 2013 blickte oft und weit in die Regionen Osteuropas. Der Beitrag des deutschen Kinos nahm sich dagen recht bescheiden aus. – Eine Bärennachlese.

    berlinale-logo.jpg Der Osteuropäische Film auf Bärenjagd und die derzeitige Situation in Ungarn.

    So uninteressant und wenig inspiriert wie die wenigen deutschen Filmbeiträge dieses Jahr daherkamen, die Perspektive deutsches Kino sei hier ausdrücklich ausgenommen, so vehement feierte das postsozialistische, osteuropäische Kino fröhliche Urständ und regelrechte Erfolge auf der Berlinale. Ganze fünf Filme waren im Wettbewerb zu sehen und vier davon wurden sogar mit Preisen gewürdigt. Aber auch in den anderen Sektionen liefen starke Filme aus den Regionen hinter dem einstigen Eisernen Vorhang. Was eigentlich auch nicht wirklich verwunderlich ist. Von ungefähr kommt dieser Erfolg ja nicht gerade. Sind doch die produktiven, gut organisierten Strukturen der ehemals sozialistischen Filmproduktion nicht komplett verschwunden, so dass in diesen Ländern immer noch und dank internationaler Vernetzung mit Europa wieder gute Filme entstehen können. Nur haben zurzeit einige der Filmemacher mit einer ganz besonderen Gefahr zu kämpfen. Die fehlende Möglichkeit der freien Meinungsäußerung bei nationalistischen bis totalitären Tendenzen und die oft negativen Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung schränken die Entstehung unabhängiger Filmproduktionen stark ein.

     Bela Tarr auf dem Sarajevo Film Festival 2007 bela-tarr.jpg
    Foto: Kolja Hub (Wikipedia)

    Besonders in Ungarn und in weiten Teilen der ehemaligen GUS-Staaten sowie Russland selbst ist der Wegfall staatlicher Unterstützung für solche Projekte klar spürbar. So hat der ungarische Regisseur und Gewinner des großen Preises der Berlinalejury von 2011 Béla Tarr (A Torinói ló – The Turin Horse) seine Filmarbeit eingestellt. Er hatte nach der Berlinale 2011 sehr deutlich gegen die sich immer weiter verschlechternden kulturellen Zustände unter der rechtskonservativen Regierung Orban protestiert („Die Regierung muss weg. Nicht ich“, Tagesspiegel vom 07.03.2011). Gerade die Film- und Theaterkünstler haben derzeit mit der politischen Gleichschaltung wichtiger Ämter durch die ungarische Kulturpolitik zu kämpfen. Dazu passt dann auch die noch recht frische Meldung über die Absage des jährlich in Budapest stattfindenden Ungarischen Filmfestivals. Zum ersten Mal übrigens in den fünfzig Jahren seines Bestehens. Der Grund: Es gibt keine neuen ungarischen Filme, die gezeigt werden könnten. Nach Angaben des Verbands der Ungarischen Filmkünstler ist seit 2011, nachdem durch den Ministerpräsidenten Viktor Orban die unabhängigen Stiftung, die bisher über die Vergabe von Film-Fördermitteln entschieden hatte, aufgelöst wurde, kein einziger ungarischer Film mehr fertiggestellt worden. Diese Tatsache ist erschüttert für das Filmland Ungarn. Bei der Berlinale 2012 erhielt mit Bence Fliegauf wieder ein ungarischer Regisseur den Silbernen Bären für die beste Regie. Sein Film „Just The Wind“ behandelt die nationalistische Gewalt gegenüber die in Ungarn lebenden Roma. Auch ein großes Problem, neben dem weiter aufkeimenden Antisemitismus.

    Relativ ruhig ist es dagegen um den Regiealtmeister und Oscar-Preisträger István Szabó (u.a. Mephisto, Süße Emma, liebe Böbe), der in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag feiern konnte, geworden. Szabó ist selbst Jude und hat in seinen Filmen immer wieder das Thema des Nationalsozialismus aufgegriffen. 2011 verfilmte er mit „Hinter der Tür“ einen Roman der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó über die 1960er Jahre in Ungarn, der auch den Holocaust thematisiert. In den Hauptrollen sind Helen Mirren und die deutsche Schauspielerin Martine Gedeck zu sehen. Auch Szabó hatte bereits 1980 einen Silbernen Regie-Bären für seinen Film „Zimmer ohne Ausgang“ erhalten. Außerdem ist István Szabó der Ehrenpräsident des Filmfestivals in Cottbus, dass sich seit über zwanzig Jahren um den osteuropäischen Film verdient macht. Zur Eröffnung des 22. Festivals 2012 in Cottbus lief der ungarische Film „Final Cut – Ladies and Gentlemen“ des Regisseurs György Pálfi (u.a. Hukkle – Das Dorf, Taxidermia). Er hat diese bereits in Cannes präsentierte Zeitreise durch die gesamte Kino-Geschichte aus Schnipseln von 450 Film-Klassikern zusammengeschnitten. Auch eine Möglichkeit, wie in Ungarn womöglich in Zukunft Filme entstehen müssen. Allerdings ist dabei noch das Problem des Urheberrechts endgültig zu klären. Pálfi beteiligte sich auch an dem Episodenfilm „Magyarország 2011 – Ungarn 2011“ über die katastrophalen künstlerischen Zustände in Ungarn. Der von Béla Tarr produzierte Beitrag von 11 Regisseuren (u.a. auch Bence Fliegauf) lief auf der Berlinale 2012 im Kurzfilmprogramm. Auf dem diesjährigen Berlinale Co-production Market suchte Pálfi nach einem Koproduzenten für seinen neuen Film „The Voice“, der Anfang 2014 Premiere haben soll. Vielleicht ja sogar auf der nächsten Berlinale.

    berlinale-palast_estermann.JPG

    Schwule Priester, Eisenklopfer, dominante Mütter und Lektionen über Harmonie – Viele Preise für Filme aus Osteuropa und den Regionen der ehemaligen Sowjetunion im Berlinale-Wettbewerb 2013.

    Nach dem Ausbleiben der ungarischen Filmschaffenden auf der Berlinale 2013 sind dafür nun andere Regisseure Osteuropas ganz erfolgreich in die entstandene Lücke gesprungen. Filme aus Polen, Rumänien und Russland, Koproduktionen der Balkanstaaten, Bosnien/Herzegowina und Slowenien mit Frankreich sowie der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan mit Deutschland waren dieses Jahr im Wettbewerb vertreten. Außer Boris Khlebnikovs „Dolgaya schastlivaya zhizn” wurden dabei auch durchweg alle mit Preisen bedacht. Das polnische Drama um einen jungen schwulen Priester, der sich in einen seiner Schüler verliebt, bekam zwar keinen Silber- oder Goldbären, dafür aber den schwul-lesbischen Filmpreis „Teddy“. „W imi…“ (In the Name of – Im Namen…) der Regisseurin Malgoska Szumowska umschifft die Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche und beschäftigt sich lieber mit dem Zölibat und dem in Polen eher noch problematischerem Thema homosexueller Geistlicher. Der Film schließt damit unmittelbar an den Schwerpunkt Religion des 22. Filmfestivals in Cottbus an, bei dem im November 2012 ebenfalls polnische Filme dominierten. Der bosnische Regisseur und Oscarpreisträger Danis Tanović (No Mans Land, Zirkus Columbia) hat sich mit „Epizoda u zivotu beraca zeljeza“ (An Episode in the Life of an Iron Picker- Eine Episode aus dem Leben eines Eisenklopfers), wie Bence Fliegauf im letzten Jahr mit der Diskriminierung der Roma in Ungarn, mit dem Leben einer Roma-Familie in Bosnien auseinandergesetzt. Die schwangere Mutter wird trotz schweren Komplikationen, das Kind ist im Mutterleib gestorben, vom Krankenhaus aus finanziellen Gründen nicht aufgenommen. Der Vater Nazif versucht das Geld für die Behandlung beim Zerlegen von Schrottautos zu verdienen. Was wie ein Dokumentarfilm daherkommt, ist ein durchaus berührend gefilmtes Reanactment. Tanović lässt die Familie vor seiner Handkamera tatsächlich ihre eigene Geschichte nachspielen. Dafür gab es den Großen Preis der Jury und den Silbernen Bären für den Hauptdarsteller Nazif Mujic.

    Den Goldenen Bären für den besten Film konnte der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer für „Pozitia Copilului“ (Child’s Pose – Die Stellung des Kindes) entgegennehmen. Eine Bestätigung für das in den letzten Jahren international wieder sehr präsente rumänische Kino. Bereits 2010 hatte der Rumäne Florin Serban mit „Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich“ einen Silbernen Bären gewonnen. Und Cristian Mungius (4 luni, 3 săptămâni si 2 zile – 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage / După dealuri – Beyond the Hills) oder Cristi Puiu (Moartea domnului Lăzărescu – Der Tod des Herrn Lazarescu) sind in Cannes kene Unbekannten mehr. Aber auch jüngere Filmemacher wie Bogdan George Aperti (Periferic – Outbond, nach einem Buch von Cristian Mungiu) oder Anca Damian (Crulic – Drumul spre Dincolo / Crulic – DerWeg ins Jenseits) waren in den letzen Jahren in Cottbus erfolgreich. Häufig sind in den rumänischen Filmen entweder soziale Probleme oder die Aufarbeitung der Vergangenheit unter der Diktatur Ceauşescus die Hauptthemen. Aber auch ganz alltägliche Geschichten oder rein familiäre Probleme bestimmen immer mehr die Plots der jungen Nachwuchs-Regisseure. Sie drängen mit einer ganz neuen Ästhetik und anderen Themen auf den internationalen Markt. So stellt Paul Negoescu, dessen Debut „O Luna in Thailanda“ (Ein Monat in Thailand) 2012 im Cottbuser Wettbewerb gezeigt wurde, eine Gruppe junger Rumänen aus der Mittelschicht in den Mittelpunkt seines Films, lässt sie in einer Silvesternacht durch Bukarest streifen und über ihr Leben und die Liebe nachsinnen. Calin Peter Netzer hat mit seinem Film über einen antriebsschwachen jungen Mann, der ein Kind überfährt, und dessen dominante Mutter, die ihm mit allen Mitteln die für ihn lästigen Schwierigkeiten aus dem Weg räumen will, Soziales und Innerfamiliäres bestens zu einem Sittenbild der heutigen rumänischen Elite und der staatlichen Institutionen miteinander verbunden.

    potsdamer-strase2.jpg

    Den vielleicht außergewöhnlichsten Film im Wettbewerb zeigte der kasachische Regisseur Emir Baigazin. „Uroki garminii“ (Harmony Lessons – Lektionen in Harmonie) beschäftigt sich in einer fein abgezirkelten Bild-Ästhetik mit dem fast zwanghaften Drang des 13-jährigen Schülers Aslan die vollkommene Perfektion zu erreichen und dabei das für ihn aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Körper und Geist wieder in einen harmonischen Einklang zu bringen. Aslan (Timur Aidarbekov) ist ein Außenseiter in der Schule, der von dem kräftigeren Bolat (Aslan Anarbayev) gedemütigt und mit einem Bann belegt wird. Niemand darf ihn beachten oder gar mit ihm reden. Bolat führt unter den Schülern ein Regime aus Erpressung und brutaler Unterwerfung. Alle müssen ihm Geld und andere Abgaben liefern, die er wiederum an ehemalige ältere Schüler weitergibt. Nur der neue Schüler Mirsain (Mukhtar Andassov) aus der Stadt wiedersetzt sich dem Gebot und wird dafür von Bolat brutal zusammengeschlagen. Aslan, der daheim bizarr ausgetüftelte Zurichtungen an Kakerlaken mittels elektrischem Strom vollzieht und sie dann an gefangene Eidechsen verfüttert, lebt seine eigene Ordnung der Dinge und verfällt schließlich auf eine extreme Art der Rache. Bolat wird irgendwann tot aufgefunden und die beiden Jungen geraten durch die Ermittler der Polizei schnell in Verdacht. Die Philosophie der Sehnssucht nach einer stabilen Harmonie von Körper und Seele ist gestört, in einem System, das einerseits auf religiösen Traditionen und archaischen Riten (z.B. das Schächten eines Schafes zu Beginn des Films) beruht, und anderseits aber, diese verneinend, neue Werte lehrt, die wiederum auf Misstrauen und Unterordnung basierend, nur neue Verstörungen zur Folge haben. Der Gott der Ordnung und der kleinen Dinge befindet sich für Aslan in einem Amulett, das er von seiner Großmutter geschenkt bekommt, die um sein Seelenheil besorgt ist. Dieser letzte Halt wird ihm schließlich auch noch von seinen Verhörern genommen.

    Baigazin erzählt mit sehr anschaulichen Bildern eine Parabel von der Entstehung und dem Kreislauf der Gewalt in einer Gesellschaft, die bereits ihre Kinder autoritär erzieht, uniformiert und jeglichen Widerstand schon im Ansatz bricht. Die Lehrer in der Schule reden einerseits von Gandhi, dann andererseits wieder von Unterordnung und vom physikalischen Gesetz der Energie. Und meinem doch damit nur die Dynamik des Geldes als Triebfeder der Gesellschaft oder die Darwinsche Regel, das der Stärkere den Schwächeren frisst. Wie eine bewusste, genaueste Nachahmung des Gelernten wirken dazu die Schulhofszenen, in denen sich die Schüler Bolats Befehlen unterordnen oder Arslans Kakerlakenversuchsanordnungen. Als die Staatsmacht in Form der Polizei an die Schule kommt, um den Mord an Bolat aufzuklären, geraten die beiden Verdächtigen in eine nie geahnte Schleife aus Brutalität und perfiden Verhörmethoden, bis das Ganze in ein regelrechtes Prügel- und Folterszenario mündet. Wobei man nie ganz genau weiß, was Realität ist, oder der Phantasie Aslans entspringt.Baigazin formuliert hier nicht eindeutig aus, überlässt die Deutung dem Zuschauer. Zum Schluss wird lediglich das eine System der Unterdrückung durch eine neues stabiles ersetzt. Die Staatsmacht schlägt erbarmungslos zurück. Hatte beim 22. Filmfestival in Cottbus der Kasache Erlan Nurmukhambetov mit „Koktemnin Birinshi zhanbyry“ (erster Regen im Frühling) einen meditativen Film über die Utopie der Liebe zur Natur und deren Kraft zur Reinigung und Reinkarnation der Seele gezeigt. So malt sein Landsmann Emir Baigazin mit „Harmony Lessons“ eine schwarze Dystopie der Gewalt, die dargestellt in ihrer unbegreiflichen Schrecklichkeit, nur durch eine übertriebene Ornamentik der Filmbilder mit ihrer förmlichen Sucht nach Harmonie – Und darin ähneln sie durchaus Ulrich Seidels Hoffnungs-sehnsüchtigen Bildern der Paradies-Trilogie. – wieder gebrochen und somit überhaupt erst künstlerisch darstellbar wird. Dafür bekam sein Kameramann Aziz Zhambakiyev den Silbernern Bären. Es hätte ruhig noch mehr für diesen eindrucksvollen Film herausspringen können.

    international.jpg

     

    Klassenkampf auf postsowjetisch und Kreise gegen das Vergessen – „Za Marksa…“ (For Marx… – Für Marx…) von Svetlana Baskova mit Sergej Paxomow, Vladimir Elifanzew u.a. (Russland 2012, – 100 Min.) und „Krugovi“ (Circles – Kreise) von Srdan Golubović mit Leon Lučev, Nebojša Glogovac u.a. (Serbien, Kroatien, Slowenien, Deutschland, Frankreich 2013, 112 Min.) im Forum

    delphi.jpg

    Auch in anderen Sektionen der Berlinale waren einige bemerkenswerte Filme aus Osteuropa zu entdecken. So z.B. ein weiterer Beitrag aus Russland im Internationalen Forum des jungen Films. Ähnlich wie im bereits erwähnten russischen Wettbewerbsbeitrag „Dolgaya schastlivaya zhizn” von Boris Khlebnikov arbeitet die russische Regisseurin Svetlana Baskova in ihrem postsowjetischen Klassenkampf-Drama „Za Marksa…“ (For Marx…) mit verschiedenen Elementen des Genrekinos. Hier sind es vor allem Anklänge an das finster brutale Mafiakino a la Scorsese, wobei es am Ende sogar doch noch zu einem echten blutigen Showdown kommt. Aber die Mischung in „Za Marksa“ ist durchaus vielfältiger, als es auf den ersten Blick erscheint. In einem Stahlwerk in der russischen Provinz liefern sich Vertreter neugegründeter unabhängiger Gewerkschaften mit einer skrupellos agierenden Werksleitung einen fast aussichtslosen und verlustreichen Kampf. Nachdem die Arbeitsbedingungen im Werk immer schlechter werden und die offiziellen Gewerkschaften und Provinzpolitiker es sich mit dem Fabrikbesitzer einem alten Oligarchen und früherem KGB-Oberst in einem Netz aus Korruption eingerichtet haben, greifen die Arbeiter zu Eigeninitiative. Ihre Vertreter treffen sich in geheimen Versammlungen, beraten und organisieren eine Streik. Diese Treffen und Unterhaltungen zwischen den Arbeitern aber gestaltet Svetlana Baskova als einen geistigen Austausch auf durchaus hohem Niveau. Man diskutiert über die Ästhetik in Filmen von Godard oder dem amerikanischen Hollywoodkino, die Unterschiede des Theaterbegriffs bei Stanislawski und Brecht, Gogols Roman „Die toten Seelen“ oder auch über die russische Geschichte.

    svetlana-baskov-und-sergey-pakhomov_foto-maxim-mosin.jpg
    Regisseurin Svetlana Baskova und Hauptdarsteller Sergej Paxomow aus dem Film „Für Marx…“ – Foto: Maxim Mosin

    Der Fabrikarbeiter zeigt sich hier als allseits gebildeter und interessierter Bürger, so wie ihn schon Marx forderte und später dann die 68er zum Ziel ihrer Agitationszirkel machten. Baskova zitiert in ihrem Film auch Klassiker des sowjetischen Kinos der 50er und 60er Jahre wie Wassili Schukschins „Kalina Krasnaja“. Ein Filmplakat hängt im Umkleideraum, in dem sich die Gewerkschafter treffen. Dagegen ist der Sohn des Fabrikbesitzer als Karikatur eines Kapitalisten gezeichnet. Machtbesessen und großspurig regiert er den Betrieb nach Gutdünken und zieht Geld aus der Firma, das eigentlich für die Modernisierung und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gebraucht würde. Er will dafür in London moderne Kunst ersteigern, denn mit dem vorhanden sozialistischen Realismus lässt sich kein Staat mehr gegenüber Investoren aus dem Westen machen. Baskowa zeigt hier einerseits den Manchesterkapitalisten alter Prägung, und mit dessen postmoderner Überzeichnung nimmt sie andererseits ein von Marx abgewandeltes Hegelzitat zur Wiederholung in der Geschichte auf, das dann auch prompt aus dem Munde eines der Gewerkschafter kommt. Der Film zeigt die Wiederholung der Geschichte als bittere Farce. Einschüchterung, Gewalt und Verrat, die Werksleitung setzt alle Mittel ein, um den Widerstand der Arbeiter zu brechen. Schließlich lässt ein Bruder in Unwissenheit dessen den anderen morden. Eine Genre-Mix also aus Brechts episch dialektischem Theater, griechischer Tragödie und Hollywooddrama. Trotz allem, oder gerade deswegen ist der Film weder platte Kapitalismuskritik noch Genrekino. Er geht viel weiter. Baskowa zeigt eindeutig ihre Sympathie für die sich in Russland neugründende freie Gewerkschaftsbewegung. Der Titel des Films lässt sich natürlich auch nicht ganz ohne Absicht auf das Werk „Für Marx“ des französischen Philosophen und marxistischen Theoretikers Louis Althusser zurückführen. Denn der Klassenkampf in der Theorie ist nicht nur im heutigen Russland wieder bittere Praxis.

    Filmausschnitt auf der Website von Svetlana Baskova.

    Der Balkan ist eine Region Osteuropas, die aus dem internationalen Kino so gut wie nicht mehr wegzudenken ist. Besonders mit Filmen von Emir Kusturica (Regie) und Goran Bregović (Musik) sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens seit Ende der 80er Jahre zu einiger Bekanntheit gelangt. In Kusturicas Filmen (Time of the Gypsis, Underground, Schwarze Katze, weißer Kater (ohne Bregović)) stand vor allem das Leben der Roma im ehemaligen Jugoslawien und natürlich der Balkan-Krieg im Vordergrund. Mit ihren teilweise mystisch aufgeladenen Bildern und einer kraftvollen traditionellen Musikuntermalung haben sie in Westeuropa einen reglerechten Balkanbrass-Boom ausgelöst, der immer noch anhält. Die Vermarktung der Filmmusik war dann aber auch einer der Gründe, die zum Zerwürfnis der beiden Künstler führte. Die zahlreichen Pro-serbischen Statements des in Sarajevo geborenen Regisseurs Emir Kusturica haben ihm nach den Kriegen auf dem Balkan immer wieder Kritik einbrachte. Sein internationaler Ruhm ist aber nach wie vor ungebrochen, was regelmäßige Einladungen zu den Filmfestspielen in Cannes und Venedig sowie zahlreiche Filmpreise bezeugen.

    Der Krieg auf dem Balkan ist auch in den neueren Filmproduktionen aus Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina immer noch vorherrschendes Thema, wie auch in diversen Filmen der letzten Jahre auf dem Filmfestival in Cottbus. Bei der diesjährigen Berlinale war es daher neben dem Wettbewerbsbeitrag von Danis Tanović über eine Roma-Familie im heutigen Bosnien vor allem die serbisch-kroatisch-slowenische Koproduktion „Krugovi“ (Circles – Kreise) des Regisseurs Srdan Golubović im Forum, die in Verbindung mit Deutschland und Frankreich mit ihrem nationenübergreifenden Plädoyer wider das Vergessen der Kriegsereignisse auffiel. Der Film beschreibt in den Anfangsminuten ein Ereignis aus den Tagen des serbisch-bosnischen Kriegs 1993 in Trebinje (im heute serbischen Südteil der Herzegowina (Republik Srpska) gelegen) bei der der bosnische Kioskbetreiber Haris (Leon Lucev) aus nichtigem Grund von drei serbischen Soldaten brutal misshandelt wird. Ihm kommt der Serbe Marko (Vuk Kostic) zu Hilfe. Es wird zunächst offen gelassen, was aus den Beteiligten in Folge dessen geschieht. Unausgesprochene Wahrheit ist aber, dass Marko seinen mutigen Einsatz für Haris mit dem Leben bezahlen musste. Der Film setzt 12 Jahre nach dem Ereignis wieder ein, und führt einige der Menschen aus dem Umkreis der damaligen Geschehnisse wieder zusammen. Haris lebt inzwischen mit seiner deutschen Frau und zwei Kindern in Halle/Saale. Er ist, wie es Markos Vater einmal treffend sagen wird, der Mann der nie vergisst. Selbstlos, ohne an die Folgen für sich und seine Familie zu denken, hilft er der ehemaligen Freundin von Marko Nada (Hristina Popovic), als sie mit ihrem Sohn vor ihrem brutalen Mann nach Halle flieht. Er setzt schließlich sogar sein eigenes Leben für sie ein.

    kreise_kurt-bouda_pixeliode.jpg
    Kreise der Hoffnung. Foto: Kurt Bouda / pixelio.de

    Ganz anders verhält sich einer der Täter. Todor (Boris Isakovic) liegt in Belgrad als Unfallopfer auf dem Operationstisch des Arztes Nebojša (Nebojša Glogovac), einem Freund von Marko. In mehreren Gesprächen mit Nebojša ist Todor nicht bereit aus freien Stücken sein Schuld einzugestehen und bringt den Arzt und Freund damit in einen moralischen Zwiespalt. Die Tat von damals zieht ihre Kreise weiter bis in das heutige Leben der Protagonisten. Markos Vater Ranko (Aleksandar Bercek), der immer noch in Trebinje lebt, baut eine im Krieg zerstörte orthodoxe Kirche wieder auf. In diesem Teil der Handlung kommt es zur Begegnung zwischen dem alten verbitterten Mann und Boddan, dem Sohn (Nikola Rakocevic) eines der Mörder. Aus der anfänglichen Abneigung des Alten entwickelt sich aber im Laufe der Zeit schließlich eine fast väterliche Zuneigung. Im Nachdenken darüber, ob der Tod des Sohnes umsonst war, prägt Markos Vater dann auch das Bild des Steins, der ins Wasser geworfen, Kreise gegen das Vergessen aber auch für eine Hoffnung auf Aussöhnung ziehen kann. Hier in der Zusammenarbeit mit der Folgegeneration der Täter vollzieht er einen Anfang. Wie schon Arsen Anton Ostojić mit seinem bosnischen Drama „Halimin Put” (Halimas Weg) im Wettbewerb des 22. Filmfestivals Cottbus ist Srdan Golubović mit „Krugovi“ ein einfühlsamer und nachdenklich stimmender Beitrag zur notwendigen Aufarbeitung der Kriegsereignisse auf dem Balkan gelungen. Der Film erhielt den Preis der Ökumenischen Jury im Forum.

    Deutsche Beiträge im Internationalen Forum des jungen Films sowie Preisträger und Gäste der Perspektive Deutsches Kino

    arsenal2.jpg

    Zum Schluss dann doch noch ein kleines Fazit  zum deutschen Film auf der Berlinale 2013. Nach drei recht guten Filmen im Wettbewerb der letzten Berlinale gab es in diesem Jahr nur den mäßig spannenden Westernverschnitt „Gold“ von Thomas Arslan nach Machart der Berliner Schule und die recht schmale deutsch-französisch-südafrikanische Koproduktion „Layla Fourie“ der jungen Regisseurin Pia Marais. Gegenüber den Preisträgerfilmen fielen diese Beiträge doch qualitativ etwas ab. Noch schmaler war  der Auftritt das deutschen Films in den anderen Sektionen des Festivals. Im Internationalen Forum des jungen Films liefen einige Produktionen aus dem Dunstkreis des Berliner Schule wie „Echolot“ von Athanasios Karanikolas, der Regieseminare an der Schauspielschule Ernst-Busch gibt und zusammen mit zehn Schauspielabsolventen des Jahres 2011 dieses Filmexperiment entwickelt hat. In fast dokumentarischen, improvisiert wirkendenden Einstellungen beobachtet Karanikolas die jungen Menschen bei einer sehr eigenen Art von Trauerarbeit an einem Wochenende in einem brandenburgischen Landhaus. Dorthin hatte sich einer ihrer Freunde zurückgezogen, bis er sich von allen unerwartet im See ertränkte. Teilweise unfähig, sich zu dieser Tat zu verhalten, feiern sie eine zügellose Party und ergeben sich ihren spontanen Gefühlen. Sie trinken, philosophieren, streiten oder lieben sich, ohne dabei an irgendwelche Konsequenzen zu denken. Das Ergebnis ist daraufhin auch eher ernüchternd.

    Karanikolas Bestandsaufnahme der Clique aus lauter zum Teil typisch kreativ mit sich selbst beschäftigten Mitzwanzigern zeigt, dass der Zusammenhalt der Gruppe und die Anteilnahme am früheren Leben des Toten schon länger nicht mehr wirklich existierte. Der Regisseur holt einige der Freunde wie zur Erklärung noch mal vor die Kamera. In diesen dokumentarisch gefilmten Reflektionen geht es noch einmal um die Aufarbeitung der Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart. Eine gemeinsame Zukunft scheint jedoch nicht vorstellbar. Durch das gezwungene Nachdenken über das kaum fassbare Ereignis sind alle plötzlich auch mit ihrem eigenen Leben konfrontiert. Leider fällt ihnen dabei nicht viel zum Thema ein. Dieses allzu spontane filmische Ausloten von gruppendynamischen Prozessen verhallt ohne großes Echo. So können auch nur 77 min. recht lang werden. Einige der Darsteller waren schon 2009 während des Schauspielstudiums an Berliner Theatern zu sehen. Wie z.B. Bettina Burchard und Nina Horvath in „Klassen Feind“ an der Schaubühne oder Thomas Halle, Julian Keck, Aenne Schwarz, Marco Portmann, Arndt Wille und Henning Bosse in Andreas Kriegenburgs „Hamlet“-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters. Momentan befinden sich alle von Rostock über Berlin, Cottbus, Jena, Mannheim, Karlsruhe, Nürnberg oder Ingolstadt bis hin nach Wien in ersten festen Theaterengagements.

    cinemaxx.jpg

    Mit Anne Ratte-Polle ist eine weitere bereits bekannte Theaterschauspielerin der Berliner Volksbühne im Forumsbeitrag „Halbschatten“ von Nicolas Wackerbarth zu sehen. Sie war bereits einmal 2004 mit der Verfilmung des Theaterstücks „Die Nacht singt ihre Lieder“ von Jon Fosse in der Regie von Romuald Karmakar mit dem verstorbenen Frank Giering als Filmpartner im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Sie spielte damals eine junge Frau die ihren antriebsschwachen und erfolglosen Schriftstellerehemann verlassen will. In „Halbschatten“ tritt ein Mann erst gar nicht in Aktion. Merle reist in das Ferienhaus ihres Geliebten an der südfranzösischen Côte d’Azur, trifft dort aber nur auf seine Kinder. Man zeigt erst kein sehr großes Interesse aneinander. Erst als der Geliebte weiterhin ausbleibt, lässt sich Merle eher notgedrungen auf die anfänglich spröden Kinder ein. So gerne man Anne Ratte-Polle bei ihrem Spiel zusieht, es wirkt doch etwas zu abgeklärt. Obwohl Merles Motive die ganze Zeit wie im besagten Halbschatten bleiben, besitzt die Figur kaum Geheimnisvolles oder irgendwelche Ambivalenzen. Der Film strahlt keine Dringlichkeit aus und verliert sich mehr und mehr in den Befindlichkeiten der Protagonisten. Die erst stille Beobachterin Merle, die anfänglich so ungewollt von außen in diese Familie einzudringen scheint, steigt auch nur wie zum Schein in die Welt der Kinder ein, um sich dann doch schnell wieder gelangweilt abzuwenden. Die Flucht am Ende scheint wie geplant, obwohl sie doch eher spontan wirken soll.

     Anne Ratte-Polle anne-ratte-polle_berlinale-2012_halbschatten.jpg
    bei der Vorführung des Films „Halbschatten“ im Kino Arsenal – Foto: St. B.

    Wesentlich interessanter und thematisch breit gefächerter sind da meist die Filme der Perspektive Deutsches Kino. Die in diesem Jahr wieder einmal ihren Preis „Dialogue en perspective“ an zwei künstlerisch und gesellschaftlich sehr engagierter Spielfilm verlieh. Der 26-minütige Kurzfilm „Chiralia“ von Santiago Gil spielt in ruhigen fast meditativen Einstellungen an einem Waldsee mit den Wahrnehmungen und Gefühlen der durch das Verschwinden eines Jungen beim Baden im See zufällig aufeinander treffenden Personen, die über sich, den jeweils anderen oder eigene Kindheitserinnerungen zu reflektieren beginnen. Der Vater, ein junges Paar und eine ältere Frau zwischen Angst, Apathie, Gleichgültigkeit und Mitfühlen, das Ereignis zieht alle unweigerlich kurzzeitig in ihren Bann.

    In „Zwei Mütter“ von Anne Zohra Berrached ringt ein lesbisches Paar (Karina Plachetka und Sabine Wolf) mit ihrem Wunsch ein Kind zu bekommen und den bürokratischen Hürden in Deutschland. Die juristisch ungeklärten Folgen einer künstlichen Befruchtung und dem daraus entstehenden Nachwuchs machen es ihnen unmöglich auf üblichem normalen Weg ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Nur wenige Ärzte lassen sich auf diese Konstellation ohne Erzeuger oder solventem Vater ein. Als endlich ein Arzt gefunden ist, will die Behandlung trotz mehreren Versuchen nicht anschlagen. Aus finanziellen Erwägungen entschließen sich die beiden die teure Behandlung abzubrechen und in der Grauzone der Internetforen nach einem Spender zu suchen. Dabei gehen die Vorstellungen und Erwartungen zu den potentiellen Vätern sowie deren Motivationen und Forderungen bald sehr weit auseinander und strapazieren die Beziehung der beiden Frauen bis zur unvermeidlichen Zerreisprobe. Das kompromisslose Vorgehen der eine Frau auf dem Weg schwanger zu werden, verletzt die andere Frau in ihrem Selbstverständnis als Partnerin und lässt sie sich als Mutter zurückgesetzt fühlen.

    Anne Zohra Berrached hat viel in den verschiedenen Szenen recherchiert und einige authentische Protagonisten wie Ärzte und Samenspender für ihren Film gewinnen können. Auch die beiden Schauspielerinnen zeigen des strapazierte Gefühls- und Alltagsleben des Paars mit sehr viel darstellerischem Einsatz und Einfühlungsvermögen. Ein dringliches Statement für die Gleichstellung lesbischer Paare und die juristische Klärung der dargestellten Grauzone bei der künstlichen Befruchtung und der leidlichen finanziellen Versorgungsfrage. Zwar geht der Kinderwunsch irgendwann in Erfüllung, die Beziehung ist auf dem Weg dahin aber fast schon auf der Strecke geblieben. Der Film lässt letztendlich offen, ob sich die beiden noch zu ihrem Glück als zwei gleichberechtigte Mütter finden können.

    haus-der-berliner-festspiele.jpg

    Ein Highlight zum Ende der Berlinale war mit Sicherheit der Gast des Filmfests Saarbrücken.Der mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete österreichische Film „Der Glanz der Tage“ der Regiesseure Tizza Covi und Rainer Frimmel (u.a. „La Pivellina“) lief wie immer am Berlinale-Sonntag im Rahmen derPerspektive Deutsches Kino. In den Hauptrollen sind der bekannte österreichische Theaterschauspieler Philipp Hochmaier, der sich selbst, und der Zirkuskünstler und ehemalige Bärendompteur Walter Saabl, der den unverhofft nach Jahren auftauchenden Onkel Walter spielt, zu sehen. Die semidokumentarische Produktion begleitet beide bei ihrem langsamen Kennenlernen. Sie führen viele  Gespräche über die Vergangenheit der Familie und ihre sehr ähnlichen Berufe, bei denen beide ständig auf Achse sind. Hochmaier an verschiedenen Theatern zwischen Hamburger Thalia und Wiener Burg und der bereits im Ruhestand befindliche Walter bei der Suche nach den Orten seiner schwierigen Kindheit. Nach und nach entwickelt sich zwischen den beiden, durch die plötzliche Notwendigkeit einander zuhören zu müssen, eine gegenseitige Achtung und Freundschaft. Wofür der vielbeschäftigte Hochmaier früher kaum Zeit hatte, da er sich nur durch seine kreative Arbeit definiert und seine Träume und Süchte am Theater auslebt. Der Erfolg auf der Bühne ist dann auch das, was Hochmaier den „Glanz des Tages“ nennt. Erst die Geschichten des Onkels lassen ihn inne halten und sich erstmalig selbst reflektieren.

    Walter Saabel und Philipp Hochmaier in DER GLANZ DES TAGES / THE SHINE OF DAY – Ausschnitt / ventofilmproductions auf YouTube

    Der Film, der bereits im August 2012 auf dem 65. Filmfestival in Locarno Premiere hatte, besitzt auch eine spannende Nebenhandlung. Der Nachbar von Philipp Hochmaier in Wien stammt aus Moldavien. Victor lebt zur seit allein mit seinem beiden kleinen Kindern, da seine Frau zu einem Begräbnis in die Heimat zurückgefahren ist. Eine Wiedereinreise nach Österreich wird ihr verweigert, da sie als Asylbewerberin das Land nicht hätte verlassen dürfen. Da Victor tagsüber arbeiten muss, kann er sich nicht immer um seine Kinder kümmern. Hier nun springt Walter ein. Aus seiner schlechten Erfahrung als Heimkind heraus, beginnt er, ohne erst lange zu überlegen, sich der Kinder anzunehmen. Und er plant sogar eine Reise nach Moldavien. Spätestens hier schließt sich dann auch wieder der Kreis nach Osteuropa. Walter Saales bekam für seine Rolle in Locarno den Preis als bester Darsteller. „Der Glanz des Tages“ ist einerseits eine genaue Lebensbeschreibung des Extrem-Schauspielers Philipp Hochmaier, der erst im letzten Jahr mit dem Faust-Projekt von Nicolas Stemann beim Berliner Theatertreffen gastierte, und seiner Welt des Theaters. Man sieht ihn z.B. bei Proben zu Büchners „Woyzeck“ am Thalia Theater Hamburg (Regie: Jette Steckel) und in Peter Handkes „Untertagblues“ am Akademietheater Wien (Regie: Friederike Heller). Dagegen werden die realen Alltagsgeschichten aus dem Leben Walters und Victors geschnitten, was zusammen eine interessante Mischung aus Biografischem und Fiktion ergibt. Ein filmisches Schmankerl nicht nur für Theaterinteressierte.

    Kinostart: 19.04.2013

    ***

     Die Ticket-Kassen haben wieder geschlossen. berlinale-tickets-2013.jpg

    Alle Preisträger der 63. Berlinale 2013 im Überblick.

    Die 64. Berlinale findet vom 13.02. – 23.02.2014 statt. Dann auch wieder im neueröffneten Zoo-Palast.

    Fotos, wenn nicht anders angegeben: St. B.

    __________

  • Berlinale 2013 (Teil 2) – Go East! Go West! Gas, Geld oder Heimat in Filmen aus den USA und Russland

    Die Premieren der Wettbewerbsfilme liefen wie immer im

    berlinalepalast2.JPG am Potsdamer Platz.

    Die Verheißungen des Fortschritts – „Promised Land” von Gus Van Sant mit Matt Damon, John Krasinski und Frances McDormand, (USA 2013, 106 min.) im Wettbewerb

    Das Land und im weiteren Sinne dessen Besitz, Beackerung oder Ausbeutung ist neben den Weiten Kanadas im deutschen Wettbewerbsbeitrag „Gold“ auch das Thema weiterer Filme im Berlinale-Wettbewerb, an denen sich Ost und West, wenn auch von ähnlichen Motiven ausgehend, unterscheiden. Um die Besitzer von kleinen Farmen in der amerikanischen Provinz geht es in Gus van Sants Wettbewerbsbeitrag „Promised Land”. Sie kämpfen täglich um ihre Existenz und sehen in der Verpachtung des nicht genug Ertrag abwerfenden Lands an einen Gaskonzern ihre letzte Chance. Die Erdgasförderung aus den tief im Boden unterer dem Land der Farmer liegenden Gesteinsschichten soll mit Hilfe des ökologisch umstrittenen Verfahrens Fracking erfolgen. Um das Land der Farmern günstig zu pachten, werden der junge Ingenieur Steven (Matt Damon), selbst Enkel eines gescheiterten kleinen Landmaschinenfabrikanten, und seine Kollegin Sue (Frances McDormand) von der Gasfödergesellschaft Global in eine Kleinstadt in Pennsylvania geschickt. Von ihrem Geschick hängt der Profit des Unternehmens ab, dessen Bosse große Stücke auf den recht erfolgreichen Steven halten. Gemeinsam versuchen die beiden nun den hoffnungslosen Farmern den neuen amerikanischen Traum in Form von Geld und der darin verheißenen Chance für eine neue bessere Zukunft, fernab ihres als Ackerland wertlos geworden Grund und Bodens, schmackhaft zu machen.

    Hauptdarsteller Matt Damon hat das Drehbuch für den Film gemeinsam mit John Krasinski geschrieben, der auch die Rolle des zwielichtigen Umweltaktivisten Dustin Noble übernahm. Es stehen sich in dieser Geschichte zwei Urmythen der über 200 Jahre alten amerikanischen Identität und des daraus erwachsenden Selbstverständnisses jedes Amerikaners plötzlich unvereinbar gegenüber. Einerseits die Besiedelung Amerikas durch europäische Einwanderer, die wie in „Gold“ von Thomas Arslan ihre alte Heimat für eine neue Chance auf Freiheit und eigenen Besitzstand eintauschten und andererseits der immer währende amerikanische Pioniergeist, der in den vielen Goldräuschen des Nordamerikanischen Kontinents kulminierte und sich nun in der Moderne zur reinen Gewinnmaximierung einzelner Konzerne pervertiert hat. Das heilige Prinzip der selbstbestimmten Eigenverantwortlichkeit jedes Amerikaners scheint damit unmittelbar in Frage gestellt. Und daher ist das für das alte Europa doch so vordergründige Umweltthema hier auch eher als zweitrangig zu betrachten. Die Farmer auf ihrem finanziell abgewirtschafteten Land in der amerikanischen Weite scheinen viel zu unbedeutend für das Interesse von Ökoaktivisten zu sein, was sich im Verlauf des Films auf eine ganz besonders perfide Art auch bewahrheiten wird.

    Nur eine lobende Erwähnung wert. matt-damon-at-the-incirlik-hospital-dec-7-2001.jpg
    Hauptdarsteller und Drehbuchautor Matt Damon Foto: Wikipedia

    Dieser Ansatz hätte eigentlich Stoff für einen hoch interessanten spannenden Film bedeuten können. Doch Damens und Krasinskis Plot folgt viel zu vorhersehbar einer ziemlich schlichten Hollywood-Dramaturgie, der sich Gus Van Sant mit einer recht konventionellen Regiearbeit auch voll und ganz unterordnet. Steve und Sue ringen mit allzu bekannten Versprechungen, wie der Aussicht auf schnellen Reichtum oder bessere Collegebildung für die Kinder, um die Sympathie der Farmer. Zwar haben sie damit anfänglich auch einige Erfolge. Steve versucht dabei sogar mit der jungen, sympathischen Lehrein Alice (Rosemarie DeWitt) anzubandeln. Doch schlägt ihnen bald  auch Gegenwehr in Person des ehemaligen Boeing-Ingenieurs, Physikers und pensionierten Collegelehres Frank Yates (Hal Holbrook) entgegen, der mit seinen ruhig und klug vorgetragenen Bedenken die von dem vorab von Steve geschmierten Bürgermeister zur schnellen Entscheidung einberufene Gemeindeversammlung platzen lässt. Als dann auch noch ein Ökoaktivist in der Stadt auftaucht und mit gezielten Aktionen Steves Bemühungen untergräbt, scheint sich das Blatt zu wenden. Steve sieht sich plötzlich nicht nur in Liebesangelegenheiten einer unerwarteten Konkurrenz gegenüber, was mächtig an seinem Ego kratzt. Bemühungen sich an den Stil der kleinen Leute vom Lande anzupassen, z.B. mit Flanellhemden aus dem örtlichen Shop für Gas, Guns und Guitars sowie peinlichen Saufspielchen oder Karaokeeinsätzen im örtlichen Pub, scheitern aber ebenso kläglich, wie eine sich im Regen auflösende Kirmesveranstaltung, für deren Vorbereitung Steve selbst tatkräftig Hand anlegt.

    Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die besorgten Bosse, denen Steve täglich via Videokonferenz Bericht erstatten muss, sich nicht mehr allein nur auf seine Überredungskünste verlassen wollen. Das perfide dieser unterstützenden Aktion aus dem Hintergrund überrascht dann eigentümlicher Weise nur den eigentlich dadurch wieder in Winner-Position geratenden Steve. Ansonsten gibt sich der Film alle erdenkliche Mühe, die beiden angeblichen Retter und Abgesandten des technischen Fortschritts mit ihrem ewigen Gerede vom Geld als Fremdkörper in einer Welt aus eher konservativ ausgerichteter Tradition darzustellen. Die will mit Alice und dem alten Frank aber so gar nicht verstaubt und hinterwäldlerisch erscheinen. Hinter ihren Geschichten stehen eben nur andere, ehrliche und geerdete Lebensentwürfe vom Glück im Kleinen. Und so fragt man sich die ganze Zeit, wann Steve endlich sein Herz nicht nur für Alice, sondern auch die Nöte und wahren Bedürfnisse der Einheimischen entdecken wird. Das es schließlich auch so kommt, und Steve vor der Gemeinde in einer Art selbstkritischen Rückbesinnung auf seine Wurzeln an die gut alte Selbstverantwortung des kleinen Amerikaners appelliert, ist die eigentliche, aber eben auch typisch amerikanische Botschaft des Films.

    Dagegen versickern kleine gesellschaftskritische Einwürfe zum Krieg ums Öl im Irak ebenso wie die giftige Chemie des Frackings fast unbemerkt in der ländlichen Ackerfurche. Wer aber glaubt, dass das „Fracking“ eher ein amerikanisches Problem sei, der wird mit der ziemlich frischen Meldung, dass sich auch Deutschland dieser zukunftsträchtigen Technologie nicht verschließen und deren Entwicklung offiziell fördern wird, eines Besseren belehrt. Diese zweite Zusammenarbeit von Matt Damon und Gus Van Sant nach dem Oscar-gekrönten „Good Will Hunting“ hatte wie auch „The Necessary Death of Charlie Countryman” bereits ihre Premiere in den USA und ist dabei eher gefloppt. Aus einem „Bad Steve“ lässt sich eben nicht so ohne Weiteres ein „Good Will“ machen. Das diese Filme nun zur Zweitverwertung im Wettbewerb der Berlinale laufen, scheint da eine zu hohe Konzession an das amerikanische Kino und die Notwendigkeit von großen Hollywoodstars auf dem roten Teppich zu sein. Das mit Steven Soderbergs Psychopillen-Thriller „Side Effects“ ein weiterer mittelmäßiger US-Film mit Starbesetzung im Wettbewerb der Berlinale lief, ist dafür sicherster Beleg. Außer Konkurrenz wäre ja nicht allzu viel dagegen einzuwenden. Zählbare Nebenwirkungen für die Qualität des Festivals gehen jedenfalls eher gegen Null. Fragen Sie Ihren Videodealer oder Kritiker des Vertrauens. Damons und Soderbergs Hollywood-Kollege George Clooney hat da in Sachen Enthüllung schon wesentlich Relevanteres auch auf der Berlinale gezeigt, bei der er allerdings in diesem Jahr nur als großes Phantom durch den Blätterwald und nicht über den roten Teppich rauschte.

    ***

    Bad connected, either way. – „Prince Avalanche“ von David Gordon Green (USA 2013, 94 min.) mit Paul Rudd und Emile Hirsch im Wettbewerb

    on-the-road_w-broemme_pixeliode.jpg
    On the line or bad connected? – Foto: W. Broemme / pixelio.de

    Einen Bären gab es dann doch noch für das US-amerikanische Kino. Die enge Zusammenarbeit der Berlinale mit dem Sundance Festival für den amerikanischen Independentfilm hat sich damit wohl ausgezahlt. David Gordon Green erhielt den Silbernen Regie-Bären für seine lakonische Tragikomödie „Prince Avalanche“. Nach einem verheerenden Waldbrand Ende der 1980er Jahre irgendwo fern ab in der texanischen Wildnis sind Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) unterwegs, um zerstörte Fahrbahnmarkierungen wieder zu erneuern. Die beiden strange guys bewegen sich dabei, obschon auf gerader gelber Linie unterwegs, irgendwie doch unablässig wie im Kreis. Die alkoholgeschwängerte und befreiende Selbsterkenntnis lautet dann schließlich auch irgendwann „bad connection“. Schlecht angeschlossen oder sogar komplett falsch verbunden scheinen die intellektuell völlig gegensätzlich gestrickten Männer zunächst auch in ihrer Konversation, wenn man das anfänglich überhaupt so nennen kann. Ihre über Wochen mehr oder weniger notgedrungen enge Beziehung verlangt den beiden bezüglich ihrer gegenseitigen Fremd- bzw. eigenen Selbstwahrnehmung so einiges ab, was wiederum das Vergnügen beim Zuschauer und vor allem -hörer der verhinderten Lebensphilosophen wesentlich erhöht.

    An Alvin ist sogar ein regelrechter Naturphilosoph verloren gegangen. Er fühlt sich beim Zelten im Wald wie daheim, entspannt beim Fischen oder in der Hängematte, lernt Deutsch und schreibt poetische Briefe an seine Freundin. Ansonsten genießt er mit Freuden die Vorzüge der Einsamkeit und kann sogar den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein erklären. Ganz im Gegenteil zum jüngeren eher oberflächlichen Lance, der es ohne die Aussicht auf den nächsten Fick kaum eine paar Tage aushält, und seine Chancen auf Erfolg genauestens vorher abschätzt. Für Alvin ist Lance daher nur ein verantwortungsloser, willensschwacher Looser, der es im Leben zu nichts bringen wird. Was er ihn auch deutlich spüren lässt. Alvin hängt den Boss raus und wirft dem Jungen auch ständig dessen Schwächen vor. Selbst als Lance sich wegen eines versauten Wochenendes, das bezüglich des erhofften Aufrisses nicht wie erhofft verlaufen ist, beim Älteren ausheulen will, hat dieser nur Sarkasmus für ihn übrig. Das Eis zwischen beiden beginnt erst zu brechen, als auch Alvin plötzlich wieder auf den Boden der Realitäten zurückgeholt wird. Seine Freundin, die auch noch dazu Lance’ Schwester ist, hat ihn für einen Anderen verlassen. Wofür er wiederum Lance und dessen gesamter Sippe die Schuld gibt. Nachdem sich daraufhin beide ordentlich gezofft haben und Alvin nicht nur emotional ziemlich abgestürzt ist, fangen sie endlich an, wirklich miteinander zu reden und sich zuzuhören.

    Dazu bedarf es allerdings noch eines extrastarken Katalysators in Form von Selbstgeranntem, den ihnen unverhofft ein skurriler alter LKW-Fahrer nebst ein paar echter Männerweisheiten überlässt. Nachdem Lance Alvin das Versagen bezüglich der Beziehung zu seiner Schwester vorhält, beginnt dieser erstmals sich wirklich selbst zu reflektieren. Das Leben in der Natur ist nämlich für Alvin auch nur ein Vorwand, sich nicht endgültig binden zu müssen. Und auch Lance ist aus Angst vor einer Entscheidung davongelaufen. Das Remake des 2011 von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson gedrehten isländischen Films „Á annan veg“ (Either way – Ein anderer Weg), was sinngemäß übersetzt auf andere Weise oder auch so oder so heißen kann, zieht seinen Wortwitz aus den kurzen, schlagfertigen Dialogen und einem guten Händchen für Situationskomik. Der rauen Naturgewalt des eher wortkargeren Originals versucht David Gordon Green längere mit Musik unterlegte Naturaufnahmen der texanischen Flora und Fauna entgegenzusetzen. Fast mystisch wirkt das Auftreten einer alten Frau, die in der Asche ihres Hauses ihren Pilotenschein und so manch verschüttete Erinnerung sucht. Egal wie rum man es nun nehmen mag, auf die eine oder andere Weise tragen auch diese Ereignisse zur Wandlung der Protagonisten bei. Step by step in the middle of the road nähern sich beider Linien irgendwo in einem Punkte an. And by the way, das ist endlich auch ein kleiner Überraschungserfolg für das amerikanische Independentkino auf dieser Berlinale. Was nicht unbedingt heißen soll, nur weil kein Bär im Film auftaucht, dass ihm gleich von der Festivaljury einer nachgeworfen werden muss.

    ***

    Zwischen postsowjetischem Kirschgarten und High Noon – „Dolgaya schastlivaya zhizn” (A Long And Happy Life) von Boris Khlebnikov mit Alexander Yatsenko und Anna Kotova, (Russland 2013, 77 min.) im Wettbewerb

    boris-khlebnikov_2010_a-savin.jpg
    Boris Khlebnikov 2010 in Moskau – Foto: A. Savin (Wikipedia)

    Eine ähnlich enge Beziehung zu ihrem Land wie die Farmer in „Promised Land”, haben auch die postsozialistischen Kolchosbauern in Boris Khlebnikovs (Koktebel, Berlinale 2003) neuem Film „Dolgaya schastlivaya zhizn” (A Long And Happy Life – Ein langes, glückliches Leben). Allerdings sind hier die Besitzverhältnisse nicht so eindeutig geklärt, so dass die Bezirksregierung das von Sascha Segeevich (Alexander Yatsenko) gepachtete Land kurzer Hand anderweitig verkaufen will und Sascha lediglich eine kleine Entschädigung dafür zuerkennt. Die Ernte steht aber kurz bevor und der junge Kolchosvorsitzende plant schon für das nächste Jahr. Da ihm von Seiten der Bezirksbeamten keine Wahl gelassen wird und auch auf Anraten seiner Freundin Anya (Anna Kotova) aus dem Sekretariat der Verwaltung, willig Sascha zunächst ein. Lässt sich dann aber von seinen entrüstet reagierenden Angestellten umstimmen, die nichts außer ihren kleinen Häuschen am Fluss besitzen und daher nicht aufgeben wollen. Gemeinsam ermutigt sich die kleine Gemeinschaft zum Bleiben, repariert alte Maschinen, baut Hühnerstelle und rüstet sich sogar zum Kampf. Die bedingungslose Unterstützung und Solidarität der Bauern ist aber leider nicht von allzu großer Dauer. Einer nach dem anderen fällt aus unterschiedlichen meist rein pekuniären Gründen von seinem Entschluss ab, so dass Sascha am Ende ganz allein gegen die korrupten Beamten der Staatsgewalt steht.

    Khlebnikov hat seinen Film in sehr sparsamen Bildern gedreht, die fast ausschließlich auf seinen jungen, aufrechten Helden fokussiert sind. Man sieht Sascha beim Reden mit den Beamten und vor seinen Bauern, immer beschäftigt und auf Achse. Die wenigen ruhigen Momente verbringt er mit Anya, mit der er aber auch immer wieder in Streit über die bereits geplante Zukunft in der Stadt gerät. Angestachelt durch die Verlogenheit der Provinzbosse und ihrer Mauschelei mit einem bekannten lokalen Unternehmer, der das Land am Fluss erschließen will, und von dem sich Sascha zudem auch noch Geld für seine Mitarbeiter geborgt hat, geht er schließlich in die offene Konfrontation mit dem System. Sascha ähnelt darin einem einsamen, für Gerechtigkeit kämpfendem Westernhelden, was Khlebnikov auch tatsächlich so beabsichtigt hat. Wie einst Gary Cooper in „High Noon“ (12 Uhr mittags) wehrt sich Sascha am Ende allein gegen die Übermacht der Staatsorgane. Wo allerdings die Farmer in „Promised Land“ noch die freie Entscheidung haben, bleibt Sascha im Prinzip keine andere Wahl zur Erlangung seiner Rechte.

    Mit dieser Rebellion, der sich die anderen Bewohner der Siedlung nicht anschließen wollen, setzt Sascha allerdings nicht nur endgültig die Existenz der Kolchose aufs Spiel. Der Entschluss nicht davon zu laufen, wird auch sein weiteres Leben unwiderruflich verändern. Der einsame, ungleiche Kampf ändert leider nichts an der Tatsache, dass das Land für immer verloren ist, was Sascha am Ende auch erkennen muss. Der weiter vor seinem Fenster dahinfließende Strom wird zum Sinnbild für den Gleichmut der Umwelt. Khlebnikovs postsowjetischer Eastern ist eine Parabel auf die Uneinigkeit und Gleichgültigkeit der Landbevölkerung und deren Wahl eines schnellen, bequemen Wegs aus der Misere, die durch ein stetiges System aus Gier und Korruption erst geschaffen und befördert wird. Wie einst die lebensuntüchtigen Besitzer in Tschechows „Kirschgarten“ verlieren die apathischen Landarbeiter trotz Saschas Opferbereitschaft ihren Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Die sparsame Handlung des Films bewegt sich ruhig und unspektakulär auf diesen unvermeidbar erscheinenden Showdown hin. Kein großes filmisches Ereignis, aber das liegt auch hier eher im Auge des Betrachters. Das Leben ist wie der Fluss, oder „Panta rhei“, wie die alten Philosophen zu sagen pflegten.

    ***

    Filmstarts:

    • Promised Land am 13.06. 2013
    • Prince Avalanche und A Long And Happy Life noch ohne Termin

    berlinale-logo_bar.jpg Berlinale-Fazit folgt

    _________

  • Berlinale 2013 (Teil 1) – Go East! Go West! Go North! Gold oder Liebe und ein wenig Hoffnung in Wettbewerbsfilmen aus den USA, Deutschland und Österreich.

    „The same procedure as every year.“

    Foto: St. B. potsdamer-platz-arkaden.jpg
    Wiedermal Anstehen für Tickets in den Potsdamer Platz Arkaden.

    Go East for Love! „The Necessary Death of Charlie Countryman” von Fredrik Bond mit Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen und Til Schweiger – USA 2013, 107 min.

    Wer sehen will, womit der deutsche Schauspieler Til Schweiger das Geld für die Produktionen seiner Kassenschlager „Keinohrhasen oder „Kokowääh“ verdient, der ist im amerikanischen Action Movie „The Necessary Death of Charlie Countryman” des schwedischen Muiskvideofilmers Fredrik Bond bestens aufgehoben. Schweiger verkörpert hier den rumänischen Killer Darko, den Bad Guy schlechthin, der zum schlechten Spiel nur noch die passende Mine machen muss. Und das kann er wirklich gut. He looks very serious, really. Und versteht sich natürlich nicht nur auf die rein visuelle Abschreckung. Das muss leider auch der junge Amerikaner Charly (Shia LaBeouf) in einem echten Backpackeralbtraum zu treibenden Moby-Beats quer durch die techno-, sex- und drogengeschwängerte Club-Szene von Bukarest nicht ganz freiwillig am eigen Körper erfahren.

    Nach dem Tod seiner Mutter (Melissa Leo – bei der Berlinale 2012 noch als „Francine“ im Forum zu sehen) ist der eh schon recht antriebslose Charly ziemlich down. In einem Schmerzmittelrausch erscheint ihm seine Mutter, die ihn dazu auffordert, nach Bukarest zu reisen, um seinen Kopf und auch das Herz wieder freizubekommen. Im Flugzeug macht er die Bekanntschaft eines älteren rumänischen Musikers (Ion Caramitru), der aber nach einer Flasche Champagner ebenfalls das Zeitliche segnet, nicht ohne ihm noch einen Gruß und eine lustige Krümelmonstermütze für seine Tochter Gaby (Evan Rachel Wood) mit auf den Weg zu geben. Nach der Landung fangen damit aber prompt die Schwierigkeiten für den arg naiven Charly an. Bereits auf dem Flughafen macht er Bekanntschaft mit finsteren Polizisten, bei denen Elektroschocker und Schlagstock recht locker sitzen, und Charly damit eine kleine Vorahnung auf den wilden Osten geben.

    Was Charly aber von da ab antreiben wird, ist die unbedingte, kompromisslose Liebe, die ihn fortan unauflöslich an die Augen, Lippen und Fersen der schönen Cellospielerin Gaby vom Sinfonieorchester der Bukarester Oper – ein wenig Kultur muss schließlich auch im dunklen Osteuropa sein – heftet. Die betrachtet allerdings der noch viel düsterer blickende Drogenboss Nigel (Mads Mikkelsen) als sein persönliches Anhängsel und macht dies Charly auch immer wieder schlagkräftig klar. Der rennt aber wie einst Lola ohne Rast und Ruh durch das nächtliche Bukarest und leider immer wieder gegen die Fäuste von Nigel, Darko und dessen Handlangern, die nun auch noch wegen eines geheimnisvollen Videobandes hinter ihm her sind. Furchtlos- und unermüdlich wie ein Stehaufmännchen schwingt sich Charly zum Retter seiner geliebten Gaby auf. Selbst mit der Notwendigkeit dafür sterben zu müssen konfrontiert, bleibt er noch kopfüber an einem Seil hängend, optimistisch und felsenfest von seiner Liebe überzeugt. Das ist dann doch in seiner sentimental-kitschigen Art etwas zu fett aufgetragen. Und dazu noch mit bedeutungsschwanger aufgeladenen Kommentaren von John Hurt aus dem Off viel zu hoch angehängt. Trotzdem erscheint diese Actionkomödie in ihrer künstlich aufgepuschten Emotionalität immer noch wesentlich lebendiger als so manch anderer Film des ersten Wochenendes auf der Berlinale.

    friedrichstadtpalast_2.jpg Foto: St. B.

    In einer weiteren schrägen Nebenrolle ist der als Ron aus den Harry-Potter-Filmen bekannte Rupert Grint zu sehen. Er spielt den rothaarigen Karl, der in Bukarest unter dem Künstlernamen Boris Becker (Charly says Pecker) zu einem Pornocasting will, und mit seiner durch ein paar rumänische Viagra verursachten Dauererektion die Schwierigkeiten für Charly erst so richtig eruptiv eskalieren lässt. Wäre der Film, der bereits auf dem Sundance Festival Premiere feierte, in der Sektion Panorama gelaufen, er hätte durchaus einen kleinen Achtungserfolg beim Publikum erzielen können. Eine fast ausgelassene Heiterkeit war im Kinosaal des Friedrichstadtpalastes förmlich greifbar. Für den Wettbewerb ist diese verunglückte Genrepersiflage trotz der schweren Jungs allerdings etwas zu leichtgewichtig geraten. Aber genau so abenteuerlich stellt man sich in Amerika wohl das Leben hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang vor. Ob nun Bukarest oder Budapest, bleibt dabei sicherlich einerlei, und ist nur ein weiterer abgenutzter Gag unter vielen.

    Kinostart in Deutschland noch nicht bekannt

    Go West for Gold! „Gold” von Thomas Arslan mit Nina Hoss, Marko Mandić, Uwe Bohm, Lars Rudolph, Peter Kurth, Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser – Deutschland 2013, 112 min.

    Eigentlich müsste es korrekter Weise Go North! heißen. Denn die Reise geht im Nordwesten Amerikas quer durch British Columbia ins Yukon-Territorium nach Dawson City, der berühmten Goldgräberstadt im hohen Norden Kanadas. Traumziel all jener die ab 1896 dem Lockruf des Goldes folgend, die angestammte Heimat und ihr bisheriges Leben hinter sich ließen, um im Norden Kanadas Glück und Reichtum zu finden. Der deutsch-türkische Regisseur Thomas Arslan hat in seinen Filmen bisher immer wieder Außenseiterfiguren meist aus der Berliner Postmigrantenszene (Geschwister, Dealer, Der schöne Tag) in den Mittelpunkt seiner Filme gestellt. Nun hat er inspiriert von alten Fotos deutscher Auswanderer, deren Schicksal in der neuen Welt Amerikas genauer unter die Lupe genommen. Also Ausgangspunkt der sieben Protagonisten aus „Gold ist die alte Welt Europas. Und wie heute viele aus der dritten Welt oder dem Süden Europas auf der Suche nach Glück und einem Auskommen für ihre Familien, der Armut ihrer Heimat entfliehen wollen, taten dies am Ende des 19. Jahrhunderts auch schon die Verlierer der industriellen Revolution auf unserem Kontinent.

    berlinale_gold_women-of-klondike.jpg

    Die wahre Emily Meyer? Martha Black aus Chicago. The First Lady of the Yukon. (1898) – Foto auf whitepinepictures.com, Women of the Klondike 

    Die Deutsche Emily Meyer (Nina Hoss), ein ehemaliges Dienstmädchen aus Chicago, schließt sich 1898 allein einer Gruppe deutscher Goldsucher um den zwielichtiger Treckführer Wilhelm Laser (Peter Kurth) an. Sie wählen die billige Landroute und vertrauen den angeblichen Wegkenntnissen Lasers, der sich aber schnell verfranst und dann klammheimlich stiften gehen will. Emily ist der ruhende Pol der Gruppe, im Gegensatz zum selbstgefällig schwafelnden Journalisten Gustav Müller (Uwe Bohm), der an einen Reisebericht schreibt, gerne mal einen trinkt und den Beschützer raushängen lässt. Allerdings blitzt er schnell bei Emily ab. Sie gibt wenig über sich Preis, macht sich wo sie kann nützlich und will ansonsten in Ruhe gelassen werden. Ruhe ist das entscheidende Element des Films. In sparsamen, fast elegischen Bildern sieht man die Truppe durch die unbekannte Wildnis streifen, immer wieder unterbrochen durch Achs- oder Schlüsselbeinbruch, erschöpfte Pferde oder Menschen, sowie anderen Unwägbarkeiten der beschwerlichen Reise. Die Weite der Landschaft öffnet sich nur für wenige, kurze Augenblicke.

    berlinale-2013_gold_percy-pond-en-route-to-the-gold-fields-many-stampeders-kept-diaries-of-their-gold-rush-journey.jpg

    Percy Pond auf dem Weg zu den Goldfeldern. Viele Goldsucher führten Tagebücher über ihre Goldrausch-Reise. Foto: Yukon Archives, Gillis family fonds (auf tc.gov.yk.ca)

    Nichts Heroisches hat der Film an sich. Die Motivationen und Sehnsüchte der Menschen beschränken sich auf das Blinken des Goldes in Lasers Hand. Ihre Vergangenheit behalten sie größtenteils für sich. Einzelschicksale werden nur gestreift, vom vierfachen Familienvater Joseph Rossmann aus New York (Lars Rudolph) über das ehemalige Restaurantbesitzerpaar Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser) bis zum Packer Carl Boehmer (Marko Mandić), der von zwei Viehdieben wegen des Mordes an ihrem Bruder verfolgt wird. Ihren Weg kreuzen Indianer, die sie für Geld kurze Zeit führen, ein irrlichternder Rückkehrer oder gar ein Gehängter, der es allein in der Wildnis nicht mehr ausgehalten hat. Einer nach dem Anderen gibt auf, bleibt zurück, verfällt dem Wahnsinn oder tritt in eine Bärenfalle und stirbt trotz Whiskydesinfektion an einem eindrücklich in Echtzeit abgesägtem Bein. Allein Emily beißt sich durch an der Seite Boehmers, zu dem sie sich immer mehr hingezogen fühlt. Und so bekommt der Film doch noch so etwas wie einen Showdown in Telegraph Creek, der allerdings auch recht unspektakulär und vorhersehbar ausfällt. Nur Nina Hoss reitet, alle männlichen Beteiligten hinter sich lassend, mit stoischer Entschlossenheit und hoch erhobenen Hauptes weiter durch die kanadische Wildnis Richtung Dawson. Ein echter Beitrag zum von der Berlinale ausgerufenen Festival der starken Frauen, für das Nina Hoss mit „Barbara“ ja auch schon im letzten Jahr stand.

    Zwischen Fiktion und dem unbedingten Willen zur detailgetreuen Dokumentation eines solchen Trecks tappt der Film nicht nur in Bärenfallen, sondern auch in jede Menge Wild-West-Klischees. Allerdings ohne daraus wenigstens etwas Spannung erzeugen zu können. Arslan geht es auch nicht um die unbedingte Erzeugung von genrebedingter Spannung, auch wenn er mit an Neil Young erinnernde schräg zerrende Gitarrenriffs den Film immer wieder vorantreiben will. Zumindest dockt er mit seinem ruhigen Stil phasenweise an den epischen und illusionslosen Spätwestern „Haevens`s Gate“ (1980) von Michael Cimino oder den lakonischen „Dead Man“ (1995) von Jim Jarmus an. Dieser Film hatte mit seiner mystischen Symbolik einen durchaus ähnlichen Ausgangspunkt. Nämlich das Verlorensein eines Menschen aus der Stadt, wie die deutschen Siedler von der technischen Revolution ausgespieen (Zugmotiv zu Beginn beider Filme), in eine ihm völlig fremde Welt. Die Berliner Schule schlägt bei Arslan aber leider immer wieder gnadenlos durch, von den fast peinlich banalen Dialogen bis zum ungeschönt normalen Alltag, der auch oder gerade in den Weiten Kanadas kaum Abwechslung verheißt. Das Ganze kommt dann eben am Ende doch zu deutsch, bieder und kleinlich genau daher.

    18 Filme sind im Wettbewerb der Berlinale wieder auf Bärenjagd.

     Foto: St. B. berlinale-2013_baren.jpg

    Nach dem krankheitsbedingtem Ausfall von Nina Hoss, die im letzten Jahr noch den Silbernen Bären für die Hauptrolle in Christian Petzolds Film „Barbara“ in Empfang nehmen konnte, war es dann doch Til Schweiger als einzigem verbliebenen, wahren deutschen Kinostar vorbehalten, erstmals zu einem Wettbewerbsbeitrag über den Berlinaleteppich zu schreiten. Wer hätte das je für möglich gehalten. Von einem Silber- bzw. sogar Goldbären sind aber beide Filme eigentlich ziemlich weit entfernt. „„Was für ein verfluchtes Pech“, darf dann zumindest Lars Rudolph in Thomas Arslans „Gold völlig ironiefrei konstatieren, „in einem so riesigen Land in eine Bärenfalle zu treten!“. Das wird wohl beiden Filmen auf der Berlinale, trotz allem gewollten oder auch unfreiwillig gekonntem Einsatz seiner Protagonisten, mit einiger Sicherheit erspart bleiben.

    Kinostart: 15.08.2013

    Verlorene Hoffnung im Diätcamp – „PARADIES: Hoffnung“ von Ulrich Seidl mit Melanie Lenz, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas und Verena Lehbauer – Österreich 2013, 91 min.

    Seine Paradies-Trilogie hat der österreichische Film- und Theaterregisseur Ulrich Seidl nach „Liebe“ in Cannes und „Glaube“ in Venedig mit „Paradies: Hoffnung“ nun bei der Berlinale zu einem Ende gebracht. Kein Ende mit Schrecken, obschon die ersten beiden Teile nicht gerade Beiträge zum Wohlfühlkino darstellen. Drei Frauen, drei göttliche Tugenden, drei unerfüllte Sehnsüchte nach dem Glück, so ließe sich die Grundidee der Trilogie auch kurz beschreiben. Die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sind untrennbar miteinander verbunden. Aus diesem Grund hatte Ulrich Seidl auch ursprünglich einen geschlossenen Episodenfilm geplant, wegen der Fülle des gedrehten Materials sich dann aber für drei eigenständige Filme entschieden.  In „Paradies: Liebe“ fährt eine verlassene, alleinerziehende Frau als Sextouristin nach Kenia. Sie erlebt im scheinbaren Liebesparadies nach anfänglichem Glück die plötzliche Ernüchterung und erfährt dabei den tatsächlichen Preis für Gefühle und die Wahre Liebe, was letztendlich in blanken Rassismus mündet. In „Paradies: Glaube“ sieht ihre Schwester die Erfüllung oder besser Erlösung in einer obsessiv gelebten Religiosität, und wird dabei mit Problemen der ehelichen Pflichterfüllung und der Toleranz gegenüber anderen Glaubensvorstellungen konfrontiert. In „Paradies: Hoffnung“ ist das verheißene Paradies mit einem uniformen Schönheitsideal verknüpft, dem die jugendlichen etwas zu dick geratenen Protagonisten nicht entsprechen und daher von ihren Eltern in ein Diätcamp in der österreichischen Natur verschickt werden.

    Dieser dritte Film schließt den Kreis und geht wieder zum Ausgangspunkt der Paradies-Trilogie, über den Glauben vor allem aber zurück zur Liebe, die hier zudem noch aus der naiven Unbedingtheit einer ersten Teenagerschwärmerei der 13jährigen Melanie (Melanie Lenz) zum 40 Jahre älteren Diätarzt des Camps (Joseph Lorenz) entspringt. Ermutigt durch die etwas joviale, aufgeschlossene Art des bereits ergrauten, aber immer noch, entgegen des seinen Bauch einziehenden sadistischen Sportlehrers (Michael Thomas), recht sportlich aussehende Mitfünfziger, beginnt sie ihn immer wieder in seinem Sprechzimmer aufzusuchen oder ihm gar vor dem Heim aufzulauern. Melanie schwärmt unschuldig vor ihrer sich in Liebesdingen bereits erfahrener gebenden Freundin (Verena Lehbauer) und beginnt sich für ihren Angebeteten sogar schön zu machen. Nur kurz kommen sich die beiden einmal bei einem Ausflug im Wald näher. Nach einer verbotenen nächtlichen Disko- und Sauftour mit ihrer Freundin kommt es zu einer einzigen etwas verstörenden Szene zwischen Arzt und Mädchen. Danach distanziert er sich um so stärker und weist Melanie schroff zurück. Die unschuldige Welt aus Teenagerspielen, und zwanglosem Austausch erster Liebesgeheimnisse kontrastiert Seidl immer wieder mit seinen formal streng symmetrisch arrangierten Bildern von Turnübungen, Disziplinierung und Bestrafung. Leider bleibt diesmal in Seidls Film vieles, vor allem was die Motivation des Arztes gegenüber der jungen Protagonistin betrifft, im vagen. Die Unmöglichkeit eines nicht akzeptierten Ausbruchs aus einem genormten System klingt aber dennoch unterschwellig an.

    Kreuz, Herz und Anker versinnbildlichen die drei göttlichen Tugenden in der christlichen Bildsprache. In „Paradies: Liebe“ und „Paradies: Glaube“ tauchen die ersten beiden Symbole auch immer wieder auf. Der Anker ist die Hoffnung oder wenn man so will das Vertrauen, das die junge Melanie in dem viel älteren Mann sucht. Ihre Sehnsucht nach Glück erfüllt sich, wie auch bei Teresa (Liebe) und Anna Maria (Glaube), jedoch nicht. Wo das Verlangen nach Liebe und Glauben bei den anderen beiden Frauen zur Obsession wird, fällt Melanie fast apathisch wieder in die Gruppe der anderen Jugendlichen zurück. Man kann das auch als ein Aufgeben des Glaubens an die Kraft die Liebe oder eine Absage an die Hoffnung interpretieren. So ruhig und unspektakulär wie der Abschluss der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl auch in Szene gesetzt sein mag, er verdeutlich doch klar diesen Zusammenhang. Ohne Hoffnung kein Glaube an die Liebe und ohne Glaube an die Liebe ist der Mensch hoffnungslos verloren. Und das muss man heute Gott sei Dank auch gar nicht mehr religiös begründen.

    berlinale-2013_paradies-hoffnung.jpg Foto: St. B.

    „Paradies. Liebe, Glaube, Hoffnung“. Eine Ausstellung mit Film-Stills aus der Trilogie von Ulrich Seidl ist noch bis zum 08.03.13 in der Galerie C/O Berlin zu sehen.

    Ulrich Seidl wird sich, nachdem er im letzten Jahr einen kurzen Abstecher mit „Böse Buben / Fiese Männer“ nach David Foster Wallace auf die Theaterbühne bei den Wiener Festwochen wagte, vermutlich auch weiterhin mit den Sehnsüchten und Obsessionen beiderlei Geschlechter beschäftigen und demnächst wohl die unterirdischen Hobbyräumen der Österreicher filmisch etwas näher beleuchten. Man kann durchaus wieder darauf gespannt sein, was er dabei zu Tage fördern wird. Nach dem ersten Wochenende der Berlinale muss man jedenfalls dem nach Cannes und Venedig drittgrößten A-Festival einen eher recht fahlen und schwachen Beginn attestieren. Ideen sind schon vorhanden, es fehlt nur noch etwas an der nötigen Strahlkraft. Stärkeres ist scheinbar auch weiterhin nicht in Sicht. Aber wie schon das vielbemühte Sprichwort besagt, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

    Fortsetzung folgt

    Kinostarts:

    • „Paradies: Liebe“ ist bereits angelaufen.
    • „Paradies: Glaube“ am 21.03.2013
    • „Paradies: Hoffnung“ am 16.03.2013

    _________

  • Finanzkrise und Krieg als Dokudrama – Am Deutschen Theater und der Schaubühne Berlin ringen professionelle Darsteller mit authentischen Texten aus dem Munde von Bankern und Soldaten um Wahrheit und Verantwortung.

    Finanzkrise und Krieg, wer sähe da keine Zusammenhänge, und hätte nicht sofort die politischen Fotomontagen eines John Haertfield vor Augen? Stehen doch auch heute durchaus noch Millionen hinter manchem Diktator oder sorgen das Spekulieren mit Ressourcen und Lebensmitteln für Ausbeutung, Hunger und letztendlich auch bewaffnete Verteilungskämpfe und Interventionen in der dritten Welt. Das mag platt und abgegriffen klingen, aber so ganz einfach lassen sich diese Zusammenhänge, gerade in der immer komplizierter erscheinenden Welt der Banken, heute auch nicht mehr erkennen. Doch auch einzeln betrachtet, birgt jedes gesellschaftliche Problem für sich schon einiges an Theatralität, und ist somit dankbarer Stoff für Bühnen, die politische Aktualität nicht nur als Fahne vor sich her tragen wollen. Trotz aller Schwierigkeiten, politische Zusammenhänge schlüssig und künstlerisch interessant zugleich auf dem Theater darzustellen, sind Macht, Demokratie, Gewalt und Revolte gerade in dieser Spielzeit wieder gefragte Schlagworte auf deutschsprachigen Bühnen. Zurzeit sind in Berlin zwei Theaterinszenierungen zu sehen, die, jede auf ihre ganz bestimmte Weise, sich diesen Themen widmen. Zwei Theatermacher, Andres Veiel am Deutschen Theater und Volker Lösch an der Schaubühne, die in ihrer Herangehensweise kaum unterschiedlicher sein könnten, haben nun jeder für sich Ergebnisse vorgelegt, die sich trotz dieser Unterschiede dennoch in einem entscheidenden Punkt treffen. Sie nutzen beide ganz oder zum Teil  authentisches O-Tonmaterial, das sie mangels originärer Protagonisten professionellen Darstellern in den Mund legen.

    Abgehalfterte Banker träumen von alter Größe und rechtfertigen sich auf der Bühne des Deutschen Theaters – „Das Himbeerreich“ von Andres Veiel gerät dabei eher süß-sauer.

    „Wenn einer falsch berät, Produkte verkauft, die er nicht versteht oder die für den Kunden ungeeignet sind, dann gehört der nicht in die Bank. Aber vom Fehlverhalten weniger kann nicht auf das Verhalten aller geschlossen werden.“ Andreas Schmitz, scheidender Präsident des deutschen Bankenverbands, in einem Interview mit der Berliner Zeitung (2./3. Febr. 2013)

    himbeerreich_dt_skyline-bankenviertel-frankfurt_heptagon.jpg

    Nur sich selbst reflektierende Festungen aus Stahl und Glas? Blick von Nordwesten auf das Bankenviertel Frankfurt am Main. Foto: Heptagon (auf Wikipedia)

    „Das Bild in der Öffentlichkeit ist miserabel“ gesteht der Investmentbanker und Sprecher der HSBC Trinkaus & Burkhardt AG Andreas Schmitz in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung. Dennoch sieht der Privatbanker die Fehler eher bei den Sparkassen und Landesbanken, die sich in Unkenntnis der Risiken auf scheinbar lukrative Immobiliendeals mit amerikanischen Investmentbanken eingelassen haben. „Es waren schließlich die Lehmann Brothers, Northern Rocks [Großbritannien] und HREs [Hypo Real Estate München] dieser Welt, die in Schieflage geraten sind.“ Einem versierten Privatbanker wie Schmitz kann so etwas nicht passieren. Und dennoch begrüßt er den schnell aufgespannten Rettungsschirm der Bundesregierung: „Mich hat überrascht, wie entscheidungsfreudig und wehrhaft eine Demokratie in Not sein kann. Das Bankenrettungspaket wurde innerhalb von zweieinhalb Wochen umgesetzt.“ Es ist schon interessant, was Banker so unter einer wehrhaften Demokratie verstehen. Aus der Sicht von Schmitz sind die Vergütungsstrukturen der Banker zwischen dem Aufsichtsrat und dem Management auszuhandeln. Sie seien nicht Sache des Staates (Kurier am Sonntag, 28.06.2009). Bei der Kritik an überzogenen Managergehältern sollte sich der Staat also eher zurückhalten. Er darf sich dann aber wiederum aktiv an der Rettung der leckgeschlagenen Geldtanker beteiligen. Geradezu zynisch wird es, wenn Schmitz nach Anlagetipps befragt schließlich damit herausrückt: „Erst einmal weiß ja keiner so genau, ob und wie die Inflation in Deutschland steigt. Darüber hinaus ist es der Risikoneigung des Einzelnen überlassen, wie er anlegt. Die Welt wird wieder mutiger, das sehen wir unter anderem an den zuweilen üppigen Preisen, die Privatanleger für Immobilien zahlen.“ Auch wenn die europäischen Regierungen das Zocken an den Börsen durch einige teilweise recht drastische Regulierungen und Strafen unterbinden wollen, konnten anscheinend Privatanleger und Banken mittlerweile genügend Eigenkapital auftanken, um bei Investitionen und der Kreditvergabe wieder etwas risikofreudiger zu werden.

    Bei dieser Art von Hybris scheint es tatsächlich so, als hätten die führenden Manager in den Bankenetagen nicht allzu viel dazu gelernt. Das Schuldbewusstsein hält sich in Grenzen, oder sinkt gar proportional mit wachsender Renditeerwartung. „Das Fest“ kann also wieder beginnen, um den Eröffnungssatz aus Andres Veiels Theaterstück „Das Himbeerreich“, das jüngst in Stuttgart und Berlin Premiere hatte, aufzunehmen. Nachfolger von Andreas Schmitz wird übrigens Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen, der gerade erst im Dezember mit einem Skandal bezüglich des Handels mit CO2-Zertifikate in die Schlagzeilen geraten ist, und gegen den in diesem Zusammenhang wegen schwerer Steuerhinterziehung (Umsatzsteuerbetrug), Geldwäsche und versuchter Strafvereitelung ermittelt wird. Es kann also noch richtig heiter werden in den Chefetagen der Deutschen Bank. Gar nicht spaßig, sondern eher sehr ernst hat dagegen Andres Veiel, der erfolgreiche Dokumentarfilmer („Die Spielwütigen“, „Black Box BRD“), die Sache mit der Finanzkrise genommen. Bereits seit 2005 beschäftigt er sich mit diesem Thema, wie er in einem Interview berichtete. Ausgehend von seinen Kontakten in die Bankerszene, die er während den Dreharbeiten zu „Black Box BRD“ knüpfen konnte, hat er eine Vielzahl von Bankmanagern aus den oberen Etagen der Frankfurter und Londoner Finanztürme interviewen können, und ihnen dabei einige Interna entlockt, die er nun in seinem zweiten Theaterstück „Das Himbeerreich“ verarbeitet hat. Einem weiteren Thema, dem der RAF, von der neben „Black Box BRD“ auch sein erster Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ handelt, ist er mit dem Titel dieses Dokustücks treu geblieben. Die Früchte des Himbeerreichs, gemeint sind Konsumgüter der kapitalistischen Warenwelt, erbat sich die wegen des Frankfurter Kaufhausbrandes in U-Haft sitzende Gudrun Ensslin von ihrem Mann Bernward Vesper.

    Während die RAF nicht nur symbolisch die schöne Welt des Konsums in Form eines Kaufhauses in Flammen aufgehen ließ, sich aber anderseits noch im Knast nach ein wenig Konsum sehnte, verbrannten die Protagonisten des Investmentbankings virtuelles Geld bis zum Kollaps des Systems an den Wertpapierbörsen, bestehen aber auch trotzdem weiter auf ihren angestammten Privilegien. Diese im Nachhinein kurios anmutende Gemeinsamkeit und die hierarchischen Besonderheiten in den Vorstandsetagen der Großbanken haben Veiel wohl besonders fasziniert, als er sich für die Darstellung von vier geschassten Bankmanagern und einer Personalmanagerin entschied, die im Rückblick ihr Wirken bis zum Bankencrash und persönlichen Absturz in die unteren Etagen der Finanzgiganten aus Stahl und Glas reflektieren. Da sie aber auch weiterhin in ihren ehemaligen Wirkungskreisen verhaftet sind und nicht auf ihre Pensionen oder Privilegien wie Büro und persönlichem Chauffeur verzichten wollen, haben sie ihr Wissen nur unter der Zusicherung der absoluten Anonymisierung preisgegeben. Veiel hat ihre Worte fünf Schauspielern und einem Chauffeursdarsteller in den Mund gelegt. Zusätzlich hat er die Aussagen aus dem direkten Zusammenhang genommen und neu zusammenmontiert. Es entsteht so eine ganz bestimmtes Sprach- und Stimmungsbild der uns bisweilen fremd anmutenden Bankenwelt, in der ganz bewusst eine elitäre Bild- und für Außenstehende unverständliche Finanzsprache gepflegt wird. Das Programmheft versucht Begriffe wie zum Beispiel stochastische Volatilität zu erklären. Ein Maß für die wahrscheinliche Schwankung von Aktienkursen und Zinsen, um den möglichen Gewinn bzw. Verlust bei einem risikobehafteten Wertpapiergeschäft vorherzusehen.

    dt_himbeerreich_jan-2013.jpg Foto: St. B.
    Viel medialer Rummel um „Das Himbeerreich“ am Deutschen Theater.

    „Wer gewinnt daran, wo geht das Geld hin? An die, die heute schon auf den Zusammenbruch des gesamten Systems Hunderte von Milliarden wetten. Warum wird da niemand wütend? Warum werden die Zelte abgebaut und in den Museen ausgestellt? – Die eigentlichen Fragen werden nicht gestellt.“ Gottfried W. Kastein, aus: „Das Himbeerreich“ von Andres Veiel (Auszug aus dem Programmheft des DT)

    Pappfiguren der Finanzwelt

    Die Figur des kritischen Bankers Gottfried W. Kastein, dargestellt vom Vorzeigemimen des DT Ulrich Matthes, in dessen sprechendem Namen die Theaterbegriffe der antiken und der gegenwärtigen Tragödie wie Katastrophe, Erschrecken und Katharsis implizit mitzuschwingen scheinen, ist Veiels Versuch wenigstens einen der ehemaligen Finanzelite etwas wie ein Gewissen zu gönnen. Der kleine, gespielte Wutausbruch an der Rampe mit strengem Blick von Matthes ins Publikum wird aber nur mit vereinzeltem Beifall aus dem Parkett bedacht. Seine Gegenspielerin, die ehemalige Personalchefin Dr. Brigitte Manzinger (Susanne-Marie Wrage – Sie war schon in Veiels erstem Theaterstück „Der Kick“ dabei.), scheint dagegen kaltschnäuzig über die sprichwörtlichen Leichen zu gehen. Sie hat sich ihren Weg in die Chefetage hart erkämpfen müssen, und definiert Gier vor allem auch als Neugier. Erst langsam beginnt sie sich auch ein Privatleben und eine Familie zu gönnen. Trotzdem will Manzinger aber bis zum Schluss konsequent bleiben, selbst beim Sprung mit dem Champagnerglas runter vom Dach. Veiel hat, wie in einem Beitrag des Tagesspiegels zu lesen war, aus Mangel an realen Vorbildern auch männliche Positionen in diese Figur montiert. Es kommt zum gelegentlichen Schlagabtausch zwischen Manzinger und Kastein. Aber anstatt in den Klinsch zu gehen, separiert Veiel seine Protagonisten weitestgehend und lässt sie zumeist einzeln ihre Sicht der Dinge vortragen. Da ist weiter der bullige Investmentbanker Niki Modersohn (Sebastian Kowski) der zwar von „kleinen Flirts mit Mephisto“ aber auch fasziniert von Nullen spricht, die sich an die ersten Millionen reihen. Die Banker alter Schule werden von Dr. Dr. h. c. Walter K. von Hirschstein (Joachim Bissmeier) und Bertram Ansberger (Manfred Andrae) verkörpert. Sie wurden von der rasanten Entwicklung am Aktienmarkt förmlich überrollt, saßen aber trotz Bedenken weiter fest in ihren Vorstandssesseln. Sie fühlen sich nun von der Politik zum „hanebüchenen Deal“ mit den Amerikaner genötigt, und versuchen ihr Handeln im nachhinein zu rechtfertigen. Von Hirschstein setzt dabei auf klassische Philosophie, den gesunden Menschenverstand und Mitarbeiter die in ihrer Freizeit auch mal ein Buch lesen und nicht nur Sport treiben. Das sich im Kampf der Kräfte trotzdem eine Elite durchgesetzt hat, von der selbst Machiavelli nicht zu träumen wagte, können beide nur noch müde konstatieren.

    Andres Veiel sperrt diese Looser der glänzenden Bankenwelt in einen metallenen, kalt-sterilen Bunker mit gläsernen Aufzügen (Bühne: Julia Kaschlinski). Sie sind begraben unter den Türmen aus Stahl und Glas, im sogenannte Sterbegeschoss. Die Ausgesonderten, die dennoch nicht ganz loslassen können, um ihre alten Privilegien jammern und sich die noch verbliebenen schönreden. Man wirft philosophische Bonmots in die Runde, oder sozialdarwinistische Thesen, hat alles immer schon gewusst und ist sich dennoch keiner Schuld bewusst. Wie zahnlose Tiger in einem Käfig beäugen sich die ehemaligen Kontrahenten und bekommen zum Schluss von ihrem Fahrer einen Freizeitdress von Puma gereicht. Nach erfolgreichem Berufsleben warten nun Präsidentenposten in Stiftungen und Fußballclubs auf sie. Veiel setzt mit Jürgen Huth als Fahrer Hans Helmut Hinz einen kleinen Kontrapunkt zum undurchschaubaren System der Banken. Ein ganz geerdeter Jedermann, der zwar nicht versteht was seine Chefs sagen, aber scheinbar die einzige Bezugsperson nach draußen darstellt. Auch Alfred Herrhausen hatte ja eine ganz persönliche Beziehung zu seinem Chauffeur. Aus dem Off werden chorisch Episoden aus der Vergangenheit der Banker mit schwerer Kindheit usw. verlesen. Seinen Protagonisten auch eine ganz private, menschliche Seite zu geben, ist wie bereits in „Black Box BRD“ eine ganz besondere Spezialität von Andres Veiel. Hier lenkt es eher ab, als das es erhellend wirken würde. Das Wissen um die spezielle Sprache der Banker, die schon Elfriede Jelinek zu ihren kaulauernden Wortschöpfungen in „Die Kontrakte des Kaufmanns“ inspirierte, ihre abgeschottete, intransparente Welt zeugen schon allein von ihrer Absicht auch weiterhin ungestört unter sich zu bleiben. Wenn man das Interview von Bankvorstand Andreas Schmitz, der sich sicher auch als Banker alter Schule sehen würde, in der Berliner Zeitung ließt, scheint es zunächst recht unspektakulär. Das Leitartikelwort Gier wird mit keiner Silbe von ihm erwähnt. Erst beim zweiten Lesen und separieren bestimmter Passagen, erkennt man die Brisanz in den Formulierungen. Es bedarf also gar nicht unbedingt eines Theaterstücks mit anonymisierten Stimmen. Schon allein im täglichen Umgang mit den Medien und der Politik bekommen die Banker trotz Verstellung ein Gesicht. In Andres Veiels Bankenstück „Das Himbeerreich“ behalten sie weitestgehend ihre Pappmasken auf. Alles nur Theater mit der Tragödie? Scheinbar, allerdings über weite Strecken tatsächlich ziemlich unspektakulär, wie die ganze Sache sich trotz brandaktuellem Bezug dann wohl auch in Wahrheit darstellt. Was ihr hier auf der Bühne leider die Spannung, jedoch in der Realität nicht zwangsweise die Brisanz rauben muss. Und die Feststellung von Kastein, dass die Schwachen die eigentlich Gefährlichen sind, ließe sich durchaus auch positiv umwerten.

    „Bei Occupy mochte ich das Weglassen von Gesichtern und Thesen, damit das nicht sofort medial verschossen wird. Trotzdem geht man mit dem Camp direkt dahin, wo man sagen kann: Das wollen wir nicht. Also ein Ausstieg, aber mittendrin. Ob man durch diese Strategie an Relevanz verliert, ist die Frage. (…) Dieses Gehen auf die Agora und sich dort treffen, das fanden wir alle immer am geilsten. Ich fange jetzt auch schon an, mich über Medien zu behaupten, aber eigentlich ist das Schwachsinn. Eigentlich müßte ich auf den Platz zu den anderen.“ Der Hamburger Künstler Schorsch Kamerun in einem Interview zu seinem neuen Soloalbum „Der Mensch läßt nach“- Songs aus Theaterstücken (junge Welt, 06.02.13)

    ***

    Volker Lösch wagt an der Berliner Schaubühne den theatralen, geschichtlichen Dreisprung zwischen Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama „Draußen vor Tür“, Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener und dem Trauma eines Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr.

    Foto: St. B. schaubuhne_drausen-vor-der-tur_febr-2013.jpg

    Bereits 2010 hatte der Theaterregisseur und große Inszenator authentischer Laienchöre Betroffener aus allen Bereichen des Alltags Volker Lösch an der Berliner Schaubühne ähnliches vor, wie Andres Veiel mit seinem „Himbeerreich“ am DT. Er wollte Georg Kaisers expressionistisches Drama „Von morgens bis mitternachts” über den Kassenangestellten einer Bank inszenieren, der erst wegen einer Frau Geld unterschlägt und sich dann durch das Berlin der 1920er Jahre bis zum Selbstmord treiben lässt. Es fanden sich damals nur leider keine Banker, die bereit waren, offen auf der Bühne über ihr Wirken zu berichten. Einer entsprechenden Einladung der Schaubühne zum Casting waren nicht genügend Menschen aus der Finanzwelt gefolgt, wie Nachtkritik seinerzeit meldete. Keine Problem hatte Lösch dann 2011 die rechte Anzahl echter Prostituierter für seine Produktion „Lulu – Die Nuttenrepublik“ nach dem Drama von Frank Wedekind zu finden. Was dann aber auch nicht ganz der Wahrheit entsprach und für einigen Wirbel in Presse und Internet sorgte. Anfang Januar diesen Jahres hat Volker Lösch nun mit professionellen Schauspielern auch ohne Banker in Basel Robert Harris‘ Roman „Angst“ auf die Bühne gebracht und mit Zitaten aus Werken von Charles Darwin zur Evolutionstheorie sowie Interviewtexten von Bankern, der sozialdarwinistischen Ebene sozusagen, kurzgeschlossen. Zwar durchaus ein typischer Lösch, wie die Kritik berichtet, sich dabei aber gleichzeitig auch über die allzu plakative Verlegung ins Reich der Neandertaler amüsiert. Das Fehlen authentischer Laien, die ihre Geschichte selbst vortragen, zur Umsetzung seiner speziellen Methodik scheint also ein entscheidendes Manko bei der Erreichung der gewohnten Lösch’ schen Theaterästhetik zu sein. Da hatte man vor einem Jahr schon die Vermutung, als bekannt wurde, dass die Premiere der Produktion von „Draußen vor der Tür“ ebenfalls abgesetzt wurde, dass es wieder an den mangelnden Experten liegen würde. Angekündigt war damals noch die enge Verschränkung von Borcherts Kriegsheimkehrerdrama mit den Aussagen von Afghanistanveteranen der Bundeswehr. Nun war es wohl doch nur eine Probenverletzung von Schaubühnenschauspieler Felix Römer, der sich ein Bein gebrochen hatte, was als Grund für die Verschiebung auch mehr als plausibel klingt. Von Veteranen aus dem Umfeld aktueller deutscher Auslandseinsätze war dann in den Presseinterviews von Volker Lösch im Vorfeld der Neuansetzung des Stückes auch keine Rede mehr. Dazu aber später mehr.

    „Und der Mörder bin ich. Ich? der Gemordete, ich, den sie gemordet haben, ich bin der Mörder? Wer schützt uns davor, daß wir nicht Mörder werden? Wir werden jeden Tag ermordet und jeden Tag begehen wir einen Mord! Wir gehen jeden Tag an einem Mord vorbei!“  Beckmann, aus: „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert

    Was Lösch jetzt an der Schaubühne macht, ist dem Ansatz von Veiel aber gar nicht so unähnlich. Nur dass er nicht selbst recherchiert, sondern fertiges Material verwendet, das der Historikers Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer gesammelt haben, und dieses wie üblich in seinen Produktionen mit einem Werk der Weltliteratur oder Dramatik umrahmt. Oder auch umgekehrt, je nach Sichtweise des Betrachters. Lösch geht es mit Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ (1946/47) aber schon um die Legende des ehrenhaften Landsers. Der Mythos der sauberen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg wurde ja bereits durch die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“ nachhaltig zerstört. Jetzt kratzen also Sönke Neitzel und Harald Welzer mit ihrem Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“, in dem sie Abhörprotokolle aus englischen und amerikanischen Kriegsgefangenenlagern dokumentieren, auch an der Ehre des einzelnen einfachen Soldaten. In den zahlreichen teils unsäglichen Fernsehproduktionen des öffentlich rechtlichen deutschen Fernsehens über das Dritte Reich, wie etwa „Hitlers Helfer“ oder auch über die Protagonisten des 20. Juli 1944, konnte man schon des öfteren Erlebnisberichten sogenannter Zeitzeugen lauschen. Der einfache Soldat war da aber eher unterrepräsentiert. Da diese aus Altersgründen kaum noch zur Verfügung stehen oder den Mühen einer Theaterproduktion gewachsen sein dürften, hat Volker Lösch für seine Inszenierung wieder auf professionelle Schauspieler zurückgegriffen. Also kein Chor der betroffenen Laien ist hier zu vernehmen, sondern speziell arrangierte Theaterkunst mit in den Mund gelegten Originaltönen aus den besagten Abhörprotokollen. Und diese Gespräche der sich unbeobachtet fühlenden Wehrmachtssoldaten haben es dann auch entsprechend in sich. Nicht dass man nicht auch schon wusste, dass die Wehrmacht an Erschießungen von Juden oder Partisanen beteiligt war. Dass die Soldaten sich aber sogar dieser Taten rühmen, und wie in feuchtfröhlicher Runde von ihrem Spaß an Angriffen auf die Zivilbevölkerung Frankreichs, Englands und Russlands, an Vergewaltigungen und der Teilnahme an Erschießungskommandos berichten, ist eine neue Qualität, an die sich so mancher erst noch wird gewöhnen müssen.

    Und hier kommt nun der Umschluss zu Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“. Der Protagonist Beckmann kommt nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft in Russland körperlich und geistig versehrt wieder zurück nach Hamburg und findet sich daheim nicht mehr zurecht. Sein Kind ist tot und an der Seite seiner Frau liegt bereits ein Anderer. Da seine Stelle im alten Leben besetzt ist, wirft sich Beckmann verzweifelt in die Elbe. Die will sein armseliges Leben aber noch nicht haben. Er solle erst einmal richtig leben, getreten werden und zurücktreten. Beckmann wird schließlich bei Blankenese wieder ausgespuckt. Eine junge Frau liest ihn auf und steckt ihn, den „Fisch“, in die Sachen ihres vermissten Mannes. Aber nun taucht ein Einbeiniger auf, der seine Jacke und sein Mädchen zurückverlangt. Daraufhin flieht Beckmann wieder in die Nacht. Sein Gewissen plagt ihn, dass er als Unteroffizier an der Verwundung des Einbeinigen Schuld sei. Innerhalb der Nacht begegnet er dann weiteren Personen, denen er seine Geschichte, sein Trauma, dass an ihm nagt, erzählen will und Antworten verlangt. Niemand will Beckmann aber ernsthaft zuhören. Verfolgt von einer inneren Stimme, die sich in dem „Anderen“ personifiziert und ihn stetig antreibt, rennt er durch die Nacht, ohne Schlaf zu finden. Sebastian Nakajew als Beckmann kämpft sich dabei über einen unsicheren, nachgiebigen Parcours aus Bergen und Tälern mit einem riesigen sauberen schwarz-rot-goldenen Frottierüberzug (Bühne: Carola Reuther). Was sich darunter befindet und bewusst oder unbewusst schwelt, kann man verschiedentlich assoziieren. Es ist wohl vor allem ein Zeichen für einen gut funktionierenden Verdrängungsmechanismus, der alles Unbequeme unter den mittlerweile gesamtdeutschen Teppich kehrt. Ein fragiler, schwankender Grund, auf dem unsere Demokratie aufgebaut ist.

    schaubuhne_drausen-vor-der-tur_buhne_febr-2013.jpg Foto: St. B.
    Nach der Schlacht. Deutschland, ein unsicheres Gelände an der Schaubühne. (Bühnenbild von Carola Reuther)

    Nakajew wird, mal chorisch, mal in verschiedenen Einzelrollen, von weiteren Mitgliedern des Ensembles der Schaubühne (Johanna Geißler, Moritz Gottwald, Ulrich Hoppe, Felix Römer, David Ruland und Leoni Schulz) begleitet. Alle wie er in graue Soldatenmänteln gekleidet. Der Chor fungiert hier mal als verfielfachter Beckmann, und dann wieder als der Andere, der Beckmann beständig quält. In eingestreuten Szenen werden die Berichte aus den Abkörprotokollen vorgetragen. Die Soldaten skandieren im Chor, oder prahlen mit ihren Kriegserlebnissen während sie banale, alltägliche Dinge verrichten, wie Schuhe oder Zähne putzen, trinken, grölen, lachen oder einfach auf dem Rücken (unterm Scheinwerferlicht) liegen und sich auf goldgelbem Untergrund, gleich den Sommerfeldern Russlands, den Bauch sonnen. Einmal legen sie sich sogar unter das große Frottiertuch und erzählen sich wie zum Hohn schaurige Gute-Nacht-Geschichte und schlafen dann guten Gewissens ein, während Beckmann der Wunsch, endlich Pennen zu können, versagt bleibt. Die Protokollszenen durchdringen nicht nur das eigentliche Stück, sie sind bewusst gegen die Spielhandlung gesetzt, so als trieben sie mit ihren nahezu leicht dahingesagten ungeheuerlichen Wahrheiten Beckmann zusätzlich in den Wahnsinn. Lösch nimmt Borcherts expressionistischen Bild- und Stakkato-Stil der Sprache in seiner Inszenierung auf. Das kommt seinem eigenen chorischen und bisweilen recht plakativen Inszenierungsmitteln auch sehr entgegen. Da rennt Beckmann das Mädchen (Leoni Schulz) mit einem großen Bett auf dem Rücken hinterher, oder der Oberst (Ulrich Hoppe), der ihm im Krieg per Durchhaltebefehl die Verantwortung über zwanzig Mann übergeholfen hat, begegnet ihm als feiste Witzfigur und Hühnerflügelwerfer. Sogar in dessen durchsichtigem Wanst türmen sich die Hühnerkeulen. Seine Verantwortung wird Beckmann hier nicht los. Auch fürs Kabarett sind seine düsteren Kriegsschilderungen nicht geeignet. Felix Römer, als Theaterdirektor in einer janusköpfigen Riesentheatermaske steckend, antwortet auf Beckmanns unbequeme Wahrheit nur zynisch, dass die Kunst mit der Wahrheit nichts gemein hätte. Es scheint so, als reflektiere Lösch hier ironisch die Wirkungslosigkeit des Theaters ansich, oder sogar das eigene Schaffen.

    Beckmann müsste, um weiterleben zu können, selbst verdrängen. Das aber schafft er nicht. Den Kopf schon in der Schlinge wird er vom Anderen an seine Eltern erinnert. Aber auch dort steht er vor verschlossener Tür und ist nicht willkommen. Die Eltern haben sich per Freitod mit Gas selbst „entnazifiziert“, wie die neue Mieterin (Johanna Geißler) berichtet. Und wieder schließt sich vor Beckmann, hier tatsächlich auch mal in Großformat, die Tür. Er bleibt weiter draußen vor. Es gelingt nicht den nassen, verlorenen Fisch auf dem schwarz-rot-goldenen Frottiertuch trocken zu reiben und wieder sesshaft zu machen. Für ihn bleibt es ein ewiges unwirtliches Schlachtfeld, während und auch nach dem Krieg, in seinen schlaflosen Träumen wie den realen Begegnungen mit den Menschen, deren Verdrängungsmechanismus einfach besser funktioniert. Einerseits weil niemand seine Fragen beantworten will, anderseits aber auch weil er selbst nicht in der Lage ist, sich diesen wirklich zu stellen. Beckmann wird schließlich vom gequälten Individuum zum namen- und gesichtslosen Jedermann. Der Andere (David Ruland) stülpt ihm einen weißen Mullkopf über. Und wer trägt nun die Verantwortung an seinem Nachkriegstrauma? „Gibt denn keiner Antwort. Gibt denn keiner, keiner Antwort?“ Der Chor skandiert es zum Ende des Stücks an der Rampe direkt ins Publikum. Niemand weiß eine Antwort.

    Und ganz zum Schluss wenn man schon denkt, dass war’s, kommt der unverhoffte Sprung ins Deutschland des Hier und Heute. Nun tritt der ehemalige Oberstleutnant der Bundeswehr und Afghanistanveteran Andreas Timmermann-Levanas auf und trägt die Geschichte seiner Traumatisierung bei den sogenannten Friedenseinsätzen der UNO und Nato vor. Er hat das Blut seiner Kameraden in den afghanischen Wüstensand rinnen sehen, was er nun genau wie Beckmann nicht vergessen kann. Nach einer Verantwortung fragt er aber nicht. Über 20 Jahre hat Timmermann-Levanas in der Bundeswehr gedient, und wirbt nun um Verständnis für seine Anliegen als Vorsitzender des Bundes Deutscher Veteranen. Die Rückkehrer aus den Auslandseinsätzen haben in Deutschland keine Lobby. Es gibt keine Zahlen und Statistiken über psychische Erkrankungen, Scheidungen oder gar Selbstmord. Die Parallelen zum Kriegsheimkehrer Beckmann sind offensichtlich. Timmermann-Levanas verschweigt nicht, dass er an Kampfeinsätzen beteiligt war. Was dort in Afghanistan genau geschehen ist, erfahren wir jedoch nicht. Ein ca. zehnminütiges Statement zur aktuellen Lage deutscher Soldaten in Auslandseinsätzen. Regisseur Lösch geht es dabei nicht in erster Linie um deren Zustandekommen und Hintergründe, er lässt die Rede des Veteranen bewusst unkommentiert am Schluss stehen. Man kann dies aber auch als einen ganz unvoreingenommenen Anstoß zu einer gesamtgesellschaftlichen Debatte verstehen.

    Alles in allem will Löschs Inszenierung diesmal keine direkte Provokation oder bloße Konfrontation mit den nackten Tatsachen sein, sondern ist eher ein geschickter Dreisprung durch die allgemeine Wahrnehmung deutscher Kriegsgeschichte. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs, wie ihn die Überlebenden sehen wollten und aus Gründen des Weiterlebens teilweise auch mussten, zurück zu unbequemen Tatsachenberichten der kämpfenden Truppe direkt in die Zukunft Deutschlands mit der Teilnahme unserer Bundeswehr an UN- und NATO-Einsätzen, die wiederum Opfer, Täter, Widersprüche und Mythen sowie in ihrer Psyche verstörte Veteranen produziert. Eigentlich kein schlechter Ansatz und in der Umsetzung auch wegen der bei Lösch immer sehr plakativen Bilder und durchchoreographierten Chöre eine echte Zumutung, der man sich nur schlecht entziehen kann. Was die reine Umsetzung betrifft, bleibt der Abend aber trotz schwarz-rot-goldenem Grund merkwürdig blass. Wen das Spiel der Darsteller aber inhaltlich nicht zu berühren vermag, dem ist vermutlich auch mit ganz große Theaterkunst nicht zu helfen. Noch 2008 hatte der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Bedeutung von Borcherts Drama als Zeitstück betont: „Dieses Heimkehrerstück ist Schrei und Aufschrei, Klage und Anklage in einem, es ist Ausdruck von Verzweiflung der vom Vaterland betrogenen, vom Krieg gemarterten und von der Nachkriegsgesellschaft ausgeschlossenen Generation.“ Ganz so einfach kann man es nun nicht mehr betrachten. Man wird die Fragen nach Wahrheit und Verantwortung, um die sich ja auch die Banker in Andres Veiels „Himbeerreich“ herumdrücken, aus Sicht der Kriegs- und auch der Nachkriegsgenerationen in Deutschland immer mitdenken müssen.

    BECKMANN: Du hast kein Gesicht. Geh weg.
    DER ANDERE: Du wirst mich nicht los. Ich habe tausend Gesichter. Ich bin die Stimme, die jeder kennt. Ich bin der Andere, der immer da ist. Der andere Mensch, der Antworter. Der lacht, wenn du weinst. Der antreibt, wenn du müde wirst, der Antreiber, der Heimliche, Unbequeme bin ich. Ich bin der Optimist, der an den Bösen das Gute sieht und die Lampen in der finstersten Finsternis. Ich bin der, der glaubt, der lacht, der liebt! Ich bin der, der weitermarschiert, auch wenn gehumpelt wird. Und der Ja sagt, wenn du Nein sagst, der Jasager bin ich. … aus: „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert

    drausen-vor-der-tur_wolfgang-borchert_briefmarke.jpg
    Briefmarkenausgabe zum 75. Geburtstag von Wolfgang Borchert (unter Verwendung einer Borchert-Fotografie von Rosemarie Clausen). Deutsche Bundespost 1996 (Wikipedia)

    ***

    Termine:

    „Das Himbeerreich“ am Deutschen Theater Berlin:

    Alle Vorstellungen im Februar sind ausverkauft. Vorverkauf für März ab 09.02.13, 11:00 Uhr.

    • 06. März 2013, 19.30 – 21.10 Uhr
    • 11. März 2013, 20.00 – 21.40 Uhr
    • 14. März 2013, 20.00 – 21.40 Uhr
    • 23. März 2013, 20.00 – 21.40 Uhr
    • 31. März 2013, 19.30 – 21.10 Uhr
    • 01. April 2013, 19.30 – 21.10 Uhr

    „Draußen vor der Tür“ an der Berliner Schaubühne:

    • 09.02.2013, 20.00 Uhr
    • 10.02.2013, 20.00 Uhr
    • Im März keine Termine.

    Dauer: ca. 1:40 h

    Literaturhinweise:

    zu Andres Veiel:

    • Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, München 2002
    • Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt (zusammen mit Gesine Schmidt). Goldmann Verlag, München 2007
    • Edition der Filmemacher – Andres Veiel [5 DVDs]
      „Winternachtstraum“
      „Balagan“
      „Die Überlebenden“
      „Black Box BRD“

    zu Wolfgang Borchert:

    • Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen
      Rowohlt Taschenbuch: Auflage 94 (1956) Mit einem Nachwort von Heinrich Böll
    • Gordon Burgess: Wolfgang Borchert. Ich glaube an mein Glück: Eine Biographie
      Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (2007)
    • Peter Rühmkorf: Wolfgang Borchert. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
      rororo; Auflage: 29 (1. Juni 1961)
    • Gordon J. A. Burgess (Autor), Michael Töteberg (Herausgeber): Allein mit meinem Schatten und dem Mond: Briefe, Gedichte und Dokumente
      rororo; Auflage: 2 (1. November 1996)
    • Draußen vor der Tür [2 DVDs] DDR-TV-Archiv (2011)
      mit Reimar Johannes Baur als Beckmann, Regie: Fritz Bornemann
      Deutscher Fernsehfunk (DFF) der DDR, 1960

    Wissenschaftliche Publikationen zum Thema Wehrmacht:

    Sönke Neitzel, geboren 1968, und Felix Römer, geboren 1978, lehrten beide Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Mai 2012 ist Römer wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London. Neitzel hat 2012 einen Ruf an die London School of Economics auf einen Lehrstuhl für International History angenommen. Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit in Berlin und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er Sozialpsychologie an der Universität Sankt Gallen. (Quelle: Wikipedia)

    __________

  • Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Deutsche Regisseure und Österreichische Dramatiker – Naturgemäß ein Missverständnis? (Teil 1)

    ___

    Jan Bosse verjuxt am Burgtheater Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ und Günter Krämers Inszenierung von Werner Schwabs „Präsidentinnen“ am Berliner Ensemble erstarrt in braver Ehrfürchtigkeit.

    Wir haben es mit einem erstaunlichen
    Theater
    mit einer theatralischen Eiseskälte zu tun geehrter Herr
    nicht mit einem unterhaltenden elementaren Schauspiel

    Thomas Bernhard (09.02.1931 – 12.02.1989)
    aus: „Der Ignorant und der Wahnsinnige“

    Einen regen deutsch-österreichischen Kultur- und Künstleraustausch gibt es nicht erst seit der legendären Intendanz von Claus Peymann in den Jahren 1986 bis 1999 am Wiener Burgtheater. Zwischen Deutschen und Österreichern besteht schon wegen der gemeinsamen Sprache eine lange währende, innige Hassliebe. Eine Beziehung, die, nie ganz frei von Missverständnissen, weit in die europäische Geschichte zurückreicht. Für viele Deutsche Künstler war z.B. Österreich, und da vor allem Wien, erster Anlaufpunkt auf ihrer Flucht vor den Nazis (siehe hier vor allem Bertolt Brecht) und auch österreichische Kunstschaffende verschiedenster Couleur suchten früher oder später immer mal wieder Asyl im etwas liberaler eingestellten Deutschland. Unter ihnen der Maler und Grafiker Alfred Kubin, der Aktionskünstler Günter Brus, und auch die Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek kehrte Österreich wegen ständiger Anfeindungen ab 1995 zeitweilig den Rücken.

    Diese Affinität für das jeweils andere deutschsprachige Land und die anhaltende, wechselseitige Wanderungsbewegung lässt sich vor allem an den zahlreichen deutschen Schauspielern am Burgtheater Wien oder den Österreichern an Münchner und Berliner Häusern beobachten. Zu den in beiden Ländern sehr erfolgreichen Dramatikern zählen u.a. Ödön von Horváth, Gerhart Hauptmann und Arthur Schnitzler sowie in der neueren Zeit vor allem Peter Handke, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek. Im Wagnerjahr sei auf eine kleine Episode des deutschen Komponisten in Wien hingewiesen, dem zurzeit im Prunksaal der Österreichischen Staatsbibliothek eine kleine Ausstellung mit dem Titel „Geliebt, verlacht, vergöttert. Richard Wagner und die Wiener“ gewidmet ist. Der junge Richard Wagner schaffte sich während einiger kurzer Aufenthalte, dem ersten im Jahr 1848 folgten weitere in den 1850er und 60er Jahren, mit seiner Musik etliche Verehrer wie auch Feinde, und musste schließlich 1864 Wien fluchtartig wieder Richtung Deutschland verlassen, da ihm wegen seines exzessiven Lebenswandels die Schuldhaft drohte.

    Wer die Deutschen und Österreicher schließlich noch viel enger aneinander ketten sollte, war dann aber ein in Braunau am Inn geborener „Gröfaz“ und Wagnerliebhaber, der sich selbst zum Künstler berufen sah, und dann in Deutschland zuerst in München und später in Berlin eine Karriere mit verheerenden Folgen nicht nur für Deutschland und Österreich hinlegte. Dieses alles andere als künstlerische Erbe hat auch das Schaffen vieler der bereits genannten Künstler aus beiden Ländern bestimmt. Unter Ihnen vor allem auch Thomas Bernhard, der besonders den sich lange Zeit als Opfer fühlenden Österreichern immer wieder eine Spiegel vorhielt und nicht müde wurde, sie an ihre verdrängte, braune Vergangenheit zu erinnern. Das hat ihm unter anderem den Titel eines Nestbeschmutzers eingehandelt und Claus Peymann als Uraufführer des Skandalstückes „Heldenplatz“ eine Fuhre Mist vor dem Burgtheater. Zum Bernhardjubiläum 2011 im BE hatte Peymann dieser Aufführung ein ganzes Zimmer voll Bild- und Tondokumenten gewidmet. Der deutsche Theaterregisseur inszenierte seit den 1960er Jahren auf all seinen Stationen in Frankfurt/M, Hamburg, Stuttgart, Bochum, Wien und Berlin immer wieder österreichische Dramatiker wie Peter Handke, Peter Turrini, Elfriede Jelinek und eben auch Thomas Bernhard.

    Es ist immer das gleiche
    Kaum sitzen wir bei Tisch
    an der Eiche
    findet einer einen Nazi in der
    Suppe
    und statt der guten alten Nudelsuppe
    bekommen wir jeden Tag
    die Nazisuppe auf den Tisch
    lauter Nazis statt Nudeln

    Thomas Bernhard: „Der Deutsche Mittagstisch“ Dramolette

    thomas-bernhard-in-sintra-portugal_wiki.jpg
    Thomas Bernhard 1987 in Sintra, Portugal
    Foto: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung (Wikipedia)

    Aber nicht nur Claus Peymann gilt als ausgemachte Koryphäe für die Umsetzung österreichischer Dramatik. Auch andere deutsche Regisseure wandten sich seit Mitte der 1990er Jahre z.B. verstärkt den Stücken Elfriede Jelineks zu. Ein Jahr nach Peymanns recht braver Uraufführung 1994 am Akademietheter knallte Frank Castorf am Hamburger Schauspielhaus 1995 „Raststätte oder Sie machen’s alle“ ziemlich wüst auf die so moralischen Anstaltsbretter. Auch am Wiener Burgtheater beschäftigte man sich in Folge wieder öfter mit der sperrigen österreichischen Autorin. Und da sind vor allem Christoph Schlingensief (Bambiland, 2003) und Einar Schleef (Ein Sportstück, 1998) zu nennen, dessen weitere Beschäftigung mit der ihm seelenverwandten Dramatikerin erst durch Schleefs plötzlichen Tod 2001 kurz vor der Premiere von „Macht nichts: Eine kleine Trilogie des Todes“ am BE ein jähes Ende fand. In beider Fußstapfen trat schließlich ab 2005 wieder ein Deutscher, der Hamburger Nicolas Stemann, der ausgestattet mit frischem Witz, Ironie und einer gewissen Respektlosigkeit sehr erfolgreich die sperrigen, mäandernden Textungetüme bändigte. Zu dieser langen Reihe der großen Uraufführungsregisseure Jelinek’ scher Werke haben sich in der jüngsten Vergangenheit auch Regisseure wie Jossi Wieler, die Kölner Intendantin Karin Beier sowie der Intendant der Münchner Kammerspiele Johan Simons gesellt. Und selbst der aktuelle Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann brachte im Januar zum Spielzeitthema Österreich das Musiktheaterprojekt „Schatten (Eurydike sagt)“, das im Vorjahr an der Philharmonie Essen uraufgeführt wurde, als Sprechtheaterversion heraus.

    Die zahlreichen Besonderheiten in Sprache und Mentalität der meisten österreichischen Autoren bereiten dabei durch ihre ständige Gefahr der Missdeutung eine große Palette für humoristische bis hin zu ironischen Interpretationen. Dabei bietet sich neben dem Werk von Elfriede Jelinek vor allem das von dem eigentlich als Menschen hassenden Grantler verschrienen Thomas Bernhard an. „Hellauf zum Lachen“ war es dann Thomas Bernhard auch immer wieder beim Lesen seiner eigenen Stücke. Er hat sogar oft schallend lachen müssen, wie er selbst in einem Interview bekannte. Geradezu als Philosophisches Lachprogramm bezeichnete er die Lektüre der deutschen Philosophen Kant und Schopenhauer, die er sogar direkt als „Lachphilosophen“ bezeichnete. Je verbissener, je lachhafter waren ihm diese gleichermaßen akribischen wie verschrobenen Klassiker der Philosophie. Trotzdem würde Bernhard sich wohl selbst nie als fröhlichen, glücklichen Menschen bezeichnet haben. Das Komische erwächst bei ihm wie so oft eben auch aus dem Tragischen und umgekehrt. Claus Peymann hat diese Tatsache bei seinen Umsetzungen der Werke des „Geistesmenschen“ Bernhard in Bochum und Wien wohl auch immer berücksichtigt. So wirken Bernhards Figuren zwar oft komisch bis grotesk, driften aber in Peymanns Inszenierungen trotzdem nie ins Lächerliche ab, was man an jüngeren Interpretationen z.B. vom Peymann-Schüler Philip Tiedemann durchaus beobachten kann. Anfang März diesen Jahres wird er sich am BE mit Peter Handkes zarter Melancholie und versteckter Ironie in „Die schönen Tage von Aranjuez“ auseinandersetzen müssen.

    burgtheater-wien.jpg Foto: St. B.

    Jan Bosse inszeniert zur Silvesterpremiere „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ am Wiener Burgtheater

    Zum Jahreswechsel hat sich nun am Burgtheater Wien der deutsche Regisseur Jan Bosse Bernhards Klassiker „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ vorgenommen. Erfahrung mit österreichischen Autoren hat Bosse seit er 2005 Werner Schwabs Fäkaliendrama „Die Präsidentinnen“ in Zürich aufführte. Die Inszenierung tourte danach sehr erfolgreich bis 2009 und war unter anderem am Schauspiel Frankfurt, dem Maxim Gorki Theater Berlin, dem Thalia Theater Hamburg und dem Akademietheater Wien zu sehen. Die Inszenierung „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ an der Wiener Burg war eigentlich aus der Not heraus geboren, da die für die traditionelle Silvesterpremiere vorgesehene Trinkerinnentragikomödie des Dänen Thomas Vinterberg verschoben werden musste. Nun, dachte man sich, da passt natürlich Bernhards Drama mit ebensolchen tragikomischen Zügen über einen recht einseitigen Dialog zwischen einem kunstbesessenen, bis aufs Messer peniblen Pathologen und einem mehr oder weniger still vor sich hin trinkenden blinden Ignoranten auch ganz gut ins Konzept. Eigentlich muss man da auch nicht mehr unbedingt die legendäre Salzburger Uraufführung von Claus Peymann mit dem bekannten Notlichtskandal erwähnen. Und schon gar nicht die Klamotte von Philip Tiedemann aus dem Jahr 2000 mit dem zugegebener Maßen idealbesetzten Traugott Bure selig als Vater, Maria Happel als Königin der Nacht und dem total überdrehten Stehaufmännchen Michael Maertens als Doktor. Der Maertens und die Happel gehören mittlerweile eh längst zur humoresken Dauerbesetzung der Wiener Silvesterscherze an der Burg.

    In den letzten Jahren hatte Burgherr Matthias Hartmann ja dann auch dem Vergnügungswillen des Publikums vollauf Rechnung getragen, und mit Shakespeares „Was ihr wollt“ oder Woody Allens „Mitsommernachtskomödie“ ganz auf den Schenkelklopfhumor gesetzt. Bosse will es da etwas verhaltener angehen. Obwohl die Gefahr besteht, dass das Umschalten des eingelegten Vergnügungsganges nach dem obligatorischen Silvesterwitz des Hausherrn Hartmann zurück in den Leerlauf beim Publikum tödliche Langeweile auslösen könnte. Komplett Verschalten hat sich Jan Bosse dann allerdings doch nicht, und mit seinem Hauptdarsteller Joachim Meyerhoff auch nicht gerade eine ausgemachte Spaßbremse am Start. Und so müht sich dieser auch redlich als Doktor dessen innere Getriebenheit durch zappelige Gesten und Grimassen, Auf- und Abgehen sowie das fahrige, ungeschickte Übereinanderschlagen der Beine zu verdeutlichen. Peter Simonischek als blinder Vater der Opernsängerin, auf deren Erscheinen die beiden Herren in der Garderobe (Bühnenbild wiedermal mit großem Spiegel: Stephane Laime) der Diva ungeduldig warten, schlägt dazu den Takt mit seinem Blindenstock und versucht seine Nervosität mit gelegentlichen Schlucken aus der Schnapsflasche zu kaschieren. Scheinbar geduldig und ungerührt hört er sich die hoch wissenschaftlichen Ausführungen des Doktors über das korrekte Sezieren von Organen des menschlichen Körpers, die Lobpreisungen der Sangeskunst sowie die gleichermaßen ausgestoßenen Verwünschungen der Allüren der ausbleibenden „Koloraturmaschine“ an, die am heutigen Abend zum 222. Mal die Arie der Königin der Nacht singen wird. Warum das beim Publikum nicht so recht zu zünden vermag, liegt wohl daran, dass Thomas Bernhard auch gar nicht vorhatte, mit seinem Stück ein stetiges Pointenfeuerwerk abzubrennen. Der Witz und auch das Quälende liegen hier in der rigorosen Wiederholung und dem kategorischen Imperativ, mit dem der Doktor seine Wortlawinen und Hasstiraden über unfähige Dirigenten, Söhne von Fleischhauern und den gesamten Kunstbetrieb ergießt. Und das Publikum sitzt und schwitzt und man versucht tapfer gegen das um sich greifende Husten und die wachsende Ermüdung anzukämpfen.

    Dass man am Burgtheater meint, eine Trinkerinnentragikomödie durch einen mit Fettsuite, Schnapsflasche und eingebautem Lach- bzw. Quietschsack drapierten, in einem Sessel festgeschraubten Peter Simonischek zu ersetzen, dessen Ignoranz sich allein in den ständigen Hieben mit seinem Blindenstock manifestiert, erweist sich tatsächlich als großer Irrtum. Joachim Meyerhoff wäre naturgemäß ein großartiger Wahnsinniger nach Bernhards Intension. Als ignorant erweist sich allerdings die Annahme von Jan Bosse, dessen Irrsinn sei durch zappelige Getriebenheit darzustellen. Bernhards Text ist eine Parabel auf den täglichen Irrsinn und die Unmöglichkeit die totale Perfektion in der Kunst zu erreichen. Das ist eine bitterböse und zynische Abbrechung mit dem Theaterbetrieb sowie der Ignoranz des Publikums und schöpft seinem Witz allein aus dem Text, in dem die Figuren bereits überzeichnet sind. Bosse kann sich nicht recht zwischen Tragikomödie und totaler Farce entscheiden. Er versucht erst mit dem fahrigen Meyerhoff Klamotte zu spielen und dann, nach dem Eintreffen von Sunnyi Melles, schlägt alles in plötzliche Hysterie um, was schließlich im buchstäblichen Abheben der Königin der Nacht kulminiert. Sunnyi Mellies muss nun dauerträllernd die beiden Herren stimmlich noch übertönen, was naturgemäß in einem hustenden Totalverlust der Stimme endet. Die Angst vor Kritik, Publikum und dem eigenen Versagen obsiegt. Die Künstlerin landet selbst als Patientin auf dem Restauranttisch bei den Drei Husaren. Der Doktor referiert dazu weiter über die Sektion von Herz, Stimm- und weiteren inneren Organen bis zum Genital, während sich langsam die Szene verdunkelt, ohne die besagte totale Finsternis vollends zu erreichen. Der Eiserne Vorhang schließt sich leise und das Publikum erwacht sanft aus seiner dösigen Lethargie. Der durch Joachim Meyerhoff zugegebenermaßen virtuos bewältigte Textberg verbunden mit ein wenig Slapstick vermögen allerdings die Spannung über fast zwei Stunden nicht zu halten. Ein halbwegs virtuoses Ensemble macht eben noch keinen ganzen Bernhard.

    ***

    Foto: St. B. be_jan-2013_die-prasidentinnen.jpg

    Ist das eine richtige Grazkunst, Mausescheiße, angefressene Leber oder für nichts zu gebrauchen? Das Berliner Ensemble spielt Werner Schwab.

    Zu einem der bekanntesten österreichischen Nachkriegsdramatiker der nächsten Generation gehört in jedem Fall der in Graz geborene Werner Schwab (1958-1994). Der aus einfachen Verhältnissen stammende Schwab studiert zunächst bildende Kunst in Graz und Wien, bricht das Studium aber schließlich ab und zieht mit seiner späteren Frau Ingeborg Orthofer 1981 aufs Land. Dort entstehen seine sogenannten „Verwesenden Plastiken“, Skulpturen und Installationen aus Tierkadavern, Knochen, Fleisch und Innereien. Er schreibt auch zunächst erfolglos kleinere dramatische Texte, und muss sich deshalb auch weiterhin mit Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser halten. Erst nach dem Ende seiner Ehe, die wegen seines fortschreitenden Alkoholkonsums zerbricht, hat er plötzlich Anfang der 1990er Jahre erste Erfolge mit Lesungen in Graz. Sein Theaterstück „Die Präsidentinnen“ wird 1990 am Wiener Künstlerhaus uraufgeführt, nachdem es bereits 1988 von Claus Peymann am Burgtheater abgelehnt wurde. Ab jetzt entstehen seine Stücke wie am laufenden Band. Weitere sieben Uraufführungen folgen 1991-93 am Schauspielhaus Wien, den Kammerspielen München, beim Donaufestival in Krems und dem Steirischen Herbst in Graz. Schwab erhält Anerkennung durch die Fachpresse, Einladungen zu den Mülheimer Theatertagen, den Nachwuchsdramatiker-Preis der deutschen Kritik und schließlich 1992 den Mülheimer Dramatikerpreis für „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“, eines seiner vier Fäkaliendramen, in denen er u.a. seine Kindheit in Graz mit seiner sehr religiösen Mutter verarbeitete. Am 1. Januar 1994 stirbt Werner Schwab in Graz infolge einer schweren Alkoholvergiftung. Seine immerhin sechzehn Theaterstücke werden weiter posthum in Österreich und Deutschland uraufgeführt und stehen auch heute noch immer wieder auf den Spielplänen der Theaterhäuser in beiden Ländern.

    „Visionen, Utopien sind nichts als Vorform von Alkoholismus … oder noch schlimmer … von Religion.“ Frau Grollfeuer in „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“ von Werner Schwab

     Unvergessen dürfte sicher noch einigen Berlinern die Inszenierung von „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“ 2000 an der Volksbühne in der Regie von Thomas Bischoff sein, mit Milan Peschel als Erwin Wurm, einem kunstliebenden Sohn einer frömmelnden Hausmeister-Pensionistin (Karin Neuhäuser) und Alter-Ego von Werner Schwab. Und so träumt natürlich auch Peschel hier ausgiebig von einer „richtigen Grazkunst“, die keine Mausescheiße ist. Schwab karikiert in seinem zu den „Fäkaliendramen“ gehörenden Stück die Großmannssucht des kleinen Mannes aus dem Volk, das schnell anfällig wird für braune Soße nicht nur aus der Kloake. Bischoff hat dieses politische Element in Schwabs „Radikalkomödie“ mit seiner Inszenierung, die mit erstaunlich wenig Klamauk auskommt, kongenial umgesetzt. Das so verhasste Kleinbürgervolk wird dann schließlich auch an der Volksbühne bei einem großen Geburtstagssaufgelage von der elitär-dominanten Professorenwitwe und Hausbesitzerin Grollfeuer, großartig gespielt von der 2011 verstorbenen Jennifer Minetti (eine große Schwabspezialistin, die bereits in der Münchner Uraufführung von Christoph Stückl die Frau Kovacic gespielt hatte), mit Gift regelrecht vernichtet. „Das furchbarste was es geben kann, ist das Volk… und jede Wiederstandskraft ist ein fauliges Talent. Man strapaziert seine Leber um eine Erträglichkeit. Man trinkt sich hinein in ein Verständnis. Meine Leber war umsonst. Meine Leber ist sinnlos.“ (Frau Grollfeuer). 2003 hat Bischoff dann auch noch die „Präsidentinnen“ am  Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert.

    Zu den weiteren sogenannten „Fäkaliendramen“ zählen „Übergewicht, unwichtig: Unform“ (auch hier gab es 2009 eine durchaus bemerkenswerte Inszenierung im Kellergewölbe der Berliner Theaterkapelle in der Regie von Christina Emig-Könning), „Mein Hundemund“ (zuletzt 2010 im bat-Studiotheater) und schließlich die „Die Präsidentinnen“, das wohl nach wie vor meistgespielte Stück von Werner Schwab. Von der Inszenierung Jan Bosses 2005 am Züricher Schauspielhaus war bereits die Rede. Eine weitere komplett zur Farce geratene Fassung inszenierte der bekannte Bühnenschauspieler Ernst Stötzner 2008 als regelrechtes Schauspielfutter für seine DarstellerInnen Nina Hoss, Regine Zimmermann und Michael Goldberg am Deutschen Theater. Aber auch unter Ex-Burgtheaterdirektor Claus Peymann kam das Stück in der Regie von Peter Wittenberg 1994 vier Jahre nach seiner Uraufführung endlich auf die Bühne des Akademietheaters. Fast zwanzig Jahre nach Schwabs frühem Tod bringt es nun Günter Krämer am Berliner Ensemble ebenfalls wieder unter Claus Peymanns Leitung zur Aufführung. Seine Darstellerinnen sind die beiden Berlinerinnen Carmen-Maja Antoni (Erna) und Swetlana Schönfeld (Grete) sowie die mit Claus Peymann 1999 von der Burg ans BE gewechselte Ursula Höpfner-Tabori, die hier wie bereits in der Inszenierung von 1994 wieder die Rolle der Mariedl übernommen hat. Der erfahrene Opern- und Schauspielregisseur Krämer hält sich in seiner dritten Inszenierung am BE fast außergewöhnlich sklavisch an die Schwab’ sche Vorlage. Von Werktreue war bei seinem Lessing-Verschnitt der „Miss Sara Sampson“ aus dem letzten Jahr noch reichlich wenig zu spüren. Für seine Hauptdarstellerin Corinna Kirchhoff (Lady Marwood) strich er das halbe Personal weg und deutete Lessings bürgerliches Trauerspiel zu einem Drama einer verlassenen Ehefrau um, die ihren Mann mit allen Tricks und Kniffen wieder für sich gewinnen will.

    Günter Krämer inszeniert  „Die Präsidentinnen“ in einem Bühnenbild von Jürgen Bäckmann am BE

    Foto: St. B. be_jan-2013_die-prasidemntinnen_applaus.jpg

    Bei den „Präsidentinnen“ sieht daheim nun alles in etwa so aus, wie es Schwab auch für sein Stück im Textbuch festgeschrieben hat. Eine Wohnküche mit Tisch und drei Stühlen, Kommoden an den Seiten, Stehlampe, Aquarium, einen Vogelkäfig mit echtem Kanarienvogel und als Zugabe am linken Rand eine Toilette. Hinter einem Gazevorhang sieht man einen hellen Raum in dem die drei Putzfrauen zu Beginn Plastikmüll und anderen Tinnef in Säcke packen. Sie tragen ausnahmslos Kittelschürzen, Erna ihre berühmte Pelzhaube vom Müll und Grete billigen Schmuck. Das Mariedl hat ihr Bergschuh an und wirkt in der Darstellung von Ursula Höpfner-Tabori auch leicht naiv bis debil. So sitzt man dann auch zuerst ganz amüsiert in seinem Theaterstuhl oder besser -sessel und sieht den Damen dabei zu, wie sie sich in den Rollen und mit der Sprache der Putzfrauen oder vielleicht besser Toilettendamen – das Präsidieren bezeichnet in Österreich auch das Vorsitzen in besagten Etablissements, in denen man für gewöhnlich unterwegs seine Notdurft zu verrichten pflegt – mühen und versuchen in Schwung zu kommen. Sie singen sich, um in eine Gemeinschaft zu kommen, erst einmal mit dem Andachtsjodler „Tjo Tjo i ri“ warm und animieren sogar Teile des Publikums mitzusingen. „So viele Menschen sind zusammengekommen“ säuselt Erna ins Publikum. Und so ist natürlich auch sofort eine Gemeinschaft gemacht. Schwab lädt sein Stück auch ganz bewusst mit katholischen Motiven auf. Allerdings geht es in seiner bitterböser Farce nicht nur allein darum, „daß die Erde eine Scheibe ist, dass die Sonne auf- und untergeht, weil sie sich um die Erde dreht;“, es geht auch nicht nur um Zerstreuung und ein paar alte frömmelnde Schachteln, die selbige vor dem Fernseher suchen, sondern es handelt auch davon, warum es immer noch so ist und wie Neid, Missgunst, Dummheit und Bigotterie ihren Weg von innen nach außen finden. Mittels der expliziten Kunstsprache Schwabs, die einerseits eine übertrieben religiöse Symbolik besitzt, und andererseits durch explizites Fäkalvokabular konterkariert wird, entlarvt sich die tatsächliche Denkweise der „Präsidentinnen“.

    „Die Menschen müssen immer eine Nächstenliebe am laufen haben.“ (Mariedl) – Der Katholizismus in den Präsidentinnen

    Schwab lehnt sich also stark an die Riten der katholische Kirche an und persifliert diese durch explizite Sprache und Handlung. Er teilt sein Stück in drei Szenen, es gibt drei Präsidentinnen, wie es auch im Katholizismus einen Dreieinigkeit (Trinität) Gottes gibt. Diese Dreieinigkeit ist aber in Persona der drei Protagonistinnen eine sehr fragile. Wegen des ewigen Gezänks zwischen Erna und Grete im Laufe der ersten Szene, bei dem es um menschlichen Dreck, Scheißhaufen, Kindsmissbrauch, die „braune“ Vergangenheit, sowie die Plage mit den angeblich missraten Kindern, die keinen Verkehr haben wollen, muss durch die überreligiöse Mariedl diese Einigkeit immer wieder durch „eine Nächstenliebe aufgebaut“ werden. Erna und Grete trinken dabei Wein wie beim letzten Abendmahl. In der zweiten Szene entwickelt sich das anfänglich lockere Gespräch immer mehr zu einem Hineinfantasieren der drei in einen religiösen Wahn einerseits und in ein recht weltliches Vergnügen auf einem Volksfest anderseits. Auch Krämer scheinen der religiösen Zeichen im Drama nicht ganz verborgen geblieben zu sein. Zum Hinübergleiten in die zweite Ebene des Stückes lässt er die Bühne in die Senkrechte fahren. Der Tisch mit den drei Stühlen sowie die Anordnung Ernas und Gretes links und rechts des Tisches und schließlich noch der sich zur Hauptperson entwickelnden Mariedl unten in der Mitte bilden insgesamt ein Kreuz.

    Nun beginnt ein wechselseitiges Übertönen der drei mit ihren ganz persönlichen Vorstellungen vom Lebensglück, das ihnen in der Realität mehr oder weniger verwehrt bleibt. Erna ist mit ihrem religiös erwachten Metzgermeisters Karl Wottila (eine Verhohnepiepelung des ehem. Papstes Johannes Paul II.) zusammen, Grete vergnügt sich frivol mit dem Tubaspieler Freddy aus der Kapelle, der ihr seinen Finger in den Hintern schiebt und einen Heiratsantrag macht und die Mariedl räumt sichtlich beglückt drei verstopfte Klomuscheln mit der Hand aus (Die Mariedl macht es immer ohne), in die der Pfarrer eine Flasche Bier, ein Glas mit Gulasch und ein französisches Parfüm gegen den Gastank versteckt hat, was die Mariedl komplett austrinkt, um innerlich gut zu riechen. Da sie aber erkennen muss, dass sie auch äußerlich weiterhin nach einem menschlicher Stuhl stinken wird, kehrt sich die Ernüchterung schließlich gegen die falschen, bigotten Träume der anderen beiden. Sie lässt deren abtrünnige Kinder Herrmann und Hannelore auftreten, die das Fest schlagkräftig aufmischen und Erna und Grete mit den ungeschminkten Wahrheiten konfrontieren. Hermann schlägt Erna und Wottila mit den Köpfen aneinander und Grete wird von Hannelore ins Irrenhaus eingeliefert. Mariedl hebt bei ihren Erzählung schließlich geistig vollkommen ab und fliegt mit strahlendem Unterleib und Goldstaub auf dem Körper davon. Letztendlich sehen sich Erna und Grete durch Mariedls Traum aus der Trinität ausgestoßen und schneiden ihr den Hals durch. Was natürlich auch ein religiösen Motiv, die Opferung Christi, darstellt. Mariedl wird so zur heiligen Jungfrau Maria und Jesus in einer Person. Erna und Grete zerschneiden nun den Körper und unterhalten sich über das viele Blut das der Mensch im Fleisch hat.

    Es schließt sich bei Schwab in der dritten Szene eine musikalische Gaudi mit den Original Hinterlader Seelentröstern an, nach der das Stück als völlig überdrehte Farce wieder von vorne los geht. Die drei Protagonistinnen sitzen dabei im Publikum und versuchen verzweifelt fluchtartig den Saal zu verlassen. Diesen Spiegel hält uns Krämer allerdings nicht mehr vor und lässt auch dankenswerter Weise die Schrammeln weg. Nach Schwarzblende stehen Erna und Grete mit zwei Plastiksäcken auf der Bühne und reden nur noch von der Leich im Keller, die mittlerweile eine neue Bedeutung in Österreich haben dürfte. Bei Jan Bosse wird Mariedl tatsächlich zum Schluss an ein Kreuz genagelt, auch lässt er seine Präsidentinnen (Olivia Grigolli als Erna, Yvon Jansen als Mariedl und Karin Neuhäuser als Grete) in der dritten Szene wieder auferstehen, und das ewige Spiel geht weiter. Bosse gönnt ihnen auch ganz groteske Fantasiekostüme und lässt alles vor einer mit religiösem Zeug vollgestopften Setzkastenwand spielen. Schwab`sche Kodderschnauzen hatten sie da auch, aber bei Krämer bleiben sie immer nur die frivol kichernden, keifenden, religiös verbrämten Putzfrauen mit dem Hang zum Höheren. Lediglich ein paar Masken setzen sie sich auf.

    Der Herrgott is a Schnellkochtopf
    da wirst du ganz schnell weich
    er kocht dir deinen schweren Kopf
    und tröstet deine Leich

    Werner Schwab, aus: „Die Präsidentinnen“, dritte Szene, Die Original Hinterlader Seelentröster

    Wie theatral altbacken und ohne Witz, Krämer fehlt offensichtlich der Wille zur eigenen Idee. Das BE schafft es leider wirklich noch mit jeder Wiederaufführung den Mehltau der Jahre über die Stücke zu pudern. Wie brav, wie uninteressant, wie überflüssig. Ein Stuhl ist ein Stuhl, ist ein Stuhl. Der deutsche Zuschauer hat verstanden. Nur dass man sich im BE, bevor über Fäkalien gesprochen wird, in einen bequemen Theatersessel niederlassen kann. Und dann sollte man Günter Krämer und seinen Damen auch noch erklären, dass das Stück „Die Präsidentinnen“ und nicht die Berliner Marktschreierinnen heißt. Man muss das Schwabisch schon beherrschen und nicht auch noch mit Berlinerisch vermengen. Lediglich Ursula Höpfner-Tabori bekommt das ganz gut hin. Trotzdem wenigstens ein kleiner Achtungserfolg. Es wurde mal wieder leise gebuht im BE und es gingen einige Zuschauer vorher raus. Was sicher nicht am Spiel der Damen lag, sondern daran, dass Werner Schwabs nicht tot zu kriegender Text tatsächlich auch nach 23 Jahren immer noch die Spießbürger zu verschrecken weiß. Außerdem scheint das am Hause Peymann auch eine kleine Wiedergutmachung dafür zu sein, dass man die Qualitäten der Fäkaliendramatik von Werner Schwab am Burgtheater erst ein paar Jahre zu spät erkannt hatte.

    Von den „Präsidentinnen“ direkt ins Dschungelcamp

    Die Fortsetzung der Präsidentinnen mit anderen Mitteln gibt zurzeit wieder RTL mit scheinbar ekelresistenten B-Promis im Dschungelcamp. Übrigens auch ein passendes Sinnbild für den momentan inflationär im Web kursierenden Spruch vom Hamsterrad als Karriereleiter. Allerdings viel interessanter für den Zuschauer dürfte sein, dass man sich nicht mehr persönlich in den menschlichen Abort hinab begeben muss. Das erledigen heuer u.a. auch Österreicher, wie – zumindest zeitweise (für ganze zwei Tage) – der einst so strahlende Goldjunge Helmut Berger, immerhin einmal Muse Luchino Viscontis und kongeniale Verkörperung des extravaganten bayerischen Märchen- und Mythenkönigs Ludwig II. Oder, wie passend, auch des Dandys Dorian Gray, der die Hässlichkeit und das Altern allein seinem Abbild überließ, bis er tragisch erkennen musste, mit diesem schicksalhaft verbunden zu sein, und dass sein bisheriges Leben das eigentliche Trugbild darstellte. Ironie des Schicksals, dieser Verdrängungsmechanismus funktioniert auch im Dschungelcamp weiter, nur eben unter umgekehrtem Vorzeichen, und hat in Helmut Berger seinen bisher passendsten Bildträger gefunden. Die neuerliche Tragik zeigt sich darin, dass sich der ehemalige Adonis im übertragenen Lydi-Sinne selbst zum Scheiße fressenden Schoßhündchen der vor dem Bildschirm in trauter Bigotterie vereinten deutschsprachigen Fernsehnation abortiert und sich schlussendlich für deren Sünden und unstillbaren Vergnügungswahn geopfert hat. So wird man denn zwangsläufig Zeuge eines weiteren Missverständnisses. Nämlich dem, dass sich aus alter „Scheiße“ strahlend neue Bonbons gewinnen ließen. Nur der Sender selbst macht für sich wieder ein Märchen war, indem er das Stroh aus den Köpfen von Millionen Zuschauern zu reinem Gold verspinnt.

    „Das Leben ist wunderbar, die Welt großartig, wir leben in einer großen Zeit.“ Thomas Bernhard

    ***

    Literaturhinweise:

    thomas-bernhard_die-stucke.jpg

    • Thomas Bernhard: Die Stücke 1969-1981 (Ein Fest für Boris / Der Ignorant und der Wahnsinnige / Die Jagdgesellschaft / Die Macht der Gewohnheit / Der Präsident / Die Berühmten / Minetti / Immanuel Kant / Vor dem Ruhestand / Über allen Gipfeln ist Ruh‘ / Der Weltverbesserer / Am Ziel) Weißes Programm im 33. Jahr Suhrkamp (1983)
    • Kolleritsch, Otto (Hrsg.): Die Musik, das Leben und der Irrtum. Thomas Bernhard und die Musik. Universal Edition (2000)
    • Süselbeck, Jan: Das Missverständnis. Zu Andreas Maiers Rezeption der Prosa Thomas Bernhards. In: Thomas Bernhard Jahrbuch (2005/06)

    werner-schwab_fakaliendramen.jpg

    • Werner Schwab: Fäkaliendramen – (Die Präsidentinnen / Übergewicht,unwichtig: Unform / Volksvernichtung / Mein Hundemund), Literaturverlag Droschl (1991)

    Teil 2: Ewald Palmetshofer am Akademietheater Wien folgt

    _________

  • demenz depression und revolution (studie zu 3 mythen der gegenwart) – Armin Petras wurschtelt sich am Maxim Gorki Theater zum Thema Kunst-, Gesellschafts- und Alltagsmythen performativ-assoziativ durch die teils diffuse Gedankenwelt seines Autorenegos Fritz Kater.

    „“ziel und einzige methode der moderne ist der wandel einzige methode die permanente Kritik“ -“ Fritz Kater aus: „demenz depression und revolution

    Unabhängigkeit der Kunst – für die Revolution!
    Revolution – für die vollständige Befreiung der Kunst!

    Diese hehren Ziele gaben der surrealistische Literat Andrè Breton und der bildende Künstler Diego Riviera in ihrem „Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst“ 1938 in der amerikanischen Zeitschrift „Partisan Review“ aus. Gestützt auf die Thesen des jungen Karl Marx, für den die Freiheit des Schriftstellers und Journalisten darin bestand, „kein Gewerbe zu sein“, und unter Mitarbeit des kommunistischen Politikers und revolutionären Theoretikers Leo Trotzki sprachen sie sich vehement für die Unabhängigkeit jeglicher Art der Kunstausübung aus. Das avantgardistische dieser Schlagworte wurde besonders nach der Oktoberrevolution in Russland unter dem Einfluss von Stalin korrumpiert und missbraucht. Trotzki prangerte das ein Jahr später in einem Brief an eben jene Zeitschrift in New York an. In seinem „Kunst und Revolution“ (1) betitelten Artikel betonte er noch einmal: „Echtes geistiges Schaffen ist unvereinbar mit Lüge, Heuchelei und Konformismus. Die Kunst kann nur insoweit ein großer Bundesgenosse der Revolution sein, als sie sich selbst treu bleibt.“ Nun ist trotzdem jegliche künstlerische Betätigung oder Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse gleichzeitig auch Broterwerb. Jeder Künstler ist versucht seit ehedem auch von seiner Kunst leben zu können.

    Der tschechische Filmemacher Pavel Jurácek. pavel-juracek.jpg
    Foto auf www.goeast.deutsches-filminstitut.de

    Dieser Zwiespalt, in dem sich jeder politisch denkende Künstler befindet, ist dann auch eine der „3 Mythen der Gegenwart“ die Fritz Kater, das Dramatikerego des Noch-Gorki-Intendanten Armin Petras, zu einer Studie mit dem Titel: „demenz depression und revolution“ verdichtet hat. Der dritte Teil des Stücks, das am 05.01.13 am Maxim Gorki Theater Premiere hatte, endet mit dem Satz: „kunst ist revolution oder nichts“. Es ist der Musiker des Abends Miles Perkin, der diese Worte vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang spricht. Ein Vorhang, der sich auch für den Protagonisten aus „tagebuch eines revolutionärs/versuch einer fälschung“ geschlossen hat. Der tschechische Filmemacher Pavel Juráček (1935-1989), den es tatsächlich gab, bewegt sich zwischen dem eigenen Anspruch an sein künstlerisches Ego und störenden familiären Problemen wie im Traum durch die anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen (Prager Frühling 1968). Petras hat dessen Tagebucheintragungen, in denen der an einer Schreibblockade leidende Drehbuchautor über das Skript zu seinen geplanten Film nach Swifts „Gullivers Reisen“ sinniert und in ständigen Zweifeln und Geldproblemen steckt, zu einem ca. einstündigen Stück verarbeitet. Juráčeks surrealistischer Film über eine gegenwärtige Welt im Untergang (Prípad pro zacínajícího kata – A Case for a Rookie Hangman – Ein Fall für einen Henkerslehrling) verschwand 1969 im Giftschrank und beendete abrupt die Karriere des Regisseurs.

    Dekonstruktion von Alltagsmythen in drei Teilen

    An einem Tag, an dem in der Berliner Zeitung ein Artikel über die Entlassung von Mitarbeitern des Maxim Gorki Theaters veröffentlicht wurde, erscheint dieser letzte Satz des Stückes über die revolutionäre Kraft der Kunst in dem Zusammenhang nicht nur ironisch, sondern sogar wie blanker Zynismus. Man kann nicht nur, man muss geradezu das Stück von diesem Ende her lesen. Auf jede gescheiterte Revolution folgen Depression und schließlich die geistige Demenz, oder wie es Ernst Bloch formulierte: „Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. So haben es die Lauen auch mit Marx gehalten, tun gern dumm, auch heute noch.“ („Marx, aufrechter Gang, konkrete Utopie“ in „Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz“, 1968) Ganz so defätistisch will es Petras allerdings nicht sehen und hängt seine Intensionen dann auch entsprechend etwas niedriger. Er hangelt sich eher an den bekannten Krankheitssymptomen der modernen Gesellschaft entlang und beschreibt einerseits im ersten Teil die Gebrechen einer immer älter werdenden Bevölkerung, was sich immer öfter im Befund einer fortschreitenden Demenz niederschlägt, und andererseits den an Depressionen leidenden Leistungsmenschen im zweiten Teil. Ein Versuch der Dekonstruktion der Alltagsmythen nach Roland Barthes in drei Teilen. Die Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Krankheiten als naturgegeben ansieht und sich mit dem Behandeln der Symptome begnügt. In der die nicht mehr Leistungswilligen oder -fähigen aussortiert und pathologisiert werden. Dagegen setzen Kater/Petras nun den dritten Mythos von der Kunst in revolutionären Zeiten.

    Zwischen Kunst, Revolution und Privatem

    Für den Protagonisten Pawel aus dem dritten Teil „tagebuch eines revolutionärs“ kommt die Revolution allerdings zur unpassenden Zeit. Er ist mit seinen eigen Problemen beschäftigt. Kunst, Revolution und Privates vermischen sich und lähmen ihn. Seine Frau hat ihn verlassen und nimmt ihm auch seine kleine Tochter weg. Von Kneipe zu Kneipe und von einem Mädchen zum anderen trinkt und schläft er sich durch die Nächte, schwankend zwischen Begeisterung und der Angst, dass alles nur ein Betrug ist, und lässt sich dabei von einer reichen italienischen Gräfin aushalten. Tagebucheintragungen von Ereignissen in Prag wechseln sich mit Gedanken zu seinem unvollendeten Drehbuch und Reflektionen zur Kunst ab. „kunst lebt letzten endes nur von der anerkennung …“ oder „weil es dinge gibt die mehr sind als nur sprechen gibt es die kunst“ sinniert Pawel. Entgegen Marx sind für ihn aber Revolutionen nicht die Lokomotiven, sondern eher die Lockenwickler der Geschichte. Man könnte auch sagen, sie geben der Geschichte erst ihre Form, oder den Sinn. Der Sinn liegt für den Künstler aber allein in seiner Kunst, die in seinen Augen revolutionär ist, oder eben nichts.

    praga_11.jpg
    Im Sog der Ereignisse. Prager Frühling 1968. Eine Menge von Demonstranten gegen einige sowjetische Panzer in den ersten Tagen des Einmarsches. Foto: Engramma.it auf Wikipedia

    Dieser letzte Teil ist textlich der dichteste und stärkste von Katers Studie. Armin Petras inszeniert ihn mit drei Schauspielern (Cristin König, Thomas Lawinky und die junge Svenja Liesau) in ständig wechselnden Rollen. Das hat durchaus Drive und schreckt nicht vor Pathos, Klamauk und Travestie zurück. In einer Szene ziehen sich die drei Schauspieler rote Kleider an, stülpen sich farbige Wollmasken über die Gesichter und posieren im Stil des Punkgebets von Pussy Riot zu Gitarrenklängen des Musikers Miles Perkin. Petras setzt die Gedanken des Filmemachers zu Kunst und Revolution ganz assoziativ in performative Bilder um. Flower-Power, Pop-Art, reale Videobilder des Prager Frühlings und ein farbiges Kunsthappening bei dem sich Thomas Lawinky das Gesicht mit weißer Farbe beschmiert und Svenja Liesau ihm eine Clownsgesicht malt, das immer wieder verläuft. Petras bedient hier das romantische Klischee des frei schaffenden Künstlers, der aus den Zwängen der Gesellschaft ausbrechen will. Das einzig Revolutionäre bleibt für ihn der eigentliche Akt der Erschaffung von Kunst. Der Künstler als Schöpfer wird sein eigener Revolutionär. Kunst als Therapie für die Gesellschaft? Kann Kunst überhaupt gesellschaftliche Veränderungen bewirken? Eine Frage an der sich z.B. auch Sebastian Hartmann schon seit geraumer Zeit in Leipzig abarbeitet, dessen artifiziell halluzinogene Inszenierung „Der Trinker“ nach Hans Fallada bereits am Maxim Gorki Theater zu sehen war.

    Poetische Schmetterlinge in der Demenzstation

    Dagegen fallen die beiden ersten Teile des Abends allerdings sehr ab und auch recht unterschiedlich aus. Dem ersten Teil zur Demenz „im schmetterlingsgrund“ stellt Kater einige Sätze des Philosophen Platon aus dessen Dialog des Sokrates mit dem jungen Phaidros als Grundmotiv für dessen ambivalenten Umgang mit dem mythischen Erzählen voran. Kater fügt im Weiteren Gespräche zwischen Kranken, Pflegern und Angehörigen aus Recherchen, die er in Demenzstationen durchgeführt hat, und poetische Abschnitte zusammen, in denen es wie in einem Requiem um die Seelen von kranken und toten Menschen geht, die sich in Schmetterlingen wiederfinden. Pate standen hier wohl u.a. Das Schmetterlingstal der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, die deutsche Romantik von Novalis bis Eichendorff und auch noch Kriegs- und Todesbeschreibungen von Wolfgang Borchert und Paul Celan. Damit überfrachtet Kater ein wenig den recht nüchternen reportagehaften Textteil. Regisseur Petras bürstet das wieder kräftig gegen den Strich, in dem er sehr ironisch die Protagonisten in Fatsuites und unmögliche Klamotten stecken lässt. Es wird getaumelt, gebrabbelt, gesungen und auch mal getanzt. Das wirkt zeitweise albern und ermüdet irgendwann. Eigentlich hatten Kater/Petras mit der Idee Platons, dass der Seele des Menschen, wenn sie etwas Schönes auf der Erde sieht, Flügel wachsen, ja schon ein sehr schönes poetisches Bild. Das Thema des alternden Menschen, der sich der Gesellschaft geistig immer mehr entzieht und schließlich nur noch in seiner inneren Welt lebt, entschwindet aber schließlich so wie die davon flatternden Schmetterlinge, die Thomas Lawinky zum Schluss von A wie abendfauenauge bis Z wie zwergbläuling schier endlos aufzählt, irgendwo im poetisch kitschigen Niemandsland.

    Persönliches Schicksal versus Allgemeingültigkeit

    Das Debakel schlechthin erlebt nun im Nachhinein der Autor Kater wie der Regisseur Petras mit dem zweiten Teil „schwarzer hund“. Die in vielen Punkten fast identisch an die Lebens- und Leidensgeschichte des Torhüters Robert Enke, der sich aufgrund einer Depression und erhöhtem Leistungsdruck 2009 das Leben nahm, angelegten Szenen geben seit Montag den Anlass für einen drohenden Rechtsstreit mit der Witwe Enkes, die sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt. Es heißt da zu Anfang: „traurigkeit ist schwer zu ertragen aber jeder muss einmal ohne maske leben“. Was Kater/Petras eigentlich damit bezweckt hatte, dem Mythos vom „schwarzen Hund“ Depression, der dem Leidenden auf dem Rücken sitzt, die Maske herunterzureißen und ihn offen und allgemeingültig am „Archetypus“ eines depressiven Fußballtorwarts zu diskutieren („er war deutschlands nummer eins“), begreift Teresa Enke eher als einen eklatanten Eingriff in ihre Privatsphäre. Zu nah hat der Autor Kater die Story an die zugegebener Maßen allseits bekannten und medial ausgeschlachteten Lebensstationen Robert Enkes angelehnt. Von der Deutschen Bundesliga nach Lissabon, der Sprung nach Barcelona und der Absturz in Spaniens 2. Liga nach Teneriffa. Die Frau die ihr Studium für ihn aufgibt, sich mit Hunden umgibt, um nicht allein zu sein, ein Hochzeitsantrag mit Namen auf dem Trikot, erste Negativerlebnisse (Schießbude), Stasivorwürfe an den ehemaligen Ostler, und dann doch erster Kindersegen. Auch hier lässt Kater das Drama des herzkranken Kindes nicht aus.

    Wie sich hier ein Wandel vom persönlichen Schicksal hin zum allgemeingültigen Krankheitsfall ergeben soll, bleibt ein Rätsel, das Armin Petras nun genötigt ist aufzuklären. Bleibt zu hoffen, dass er menschlich sensibilisiert und künstlerisch gestärkt aus dieser Auseinandersetzung herauskommen kann. Am engagierten Spiel von Michael Klammer und Aenne Schwarz, die diese im reinen Erzählton angelegte Geschichte verkörpern, kann es nicht liegen, dass die Rechnung letztendlich nicht aufgeht. Dazu kommen Zweifel, ob Katers Verlag nicht auch die Rechte zur Verwertung der biografischen Fakten aus dem Buch „Ein allzu kurzes Leben“ von Ronald Reng hätte einholen müssen. Diese liegen ebenfalls bei der Witwe Enkes, die sich nun insgesamt übergangen fühlt. Der Dank Katers galt lediglich dem Sportlerbiografen des Torhüters. Nun stehen Autor, Verlag und Gorki Theater vor den Scherben und müssen zu den anstehenden Katertagen am 19.01.13 wohl eine Rumpfversion des Stückes spielen. Man hat sich bis zur Klärung der strittigen Punkte bereit erklärt, den zweiten Teil nicht mehr zu spielen. Also Katerstimmung zu einem Stück mit drei diffusen Teilen, die sich nicht erst jetzt so recht nicht zu einem Ganzen fügen wollten.

    Fehlende Sensorik?

    Ansonsten ist dieser Abend tatsächlich mehr romantischer Revolutionskitsch, fröhliches Kunsthappening und doktert auch nur an den Symptomen der kranken Gesellschaft herum. Das Petras Schlagworte hernimmt, die vor ihm z.B. schon Trotzki, Barthes oder auch Wagner (Die Revolution) benutzt haben und sie dann zu einem relativ folgenlosen Performancereigen über die Krankheiten der Gesellschaft zusammenschraubt, ist nicht nur recht schluderig gearbeitet (wobei ich die Schauspieler ausdrücklich ausnehmen möchte), sondern erscheint sogar etwas denkfaul. Eine kleine Enttäuschung zum Jahresauftakt. Armin Petras kann es wesentlich besser, dass hat er bereits in zahlreichen gelungenen Inszenierungen seiner Katerstücke bewiesen. Ist er gedanklich etwa schon in Stuttgart? So kann man den Abschied auch forcieren. Letztendlich ist Petras die Revolution oder auch die revolutionäre Kraft der Kunst ebenso ein gesellschaftlicher Mythos, wie die Krankheiten der Gesellschaft an sich. Die Utopie des freien und selbstbestimmten Künstlers und Menschen, ein Mythos, der nun selbst auf ihn zurückschlägt. Die Sensorik der Antennen, die wir geneigt sind immer mehr abzuknicken, wie es Christoph Schlingensief in seiner Biografie „Ich weiß ich war`s“, aus der im Programmheft zitiert wird, beschreibt, scheint auch Armin Petras kurzzeitig abhanden gekommen zu sein.

    Foto: St. B. maxim-gorki-theater_juni-2012.jpg

    Die nächsten Termine am Maxim Gorki Theater:

    • Sa. 19.01.2013, 19:30 Uhr  (18:45 Uhr Einführung)
    • Mi. 06.02.2013, 19:30 Uhr

    (1) Das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft hatte 1939 Leo Trotzki in „Kunst und Revolution“ ganz treffend so beschrieben:

    „Die Kunst, die den komplexesten, empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Kultur darstellt, leidet ganz besonders unter dem Niedergang und Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.
    Aus dieser Sackgasse mit den Mitteln der Kunst einen Ausweg zu finden, ist nicht möglich. Die ganze Kultur befindet sich in einer Krise, von der ökonomischen Basis bis zu den höchsten ideologischen Schichten. Die Kunst kann weder der Krise entkommen noch sich von ihr lossagen. Sie kann nicht nur sich selbst retten. Sie wird zwangsläufig verfallen – wie die griechische Kunst unter den Ruinen der Sklavenhalterkultur verfiel –, falls die gegenwärtige Gesellschaft sich nicht zu verändern vermag. Dieses Problem hat einen unbedingt revolutionären Charakter. Aus diesem Grund wird die Funktion der Kunst in unserer Epoche durch ihr Verhältnis zur Revolution bestimmt.“

    __________

  • Neues aus Kalau (6)

    War Richard Wagner etwa doch schizophren?

    Wie den Kalauer Illustrierten Tagesblättern (KILT) aus gut informierten Kreisen (dapd/jW) zugetragen wurde, trennt der Dirigent und Wagner-Verehrer Christian Thielemann strikt zwischen der Musik des Komponisten Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, und dem Autor antisemitischer Schriften wie „Das Judenthum in der Musik“. Thielemann geht sogar soweit gegenüber der B.Z. (Samstagausgabe vom 05.01.13) zu behaupten, der Komponist Wagner und der Antisemit Wagner seien zwei verschiedene Menschen. O-Ton Thielemann: „“Die kennen sich überhaupt nicht!““

    Der Generalmusikdirektor der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann hat nämlich soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Mein Leben mit Wagner“ (erschienen bei C.H. Beck). Nun haben wir es also endlich schwarz auf weiß und aus profundem Mund. Wagner war schizophren. Und der zweite Weltkrieg samt Holocaust scheint auch bloß der Irrtum eines musikliebenden Schizos gewesen zu sein, der sich mal eben nur kurz in der Partitur vergriffen hatte.

    „“Richard Wagner hat mich mit mir selbst konfrontiert““ bekennt Thielmann in seinem Buch. Leider hat er dabei vergessen zu erwähnen, welchen von den beiden Menschen Wagner er da genau meint. In diesem leichten Fall von Verwirrung plädieren wir natürlich genau wie Thielemann selbst für Toleranz und hoffen auf baldige Rückbesinnung. In Fällen wie diesen soll sich ja z.B. eine Luftveränderung durchaus gedächtnisfördernd auswirken. Da trifft es sich gut, dass Thielemann nach dem Besteigen des Grünen Hügels immer ein besonderes Ritual pflegt. „“Und ich gehe gern vor der allerersten Probe, wenn das Orchester noch nicht da ist, in den Graben und atme den Geruch dort.““ Und wenn das nicht hilft, bläst ihm demnächst ganz bestimmt Henryk M. Broder in einer seiner berühmt-berüchtigten Kolumnen die Nase wieder frei.

    S. v. K.

    wagner-und-wien_mk.jpg  wagner-und-wien_ok.jpg

    Eine gespaltene Persönlichkeit? Wagner mit und ohne Kopfbedeckung in einer Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek Wien – Fotos: St. B.

    __________

  • Frohe Weihnachten!

    Eine Jahresendbitte

    Das Jahr neigt langsam sich dem Ende.
    Die Zeit hat es dahin gerafft.
    Rückblickend an der Jahreswende
    Gestehst du: Wieder nichts geschafft.

    Gar schnell gefasst sind neue Ziele,
    Die alten hängt man hinten an.
    Auf Halde liegen da schon viele,
    Und bald denkst du nicht mehr daran.

    Verschüttet unter all den Trümmern,
    Des Turms aus guten Vorsätzen gebaut,
    liegst schließlich du und hörst dich leise wimmern:
    Oh Christkind, bitte, Schaff mir eine virtuelle Cloud!

     

    leipzig_alter-johannesfriedhof_dez-2012.jpg
    Grabmal auf dem Alten Johannesfriedhof hinter dem Leipziger Grassimuseum.

    Text und Foto: St. B.


    Video von SunDogs110 auf YouTube

    _________

  • Hunde-Elend – Maxim Gorkis „Sommergäste“ streunen an der Berliner Schaubühne scheinbar ziel- und seelenlos durch eine Inszenierung von Alvis Hermanis.

     ___

    „Es ist zu erwarten, dass in nächster Zukunft irgendein beherzter ehrlicher Mann das traurige Buch „Die Zerstörung der Persönlichkeit“ schreiben und uns in diesem Buch den unaufhaltsamen Prozeß der geistigen Verarmung des Menschen, die unvermeidliche Einengung des „Ichs“ deutlich vor Augen führen wird.“ Maxim Gorki (1868 – 1936), aus dem Aufsatz „Notizen über das Kleinbürgertum“, veröffentlicht 1905 in der Zeitschrift „Nowaja shisnj“ (Das Neue Leben); entnommen dem Programmbuch „Sommergäste“ nach Gorki, eine Inszenierung der Schaubühne am Halleschen Ufer, Premiere am 22.12.1974, Textfassung: Peter Stein und Botho Strauß, Regie: Peter Stein

    Gorki Portrait, 1916maxim-gorki_2.jpg
    Holzstich von Jelisaweta Kruglikowa aus dem Kupferstichkabinett Berlin

    „Die Verkümmerung der Seele“ überschrieb Maxim Gorki diesen Abschnitt seines Aufsatzes über die Abrechnung mit dem seiner Meinung nach psychologisch kranken Kleinbürgertum. Diesen „Aristokraten des Geistes“, denen das Proletariat kein Almosen seiner Aufmerksamkeit schenken will, wofür es die Kleinbürger aufrichtig hassen. Weiter heißt es bei Gorki dazu: „ Geistig verarmt, verwirrt im Dunkel von Widersprüchen, immer lächerlich und kläglich in ihren Versuchen, ein behagliches Eckchen zu finden und sich darin zu verbergen, fährt die Persönlichkeit ständig fort, sich zu zersplittern, und wird psychisch immer unbedeutender. Sie spürt das und jagt, von Verzweiflung gepackt, …, von einem Winkel in den anderen, sucht Rettung, versenkt sich in Metaphysik, stürzt sich in Ausschweifungen, sucht Gott, ist bereit an den Teufel zu glauben – (…) Die Grundstimmung des moderne Individualisten ist eine ruhelose Sehnsucht; er hat den Kopf verloren, spannt alle seine Kräfte an um sich irgendwie ans Leben zu klammern, und hat keine Kraft – (…) Der Individualist beginnt hysterisch das zu negieren und zu verbrennen, was er gestern noch angebetet hat und auf dem Höhepunkt seiner Negation gerät er unausbleiblich in jenen psychischen Zustand, der an Rowdytum grenzt …“

    Das liest sich schon wie eine ziemlich genaue Regieanweisung zur Umsetzung von Gorkis „Datschniki“, die er 1904 als Szenen einer verfallenden Gesellschaft von Egoisten, sich selbst und andere hassenden und in Langeweile erstickenden Kleinbürgern und Intelligenzlern angelegt hatte. Peter Stein hat das seinerzeit mit einem hochkarätig besetzten, in sich homogenen Schauspielensemble eher wie einen traditionellen Tschechow inszeniert. Eine Verfilmung aus dem Jahre 1975 bezeugt dies und lässt die hochgelobte Bühnenfassung noch erahnen. Der junge Maxim Gorki war in seiner frühen Schaffensphase auch sehr von Anton Tschechows Dramen beeinflusst. Und er versuchte seinem Vorbild auch möglichst nahe zu sein. In mehreren Briefen beschrieb Gorki seine Eindrücke beim Besuchen von Tschechow-Aufführungen und teilte dem Bewunderten auch die Reaktionen auf die Inszenierungen seiner eigenen Stück mit. Gorki suchte in der Korrespondenz mit Tschechow auch Anregung und Bestätigung für sein Werk. Im großformatigen Programmbuch der legendären Schaubühneninszenierung von 1974 sind einige dieser Briefe abgedruckt. Auch das Programmheft der jüngsten Inszenierung von Alvis Hermanis an der Schaubühne am Lehniner Platz greift auf Auszüge dieser Korrespondenz zurück. Allerdings ist die Herangehensweise des sehr genau beobachtenden und die ausgewählten Stücke bis in Kleinste analysierenden Letten doch etwas weniger subtil und mehr an der von Gorki zitierten negativen Analyse über das vor sich hin rottende Kleinbürgertum angelegt.

    schaubuhne_sommergaste_dez-2012.jpg Foto: St. B.

    „Nach manchem Gespräch mit einem Menschen hat man das Verlangen, einen Hund zu streicheln, einem Affen zuzunicken und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen.“ Maxim Gorki (1868 – 1936)

    Dem Manne kann geholfen werden, hat sich Alvis Hermanis wohl gedacht, als er beschloss seinen menschlichen Karikaturen aus Gorkis eher herbstlich ersterbenden Sommerfrische einen lebendigen Hund zum Streicheln bei zu stellen. Dieser knuffige Golden Retriever bekommt dann auch an diesem Abend an der Berliner Schaubühne so manche Streicheleinheit, die den meisten auf der Bühne versammelten, abgerissen Gestalten jedoch versagt bleibt. Und so zieht der Hund unermüdlich seine Runden durch das Bühnenbild von Kristine Jurjäne, Hermanis’ detailversessenen Ausstatterin, sucht Leckerlie, knabbert hörbar an etwas herum, schlabbert Wasser und lässt ansonsten die Runde der Leidenden, die meist wie begossene Pudel im Bühnenbild herumhängen, wenn sie nicht gerade träge aneinander klammern oder übereinander herfallen, weitestgehend außer acht. Er beschnuppert höchstens einmal einen besonders penetrant lamentierenden Verschmähten, bekommt prompt einen Klaps und rettet sich zu ein paar angestrengt in einer räudigen Badewanne grillenden Picknickern. Die Wurst hatte es ihm sichtlich angetan. Wirklich angetan kann der Zuschauer dann allerdings nicht gerade von dem ansonsten doch recht bizarren Treiben auf der Bühne sein.

    Das Interessanteste ist noch das Bühnenbild. Kristine Jurjäne hat die Ruine der verlassenen Moskauer Fabergé-Villa nachgebildet. Abblätternde Farbe und zersprungene Glasscheiben kennzeichnen den Verfall. Die Natur holt sich sichtbar ihr altes Terrain zurück. Es wuchert und grünt aus dem Vorgarten herein. Schutt, einige Bücherhaufen, alte Stühle, etliche Liegegelegenheiten und eine verkeimte Badewanne stehen herum. Im Halbdunkel räkelt sich die Hausherrin Warwara Michailowa (Ursina Lardi) in feuchten Träumen auf einer Art ranzigem Diwan und ihr Mann Sergej Bassow (Ingo Hülsmann) versucht sich ungeschickt an ein paar aus einem Sicherungskasten hängenden Kabeln aufzuknüpfen. Die Kabel reißen natürlich. Es zischt und blitzt, und plötzlich ist die Bühne hell erleuchtet. Wie durch den Stromstoß elektrisiert versucht Bassow nun seiner gelangweilten, desinteressierten Frau in gymnastischen Verrenkungen näher zu kommen. Was ihm aber letztendlich doch misslingt. Schuld an den überspannten Stimmungen seiner Frau sind nicht die defekten Stromkabel, sondern die zahlreichen, ihr Bettgelage umgebenden Bücher. Auf Bassow wirken diese nur narkotisierend, und die modernen Schriftsteller hält er für nervlich zerrüttete Menschen. Für sein Schwätzchen muss er sich jedenfalls einen anderen suchen. Er findet ihn im bodenständigen Ingenieur Suslow (Urs Jucker), mit dem er gerne bei einem Glas Wein Schach spielt, während sich Warja die hysterischen Klagen der gestressten Mutter und Frau des Arztes Dudakow (Cathlen Gawlich und Robert Beyer) anhören muss.

    Foto: St. B. schaubuhne_sommergaste_buhne_dez-2012.jpg
    Maxim Gorkis „Sommergäste“ an der Schaubühne am Lehniner Platz. Bühne von Kristine Jurjäne.

    So bevölkern nun nach und nach alle weiteren Sommerfrischler die Bühne, leiden mal allein, mal miteinander und labern aneinander vorbei. Man versucht sich näher zu kommen und lagert sich doch immer nur wieder in den Ecken ab oder brütet bis zum nächsten Auftritt im Obergeschoss still vor sich hin. Es scheint so, als wären hier alle nur, wie der Räterevolutionär Eugen Leviné 1919 vor dem Münchner Gericht sagte, Tote auf Urlaub. Der 1886 in St. Petersburg geborene jüdische Kommunist Leviné hatte bereits an der gescheiterten russischen Revolution von 1905 teilgenommen. Im Gegensatz zum russischen Kleinbürgertum und der Intelligenzija, der Gorki auch die Schuld an der Niederlage gab, setzte Leviné aber sein Leben entschlossen für Veränderungen ein. Hier geschieht nichts mehr, ist nie etwas geschehen. Die Sommergäste haben nie wirklich gelebt. Ihre Sehnsüchte nach Leben und Glück sind reine Attitüden der Langeweile. Und diese Stimmung fängt Hermanis bis zur Pause auch haargenau ein. Diesmal sind es nicht nur das detailgenaue, naturalistische Bühnenbild oder die originalgetreuen Kostüme, wie im Wiener „Paltonov“, Hermanis hat den Figuren Gorkis genauestens in die Seele geschaut. Und sein Befund ist niederschmetternd. Da gibt es nichts zu sehen. Die Schauspieler stellen hohle, tönerne Gefäße dar, die, einmal angeschlagen, aber nicht zu klingen vermögen. Man verkeilt sich, wie das ewig streitende Ärztepaar, mit vorgehaltenen Stühlen in einander, nur zu einem statisch entleerten Geschlechtsakt fähig, oder sucht Aufregung und Befriedigung wie Julia (Luise Wolfram), die junge Frau Suslows, in einer enthemmten, schnellen Affäre mit dem sabbernden Schwachkopf Samyslow. David Ruland muss ihn als spastisch Behinderten mit dicker Hornbrille spielen, was nur eines von vielen Fragezeichen in Hermanis’ Inszenierung bleibt.

    „Mit zwanzig Jahren ist der Mensch ein Pfau, mit dreißig ein Löwe, mit vierzig ein Kamel, mit fünfzig eine Schlange, mit sechzig ein Hund, mit siebzig ein Affe, mit achtzig – nichts.“  Baltasar Gracián y Morales, aus „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“

    Nach der Pause gibt es noch eine sexuell aufgeladene Szene auf Warwara Michailownas Diwan. Alle Frauen umkreisen sich, zärtlich ertastend und führen eine geradezu schwärmerische Choreografie auf, während sie von den Männern beobachtet werden, die schließlich mit lauten Balzgeräuschen wie Pfauen die Szene stören. Eine Anspielung auf Bassows Bitte an seinen Freund den Schriftsteller Schalimow (Thomas Bading) für Warja den Pfau zu spielen. Sie hat in ihrer Jugend für den Dichter geschwärmt und ist immer noch von ihm beeindruckt. Muss aber bald erkennen, dass dessen Brillanz mit Jahren nachgelassen hat und Schalimow lieber seine Ruhe haben will. Er heuchelt gelegentlich Interesse und ist ansonsten von der Welt und seinen Lesern, die er nicht mehr versteht, angewidert. Dem anderen Schwärmer und selbsterklärten Schöngeist Rjumin (Niels Borman), weist Warja ihrerseits die kalte Schulter. Borman, im abgerissen Frack, muss seine Liebesanträge in einer Art peinlichem Slapstick vorführen und gibt so seine Figur schließlich vollends der Lächerlichkeit preis.

    schaubuhne_maxim-gorki_sommergaste_programm2.jpg Reproduktion eines Fotos aus dem Moskauer Gorki-Haus: Die Schauspielerin Marja Fjodorowna Andrejewa sitzt – in Begleitung von Maxim Gorki – dem Maler Ilja Jefimowitsch Repin Modell. – entnommen dem Programmbuch Sommergäste nach Gorki der Schaubühne am Hallesches Ufer (Dez. 1974)

    Überhaupt zeigen schon die Kostümierungen den inneren abgewrackten Seelenzustand an. Eva Meckbach als verhinderte Dichterin Kaleria, kommt düster, somnambul im schwarzen Kleid, mit tiefem Kajal und Schleier daher und Marja Lwowa, die bei Gorki noch die eigentlich große Anklagereden schwingen darf, steckt bei Judith Engel im gouvernantenhaften Kleid und ist mit einer Grauhaarperücke ausgestattet. Zur Abwehr ihres jungendlichen Verehrers Wlas (Sebastian Schwarz) führt sie zum Beweis ihres Alters sogar ihr ergrautes Schamhaar vor. Der Bruder von Warja, den Gorki eigentlich als zynischen Komiker angelegt hatte, wirkt bei Sebastian Schwarz eher wie ein tapsiger, melancholischer Teddybär. Selbst die Jugendlichen, Marjas Tochter Sonja (Jenny König) und der Student Simin (Moritz Gottwald), die Stein damals einfach weggelassen hatte, dürfen hier nur kurz aufmucken, und werden dann schnell von der Lethargie um sie herum angesteckt. Schließlich ist man dann vollends auf den Hund gekommen und brät Würstchen in der Badewanne. Die Inszenierung driftet damit in der zweiten Hälfte immer mehr in die groteske Klamotte ab. Das Ganze kulminiert schließlich in angestrengter, kollektiver Heiterkeit beim absurden Selbstmordversuch von Rjumin, der sich mit Wlas’ nicht losgehenden Pistole fast wie aus versehen in die Brust schießt. Ein recht sinn- und blutlosen Unterfangen, wie die ganze zweite Hälfte der Inszenierung. Man denkt unweigerlich an die Düsseldorfer Inszenierung des ebenfalls tschechow-erprobten Jürgen Gosch, die 2004 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Die für ihre Leistungen mehrfach ausgezeichneten Schauspieler Constanze Becker als Warwara Michailowa und Devid Striesow als Wlas zeigten wunderbar die Verzweifelung und angestaute Wut ihrer Figur über das unabänderliche Hängen in der Zeit.

    Bei Hermanis hängen alle die ganze Zeit etwas träge auf der Bühne herum, sind wie schicksalhaft aneinander gekettet und stellen somit eine andauernde Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen dar, wie sie nach Ernst Bloch dem Kleinbürger zu eigen ist, der jegliche Modernität ablehnend in seinem eigenen Universum verharrt. Der „verschlungene Kontrapunkt“ der historischen Stimmen wird so zum Ruf der Protagonisten aus dem Jenseits. Als ewiger Anachronismus streift der reiche Onkel des Ingenieurs Samislow, der ehemalige Industrielle Doppelpunkt (Ernst Stötzner), mit einem Einkaufswagen durch die Szenerie, in dem er sein Geld in Plastiktüten aufbewahrt. Ein alter Mann ohne Ideale und inneren Antrieb. Ein gesellschaftlich Verwahrloster ohne Plan, der sein Geld verschenkt, da er nichts anderes mehr damit anzufangen weiß. Nutzen bringt das hier aber niemandem, da nicht wirklich klar ist wohin man eigentlich damit ausbrechen könnte. Der Blick nach draußen ist den um sich selbst Kreisenden verstellt. Alvis Hermanis hat ihnen jeglichen Glauben an eine zukünftige Gesellschaft weginszeniert. Mit dem Wissen des Scheiterns von Gorkis Utopie traut Hermanis diesen Wiedergängern des vorrevolutionären Russlands scheinbar nicht mehr über den Weg und glaubt wohl auch selbst nicht an ihre utopische Kraft. Dass Warja schließlich ihre herumliegenden Plünnen zusammenrafft, in einen schäbigen Einkaufstrolley packt und durch die einzige offene Tür mit den Worten: „Ich will leben!“ entschwindet, scheint hier auch nur eine weitere flüchtige Laune. Und obwohl ihr einige sehnsüchtig hinterher starren, verspürt hier keiner den Drang ihr zu folgen. „Nein, kein Mensch wird sterben.“ sagt da nur Dudakow, wie abwesend. Bei Peter Stein stellt Schalimow am Ende fest: „Das ist alles bedeutungslos – die Menschen und was mit ihnen geschieht, das bedeutet alles nichts…“ Und vielleicht dreht ja Warja auch nur eine Runde über den weihnachtlichen Kudamm und ist zur nächsten Vorstellung von ihrer kurzen Shoppingtour wieder zurück.

    ***

    Die nächsten Termine an der Berliner Schaubühne:

    • 25.12.2012, 19.30 Uhr
    • 08.01.2013, 19.30 Uhr
    • 09.01.2013, 19.30 Uhr
    • 20.02.2013, 19.30 Uhr
    • 21.02.2013, 19.30 Uhr
    • 22.02.2013, 19.30 Uhr
    • 23.02.2013, 19.30 Uhr

    Foto: St. B. schaubuhne-kudamm-lichter.JPG

    _________