Autor: Stefan

  • Zweimal Tschechow am Thalia Theater Hamburg – Luc Perceval inszeniert den „Kirschgarten“ für Barbara Nüsse als entschleunigten Todesreigen und Jan Bosse lässt Jens Harzer als „Platonow“ in schönster, tragigkomischer Ironie scheitern.

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    „Das Tragische und das Komische, das Katastrophische und das Mitfühlende sollten zusammengehen. … doch wo Shakespeare auf das Tragische beschränkt bleibt, liegt Tschechows Genie darin zu sagen, dass wir gegen jegliche Form des Bösen nichts tun können als ausharren, weitermachen, weiterkämpfen, weiterlieben, weiterlachen.“ Cornel West (geb. 1953 in Tulsa, Oklahoma, USA), Professor für afroamerikanische Studien in Princton und Religionsphilosophie in New York, in einem Interview mit dem Philosophie-Magazin (Nr. 6 / 2012)

    Eine Aufführung von Anton Tschechows posthum veröffentlichtem namenlosem Erstling, der außer „Die Vaterlosen“ meist eher nach seinem Titelhelden „Platonow“ benannt wird, benötigt bei seiner kompletten Spielzeit von fast 8 Stunden und etlichen Nebenfiguren vor allem einen Schauspieler, der die Figur des Frauenhelden wider Willens die nötige Präsens verleiht, oder man hat anderweitig triftige Gründe für die Aufführung dieses überbordenden Stücks. Ansonsten dürfte sich der Regisseur schnell dem Vorwurf der vorsätzlichen Langeweile ausgesetzt sehen. Alvis Hermanis musste sich bei seiner knapp fünfstündigen detailgetreuen Kostüm- und Bühnenbildversion zumindest derlei anhören. Das er allerdings das Geschehen zeitlich sehr stark verdichtete und ganz bewusst auch auf seinen Titelhelden abstimmte, den er kongenial mit Martin Wuttke besetzen konnte, war letztendlich der Grund für den Erfolg dieser außergewöhnlichen Inszenierung. Ähnlich starke Inszenierungen sind selten, erwähnenswert aus der jüngsten Vergangenheit vielleicht nur noch Luk Percevals Version mit Thomas Bading an der Schaubühne Berlin oder Karin Henkels Inszenierung mit Felix Goeser als Platonow am Staatsschauspiel Stuttgart. 2006 wurde diese Inszenierung zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen, und Felix Goeser erhielt für seine kraftvolle Darstellung des Platonows den Alfred-Kerr-Preis, übrigens, wie der Zufall so will, vorgeschlagen von Martin Wuttke. Thomas Bading ging als zaudernder Antiheld leer aus und Luk Perceval ging 2010 von Berlin ans Thalia Theater nach Hamburg.

    Jan Bosse inszeniert Anton Tschechows Erstling „Platonow“ mit Jens Harzer in der Hauptrolle.

    Foto: St. B. platonow_thalia-theater-hamburg_okt-2012.jpg

    Hamburg hat nun geradezu eine Tradition für ungewöhnliche Tschechow-Inszenierungen. So stellte Andreas Kriegenburg in „Onkel Wanja“ lauter melancholische Clowns auf die Bühne und Christiane Pohle verbannte die „Drei Schwestern“ auf einen Dachboden. Nun schickt sich der Meister der gesättigten Ironie Jan Bosse an, Tschechows „Platonow“ in einem russischen Trailerpark spielen zu lassen. Das ist dann aber auch schon der einzigste Verweis auf die Geldnöte der stetig klammen Wohnwageninsassen, die an der Nadel des Emporkömmlings und Geldverleihers Bugrow hängen, ihn dafür abgrundtief verachten und ansonsten so weitermachen wie eh und je. Tschechow hat die Story in seinem letzten Stück „Der Kirschgarten“ dementsprechend verdichtet. Alle Figuren seines Schaffens sind im Grunde genommen im „Platonow“ bereits skizziert, wenn nicht sogar schon detailliert ausformuliert. Der Platonow ist somit durchaus als Rough Version des Kirschgartens zu bezeichnen. Ein rauer, leicht verschliffener Rohdiamant sozusagen. Ein Rätsel bleibt dabei, und das lässt natürlich nach wie vor Raum für Interpretationen, die Hauptfigur des zynisch an sich und der Welt verzweifelnden Schwadroneurs und Frauenschwarms Platonow.

    Für diese Rolle hat nun Jan Bosse mit Jens Harzer eigentlich die Idealbesetzung gefunden. Harzer schafft spielend die Bandbreite zwischen Arroganz, beißendem Spott, Zynismus und großer Verzweifelung. Der Intellektuelle Platonow zeichnet sich einerseits durch einen notwendigen, zynischen Witz aus, den er sich zugelegt hat, um sich so das Weiterleben zu ermöglichen und anderseits schafft er es dabei dennoch von außen kritisch auf sich selbst zu blicken, um sich einzugestehen, sein Talent verschwendet zu haben. Harzer vermag seiner Figur diese ironische Ambivalenz zu verleihen. Das macht ihn auch für die Frauen des Stücks so interessant, weil er ohne offensiv zu werben, sich allein schon durch seinen provokanten Geist von den anderen langweiligen Schwätzern abhebt. Das sie es hier mit einem selbstzerstörerischen Nihilisten zu tun haben, wollen oder können die Protagonistinnen, die sich mit ihm einlassen, in ihrem Drang aus der eigenen Lebenskrise zu entrinnen, nicht erkennen. Platonow ist nicht in der Lage, ihre Gefühle adäquat zu erwidern, schwankt weiter unentschlossen, wie in seinem bisherigen Leben, zwischen den Frauen hin und her, bis er schließlich in Suff und Selbstmitleid versinkt. Und wie Harzer das hier zelebriert ist schon ansehenswert. Im ersten Teil, wenn alle Beteiligten noch gegen die Hitze und Langeweile ihres Daseins ankämpfen, oder einfach auf das Essen warten und sich mit Sprüchen und Sticheleien die Zeit vertreiben, schafft es Harzers Platonow nur durch einige lakonische Handbewegungen, und beiläufige Worte die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und das Interesse seiner Jugendliebe Sofja (Patrycia Ziolkowska) wieder zu erregen. Die junge völlig ironiefreie Marja Grekowa (Marie Löcker) ist ihm ein leichtes, willkommen Opfer für seine Unterhaltung. Der liebessehnsüchtigen Generalswitwe Wojnizewa (Victoria Trauttmansdorff) versucht er sich so charmant wie möglich zu entziehen. Harzer trumpft dabei nie übertrieben auf. Derber Witz, feine Ironie und schlaksige Melancholie halten sich bei ihm stets die Waage.

    Natürlich kann Bosse seinen Drang nach Komik auch bei den anderen Figuren nicht ganz unterdrücken, und so schaut er ihnen ebenfalls mit viel Ironie beim Umkreisen Platonows zu, als dem eigentlichen Zentrum dieser herrlich tragikkomischem Inszenierung. Bruno Cathomas lässt den alten Glagoljew erst von alten Zeiten schwärmen, bevor er sich in Verzweiflung der Generalin vor die Füße wirft. Ein jämmerliche Gestalt, die sich vom schmierigen Kaufmann Bugrow (Matthias Leja) nur noch durch die alberne Aufrechterhaltung grotesk vornehmer Umgangsformen unterscheidet. Die Glagoljew dann aber schnell fahren lässt, als er von der Liebe der Generalin zu Platonow erfährt, und mit seinem Sohn (Sven Schelker) zum Sündigen nach Paris aufbricht. Ein spießiger Weichling und Muttersöhnchen ist der Stiefsohn der Generalin Sergej (Sebastian Zimmler). Paroli kann Platonow nur noch sein dauerbetrunkener, nicht minder an Zynismus leidender Schwager und Landarzt Nikolaj Triletzkij (Jörg Pohl) bieten. Und was in Alvis Hermanis „Platonov“ Martin Wuttke vorbehalten blieb, darf hier Jürgen Pohl abliefern, einen herrlich akrobatischer Trunkenheitsslapstick. Einen geschickten Kontrapunkt zur dekadent umhertobenden Menge setzt Bosse aber mit der Figur des Pferdediebs Ossip (Rafael Stachowiak), der von außen die Szenerie genau beobachtet und deren moralische Verkommenheit erkennt. Stachowiak ist dabei fast die ganze Zeit auf der Bühne anwesend und umschleicht eifersüchtig den Wohnwagen. Einerseits umweht den ganz in schwarz gekleideten Außenseiter ähnlich wie Platonow eine interessante, dunkle Aura, anderseits vermag er nicht in die vornehmen Kreise seiner geliebten Generalin aufzusteigen und nimmt sich nach seinem missglückten Mordversuch an Platonow das Leben.

    platonow_thalia-theater-hamburg1_okt-2012.jpg Foto: St. B.
    Verloren und ausgebrannt in einem Meer aus Asche. Erst piefiger Wohntrailer dann Platonow’sche Behausung. (Bühne: Stéphane Laimé)

    Diese kleine spießige Gesellschaft aus lauter Gestrigen, Vergessenen und Ausgebrannten haben Jan Bosse und sein Bühnenbildner Stéphane Laimé ganz bewusst in einen kleinen Wohnwagen mit Hirschgeweihen, Blümchentapeten und Orgelmusik gesperrt, verlorenen in der Weite der Bühne. Hier glucken sie aufeinander und machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Man belauert sich förmlich. Bosse reduziert so alle auf ihre zwischenmenschlichen Schwächen. Emotionale Ausbrüche, melancholische Sehnsuchtsmonologe, gelangweilter Smalltalk, alles findet auf engstem Raum statt. Ein Mikrokosmos der verzweifelten Lächerlichkeit. Die Figuren versuchen sich immer wieder in die Komik oder melancholische Ironie zu retten. Niemand fürchtet sich dabei vor dem Abrutschen ins Peinliche. Es werden russische Klagelieder angestimmt oder man setzt sich lustige Hüte auf und tanzt dazu. Nach der Pause wird der Wohnwagen gedreht und stellt jetzt die Behausung und Trinkhöhle von Platonow dar, wo dieser vor sich hin philosophiert und am liebsten nur noch seine Ruhe haben will. Statt dessen sieht er sich aber unaufhörlich und machtlos dem ausgesetzt, was er unter den liebeshungrigen Damen angerichtet hat. Das wird zum großen Solo für Jens Harzer, der nun seinen Platonow langsam aber zielsicher in die Katastrophe treibt. Seine treue Sascha, bei der er immer den Kopf in den Schoss legen konnte, ist nun auch weg. Letzter Halt ist der derangierte Wohn-Trailer, den irgendwann Bukrow einfach abtransportieren lässt. Er hat das Gut der Generalin ersteigert und räumt auf. Übrig bleibt der handlungsunfähige Platonow, der sich für keine der möglichen Auswege entscheiden kann, umringt von den Frauen. Das Ende ist bekannt.

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    Tschechows Kirschgarten gibt es auch in Berlin. Zum Beispiel am BE und DT.

    Foto: St. B. deutsches-theater-2012.jpg

    Am Ende seines Lebens hat Anton Tschechow, wie schon erwähnt, dann doch noch einmal Bezug zu seinem Erstling „Platonow“ genommen. Und momentan ist sein letztes Werk das Stück der Stunde zur Finanzkrise. Dreimal hatten wir nun schon den „Kirschgarten“ von Anton Tschechow in der letzten Spielzeit an den Berliner Theatern gesehen. Rückschauend resignativ war die Inszenierung des kürzlich verstorbenen Thomas Langhoff im Oktober 2011 am Berliner Ensemble. Laut und kraftvoll entluden sich dagegen aufgestaute Emotionen beim Regie-Team Lensing/Hein im Dezember in den sophiensaelen. Stephan Kimmig kitzelte im März am Deutschen Theater Berlin noch einmal die Komödie aus Tschechows letztem Stück. Und da es auch das sogenannte Stück der Stunde ist, in der das alte Europa kriselt, ist es auch als eine Komödie der Wirtschaft brauchbar. So steht es zumindest im Programmheft. Das Unvermögen der Kirschgartenbesitzer mit Geld umzugehen und dabei wissend in den Untergang zu rennen, wirkt heute auf uns grotesk und genauso lässt es Regisseur Kimmig auch angehen. Da man bei Tschechow bekanntermaßen nicht immer genau weiß, ob man nun lachen oder weinen soll, da alles immer irgendwie an der Grenze zum emotional Überspannten steht, läßt uns Kimmig bei seiner Inszenierung diesmal nicht im Unklaren. Immer wenn etwas ins melancholisch Gefühlige zu kippen droht, retten sich seine Figuren schnell in den Klamauk. Felix Goeser tobt als lustig, poltriger Lopachin über die Bühne. Nina Hoss gibt ihre Ranjewskaja als melancholisch Kühle mit leichtem Hang zu theatralischen Gefühlsausbrüchen und Christoph Franken ist ein ganz der tapsig, plumpe Märchenerzähler Gajew. Alles muss irgendwie immer etwas deutlicher sein als bei Tschechow. Sogar an die oft genannten Geldsummen werden immer noch ein bis zwei Nullen mehr angehängt. Ein durchaus kurzweiliger aber wenig nachdenklicher Abend, der schließlich in einigen merkwürdigen Tableaus erstarrt.

    „DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO! ERINNERN HEISST: VERGESSEN! (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)“ Christoph Schlingensiefs letzter Eintrag auf seinem Schlingenblog (07.08.2010) – Zitat aus dem Programmheft zum „Kirschgarten“ am Thalia Theater

    „Der Kirschgarten“ in der Regie von Luc Perceval am Thalia Theater Hamburg.

    Die Nähe zur Finanzkrise scheint Luc Perceval nun an Tschechows Stücken nicht wirklich zu interessieren. Genau so wenig wie ihn am „Platonow“, den er 2006 an der Berliner Schaubühne inszenierte, die Hauptfigur Platonow interessiert hatte. Trotzdem war damals in seinen Schauspielern auf weiter Bühne weitaus mehr Leben, als er ihnen derzeit einräumen will. So ist denn auch seine Fassung des „Kirschgartens“ am Thalia Theater in Hamburg, die ebenfalls im März Premiere hatte, sehr viel schlanker ausgefallen. Luc Perceval hat es hier tatsächlich geschafft, Tschechow auf schlappe 100 Minuten einzudampfen. Schon der vierte „Kirschgarten“ in Folge und man kann doch noch überrascht werden. Allerdings nicht immer im positiven Sinne. Man muss das Stück hier schon sehr gut kennen, um es überhaupt in diesen fragmentarischen Fetzen wiederentdecken zu können, die uns Perceval hinwirft. Er sollte zumindest seine eigenen Stückübersetzungen machen. Wie schon im „Macbeth“ bleibt eh nicht viel von Thomas Braschs Text übrig. Man dämmert also so vor sich hin und alles ist auch schön anzuschauen, mit den vielen Lampen und Lämpchen, die Katrin Brack dort über die Bühne gehängt hat, allein ein Licht will irgendwie nirgends aufgehen. An Tschechow würde ich hier nicht einmal im Traum denken. Das ist einfach kein Theater, nicht mal Tanztheater, obwohl man da auch schon viel Stuhlstand bzw. Stillgang gesehen hat. Perceval redet ja viel von Buddhismus und Leid, aber hier übertreibt er es etwas mit der fernöstlichen Gelassenheit. Leiden muss aber nur der Zuschauer, dem es im Zeitlupentempo die Schuhe auszieht und sich ganz langsam schmerzvoll die Fußnägel hochrollen. Und warum muss Tilo Werner als dauertelefonierender Lopachin immer Ungarisch sprechen, weil er mal in Budapest Theater gespielt hat? Biodiesel statt Datschen! Aber es ist eigentlich auch egal, was er mit dem Kirschgarten anstellt, interessiert hier eh keinen mehr.

    thalia-theater-hamburg_kirschgarten.jpg Foto: St. B.

    Die Zeit steht nicht nur still, sie läuft rückwärts. Der Firs von Alexander Simon zählt die quälenden Minuten und wirkt wie ein Eintänzer beim Rentnerball. Er ist aber eigentlich eher ein Todesengel, der seine Herrin in sanftem Französisch zu sich hinüberzieht, während sich das Personal in irgendeinem südöstlichen Balkandialekt unterhält und nur widerwillig zum Tanzen zu den Orgelklängen von Lutz Krajewski animieren lässt. Dass die bei Tschechow immer alle aneinander vorbeireden und sich wiederholen ist bekannt, aber sie haben wenigstens noch ganze Sätze und keine Banalitäten zu sagen. Perceval wollte die inneren Monologe der Protagonisten an die Oberfläche bringen, hat dabei aber ihre große Verzweiflung und Ambivalenzen einfach weggestrichen, wie auch die Figuren der Charlotta und des Pischtschik. Ein paar Textbrocken verteilt Perceval einfach auf die Figuren der Dunjascha (Oana Solomon) und des Jepichodow (Rafael Stachowiak). Desorientiert und Verloren wirken hier alle und um Geld geht es auch nicht mehr. Diener Jascha (Matthias Leja) ist ein eitles Schoßhündchen in Pumps, das sich unter dem Stuhl seiner Herrin verkriecht. Sebastian Rudolph als Student Trofimow darf sich ein- zweimal aufregen, was etwas ungewollt prollig wirkt und wird dann von Anja zum Tanzen abgeführt und wieder ruhig gestellt. Die Frauenrollen sind ansonsten jedoch größtenteils zu vernachlässigen. Warja (Oda Thormeyer), Anja (Cathérine Seifert) und Dunjascha sind Totalausfälle. Die Jugend als nichtssagende Nullnummern.

    Alles ist auf die alternde Diva Ranjewskaja (Barbara Nüsse) und ihre Erinnerungsschleifen ausgerichtet. Wo sie und ihr Bruder Gajew am DT in Berlin etwas zu jung besetzt sind, stehen sie hier kurz vorm Rollator. Gajew (Wolf-Dietrich Sprenger) kommt von seinem Stuhl schon gar nicht mehr hoch und lallt nur die immer gleichen Textbrocken. Zu einer Versteigerung braucht der nicht mehr zu gehen und konstatiert auch am Ende, dass er gar nicht weg war, nur eben weggetreten. Eine geriatrische Sitzung am Theater, das ist einfach nur plemm plemm und mit Sicherheit keine neue Lesart. Perceval hat schon einmal 2001 Tschechows „Kirschgarten“ am Schauspiel Hannover inszeniert. Laut, schwatzhaft und unsentimental versammelte er eine unverbesserliche Partygesellschaft um einen Billardtisch (Bühne ebenfalls Katrin Brack). Der Kirschgarten ein Birkenstrunk, mehr nicht. Hier macht Perceval nun die Rolle rückwärts. Er kommt auch weiterhin ohne Kirschgarten aus, fährt dazu aber auch noch das Personal emotional runter und nivelliert die Charaktere glatt. Das Recht seine Meinung zu ändern hat ein jeder, und auch aufs Nichtstun, auf die totale Entschleunigung seines Lebens. Aber bitte nicht unbedingt am Theater, da wirkt es meist tödlich. Und so hängt Perceval Tschechows Figuren ganze Mühlsteinladungen künstlicher Melancholie an den Hals. Daran müssen sie zwangsläufig niedersinken und mit ihnen das gesamte Stück. Aber ist auch schon egal, Hauptsache schön langsam und mit Stil. Im Mai gab es eine weitere Fassung von Tschechows „Kirschgarten“ am Residenztheater München. Der spanische Skandalregisseur Calixto Bieito, der sich eigentlich bisher um die Neuinterpretation klassischer Opernstoffe bemühte, hatte mit seiner knalligen Version auch kein allzu großes Glück. Der Reigen der Kirschgarteninszenierungen geht aber auch in dieser Spielzeit weiter. Nun ist Tschechow endlich auch in der Provinz angekommen. Am Anhaltischen Theater Dessau gab es schon am 06.10.12 die erste Premiere. Das Staatstheater Cottbus wird im März 2013 folgen.

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    Die nächsten Termine im Thalia Theater Hamburg:

    Platonow:

    • Do. 15.11.2012, 19:00 – 23:00 Uhr
    • So. 09.12.2012, 19:00 – 23:00 Uhr
    • Mi. 02.01.2013, 19:30 – 23:30 Uhr
    • Mo. 07.01.2013, 19:30 – 23:30 Uhr

    Der Kirschgarten:

    • So. 11.11.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
    • Sa. 08.12.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
    • Mi. 19.12.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
    • Di. 22.01.2013, 20:00 – 21:40 Uhr

    Der Kirschgarten in Berlin:

    Termine am Deutschen Theater:

    • 13.10.2012, 20.00 – 22.30 Uhr
    • 20.10.2012, 20.30 – 23.00 Uhr
    • 21.10.2012, 20.00 – 22.30 Uhr
    • 03.11.2012, 20.00 – 22.20 Uhr
    • 25.11.2012, 20.30 – 22.50 Uhr

    Termine am Berliner Ensemble:

    • So. 21.10.2012 um 19:00 Uhr
    • Mi. 31.10.2012 um 20:00 Uhr
    • Dauer: 2 h 10 Minuten (ohne Pause)

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  • Es singt die Plattitüde, es swingt die Ironie – Berliner Schaubühne und Maxim Gorki Theater versuchen Ibsens „“Volksfeind““ zu radikalisieren und Kuttner/Kühnel verschlagern die „“Demokratie““ von Michael Frayn am DT.

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    „“Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpaßt; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, deutsch von Walter E. Richartz, Zürich 2004

    Es ist nun bereits fünf Jahre her, dass 2007 das politische Essay „Der kommende Aufstand“ der Autorengruppe „Das unsichtbare Komitee“ in Frankreich erschien. Seit 2010 ist es in deutscher Übersetzung erhältlich und im Internet verfügbar. Zur gleichen Zeit trat auch der ehemalige deutsch-französische Résistance-Kämpfer und Buchenwald-Überlebende Stéphane Hessel (geb. 1917 in Berlin) mit seinem vierzehnseitigen Widerstandsaufruf: „Empört Euch!“ an die Öffentlichkeit. Beide Pamphlete sind seither vielzitierte Werke der europäischen Protest-Kultur gegen Globalisierung, Finanzkapitalismus und Demokratiemüdigkeit. Ist Hessels Schrift dabei vorwiegend ein Aufruf für die Einmischung der breiten Masse in das politische Geschehen, ausgehend von den Erfahrungen des Kampfes gegen den Faschismus, werden im „Kommenden Aufstand“ zwar einerseits noch die starren, bestehenden Verhältnisse kritisiert aber andererseits auch eine klare Abgrenzung zu den herrschenden Machtverhältnissen propagiert. Das geht bis zur Beschreibung einer Art Guerilla-Kampfes aus dem Verborgenen heraus zur Unterhöhlung des bestehenden Systems. Nun greifen die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater Berlin in ihren Inszenierungen von Ibsens „Ein Volksfeind“ teilweise auf die Empörungs-Rhetorik nach französischem Vorbild zurück. Und insbesondere die Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne befasst sich nun konkret mit dem Essay „Der kommende Aufstand“.

    „“Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag‘ ich! Das ist auch so eine von den gesellschaftlichen Lügen, gegen die ein freier, denkender Mann sich empören muß.“ Dr. Stockmann in Henrik Ibsens „Ein Volksfeind

    schaubuhne-sept-2012.jpg Foto: St. B.

    Thomas Ostermeier probt an der Schaubühne mit Ibsens „Volksfeind den Kommenden Aufstand.

    Ausgehend von der Sichtweise, dass es sich die bestehende bürgerliche Bildungs- und Künstlerelite in ihren Verhältnissen bequem eingerichtet hat und auch einen entsprechenden Lebensstil pflegt, siedelt Ostermeier Ibsens Story um den Badearzt Stockmann im hippen Berlin-Mitte-Milieu an. Man wohnt gemeinsam in einer Art lockeren Künstler-WG. Einerseits wird die Unangepasstheit einer probenden Popband am Küchentisch zelebriert, andererseits strebt man bereits nach ersten Besitzständen, die noch als Projekte an den Bühnenwänden (Jan Pappelbaum/Katharina Ziemke) aufgemalt sind, oder hat eben wie Stockmann (Stefan Stern) ein angehendes Familienprojekt mit Frau (Eva Meckbach), Kind und angeschlossenem festen Job in der Badeverwaltung der Stadt am laufen. Dort entdeckt nun der engagierte Badearzt, dass der neue Reichtum der Gemeinde auf einer Lüge beruht und das Wasser des neuen Bäderbetriebs von den ortsansässigen Handwerksbetrieben verseucht wird. Verbündete für die Aufdeckung der Missstände findet Stockmann kurzeitig im Redakteur des Volksboten Hovstadt (Christoph Gawenda) und seinem jungen Angestellten Billing (Moritz Gottwald), sowie dem Verleger und Vorsitzenden der kleinen Hausbesitzer Aslaksen (David Ruland). Diese kippen aber der Reihe nach um, als ihnen der Stadtvogt und Bruder von Stockmann (Ingo Hülsmann) eröffnet, dass die Stadt nicht genug Geld für die Sanierung hat und daher die Steuern erhöhen muss.

    Was nun folgt, ist eine Spaltung in die Mehrheiten heischende Realpolitik und eine auf einsamem Posten stehende Radikalopposition. Soweit lässt sich das Stück Ibsens natürlich auch auf heutige Verhältnisse anwenden. Das Problem dabei ist aber, die in der schnell einberufenen Bürgerversammlung folgenden Verbalausbrüche Stockmanns nicht nur gegen „die grenzenlose Dummheit der Behörden“, sondern auch gegen „die verfluchte, kompakte, liberale Majorität“, die er als „die gefährlichsten Feinde der Wahrheit und der Freiheit“ ausgemacht hat, aktuellpolitisch zu untermauern. Und hier mischt nun Ostermeier in die Rede des wütenden Badarztes Satzfetzen aus dem „Kommenden Aufstand“, die sich mit genau dieser Problematik einer „Zivilisation in klinisch totem Zustand“ auseinandersetzt, die „an massenhaft lebenserhaltende Apparate angeschlossen (…) einen charakteristischen Gestank verbreitet.“ Der gleiche vergifteten Sumpf also, den Stockmann auch gerne trockenlegen würde, mit all seinen Lügen und moralischem Skorbut. Stefan Stern geht hier dann auch entsprechend vehement zu Werke und wird dafür von seinen Gegnern, die sich alle im Zuschauerraum positioniert haben, als Antidemokrat und Faschist denunziert, inklusive der Erklärung zum „Volksfeind“. Die Schauspieler versuchen dabei im Publikum noch so etwas wie eine Diskussion anzufachen, sorgen aber mit ihrer platten Rhetorik eher für das Gegenteil. Bis auf die Bildung eines runden Tisches fällt da auch niemandem etwas Passendes ein.

    Schließlich fliegen Farbbeutel auf die Bühne, anstatt der Steine, die bei Ibsen das Haus Stockmanns verwüsten. Der Held liegt schließlich eingesaut in der Pampe. Das Gleiche könnte man nun sozusagen auch von Ostermeiers Inszenierung behaupten. Das Ensemble kann eigentlich sogar noch froh sein, dass sich aus dem Publikum kaum jemand ernsthaft zu Wort gemeldet hat, so unvorbereitet wie es sich da zeigte. Mit auswendig gelernten Floskeln kommt heute auch kein Politiker mehr ernsthaft durch den Wahlkampf. Da provozieren sich die Parteien, und man glaubt sich tatsächlich im Bundestag, wo es ja auch meist eher wie in einem Provinzparlament zugeht. Während die große Politik in den Hinterzimmern gemacht wird, schlagen sich vorn die Hinterbänkler. Dem eben noch so fluffigen Hipster Stern hängt dabei der intellektuelle Badearzt Stockmann dermaßen hinderlich am Bein, dass man ihm weder einen ernsthaften Wissenschaftler und schon gar nicht den wütenden Anarcho abnimmt. Es ist aber eben auch zu schön, sich immer wieder aus dem Textberg des „Unsichtbaren Komitees“ die passenden Brocken hauen zu können. Jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung damit findet hier nicht statt. Das will Ostermeier wohl auch gar nicht und begnügt sich mit der reinen Provokation.

    So macht die Inszenierung mit ein paar globalen Schlagworten ordentlich provinziellen Wind, und derjenige, der eigentlich die Fäden zieht, ist ein alter Grantler (Thomas Bading als Morten Kiil) mit Hund, der wie der lästige Nachbar auf Gassi immer ganz ungelegen vorbeikommt, und dabei ganz unscheinbar am Ende ein paar Aktien fallen lässt. Kiil, der eigentliche Wasserverschmutzer und Schwiegervater von Stockmann, erpresst das Paar zum Schluss mit einem Aktienpaket des Bades, dass er angesichts des Imageschadens mit dem Erbe seiner Tochter billig aufgekauft hat. Die beiden sitzen nun in den Trümmern ihrer Existenz vor dieser großen Versuchung, mit einer Dementierung alles wieder einzurenken und sogar noch finanziell daran zu profitieren. Hier blendet Ostermeier dann kurzerhand ab. Das ist natürlich noch einmal eine scharfe Wendung und noch besser als das Riesen-Gummibärchen von Lukas Langhoffs Spaßinszenierung aus Bonn, die uns bereits beim Theatertreffen belustigte. Das Ganze wirkt aber letztendlich doch etwas billig und wohlfeil. Man weiß, dass es Ostermeier nicht ernst ist mit dem Aufstand. Und eine wirkliche Ambivalenz verströmt hier leider auch keiner, alles nur platte Chargen. Ein finsterer Provinzfürst, ein wachsweicher Mittelständler und ein paar lauwarme Möchtegern-Aufklärer als embedded Journalists. Lauter Politclowns, und einer aus der Hipster-Generation probt den individuellen Aufstand gegen das Etablissement, ein Widerspruch in sich. Man könnte sich totlachen, wenn es nicht so ernst wäre.

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    „“Und ich sehe nicht ein, warum man das, was man Jahrhunderte lang getan hat und als falsch erkannt hat, weiter tun sollte, nämlich so tun, als ob man nichts tun könnte, und ich werde mich niemals damit abfinden, dass man nichts tut. (Ich hab den Richtern gesagt,) ‚ich weiß, warum sie sagen, man kann nichts tun, weil sie nichts tun können wollen, aber ich will etwas getan haben dagegen‘. (…) Wir haben gelernt, dass Reden ohne Handeln Unrecht ist.“ Gudrun Ensslin am 14. Oktober 1968 beim Kaufhaus-Prozess in Frankfurt/M.

    maxim-gorki-theater_oktober-2012.jpg Foto: St. B.

    Jorind Dröse ironisiert Ibsens „Volksfeind am Maxim Gorki Theater.

    Lustig geht es auch im Maxim Gorki Theater zu. Jorinde Dröse hat ein großes Sofa auf die Bühne stellen lassen, auf dem sich hier die Familien-WG austoben darf. Das ist eine nicht ganz unironische Reminiszens auf Ostermeiers Schaubühne, nur dass hier eben nicht einfach nur ein Designermöbel steht, sondern eine große Spielwiese, die auch mal kippen oder beklettert werden kann. Der Clou am Gorki ist aber nicht das Sofa, sondern die Besetzung der Hauptrolle. Hier tritt jetzt nämlich Frau Stockmann als Badeärztin gegen den Sumpf aus männlich dominierter Politik und selbstgerechtem Opportunismus an. Als wenn Ibsen sie nur zufällig unter seinen großen Frauenfiguren vergessen hätte, stellt Jorinde Dröse diese Katharina Stockmann, bei Ibsen noch eher blasse häusliche Stütze ihres hehre Ideen wälzenden Mannes, ganz selbstverständlich in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Sabine Waibel dominiert dann auch die kleine häusliche Welt der Stockmanns, die noch im Aufbau begriffen ist und wo man immer mal wieder über den Teppich stolpert, den Hausmann Thomas (Cornelius Schwalm) noch nicht verlegt hat, da er lieber für die Familie asiatisch kocht, Kinder antiautoritär erzieht oder für seine Frau nach der sehnsüchtig erwarteten Post forschen muss. Jorinde Dröse entwirft hier durchaus auch mit einem ironischen Seitenblick auf ihre „Nora“ aus dem letzten Jahr und die bestehenden Geschlechterverhältnisse, ein ganz modernes Frauenbild. Übrigens auch eine Domäne von Ostermeiers Schaubühne. Man denke an seine Nora und Hedda Gabler. Wo Eva Meckbach als Katharina Stockmann bei Thomas Ostermeier aber noch an ihrer Selbstverwirklichung zwischen Familie und Job als Lehrerin arbeiten muss, verkörpert Sabine Waibel bereits das angestrebte Ideal der Frau in Führungsposition mit allen Vor- und Nachteilen. Mann möge seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

    Was nun aber folgt ist das übliche Frauen-Gezicke gegen das Gehabe und Gebalze der Frauenhelden und politischen Möchtegernplatzhirsche, die bei Jorinde Dröse noch weiter als schon bei Ostermeier ins Klischee und nicht nur vom Sofa abrutschen. Die lässigen Redakteure Hovstad (Albrecht Abraham Schuch) und Billing (Matti Krause mit Bart und pfiffigem Hütchen) dürfen hier richtig aufdrehen und die Möbel umstellen, was ihnen dann auch gleich als bloße Pose vom um stetige Mäßigung bemühten Buchdrucker Aslaksen (ganz trocken Gunnar Teuber) vorgehalten wird. Es wird auf dem Sofa gelümmelt, gealbert und den Schlipsträgern Aslaksen und Stadtvogt Peter Stockmann (Ronald Kukulies) übel mitgespielt. Letzterer fühlt sich da sichtlich deplaziert und kämpft vergeblich um seinen Platz unter den Hippstern. Kukulies revanchiert sich dafür dann mit einer abgeschmackten 0815-Politikerhymne auf den kleinen Wohlstand. Auch die Stockmanntochter Petra (Julischka Eichel) bekommt hier wieder eine Rolle und ist ganz wie schon bei Lukas Langhoff die junge idealistische Studentin, die eine neue Schule gründen will, dabei aber auf den Falschen setzt und den schmierigen Avancen des Redakteurs Hovstad erliegt. Wenn er nicht gerade von der Bühne gescheucht wird, untermalt dazu meist auf Kommando Philipp Haagen als Kapitän Horster, hier ein leicht verhuschter Rastafari, das Geschehen mit den passenden Popmelodien. Die Renaissance der Barock-Oper auf dem Theater greift dabei weiter um sich, wenn sich der windige Redakteur Hovstad zu den Klängen der Frostszene aus „King Arthur“ den verschwitzten Pullover vom Leib zittert. Vor Kurzem hatte erst René Pollesch Purcells Stotterarie in seinem „Don Juan“ an der Volksbühne zu neuen Ehren verholfen.

    Das Gorki-Ensemble gibt mal wieder dem Komödiantenaffen Zucker. Etwas was man bei Jorinde Dröse bisher nur am Rande in kleinen Ausbrüchen kannte, wie zum Beispiel der von Peter Kurth als Thorvald Helmer in „Nora“, durchzieht hier die gesamte Inszenierung. Daraus ergeben sich immer wieder schöne Einzel-Skizzes, aber kaum ein abendfüllendes Politdrama. Was bei Thomas Ostermeier zu plakativ und zeigefingrig daherkommt, erledigt Jorinde Dröse mit schenkelklopfender Ironie. Ein Morten Kiil, Andreas Leupold nicht minder schlurchig im Parker, spielt hier schon kaum noch eine Rolle. Und wenn sich dann irgendwann durch den erst wonnig blauen Himmelhintergrund eine überdimensionale Kloakeröhre schiebt, sind wir auch schon fast am Höhepunkt des Abends. Bevor auch mal die schönste Ironie ein Ende hat, wird schnell noch Frau Dr. Stockmanns Wutschrift im zweckentfremdeten Kühlschrank versenkt, und mit ihm auch der „Kommende Aufstand“, den Tochter Petra eigentlich für Hovstad übersetzen sollte, vorerst auf Eis gelegt. Vorerst wohlgemerkt, denn noch während sich das vergnügte Pausenpublikum bei Bier und Wein verlustiert, wird es schon zum mehr oder minder freiwilligen Bestandteil einer kommenden Bürgerversammlung.

    „“Wir können die Herrschenden und ihre Handlanger nicht dazu zwingen, die Wahrheit zu akzeptieren; aber wir können sie dazu zwingen, immer unverschämter zu lügen.“ Gudrun Ensslin, Zitat entnommen aus Gerd Koenen: „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2003

    Ab jetzt tobt das Ensemble durch das Foyer und steigt zum Vortrag auf den Tresen. Eine Idee, die Jan Bosse auch schon für seinen Kleist-Schwank vom „Zerbrochenen Krug“ verwendet hat. Statt Dichters Wort gibt es jetzt aber ähnlich dem Schaubühnenabend Fremdtext satt. Frau Dr. Stockmanns Empörungsansprache gegen die Dummheit der Masse und Lügen der männlich dominierten Politik speist sich aus Briefen der Pastorentochter und RAF-Terroristen Gudrun EnsslinZieht den Trennungsstrich, jede Minute, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2005). Sie prangert hier vor allem die Denkfaulheit und Verdummung des Volkes an und plädiert für ein kritisches Nachdenken. Und damit ist sie nicht allzu weit weg von den Thesen Stéphane Hessels. Wohin das führen kann und wie weit sich die RAF sich mit ihren Zielen tatsächlich vom Volk entfernte, ist allerdings auch bekannt. Hier wird nun die Inszenierung ambivalent. Wieder auf der Bühne angelang, ist Katharina Stockmann dann auch verstummt. Während sich alle anderen durch den vernebelten Raum laut einredend um sie drehen, setzt Sabine Waibel schließlich zum endgültigen Countdown an. Jorinde Dröse bleibt damit einer Revolte gegenüber eher unentschieden. Wo Hessel eigentlich von einem neuen dialektischen Denken spricht, sind beide Berliner Inszenierungen doch eher weiter im kleinbürgerlichen Denken verhaftet, und berichten somit nicht ganz unbewusst auch vom Zustand der intellektuellen Mittelschicht in Deutschland. Es sind eben immer noch die einfachen Wahrheiten, die einzuleuchten scheinen und so unserem denkfaulen Wesen entgegenkommen. Wenigstens das kann man aus Jorinde Dröses Inszenierung ohne Weiteres bedenkenlos mit nach Hause nehmen.

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    „“Dass die Regierung das Volk vertrete, ist eine Fiktion, eine Lüge.“ Leo Tolstoi, Tagebücher, 1898

    dt_sept-2012_macht-gewalt-demokratie.jpg Foto: St. B.

    Eine Frage der Macht? Michael Frayns Stück „Demokratie“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner.

    Nicht mehr denken muss man beim neusten Streich des Regieduos Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, das die beiden Extremdialektiker der Ironie diesmal auf die große Bühne des Deutschen Theaters gehievt haben. Sie haben nach der Untersuchung von linken und rechten Ideologien mit Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ nach Ayn Rands „Fountain Head“ nun den Angriff auf die Demokratie schlechthin gewagt. Es ist eigentlich folgerichtig, dass sie nun mit Michael Frayns Stück „Demokratie“ über den ersten Sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt und den Kanzleramtsspion Günter Guillaume die beiden gegensätzlichen Systeme Sozialismus und Kapitalismus zusammen führen. Der Kanzler der Herzen, der in den 70er Jahren der BRD mehr Demokratie wagen will, stürzt ausgerechnet über einen Spion, den die Stasi auf ihn angesetzt hat, um das Zustandekommen der Ostannährung zu überwachen. Ein durchaus tragischer Stoff, der natürlich nicht ganz der Ironie des Schicksals entbehrt. Der zunächst systemtreue Stasioffizier Guillaume erliegt mehr und mehr dem Charisma der Brandt’schen Aura und steht plötzlich zwischen Parteiauftrag und persönlichem Empfinden. Nebenbei gibt das Stück einen guten Einblick in die zwiespältige Beschaffenheit des politischen Systems der parlamentarischen Demokratie samt Intrigen und Mehrheitsbeschaffungsschacherei.

    Eigentlich ein klarer Fall für die Ambivalenzexperten Kuttner/Kühnel und eine Chance zur Bestandsaufnahme der bestehenden politischen Verhältnisse. Was sie letztendlich daraus machen, ist aber eine netter, ungefährlicher Revueabend, eine Maxiplaybackshow der großen Gesten und Eitelkeiten. Man muss darauf nicht näher eingehen, wer will kann sich das Politkabarett über den ersten Medienkanzler und Kuttners Überlegungen zum Verlust der Leidenschaft in der Politik, die er mit ironischen Seitenhieben von Sebastian Haffner über die blutleeren Politbürokraten der Endsechziger in Bonn untermauert, selbst ansehen. Es leben Churchill, Bismarck und Adenauer! Geht es tatsächlich noch preußisch bürokratischer?  Brandt dagegen besaß das Potenzial zu echtem Kult und hatte es geschafft einer Epoche des gesellschaftlichen Umbruchs der gesamtdeutschen und europäischen Politik seinen Stempel aufzudrücken. Ein Mann zwischen Idealen und menschlichen Schwächen. Das war es nicht zu Letzt, was den Politbürokraten in Ost und West den Schweiß auf die Stirn und den Schaum vor den Mund trieb. Kuttner und Kühnel versuchen diese Stimmung allerdings einzig und allein mit Pop und Schlager von Hildegard Kneef über Udo Jürgens bis zu „The lion sleeps tonight“ von The Tokens einzufangen. Und das bestens aufgelegte DT-Ensemble tanzt dazu den Limbo. Natürlich kommen auch der Osten mit Liedern des Oktoberclubs und Popklassikern der 80er Jahre nicht zu kurz.

    Es fehlt eigentlich nur noch: „“Du hast die Haare schön“ und eine Begründung, warum Kuttner ein derartiges TamTam veranstaltet, zu einer Story, die heute nicht einmal mehr für eine Guido-Knopp-Doku reichen würde. Kommen nächstes Jahr dann die Westerwelle und das Merkel dran, oder gibt es nicht noch irgendwo ungespielte Stücke über Kohl und Schröder? Dass Demokratie auch Showgeschäft bedeutet, und Merkel sich lieber öfter in Bayreuth zeigen würde, als im Bundestag zu reden, ist eh klar. Das, was Frayns Stück eigentlich ausmacht, dass Demokratie eben auch Drecksarbeit ist, bei der in Hinterzimmern gekungelt wird, was das Zeug hält, geht hier in Sing-Sang-Seliger Ironie unter. Lauter lächerliche Typen und natürlich die bräsige Stasi immer mittenmang. Hauptsache das Toupet sitzt. Kuttner und Kühnel finden zu jeder Episode den passenden Song. „Ich beobachte dich.“ Das hätte sich Tino Eisbrenner (Jessica) sicher nicht träumen lassen, dass er noch mal zu solchen Ehren kommen würde. Die Tragik der Geschichte sehen Kuttner und Kühnel nicht, wollen sie gar nicht sehen. Den Sündenfall der Politik. Einer mit Visionen steigt auf und holt die Massen endlich da ab, wo sie Dank Bild und Burda schon immer standen. Dass dieser Mann seine Fallhöhe zu schnell erreicht, liegt nicht an einem Vatermord – Guillaume bleibt immer auch ein Kind der DDR – sondern daran, dass Brandt, im Grunde genommen immer außen vor, nicht im Stande ist, die nötigen Seilschaften zu knüpfen und über seine Neider, Opportunisten und nicht zuletzt auch die eigene Eitelkeit stolpert. Mit dieser folgenlosen Revue scheinen Kuttner und Kühnel leider endgültig als Verwalter der guten Stadttheatergemütlichkeit im allgemeinen Mainstream angekommen zu sein. Da sehe ich mir dann doch lieber Herrn Wichmann in der dritten Reihe an. Nee, Kuttner, det war nüscht!

    „“Wenn einmal der Untertan den Gehorsam verweigert und der Beamte sein Amt niedergelegt hat, dann hat die Revolution ihr Ziel erreicht.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“

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    Termine:

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  • Die Molière-Trilogie der Berliner Volksbühne ist vollendet. Ein lustvolles Memento mori als Komödie über Leben, Liebe und Tod. Im Zentrum steht der Ausnahmekünstler Martin Wuttke.

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    Martin Wuttke ist „Der eingebildete Kranke“ in Eigen-Regie, „Der Geizige“ unter Frank Castorf und der notorische Sex Maniac „Don Juan“ in der Diskursschleife von René Pollesch

    Unsere ganz großen Themen sind ja eigentlich weg. Das behauptet zumindest der Diskurs-Dramatiker René Pollesch in einem seiner letzten Stücke an den Münchner Kammerspielen. Da passt es ganz gut, dass der große französische Dramatiker, Schauspieler und Theaterdirektor in Persona Jean Baptiste Molière die großen Themen des Lebens immer fest im Blick hatte, als er sich anschickte, mit seinen Stücken die bürgerliche Komödie in den Adelsstand der Tragödie oder umgekehrt zu hieven. Materielle Dinge wie Geiz, Neid, und Wollust stehen bei ihm genauso im Mittelpunkt, wie die immaterielle Gier nach Leben, die Angst vor Vergänglichkeit und Tod sowie die fast unstillbare Sehnsucht nach Liebe. Molière machte sich mit den Mitteln des Spotts und der Satire über die menschlichen Unzulänglichkeiten des Adels ebenso wie über die des Bürgertums lustig. „zum totlachen!“ allerdings, wie die vollmundige Verheißung auf dem rot-weißen Markisenstoff, der wohl aus dem „Kaufmann von Berlin“ übrig geblieben ist (Bühne Bert Neumann), war das Ganze an der Volksbühne dann doch nicht. Man stirbt halt immer noch am Leben selbst, und das alle Tage wie Marcel Proust festgestellt hat. Allein der Tod ist gewiss, seine Stunde ungewiss. Nun kann man das bedauern, und diese Trilogie als großes Theater um Leben und Sterben sehen. Man kann sich aber auch einfach darüber amüsieren. Dafür legt sich dann auch Martin Wuttke, der Springteufel des deutschen Schauspiels und Initiator dieses Projekts, von der ersten Minute an ins Zeug, als wäre es das Letzte und morgen gäbe es die Volksbühne nicht mehr.

    „Man stirbt nur einmal – und für so lange!“ Jean Baptiste Molière (1622 -1673)

    dresden_ostrale-2012_2.jpg Foto: St. B.
    Video-Installation von Milena Jovicevic & Dusica Ivetic (Montenegro) auf der Ostrale´012 in Dresden.

    Und so hat er auch den ersten Abend als „Der eingebildete Kranke“ fast im Alleingang bestritten. Ist Regisseur und Hauptdarsteller, fast wie einst Molière selbst, der tatsächlich lungenkrank während einer Aufführung jenes Kranken zusammenbrach und wenig später verstarb. So ernst war es bei Wuttke noch nicht, auch wenn er auf dem Weg zur zweiten Premiere eine Woche später kurz vor der Volksbühne abdrehte und sich wegen Erschöpfung ins Krankenhaus einliefern ließ. Martin Wuttke ist wie Molière ein Narziss und Theaterverrückter durch und durch, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Und so schwebt dann auch ganz passend ein gemahnendes Memento mori, der Tod als Skelett mit Sense und Sanduhr, über dem hölzernen Bühnenportal, das uns auch in den folgenden Teilen der Trilogie begleiten soll. Martin Wuttke legt alles in die Figur des Argan, so dass es fast scheint, er verschmelze mit diesem hypochondrisch, ganz auf seinen Körper fixierten „Malade imaginaire“, der sich genüsslich Einläufe verpassen lässt und seinen liebsten Zeitvertreib im Deklamieren der Arztrechungen sieht. Wuttke zelebriert das hier minutenlang in aller Ausführlichkeit auf Französisch und strapaziert damit von Beginn an nicht nur die Nerven der anwesenden Familie sondern auch die Lachmuskeln des Publikums. Er hustet, röchelt, grimassiert und nörgelt bis sich seine Stimme in den höchsten Tönen überschlägt. Neben dieser Expressivität haben die anderen Darsteller logischer Weise kaum die Möglichkeit sich selbst zu exponieren. Am besten gelingt das noch Margarita Breitkreiz als Dienerin Toinette, Lilith Stangenberg als Tochter Angélique und Maximilian Brauer als vom Vater ausgesuchter Verlobter und Studiosus der Medizin Thomas Diafoirus. Stangenberg und Brauer sind Neuzugänge aus Zürich und Leipzig, die sich fast nahtlos ins Volksbühnenpersonal einfügen.

    Die nötige philosophische Schwere bekommt die Komödie durch eingesprengselte Fremdtexte von Antonin Artaud, die von der düster vor sich hin sinnierenden Toinette vorgetragen werden. Ansonsten wird Klamotte gespielt das es kracht. Im Künstlerwettstreit begegnen sich Cléante (Abdoul Kader Traore), der heimliche Lover Angéliques, und Diafoirus mit einigen gekonnten Slapstickeinlagen und Brigitte Cuvelier als Gattin Argans turtelt mit dem schmierigen Advokaten De Bonnefoy (Jean Chaize). Hendrik Arnst gibt den abgeklärten Bruder Béralde oder lässt als Szenenausrufer den Vorhang hoch und runter gehen. Die Kostümierung (Nina von Mechow) tut ihr Übriges, um die Überdrehtheit der Farce auch optisch zu unterstreichen. Perücken, Rüschenhemden, Flitter und angeklebte Bärte, Wuttke lässt nichts aus, um seinen herrischen Kranken und die übrige Bagage der Lächerlichkeit preis zu geben. Dazu wird hin und wieder wie beim Hausherrn Castorf die Videokamera bemüht und die Türen schlagen munter auf und zu. Wenn sich dann nach gut 2 Stunden wie bei Molière doch noch alles zum guten Ende fügt, ist der Komik leider unterwegs etwas die Puste ausgegangen. Und so war man dann auch schon auf den 2. Streich von Frank Castorf himself gespannt, der mit einwöchiger Verspätung wegen des plötzlichen Ausstiegs des Hauptdarstellers dann auch endlich stattfinden konnte.

    volksbuhne_zum-totlachen3.jpg Foto: St. B.

    „Schlagen Sie mich lieber, aber lassen Sie mich lachen.“ Jean Baptiste Molière

    Diesmal hat der Nachwuchs die erste halbe Stunde zu bestreiten, ehe der genesene Kranke nun als „Der Geizige“ die Bühne wieder betritt. Lilith Stangenberg, Franz Beil und Maximilian Brauer geben die kurzgehaltenen Harpagon-Kinder Elise und Cleante sowie den streberhaften Sekretär und Elise-Geliebten Valère. Sie brauchen das Geld des Alten, um sich ihre Flitterwelt leisten zu können. Verhinderte Möchtegern-Künstler, Glamrocker und Arschkriecher, die das Poporubbeln auf Papas Sessel als den größten Protest feiern, und wenn der plötzlich auftaucht, ihre Duftnote am liebsten wieder verbergen möchten. Sie leben längst schon auf Pump und haben es daher auf die Geldkassette abgesehen, die der Geizige sicher verwahrt glaubt. Mit dem Geld, das die Erben so dringend benötigen, hat Papa allerdings schon andere Pläne, die sich erstaunlicherweise nur wenig von ihren eigenen unterscheiden. Die Spaß- und Lustbremse Harpagon will nämlich selbst auf Freiersfüßen stehen. Dazu bedarf es aber noch einiger Vorbereitungen und Vermittlungen, deren er sich bei einer Kupplerin (Kathrin Angerer) versichern will, die ihm die junge Geliebte seines eigenen Sohnes Mariane (Irina Kastrinidis) zuführen soll. Bei einem eher sparsamen Festmahl, ausgerichtet von seinen vorlauten Koch Maître Jacques (Sophie Rois), will er die Familie über diese Veränderungen in Kenntnis setzen. Allein die Kassette ist alsbald verschwunden.

    Bis dahin wird hier sogar noch ziemlich original Molière gegeben. Die alte Volksbühnencrew hält sich dabei zu Gunsten der Jungen dezent zurück. Nur Martin Wuttke, der wieder ganz der Alte ist, gibt seinem Komödianten-Affen Zucker und Castorf lässt ihn machen. Der scheint gedanklich eh schon längst in Bayreuth und setzt hier ganz auf bewehrte Volksbühneneffekte. Frank Castorf zieht Bilanz, wie schon in der „Marquise von O.“ zitiert er aus seinem mittlerweile zwanzigjährigen Schaffen an der Volksbühne. Nach der Pause geht die Leinwand runter und die Alten spulen ihr Können routiniert ab. Und es ist nicht ganz ohne Selbstironie, wenn die drei Fernsehkommissare Angerer, Rois und Wuttke nach der Spusi rufen, haben sie doch längst ihr zweites Standbein im TV gefunden. Und hinter der Bühne schlägt schließlich noch Marat mit der Mariane in der Badewanne den Bogen von Molière zur Französische Revolution und zitiert dabei de Sade. Wuttke hat das bereits in der bekannten Peter-Weiss-Inszenierung am BE getan und spart auch nicht mit weiteren Selbstzitaten a la Arturo Ui.

    Da ist die Zeit aber wie so oft bei Frank Castorf schon weit fortgeschritten, als endlich Volker Spengler als Anselme, Vater von Marianne und Valère, ein Einsehen hat und die fällige Zeche übernimmt. Während über den Kindern ein väterlicher Rettungsschirm aufgespannt wird, bleibt Harpagon weiter auf seiner Geldkassette sitzen. Die Frage bleibt, ob sich in den Figuren Molières die ganzen Ausmaße des Schritts von der reinen Entsagung über die Akkumulation bis zum ungezügelten Konsum tatsächlich nachvollziehen lassen. Die Geiz-ist-geil-Mentalität gilt heute ja bekannter Maßen nur noch für jene Mittelschicht, der gerade noch an der Schaffung des Mehrwerts Beteiligten, die die eigentliche Zeche für das Zocken und den Konsum der Oberschicht mit Entsagung bezahlen müssen. Der immer größer werdende Rest hat damit schon nichts mehr zu tun und schaut zu bei der Inszenierung der Krisen-Komödie.

    „Leben ohne Liebe, das ist nicht wirklich leben.“ Jean Baptiste Molière

    volksbuhne_don-juan_sept-2012_1.jpg Foto: St. B.
    „Don Juan“ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    Mehrwert ist auch ein immer wiederkehrendes Thema bei René Pollesch, dem dritten Regisseur im Reigen der Molière-Inszenierer. Erst kürzlich hat er ihn sehr anschaulich von Fabian Hirnrichs anhand von Turnübungen einer Akrobatentruppe erklären lassen. Ein anderes großes Thema bei Pollesch ist die Liebe, die, wie er behauptet, für uns heute keinen Gebrauchswert besitzt. Das ganz große Gefühl ist den meisten Menschen in ihrem Bestreben nach Sicherheit abhanden gekommen. So wie sich hier im Theater keiner totlachen wird, will auch niemand mehr für die Liebe sterben. Man ersetzt das, was man für die große Tragödie der Liebe hält, durch das Vorspielen von Komödie. Und wer wäre besser dazu geeignet, das zu zelebrieren, als Molières „Don Juan“, der notorische Sex Maniac, der sich immer nimmt was er will. Ein Abhängiger seines Triebs, der das Gefühl verspottet. Allein, das scheint Martin Wuttke hier gar nicht zu repräsentieren. Pollesch unterläuft das Klischee des Womanizers Don Juan auf ironische Weise, indem er Wuttke im Glitzeroutfit mit Plateauschuhen und Perücke als eher unattraktives, androgynes Wesen auftreten lässt.

    „Es handelt sich um einen unlösbaren Konflikt: das große Gefühl auf der einen Seite, das lange Leben auf der anderen. In einer Gesellschaft, in der keiner mehr raucht und alle Fahrradhelme tragen, wollen alle so lange wie möglich leben. Der Liebende aber will kein langes Leben, er will das große Gefühl.“ René Pollesch im SZ-Magazin, Heft 17/2012

    Die anderen Beteiligten Franz Beil, Maximilian Brauer und Lilith Stangenberg (alle ohne Rollenzuschreibung) hängen sich zu Beginn an diesen leicht verhuschten Macho und wiederholen immer wieder den Running-Text: „Ich denke die Welt teilt sich in zwei Lager, die, die sich nehmen, was sie wollen, und die, die es nicht tun.“ Also in die Donjuanisten und die Langweiler, die auf  Nummer sicher gehen. Wie bereits im Frühjahr an den Kammerspielen München wird auch hier als Einstiegsgag beim Stichwort „Langweiler“ knuddelnd und knutschend übereinander hergefallen. Wuttke gibt weiter das falsche Klischee eines kettenrauchenden Sexsüchtigen, der sich hinter einer Maske versteckt und zusehends mit seiner abnehmenden Attraktivität hadert. Das gipfelt darin, dass er sich etwas unterbeleuchtet fühlt und plötzlich auch tatsächlich durch das fehlende Scheinwerferlicht nicht mehr sichtbar ist. Genau wie der Wuttke-Don-Juan von Beginn an mit Ausstrahlung und Trieben zu kämpfen hat, so dreht sich auch der obligatorische Pollesch-Diskurs um Liebe, Vergnügen, Vergänglichkeit und Verachtung. Die Problematik „Ich liebe dich“ zu sagen und es auch noch so meinen zu müssen, steht dem reinen Lustprinzip entgegen. Ungezügelte Triebabfuhr gegen den Zwang die Kontrolle zu behalten.

    Und obwohl nicht eine Silbe aus dem Stück gespielt wird, sind wir doch trotzdem ganz nah bei Molière. Pollesch gibt das im bestens Sinne als schwarze Komödie. Vorn werden Triebkonflikte a la Freud diskutiert, hinten spielt ein Skelett-Combo im kahlen Bühnenrest zum Totentanz auf. Pollesch reflektiert auch gleich noch den krankheitsbedingten Ausfall von Martin Wuttke, indem der schließlich über die Tatsache räsoniert, dass er die meiste Empathie erfahren hat, als er gar nicht auf der Bühne stand. „Die größte Wirkung hast du erzielt, als du nicht aufgetreten bist.“ sagt Lilith Stangenberg zu Wuttke und der schrumpft an ihrer Hand förmlich ins Nichts. Was er natürlich nur metaphorisch tut. In Wirklichkeit bleibt er der Star der gesamten Trilogie, die nie besser auf ihn abgestimmt war, als an diesem letzten Abend. Pollesch schließt so wieder geschickt den Kreis vom Don Juan über den Geizigen zurück zum eingebildeten Kranken.

    volksbuhne_don-juan_sept-2012_applaus.jpg Foto: St. B.
    Die Volksbühne ein „Heim für pubertierende Jugendliche“?
    Das Ensemble des „Don Juan“ beim Applaus.

    Es wäre kein richtiger Pollesch-Abend, wenn dabei nicht auch noch hochphilosophische Thesen untersucht würden. Und so schließt dieser dann auch die Utopie der Liebe mit dem Nicht-Ort Theater, in dem Wuttke gleichzeitig da ist und nicht da ist oder auch ein anderer ist, mit den Theorien über die Heterotopien Foucaults kurz. Die Verbindung zwischen der Welt der Utopien und den wirklichen Orten, den Illusions- oder Kompensationsräumen wie Bordellen und Kaufhäusern, sind für Foucault Spiegel. Und so ein Spiegel ist eben auch das Theater, das Realität mit Mitteln der Verstellung spiegelt, verstärkt oder verfälscht und somit Utopien untersuchen und lebendig machen kann. Wuttke wird erst im Spiel, in dem sich Realität und Illusion durchdringen, wie z.B. im „Heim für pubertierende Jugendliche“ hier auf der Bühne, zu jenem multiplen und nicht nur Hetero-Lover Don Juan, den jeder Zuschauer für sich in ihm sehen will. Dieses Spielen mit der Problematik des Repräsentationstheaters ist nicht neu bei Pollesch, und so ist der Diskurs im Gegensatz zum quirligen Geschehen auf der Bühne auf Dauer etwas ermüdend, aber im Großen und Ganzen hält der Abend das Niveau der letzten Pollesch-Produktionen.

    Die nächsten Termine in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz:

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  • Der Larry mit dem Wumms – Das Gorki und das DT hauen zum Spielzeitauftakt in Berlin mächtig auf die Stadttheaterpauke – Teil 2

    Die Tragödie der Politik – Stephan Kimmig inszeniert in „Ödipus Stadt“ die Labdakiden-Saga als eine Trilogie aus Macht, Gewalt und fehlender Demokratie.

    „Das Sprechen oder Singen des Chores, in der antiken Tragödie ebenso kunstvoll wie ohnmächtig gegenüber den Herrschern, manifestiert aber nicht etwa selbst die erfüllte Gemeinschaft, sondern eher ihr Ausbleiben, ihre Unerreichbarkeit oder Undarstellbarkeit als politische Utopie (wie neuerdings in Schleefs Aufführung „Verratenes Volk“ am Deutschen Theater Berlin).“ Patrick Primavesi aus „Schluß mit dem Gottesgericht?“ in „Kunst und Religion im 20. Jahrhundert“, herausgegeben von Richard Faber und Volkhard Krech, Verlag Königshausen & Neumann (Juni 2001)

    Der Theater und Literaturwissenschaftler Patrick Primavesi stellte 2001 in seinem Essay über „Die Theaterarbeit zwischen Ritual, Tragödie und Performance“ das Problem des Chors in seiner entscheidenden Rolle, auch gegen die allgemeine Tendenz, den individuellen Körper als das eigentliche Material des Theaters zu verabsolutieren, heraus. Verweise doch die Aufführung von Chören immer auch auf die Theatersituation als Modell und Versuchsanordnung politischer Prozesse. Das Theater greift von jeher immer wieder gerne auf antike Texte zurück, um gerade die darin angelegten Widersprüche zu suchen. Im Mittelpunkt steht dabei die Kritik an Mythen und religiösen Ritualen durch die „Reflexion der rituellen Elemente aller Theaterkunst“. Primavesi beschreibt die Wirkung des Chors in Inszenierungen antiker Stoffe beginnend bei Max Reinhardt mit seinem „König Ödipus“ von 1910-11, über die Antiken-Projekte der Schaubühne Berlin unter Peter Stein mit der „Orestie“, bis hin zum Regisseur Einar Schleef mit seiner Inszenierung „Mütter“ nach Ayschilos’ „Sieben gegen Theben“ und „Die Bittflehenden“ von Euripides. Das war im Jahr 1986 am Schauspiel Frankfurt. Die Inszenierung ist legendär, gerade was den Einsatz des klagenden Mütterchores betrifft. Schleefs letzte Inszenierung „Verratenes Volk“, 2000 am Deutschen Theater Berlin aufgeführt, beklagte in einem Wechsel von Monologen und chorischen Passagen den Verlust einer Utopie. Ein Exkurs durch die deutsche Geschichte und deren Mythen, der letztendlich auch zum großen Bühnen-Exorzismus wurde. Wenn die Großen der Geschichte abgetreten sind, bleibt zurück ein verratenes Volk. „Dies irae“ skandierte der Chor. „Tage der Rache“, die Totenmesse zum jüngsten Gericht.

    Foto: St. B. dt_macht-gewalt-demokratie_sept-2012.jpg
    Macht, Gewalt, Demokratie – Die Themen dieser Spielzeit am DT.

    „Der Chor der Ältesten geht ab und kehrt nicht wieder.“
    aus „Ödipus Stadt“

    Stephan Kimmig hat nun 12 Jahre, etliche Tragödien und eine „Orestie“ ohne demokratische Geburtsstunde später den Chor aus seiner Theben-Trilogie am Deutschen Theater verbannt. Die Großen der Macht bleiben unter sich, nur ein paar zaghafte Kinderstimmen zu Beginn verraten, dass da mal etwas war, was nicht mehr zurückkehrt. Nachdem das Deutsche Theater mit einer leicht verunglückten Digest-Inszenierung von Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ all zu ironisch den mythologischen Stoffen der Bibel nachgegangen ist, nimmt es nun wieder einmal Anleihen bei der Griechischen Mythologie. Aus den Tragödien „König Ödipus“ und „Antigone“ des Sophokles sowie den „Phönizierinnen“ des Euripides und Aischylos’ „Sieben gegen Theben“ haben Stephan Kimmig und John von Düffel, der Chefdramaturg des DT, ein 2½-stündiges Konzentrat gezogen. Gregor Schneider hat ihnen dazu die alten Verse neu übersetzt. Vor zwei Jahren brauchte Roger Vontobel in Bochum für seine Familienpackung der „Labdakiden“ inklusive Chor noch 1 Stunde mehr. Mit moderner Übersetzung von Peter Krumme, Durs Grünbein und Dietrich Ebener zeigte er Ödipus und die Seinen als einen machtbewussten Polit-Clan. Das passt natürlich auch am DT gut zum neuen Spielzeitmotto „Macht, Gewalt und Demokratie“.

    „Wie hielten die Athener das aus? Macht kann für die, die sie innehaben, so prächtig wie drückend, ein hoher Genuß und eine Quelle von Angst sein. Vor allem wenn es Leben und Tod, wenn es überhaupt große Entscheidungen ins Ungewisse gilt. Man gibt sie ja deswegen nicht auf, im Gegenteil. Aber sie kann zu schaffen machen …“ Christian Meier aus „Die Politische Kunst der griechischen Tragödie“, Verlag C.H. Beck München, 1988

    Die Entstehung der Attischen Demokratie ist unmittelbar mit der Blütezeit der griechischen Tragödie verbunden. Die Bürger Athens hatten um 500 v. Ch. den Adelsrat auf dem Areopag gestürzt und die Herrschaft über das attische Reich an sich gerissen, das infolge der gewonnenen Perserkriege sein größte Ausdehnung erlangt hatte. Laut dem Münchner Historiker Christian Meier war die Politik den Bürgern der demokratischen Polis das wichtigstes Lebenselement. Er stellt sich nun in seinem Buch „Die Politische Kunst der griechischen Tragödie“ die Frage nach dem Ursprung der Tragödie. Sie könnte dem Ausbau und der Verfestigung der „mentalen Infrastruktur“ der Gesellschaft gedient haben. Und so waren die Feiern, zu denen tagelang die Dichter im Wettstreit ihre neuesten Tragödien vor den Bürgern Athens aufführten, auch fester Bestandteil des politischen Lebens der attischen Polis. Ohne den Chor ist die antike Tragödie kaum vorstellbar. Er stellt die Stimme des Volkes dar, deren Gesänge sich aus den überlieferten Riten und Mythologien speisen, als Ausdruck der Stellung des Menschen vor den Göttern, in der Natur und der Gesellschaft.

    akropolis_by_leo_von_klenze.jpg
    Hier tagte der oberste Rat des antiken Athens. Idealisierte Ansicht der Akropolis mit Athena Promachos und dem Areopag (Leo von Klenze, 1846)

    In der klassischen Tragödie steht dem Protagonisten der Chor der Ältesten oder anderer Vertreter der Polis gegenüber. Den Chor zu streichen, hieße dieses Gefüge zu zerstören und ließe den Helden ohne Anbindung und Orientierung zurück. Sein Schwanken zwischen persönlicher Macht und allgemeinem Ethos bliebe ohne Resonanz. Was damals für die Bürger der ersten griechischen Polis galt, die sich, im Angesicht der eigenen Machtausübung und der Gewalt ihrer Kriege, mit den Berichten der antiken Mythologie und den Protagonisten der Tragödien identifizieren konnten, gilt auch noch heute für die Vertreter der modernen bürgerliche Gesellschaft, die man z. B. auch in den einzelnen Figuren der Labdakiden wiedererkennen kann. Ihre Polis, die Stadt Theben, erreichte zwischen 371-362 v. Ch. ebenfalls eine kurze Blütezeit und Hegemonie im antiken Griechenland. Die Thebanische Mythologie ist stark mit dem Geschlecht des Phönizier Kadmos verbunden, der laut Sage die Stadt gründete und dessen Ur-Enkel Laios, Sohn des Labdakos, den Fluch des Pellops auf sich zog, der das gesamte weitere Geschlecht der Labdakiden verfolgen sollte. Schuldlos schuldig sind zumeist die Tragöden in ihr Schicksal verstrickt. Ihre Hybris, sich über den Göttern zu wähnen, stürzt sie schließlich in unauflösliche Konflikte und existenzielle Nöte. Das macht letztendlich auch ihre Tragik aus.

    Der bekannteste Schuldner der griechischen Tragödie ist wohl König Ödipus, der unwissend den Vater erschlug und danach Kinder mit seiner Mutter zeugte. Sich durch die Flucht nach Theben seinem Schicksal entzogen, glaubt er nun, als Bezwinger der Sphinx und Herrscher über die Stadt unangreifbar zu sein. Ihn stellt Stephan Kimmig nun an den Anfang seiner Theben-Trilogie am DT. Auf der ansonsten leeren Bühne schiebt sich vor dem Rundhorizont eine mächtige, multifunktionale Sperrholzwelle (Bühne: Katja Haß) nach oben. Der Schicksalsbezug ist sofort klar, später werden die Protagonisten verzweifelt dagegen anrennen und immer wieder abrutschen. Angesichts des Orakels, das schwere Vorwürfe gegen Ödipus erhobenen hat, wütet der Herrscher, noch im Unklaren über seine eigene Schuld, gegen den ganz pragmatisch argumentierenden Schwager Kreon (Susanne Wolff), den er verräterischer Machenschaften gegen sich verdächtigt. Die Macht in der Krise.

    Ulrich Matthes zeigt einen Herrscher, der nicht wahr haben will, dass sein Ende gekommen ist, dem der Boden unter den Füßen langsam wegsackt und der trotzdem bis zur bitteren Erkenntnis auf seine Legitimation beharrt. Ein nicht unbekanntes Bild eines Politikers, dem nach und nach seine früheren Sünden auf die Füße fallen. Zunächst durch seine Frau Iokaste (Barbara Schnitzler) davor gewarnt, nicht weiter zu bohren, gerät Ödipus schließlich selbst immer tiefer in den Sumpf aus schicksalhaften Verstrickungen. Einer zusätzlichen Kommentierung durch den Chor der Alten bedarf es hier wahrlich nicht. Matthes redet sich allein in den verhörartigen Gesprächen mit den unterwürfigen Boten und dem herrlich launisch knarzenden Sven Lehmann als blinden Seher Teiresias in einen anmaßenden Furor. Bis Ödipus, erst sehend blind, dann blind vom Sehen, letztendlich selbst zu einem vom Leid der Macht gebeugten, in eine plötzliche Ohnmacht fallenden, greinenden Greis zusammenschrumpft. Da hat er aber den Bezug zum Volk und all sein Ansehen längst schon verloren. Kreon nimmt ihm seine Pappkrone ab, die Macht wandert weiter. Das abwesende Volk schweigt.

    Im zweiten Teil wird der blutige Bruderzwist der beiden Ödipussöhne Eteokles (Elias Arens) und Polyneikes (Moritz Grove) beschrieben. Da Ersterer die Macht nicht mehr teilen will und den Bruder als Feind Thebens bezeichnet, will sich dieser mit einem fremden Heer die Macht zurückerobern. Hier herrscht nun ein ganz anderer Tragödenton. Eteokles greift sich eine Trommel und spielt minutenlang für alle hörbar den Einpeitscher. Hier will Kimming die Plakativität von Machtdemonstrationen vorführen und plakatiert doch selbst mit der Überzeichnung der Charaktere ins Chargenhafte. Auch in den Tragödien des Aischylos und Euripides kommt Kreon eine besondere Rolle zu. Der Prophezeiung des Teiresias nach kann Theben nur als Sieger des Bruderzwist hervorgehen, wenn er seinen jüngsten Sohn Menoikeus (Thorsten Hierse) opfert. Trotz aller Loyalität gegen über der Stadt, bringt Kreon das nicht fertig. Sein Sohn jedoch, der Kriegspropaganda erlegen, stürzt sich selbst aus freien Stücken von den Mauern in den Tod. Hier beginnt nun das vergebliche Anrennen aller an den steilen Schicksalsberg, gemäß der Devise Tun, Leiden, Lernen. Das Abrutschen ist Sinnbild des Leids, jedoch das Lernen bleibt aus. Die Gespaltenheit der Polis, die sich bei Aischylos im getrennt abgehenden Chor zeigt, fällt bei Kimmig diesen Turnübungen zum Opfer. Das Schlussbild zeigt Kreon, den toten Sohn im Arm, in einer Art Pieta inmitten der Toten aus der Familie des Ödipus, der nun endgültig die Stadt Theben verlässt. Allerdings allein, da Tochter Antigone bei Sophokles noch gebraucht wird.

    Antigone versus Kreon antigone-kreon.jpg
    griechische Briefmarke zum Internationalen Jahr der Frau 1975

    Nun ist Kreon am Ziel. Der einst besonnene Gegenpart zum Schicksalsherausforderer Ödipus bekommt endlich seine Chance zur Macht und ergreift sie nach klaglos erduldetem Leid ohne zu zögern. Am Ende des Krieges braucht das Volk Märtyrer und Helden und die hat es in Menoikeus und Eteokles. Ihm, dem Verteidiger Thebens, gilt die Ehre, die Gebeine des Verräters Polyneikes mögen in der Sonne bleichen. Darauf schwört Kreon alle ein, so lautet das Gesetz und befiehlt Gleichschaltung. Zweifler in Person des Chores sind da unerwünscht. Diesem Herrscher fehlt nun vollends das warnende Korrektiv. Kreon ist am Höhepunkt der Macht angelangt und mit ihr und sich allein. Wo es an Worten und Wiederhall fehlt, müssen entsprechende Mimik und Gestik für den nötigen Ausdruck sorgen. Und das hat Susanne Wolff natürlich bestens drauf. Ihr Kreon ist herrisch, launisch und dehnt die eigenen Sätze, um sie vollends zu genießen. Ein eitler Pfau, der sich spreizt und den Körper wiegend seinen Schatten betrachtet. Das Unerwartete tritt ihm erst wieder in der Person der Ödipustochter Antigone entgegen, die sich dem neuen Gesetz nicht beugen will und den geschundenen Körper des Bruder gegen den Willen der herrschenden Macht mit Staub bedeckt. Jetzt ist die Inszenierung endlich an ihrem eigentlichen Punkte angelangt. Die Schlagwörter der neuen Spielzeit Macht, Gewalt und Demokratie lassen sich alle in dieser Tragödie vereinen und bieten sich in den beiden Person des Machtmenschen Kreon und der ihm widersprechenden Antigone einen echten Schlagabtausch. Der dritte Teil hätte daher durchaus eine umfangreichere Ausarbeitung verdient.

    Gegenüber dem selbstgefälligen, bisweilen ironischen Ton, den Kreon anschlägt und der in einer Szene mit dem Wächter (Moritz Grove) sogar ins Komische kippt, ist die Antigone der Katrin Wichmann doch sehr resolut in ihrem Auftreten. Eine selbstbewusste Frau, mehr an Brecht angelegt als an der gottesfürchtigen Figur des Sophokles. Gegenüber der eher blassen Ismene (Felicitas Madl) legt Kimmig ihr zum Ende sogar einen zornigen Monolog in den Mund, in dem sie von der „Rebellion der Toten gegen eure Lügen“ spricht und somit aus dem Reich der Mythen direkt in die Gegenwart überleitet. Beispiele für den angewandten Gegenwartsbezug der Antigone gibt es in der Theatergeschichte ja zuhauf. Ganz aktuell hat Andreas Hillger sie in seine Textcollage „Pussy Right“ zum Moskauer Punkprozess, in dem drei Mitglieder von Pussy Riot zu je 2 Jahren Straflager verurteilt wurden. In der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin lasen am 09.09.12 Christin König, Anne Müller und Regine Zimmermann vom Maxim Gorki Theater Ausschnitte aus den Gerichtsprotokollen und aus den Plädoyers der drei Frauen. Die Stimme der Macht, gesprochen von Ulrich Matthes als Kreon, kam dabei vom Band. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Punk-Gebets-Aktion der Band in der Christi-Erlöser-Kathedrale nicht nur an Schillers Freiheitsideal erinnert, sondern auch daran, dass Antigone ebenso Tochter der Freiheit wie Schwester im Geiste ist.

    „Entmystifizierung auch im Sinne von Aufklärung wäre also nicht etwa der Verzicht auf Theatralität, sondern im Gegenteil ihre komische oder schockierende Verdoppelung, die das Ritual kenntlich macht.“ (Patrick Primavesi)

    In diesem Sinne hätte Stephan Kimming eigentlich alles richtig gemacht. Allerdings verlagert er das Geschehen zu Lasten des Mythos fast komplett ins politisch Stereotype. Hier kann von einer echten Reflektion des Theaters über seine „Selbstdarstellung als einer Institution zwischen repräsentativem Kunsttempel und öffentlichem, politischem Raum“ wie sie Primavesi beschreibt, nicht mehr die Rede sein. Kimmigs Entscheidung, den Chor und somit das Volk zu Gunsten der einzelnen Machtfiguren auszugrenzen, unterminiert die besondere „Stellung des Antiken Theaters zwischen Mythos und Politik“. Dem Diskurs mit dem Volk als Zeichen der Ambivalenz der Macht, stellt Kimmig zum Schluss nur den Aufschrei des Protestes entgegen. Seine Inszenierung wird so zur reinen Projektionsebene aktueller Stimmungen und den persönlichen Intensionen des Regisseurs. Eine griechische Tragödie ohne einen wenigstens noch rudimentär vorhandenen Chor ist somit zwar geeignet Machtmenschen in ihrer Charakteristik darzustellen, bietet dem Zuschauer aber kaum Reflektionmöglichenkeiten zur eigentlichen Lage der Demokratie. Und außerdem ist eine Tragödie ohne Aufführung des antiken Rituals irgendwie auch nur das halbe Vergnügen. Das Zelebrieren eines Ritual kann nämlich durchaus heilsam sein. Es bedarf dazu ja nicht unbedingt eines Schleef’schen Chors.

    – weitere Antikenprojekte im blog:

    – weitere Termine „Ödipus Stadt“ im DT:

    • 14. Sept. 2012, 20.00 – 22.30 Uhr
    • 20. Sept. 2012, 20.00 – 22.30 Uhr
    • 11. Okt. 2012, 20.00 – 22.30 Uhr
    • 23. Okt. 2012, 20.00 – 22.30 Uhr

    Teil 1: „Die Räuber“ am MGT

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  • Der Larry mit dem Wumms – Das Gorki und das DT hauen zum Spielzeitauftakt in Berlin mächtig auf die Stadttheaterpauke – Teil 1

    „Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit.“
    Friedrich Schiller aus „Die Räuber“

    Friedrich Schiller (A. Graff, 1786)friedrich-schiller-a-graff-1786_wiki.jpg

    In den Zeiten von globaler Finanz- und Euro-Krise, Occupy Wallstreet und dem Ruf nach einem starken Staat haben die Begriffe Macht, Gewalt, Aufstand und Demokratie wieder stark an Bedeutung gewonnen. In dieser Hinsicht ist die Reaktion der Theaterschaffenden auf bestimmte aktuellpolitische Situationen immer von einem ganz besonderen Interesse geprägt. Das Deutsche Theater Berlin beschäftigt sich in der neuen Spielzeit dann auch mit den Schlagworten Macht, Gewalt und Demokratie. Und das Maxim Gorki Theater will sogar den „Aufstand proben“. Die Europäische Kultur, Philosophie und Politik ist traditionell stark in der griechischen Klassik verwurzelt, stand doch auch die Wiege der Demokratie einst im antiken Griechenland. Nach einer ersten Rückbesinnung auf diese Epoche in der Renaissance waren es dann vor allem die Vertreter der Deutschen Klassik und mit ihnen die Weimarer Vertreter Goethe und Schiller, die in ihren Werken den Bezug zur Antike wieder herstellten.

    Für Friedrich Schiller spielte dabei die Kunst eine entscheidende Rolle für die freie Entfaltung des Individuums. In seinen Briefen „Über die ästhetischen Erziehung des Menschen“ ist ihm sogar der Bau einer wahren politischen Freiheit das vollkommenste aller Kunstwerke. Bereits in den Zeiten des Sturm und Drang, noch bevor er mit Goethe, Wieland und Herder das klassische „Viergestirn“ bildete, schrieb Schiller zum Thema Freiheit und Aufstand der Jungen gegen die etablierten Alten das Drama „Die Räuber“. Politische Macht, Gewalt und die Revolten dagegen äußern sich in der Geschichte und Gegenwart aber immer auf recht unterschiedliche Art und Weise. Zur Zeit weht auf dem Dach des Berliner Ensemble eine Fahne aus Solidarität für die drei in Russland zu Lagerhaft verurteilten Frauen von Pussy Riot mit dem Schillerzitat: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“. Das BE will damit Flagge für die Freiheit der Kunst zeigen. Schillersches Freiheitsideal, klassischer Erziehungsauftrag der Kunst, oder doch nur werbewirksames Label, die Theater stehen damit im Wort, das nicht nur Spruch bleiben darf.

    Antú Romero Nunes inszeniert am Maxim Gorki Theater „Die Räuber“ von Friedrich Schiller als dreiteilige ICH-Werdung der Protagonisten.

    maxim-gorki-theater_2012.jpg Foto: St. B.

    Das Maxim Gorki Theater nahm sich nun gleich zu Beginn der neuen Spielzeit mit den „Räubern“ von Schiller das deutsche Revolte-Stück schlechthin vor. Die Inszenierung übernahm der junge Ausnahmeregisseur Antú Romero Nunes, der mit „Rocco und seine Brüder“ und „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“ bereits einige Erfolge am Gorki feiern konnte. Die Erwartungen waren dann auch dementsprechend hoch. Es ist nicht die erste Schiller-Inszenierung von Nunes. Seine Diplom-Inszenierung „Der Geisterseher“ nach einem Fragment von Schiller war erst vor Kurzem wieder am Gorki zu sehen, als Schauspieler Paul Schröder den Theaterpreis der Freunde des Maxim Gorki Theaters erhielt. Paul Schröder ist wieder mit dabei und auch sonst arbeitet Nunes mit einigen Elementen, die er schon im „Geisterseher“ angewandt hat. Nur drei Schauspieler benötigt er für die recht komplexe Geschichte um die beiden so verschiedenen Moor-Brüder, von denen der eine aus Idealismus zum Räuberhauptmann wird, bis er schließlich an seinen Taten zu zweifeln beginnt, während der andere aus Neid Intrigen spinnt, die seinen Bruder nur immer tiefer in die Opposition zu Vater und Gesellschaft drängen.

    Franz, wie die Kanaille bei Schiller heißt, wird hier von Paul Schröder verkörpert, und er macht daraus eine unglaublich vielschichtige Figurenstudie eines Egomanen und Machtbesessenen. Schröder steht zu Beginn ganz allein auf der leeren Bühne, nur ein alter Sessel dient ihm als Requisit. Er bestreitet im Alleingang ein furioses ca. dreiviertelstündiges Opening, fuhrwerkt dabei über die Bühne, grimassiert und verstellt die Stimme zu einer grandiosen Schillerparodie. Der Franzdarsteller schlüpft nämlich nebenbei auch immer wieder in die verschiedenen Rollen von Vater, Bruder und Räubergesellen bis hin zu der von ihm angebeteten Amalie, die ihn aber bekanntlich aus Liebe zum älteren Bruder Karl Moor verschmäht. Das hatte man so nicht erwartet, auch wenn Nunes vorab schon mal verkündete, dass ihn an den „Räubern“ eigentlich nur das „Ich“ der drei Hauptfiguren interessiere. Schröder reizt das bis zum Wahn einer gespaltenen Persönlichkeit aus und erntet dafür Szenenapplaus. Wesentlich schwerer ist es danach für Aenne Schwarz, das Publikum mit der Darstellung einer verzweifelt Liebeskranken in ihren Bann zu ziehen. Sie hat mit der Amalie den Part der großen Kunstanstrengung übernommen und entledigt sich dessen mit sehnsüchtigem Gesang nebst einer fast artistischen Vergewaltigungspantomime. Nunes räumt ihr nicht allzu viel Zeit zur Persönlichkeitsentfaltung ein, denn man wartet bereits länger auf den schon im Foyer angekündigten Einsatz von Pyrotechnik und Knalleffekten.

    Der setzt dann auch unvermittelt ein, als das Publikum sich gerade zur vermeintlichen Pause erheben möchte. Nun betritt Michael Klammer als Karl Moor die Bühne, zieht die Ohrstöpsel heraus und beginnt über sich als Schauspieler, die Erwartungen des Publikums, das er der Einfachheit halber mal Eddie nennt, und das Theater im Allgemeinen zu reflektieren. Die schwarz-weißen Streifen eines Zebras dienen ihm dabei zur Kommentierung der Blackfacingdebatte, zu der er sich auch schon ausführlich in der Berliner Presse geäußert hatte. Bekannte Klischees des repräsentativen Theaters werden zitiert, Klammer parodiert dazu den Kollegen Fabian Hinrichs: „Das reicht doch nicht, da fehlt doch was.“ und räsoniert als Karl über den „Pleps“, das „schlappe Kastratenjahrhundert“ und „Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet“. Das hat Witz, erklärt aber immer noch nicht, wozu man dazu, außer wegen der Zitate, unbedingt Schillers „Räuber“ braucht. Das ganze Ding mit der Identitätssuche, der jugendlichen Verwirrtheit bzw. Antriebslosigkeit und so hatten Klammer und seine Kollegin Anika Baumann doch in der Inszenierung von Oliver Klucks „Das Prinzip Meese“, ebenfalls in der Regie von Antú Romero Nunes, bereits lang und breit durchironisiert.

    „Räuber und Mörder bis in den Tod!“ skandiert der Klammer-Karl. Aber die Rebellion bleibt wegen Desinteresse mal wieder irgendwie aus. Und wie um das zu beklagen, steht plötzlich ein Chor aus Schauspielstudenten und Komparsen im Parkett auf, stürmt die Bühne und kommentiert von dort das weitere Geschehen. Die Ironie nimmt damit allerdings ein jähes Ende. Und da Nunes unbedingt die losen Enden der drei verschiedenen Ich-Werdungen wieder zusammenknüpfen muss, wird nun noch einmal Schiller gespielt und die drei Protagonisten in ganz großem Finale zusammengeführt. Der miese Franz ist mit Platzpatronen nicht tot zu kriegen, bis er sich schließlich selbst richtet. Danach gelingt es Karl nicht mehr nachzuladen und die sichtlich genervte Amalie ergreift ebenfalls die Gelegenheit zum selbstbestimmten Abgang und verlässt lebendig die Bühne. Was war denn noch mal gleich der Plan? Zurück bleibt etwas desillusioniert ein einsamer Räuberhauptmann und die Erkenntnis, dass dieser Theater-Wumms „den ganzen Bau der sittlichen Welt“ nicht wirklich zum Einsturz gebracht hat. Dafür gab es nach der Premiere ein schönes echtes Feuerwerk für alle vor dem Maxim Gorki Theater.

    Die nächsten Termine:

    „Die Räuber“ im Maxim Gorki Theater:

    Sa. 08.09.2012, 19:30 Uhr
    Mi. 19.09.2012, 19:30 Uhr
    Di. 25.09.2012, 19:30 Uhr
    Di. 09.10.2012, 19:30 Uhr
    Do. 11.10.2012, 19:30 Uhr

    Teil 2: „Ödipus Stadt“ am DT

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  • Festivalsommer 2012 (Schluss): Eine „Große Weltausstellung“ zum Abschied und ein kleiner Ausblick in die Zukunft der performativen Kunstformen in Berlin

    „The World Is Not Fair“ oder Performative Kunst in prekären Zeiten. – Die Große Weltausstellung des Berliner HAU fand im Juni auf dem Tempelhofer Feld zum Ende der Ära Matthias Lilienthal statt.

    „Berlin hätte es bitter nötig, über kulturelle Institutionen der Zukunft nachzudenken. Der Stadt ist zehn Jahre lang aufgrund der Mietsituation und der Stiftungen vieles in den Schoß gefallen. Aber die soziale Basis davon wird in den nächsten Jahren unweigerlich wegbrechen. Da fände ich es sinnvoll, neue Räume zu schaffen, die sich nicht mehr klar den einzelnen Kunstgenres zuordnen lassen. Ich würde ja den Hangar in Tempelhof vorschlagen, da könnte man so ein Performance-Zentrum mit zwölf Räumen hinsetzen.“ Matthias Lilienthal im Tagesspiegel-Interview vom 04.05.2012

    Da geht´s lang! Der Macher Matthias Lilienthal. matthias-lilienthal_foto-by-kevin-slavin-unter-cc-lizens-auf-flickrcom.jpg
    Foto: Kevin Slavin unter CC-Lizens auf flickr.com

    Neun Jahre hat Matthias Lilienthal nun das Berliner HAU geleitet, hat Theater gemacht für die Stadt mit Themen der Stadt, hat den freien Gruppen eine Plattform geboten, für die Finanzierung der Projekte gesorgt und verschiedenste Kunstformen unter einem Dach vereint. Der Kunstvisionär Lilienthal hat die drei Spielstätten HAU 1, 2 und 3 zu einem gut funktionierenden „Theaterkombinat“ und Versuchslabor für neue Formate jenseits der festgefahrenen Stadttheaterstrukturen zusammengeschweißt. Im Juni ging er nun noch einmal, wie schon oft vorher, mitten hinein in die Stadt, setzte sich fest auf dem weiten Feld und entdeckte das brachliegende, ungenutzte Potenzial am Rande der City als neuen Raum für performative Kunst, bevor es die üblichen Investoren okkupieren werden. Der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof scheint geradezu prädestiniert als Bühne für die Zusammenführung alternativer Architektur, Kunst und gesellschaftlichem Diskurs. Der geschichtsträchtige lokale Ort als Tor zur Welt. Das „launische, trashige Dorf“ der Theaterschaffenden und langjährigen Mitstreiter Lilienthals versammelte sich hier und gab sich zum Schluss noch einmal als „Große Weltausstellung“.

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    Check ein in die Große Welt im spartenübergreifenden Kleinformat!

    15 Pavillons wurden dafür in Zusammenarbeit der Künstler mit den Architekten des Büros „raumlaborberlin“ weiträumig über das Tempelhofer Feld verteilt. Einige der kleineren duckten sich dicht an die Grasnarbe, andere sah man schon von weit her über das Feld leuchten, signalfarben rot-weiß gestreift. Hier wo die Feldlerche sich einen geschützten Raum zum Brüten zurückerobert hat, gesellte sich zu ihr eine weitere seltene und schützenswerte Spezies, der freie Künstler jenseits des rundumgeförderten Theaterbetriebs. Matthias Lilienthal stellte ihm hier im Rahmen seiner Quer- und spartenübergreifenden Kunstförderung noch einmal ein natürliches Biotop zur Verfügung, eine fast unbegrenzte Spielwiese, die zur freien, kreativen Entfaltung einlud. Zu einfach sollten es dabei aber weder die Künstlern selbst noch deren potentielle Rezipienten haben, die sich, wollten sie den gesamten Kunstparkcour absolvieren, wohl oder übel auf ein Fahrrad setzen mussten.

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    Imaginäre Inseln der Kunst. Kleine Utopien auf dem weiten Feld der Großen Weltausstellung.

    Wind und Wetter trotzend, machte sich dann auch so manch williger Besucher auf den recht beschwerlichen Weg zum uneingeschränkten Kunstgenuss, der dem aufnahmebereiten Kunstinteressierten für gewöhnlich ja nicht ganz unbekannt sein dürfte. Und auch dem freien Künstlern blasen hin und wieder raue Winde ins Gesicht, ähnlich denen, die bisweilen über das offene Gelände des Tempelhofer Felds fegen und auf den Rollbahnen eher zum sportlichen Kiteboarding einladen, als zum kreativen Kommunizieren mit dem vorüberziehenden Volk. Die sonst eher starre Beziehung zwischen aktivem Kunstproduzenten und normalerweise passivem Konsumenten wurde auf diesem Wege nicht nur auf ironische Weise aufgebrochen, sondern entwickelte dabei auch eine ganz eigene Art von Dynamik.

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    „Double Shooting“

    Was für die eine oder andere Seite nun im Einzelnen dabei heraus gekommen ist, lässt sich wie immer nur schwer beziffern. Allein die breite Mischung der Kunstsparten bot letztendlich für Jeden etwas, ganz unabhängig von Geschmack und Erwartung. Neben den erwartungsgemäß stark vertretenen Performance-Kollektiven gab es vor allem einige bemerkenswerte Installationen zu sehen und auch zu hören, wie die 15minütige Klanginstallation „Farafra“ von Willem De Rooij, für die er Geräusche auf einer Kamelfarm in Ägypten aufgenommen und zu einer eindrucksvollen Komposition verdichtet hat. Oder die Foto-Installation des Libanesen Rabih Mroué „Double Shooting“, die in 72 Einzelaufnahmen ein Handyvideo eines Demonstranten aus Syrien zeigte, der seine eigen Erschießung filmte. Man konnte einen 42 Meter langen Tunnel-Gang neben den Aufnahmen entlang laufen, und so die letzten 18 Sekunden des Filmers nacherleben. Mit der politischen und militärischen Vergangenheit des Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich die Installation des Dokumentartheatermachers Hans-Werner Kroesinger „Feldpost 2012“ in einem ehemaligen Antennengebäude inmitten des Flugfeldes.

    hans-werner-kroesinger.jpg „Feldpost 2012“
    Hans-Werner Kroesingers Klanginstallation in einem Antennengebäude des Flughafens.

    Neben aktuellpolitischen Beiträgen und Einblicken in die Geschichte des Flughafens selbst wurde aber auch die Geschichte der Internationalen Weltausstellungen insgesamt reflektiert. Von den Anfängen die noch nach dem Prinzip der exotischen Menschenzoos konzipiert waren (Klanginstallation von Willem De Rooij), spannte sich der Bogen bis ins Heute. Im Pavillon des Künstlers Erik Göngrich wurde die architektonische Gigantomanie dieser Großevents auf einer überdimensionalen Zeichnung dokumentiert . Einige Workshops und Diskussionsrunden beschäftigten sich daher auch mit moderner alternativer Stadtentwicklung unter Einbeziehung der gewachsenen Strukturen. Besitzt doch das Tempelhofer Feld als Ort der Weltausstellung selbst ein riesiges Entwicklungspotential, über das nach wie vor gestritten wird. Einen Vorschlag für eine Künstlersiedlung, die man sich durchaus gut am Ort der Ausstellung vorstellen könnte, unterbreitete die Berliner Künstlergruppe Dellbrügge & De Moll mit ihrem „Camp der Renegaten“. Eine kreative Heimstatt für Künstler im Ruhestand, deren Zahl in Berlin wohl stetig anwachsen wird. Gedanken zur Finanzierung des Projektes konnten im Innern des Jurtenähnlichen Pavillons schriftlich an den Wände dargelegt werden.

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    Das leidige Geldproblem. „Wie finanziert wir das Ganze?“ fragen Dellbrügge & De Moll im „Camp der Renegaten“.

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    Keine einfachen Laiendarsteller, Tracey Rose aus Südafrika.

    Von den Performern seien hier beispielhaft drei Gruppen genannt. Zuerst die Südafrikanerin Tracey Rose mit ihrer Truppe, die in einer Nachbildung eines alten S/W-Fernsehers eine Daily Soap in Form einer Minstrel-Show spielten. Ihre Performance gab der Weltausstellung den Namen: „The World Is Not Fair“. Der japanische Regisseur Toshiki Okada stellte in seiner Performance „Unable To See“ die Katastrophe von Fukushima in den Mittelpunkt. Die Zuschauer folgten den beiden Performern, die sich vorab Schutzanzüge überstreiften in das Innere des nachgestellten Reaktorblocks und erhielten so einen imaginären Einblick in eine abstrakte Welt zwischen Katastrophe und Technikgläubigkeit. In aller Ruhe wurden kontaminiertes Kühlwasser mit den Gummistiefeln geschöpft und dem Publikum die Brennstäbe wie Heiligenschreine präsentiert. Die technikgewohnten Japaner haben eine ganz einfache Erklärung für unsere Bedenken gegen die Atomkraft: „Je weiter entfernt die Menschen sind, desto größer ist ihre Angst.“ Nebenbei war noch zu erfahren, dass der Strom zur Weltausstellung 1970 in Osaka aus dem damals noch zukunftstträchtigen Fukushima stammte.

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    Toshiki Okadas Performance „Unable To See“ für die der Reaktor aus Fukushima in Tempelhof nachgebildet wurde.

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    Einen der interessantesten Pavillions hatten mit Sicherheit das Theaterkollektiv Andcompany & Co. In ihrem World Freud Centerkonnte sich der im realen Leben geschundene Künstler auf die Couch legen oder in einer Perormance mit Tatiana Saphir (DJ Obstsalat) und Santiago Blaum hemmungslos dem Mammon frönen, in einem Kunstexorzismus nach ganz spezieller Andcompany-Art mit den typischen selbstgebastelten Schildern, Sprechblasen und bunten Requisiten. Aus dem geschützten Ei seines Künstlerdaseins geschlüpft, fällt der Protagonist in die Welt des Kommerz und Konsums in der es immer wieder heißt: „Es gibt kein Budget für Dich.“ Andcompany aber weisen in fast religiösem Eifer einen Ausweg auf die Kehrseite der Welt ins gelobte Land. Die Truppe wird dem HAU weiter erhalten bleiben, man probt gerade wieder an neuen Stücken, u.a. an „Der (kommende) Aufstand“ nach Friedrich Schiller. Beim Festival „Foreign Affairs“ kann man am 03.10.12 eine erste Kostprobe ihrer Performance „Black Bismarck“, die 2013 im HAU gezeigt wird, im Haus der Berliner Festspiele sehen. Interdisziplinär heißt auch das Zauberwort der Stunde bei dem im September und Oktober stattfindenden Festival „Foreign Affairs“. Zu den vielschichtigen Themen Einsamkeit, Kolonialismus, Konsumismus, Ökologie, Rassismus, Manipulation und Erinnerung wird es laut der Kuratorin Frie Leysen einen „Clash von Visionen“ aus Tanz, Film, Bildender Kunst, Architektur, Musik und Performance geben. Das Augenmerk liegt dabei auf der Präsentation von „originalen Kreationen“ und nicht auf der bekannter Vorlagen, wie der neue Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender im Interview mit der Berliner Morgenpost betonte.

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    Andcompany & Co. empfingen in ihrem World Freud Center zum musikalisch-performativen Exorzismus.

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    Die Nachfolge von Matthias Lilienthal hat nun die Belgierin Annemie Vanackere angetreten. Sie wird im Grunde wohl nichts Wesentliches an der Struktur des HAU verändern, außer das wahrscheinlich die performative Kunst wieder mehr im Vordergrund stehen wird. Die Grenzen hatten sich da in der letzten Zeit immer mehr zu anderen Genres hin verwischt. Diese Weltausstellung ist dafür bestes Beispiel. Vanackere wird u.a. wieder mit den großen Namen der internationalen Tanz- und Performanceszene wie Laurent Chétouane, Anne Teresa de Keersmaeker und Meg Stuart zusammenarbeiten. Ob da aus dem „Es gibt kein Budget für Dich.“ der Performer Andcompany & Co. ein Hoffnung verheißendes „Kreatives künstlerisches Potential gepaart mit innovativen Ideen schafft Dein Budget“ werden kann, wird die kommende Spielzeit ab November am dann frisch renovierten Theaterkombinat HAU zeigen. Auch das Tempelhofer Feld wird weiterhin im Fokus der Theatermacher stehen. Im November zeigt das Gefängnistheater aufBruch hier ihr neues Stück SIMPLICISSIMUS in einer Inszenierung von Peter Atanassow in der Alten Feuerwache des Flughafens Tempelhof. Weitere Kunstausstellungen, die die Weite des Feldes zu nutzen wissen, würden dem Ort aber sicher auch wieder gut zu Gesicht stehen.

    tamer-yigit_branka-prlic.jpg Ganz und gar nicht asozial. Das Lager der Performer Tamer Ygit und Branka Prlic.

    Ob die Konkurrenz der Freien Szene die behäbigen Stadttheaterkreuzer in Berlin etwas beflügeln kann, wird man spätestens in einem Jahr sehen können, wenn sich 2013 von Anfang Mai bis in den August die Festivals in Berlin sozusagen die Klinke in die Hand drücken. Nach dem Theatertreffen im Mai und den Autorentheatertagen im Juni, bei denen sich die Creme des deutschsprachigen Sprechtheaters und der Gegenwartsdramatik feiern, wird im Juli der bekennende Verächter des konventionellen Stadttheaterbetriebs  Matthias von Hartz mit seiner ersten Version der „Foreign Affairs“ für die Berliner Festspiele ins Rennen gehen. Ihm folgt das bis dahin hoffentlich ebenfalls mit einem erfrischenden Update versehene Festival „Tanz im August“. Spannende Aussichten also für die kommende Theatersaison. Es verspricht wieder etwas farbiger zu werden in der bisweilen grauen Berliner Theaterlandschaft. Der Sommer ist zu Ende, Willkommen in der neuen Spielzeit.

    Nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlene Anleitung zum Kunst-Verständnis zu Zeiten von Dada. (Pavillion von Hans-Werner Kroesinger)

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    Fotos: St. B.

    Video zur Großen Weltausstellung auf Spiegel online

    Literatur:
    Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin
    Herausgegeben von Kirsten Hehmeyer und Matthias Pees.
    Mit Beiträgen von u.a. Stefanie Carp, Neco Çelik, Carolin Emcke, Barbara Gronau und Joseph Vogl, Pirkko Husemann, Rabih Mroué, Sylvia Sasse und Stefanie Wenner.
    Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012, 180 S., 18 Euro
    Zur Rezension auf Nachtkritik

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  • Festivalsommer 2012 (3): Sprache und Bewegung beim „Tanz im August“

    Bemerkenswerte Solo-Performances mit Antony Rizzi, Lisbeth Gruwez und Lee Meir beim Festival „Tanz im August“

    Dass Sprache und Tanz sich nicht grundsätzlich gegenseitig ausschließen, ist nicht erst seit der Zusammenarbeit von Autor und Theaterregisseur Falk Richter mit der Choreografin Anouk van Dijk oder den Tanztheaterstücken einer Constanza Macras an der Berliner Schaubühne bekannt. Auch William Forsythe setzt sich schon länger in seinen Choreografien immer wieder auch mit Texten auseinander. Sein modernes Tanztheater wird nicht nur „Denken in Bewegung“ genannt, „Sprache und Tanz“ heißt eine weitere Monografie zu Forsythes umfangreichem Schaffen. Neben dem Ausdrücken von Gedanken und Emotionen durch Tanz hat sich laut dem Linguisten Wolfgang Steinig sogar die Sprache und ihre grundlegende Grammatik ursprünglich aus tänzerischen Ausdrucksformen entwickelt. Nun hat das Berliner Festival „Tanz im August“ dem Thema Sprache im Tanz einen kleine Schwerpunkt gesetzt. An besagter Schaubühne am Lehniner Platz fand dann auch einer der Höhepunkte dieser Reihe statt. Der langjährige Mitstreiter in William Forsythes Frankfurter Company Antony Rizzi setzte mit dem Solo „Drugs kept me alive“ einen biografischen Text, den ihm der belgische Maler, Dramatiker, Regisseur und Choreograf Jan Fabre auf den Leib geschrieben hat, performativ und erzählerisch um.

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    Antony Rizzi und Jan Fabre zu Gast an der Schaubühne am Lehniner Platz

    Grundlage des Stücks sind Rizzis eigene Drogen-, Sex- und Krankheitserfahrungen. Er ist seit einigen Jahren HIV-positiv. Und so stehen dann dort am Bühnenrand im Halbkreis aufgereiht Fläschchen mit Pillen und Elixieren, von denen man nicht genau weiß, und wahrscheinlich auch nicht unbedingt wissen will, welche Wirkung sie im Einzelnen versprechen. Rizzi schert sich aber nicht viel darum und beginnt über jede Droge, die er in seinem Leben genommen hat, detailliert zu berichten und zu reflektieren, was genau ihn daran am Leben gehalten hat und warum. Natürlich nicht ohne die nötige ironische Verklärung, die der zeitliche Abstand mit sich bringt. Dazu geriert sich der ganz in schwarz gewandete und mit einer Art spitzer Sufimütze bekleidete Rizzi als Hohepriester der reinen Lebenslust und -sucht, mit all ihren bekannten und unbekannten Risiken und Nebenwirkungen. Er bezeichnet sich als wandelnde Apotheke, schüttet sich Pillen ins Gesicht, stopft sich die Fläschchen unter die Jacke oder dreht und windet sich auch mal vor deren Übermacht.

    Aber trotz all diesem Furor bleibt hier fast alles Sprache. Eine intensivere Assoziation über Bewegung findet kaum statt, eher sogar das Gegenteil. Rizzi betreibt gekonnt eine ironisch aufgeladene Abspaltung der Performance von der Erzählung. Er kreiert als „uncurable soldier of love“ eine scheinbar heile, aber doch fragile Welt aus Seifenblasen, die er mit einem großen Ring erzeugt, um in sie hinein zu schlüpfen. So verliert das Ganze natürlich seine schwarze Seite und Rizzi begibt sich ins Reich der liebenswerten Schaumschlägerei und des Seifenblasenkitsches. Allein das Wissen, dass dieser Mensch all das tatsächlich durchgemacht und überlebt hat, wovon er da freimütig berichtet, nötigt einem schließlich die Bewunderung über dessen ungebrochene Vitalität und Virilität ab, und lässt die World of Bubbles, mit der er sich umgibt, wieder in einem anderen Licht erscheinen. Hier feiert jemand sein Überleben und den Spaß am Leben, mit allen Auf und Abs. „Life is to accept the unacceptable.“ Das hat der unermüdliche Lebensphilosoph Antony Rizzi für sich erkannt.

    Heute im Podewil:

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    Mal einen Yogakurs …

    Etwas anders geht die belgische Tänzerin und Choreografin Lisbeth Gruwez in ihrer Performance „It’s going to get worse and worse and worse, my friend.“ im Podewil vor. Sie benutzt die Worte eines Anderen, für eine strenge Konversion des Gesprochenen in klare Bewegungsabläufe. Dafür hat ihr der Sounddesigner Maarten von Cauwenberghe Satzfetzen einer Rede des US-amerikanischen TV-Predigers der konservativ-religiösen Gemeinschaft „Assemblies of God“ Jimmy Swaggart zu einer Toncollage verdichtet. Gruwez ist zu ihrer Performance korrekt in ein weißes Hemd und eine Bügelfaltenhose gekleidet, das Haar streng nach hinten gekämmt. Später ändert sie das Outfit leicht, indem sie die Strümpfe über die Hosenbeine und einen korsettartigen Stoff über das Hemd zieht. Das verstärkt die Strenge ihres Vortrags noch zusätzlich.

    Ruhig beginnt Gruwez mit ihren Händen zu agieren, hebt und senkt sie, führt nivilierende Kreisbewegungen aus. Erste unverständliche Wort-Fragmente zerschneiden die fast klassische Musik, bis sie sich zu vollständigen Sätzen formen. Nun werden die Bewegungen von Gruwez entsprechend ruckartiger, sie führt Pirouetten aus, die gleich den abgehackten Sätzen immer wieder repetiert werden. „We have not made any advancement at all.” ist die Kernaussage des Textes, die Gruwez jetzt plastisch sichtbar macht. Das konservative Denken und die entsprechende Rhetorik Swaggerts übersetzt sie in eindrückliche, fast zwanghafte Bewegungsmuster. Ein Schütteln befällt den ganzen Körper zur sich überschlagenden Stimme des Predigers. Gruwez ist Sender und Empfänger der Botschaft gleichermaßen. Die Performance verdeutlicht die Kunst des Verführens durch entsprechende Mimik, Gestik und Diktion, wobei die Worte hier fast austauschbar erscheinen. Auf die Wirkung kommt es an, und die ist in der Tat gespenstisch.

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    … oder doch lieber Sommergarten?

    Im Anschluss an Lisbeth Gruwez trat die junge israelische Choreografien Lee Meir mit einem 15minütigen Solo auf, das sich ebenfalls einen bestimmten Satz zum Auslöser von teilweise unkontrolliert wirkenden Bewegungsabläufen gewählt hat. „Translation Included“ trägt die Rückübersetzung von Sprache in entsprechende Bewegung schon im Titel. Meir steht vor dem Publikum und spricht immer wieder den Satz „Is it working between us?“ mit einladend fragenden Gesten in Richtung einzelner Zuschauer. Sie variiert dabei die Diktion, die Armbewegungen werden schneller, bis sie sich zu verheddern scheinen. Meir bringt auf ironische Weise die Schwierigkeit zum Ausdruck, Worten und Bewegungen ein konkretes Ziel zu geben. Ihre zwischenmenschlichen Bemühungen scheitern am eigenen Körper, der sich vergeblich am Koordinierungsproblem abarbeitet und schließlich in sich verrenkt am Boden landet. Dass das nicht als verhinderte rhythmische Sportgymnastik endet, liegt vor allem an Meirs Können, auf witzige Art und Weise innere Blockierungen nach außen zu transportieren und in entsprechender Körpersprache sichtbar zu machen.

    Der „Tanz im August“ ist in den letzten Jahren immer mal wieder wegen angeblich programmatischer Beliebigkeit kritisiert worden. Die FAZ sprach 2011 sogar von „Kinderkram“ und attestierte den Kuratoren eine „vollkommene ästhetische Instinktlosigkeit“. Das Festival gehöre umbenannt in „Etwas im August“. Drei Mitglieder des langjährigen Kuratorenteams, unter ihnen der ehemalige HAU-Chef Matthias Lilienthal, scheiden nun in diesem Jahr aus ihrer Verantwortung und schon macht sich im Hintergrund ein kleines Kompetenzgerangel bemerkbar. Die koproduzierende Tanz-Werkstatt im Podewil und die neue Intendantin am Hebbel am Ufer Annemie Vanackere vertreten unterschiedliche Positionen zur Fortführung des „Tanz im August“. Die Anbindung an die Kulturprojekte Berlin GmbH mit festem Haushaltstitel steht gegen eine Trägerschaft durch das HAU mit einer externen Kuratorenstelle. Wie auch immer man sich seitens des Senats entscheiden wird, eine verbesserte Außenwirkung ist dringend angeraten.

    kleines Podewil … podewil-august-2012.jpg

    Bisher ist der „Tanz im August“ eine reine Insiderveranstaltung, die sich im Stadtbild noch zu wenig bemerkbar macht. An den veranstaltenden Häusern wie dem HAU, Podewil, den sophiensaelen oder der Schaubühne gibt es kaum Hinweise zum Festival selbst. Zwar sind die Vorstellungen wie immer gut besucht, für ein renommiertes Internationales Tanzfest kocht die Szene jedoch auch weiterhin zu sehr im eigenen Saft. Ein netter Sommergarten im Podewil oder eine sogenannte „Sideshow“ mit Yoga und anderen Positionen neben dem Tanz dringen kaum wirklich in das Bewusstsein einer durchaus interessierten breiteren Öffentlichkeit. Es scheint, man wolle weiterhin unter sich bleiben. Ob da ein runder Expertentisch Abhilfe schaffen kann, ist fraglich. Derweil zeigt zumindest Annemie Vanackere schon mal Präsens. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie im Streit um die künftige Ausrichtung des „Tanz im August“ nicht die Nase vorn behält.

     tanz-im-august-2012_hebbel-am-ufer.jpg … gegen großes HAU

    Fotos: St. B.

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    Weitere Termine: Tanz-Nacht Berlin, 22.-26.08.2012 im Podewil (Klosterstraße 68), Maison de France (Kurfürstendamm 211) und in den Uferstudios (Uferstr. 8/23, Berlin-Wedding) – Termine unter: www.tanznachtberlin.de

    Literatur: Wolfgang Steinig: Als die Wörter tanzen lernten: Ursprung und Gegenwart von Sprache – Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag, München 2007, 456 Seiten, 24,00 Euro

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  • Hermann Hesse (02.07.1877 – 09.08.1962)

    Vergänglichkeit

    Vom Baum des Lebens fällt
    Mir Blatt um Blatt,
    O taumelbunte Welt,
    Wie machst du satt,
    Wie machst du satt und müd,
    Wie machst du trunken!
    Was heut noch glüht,
    Ist bald versunken.
    Bald klirrt der Wind
    Über mein braunes Grab,
    Über das kleine Kind
    Beugt sich die Mutter herab.
    Ihre Augen will ich wiedersehn,
    Ihr Blick ist mein Stern,
    Alles andre mag gehn und verwehn,
    Alles stirbt, alles stirbt gern.
    Nur die ewige Mutter bleibt,
    Von der wir kamen,
    Ihr spielender Finger schreibt
    In die flüchtige Luft unsre Namen.

    Hermann Hesse, Febr. 1919, aus Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp, 1977

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    Foto: St. B.

    Gestutzte Eiche

    Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
    Wie stehst du fremd und sonderbar!
    Wie hast du hundertmal gelitten,
    Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
    Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
    Gequälten Leben brach ich nicht
    Und tauche täglich aus durchlittnen
    Roheiten neu die Stirn ins Licht.
    Was in mir weich und zart gewesen,
    Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
    Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
    Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
    Geduldig neue Blätter treib ich
    Aus Ästen hundertmal zerspellt,
    Und allem Weh zu Trotze bleib ich
    Verliebt in die verrückte Welt.

    Hermann Hesse, Juli 1919, aus Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp, 1977

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  • Festivalsommer 2012 (2): Freilufttheaterfanatiker kommen in Berlin bei Shakespeare im Görlitzer Park und dem Hexenkessel Hoftheater auf ihre Kosten.

    HUMANISMUS UND AUFKLÄRUNG IM WETTSTREIT – „UTOPIA™ – WHERE ALL IS TRUE“ NACH THOMAS MORE UND SHAKESPEARE SCHLÄGT TROTZ REGENHANDICAP  „CANDIDE“ NACH VOLTAIRE

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    Thomas‘ Gebet um Humor:

    Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
    Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
    Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
    Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt.
    Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

    Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon

     thomas-more-by-hans-holbein-the-younger.jpg   isola-di-utopia_titelholzschnitt-der-ausgabe-von-1516.jpg Fotos: Wikipedia
    Thomas More (Hans Hohlbein der Jüngere) und seine Insel „Utopia“ (Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516)

    Thomas More (1478 – 1535) war ein Mann von Humor und unerschütterlichen Prinzipien zugleich. Ein gläubiger Katholik und Freund des Humanisten Erasmus von Rotterdam sowie Heiliger und Staatsmann in England unter Heinrich dem VIII. mit utopischen Gesellschaftsvorstellungen, dem, nachdem in Ungnade gefallen, selbst auf dem Richtblock die Scherze nicht ausgingen. Ob er nun ein politisches Genie war oder doch nur ein glückloser Tor, wird das neue Theaterstück „Utopia™ – Where all ist true“ der Berliner Kompanie „Shakespeare im Park“ nicht restlos klären können. Die Truppe reklamiert jedenfalls seine Utopie einer besseren Welt für sich und behauptet eine Trademark auf Mores Ideen zu besitzen. Dabei hatte es der Jurist und Lordkanzler von Heinrich VIII. mit seinem philosophischen Dialog über eine ideale Gesellschaft auf der fernen Insel Utopia nicht so ganz ernst gemeint. Thomas More brachte auf satirische Art auch seine Skepsis an der Verwirklichung eines „utopianischen Staatswesens“ in Europa zum Ausdruck. Was nun „den besten Staat“ nach Mores Prägung betrifft, so proben die Schauspieler auf ihrem Parcours durch den Görlitzer Park in Kreuzberg auch die reale Umsetzung von Mores Ideen im englischen Königreich zu Beginn des „Goldenen Zeitalters“ mit all ihren Vorzügen, Verheißungen und Widersprüchen.

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    Der Londoner Mob probt den Aufstand gegen Ausbeutung und fremde Konkurrenz.

    Dazu bedient sich die Truppe um Gründer Maxwell Flaum und Regisseurin Katrin Beushausen auch zweier weiterer Stücke. Das 1590 entstandene und mehreren Autoren, u.a. Shakespeare, zugeschriebene Drama „Aufstieg und Fall des Thomas More – The Book of Thomas More“ und Shakespeares Historiendrama „Heinrich VIII.“ von 1612/13, ursprünglich auch „All ist True“ genannt, werden mit Mores „Utopia“ verknüpft. Es beginnt auf der Wiese an der Lohmühlen- Ecke Jordanstraße mit einem Aufstand der Londoner Bürger gegen Willkür und Ausbeutung durch Heinrich VIII. und seinen Lordkanzler Kardinal Wolsey. Die Forderungen der Aufständischen sind allerdings noch sehr diffus, so mancher ist zögerlich und der Ruf gegen ausländische Konkurrenz „Compete today“ wird laut. Hier tritt nun Sir Thomas More als Undersheriff seiner Majestät in Aktion und sorgt nach der Niederschlagung des Aufruhrs für die Begnadigung der Wortführer. Dem König macht er seine Thesen für ein utopisches Experiment zur Verhinderung zukünftiger Revolten schmackhaft. Durch mehr Bildung, Abschaffung des Privateigentums sowie gemeinsames Leben und Arbeiten will er mit seinem Projekt „Utopia™“ für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Eine Unterstützerin hat er dabei in der Königin Katherine von Aragon gefunden.

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    Glattes Politparkett. Kardinal Wolsey am Seil. Thomas More wird seine utopischen Thesen gleich vor Heinrich und Katharina ausrollen.

    Rufe nach der Abschaffung von Geld und Privatbesitz finden auch im Publikum ungeteilten Beifall. Zwei Ritter als Shakespeare´sche Clowns kommentieren immer wieder mit viel Witz das Geschehen und leiten zu den nächsten Szenen über. Dabei wird im Wechsel Englisch und Deutsch gesprochen, was dem Ganzen auch einen gewissen authentischen Touch verleiht. Während sich Heinrich VIII. lieber um die Scheidung seiner Ehe und die Ablösung von der römisch katholischen Kirche kümmert und sich nebenbei nur noch Sorgen um die Staatsfinanzen macht, ist es Thomas More bitter ernst mit der Umsetzung seiner Ideen. Kardinal Wolsey verliert Amt und Kleider und auch die anderen Mitspieler wechseln die historischen Kostüme gegen leichte aus transparenter Folie, um die neu errungene Gleichheit zu demonstrieren. Aber erst wird noch einmal kräftig gefeiert am Hofe Heinrich VIII., und davon lassen sich die Spieler auch vom plötzlich aufkommenden Gewitterregen nicht abhalten. Während sich so mancher Zuschauer unter die Bäume flüchtet oder ganz das Weite sucht, tanzt das Ensemble ausgelassen im strömenden Regen. Dazu spielt die kanadische Band Trike flotten Synthypop zu eigenen Texten.

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    Dancing in the Rain am Hofe Heinrich des VIII.

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    Immer in Aktion. Peter Priegann (Mitte) als Sir Thomas More treibt unerbittlich die Truppe durch den Park.

    Der Himmel hat aber schnell ein Einsehen und das Treiben im Görli kann schließlich fortgesetzt werden. Der Tross zieht weiter im Park, bevölkert Rutschen, Schaukeln, Buddelkästen und bringt das soziale Projekt „Utopia™“ so langsam in Gang. Thomas More hält seine Mitstreiter zum gemeinsamen Ackerbau an, versklavt Straftäter und bekehrt Abtrünnige. Auch die Problematik der Reformation in England wird hier nicht ausgespart. Obwohl der protestantische Widersacher Mores Thomas Cromwell, bekannt u.a. aus der Fernsehserie „The Tudors“, nicht auftritt, arbeitet sich der katholische Humanist an anderen Lutheranern ab und scheut auch nicht vor Folter und Hinrichtung im Namen des Kreuzes zurück. Schließlich wird More, der sich zum Tyrannen entwickelt hat, selbst fallen und seine Utopie im Zeichen des „Goldenen Zeitalters“ unter Heinrich VIII. vorerst wieder zu Grabe getragen. Trotz aller Enttäuschung um „Die beste aller Welten“ verweist Königin Katharina darauf: „eine Landkarte, auf der die Insel Utopia nicht eingezeichnet ist, bleibt wertlos.“ Shakespeare im Park verbinden mit ihrem Stück „Utopia™“ aufs Beste Historie und Fiktion und verweisen natürlich nicht ohne Spaß am Spielerischen auf gegenwärtige Träume von einer besseren Welt.

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    Der Sturz des Thomas More. Das Ende der Insel Utopia?

    „Utopia™ – Where all ist true“ weitere Termine: 10., 12., 16., 17., 18., 19. August 2012 – Eintritt frei (jeweils 19 Uhr, sonntags 16 Uhr); Treffpunkt: Görlitzer Park, Lohmühlen- Ecke Jordanstraße

    Buch, Konzept u. Regie: SHAKESPEARE IM PARK BERLIN
    Regieassistenz: Marianne Cebulla

    Schauspieler:
    Maxwell Flaum / Cordula Hanns / Dina-Maureen Hellwig / Paul Marino / Ana Mena / Maren Menzel / Peter Priegann / Sebastian Rein / Claudia Schwartz / Gianni von Weitershausen / Sebastian Witt / Brandon Woolf / Sarah Zastrau

    Bühne: Alberto Di Gennaro
    Kostüm: Arianne Vitale Cardoso
    Assistenz Bühne & Kostüm: Tamar Ginati
    Music: Stew aka DJ Aufenthaltsgenehmigung
    Music & Live Musical Performance: Trike

    Weitere Infos unter: www.shakespeareimparkberlin.org/

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    „Alle Ereignisse in dieser besten aller möglichen Welten stehen in notwendiger Verkettung miteinander.“ Magister Pangloss aus „Candide oder Die beste aller Welten“, Kap. 30

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    Das Hexenkessel Hoftheater im Amphitheater im Monbijoupark gegenüber dem Bodemuseum zeigt Voltaire, Shakespeare und Carlo Gozzi.

    Die beste aller Welten nach Leibniz hatte sich auch Voltaire vorgenommen, um sie in einer wirklich bitterbösen Satire aufs Korn zu nehmen. In seinem 1759 anonym erschienenen Roman „Candide oder Der Optimismus“ auch „Candide oder Die beste aller Welten“ genannt, lässt er den Naivling Candide (Thorbjörn Björnsson), verbannt vom westfälischen Königshofe des Barons von Donnerstrunkshausen (Thorsten Junge) und dessen Tochter Kunigunde (bezaubernd Sara Löffler), die er liebt, durch die Welt ziehen und die Schlechtigkeit der Menschheit nur durch seinen grenzenlosen Optimismus ertragen. Zum 300. Geburtstag des großen Hobbyphilosophen Friedrich II. von Preußen und des nicht minder großen Aufklärers Rousseau nimmt sich das Hexenkessel Hoftheater in der Regie von Alberto Fortuzzi den anderen großen französischen Aufklärer Voltaire vor und macht aus dessen Satire „Candide“ eine spaßige Commedia dell’arte mit gehobenem Lachfaktor. Dazu gibt auch gleich der Autor selbst die Einführung, nicht ohne sich gebührend vor seinem Gönner Friedrich Richtung Publikum zu verbeugen.

     Auftritt Voltaire (Christian Schulz) im Hexenkessel candide_voltaire.jpg

    Das Hexenkessel-Ensemble arbeitet sich brav an den Highlights des Romans ab. Candides alter Lehrer Magister Pangloß (Michael Schwager) lässt keine schlüpfrigen Bonmots aus, es wird philosophiert und geblödelt was das Zeug hält, zur Freude des zahlreich erschienen Publikums. Es treten furchterregende Bulgaren auf, man fällt unter die Seeräuber, Sturm und Schiffbruch werden bildgewaltig in Szene gesetzt und natürlich wackelt alles zum Lissaboner Erdbeben. Die Schauspieler geben sich in wechselnden Rollen redlich Mühe, aber ein gehaltvoller Spaß mit hintersinnigem Witz will das nicht werden. Nachdem Candide das El Dorado, den utopischen Ort Voltaires, wieder verlassen hat und bei der Begegnung mit dem wie eine Marionette an Strippen hängenden Pessimisten Martino (Christoph Bernhard) langsam alle Hoffnung fahren lässt, kommt es doch noch zum gediegenen Happy End, auch wenn Kunigunde etwas an ihrer Anmut gelitten hat. Es knüpft und fügt sich wie Pangloß es prophezeit hat. Oder fügt sich Candide nur in die Notwendigkeit? Na jedenfalls hat man das Thema Aufklärung auch mal im Hexenkessel beackert. Wie heißt es doch so schön zum Schluss bei Candide? „Allein wir müssen unsern Garten bestellen.“ Und das muss dann wohl auch jeder mit sich allein abmachen.

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    Voltaires Candide als spaßige Comedia dell´arte.

    Es sind leider keine weiteren Termine mehr für „Candide“ im Angebot. Dafür gibt es noch bis 1. September Carlo Gozzis absurdes Märchen „König Hirsch“  und Shakespeares Komödie „Was Ihr Wollt“ von Dienstag bis Samstag jeweils 19:30 Uhr bzw. 21:30 Uhr im Amphitheater zu sehen. Freunde des Schenkelklopfhumors werden auf ihre Kosten kommen. Weitere Infos unter: www.amphitheater-berlin.de/theater.html

    Text und Fotos wenn nicht anders angegeben: St. B.

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    Zum Weiterlesen:

    • Thomas Morus: Utopia, bei Projekt Gutenberg
    • Freiheit und Sklaverei. Die dystopische Utopia des Thomas Morus. hier online
    • Karl Kautsky: Thomas More und seine Utopie. (1888), hier in digitaler Form
    • Hilary Mantel: Wölfe. Die Geschichte von Thomas Cromwell. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont 2010.

    • Voltaire: Candide oder Der Optimismus; Aus dem Deutschen übersetzt von Dr. Ralph und mit Anmerkungen versehen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er im Jahre des Heils 1759zu Minden starb; Übersetzt von Wilhelm Christian Sigismund Mylius (1778), sprachlich erneuert und herausgegeben von Prof. Dr. Manfred Naumann, Rütten & Loening, Berlin 1964, mit Illustrationen von Werner Klemke
    • François Marie Arouet de Voltaire: Candide oder Die beste aller Welten bei Projekt Gutenberg

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  • Der Festivalsommer 2012 (1): „Dass ´s Lebn mit Dir wia Tanzn is.“ – Impressionen vom 22. TFF in Rudolstadt

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    Und wird auch mal der Himmel grauer;
    wer voll Vertrau’n die Welt besieht,
    den freut es, wenn ein Regenschauer
    mit Sturm und Blitz vorüberzieht.
    (Wilhelm Busch)

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    Blitze am Horizont, der Himmel wurde immer grauer,
    der Saalezeltplatz kurz vorm großen Regenschauer.

    Etwas spät, aber besser als nie, noch schnell ein paar Impressionen vom 22. TFF 2012, das wie immer traditionell am ersten Juli-Wochenende im schönen Rudolstadt über die vielen Bühnen der Stadt ging. Den Regen glaubten wir erfolgreich in Berlin zurückgelassen zu haben, und mussten dann im ICE nach Jena feststellen, dass er uns doch noch hartnäckig bis nach Thüringen verfolgen wollte. Das ließ Schlimmstes befürchten, jedoch der Himmel verfärbte sich nur noch einmal wirklich bedrohlich tief dunkelgrau und bizarre Blitze zuckten über den Hängen rund um Rudolstadt. Dann goss es kurz wie aus Kannen, bis der ganze Spuk sich nach knapp einer Stunde in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Da war der erste Abend am Donnerstag in Rudolstadt aber bereits erfolgreich gelaufen und alles bereitetet sich auf dem Zeltplatz am Freitagmorgen schon auf die nächsten Highlights vor. Die Sonne machte nur selten Pause und das gute Wetter sollte halten, zumindest zu den meisten Konzerten des diesjährigen TFF. Die dicken Wolken mit Starkregen, der im letzten Jahr noch so einige Konzerte förmlich unter Wasser setzte, blies eine frische Briese immer wieder über die Saale in Richtung Thüringer Wald zurück.

    Das Rudolstädter Wetter, die Natur und die Weimarer Klassik

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    Weimarer Klassiker nur auf der Durchreise?

    Wie jedes Jahr ist das Wetter eine wichtige Komponente in Rudolstadt. Für den festivalerprobten TFF-Fan aber nie ein unüberwindliches Hindernis, das Wochenende auch ohne Segen von oben zu genießen. Man kann hier durchaus auch von einem naturgegebenen Gottvertrauen sprechen, was naturgemäß auch ganz im ursprünglichen Gedanken der Open-Air-Kultur begründet liegt. Und das lässt sich sicher auch nicht nur bis zu den sonnenverliebten kalifornischen Hippies zurückverfolgen, deren No-Rain-Gesänge im nördlich gelegenen Woodstock noch unerhört bleiben mussten. In der Weimarer Klassik zog die Rudolstädter Riviera schon so manchen Sonnenanbeter magisch an. Als geradezu naturaffiner Prophet könnte sich da der zwar um Rudolstadt meist einen Bogen machende, in Thüringischen Landen aber ansonsten stets anwesende Geheime Rat Goethe erwiesen haben, der sich damals über den gelegentlichen Unbill des sommerlichen Wetters wie folgt äußerte:

    Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,
    die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,
    dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmettern;
    doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.
    (Johann Wolfgang von Goethe aus Sommer)

    Das Thüringische Landestheater Rudolstadt kämpft mit Schiller-Zitaten ums Überleben.
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    weimarer-klassiker.JPG Wegweisend. Klassik und Moderne vor dem Weimarer Nationaltheater.

    Ob er im Faust´schen Osterspaziergang die rauen Berge Rudolstadts im Sinne hatte, die hin und wieder auch noch Anfang Juli ohnmächtige Schauer über die Felder senden, ist nicht grundsätzlich auszuschließen, kann aber nicht mit Sicherheit belegt werden. Fakt ist, dass im kleinen Städtchen an der Saale meist erst zu beginn des jährlichen Festivalrummels die geputzten Menschen in zahllos buntem Gewimmel durch die Stadttore drängen. Schützende Höhlen mussten während des Festivals nicht aufgesucht werden, obwohl sich Donner und Blitz ein kurzes Intermezzo gaben. Einem Wochenende voller Sonne und Liebe stand also nicht mehr viel im Wege.

    Friedrich Schiller und Rudolstadt

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    Schiller und die beiden „superklugen“ Schwestern Caroline und Charlotte

    Nicht von ungefähr hat man sich in Rudolstadt lieber einen anderen Schutzheiligen unter den Alt-Meistern der pantheistischen Sommerlyrik auserkoren. Nämlich den reiselustigen Sturm-und-Drang-Dichter Friedrich Schiller, der seine heiße Liebe zur Gegend und dem weiblichen Geschlecht der Stadt in zahlreiche teils überschwängliche Worte und Verse goss. Und so bezeichnet sich Rudolstadt wohl auch zu recht als heimliche Geliebte Schillers. Obwohl es schon zu des Dichters Zeiten kein Geheimnis war, wem seine wahre Liebe galt, schrieb Schiller 1788 an Ludwig Ferdinand Huber: „Ich lebe hier ziemlich zufrieden, genieße mich auch zuweilen selbst und habe oft süße Augenblicke durch Gesellschaft. Die Gegend ist überaus schön …“. Schiller fand „Unter demselben Blau, über dem nehmlichen Grün … mit dem stürzendem Thal“ rund um Rudolstadt nicht nur die lächelnde „Sonne Homers“, sondern auch seine große Liebe und zukünftige Frau Charlotte von Lengefeld, deren verheirateter Schwester Caroline von Beulwitz (die spätere Schriftstellerin Caroline von Wolzogen), er zunächst auch nicht ganz abgeneigt war. In seinem „Rudolstädter Sommer“ 1788 ließ sich Schiller u.a. zum „Geisterseher“ , dem „Don Carlos“ und zum „Lied von der Glocke“ inspirieren und im seit 1792 erbauten „Komödienhaus“ wurden einige seiner Werke von der Weimarer Theatergruppe unter dem Klassikerkollegen Goethe aufgeführt. Und wem, wie schon zu Schillers Rudolstädter Zeiten, wegen des „üblen Wetters“ das Wandern zur „Schillershöhe“ über dem Nachbarort Volkstedt verleidet wird, der kann sich auch im Rudolstädter Schillerhaus umsehen oder mit Schillers früher Ode „An die Sonne“ trösten.

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    Schillerhaus in Rudolstadt

    An die Sonne (Auszug)

    Preis dir, die du dorten heraufstrahlst, Tochter des Himmels!
    Preis dem lieblichen Glanz
    Deines Lächelns, der alles begrüßet und alles erfreuet!
    Trüb in Schauern und Nacht
    Stand begraben die prächtige Schöpfung: tot war die Schönheit
    Lang dem lechzenden Blick;
    Aber liebevoll stiegst du früh aus dem rosigen Schoße
    Deiner Wolken empor,
    Wecktest uns auf die Morgenröte; und freundlich
    Schimmert‘ diese herfür
    Über die Berg und verkündete deine süße Hervorkunft.
    (Friedrich Schiller aus der Anthologie auf das Jahr 1782)

    Riding with the King – John Hiatt rockt den Heinepark

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    John Hiatt & The Combo

    Von den deutschen Klassikern der Literatur zu den Klassikern der Folkmusik, von denen in diesem Jahr wieder einige auf dem TFF vertreten waren. Bereits am Donnerstagabend trat, wie schon im letzten Jahr mit Dr. John, eine Legende des Rock ´n´ Roll und Blues auf. Der Rockgitarrist und Singer-Songwriter John Hiatt aus Nashville eröffnete das Festival auf der großen Parkbühne. Hiatt, ein alter Mitstreiter des Bluesgitarristen Ry Cooder, kann auf einige bewegte Schaffensphasen zurückblicken. Lange Zeit blieb ihm allerdings der verdiente Erfolg verwehrt, bis schließlich Berühmtheiten wie Bob Dylan, Joan Baez, Iggy Pop, Bruce Springsteen oder Joe Cocker, seine Songs coverten. John Hiatt gab in Rudolstadt ein routiniertes Rockkonzert mit allen seinen Klassikern, und intonierte mit seiner unnachahmlich rauen Stimme auch das von B. B. King und Eric Clapton bekannt gemachte „Riding with the King“. Ein angenehm groovendes Bluesfeeling machte sich im Heinepark breit und stieß nicht nur beim älteren Publikum auf eine breite Resonanz. Die Wiederentdeckung von alten Größen der Blues- und Rockszene bleibt somit weiterhin eine gute Tradition des TFF. Für eine große Dance-Party „Partizani“ mit bekannten Balkanklängen sorgte dann noch der Frankfurter DJ Shantel mit seinem Bucowina-Cluborchester (Foto).

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    Karibische Dancebeats gab es am Freitag auf der großen Bühne des Heineparks. Sonnenaufgang am Abend: Systema Solar aus Kolumbien.

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    Shantel und Systema Solar auf YouTube

    Grüß Gott, ich bin das Wienerlied – Tradition und Moderne bei der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg

    Klassiker des deutschsprachigen Liedes gab es auch zur jährlichen Verleihung der Ruth-Weltmusikpreise auf der Heidecksburg am Samstagabend. Mit der Ruth für sein Lebenswerk wurde der neben Reinhard May und Konstantin Wecker in Ost wie West wohl bekannteste Liedermacher Deutschlands Hannes Wader bedacht. Nach einer kleinen Laudatio seines Freundes Konstanin Wecker, die als akustischer Gruß vom Band eingespielt wurde, da Wecker an diesem Abend selbst auf einer anderen Bühne stand, bedankte sich der Geehrte auch sogleich mit seinem zur Hymne gewordenen Song „Heute hier, morgen dort“. Der am 23. Juni 70 Jahre alt gewordene Wader gab bereits am Nachmittag ein Konzert auf der großen Bühne der Heidecksburg. In seinen neuesten Liedern setzt er sich nun verstärkt auch mit seinem eigenen Leben auseinander, was durchaus nicht sentimental wirkt, sondern eher mit einer gewissen Selbstironie daherkommt. „Das wir so lang leben dürfen“, ein schönes Fazit dieser „Schon so lang“(en) Zeit. Hannes Wader sang neben Songs seines großen Vorbilds Georges Brassens natürlich den Klassiker „Es ist an der Zeit“, auf den alle gespannt gewartet hatten, und brachte seinem langjährigen im letzten Jahr verstorbenen alten Freund Franz Josef Degenhardt ein Ständchen mit einem Lied von einem hoffentlich bald Schatten spendenden kleinen Kirschbaum.

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    Ganz nah – Hannes Wader auf der Heidecksburg

    Zu einem Klassiker ist sicher auch das im typischen Dialekt gesungene Wienerlied geworden, dessen Ursprünge, ähnlich dem Berliner Gassenhauer, bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Allerdings unterscheidet sich das Wienerlied nicht nur in der Mundart vom derben Berliner „Denkste denn, denkste denn, du Berliner Pflanze, denkste denn, ick liebe dir, weil ick mit dir danze?“. Im Gegensatz zum Berliner Bolle oder Piefke zeichnen sich die Interpreten des Wienerlieds vor allem durch ihren melancholischen, leicht schwarzen Humor aus, der bisweilen auch als unbeschwert oder sogar gemütlich missverstanden wird. Man fällt in Wien halt nicht so gern direkt mit der Tür ins Haus und umschreibt die Gefühlslagen der Wiener Seele mit einem entsprechenden Schmäh. Die Zeiten, in denen Hans Moser in Wiener Heurigenlokalen die „Reblaus“ besang, scheinen allerdings, außer für deutsche und amerikanische Touristen, endgültig vorbei zu sein. Bereits seit den 1970er Jahren mischten Künstler wie Roland Neuwirth, der Maler und Musiker Karl Hodina oder Willi Resetarits (Ostbahn Kurti) die Tradition des Wienerlieds mit modernem Jazz, Rock und Rythm & Blues.

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    „Bei mir is’ all’s verdraht“ – Auch wenn es einem so vorkommt, die Wiener Strottern singen nicht Spanisch.

    In deren Fortsetzung stehen heute Gruppen wie Kollegium Kalksburg und Die Strottern, die nun in Rudolstadt für ihre moderne Interpretation des Wienerlieds die Deutsche Ruth erhielten. Klemens Lendl (Gesang, Violine) und David Müller (Gesang, Gitarre, Harmonium), für ihre neue CD „Wia tanzn is“ verstärkt durch die beiden Blechbläser Martin Eberle (Trompete, Flügelhorn) und Martin Ptak (Posaune, Harmonium), gaben Sonntagmittag ein relaxtes Konzert auf der kleinen Bühne im Heinepark. Trotz leichter Sprachschwierigkeiten kam der morbide Wiener Charme der Musiker und versteckte Hintersinn der Texte gut beim Publikum an. Und wer nichts verstand, konnte es ja für Spanisch nehmen, wie Sänger Klemens Lendl empfahl. Zur aktuellen Blasphemie-Debatte gaben die Strottern dann auch noch eine Statement ab. Ganz im Sinne von Martin Mosebach konstatierten sie ganz trocken: „Wenns´ knien solln, stellns´ sich hie, denn keiner kennt die Liturgie.“ Das Wienerlied frisch aufpoliert mit viel Witz und avantgardistischer Blechbegleiung. Wahrlich, A ganz schräge Wies´n an der Saale.

    Die Strottern auf YouTube

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    Die Globale Ruth ging an das Al Andaluz Project (Foto) des Münchner Ensembles Estampie, das mit Mitgliedern der spanischen Gruppe L’Ham de Fóc maurische Gesänge, sephardische Lieder und christliche Choräle des Mittelalters neu interpretierte. Die zweite Ehrenruth wurde an die langjährigen künstlerischen Gestalter des  Festival-Umfelds Gertrude Degenhardt und Jürgen B. Wolff verliehen, die mit ihren Bildern, Figuren und Installationen im Stadtraum über Jahre das farbenfrohe Gesicht des TFF bestimmt haben. Eine Ausstellung von Grafiken beider Künstler war in den Säulensälen der Heidecksburg zu sehen.

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    Festivalinstallationen im Hof der Heidecksburg

    Trotz Konzertina-Schwerpunkt, das Blechblasinstrument bestimmt wieder Bild und Ton des TFF

    Die Konzertina, kleine Schwester des Akkordeons, war in diesem Jahr das sogenannte Magische Instrument des Festivals. Man musste aber schon genauer das Programm studieren und gezielt zu den Schwerpunktkonzerten gehen, um ihrer auch tatsächlich ansichtig zu werden. So war sie dann zum Beispiel auf der Marktbühne in einem riesigen Orchester als den typischen Sound des La Gran Orquesta Tango Carambolage bestimmendes Bandoneon versteckt. Neben jeder Menge Akkordeons, den unvermeidlichen Fiddeln und anderer nicht zu überhörender Klangkörper bestimmten aber wieder lautstark die Blechbläserfraktionen das Schallspektrum auf den Bühnen des TFF. Das Bandschema bereits im Namen tragen das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago, was sich auch ganz augenscheinlich und lautstark auf der großen Bühne im Heinepark bemerkbar machte. Das Bayern zu Recht als Heimland der Blaskapellen gilt, ist nicht erst seit dem Besuch der La Brass Banda aus München in Rudolstadt bekannt. In diesem Jahr rockten Moop Mama aus der Weißbiermetropole mit einer Mischung aus Hardcore und HipHop die Konzertbühne im Heinepark. Mit Blechbläsersektion, Rap und fränkischem Multikultitouch kamen auch das Kellerkommando aus Bamberg über die tanzwütigen Festivalbesucher im Park. Sogar die Straßenmusiker in der Stadt bliesen den vorbeiziehenden Massen kräftig den Marsch. Neben Shantel und seinem Bukovina Cluborchester waren Cinkuši aus Kroatien eine weitere Kapelle mit Bläsereinsatz. Die Popularität des Balkan Brass ist bei den Weltmusikfans nach wie vor ungebrochen, und so mochte noch manch andere Band nicht auf mindestens einen Blechbläser verzichten.

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    Mach mir den Baloltelli! – Für Obama einst zu teuer, für Rudolstadt extra eingeflogen. Das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago.

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    Das Kellerkommando aus Bamberg mit Bläsersektion, Akkordeon und Rapper Ali A$ auf der Konzertbühne im Heinepark.

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    Cinkuši wurden als Ethno-Punk-Band und kroatisches Gegenstück zu den Pogues angekündigt, was sich leider nicht ganz bewahrheitete. Doch die meisten Vergleiche hinken eh und getanzt wird in Rudolstadt trotzdem immer.

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    Alles muss raus auf die Straße. Bläserausverkauf auch in der Stadt.

    Kontinent- und Genreübergreifend – Starke Frauen auf dem Festival

    Obwohl die Blechblasmusik eher eine Männerdomäne ist, standen Frauen auf dem Festival nicht etwa nur ausschmückend im Hintergrund. Aus Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika kamen wieder starke weibliche Stimmen nach Rudolstadt. Neben der schon erwähnten Gong Linna aus China überzeugte u.a. das Projekt My Sweet Canary mit Musikern und Sängerinnen aus Griechenland, der Türkei und Israel mit sephardischen Liedern der 1980 verstorbenen Rembetiko-Legende Roza Eskanazi aus Thessaloniki. Emel Mathlouthi mischte mit ihrer Band aus Tunesien orientalische Klänge mit modernem TripHop und die junge Chilenin Pascuala Ilabaca aus dem sonnigen Valparaiso zelebrierte mit ihrer Band Fauna einen musikalischen Culturclash aus chilenischen Cueca-Melodien, Tango, Jazz und melancholischer Popmusik. Weitere bemerkenswerte Auftritte bescherten dem Festival zwei US-amerikanische Sängerinnen. Während die durch ein Zusammenarbeit mit Robert Plant von Led Zeppelin und dem Soundtrack zum Film „O Brother, Where Art Thou?“ von den Coen-Brüdern bekannt gewordene Country- und Bluegrass-Musikerin Alison Krauss mit ihrer Band Union Station ein ziemlich professionelles Sitzkonzert mit ihren Hits auf der Heidecksburg absolvierte, brachten Sallie Ford & The Sound Outside mit ihrer Indipendent-Mischung aus Rockebilly und Punk im 50th-Outfit die Massen vor der Konzertbühne im Heinepark regelrecht zum Schwitzen.

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    Ein Hauch Arabischer Frühling in Rudolstadt. Emel Mathlouthi aus Tunesien auf der Bühne der Burgterrasse.

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    Mit Sonne im Herzen gegen Regenschauer in Rudolstadt. Pascuala Ilabaca y Fauna aus Valparaiso, Chile.

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    A Woman of Constant Sorrow? Alison Krauss & Union Station rissen auf der Burg erst bei den Zugaben die Zuschauer von den Sitzen.

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    Mit 50th-Brille und Rockebilly-Punk. Sallie Ford aus Portland, Oregon.

     

    Von traditionellen Klängen, über experimentellen Folk, bis zu schräg Abgerocktem – Der Länderschwerpunkt China bewies echte Vielfalt

    Passend zum Chinesischen Kulturjahr in Deutschland stand die Musik Chinas im Fokus des 22. TFF. Eine breite Gruppe von Künstlern und Offiziellen war nach Rudolstadt angereist, mit politischen Statements hielt man sich aber allseits weitestgehend zurück. Die Wunschliste chinesischer Künstler, die die Veranstalter in China vorgelegt hatten, wurde laut Festival von den dortigen Kulturfunktionären wohlwollend abgenickt. Die Vielfalt der chinesischen Musik, verbunden mit einem Überblick über die unterschiedlichsten Volksgruppen des Landes, nur annähernd in einem Festival abzubilden, ist mit Sicherheit fast unmöglich. Den Veranstaltern ist mit ihrer Auswahl aber tatsächlich ein bemerkenswerter Überblick gelungen. Dank der beratenden Unterstützung des Komponisten moderner Kunst-Musik und China-Experten Robert Zollitzsch standen klassische neben unabhängiger chinesischer Musik, die Tradition der Kun-Oper neben der Musik der Uiguren und Gesänge der tibetischen Tashi Lhunpo-Mönche neben einem authentischen Chor aus Shanghai auf den vielen Bühnen des 22. TFF. Der Ehemann der nicht nur in China berühmte Sängerin Gong Linna, die bereits zum zweiten Mal in Rudolstadt weilte, hielt auch Vorträge und Workshops zur chinesischen Musik, seine sogenannten Sketches Of China, in der Stadtbilbliothek ab. Unbedingt hervorzuheben sind aber auf jeden Fall die Auftritte der nicht nur wegen ihres Outfits schrägsten Rockband Chinas Er Shou Mei Gui und des Experimentalfolk-Sängers Xiao He, der in zwei Konzerten seine extreme Wandelbarkeit vorstellen konnte.

    tff-kirche3.jpg Ein akustischer Soundtüftler, Loop für Loop mit Gitarre und Stimme. Der experimentierfreudige Xiao He beim Konzert in der Stadtkirche.

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    kombinierten schräge Rockmusik mit noch schrägeren Kostümen und chinesischen Trötenklängen. Samstagabend auf der großen Bühne im Heinepark.

    Am Rande des Festivals aber nicht im Abseits – Was sonst noch passierte

    Neben den großen Namen des Festivals, am Rande aber trotzdem immer mittendrin, waren auch diesmal wieder zahllose Straßenmusikanten in Aktion, gab es munteres Treiben in der Stadt bei Handwerkermarkt, Musik- und Tanzworkshops sowie Kinderbespaßung mit chinesischem Drachenfest im Heinepark. Das Publikum war wie immer begeistert mit dabei.

    tff_stramu2.jpg Die Stars der Stramu

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    Spanische Gitarren begeisterten im musikalischen Wettstreit am Güntherbrunnen.

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    Drachen bestimmten nicht nur im Park das Festivalgeschehen.

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    Wohin mit den lieben Kleinen? Ab in den Kochtopf zum Beispiel. Aber auch ansonsten gab es für Hungrige überall ordentlich was zu beißen.

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    Die Bauernhäuser im Heinepark luden in diesem Jahr erstmalig zum Verweilen bei Musik und Wein.

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    Und wem das alles zu viel war, der konnte sich auch einfach mal nur zum Chillen auf die Wiese vor dem Schallhaus legen.

    This land is your land – Politische Songs auf dem TFF

    Neben Hannes Wader war das Programm des TFF 2012 noch mit weiteren Klassikers des Politischen Folk- und Popsongs angereichert. Groß gefeiert wird ja in diesem Jahr der 100ste Geburtstag des mit Sicherheit bekanntesten US-amerikanischen Folksängers und größten Hobos „From California, to the New York Island“ Woody Guthrie, ein Vorbild für viel moderne Folk- und Countrymusiker heute. Da wollte das TFF auch nicht nachstehen und hat gleich ein ganzes Musical über den Singer-Songwriter nach Rudolstadt geladen. Nach einer Kolumne, die Woody Guthrie in den 1940er Jahren für eine kommunistischen Zeitung in den USA schrieb, haben die vier Musiker um den Banjospieler David Miller Lutken ihr Projekt „Woody Sez“ benannt. Nach einer Aufführung am Freitag im Landestheater gaben sie auch noch ein Konzert am Samstagnachmittag auf der Bühne der Burgterrasse. Und die Band bewies nicht nur mit dem „Jolly Banker“ Witz und Aktualität von Woody Guthries Songs. Natürlich performten sie mit viel Spielfreude auch den Klassiker „This land is your land“ zum Mitsingen für das begeisterte Publikum.

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    Woody Sez auf der Burgterrasse

    Richtig Rebellisch wurde es dann noch am frühen Sonntagabend, auch wenn die bekannte britische Agit-Pop-Band Chumbawamba nur einen ihrer sogenannten akustischen Sets absolvierte. Die Band hatte eine kleine Odyssee per Eisenbahn hinter sich und durfte auf der Konzertbühne im Heinepark gleich Bekanntschaft mit der vorbeirauschenden Thüringer Regionalbahn machen. Mit viel Humor und einem sächsischen Johnny-Cash-Auftritt aus dem Publikum verbreiteten die Chumbas wie immer eine bomben Stimmung, auch ohne ihren Superhit „Timebomb“. Dafür hatten sie „Enough Is Enough“, „Homophobia“ und natürlich ihre Hymne „The day the Nazi died“ im Gepäck. Sie sangen einige ihrer englischen Rebelsongs und glänzten auch mit etwas Dada. Das Chumbawamba im Laufe der Zeit an Schärfe und Witz nichts eingebüßt haben, bewiesen sie mit einigen ihrer neueren Songs, wie „Torturing James Hetfield“, einem Spottsong über den Sänger von Metallica, der sich stolz darüber äußerte, dass die Musik der Band bei Verhören von arabischen Häftlingen in Guantanamo benutzt wurde. „James James James, Just give us names names names!“ Oder passend zum derzeitigen Streit, ob man Wagner in Israel aufführen kann, spielten sie den Song „Wagner at the opera” über einen Auschwitzüberlebenden der 2000 ein Aufführung des Siegfried-Idylls in einer Kleinstadt nahe Tel Aviv mit einer Fußballrassel gestört hatte. Die Band präsentierte ihre Songs wie immer mit viel Ironie und hatte sichtlich Spaß zusammen mit dem Publikum. Trotzdem geht nun die Ära der Chumbas, wie die Band auf ihrer Website bekannt gegeben hat, nach 30 Jahren voller Ideen, Melodien, endlosen Meetings und Tourneen zu Ende. Das Konzert in Rudolstadt war dann auch leider der einzigste Deutschlandauftritt auf ihrer letzten Tour. Bye, Bye, Bye Chumbawamba.

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    Die britischen Pop-Rebellen Chumbawamba im Heinepark

    Ein durchaus rebellischer „Gentleman“ beendete dann im Anschluss auf der großen Parkbühne das 22. TFF in Rudolstadt. Der sogar in Jamaika anerkannte Reggae- und Dancehall-Musiker Tilmann Otto aus Köln hat zwar das R aus dem Bandnamen The Evolution gestrichen, gerierte sich aber trotzdem als großer Einpeitscher der jugendlichen Revolte. Seine Free-Tibet-Rufe durchzuckten noch einmal wie Blitze den Rudolstädter Heinepark. Ob dabei ein Reissack in China umgefallen ist, dürfte dem ausgelassen tanzenden Publikum letztendlich aber ziemlich egal gewesen sein. Auf jeden Fall kann das Festival auch diesmal wieder als voller Erfolg verbucht werden, obwohl die 90.000 Zuschauer des letzten Jahres nicht getoppt werden konnten. Mit 85.000 waren es aber immer noch mehr als genug und die Verlängerung auf vier Tage hat sich gottlob nicht nur positiv auf die Vielfalt des TFF ausgewirkt. Das 23. TFF in Rudolstadt findet vom 04.-07.Juli 2013 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Italien, und das Magische Instrument wird uns die Flötentöne beibringen.

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    Diversität herrschte wie immer auf allen Bühnen des TFF.

    Fotos: St. B.

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