___

Neben zwölf Spielfilmen aus immerhin 18 Koproduktionsländern, die das Rennen um die Gläserne Lubina bestreiten, ist auch in den anderen Sektionen des 26. FilmFestivals Cottbus das Programm und die Themenauswahl der FilmemachereInnen recht vielfältig. Ob Filme nach wahren Begebenheiten, sogenannte Mockumentarys oder rein Dokumentarisches, das Publikum wird gleich zu Beginn des Festivals in mehreren Beiträgen vom Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion in Bann geschlagen.
* *
Die bulgarische Regisseurin Iglika Triffonova beschäftigt sich in Der Ankläger, der Verteidiger, der Vater und sein Sohn – nach Investigation (2007), ihrem zweiten Spielfilm im Cottbusser Wettbewerb – wieder mit der wahren Geschichte eines Gerichtsprozesses. Der international breit koproduzierte Streifen handelt von einem Kriegsverbrecherprozesses vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Hier soll ein Zeuge der engagierten Anklägerin gegen einen Kommandeur der Armee der bosnischen Serben aussagen, der wegen der Erschießungen von bosnischen Muslimen in Bratunac in der Nähe von Srebrenica angeklagt ist. Die Identität des jungen Sodaten, der in einer serbischen Garde gedient hatte und in Sarajevo in Haft sitzt, ist aber zweifelhaft. Die ehrgeizige, katholische Anwältin stellt das Gesetz als Korrektiv in der Welt über alles. Sie will den serbischen Offizier, für den Bosnien nur das Land des Hasses ist, unbedingt verurteilt sehen.

Der Verteidiger findet bei seinen Nachforschungen aber die Eltern des sich als Waise ausgebenden Jungen und holt dessen Vater aus Bosnien nach Den Haag. Das Wiedererkennen der Beiden lässt das fragile Kartenhaus der Anklage vor Gericht zusammenbrechen. In den parallelen Handlungssträngen verfolgt die Regisseurin die Geschichten der Anklägerin, des Verteidigers und die von Vater und Sohn. Die Ansichten von Recht und Gesetz, Lüge, Wahrheit und Gerechtigkeit gehen dabei oft weit auseinander und ihre ganz eigenen Wege als von den Protagonisten vorhergesehen. Während die Freude der unerwarteten Familienzusammenführung bald wieder im Dschungel der Paragrafen verloren zu gehen droht und sich der Verteidiger mehr und mehr zum Anwalt von Sohn und Vater macht, erschwert auch der unüberlegte Deal der Anklägerin die Gerechtigkeit für die Opfer. Die Wahrheitsfindung erweist sich wieder mal als schweres, langwieriges Geschäft.
*
Ein System aus Angst und Misstrauen beschreibt der slowenische Regisseur Damian Kozole in seinem Wettbewerbsbeitrag Nightlife. Auch hier geht es nach einer wahren Begebenheit um einen erfolgreichen politischen Anwalt, der eines Nachts nackt und mit blutigen Hundebissen auf der Straße aufgefunden wird. Als auch noch ein großer Dildo bei dem Verletzen gefunden wird und die Polizei im Privatleben des Anwalts zu ermitteln beginnt, befürchtet seine Frau eine politische Intrige und den medialen Rufmord an ihrem Mann. Der Film verfolgt in düsteren, klaustrophoben Bildern im Krankenhaus und auf einer Polizeistation die Bemühungen der Frau, ihren Mann, der im OP mit dem Tode ringt, zu entlasten. Dabei versucht sie sogar den Notarzt zu bestechen, da sie kein Vertrauen in die schlampigen Ermittlungsmethoden der Polizei hat. Kennen wir uns wirklich, und wie kommt es zu solchen Szenarien der Angst in einer Gesellschaft – das sind die brennenden Fragen, die der Film aufwirft. Leider verliert er sich dabei mit seinen langen Kameraeinstellungen auch etwas in der Einsamkeit seiner von der bekannten slowenischen Schauspielerin Pia Zemljič dargestellten Hauptfigur.

*
Eine schräge, fiktive Dokumentation (ein sogenanntes Mockumentary) hat der slowenische Regisseur Žiga Virc mit Houston, wir haben ein Problem! gedreht. Er nutzt dabei eine in Ex-Jugoslawien verbreitete Verschwörungstheorie, Tito hätte das jugoslawische Raumfahrtprogramm in den 1960er Jahren für 2,5 Mrd. US-Dollar Entwicklungshilfe an die USA verkauft. Dafür werden fiktive Zeitzeugen, wie etwa ein ehemaliger, kroatischer Raumfahrt-Ingenieur und seine Tochter, die er damals verlassen musste, sowie ein ehemaliger serbischer Sicherheitschef aufgefahren, um diese steile These glaubhaft darzulegen. Mit jeder Menge filmischem Archivmaterial und der Hilfe von US-amerikanischer Historikern, die die Zeitzeugen zu ehemaligen unterirdischen Bunkern und Ruinen eines Testgeländes führen, entsteht ein politisches Panorama des ehemaligen Jugoslawien, das über die Zeit von 1961 bis in die 1990er Jahre und mehreren Besuchen Titos in Amerika bei US-Präsidenten wie Kennedy, Nixon, Carter und Clinton reicht.

Im klassischen Stil wird mit viel Aufwand eine Verschwörung behauptet, die die Amerikaner zur Destabilisierung Jugoslawiens angezettelt hätten, nachdem sie die Unausgereiftheit der jugoslawischen Weltraumpläne erkennen mussten. Das geht von einem Attentat an Tito in Kennedys Zeit über einen geplatzten Autodeal bis zu den Balkankriegen und der Bombardierung Serbiens durch die NATO. Und Žiga Virc inszeniert das wirklich spannend und witzig. Allerdings nimmt der Regisseur mit diesem gefakten Dokumentarfilm auch die Leichtgläubigkeit der Menschen aufs Korn. Als entlarvenden Sidekick hat er den bekannten slowenischen Philosophen Slavoj Žižek engagiert, der das Ganze in Interviews über Mythenbildung und Manipulationspraktiken spricht. Mit recht einfachen Behauptungen lassen sich so die komplexesten Vorgänge relativ schnell in Zweifel ziehen.
*
Kein Fake ist der Dokumentarfilm Transit Havanna, den Daniel Abma als Abschlussfilm für sein Regiestudium an der Filmuniversität Babelsberg vor Ort in Kuba gedreht hat. Das FilmFestival des osteuropäischen Films in Cottbus gönnt sich in diesem Jahr also einen Kuba-Fokus und begründet das mit dem politischen und wirtschaftlichen Wandel, auf dessen Weg sich Kuba seit 1995 befindet und den man durchaus mit der Transition, die viele Länder Ost- und Mitteleuropas nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre erlebt haben, vergleichen könne. Der „diskrete Charme des tropischen Sozialismus“ befindet sich als in der Transformation, was bestens zu den ProtagonistInnen des Films passt, deren Geschlecht ein Binnen-I noch nicht ausreichend klärt.

(c) Rise and Shine World Sales
Daniel Abma, der 2015 für seinen ebenfalls in Cottbus gezeigten Dokumentarfilm Nach Wriezen den Grimme-Preis erhielt, porträtiert in seinem neuen Film drei kubanische Transsexuelle. Die in der LGBT-Community sehr engagierte Malú, die sehr religiöse Odette, die früher Offizier in der kubanischen Armee war, und Juani, den älteste Transsexuellen Kubas, der seit 1970 für seine Rechte kämpft. Alle drei haben sehr mit der fehlenden Toleranz in der zumeist traditionellen oder religiös geprägten kubanischen Gesellschaft zu kämpfen. Ihnen sollen einmal im Jahr ins Land kommende, niederländische Ärzte und ein staatliches Programm, das von der Tochter des jetzigen Staatschefs Raúl Castro, Mariela Castro, und ihrem Nationalen Zentrum für sexuelle Aufklärung (CENESEX) unterstützt wird, helfen. Dabei geht es neben der Aufklärung der Familienangehörigen auch um die Information der kubanischen Bevölkerung, um die Akzeptanz für Trans-Menschen zu fördern.
Natürlich fängt die europäische Filmcrew bei ihrem Dreh auch den normalen, durch Wohnungs- und Geldnot sowie Lebensmittelrationierung geprägten Alltag auf Kuba ein. Einmal fällt mitten in einem Fernsehinterview mit Mariela Castro der Strom aus, und auch der Notstrom-Akku ist leer. In eindrucksvollen Bildern und Interviews werden die Probleme der einfachen Leute in der Stadt und auf dem Land dargestellt. Man hat gelernt sich in der Situation einzurichten, repariert vieles selbst und hofft stets auf Besserung – genau wie auf die jedes Jahr neu anstehende Entscheidung einer Kommission über die geschlechtsumwandelnde Operation. Kuba, ein Land im Wartestand zwischen sozialistischen Parolen und dem fast unaufhaltsam scheinenden Wandel. Der bereits mit mehreren Preisen bedachte Festivalrenner ist letzte Woche in den deutschen Kinos gestartet.
***
TRANSIT HAVANA | TRANSIT HAVANNA | TRANSIT HAVANA (Niederlande, Deutschland 2016, 89 min)
Regie: Daniel Abma
Kamera: Johannes Praus
Kinostart in Deutschland: 03.11.2016
—
Fazit mit Preisen des Spielfilm-Wettbewerbs folgt.
—
26. FilmFestival Cottbus
08. – 13.11.2016
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/
—
Zuerst erschienen am 11.11.2016 auf Kultura-Extra.
__________


Zum zweiten Mal schon gibt es den Russische THEATERFRÜHLING in Berlin. In diesem Jahr allerdings im trüben Spätherbst, was die Kuratorin des Festivals, Anna Sarre, mit heißer, experimenteller und aktueller Theaterkunst aus Russland wettmachen will. Und so waren und sind vom 28. Oktober bis 8. November 6 spannende, in Russland viel diskutierte Produktionen von alternativen Theaterhäusern aus der Saison 2015/16 in den Berliner Off-Spielstätten Theaterforum Kreuzberg, Theater unterm Dach und Kühlhaus am Gleisdreieck zu sehen…



















Monologfestival 2016



Ayahuasca ist ein halluzinogenes Getränk, das bei indigenen Stämmen im Amazonasgebiet von Brasilien, über Bolivien, Peru bis nach Kolumbien bei rituellen Zeremonien zur Anwendung kommt. Der Pflanzensud wird aus der Liane Banisteriopsis caapi und N,N-Dimethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchgewächses Chacruna (Psychotria viridis) gewonnen. Unter dem Namen Yagé ist es auch aus Reiseberichten des US-amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs bekannt, der Anfang der 1950er Jahre auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen dieser magischen bewusstseinserweiternden Droge in der Putumayo-Region Kolumbiens auf der Spur war. 1963 wurden die Briefe, die Burroughs in dieser Zeit an Allen Ginsberg schrieb, unter dem Titel Yage Letters (dt.: Auf der Suche nach Yage) veröffentlicht. Darin beschreibt er ziemlich bildhaft die halluzinogene Wirkung nach der Einnahme von Ayahuasca. Aber erst in einem Brief, den Allen Ginsberg 1960 an Burroughs schrieb, erfährt der Leser erstmals über das Eintreten von klaren Todesvisionen nach dem Genuss der Kombination mit Chacruna. Ginsberg schreibt: „… je öfter man Ayahuasca nimmt, desto tiefer kommt man rein – man macht eine Reise zum Mond, sieht die Toten, sieht Gott – Baumgeister – usw.“ Burroughs spricht später auch von einem „Ayahuasca-Bewußtsein“.
