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  • Wirklichkeit und Fiktion in einigen Beiträgen des recht vielfältigen Programms auf dem 26. FilmFestival Cottbus

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    Neben zwölf Spielfilmen aus immerhin 18 Koproduktionsländern, die das Rennen um die Gläserne Lubina bestreiten, ist auch in den anderen Sektionen des 26. FilmFestivals Cottbus das Programm und die Themenauswahl der FilmemachereInnen recht vielfältig. Ob Filme nach wahren Begebenheiten, sogenannte Mockumentarys oder rein Dokumentarisches, das Publikum wird gleich zu Beginn des Festivals in mehreren Beiträgen vom Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion in Bann geschlagen.

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    Die bulgarische Regisseurin Iglika Triffonova beschäftigt sich in Der Ankläger, der Verteidiger, der Vater und sein Sohn – nach Investigation (2007), ihrem zweiten Spielfilm im Cottbusser Wettbewerb – wieder mit der wahren Geschichte eines Gerichtsprozesses. Der international breit koproduzierte Streifen handelt von einem Kriegsverbrecherprozesses vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Hier soll ein Zeuge der engagierten Anklägerin gegen einen Kommandeur der Armee der bosnischen Serben aussagen, der wegen der Erschießungen von bosnischen Muslimen in Bratunac in der Nähe von Srebrenica angeklagt ist. Die Identität des jungen Sodaten, der in einer serbischen Garde gedient hatte und in Sarajevo in Haft sitzt, ist aber zweifelhaft. Die ehrgeizige, katholische Anwältin stellt das Gesetz als Korrektiv in der Welt über alles. Sie will den serbischen Offizier, für den Bosnien nur das Land des Hasses ist, unbedingt verurteilt sehen.

     

    The Prosecutor the defender the father and his Son beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) East West Filmdistribution GmbH
    The Prosecutor the defender the father and his Son beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) East West Filmdistribution GmbH

     

    Der Verteidiger findet bei seinen Nachforschungen aber die Eltern des sich als Waise ausgebenden Jungen und holt dessen Vater aus Bosnien nach Den Haag. Das Wiedererkennen der Beiden lässt das fragile Kartenhaus der Anklage vor Gericht zusammenbrechen. In den parallelen Handlungssträngen verfolgt die Regisseurin die Geschichten der Anklägerin, des Verteidigers und die von Vater und Sohn. Die Ansichten von Recht und Gesetz, Lüge, Wahrheit und Gerechtigkeit gehen dabei oft weit auseinander und ihre ganz eigenen Wege als von den Protagonisten vorhergesehen. Während die Freude der unerwarteten Familienzusammenführung bald wieder im Dschungel der Paragrafen verloren zu gehen droht und sich der Verteidiger mehr und mehr zum Anwalt von Sohn und Vater macht, erschwert auch der unüberlegte Deal der Anklägerin die Gerechtigkeit für die Opfer. Die Wahrheitsfindung erweist sich wieder mal als schweres, langwieriges Geschäft.

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    Ein System aus Angst und Misstrauen beschreibt der slowenische Regisseur Damian Kozole in seinem Wettbewerbsbeitrag Nightlife. Auch hier geht es nach einer wahren Begebenheit um einen erfolgreichen politischen Anwalt, der eines Nachts nackt und mit blutigen Hundebissen auf der Straße aufgefunden wird. Als auch noch ein großer Dildo bei dem Verletzen gefunden wird und die Polizei im Privatleben des Anwalts zu ermitteln beginnt, befürchtet seine Frau eine politische Intrige und den medialen Rufmord an ihrem Mann. Der Film verfolgt in düsteren, klaustrophoben Bildern im Krankenhaus und auf einer Polizeistation die Bemühungen der Frau, ihren Mann, der im OP mit dem Tode ringt, zu entlasten. Dabei versucht sie sogar den Notarzt zu bestechen, da sie kein Vertrauen in die schlampigen Ermittlungsmethoden der Polizei hat. Kennen wir uns wirklich, und wie kommt es zu solchen Szenarien der Angst in einer Gesellschaft – das sind die brennenden Fragen, die der Film aufwirft. Leider verliert er sich dabei mit seinen langen Kameraeinstellungen auch etwas in der Einsamkeit seiner von der bekannten slowenischen Schauspielerin Pia Zemljič dargestellten Hauptfigur.

     

    Nightlife beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Vertigo
    Nightlife beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) Vertigo

     

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    Eine schräge, fiktive Dokumentation (ein sogenanntes Mockumentary) hat der slowenische Regisseur Žiga Virc mit Houston, wir haben ein Problem! gedreht. Er nutzt dabei eine in Ex-Jugoslawien verbreitete Verschwörungstheorie, Tito hätte das jugoslawische Raumfahrtprogramm in den 1960er Jahren für 2,5 Mrd. US-Dollar Entwicklungshilfe an die USA verkauft. Dafür werden fiktive Zeitzeugen, wie etwa ein ehemaliger, kroatischer Raumfahrt-Ingenieur und seine Tochter, die er damals verlassen musste, sowie ein ehemaliger serbischer Sicherheitschef aufgefahren, um diese steile These glaubhaft darzulegen. Mit jeder Menge filmischem Archivmaterial und der Hilfe von US-amerikanischer Historikern, die die Zeitzeugen zu ehemaligen unterirdischen Bunkern und Ruinen eines Testgeländes führen, entsteht ein politisches Panorama des ehemaligen Jugoslawien, das über die Zeit von 1961 bis in die 1990er Jahre und mehreren Besuchen Titos in Amerika bei US-Präsidenten wie Kennedy, Nixon, Carter und Clinton reicht.

     

    Houston, wir haben ein Problem! beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Catdocs
    Houston, wir haben ein Problem! beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) Catdocs

     

    Im klassischen Stil wird mit viel Aufwand eine Verschwörung behauptet, die die Amerikaner zur Destabilisierung Jugoslawiens angezettelt hätten, nachdem sie die Unausgereiftheit der jugoslawischen Weltraumpläne erkennen mussten. Das geht von einem Attentat an Tito in Kennedys Zeit über einen geplatzten Autodeal bis zu den Balkankriegen und der Bombardierung Serbiens durch die NATO. Und Žiga Virc inszeniert das wirklich spannend und witzig. Allerdings nimmt der Regisseur mit diesem gefakten Dokumentarfilm auch die Leichtgläubigkeit der Menschen aufs Korn. Als entlarvenden Sidekick hat er den bekannten slowenischen Philosophen Slavoj Žižek engagiert, der das Ganze in Interviews über Mythenbildung und Manipulationspraktiken spricht. Mit recht einfachen Behauptungen lassen sich so die komplexesten Vorgänge relativ schnell in Zweifel ziehen.

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    Kein Fake ist der Dokumentarfilm Transit Havanna, den Daniel Abma als Abschlussfilm für sein Regiestudium an der Filmuniversität Babelsberg vor Ort in Kuba gedreht hat. Das FilmFestival des osteuropäischen Films in Cottbus gönnt sich in diesem Jahr also einen Kuba-Fokus und begründet das mit dem politischen und wirtschaftlichen Wandel, auf dessen Weg sich Kuba seit 1995 befindet und den man durchaus mit der Transition, die viele Länder Ost- und Mitteleuropas nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre erlebt haben, vergleichen könne. Der „diskrete Charme des tropischen Sozialismus“ befindet sich als in der Transformation, was bestens zu den ProtagonistInnen des Films passt, deren Geschlecht ein Binnen-I noch nicht ausreichend klärt.

     

    Transit Havanna beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Rise and Shine World Sales
    Transit Havanna beim 26. FilmFestival Cottbus
    (c) Rise and Shine World Sales

     

    Daniel Abma, der 2015 für seinen ebenfalls in Cottbus gezeigten Dokumentarfilm Nach Wriezen den Grimme-Preis erhielt, porträtiert in seinem neuen Film drei kubanische Transsexuelle. Die in der LGBT-Community sehr engagierte Malú, die sehr religiöse Odette, die früher Offizier in der kubanischen Armee war, und Juani, den älteste Transsexuellen Kubas, der seit 1970 für seine Rechte kämpft. Alle drei haben sehr mit der fehlenden Toleranz in der zumeist traditionellen oder religiös geprägten kubanischen Gesellschaft zu kämpfen. Ihnen sollen einmal im Jahr ins Land kommende, niederländische Ärzte und ein staatliches Programm, das von der Tochter des jetzigen Staatschefs Raúl Castro, Mariela Castro, und ihrem Nationalen Zentrum für sexuelle Aufklärung (CENESEX) unterstützt wird, helfen. Dabei geht es neben der Aufklärung der Familienangehörigen auch um die Information der kubanischen Bevölkerung, um die Akzeptanz für Trans-Menschen zu fördern.

    Natürlich fängt die europäische Filmcrew bei ihrem Dreh auch den normalen, durch Wohnungs- und Geldnot sowie Lebensmittelrationierung geprägten Alltag auf Kuba ein. Einmal fällt mitten in einem Fernsehinterview mit Mariela Castro der Strom aus, und auch der Notstrom-Akku ist leer. In eindrucksvollen Bildern und Interviews werden die Probleme der einfachen Leute in der Stadt und auf dem Land dargestellt. Man hat gelernt sich in der Situation einzurichten, repariert vieles selbst und hofft stets auf Besserung – genau wie auf die jedes Jahr neu anstehende Entscheidung einer Kommission über die geschlechtsumwandelnde Operation. Kuba, ein Land im Wartestand zwischen sozialistischen Parolen und dem fast unaufhaltsam scheinenden Wandel. Der bereits mit mehreren Preisen bedachte Festivalrenner ist letzte Woche in den deutschen Kinos gestartet.

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    TRANSIT HAVANA | TRANSIT HAVANNA | TRANSIT HAVANA (Niederlande, Deutschland 2016, 89 min)
    Regie: Daniel Abma
    Kamera: Johannes Praus
    Kinostart in Deutschland: 03.11.2016

    Fazit mit Preisen des Spielfilm-Wettbewerbs folgt.

    26. FilmFestival Cottbus
    08. – 13.11.2016
    Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

    Zuerst erschienen am 11.11.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Get lost in November – Am Maxim Gorki Theater bringen 5 Performer mit Migrationshintergrund eine musikalische Winterreise durch das Berlin der Heimatlosen auf die Bühne des Studio Я

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    Get lost in November am Maxim Gorki Theater - Foto (c) Esra Rotthoff
    Get lost in November im Studio Я des Maxim Gorki Theaters – Foto (c) Esra Rotthoff

    Die Tage werden wieder kürzer und das schmuddelige Novemberwetter schlägt einem aufs Gemüt. „Oh, it’s a long, long while from May to December / But the days grow short when you reach September” heißt es im Septembersong von Maxwell Anderson, 1938 zur Musik des deutschen Komponisten und Emigranten Kurt Weill in New York geschrieben. „And the days dwindle down to a precious few / September, November…“ – und den haben wir ja nun schon ein paar schwindende Tage lang mit all seinen Widrigkeiten und herzlich wenigen Glücksmomenten. Zeit für Melancholiker also.

    Bevor man sich jedoch gänzlich im Novemberblues verliert, sich seiner Trauer über das Ende der Volksbühne hingibt (oder was einen sonst noch so für Zipperlein plagen), kann man auch ins Gorki-Studio gehen und sich ansehen, wie zwei andere deutsche Meister des melancholischen Trübsinns und der inneren Einkehr ein Ensemble von 5 Performern mit Migrationshintergrund zu einer Neuinterpretation inspiriert haben. Die Produktion Get lost in November beschäftigt sich aus Sicht von aus den verschiedensten Gründen heimatlos Gewordener, die nun eine neue Heimat in Berlin suchen, mit dem weltbekannten Liederzyklus Winterreise, für den Franz Schubert im Jahr 1827 24 Gedichte des deutschen Romantikers Wilhelm Müller vertonte.

    Nun ist die Winterreise ja eine der Bastionen des klassischen Liedgesangs und wird traditionell zumeist von einem Bariton mit Klavierbegleitung intoniert. Im Studio Я beginnt dann auch die im Iran geborene Schauspielerin Elmira Bahrami in glockenhellem Mezzo-Sopran das erste Lied des Zyklus („Fremd bin ich eingezogen…“) zur Begleitung des französischen Pianisten und Komponisten François Regis zu singen. Sie bricht aber mittendrin ab, denn das Lied kenne doch schließlich jeder. Wie um die erste Unsicherheit zu überbrücken, erzählt dann François Regis die Geschichte seines musikalischen Werdegangs in Paris und der Übersiedlung nach Berlin.

    Und so sind es letztendlich die ganz persönlichen Geschichten der Performer, die hier den Rahmen für ihre Interpretation der Müller’schen Texte zu neuen Arrangements von Schuberts Kompositionen bilden. Als weiteres, großes Gesangs- und Performance-Talent erweist sich da der türkisch-stämmige Schauspieler Hasan Taşgın, der ein ums andere Mal seine orientalisch angehauchten Versionen von Liedern wie Gefrorne Tränen oder Einsamkeit anstimmt. Das ist arabeske Popmusik vom Feinsten, mit ihrem rhythmisch vibrierenden Herz-Schmerz-Sound, der aber nie sentimental verkitsch wirkt. Zusammen mit Elmira Bahrami gibt es zu den Nebensonnen sogar ein kleines Liebesduett.

     

    Nach der Premiere von Get lost in November im Studio Я - Foto (c) Stefan Bock
    Nach der Premiere von Get lost in November im Studio Я – Foto (c) Stefan Bock

     

    Aber Einsamkeit und Tod lassen sich aus der Winterreise nicht ganz verbannen. Hasan Taşgın berichtet vom Einzug in seine neue Wohnung in Berlin mit einer fremdenfeindlichen „Nazi-Oma“ in der Nachbarschaft, die ihn schließlich ganz gerührt zu umsorgen beginnt, nachdem er der einsamen Frau eine kleine Geburtstagstorte geschenkt hatte. „Die unbarmherz’ge Schenke“ im Lied Das Wirtshaus ist hier eine Altberliner Eckkneipe, in der es keinen Platz für müde, fremde Wandrer gibt. Elmira Bahrami erzählt Kindheitserinnerungen und von der Sehnsucht eines alten Taxifahrers nach der Heimat, die immer auch da ist, wo man begraben wird. Zum Leiermann hören wir den ehemaligen Kämpfer einer iranischen Untergrundorganisation, der heute nur noch für seine Frau sterben würde.

    Aus dem Stimmungstief zieht einen dann zwischenzeitlich wieder der aus einigen Gorki-Produktionen bekannte türkisch-deutsche Rapper Volkan T., der ansonsten im Hintergrund am Mischpult sampelt, scratch, oder Bağlama spielt und eine tolle Hip-Hop-Version mit eigenem Text zum Lied Der Wegweiser auf die Bühne legt. Der Videokünstler Guillaume Cailleau wirft dazu Bilder von Berliner Plätzen auf die mit weißen Kisten ausstaffierte Rückwand. Trotz depressiver Winterstimmung ist Weiß auch die Grundfarbe des Abends. Ein musikalischer Lichtblick im dunklen Monat November.

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    GET LOST IN NOVEMBER (Studio Я, 05.11.2016)
    nach Franz Schuberts Vertonung von Wilhelm Müllers Gedichtzyklus Winterreise
    Von und mit: Elmira Bahrami, Guillaume Cailleau, François Regis, Volkan T. und Hasan Taşgın
    Videos: Guillaume Cailleau
    Bühne und Kostüme: Shahrzad Rahmani
    Dramaturgie: Necati Öziri
    Premiere am Maxim Gorki Theater war 5. November 2016
    Weitere Termine: 8., 9. 12. 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

    Zuerst erschienen am 07.11.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Aktuelles, unabhängiges russisches Theater beim Russischen Theaterfrühling 2016 im Berliner Herbst

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    russischer-theaterfruehling_plakatZum zweiten Mal schon gibt es den Russische THEATERFRÜHLING in Berlin. In diesem Jahr allerdings im trüben Spätherbst, was die Kuratorin des Festivals, Anna Sarre, mit heißer, experimenteller und aktueller Theaterkunst aus Russland wettmachen will. Und so waren und sind vom 28. Oktober bis 8. November 6 spannende, in Russland viel diskutierte Produktionen von alternativen Theaterhäusern aus der Saison 2015/16 in den Berliner Off-Spielstätten Theaterforum Kreuzberg, Theater unterm Dach und Kühlhaus am Gleisdreieck zu sehen…

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    24+ vom Teatr.doc aus Moskau und Der Brodsky-Prozess vom Theaterprojekt Offene Szene St. Petersburg

    Seit einigen Jahren von der Schließung und anderen staatlichen Repressionen bedroht, ist das kleine Moskauer Teatr.doc immer mal wieder in den hiesigen Kultur-Schlagzeilen vertreten. Die mit einer Satire über Kremlchef Wladimir Putin oder einem gesellschaftskritischen Stück über das Geiseldrama in Beslan politisch sehr aktive, unabhängig und nicht-kommerziell produzierende Dokumentartheaterbühne zeigt auch in diesem Jahr beim Russischen Theaterfrühling wieder ein bereits beim renommierten Theaterfestival „Goldene Maske“ gelaufenes Stück, das für viele Diskussionen in der Theatersaison 2015 gesorgt hat. Regisseur Michael Ugarow, künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Theaters, wollte zum Festival nach Berlin kommen, wurde aber an der Grenzkontrolle in Moskau abgewiesen und an der Ausreise nach Deutschland gehindert. Genaue Hintergründe dieses Verbots sind allerdings noch nicht bekannt.

    Im Stück 24+ sprechen 5 junge russische Twenty-Somethings über ihre Paarbeziehungen. Die sexuellen Beichten eines Ehepaars über ihre Leidenschaften, verschiedene Formen der Eifersucht und des Fremdgehens werden ergänzt durch die ausschweifenden Berichte des jüngeren Liebhabers der Frau, einer weiteren Freundin und Geliebten sowie der Ex des Mannes. Das mit Meisterschülern der Moskauer Schule für Neues Kino besetzte Ensemble spricht abwechselnd die selbst erarbeiteten, zum Teil autobiografischen Monologe mal stehend, mal auf Stühlen sitzend frontal ins Publikum. Die recht offen vorgetragenen Geschichten vom Kennenlernen, über den ersten Sex und Beziehungsstress bis zum Liebeskummer nach der Trennung wirken dabei recht authentisch und wie frisch improvisiert.

     

    24+ - (c) teatr.doc
    24+(c) teatr.doc

     

    Aber so wie die beiden männlichen Kontrahenten zunächst noch in ihrem Machogehabe und den nicht ausbleibenden Schwanzvergleichen festhängen, kommt leider auch das spielerische Element in dieser recht einseitigen Darstellungsweise nicht richtig von der Stelle. Man kommt sich mit der Zeit ein wenig wie bei einer Gruppensitzung beim Paartherapeuten vor. Bevor die Sache allerdings zu sehr ins Depressive umschlägt, lassen das Ehepaar in der Krise und der Liebhaber der Frau die Hüllen fallen und steigen zur gemeinsamen Ménage à trois ins große Doppelbett auf der kleinen Bühne im Theaterforum Kreuzberg. Während das starke Geschlecht noch darüber nachdenkt, was ein Mann ist, sieht die Frau schon einer neuen, beruflichen Karriere entgegen. Man denkt sogar über eine neue Weltordnung ohne den leidigen Wettbewerb nach.

    Wie jede schöne Utopie scheitert aber auch dieses interessante Beziehungsexperiment an zu hohen Ansprüchen und dem hierarchischen Besitzdenken der Beteiligten. Der jugendliche Liebhaber flieht und macht sich mit dem Zug auf eine Selbsterfahrungsreise nach Sibirien, während ihm der daheimgebliebene Rest sehnsuchtsvoll den Anrufbeantworter vollquatscht. Zumindest ein Anfang für Neues scheint gemacht. Was in der neuen Prüderie Russlands sicher ein Aufreger par excellence ist, kann hier allerdings in dieser Beziehung nicht so recht punkten. Wirklich langweilig wird es Dank des engagiert spielenden Ensembles trotz der fast zwei Stunden Dauer aber nie.

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    Um die unbedingte Liebe und Leidenschaft zur Kunst geht es in dem Stück Der Brodsky-Prozess, das das Theaterprojekt Offene Szene St. Petersburg im Berliner Theater unterm Dach aufführte. „Am Ende wird uns die Kunst das Wichtigste gewesen sein“, sagte der jüdisch-russische Dichter und spätere Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky (1940-1996) in seinem letzten Interview. Da lebte er fast schon 25 Jahre im Westen, die meiste Zeit davon in den USA. Als Juden, russischen Dichter und amerikanischen Staatsbürger bezeichnet sich Brodsky im nicht ganz freiwilligen Exil. Als Schriftsteller wollte er sich durch kein politisches System definieren lassen. Mit dieser Einstellung bekam der im damaligen Leningrad geborene Lyriker bereits Anfang der 1960er Jahre Schwierigkeiten mit dem sowjetischen Staat. Man stellte Brodsky 1964 als „Müßiggänger“ und „Parasiten“ vors Gericht und verurteilte ihn zu 5 Jahren Zwangsarbeit, von denen er allerdings nach internationalen Protesten nur 18 Monate ableisten musste. 1971 wurde Joseph Brodsky aus der Sowjetunion ausgebürgert. Die hanebüchenen Prozessakten waren Grundlage für das Theaterstück.

     

    Der Brodsky-Prozess - (c) openstage.spb
    Der Brodsky-Prozess (c) openstage.spb

     

    Und so stellt das 7köpfige Ensemble aus St. Petersburg diesen Prozess auch nicht realistisch nach, sondern als geschminkte Clowns in einer bunten Hochzeits-Farce. Brodsky ist beileibe kein russischer Biermann. Seine Lyrik ist eher an Rilke, dem US-amerikanische Dichter W. H. Auden, oder seinen russischen Vorbildern Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa geschult. Man bezeichnete ihn auch als „poetischen Mystiker“. Wegen seiner immer ein wenig düster melancholisch, in verrätselten Metaphern geschriebenen Lyrik, wurde Brodsky 1961 in einem abwertend mit Literatur-Drohne überschriebenen Artikel der Zeitung Vecerni Leningrad der Dekadenz und des Formalismus bezichtig.

    Die Schauspieler sitzen um einen Tisch herum und lesen aus diesem Artikel vor. Sein Lebenswandel mit angeblich zwielichtigen Freunden wird dabei scharf kritisiert. Wegen seiner häufig wechselnden Gelegenheitsjobs, mit denen sich der Dichter durchschlagen muss, wirft man ihm Schmarotzertum vor. Dagegen werden immer wieder wechselnd Texte und Dichtungen aus dem frühen Werk Brodskys vorgetragen. Etwa so bekannte Gedichte wie The Jewish cemetery near Leningrad; Fishes in winter oder Geh nicht aus dem Zimmer. Immer noch sind nicht alle seine Gedichte ins Deutsche übersetzt.

    Der eigentliche Prozess vollzieht sich mit reichlich Wodka, einer betrunkenen Richterin im Hochzeitskleid und den Ausführungen von Zeugen der Anklage und einigen Befürwortern Brodskys als feuchtfröhliche Clownerie. Eindrucksvoll ist dabei die eigen Verteidigung des Dichters, dem man abspricht, Werte zur Entwicklung der sowjetische Gesellschaft zu schaffen, und der sich dafür rechtfertigen muss, wer ihn denn als Dichter berufen habe. „Und wer hat mich ins Menschengeschlecht eingereiht“, ist seine Antwort. Schließlich wird Brodsky, der hier keine feste Rollenzuschreibung hat und von allen mal dargestellt wird, abgesprochen, ein nützlicher Bürger zu sein. Das Urteil steht fest. In Zeiten, da die Kunst ihren Sinn und Nutzen wieder rechtfertigen muss und unbequemes Denken verdächtig ist, kann man nicht oft genug auf die Vergangenheit verweisen.

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    24+ (Theaterforum Kreuzberg, 31.10.2016)
    Von Michael Ugarow, Maksim Kurotschkin
    Synchronübersetzung von Alexej Kharetdinov
    Regie: Michael Ugarow, Alexej Schirjakov
    Mit: Anton Iljin, Alexej Ljubimow, Anastasia Slonina, Nikolaj Mulakow, Marina Ganach, Lisa Witkowskaja und Daria Baschkirowa
    Teatr.doc Moskau, 2015

    DER BRODSKY-PROZESS (Theater unterm Dach, 01.11.2016)
    Regie: Denis Schibaew
    Künstlerin/Ausstattung: Ekaterina Nikitina
    Mit: Alexej Sabegin, Wladimir Antipow, Wera Paranitschewa, Karina Medwedewa, Daria Stepanowa, Wadim Frantschuk, Walerij Stepanow und Andrej Panin
    Offene Szene St. Petersburg, 2015

    Zuerst erschienen am 04.11.2016 auf Kultura-Extra.

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    Sascha, bring den Müll raus – Ein russisch-ukrainisches Theaterprojekt beim Russischen THEATEFRÜHLING in Berlin

    Auch ganz neue Locations kann man beim diesjährigen RUSSISCHEN THEATEFRÜHLING im Berliner Herbst kennenlernen. So lädt das Kühlhaus am Gleisdreieck zur Theaterpremiere auf eine Baustelle in ein Gebäude in der Luckenwalder Straße gleich neben der Station Berlin, die sonst die abc-Kunstmesse der Berlin Art Week beheimatet. Mit einem Aufzug geht es in den 5. Stock, wo das Meyerhold-Zentrum Moskau mit dem 2015 entstandenen Stück Sascha, bring den Müll raus gastiert. Und damit ist nicht etwa der Baustellendreck der ansonsten recht blank gefegten Fabriketage gemeint.

     

    Sascha, bring den Müll raus - (c) Meyerhold-Zentrum
    Sascha, bring den Müll raus(c) Meyerhold-Zentrum

     

    Das Stück entstand in einer Zusammenarbeit der bekannten ukrainischen Autorin Natalija Woroschbit mit dem russischen Regisseurs Wiktor Ryschakow. Es liegt auch bereits in deutscher Übersetzung vor und wurde im Mai 2016 beim Festival „Wilder Osten“ mit dem Themenschwerpunkt „Ereignis Ukraine“ im Theater Magdeburg szenisch gelesen. Eine Möglichkeit des Nachspielens auf deutschsprachigen Theaterbühnen bestünde also. Die russische Erstaufführung des Moskauer Meyerhold-Zentrums vermittelt da als ziemlich gelungene Inszenierung einen recht guten Eindruck.

    Sascha (Alexander Userdin) ist ein Oberst der ukrainischen Armee und stirbt zu Beginn des Stücks ganz unheldisch an einem Herzanfall im heimischen Bad. Seine Frau Katja (Swetlana Iwanowa-Sergeewa) und die hochschwangere Tochter Oksana (Inna Suchoretskaja) sitzen in der Küche, trauern über den Verlust und erinnern sich jede auf ihre Weise an den geliebten Mann oder Vater, der die Stieftochter wegen ihres freien Lebenswandels auch mal gegen die Verwandtschaft verteidigt hat. Beide verklären ihr Bild von Sascha und bitten ihn, er möge doch zu ihnen zurückkehren, was dieser aber, außerhalb der Szene hinter der Zuschauertribüne stehend, verneint.

    Sehr sparsam ist das Setting mit zwei Stühlen an einer kahlen Klinkerwand, an die das gezeichnete Kücheninventar mit einem Videobeamer geworfen wird. Das wechselt dann nach einem Jahr, wenn Mutter und Tochter auf dem Friedhof vor dem Grab Saschas weiter in Erinnerungen schwelgen und ihn in einem Fremden zu erkennen glauben. Tatsächlich erscheint Sascha dann aber mit Beginn der Mobilmachung wegen des Kriegsausbruchs in der Ostukraine und kehrt plötzlich den Helden und Beschützer des Vaterlands, der sich ans seinen Eid gebunden fühlt, heraus. Nur wollen ihn die Frauen nicht verabschieden, um ihn dann wieder an den Tod zu verlieren. Die Frauen verweigern sich dem aufopferndem Heldentum, und leben einfach ihr Leben ohne den Mann weiter.

    So sparsam das parabelhafte Stück in seinem mal erzählenden, mal dialogisch angelegten Text ist, so feinfühlig nähert sich die Inszenierung auch den drei Charakteren. Die Familie als kleinste Zelle der Menschlichkeit und des Strebens nach Glück, aber auch anfällig für Patriotismus und Fanatismus, in die der Krieg einen Keil treibt. Zum Schluss erklingt dazu der Scorpions-Hit Wind Of Change, einst das Lied des Liebespaars Sascha und Katja, die sich damit an einen gemeinsamen Sommer auf der Krim erinnert. Einerseits Ausdruck persönlichen Glücks und Zeichen für grenzenlose Freiheit (die Berliner Mauer fällt im Hintergrund), andererseits aber auch eine Hymne der Zeitenwende am Beginn des Zerfalls der Sowjetunion, an deren Erbe man nun in Russland und der Ukraine trägt.

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    Sascha, bring den Müll raus (Kühlhaus, 03.11.2016)
    (Sascha, vynesi musor)
    Text und Dramaturgie: Natalja Woroschbit
    Regie: Wiktor Ryschakow
    Ausstattung: Olga Nikitina
    Mit: Swetlana Iwanowa-Sergeewa, Inna Suchoretskaja, Alexander Userdin
    Meyerhold-Zentrum Moskau, 2015

    Infos: https://www.facebook.com/Theaterfruehling

    Weitere Infos siehe auch: http://www.mediaost.de/aktuelles/

    Zuerst erschienen am 05.11.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Rene Pollesch feiert mit den „Drei Amigos“ Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke einen Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs – Teil 1: Ich spreche zu den Wänden, Teil 2: Es beginnt erst bei Drei

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    Im langen Abschiedsreigen der Volksbühnenregisseure [den Anfang machte im September Christoph Marthaler mit Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter] wartet nun Diskurstheatermacher René Pollesch noch mit einer Abhandlung über die Serie auf. Zunächst in zwei Teilen, aber mit der netten Androhung: „Es beginnt erst bei Drei“. In voller Länge nennt sich das neue Stück dann: Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs. Und bis auf den Titel, der dem Gesetz der Serie folgend bei René Pollesch immer auch ein Bandwurm ist, fasst sich der Meister dann inhaltlich doch recht kurz. In einem Abend als Diskurs-Package genossen, verbringt man lediglich 3 Stunden inklusive Pause in der Volksbühne, um die als Ort und das Genießen es dann auch im Großen und Ganzen geht.

     

    volksbuehnendiskurs_volksbuehne_oktober-2016
    Über die Serie und Reflexionsbude – Der Volksbühnen-Diskurs von René Pollesch – Foto: St. B.

     

    Dabei gibt es wie immer auch einen zumindest angedeuteten theoretischen Diskurshintergrund, den hier u.a. der Philosoph Alain Badiou mit seiner Theorie des Subjekts, der Psychoanalytiker Jacques Lacan mit seinem Essay Ich spreche zu den Wänden. Gespräche aus der Kapelle Saint-Anne bilden. Beide sind alte Bekannte im Diskursuniversum von Renè Pollesch. Als grobes Handlungsgerüst hat sich der Autor und Regisseur gleich bei drei US-amerikanischen Genre-Filmkomödien bedient: den Body-Komödien Husbands von John Cassavetes und Hangover von Todd Phillips sowie der Western-Parodie ¡Drei Amigos! von John Landis, aus denen hier auch hin und wieder zitiert wird.

    Drei Filmkomödien also mit drei Kumpel-Typen, die nichts auslassen, um sich lächerlich zu machen. Dem Seriengedanken und mit der magischen Zahl drei stehen hier die drei altgedienten Volksbühnen-Schauspieler Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke in roten Flanell-Unterwäsche-Bodies und großen Cowboyhüten als Dreieinigkeit der Peinlichkeit gegenüber. Dazu noch, wie sie feststellen, ins falsche Bretterbuden-Bühnenbild hineingehoben, ohne echten Plan, was sie hier sollen.

    Daraus machen sie dann allerdings das Beste, was seit langem an Komik und Diskurs-(Un)Sinn bei René Pollesch zu sehen und zu hören war. So arbeitet man sich am schönen Wuttke-Satz: „Du, ich fand dich ganz toll, aber ich hab nichts verstanden.“ ab, oder der Theorie des Nichtverstehens der sprechenden Person als Symptom. Die drei wirbeln dabei über die Bühne, bilden Zweier- und Dreikonstellationen oder nehmen sich wechselnd in die Mitte. Was ist das nur, das Einzelindividuum und das Kollektiv? Was ein Arbeiter ist, weiß man ja, aber was zwei Arbeiter sind, da wird es kompliziert. Fazit: Ein Dienstleister mit Klassenbewusstsein kann nicht mehr nice sein.

     

    Volksbühnenschaukasten (c) LSD - Foto: St. B.
    Volksbühnenschaukasten ( Bild (c) LSD / Lenore Blievernicht) zum Volksbühnen-DiskursFoto: St. B.

     

    Im Grunde genommen geht es aber um die Volksbühne als physischen Ort, den man nicht so einfach mitnehmen kann, was für die Dercon-Unterstützer in ihrem Brief überhaupt keine Rolle spiele. Physisch bräuchten die gar keinen Ort, von dem aus sie schreiben. Der Volksbühnen-„Mob“ gegen die Jetsetter der globalen Kunst und ihren Freund „Chris“. Rem Koolhaas kenne sicher keine Gebäude, die sprechen können, meint Wuttke. Für ihn ist das Arbeiten an der Volksbühne „eine Ebene der Auseinandersetzung, die ich aus keinem anderen Arbeitszusammenhang kenne“. Das könne man nicht planen oder regulieren und nirgends wohin mitnehmen. „Das ist dann einfach weg.“ Dazu referiert Milan Peschel über Filmförderstrukturen, die mit der Ausbeutung Einzelner beginnen und im großen Erfolg für Produktionsfirmen wie Wiedemann & Berg (Das Leben der Anderen) enden.

    Auch zum berüchtigten Dercon-Zitat gibt es eine kleine Replik. Berühmt wäre man erst, wenn man wie Shakespeare nicht mehr mit dem Vornamen genannt werden muss. Ansonsten hält sich die Dercon-Schelte aber in Grenzen, dafür wird der ganze „selbstbezügliche Theaterscheiß“ mit dem „Transparentmachen der Theatersituation“ vom Engländer Brook an durch den Kakao gezogen. Über das ganze Theater mit der Aufregung referiert Milan Peschel wie ein Baby auf dem Rücken liegend, das auf ein sich bewegendes Mobile starrt. Und auch beim Aufzählen von Sportarten ist er sehr rege.

    Womit wir dann auch wieder bei der Frage sind: ob die Serie der Anfang des Seriösen ist. „Enjoy your Symptom“ schreibt Slavoy Žižek über Lacans Theorien, was die drei dann auch ausgiebig tun. Man singt Phil Collins‘ „In The Air Tonight“, rollt eine riesige Mistkugel über die Bühne und reitet auf einem entsprechenden Käfertier. Irgendwann wird ihnen dann während eines längeren Telefon-Slapsticks das Bühnenbild abgebaut, und die drei Amigos zeigen sich noch mal im Coboyoutfit mit riesigen Schnabelstiefeln, die ihnen im zweiten Diskurs-Teil allerdings wieder abhandengekommen sind.

    Wie bei einem echten Hangover nach durchzechter Nacht suchen die drei erstmal in großen Einkaufstüten nach ihren Habseligkeiten und spielen noch ein wenig lustige Identitätsverwirrung á la „Du hast meinen Kopf und Du sprichst meinen Text“. Die marxistischen Theorien Badious tanzen nun Wiener Walzer mit Lacans Kathedralenwänden. Dazu fahren die „Drei Amigos“ auf Freuds Couch über die Bühne, seilen sich am nachgebildeten Volksbühnen-Kronleuchter ab und drehen selig beduselt Pirouetten. Die Reflexionsbude in Serie legt nun den Wiederholungsgang ein. Was sozusagen eine Einleitung für den dritten Teil sein soll. Eine endlos aneinanderhängende Minisalami, wie die drei sie in ihren Tüten suchen. Das Verstehen wird zurück ans Publikum delegiert. Auf der Bühne genießt man sich derweil beim Genießen. Und wenn es nicht zu Ende ist, dann ist es auch nicht vorbei.

    „Man stirbt irgendwann, das ist alles, und bis dahin ist die Frage, ob man ein einigermaßen geschmackvolles Theater gemacht hat.“ sind Wuttkes letzte Worte. Aber wie hieß es noch vorher: „Der Tod gehört in den Bereich des Glaubens.“ Und ob Gott an sich selbst glaubt, ist auch so eine Frage. Sicher ist nur: „Showgeschäft ist Arbeit.“ Das wird auch in einer Eventbude nicht anders sein.

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    VOLKSBÜHNEN-DISKURS Teil 1 und 2
    (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 29.10.2016)
    Text und Regie: René Pollesch
    Raum: Bert Neumann
    Bühne: Barbara Steiner
    Kostüme: Tabea Braun
    Licht: Frank Novak
    Kamera: Ute Schall
    Video: Konstantin Hapke und Nicolas Keil
    Ton: Christopher von Nathusius und William Minke
    Dramaturgie: Anna Heesen
    Mit: Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke
    Premieren waren am 18. 10. (Teil 1) und am 20. 10. 2016 (Teil 2)

    Weitere Termine:  07.11. nur Teil 1 // 08. und 28.11. / 04. und 18.12.2016 (beide Teile zusammen)

    Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de

    Zuerst erschienen am 30.10.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble geben nach über 20 erfolgreichen Jahren ihren Abschied von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Abschiede an Berliner Theatern (Teil 1)

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    Es ist das Jahr des großen Abschiednehmens an Berliner Theatern. Neben Claus Peymann am Berliner Ensemble scheidet auch Frank Castorf an der Volksbühne als Intendant aus dem Amt. Ganz verloren gehen wird er den Berliner Theatergängern wohl nicht. Man kann ihn sicher am neuen BE unter Oliver Reese wiedersehen. Verabschieden müssen sich aber auch langjährige Volksbühnenmitstreiter wie Herbert Fritsch, René Pollesch oder Christoph Marthaler. Alle sind sie bereits seit Längerem auch an anderen Theaterhäusern von Hamburg über München und Wien bis nach Zürich unterwegs. Herbert Fritsch wird an der Schaubühne ein neues Berliner Zuhause finden. Noch nichts dergleichen weiß man aber von René Pollesch und Christoph Marthaler.

    Christoph Marthaler - (c) Theater der Zeit
    Arbeitsbuch Marthaler
    (c) Theater der Zeit, 2014

    Besonders der Meister der unbegrenzten theatralen Entschleunigung, hat lange Jahre sehr intensiv die Volksbühne künstlerisch geprägt. Wer denkt nicht gern an Inszenierungen wie Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald oder Glaube Liebe Hoffnung zurück, bei der Marthaler mit einer doppelten Elisabeth überraschte. Und davor an ±0 ein subpolares Basislager bei dem er mit einem echten schmelzendem Grönland-Eisberg aufwartete. Ein kleiner eisiger Totentanz der grenzenlosen menschlichen Ignoranz und Extravaganz. Marthaler setzte dem in bewährter Manier provozierender Langsamkeit einige Momente traurig schöner Melancholie entgegen. Schöner scheitern mit Musik – eines der Hauptthemen seiner zeitlos schönen Musiktheaterabende. Ein lang gespielter Klassiker, bleibt sicher unvergessen – der 1993 entstandene Abend Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab! Der Evergreen Danke hat es sogar in die Telefonwarteschleife der Volksbühne geschafft. Marthaler war seit dem auch fast Dauergast auf dem Berliner Theatertreffen.

    Fans des Schweizers mit dem Hang zur ironischen Nostalgie konnten 2014 in Berlin gleich doppeltem Genuss frönen. Christoph Marthaler war neben seiner Inszenierung Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne auch in der Staatsoper im Schillertheater zu erleben. Sein in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstandener Liederabend Letzte Tage – Ein Vorabend ist im September endlich auch in Berlin angekommen. Es ist dies eine liebevolle Hommage an jüdische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts und ihr fast vergessenes Werk. Sozusagen am Vorabend der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltenbrandes, an dem das Habsburger Kaiserreich nicht unwesentlich beteiligt war, fand die Premiere im Mai 2013 im historischen Sitzungssaal des Alten Wiener Parlament statt. Ein Ort, an dem von 1883 an die österreichische Vielvölkermonarchie ihren Reichstag abhielt und später die Nationalversammlung der ersten Republik bis 1934 tagte.

     

    Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne - Foto: St. B.
    Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

     

    Die Sitzreihen des historischen Ortes wurden von Regisseur Marthaler und seinen Akteuren benutzt, das Publikum nahm auf einer Tribüne im Bereich des Präsidiums Platz. In der Staatsoper im Schillertheater saß man nun auf der Bühne, während die Schauspieler und Musiker sich in der Weite des Zuschauerraums fast verloren. Die Dimensionen sind hier doch etwas anders, was der Intensität der Vorstellung zwar kaum Abbruch tat. Aber letztendlich nicht ganz die Wirkung wie im realen Raum des Alten Parlaments in Wien entfaltete, und das nicht nur allein wegen der akustischen Probleme. Das historische Flair konnte man sich zur Not ja dazu denken.

    Dass es sich hier um einen historischen Ort handelt, der außer für Touristenführungen heute dem Vergessen anheimgeben ist, trägt Marthaler mit einer Multikulti-Putzfrauenkolonne Rechnung, die zunächst mit großer Akribie die Sitzreihen entstaubt, samt der sich langsam einfindenden Parlamentsabgeordneten. Dann beginnt hier wie da mit einer fiktiven Rede zum 200. Jubiläum der Befreiung der Konzentrationslager, die an einen „Kaiser von Habsburg-Europa“ gerichtet ist. Marthaler lässt hier wieder seine leicht abseitig tiefgründige Ironie aufblitzen, wenn Clemens Sienknecht über die Erklärung des Antisemitismus zum UNESCO-Weltkulturerbe berichtet und auch den Rassismus für selbige Ehrung vorschlägt.

     

    Letze Tage - ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair
    Letze Tage – ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

     

    In diesem Stil geht es munter weiter. Marthaler schickt seine Akteure nach bewährtem Muster in Zeitschleifen, lässt sie aus der Zeit fallen oder an der Auserwähltheit ihrer Art leiden. Immer wieder unterbrochen werden die Spielszenen, Monologe und fiktiven Reden durch Musikeinlagen eines kleinen Kammerorchesters namens Wiener Gruppe, die Stücke aus besagtem Werk jüdischer Komponisten intoniert. Die Mezzosopranistin Tora Augestad ist dabei eine Entdeckung.

    In Endlosreihe bewegt sich der Trupp durch über die Galerie. Die Musik- und Sangesschleife ebbt mal kurz ab, schwillt wieder an und verliert sich schließlich langsam im weiträumigen Foyer. Eine typische Art von Marthaler, der hier die Verlorenheit und das langsame Vergessen spiegelt. Dabei ist man immer wieder tief beeindruckt von der leichten Regie-Hand des Meisters und der Virtuosität seiner Darsteller, die selbst noch so seichte Liederabende wie Tessa Blomstedt gibt nicht auf, ein Testsiegerportal in die Jahre gekommener, schlagernder Datingportal-Teilnehmer, oder Hallelujah (Ein Reservat) mit nostalgischer Westernmusik für alte DDR-Indianer-Fans erstrahlen lassen.

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    Virtuos ist sicher auch der neue Marthaler-Abend Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter an der Berliner Volksbühne. Man begegnet hier einigen aus der langjährig verquickten Marthaler-Familie wieder. Der Mitte Oktober 65 Jahre alt gewordene Regisseur vereint noch einmal die bekanntesten Gesichter zu einem still verschmitzten Potpourri aus bekannten Melodien und Zitaten aus älteren Inszenierungen. Schon die Bühne seiner treuen, viel gelobten und kopierten Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die ihm immer wieder zeitlos schöne Räume für seine zuweilen recht skurrilen Geschichten geschaffen hat, ist eine reine Kopie der 2000 in Basel entstanden Inszenierung 20th Century Blues. Eine Zeitenwende, wie sie sich nun im nächsten Jahre auch an der Volksbühne Berlin vollziehen wird.

     

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    Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter – der letze Marthaler an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

     

    Marthaler und Viebrock bauen wieder einen in der Zeit verlorenen Erinnerungsabend in gedeckten Tönen, aber ohne jede larmoyante Wehmut, dafür mit umso mehr verstecktem Witz und Anspielungen auf die kommende Zeit unter dem neuen Intendanten und Museumskurator Chris Dercon, der hier mit keiner Silbe erwähnt werden muss, aber dessen beginnende Ära in der Leere des fensterlosen, museumsartigen Bühnenbaus mit Lichtdecke über dem weiten Innenraum erahnbar ist. Ein Abgesang an das Theater im Allgemeinen und an das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz und seine Spieler, die hier in Umzugskisten durch eine Art Hausmeister im Kittel (Marc Bodnar) hereingeschoben werden und ihre Plätze zugewiesen bekommen, sich aber immer wieder ihrer drohenden Mumifizierung durch Flucht, oder widerständiges Verhalten zu entziehen versuchen. Und der Satz: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ ist ein kleiner, süffisanter Seitenhieb auf die kommende Intendanz.

    Christoph Marthaler borgt sich den Titel seines Abends beim Dramatikers Botho Strauß und dessen Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Ein Hotel in dem drei befreundete Ehepaare leben, wird über die Jahre zum „Museum von Leidenschaften“. Die Gefühle erlöschen im Leistungsdruck und Konkurrenzkampf. Als Utopie bietet das Stück surreale Zauberkünste gegen die Wirklichkeit. Und genau in diesem Sinne ist Marthalers Hommage an die Zauberkunst der Bühne auch zu verstehen. Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang.“ ist ein bekanntes Zitat von Botho Strauß, das das ebenfalls vom Intendanzwechsel betroffene BE auf seiner Website führt. Diese Leere zu füllen, ist Segen und Fluch gleichermaßen und eine der Herausforderungen für Chris Dercon. Denn nicht zuletzt daran wird man ihn messen. Christoph Marthaler schafft es hier mit leichter Hand.

     

    Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter - Die Marthalerfamilie beim Beifall - Foto: St. B.
    Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter in der Volksbühne
    Die Marthalerfamilie beim Applaus – Foto: St. B.

     

    Irm Hermann, ganz die große Diva grüßt galant zur fröhlichen Geisterstunde der Untoten und Jürg Kienberger spielt dazu auf dem Spinett. Auch ein Berg von Decken kann seinen Gesang nicht verstummt lassen. Olivia Grigolli springt gelenk aus einem kleinen Umzugskarton, in dem sie mühelos Platz hat. Hildegard Alex, Tora Augestad, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Altea Garrido, Ueli Jäggi und Ulrich Voß, alle entsteigen sie ihrem Kästchen und beginnen ein wundersames Eigenleben zu führen. Bewegungsclownerien wechseln mit Satzfetzen, chorischem Gesang und kleinen Arien von Tora Augestad. Sophie Rois schaut vorbei und singt französische und italienische Chansons. Benedix Dethleffsen und Jürg Kienberger begleiten auf Klavier und Spinett.

    Hier ein leicht melancholisches Ich bin aus tiefem Traum erwacht von Gustav Mahler, dort ein Kyrie Eleison im Chor. Das ist virtuos, zärtlich anrührend, aber nie sentimental. Auch selbstironische Reminiszenzen erklingen mit Wir sind jung, die Welt ist offen oder einem zaghaften Brüder zur Sonne zur Freiheit. „Der Vollmond steigt, der Nebel weicht“, ein letzter Tanz zur Rampe. „Wo waren wir stehengeblieben?“ – Danke…

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    Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter (Volksbühne, 05.10.2016)
    Eventuell von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble
    Regie: Christoph Marthaler
    Bühne: Anna Viebrock
    Kostüme: Anna Viebrock
    Licht: Johannes Zotz
    Ton: Klaus Dobbrick
    Dramaturgie: Malte Ubenauf, Stefanie Carp
    Mit: Hildegard Alex, Tora Augestad, Marc Bodnar, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Irm Hermann, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Sophie Rois und Ulrich Voß
    Spieldauer: 2 Stunden 10 Minuten
    Premiere war am 21.09.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    Termine: 06.11. und 27.11.

    Infos: https://www.volksbuehne-berlin.de/

    Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

    Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

    Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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  • „Látszatélet / Imitation of Life“ und „Eiswind / Hideg szelek“ – Zwei verstörende ungarische Theaterstücke zu Gast in Wien und Berlin

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    Schutthaufen der Erinnerung – Der ungarische Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó ist mit seinem Proton Theatre Budapest und dem Stück Látszatélet / Imitation of Life zu Gast im Berliner HAU 2

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    Foto: St. B.

    Vor gut zwei Jahren bereits gastierte der ungarische Film-Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó mit seiner Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim ungarischen Theater-Festival “Leaving is not an option?” im Hebbel am Ufer. Nun ist er mit einer weiteren Koproduktion mit den Wiener Festwochen zurück in Berlin. Und auch in Látszatélet / Imitation of Life (zu Deutsch: Scheinleben) geht es um soziale Verwerfungen in der ungarischen Gesellschaft.

    Statt eine alte abgewrackte Nervenheilanstalt zu schließen, versucht nun eine Investmentfirma mit Hilfe eines Inkassobüros mit Namen Liquid GmbH eine ältere Frau mit Mietschulden aus ihrer Wohnung zu werfen. Lörinc Ruszó (Lili Monori) ist Angehörige der Roma-Minderheit und setzt sich zunächst tapfer gegen die Ausfragungen und Belehrungen des Mitarbeiters vom Inkassobüro (Roland Rába) zur Wehr. Schließlich erzählt sie ihm aber verzweifelt die Geschichte ihres Lebens, das aus ständiger staatlicher Bevormundung, gesellschaftlicher und institutioneller Diskriminierung und anderen daraus resultierenden Schicksalsschlägen besteht.

    Die Zuschauer sehen das Gesicht der Frau in Nahaufnahme auf einer Videoleinwand, die, wenn sie gefallen ist, eine kleine schäbige Wohnung in einem engen Bühnenkasten freigibt. Hier hat Frau Ruszó die letzten Jahre ihres Lebens verbracht und wartet nur noch auf die Rückkehr ihres Sohnes, der sie verlassen hat, da er sich für seine Herkunft schämt und seine Haut und die Haare bleichte, um nicht als Rom zu gelten. Die Androhung einer weiteren Umsiedlung lässt sie zusammenbrechen.

     

    Látszatélet / Imitation of Life - (Foto (c) Marcell Rév
    Látszatélet / Imitation of Life(Foto (c) Marcell Rév

     

    Der Inkassomann bekommt es mit der Angst und versucht die Rettung zu rufen. Da sich aber die Adresse in einer Roma-Siedlung befindet, reagiert die Dame am Telefon recht abweisend und mit vorurteilsbehafteten Fragen. Etwa ob die Frau getrunken habe oder von ihrem Mann geschlagen wurde. Da hier andere Prioritäten gelten, könne man erst in 74 Minuten kommen, sonst würde das ungarische Volk untergehen. Was letztendlich untergeht, ist wiedermal die Menschlichkeit in einem System, in dem sich jeder selbst der nächste und für Minderheiten erst recht kein Platz mehr ist.

    Das symbolisiert Mundruczó mit einem plötzlichen Gewitter und Regen, was sich wie ein Schleier über die Szene legt. Langsam beginnt sich die kleine Behausung um die eigene Achse zu drehen, und die Einrichtungsgegenstände fallen lautstark und effektvoll durcheinander. Ein Leben hebt sich aus den Angeln, und Berge von Erinnerungsschutt entladen sich aus Bettkasten und Schrankschubladen.

     

    Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2 - Foto Applaus: St. B.
    Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2
    Foto Applaus: St. B.

     

    Im zweiten Teil des 95minütigen Abends bezieht die junge Frau Veronika (Annamária Láng) die durcheinandergewirbelte Wohnung und verschweigt dem Vermieter ihren Sohn Jónás (Dáriusz Kozma). Denn: „Kindersegen ist das große Druckmittel der Minderheiten“, wie der Mann sagt. Parallel montierte und seitlich angeordnete Videoszenen zeigen den verloren Sohn der mittlerweile im Krankenhaus verstorbenen Frau Ruszó in seinem neuen Leben, in dem Szilveszter (Zsombor Jéger) aber bald das alte mit der Mutter wieder einholt. Aus seinem Scheinleben verdrängt erscheint er wie ein untoter Geist in der dunklen Wohnung und begegnet dort dem ebenfalls blonden Jónás, der von seiner Mutter über Nacht alleingelassen wurde. Hier schließt sich ein magischer Kreis, Vergangenheit und unausweichlich scheinende Zukunft stehen sich gegenüber wie zwei nicht zu trennende Brüder.

    Zum Abspann erfährt das Publikum auch noch den Hintergrund der Geschichte. Grundlage ist ein 2005 aktenkundig gewordener Fall der Budapester Polizei, bei dem ein junger Rom in einem Bus mit einem Samuraischwert angegriffen wurde. Das zog viel Medienrummel und Demonstrationen gegen Rassismus nach sich, da der Täter einer nationalistischen, rechtsextremen Gruppierung angehörte. Wie sich später herausstellte, war er aber ebenso ein Rom wie sein Opfer. Im Thema der Verleugnung der eigenen Herkunft lehnt sich Mundruczó auch entfernt an den Film Imitation of Life von Douglas Sirk an. Wie eine ungerechte, rassistische Gesellschaft so ein Verhalten befördert und was daraus folgen kann, zeigt der Regisseur bei aller szenischen Sparsamkeit in doch sehr eindrucksvollen Bildern.

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    Látszatélet / Imitation of Life (HAU2, 28.10.2016)
    Von Kornél Mundruczó / Proton Theatre
    Regie: Kornél Mundruczó
    Bühne: Márton Ágh
    Kostüme: Márton Ágh, Melinda Domán
    Licht Design: András Éltető
    Text: Kata Wéber
    Dramaturgie: Soma Boronkay
    Musik: Asher Goldschmidt
    Produktion: Dóra Büki
    Produktion Management: Zsófia Csató
    Produktion Assistenz: Ágota Kiss
    Technische Leitung: András Éltető
    Lichttechnik: Zoltán Rigó
    Soundtechnik: Zsigmond Farkas Szilágyi
    Bühnenmeister: Benedikt Schröter
    Requisiten: Tamás Fekete
    Dresser: Melinda Domán
    Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma
    Ungarisch mit deutschen und englischen Übertiteln
    Dauer: ca. 95 Minuten, keine Pause
    Eine Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer, Wiener Festwochen, Theater Oberhausen, La rose des vents – Scène nationale Lille Métropole Villeneuve d’Ascq (Maillon), Théâtre de Strasbourg / Scène européenne, Trafó Kortárs Művészetek Háza (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Wiesbaden Biennale
    Die Uraufführung war 27.04.2016 im Trafó House of Contemporary Arts, Budapest
    Premiere bei den bei den Wiener Festwochen war am 21.05.2016
    Die Berliner Premiere war am 28.10.2016
    Weitere Termine: 29. und 30.10.2016

    Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

    Zuerst erschienen am 29.10.2016 auf Kultura-Extra.

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    Festung Europa – In ihrem österreichisch-ungarischen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek untersuchen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie Tendenzen vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen

    Alexandra Henkel (Judith), Zsolt Nagy (János)
    Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
    Foto (c) Reinhard Werner

    In ihrem parabelartigen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek zeigen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie eine Waldhütte in den österreichischen Bergen zur Festung Europa ausgebaut wird. In der Nacht eines Schneesturms treffen hier der deutsche Hochschulprofessor mit DDR-Biografie, Frank (Falk Rockstroh), und seine österreichische Frau Judith (Alexandra Henkel) auf das ungarische Paar Ilona (Lilla Sárosdi) und János (Zsolt Nagy). Ilona ist vor ihrem Mann und den politischen Verhältnissen in Ungarn geflohen und verdingt sich als Haushälterin bei Frank, der ebenfalls in einer Sinnkrise Wien und seinen Job verlassen hat. Ilonas Mann, ein ungarischer Polizist, will seine Frau in die Familie zurückholen und sie an ihre Pflicht als Mutter erinnern. Dazu gesellen sich schließlich noch Franks Frau, eine reiche, emanzipierte Verlegerin, und ihr gemeinsamer Sohn Felix (Martin Vischer), ein etwas labiler, dauerkiffender Schauspieler.

    Es treffen hier zwei recht unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander. Einerseits eine patriarchale Familientradition in Verbindung mit einer national-konservativen politischen Ausrichtung á la Viktor Orbán – andererseits eine liberal-westliche Haltung, die sich allerdings mit intellektuellem Dünkel schmückt. Zerrüttet sind letztendlich die Beziehungen beider Paare, was sich in den emotional recht angespannten Gesprächen der Eheleute verdeutlicht. Und hier sind es vor allem die Männer, die sich zunächst noch ganz unterschiedlich verhalten. Während der Intellektuelle Frank am liebsten aus seiner kriselnden Ehe und einer beruflichen Sackgasse ausbrechen möchte, ist János jedes Mittel recht, seine abtrünnige Frau zurück zu bekommen, um seinen gewohnten Familienstatus aufrecht zu erhalten.

    Auf der Hütte, einem aufgeständerten Quader mit Glasflächen, der nach Schneesturm und Zusammenbruch des Kommunikationsnetzes zur unerreichbaren Exklave wird, kollidieren nun diese unterschiedlichen Interessen relativ ungebremst. Was sich zunächst noch durch männliches Imponiergehabe und in Eifersüchteleien äußert, entwickelt sich bald zu einer perfiden Art der Umerziehung, die János an den Westeuropäern vollzieht. Der starke Mann mit Hang zur Führung will ihnen – wie er es ausdrückt – nur helfen, sich zu finden. Dabei spielen das Gewehr von Frank, eine Rolle Maschendraht und die heraufbeschworene Gefahr von hungrigen Wölfen eine tragende Rolle.

    Éva Zabezsinszkij und Árpád Schilling entwerfen hier einen Plot, der nicht ganz frei von Klischees ist, aber dennoch einige interessante Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, inwieweit man bereit ist, für die eigene (innere) Sicherheit seine Freiheitsideale zu opfern. Der ehemalige Ossi Frank, der schon zu DDR-Zeiten kein großer Kämpfer war und nur bei der Grabrede für einen alten Freund von Freiheit, der Schlange Wohlstand und dem Aufstand der Sklaven schwadroniert, ergibt sich nach der ersten Begegnung mit den ominösen Wölfen (Statisterie), die die Hütte auf der Suche nach Futter umkreisen, schließlich ziemlich kleinlaut den totalitären Anweisungen von János bei der Befestigung und Verteidigung des Heims. Die Männer sind sich hier schnell dahingehend einig, dass etwas getan werden muss.

     

    Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien - Foto (c) Reinhard Werner
    Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
    Foto (c) Reinhard Werner

     

    Franks Sohn Felix ist da die vielleicht die zwiespältigste Figur des Stücks. Zunächst noch recht ziellos und gleichgültig, lässt er sich erstaunlich schnell, ohne erkennbare Entwicklung, von János manipulieren. Als junger Mensch, dem seine dekadenten Eltern eher als verachtenswert gelten, mag das als Vorbild durchaus stimmig sein. Auch wenn er den eher liberalen Beruf eines darstellenden Künstlers ausübt, ist er nicht vor übertriebenem Redikalismus gefeit. Dass gerade die Erziehung Jugendlicher nicht ganz unwichtig ist, zeigt eine Szene, in der Ilonas und János‘ fünfzehnjähriger Sohn Levente (András Lukács) via Skype zugeschaltet wird. Er ist auf einem Gymnasium für nationale Verteidigung und lernt den Einsatz von Überwachungsmethoden gegen die Feinde des Vaterlands.

    Es bleibt allein den Frauen Judith und Ilona überlassen, einen Gegenpart zu den Macho-Allüren der Männer zu geben. Hierbei greift das Stück einerseits zu ungarischen Epen wie das des Nationalhelden
    János von Sándor Petöfi, das z. B. der nationalistisch eingestellte Regisseur Attila Vidnyánszky zur Eröffnung seiner Intendanz am Ungarischen Nationaltheater in Budapest inszenierte, oder dem titelgebenden Volkslied Eisige Winde wehen. Anderseits wird ein Bezug zu Frauengestalten der antiken Mythologie und der Bibel wie Helena und Judith hergestellt. Die eine galt den Griechen als Störenfried, die andere enthauptete den Tyrannen Holofernes.

    „Jedes Volk trägt seinen eigenen latenten, mitunter jedoch ausbrechenden Faschismus in sich“, wird der ungarische Autor und linke Philosoph György Konrád im Programmheft zitiert. Der immer offenere Antisemitismus wäre noch zu ergänzen. Es läuft letztendlich darauf hinaus, dass die deutsch-ungarischen Tendenzen, die vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen – wie es im Erklärungstext des Burgtheaters heißt – im Modellraum Hütte (sprich: Festung Europa) sich entsprechend dramatisch zuspitzen und zu eskalieren beginnen. Dass sich die Macher auch auf Ibsen und den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke mit seinen Werken Funny Games und Das weiße Band berufen, scheint einleuchtend, spiegelt sich allerdings nur in der szenischen Dramaturgie des Stücks wider, nicht aber in seinen doch recht einfach gestrickten Dialogen. Die Radikalität der Bilder eines Oliver Frljić wird dabei allerdings nicht erreicht. Dennoch ein wichtiger und durchaus gut gemeinter Versuch, die Gespaltenheit Europas in der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu verdeutlichen.

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    Eiswind / Hideg szelek (02.06.2015, Akademietheater Wien)
    Ein Projekt von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij
    Mitarbeit: Annamária Láng
    Deutsch von Anna Lengyel
    Regie: Árpád Schilling
    Bühne und Kostüme: Juli Balázs
    Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller
    Licht: Peter Bandl
    Dramaturgie: Hans Mrak
    Mit: Lilla Sárosdi, Falk Rockstroh, Zsolt Nagy, Alexandra Henkel, Martin Vischer, András Lukács sowie Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller (Statisterie)
    Uraufführung war am 25. Mai 2016 im Akademietheater Wien
    Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
    Termine: 13.11.2016

    Info: http://www.burgtheater.at/

    Zuerst erschienen am 04.06.2016 auf Kultura-Extra.

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  • AUS LIEBE ZUR WELT – Beim Monologfestival im Theaterdiscounter versuchen internil, Peter Licht, Stephan Stock und Guillaume Paoli eine Umordnung der Dinge

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    Theaterdiscounter (c) Sven Hagolani

    Unter dem Titel AUS LIEBE ZUR WELT: Die Umordnung der Dinge veranstaltet der Berliner Theaterdiscounter nach vier Jahren wieder ein Monologfestival. 2012 ging es mit Jenseits von Gut und Böse um das alte Reizthema „Moral“. Das war größtenteils natürlich in der monologischen Form des Selbstgesprächs und der Selbstbefragung recht philosophisch und reflexiv angehaucht. Zeigte aber in der Form eines Reenactments der Rede, die der 77fache Mörder und norwegische Terrorist Anders B. Breivik vor dem Osloer Amtsgericht hielt, auch die andere Seite menschlichen Denkens. Breiviks Erklärung, das vieldiskutierte zwiespältig Projekt des Schweizer Theatermachers Milo Rau, wurde damals von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan vorgetragen.

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    Aggroprolypse von internil - Foto © Lenny Triefenschal
    Aggroprolypse von internil Foto © Lenny Triefenschal

    Ähnliches versucht nun auch das Performance-Kollektiv internil, das sich auch Verein zur Untersuchung sozialer Komposition e.V. nennt. Gemäß dem eigenen Wahlspruch: „Wir spielen nach, was uns vorgemacht wird!“ haben sich die PolitperformerInnen von internil auf Facebook umgesehen und einiges an Selfie-Videos und sogenanntem Hate Entertainment, das sich im wohl größten sozialen Netzwerk so herumtreibt, herausgefischt. Und da scheint wirklich nichts unmöglich. In Aggroprolypse treffen diese in ihre Handys monologisierenden Selbstdarsteller unterschiedlichsten Couleurs auf die vor einem Laptop sitzende Performerin Marina Miller Dessau, die deren Texte aus den Videos in Duktus und Sprachfärbung reenacted, als würde sie sie gerade selbst ins Netz einspielen.

    Da sind v.a. rechte Spinner, Islamisten, Verschwörungstheoretiker, selbsternannte Erlöser und schlichte Hassprediger. Währenddessen kann das Publikum per Beamer-Projektion in die FC-Profile der jeweiligen User schauen. Mit einer speziellen Computersoftware wird live die Gesichtsmatrix der Performerin vermessen und schließlich mit den Facebook-Identitäten verschmolzen. Das Ganze schwebt zwischen latentem Unbehagen, Lächerlichkeit und am Ende sogar etwas Trauer über die Einsamkeit dieser Menschen, die mit ihren verqueren Botschaften nach draußen dringen wollen.

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    Den Bekenntnissen selbstermächtigter Soliloquenten mit Sendungsbewusstsein stellte das Festival den dagegen doch recht eloquenten und mit nicht minder Ausstrahlungskraft versehenen Pop-Musiker, Autor und Theatermacher PeterLicht entgegen. Sein mit viel Humor ausgestattetes, gesellschaftskritisches Sendungsbewusstsein spiegelt sich nicht nur in Liedern vom Ende des Kapitalismus, sondern mündet nun auch in einem Lob der Realität, wie Lichts neues Album und gleichnamiges Buch titelt. Aus selbigem las der Autor dann auch am Eröffnungsabend.

     

    Lob der Realität von PeterLicht - Foto © Christian Knieps
    Lob der Realität von PeterLicht – Foto © Christian Knieps

     

    Seit PeterLicht 2007 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den 3sat-Preis und den Publikumspreis erhielt, ist er neben den Popcharts auch im deutschen Literaturbetrieb angekommen. Und dafür musste sich Licht wie weiland Rainald Goetz nicht einmal die Stirn aufschlitzen. Nach dem Motto „Hallo, hier bin ich.“ reitet der Autor in einer Art kollektivem Monolog durch den rauschenden Schwarm der individualisierten Gesellschaft. Zwischen Aggro-Goetz und Distelmeyer‘schen Ich-Maschine sendet Licht seine rhythmisierten, poetischen Grußbotschaften an die freie Welt der auserwählten Krisenwesen. Und aus Lichts Text schreit alles: Krise! Aber auf eine heiter-ironische Art, bei der sich die Konsum-Kritik in wohlige Fabeln vom Hosengott hüllt und Krisenkäufer und -verkäufer um die teure Krisen-Kiste der Pandora feilschen.

    Doch PeterLicht will auch loben und das Ende der Krise willkommen heißen. Vom Lob der Realität zum Lob des Grußes. Seine kleinen Anekdoten führen vom Superdefizit zum Lob der Akkumulation der Leerstelle und dem Mantra vom Zinswunder. Ein endlos schönes Poem aus „Rollrasenflocken“. Der „König allen Klangs“ und „Jäger vom Orden der schönen Gestalt“ sprach‘s und verschwand. Das „Sausen der Welt“ im „Klang der Krise“ bleibt als Dauerton und „blühender Tinnitus“ im Ohr.

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    Den wissenschaftlich-philosophischen Überbau zum Genre Monolog sowie dem vielstimmigen Verschwörungsgeraune im World-Wide-Web und an den lokalen Volksstammtischen, die mittlerweile ihre runde Form verlassend bis in den öffentlichen Raum vieler deutscher Städte ragen, lieferte am Sonntag der Gegenwartsphilosoph und freie Publizist Guillaume Paoli. Und das Aus aktuellem Anlass, wie er seinen Vortrag über die zunehmende soziale Paranoia nennt. Ein zugegebenermaßen recht trockenes Terrain, das Paoli im begrenzten Gedankenraum des kleinen Theaterdiscounters mit großen Schritten durchmaß. Auch ein flux hinzubestelltes Glas Wasser konnte da nicht wirklich helfen. Bekannt geworden ist Paoli Theaterkennern und -interessierten u.a. durch seine Tätigkeit als Hausphilosoph am Leipziger Centraltheater unter Sebastian Hartmann und jüngst mit einem Gründungsaufruf für eine neue Volksbühnenbewegung gegen den Ausverkauf des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz infolge der Berufung des Kurators Chris Dercon zum neuen Intendanten.

     

    Aus aktuellem Anlass von Guillaume Paoli - Foto (c) Renate Koßmann
    Aus aktuellem Anlass von Guillaume Paoli
    Foto (c) Renate Koßmann

     

    Eher untheatralisch gestaltet sich da der von Paoli selbst „Stereolog“ genannte innere Gedankengang aus Stimme und Klang. Ein laufendes Für und Wider – reflexives Denken zum Anschauen. Der Philosoph bewegt sich dabei vom Orangen- zum Zwiebelprinzip, spricht vom Zeitgeist und Medien-Mainstream, über den Freiheitsbegriff des Westens, die Verteidigung des Way of Life und die Angst der Pegidisten vor dem Fremden. Soziale Paranoia sei höchst ansteckend und die Freund-Feind-Mechanismen des kalten Krieges greifen auch heute noch. Das linksliberale Bürgertum im Erklärungsnotstand. Denn verstehen bedeutet für die konservativen Hardliner bereits entschuldigen.

    Die Analysen des grassierenden Hasses durch linke Publizistik oder auch das linke Theater wären nur für ein linkes Publikum, das der gleichen Meinung ist. Als Beispiel nennt Paoli das Buch Gegen den Hass der soeben mit dem Friedenpreis des deutschen Buchhandels ausgezeichneten Publizistin Carolin Emcke, deren „präsidiale“ Dankesrede er als „Gauck-Rede in literarischer Form“ bezeichnet. Eine steile These, womit Paoli aber nicht ganz allein dasteht, und die er gleich noch mit der Ablehnung der schon von Frank Castorf in seiner Dankesrede zum Berliner Kunstpreis gegeißelten allgemeinen Konsenskultur würzt. Nicht jedes Hassgefühl könne man einfach so verwerfen.

    Der so vor sich hin monologisierende Philosoph, für den ansonsten „deine Freiheit ist die Bedingung meiner Freiheit“ gilt, hat einen depressiven Grundton in der Gesellschaft erkannt. Die sogenannte Molldiktatur der Pop-Musik. Dazu stimmte er am Laptop eine selbst verfasste kleine Elegie in Moll an. Gegen die „Harmonie der Neurasthenie“ helfe nur der Tonartwechsel auf der Dur-Tastatur zur Feier einer kommenden Kultur. Fazit: Rock’n’Roll statt Moll, und das in Dur, mon Amour.

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    Sehr erfrischend, wenn auch schweißtreibend und mit gut 100 Minuten sogar durchaus abendfüllend, ist die multiakustische Performance Stephan Stock spielt ULYSSES von cobratheater.cobra. Es beginnt zunächst als reines Hörstück, bei dem das Publikum um acht Lautsprecherboxen sitzend dem Beginn eines ganz normalen Tags im Leben des Schauspielers Stephan Stock beiwohnt. Später kommt der Performancekünstler selbst mit Rucksack auf die Bühne und führt durch seinen Wohn- und Arbeitsort Zürich. Eine ganz persönliche Ulysses nach Motiven von James Joyce, die den Gedankenflow des Künstlers wie in einem reflexiven Selbstgespräch wiedergibt, verbunden mit den Geräuschen der Schweizer Stadt an der Limmat mit ihren ganz speziellen Orten wie einer Synagoge, einer bekannten Gaststätte, der Zentrale von Google, der Börse und dem Theaterhaus Gessnerallee.

     

    Stephan Stock spielt ULYSSES - Foto © Johanna Zielinsky
    Stephan Stock spielt ULYSSESFoto © Johanna Zielinsky

     

    Stephan Stock trifft Einwohner von Zürich, die über diese Orte reden. Wir hören seine Theaterkollegen und Mitbewohner, ihre Meinungen über den Performer oder auch die teilweise prekäre Lage Kunstschaffender in der Stadt. Stock performt hier seinen beruflichen Werdegang vom abhängigen Schauspielschüler bis zum selbstbestimmten, politisch denkenden Performer, der seine Biografie und den eigenen Körper im Spiegel von Familie, Freundeskreis und Gesellschaft, von privatem und öffentlichem Leben zum Thema seiner Kunst macht. Ein Selbstgespräch zur Selbsterkenntnis und persönlicher Seelenstriptease vor Publikum, bei dem nichts, selbst der Körpergeruch, zu intim und zu peinlich wäre, als das es nicht erinnert, erzählt und sogar zur Diskussion gestellt werden könnte.

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    Noch bis zum 30. Oktober 2016 stehen im Theaterdiscounter weitere Monologe von Größen der freien Szene wie Gintersdorfer/Klaßen, Monster Truck, MS Schrittmacher, She She Pop, Malte Schlösser u.a. auf dem Programm. Und man kann nur hoffen, dass nicht wieder 4 Jahre vergehen müssen bis zu einer weiteren Auflage dieses vielschichtigen Festivals des Selbstgesprächs mit Diskursküchenanschluss.

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    monologfestival-2016-posterMonologfestival 2016
    AUS LIEBE ZUR WELT:
    Die Umordnung der Dinge
    20. – 30.10.2016, Theaterdiscounter

    20.10.16:
    Aggroprolypse von internil
    Lob der Realität von PeterLicht

    23.10.16:
    Stephan Stock spielt ULYSSES von Stephan Stock und cobratheater.cobra
    Aus aktuellem Anlass von Guillaume Paoli

    Weitere Infos siehe auch: http://theaterdiscounter.de/

    Zuerst erschienen am 25.10.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Reinweiß und unschuldig oder die (Ohn-)Macht der Rede – Ivan Panteleev inszeniert Goethes Klassiker „Iphigenie auf Tauris“ am Deutschen Theater Berlin

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    Iphigenie auf Tauris am Deutschen Theater Berlin - Foto (c) Arno Declair
    Foto (c) Arno Declair

    Eine „reine Seele“ im Dienste des Humanismus – das ist das Bild der Iphigenie auf Tauris, dem Drama der Weimarer Klassik schlechthin. Von Johann Wolfgang von Goethe 1779 in Prosa verfasst und 1786 in fünffüßigen Jamben in den Stand eines ewigen Bildungsbürger-Klassikers gehoben, der bis heute fester Bestandteil des Kanons der deutschen Antikenrezeption ist. Das übermächtige Pathos zu brechen, will man nicht im hohen Ton der Vorlage erstarren, daran brechen sich Theatermacher landauf, landab regelmäßig die Zähne aus. Ivan Panteleev bricht seine Iphigenie jetzt am Deutschen Theater in gut zwei langen Stunden auf das Format einer handwerklichen Kunstanstrengung herunter.

    „Das Land der Griechen mit der Seele suchen“ war einmal, heute wird der Klassiker einfach mal kurz renoviert. Doch anstatt Goethes Drama vom übermächtigen Pathos zu befreien, lässt der Regisseur erstmal den schwarzen Bühnenkasten von Johannes Schütz (einst kongenialer Ausstattungspartner von Jürgen Gosch) mit weißer Kalkfarbe übertünchen. Das Ensemble steigt dazu in schwarzen Handwerkeroveralls aus der ersten Reihe auf die Bühne und rollert die Wände mehr schlecht als recht körperhoch aus. Selbst eigene Kleidung, Stühle und ein überdimensionierten Tapeziertisch, auf den man über eine Klappleiter steigen muss, werden dabei nicht ausgelassen. Dort oben noch im Halbdunkel deklamiert Kathleen Morgeneyer (als einzige im unschuldig weißen Hemdchen) den Eingangsmonolog der sich in die Heimat nach Griechenland zurücksehnenden Titelheldin.

    Die Agamemnontochter, vom Vater als Opfer für guten Wind gen Troja vorgesehen, wurde von der Göttin Diana in einer Wolke ins Land der Taurer entrückt, wo sie nun den Dienst einer Diana-Priesterin ausübt und sich den andauernden Avancen des Taurenkönigs Thoas erwehren muss. Durch ihr freundliches Wesen und grundehrliches Auftreten hat Iphigenie den König bereits zur Aufgabe des barbarischen Menschenopferkults der Taurer bewegt und ist auch nicht gewillt von der Wahrheit abzulassen, als ihr Bruder Orest mit seinem Gefährten Pylades auftaucht und sie sowie das Bildnis der Diana, das die beiden auf Geheiß des Apollon rauben sollen, nach Griechenland zurück zu führen.

    Das wird bei Goethe in mehreren Gesprächen und monologischen Gewissensbefragungen abgehandelt. Man kann dies natürlich auch als einen moralischen Diskurs deuten. Die klassische Überzeugungskraft durch kluge Rede, die natürlich immer auch ein Abwegen von Für und Wider ist, eine der Grundlagen demokratischer Willensbildung sozusagen. Aber all das interessiert die Handwerkergilde auf der Bühne des Deutschen Theaters wenig. Panteleev lässt sie ihren Text relativ emotionslos an der Rampe runterrattern, unterbrochen nur durch einige wütende Ausbrüche, die Moritz Grove als wahnhafter, wegen des Mordes an der Mutter Klytaimnestra (bekannt aus der Orestie des Aischylos) von den Rachegöttinnen verfolgter Orest ins Publikum brüllt.

     

    Iphigenie auf Tauris am Deutschen Theater Berlin - Foto (c) Arno Declair
    Foto (c) Arno Declair

     

    Camill Jammal in der Rolles des Pylades – sonst im Drama der vernunftgeleitete Stratege – kommt hier eher als realpolitischer Ränkeschmied und religiöser Eiferer daher, während Oliver Stokowski als König Thoas sich unsicher an seiner Malerrolle festhaltend mal wirbt, mal poltert und mit der Wiedereinführung des blutigen Opferkultes droht. Als dunkle Eminenz gibt Barbara Schnitzler den Arkas, Vertrauter des Königs und kühler Vermittler zwischen ihm und der angebeteten Iphigenie. Panteleev versammelt hier die ganze Bandbreite politischen Handels um den großen Tisch, auf den am Ende Thoas die Stühle wie zur Demonstration von Recht und Ordnung stellt.

    Letztendlich wird der Plan der beiden griechischen Wanderarbeiter durch die reinweiße Lichtgestalt Iphigenie entdeckt. Mit weiß übermaltem Gesicht wirkt sie dabei wie eine Göttin in Marmor, während Thoas – nun oben auf dem Tisch – aussieht wie ein weiß getünchter Narr, dessen Einlenken von der an der Rampe sitzenden Tantalidenbrut, die ihre fluchbeladene Geschichte von Mord und Krieg mal eben zu ihren Gunsten umdeutet, grinsend zur Kenntnis genommen wird. Der „edle Wilde“ Thoas scheint dann auch nicht wirklich überzeugt zu sein. Sein Mund formt sich nur zögernd zum Lebewohl.

    Die Macht und Ohnmacht der Sprache will uns Ivan Panteleev hier vor Augen führen. Den Fluch der wandelbaren Grammatik. So wird im Programmheft auch der Heiner-Müller-Kalauer zu Iphigenies Parzenlied bemüht: „Es fürchte(n) die Götter das Menschengeschlecht.“ Vor diesem Druckfehler, scheint es, zittert sich für Panteleev der Text noch heute ins Ziel. Der gottesfürchtige und selbstlos handelnde Mensch ist mehr denn je ein Mythos. Goethes Klassiker ist in Zeiten von Pegida und Co. kaum noch einen Topf Farbe wert. Für diesen einzigen, recht dürftigen Knalleffekt am Ende muss das Publikum allerdings lange auszuharren. Panteleevs Anstreicherschmiere wirkt über weite Strecken ziemlich bemüht. Humanismus ist halt selbst auf dem Theater zuweilen ein harter, dreckiger Job.

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    IPHIGENIE AUF TAURIS (Deutsches Theater Berlin, 14.10.2016)
    Von Johann Wolfgang von Goethe
    Regie: Ivan Panteleev
    Bühne / Kostüme: Johannes Schütz
    Sound-Design: Martin Person
    Dramaturgie: Claus Caesar
    Mit: Moritz Grove, Camill Jammal, Kathleen Morgeneyer, Barbara Schnitzler und Oliver Stokowski
    Premiere war am 14.10.2016
    Weitere Termine: 28. 10. / 08., 17., 21., 24. 11. / 01., 26. 12. 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 17.10. 2016 auf Kultura-Extra.

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  • INSIDE IS – Das GRIPS Theater benutzt den Ausflug des umstrittenen Journalisten und Ex-Politikers Jürgen Todenhöfer in den „Islamischen Staat“ für die exemplarische Beschreibung von Radikalisierungswegen junger Deutscher

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    Inside IS am GRIPS Theater Berlin - Foto (c) David Baltzer
    INSIDE IS am GRIPS Theater Berlin
    Foto (c) David Baltzer

    Der Ex-CDU-Politiker, Jurist und Journalist Jürgen Todenhöfer ist – neben Peter Scholl-Latour – die vielleicht schillerndste Persönlichkeit unter den selbsternannten Nahost- und Islam-Experten. Wie der 2014 verstorbene Scholl-Latour hat Todenhöfer die meisten Länder des Nahen und mittleren Ostens bereist und etliche Bücher darüber geschrieben. Das wohl umstrittenste ist das Ergebnis einer 2015 unternommen Reise in die Einflussgebiete des sogenannten „Islamischen Staats“ in Syrien und dem Nordirak. In Inside IS – 10 Tage im „Islamischen Staat“ berichtet Todenhöfer u.a. von Gesprächen mit deutschen IS-Kämpfern in Raqqa oder einem Scharia-Richter in Mossul und macht dabei in einem hochmoralischen Ton die bewaffneten Interventionen des Westens für das Erstarken des „IS“ und den Krieg in Syrien verantwortlich.

    Auch im Stück INSIDE IS, das Yüksel Yolcu nach Motiven des Todenhöfer-Buchs für das GRIPS Theater am Hansaplatz entwickelt hat, tritt dieser als Figur auf und spricht vom „Stellvertreterkrieg“, dem mittleren Osten als „Tankstelle“ der USA und ihrer Verbündeten und bezeichnet die Kriege im arabischen Raum als „reine Terrorzuchtprogramme“. Diese durchaus diskussionswürdigen Aussagen stehen hier mehr oder weniger unhinterfragt im Raum. Mehr noch interessierte den GRIPS-Regisseur aber die Frage, die wohl auch Todenhöfer zu seiner Reise angetrieben hat: Warum sich immer mehr junge Menschen in Deutschland für den Dschihad anwerben lassen, um für das „Islamische Kalifat“ in Syrien zu kämpfen und in diesem Kampf als vermeintliche Märtyrer sogar ihr Leben zu lassen.

    Zur Recherche hat Yüksel Yolcu u.a. Gespräche mit einem Imam geführt, der als Seelsorger in einem Gefängnis mit jungen Moslems arbeitet. Drei Figuren sind es, die in einer Parallelhandlung im Stück die möglichen Wege der Radikalisierung aufzeigen. Da ist zunächst Said (Davide Brizzi), der enttäuscht vom blutigen Krieg in Syrien nach Deutschland zurückkehrt und im Gefängnis auf den Imam Ilhan (Asad Schwarz) trifft. Diesem erzählt er von Fabian, einem jungen deutschen Konvertiten, der in Syrien gefallen ist. In Gesprächen mit den Eltern, Lehrern und Freunden versucht der Imam zu ergründen, wie es dazu kommen konnte, dass Fabian in die Islamisten-Szene geraten ist. Im Hintergrund tritt dabei immer wieder der tote Fabian (Florian Kroop) selbstkommentierend auf.

     

    Inside IS am GRIPS Theater Berlin - Foto (c) David Baltzer
    INSIDE IS am GRIPS Theater Berlin – Foto (c) David Baltzer

     

    Das Mädchen Melanie (Esther Agricola) lernen Vater und Sohn Todenhöfer (Christian Giese und Patrik Cieslik) auf ihrer Fahrt nach Syrien kennen. Die junge Deutsche erzählt den beiden ihre Geschichte von einer Urlaubsliebe in Ägypten, ihrer ungewollten Schwangerschaft, einem religiösen Erweckungserlebnis in Mekka und dem Zerwürfnis mit den Eltern. Nun sucht Melanie eine neue Gemeinschaft und große Familie im Kalifat. Wenn dies auch ein sehr verklärtes Bild zu sein scheint, die Geschichten von Enttäuschung und Entfremdung ähneln sich doch sehr. Auch Fabian lehnt das kapitalistische Wertesystem von Mensch und Ware ab. Er möchte sich nicht länger manipulieren lassen und findet im Islam eine Religion, die seinem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit entspricht.

    Die Inszenierung startet in diesem Sinne mit einer Gegenüberstellung dreier Hassprediger mit langen Bärten und dreier gemäßigter Imame. Eine Kontroverse über den Begriff des Dschihad, der hier ganz unterschiedlich aus Sicht des Korans gedeutet wird, einmal als Kampf für den „wahren Islam“ gegen alle Ungläubigen oder im ursprünglichen Sinne als „Anstrengung für das Gute“. Das Ensemble stellt dabei in ständigen schnellen Rollen- und Kostümwechseln, die direkt auf der Bühne stattfinden, immer wieder andere Charaktere dar, wodurch die authentisch wirkende Kostümierung vor allem der Muslime und IS-Kämpfer wie im Brecht’schen Verfremdungseffekt gebrochen werden soll.

    In ziemlich schnellen Schnitten zu intensiver Livemusik von Thomas Keller und Sonny Thet (Bayon) entspinnt sich das Stück zwischen der Reise Todenhöfers, die schon im Zustandekommen mittels Computertastaturen und Videoeinspielungen über Skype- und Facebook-Kontakte recht reißerisch erzählt wird, und den als Ruhepunkten und Möglichkeiten der Reflexion eingeschobenen Gesprächsfetzen des Imams mit der überfordert wirkenden, alleinerziehende Mutter, der Unverständnis zeigenden Lehrerin und dem sich aus der Verantwortung redenden Vater.

    Das ergänzt sich über weite Strecken sehr gut, wobei das ständig wechselnde, grimmige bis komische Typenkabarett des „Islamischen Staats“ verhältnismäßig viel Raum einnimmt und auch Todenhöfer selbst und sein Sohn Freddy doch sehr emotional in ihrem Anspruch nach Wahrheitssuche daherkommen: „…bei der Suche nach der Wahrheit immer mit beiden Seiten sprechen!“ Und Todenhöfer ist dabei selbst der Meinung, „dass man sogar mit dem Teufel reden sollte.“

    Das nimmt dann auch Regisseur Yüksel Yolcu zum Anlass, neben der Darstellung ideologisch finsterer IS-Typen oder eher lustigem Bauchtanz im Hamam in einem Alptraum den Kalifen des IS Abu Bakr al-Bagdadi vervierfacht auftreten zu lassen, um die Stück-Figur Todenhöfer in einem Disput über Gewalt und Barmherzigkeit („Erklär‘ du mir nicht den Islam!“) in den Höllenschlund zu stürzen. Zwei Briefe stehen dann am Ende der Inszenierung. Der von Tödenhöfer an den Kalifen, in dem er von Mitgefühl, Menschlichkeit spricht, und der Abschiedsbrief von Fabian an seine Mutter mit der Frage, was ein gelungenes Leben ausmacht. Die Erkenntnis ist: selbst über seinen Lebensweg zu entscheiden. Zumindest das kann man als Essenz dieser Inszenierung mit nach Hause nehmen.

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    INSIDE IS (GRIPS Theater, 15.10.2016)
    von Yüksel Yolcu nach Motiven des Buches Inside IS – 10 Tage im „Islamischen Staat“ von Jürgen Todenhöfer
    Regie: Yüksel Yolcu
    Bühne und Kostüme: Ulv Jakobsen
    Komposition: Thomas Keller, Sonny Thet
    Choreografie: Katja Keya Richter
    Video: Yüksel Hayirli
    Dramaturgie: Ute Volknant
    Theaterpädagogik: Ellen Uhrhan
    Mit: Esther Agricola, Davide Brizzi, Patrik Cieslik, Christian Giese, Florian Kroop, Asad Schwarz
    Live-Musiker: Thomas Keller und Sonny Thet
    Uraufführung war am 12.10.2016
    Weitere Termine: 28., 29. 10. 18., 19., 21., 22. 11. / 08., 09., 10. 12. 2016 // 21., 23., 24. 01. 2017

    Weitere Infos siehe auch: http://www.grips-theater.de/

    Zuerst erschienen am 18.10.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Die Ranke der Seele – Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski sind in ihrem Stück EXIT AYAHUASCA auf der Suche nach einer spirituellen Alternativ-Medizin

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    exita-poster_-c-daniel-ramirez-perezAyahuasca ist ein halluzinogenes Getränk, das bei indigenen Stämmen im Amazonasgebiet von Brasilien, über Bolivien, Peru bis nach Kolumbien bei rituellen Zeremonien zur Anwendung kommt. Der Pflanzensud wird aus der Liane Banisteriopsis caapi und N,N-Dimethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchgewächses Chacruna (Psychotria viridis) gewonnen. Unter dem Namen Yagé ist es auch aus Reiseberichten des US-amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs bekannt, der Anfang der 1950er Jahre auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen dieser magischen bewusstseinserweiternden Droge in der Putumayo-Region Kolumbiens auf der Spur war. 1963 wurden die Briefe, die Burroughs in dieser Zeit an Allen Ginsberg schrieb, unter dem Titel Yage Letters (dt.: Auf der Suche nach Yage) veröffentlicht. Darin beschreibt er ziemlich bildhaft die halluzinogene Wirkung nach der Einnahme von Ayahuasca. Aber erst in einem Brief, den Allen Ginsberg 1960 an Burroughs schrieb, erfährt der Leser erstmals über das Eintreten von klaren Todesvisionen nach dem Genuss der Kombination mit Chacruna. Ginsberg schreibt: „… je öfter man Ayahuasca nimmt, desto tiefer kommt man rein – man macht eine Reise zum Mond, sieht die Toten, sieht Gott – Baumgeister – usw.“ Burroughs spricht später auch von einem „Ayahuasca-Bewußtsein“.

    Um das komplexe schamanische Stammeswissen der Amazonasvölker geht es auch in dem Stück EXIT AYAHUASCA, das Autor Przemek Zybowski und Regisseur Tobias Yves Zintel für das Ballhaus Ost eingerichtet haben. Przemek Zybowski ist promovierter Mediziner, absolvierte eine Weiterbildung in der Psychoanalyse und arbeitet seit 2010 als Psychiater an verschiedenen Krankenhäusern. Seit 2007 schreibt er neben Prosa auch Theaterstücke, die er in Zusammenarbeit mit Johannes Wenzel (Posen in Angst, 2014 im Ballhaus Ost) und Tobias Yves Zintel entwickelt. Autor Zybowski verarbeitet in seinem neuen Stück sichtlich auch eigene Berufserfahrungen. Neben dem stark rauchenden Rentner Kurt Widmer (Johannes Suhm), der sich nach mehreren Herzinfarkten für eine Freitodbegleitung bei der Sterbehilfeorganisation EXIT entschieden hat, gibt es hier auch eine Psychiaterin Dr. X (Tamara Saphir), die Widmer zunächst eine „chronische Suizidalität bei depressiver Störung“ attestiert, was es ihm wegen des fehlenden positiven Gutachtens über den Zustand seiner Psyche unmöglich macht, die Dienste von EXIT in Anspruch zu nehmen.

    Was sich zunächst wie ein Stück über das dauerhafte Streitthema Sterbehilfe anhört, entpuppt sich aber schnell als eine Kontroverse zwischen den wissenschaftlichen Standards der westlichen Schulmedizin und den rituellen Heilkräften südamerikanischer Schamanen. Als solcher tritt schon zu Beginn der Schauspieler Rasmus Slätis, Mitglied der norwegischen Theaterkompanie Nya Rampen (We love Africa and Africa loves us, 2012 im Ballhaus Ost), vor das Publikum und fordert zum Mitmachen bei Atemübungen auf. Man solle beim folgenden keine Angst haben. Nun, man muss auch kein Ayahuasca zu sich nehmen, das wird hier lediglich auf der Bühne bei einer schamanischen Sitzung simuliert, der die an der Allmacht der westlichen Medizin zu zweifeln beginnende Ärztin zusammen mit ihrem Patienten Kurt Widmer beiwohnt.

     

    EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost - Foto (c) Robert Funke
    EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost – Foto (c) Robert Funke

     

    Bühnenbildner Philip Wiegard hat dafür ein paar mit Luft gefüllte, zelt- und trichterartige Schlauchgebilde im Saal des Ballhaus Ost verteilt, sowie einen ebenfalls aufblasbaren durchsichtigen Iglu, in dem der Schamane seine Sitzungen vorbereitet und vollzieht. Es erklingt ein psychedelischer Elektrosound begleitet vom sphärischen Gesang Steev Lemerciers. Der Text lässt sich zunächst in einigen wissenschaftlichen Abhandlungen zu den pflanzlichen Bestandteilen des halluzinogenen Gebräus, zur spirituellen Verbindung von Mensch und Pflanze und dem Dialog der Gene in der spiralförmigen Doppelhelix der DNS aus. Dazu kommen die Erzählungen des Rentners über seinen depressiven Zustand und die der Ärztin über ihre Zweifel am System aus Karriere und Reichtum sowie schnellen, billigen Lösungen der Psychotherapie. Später wird ihr dann vor einer Kommission der medizinischen Fakultät die Approbation wegen Verletzung wissenschaftlicher Standards aberkannt, was hier wie in einem Ayahuasca-Trip vorgetragen wird.

    Die Sinne öffnen und die Grenzen des Denkens überwinden – das Verschmelzen des Menschen mit der Natur und den Pflanzen – das alles vollzieht sich hier als Exit aus den normierten westlichen Vorstellungen und Einstieg in spirituelle Erfahrungen. So kann der kranke Rentner Widmer durch eine Todesvision seine Ängste lösen und gewinnt neue Lust am Leben. Der Ärztin wiederum gelingt es sich von ihren Zweifeln zu befreien und sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden. Ayahuasca als „Auflöser von Problemen“ – das Zeremoniell als innere Reinigung und Katharsis.

    Sind Pflanzen intelligente Wesen? Wissen Schamanen mehr? Das sind u.a. die Fragen, der die Inszenierung nachgehen will. Leider wirkt sie dabei auf die Dauer auch wie ein etwas verunglückter Workshop zur medizinischen Drogeneinnahme. Man könnte das Ganze vielleicht noch als gutgemeinte Informationsveranstaltung mit leicht folkloristischem Kunstanspruch verbuchen. Allerdings gehen in dem ganzen, für Laien etwas schwer verständlichen Wissenschaftsgedöns auch etwas die philosophischen Hintergründe flöten. Zybowski hat sich ein wenig beim deutschen Ethnopharmakologen und Drogen-Spezialisten Christian Rätsch belesen, der mehrere Bücher über die kulturelle Nutzung psychoaktiver Pflanzen und über Schamanismus geschrieben hat.

    Spielerisch wird die Performance u.a. durch die Befreiung aus einer Fesselung oder den Tanz zwischen zwei Seilen unterstützt. Es gibt Videoeinblendungen von DNS-Strängen und Insekten. Es werden bionische Phänomene erklärt sowie die Metamorphose vom Wurm zum Schmetterling oder die Reise auf die andere Seite durch den Darm einer Schlange und im Stamm des Weltenbaumes beschrieben. Es ist bekannt, dass der Genuss von Ayahuasca nicht nur Gedächtnis und Geist stärkt, sondern auch die Phantasie und Kunstproduktion anregt. William S. Burroughs hat so die vom Künstler Brion Gysin erfundene Cut-up-Technik weiterentwickelt. Dem Team Zintel / Zybowski gelingt das nicht ganz.

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    EXIT AYAHUASCA (Ballhaus Ost, 09.10.2016)

    (c) Tobias Zintel
    (c) Tobias Zintel

    von Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski
    Regie: Tobias Yves Zintel
    Text: Przemek Zybowski
    Bühne: Philip Wiegard
    Kostüm: Jutta Klingel
    Dramaturgie: Andreas Wolfsteiner
    Produktionsleitung: Tina Pfurr / Ballhaus Ost
    Mit: Steev Lemercier, Tamara Saphir, Rasmus Slätis, Johannes Suhm
    Eine Produktion von ZINTEL / ZYBOWSKI in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
    Premiere im Ballhaus Ost war am 08.10.2016
    Weitere Termine: 13., 14., 15., 16.10.2016

    Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/exit-ayahuasca/

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