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  • Das Deutsche Theater Berlin startet mit einer Max-Frisch-Adaption von Thom Luz und einem Fritz-Kater-Stück in der Regie von Tilmann Köhler durchwachsen in die neue Spielzeit

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    Der Mensch erscheint im Holozän – Thom Luz langweilt zum Spielzeitauftakt am Deutschen Theater mit einer späten Erzählung seines Landsmanns Max Frisch

    Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair
    Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin – (c) Arno Declair

    „Herr Geiser hat Zeit.“ heißt es in der 1979 erschienen Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän vom damals 68jährigen Max Frisch: Ihr Protagonist, der 73jährige ehemalige Firmeninhaber Herr Geiser aus Basel, zieht sich während eines langanhaltenden Unwetters in den Tessiner Alpen immer mehr in sein Ferienhaus zurück. Ein Erdrutsch droht, die Straße ins Tal ist gesperrt, und der Strom fällt hin und wieder aus. In der drohenden Naturkatastrophe spiegelt sich auch der eigene Verfall. Der alte Mann fühlt sich von der restlichen Welt abgeschnitten und beginnt zunächst aus Langeweile zu lesen. Mehr die im Überfluss vorhanden Sachbücher und Lexika, als Romane, die nur von Menschen und ihren Beziehungen handeln. Herr Geiser sammelt das Wissen der Welt, um es zu bewahren und somit der drohenden Auslöschung des eigenen Ichs zu begegnen.

    Ein interessanter Stoff für Thom Luz (Regisseur und Landsmann von Max Frisch) mit Hang zum assoziativ Abseitigen, das sich einfachen, narrativen Erklärungsmustern entzieht. So sind auch seine ebenfalls schon in Berlin zu sehenden Inszenierungen Atlas der abgelegenen Inseln und LSD – Mein Sorgenkind aufgebaut. Luz ist Meister im Erzeugen und Widerspiegeln von Stimmungen. Gern nebelt dafür der Schweizer Regisseur die Bühne ein. Lesen im postdramatischen Kaffeesatz. Und passend auch für das wolkenverhangene Tessiner Tal, das hier auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin einer kleinen Schar Touristen im Vorübergehen von den Ensemblemitgliedern Judith Hofmann, Franziska Machens und Leonhard Dering gbeschrieben wird. Sie tragen Rollenbezeichnungen als verstorbene Frau, Tochter und Schwiegersohn des Herrn Geiser, während Ulrich Matthes als eigentlicher Hauptprotagonist zunächst noch stumm an der Bühnenrampe auf einem Stuhl sitzt.

    Die Erzählung über den alten Geiser ist in der dritten Person gehalten und auch weiter auf alle Beteiligten inklusive zweier Klavierspieler Wolfgang Menardi (als deutscher Sonnenforscher) und Daniele Pintaudi (als Armand Schulthess) verteilt. Beides Figuren, die Frisch als Inspirationsquellen für seine Hauptperson dienten. Der Schweizer Industrielle Armand Schulthess als Erfinder eines enzyklopädischen Gartens in den Tessiner Bergen, einer „Enzyklopädie im Walde“ und gewaltigem Nachschlagewerk mitten in der Natur. Ähnlich dem Zettelkasten Geisers, der, um nichts zu vergessen, eine Vielzahl von Lexikoneintragungen ausschneidet und an die Wände seines Hauses pinnt.

     

    Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair
    Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin
    (c) Arno Declair

     

    Das ist hier nur mit zwei Tapetenwänden und einer Treppe als zweigeschossiges Gestell angedeutet, das von den SchauspielerInnen immer wieder mal bestiegen wird. Ansonsten ist die Bühne außer mehreren Klavieren und Scheinwerfern recht leer. Die Naturbeschreibungen wie die zahllosen Wissensfetzen des Alten, der sich erst nach und nach eine Stimme verschafft, die ihm aber durch die anderen immer wieder genommen wird, verhallen wie ungehört im Nebel. Eine eher vergebliche Selbstvergewisserung, die selbst durch den Besuch der Dorfspelunke oder die versuchte Flucht aus dem Tal den geistigen Verfall des Mannes nicht aufhalten kann. Wissen beruhigt zwar kurzzeitig, aber: „Was heißt Holozän! Die Natur braucht keinen Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.“ lautet der Schlüsselsatz der Erzählung.

    Die Natur ist bei Luz allerdings ein rein abstraktes Gedankengebilde. Matthes zählt mit monotoner Stimme die vielen Arten des Donners auf. Er scheint dabei ganz in sich selbst versunken. Auch die Anderen sind eher sprechende Schatten, die ansonsten in dem von Luz durch Wechsel von Licht, Dunkelheit und chorischem Liedersingen zu dezenter, klassischer Klaviermusik erzeugten Stimmungsraum huschen. Sie geben Radiomeldungen wieder, imitieren dabei das Verstellen der Sender mit einer Stahlplatte auf den Saiten eines Klaviers oder lesen im Linienlicht der Punktscheinwerfer Frischs Text. Viel mehr fällt Thom Luz zu diesem existentiellen Drama eines Mannes, dessen Gedächtnis sich trotz des unaufhörlichen Ordnungsdrangs langsam aufzulösen beginnt und im Chaos der Natur aufgeht, nicht ein. Der stille und dennoch hochphilosophische Text dient letztendlich nur für eine der typischen Fingerübungen des Regisseurs mit sparsamer Musikbegleitung, die sich irgendwann hinter sich schließenden Gazevorhängen totläuft.

    Dahinter kann Herr Geiser noch etwas über Gott, das Ende der Welt und das Zeitalter der Dinosaurier philosophieren, bis seine Konturen langsam verschwimmen und die Stimme erstirbt. Der Mensch hat dem Lauf der Natur und dem Tod nichts entgegenzusetzen. Ulrich Matthes könnte so auch die Zeit oder die Seitenzahlen ansagen. Es würde nicht viel am Verlauf des 90minütigen Abends ändern. Es macht sich Schläfrigkeit breit. So starben dann wohl auch die Dinosaurier. Aus lauter Langweile.

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    Der Mensch erscheint im Holozän
    nach der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch
    in einer Fassung von Thom Luz und David Heiligers
    Premiere war am 23.09.2016 Deutsches Theater
    Regie: Thom Luz
    Musikalische Leitung: Mathias Weibel
    Bühne: Wolfgang Menardi, Thom Luz
    Kostüme: Sophie Leypold
    Dramaturgie: David Heiligers
    Licht: Matthias Vogel
    Mit:
    Ulrich Matthes…Herr Geiser
    Judith Hofmann…Elsbeth, seine verstorbene Frau
    Franziska Machens…Corinne, seine abwesende Tochter
    Leonhard Dering…Der Schwiegersohn aus Basel, der immer alles besser weiß
    Wolfgang Menardi…Ein deutscher Sonnenforscher
    Daniele Pintaudi…Armand Schulthess
    als Besucher: Margitta Azadian, Mohammed Azadian, Martin Heise, Till-Jan Meinen, Sarah Maria Neugebauer, Valentin Olbrich, Nina Philipp, Thomas Reimann
    Koproduktion mit dem Theater Basel
    Premiere war am 2309.2016 im Deutschen Theater Berlin
    Termine: 13., 22.10. / 01., 09., 18.11.2016

    Infos: https://www.deutschestheater.de/

    Zuerst erschienen am 24.09.2016 auf Kultura-Extra.

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    BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Tilman Köhler inszeniert an den DT-Kammerspielen Fritz Katers Stück als szenisches Panorama des modernen Menschen

    Um fünf Ingredienzien des Lebens soll es im Stück BUCH. Berlin gehen. Dazu gehören nach der Szenenabfolge des Autors Fritz Kater Utopie, Phantasie, Liebe und Tod, Instinkt und Sorge. „wie leben wir und warum?“ – ein Panorama des modernen Menschen in fünf Bildern, das von den 60er Jahren bis in die Gegenwart reicht und sich um Geburt, Kindheit, Erwachsenendasein und Tod dreht.

     

    Keine Angst vor niemand - Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin - Foto: St. B.
    Keine Angst vor niemand – Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

     

    An den Münchner Kammerspielen hat es der Regisseur Armin Petras (dessen schreibendes Alter-Ego Fritz Kater ist) im April letzten Jahres selbst uraufgeführt. Damals noch nur BUCH genannt, bringt es der ehemalige Hausregisseur des Dresdner Staatsschauspiels, Tilmann Köhler, nun als Berliner Fassung auf die Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater. Buch bedeutet hier nämlich nicht nur das literarische Werk (Kater nimmt immer wieder Bezug auf Die Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, auf Jorge Luis Borges oder Samuel Beckett) sondern auch das Krankenhaus Berlin-Buch, in dem 1984 ein 50-jähriger, alkoholkranker Wissenschaftler über sein vergangenes Leben und insbesondere die Jugendzeit sinniert. Ähnlich wie Becketts Krapp spricht er seine Erinnerungen auf Tonband, erlebt nochmal die Jugend in den Sachen des Sohnes, im Wissen selbst gescheitert zu sein. „wo war der, der ich hatte werden wollen? und wer war das? ich hatte ihn lange nicht gesehen.“

    Von Hoffnung bis Ernüchterung, Frust bis hin zu Wut, großer Melancholie und Angst gibt es hier alle Zutaten, die echtes Leben ausmachen. Es beginnt 1966 mit einem Futurologen-Kongress in Arizona oder München (Kater gibt für seine Spielorte immer auch globale Alternativen an). Eine Gruppe von Wissenschaftlern spricht über die Zukunft und malt diese in den fortschrittlichsten Utopien aus. Schon hier lässt Autor Kater die philosophischen und technischen Höhenflüge durch mit Maschinenpistolen bewaffnete Bunny-Girls zerstören. Tilman Köhler lässt die Stimmen aus dem Off einspielen, während Jörg Pose als stummer Conférencier im Glitzerfrack mit Zylinder über die Bühnenschräge tänzelt. Die MPi-Bunnys sind gestrichen, dafür gibt‘s andere Häschen und grüne Marsmännchen.

     

    BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) - Foto: Arno Declair
    BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Foto: Arno Declair

     

    Humor spielt auch in der zweiten Szene, die mit phantasie überschrieben ist, eine große Rolle. In einem weißen Styroporbühnenbild aus den russischen Großbuchstaben ЗИМA (SIMA) für Winter turnen Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer und Linn Reusse als Berliner Gören herum und warten auf die S-Bahn nach Buch, wo sie den Vater im Krankenhaus besuchen wollen, während die Mutter vermutlich nach dem Westen abgehauen ist. Die Welt der Erwachsenen in den Reflexionen und Worten der lieben Kleinen. Bis auf die Tatsache, dass Köhler hier die Kinderzahl des Originals verdoppelt, bleibt die Erkenntnis – bis auf die, des Beckett‘schen Wartens auf etwas, das nicht kommt – in dieser Spielszene allerdings relativ gering.

    Etwas größer sind die Kinder und die Erkenntnisse dann in der dritten Szene, die wie eingangs erwähnt in den 1980er Jahren beim Alkoholiker-Vater in Buch spielt, sowie die Jugendlichen bei der ersten Liebe, in der Disco und am sommerlichen See zeigen. Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose und Linn Reusse spielen das als Live-Konzert. Eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Liebe und Tod, Rock und Blues mit Songs wie „House of the rising Sun“ von The Animals, „She’s lost Control“ von Joy Division und „Hard to Concentrate“ von den Red Hot Chili Peppers. Ein Zugriff, der sich über den Text ziemlich gut erschließt. Jörg Pose glänzt dann noch als emotionales Wrack und gescheiterter Wissenschaftler, der einst die Lebensformel schon in Händen hielt und nun nur noch als verwischtes Action-Painting an die Wand pinselt, während die Jugend ihm gelangweilt ins Wort fällt.

    Nach der Pause wird dann wieder relativ konventionelles Theater gegeben. In jeweils zwei Paarkonstellationen lässt Köhler die restlichen beiden Szenen spielen. In instinkt berichtet eine junge, schwangere Elfentenkuh (Linn Reusse) von den Massakern der Menschen und sucht zusammen mit einem jungen Bullen nach einem sogenannten „stillen land“. Utopie und Ideologie in einer Tierparabel, die hier etwas hilflos auf der Bühne zerstampft wird. Hochemotional wird es dann noch mal in der letzten Szene sorge, in der Wiebke Mollenhauer im weißen Brautkleid und Schauspielgast Matthias Reichwald aus Dresden ein Paar im Heute geben, das über der Sorge um ihr krankes Kind und den verschiedenen Ansichten zur persönlichen Lebensplanung und Künstlerkarriere zerbricht.

    Man muss hier nachträglich eine kleine Lanze für das von den Kritikern nach der Premiere arg zu Unrecht gescholtene Stück brechen. Kater schließt hier fast nahtlos an seine in ebenso losen Szenefolgen gehaltenen Utopie- und Geschichtsdramen we are blood (2010) und demenz depression und revolution (2013) an. Selbst die besonders im ersten Teil etwas zu naiv bunt bebildernde Inszenierung von Tilmann Köhler ist so schlecht nicht. Auch wenn man sich vielleicht gewünscht hätte, dass der Regisseur hier und da doch noch stärker zupackend mit dem Stoff umgegangen wäre. Ein Abend, der sich aber trotz einiger kleiner Schwächen dennoch durchaus zu sehen lohnt.

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    BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – DT-Kammerspiele, 06.10.2016
    von Fritz Kater
    Regie: Tilmann Köhler
    Bühne: Nicole Timm
    Kostüme: Susanne Uhl
    Musik: Jörg-Martin Wagner
    Licht: Thomas Langguth
    Dramaturgie: Sonja Anders
    Mit: Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose, Matthias Reichwald, Linn Reusse
    Premiere war am 24.09.2016 in den DT-Kammerspielen
    Termine: 12., 21.10. / 09., 22.11.2016

    Infos: https://www.deutschestheater.de/

    Zuerst erschienen am 08.10.2016 auf Kultura-Extra.

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  • KRUSO und 89/90 – Das Schauspiel Leipzig startet mit zwei Romanadaptionen über die Wende in die neue Spielzeit

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    Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.
    Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

    Eine Auseinandersetzung mit dem „Schlüsselmoment der deutschen Geschichte“ nennt das Schauspiel Leipzig sein Unterfangen, mit gleich zwei Romanadaptionen zum Thema Wende und deutsche Wiedervereinigung in die neue Spielzeit zu starten. Pünktlich zum langen Einheitswochenende bringt man hier mit der Adaption von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso die zweite Wende-Inszenierung auf die Bühne. Bereits am 16. September hatte die Leipziger Bühnenfassung des Dresdner Wende-Romans 89/90 von Peter Richter Premiere.

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    Kruso – Armin Petras adaptiert den Hiddensee-Roman von Lutz Seiler am Schauspiel Leipzig als magisches Bildertheater mit Anja Schneider in der Hauptrolle

    Für die Adaption von Kruso konnte man einen alten Bekannten des Schauspiels, der schon unter Wolfgang Engel und Sebastian Hartmann in Leipzig inszenierte, wiedergewinnen. Armin Petras, zurzeit Intendant am Schauspiel Stuttgart, hat hier u.a. 2008 in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin den im letzten Jahr verfilmten Roman Als wir träumten von Clemens Meyer erfolgreich auf die Bühne gebracht. Nun also ein weiteres Mal Lutz Seilers Buchpreisgewinner von 2014, der auch schon auf den Spielplänen in Magdeburg, Gera und dem Hans-Otto-Theater in Potsdam steht.

    Auffallend ist zunächst die Bühne von Olaf Altmann, die nicht (wie bei ihm gewöhnlich) einen Sperrholzkasten zeigt, sondern einen dichten Wald aus vom Schnürboden gespannten Perlonfäden. Eine Bild-Metapher für Einengung und Verlorenheit wie auch für das unüberwindbare Meer zwischen Hiddensee und der dänischen Insel Møn, auf die es die sogenannten „Schiffbrüchigen“ zieht, die vor der Flucht eine kurze Bleibe auf Hiddensee suchen. Der Chor dieser Schiffbrüchigen wird hier von 6 Schauspielstudierenden dargestellt, die mal in den Fäden hängen oder zwischen ihnen in einer Art choreografierten Bewegung agieren. Einmal stellen sie sich sogar an der Rampe mit kleinen Modellen ihrer „Notunterkünfte“ auf der Insel vor.

     

    Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold
    Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

     

    Es beginnt aber zunächst vor dem Eisernen Vorhang mit der Vorgeschichte des Literaturstudent Ed (Florian Steffens), der hier aus seinen Erinnerungen an die verunglückte Freundin G. erzählt und den es dann später nach Hiddensee verschlägt, wo er eine Unterkunft in der Gemeinschaft des Urlauberrestaurants „Zum Klausner“ findet. Hier führt der Abwäscher Kruso sein Regime aus Ritualen und der Verheißung von Freiheit, die die vom Festland angespülten Schiffbrüchigen an der Flucht und vor dem sicheren Tod in der Ostsee retten sollen. Armin Petras besetzt diese Rolle mit der Schauspielerin Anja Schneider, was zunächst verwundert, aber letztendlich wunderbar aufgeht.

    Man muss dem aber weiter keine große Bedeutung beimessen. Sehr subtil gehen nach und nach die Handlungsfäden von Eds poetischen Naturschilderungen und Begegnungen mit einem Fuchs (Markus Lerch im grünen Pelz und Dreispitz) zu Kruso über, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Petras spult die Geschehnisse auf Hiddensee überschaubar ab, ohne stur nacherzählend zu bebildern. Er greift den mal epischen, mal lyrischen Sound der Textvorlage auf und gibt ihn mittels szenischen Dialogen, Einzelvorträgen oder bewegten Gruppenchoreografien wieder. Als Requisiten dienen lediglich Handtücher und ein paar Töpfe für die Speisung mit der „ewigen Suppe“, deren Zutaten in einem traumwandlerischen Defilee über die Bühne getragen werden. Der „Lurch“ aus dem Abfluss der Geschirrspültische hängt an im Bühnenboden eingelassenen Gitterrosten, mit denen Ed kämpft.

     

    Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold
    Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

     

    Als tragischer Alter und Bewahrer der schützenden Arche tritt der Klausner-Chef Krombach (Berndt Stübner) auf, der mit seinem Schlips Seemannsknoten bindet, was aber wie eine Schlinge aussieht. Er erklärt die Philosophie des Klausners als Poesie und Gastronomie, spricht von Abrechen und Abdriften der Küste, einem Landverlust im doppelten Sinne und rezitiert auch mal Brechts Lob des Kommunismus. Die anderen Figuren der Belegschaft bleiben hier eher im Hintergrund. Zwei Grenzsoldaten mit DDR-Stahlhelmen haben ihren komischen Kurzauftritt mit Pistole.

    Viel Raum nehmen dafür Krusos Rituale mit den Schiffbrüchigen und ein wildes aus den Fugen geratenes Sommerfest mit Live-Schlagzeug-Begleitung und archaischen, magischen Tänzen ein. Die immer wiederkehrenden Bemühungen Krusos, Ed von seinen Visionen zu überzeugen, gestaltet Anja Schneider oft anrührend komisch bis improvisiert und slapstickhaft. Die „Karte der Wahrheit“ steckt sie mit Wimpeln ab und erklärt die Phasen des Ertrinkens, wobei der Chor der Schiffbrüchigen magisch in den Schnüren hängt. Kruso führt Ed seine erste Vergabe, die Schiffbrüchige C., zu, schließt Blutsbrüderschaft und predigt vom Kochtopf herunter von den „Wurzeln der Freiheit”.

    Nach der Pause beerdigt Armin Petras dann die DDR. Es wird viel gewinkt, ein Grab für den toten Fuchs ausgehoben, und die Stimme von Angelika Unterlauf darf noch mal zum 40. Jahrestag gratulieren. Der verletzte Ed erfährt noch von Rommstedt (Dirk Lange) die Geschichte des Generalssohn Kruso, was im Hintergrund mit einem akrobatischen Soldatendenkmal illustriert wird. Die neue Zeit hält mit Haribo und Flitter Einzug. Ed und Kruso schmeißen ihren „McKlausner“ jetzt allein im Ketchup- und Senftubenkostüm. Bis auch Kruso langsam verstummt und verschwindet, nicht ohne vorher Eds Verrat und die neue Spezies des Einbauküchenmenschen zu beklagen. Das Ende markiert die in der Drehung mit den Perlonfäden verhakte Bühne. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ein durchaus eindrucksvolles Bild für das Ende einer Utopie.

    Eingeladen zu den Autorentheatertagen 2017 im Deutschen Theater Berlin.

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    KRUSO (02.10.2016, Schauspiel Leipzig)
    Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
    Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk
    Regie: Armin Petras
    Bühne: Olaf Altmann
    Kostüme: Patricia Talacko
    Live-Musik: Johannes Cotta
    Choreographie: Denis Kuhnert
    Dramaturgie: Christin Ihle, Clara Probst
    Licht: Jörn Langkabel
    Besetzung:
    Alina-Katharin Heipe (Chor der Schiffbrüchigen), Ellen Hellwig (Monika / Inselärztin), David Hörning (Chor der Schiffbrüchigen), Andreas Keller (Koch-Mike / Rebhuhn), Jonas Koch (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Dirk Lange (Rimbaud / Rommstedt), Ferdinand Lehmann (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Markus Lerch (René / Fuchs), Elias Popp (Chor der Schiffbrüchigen), Anja Schneider (Kruso), Nina Siewert (Chor der Schiffbrüchigen), Florian Steffens (Ed) und Berndt Stübner (Krombach)
    Premiere war am 01.10.2016 im Schauspiel Leipzig
    Termine: 29., 30.10. / 19., 20.11. / 01., 02.12.2016

    Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

    Zuerst erschienen am 04.10.2016 auf Kultura-Extra.

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    89/90 – Regisseurin Claudia Bauer und Komponist Peer Baierlein sampeln am Schauspiel Leipzig eine Text- und Soundcollage aus dem Dresdner Wende-Roman von Peter Richter

    Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.
    Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

    Das Land verlassen ohne eine Grenze zu übertreten. Was sich in Lutz Seilers Kruso eher beiläufig und abseits der großen Politik auf einer kleinen Insel vollzieht, erlebt der 16jährige Ich-Erzähler aus dem Roman 89/90 von Peter Richter live und leibhaftig in Dresden, auch wenn es da am Ende über den 3. Oktober 1990 ganz ähnlich heißt: „…und wir waren, ohne uns vom Fleck bewegt zu haben, in einem anderen Land.“ Was im letzten Sommer des Sozialismus geschah, beschreibt Richter in vielen kleinen Momentaufnahmen, Anekdoten und Geschichten als vielstimmigen Soundtrack eines kleinen untergehenden Lands. Ende August am kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden in nacherzählenden Spielszenen mit Live-Band-Begleitung uraufgeführt, versucht man nun am Schauspiel Leipzig sich auf eine ganz andere Art dem Buch von Peter Richter zu nähern.

    Doch auch Regisseurin Claudia Bauer und ihr Dramaturg Matthias Huber gehen den Stoff sehr musikalisch an. Aber zunächst sieht man auf einer Videoleinwand über der Bühne, die wie ein altes DDR-Kultur- oder Funkhaus mit braunem Holz vertäfelt ist, Wenzel Banneyer, der Text des Ich-Erzählers aus dem Buch spricht und dabei in alten Fotos wühlt. Zu ihm gesellt sich der Berliner Neuzugang Roman Kanonik, der die Rolle des Freundes S. übernimmt. Wie Peter Richter in seinem Buch blicken die beiden auf damals zurück, als sich die ganze Clique noch gemeinsam im nächtlichen Schwimmbad traf. Dazu tritt das restliche Ensemble in Ganzkörperschaumstoffanzügen mit riesigen Kahlköpfen im Trockeneisnebel auf. Ein traumwandlerischer Erinnerungsreigen.

    Und wie sich die beiden oben erinnern, entsteht unten in kleinen, anekdotisch gefärbten Szenen ein Bild von damals, dass zuweilen an einen alten Hollywoodfilm erinnert, etwas kitschig und mit angedeuteten Liebesszenen des Erzählers und seiner linientreuen Freundin L. (Bettina Schmidt) mit Blondhaarperücke und im langen Kleid aus einer DDR-Fahne. Immer wieder tritt nun ein 24-köpfiger Chor in Alltagskleidung auf. Sie singen auf Stühlen sitzend den DDR-Punk-Klassiker von Feeling B „Wir wollen immer artig sein“ als vielstimmigen Kanon, „Kinder der Maschinenrepublik“ von der Band Die Firma oder Textsplitter aus dem Buch zu minimalistischen Arrangements von Peer Baierlein.

     

    89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold
    89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

     

    Das Chorische vermischt sich unter dem körperbetonten Dirigat von Chorleiter Daniel Barke wunderbar mit kurzen Szenen aus der Schule, Geplapper in der Raucherecke, allerlei Zwischenrufen oder auch Episoden aus dem Wehrlager. Denis Petković brüllt im Stakkato-Ton die Befehle des Wehrlagerleiters, oder das „Zuführen!“ der Polizei bei den Demos vor dem Dresdner Hauptbahnhof.  Gemeinsam tanzt das Ensemble die rhythmischen Statements der Staatsbürgerkundelehrerin (Anna Keil) über den Unterschied von Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder zu Reisen nach Prag oder Paris. Das ist einerseits ein herrlicher musikalischer Verfremdungseffekt, anderseits wirken diese minutiös einstudierten Chorpassagen wie kleine vertonte Absurditäten aus der späten DaDaR.

    Bis zur Pause bekommt die Inszenierung dadurch einen wunderbaren Drive. Dann dreht sich das Bühnenbild nach hinten weg, und auf der Rückseite laufen nun bunte Werbefilmpersiflagen, die signalisieren sollen, was nach der Wende viel und heftigst auf die DDR-Bürger zukommen wird. Der Ton bleibt weitestgehend ironisch, auch wenn bei der L. die große Wende-Depression losgeht. Wenzel Banneyer und Bettina Schmidt wirken auf der ersten Fahrt des Erzählers mit seiner Freundin nach West-Berlin wie ein Hollywoodfilmpaar kurz vor der schmerzhaften Trennung.

     

    89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold
    89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

     

    Ein aufgeblasener Helmut Kohl mit Birnenkopf (Andreas Dyszewski) tänzelt vorbei und empfängt den von den Massen vor der Frauenkirche verströmten Willen zur deutschen Einheit. Leider wird es für die Nichtkenner des Romantextes nun auch etwas unübersichtlich. Auf den Erzähler und das Publikum prasseln dichte Textsamplings aus scheinbar wahllos aus dem Roman entnommenen Sätzen. Das mag gut zur chorischen Man-müsste-dies-und-jenes-könnte-aber-auch-Choreografie passen, die die allgemeine Konfusion nach der Wende zeigen soll, könnte aber auch leicht übersättigend wirken.

    Dazu wird weiter munteres Typenkabarett gespielt: Bettina Schmidt gibt einen Zuhälter mit riesiger aufblasbarer Sexpuppe. Tilo Krügel spielt den Transvestiten T. als dauer-hibbeligen Fanatiker, der die Stasizentrale stürmt und später in den Untergrund abtaucht. Anna Keil schlägt im Glitzerkleid und Springerstiefeln den Takt der Schlägereien zwischen Punks und Skinheads mit dem Baseballschläger, und Roman Kanonik singt „Nazi Punks Fuck off“ von den Dead Kennedys oder Kim Wildes „Kids in America“ als Punk-Version. Ein großer Spaß. Auch wenn dabei die in Richters Textvorlage leicht mitschwingende politische Botschaft etwas unterzugehen droht. Die unglaublich künstlerische Raffinesse der kolossalen Chorarbeit rettet aber die Inszenierung von Claudia Bauer ins Ziel.

    Wie in Dresden kulminiert der Abend auch hier in den 90ern mit dem alles gleichmachenden Technosound. Das Ensemble verschwindet wieder unter den großen Pappköpfen. Politik ist out. Dass das Versäumte und Vergessene heute als Pegida wieder hochkocht, konnte man gerade an diesem aktuellen Tag der Einheit vor allem wieder in Dresden erleben. Peter Richter sprach davon im Februar in seiner Dresdner Rede, die nun zum Essay Dresden revisited erweitert in Buchform erschienen ist. In diesem Sinne braucht es vor allem auch solch ein Theater gegen das Vergessen.

     

    Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.
    Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

    Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

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    89/90 (03.10.2016, Schauspiel Leipzig)
    Nach dem Roman von Peter Richter
    Für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Huber
    Regie: Claudia Bauer
    Bühne: Andreas Auerbach
    Kostüme: Andreas Auerbach, Doreen Winkler
    Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein
    Chorleitung: Daniel Barke
    Dramaturgie: Matthias Huber
    Mit: Anna Keil, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Wenzel Banneyer, Andreas Dyszewski, Roman Kanonik, Tilo Krügel, Denis Petkovic und Chor
    Premiere am Schauspiel Leipzig war am 16.09.2016
    Spieldauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
    Termine: 23.10. / 03., 17.11. / 16.12.2016  / 14.01. / 17.02. / 19.03. / 27.04.2017

    Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

    Zuerst erschienen am 06.10.2016 auf Kultura-Extra.

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  • WIR SIND 70! – Das Fest zum Theater-Jubiläum an der Neuen Bühne Senftenberg

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    wir-sind-70_logoSeit 1946 gibt es nun schon das Theater in Senftenberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg durch sowjetischen Kommandantenbefehl erst in einer alten Schulturnhalle eingerichtet, dann in einen eigenen Neubau umgezogen. Vom Theater der Bergarbeiter zur Neuen Bühne Senftenberg. Diese 70-järige Geschichte von Hoch und Tiefs, von Kunst für die Region will gefeiert werden. Die Neue Bühne Senftenberg tut das sieben Wochen lang mit dem Theaterfest WIR SIND 70! Und wie in jedem Jahr besteht dieses Spektakel aus einem Hauptstück für alle, einem Stück eigener Wahl aus einem Angebot von drei weiteren Inszenierungen sowie einem abschließenden Musikteil, der in diesem Jahr ein zünftiger Jubiläumsball ist. Also wie immer Theater ganz im Dienste des Publikums. „Denn schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr Preis“ und muss der Mime, (wie es Intendant Manuel Soubeyrand im Grußwort der Neuen Bühne mit Schiller sagt, „seiner Mitwelt mächtig sich versichern, / Und im Gefühl der Würdigsten und Besten / Ein lebend Denkmal sich erbaun.“

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    Um einen Befehl geht es auch im ersten Stück bzw. um einen, der nicht kommt, was letztendlich durch Eigenentscheidung ein Grenzregime und ein ganzes politisches System ins Wanken und schließlich zum Einsturz bringen lässt. Nach dem Drehbuch zum Film Bornholmer Straße von Rainer und Heide Schwochow haben Rainer Schwochow und der Autor, Regisseur und Schauspieler Jörg Steinberg eine Bühnenfassung für das Neue Theater Senftenberg geschrieben. Ein betongrauer Wachturm steht auf der Bühne, daneben ein rot-weißer Schlagbaum. Zur Einführung bekommt das Publikum einen Polylux-Vortrag zur DDR-Grenzsicherung inklusive sinnvoller Erklärungen zu sinnlosen Abkürzungen aus dem Grenzjargon wie GÜST (Grenzübergangsstelle) PKE (Passkontrolleinheit) oder OLZ (Operative Leitzentrale).

     

    Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (c) Steffen Rasche Als Schabowski vor 26 Jahren vor laufenden Kameras etwas verdutzt einen Zettel vorliest, hält die Welt den Atem an. Nach wochenlangen „Wir sind das Volk“-Rufen, soll den Bürgern der DDR nun ab sofort und ohne Einschränkungen gestattet sein, aus der DDR auszureisen. Nicht weniger verdutzt dürfte Harald Jäger gewesen sein, als er am Grenzübergang der Bornholmer Straße in der Kantine sitzt und diese Meldung am Bildschirm verfolgt. Der Oberst- leutnant glaubt, die Nachricht missverstanden zu haben und muss ab jetzt die immer größer werdende Menschen- menge hinter dem Schlagbaum beschwichtigen. Und keiner der SED-Funktionäre scheint über Telefon zu begreifen, in welcher Lage er sich befindet. Jäger muss eine Entscheidung treffen und schreibt damit Geschichte... 2014 verfilmte der Regisseur und Grimme-Preisträger Rainer Schwochow die unglaubliche, aber wahre Geschichte des Oberstleutnant Harald Schäfer: „Bornholmer Straße“. Es ist nicht nur eine spannende wie skurrile Geschichte, die erzählt wird, sondern ein Moment, der das Leben aller Deutschen verändert hat. PREMIERE: 24.09.2016 Regie - Sonja Hilberger Bühne - Ulrike Reinhard Kostüm - Jenny Schall Dramaturgie - Maren Simoneit Regieassistenz - Vivian Schmidt Inspizienz - Mirko Warnatz Soufflage - Heidrun Gork Es spielen: Harald Schäfer, Oberstleutnant - Friedrich Rößiger Ulrich Rotermund, Oberleutnant - Tom Bartels Peter Arndt, Major - Robert Eder Burkhard Schönhammer, Hauptmann - Daniel Borgwardt Michael Krüger, Zollrat - Wolfgang Tegel Ilona Krüger, Zollsekretär - Sybille Böversen Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier - Jan Schönberg Monika, DDR-Bürgerin - Catharina Struwe Jens Rambold, Feldwebel - Sebastian Volk Hartmut Kummer, Oberst - Heinz Klevenow Achim Zartmann, Oberleutnant - Simon Elias Ines, DDR-Bürgerin - Eva Geiler Manfred, DDR-Bürger - Ingo Zeising
    Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg
    Foto (c) Steffen Rasche

    Vorschriften sind hier alles, und so wird auch der illegale Grenzübertritt eines Hundes (leibhaftig auf der Bühne) penibel protokolliert. Die Herren in Uniformen der Grenztruppen und des Zolls machen ihren Dienst oder sitzen in der Kantine, die die Drehbühne hinter dem Wachturm freigibt. Hier ereilt sie auch der berühmte Schabowski-Spruch auf der Pressekonferenz am 9. November 1989, der den Stein und anschließenden Fall der Mauer ins Rollen bringt. Kommen anfangs nur einzelne Berliner zum Grenzübergang an der Bornholmer Brücke, die man noch barsch wegschicken kann, werden es bald mehr, und die Stimmung vor wie hinter dem Schlagbaum eskaliert zusehends. Animositäten zwischen Parteisekretär, Sicherheitsoffizier und diensthabendem Leiter der GÜST machen die Lage der Offiziere, die auf Order von oben warten und sichtlich mit den Ereignissen überfordert sind, nicht einfacher.

    Parteihörige und Hardliner, die zur Waffe greifen wollen („Das haben wir doch hier alles aufgebaut.“) gegen Zweifler und Besonnene wie den Oberstleutnant Harald Schäfer (Friedrich Rößinger), der sich eine telefonische Abfuhr nach der anderen beim Oberst der Leitzentrale (Heinz Klevenow) abholt. Dieser sitzt trinkend am Rand der Bühne vor einem Krenz-Portrait an der Wand wie der bürokratische und mit seinem Schreibtisch verwachsene Kentaur aus Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee. Die Befehlskette ist abgerissen, das Vertrauen in die Führung erschüttert. Letztendlich ist die Maueröffnung hier lediglich eine Verzweiflungstat eines von seinen Befehlshabern alleingelassenen Mannes, der sich von ganz menschlichen Skrupeln geleitetet der übermächtigen Stimme des Volkes und somit dem Lauf der Geschichte ergibt.

    Das Stück spielt den Film so gut es geht nach mit witzigen Nebenhandlungen zwischen den Offizieren innerhalb des Kantinentrakts und dramatischen Szenen vor dem Schlagbaum. Das Volk ruft aus dem Zuschauerraum „Wir wollen raus!“, und die bewaffneten Organe hinterm Schlagbaum schieben sich die Verantwortungen gegenseitig zu. Das zumindest kann die recht einfach gestrickte Inszenierung von Sonja Hilberger nachvollziehbar vermitteln. Wirklich ergreifend wird es nur, wenn unter den vor der Grenze Wartenden eine Mutter (Catharina Struwe), die zu ihrer Tochter nach West-Berlin will, den Uniformträgern ihr Herz und ihren Frust über die Zustände ausschüttet.

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    Von der gesamtdeutschen Geschichtsstunde zur regionalen geht es im zweiten Teil des Abends, wo man neben der von Esther Undisz zusammengestellten Textcollage Der Senftenberger Weg und dem Flüchtlingsdrama Phantom (Ein Spiel) von Lutz Hübner noch ein Auftragswerk für die Neue Bühne des aus der Lausitz stammenden Dramatikers sehen kann. Birkenbiegen handelt von einer Senftenberger Familie mit der verwitweten Mutter Ruth (Sybille Böversen) und ihren beiden Töchtern Sabine (Eva Geiler) und Vera (Nicole Haase). Die eine ist nach der Wende mit ihrem Mann in den Westen gegangen und hat Karriere als IT-Spezialistin gemacht, die andere ist daheim (oder ostdeutsch: zuhause) auf der Scholle geblieben und durchlief mit ihrem Mann nach der Entlassung über eine Vielzahl von Jobs und Geschäftsideen alle Tiefen der neuen kapitalistischen Grundordnung. Nun soll ein gemeinsames Generationenprojekt auf eigenem Seegrundstück neuen Auftrieb für die Zukunft geben. Dazu kehrt das Westpaar mit Tochter Ruby (Katrin Flüs) aus dem Schwabenländle in den Osten zurück.

     

    Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg Foto (c) Steffen Rasche
    Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg
    Foto (c) Steffen Rasche

    Oliver Bukowski, 1994 mit dem derben Mundart-Schwank Londn-L.Ä.-Lübbenau bekannt geworden, hat eine, wieder im regionalen Dialekt gehaltene und für ihn typische schwarze Komödie geschrieben, in der es bei sich zuspitzender Dramatik nicht nur verbal zur Sache geht. Dementsprechend lebendig inszeniert auch Regisseurin Samia Chancrin auf der länglichen Bühne des Studios. Ein kleiner Podest, der wie eine Tagebaulore auf Rädern über die Bühne geschoben werden kann, trägt Umzugskisten, wird zur Autofahrt in den Osten oder einer Floßfahrt auf dem See umgerüstet. Immer mit Handyfilmbegleitung der 17jährigen Tochter, die die Rückkehr in den Osten wie in einem Abenteuerfilm dokumentieren will.

    Sabine und ihr Mann Volker (Daniel Borkwardt) sind im Westen nicht wirklich angekommen. Diffuse Ängste stören die „Life-Work-Ballance“, also entschließt man sich für ein Reset und wirft den angehäuften Wohlstands-Müll wie einen „guten Schiss am Morgen“ in den Container. Aber im Osten stößt man neben der zurückgebliebenen Familie auch auf die unverarbeitete Vergangenheit. Da prallt nun westliche „Powerpoint-Mentalität“ auf die des „Еbay-Powersellers“ Ost. Auch bei Vera und ihrem Mann Peter (herrlich original: Gastschauspieler Michael Kind), der nach jedem Bier eine neue Idee rülpst, wie die taffe Großmutter Ruth sagt, läuft die Beziehung nicht mehr besonders gut. Vera hat Haus und Grund für Hypotheken an die Bank verpfändet, und das gemeinsame Seeufer-Projekt scheitert am Schild „Вetreten verboten“.

    Man schwankt zwischen Nostalgie und Bewegung, erstarrt aber im eigenen Unvermögen, sich den Problemen zu stellen. Sogar Sabines Kindheitserinnerung – die sich biegenden aber nicht brechenden Birken – hat Paul abgeholzt. Ganz anders da Tochter Ruby, für die hinter Verboten erst die Zukunft anfängt. Gemeinsam mit Karl (Sebastian Volk), dem schwulen Sohn der Ostfamilie, erkundet sie die neue Umgebung und geht die aktuellen Probleme wie provinzielle Dumpfheit und prügelnde Nazis ganz offensiv an. Im Soundmix aus Original-Stimmen einer Pegida-Demo rollt sie provokant mit einer Deutschlandfahne als Burka über die Bühne. Das geht natürlich nicht gut. Erst im Krankenhaus findet die heillos nach mehreren Besäufnissen zerstrittene Familie wieder zusammen.

     

    Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest - Foto: St. B,
    Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest – Foto: St. B.

     

    Was ist Heimat, und wo ist man zuhause? Das sind die Fragen, die Oliver Bukowski in diesem Stück stellt. Mit der Großmutter Ruth schafft er eine Figur, die unbeirrt mit ungeschönten Sprüchen den Finger in die offenen Wunden der anderen legt. Haltung ist ihr Credo und das ihres verstorbenen Mannes, dem sie schon mal im Zwiegespräch am Grab „noch ne Kanne“ aus dem Flachmann gönnt. Ruth nimmt hier im wahrsten Sinne des Wortes kein Blatt vor den Mund. Die Hoffnung sind die Kinder, die am Ende eine Utopie eines geschützten Lebens im Natur-Biotop einer Insel in der neuen Seenlandschaft suchen. Zu Recht sehr viel Beifall und Bravo-Rufe für das Ensemble und die gelungene Inszenierung.

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    Foto: St. B.

    WIR SIND 70! Das Fest.
    (Neue Bühne Senftenberg, 01.10.2016)

    Bornholmer Straße
    Regie: Sonja Hilberger
    Bühne: Ulrike Reinhard
    Kostüm: Jenny Schall
    Dramaturgie: Maren Simoneit
    Besetzung:
    Harald Schäfer, Oberstleutnant … Friedrich Rößiger
    Ulrich Rotermund, Oberleutnant …
    Tom Bartels
    Peter Arndt, Major … Robert Eder
    Burkhard Schönhammer, Hauptmann … Daniel Borgwardt
    Michael Krüger, Zollrat … Wolfgang Tegel
    Ilona Krüger, Zollsekretär …
    Sybille Böversen
    Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier … Jan Schönberg
    Monika, DDR-Bürgerin … Catharina Struwe
    Jens Rambold, Feldwebel … Sebastian Volk
    Hartmut Kummer, Oberst … Heinz Klevenow
    Achim Zartmann, Oberleutnant … Simon Elias
    Ines, DDR-Bürgerin … Eva Geiler
    Manfred, DDR-Bürger … Ingo Zeising
    Ursula, DDR-Bürgerin … Nadine Ehrenreich
    Greta, Haralds Frau … Marianne Helene Jordan

    Birkenbiegen (UA)
    Regie: Samia Chancrin
    Bühne: Ulrike Reinhard
    Kostüm: Jenny Schall
    Dramaturgie: Igor Holland-Moritz
    Besetzung:
    Sabine Michel … Eva Geiler
    Volker Michel, ihr Mann … Daniel Borgwardt
    Ruby Michel, ihre Tochter … Katrin Flüs
    Ruth Michel, ihre Mutter … Sybille Böversen
    Vera Böttcher, ihre Schwester … Nicole Haase
    Karl Böttcher, Veras Sohn … Sebastian Volk
    Peter Böttcher, Veras Mann … Michael Kind

    Die waren am 24. September 2016.
    Weitere Termine: 08., 14., 15., 22., 29., 30. 10. / 04., 05., 12. 11. 2016

    Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/wir-sind-70-das-fest.html

    Zuerst erschienen am 02.10.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Zweimal österreichische Dramatik in Berlin – ganz unterschiedlich in Szene gesetzt von Katie Mitchell an der Schaubühne und Matthias Rippert in der Box des Deutschen Theaters

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    Hadern im Hades – Katie Mitchell verfilmt an der Berliner Schaubühne Elfriede Jelineks Orpheus-Bearbeitung Schatten (Eurydike sagt) als feministischen Befreiungsakt einer unterdrückten Künstlerin

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    Schatten (Eurydike sagt)
    Foto (c) Gianmarco Bresadola

    „Das Größte aber ist, nicht geliebt zu werden und nicht zu lieben. Schatten zu Schatten, ich bin nicht mehr da, ich bin.“ Eurydike will nur mehr ein Schatten unter Schatten sein. Das ist die finale Aussage der Orpheus-Gattin im Stück Schatten (Eurydike sagt) von Elfriede Jelinek. Ihre Überschreibung des antiken Sagenstoffs hat man in Berlin bisher in zwei von Männern inszenierten Gastspielen sehen können. Das geriet beim Ex-Burgtheaterintendanten Matthias Hartmann zur knallbunten Pop-Farce mit vielstimmigem Frauenchor, wogegen Jan Philipp Gloger den Eurydike-Text in fünf separate Frauentypen zerlegte. Manchmal braucht es eben eine weibliche Regie-Hand, um das Essentielle aus einem langen Text über männliche Bevormundung zu destillieren.

    Die britische Regisseurin Katie Mitchell schafft das mit zwei Eurydike-Darstellerinnen. Während Jule Böwe der antiken Quellnymphe heutige Züge verleiht, liest Stephanie Eidt den gekürzten Jelinek-Text in einer gläsernen Sprecher-Box ein. Das wird in der Schaubühne zum 75 Minuten kurzen aber dennoch großen Leinwandkino. Da treffen sich Alfred Hitchcock und David Lynch, Mystery-Thriller und Film noir zu einem feministischen Befreiungsschlag vor Live-Kamera.

    Katie Mitchell greift wieder zu ihrem bewehrten Stil mit live vor Ort gefilmten Spielszenen und eingesprochenem Text, der hier die innere Stimme der zu künstlerischer Untätigkeit im Schatten des Rocksängers Orpheus (Renato Schuch) verdammten Eurydike widergibt. „Ich wünsche mir, was ich nicht kann. Ich kann nicht, was ich mir wünsche.“ Während sie in der Garderobe vor einem Notebook sitzend vergeblich versucht, sich unter Schmerzen Texte abzuringen, muss sie dem erfolgsverwöhnten und „nie nur einen Tag ungefickten“ Sängerstar sexuell zu Diensten sein. Das Set zeigt Eurydike am Rande seines Auftritts. „Mein Werk ist nichts.“ sagt sie verzweifelnd und ist sauer auf die Groupies.

     

    Schatten (Eurydike sagt) - Foto (c) Gianmarco Bresadola
    Schatten (Eurydike sagt)Foto (c) Gianmarco Bresadola

     

    Was folgt ist der giftige Schlangenbiss und die lange Fahrt in einem VW-Käfer mit sprechendem Kennzeichen UW – 8TYX und finsterem Chauffeur (Maik Solbach) durch lange lichtgesäumte Tunnel. Einen Fahrstuhl über 99 Geschosse in die Unterwelt gibt es dann auch noch. Erst trommelt Eurydike noch ängstlich an die Wände ihres dunklen Gefängnisses, findet dann aber doch Gefallen am neuen Schattendasein, zu dem die Lebenden und vor allem die Halbtoten sie nur beneiden können.

    Ein wenig Psychologie streut Elfriede Jelinek auch noch unter ihren, wie immer kalauernden Fließtext, der in Katie Mitchells Kurzversion und dem gefassten Vortrag von Stephanie Eidt kaum Stellen der ironischen Brechung bietet und somit wenig komödiantisches Potential entfaltet. Die Frau als von der Mutter ungeliebtes, pathologisches Fashion Victim, das Kleidung wie schützende Hüllen anhäuft und diese nun fast beglückt im Hades wieder ablegt, nachdem sie den Bruch mit dem sie nicht ziehen lassenden Sänger selbst vollzogen hat. Er bleibt zurück, nur noch ein Phantom im Rückspiegel.

    „Halt endlich deine Fresse.“ lautet der erlösende Satz, einer von allen Selbstzweifeln befreiten, in sich zur reflektierenden Ruhe gefundenen Schriftstellerin in ihrer nun eigenen Schreibstube. Patin steht hier Virginia Woolf mit ihrem 1929 verfassten Essay A Room of One’s Own, in dem die britische Schriftstellerin über die Bedingungen für Frauen, Literatur schaffen zu können, referiert.

    Mitchells Inszenierung bietet einigen Raum zum Nachdenken und führt ihre Auseinandersetzung mit patriarchaler Unterdrückung wie schon in Die gelbe Tapete oder Ophelias Zimmer fort. Fast eine Art Trilogie in ihren Zimmern gefangener Frauenfiguren, die hier ihren finalen Ausweg zwar wieder im symbolischen Tod, aber auch in einer neuen Möglichkeit schöpferischer Tätigkeit findet. Der kurze Abend hält weitestgehend seine live erzeugte Spannung auch mit Hilfe eines treibenden Technobeats, hat aber leider auch ein paar technische Schwächen und dramaturgische Längen zu verdrücken.

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    Schatten (Eurydike sagt) – 29.09.2016, Schaubühne am Lehniner Platz
    von Elfriede Jelinek
    Regie: Katie Mitchell
    Mitarbeit Regie: Lily McLeish
    Bildregie: Chloë Thomson
    Bühne: Alex Eales
    Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen
    Videodesign: Ingi Bekk
    Mitarbeit Videodesign: Ellie Thompson
    Sounddesign: Melanie Wilson, Mike Winship
    Licht: Anthony Doran
    Dramaturgie: Nils Haarmann
    Skript: Alice Birch
    Mit: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Renato Schuch, Maik Solbach
    Kamera: Nadja Krüger, Christin Wilke, Marcel Kieslich
    Boom Operator: Simon Peter
    Dauer: ca. 75 Minuten
    Premiere war am 28.09.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
    Termine: 09., 10., 11., 14., 15., und 16.11.2016

    Infos: http://www.schaubuehne.de

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    der thermale widerstand im Spaßbad – An der Box im Deutschen Theater inszeniert Matthias Rippert die Deutsche Erstaufführung des neuen Stücks von Ferdinand Schmalz

    der thermale widerstand - Foto (c) Arno Declair
    der thermale widerstand
    Foto (c) Arno Declair

    Wenn die Inszenierungen in den großen Spielstätten im Deutschen Theater Berlin versagen, dann müssen es eben die kleinen richten. Der Widerstand beginnt auch meist im Kleinen und hier – im neuen Stück des Österreichers Ferdinand Schmalz (der ja sprachlich oft mit Elfriede Jelinek oder Werner Schwab verglichen wird) – ausgerechnet in einer kleinen Wellness-Oase, dem städtischen Kurbad. Die tägliche Anbetung der morgendlichen Ruhe durch die Angestellten wird nicht nur durch die Darmgeräusche der Kurgäste gestört. Das Unheil droht, wenn nicht durch den neuen, etwas suspekten Bademeister Hannes (Daniel Hoevels), dann doch mindestens durch die Evaluierung des Bads durch die Investmentberaterin Marie (Anne Kulbatzki) im Auftrag eines Softdrinkriesen (wer würde da nicht an einen österreichischen Großkonzern denken), der alles aufkaufen und das alte Eisen entsorgen will. Und auch der Geologe Dr. Folz (Thorsten Hierse), der das thermale Wasser untersuchen soll, spricht von tektonischen Verschiebungen. Man sitzt also praktisch auf dem Krater eines Vulkans oder Geysirs, der kurz vor dem Ausbruch steht.

    Ferdinand Schmalz setzt in seinem neuen Stück der thermale widerstand ganz geschickt (wie schon in der herzlfresser, von Ronny Jakubaschk im letzten Jahr an der DT-Box inszeniert) seine metaphernreiche Sprache ein, um ein gesellschaftliches Phänomen auf einen ganz speziellen Ort zu transformieren. Hier ist es also kein Shopping- sondern ein Wellness-Paradies, dessen die alten Angestellten – wie der etwas verlotterte Bademeister Walther (Michael Goldberg mit speckiger Langhaarperücke) – überdrüssig geworden sind. Der andauernde Wohlstand macht träge und depressiv. Dagegen steht der Neue im Team, Bademeister Hannes, der seine weiße Uniform als Verantwortung und Aufgabe versteht, nicht nur die Badeordnung einzuhalten, sondern seine Erfüllung auch darin sieht, mit Stutzigkeit (herrlich doppeldeutige Wortschöpfung) ein Auge auf die „Freunde einer Unfreiheit“, die das Bad bedrohen, zu haben.

    Schmalz‘ kalauernden Wortspiele halten sich diesmal etwas in Grenzen und drehen sich nicht mehr nur ums Essen, sondern vor allem um das liquide Nass des Bads. Der junge Regisseur Matthias Rippert findet dafür schöne klaustrophobe Bilder im Bühnenbild von Selina Traun, das vier schmale, hölzerne Kabinen zeigt, die wie Umkleiden, Sauna, Bad und Büro ausgestattet sind. Der dräuende E-Sound von Robert Pawliczek macht aus Schmalz‘ Revoluzzer-Farce eine Art Psycho-Thriller, der durch das grandiose Spiel des Ensembles nie ins Alberne abgeleitet, aber dennoch viel Witz hat, der sich vor allem in einem schönen Slapstick mit einem im Ökobrei versteckten Verlobungsring äußert.

     

    der thermale widerstand - Foto (c) Arno Declair
    der thermale widerstandFoto (c) Arno Declair

     

    Hier wird selbst die ziemlich verspannte und mit lauter Firmenlogos tätowierte Investmentberaterin Marie unter den Götter-Händen des Masseurs Leon (Harald Baumgartner) weich. Nur der nach der lauthalsen Kündigung durch Kurverwalterin Roswitha (Linda Pöppel) in den Untergrund des Bads abgetauchte Hannes setzt den thermalen Widerstand zur Reinigung der Polis in die Tat um und versperrt die Ausgänge des Bads, das schließlich einfach geflutet wird, um den Abtrünnigen heraus zu spülen und einer peiniglichen Befragung zu unterzeihen.

    Hannes propagiert statt der durchlauferhitzten Körperertüchtigung die sinnbefreite Subkultur einer neuen Faulheit. Aber das Umdenken funktioniert hier anders. Mehr in Richtung Erlebnisbad und Luxusbadefreuden für die absolute Badeelite. Mehr in Richtung Erlebnisbad. Schmalz vergleicht das schön mit dem Verlust der Sprache auf dem Theater. Wer würde da in Berlin nicht sofort an die Volkbühne denken. Das Rumoren im Inneren der Badinsassen entpuppt sich schließlich lediglich als Resultat der Pumpernickel-Diät, die nichts Größeres als „Phantomscheiße“ zu Tage fördert.

    Natürlich grüßt hier ein wenig Ibsens Volksfeind und ein bisserl Kaukasischer KreidekreisBrecht („dass da gehören soll, was da ist / Denen, die für es gut sind“) hat Schmalz auch noch in seinem Text versteckt. Was bei ihm dann einfach heißt: „Die Bäder, denen die baden.“ So einfach ist das und wiederum auch nicht. Gemeinschaft ist nicht immer progressiv radikal. Der thermale Widerstand des „freien Radikalen“ Hannes wird jedenfalls gemeinschaftlich gebrochen. Recht blutrünstig übrigens mit einem Verweis auf den schwimmenden Souverän Mao und die Hydra mit den nachwachsenden Köpfen. In der neuen Therme wird jetzt jedenfalls tropical gebadet.

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    DER THERMALE WIDERSTAND (DT-Box, 30.09.2016)
    Von Ferdinand Schmalz
    Regie: Matthias Rippert
    Bühne / Kostüme: Selina Traun
    Musik: Robert Pawliczek
    Dramaturgie: Joshua Wicke
    Mit: Harald Baumgartner, Michael Goldberg, Thorsten Hierse, Daniel Hoevels, Anne Kulbatzki und Linda Pöppel
    Uraufführung im Schauspielhaus Zürich war am 17. September 2016
    Berliner DT-Premiere: 30. 9. 2016
    Weitere Termine: 8., 15., 22., 27. 10. 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

    Zuerst erschienen am 01.10. 2016 auf Kultura-Extra.

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  • Im Mai bei den Wiener Festwochen nun beim Peter-Weiss-Festival im Berliner HAU – „Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt“

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    Der bosnische Theaterregisseur Oliver Frljić provoziert den europäischen Bildungsbürger mit einer Paraphrase des Terrors inspiriert durch den dreiteiligen Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss

    Bereits im Mai den den Wiener Festwochen erzeugte die neue Inszenierung von Oliver Frljić für einen kleinen Skandal. Der bosnische Regisseur  hatt den Kritikern mit seinem Stück Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt ein Stöckchen hingehalten, und sie waren erwartungsgemäß gesprungen. „Der bisherige Tiefpunkt der Saison.“, wurde da u.a. getitelt. Die Inszenierung zeichne sich durch „Simplizität und Rohheit“, „das Bemühen zu schockieren“ sowie „den unangenehmen Geruch von Schulkabarett“ aus.

    Was ist dran am Verriss? Im Grunde nicht viel. Nachdem Frljić sich in seinem für das Münchner Residenztheater entwickelten Stück Balkan macht frei schon mit Heiner Müllers kritischer Bearbeitung von Bertolt Brechts Lehrstück Die Maßnahme auseinandergesetzt hatte, war es fast folgerichtig, dass er nun beim Schriftsteller und Dramatiker Peter Weiss und seiner Romantrilogie Die Ästhetik des Widerstands angekommen ist. Weiss befasst sich darin ausführlich mit den Debatten und Konflikten innerhalb des kommunistischen und antifaschistischen Widerstands zurzeit des Nationalsozialismus und deren Reflexion durch deutsche Künstler im Exil wie etwa Bertolt Brecht. Die große Frage, die der Roman aber aufwirft, ist die der Darstellbarkeit von Gewalt und Gräuel mit Mitteln der Kunst. Dazu beschreibt Weiss eine Vielzahl von Werken der Kunstgeschichte.

     

    Naše nasilje i vaše nasilje von Oliver Frljić - Foto (c) Alexi Pelekanos
    Naše nasilje i vaše nasilje Foto (c) Alexi Pelekanos

     

    Nun hat Oliver Frljić eine neue, kritische Art von Lehrstück vorgelegt. Man könnte es auch das Lehrstück von der unterlassenen Hilfeleistung nennen. Oder aber die verzweifelte Suche nach einem geeigneten künstlerischen Werkzeug, wie es der Ich-Erzähler in Weiss‘ Roman beschreibt, sprich einer Ästhetik des Widerstands gegen den alltäglichen Faschismus und Rassismus in Europa, der immer mehr in der Mitte der Gesellschaft Fuß fasst. Kunst als Mittel zum Kampf gegen oder zur Aufklärung über bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge – bei der Einsicht, dass angesichts von Faschismus und Terror „waffenlose Schöngeistigkeit einfachster Gewalt nicht standhalten kann“.

    Heiner Müller nannte das „konstruktiven Defaitismus“. Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“ bezeichnet seine provokanten Aktionen, wie etwa den Europäischen Mauerfall, bei dem die deutschen Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen gleichgesetzt werden, als „aggressiven Humanismus“, während der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau von „zynischem Humanismus“ spricht, wenn er den Versuch der Europäer meint, z.B. mittels Onlinepetitionen die Welt zu retten. Peter Weiss sah auch nach dem Sieg gegen das faschistische Regime die Welt als geteilt. Faschismus und Kolonialismus haben ihre Spuren hinterlassen.

    Das ist letztendlich auch der Ausgangspunkt für Frljić‘ Stück: Die aktuelle Flüchtlingskrise als Folge des kolonialen Erbes, an dessen Ursache Europa nicht ganz unschuldig ist. Und so hat der Regisseur für sein Projekt die mitwirkenden SchauspielerInnen der Esembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana mit einem Fluchthintergrund ausgestattet, die sie in einer schnellen Vorstellungsrunde vortragen und auch ein wenig ironisch ihre Zukunftsaussichten und den Stand der Integration reflektieren. Was folgt ist eine Kuschelrunde zum christlichen Weihnachtslied „Stille Nacht“, bei der sich nackte multisexuelle Paare bilden, die sich auf den Körper gemalte arabische Schriftzeichen herunterwischen. Übrig bleibt eine Frau mit der traditionell muslimischen Kopfbedeckung, dem Hidschab, als sichtbares Zeichen des Andersseins. Als die Muslima dann eine kleine Österreichfahne aus ihrer Vagina zu Tage fördert und hisst, gehen die Blicke der anderen wohlwollend nach oben.

    Oliver Frljić spielt christliche gegen islamische Ikonografie aus. Da darf natürlich auch ein Jesus nicht fehlen, der von einem Kreuz aus einer Wand von Benzinkanistern steigt, die Frau hinterrücks vergewaltigt und sich mit seinem rot-weißen Österreich-Lendentuch das Gemächt abwischt. Auf die Kanisterwand hatte zuvor ein Performer den Satz: DAS PETROLEUM STRÄUBT SICH GEGEN DIE FÜNF AKTE geschrieben. Das sind klare Schock-Bilder, die aber zunächst noch mit dem Roman von Peter Weiss wenig zu tun haben. Die Drastik, mit der Weiss aber Folterung und Hinrichtung von Mitgliedern der Widerstandsgruppe Rote Kapelle beschreibt oder von den Verhöhnungen und der Internierung der nach Frankreich geflohenen Spanienkämpfer und ihrer Familien berichtet, entwickelt Frljić nun analog in seinen Spielszenen, in denen einem syrischen Flüchtling bei einem Fest Alkohol und Schweinfleisch aufgezwungen werden. Auch der Text ist da an Zynismus nicht zu überbieten und könnte direkt aus einschlägigen Hassplattformen im Internet stammen.

     

    Naše nasilje i vaše nasilje - Foto (c) Alexi Pelekanos
    Naše nasilje i vaše nasiljeFoto (c) Alexi Pelekanos

     

    Natürlich ist Peter Weiss‘ Mammutwerk, wie nun folgerichtig auch Frljić‘ Interpretation, nicht unumstritten. Man warf Weiss seitens der Literaturkritik vor, er habe „seine ästhetischen Maßstäbe und damit seine Identität als Künstler der politischen Parteinahme geopfert“. Und wie Heiner Müller anlässlich eines konspirativen Streitgesprächs mit Peter Weiss nach der DDR-Premiere von dessen Stück Viet Nam Diskurs am Berliner Ensemble berichtete, kritisierte man die politischer Haltung des Autors und dessen deutliches Bekenntnis zum Sozialismus mit den Worten: „Von Vietnam sprechen, heißt von Bautzen schweigen.“ Was heute natürlich wieder eine ganz andere Bedeutung bekommt.

    In der Logik von Frljić bedeutet das in etwa, über Brüssel und Paris sprechen, hieße von Syrien, Irak oder Afghanistan schweigen. Schweigeminuten für beiderlei Opfer des Terrors baut der Regisseur dann auch in die Performance ein, nicht ohne ein provozierendes Fazit, dass wohl erst 4 Millionen Opfer in Europa den Frieden bringen würden. Nun heiligt der Zweck bei weitem nicht alle Mittel. Und die Hinrichtungsszenen, bei denen den PerformerInen in orangener Häftlingskleidung symbolisch der Hals durchgeschnitten wird, sind dann schon recht grenzwertig. Als Tote geben sie dann noch einige Statements ab, wie etwa, dass wer den Faschismus verurteile, ohne gegen Kapitalismus zu sein, sein Stück vom Kalb haben wolle, ohne es selbst zu schlachten. Die Bloßstellung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, der sich gegen die Flüchtlings-Willkommenskultur des Thalia Theaters Hamburg ausgesprochen hatte und eine Zusammenarbeit deswegen absagte, ist da geschenkt.

    In Heiner Müllers Revolutionsstück Der Auftrag spricht Debuisson, der Sohn französischer Plantagenbesitzer: „Ich will mein Stück vom Kuchen der Welt. Ich werde mir mein Stück herausschneiden aus dem Hunger der Welt.“ Oder auch: „Die Welt wird was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven. Ich entlasse uns aus unserm Auftrag.“ Oliver Frljić führt dem österreichischen Publikum den Zusammenhang von ungerechter Wohlstandsverteilung recht drastisch vor Augen.

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    Etwas anders gehen da Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit ihrer ebenfalls zu den Wiener Festwochen eingeladenen Inszenierung des Heiner-Müller-Klassikers Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution vor. Sie arbeiten sich im Sinne Müllers und mit dessen eigenen, vom Band gesprochenen Worten ganz konkret an den Vorstreitern und Ikonen vergangener Revolutionen ab. Auch hier sprechen natürlich die Toten zu den Lebenden in Gestalt von Karl Marx, Lenin, Rosa Luxemburg, Mao oder Che, und die drei Emissäre der französischen Revolution auf Jamaika, Debuisson, Galloudec und Sasportas, treten in den Farben der französischen Trikolore auf. Eine bunte Grand Guignol, bei der im Trick-Theater der Revolution die Papierköpfe von Danton und Robespierre rollen.

    Man kann Frljić und seinem Stück nun kaum vorwerfen, sich ästhetisch nicht ausschließlich an der Historie abzuarbeiten, wie etwa Peter Weiss und Heiner Müller. Ein komplexes Fazit lässt sich trotzdem nur schwer ziehen. Vielleicht aber noch am ehesten mit den Worten Heiner Müllers, den Christoph Rüter zu Beginn seiner Filmdokumentation Die Zeit ist aus den Fugen zitiert: „Die Zeit der Kunst ist eine andere Zeit als die der Politik. Das berührt sich nur manchmal, und wenn man Glück hat, entstehen Funken.“ Die zünden, müsste man anfügen, hier in Wien leider nicht wirklich. Man wird sich anlässlich des Festivals „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, zu dem das Berliner HAU Frljić‘ Stück im September geladen hat, erneut darüber unterhalten können.

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    Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt
    (Schauspielhaus Wien, 31.05.2016)
    Text nach dem Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss
    Textadaption: Oliver Frljić, Marin Blažević
    Inszenierung: Oliver Frljić
    Dramaturgie: Marin Blažević
    Kostüme: Sandra Dekanić
    Bühne: Igor Pauška
    Licht: Dalibor Fugošić
    Künstlerische Beratung: Aenne Quiñones
    Regieassistenz: Barbara Babačić
    Produktionsleitung: Hannes Frey
    Mit: Barbara Babačić, Daša Doberšek, Uroš Kaurin, Dean Krivačić, Jerko Marčić, Nika Mišković, Dragica Potočnjak, Matej Recer, Blaž Šef
    Auftragsarbeit und Produktion HAU Hebbel am Ufer, Berlin
    Koproduktion Wiener Festwochen, Slovensko mladinsko gledališče, Ljubljana, Kunstfest Weimar, Zürcher Theaterspektakel, Hrvatsko narodno kazalište Ivana pl. Zajca, Rijeka
    Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, ein Festival des HAU Hebbel am Ufer, Berlin

    Termine: 28. – 30.09.2016 im HAU 1

    Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/nase-nasilje-i-vase-nasilje-1/

    Zuerst erschienen am 01.06.2016 auf Kultur-Extra.

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  • Tschick – Fatih Akin hat den Jugendbuch-Bestseller von Wolfgang Herrndorf verfilmt

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    tschick_filmposterDer 2010 erschienene und mittlerweile in 24 Sprachen übersetzte Jugendroman Tschick von Wolfgang Herrndorf hat lange auf eine Verfilmung warten müssen, obwohl der 2013 verstorbene Autor die Filmrechte bereits 2011 verkauft hatte. Zur gleichen Zeit kam die erste Bühnenadaption des Dramaturgen Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden heraus. Es sollten viele weitere folgen. Mittlerweile ist Tschick das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Der posthum veröffentlichte Roman Bilder deiner großen Liebe (Dresden, Potsdam, Zürich) tut es dem Vorgänger nach. Das Theater, das sich gern in der Literatur und beim Film bedient, hat hier klar die Nase vorn. Auch weil Filmfinanzierungen immer etwas länger dauern oder andere Probleme ein Projekt in die Länge ziehen können.

    So auch hier. David Wnendt (Kriegerin, Feuchtgebiete, Er ist wieder da), der zuerst als Regisseur vorgesehen war, sprang ab (aus Termingründen, wie es heißt) und Fatih Akin ebenfalls schon länger am Buch interessiert, kam doch noch zum Zug. Es folgten eine Drehbuchüberarbeitung zusammen mit Hark Bohm und die Umbesetzungen der Hauptrollen. Man geriet in Zeitdruck. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für den Erfolg eines so ambitionierten Projekts. Trotz allen Widrigkeiten lässt sich das Ergebnis (seit letzter Woche in den deutschen Kinos) durchaus sehen.

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    Fatih Akin hat die Geschichte der beiden 14jährigen Jungen Maik und Tschick, die in einem geklauten Lada quer durch den Süden Brandenburgs unterwegs sind, recht behutsam adaptiert. Es ist kein krachiges Road-Movie geworden, obwohl es schon mit einem großen Knall beginnt und sich dann von Station zu Station wieder zum finalen Anfang hinbewegt. Auch wird neben der leiernden Richard-Clayderman-Kassette im Auto mit dem Gefühlsreißer „Pour Adeline“ noch so manch anderer zeitgemäßer Sound von K.I.Z., den Beginners, Betasteaks oder SEEED eingespielt. Und zu „Willkommen im Dschungel“ von Bilderbuch heizt man mit Begeisterung in Schleifen durchs Maisfeld.

    Ein paar Nebenstränge sind gekappt, die Vorgeschichte ist sinnvoll gestrafft, und im letzten Teil der Reise hat Fatih Akin die Story etwas umgeschrieben. Ansonsten streift der Film alle wichtigen Orte. Etwa Maiks Heim mit der dauerbetrunkenen, Tennis spielenden Mutter, die zur Entziehung auf die „Beautyfarm“ fährt und dem Immobilien-Vater, der, bevor er mit seiner jungen Assistentin auf Geschäftsreise geht, dem Sohn noch zweihundert Euro rüberschiebt, nicht ohne den Hinweis, keinen Scheiß zu bauen. Oder die Schule, in der Maik nur der „Psycho“ ist und von der schönen Tatjana nicht bemerkt wird, bis er mit Tschick, dem „Asi“ und Spätaussiedler aus Russland, und einer Beyoncé-Zeichnung mit dem Lada-Niva auf der Geburtstagsparty der Angebeteten auftaucht, nur um diese mit quietschenden Reifen wieder zu verlassen.

     

    Tschick - Foto (c) Studiocanal GmbH
    TschickFoto (c) Studiocanal GmbH

     

    Die beiden Außenseiter werfen Smartphone und Schnapspulle über Bord und machen sich ohne Landkarte auf die Suche nach Tschicks Großvater in der Walachei. Herrndorfs Buch beschreibt hier das unbekümmerte Lebensgefühl, jung zu sein. Eine Bandbreite der Gefühle von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Der Trick Herrndorfs ist, dass Maik und Tschick zwar die Welt der Erwachsenen fliehen, diese aber klug beobachtend immer wieder reflektieren, was Maik als Erzähler auch im Film manchmal tut. Akin hat einiger dieser Passagen fast im Wortlaut übernommen, auch viele tolle Dialoge der Jungen, in denen ein Stichwort das nächste gibt und ganze Reflexionsketten entstehen. So wird ein Blick in den Nachthimmel unter Windrädern und ein Gespräch über den Science-Fiction-Film Starship Troopers zur kleinen Philosophiestunde über die Unendlichkeit.

    Herrndorfs Roman ist eine Hommage ans Kino wie den Lesestoff ganzer Jugendgenerationen von Huckleberry Finn über den Steppenwolf bis zum Fänger im Roggen. Mit Goethe und Eichendorfs Entwicklungsromanen ist Herrndorfs Stoff verglichen worden. Superlative, die im Buch nie abheben und immer wieder schön lakonisch geerdet werden. Diesem Sprachstil müssen Fatih Akins Bilder einfach hinterherhinken. Der Film macht das mit zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern wett. Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick, die nicht nur vom Äußeren her ihre Rollen bestens ausfüllen. Natürlich kommt auch der schräge Humor Herrndorfs nicht zur kurz. Er spiegelt sich in den zahlreichen skurrilen Nebenfiguren vom „Adel auf dem Radel“ über die Nachtisch-Quiz-Familie auf dem Land bis zu Eltern, Lehrern und Dorfpolizisten, alle hochkarätig besetzt.

    Bleibt noch die wichtigste Nebenfigur. Isa von der Müllkippe (Mercedes Müller), der Herrndorf bekanntlich seinen letzten, unvollendeten Roman gewidmet hat. Sie ist das weibliche Pendant der beiden träumenden Jungs. Im Film leider etwas zu strength im Ton. Dass sie auch leisere, verletzliche Seiten hat, klingt in der kurzen Flirtszene mit dem unsicheren Maik an. Ein Charakter, der mehr Raum verdient hätte. Auch das Nilpferd mit dem Feuerlöscher oder der Rentner Horst Fricke, der vom Krieg und der Liebe erzählt, sind gestrichen. Den Fuß verletzt sich Tschick durch einen Splitter des schmalen Holzstegs, über den Maik dann erstmals selbst fahren muss. Dass Herrndorf hier immer wieder das Große im Kleinen spiegelt, schien Fatih Akin wohl etwas zu redundant. Das zieht dem guten Sound trotz geiler Mugge etwas den Stecker. Bleibt ein unterhaltsamer Road-Trip, an dessen Ende Maik gemeinsam mit seiner Mutter den Ballast der Vergangenheit in den Pool werfen kann.

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    Tschick
    Deutschland, 2016, 93 Minuten
    Regie: Fatih Akin
    Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
    Kamera: Rainer Klausmann
    Produktion: Marco Mehlitz
    Musik: Vince Pope
    Schnitt: Andrew Bird
    Szenenbild: Jenny Roesler
    Kostüme: Anna Wübber
    Maske: Kitty Kratschke
    Besetzung:
    Tristan Göbel: Maik Klingenberg
    Anand Batbileg: Andrej „Tschick“ Tschichatschow
    Mercedes Müller: Isa Schmidt
    Aniya Wendel: Tatjana Cosic
    Anja Schneider: Maiks Mutter
    Uwe Bohm: Maiks Vater
    Udo Samel: Herr Wagenbach
    Claudia Geisler: Mutter Risi-Pisi-Familie
    Marc Hosemann: Dorfpolizist
    Alexander Scheer: Jugendrichter
    Friederike Kempter: Anwältin

    Infos: http://tschick-film.de/

    Zuerst erschienen am 23.09.2016 auf Kultura-Extra.

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  • BERLINER LISTE und ABC in der Berlin Art Week 2016

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    Die 13. BERLINER LISTE im Kraftwerk Berlin-Mitte

    bl-logoNoch bis diesen Sonntag findet in der großen Halle des Kraftwerks Berlin-Mitte die 13. Ausgabe der BERLINER LISTE statt. Im Dunstkreis der Berlin Art Week hat sich die Messe für zeitgenössische Kunst vor allem als Entdeckermesse und als Forum für aufstrebende, internationale Kunst zu moderaten Preisen etabliert. Neben dem von den Kuratoren Peter Funken und Stefan Maria Rother ausgewählten Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie zeigt die BERLINER LISTE erstmals eine vom Berliner Galeristen Guillaume Trotin kuratierte Urban Art Section. Neu ist auch die im Zwischengeschoss vom japanischen Künstler Rin Terada zusammengestellte Auswahl mit 113 Positionen zeitgenössischer Kunst aus Japan.

    Mit 112 Ausstellern aus 25 Ländern kann die BERLINER LISTE im Vergleich zu den Vorjahren ihren Titel als größte Berliner Kunstmesse behaupten. Obwohl man das Angebot auf nunmehr drei Ebenen des Kraftwerks Mitte präsentiert, platzt sie damit aber auch förmlich aus allen Nähten. Berlin ist als Kunststandort nach wie vor gefragt. Etwa die Hälfte der Aussteller kommt aus der Hauptstadt, aber auch aus anderen Teilen Deutschlands, aus Europa, Australien, Südafrika und Asien.

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    Einen wirklich roten Faden durch das bunte Angebot in der Gallery Section im Erdgeschoss gibt es nicht. Erste internationale Eyecatcher sind sicher die überdimensionalen Skulpturen, die der taiwanesische Bildhauer Kang Mu-Xiang aus recycelten Stahlseilen geschaffen hat. Tonnenschwer zeigen sie doch meditative Leichtigkeit in Form von abstrakten Föten in Embryonalstellung. Eine Verbindung von industriellen Überresten mit den Symbolen des Lebens und der Wiedergeburt.

     

    Kang Mu-Xiang - Ryi Life und Life of Universe - Foto: St. B.
    Kang Mu-Xiang – Ryi Life und Life of Universe – Foto: St. B.

     

    Ansonsten viel Dekoratives, künstlerisch nicht wirklich Neues. Ein Fokus liegt sicher auf der figurativen Malerei wie bei der Galerie Mario Bermel & 24 Beaubourg sowie der artfein Galerie aus Berlin mit Künstlern wie der Pariser Malerin Barbara Navi mit ihren der Leipziger Schule nahestehenden Werken oder Martin Stommel mit seinen aus griechischen Mythenstoffen entlehnten Bildthemen. Die südafrikanische Kalashnikovv Gallery präsentiert die verstörende Portraitserie Trash Capitalism mit verwischten Direktoren-Gesichtern von Jason Bronkhorst und die comicartigen Mixed-Media-Arbeiten des Multimedia-Künstlers Vusi Beauchamp. Beide reagieren mit ihren Werken auf die gesellschaftspolitischen Ereignisse in ihrem Land. Auch der Kunstverein Artinnovation aus Innsbruck zeigt eine durchaus interessante Auswahl an gegenständlicher Malerei.

    Die Popart ist nicht tot zu kriegen und geistert nach wie vor durch alle Genres der bildenden Kunst. Dabei wird viel auf Alu, Dibond, oder Plexiglas gearbeitet. In der schon erwähnten Abteilung mit Urban Street Art fällt die Urban Spree Gallery mit dem Künstler Hendrik Czakainski und seinen aus Holz und Pappe gestalteten dreidimensionalen Stadtlandschaften sowie der Wandinstallation Urban Investigations auf. Die Berliner Open Walls Gallery zeigt den Künstler Alias, dessen Street-Portraits von Jugendlichen durchaus mit den Wandbildern des berühmten Briten Banksy konkurrieren können.

     

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    Tobias TwillingTouch My Balls – Foto: St. B.

     

    Die Foto-Section im Erdgeschoss scheint etwas zusammengeschrumpft, dafür gibt es im Zwischengeschoss eine recht interessante Auswahl von Peter Funken mit Arbeiten von vor allem jungen Fotografen wie dem Berliner Peter Kagerer mit seinen Solitude-Foto-Collagen. Ansonsten überzeugen vor allem der russische Künstler Andry Kezzyn mit seinen theatralisch arrangierten Szenen aus dem St. Petersburger Alltag oder der russischen Geschichte. Marie-Lou Desmeules aus Spanien zeigt verfremdete Portraitfotografien von übermalten Modell-Installationen berühmter Zeitgenossen wie John Waters, Karl Lagerfeld oder Kim Jong Un. Videoarbeiten sucht man leider umsonst auch Installationen oder künstlerisch ansprechende Plastiken.

    Witz haben wenigstens noch die Stahl- und Draht-Skulpturen des Künstlers Tobias Twilling oder die mondänen Büsten von Margarete Adler in der weitläufigen Artist-Section im Obergeschoss. Der Rumäne Alexandru Nestor baut Familienschreine, die man auch wie einen Sekretär nutzen kann und zeigt von Richard Wagners Ring des Nibelungen inspirierte Wandtafeln. Wieder auf der BERLINER LISTE vertreten ist die Saarbrücker Malerin Kerstin Arnold mit neuen realistischen Frauenportraits. Der Greifswalder Urs Bumke zeigt Gemälde mit Titel Die gestrandete Liebe (Wal), auf denen ein Leidender von Arbeitern in roten Overalls wie ein gestrandeter Wal ausgeweidet wird.

     

    Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.
    Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

     

    Die Neuköllner Grafikerin Anna Käse hat ihr Repertoire um interessante Maschinengrafiken erweitert, bei denen sie zusätzlich Metallteile durch die Druckpresse zieht. Dazu gibt es kleine philosophische Denkanstöße in Form von geschriebenen Reflexionen zum Thema Mensch und Maschine. Ebenfalls eine Konstante auf der BERLINER LISTE ist der in Litauen geborenen Holzbildhauer Edvardas Racevičius aus Greifswald, der neben seinen bemalten Figuren nun auch einige Grafiken ausstellt. In Sachen Grafik wäre noch der Preisträger der Sächsischen Grafikbiennale 2016, Chris Löhmann, mit seinen kleinformatigen ikonografischen Drucken zu erwähnen.

    Eine asiatische Trommel-Performance bei der Eröffnung machte auf den Schwerpunkt der 13. BERLINER LISTE aufmerksam. Leider kann das Terada-Projekt aus Japan mit seiner dichten Hängung im Zwischengeschoss nicht wirklich überzeugen. Ein Stilmix aus traditionellen Formen, wenig wirklich zeitgenössisch Modernes. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen. In jedem Fall muss die Messe die architektonische Weite der Halle im Kraftwerk Berlin in Zukunft noch besser nutzen.

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    BERLINER LISTE
    Messe für zeitgenössische Kunst
    14. – 18. September 2016
    im Kraftwerk Berlin
    Köpenicker Straße 70

    Infos: http://berliner-liste.org/de/

    Zuerst erschienen am 16.09.2016 auf Kultura-Extra.

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    Art Berlin Contemporary – Die Hauptmesse der BERLIN ART WEEK 2016 überzeugt künstlerisch trotz reduziertem Angebot

    abc_2016_logoIm Gegensatz zur BERLINER LISTE setzten die Art Berlin Contemporary, Hauptmesse der Berlin Art Week 2016, auf Klasse statt Masse. Die ABC hat die Teilnehmerzahl der ausstellenden Galerien von 105 im letzten Jahr auf 62 reduziert. In der Station-Berlin am Gleisdreieck bespielt man damit nur noch eine der bisher drei Hallen. Auch finanzielle Gründe sollen eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls sind die Preise für die sonst locker in den weiträumigen Hallen platzierten Stellwände immens gestiegen. Die Aussteller drängen sich in diesem Jahr etwas dichter in der vorderen Halle. Ticketverkauf und Merchandising sind in anderen Räume umgezogen. Den Besuchern der ABC bietet sich eine Art Kunstsalon in Kabinetten. Immer noch besser als die traditionelle Kojen-Anordnung. Man kann zwar weiterhin frei zwischen den einzelnen Ausstellern in der Halle flanieren, allerdings geht doch etwas das Gefühl der Weite verloren.

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    Gleich zu Beginn stolpert man schon über die erste Installation, eine Kunstgattung, die auch sonst auf der ABC vorherrschend ist. Es ist eine Anordnung von afrikanischen Masken, Figuren, Fellen und einem in Kolonial-Uniform gekleideten Jazz-Saxophonisten, die der schottische Künstler Andrew Gilbert für die Galerie Sperling aus München wie Ausstellungsstücke in einem Völkerkundemuseum angeordnet hat. Gilbert verarbeitet hier kritisch ironisierend Motive aus der britischen Kolonialzeit. Unweit davon bei der Galerie Guido W. Baudach aus Berlin hockt eine betende Figur auf einer Decke vor einem Ölfass, aus dem über eine Videoprojektion Rauch quillt. Die Multimedia-Installation Primitive Data ist vom Berliner Künstler Markus Selg, der gerade bei der Ruhrtriennale zusammen mit der Regisseurin Susanne Kennedy die Theaterinszenierung Medea.Matrix herausgebracht hat. Qualm dringt auch aus einem Plastik-Müllcontainer in der Raucherecke neben dem Eingangsbereich der Halle. Der Künstler Simon Mullin hat ihn dort für die Galerie Dittrich & Schlechtriem hingestellt. Wann der Müll auf der ABC abgeholt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen.

     

    Erwin Wurm - Curry Bus - Foto: St. B.
    Erwin Wurm – Curry Bus – Foto: St. B.

     

    Witz und Ironie sind in diesem Jahr ganz groß geschrieben. Im hinteren Teil der Halle steht der orangene, aufgeblasene Curry-Bus des Österreichers Erwin Wurm, der erst unlängst in der Berlinischen Galerie ausstellte und nun für die Galerie König auch noch einige seiner abstruct sculptures aus bronzenen Würstchen und Gurken mitgebracht hat. Auch ein Toilettenhäuschen mit wild-buntem Comic-Inneren und entsprechender Musikbeschallung von Kenny Scharf für die Düsseldorfer Galerie Hans Mayer ist zu sehn. Multimedial und begehbar ist auch eine Tapisserie-Installation der französischen Turner-Preis-Trägerin von 2013, Laure Prouvost, bei der Berliner Galerie Calier/Gebauer. Für die Wiener Galerie nächst St. Stephan hat der Berliner Daniel Knorr einen begehbaren Solo-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in die Halle gestellt, und für die Galerie Stereo aus Warschau lässt der polnische Künstler Roman Stańczak auf einem Holztisch einen Löffel um ein von einer Made zerfressenes Brot kreiseln.

    Die Berliner Galerie koal zeigt die Sperrholz-Skulpturen aus der Werkgruppe Drop des in Tel Aviv lebenden Künstlers Yitzhak Golombek. Die wie Tropfen oder Tränen geformten Gehäuse spielen mit den Gegensätzen zum Dargestellten in Material, Form, Größe und Gewicht. Auf den Tropfen stehen Zeichnungen mit Köpfen, die aus Obst und Gemüse zusammengesetzt sind und an den Renaissance-Künstler Arcimboldo erinnern. Die Buchmann Galerie aus Berlin stellt eine Gruppe mit Bronzeskulpturen des Schweizer Malers, Bildhauers und Schriftstellers Martin Disler aus.

     

    Yitzhak Golombek - ausder Werkgruppe Drop - Foto: St. B.
    Yitzhak Golombek – ausder Werkgruppe Drop – Foto: St. B.

     

    Ansonsten gibt es einiges Interessantes an Malerei, Grafik und Mixed-Media-Arbeiten zu sehen. Da sind vor allem die neuen Bilder des Kölners Andreas Schulze, die die Berliner Galerie Sprüth Magers an vier hellblaue, gegenüberliegende Stellwände gehängt hat. Die Serie Vacanze zeigt abstrahierte Rumpfformen von Urlauberfamilien in Öl und buntem Badeoutfit. Ironisch lässt Schulze aus kleinen runden Öffnungen in den Kleidern Rauch entweichen. Die Leipziger Galerie Eigen+Art zeigt die seriellen vom Vokabular der sozialen Netzwerke inspirierten Pop-Art-Bilder der griechischen Künstlerin Despina Stokou, auf denen sie viele kleine Emojicons aneinanderreiht. Verrätselt sind die großformatigen, farbigen Papierarbeiten des Dresdner Künstlers Dirk Lange mit den Titeln Staff und Grenzgebiet. Sie sind bei der Berliner Galerie Michael Haas zu sehen. Neue anspruchsvolle Öl-Bilder des Malers Eberhard Havekost hat die Dresdner Galerie Gebr. Lehmann im Angebot.

     

    Andreas Schulze - aus der Serie Vacanze - Foto: St. B.
    Andreas Schulze – aus der Serie Vacanze – Foto: St. B.

     

    Für die Galerie Luis Campana hat der in New York lebende deutsche Künstlers Dirk Skreber große Portraits mit 3D-Effekten aus geschnittenen Schaustoffstreifen geschaffen. Hier schlug sogar die Neue Nationalgalerie Berlin / Hamburger Bahnhof zu. Bei der Düsseldorfer Galerie Sies+Höke sind große Bilder des New Yorker Zeichners Marcel Dzama zum Theater der Revolution sowie kleine Bühnenmodelle aus Holz im Stile des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer ausgestellt. Der New Yorker Künstler Pieter Schoolwerth übersetzt mit roter Lackfarbe beschichtete Holzreliefs in dreidimensional anmutende, farbige Ölmalereien mit Stinkefinger. Seine Werke Fuck Me und Modell for „Fuck Me“ hängen bei der New Yorker Galerie Capitain Petzel.

     

    Pieter Schoolwerth - Fuck Me - Foto: St. B.
    Pieter Schoolwerth – Fuck Me – Foto: St. B.

     

    Überstrichene, illegal geklebte Plakate hat der in Doberlug-Kirchhain geborene und in Düsseldorf arbeitende Künstler Juergen Staack in chinesischen Wohnhöfen (Hutongs genannt) fotografiert. Die Fotografien der Serie Wei (deframed), die hier direkt auf die grauen Wände des Kabinetts der Galerie Konrad Fischer geklebt wurden, sehen nun aus wie abstrakte Leerstellen ausgelöschter Kunst. Komplettiert wird das vielseitig ansprechende Angebot auf der ABC u.a. von feministischen schwarz-weißen Fotoarbeiten der dänischen Künstlerin Kirsten Justesen bei der Aviskari Galerie aus Kopenhagen sowie einer Multi-Media-Wand mit einer Auswahl von Fotos und Videos des Videofilmers und Theatermachers Christopher Roth beim Stand der Berliner Galerie Esther Shipper.

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    Art Berlin Contemporary
    15. – 18.09.2016
    in der Station-Berlin
    Luckenwalder Str. 4–6

    Infos: http://www.artberlincontemporary.com/de/

    Zuerst erschienen am 21.09.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Wut, Rage und Hysteria mit Jelinek, Stephens und Buñuel zum Spielzeitauftakt in Hamburg.

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    Zum Spielzeitauftakt am Thalia Theater inszeniert Sebastian Nübling einen Wut/Rage-Mix aus Texten von Elfriede Jelinek und Simon Stephens

    1112_AboMag#2.inddAm Hamburger Thalia Theater ist schon zum Spielzeitauftakt im September Silvester. „Happy New Year“ verheißt eine flackernde Leuchtreklame über der leeren Bühne (Evi Bauer), auf der doch der Wut-Text von Elfriede Jelinek gegeben werden soll. Regisseur Sebastian Nübling, mittlerweile zum Zweitaufführer von Jelinek-Stücken avanciert, war diese über 100 Seiten lange Textfläche zum Thema Wut als kollektivem, gesamteuropäischem Bewusstseinsstrom wohl nicht genug. Als deutscher Uraufführungsregisseur von Stücken des britischen Dramatikers Simon Stephens (bisher bevorzugt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg oder den Münchner Kammerspielen) hat er für das Thalia Theater Hamburg Jelineks Text mit Stephens neuem Stück Rage verknüpft. Einerseits scheint Stephens Text unmittelbar von Jelineks Wut inspiriert, anderseits reflektiert er Ereignisse der letzten Silvesternacht in der englischen Stadt Manchester.

    Da denkt man als Deutscher doch unweigerlich gleich an Köln. Soweit weg ist das dann auch gar nicht, und doch auch wieder ganz anders. Aufhänger für Stephens Stück waren Aufnahmen des britischen Fotografen Joel Goodman aus jener Silvesternacht, von denen eine, im Internet verbreitet, auf ungeahnte Reaktionen stieß. Das Arrangement zweier betrunken auf der Straße liegender Partygänger veranlasste die Netzgemeinde zu hänischen Reaktionen bis hin zu satirischen Vergleichen mit Michelangelos Deckenfresko Erschaffung des Adam. Eine friedlich anmutende Szene einer ansonsten als sehr aggressiv beschriebenen Nacht.

    Von Wut und Aggressionen handelt auch Elfriede Jelineks Text, der IS-Terroristen und Pegida-Anhänger, Gläubige wie auch Glaubenskritiker ohne direkt erkennbare personelle Abgrenzung zu Wort kommen lässt. Eine Wutbürger-Parade von der Mitte Europas bis zu dessen politischen Rändern und Gegnern. Ähnlich geht auch Simon Stephens zu, der in seinem Stück meist volltrunkene Briten während einer Silvesternacht mit all ihren Vorurteilen, Wünschen, Ängsten und Aggressionen ungebremst aufeinanderprallen lässt. Die Verquickung der beiden Stücke könnte man daher fast schon als genial bezeichnen.

     

    Wut-Rage am Thalia Theater Hamburg - Foto (c) Armin Smailovic
    Wut/Rage am Thalia Theater Hamburg
    Foto (c) Armin Smailovic

     

    Regisseur Nübling nimmt für seine Inszenierung den Rhythmus von Stephens ungeschützt rauem Text mit wummernden Techno-Sounds auf. Das erinnert in den permanenten Zuckungen der DarstellerInnen zum Beat der Musik an seine choreografierten, köperbetonten Inszenierungen der Stücke von Sibylle Berg am Maxim Gorki Theater. Doch zunächst hält Karin Neuhäuser noch einen langen Einführungsmonolog von der zornigen Männersaat aus Jelineks Wut, als Brandwache mit dem Einwickeln einer Rolle Absperrband an einem imaginären Tatort beschäftigt. Eine Figur, die sich mit reflexiven Passagen immer wieder ins Spiel einklinkt und sich wie in einem endlosen Lamento über Gott und die Welt, über Hass und Hybris auslässt.

    Elfriede Jelineks Text ist nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und einen jüischen Supermarkt in Paris entstanden. Die Autorin lässt sich in ihrer breit kalauernden Art über die zumeist jüdischen Opfer, die „Gott ist groß“ rufenden Täter mit ihren automatischen Waffen und das Abbildungsverbot im Islam aus. „Was ist der Mensch gegen ein Bild?“ Kritische Sätze wie „Religion ist in sich und an sich genauso nutzlos wie das Denken.“ entspringen der Verzweiflung um die Nutzlosigkeit ihrer vielen Worte. Simon Stephens liefert dazu mit „Scheiß Paki“ oder „I hate fucking Muslims“ den Sound der Straße. Es wird viel getanzt, deklamiert und chorisch gesungen. Die Selbstermächtigung zur Wut als kollektive Techno-Hymne. Vom Ich zum Taumel der Massen.

    Die anfangs noch am Boden liegende Leuchtreklame mit dem Slogan „Happy“ wird hochgezogen. Es entspinnt sich szenischer Reigen von der Spaßgesellschaft zum Wutbürgertum. Ein Zorn, der seine Richtung sucht und in verschiedenen Zielgruppen findet. Es wird gekotzt, gepisst und geflucht. Da hat sich was angestaut, das will raus. Wasser und Worte schwallen aus den schrägen Party-Typen. Jelineks Sing-Sang und der dumpfe Beat der ausgekotzten Sätze von Stephens abgestürzter Party-Gesellschaft in Clubs, auf Toiletten und Manchesters Straßen vermischt sich zum Wutchor der sozial Abgehängten und Freaks. Sexuelle Übergriffigkeit, rassistische Beleidigungen und Gewaltfantasien durchziehen Stephens Text. Ein entgrenztes Anbaggern inkontinenter Körper, die ihren Hass und Stumpfsinn wie Flüssigkeiten absondern.

    „Mehr Porno weniger Pilates.“ ist die zynische Erwiderung eines Polizisten (Kristof Van Boven) auf die fantasierenden Neujahrsvorsätze seines Kollegen (Sebastian Zimmler) zur Errettung der Welt. Nachdem sich die Tänzer immer wieder gegenseitig angestachelt, beschimpft oder nach Liebe gefleht haben, mutieren sie kurz zu eingefrorenen Todesengeln, wie Marina Galic, die Jelinek-Text spricht, während sie in ihrer eigenen Pisse steht. „Das Totenreich ist eröffnet.“ oder „Gott lässt niemanden umbringen, dafür hat er doch uns.“ Ein Silvester-Feuerwerk gibt es dann aber auch noch, in das sich der Hass eines jungen Mannes (Sven Schelker) auf die Welt entlädt: „Ihr tut mir nicht leid.“ „Das Problem ist, wie üblich, dass uns niemand liebt.“ ist das ambivalente Jelinek’sche Fazit, das Karin Neuhäuser am Rande mehrmals andeutet. Und niemand hat Schuld am „Spuk der Nacht“, der nicht weggehen will.

    Sebastian Nübling hat eigentlich einen über weite Strecken funktionierenden Theaterabend zusammengeschraubt. Die beiden Texte ergänzen sich ziemlich gut, sind teilweise nur durch das grobe, verkürzte Knurren der wütenden Stephens-Gestalten, gegenüber den flächigen Kalauer-Suaden der Jelinek voneinander zu unterscheiden. Vom einsamen Schreiben im Textsüberl der österreichischen Autorin hin zum Slang der Straße, der sich in den sozialen Netzwerken fortsetzt und so seinen Weg wieder zurück findet in die Gesellschaft, oder hier zurechtgeschnitten für eine künstlerische Reflexion auf der Bühne. Das zieht sich so wechselnd zwei ganze Stunden hin, ist aber kein typisch ausufernder Jelinek-Abend, eher ein dreckiger Stephens-Plot aus dem brexit-verkaterten, sozial brodelnden Kessel Großbritannien. Das latent hasserfüllte Grundköcheln im Europa unserer Zeit ist hier, wenn auch nur unterschwellig, jedoch deutlich spürbar.

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    WUT/RAGE (Thalia Theater Hamburg, 16.09.2016)
    Von Elfriede Jelinek/Simon Stephens
    Regie: Sebastian Nübling
    Bühne: Evi Bauer
    Kostüme: Pascale Martin
    Musik: Lars Wittershagen
    Dramaturgie: Julia Lochte
    Mit: Kristof Van Boven, Marina Galic, Julian Greis, Franziska Hartmann, Marie Löcker, Karin Neuhäuser, Sven Schelker und Sebastian Zimmler
    Uraufführung war am 16. September 2016
    Weitere Termine: 24., 25. 9. / 9. 10. 2016

    Weitere Infos siehe auch: https://www.thalia-theater.de/

    Zuerst erschienen am 18.09.2016 auf Kultura-Extra.

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    Hysteria – Gespenster der Freiheit – Zum Spielzeitauftakt am Deutschen Schauspielhaus inszeniert Karin Beier bürgerliche Paranoia nach Motiven von Luis Buñuel

    Hysteria – Gespenster der Freiheit -Foto © David Baltzer
    Hysteria – Gespenster der Freiheit –   Foto © David Baltzer

    Hamburgs Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier setzt nach Die Schmutzigen, die Häßlichen & die Gemeinen sowie Schiff der Träume mit Hysteria – Gespenster der Freiheit ihre Reihe mit Film-Adaptionen bekannter Meister des europäischen Kinos fort. Der Titel ihrer neuen Inszenierung ist für Buñuel-Kenner sicher etwas irreführend. Nicht der Film Das Gespenst der Freiheit (im Original: Le Fantôme de la liberté) steht im Mittelpunkt, die Bühnenfassung speist sich eher aus verschiedenen Film-Motiven des spanischen Regisseurs Luis Buñuel. Zu nennen wären da vor allem Der Würgeengel oder Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Maßgebend sind hier die Eingeschlossenheit einer bürgerlichen Party-Gesellschaft, deren beginnende Zersetzung sowie verschiedene Traumsequenzen der Beteiligten. In seiner surrealen Rätselhaftigkeit ist das nicht minder verwirrend. Vor allem aber hat der Abend viel mit Hysterie zu tun.

    Ähnlich wie in ihrer Kölner Inszenierung Die Schmutzigen, die Häßlichen & die Gemeinen (2010 zum Berliner Theatertreffen eingeladen) verfrachtet Karin Beier ihr Ensemble hinter schalldichtes Glas. Waren es damals die in der Gesellschaft ganz unten Stehenden, die sich in einer Art Elends-Peep-Show vor Publikum zerfleischten (die Inszenierung war deswegen auch umstritten), ist es hier ein sozial weiter oben anzusiedelndes Ehepaar, das zum House-Warming in ihr neu erbautes Heim eingeladen hat. Linda und Robert (Julia Wieninger, Yorck Dippe) sind nach Jahren in Thailand wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Die Frau ist schwanger, der Hausherr preist die neue, alte Heimat wie einen guten Wein, den man nur für besondere Anlässe aus dem Keller holt. Ansonsten hat er einen zwanghaften Putzfimmel, und die Tochter (Josefine Israel) ist gewaltig am Pubertieren.

     

    Hysteria – Gespenster der Freiheit -Foto © David Baltzer
    Hysteria – Gespenster der FreiheitFoto © David Baltzer

     

    Die Gäste treffen nach und nach ein, und für gefühlte 20 Minuten dringt kaum ein Ton aus dem großzügig verglasten Inneren. Nur Lindas Stimme aus dem Off schwant Schlimmes. Die Party-Gesellschaft besteht aus Freunden und Geschäftspartnern des Paares. Die Stimmung ist zunächst etwas steif und angestrengt. Man macht Small Talk, lästert über andere bzw. versucht Beziehungen für die eigene Kariere zu knüpfen. Der reichlich fliesende Alkohol lockert das Ganze etwas, bis sogar getanzt wird. Der plötzlich auftauchende und sich als Nachbar ausgebende Chucky (Michael Wittenborn) streut erste Unruhe unter die Gäste, als er von Überwachung, Bürgerwehr und einem ominösen Tierseuchenzentrum spricht. Angestaute Probleme, Verunsicherungen, Zukunftsängste und latenter Rassismus bekommen so neue Nahrung. Geräusche von draußen, eine gegen die Scheibe fliegende Krähe (oder ist es gar eine Drohne?) schüren die Paranoia der Partygäste weiter. Schließlich werden die Lebensmittel knapp, und das Wasser fließt nicht mehr.

    Robert, der von seinem schwarzen Chef Hugo (Sayouba Sigué) gefeuert wurde, sinnt auf Rache. Angestachelt von Chucky geht schließlich Hugo auf Robert los. Selbst der an Vernunft und Objektivität glaubende Arzt (Markus John) verliert langsam die Fassung, und seine asiatische Frau (Sachiko Hara), die buddhistische Entspannung praktiziert, geht zum Kampfsport über. Die sich im Haus verbarrikadierende Gesellschaft beginnt sich zu bewaffnen und dreht langsam durch. Die Folge sind Chaos, Verwüstung und Vergewaltigung bei sich permanent drehender Bühne (Joachim Schütz). Dazwischen gibt es immer wieder aus dem Off einzelne Reflexionen der Beteiligten, in denen es um innere Zweifel, Selbstmordgedanken, Todesangst, oder Veränderung durch Schmerz und die blutleere Demokratie geht. Die Festung Europa vor dem kulturellen Abgrund. Karin Beier hat hier Texte des umstrittenen rumänischen Existenzialisten und nihilistischen Kulturkritikers E. M. Cioran eingeflochten. Alle bewegen sich wie zwischen Traum und Wirklichkeit, was auch für den Zuschauer bald nicht mehr zu unterscheiden ist.

    Eine beängstigend Atmosphäre macht sich breit – unterstützt durch den intensiven Sound von Jörg Gollasch. Entfernt erinnert das auch an das im Mai am Burgtheater Wien von Árpád Schilling uraufgeführte Stück Eiswind/Hideg szelek der ungarischen Autorin Éva Zabezsinszkij. Auch Karin Beier will die verheerende Wirkung von Lügen und Verschwörungstheorien aufzeigen. Angst und Verunsicherung im politischen Diskurs spielen nur den rechten Populisten in die Hände (siehe die aktuellen Wahlerfolge der AfD). Das ist hier auch großartig vom gesamten Ensemble gespielt, aber mit fortschreitender Zeit und sich drehender Bühne auch etwas enervierend und leerlaufend. Die surrealen Elemente überlagern schließlich komplett den Handlungsbogen. Es fehlt ein entscheidender Moment, der das Ganze auf einen konkreten Punkt bringt.

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    HYSTERIA – GESPENSTER DER FREIHEIT (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 17.09.2016)
    Nach Motiven von Luis Buñuel
    Regie: Karin Beier
    Bühne und Kostüme: Johannes Schütz
    Musik: Jörg Gollasch
    Sounddesign: Dominik Wegmann
    Licht: Annette ter Meulen
    Dramaturgie: Christian Tschirner
    Mit: Paul Behren, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Jonas Hien, Josefine Israel, Markus John, Angelika Richter, Kate Strong, Sayouba Sigué, Julia Wieninger und Michael Wittenborn
    Uraufführung war am 17. September 2016.
    Weitere Termine: 21. 9. / 1., 9. 10. 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.de/

    Zuerst erschienen am 19.09.2016 auf Kultura-Extra.

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  • 89/90 – Christina Rast und Anna Rietschel adaptieren den Dresdner Wende-Roman von Peter Richter für das Kleine Haus des Staatsschauspiels

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    89/90 von Peter Richter war 2015 für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen. Der Roman behandelt die letzten Monate vor der Wende 1989 und das letzte Jahr der DDR bis zur Deutschen Wiedervereinigung 1990 aus Sicht eines 16jjährigen Schülers, der wiederum rückblickend diese Zeit des Übergangs und Erwachsenwerdens am Ende der sozialistischen Ära in der Stadt Dresden in kurzen Berichten und Anekdoten reflektiert. Dass dieser Roman ein Jahr später an gleich zwei ostdeutschen Stadttheatern in verschiedenen Bühnenfassungen fast gleichzeitig aufgeführt wird, überrascht nicht. Die Aufarbeitung dieser deutschen Geschichtsstunde ist sicher noch nicht erschöpfend erfolgt. Man könnte aber auch sagen: Schon wieder ein Buch aus den Vorwendetagen in Dresden auf der Bühne? Hatten wir hier nicht mit dem Turm von Uwe Tellkamp erst den ultimativen Wende-Roman, der sogar noch zu Fernsehehren gekommen ist? Man würde damit aber Peter Richter sicher unrecht tun. Die Gefahr der ostalgischen Verklärung ist bei solchen Unternehmungen am Ort der Handlung zwar nie ganz auszuschließen. Der Drang vieler sich zu erinnern (in welcher Form auch immer) dürfte aber weiterhin ungebrochen sein.

    89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer
    89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

    Bevor das Schauspiel Leipzig in der nächsten Woche seine Version an den Start bringt, hatte bereits am 27. August die Bühnenfassung von der Schweizer Regisseurin Christina Rast und ihrer in Elsterwerda geborenen Dramaturgin Anna Rietschel am Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels Premiere. Dass dies nicht auf der großen Bühne geschah, liegt sicher daran, dass das Große Haus am Postplatz gerade saniert wird. Projekt „Spielplansicherung“ nennt das die Stadt Dresden. Ein löbliches Ziel – sieht man, wie der Ex-Intendant Wilfried Schulz gerade mit den Umbauwidrigkeiten an seiner neuen Wirkungsstätte in Düsseldorf zu kämpfen hat. In einer Interimsspielzeit können die Dresdner nun aber mal ganz neue Spielstätten wie das Schlosstheater in der Dresdner Residenz oder das Palais im Großen Garten kennenlernen. Und Saal 1 im Kleinen Haus ist dann eigentlich auch nicht wirklich zu klein für diesen Versuch, Peter Richters Dresdner Wende-Erinnerungsreigen wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen.

    Unterstützt werden die beiden Theatermacherinnen von der Dresdner Band DŸSE, was schon mal die halbe Miete für den gut 160minütigen Abend ist. Richters Roman ist nämlich neben dem eigentlichen Erzählstrang auch so etwas wie ein Soundtrack zur Wende. Sein Hauptprotagonist und dessen Freund S. – Namen sind hier Schall und Rauch und eigentlich auch nicht wirklich wichtig – wollen nämlich (wovon Teenager wohl überall träumen) eine eigene Band gründen. An Namensvorschlägen mangelt es jedenfalls nicht. Vorbilder sind Ost-Punkbands wie Kaltfront oder Feeling B sowie englische Wave-Heroen wie New Order oder The Cure. Hauptsache, es klingt düster und kalt und nicht so beige wie die amerikanische Rockmusik jener Jahre. Das notwendige Equipment wird man sich schon irgendwie zusammensparen.

    Dieses Punk-Feeling kommt durch den harten Live-Sound von DŸSE auch bestens rüber. Ansonsten ist – wie bei einem richtigen Jungsbuch (und das ist 89/90 zu mindestens 99,9 Prozent; ein gutes DDR-Wahlergebnis!) – ein ausschließlich männliches Schauspielensemble auf der Bühne, das die verschiedenen Charaktere der Geschichte wechselnd verkörpert. Mädchen, mit denen man im Buch geht und die dann irgendwann plötzlich in den Westen abhauen, werden einfach in Mimik und Gestik entsprechend adaptiert. Auch die schillernde Figur des Transvestiten T wird so kurz hin karikiert.

    Aber es ist nun mal vor allem ein Stimmungsbericht eines männlichen Teenagers in der End-DDR mit allem, was an Jugendkultur in dieser Zeit so abging oder was systembedingt noch oder plötzlich möglich war. Dass DDR-Musiker wie Gerhard Gundermann, der singende Baggerfahrer, oder Art-Rocker wie die Stern-Combo-Meißen bei den Jungs verpönt waren, braucht man kaum zu erwähnen. Die Mix-Tape-Hitparade der 1980er war, ganz nach Geschmack, auch in der DDR vor allem geprägt vom Chart-Pop oder Underground des Westens, und als einzige Bekleidung aus volkseigener Produktion ging gerade noch die Unterwäsche.

    Auch ideologisch hatte die DDR (das kennt man schon aus dem Turm) bei einem Großteil, nicht nur der Dresdner Bevölkerung, bereits abgewirtschaftet. Das will uns zumindest Peter Richter mit seinem Buch vermitteln. Und auch wenn das sein ganz persönliches Erleben ist, hatten sogenannte Hundertprozentige, die das auch noch offen zeigten, wie etwa die Freundin des Erzählers, L., einen gewissen Exotenstatus. Diese widersprüchliche Beziehung, die der Roman in einigen Kapiteln beleuchtet, wird hier auf nur wenige Szenen reduziert, wie etwa Diskussionen über Musik und Literatur oder den ersten West-Berlinbesuch der beiden nach dem überraschenden Mauerfall Anfang November 89.

     

    89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer
    89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

     

    Der letzte Sommer des Sozialismus beginnt aber zunächst ganz normal mit einem nächtlichen Schwimmbadbesuch, der die Jugendlichen bei ihren Cliquenspielen zeigt. Dass sich einige von ihnen wenig später mal die Köpfe rasieren und auf anderer Köpfe einschlagen werden, ahnt da noch keiner. Richter lässt das aber in seinen rückblickenden Reflexionen schon mit anklingen. Der Autor, der jetzt als New-York-Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung schreibt, hat seine Kindheit und Jugend in Dresden verbracht. Man könnte ihm sicher vorwerfen, dass sein Buch auch nur mittlerweile gut bekannte DDR-Klischees auswalzt. Allerdings mit welchem ironischen Charme das hier erfolgt, ist dann doch durchaus lesenswert.

    Auf der Bühne in Dresden, an deren Rückwand Franziska Rast eine Pseudolandkarte mit den politischen Koordinaten dieser Zeit Washington, Bonn, Berlin, Moskau und natürlich Dresden angebracht hat, sieht das dann auch eher wie eine lustige Party oder Fete aus, wie man früher zu sagen pflegte. Richter hat ja seinen Romanseiten zur näheren Erklärung sage und schreibe 134 Fußnoten angefügt, die an sich schon eine ganze DDR-Novelle hergeben. Hier werden sie ab und zu mit eingestreut, damit auch der aus dem Westen zugereiste Zuschauer weiß, wie man in der DDR Konsum aussprach oder was HO und EVP bedeutete usw.

    Aus seitlich stehenden Spinden werden Blauhemden, Fahnen, GST-Klamotten oder Arbeiter-Blaumänner geholt und wieder versenkt. So entstehen die passenden Bilder zu Staatsbürgerkundeunterricht, 1.Mai-Demo, Wehrlager, PA- und ESP-Unterrichtung (Fußnote: PA für „Produktive Arbeit“ und EVP für „Einführung in die Sozialistische Produktion“). Wir erfahren, was die radikalen Pazifisten des Friedenskreises Wolfspelz waren, sind bei der Kirche von unten und recht plastisch bei den Wendedemos vor dem Dresdner Hauptbahnhof mit dabei.

    Es werden mächtige Politikerpappköpfe und natürlich auch wieder die üblichen, kollektiven Erinnerungshighlights bemüht, etwa die berühmten Genscher-Worte im Garten der Deutschen Botschaft in Prag oder die denkwürdige Rede von Helmut Kohl vor der Ruine der Frauenkirche, die wie im Roman auch in der Inszenierung ausführlich wiedergegeben und mit den Kommentaren der jugendlichen Punker unterlegt wird, bevor diese schließlich vor der geballt anwesenden Skinheadmacht türmen müssen.

     

    89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer
    89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

     

    Nach der Pause folgt dann die geballte Jugendrevolte oder wie Richter es passend ausdrückt: „… da kommt was, Kinder, das wird heftig.“ Und damit sind sicher nicht nur die endlos beschriebenen Rechts-Links-Schlägereinen zwischen Skins und Zecken der sich plötzlich entsprechend ihrer Cliquenzugehörigkeit gegenüberstehenden Jugendlichen gemeint. Am Bühnenrand liegen passend dazu die neuen Baseballschläger. Auch die Deutschland- und D-Mark-Rufe werden lauter, denn nicht nur Dresden veränderte sich damals schlagartig in eine Containerfiliale der Allianz oder Commerzbank. Leider lässt dann auch die Intensität des Spiels etwas nach. Der recht interessante Teil zur neuen Jugendfreiheit mit Häuserbesetzung und Gründung der Bunten Republik Neustadt, der man im benachbarten, mittlerweile zum Touristen-Kiez verkommenen Kneipen-Areals noch immer jährlich gedenkt, wird recht kurz abgehandelt.

    Auch der Sturm auf die Dresdner Stasizentrale, die Volkskammerwahl mit der plötzlich bunten Parteienlandschaft, Währungsunion und beginnende Prostitution werden gestreift. Dass man dafür merkwürdigerweise die Figur des ambivalenten Mentors der beiden Freunde, M., einen doch recht typischen Dresdner Allgemein-Bildungsbürger (zu allem auskunftsfähig und-willig) weggelassen hat, ist schade. Richters zukunftsweisender Ausblick in die beginnende Techno-Ära, einem neuen und eher unpolitischen Lebensgefühl der Spaßgesellschaft, wird aber geschickt ans Ende der Inszenierung gesetzt. Der bleiernen Kohl-Zeit folgten Schröder und Merkel, und dass sich da im Bühnenhintergrund die ganze Zeit ein alter Mann langsam wieder einmauert, ist sicher nicht ganz zufällig ein Verweis auf Pegida und die erstarkende AfD. Der Grundstock für deren jetzigen Erfolg wurde mit Sicherheit schon während der Wendezeit gelegt.

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    89/90 (10.09.2016, Kleines Haus 1)
    nach dem Roman von Peter Richter
    Bühnenfassung von Christina Rast und Anne Rietschel
    Regie: Christina Rast
    Bühne: Franziska Rast
    Kostüm: Gunna Meyer
    Musik: Jarii van Gohl
    Video: Julia Laggner
    Dramaturgie: Anne Rietschel
    Licht: Peter Lorenz
    Besetzung:
    Marius Ahrendt, Ben Daniel Jöhnk, Simon Käser, Loris Kubeng, Matthias Luckey, B. Pino Räder, Nicolas Streit und die Dresdner Band DŸSE mit Andrej Dietrich, Jarii van Gohl
    Uraufführung war am 27. August 2016, Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus 1
    Dauer: ca. 2 Stunden, 40 Minuten, eine Pause
    Termine: 24.09. / 19.10., 26.10. / 05.11., 06.11. / 25.12.2016

    Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

    Weitere Empfehlungen zum Thema:

    Peter Richter: 89/90. Roman.
    Luchterhand Literaturverlag, München 2015.
    413 Seiten, 19,00 EUR.
    ISBN-13: 9783630874623

    Ende vom Lied: East German Underground Sound 1979 – 1990
    Bands: Ornament & Verbrechen, Planlos, Zwitschermaschine, Rosa Extra, AG Geige, Herbst in Peking, Baader, Der Expander des Fortschritts u.a.
    Genre: Punk, Underground, Post Punk, Avantgarde, Art Rock
    Erschienen am 15. Juli 2016 zur gleichnamigen Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien
    CD Digipack mit 24seitigem Booklet in English und Deutsch
    ENDE VOM LIED ist ein Projekt der Künstlerhaus Bethanien GmbH
    Infos: http://www.bethanien.de
    Kurator: Christoph Tannert
    Texte & Compilation: Henryk Gericke
    Übersetzung: Rick Minnich
    Soundmastering: Norbert Grandl (Tonlabor Danziger 50)
    Layout: Tobias Frindt

    Zuerst erschienen am 12.09.2016 auf Kultura-Extra.

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  • Spielzeitbeginn an der Berliner Schaubühne und dem Maxim Gorki Theater mit Recherchestücken von Milo Rau und Yael Ronen

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    Im Fluss der Geschichten – Empire von Milo Rau verhandelt die tragische Verquickung von europäischen mit außereuropäischen Schicksalen.

    Der Fluss als Metapher für das Vergehen von Zeit, verflossenes Leben, vergangene Schicksale und als Transporteur von Geschichte. Alles hängt mit allem zusammen, nichts bleibt wie es ist oder: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. So ähnlich steht es schon beim griechischen Philosophen Heraklit. Alles ist im Fluss und nichts bleibt. Damit etwas bleibt, muss es erzählt und dokumentiert werden. Denn auch das sagt der alte Philosoph: „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.“ Ein Sammelsurium an verschiedenen Geschichten.

    Nichts anderes sammelte auch der Dokumentartheatermacher Milo Rau für seine Europa-Trilogie, die nach The Civil Wars (2014) und The Dark Ages (2015) nun mit dem Stück Empire zu Ende geht. Der Abend ist nach der Uraufführung vor einer Woche beim Theaterspektakel Zürich in der mitproduzierenden Berliner Schaubühne angekommen…

     

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

     

    Die Donau ist so ein geschichtsträchtiger Strom, der im Herzen Europas entspringt und an dessen Grenze ins Mittelmeer fließt. In der Antike von den Römern mare nostrum (unser Meer) genannt, hat es durch Fluchtbewegungen, die sich infolge des syrischen Bürgerkriegs noch verstärkt haben, eine traurige Bedeutung erlangt. Ein anderer Fluss ist der Tigris in Vorderasien, der aus dem kurdischen Teil der Türkei kommend einen Teil der Grenze zu Syrien bildet und nach seinem Weg durch den Irak im Persischen Golf mündet. Dort, im sogenannten Zweistromland, das der Tigris mit dem Euphrat bildet, entwickelte sich noch vor der Antike, die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte.

    Hochkulturen kommen und gehen. Deren Geschichten und Mythen rund um die großen Flüsse bleiben. Der griechische Filmregisseur Theo Angelopoulos beschreibt in seinem 1995 gedrehten Film Der Blick des Odysseus die Odyssee eines Regisseurs auf der Suche nach alten Filmrollen durch die von Krieg und politischem Wandel gezeichneten Staaten des Balkans, die auch schon Thema in Teil 2 von Milo Raus‘ Europa-Trilogie waren. Die persönlichen Geschichten seiner aus ihrem Leben berichtenden ProtagonistInnen bewegten sich aus der Mitte Europas über dessen Ränder bis in den sogenannten Nahen Osten. Auch eine dramatische Reise von Tschechows Kirschgarten über Shakespeares Hamlet bis zu Medea, der griechischen Tragödie des Euripides.

    Die tragische Verquickung von europäischen mit außereuropäischen Schicksalen. Die nicht immer glücklichen Wechselwirkungen dieser Geschichte wirken bis heute nach. Milo Rau nennt hier in einem Interview im Programmheft u.a. das Sykes-Picot-Abkommen von 1916, in dem Frankreich und Großbritannien ihre Einflusssphären im untergehenden Osmanischen Reich festschrieben. Die Kurden wurden durch die willkürlich gezogenen Grenzen auf drei Länder (Irak, Syrien, Türkei) verteilt, in denen sie bis heute eine ungeliebte Minderheit bilden. Auch der bis heute schwelende Nahostkonflikt ist nicht unwesentlich auf die westeuropäische Einflussnahme zurückzuführen.

     

    Empire von Milo Rau in der Berliner Schaubühne - Foto (c) Marc Stephan
    Empire von Milo Rau in der Berliner Schaubühne
    Foto (c) Marc Stephan

     

    All das kommt in Empire nur am Rande vor in den Erzählungen des Syrers Rami Khalaf und des syrischen Kurden Ramo Ali. Beide sind sie auch Schauspieler, spielen hier aber keine Rollen, sondern tragen ihre eigenen Familiengeschichten vor, die auch Generationenkonflikte beschreiben und sich schicksalhaft mit den politischen und religiösen Verwerfungen in ihrem Land verknüpfen. Sie wurden nach der Teilnahme an Demonstrationen gegen das Assad-Regime während der syrischen Revolution inhaftiert. Rami Khalaf konnte nach Paris fliehen, wo er einige Zeit bei einem arabischen Radiosender arbeitete. Später suchte er unter 12.000 Fotos von Folteropfern das Gesicht seines vermissten Bruders.

    Ramo Ali durchlitt im Gefängnis von Palmyra die Folter. Die Gespräche mit einem der Verhörer sieht er im Nachgang wie eine Psychotherapie, bei der er sich erst richtig kennengelernt hat. Nach der Flucht nach Deutschland reiste er wieder zurück über die Türkei und den Grenzfluss Tigris nach Nordsyrien, wo er mit 13 Geschwistern aufwuchs, um das Grab seines Vaters zu besuchen. Ein Vater, der ihn schlug, um einen starken Mann aus ihm zu machen. Das hat ihn geprägt.

    Übrigens ist der gut behütete Talisman des Muslim Ramo Ali ein Kettchen mit dem Bildnis der Jungfrau Maria. Die hat die rumänische Schauspielerin Maia Morgenstern in Mel Gibsons als antisemitisch verschrienen Film The Passion of Christ verkörpert. Das hat der Jüdin, deren Familie von den Nazis aus Weißrussland vertrieben wurde und deren Großvater Im KZ war, viel unschöne Kritik eingetragen. Heute leitet sie das Jüdische Theater in Bukarest. Sie erzählt vom schwierigen Leben in der Ceaușescu-Diktatur und der Trennung von ihren Kindern, wegen der langen Arbeit mit dem Regisseur Angelopoulos am Dreh von Der Blick des Odysseus, dessen Filmkomponistin Eleni Karaindrou auch den getragenen Soundtrack der Aufführung geschaffen hat und dessen starkes Bild mit einem abgebauten Lenindenkmal auf einem Donaukahn lange nachwirkt.

    Eine lange Odyssee von Odessa über Wladiwostok auf der Flucht vor den Bolschewiki nach Thessaloniki haben auch die Großeltern des griechischen Schauspielers Akillas Karazissis hinter sich. Nun kann auch er von seiner Exil-Geschichte nach der Flucht vor den griechischen Militärputschisten berichten. Fast wie in einem Fassbinderfilm erlebte er im Deutschland der 1960er Jahre die erste Freiheit ebenso wie den Ausländerhass. Als Grieche vom Dienst machte er Erfahrungen am deutschen Stadttheater und ist heute ein gefragter Tragödiendarsteller am Theater von Epidauros.

    Was die vor Live-Kamera und spartanischer Wohnküche, die zuvor auf der Vorderseite noch eine zerschossene Hausfassade zeigte, vorgetragenen Geschichten verbindet, ist ihre unspektakuläre und doch emotional dichte Erzähldramaturgie, die die Erfahrungen von Krieg, Leid, Flucht und Leben im Exil auch einem westeuropäischen Publikum eindrucksvoll nahezubringen vermag. Eine Kraft, die sich allein mit schnellen, medialen Bildern von Menschentragödien nicht vermitteln lässt.

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    EMPIRE (Schaubühne, 08.09.2016)
    Eine Produktion von Milo Rau / International Institute of Political Murder (IIPM)
    Premiere war am 01.09.2016 beim Zürcher Theater Spektakel
    Berlin-Premiere war am 08.09.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
    Konzept, Text und Regie: Milo Rau
    Musik: Eleni Karaindrou
    Bühne und Kostüme: Anton Lukas
    Video: Marc Stephan
    Dramaturgie und Recherche: Stefan Bläske, Mirjam Knapp
    Sounddesign: Jens Baudisch
    Technik: Aymrik Pech
    Produktionsleitung: Mascha Euchner-Martinez, Eva-Karen Tittmann
    Text und Performance: Ramo Ali, Akillas Karazissis, Rami Khalaf, Maia Morgenstern
    Eine Produktion des IIPM – International Institute of Political Murder. In Koproduktion mit dem Zürcher Theater Spektakel, der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin und dem steirischen herbst festival Graz
    Dauer: 2 Stunden, keine Pause
    Sprache: Arabisch, Griechisch, Kurdisch, Rumänisch mit deutschen Untertiteln

    Infos: http://www.schaubuehne.de/

    Zuerst erschienen am 09.09.2016 auf Kultur-Extra.

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    Denial – Yael Ronen und Ensemble versuchen sich in ihrem neuen Recherchestück am sehr verbreiteten Phänomen der Verneinung, Verdrängung oder Verleugnung von unbequemen Tatsachen

    Denial - Foto (c) Esra Rotthoff
    DenialFoto (c) Esra Rotthoff

    Einen Tag nach Milo Rau’s Empire an der Berliner Schaubühne geht auch das gerade zum Theater des Jahres gewählte Maxim Gorki Theater mit einem Recherchestück an den Spielzeitstart. Die ebenfalls preisgekrönte israelische Regisseurin Yael Ronen (Ihr zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladenes Stück The Situation ist Stück des Jahres) hat mit ihrem Ensemble einen Psychiater, eine Historikerin, eine Juristin, eine Energie-Therapeutin und einen Hypnotiseur zum weitverbreiteten Phänomen der Verneinung, Verdrängung oder Verleugnung befragt. Herausgekommen ist eine lose Abfolge von einzelnen Spielszenen zum Thema Denial.

    Geht es in Empire um das Teilen von persönlichen Erinnerungen und Tragödien, versucht man in Denial diese eher zu beschönigen oder ganz zu negieren. So international wie das Ensemble sind auch die Gründe für die Realitätsflucht der dargestellten fiktiven Charaktere. Verdrängt, ignoriert und geleugnet wird in allen Kulturen und Nationen – sei es aus Scham, wegen der Konventionen oder auch aus politischen Gründen. Wobei das Thema der kollektiven, nationalen Geschichtsverdrängung hier leider etwas zu kurz kommt. Zum Nahostkonflikt, Syrien- oder Balkankrieg hat man am Gorki und gerade von Yael Ronen schon wesentlich schärfere Abende gesehen.

    Und so geht es auch zunächst ganz lustig los. Zum Song „Billie Jean“ von Michal Jackson tanzend beteuern alle fünf Ensemblemitglieder (Orit Nahmias, Oscar Olivo, Dimitrij Schaad, Çigdem Teke und Maryam Zaree) eine garantiert glückliche Kindheit gehabt zu haben. Aber schon mit der Songauswahl wird diese Aussage konterkariert, was auch bald in noch ganz unbewussten, kleinen Einschränkungen der SchauspielerInnen zum Ausdruck kommt. Trotzdem gab es nie Streit mit den Eltern, keine Geheimnisse oder Probleme. Nichts, wonach man hätte fragen müssen außer vielleicht, wo eigentlich der Vater war. Und so hat man sich mit der Zeit eigene Wahrheiten zurecht gelegt und die bestehende Verdrängung noch perfektioniert.

    Psychologie mag hier sicher eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, allerdings verzettelt man sich zu Beginn in ein paar netten Kabaretteinlagen aus schrägen Kindheitserinnerungen. Beispielhaft dafür ein verdrängtes schwules Coming out eines mexikanischen Jungen im Fatsuite. Eine komische Nummer mit Livevideo über heimliche Anrufe bei einer teuren Gay-Hotline auf den Bahamas über das Telefon des Onkels, der lieber die Kosten begleicht als einen schwulen Neffen zu haben.

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Etwa in der in Berlin offen lebenden, queeren Community mit Migrationshintergrund, wo ein verheiratetes lesbisches Paar einen gemeinsamen Sohn hat, aber zur türkischen Hochzeit die iranische Partnerin verleugnet und mit Verhaltensregeln eingedeckt wird – aus Angst vor den Problemen daheim. Kultur oder angelernter Verdrängungsmechanismus, die Lügen und Ausreden für die Partnerin oder die Eltern daheim lassen sich nicht so leicht ausblenden.

    Der Abend behandelt noch weitere Problem-Themen wie Krankheit, Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt oder auch mal ganz banale Dinge wie zum Beispiel die konsequente Ausblendung finanzieller Schieflagen. Nie erreicht dabei das Spiel aber die Tiefe wie in dem einseitigen Gesprächsversuch einer Tochter mit ihrer Mutter vor laufender Kamera. Eine hochemotionale Rede über nie gestellte Fragen an die Mutter, die ihre Tochter im iranischen Gefängnis bekam und nie über die Folter und den ebenfalls inhaftierten Vater sprechen konnte.

    Und das macht den Unterschied zu den anderen Spielszenen und zum Stück von Milo Rau: die gelungene Verdichtung des Recherchematerials zu wirkungsvollem Theater, das hier nur dank eines engagiert spielenden Ensembles nicht zu sehr ins Gestellte oder am Ende albern Esoterische kippt.

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    DENIAL (Maxim Gorki Theater Berlin, 09.09.2016)
    Regie: Yael Ronen
    Bühnenbild: Magda Willi
    Kostüme: Amit Epstein
    Musik: Nils Ostendorf
    Video: Hanna Slak
    Dramaturgie: Irina Szodruch
    Mit: Orit Nahmias (Dorit), Oscar Olivo (Olivio), Dimitrij Schaad (Jimmy), Çigdem Teke (Shaydem) und Maryam Zaree (Marian)
    Dauer 1:45 h, keine Pause
    Uraufführung war am 9. September 2016
    Weitere Termine: 14., 18. 9. / 1. 10. 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

    Zuerst erschienen am 10.09.2016 auf Kultur-Extra.

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