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  • FEAR – In der Schaubühne Berlin lässt Falk Richter den deutschen Bildungsbürger gegen Pegida & Co. antreten

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    Da kann einem schon mal Angst und Bange werden, wenn man sich in die immer hasserfüllteren Kommentarspalten zum Thema Flüchtlingsbewegung in Europa im Internet verirrt. Nicht nur die Parolen des rechtsnationalen Rands, auch die Stimmen sogenannter besorgter Bürger lassen einen da ein ums andere Mal erschauern. Der Humus, aus dem das wächst, besteht laut Falk Richter aus einem tief braunen Morast ewig gestriger Diskursgräber, aus denen sich die Geister der Vergangenheit immer wieder neu erheben. Richters Deutschland-Analyse FEAR, die vor Kurzem in der Schaubühne am Lehniner Platz Premiere feierte, fällt dann dementsprechend auch reichlich düster aus.

     

    Fear_Schaubühne Nov. 2015
    Foto: St. B.

     

    Im Großen und Ganzen ging es in den letzten Arbeiten von Autor und Regisseur Falk Richter immer auch um Ängste. Vor allem um jene von im Großstadtdschungel vereinsamten und sich in sozialen Netzwerken verlierender, moderner Menschen in Metropolen wie Berlin. Immer auch eine politische Gesellschaftskritik, die sich nicht nur ins rein Private der Familie zurückzog. Schon in seinem Stück Small Town Boy zur Lebenswelt von Schwulen in Berlin (am Maxim Gorki Theater) hatte Richter seinem Protagonisten Thomas Wodianka einen wütenden Hassmonolog auf Politiker und rechtskonservative, schwulenfeindliche Einpeitscher halten lassen. Nun widmet er sich im Kontext von Pegida-Demos und AfD ganz dem deutschen Alptraum des Fremdenhasses und der nationalen Selektion als Abgrenzungsmechanismus gegen eine sich drastisch ändernde Welt.

    Was bedeutet heute eigentlich Heimat? „Dass Deutschland Deutschland bleibt.“ Hört man gleich zu Beginn – während im Video blühende Heimatfilm-Landschaften flimmern – aus deutschen O-Tönen, die Richter akribisch für diesen Abend gesammelt hat. Diese diffusen Stimmen aus dem Volk, der sich von der Politik verraten Fühlenden, denen meist noch hörbar die Fähigkeit zur genauen Artikulation fehlt, haben aber in Lutz Bachmann, Frauke Petry, Björn Höcke oder auch kürzlich Akif Pirincci bereits recht effektive Ideologen und Sprachrohre für ihre Ängste gefunden. Deren geistige Brandstiftung feiert dabei schon wieder Erfolge, wie brennende Flüchtlingsunterkünfte zeigen. In FEAR versuchen Richter und sein Schaubühnenteam zu ergründen, wie sich gerade im Osten des Landes diese neue nationalpatriotischen Bewegung, die zwar vorgibt, nichts mit den Nazis zu tun zu haben, aber doch klar deren Vokabular benutzt, kommen konnte.

     

    FEAR an der Schaubühne - Foto (c) Arno Declair
    FEAR an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

     

    Schwer verständlich für so manchen jungen Großstadthipster, wie ihn Bernardo Arias Porras gibt, der eigentlich lieber weit ab aller Probleme am Strand rumchillen möchte. Ein Mensch ohne konkrete Heimatbindung mit einem Airbnb-Hintergrund, der plötzlich nach erfolgter Sesshaftwerdung mit eigener Wohnung und Internetzugang der Faszination der Kommentarspalten im Netz erliegt, einem völlig anderen Leben wie in einem Alptraum aus Hass. Dazu werden auf der Bühne aus Laufstegen und einem Glaskasten als Rückzugsgebiet Pappkameraden mit bekannten Gesichtern der rechten Szene aufgestellt und mit einschlägigen Zeitungsmeldungen beklebt. Die Zombies beginnen im Video zu donnernder Heavy-Musik aus ihren Gräbern zu kriechen. Die drei Tänzer Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw bewegen sich dazu entsprechend monoton.

    Richter vermutet den Ursprung des Spuks zu gleichen Teilen in der unaufgearbeiteten Vergangenheit wie auch in der wirtschaftlichen und sozialen Abhängung ganzer Landstriche, deren Bewohner sich in finsterer Einöde wie einsame Wölfe verlieren. Eine fast ausschließlich männliche Bevölkerung, die dumpf vor sich hin vegetiert, empfänglich für Hasspredigten und Verschwörungstheorien aller Art. Solche Apokalypsen hat auch der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller immer wieder in seinen Stücken beschrieben. Ein ewiger Mahner und Ausgräber der Toten aus der Weltgeschichte von Kriegen und Revolutionen vom französischen Auftrag über den russischen Zement bis zu den Gespenstern Germanias. Richter widmet ihm einen von Kay-Bartholomäus Schulze vorgetragen Ach-Heiner-Monolog, in dem er das Verschwinden kritischer DDR-Intellektueller nach der Wende beklagt. Im Video sieht man dazu die Müller‘schen Neubau-Fickzellen mit Fernheizung einstürzen.

    Aber besonders die vorwiegend weiblichen Köpfe der konservativen Bewegung für die Nationalisierung und Re-Christianisierung des Abendlandes wie Brigitte Kelle, Gabriele Kuby, Frauke Petry und Beatrix von Storch bekommen hier ihr Fett weg. Große Momente für die beiden Schauspielerinnen Lise Risom Olsen und Alina Stiegler, aber auch für Tilman Strauß, der ebenfalls eine Travestienummer abbekommt. Lauter schöne Parodien auf „Hässliche hassende Frauen“, wie das Team den Abend auch mal nennen wollte. Doch selbst der normale Bildungsbürger ist meist nicht allzu weit vom Hass gebaut, wie KB Schulze als Basher von reichen Norwegern oder Schwaben, die den Berlinern den billigen, zentrumsnahen Wohnraum wegnehmen, beweist. Die Ohnmacht des wohlmeinenden Intellektuellen zeigt Lise Risom Olsen in einem „I am“-Monolog als Europa mit einem Spektrum von Hochkultur und Traum vom Weltfrieden bis hin zu offenen Gewalt und Fremdenhass.

    Leider folgt daraus nicht allzu viel. Die eigene Angst weg zu lachen ist das eine. Man verliert sich aber hier zunehmend in einem Work in Progress, geht in den offenen Probenmodus über. Es genügt sicher nicht, die Dämonen der Angst mit dem Laubläser der Kunst wegzufegen und sich in eine Urban-Gardening-Scheinwelt des Schönen mit Topfpflanzen, Gitarre und den melancholischen Flower-Power-Hymnen des Neo-Folkers Sufjan Stevens zurückzuziehen. Als Ruhephase in einer nach hinten raus immer mehr zerfasernden Inszenierung scheint dieses, sicher auch etwas ironisch gemeinte, Konzept zum Nachdenken darüber, wie wir leben wollen, vielleicht ganz fruchtbar.

    Aber, reicht das in einer Welt, wo für das Schöne nur noch die Insel der Kunst bleibt (wobei auch das nicht unbedingt als sicher gilt) oder das Shoppen als Ablenkung von den Problemen? Eine Frage, der sich das Team kurz stellt, bevor es mit der Horrorgeschichte der Beatrix von Storch, Herzogin von Oldenburg, und der Einfahrung des Geistes ihres Nazi-Großvaters zu einer letzten, großen Travestie auf die nationale Rezombiesierung des Abendlandes ansetzt. Wir haben Angst vor dem Schrecken des IS-Terrors, verzweifeln vor dem Elend der Flüchtlinge, den Bildern ertrunkener Kinder im Fernsehen und den Auswirkungen der Gewalt und des Hasses auf unsere Kinder. „We are the others.“ meint am Ende leise der Tänzer Frank Willens. Auch das muss sich erst noch erweisen.

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    Beitrag auf Deutschlandradio: Populisten gegen Berliner Schaubühne, AfD wirft Theater Gewaltaufruf vor

    Meldung auf Nachtkritik: Schaubühne Berlin wehrt sich gegen rechte Kritik an „Fear“

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    FEAR (Schaubühne am Lehniner Platz, 30.10.2015)
    Text, Regie und Choreographie: Falk Richter
    Die Choreographie entstand in Zusammenarbeit mit Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw.
    Bühne: Katrin Hoffmann
    Kostüme: Daniela Selig
    Musik: Malte Beckenbach
    Video: Bjørn Melhus
    Dramaturgie: Nils Haarmann
    Licht: Carsten Sander
    Mit: Bernardo Arias Porras, Denis Kuhnert, Lise Risom Olsen, Kay Bartholomäus Schulze, Alina Stiegler, Tilman Strauß, Frank Willens und Jakob Yaw
    Uraufführung war am 25. Oktober 2015
    Weitere Termine im Januar 2016

    Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

    Zuerst erschienen am 01.11.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Wintersonnenwende – Jan Bosse inszeniert Roland Schimmelpfennigs neues Stück am Deutschen Theater Berlin

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    Stücke, bei denen sich Paare verbal zerfleischen, vorzugsweise unter Alkoholeinfluss, scheinen sich nach wie vor großer Beliebtheit am Theater zu erfreuen. Noch dazu ist Weihnachten ein besonders passender Anlass für Familienstreitigkeiten jeglicher Art. Das Maxim Gorki Theater versuchte im letzten Jahr mit internationaler Besetzung zum christlichen Fest alte Zöpfe abzuschneiden. Leider nur mit mäßigem Erfolg.

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    Am Deutschen Theater bleibt man lieber unter sich, sprich rein deutsch, bevorzugt Berlin-Mitte. Das passende Stück dazu hat der deutsche Erfolgsdramatiker Roland Schimmelpfennig geschrieben. Er nennt es Wintersonnenwende, ein eher heidnisches Fest kurz vor Jesu Geburt. Die Uraufführung fand im Januar diesen Jahres am Stockholmer Theater Dramaten in der Regie von Valdemar Staffan Holm statt. In Berlin inszenierte nun Jan Bosse die deutsche Erstaufführung. Er konnte in der letzten Spielzeit mit Herbstsonate nach dem Film des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman einen veritablen Erfolg feiern. Ebenfalls ein gutes Stück bürgerlicher Selbstzerstörung unter Verwandten.

     

    Wintersonnenwende am DT Berlin - Foto (C) Arno Declair
    Wintersonnenwende am DT Berlin – Foto (C) Arno Declair

     

    Eine weitere Referenz bildet in dieser Hinsicht sicher auch der schwedische Dramatiker August Strindberg. Die seelische und auch körperliche Degenerierung der Schimmelpfennig‘schen Bühnenfiguren befindet sich jedenfalls zum Teil in ähnlich vorgeschrittenem Stadium. Das macht sich besonders am Hausherrn Albert (Felix Goeser) fest, der dem über ihn hereinbrechenden Festtagsstress nur unter dem Einfluss von diversen Medikamenten in Kombination mit Alkohol standzuhalten vermag. Der Verleger, Historiker und Autor mehrerer Schriften über den deutschen Nationalsozialismus wie Vernichtung oder Weihnachten in Ausschwitz ist hoch neurotisch und, wie ihm seine Frau Bettina (Judith Hofmann) vorwirft, konfliktunfähig und ein Meister in der Technik der Vermeidung.

    Bettina plagen dagegen vorwiegend Probleme mit ihrer Mutter Cordula (Jutta Wachowiak), die sich mal wieder ungebeten über Weihnachten angesagt hat, und die Tatsache, dass sie als unabhängige Filmemacherin mit Kunstanspruch kaum kommerzielle Erfolg vorweisen kann. In der Beziehung von Albert und Bettina ist die Stimmung dauerhaft angespannt. Sie betrügt ihn mit dem erfolglosen Maler und Freund des Hauses Konrad (Edgar Eckert), er sie mit einer jungen Verlagsmitarbeiterin. Was die zwei trotz Affären immer noch zusammenhält, ist vermutlich die Routine und ein Kind namens Marie, das am Anfang mal kurz ballspielend über die Bühne läuft, und ansonsten von allen in kurzen Auftritten mitgesprochen wird.

    Das alles klingt natürlich auch ein wenig nach Arthur Schnitzler oder Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, was Schimmelpfennig auch noch damit befeuert, dass Albert von seiner heimlichen Geliebten am Telefon Albie genannt wird. Ansonsten ist das Stück aber eher eine etwas sperrige Sparvariante eines well-made Play geworden. Es fehlt ihm zum Albee die echte Boshaftigkeit und Lust an der Verletzung sowie die erforderlichen Gegenparts zur Reibung. Die Fallhöhe entwickelt sich hier entlang eines weiteren unerwarteten Gasts, den Mutter Cordula im schneeverwehten Zug kennengelernt und spontan zum Essen eingeladen hat.

    Der Arzt Rudolph (Bernd Stempel) ist ein gebildeter älterer Herr, der Cordula endlich wieder das Gefühl gibt, wahrgenommen zu werden. Er ist ritterlich, charmant und Meister am Klavier. Allerdings spielt der Deutsche aus Paraguay vorzugweise Bach und Mozart, findet es erstaunlich, dass Chopin Pole ist und kennt keine jüdischen Komponisten. Das macht ihn in den Augen Alberts natürlich sofort verdächtig, und als Rudolph noch einen Vortrag über die Ordnung der Musik, Gartenunkraut, Blattläuse und das Vermischen von Kulturen hält, ist er sich ziemlich sicher, den Mann zu kennen. Da ist die Fremd- und Selbstwahrnehmung von Albert durch den Alkohol-Medikamenten-Cocktail aber schon so getrübt, dass er Realität und Wahnvorstellungen kaum noch auseinanderhalten kann.

    Als die Feier schließlich in einer Art traditionellem Wintersonnenwende-Ritus kulminiert, brechen selbst beim an sich zweifelnden Künstler-Individualisten Konrad ungeahnte Gemeinschaftsgefühle aus. Rudolph piekt in den wunden Punkt der Relevanz von Kunst und der Idee des Schönen. Autor Schimmelpfennig zeigt hier einerseits die Abgestumpftheit des Bildungsbürgertums und anderseits die leichte Verführbarkeit durch nationalheroische Phrasen. In Zeiten von Pegida und dem Ruck nach rechts auch in aufgeklärt erscheinenden intellektuellen Kreisen sicher ein nicht unwichtiger Beitrag.

    Inszenatorisch ist das ganz ordentlich gebaut. Die schauspielerische Leistung des Ensembles entsprechend gut. Etwas nervig wirken die von Schimmelpfennig eingebauten Prosatexte, die das Geschehen ständig kommentieren und von den DarstellerInnen wechselnd mitgesprochen werden müssen. Hier beschreibt der Autor Äußerlichkeiten der Figuren, deren Charaktereigenschaften und poetisch fabulierend auch jede Menge Nebensächlichkeiten, die die Story lediglich überladen. Regisseur Jan Bosse lässt das auf einer durch schwarze Vorhangfäden gesäumten Bühne (Stéphane Laimé) mit einer großen, drehbaren Tafel erfolgen, auf und neben der sich das Geschehen mit viel Sinn für Situationskomik und auch einem echten Slapstick mit falschem Tannenbaum abspielt. Am Ende verliert sich der Autor aber wieder mal etwas zu sehr im märchenhaft Mystischen mit Christkind.

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    WINTERSONNENWENDE (Deutsches Theater Berlin, 23.10.2015)
    Regie: Jan Bosse
    Bühne: Stéphane Laimé
    Kostüme: Kathrin Plath
    Musik: Arno Kraehahn
    Dramaturgie: David Heiligers
    Besetzung:
    Felix Goeser (Albert), Judith Hofmann (Bettina), Jutta Wachowiak (Corinna), Bernd Stempel (Rudolph) und Edgar Eckert (Konrad)
    DSE war am 23. Oktober 2015
    Weitere Termine: 12., 27. 11. / 26. 12. 2015

    Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 24.10.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Derb, deppig, buntverkackt – Jung-„Siegfried“ einmal anders am Münchner Volkstheater

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    Christian Stückl verulkt den Helden des deutschen Nibelungenlieds in einer brachialhumorigen Textfassung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

    Neben Berlin, Hamburg und Wien kann man München zu einer der großen Städte, wenn nicht sogar der Hauptstadt schlechthin, in der deutschsprachigen Theaterlandschaft rechnen. Regelmäßige Einladungen zum Berliner Theatertreffen, für dessen „elitäre Veranstaltung“ (nach Aussage der Jury) den Theatern aus der Provinz die Voraussetzungen fehlten, zeugen davon. Die meisten Einladungen vereinigen sich dabei auf die Münchner Kammerspiele, von 2010-15 unter der Leitung von Johan Simons und nun von Matthias Lilienthal geführt. Seit aber der Volksbühnen-Intendant Frank Castorf in München mit skandalträchtigen Inszenierungen von sich reden macht, hat auch das benachbarte Residenztheater von Intendant Martin Kušej dementsprechend nachgezogen. Das dritte Theater im Bunde, das im Vergleich zu den beiden vorgenannten eher selten mit prominenten Schauspielgrößen und namhaften Regisseuren aufwarten könnende Volkstheater München führt aber dennoch nicht nur ein unbedeutendes Schattendasein. In der nun schon 13jährigen Intendanz von Christian Stückl, bekannt auch als Oberspielleiter der Passionsspiele in Oberammergau, hat es sich im Bewusstsein der Münchner Theatergänger etabliert und ist mit dem Jugendtheaterfestival „Radikal Jung“ auch überregional in Deutschland bekannt.

     

    Volkstheater München - Foto: St. B.
    Volkstheater München – Foto: St. B.

     

    Auch sonst hat das Münchner Volkstheater einiges zu bieten. Der Name ist dabei immer auch Programm. Nicht nur Klassiker wie Lessings Nathan der Weise oder neue Dramatik von Sibylle Berg und Simon Stephens, auch deutsche Nationalepen wie das Nibelungenlied schaffen es auf die kleine Bühne in der Brienner Straße. Die Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, beileibe keine Unbekannten in München, haben sich die deutscheste der deutschen Heldensagen vorgenommen, und für den Siegfried eine neue Theaterfassung fern niederdeutscher Reimkunst, Wagners Alliterationen oder Hebbels pathostriefenden Versen geschaffen. Zaimoglu und Senkel mischen in ihrem modernen, das Versmaß aber durchaus haltenden Text einen gewollt hochtrabenden Ton mit ganz normaler Umgangssprache. Wobei sie natürlich in erster Linie auf Komik aus sind und nicht mit allerhand derben Sprüchen sparen. Naturgemäß ist dabei der allgemeine Schenkelklopffaktor recht hoch. Wer also keinen Sinn für Fäkalhumor besitzt, sollte der Veranstaltung besser fern bleiben.

    Für die anderen schlägt dieser Siegfried vermutlich ein wie eine Bombe. Jakob Gessner stellt sich hier jedenfalls zum AC/DC-Klassiker TNT als „I‘m Dynamite“ vor. Ein großer Knaller in Sachen Intellekt ist Jung-Siggi allerdings nicht. Aber ob sich Vater Siegmund (Frederic Linkemann) nun Sorgen macht, oder nicht, der überforderte Hauslehrer (Robert Joseph Bartl) wird mit seiner prophetischen Auswahl Cicero oder Cesar nichts an der Berufswahl unseres zukünftigen Helden ändern können. Siegchen Friedlein, wie ihn Mama Sieglinde (Ursula Maria Burkhart) nennt, ist zum Mörder geboren und einen Mordsgaudi will er auch bis zum Antritt als König der Niederlande haben. Zum Schmied Mimer (Oliver Möller) in die Lehre geschickt, haut er erst die Nibelungen-Zwillinge im Adidas-Dress (Paul Behren und Mehmet Sözer) und dann seinen zotteliger Schaumschläger-Ziehvater um. Dessen Münchhausiaden übernimmt Schmiedelehrling Siegfried einfach in sein eigenes Repertoire.

     

    Schaukasten Volkstheater - Foto: St. B.
    Schaukasten Volkstheater – Foto: St. B.

     

    Einen Drachen mit Nibelungenschatz gibt es natürlich auch. Siegfried führt nach vollendeter Tat durch die ausgeschlachteten Eingeweide der Bestie. Qua fehlender Eier vergeht sich der Drachentöter dann allerdings an einer riesigen Drachen-Mumu. Zaimoglu/Senkel lassen nichts aus, um ihren infantilen Helden unmöglich zu machen. Als eine Art vorlauten Sidekick geben ihm die beiden Autoren noch den Zwerg Alberich (Jona Bergander) mit auf den Weg, der seine fehlende Größe mit einem guten Schuss Machismo wett zu machen versucht. Selbst vor dem Mannweib Brünnhilde (Robert Joseph Bartl) und deren Fitnesstrainerin (Oliver Möller) macht der Kleine nicht Halt. Bruni hatte mit sechzehn noch Träume, nun ist sie gelangweilt vom Köpfen der unterlegenen Bewerber. Nach der Aerobic auf dem Walküren-Felsen flieht Held Siggi aber erst mal nach Burgund, um sich mit Kriemhild (Magdalena Wiedenhofer) eine passendere Gespielin mit großem Dekolleté zu angeln. Das Werben um die „Brunstwilde“ überlässt er dem schwächlichen König Gunther (Frederic Linkemann), dem er beim Darmtauziehen und Köpfekegeln dennoch hilfreich unter die Arme greift.

    Der Rest nach der Pause hält sich so ziemlich an den bekannten Nibelungen-Plot. Wobei man die Wormser Burgunder-Dynastie durchaus auch als leicht degeneriert bzw. genderverdreht bezeichnen könnte. Gunthers Bruder Giselher (Mehmet Sözer) ist von der warmen Sorte und selbst der finstere Hagen (Paul Behren) mit Flügelhelm entpuppt sich gelegentlich als Ich-bezogener „Hinterladerwüstling“. Von hinten erledigt er schließlich auch Siggi, der im Ränkespiel der beiden Grazien nur als Lieferant von braunen Verdauungsresten gefragt ist. In einer Art Auferstehungsarie trällert der gemeuchelte Held dann noch den Edith-Piaf-Klassiker Non, jene regrette rien. Und hier ist dann am Ende auch wirklich nichts zu bedauern, beim unverhofften Untergang der Nibelungen. Eine Fortsetzung ist aber durchaus denkbar. Ob man nun will oder nicht. Denn gerade am Theater beginnt ja das Spiel der Untoten jeden Abend wieder bei null.

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    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    Siegfried (UA)
    von Feridun Zaimoglu / Günter Senkel
    Regie: Christian Stückl
    Bühne & Kostüme: Stefan Hageneier
    Musikalische Leitung und Gitarre: Tom Wörndl
    Kontrabass: Max Bloching
    Wurlitzer: Michl Bloching
    Schlagzeug: Maria Moling
    Schlagzeug: Paul Schmitz
    Besetzung:
    Siegfried … Jakob Geßner
    Alberich … Jona Bergander
    Kriemhild … Magdalena Wiedenhofer
    Sigmund / Gunther … Frederic Linkemann
    Sieglinde / Ute … Ursula Maria Burkhart
    Hauslehrer / Brunhild … Robert Joseph Bartl
    Mimer / Randgriör … Oliver Möller
    Schiblung / Giselher … Mehmet Sözer
    Nibelung / Hagen … Paul Behren
    Dauer: 3 Stunden, eine Pause
    Premiere war am 27.03.2015
    Termine: 10.11.2015

    Infos: https://www.muenchner-volkstheater.de/spielplan/repertoire/siegfried-ua

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  • Adoleszenz und Apokalypse – Zweimal neue junge Dramatik in der Diskothek des Schauspiels Leipzig

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    Mit Stücken von Wolfram Höll (Und dann), Ferdinand Schmalz (am beispiel der butter), Nolte Dekar (Das Tierreich) oder Lukas Linder (Die zweieinhalb Leben des Henrich Walter Nichts) ist die kleine Spielstätte Diskothek unter dem Dach des Schauspiels Leipzig seit der Übernahme der Intendanz durch Enrico Lübbe auf Erfolgskurs. Ob Retzhofer Dramapreis, Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts oder Kleist-Förderpreis, die Bilanz der hier seit 2013 uraufgeführten jungen, deutschsprachigen Dramatik lässt sich durchaus sehen. Wolfram Höll wurde für sein Stück Und dann 2014 sogar mit dem begehrten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Auch in der Spielzeit 2015/16 stehen insgesamt fünf Uraufführungen auf dem Leipziger Spielplan, die zum Teil bereits wieder Preise eingeheimst haben.

     

    Das Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.
    Das Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

     

    So auch Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder. Die Uraufführung des mit dem Kleist Förderpreis ausgezeichneten Stücks fand bereits im Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen statt. Nach der Preisverleihung Anfang Oktober in Frankfurt/Oder ist die Adoleszenz-Komödie nun auch in der Diskothek Leipzig zu sehen. Der 31jährige Schweizer Dramatiker beschreibt die Probleme des 13jährigen Fred, ohne eine männliche Identifikationsfigur erwachsen werden zu müssen. Er idealisiert seinen vor kurzem abgehauenen Vater Jack, verklärt die Erinnerung an ihn und träumt sich im Trenchcoat in die amerikanischen Kriminalromane von Raymond Chandler. Hauptdarsteller Felix Axel Preißler gibt gleich zu Beginn eine Kostprobe der blühenden Fantasie des Jungen, indem er eine aufregende Doppelszene mit seiner Traumheldenfigur, dem Privatdetektiv Ray, und seiner Auftraggeberin in verteilten Rollen vorspielt.

    Ansonsten gehört Fred in der Schule eher zur Gruppe der Niedlichen, für die es nie in Frage kommt, mit den Hübschen oder Coolen zu gehen. Seine Angebetete Cordula ist für ihn so unerreichbar. Ebenso wenig wie es für ihn möglich scheint, seine etwas überambitionierte Lehrerin (Annett Sawallisch) mit einem Vortrag zum Thema „Vater, Du Idol“ zufrieden zu stellen. Mit dem Thema scheitert auch die ebenso unscheinbare Mitschülerin Astrid (Runa Pernoda Schaefer), deren Vater, ein ehemaliger Ringer (Hartmut Neuber), beim Zerreißen ihres französischen Grammatikbuches versagt. Der absolute Tiefpunkt in Sachen heroischer Vaterfigur. Er tritt hier als liebenswerter, melancholisch philosophierender Trottel im roten Ringerdress auf.

     

    Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold
    Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

     

    Die Männer kommen insgesamt etwas schlechter weg, wogegen die Damenwelt völlig überdreht wirkt, und im Fall von Freds Mutter (Anne Cathrin Buhtz) wie ein 40er-Jahre-Hollywoodverschnitt von Lauren Bacall aussieht. Sie hat sich zur Ablenkung den erotomanischen Fitnesscoach Ehrlicher (Jonas Fürstenau) geangelt (auch nicht gerade ein Humphrey-Bogart-Typ), der Fred mit seiner Sammlung erotischer Grafik in die Welt der Männer einführen will. Bei diesem leicht übergriffigen Aufklärungsgespräch steckt der Ersatzpapa Fred einen Schnuller in den Mund, während vom Band der Rühmann-Klassiker La le lu erklingt.

    Die sämtlich überzeichneten Figuren hat Autor Linder auch sonst stark am Klischee gebaut. Regisseur Marc Lunghuß setzt mit seiner Inszenierung noch einen drauf. Da versinkt doch manches zu sehr im Klamauk. Die Bühne von Tobias Schunck ist eine aufklappbare Waschbetonfassade, aus deren Öffnungen heraus die Figuren wie in einem Puppenhaus agieren. Die Villa des wohlstandsverwahrlosten Chris (Florian Steffens), hinter deren Fenstern Fred seinen Vater vermutet, ist ein Kitsch-Traumgebilde mit Triton-Brunnen, Pelikan und grünen Elefanten. Hier versucht Fred, gefolgt von Astrid, in einer Gewitternacht einzusteigen. Allerdings, der titelgebende Mann aus Oklahoma (ein alte Ringer-Anekdote von Astrids Vater) bleibt natürlich reine Jungs-Fantasie und das Ende relativ offen. Auch wenn Fred nach seinem Sturz von der Leiter leicht weggetreten in einen Krankenhauskittel gesteckt nochmal das Victory-Zeichen macht, ist ihm schon klar, dass es für seinen Traum von einer echten Vater-Sohn-Beziehung wohl irgendwann zu spät sein wird.

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    Weitestgehend Klischee sind die Figuren aus Bernhard Studlars Stück Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind. Der Hausherr einer Dachgeschosswohnung im 8. Stock überrascht bei den Vorbereitungen zu einer Party auf seiner Terrasse einen ungebetenen Gast, eine junge, lebensmüde Frau. Diese findet schnell gefallen an der Situation und zwingt den Gastgeber mit dessen Pistole, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wer sich am Ende der ausufernden Party von der Terrasse stürzen wird, bleibt dabei offen. Der österreichische Autor lässt im Folgenden eine illustre Gesellschaft von typischen Großstädtern aus der bürgerlichen Mittelschicht aufeinandertreffen. Lauter Nichtraucher, Biofanatiker, Ökokleingärtner, Linksliberale oder Anlagestrategen und vor allem gestresste Eltern am Rand des Wahnsinns, die mit zunehmendem Alkoholkonsum ihre Kontenance fahren und es danach umso mehr krachen lassen.

     

    Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold
    Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

     

    Werden die Szenen zwischen dem Gastgeber (Dirk Lange) und der jungen Frau (Sophie Hottinger) immer wieder per Video eingespielt, hat Hausregisseurin Claudia Bauer für die Gespräche auf der eigentlichen Party dann eine fast schon geniale Idee. Während ein Teil der in neonfarbenen Satinkleidern steckenden SchauspielerInnen am Rand die Texte per Mikro einspricht, bewegen sich die anderen dazu pantomimisch in immer wieder neuen, teils bizarr durchchoreografierten Szenen. Dabei tragen sie Masken und spielen ihre namenlosen Figuren unabhängig vom Geschlecht, wobei auch die Stimmen teils cross gesprochen oder verzerrt und immer wieder in Loops, fast schon wie ein melodiöser Sing Sang vorgetragen werden.

    Ein großartiger Verfremdungseffekt, der tatsächlich auch über den gesamten Abend seine Spannung halten kann. Die sechs SchauspielerInnen Sophie Hottinger, Dirk Lange, Wenzel Banneyer, Tilo Krügel, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt lösen sich immer wieder beim Sprechen und Performen ab. Es gibt keine Charaktere, nur ein Typenballett austauschbarer Figuren. Sie wirken wie fremdgesteuert und reagieren in einer körperlich stark überzogenen Dauererregung direkt auf die jeweiligen Gegenüber. Gehetzte ihrer selbst, übermüdet und im ständigen Stress nicht wahrgenommen zu werden. Abhängig voneinander oder dem Handy, das wie ein monströser Hinkelstein an ihnen hängt. Identifizieren kann man sie, wenn überhaupt, nur mittels ihrer ständig wiederholten in Worthülsen gekleideten Satzfetzen.

    Dem gegenüber stellt die Regisseurin am Beginn des Abends noch während des Einlasses, kaum bemerkt vom Publikum, Versfragmente aus der Offenbarung des Johannes über die apokalyptischen Reiter in Dauerschleife. Zu einer Art Apokalypse entwickelt sich schließlich auch die ganze Party. Und so sind die folgenden Gespräche lose mit den Schlagworten Hunger, Krieg, Krankheit und Tod überschrieben. Von verhasstem Smalltalk über kleine Komplimente und Sticheleien bei Biobier und asiatisch veganem Essen gerät man schnell in Ekstase über Themen wie Kindererziehung, Biogärtnern, Sex oder Politik und teilt seine Ängste, Psychosen und Coachingversuche. Wobei man sich schnell wieder aus zu anstrengenden, fordernden Beziehungsgesprächen verabschiedet und lieber über sich selbst spricht. Die Partygäste mutieren dabei langsam von Maskenmenschen zu Pelzkopfträgern mit Pestschnabelmasken, und schließlich bleibt auf der zugemüllten Bühne nur noch ein schmatzendes Wurmwesen übrig, während im Video ein großer Komet auf die Stadt zurast. Eine bemerkenswerte Inszenierung und Schauspielleistung, die Appetit auf mehr machen.

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    DER MANN AUS OKLAHOMA (18.10.2015)
    Regie: Marc Lunghuß
    Bühne & Kostüme: Tobias Schunck
    Musik: Simon Bodensiek
    Licht: Carsten Rüger
    Dramaturgie: Christin Ihle
    Mit: Simon Bodensiek, Anne Cathrin Buhtz, Jonas Fürstenau, Hartmut Neuber, Felix Axel Preißler, Annett Sawallisch, Runa Pernoda Schaefer und Florian Steffens
    Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2015 und dem Kleist Forum Frankfurt/Oder
    Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 9. Juni 2015
    Leipziger Premiere in der Diskothek: 11. 10. 2015
    Weitere Termine: 29. 10. / 22. 11. 2015

    DIE ERMÜDETEN ODER DAS ETWAS, DAS WIR SIND (17.10.2015)
    Regie: Claudia Bauer
    Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
    Musik: Jonas Martin Schmid
    Licht: Veit-Rüdiger Griess
    Video: Gabriel Arnold
    Dramaturgie: Matthias Huber
    Mit: Wenzel Banneyer, Sophie Hottinger, Tilo Krügel, Dirk Lange, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt
    Uraufführung in der Diskothek war am 25. September 2015
    Weitere Termine: 1., 29. 11. 2015

    Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de

    Zuerst erschienen am 21.10.2015 auf Kultura-Extra unter:

    http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_bernhardstudlar_diermuedeten.php

    http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_lukaslinder_dermannausoklahoma.php

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  • Feminismus und Westalgie – Die Berliner Schaubühne eröffnet mit satirischen Beiträgen von Patrick Wengenroth und Rainald Grebe die neue Spielzeit am Lehniner Platz

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    Von Penisneid zu Penisleid – Patrick Wengenroths thisisitgirl im Studio der Schaubühne

    Dass die Berliner Schaubühne unter Intendant und Commandeur de L’Ordre des Arts et des Lettres Thomas Ostermeier ausgerechnet mit zwei doch eher dem Genre Kabarett zuzuordnenden Theaterproduktionen die neue Spielzeit eröffnet, ist schon etwas verwunderlich. Mit dem Regisseur Patrick Wengenroth hat man am Lehniner Platz jedenfalls schon länger einen Fachmann in Sachen schräger Satire, Pop und Boulevard; und mit Neuzugang Rainald Grebe zumindest einen passablen Garanten für Stimmung, Spaß und gute Laune eingekauft. Und auch der schwarze Humor ist den beiden Enfant terribles der Hochkultur zu eigen. In jedem Fall erhofft man sich mit dem Reiz-Thema Feminismus (thisisitgirl) und einer nostalgischen Rückschau auf das alte West-Berlin (Westberlin) einen regen Publikumszuspruch.

     

    thisisitgirl-westberlin_schaubühne_Oktober 2015
    Spielzeitbeginn an der Schaubühne – Foto: St. B.

     

    Theatermacher und Planet Porno-Erfinder Patrick Wengenroth hat sich also den Feminismus für seinen neuesten Streich thisisitgirl auf der kleinen Studiobühne ausgesucht. „Ein Abend über Frauen und Fragen und Frauenfragen für Frauen und Männer“ soll es sein. Es ist dann aber doch eher ein Abend von Männern über männliche Befindlichkeiten wie Genderstress, Orientierungslosigkeit und Selbstmitleid geworden. Das natürlich nicht ohne eine Portion Selbstironie, sonst wäre es wohl auch kaum über zwei Stunden zu ertragen. Für den Tip hatte Wengenroth sich sogar mit der Spezialistin für Frauenfragen in Literatur und am Theater Sibylle Berg zum Gespräch getroffen. So weit, so gut. Der Regisseur will aufräumen mit dem Maskulinismus und Sexismus vor allem auf der Theaterbühne, und saugt zunächst selbst den Teppich in der kleinen Wohnzimmerlandschaft mit Ledersesseln und biederen Einbauschrankwänden aus Holz.

    Sich als „Quotenfrau“ des Abends bezeichnend tritt dann Iris Becher auf und stellt zunächst ihre männlichen Kollegen Ulrich Hoppe, Laurenz Laufenberg und Andreas Schröders mit eindeutig auf Alter und Körper anspielenden Sprüchen vor. Das sitzt als erste Pointe. Danach darf sie die Männer noch der Reihe nach auf die Psycho-Couch legen. Den Dreien macht ihr gestörtes Rollenbild zu schaffen und die Angst sich vor einer Frau zu Fragen der patriarchale Ordnungsgesellschaft, zu Abhängigkeiten und sexuellem Frust zu öffnen. Wir erfahren dann noch etwas von Siggi-Look-alike Ulrich Hoppe über Siegmund Freud und seine Träume, weibliche Öffnungen und den Feminismus als das kleinere Übel in der Gesellschaft. Vom Penisneid der Frauen zum Penisleid der ödipal veranlagten Männer, viel weiter geht’s leider nicht. Wengenroth kommt nicht raus aus der Männerecke.

     

    THISISITGIRL von Patrick Wengenroth - Foto (c) Gianmarco Bresadola
    THISISITGIRL von Patrick Wengenroth
    Foto (c) Gianmarco Bresadola

     

    Matze Kloppe gibt im flauschig-infantilen Einhornkostüm den Musiker des Abends. Das ist die Richtung, in der sich die Nummernrevue dann auch weiterbewegt. Das Kind im Manne, das Bier trinkt, Fußballhymnen grölt und sich verschämt lachend platte Frauenwitze erzählt. Das greift natürlich zu kurz, wenn die drei sich auch die größte Mühe geben, männliche Klischees der Lächerlichkeit preiszugeben. Klaus Theweleits Buch Männerfantasien spielt da eine Rolle – oder auch eine Latte von feministischer Literatur von Sylvia Plath über Judith Butler bis zu Laurie Penny, wie der Programmzettel ausweist, und durch die man sich für diese Produktion wohl auch durchgeackert hat. Allein es hilft nicht, der Schauspielerin Iris Becher einen schönen Pimmel-Wutmonolog über Tradition und strukturelle Ungerechtigkeit zu schenken und sie ansonsten weiter den Frauenbilder projizierenden und ihre patriarchalen Fiktionen als Fetisch in Kleidern und Unterwäsche selbst reproduzierenden Männern auf der Bühne gegenüber zu stellen. Als Frau bleibt sie leider auch hier eklatant unterrepräsentiert.

    Und wo die Männer nun die Schubladen (in der Schrankwand) auch aufmachen, überall fällt ihnen ihr männlicher Wortmüll (hier in Form von unzähligen Bierdosen und Minifässern) entgegen und bedeckt schließlich bald den ganzen Bühnenboden. Unsere wackeren Helden kämpfen sich nun scheppernd durch ihr eigenes Blech. Sicher ein schönes Bild, das nur noch durch eine Peter-Pan-Figur des sich zurück in den Mutterschoß wünschenden Ulrich Hoppe getoppt wird. Zum Schluss nimmt Iris Becher die verstörte Herrenpartie unter ihren weiten Reifrock. Mehr als Freud‘sche Symbolik, Pop und ein paar Sprüchen zum Feminismus ist Patrick Wengenroth leider nicht eingefallen. Aber gut, dass wir mal drüber gelacht haben.

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    THISISITGIRL (12.10.2015)
    Realisation: Patrick Wengenroth
    Bühne: Mascha Mazur
    Kostüme: Ulrike Gutbrod
    Musik: Matze Kloppe
    Dramaturgie: Giulia Baldelli
    Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Matze Kloppe, Laurenz Laufenberg, Andreas Schröders und Patrick Wengenroth
    Premiere im Studio der Schaubühne war am 16. September 2015

    Weitere Termine: 6. + 8. 11. 2015

    Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

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    Westberlin am laufenden Band, reenacted von Rainald Grebe und Ensemble an der Schaubühne Berlin

    Nach zwei Produktionen am Maxim Gorki Theater (noch unter Armin Petras) hat Rainald Grebe nun eine Westberlin-Revue für Thomas Ostermeiers Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert. Und die ist dort am Ende des Kudamms, tief im Westen der Hauptstadt, wohl auch besser aufgehoben. Der alte Westen der ehemals geteilten Stadt ist nach der Wende etwas heruntergekommen. Das Interesse fokussierte sich ab 1989 mehr auf den spannenderen Osten. Nachdem nun auch dort nach und nach alles in geordneten, durchkapitalisierten Bahnen läuft und die kultigen Clubs sterben bzw. wegziehen, könnte es zumindest in einigen Teilen West-Berlins ein Revival geben. Zunehmend schicker wird es nun schon im Umkreis des Zoopalasts, dem alten Zentrum der Berlinale, die in Grebes Revue natürlich auch einen Platz mit steiler Gangway und Starauflauf bekommt.

     

    1, 2, 3, fix - Westberlin von Rainald Grebe - Foto (c) Gianmarco Bresadola
    1, 2, 3, fix – Westberlin von Rainald Grebe
    Foto (c) Gianmarco Bresadola

     

    Es beginnt aber auf der als Altberliner Eckkneipe eingerichteten Bühne mit einer Ode an die Currywurst vor dem Moabiter Landgericht. Geschichten eines echten Berliner Jungen der Nachkriegszeit, als die Stadt noch nach Ruinen roch. Michael Eckert, ein Berliner Kiosk-Original der ersten Stunde, berlinert den Mann hinterm Tresen voll, näht ihm sozusagen die Currywurst ans Ohr, und bekommt schließlich einen Platz im Sarg zugewiesen. Ein starkes Stück, wenn man eigentlich vorhat, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die Auferstehung aus Ruinen West, mit den alliierten Streitkräften, amerikanischem Kino, Lebensmittelkarten und dem Sound der Luftbrücke.

    Da ist von Anfang an natürlich auch ein wenig Spott und jede Menge Ironie im Spiel, wenn auch nicht das selbstironische Pathos des Wissenden. Das überlässt der zugezogene, bekennende Ost-Berliner Grebe seinen 8 Zeitzeugen aus 40 Jahren Berlin-West, 28 davon eingemauert als „Insel der Freiheit“ im sogenannten roten Meer. Echte Frontstadt-Insulaner also als lebender Beweis, dass West-Berlin nicht allein nur aus bereits toten Stars und Sternchen wie Harald Juhnke, Günter Pfitzmann oder Evelyn Künneke besteht.

    Und da ist vor allem die immer noch recht vitale 84jährige Evelyn Gundlach, die auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist. Sie hatte damals als 16jährige schon eine Raucherkarte und liebte die Rosinenbomber eher wegen Lucky Strikes und Chesterfield. Ein ehemaliger Berliner Sängerknabe erzählt von seinem Leben zwischen Schwulenstrich am Zoo und Chez Romy Haag, einer Ex-SEWlerin von der Kehrseite der Weltrevolution und eine ehemalige Hausbesetzerin von anderen Lebensentwürfen und dem Scheitern alternativer Wohnprojekte. Die wahren Heroen Berlins. In einem Leben zwischen Hells Angels, Buddhismus und Entspannungstherapie ist mehr Musike drin, als in der Frage, warum an Peter Steins Sommergäste-Inszenierung an der Berliner Schaubühne nur der Geruch der 300 frisch geschlagenen Birken erinnert.

     

    Dass kein Joint mehr ausgeht - Westberlin von Rainald Grebe - Foto (c) Gianmarco Bresadola
    Dass kein Joint mehr ausgeht – Westberlin von Rainald Grebe
    Foto (c) Gianmarco Bresadola

     

    Aber anstatt mehr den Erzählungen seines „Chors von Westberlinern und Westberlinerinnen“ zu trauen, lässt Grebe sie immer wieder nur kurz als Randfiguren aus ihrem Erinnerungsschatz plaudern und füllt die klaffenden Lücken mit historischen Spielszenen, fadem DJ-Gelaber und Berliner Gassenhauern vom Band, die auch mal live von Jens-Karsten Stoll am Klavier eingespielt werden. Ein Geschichtsabriss aus Kultur, Politik und Boulevard im Schnelldurchlauf, performt von den SchauspielerInnen Robert Beyer, Marie Burchard, Tilla Kratochwil, David Ruland und Sebastian Schwarz. Dem wird man auf Dauer schnell überdrüssig und ahnt zumindest, dass die kleinen Geschichten vielleicht mehr zu erzählen hätten, als eine Nachstellung vom berühmten Foto der legendären Flucht eines NVA-Soldaten beim Mauerbau, ein trashiges Reenactment des Mords an Benno Ohnesorg während des Schah-Besuchs mit Salzstangen und Ketchup-Flasche, oder einer imaginierte Busfahrt durch „Berliner Straßen heute“.

    Grebes pseudosentimentale Insel-Schau an der Schaubühne-West scheitert ebenso wie Kuttners Kessel-Buntes zum Hundertsten Volksbühne-Ost-Jubiläum im letzten Jahr. Beide Veranstaltungen kommen mit dem Wust an geschichtlichen Fakten und erinnerter Fiktion nicht klar, geschweige denn, dass sich daraus etwas wie eine kritische Distanz bilden würde, aus der man heute auf die Vergangenheit blicken könnte. Dafür sind dann selbst die immerhin knapp 2,5 Stunden auch zu kurz. Wo Jürgen Kuttner mit beredter Ironie kurz antippt und wieder wegwischt, verzettelt sich Rainald Grebe ziemlich hilflos in der Vielzahl von Ereignissen und Personen. Er spult ein endloses Defilee der Stars und Typen wie Nina Hagen, Christiane F., Wolfgang Neuss (der mit dem nie ausgehendem Joint), Iggi Pop oder Helga Götze (Ficken für den Frieden) ab. Und zu guter Letzt darf auch Rolf Eden nicht fehlen. Rainald Grebe hält acht Trümpfe in der Hand und mauert wie einst Walter Ulbricht. Es hat niemand die Absicht die Mauer wieder aufzubauen. Aber scheen war‘s doch.

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    WESTBERLIN (13.10.2015)
    Regie: Rainald Grebe
    Musikalische Leitung: Jens-Karsten Stoll
    Bühne: Jürgen Lier
    Kostüme: Kristina Böcher
    Dramaturgie: Maja Zade
    Licht: Erich Schneider
    Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Rainald Grebe, Tilla Kratochwil, David Ruland, Sebastian Schwarz, Jens-Karsten Stoll
    Chor von Westberlinern und Westberlinerinnen: Petra-Fleur Daase, Michael Eckert, Michael Gress, Evelyn Gundlach, Sylvia Moss, Monika Reineck, Yvonne Vita
    Uraufführung in der Schaubühne am Lehniner Platz war am 2. Oktober 2015

    Weitere Termine: 23. – 26., 29., 30. 11. 2015

    Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de

    Zuerst erschienen am 13.10. und 14.10 2015 auf Kultur-Extra.

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  • Flüchtlingstragödie einst und heute – Am Schauspiel Leipzig verbindet Intendant Enrico Lübbe die Schutzflehenden von Aischylos mit den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek.

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    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    Die Wochenzeitung der Freitag ernennt in einer seiner Augustausgaben die Tragödie Die Schutzflehenden des griechischen Dichters Aischylos zum „Stück dieser Tage“. Es „könnte der Flüchtlingsdebatte eine historische Tiefe geben, die ihr guttäte“, so Michael Jäger. Der Autor referiert in dem Artikel über eine noch bevorstehende Inszenierung am Maxim Gorki Theater, in der die griechische Tragödie um die Flucht der Danaiden aus Ägypten in das griechische Argos, wo sie um Zuflucht bitten, mit dem Theatertext Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 2013, in dem sich die österreichische Autorin auf Die Schutzflehenden des Aischylos bezieht, verschränkt werden soll. Dieser Zusammenführungsidee des Regisseurs Sebastian Nübling ist nun der Intendant des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbe mit seiner Inszenierung Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen zuvor gekommen.

    Was also ist das Bemerkenswerte an Aischylos‘ Textfragment, Teil eines ursprünglich mehrteiligen Werkes, von dem nur diese Tragödie überliefert ist? Es ist vor allem die bedingungslose Hikesie, also das Heiligtumsasyl, das den Schutzflehenden (Hiketiden) vom Volk der Argäer gewährt wird, nachdem ihr Herrscher Pelasgos, sich der Sache zunächst unsicher, an sie wendet. Er wägt die möglichen Nachteile ab, wie etwa einen bevorstehenden Krieg gegen die Verfolger, oder aber den Zorn des Zeus im Fall der Nichtgewährung des heiligen Rechts auf Asyl von Verfolgten ungesehen ihrer eventuellen Schuld. Das Volk nimmt ihrem Herrscher diese Entscheidung ab. Die Danaiden dürfen bleiben und bekommen, allerdings zum Preis der ebenfalls bedingungslosen Anpassung, sogar bevorzugt Wohnraum. Wohl auch das einer der Gründe, warum sich Elfriede Jelinek dieser Tragödie erinnerte und nun im Zuge der mehrfachen Aufführung ihrer Überschreibung für eine Renaissance des fast vergessenen Stoffs auf den deutschsprachigen Bühnen sorgt.

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    Enrico Lübbe inszeniert den Aischylos-Text als klassische, griechische Tragödie mit einem maskierten Chor der Danaiden und einem Chorführer, ihrem Vater Danaos. Auf griechischer Seite agiert König Pelasgos, ebenfalls in Maske und auf hohen Koturnen schreitend. Regisseur Lübbe arbeitet hier mit einer recht starken Verfremdungstechnik, indem er die Danaiden-Frauen als Männerchor aus Laien in Brautkleidern auftreten lässt. Die Männerrollen werden wiederum von Darstellerinnen aus dem Ensemble gespielt. Diese gezielte Entindividualisierung, die keine gewohnt eindeutigen Rollenzuschreibungen zulässt, wirkt zunächst etwas fremd und teils auch unfreiwillig komisch, lenkt letztendlich aber die Konzentration ganz auf den Text, der durchaus auch seine Ambivalenzen hat.

     

    Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß
    Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

     

    Eine etwas ungeschickte Choreografie lässt den Chor allerdings recht hilflos immer wieder Arme reckend, nach vorn oder nach hinten trippeln oder auch mal auf einen die gesamte linke Bühnenseite ausfüllenden Schiffsrumpf klettern. Das tut aber letztendlich der Eindringlichkeit des durch Marcus Crome bestens einstudierten Bitt- und Klage-Chors kaum Abbruch. Das Bühnenbild erinnert klug an eine Welle („Woge, wohin, ach, treibst du?“) oder das Innere eines Schiffs. Sonst setzt Lübbe nur ganz sparsame Regiemittel zur Bebilderung ein. Schon zu Beginn schlägt der Chorführer mehrmals mit einem großen Ölbaumzweig gegen den noch geschlossenen Eisernen Vorhang und die herannahenden Verfolger des Königs Aigyptos, der die Frauen für seine 50 Söhne fordert, rutschen ganz in schwarz wie ein SEK-Kommando an Seilen herab. Man könnte in ihnen natürlich auch IS-Kämpfer sehen. Mehr an Modernisierung erlaubt sich die Regie nicht.

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    Der Übergang zu den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek erfolgt dann fast übergangslos. Auf die übereinander gehängten Brautkleider wird das Videobild einer Schauspielerin mit Elfriede-Jelinek-Frisur projiziert, die von düsterer Vorahnung spricht. Nun tritt ein ganzer Frauen-Chor im Jelinek-Look auf, was man gut unter entbehrlichem Regieeinfall abtun könnte. Der erhobene Zeigerfinger ins Publikum, der mit dem gewohnt kalauernden Textflächenstil der Autorin einhergeht, wird hier leicht ironisch auch als solcher kenntlich gemacht. Inhaltlich geht es in dem Text um die Ereignisse um eine Gruppe von Flüchtlingen, die 2013 in der Wiener Votivkirche um Asyl suchten. Die gefahrvolle Fahrt übers „Mare Nostrum“ überlebt und dem Terror in ihrer Heimat entronnen, sehen sie sich nun einer Bürokratie und Ablehnung der Bevölkerung gegenüber, der sie sich unerhört ausgeliefert fühlen. Wie „bestellt und nicht abgeholt“. Ein Anklagetext, der auch nicht vor drastischen Bildern zurückschreckt.

     

    Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß
    Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

     

    Die Bilder, die Enrico Lübbe dafür findet, scheinen allerdings wie aus einem Bastelhandbuch für Regie. Es fliegen Textseiten durch die Luft, Müllsäcke fallen vom Bühnenhimmel, und die ressentimentgeladenen Kommentare besorgter, österreichischer Bürger, die man in Leipzig auch Legida nennt, werden in Würstchenkostümen auf Liegestühlen zur Schlagermusik Deine Spuren im Sand von Howard Carpendale vorgetragen. Nur in den Chorpassagen und ein paar ruhigeren Monologen an der Rampe entfaltet der Text wirklich seine ganze Wucht. Der Rest geht unter in einer lautstarken Russendisco. Minutenlang wird das Thema der schnellen Einbürgerung von Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa und der Opernsängerin Anna Netrebko ausgewalzt, die in einer Arien-Travestie aus La Traviata in der Badewanne über die Bühne schwebt. Der ca. 45minütige Antiken-Prolog ist da schon fast vergessen.

    Der krampfhafte Versuch einer Vermeidung des Stellvertreterdilemmas am Theater bewirkt letztendlich nur, dass einem durch die ganze Entfremdung die Figuren auch nicht wirklich näher kommen können. Was bleibt, ist der wunderbare Chor aus Leipziger Bürgern, der sich am Ende noch einmal zum Lacrimosa aus Mozarts Requiem aufstellt, sowie die Erkenntnis, dass sich in der Beschäftigung mit dem antiken Theaterstoff deutlich zeigt: Flucht, Verfolgung und Asyldebatte gehören zur Menschheitsgeschichte, seit es Staaten und Gesellschaften gibt. Man könnte einmal mehr daraus lernen. Der nächste Versuch startet im November am Maxim Gorki Theater Berlin.

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    Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen
    Von Aischylos und Elfriede Jelinek Übertragung Aischylos: Dietrich Ebener
    Premiere: 02.10. 2015 am Schauspiel Leipzig
    Regie: Enrico Lübbe
    Bühne: Hugo Gretler
    Kostüme: Sabine Blickenstorfer
    Einstudierung & Leitung der Chöre: Marcus Crome
    Licht: Ralf Riechert
    Video: Kai Schadeberg
    Dramaturgie: Torsten Buß
    Mit: Ellen Hellwig, Julia Preuß, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth und Statisterie
    Chor der Schutzflehenden: Martin Biederstedt, Frank Blumentritt, Jens Brosig, Ulrich Brückner, Len-Henrik Busch, Heiko Fischer, Johannes Fleischer, Florian Fochmann, Günther Heinicke, Marcus Herrmann, Christian Humer, Robert Keller, Tim Kranhold, Frank D. Krüger, Kai Müller, Michael Peter, Miloslav Prusak, Ingbert Puhlmann, Reinhard Schäfer, Klaus Schaffranek, Kay Schwarz, Ron Uhlig, Jörg Wesser, Sören Zweiniger
    Chor der Schutzbefohlenen: Birgit Blaßkiewitz, Heidemarie Brosig-Brill, Sabine Brückner, Antonia Maria Cojaniz, Katrin Cunitz, Jennifer Demmel, Lenore Dietsch, Anke Dück, Ulrike Feibig, Gabriele Freitag, Luise Kind, Jenny Kühl, Rosemarie Langberg, Birgit Morkramer, Carmen Orschinski, Brigitte Puhlmann, Katrin Rivera, Uta Sander, Mirjam Schneider, Jana Schroeter, Birgit Steiner, Susanne Zaspel

    Termine: 01.11., 05. und 18.12.2015 sowie 12.01., 06. und 21.02., 20.03., 09.04. und 28.05.2016

    Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

    Zuerst erschienen am 07.10.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Kopfkino oder Labyrinth – Ibsen zweimal ungewöhnlich in Berlin

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    Ibsens Peer Gynt inszeniert als existenzialistisches Kopfkino von Ivan Panteleev im Deutschen Theater Berlin.

    „Mach einen Umweg, Peer. Geh außenrum.“ Mit diesem Satz des Krummen beginnt die Peer Gynt-Inszenierung von Ivan Panteleev. Dieser Satz ist so symptomatisch für Ibsens Titelhelden wie auch für diese recht verkopfte Veranstaltung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters selbst. Peer Gynt versucht sein ganzes Leben geradeaus zu gehen, um bei sich anzukommen und bewegt sich doch fast ausschließlich im Kreis. Er läuft vor dem davon, was er ist, und gibt vor etwas anderes zu sein. Er baut sich dazu ein Haus aus papierenen Lügen. So sieht es zumindest der Regisseur und Gotscheff-Vertraute Panteleev. Für diese Idee hat ihm der ehemalige Gosch-Bühnenbildner Johannes Schütz eine nette, kleine Hütte mit pergamentenem Überzug auf die Bühne gestellt, an deren rohen Holzstreben am Ende nur noch Fetzen hängen werden. Das andere haben sich die beiden Protagonisten des Abends, Margit Bendokat und Samuel Finzi, nach und nach herausgerissen. Übrig bleibt nur die innere Leere. Es ist wie beim Häuten der Zwiebel, in der Peer Gynt keinen Kern findet. Es ist dies auch das Gefühl der eigenen Leere, das ihn am Ende seiner großen Lebensreise erfasst. Eine sprichwörtliche Leere, die einen durchaus auch des Öfteren an diesem Abend umfängt.

     

    Peer Gynt am DT Berlin - (C) Arno Declair
    Peer Gynt am DT Berlin – Foto (c) Arno Declair

     

    Aus Ibsen „Faust des Nordens“ konstruiert Panteleev also ein psychologisierendes Drama des Existenzialismus. Was er in seine durchaus gelungene Warten auf Godot-Inszenierung nicht hineinpacken konnte bzw. durfte (Beckett-Erben haben das nicht so gern) – hier passt es nun. Ein bisschen Beckett-Feeling, natürlich Heiner Müller und Sätze von Jean-Luc Godard. Der eigentliche Ibsen-Text ist aus der Schaubühnenfassung von Peter Stein und Botho Strauß aus dem Jahr 1971. Panteleev hat ihn stark gekürzt und (wie schon erwähnt) mit etwas Fremdtext unterfüttert. Das fällt jedoch zumeist nicht sonderlich ins Gewicht, ist doch Ibsens Text so schon absurd genug. Von den 8 Stein-Peers ist hier nur einer übrig geblieben, und den spielt DT-Star Samuel Finzi. Bei allen anderen Rollen, vor allem den weiblichen, assistiert ihm bereitwillig Margot Bendokat. Die blafft als Mutter Aase den alten Lügen-Peer in bewährter Manier zwar hin und wieder etwas an, kann aber auch ganz lammfromm wie die treue Solvejg sein oder so verführerisch tun wie die Trollprinzessin oder die Wüstenschönheit Anitra.

    Eine Mann-Frau-Zweierkonstellation, das hatten wir auch schon in der letzten Spielzeit am DT mit Sebastian Hartmanns Woyzeck in einer Bildbe- und -überschreibung mit Texten von Heiner Müller. Ein sehr körperlicher Theaterabend als Assoziations- und Improvisationsexperiment. Bei Panteleev steckt alles schon fertig im Kopf. Nur dort imaginiert sich Peer Gynt seine Reise über die Berge ans Meer und in die Wüste. Ist Trollkönig, Sklavenhändler, Missionar und gockelnder Liebhaber im Geiste. Kaiser Peer mit seinen Heerscharen, ein schöner Taschenspielertrick eines Traumtänzers und Wolkenbildermalers, nur dass ihm hier die Farben ausgegangen sind. Das Programmheft legt die Fährte in Richtung des kleinbürgerlichen Verrats an allem was ihm lieb ist, seinen Idealen und selbst der eigenen Identität. Diese Spur verliert sich allerdings schnell im feinen, weißen Granulat der Bühne, das unter den Schritten knirscht wie frisch gefallener Pulverschnee.

    Die Inszenierung schlägt sich selbst mit Ibsen. „Heraus! Die neue Zeit ist angebrochen. Die Vernunft ist tot! Es lebe Peer Gynt!“ heißt es im Tollhaus, und Finzi dreht das Jackett zur Zwangsjacke um, in der der Abend bald selbst stecken bleibt. Gefangen ist der Kaiser der Selbstsucht. „Ich bin was ihr wollt.“ Der Knopfgießer will ihn als nichts Halbes und Ganzes zum Mittelmaß umgießen. Noch kann ihm Peer entwischen. Es halten ihn auch nicht Solvejgs Glaube, Hoffnung und Liebe. Am Ende geht er ab zum nächsten Kreuzweg ins Dunkle. Ein Mensch auf der Sinnsuche? Wer‘s glaubt, wird selig.

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    Peer Gynt
    von Henrik Ibsen, Deutsche Fassung von Peter Stein und Botho Strauß unter Verwendung der Übersetzungen von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde, Bearbeitung von Ivan Panteleev
    Regie: Ivan Panteleev
    Aussstattung: Johannes Schütz
    Sounddesign: Martin Person
    Dramaturgie: Claus Caesar
    Mit: Margit Bendokat und Samuel Finzi
    Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

    Termine: 05., 18. und 25.11.2015

    Infos: http://www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 08.10.2015 auf Kultura-Extra.

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    IPSAGON – Das transdisziplinäre Theaterlabyrinth von NO FOURTH WALL mit Texten aus Henrik Ibsens dramatischem Werk im Berliner Ballhaus Ost

    Ipsagon_Ballhaus Ost
    (c) nofourthwall

    Für die einen der letzte Schrei, für die anderen bereits wieder kalten Kaffee – zumindest besteht zurzeit kein Mangel an Angeboten für interaktives Theater in Berlin. Bei Performance Gruppen wie Signa (Club Inferno), machina eX (Toxik), Prinzip Gonzo (die am gleichen Tag im Ballhaus Ost eine Einführung in ihr neues Mitmach-Spiel Monypolo gaben) oder auch bei Rimini Protokoll (Situation Rooms) wird die sogenannte Vierte Wand immer wieder durchbrochen. Das internationale Berliner Performance-Kollektiv NO FOURTH WALL hat sich dann auch gleich selbst so benannt. Ihr neues Theaterprojekt IPSAGON im Saal des Ballhaus Ost ist eine interdisziplinäre Rauminstallation, die Architektur, bildende und darstellende Künste sowie wissenschaftliche und philosophische Thesen miteinander verknüpft. Der Besucher durchläuft ein Labyrinth von acht hexagonal angelegten Zellen. Dabei gibt es die Möglichkeit mit den Performern vor Ort aktiv zu kollaborieren. Man kann aber auch wahlweise den ca. einstündigen Durchlauf weitestgehend passiv gestalten, oder sogar das Geschehen ganz von außen beobachten. Ziel ist es, die Kollaborationsfähigkeit des einzelnen Besuchers zu testen.

    Also eine Art Versuchsanordnung, die sich über optische, akustische und sogar geschmackliche Reize wie Video, Musik, Schauspiel, Tanz und Performance sowie Genuss und philosophische Gespräche vermittelt. Das architektonische Konzept der Rauminstallation beruht auf dem Hexagon, einer sechseckigen, geometrischen Figur, die seit jeher eine bedeutende Rolle in der Natur, Kunst und Architektur spielt, und der auch eine gewisse magische Symbolik anhaftet. Die MacherInnen von IPSAGON kombinieren den räumlichen Aufbau recht lose mit einem theatralen Bezug zum norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen, was dem Projekt letztlich auch den Namen gibt. Man trifft auf seinem Weg durch das Labyrinth immer wieder auf Figuren aus Ibsens Werk, mal sehr konkret mal eher im übertragenen Sinne. Der Konzeptentwicklerin Adela Bravo Sauras geht es hier vor allem um die Frauen in Ibsens Dramen wie Nora oder Hedda Gabler, aber auch um die männlichen Heldenfiguren Peer Gynt oder Baumeister Solness. Der Einzelne auf seinem Weg zu einem sozialen Ganzen, könnte man es grob überschreiben. Was natürlich ein Scheitern nicht ausschließt.

     

    IPSAGON im Ballhaus Ost - Foto (c) nofourthwall
    IPSAGON im Ballhaus Ost – Foto (c) nofourthwall

     

    Eine weitere Säule des zellenartigen Raumgeflechts ist die wissenschaftliche These des Neurobiologen und Psychotherapeuten Joachim Bauer, der Mensch sei aus Gründen sozialer Anerkennung, immer bestrebt zu kooperieren. Da ist sicher etwas Wahres dran, die Auffassungen Bauers sind aber auch nicht unumstritten. Dem gegenüber steht das Ellenbogenprinzip des Kapitalismus. Seine Konfliktfähigkeit kann man gleich zu Beginn testen, wenn man von einer Performerin im Trollkostüm auf einer Wippe je nach deren Stand beschimpft oder gelobt wird. Am Ende des Parcours steht dann der Abschied Noras aus ihrem Ehekäfig. Eine Performance, die einen wieder ins reale Leben katapultiert, nur das sie erschöpft zurückbleibt. Dann doch lieber Kollaboration zum Lustgewinn. Dafür bietet ein Abendessen Gelegenheit, bei dem man mit einer netten Performerin im veganen Nudelteigkostüm Smalltalk betreiben und Geschmacksrichtungen ausprobieren kann. Die wahlweise von ihrem und dem eigenen Körper dargebotenen Leckereien lassen einen fast vergessen, dass man auch hier einem traditionellen Rollenbild gegenübersteht.

    Natürlich gibt es in diesem Labyrinth noch weitere Fallen. So sieht man sich zwei ineinander verknoteten Performer ausgesetzt, die einen in ihr merkwürdiges Zwiegespräch über Wahrnehmungen und Erinnerungen hineinziehen wollen. Der Performer im philosophischen Kabinett, wenn man so will, verwickelt einen dann in einen diskursiven Konflikt zwischen Darwins Evolutionslehre und der Theorie von Joachim Bauer. Ein Individuum, wenn man denn überhaupt eines ist, besteht aus einer Vielzahl von miteinander kooperierenden Zellen. Gene können sich nach Bauer auf Dauer durch bestimmte Lebenssituationen verändern. Sind also Bausteine kollektiver Anpassung, was selbstverständlich nicht immer nur Vorteile mit sich bringen muss. Kollaborieren Individuen nur zum eigenen oder dem Vorteil der Gemeinschaft? Das stumme, willkürlich scheinende Klötzchengeschiebe im Nebenraum bekommt da gleich etwas geheimnisvoll Bedrohliches.

    Spielerisch gesehen, ist das Ganze allerdings nicht immer nur eine künstlerische Offenbarung. Ohne das Wissen über den theoretischen Überbau der Veranstaltung, kann man auch locker weit unter der recht hoch gehängten Metaebene durchspazieren. Es fehlt vielleicht an so etwas wie einer vagen Spielanleitung, einer Idee, wie sich das Einzelne schließlich zu einem Ganzen fügt. Die Anreize in den einzelnen Räumen scheinen doch recht willkürlich gestreut, was sicher auch der Wirkungsweise eines Labyrinths geschuldet ist. Der ungeübte Durchbrecher der vierten Wand wird sich hier aber nicht in jedem Fall immer mitgenommen fühlen. Es liegt tatsächlich an einem selbst, wie weit man bereit ist, sich den Reizen zu öffnen, um letztendlich Aufnahme in diesen Gemeinschaftskörper zu finden, der einen allerdings am Ende auch als unverdaulich wieder ausspucken kann. Vielleicht entwickelt sich mit der Dauer ja noch eine gewisse Eigendynamik. Die konzeptionelle Idee des IPSAGONs ist es zumindest wert, weiterentwickelt zu werden.

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    IPSAGON
    Premiere war am 15.10.2015 im Ballhaus Ost
    Texte (englisch, deutsch): Adela Bravo Sauras, Henrike Kohpeiß
    Dramaturgie: Henrike Kohpeiß, Julia Novacek, Thomas Zimmermann
    Konzept und Strategie: Adela Bravo Sauras
    Video: Julia Novacek
    Grafik: Hirn Faust Auge
    Kostüme: Frank Salewski, Alisa M. Hecke
    Licht: Anja Stachelscheid, Adela Bravo Sauras
    Installation: Adela Bravo Sauras (Idee & Konstruktions-Design), Thomas Zimmermann (Idee & Konstruktions-Design), Juan Alfonso Ruano Canales (Idee)
    Konstruktion: Adela Bravo Sauras, Julia Novacek, Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH
    Innendesign: John Facenfield, Alisa M. Hecke
    Sound: Thorolf Thuestad, Antonia Alessia, Virginia Beeskow
    PerformerInnen: Susana Sarhan AbdulMajid, Antonia Alessia, Virginia Beeskow, Adela Bravo Sauras, Glenn Crossley, Jiwoon Ha, Dorothee Krüger, Julia Novacek, Christian Wagner
    Philosophie: Katharina Czuckowitz, Cristian Dragnea, Slaven Waelti

    Termine: 16., 17., und 18.10.2015

    Infos: http://www.ballhausost.de/

    http://nofourthwall.com/index.php?/ongoing/ipsagon/

    Zuerst erschienen am 17.10.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Brecht mal Acht (3) – Die Dreigroschenoper im Thalia Theater Hamburg wird in der Regie von Antú Romero Nunes zur unterhaltsamen Vorführung des V-Effekts

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    Dass eine Neuinszenierung der 1928 uraufgeführte Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill nochmal überraschen könnte, ist nach ihrem Eingang in das Standardrepertoire sämtlicher Stadttheaterbühnen kaum noch zu erwarten. Der letzte, der den größten Brecht-Erfolg aller Zeiten mal ordentlich gegen den Strich bürstete, war Regisseur Nicolas Stemann, und das gleich zweimal innerhalb von 10 Jahren, erst in Hannover und dann in Köln. Letztendlich auch nur als ironische Zurschaustellung der Eventgesellschaft. Mit V-Effekten und epischem Theater kennt sich Stemann jedenfalls aus, seine Brecht-Inszenierungen sind neben der letzten, dann auch verbotenen von Frank Castorf vielleicht sogar die gewagtesten. Regieanweisungen mitsprechen, das Rollenswitchen und aus ihnen heraustreten hat Stemann auch auf seine Jelinek-Inszenierungen übertragen, nebst einem ironischen Blick auf die Autorin, die dabei öfter auch selbst zu Wort kommt.

     

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

     

    Nun hat sich Antú Romero Nunes, der 31jährige Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg (Berliner Theatergängern noch aus dem Gorki unter Armin Petras bekannt), nach Mozarts Don Giovanni und Wagners Ring den Klassiker unter den Musiktheater-Gassenhauern vorgenommen und überrascht zunächst tatsächlich. Seine Idee ist zwar nicht unbedingt brandneu, oder besonders brillant, verblüfft aber in ihrer Stringenz. Auch bei Nunes schlüpfen die DarstellerInnen immer mal wieder in andere Rollen, sind neben tragenden Figuren des Stücks auch mal Bandenmitglieder oder Huren. Eins sind sie dabei aber immer, ein Fleisch gewordenes Abbild des in seine Kopfgeburten gefahrenen Autors. Ganze acht Brechts stehen da auf der ansonsten kahlen, nur durch rauf- und runterfahrende Neonröhren schmal beleuchteten Bühne, und werfen sich die epischen Spielbälle zu.

    Da ist zunächst allein Jörg Pohl als Jonathan Jeremiah Peachum, der im proletarischen Brechtoutfit mit Mütze, Brille und Zigarre in den Abend einstimmt und die Richtung vorgibt. Noch mal alle anständig abhusten, aber bitte nicht outrieren. Es geht um den richtigen Ton. Und der wird nun dem ebenfalls als Brecht kostümierten, angehenden Bettler Finch (Paul Schröder) vom Inhaber der Firma „Bettlers Freund“, den schwäbischen Dialekt Brechts persifliert, anhand von ein paar frommen Sprüchen beigebracht. Denn Sprüche sind unser einziges Kapital, heißt es bei Brecht. Menschliche Regungen erzeugen, ist des Bettlers Geschäft, und das wird hier vorgemacht, bis hin zu unserer Wahrnehmung von Verkäufern der zahllosen Obdachlosenmagazine. Das ist Regieeinfalls und selbstredend auch wieder pure Reflexion vorhandener Theatermittel. Eine ironische Einfühlung in Sachen V-Effekt.

    Dazu kommt, dass der Zuschauer sich so einiges vorstellen muss. Selbst die fehlenden Kulissen müssen imaginiert werden, vom Vorhang über das Klopfen an der nicht vorhandenen Tür bis zur Bettlergarderobe und anderen zeithistorischen Bezügen. Dafür gibt es immer wieder in die Handlung eingebettete Zitate aus Brechts Anmerkungen zur Dreigroschenoper, ohne dass es dabei allzu altklug, didaktisch oder sogar langweilig werden würde. Der V-Effekt ist dann eben doch kein Energie-Getränk, wie es Jörg Pohl schwant, sondern lebhafte Theatertradition und durchaus gegenwärtig. Das frische, ungezwungene Spiel mit der Verfremdung verhilft hier sogar dem etwas angegrauten Stilmittel zu neuer Blüte, als gezielte Publikumsunterhaltung durchaus im Sinne Brechts. Und diese bis an ihre Grenzen der Interpretation ausgenuddelte Gangsterschmiere scheint sich bestens dafür zu eignen. Eine kleine, späte Anerkennung für Brechts theorielastige Spielweise, mit der eigentlich die bürgerliche Moral und gesellschaftliche Korruption entlarvt werden sollte.

     

    Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht Musik von Kurt Weill Regie Antú Romero Nunes Premiere 12. September 2015 am Thalia Theater Copyright by Armin Smailovic Gravelottestrasse 3 D- 81667 Muenchen Commerzbank Muenchen Kto. 682038400 Blz. 70080000 Veröffentlichung honorarpflichtig! Umsatzsteuersatz 7% Steuernummer 146/198/60102 FA München

    Die Dreigroschenoper am Thalia Theater Hamburg – Foto (C) Armin Smailovic

     

    Das Ganze wird so zum unterhaltsamen Streit des Autors mit sich selbst und seinem Text. Dabei kommen natürlich auch Handlung und Humor nicht zu kurz. Das Ensemble glänzt als Gauner im Blaumann wie auch in Unterwäsche im vorgespielten bürgerlichen Alltag des Hurenhausidylls. Victoria Trauttmansdorff gibt eine wunderbar aasige und schnapsdrosselige Mrs. Peachum, Franziska Hartmann eine trotz fehlenden Accessoires durchaus laszive Spelunken-Jenny und der Polizeichef Tiger Brown ist bei Thomas Niehaus ein melancholischer Opportunist, der seinen Schergen Smith (Paul Schrader) als eiserne Hand vorschickt. In einem minutenlangen Kung-Fu-Schaukampf stellt sich Tiger Brown seinem einstigen Kumpan Macheath, bis Smith ihn schließlich mit dem Taser zur Strecke bringt. Wobei Nunes starker Hang zum Slapstick nie nur platt wirkt.

    Sven Schelker ist nicht der verschlagene Räuber Mackie Messer, sondern eher der sympathische, proletarische Underdog mit Ambitionen ins Bürgertum, zu dem der Arbeitskittel noch ganz gut passt. Diese bewusst ironische Zweideutigkeit setzt sich auch ganz gut in den Figuren der Polly und Lucie fort. Katharina Marie Schubert und Anna-Maria Torkel tragen ihr Eifersuchts-Duett als kleinen Arienwettstreit aus, und laufen dabei zu stimmlicher Hochform auf. Überhaupt ist die musikalische Begleitung neben den textlastigen Spielszenen das bemerkenswerte zweite Standbein der Inszenierung. Auch hier vollziehen die Schauspieler den „Funktionswechsel“ (Brecht) vom Sprechen zum Singen zusagen mit Ansage. Recht werktreu in der Instrumentierung des achtköpfigen Salon-Orchesters unter der Leitung von Carolina Bigge, dass natürlich ebenfalls im Brecht‘schen Blaumann auftritt, wirken die Arrangements von Johannes Hofmann aber immer zeitlos frisch. Die berühmten Lieder, von denen Nunes nur den Mackie-Messer-Song auslässt, klingen mal wie Brecht‘sche Ballade, dann wieder ganz kämpferisch, und es wird dazu Tango oder Charleston getanzt.

    Ihre magische Wirkung haben weder die Texte von Bertolt Brecht noch die Musik von Kurt Weill verloren. Ob das Stück noch einen dialektischen Effekt zeitigt, ist allerdings die große Frage, die dieser Abend auch nicht beantworten kann und will. Zumindest bekommt Meckie Messer seinen Schlussmonolog mit dem bekannten Satz: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, in dem er sich als Opfer der Verhältnisse und eines unfairen Konkurrenzkampfes sieht. Die Inszenierung hadert dann noch ein bisschen mit dem Ende, bei dem der Deus ex machina in Gestalt des Reitenden Boten des Königs erscheint und den Verbrecher Macheath vorm Galgen rettet. Das solle man doch bitte mit Ernst und Würde spielen und nicht auf einem albernen Spielzeugpferd, ist da die Meinung auf der Bühne. Wie man es auch machen könnte, zeigt dann das Schlussbild mit echtem Schimmel und historischer Kostümierung. Das folgenlose bürgerliche Theater, was Brecht eigentlich unterlaufen wollte, hier ist es kurz zu sehen. Nur wozu? Welch folgenlose Ironie.

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    Die Dreigroschenoper
    von Bertolt Brecht, Musik von Kurt Weill
    Regie: Antú Romero Nunes
    Musikalische Leitung: Johannes Hofmann
    Bühne: Florian Lösche
    Kostüme: Victoria Behr
    Dramaturgie: Matthias Günther
    Darsteller:
    Franziska Hartmann (Spelunken-Jenny)
    Thomas Niehaus (Brown, Polizeichef; )
    Jörg Pohl (Jonathan Jeremiah Peachum)
    Sven Schelker (Mackie Messer)
    Paul Schröder (Filch; Smith,)
    Katharina Marie Schubert (Polly Peachum, deren Tochter)
    Anna-Maria Torkel (Lucy, Browns Tochter)
    Victoria Trauttmansdorff (Celia Peachum, seine Frau)
    Die Platte/Huren: Franziska Hartmann, Thomas Niehaus, Jörg Pohl, Victoria Trauttmansdorf, Paul Schröder, Katharina Marie Schubert
    Musiker:
    Schlagwerk, Bandleitung: Carolina Bigge
    Klavier, Akkordeon, Gesangeinstudierung: Anna Katharina Bauer
    Klavier, Cello, Korrepetition: Eva Barta
    Gitarre, Banjo, Lap Steel Gitarre: Kerstin Sund
    Saxophone, Klarinette, Flöten: Natascha Protze
    Saxophone, Klarinetten: Jonathan Krause
    Trompete: Anita Wälti
    Posaune, Kontrabass: Chris Lüers
    Dauer: 3 Stunden, 5 Minuten, eine Pause

    Termine: 01.11., 03.11., 04.11., 17.11., 25.11., 17.12., 18.12., 25.12.2015, 16.01. und 17.01.2016

    Infos: http://www.thalia-theater.de/

    Zuerst veröffentlicht am 12.10.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Wie würden Sie entscheiden? – Das Deutsche Theater Berlin spielt mit dem Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach eine Art Gerichtsshow.

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    Terror von Ferdinand von Schirach am DT - Foto (c) Arno Declair
    Terror von Ferdinand von Schirach
    am DT – Foto (c) Arno Declair

    Wie würden Sie entscheiden? hieß eine langjährige ZDF-Gerichtsshow, in der echte Gerichtsverfahren vor Publikum noch einmal durchgespielt wurden. Im Anschluss konnten die Zuschauer im Studio per Knopfdruck über Schuld und Unschuld der Delinquenten abstimmen, bevor Rechtsprofis über die tatsächlich gefällten Urteile aufklärten. So ein Gerichtsprofi ist auch der Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach. Er ist in Deutschland einer breiten Leserschaft durch seine Bücher Verbrechen und Schuld bekannt geworden. In diesen Erzählbänden schreibt von Schirach aus seiner eigenen Erfahrung als Strafverteidiger über Fälle, die sich nach unseren moralischen Vorstellungen nicht eindeutig entscheiden lassen. Dort heißt es u.a., dass die Schuld eines Menschen schwer zu wiegen ist und uns nur das Recht vom Chaos trenne. Ein Tanz auf einer dünnen Schicht aus Eis, darunter sei es kalt. Das klingt etwas schwülstig gegenüber der sonst recht nüchternen Sprache des Autors, in der er seine Prozessberichte abspult. Wie nun auch in seinem ersten Theaterstück Terror, das entsprechend jener Fernsehshow an jedem Abend mit einer Entscheidung des Publikums enden soll. Neben dem Deutschen Theater Berlin haben bereits 15 weitere Theater dieses Stück in ihren Spielplan gestellt.

    Ferdinand von Schirach hat bereits in dem Essayband Die Würde des Menschen ist antastbar sein eigenes Rechtsempfinden erschöpfend dargelegt. Der Eingangstext ist im Programmheft zum Stück nachzulesen. Das sei hiermit empfohlen. Es geht darin auch um die Frage, ob ein von Terroristen entführtes Verkehrsflugzeug, das in ein voll besetztes Fußballstadion geflogen werden soll, abgeschossen werden darf, ob also 164 Menschenleben gegen die von 70.000 aufzuwiegen sind, und erklärt letztendlich „warum der Terrorismus über die Demokratie entscheidet“. Autor von Schirach beschreibt hier außerdem an Beispielen wie etwa der Tötung Osama Bin Ladens durch die US-Regierung oder dem Umgang der Bundesregierung mit dem NSA-Abhörskandal, wie Recht und vor allem unser Grundgesetz in der Reaktion auf den Terror ausgehöhlt werden. Fazit: „Die westliche Welt, ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis (…) entscheidet sich am Umgang mit dem Recht.“

    Terror am DT
    DT-Schaukasten

    Wenn man so will, hat von Schirach aus diesem Essay nun ein abendfüllendes Theaterstück gemacht, das genau den Fall des Abschusses eines entführten Passagierflugzeuges durch einen Kampfpiloten der Bundeswehr behandelt, der sich in einer Gerichtverhandlung für seine Tat verantworten muss. Major Lars Koch (Timo Weisschnur) ist des Mordes angeklagt. Ihm zur Seite steht die Verteidigerin Biegler (Aylin Esener) und auf der Seite des Anklage Staatsanwältin Nelson (Franziska Machens). Die Verhandlung wird von einer vorsitzenden Richterin (Almut Zilcher) geführt, die einige einleitende Worte zu den zu Schöffen ernannten Zuschauern spricht. Es entspinnt sich nun tatsächlich so etwas wie eine echte Gerichtsverhandlung, die auch ein wenig versucht, Katz und Maus mit dem Publikum zu spielen, indem es teils recht geschickt durch immer neue Argumente, Zeugenvernehmungen (Lisa Hridna als hoch emotionale Frau eines der Insassen des Flugzeugs und Helmut Moshammer als überkorrekter Luftraumsicherheitsoffizier Lauterbach) und einige Rechtsfallbeispiele aus der Geschichte aufs besagte dünne Glatteis geführt werden soll. Dem sei hier aber nicht allzu weit vorgegriffen.

    Es spielt aber auch eine Lücke im Luftraumsicherungsgesetz der Bundesrepublik eine entscheidende Rolle. Das Bundesverfassungsgericht hatte den Paragrafen, der den Abschuss entführter Flugzeuge regelt, als grundgesetzwidrig gekippt. Unser Kampfpilot betrachtet das aus eigener Sicht recht kritisch und entschied sich in diesem Fall nach erfolgter Befehlsverweigerung bewusst für den Abschuss, was er auch vehement vor Gericht verteidigt. Die Wahl des kleineren Übels, wie es seine Verteidigerin später in ihrem Plädoyer darstellt. Eine eher US-amerikanische Rechtsauffassung, die die Staatsanwältin eben mit dem Hinweis auf den Grundgesetzartikel 1, „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“, kontert. Die Menschen im Flugzeug würden zu Objekten erklärt. Sie beruft sich hierbei auf Immanuel Kants Subjektbegriff, was dem Ganzen auch noch einen philosophischen Anstrich gibt.

    Weiter wird viel von Recht und Moral, Prinzipien, Gewissen und Vernunft geredet. Es fliegt Aktenpapier durch die Luft, und jeder bekommt einmal einen kleinen emotionalen Ausbruch geschenkt. Dabei sitzt man sich mal auf Stühlen gegenüber, mal der Angeklagte allein im Mittelpunkt, und Almut Zilchers Richterin darf auch mal aus dem 1. Rang sprechen. Viel mehr kann Regisseur Hasko Weber, Intendant des Nationaltheaters Weimar, aus diesem starr konstruierten Plot nicht herausholen. In kurzen Pausen dröhnt laut Musik, und in animierten Videoeinblendungen auf eine mit Flugzeugtrümmertapeten gesäumte Betonwand sieht man Flugzeuge, Leichen im Gras oder den Piloten als Technik-Hybrid wie in einem Computerspiel. Das zielt dann schon alles sehr in Richtung einer Schuld des Angeklagten, obwohl es eigentlich doch eher seine Gedankenwelt, von ihm selbst als „Innereien“ bezeichnet, illustrieren soll.

    Letztendlich entscheidet sich das Publikum aber doch, nach einer Pause beim Wiedereintritt in den Saal, durch entsprechend gekennzeichnete Türen, Lars Koch mit 255 zu 207 Stimmen freizusprechen. Die Richterin beruft sich hier auf einen Notstand wegen ungeklärter Rechtslage, was eine nette Wendung ist, und eigentlich eher einem Freispruch zweiter Klasse gleichkommt. Falls die Zuschauer den Piloten mal für schuldig erklären sollten, gibt es noch einen zweiten Richterspruch, auf dessen Begründung man ebenfalls gespannt sein darf. Weitere grundsätzliche Fragen zu Krieg, Terror und Demokratie, oder Freiheit, Sicherheitsbedürfnis und Landesverteidigung greift das Stück allerdings gar nicht erst auf. Es bleibt ganz statisches Gerichtsspiel. Aber zumindest ist in jedem Fall für fortgesetzte Diskussionen gesorgt.

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    Terror
    von Ferdinand von Schirach
    Uraufführung am 03.10.2015 im Deutschen Theater Berlin
    Regie: Hasko Weber
    Bühne: Thilo Reuther
    Kostüme: Camilla Daemen
    Video: Daniel Hengst
    Licht: Heimhart von Bültzingslöwen
    Dramaturgie: Ulrich Beck.
    Mit: Almut Zilcher, Timo Weisschnur, Aylin Esener, Franziska Machens, Helmut Mooshammer, Lisa Hrdina
    Dauer: 2 Stunden, eine Pause

    Termine: 06., 16., 22.10., 05., 10. und 25.11.2015

    Infos: http://www.deutschestheater.de/

    Zuerst erschienen am 05.10.2015 auf Kultura-Extra.

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  • On Fire – The Invention of Tradition – Eine Koproduktion von Constanza Macras und DorkyPark mit südafrikanischen KünstlerInnen als Gastspiel im Maxim Gorki Theater

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    Nachdem sich die argentinische Choreografin Constanza Macras 2014 in der Schaubühne mit der Erinnerung (The Past) und beim TANZ IM AUGUST 2015 mit der Geschichte chinesischer Akrobaten (Ghosts) beschäftigt hat, steht in ihrer neuen Produktion die Neubewertung von Erbe und Tradition im Kontext des afrikanischen Postkolonialismus und im Speziellen der Post-Apartheid in Südafrika im Mittelpunkt. Das Stück On Fire ist in Koproduktion mit südafrikanischen Künstler- und TänzerInnen entstanden und im Februar diesen Jahres in Johannesburg uraufgeführt worden. Am Maxim Gorki Theater fand nunmehr die europäische Premiere statt. Das Stück wird noch einmal im Januar dort zu sehen sein und dann weiter touren an das Thalia Theater Hamburg und das Teatro Comunale di Ferrara in Italien.

     

    On Fire von Constanza Macras - Foto (C) John Hogg AugustinPR
         Foto (C) John Hogg AugustinPR

     

    Der Abend zerfällt auffallend in zwei sehr unterschiedliche Teile. Er beginnt zunächst mit starken, intensiven – wie immer bei Macras -auch sehr körperbetonten Tanzszenen. So stehen sich z.B. ein schwarzer und ein weißer Tänzer gegenüber und versuchen aneinander vorbei zu kommen. Sie imitieren die Bewegungen, stoßen sich an und ab, beginnen sich dabei fast zu verknoten. Man könnte auch sagen Schwarz und Weiß, der afrikanische und westeuropäische Stil überblenden sich. Formen und Verformen – das wird sich noch einige Male so oder ähnlich wiederholen. Es gibt Sreet- und Breakdance-Einlagen. Ein Mann geht auf Krücken über die Bühne und ist im Video gedoppelt in einer Landschaft zu sehen.

    Plötzlich wird der zunächst weiße Bühnenboden weggerissen und die schwarzen TänzerInnen beginnen sich zu traditionellen Trommel-Rhythmen zu bewegen. Der Untertitel „Erfundene Traditionen“ weist die Richtung. Es geht um traditionelles Erbe und Neuorientierung, um Klischees über den schwarze Körper in einer weißen und in der Selbstwahrnehmung der Afrikaner. Zur allgemeinen Verwirrung macht sich da auch eine afrikanische Variante des Schuhplattlers ganz gut.

    Macras arbeitet dabei natürlich auch wieder interdisziplinär. Die Musik kommt teils vom Band mit christlichen Chorälen, oder bis zur Unkenntlichkeit verlangsamten italienischen Opernarien, zu denen sich die TänzerInnen wie in Zeitlupe bewegen und ironisch klassische Ballettnummern persiflieren. Am eindrucksvollsten wird es aber, wenn zum Beat der Percussion-Sektion aus Schlagzeug und afrikanischen Trommeln gruppendynamisch getanzt wird. Hier kommen dann auch erste Wortbeiträge, die wie in mythologische Erzählungen von Feuer, Erde und Göttern berichten.

     

    On Fire von Constanza Macras - Foto (C) John Hogg AugustinPR
    Foto (C) John Hogg AugustinPR

     

    Im zweiten Teil zerfällt der Abend etwas zu Gunsten vieler Einzelperformances. Es wird weiter erzählt, gestritten und ein Casting einer weißen Regisseurin für eine Shaka-Zulu-Show nachgespielt. Immer wieder gefrieren die TänzerInnen zu Tableaus, die den Fotografien der südafrikanischen Künstlerin Ayana V. Jackson nachempfunden sind, die in mehreren Fotoserien den ethnografisch- kolonialen Portraitstil dekonstruiert und mit modernen Symbolen verfremdet hat. So tragen die TänzerInnen Golf- und Tennisschläger zu westlichen oder auch traditionell afrikanischen Kostümen.

    Der Diskurs dreht sich zunehmend um Identität, Gender, Metrosexualität, Travestie und afrikanische Tanztruppen, die ihre traditionelle Kultur für Chinesen darbieten. Es geht dabei vor allem um die Präsentation des schwarzen Künstlers in Tradition, Mythen und modernen Medien. Eine Schöpfungsgeschichte mit gewaltvollem Ende wird erzählt, oder der viel gecoverte afrikanische Hit Malaika gesungen. Das ist oft witzig, aber Constanza Macras beackert da auch etwas zu viele Baustellen. Sicher soll damit der erste Tanztheaterteil des Abends wieder etwas dekonstruieren werden, was aber leider auch sehr konfus, uneinheitlich und thematisch überladen wirkt. Soviel scheint klar: Aus Tradition soll eine Art Subversion erwachsen. Die Befreiung vom Klischee, das Finden einer eigenen, modernen afrikanischen Identität und Kultur.

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    On Fire – The Invention of Tradition
    Von Constanza Macras | DorkyPark
    Europa-Premiere am Maxim Gorki Theater: 29.09.2015
    Regie, Choreographie und Kostüme: Constanza Macras
    Dramaturgie: Carmen Mehnert
    Visual Artists: Ayana V. Jackson
    Video Design: Dean Hutton
    Sound Design: Jelena Kuljic / Abigail Thatcher
    Licht Design: Catalina Fernandez
    Mit:
    Louis Becker / Emil Bordás / Lucky Kele / Jelena Kuljić / Fernanda Farah / Diile Lebeko / Mandla Mathonsi / Thulani Mgidi / Melusi Mkhwanjana / Felix Saalmann / Fana Tshabalala / John Sithole
    in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

    Infos: http://www.gorki.de/

    http://www.dorkypark.org/site/

    Weitere Termine: 22. und 23.01.2016 im Maxim Gorki Theater

    Tourdaten: 26.01.2016, Thalia Theater Hamburg (Lessingtage)
    15.10.2016, Teatro Comunale di Ferrara, Italien

    Video-Trailer (c) Constanza Macras | DorkyPark

    Zuerst erschienen am 01.10.2015 auf Kultura-Extra.

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