„This is a woman’s world / This is my world” heißt es in Nenneh Cherrys Hit Woman, den sie in ihrem großartigen Konzert am Donnerstag in der Halle im Berghain sang. Sie wollte mit ihrem 1996 entstanden Song dem Klassiker It’s a Man’s World von James Brown aus dem Jahr 1966 ein positives Frauenbild entgegensetzen. Wie sieht es nun heute nach weiteren fast 20 Jahren damit aus? Hat Pop ein Frauenproblem? Der Frage stellte sich auch eine mitternächtliche Diskussionsrunde am Ende des Pop-Kultur-Festivals in der Schlackehalle am Berghain zu der das deutsche Musik-Magazin SPEX geladen hatte. Das selbsternannte Magazin für Popkultur und Medienpartner des Berliner Festivals blickte jüngst auf sein 35jähriges Bestehen zurück. Dafür interviewte der SPEX bereits für seine März-Ausgabe unter dem Titel: „Zurück in die Steinzeit“ bekannte internationale Musikerinnen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit im Pop-Business.
Spex-Session beim Pop-Kultur Festival – Foto (c) Roland Owsnitzki
Und auch die Autorin, Musikerin und Popfeministin Sandra Grether, die Labelmanagerin Anne Haffmanns, die ehemalige Femen-Aktivistin Theresa Lehmann sowie die Musikerin Balbina sprachen in der SPEX-Session im Berghain mit dem Chefredakteur und „Quoten“-Mann der Talkrunde Torsten Groß über das Problem der immer noch ausstehenden, angemessenen Repräsentation von Frauen in Festivalprogrammen, Medien und Labelkatalogen. Bei den geladenen vier Frauen aus dem Musikgeschäft herrschte dazu jedenfalls große Einigkeit. Die Pop-Welt ist, was dies betrifft, auch heute noch vorwiegend eine Männergesellschaft. Und daran ändert sich wohl auch nur sehr langsam etwas, wie Anne Haffmanns bestätigte. Theresa Lehmann betrachtet aus ihrer Erfahrung mit Femen die Verbindung von Pop mit politischen und feministischen Themen als gescheitert.
Balbina – Foto (c) Nico Wöhrle
Während Sandra Grether den weiterhin bestehenden Alltagssexismus beklagte, monierte auch die Sängerin Balbina die ständige Sexualisierung der Frau in der Musik-Branche. Männliche Labelmanager würden Frauen meist nicht fördern, da sich deren Platten ihrer Meinung nach nicht verkaufen ließen. Es fehle überall am nötigen Rückenwind für aufstrebende Musikerinnen. Frauen, die sich durchsetzen wollten, würden oft als schwierig abgestempelt. Aber gerade die Manager der Major-Label hätten hier eine kulturelle Verantwortung. Ein nahezu vernichtendes Urteil für das deutsche Musik-Business. In Frankreich oder England sehe es da doch wesentlich besser aus – nach Meinung der anwesenden Pop-Frauen. Nach einer Rückfrage aus dem Publikum, was man denn dagegen tun könne, beschwor Balbina vor allem den Zusammenhalt der Frauen untereinander und appellierte an deren Durchhaltevermögen.
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Balbina ist sicher nicht die Retterin des Feminismus in der deutschen Popmusik, aber bereits in einer Lesung ihrer unvertont gebliebenen Gedichte am Donnerstag in der Garderobe des Berghain hinterließ die junge, eloquente Berliner Sängerin einen starken Eindruck. Die zum Teil eher minimalistischen, aber dennoch wortgewaltigen Verse zeichnen sich durch eine hohe Ausdruckskraft und Gedankendichte aus. Balbina geht dabei vom Großen ins alltäglich Kleine, wie sie nach der Lesung erklärte. Schon ihre Liedtexte bewegen sich zwischen scheinbar zielloser Tagträumerei und bewusster Selbstreflexion. „Was treibt uns an? Was treibt und an den Rand?“ Das unruhevolle Ich muss was gegen das Nichtstun tun und ein Langsam Langsamer aus Zweifel an der Schnelllebigkeit der Welt bilden da keine unvereinbaren Gegensätze. Mit ihrem ersten Album Über das Grübeln tritt Balbina am 12. Oktober im unweit vom Berghain gelegenen Postbahnhof am Ostbahnhof auf.
Sophie Hunger beim Pop-Kultur Festival Foto (c) Roland Owsnitzki
Auch sonst zeigte das Pop-Kultur-Festival im Berghain, dass es, was die Repräsentation von Frauen in Festivalprogrammen betrifft, durchaus anders geht. Das Line up des Programms wies jede Menge starke weibliche Künstlerpersönlichkeiten aus und bot neben gestanden Frauen wie Neneh Cherry auch Newcomerinnen wie Schnipo Schranke eine Plattform. Die junge Schweizer Musikerin Sophie Hunger bekam sogar auf Spiegel-Online eine inhaltlich beachtliche Video-Kolumne zum Festival. Ihr ausverkauftes Konzert könnte man durchaus als einen der Höhepunkte des Festivals bezeichnen, und das zeigt, dass sie in Berlin auf dem richtigen Weg ist und hier bereits über eine treue Fangemeinde verfügt. Was auch auf die Musikerin Bianca Cassady zutreffen dürfte, die, sonst Teil des bekannten Düster-Pop-Schwesternduos CocoRosie (sie komponierten die Theatermusik für Robert Wilsons Peter Pan im BE), nun mit der Band C.i.A. auf Solopfaden wandelt. Ihre außergewöhnliche Musik-, Video- und Tanzperformance zwischen clownesker Zirzensik und verspieltem Halloween-Grusel ist in Deutschland bereits auf der Ruhrtriennale und dem Hamburger Kampnagel-Sommerfestival gezeigt worden.
GABI in der Kantine am Berghain – Foto: St. B.
Aber auch ganz kleine Projekte nach dem Motto „Boy meets Girl und machen zusammen Musik“ bekamen beim Pop-Kultur-Festival ihre Chance. So etwa die New Yorker Ausnahmekünstlerin GABI, die sich bei ihrem feenhaften Gesang vom einem Elektro-Percussionisten begleiten ließ. Oder der Elektromusiker Oliver Doerell aus Belgien, der als Cummi Flu zu seiner magischen Musik-, Tanz- und Video-Performances in der Kantine am Berghain mit der Schattentänzerin Lady Ived erschien. Wo anders als auf einem öffentlich subventionierten Festival ließen sich solche eigenwilligen Kleinode der Popmusik in dieser Dichte bewundern. Die erste Ausgabe der Pop-Kultur kann da also nicht allzu viel falsch gemacht haben. Einer Wiederholung im nächsten sollte demnach nichts im Wege stehen.
Ob nun Popkomm oder Music Week, Berlin hat einiges versucht, um das angeschlagene Image der deutschen Musikbranche aufzupolieren. 2014 war endgültig Schluss damit. Nun hat sich unter dem Schirm des senatseigenen Musicboard Berlin ein neues Festival gegründet, das sich weit weg von den großen Major-Labels und Branchenkonzernen wieder ganz auf den eigentlichen Künstler fokussieren will. Weniger Messe und Branchentreff, sondern mehr Ausblick auf die innovative, vielfältige deutsche Kunstproduktion, aufgepeppt mit Acts rund um die internationale Musikszene. „It began in Berlin!“ haben sich die Macher der Pop-Kultur selbstbewusst als Motto auf die Fahne geschrieben. Und passend dazu auch den richtigen Veranstaltungsort gefunden. Der Techno-Club Berghain, einst Quelle der alternativen Musik-Szene Berlins, gehört allerdings mittlerweile selbst zur globalen Pop-Kultur und ist in jedem Berlin-Reiseführer zu finden. Nun kommen nicht nur die nächtlichen Partygänger und Technojünger auf ihre Kosten. Fast ohne Schlange stehen und den strengen Blick des legendären Türstehers Sven Marquardt hat endlich auch ein breiteres Publikum Zugang zum Berliner Szene-Tempel Nummer 1.
Pop-Kultur 2015 im Berghain – Foto: St. B.
Zudem gibt sich das neue Pop-Kultur-Festival auch noch ganz interdisziplinär. So gab es neben den Konzerten auch Performances, Diskussionen und Lesungen. Am Mittwochabend startete das Festival dann auch mit einem ganz bunten Hund der deutschen Musikszene. Andreas Dorau, das Multitalent der 1980er und 90er Jahre präsentierte seine im Mai erschienenen Memoiren unter dem Titel Immer Ärger mit der Unsterblichkeit. Unsterblich ist mit Sicherheit sein, wenn auch einziger, großer Hit Fred vom Jupiter, dessen Entstehungsgeschichte Dorau das Anfangskapitel seines Buches widmet. Beim Schreiben unterstützt hat ihn Musikerkollege und Romanautor Sven Regener, der auf dem Podium der Schlackehalle im Berghain den Lesepart übernahm.
Andreas Dorau versicherte, etwas zu tun, was er wesentlich besser könne. Der Komponist, Videofilmer, ein anerkanntes Genie unter den genialen Dilettanten, bediente über sein Laptop einen Videobeamer, mit dem er Fotos sowie Ausschnitte aus selbstgedrehten Musikvideos, Studentenfilmen und sogar einer kleinen Video-Oper zwischen Brecht-Eisler, Dada und Bauhaus an die Leinwand hinter sich warf. Beide Künstler erwiesen sich ganz als nordische Jungs. Regener als launig performender Vorleser und Dorau in verschmitzt-ironischer Zurückhaltung. Fröhliches Understatement als Markenzeichen. Das kann man auch den fast durchweg als witzige Anekdoten daherkommenden Kapiteln aus Doraus Künstlerleben entnehmen. Es schwingt in ihnen natürlich auch immer ein wenig der Größenwahn eines Künstlers mit. Aber auch die Lust am Tüfteln, der Spaß am Machen. Mit Beharrlichkeit ging Dorau seinen Weg, der ihn auf die Spitze der Neuen Deutschen Welle spülte und auch wieder in die Niederungen der elektronischen Independent-Popszene.
Und so ist das Buch letztendlich auch schöner Rückblick auf die Welt der bundesdeutschen Popmusik bis zu ironischen Seitenhieben auf das heutige Business. Andreas Dorau brachte es zumindest noch in Frankreich mit Girls in Love zu einem Top-10-Hit. Eine Kostprobe war zur Erheiterung des Publikums in einem Ausschnitt aus einer französischen TV-Show zu sehen. Recht uneitel gab sich Andreas Dorau hier in der Lesung mit Sven Regener. Und selbst wenn dem Buch kein Erfolg beschieden sein sollte, dann könnte zumindest die Lese-Tour zum Kult werden, oder zumindest eine Plattenpressung davon (mit eingelegter DVD) – ein Metier in dem sich Musiker Dorau auch bestens auskennt.
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Norbert Bisky beim Pop-Kultur-Festival Foto (c) Roland Owsnitzki
Während ein paar weibliche Teenager draußen noch verzweifelt nach Karten für den Auftritt von Schnipo Schranke suchten (das Konzert der angesagten Hamburger Newcomerinnen war als erstes ausverkauft), begann der zweite Pop-Kultur-Festivaltag in der Garderobe im Berghain mit einer interessanten Talkrunde. Maler Norbert Bisky und Tom Fritz, Leiter der Forschungsgruppe „Musikevozierte Hirnplastizität“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig unterhielten sich angeregt über die euphorisierende Wirkung von Musik. Es ist bekannt, dass Norbert Bisky sich beim Malen durch Musik inspirieren lässt, wobei er, wie er meinte, den Prozess ein Bewegen mit den Farben auf der Leinwand nennt. Der Rhythmus der Musik übersetzt sich dabei in Farben und Formen. So hat Bisky, der z.B. Crossoversachen mit Tanz ganz toll findet, bereits eine Bühneninstallation für ein Ballett in der Halle am Berghain geschaffen. Und eine Art Tanzteppich aus vergessen Hosen von Partygängern in die Halle am Berghain gehängt.
Die wissenschaftliche Note brachte aber Dr. Fritz in die Talkrunde. Er hat Fitnessgeräte mit einer eingebauten Musiksoftware entwickelt, bei denen die euphorisierende Wirkung von Musik und Bewegung aufs Gehirn genutzt wird. Er nennt die Methode, bei der bestimmte Regionen im Hirn stimuliert werden, „Jymming“. Er hat sich dafür durch Beobachtungen bei Schimpansen inspirieren lassen. Die Funktionsweise wurde dann auch sofort von den Anwesenden auf einer Art Stepper und zwei weiteren Mucki-Geräten ausprobiert. Man kann sich schon bildlich die fitness- und lifestylbegeisterte Gesellschaft beim Trainieren und Technokomponieren vorstellen. Ob das die Pop-Kultur-Zukunft ist, wird sich zeigen. Natürlich können die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch bei der Entwicklung von Therapien gegen Alzheimer helfen.
Neneh Cherry – Foto (c) Pop-Kultur
Wie diese Parallelen zwischen den Disziplinen auch ohne die demonstrierten Fitnessgeräte funktionieren, zeigte sich dann bei den folgenden Konzerten des Abends. So geschehen in der Halle am Berghain, wo bereits am Vortag die Musikbord-Stipendiaten Pantha Du Prince mit Parabolspiegeln am Kopf an drei Turntables stehend eine Kostprobe ihres melodiösen Neo-Romantik-Techno gaben und – genau wie Elektro-Dance-Pionier Matthew Herbert am Donnerstag – die Massen euphorisierten. Die Halle strahlt Power aus, bestätigte auch Soul- und Hip-Hop-Legende Neneh Cherry bei ihrem kraftvollen Auftritt im Anschluss. Neben aktuellen Songs gab sie auch einige ihrer Klassiker wie Woman oder Manchild im neu arrangierten Gewand zum Besten. Die Sängerin, die 1988 ihren ersten großen Hit mit Buffalo Stance landete, bewies trotzt dem etwas zu fettem Technobeat ihrer Begleitband RocketNumberNine, dass ihre Stimme auch eine 17 Meter hohe Industrie-Halle immer noch problemlos füllen kann. Letztmalig 2014 zur Ausstellung 10 Jahre Berghain geöffnet, könnte sich das imposante Anhängsel des originären Clubs durchaus zu einem ernstzunehmenden Veranstaltungsort mausern.
Aber auch die anderen Locations des Pop-Kultur-Festivals waren gut besucht. Pop-Musik erklang auf allen Dancefloors des Veranstaltungsgeländes. Die Gitarrenfraktion hatte man allerdings in die verschwitzte Kantine am Berghain verbannt. Dort roch es dann auch mächtig nach Teen Spirit und anderen Substanzen. Nach den extrem krachigen Gitarren einer irischen Jungs-Band, die sich allerdings Girl Band nennt, und deren Sänger gut als Kurt-Cobain-Double durchgehen könnte, zeigten die drei Damen (plus einem Herrn am Schlagzeug) der spanischen Band Mourn, wo eigentlich die Gitarren hängen und das harte Rockmusik schon lange keine Männerdomäne mehr ist. Dass der melodiöse, deutschsprachige Art-Rock nicht tot ist, bewies die Post-Punk-Band Messer, die als Headliner der Gitarren-Session in der Kantine auftrat. Ihr herrlich psychedelisch wabernder Gitarren-Sounds bringt etwas frischen Wind in die Szene. Da schwingt auch ein wenig Dark und New Wave mit und über einem Joy-Divison-Vergleich dürfte die Band um den charismatischen Sänger Hendrik Otremba sicher nicht unglücklich sein.
Schnipo Schranke beim Pop-Kultur-Festival Foto (c) Roland Owsnitzki
Dass es auch ohne Gitarren ganz gut geht, bewiesen dann ausgerechnet zwei weitere Musikerinnen aus Hamburg. Daniela Reis und Fritzi Ernst vom zurzeit mächtig gehypten Pop-Duo Schnipo Schranke brachten die kleine Kantine am Berghain fast zum Überkochen. Ihre schrägen, aber durchaus hittauglichen Pop-Balladen mit witzigen, expliziten Texten trugen sie am Keyboard unterstützt durch Schlagzeug und Blockflöte vor. Dass die beiden eine klassische Musikausbildung genossen haben, würde man da nicht unbedingt vermuten. Von diesem verkopften Ballast mussten sich Schnipo Schranke (Hamburger Ausdruck für Schnitzel und Pommes mit Majo-Ketchup) auch erst mal emanzipieren und machen nun anerkannter Maßen beste Unterhaltungsmusik, bei der sich angenehm die Nacken- und andere Haare hochstellen. Sie singen von Mädchenträumen, der Sehnsucht nach Liebe, dem Entjungfern und anderen Intimitäten als wäre es das Selbstverständlichste von Welt, was es ja vermutlich auch ist. Und da schmeckt dann eben beim Sex untenrum auch mal alles nur nach Pisse und die Tamponade im Abfluss nicht nach Limonade. In der nächsten Woche erscheint ihr mit vielen Vorschusslorbeeren bedachtes Album satt. Empfehlung der Band im breitesten Hamburgisch: „Kaufen, ne!“
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Pop-Kultur im Berghain – Fotos und Collage: St. B.
Pop-Kultur 2015: It began in Berlin!
26.-28. August im Berghain
Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin-Friedrichshain
William Wauer: Herwarth Walden, 1917 – Foto: St. B.
„Sie wandern an dem Strom, der schwarz und breit / Wie ein Reptil, den Rücken gelb gefleckt / Von den Laternen, in die Dunkelheit / Sich traurig wälzt, die schwarz den Himmel deckt.“ schrieb 1911 der expressionistische Dichter Georg Heym in seinem Gedicht Die Dämonen der Stadt. Ihren bildlichen Ausdruck erhalten diese Verse u.a. in den ebenso dämonischen wie apokalyptischen Städteansichten des Expressionisten Ludwig Meidner. „Die impressionistische Verschwommenheit und Verundeutlichung nützt uns nichts. (…) Eine Straße besteht nicht aus Tonwerten, sondern ist ein Bombardement von zischenden Fensterreihen, sausenden Lichtkegeln zwischen Fuhrwerken aller Art und tausend hüpfenden Kugeln, Menschenfetzen, Reklameschildern und dröhnenden gestaltlosen Farbmassen.“ tönte dann auch der junge Maler 1914 in Abgrenzung zum feinen Stil der Impressionisten in seiner Anleitung zum Malen von Großstadtbildern. Ein Kulturkampf der Moderne war entbrannt, in dem der Kunsthändler und „Sturm“-Herausgeber Herwarth Walden Partei ergreift und den Expressionismus nicht als neue Mode, sondern als eine Weltanschauung der Sinne feierte.
Die Maler des Lichts und der feinen Schattenspiele gegen die Explosion der Farben und Formen. Oder auch das fragende Auge des Beobachters gegen den aufgerissenen Mund der Menschheit, wie es der deutsche Kunsthistoriker Hermann Bahr 1916 beschrieb. Den Schrei dazu malte der Norweger Edvard Munch und löste damit in Deutschland Begeisterungsstürme wie harsche Ablehnung aus. Verteidigte der Berliner Akademieprofessor und Secessionspräsident Max Liebermann noch Munch gegen seine Kritiker, bezeichnet er die aufstrebenden deutschen Expressionisten als „Existenzen jenseits der Zivilisation“. Der Expressionist Emil Nolde antwortete ihm mit einer Schmähschrift. Die Bilder Liebermanns seien „schwach und kitschig“. Jahre zuvor war dem jungen Impressionisten Liebermann noch eine ähnliche Ablehnung in München widerfahren. Ergebnis dieses Streits war im Jahr 1910 die Spaltung der Berliner Secession. Gerade eben erst vereinte eine kleine Ausstellung über Gartenmalerei die ehemaligen Kontrahenten in Liebermanns Villa am Wannsee.
Auguste Rodin: Das eherne Zeitalter (1875-76) – Foto: St. B.
In der gut besuchten ImEx-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel wird man die beiden so gegensätzlichen Malertypen wiedertreffen. Denn auch die große Schau zur Kunstwende Anfang des 20. Jahrhunderts hat es sich zum Ziel gesetzt, nicht das Trennende der angeblich so verschiedenen Kunstrichtungen zu zeigen, sondern nach ihren Gemeinsamkeiten zu suchen. Zu verdanken ist die Zusammenführung der hier ausgestellten Pracht in erster Linie der Sammellust und dem modernen Kunstverständnis der ehemaligen Direktoren der Berliner Nationalgalerie Hugo von Tschudi und Ludwig Justi sowie dem aktuellen Umstand, dass die Heimstadt der Expressionisten, die Neue Nationalgalerie am Kulturforum, einer Generalsanierung unterzogen wird. Das bedeutet de facto eine Entziehung der Bilder aus dem Blick des Publikums für mehrere Jahre. Noch bis zum 20. September sind die Werke der Im- und Expressionisten im 1. Stock der Alten Nationalgalerie zu sehen, angereichert mit Leihgaben u.a. aus Paris, Madrid, Wien und München.
„Es gibt zwei große Richtungen in der Kunstgeschichte, die sich durch die Jahrhunderte verfolgen lassen. Sie sind einander diametral entgegengesetzt.“ schreibt der Kunsthistoriker Alfred Werner 1917. Beide Richtungen definieren sich dabei mehr oder weniger über die Sicht der Natur und deren Wiedergabe durch das jeweilige Temperament des Malers. Die Unterschiede im Ergebnis erklärt der Kunsthistoriker Georg Marzynski mit einer „Verschiebung des Ansatzpunktes der individuellen Momente im Darstellungsprozeß“. Nachlesen lässt sich das alles im gut mit theoretischen Schriften gefüllten Schaukasten in der Mitte des sonst den Deutsch-Römern gewidmeten Eingangsraumes. Ob der Farbauftrag nun mechanisch oder individuell von Statten ging, bestens nachvollziehen lässt sich Marzynskis Aussage in der streng thematisch gereihten Ausstellung, bei der vorwiegend bedeutende Werke des deutschen und französischen Impressionismus und Expressionismus einträchtig nebeneinander gehängt unmittelbar dem prüfenden Auge des Betrachters ausgesetzt sind.
Und das Gemeinsame zeigt sich nicht nur in der Ablehnung des naturalistischen, akademischen Malstils und der Flucht aus den Ateliers ins Freie. Ob Stadtansichten, Landschaftsbilder, Darstellungen von Landhäusern, Menschen beim Baden oder anderen Vergnügungen, auch in den Sujets der Maler gleichen sich die beiden Kunstrichtungen. Die wachsenden Großstädte Berlin und Paris mit ihren Straßenszenen, Cafés und Varietees, Ausflugslokalen in den Vorstädten, Gartenhäuser auf dem Land, Flusslandschaften und Strandszenen dienen den Künstlern zur Inspiration. Und so kommt es, dass hier ein heller, freundlich wirkender Potsdamer Platz, 1894 von Hans Herrmann gemalt, einem Gemälde von Ernst Ludwig Kircher aus dem Jahr 1914 gegenüberhängt, das den gleichen Ort in gedeckten Farben und schrägen Perspektiven als Platz der Kokotten und Freier ausweist. Wogegen sich die düsteren Nachtansichten Berliner Straßen von Lesser Ury und Otto Dix oder die des Pariser Boulevard Montmartre von Camille Pissarro doch sehr ähneln.
Es bieten sich dem Betrachter unmittelbare Vergleiche in der Landschafts-, Gesellschafts- und Portraitmalerei so bekannter französischen Impressionisten wie Paul Signac, Eduard Manet, Claude Monet oder Auguste Renoir und ihren deutschen Kollegen Max Liebermann, Lovis Corinth oder Max Slevogt mit den expressionistischen Vertretern der Malervereinigungen der Brücke wie Max Pechstein, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff und der des Blauer Reiter, die hier durch die Künstlerfreunde Franz Marc und August Macke vertreten sind. Die Ausstellung bietet weiterhin Einblicke in die Kunst des Stilllebens, der Interieur-Malerei und Tierdarstellung. In all dem spiegeln sich immer wieder der Drang zum Bruch mit den engen bürgerlichen Konventionen und eine Sehnsucht zum Ursprung der Natur zurückzukehren. Franz Marcs oder Berthe Moriots Tierbilder sind dabei nicht nur Wiedergaben flüchtiger Eindrücke und Emotionen, sondern in ihrer Symbolik auch Ausdruck einer philosophischen Auseinandersetzung mit Leben und Tod.
Aber nicht nur Natur, Tier und Mensch in einer sich wandelnden Welt gehören zur Motivpallette der Im- und Expressionisten. Den Ängsten und Visionen des Krieges widmet sich die Ausstellung im letzten Raum. Ludwig Meidners Barrikadenkampf und Ferdinand Hodlers Redner stehen hier neben Schlachtfeldbildern von Emil Nolde und Otto Dix. Der Euphorie des Ersten Weltkriegs folgten schnell Leid und Ernüchterung. Dafür stehen sicher auch Lovis Corinths Geblendeter Simson und Ernst Barlachs Holzrelief Die Verlassenen. Aber ob nun Eindruck oder Ausdruck, zur glanzvollen Inszenierung dieser versöhnenden Zusammenführung von „Im“ und „Ex“ passt sicher auch der Ausspruch des großen Modernisten unter den Malern, Paul Cézanne: „Die Farbe ist der Ort, wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen. Darum erscheint sie den wahren Malern durchaus dramatisch.“
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Fotos (c) St. Bock
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Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende
Alte Nationalgalerie Berlin
22. Mai bis 20. September 2015
Öffnungszeiten:
Di, Mi, So | 10 – 18 h
Do – Sa | 10 – 20 h
Mo | geschlossen
Alte Nationalgalerie
Museumsinsel
Bodestraße 1-3
10178 Berlin
Fon +49 (0)30 266 42 42 42
Fax +49 (0)30 266 42 2290
service@smb.museum
Waren zu Beginn der Wassermusik-Reihe „Mother India“ noch ruhige, meditative Klänge, klassischer Fusion-Jazz und Bollywood-Sounds vorherrschend, ging am vergangenen Freitag nach einer auflockernden Yogastunde erstmals so richtig die Post ab. Zuerst machten im Rahmen ihrer Europatournee die Desirockin’ Electro-Exotic Globehoppin’ Party Starters Swami mit exzellenten Disco-Dancegroovs Station bei der WASSERMUSIK 2015. Die vierköpfige Band um den Londoner Produzenten Diamond Duggal gilt in den Communitys von London, Birmingham und Manchester als „The Futur of Asian Music”. Sie mixen den treibenden Rhythmus der typischen Dhol-Trommeln aus der indischen Region Punjab mit Rock, Hip-Hop, Breakbeat und elektronischen Disco-Sounds. Eine unbedingt tanzbare und mitreißende Performance, an die sich ein weiteres Highlight der global-indischen Fusion-Musik anschließen sollte.
Swami – Foto: St. B.
Bei Red Baraat aus New York hielt es nun wirklich kaum noch jemanden auf den Liegestühlen und Decken vor der Bühne am Spiegelteich des HKW. Der hundert Prozent schweißtreibende Brooklyn-Bhangra der Band ließe sich noch besser als eine Art Bhangra-Brass bezeichnen, bei dem die tonangebende Dhol-Trommel des Percussionisten Sunny Jain durch eine ganze Sektion von Blechbläsern unterstützt wird. Einst als Hochzeitsband gegründet, besitzen Red Baraat ein ungeheuer vielfältiges Repertoire an verschieden Stilrichtungen. Mit einer Mischung aus indischen Rhythmen, dem Sound der Marching Bands aus New Orleans und sogar lateinamerikanischen Klängen brachte die achtköpfige Truppe das Publikum zum Schwitzen. Ein gelungener Abend, der erst nach mehreren Zugaben zu Ende ging.
Red Baraat – Foto: St. B.
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Sitar-Folk und Sufi-Poetry mit Mike Heron und Arooj Aftab
Und schon wieder hieß es Abschied nehmen von der WASSERMUSIK 2015. Vier Wochen lang gab es unter dem Motto „Mother India“ eine bereichernde Klangreise vom Mutterland Indien in die große, weite Welt der Musikstile. Auch eine „Migration der Klänge“ von Bollywood-Sounds und Banghra-Beats zu den Einflüssen westlicher Pop-, Rock-, Folk- und Jazzmusik und umgekehrt.
Ashraf Sharif Khan – Foto: St. B.
So hatte zum Beispiel noch vor einer Woche der alte Hippie-Barde Mike Heron (ehemals Incredible String Band) mit seiner Tochter Georgia Seddon und der international besetzten Band The Trembling Bells ein mitreißendes Konzert auf der Spiegelteich-Bühne vor dem Haus der Kulturen der Welt gegeben, bei dem er schottische Folkmusic mit den Sitar-Klängen des indischen Musikers Ashraf Sharif Khan verband. Zuvor aber konnte das Publikum schon einen kleinen Vorgeschmack auf das letzte Wochenende bekommen. Beim Konzert der jungen Sängerin und Komponistin Arooj Aftab aus New York traf indische Tradition einmal mehr auf westlich Moderne. Ein virtuos beeindruckender, sphärischer Vortrag poetischen Sufi-Gesangs unterstützt durch ein fast klassisches Jazzinstrumentarium aus Bass, Keyboard, Schlagzeug und dem Saxofon der Berliner Musikerin Charlotte Greve.
Arooj Aftab – Foto: St. B.
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Das Finale mit Chutney Soca von Mungal Patasar und Pantar sowie magischen Sufi-Klängen der Barmer Boys
Nun sollte es also beim Abschluss der WASSERMUSIK nochmal zu einem Treffen von Sufi-Musikern der alten Schule kommen. Nachdem bereits am Freitag Asif Ali Khan, der als legitimer Nachfolger des legendären pakistanischen Qawwali-Sängers Nusrat Fateh Ali Khan gilt, das Publikum in Trance versetzte, zeigten die Barmer Boys, dass die gut 800 Jahre alte musikalische Tradition der islamischen Mystiker und Sufi-Prediger auch im indischen Rajasthan beheimatet ist. Der Sänger und Harmoniumspieler Manga „Mangey“ Khan, der Dhol-Trommler Tarif Khan und der Percussionist Rais Khan, der neben der traditionellen Maultrommel Morchang, der Saitentrommel Bhpang und den kastagnettenartigen Khartaai-Schellen auch das Beat-Boxing beherrscht, spielten eine Mischung aus Sufi-Sounds und dem Rajasthan-Folk der muslimischen Manganiyar-Communities. Ein mitreißendes Konzert, bei dem es am Ende kaum noch jemanden auf seiner Sitzmatte oder im Liegestuhl hielt.
Tarif Khan von den Barmer Boys – Foto: St. B.
Zuvor aber gab es noch einen Musik-Mix ganz anderer Art. Aus Trinidad und Tobago war der Sitarspieler Mungal Patasar mit Mitgliedern seiner Band Pantar angereist. Der Bandname setzt sich aus dem Wort „Pan“ für die karibischen Steeldrums und dem „tar“ der indischen Sitar zusammen. „Chutney Soca“ nennt sich dann auch der Mix aus Tabla, Sitar, Bass und den typischen Calypso-Klängen des Steeldrum-Virtuosen Harold Headley. Ein berauschendes Fest für die Sinne, das bei den momentan recht sommerlichen Temperaturen nicht nur zum Tanz, sondern auch zum Trinken von exotischen Cocktails verführte. Auf ein neues, inspirierendes WASSERMUSIK-Motto im nächsten Jahr, mit wunderbaren Konzerten auf der dann hoffentlich wieder frisch sanierten Dachterrasse des HKW.
Steeldrumspieler Harold Headley – Foto: St. B.
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Fotos: St. Bock
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Wassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt
Dead or Alive (zu Deutsch: tot oder lebendig) stand auf so gut wie jedem Steckbrief, der im Wilden Westen um 1870 ausgestellt wurde, dazu ausgemalt mit einer an ein schlechtes, heutiges Computerphantombild gemahnenden Visage eines mutmaßlich wüsten Gesetzesbrechers, was zusammen wiederum den gesamten Abschaum dies- und jenseits des Rio Grandes wie das Aas die Schmeißfliegen anzog. Tot oder lebendig ist auch das Credo des ersten Langspielfilms Slow West, den der schottische Regisseur und Ex-Musiker John Maclean mit seinem Lieblingsschauspieler und Koproduzenten Michael Fassbender in der Rolle des wortkargen Kopfgeldjägers Silas gedreht hat. Ein lakonischer Independent-Spätwestern, der thematisch und formell durchaus an die ironisch philosophierenden Filme des Independent-Regisseurs Jim Jarmusch (Dead Man) oder auch die haarsträubenden Storys der Coen-Brüder (No Country for Old Men und True Grit) erinnert.
Der sechzehnjährige Schotte Jay Cavendish (Kodi Smit-McFee) hat sich mit einem rostigen Colt und jeder Menge anderem unnützem Ballast auf die Suche nach seiner großen Liebe Rose (Caren Pistorius) gemacht, die mit ihrem Vater (Rory McCann) fluchtartig die britische Insel verlassen musste und nun irgendwo im tiefen Westen Amerikas ein neues Leben beginnen will. Der junge gebildete Aristokratensohn („Ich bin Brite“) träumt seinen ganz eigenen Traum von jener ersten Liebe, die wir in kurzen Rückblenden kennenlernen, schaut immer wieder romantisch in den funkelnden Nachthimmel und scheint dabei selbst wie von einem anderen Stern. Als unschuldiger Idealist ausgerüstet mit Kompass und literarischem Reisehandbuch tappt er durch die fremde Wildnis, in der ihm alles irgendwie passiert, als hätte er einen persönlichen Schutzengel.
Dieser begegnet ihm dann irgendwann auch tatsächlich, wie aus heiterem Himmel gesandt, in der Gestalt von Silas, der Jay Schutz gegen Geld anbietet und dazu außerdem immer wieder ein paar zynische Weisheiten für den Jungen parat hält. Er ist dabei allerdings zunächst nur auf Eigennutz bedacht, denn auf Jays Angebetete und ihren Vater ist ein sattes Lösegeld von 2.000 Dollar ausgesetzt. Das weiß der jugendliche Träumer natürlich nicht und begibt sich treuglaubend in die Hände des Kopfgeldjägers. Das hat durchaus seinen Witz, verfolgt aber auch noch ein ganz anderes Ziel. Auf dem weiten Ritt durch das noch weitere Colorado (als Landschafts-Set diente hier allerdings Neuseeland) gehen dem einen seine Illusionen immer mehr flöten, während der andere seine verschütteten Gefühle wiederentdeckt. Romantisches Greenhorn und abgezocktes Raubein kommen sich schließlich nach alptraumhafter, feuchter Absinth-Nacht näher.
Zuvor treffen sie aber noch auf etliche skurrile Typen oder am harten Westen gescheiterte Existenzen. Und es pflastern natürlich jede Menge Leichen ihren Weg. Selbst der prinzipienfeste Jay verliert hier auf höchst dramatische Weise seine Unschuld in einem Handelsposten fern der Zivilisation, wo man Geld ausgeben aber auch mit vorgehaltenem Colt mitnehmen kann. Das Erlebnis treibt ihn, noch bevor die Tränen getrocknet sind, kurzzeitig vom Grobian Silas weg in die Arme des deutschen Anthropologen Werner (Andrew Robertt), der die Auslöschung der indianischen Rasse dokumentiert, und in dem der ahnungslose Jay einen intellektuellen Freund im Geiste sieht. Eine Nacht später, halb nackt mit Decke und Frühstücksei, macht sich der Belehrte wieder allein auf in Richtung Westen.
Macleans Western erzählt dabei ganz nebenbei auch die Geschichte der zahllosen Einwanderer aus dem alten Europa. Iren, Schotten, Schweden oder Deutsche, wie sie auch schon (allerdings wesentlich langatmiger) in Thomas Arslans Glücksucher-Western Gold durch Amerika und Kanada ritten, kämpfen hier ums nackte Überleben, auch gegeneinander, was sie letztendlich aber vor allem zum tödlichen Übel für die Ureinwohner und verschleppten Sklaven werden lässt. Am Wegesrand spielen ein paar Kreolen aus dem Süden den Sound auf dem Banjo dazu. Um den glorreichen Westen ist es also in Slow West wirklich übel bestellt, und dem philosophierenden Jay, der meint, dass Leben doch mehr als Überleben ist, hält Silas zynisch entgegen: „Ja, das Sterben gehört dazu.“.
Da helfen dann auch keine tröstenden Bibelverse mehr. Und so treibt das Geschehen zielsicher auf den unvermeidlichen Showdown im goldgelben Kornfeld zu, bei dem eine ganze Horde von finsteren Gestalten und ein verkleideter Priester mit Präzisionsgewehr im Koffer für ein paar Dollar mehr die Hütte der gesuchten Geliebten belagern. „Zu jung um zu sterben. Zu alt, um für die Liebe zu sterben.“ Wie sich das letztendlich auflöst, ist ganz nach den Gesetzen eines Film Noir gestrickt, aber auch nach dem Geschmack manch berühmter Spagetti-Western. Am Ende wirft der Film zwar kurz einen Blick in die Zukunft, bewegt sich aber auch wie im Zeitraffer über seine Toten wieder zurück auf Anfang.
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Slow West
UK/NZL 2015, 84 Min.
Regie, Buch: John Maclean
Kamera: Robbie Ryan
Musik: Jed Kurzel
Schnitt: Roland Gallois, Jon Gregory
mit: Kodi Smit-McPhee, Michael Fassbender, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Rory McCann,
Andrew Robertt u.a.
Nach den Anfängen in einem unfertigen LPG-Gebäude in Groß Leuthen, dem Umzug ins benachbarte Wasserschloss sowie einer anschließenden Odyssee über weitere brandenburgische Landschlösser in Sacrow und Marquardt hat die Sommerausstellung Rohkunstbau nun seit drei Jahren ihr Domizil im Barockschloss Roskow im Havelland gefunden. Hier residierte seit dem 18. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das preußische Adelsgeschlecht derer von Katte. Bekanntester Spross der Familie dürfte der preußische Leutnant Hans Hermann von Katte sein, der nach einer geplanten Flucht seines Jugendfreunds Friedrich II. als Mitwisser von dessem Vater und Preußen-König Friedrich Wilhelm I. 1730 zum Tode verurteilt wurde. Das angebliche Richtschwert wurde noch bis 1948 in Roskow aufbewahrt, bevor es dann ins Stadtmuseum im nahegelegenen Brandenburg kam. Nun kann man einen Abguss davon in der raumgreifenden Installation der Bildhauerin Christiane Möbus im Gartensaal des Schlosses sehen. In der Mitte des Raums steht ein Korbstuhl, unter dem fünf Kürbisse liegen. Die Skulptur trägt den Titel Heinrich VIII., wohl als Hinweis auf das lockere Richtschwert des englischen Königs. Drei ruinöse Kachelöfen, die die Künstlerin Apocalypse I., II. und III. nennt, verweisen schließlich auf das Thema der aktuellen Gruppenausstellung. Die zehn geladenen Künstler des XXI. ROHKUNSTBAUs beschäftigen sich also in ihren Werken mit der Apokalypse. Lose angelehnt sind die seit 2011 von Kurator Mark Gisbourne ausgerichteten Ausstellungen zu den Themen Macht, Moral, Revolution und Apokalypse an Richard Wagners Ring-Tetralogie. Was Christiane Möbus‘ Installation mit einer apokalyptischen Götterdämmerung zu tun haben könnte, offenbart sich hier aber nicht ganz. Es ist eher eine Art assoziativer und universeller Umgang mit dem Ort und seiner Geschichte.
Miguel Rothschild: Die Flut – Foto: St. B.
Zu den heutigen Katastrophen passt da schon eher die im Nachbarraum aufgehängte Installation Die Flut. Das graue Tuch des Argentiniers Miguel Rothschild [s. Foto o. re.]bauscht sich zu Wellenbergen und -tälern wie eine Topografie des drohenden Unheils, was durchaus seine Aktualität in der momentanen Flüchtlingsproblematik findet. Allerdings wirkt die Urgewalt des stürmischen Meeres durch die Abhängung an hunderten Fäden eben auch wie eine göttliche Schicksalsmacht, die vom Menschen nicht beeinflusst werden kann. Die menschgemachte Apokalypse aus Gewalt und Kriegen verdeutlicht wesentlich eindrücklicher die Videoinstallation Understage (leak i the floor), bei der der polnische Künstler Domenik Lejman die Schattenrisse von fliegenden Hubschraubern und Drohen zu regelrechten Kampfszenarien direkt an die Wand projiziert.
Domenik Lejman: Understage (leak i the floor) – Foto: St. B.
Dazu könnte man sich bestens den Walkürenritt Wagners als musikalische Untermalung vorstellen. Technobeat aus einem der Nachbarräume unterstreicht den Drohnenkrieg via Joystick aber ebenso gut. Hier haben die kroatischen Künstler Damir Žižić und Kristian Kožul ihre Klanginstallation #summersunlove aufgebaut. Grau bemalte Muschelboxen, aus denen der monotone Elekrto-Sound wummert, thematisieren Verlockung und Enttäuschung gleichermaßen. Mit dem Niedergang des Kommunismus im ehemaligen Ostblock, der mit Freiheit, neuem Reichtum aber auch wirtschaftlicher Rezession verbunden ist, beschäftigt sich auch das Video Trashman der russische Künstlerin Olga Chernysheva. Ein junger Usbeke hält am Ausgang eines Moskauer Kinos einen blauen Müllbeutel auf, in den die den Saal verlassenden Besucher beim Abspann des Filmes ihren Abfall entsorgen.
Daniel Silver: The Artist, His Father and His Son – Foto: St. B.
Ansonsten bleibt die Apokalypse weitestgehend aus. Keine Offenbarung oder ein ultimatives, reinigendes Göttergericht erwarten den Besucher. Der Mensch bleibt allein mit seinen Krisen und Katastrophen. Der Maler Philip Grözinger zeigt in seinen Bildern endlos gewundene, autobahnartige Möbiusschleifen und setzt eines seiner Gemälde im Park direkt der zerstörenden Kraft Witterung aus. Schaffende und zerstörende Naturgewalten sind auch Thema der aus Malerei, Skulptur und Video zusammengefügten Rauminstallation der Japanerin Leiko Ikemura mit Titel Memento Mori und Cloudgrafie. Fast schon dekorativ wirken die Bilder und Skulpturen von Philipp Lachmann zu Kattes Traum oder die Zeichenserie Apokalypse. 29 zarte Leibesvisiten der Schweizerin Sandra Böschenstein. Regelrecht idyllisch fügt sich auch die Skulptur The Artist, His Father and His Son des Londoner Bildhauers Daniel Silver in das Grün der Bäume im Park. Im doppelten Sinne ein Bild für das ewige Werden und Vergehen. Bevor der Sommer vergeht, sollte man noch einen Ausflug nach Roskow wagen. Nach dem apokalyptischen Kunstgenuss gibt es fürs leibliche Wohl noch Kaffee und selbstgebackenen Kuchen von netten Damen aus dem Dorf.
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XXI. ROHKUNSTBAU – Apocalypse
21. Juni bis 06. September 2015
Ort: Schloss Roskow, Dorfstr. 30, 14778 Roskow
Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 12-18 Uhr
Künstlerischer Leiter: Dr. Arvid Boellert
Kurator Ausstellung: Mark Gisbourne
Produktionsleitung: Claudia Dorfmüller
Eintritt: 8 EUR, ermäßigt 5 EUR
Das Neue Globe Theater führt in der Klosterruine am Alex William Shakespeares Tragödie vom zaudernden Dänenprinzen als lockeres Sommertheater zwischen Pathos und Ironie auf.
„Man soll die Schauspieler gut behandeln“, heißt es in der aktuellen Shakespeare-Inszenierung des Neuen Globe Theater (formerly known as SHAKESPEARE und PARTNER), mit dem am Donnerstagabend die Potsdamer Truppe den diesjährigen Theatersommer in der Klosterruine am Alex eröffnete. Das ist ein wahres Wort und nicht ganz uneigennützig gesprochen. Denn darstellende Künstler sind nicht nur „der Spiegel und Ausdruck unserer Zeit“, sondern zumeist auch knapp bei Kasse. Nichtsdestotrotz bekommt gleich zu Beginn das Publikum der Berliner Hamlet-Premiere eine Vorstellung von dem, was der elisabethanische Dichter Shakespeare unter „den Spiegel vor die Natur halten“ verstand. Eine Lehrstunde in der Wirkung guter Schauspielkunst. Wenn es auch an Sologarderoben mangelt, Spreizen, Blöken, plattes Lachen gilt es zu vermeiden. Man hat ja schließlich eine staatliche Ausbildung. Außerdem haben ein plötzlicher Wechsel der Gesichtsfarbe oder die Träne im Auge schon so manchen Schuldbeladenen seine Missetaten eingestehen lassen. „Das Schauspiel sei der Akt, der mir den König am Gewissen packt“, wird Hauptfigur Hamlet später sagen.
Dem stets grübelnden Prinzen von Dänemark aus Shakespeares Tragödie dient das Stück im Stück als „Mausefalle“ für den Königs- und Vatermörder Claudius, der zu Hamlets Unmut nicht nur den Thron, sondern auch noch seine Mutter und des alten Königs Ehefrau geerbt hat. Die Welt gerät dem größten Zauderer der Theatergeschichte aber nicht nur aus den Fugen, weil ihn der Geist des ermordeten Vaters zu Rache gemahnt. Prinz Hamlet hat hier neben der ewigen Frage um das „Sein oder Nichtsein“ auch einige andere Dinge zu klären. Auch wenn der großartige Saro Emirze den bekannten Monolog des Dänenprinzen recht eindrucksvoll und glaubhaft über die Rampe bringt, von des Gedankens Blässe angekränkelt wirkt der sonst forsch mit dem Schwert hantierende Mitdreißiger noch aus einem weiteren Grund. Er kann sich ganz offensichtlich in Gefühlsdingen nicht zwischen der „Nymphe“ Ophelia (Thomas Keller) und Horatio (Till Artur Priebe) entscheiden und rekelt sich mit dem Freund aus Kindertagen nach dem nächtlichen Bade auch gern mal auf weißem Flokati-Podest.
Es gibt also doch mehr Dinge und Ärger zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Eine tragische Sommerliebelei á la Romeo und Julia in queer lässt sich daraus allerdings nicht so ohne weiteres machen, selbst wenn die auf Helsingør angekommene Schauspieltruppe etwas aus dem anderen berühmten Shakespeareklassiker zum Besten gibt. Dazu hat man sich für eine klassisch elisabethanische All-Male-Besetzung entschieden. Doch steigt auch so manches Männerbein in Kleid und Seidenstrümpfe, ist Regisseur und Ensemblemitglied Kai Frederic Schrickel weit davon entfernt, einen schenkelklopfenden Hamlet in Drag zu inszenieren. Trotzdem sehenswert sind vor allem das bärtige Königspaar Gertrud (Andreas Erfurth) und Claudius (Urs Stämpfli). Ein, wenn auch sicher nicht beabsichtigter, Kommentar zum Mitgliederentscheid der Berliner CDU zur Homo-Ehe? Dafür darf im Programmheft wild über Shakespeares sexuelle Ausrichtung spekuliert werden.
Trotz manchem Griff zum Säbel ficht das unseren Hamlet weiter nicht an. Er schickt seine gerade noch angebetete Ophelia zu den Nonnen und gibt sich dem methodischen Wahnsinn hin. Als verschmähte Ophelia wirft sich Thomas Keller mit sehr viel Verve in Pose. Ihm steht selbst der nun ihrerseits ausufernde Wahnsinn gut. Unter anderem singt er „La Vie en Rose“ von Edith Piaf und wagt ein Tänzchen mit dem Bruder und weißen Ritter Laertes (Dierk Prawdzik), der für seine Reise nach Paris noch ein paar vom Blatt abgelesene Kalendersprüche von seinem Vater Polonius (Sebastian Bischoff) mitbekommt. Trotz Gehhilfe ist der alte Oberkämmerer und Schwätzer noch immer gut im Intrigenspinnen, muss dafür aber bekanntlich sein Leben hinterm Vorhang aushauchen, wozu er hier vom mit einer Pistole vor seiner Mutter herumfuchtelnden Hamlet unterm Flokati erschlagen und in eine Kiste entsorgt wird. Auch den Hofschranzen Rosencrantz (Thomas Keller) und Guildenstern (Till Artur Priebe) ergeht es nicht viel besser. Sie beherrschen weder die subtile Psyche noch das richtige Spielen auf dem Instrument des Prinzen. Trotz einiger protziger Schwanzvergleiche gilt da wohl immer noch die von der Schauspieltruppe vorgetragene Otto-Parodie Dänen lügen nicht.
Leider gehen der über drei Stunden dauernden, zwischen gespieltem Pathos und etlichen ironischen Einlagen chargierenden Inszenierung nach der Pause etwas die Luft und der Witz aus. Man rettet sich nun ins philosophisch Kalauernde des Dialogs zwischen Hamlet und dem mit einem grinsenden Joker-Gesicht auftretenden Totengräber (Sebastian Bischoff) sowie schön einstudierten Kampchoreografien zwischen Hamlet und dem als schwarzem Rächer heimgekehrten Laertes, bis alles röchelnd auf dem Flokati liegt und Horatio sein „Gute Nacht, mein süßer Prinz“ haucht. Ist auch der Rest bekanntlich Schweigen, gibt es noch einen schönen Abgesang von Thomas Keller mit einem Text aus Shakespeares doppeldeutigen Sonetten. Wohl auch ein leiser Wink dahin, dass das letzte Wort über den geheimnisumwitternden Dichter und seinen Hamlet noch nicht gesprochen ist.
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HAMLET
von William Shakespeare
SOMMERTHEATER AM ALEX
Premiere am 23. Juli 2015 in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
Anfahrt: U2 Klosterstraße oder S- und U-Bhf. Alexanderplatz
Übersetzung von Maik Hamburger und Adolf Dresen
Regie und Raum: Kai Frederic Schrickel
Kostüme: Hannah Hamburger
Kampfchoreographie: Kai Fung Rieck
Mit: Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Andreas Erfurth, Thomas Kellner, Dierk Prawdzik, Till Artur
Priebe, Urs Stämpfli
Premiere: 26.06.2015 im Bürgerhaus Pullach
Aufführungsdauer: 2 Std 45 Min zuzüglich 1 Pause
Eine Produktion von shakespeare und partner/ Neues Globe Theater
Kartenreservierung und Tickets
Email: tickets@NeuesGlobeTheater.de
Kartentelefon: 01575 – 420 87 61
Onlinekauf: www.reservix.de
Weitere Termine, Beginn immer 20:00 Uhr:
Mi., 5.8., Do. 6.8., Fr. 7.8. und Sa. 8.8.2015
Zuerst erschienen am 25. Juli 2015 auf Kultura-Extra.
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Shakespeares HAMLET als flotte Ménage-à-trois im Monbijou-Theater
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im Monbijou-Theater – Foto: St. B.
Das Berliner Monbijou-Theater spielt just in diesem Jahr genau wie das Neue Globe auch Shakespeares Hamlet und macht zusammen mit Molières Tartüff den im Sommerurlaub weilenden Tempeln der Hochkultur Konkurrenz. Und da insbesondere der Schaubühne am Lehniner Platz, die beide Klassiker mit Haus-Star Lars Eidinger in der Titelrolle im Programm hat. Mit den Komödien von Molière konnte man im hölzernen Amphitheater im Monbijoupark bereits große Publikumserfolge feiern. Zu nennen wären da vor allem Der eingebildete Kranke oder auch die Verwechslungskomödie Amphitryon. William Shakespeare ist das andere Standbein der Truppe, die einst aus dem legendären Hexenkessel-Hoftheater hervorging. Auch mit den Stücken des englischen Dichters verbindet das Monbijou-Theater eine lange Aufführungstradition.
Beliebt sind da natürlich in erster Linie Open-Air-taugliche Komödien wie Ein Sommernachtstraum oder Wie es euch gefällt, die beide hier im letzten Jahr zu sehen waren. Nun also wagt sich das Monbijou-Theater ebenfalls an die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares. In der gut gekürzten Berliner Fassung von Peter Kaempfe zeigt man einen auf „90 Minuten Zentralplot“ eingedampften Hamlet. Der grüblerische Dänenprinz aus dem „Reich der Zweifel“ als „schillernde“ Sommerkomödienfigur? Das ist zunächst nur recht schwer vorstellbar. Das Monbijou-Theater setzt da noch einen drauf und schnurrt das Ganze mit nur drei Schauspielern ab, die sich die Stichworte beim schnellen Rollenwechsel fast wie im Traume zuwerfen. Immerhin gilt es dabei 12 Figuren zu bedienen. Um da bei einem Ausfall nicht auf dem Trockenen zu sitzen, spielen zwei Gruppen die sich abwechselnd aus Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Matthias Horn, Michael Schwager, Lina Wendel und Carsta Zimmermann zusammensetzen. Den Part des zweifelnden Dänenprinzen übernehmen dabei entweder Benjamin Bieber oder der Monbijou-Publikumsliebling Vlad Chiriac.
HAMLET nach William Shakespeare vom Monbijou Theater Berlin Foto (c) Bernd Schönberger
Hier hat es also jeder mal mit jedem und muss es auch, da sonst die ganze Chose kaum ins Laufen käme. Und ja, es funktioniert soweit ganz gut. Die Akteure geben sich jedenfalls alle erdenkliche Mühe, das Komödiantische aus der Tragödie zu kratzen. Dazu gibt Shakespeare selbst ja auch etliche Vorlagen. Wir sehen also eine flotte Ménage-à-trois am Hof von Helsingør, der hier aus ein paar spitz ins Halbrund zulaufenden Brettern besteht, die zunächst für die bevorstehende Hochzeit von Gertrud und Claudius noch ordentlich vom blau bekittelten Haus(hof?)meister Olsen gefegt werden müssen. In Gestalt von Matthias Horn gibt der gleich noch die ganze Vorgeschichte im breitesten anhaltinischen Dialekt zum Besten. Schnell in Gewand und Perücke ist er schon wieder ein galanter Chevalier, der das Publikum zum Winken mit den ausgeteilten Fähnchen des Staates Dänemark animiert. Und da ist bekanntlich etwas faul, was Prinz Hamlet (Vlad Chiriac) im blauen Waffenrock wie Preußens Homburg zusammen mit seinem Waffenkumpan Horatio (Matthias Horn) wieder richten soll. So suggeriert es ihnen zumindest die Stimme des Hamlet-Vater-Geistes aus dem Off.
HAMLET vom Monbijou Theater Berlin Foto (c) Bernd Schönberger
Gegenüber dem fast dreistündigen Hamlet in der Klosterruine am Alex geht man hier schon etwas effizienter zu Werk. Bereit sein ist alles. Was sich infolge der dreigestirnigen Darstellerkonstellation nicht zeigen lässt, wird einfach erzählt. Und da erweisen sich vor allem die Höflinge Rosenkrantz (Lina Wendel) und Güldenstern (Vlad Chiriac) als gute Beobachter und willfährige Berichterstatter der Treffen zwischen dem liebestollen Hamlet und der schönen Ophelia, die dieser Spielweise dann allerdings komplett zum Opfer fällt. Der Komik und dem Slapstick dieser Szenen tut das keinen Abbruch. Am nächsten ist man dem klassischen Hamlet noch in den übriggebliebenen Monologen und wenigen Dialogszenen. Selbst das von Hamlet inszenierte Schauspiel die Mausefalle findet nur hinter einem roten Dänen-Vorhang statt, zeigt aber dennoch seine Wirkung beim getroffen davoneilenden Claudius (Matthias Horn).
Hinterm Vorhang fällt auch Lauscher Polonius (Lina Wendel), während Hamlet seiner Mutter Gertrud (ebenfalls Lina Wendel) davor ins Gewissen redet. Aber der Plot wird rasch weiter vorangetrieben. Gerade erst nach England entsandt, ist Prinz Hamlet auch schon wieder zurück und müsste sich nun quasi selbst zum Duell herausfordern, da Vlad Chiriac auch noch den Laertes geben muss. Die Inszenierung sieht hier wieder den braven Olsen vor, der fröhlich palavernd den bereits geschehenen Schlamassel einfach wegfeudelt. Es bleibt ein schweigend grinsender Fortinbras (Vlad Chiriac) als Banker mit Aktenkoffer. So billig kauft er sich ein ganzes Land. Den Rest darf man sich denken.
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Hamlet (12.07.2015)
nach William Shakespeare
Berliner Fassung von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe
Bühnenbild: David Regehr
Kostüm- und Maskenbild: Isa Mehnert
Requisite: Mona Glass
Tongestaltung: Torsten Podraza
Licht: Henning Streck
Maske: Nina Dell und Nora Kraetzer
Besetzung:
Chevalier: Michael Schwager oder Matthias Horn · Olsen: Michael Schwager oder Matthias Horn · Hamlet: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Gertrud: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Claudius: Michael Schwager oder Matthias Horn · Horatio: Michael Schwager oder Matthias Horn · Polonius: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Laertes: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Rosenkrantz: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Güldenstern: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Fortinbras: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber
Verpackt wie einst der Reichstag um die Ecke ist nun auch das Haus der Kulturen der Welt am Spreeufer des Tiergartens. Die markante Silhouette der „Schwangeren Auster“ ist noch die ganze Sommerpause über hinter Bauplanen verschwunden. Das ließ das alljährliche Open-Air-Festival WASSERMUSIK von der schönen Dachterrasse auf den Spiegelteich vor dem HKW-Haupteingang umziehen. Als legendärer Nachfolger der Umsonst-und-Draußen-Heimatklänge, die dem Neubau des Kanzleramtes weichen mussten und nach langer Odyssee durch Berlin schließlich mangels Sponsoren auf dem Trockenen landeten, hat sich die WASSERMUSIK seit 2008 mit jährlich wechselndem Thema als das Sommerfestival der Weltmusik in der Hauptstadt etabliert.
Sang man bei der letztjährigen LUSOFONIA vorwiegend portugiesisch, steht die WASSERMUSIK 2015 ganz unter dem Motto Mother India. Und zur Eröffnung am 17. Juli ließen sich die Veranstalter des HKW etwas ganz Besonderes einfallen. Indien hat neben seiner typischen Musik auch noch eine weitere große Tradition. Die indische Kultur hat ihren Einfluss nicht erst seit der Zeit der Hippie-Bewegung in die westliche Welt getragen. Bereits in den 1930er Jahren begann man der US-amerikanischen Filmindustrie in Hollywood Konkurrenz zu machen und gründete eine unter der Marke Bollywood bekannt gewordene, stetig prosperierende eigene Hindi-Filmproduktion. Herausragendes Merkmal der Bollywood-Filme sind ihre zahlreichen, von berühmten indischen Komponisten geschaffenen Soundtracks mit hohem Kultstatus und großer Fangemeinde nicht nur unter den indischen Cineasten. Mittlerweile feiert man den Bollywood-Sound rund um den Globus.
Die Hochzeit des klassischen Bollywood-Films liegt aber in den 1960-70er Jahren. Genau dieser Ära verpflichtet fühlt sich auch das aus Amsterdam angereiste 14-köpfige Bombay Connection Orchestra um Bandleader Gerry Arling, das zum Warming up bei bereits wieder recht sommerlichen Temperaturen dem Publikum auf der Wiese vor der Spiegelteich-Bühne mit satten Big-Band-Klängen zwischen Jazz, Progressive Rock und Discosound vermischt mit dem Percussion-Rhythmus der traditionell indischen Tablas zusätzlich einheizte. Das Orchester spielte ein frisches, launiges Set, bestehend aus Klassikern des sogenannten Lolly- und Bollywood-Films, das als Hommage an die großen Filmkomponisten R.D. Burman, M. Ashraf und Ilaiyaraaja gedacht war.
Das Bombay Connection Orchestra – Foto: St. B.
Es folgte mit dem in London lebenden Talvin Singh ein weiterer großer Meister auf der Tabla. Der führende Protagonist des „Asian Underground“ in Großbritannien zeigte aber nicht seine Fähigkeiten als DJ und Virtuose des elektronischen Tabla-Beats, sondern spielte extra für das Wassermusik-Festival in ganz klassisch indischer Instrumental-Besetzung mit Tablas, Sitar und bezaubernder Gesangstimme den Soundtrack des legendären Hindi-Kultfilms Pakeezah. Der aus den typischen Elementen Tanz, Gesang und einer Herzschmerzhandlung um die unerfüllte Liebe der Kurtisane Nargis zu einem Sohn aus gutem Hause bestehende Bollywood-Klassiker aus dem Jahr 1972 wurde im Anschluss auf der Dachterrasse des HKW gezeigt. Die sehr gefühlvolle, mal rhythmisch treibende dann wieder eher meditativ wirkende Musik des Komponisten Ghulam Mohammed, der bereits während des Drehs verstarb, entließ einen gut gestimmt in die laue Sommernacht.
Talvin Singh – Foto: St. B.
Die WASSERMUSIK 2015 wird auch weiter im Bann von Bangra, Sitar und Tabla stehen, aber auch mit coolem Jazz und elektronischen Tanzbeats bei einem Electric-Sunday den Brückenschlag in die Moderne wagen. Bis zum 8. August folgen Konzerte so bekannter Künstler wie der berühmten Bollywood-Sängerin Asha Bhosle, dem Sufi-Sänger Asif Ali Khan, der Folklegende Mike Heron oder den Konkani Goan All Stars. Das Filmprogramm jeweils im Anschluss zeigt große Bollywood-Klassiker wie Mother India von 1957, eine Dokumentation über den pakistanischen Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan oder aktuelle Independent-Filme wie Gandu. Für das leibliche Wohl ist mit typischen Speisen, Getränken und einem Wassermarkt gesorgt. Zusätzlich kann man sogar zünftig zur Wassermusik mit dem Paddelboot auf der Spree anreisen und die verspannte Muskulatur bei einer Yogastunde lockern. Ganz water-proof finden die Konzerte bei Regen in der Halle statt.
Fotos: St. B.
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Wassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt
Abendticket (2 Konzerte + Film) je nach Termin 10€/8€ bis 24€/18€, Film solo; 6€/4€
Yogastunden, Vorträge und Lesungen bei freiem Eintritt
Sommerkino mal ohne Sonne und Balkon, trotzdem ist Deutschland in Heil von Dietrich Brüggemann ziemlich braun gebrannt. Der Regisseur des preisgekrönten Spielfilms Kreuzweg hat zum ewig-aktuellen Thema die passende Komödie gedreht und pünktlich zum Ferienbeginn in die deutschen Kinos gebracht. So richtig strahlend ist Brüggemanns Deutschland nicht, selbst wenn hier einige Protagonisten ein relativ sonniges Gemüt an den Tag legen. Mit Dummheit ist in dieser rasanten Neonazifarce aber nahezu jeder reichlich gesegnet. Außerdem wird mächtig ungeniert und very politically incorrect auf die braune Kacke gehauen. Und diese manifestiert sich gleich zu Beginn als ziemlich dumpfbackig und großmäulig, ist fremdsprachlich allerdings eher wenig beleckt. So sprüht Provinz-Glatze Johnny (Jacob Matschenz) statt „White Power“ ein etwas eingedeutschtes „Weit Pauer“ an die Hauswand und hetzt seinen Köter Jesus auf die vietnamesische Imbissbudenbesitzerin in einem brandenburgischen Kaff namens Prittwitz, was dann ja auch bereits so gut wie alles sagt.
Recht witzig ist der trotz etlicher weiterer Glatzen ziemlich haarsträubende Plot dann aber schon. Brüggemann lässt dazu einen bunten Querschnitt unserer Gesellschaft auflaufen und munter Phrasen dreschen, deren Spektrum vom steif-linken Antifarand über eine betroffen-gutmeinende Mitte, intellektuell verbrämte Talkrunden mit Vertretern aus Medien, Kunst und Stützen des Rechtsstaats sowie rechtskonservative Eliten mit Verbindung in führende Politikkreise bis hin zu Kameradschaften mit stramm völkischer Gesinnung reicht. Hier bekommt also jeder sein satirisches Fett weg. Wenn auch alles nahe an der Karikatur und etwas im Klischee stecken bleibt, treibt der Film die eigentlich recht traurige Realität doch ziemlich grotesk und schonungslos spottend auf die Spitze. Man kann das ganz entspannt goutieren oder aber zum Lachen in den eigenen kleinen (Nazi)Keller gehen.
Auslöser für den rasch um sich greifenden Wahnsinn ist das Verschwinden des als deutschen Integrationsautor mit ghanaischen Wurzeln gefeierten Sebastian Klein, der von Jerry Hoffmann (den Berlinern vom postmigrantischen Ensemble des Maxim Gorki Theaters bekannt) gespielt wird. Klein hat den Bestseller „Das braun gebrannte Land“, ein Buch über den alltäglichen Rassismus in Deutschland, geschrieben und kommt auf Lesereise auch ins ostdeutsche Prittwitz, wo er von der Neonazi-Gang um ihren Möchtegern-„Führer“ mit politischen Ambitionen und dem urdeutschen Namen Sven Stanislawski (Benno Fürmann) gekidnappt wird. Der von den drei Deutschnationalen Sven, Johnny und Kalle (Daniel Zillmann) rüde vor den Kopf gestoßene Afrodeutsche Sebastian beginnt nun in Vollamnesie alles nachzuplappern, was ihm Stanislawski an Nazisprech vorflüstert.
Hier wittert der gegenüber dem Hamburger Kontrahenten Heiko Georgi (Jörg Bundschuh), einem „Nazi-Hipster“ mit modernem Format und gestyltem Facebookauftritt, eher ziemlich blasse Stanislawski endlich Morgenluft. Er schleppt den bekannten Autor Klein als rechtsgedrehtes Integrationswunder erst zu rechtsnationalen Eliteseminaren und später dann von einer Talkshow zur nächsten. „AufdieZwölf“ heißt so eine Persiflage im Anne-Will-Format, bei dem typenmäßig alles aufritt, was man so aus dem privaten bis öffentlich rechtlichen Talkzirkus kennt. Neben den sich beharkenden Experten und Politschranzen von links bis rechts sitzen da auch ein Theaterregisseur (Sven Taddicken), der von der Arbeit mit authentischen Nazis träumt, und sogar ein Alter-Ego Brüggemanns (Tom Lass) auf der Talkcouch. Der Nazikomödienfilmer faselt vom Lachen, das im Hals stecken bleibt. Coolness trifft hier auf fehlende Selbstreflektion. Das ist durchaus selbstironisch, wirkt aber mit der Zeit auch etwas überambitioniert. Zusätzlich peppt Brüggemann seine mit einer Unmenge an Nebenrollen überbordende Story noch durch Kurzauftritte etlicher Kollegen und Kino-Promis wie Andreas Dresen, Heinz-Rudolf Kunze, Michael Gwisdek oder Hanns Zischler auf.
Zu Sebastians Rettung macht sich neben seiner hochschwangeren und -eifersüchtigen Freundin Nina (Liv Lisa Fries) nur noch der gute Kleinstadt-Bulle Sascha Heinze (Oliver Bröcker) auf. Nachdem beide am die rechte Gefahr verharmlosenden Bürgermeister und an der auf dem sprichwörtlich rechten Auge blinden Justiz gescheitert sind, bilden sie eine Art Notgemeinschaft, zu der schließlich noch die ziemlich taffe Ex des Autors Stella Gustafsson (Thelma Buabeng) stößt. Als Running Gag darf das schwarze, echt kölsche Mädchen mit Herz, Hirn und Schnauze den netten Polizeibeamten immer mal wieder ihren Ausweis zeigen. Während die drei Neonazis mit einem sensationsgeilen Journalisten (Richard Kropf) im Schlepptau, und als V-Männer von drei verschiedenen Landes-Verfassungsschutzämtern mit reichlich Staatsknete ausgerüstet, marodierend durchs Land ziehen, werden ihre Überfallopfer nicht ernstgenommen und sogar selbst verdächtigt. Das erinnert natürlich an den bekannten NSU-Fall. Die großen Pannenermittler, Computerkoryphäen und Aktenvernichter vom Versfassungsschutz werden hier allesamt auch ordentlich durch den Kakao gezogen.
Damit nicht genug. Die Prittwitzer Neonazizelle, angestachelt durch die politisch weitreichenden Zielvorgaben der von Stanislawski angebeteten Faschooberbraut Doreen (Anna Brüggemann im Outfit einer rechten Kriegerin), setzt mit einem aus Bundeswehrbeständen geklauten Panzer und hanebüchenem Sender-Gleiwitz-Plan über die Oder, um ihren Traum von der Weltherrschaft in die Tat umzusetzen. Die Geschichte wiederholt sich hier im wahrsten Sinne des Marxwortes als Farce inklusive knalligem Showdown. Oder aber die braune Vergangenheit, die am Anfang in Archivbildern kurz über die Leinwand flimmert, ist eben nach 70 Jahren noch immer nicht vergangen. Woran auch das gnädige Vergessen, mit dem die übriggebliebene Nazibrut kurzzeitig geschlagen scheint, nichts ändert. Die Frage bleibt, ob Bewohnern eines Flüchtlingsheims angesichts eines solch verblödeten Mobs ebenfalls zum Lachen ist. Aber für die ist dieser Film dann offensichtlich auch nicht gemacht.
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Heil (Deutschland, 2015)
Dauer: 1 Std., 44 Min.
Buch, Regie, Musik: Dietrich Brüggemann
Kamera: Alexander Sass
Szenenbild: Theresia Anna Ficus
Kostüm: Juliane Maier
Maske: Annett Schulze, Jan Kempkens-Odemski
Schnitt: Vincent Assmann
Ton: Jacob Ilgner
Sounddesign: Martin Frühmorgen
Besetzung:
Sven Stanislawski… Benno Fürmann
Nina Schmidt… Liv Lisa Fries
Sebastian Klein… Jerry Hoffmann
Johnny… Jacob Matschenz
Kalle Schulze… Daniel Zillmann
Sascha Heinze… Oliver Bröcker
Doreen Seiler… Anna Brüggemann
Stella Gustafsson… Thelma Buabeng
Florian Meier… Richard Kropf
Heiko Georgi… Jörg Bundschuh
Chef des Verfassungsschutzes… Michael Gwisdek
Graf Ludbert zu Regenstauf… Hanns Zischler
u.v.a.
Es soll Leute geben, die sich neben dem TFF in Rudolstadt auch noch für die Umgebung der thüringischen Kleinstadt an der Saale interessieren. So lädt die z.B. auch zu einem Wandel auf Schillers Spuren rund um die Rudolstädter Rivera genannte Gegend ein. In diesem Jahr geriet bei Temperaturen um die 35 Grad allerdings schon der fröhliche Wechsel von Bühne zu Bühne zwischen Heinepark, der schönen Innenstadt und der Heidecksburg hoch über Rudolstadt – und das zu Fuß (!) – zur Tour de Force. Gerade noch bei 9Bach auf der Heidecksburg muss man schon wieder den Marsch in den Park antreten, wo ja nach Udo Jürgens‘ selig-bekanntlich Gabi wartet.
Gabby Young – Foto: St. B.
Mit Gabi ist in diesem Fall die Britin Gabby Young mit ihren Other Animals gemeint. Eine burleske Truppe, die mit ihren schrägen Songs und Kostümen zwischen den fantastischen Tiger Lillys und barocker Barbarella changieren. Mit glockenheller Stimme und Blumen im Haar schlug Gabby ihre Fans am Freitagabend vor der Konzertbühne nach dem ersten vollen Hitzetag in ihren Bann. Nach kurzem Regenguss hatte da schon die spanische Gianna Nannini den Folkis wieder eingeheizt. Sés aus Galizien stand ihrem italienischem Vorbild in nichts nach und reihte sich umstandslos in den Reigen der großen Frauenstimmen am zweiten Festivaltag ein. Songs quer durch die Musikwelt der iberischen Halbinsel wechselten sich mit gut abgehangener Rockmusik und einigen feministischen Statements ab. Gut so.
Sés – Foto: St. B.9Bach – Foto: St. B.
Fast noch besser war zuvor auf der Heidecksburg die walisische Band 9Bach, die im klassischen Sinne nichts mit dem Leipziger Barockkomponisten zu tun hat, sondern mit wunderbar melancholischer Folkmusik aus dem Südwesten der britischen Insel. Lisa Jen gab bei glühender Nachmittagshitze eine Lehrstunde in walisischer Sprache, angefangen beim Alphabet bis zu einigen Mitsingversen fürs gebannte Publikum, das sich teils an die schattenspendenden Wände des Burghofs gedrückt oder direkt vor der Bühne platziert hatte. Wer es nicht aushielt, konnte sich unter den Bäumen der unteren Burgterrasse ausruhen und von dort trotzdem den meditativen Klängen des deutsch-libanesischen Orient-Projekts Masaa lauschen. Die Band um den Sänger Rabih Lahoud hatte sich zur Verstärkung die Israelin Yael Deckelbaum geholt, die bereits mit ihrer Frauenband Habanot Nechama 2009 in Rudolstadt gastierte. Eine freud- und friedvolle Völkerverständigung der musikalischen Art.
Masaa + Yael Deckelbaum – Foto: St. B.Salif Keita – Foto: St. B.
Das Highlight des Abends war aber mit Sicherheit die „Neue Stimme Amerikas“, die mit Rhiannon Giddens den Freitag der Frauen krönte. Die junge Sängerin aus dem Süden der USA führte mit ihren Liedern durch mindestens ein Jahrhundert amerikanische Folkmusik. Mit ihrer frischen an Joan Baez oder Joni Mitchell erinnernde Stimme interpretierte sie Songs von Nina Simon, Countrygrößen wie Dolly Parten oder Patsy Cline und natürlich Bob Dylan genauso gut wie Folk-, Blues- und Gospelklassiker, die in Deutschland u.a. durch den Filme der Coen-Brüder bekannt sind. Damit stellte sie den eigentlichen Headliner des Abends, den großen alten Mann des Mali-Blues, Salif Keita, mit seinen Ambssadeurs in den Schatten der großen Bühne im Heinepark.
Rhiannon Giddens – Foto: St. B.
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Schwerpunkte Jazz und Norwegen
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Nils Petter Molvaer – Foto: St. B.
Neben dem Schwerpunkt norwegischer Musik war auch der Auftakt des 25. TFF recht jazzlastig. Der Sound zog sich in den verschiedensten Varianten durch die erste Hälfte des Festivals. Am Donnerstagabend gab es zur Eröffnung das, was man gemeinhin als Fusion bezeichnen würde. Die Rhythmuskings Sly & Robbie, die bereits Black Uhuru oder die Rolling Stones begleiteten, haben sich mit dem norwegischen Jazz-Trompeter Nils Petter Molvaer zusammengetan und ein relaxtes Programm zwischen Free-Jazz-Improvisationen, Elektrobeats sowie Samples und jazzy Remixen bekannter Rockklassiker der Rolling Stones oder Pink Floyd entwickelt. Dagegen konnte der blecherne Klang der hochgelobten Elektro-Swinger Caravan Palace, die nach den iberischen Trommler der Band Coetus die große Bühne im Heinepark enterten, nicht überzeugen. Die Tanzwütigen unter dem Festivalvolk wird das nicht weiter stören. Ob Klezmer-Punk mit Ramzailech aus Israel, magischen Zittern oder diatonische Akkordeon-Klänge mit Ferro Gaita von den Kapverdischen Inseln, getanzt wird immer beim TFF in Rudolstadt.
Ramzailech – Foto: St. B.Coetus – Foto: St. B.
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Verleihung des Deutschen Weltmusikpreises RUTH
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Eurasians Unity – Foto: St. B.
So heiß, wie die ersten Tage begonnen hatten, ging es am Samstag und Sonntag beim 25. TFF auch weiter. Und es lag nicht nur an den hochsommerlichen Temperaturen, dass die in diesem Jahr wieder zahlreich erschienenen Zuschauer dabei ordentlich in Schwitzen kamen. In der glühenden Hitze des Samstagnachmittags auf der Heidecksburg ging es mit der Verleihung des Deutschen Weltmusik-Preises, der RUTH, an die deutsch-libanesische Band Masaa (die wir schon am Vortag auf der Burgterrasse bewundern durften), an das fantastische, multinationale Women-in-Jazz-Projekt Eurasians Unity und an den Berliner Liedermacher Funny van Dannen zunächst noch verhältnismäßig relaxed zu. Van Dannen freute sich sichtlich darüber, endlich auch mal einen Preis wie ein Fußballer bekommen zu haben und intonierte sogleich seinen Hit „Fußball 2“ (Thema: latente Homosexualität). Auch wusste er zu berichten, dass die armen Berliner Künstler ab 55 aufwärts jetzt vom Kultursenator Kokain auf Krankenschein bekämen. Weitere herrliche Kostproben aus 20 Jahren ironischer Liedkunst zur Gitarre gab van Dannen dann noch mit den Klassikern „Nana Mouskouri“, „Ich hab einen Arbeitsplatz vernichtet“, „Okapiposter“ und „Schilddrüsenunterfunktion“.
Funny Van Dannen mit der RUTH – Foto: St. B.Gerhard Polt & Die Well-Brüder – Foto: St. B.Mariza – St. B.
Spaß und Humor mit leichtem Hintersinn also, der später mit dem Kabarettisten Gerhard Polt seine bayrische Entsprechung bekam. Unterstützt von den Well-Brüdern (ehemals Biermösl Blosn), die auch in der neuen Besetzung ihre Klassiker zum Besten gaben, führte der begnadete Satiriker Polt die Zuschauer vor der großen Burg-Bühne in die Absonderlichkeiten bayrischer Kultur und Feuerwehrfeste sowie in die Geschichte der CSU-Reliquien und die Denkwelt eines fußgängerhassenden Autofetischisten ein. Musikalisch international und prominent wurde es dann nochmal am Abend auf der Burg mit der zurzeit bekanntesten Stimme des portugiesischen Fado, Mariza. Für die große, schlanke Frau mit dem markanten blonden Kurzhaar ist der melancholische Gesang der Lissaboner Kneipen aber nur eine Facette ihres künstlerischen Werks. Gemeinsam mit ihrer Band interpretierte sie auch brasilianische Musik sowie andere portugiesische Volkslieder und brachte das völlig bezauberte Publikum sogar zum Mitsingen.
Torgeir Vassvik – Foto: St. B.Nomadic Massive – Foto: St. B.
Klänge ganz anderer Art gab es dann am späten Abend noch auf der Konzertbühne im Heinepark. Zu einzelnen Blitzen aus der Ferne, die von einem lang erwarteten Hitzegewitter kündeten, beschwor der norwegische Künstler Torgeier Vassvik wie ein Schamane mit dem Kehlkopfgesang der Sámi (Joik genannt) den leicht einsetzenden Regen. Vassvik begleitete seinen rauen, spirituell-meditativen Gesang auf der akustischen Gitarre, wozu sich noch weitere elektronisch verstärkte Streichinstrumente und Drums zu einem treibenden Rhythmus gesellten. Der große Regen blieb fürs erste aus, und die Samstagnacht im Heinepark beschloss die kanadische Rap- und HipHop-Band Nomadic Massive. Die Gruppe aus drei Rappern und zwei Rapperinnen, begleitet von Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Bläsern, brachte die Menge vor der großen Parkbühne dann noch mal mit schnellem Rap-Gesang und Dance-Beats gewaltig zum Kochen.
Nobuntu – Foto: St. B.Monster Ceilidh Band – Foto: St. B.
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Experimentelles, Twist und Reggae zum Abschluss
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Nach drei ereignisreichen Tagen war man, der Hitze geschuldet, am Sonntag doch schon etwas ausgepowert. Der letzte Festivaltag lud aber nochmal zu einigen Entdeckungen und Highlights ein. Im Heinepark überraschte u.a. die erste Frauen-Akapella-Gruppe Nobuntu aus dem südafrikanischen Zimbabwe, die das Publikum ebenso begeisterten wie die Monster Ceilidh Band. Die jungen Briten mischten englische und schottische Volksmusik mit Drum’n’Bass und brachten so das müde Partyvolk, das sie schon am Samstag im Tanzzelt geschafft hatten, wieder auf die Beine.
Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp – Foto: St. B.
Gleich im Anschluss dann das wohl interessanteste Musikprojekt des 25. TFF: Aus der Schweiz kommt das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp. Mit musealer Sanitärkeramik des „allmächtigen“ Ready-made-Künstlers Marcel Duchamp hat das aber so gut wie nichts zu tun. Es ist wohl eher die Lust am Experimentieren mit gebräuchlichen Stilrichtungen der Musik wie Jazz, Punk, alternativem Pop und New-Wave, was recht schräg anmutend mit Afrobeats und Calypso-Klängen gemixt wird. Minimalistische Konzeptkunst im besten Sinne, die trotzdem rhythmisch mitriss und für gute nachmittägliche Stimmung im Park sorgte.
Džambo Agušhevi Orchestra – Foto: St. B.
Kein TFF kommt ohne die obligatorische Balkan-Brass-Kapelle aus. Auf der großen Bühne des Heineparks battelte dann gleich eine ganze Schar von coolen mazedonischen Sonnenbrillenträgern um den Titel „Gypsy-Superstar“. Angeblich können sie sogar Berge zum Tanzen bringen. Das Džambo Agušhevi Orchestra hatte so auch schon den inoffiziellen, aber amtlichen Weltmeistertitel aller Balkanbläser gewonnen und brachte zumindest das Rudolstädter Tanzvolk vor der großen Bühne des Heineparks zum Hopsen. Gepflegt, aber nicht unwitzig, konnte dann noch auf der Heidecksburg zu den Klängen des Yiddish Twist Orchesters getanzt werden. Die Gruppe um den Chef Dave Bitelli am Saxofon, den Sänger Natty Bo und den recht kommunikativen Gitarristen Ben Mandelson lässt ein ganzes jüdisches Salonorchester des Swingin‘ London der 1950er Jahre inklusive der reizvoll twistenden Radio-Sisters wieder aufleben.
Yiddisch Twist Orchestra –Foto: St. B.
Man kann sicher immer nur einen kleinen Querschnitt des vielfältigen TFF-Programms Revue passieren lassen. Alles zu sehen, wird einem wohl nie gelingen. Aber auch die Hitzeschlacht zum 25. Jubiläum bleibt in guter Erinnerung. Den Schlusspunkt setzte am Sonntagabend im Heinepark der Deutsche Reggae-Musikers Patrice, der neben seinem Faible für Reggae, Soul, Funk und HipHop auch seine romantische Seite mit Herz-Schmerz-Popsongs wie „Faces (I believe in something bigger than me)“ vom neuen Album The Rising of the Son zeigte und damit vor allem den TFF-Nachwuchs begeisterte. Die Erlösung mit erfrischenden Temperaturen brachte dann kurz nach dem Ende des Konzerts der lange angesagte Gewitterguss.
Patrice – Foto: St. B.
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Auch im nächsten Jahr wird es wieder ein TFF in Rudolstadt geben. Es findet vom 7. bis 10. Juli 2016 statt und richtet den Fokus auf die unterschiedlichen Musikstile und Traditionen aus Kolumbien und auf den Tanz Cumbia.