Blog

  • Ein Fensterladen, der im Wind klappert – „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz im bat-Studiotheater

    ___

    Einige Nachrichten an das All heißt das zweite Stück des Dramatikers Wolfram Lotz, das er 2010 im Rahmen eines Werkauftrags des Berliner Stückemarktes für das Nationaltheater Weimar geschrieben hat. Es ist seitdem einige Male mehr oder weniger erfolgreich aufgeführt worden. Der Text ist eine trotzige Antwort auf das, was Lotz selbst ein Jahr zuvor in seiner „Rede über das unmögliche Theater“ als Aufsetzen der Fiktion „auf der Landebahn der Wirklichkeit“ bezeichnete. Mit dieser Bruchlandebahn ist, wie unschwer zu erkennen, das moderne Theater gemeint, dass „die Fiktion auf dem Altaratartrara der Wirklichkeit“ opfert, indem sie sie an die Wirklichkeit anpasst.

    EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL_Plakat batWie das aussehen könnte, wenn das Theater um seine Autonomie ringt und die Fiktion die Wirklichkeit verändert, liegt nun ganz in den Händen derer, die sich an die Inszenierung von Lotz‘ tragikomischer Kollision von Fiktion und Wirklichkeit wagen. Denn: „Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker.“ heißt die nicht gerade einfache, den gesamten Text überspannende Regieanweisung. Man kann sie aber auch wie eine muntere Aufforderung zur überdrehten Farce oder Klamotte lesen, um so der Suche nach der Wahrhaftigkeit einer alles verändernden Fiktion ironisch aus dem Weg zu gehen. Umso mutiger nun der Versuch der Regiestudentin Rebekka David im Rahmen der Inszenatorischen Praxis im 1. Jahr an der HfS Ernst Busch das Stück auf die bat-Studiotheaterbühne zu bringen.

    Rebekka David hat dazu ein buntes Schauspielteam aus Studierenden der HfS und UdK Berlin sowie HfMT Hamburg um sich geschart. Die fantasievollen Kostüme stammen von Philine Stich von der KHB Weißensee. Die Bühne hat Eva Lochner von der HfBK Dresden gestaltet. Hier hocken in weißen Stramplern mit Pierrotkragen die beiden Lotz’schen Krüppelfiguren Purl Schweitzke und Lum (Benjamin Radjaipour und Mervan Ürkmez) wie zwei traurige Clowns auf einem schwarzen Podest und stapeln mit mechanischen Bewegungen Blechbüchsen von links nach rechts und wieder zurück. Zwei zunächst noch unsichere Pantomimen, die langsam eine Sprache finden, zum Dialog über Ort und Sinn ihres Daseins. Sie hangeln in höchster Verrenkungsnot nach Zetteln mit Botschaften, kämpfen mit der Ordnung der leeren Büchsen und werfen schließlich in einem Anflug von Auflehnungsfuror alles wieder durcheinander.

    Purl und Lum sind zwei unfertige Theaterfiguren, die nicht wissen, worum es in ihrem Stück geht. Zwei existentialistische Idioten, die beschließen, ein Kind zu bekommen, um ihrem zufälligen Dasein einen Sinn zu geben. Jedoch ihr Wunsch geht nicht in Erfüllung. Um sie herum geschieht etwas, aber es bedeutet nichts und hat auch nichts mit ihnen zu tun. Das hat natürlich etwas von Beckett und berührt auch ganz philosophische und religiöse Themen. Nur ist hier im bat das einleitende Krippenspiel gestrichen. Die beiden Clowns warten von Anbeginn auf die Erlösung in Gestalt eines Kindes, oder irgendeinen anderen Fortgang der Geschichte. Dabei geht es um scheinbar ganz willkürliche Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, sich aber auch um die Welt und das All, eben das große Ganze, drehen.

    Dazu treten im Folgenden ein alleinerziehender Vater, seine zu Tode verunfallte Tochter Hilda (Lola Klamroth) und ein fette Frau aus der Talkshow Britt auf. Ein schräg kostümierten Talkmaster mit Mikrofonkamera lässt als Leiter des Fortgangs (Gro Swantje Kohlhof) Personen aus Historie und Medien wie etwa den Botaniker und Sprachforscher Rafinesque oder den bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (im Stück eigentlich CDU-Politiker Ronald Pofalla) über seine Apparatur Nachrichten ins All senden. Dazu stehen sie in einem mit blauen Styroporkugeln gefüllten Bassin. Der Politiker Horst Seehofer kommt als Sprüche klopfendes, gestikulierendes Doppelwesen (Lola Klamroth und Kaspar Weith) daher.

    EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL_bat
    Bildrechte: bat-Studiotheater (c) Eva Lochner

    Ihre knackig auf den Punkt gebrachten Einwort-Botschaften heißen schlicht: Mama, Bums und Unterhaltung. Wobei für die Unterhaltung natürlich der LdF selbst zuständig ist. „Nur keine Leere aufkommen lassen!“ Der tote Dichter Heinrich von Kleist (Oleg Tikhomirov) fährt mit der ebenso toten Hilda in einem Sarg vorbei. Nach einem Schwätzchen über das Sterben verweigerter er sich allerdings dem weiteren Treiben. „Ich kann die Welt nicht in einem Wort sagen, ich kann sie nicht mal in tausend Wörtern sagen. Die Sprache reicht dafür nicht aus, zu sagen, wie es ist.“ Ein Scheitern des Autors mit Ansage.

    Autor Lotz hat zu alledem noch 64 Fußnoten unter seinen Text gestreut, die hier immer wieder eher beiläufig als Lautsprecherstimme aus dem Off zu vernehmen sind. So etwa: „Man ist da und irgendwann ist man wieder weg.“ Oder auch: „Das eine Ende des Universums hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Natürlich hat man es hier mit lauter zwischen Realität und Fiktion schwankenden Verzweiflungsfiguren zu tun – Realitätskaspern und Sinnsuchern die von Glück, Hoffnung oder Tod sprechen, oder von einem kleinen, goldenen Zelt als Schutz vor dem Unsinn der Welt träumen (man könnte es auch Utopie nennen). Raum und Zeit dehnen sich aus und alles fliegt von einem weg, bemerkt Purl Schweitzke am Ende. Der Mensch, „ein Fensterladen, der im Wind klappert.“

    Im geschützten Raum des Studiotheaters lässt nun Regisseurin Rebekka David ihr Ensemble aber weder in Sentimentalität noch übertriebenem Klamauk versinken. Leise Momente stehen neben komischen Passagen. Die Regie ist nicht arm an Einfällen und bietet sämtliche Theatermittel von Musik über Video bis zur Slapsticknummer auf. Purl Schweitzke bringt sich in einer Art Robot-Walk-Dance um, während der immer weiter stammelnde Lum schließlich von den Bühnenarbeitern auf einem Wagen herausgefahren werden muss. Während Teile des Publikums schon den Saal verlassen, durchstreifen die anderen DarstellerInnen, hinter Silikonmasken Nonsenstexte deklamierend, die sich auflösende Bühne. Ein Theater, das in der Falle einer reflexiven Endlosschleife steckt, oder auch die bewusst ironische Zurschaustellung der Ohnmacht vor dem Stück. Das alles wirkt dann aber doch schon etwas zu abgeklärt.

    ***

    EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL
    von Wolfram Lotz
    Premiere im bat-Studiotheater war am 27.09.2015
    Regie: Rebekka David (1. Stj. Regie HfS)
    Dramaturgie: Joshua Wicke (1. Stj. Dramaturgie HfS)
    Bühne: Eva Lochner (Bühnen- und Kostümbild HfBK Dresden)
    Kostüme: Philine Stich (Bühnen- und Kostümbild KHB Weißensee)
    Maske: Julia Styrie (Maskenbild HfBK Dresden)
    Musik: Paquita Maria Etter und Benjamin Stein
    Mit: Gro Swantje Kohlhof, Lola Klamroth, Benjamin Radjaipour, Oleg Tikhomirov (alle Schauspiel UdK) Mervan Ürkmez (Schauspiel HfMT Hamburg) Kaspar Weith (1. Stj. Puppenspielkunst HfS)

    Termine: 08.11.2015 um 20:00, bat Studiotheater, Parkstraße 16, 13086 Berlin

    Weitere Informationen: http://www.bat-berlin.de

    __________

  • Und dann kam Mirna – In der Regie von Sebastian Nübling setzt Sibylle Berg ihre bitter ironischen Genderfrustbetrachtungen am Maxim Gorki Theater fort.

    ___

    „We don’t give a shit“ heißt es im Theaterstück Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen, das Sibylle Berg vor zwei Jahren für das neue Maxim Gorki geschriebenen hat. Da tanzten vier junge Frauen im Schlabberlook und mit viel Wut im Bauch dem Existential-Blues auf der Nase herum. Die Gewissheit, nur ein kleines, durchschnittliches Leben vor sich zu haben, schwebte aber als vage Ahnung über den bitter ironischen Phrasen vom „Rumgeleide“ aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationsdruck. Nun hat das Ganze seine erwartete Fortsetzung gefunden, und die leise Vermutung, dass das wohl nie aufhören würde, weicht der Gewissheit, dass es auch noch viel schlimmer kommen kann.

    Und dann kam Mirna im MGT - Foto © Ersa Rotthoff
    Foto © Ersa Rotthoff

    Die jungen Frauen von damals sind nun Anfang, Mitte Dreißig, haben angefangen sich innerhalb ihrer Möglichkeiten zu verwirklichen, den einen oder anderen unbedeutenden Sexualpartner ausprobiert und wieder abgelegt. Und dann kam Mirna heißt es im neuen Streich von Sibylle Berg, den wiederum Regisseur Sebastian Nübling und Choreografin Tabea Martin als körperbetonten Theaterabend für „für ca. zwei DarstellerInnen oder eine hochgradig gespaltene Persönlichkeit“ eingerichtet haben. Zu Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas gesellt sich neu die aus München zum Ensemble des Berliner Maxim Gorki Theaters gestoßene Çiğdem Teke. Auch haben die vier Schauspielrinnen wieder ihre Schlabberpullis an und die Nerdbrille auf. Darunter befindet sich jetzt aber bei allen ein weites, geblümtes Umstandskleid.

    Zum Umstand immer noch den Sinn des Lebens und seine Bedeutung zu suchen, gesellt sich nun das Problem, obwohl man doch die eigenen Mutter hasst, nun selbst eine Mutter zu sein. Ein Mitglied der sogenannten „Kaste der Unberührbaren“. Die Schwangerschaft als Entsorgungsmaßnahme für Frauen. Denn wer will schon die Meinung einer Frau hören, die stillt. Der Nachwuchs Mirna (entstanden während einer „sexuellen Handlung, die einer mit Stiefmütterchen bepflanzten Verkehrsinsel glich“) steht als ebenso vervierfachter, halbwüchsiger und zudem wesensfremder Mensch im pinkfarbenen Sportdress (die Mädchen sind wirklich toll) an der Rampe und entsorgt schon mal ordnungsliebend überflüssige Erinnerungen. Denn es geht ans Umziehen aus der durchgentrifizierten Betonwüste der Stadt, die man sich nicht mehr leisten kann, in die langweilige, engstirnige Uckermark voller Fremdenhass und Selbstmorden homosexueller Jugendlicher, wie Tochter Mirna mault. Im Himmel aus Liebe verblödet und den ungewollten Erzeuger (hier heißt er Thorben) gerade losgeworden, bleibt also nur noch die Auswanderung in die ehemaligen Ostgebiete.

    Mit drei Freundinnen will sich unsere Protagonistin in einer als Zukunftsprojekt bezeichneten Frauenkommune, einem „süßen, kleinen Holzhaus auf dem Land“, zurückziehen. Dieser Grundplot bietet natürlich wieder jede Menge Stoff für die ironische Geißelung von eingeübten Rollenzuschreibungen, heteronormativen Geschlechtsvorgaben und das genüssliche Auswalzen sonstiger Genderklischees. „Aus diesem Zusammenhang wirst du nie entfliehen können“, weissagt die altkluge Tochter Mirna. Dazu entspinnt sich auf der Bühne eine Art panisches Gehopse und verkrampfte Umarmungsversuche, was den Zweifel der Mutter verdeutlichen soll, die ihre Schwierigkeit damit hat, in diese schlimme Welt auch noch Nachwuchs zu setzen, der dann alles erreichen soll, was man selbst nicht geschafft hat. Feminismusdebatte, Quote, Sozial Freezing und andere aktuelle Gesellschaftsthemen lösen sich im Laufe des als relativ zuschreibungsfreie Textfläche funktionierenden Stückes ab.

    Man tanzt zum Beat der Schlagworte oder setzt auch mal zum Mütterrap „Annie, are you ok, are you ok, Annie“ aus Michael Jacksons Smooth Criminal an. Und auch das liebe, gute Internet mit seinem Kommentarwahnsinn und den sozialen Netzwerken wie Facebook bekommt sein Fett weg. Weitere Kommunikation läuft neben dem sporadischen Mutter-Tochter-Dialog meist nur per E-Post, was sich immer wieder als vierstimmiges Handyvibrationsgeräusch bemerkbar macht. Die Freundinnen, selbst im Selbstverwirklichungsstress und festen Glauben an den wiederholten Neuanfang, springen dabei eine nach der anderen ab. „Lass uns umziehen, Quatsch nicht!“ ist letztendlich die Devise der Tochter, die ihrer Mutter ohne Plan vorhält, ihr doch endlich ein Vorbild zu sein. Die konservative Nachwuchsgeneration besteht auf Normalität. Für Mirna ist beim Erwachsenwerden ein Familienumfeld mit zwei Elternteilen wichtig, während die Mutter mal wieder nur an sich denkt.

    Ein wiedermal recht sarkastischer Kommentar von S.P.O.N.-Kolumnistin Frau Sibylle zur aktuellen Feminismusdebatte, gepaart mit dem immerwährenden Mutter-Tochter-Generationenkonflikt im Schnelldurchlauf. Doch der angedeutete Leidensdruck, den es ja durchaus auch genauso gibt, erschöpft sich hier in einem Jammern auf sehr hohem Niveau. Eine echte Anregung zum fortgesetzten Diskurs bietet das nur bedingt. Dazu kommt noch, dass Regisseur Sebastian Nübling nichts weiter eingefallen ist, als das Erfolgsrezept seiner Inszenierung des als Theaterstück des Jahres preisgekrönten Sibylle-Berg-Vorgängers zu wiederholen. Trotzdem, auch wegen des tollen Ensembles, eine alles in allem über die gesamten 75 Minuten recht kurzweilig unterhaltsame Angelegenheit, die ihre erheiternde Wirkung im Publikum nicht verfehlt. Ob es auch eine erhellende ist, muss sich noch beweisen.

    ***

    UND DANN KAM MIRNA
    Regie: Sebastian Nübling
    Choreographie: Tabea Martin
    Bühne: Magda Willi, Moïra Gilliéron,
    Kostüme: Ursula Leuenberger
    Dramaturgie: Katja Hagedorn
    Mit: Sarah Böcker / Aydanur Gürkan / Suna Gürler / Rahel Jankowski / Nilu Kellner / Cynthia Micas / Fée Mühlemann / Amba Peduto / Zoé Rügen / Marie Carlota Schmidt / Çiğdem Teke / Annika Weitzendorf
    Uraufführung war am 24. September 2015 im Maxim Gorki Theater
    Weitere Termine: 1., 23., 27. 10. 2015

    Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

    Zuerst erschienen am 25.09.2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Clownerien mit Brecht (2) – Manuel Soubeyrand macht mit seinem Brecht-Auf!-Fest in Senftenberg den Augsburger Dramatiker zum Jahrmarkts-Spektakel

    ___

    logo_brecht-auf_2015„Glotzt nicht so romantisch!“ steht an der Wand auf dem Podium, in dem zur Next-Whisky-Bar umgestalteten Rangfoyer der Neuen Bühne Senftenberg, das am vergangenen Samstag zur Premiere von BRECHT AUF! DAS FEST. geladen hatte. Nach Heiner Müller im letzten Jahr steht diesmal der nach Meinung des Intendanten Manuel Soubeyrand bedeutendste und wichtigste Künstler des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt des alljährlichen Spielzeitauftakt-Spektakels, das noch bis Ende Oktober stattfindet. Bertolt Brecht hat mehr Stücke als Shakespeare und mehr Gedichte als Goethe geschrieben, war zeitlebens politisch, da gesellschaftskritisch und dazu noch Universalist. Einmal um die ganze Welt gekommen, gilt der Autor, der über mehrere Jahre vor Nationalsozialismus und Krieg auf der Flucht war, auch als Experte in Sachen Asyl. Ein Grund mehr ihn aktuell zu spielen! Zudem hat das Theater in Senftenberg untergebrachte Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Afghanistan gebeten, im Rangfoyer aus Brechts Flüchtlingsgesprächen zu lesen.

    Im unteren Foyer sitzt ein Papp-Brecht-Kamerad vor einer echten Brechtgardine, hinter der im Laufe des Abends ein kleiner Flohzirkus zum Vorschein kommen wird, es gibt Brecht-Balladen, -Gedichte sowie jede Menge Sprüche des Dichters und hinter dem Garderobentresen spielen drei Schauspieler noch eine Art kleine Baal-Clownerie. Das Brecht-Stück des Jahres wird an diesem Abend auch noch zu sehen sein. Man hat an der Neuen Bühne mal wieder den jungen, komischen Autor Brecht entdeckt, der um 1919 begann, unter dem Einfluss von Karl Valentin erste komödiantische Einakter zu schreiben. Dem trägt man nun in Senftenberg mit einem ganzen Jahrmarkt vor dem Theater Rechnung. Neben einem Hau-den-Lukas, einer Geisterbahn und Schießbuden stehen dort auch ein Zelt für Kapitalanlagen und eine Orakelbude für die großen Wahrheiten.

     

    Jahrmarktreiben beim Brecht Auf! - Spektakel vor der Neuen Bühne Senftenberg - Foto: St. B.
    Jahrmarktreiben beim Brecht Auf! – Spektakel vor der Neuen Bühne Senftenberg – Foto: St. B.

     

    Wahr ist auch, dass jeder Satz des Abends originaler Brecht ist, wie Manuel Soubeyrand beteuert. Eine kleine Verbeugung vor der jüngst verstorbenen Barbara Brecht-Schall und den beiden anwesenden Brecht-Enkelinnen. Jenny Schall lieferte alle Kostüme und die Regisseurin Johanna Schall die Stückfassung zu Brechts szenischer Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg Mutter Courage und ihre Kinder, die Manuel Soubeyrand als Einstieg in den Abend inszeniert hat. Ein immer noch gültiger Kommentar zur Auswirkung von Kriegen auf die unmittelbar betroffenen Menschen. Eine weitere Truppe von Senftenberger Schauspielern versucht auf dem Jahrmarkt draußen lautstark die Karten dafür an das potentielle Publikum zu bringen. Zur Auswahl stehen außerdem noch die Einakter Die Kleinbürgerhochzeit und Lux in Tenebris sowie das Hannibal-Fragment als Puppenspiel. Den langen Abend beschließen mit Tränen, Schnee und gestern Abend noch ein paar szenisch dargebotene Brecht-Lieder. Der Mond über Senftenberg ist da leider schon von ein paar Regenwolken verdeckt, was dem Ensemble allerdings nicht die Lust auf einige Drei-Groschen-Songs, frivole Brechtverse und die bereits erwähnte Next-Whisky-Bar nimmt.

    *

    Bunte Clownerie und grelles Jahrmarkttreiben dann zumeist auch auf der Bühne. Bei den Stücken Die Kleinbürgerhochzeit und Lux in Tenebris bietet sich das ja geradezu an. Die beiden Einakter hatte 1969 Dieter Dorn in Essen schon einmal am Stück auf die Bühne gebracht. Für Lux in Tenebris war es die späte Uraufführung. Als szenischer Choreograf wirkte damals der Pantomime Jean Soubeyran, der Vater des jetzigen Senftenberger Intendanten. Die Inszenierung von Lux in Tenebris wurde hier als illustre Angelegenheit zwischen Komödie und Philosophie angekündigt. Regisseurin Ulrike Müller lässt dazu vor geteiltem Publikum noch einen weiteren Einakter Brechts spielen, bei dem sich auf der Treppe zum Rangfoyer und der Hinterbühne ein höchst philosophischer Disput zwischen Kaiser und Bettler entspinnt. In Der Bettler oder Der tote Hund, ebenfalls im Jahr 1919 entstanden, entpuppt sich ein blinder Bettler als wahrhaft Sehender, der die Gewissheiten des Kaisers mit seinen provokanten und verwirrenden Geschichten über Macht und Mächtige ins Wanken bringt. Auch ein Stück über die Wahrnehmung und Erinnerung von Geschichte, in die hier wie nebenbei auch kurz mal ein Schuhputzer namens Paduk gerät…

     

    Lux in Tenebris in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (C) Steffen Rasche
    Lux in Tenebris in der Neuen Bühne Senftenberg
    Foto (C) Steffen Rasche

     

    Jener Herr Paduk ist aber eigentlich schon die Hauptfigur des Einakters Lux in Tenebris, der im Anschluss auf der Hinterbühne gegeben wird. Einst Stammkunde im Bordell von Frau Hogge hat Paduk, nachdem er dort hinausgeworfen wurde, weil er nicht zahlen konnte, gegenüber dem Etablissement ein Zelt mit medizinischen Exponaten über Geschlechtskrankheiten eröffnet. Er will „Licht in die Finsternis“ bringen, wie die deutsche Übersetzung des titelgebenden Bibelzitats aus der Offenbarung des Johannes lautet. Seine vermeintlich moralischen Aufklärungsvorträge lässt sich Herr Paduk allerdings auch bezahlen. „Weicher Schanker eine Mark! Tripper eine Mark sechszig! Syphilis zwei Mark fünfzig!“ Wer nicht zahlen kann, kommt nicht hinein.

    Aber Paduk hat die Rechnung ohne Frau Hogge gemacht, und sich außerdem noch zu einer salbungsvollen Rede an ihre Mädchen als die wahren Opfer der Prostitution hinreißen lassen. Mit dem Appell an die Prostituierten gräbt sich Paduk nämlich das eigene Geschäft ab, das nur mit dem Überleben der Prostitution auch weiter florieren kann. Frau Hogge rechnet ihm nun genauestens vor: „Mein Geschäft fängt zwei Wochen nach Ihrem Bankrott wieder an.“ Daraufhin macht Paduk dann auch ohne viel Skrupel den Laden dicht und wird mit dem verdienten Geld Teilhaber bei Frau Hogge. Brecht zeigt hier an einem nicht nur für die damaligen Zustände recht typischen Beispiel die Wirkungsweise von kapitalistischen Marktgesetzen und die bestehenden Widersprüche zwischen Vernunft und Lust sowie Idealismus und Ausbeutung.

    Ulrike Müller hat Brechts satirisches Lehrstück als kleine, spielerische Verführung inszeniert. Dem ahnungslosen Paduk (Robert Eder) müssen hier von den anderen vier DarstellerInnen (Angelika Sauter, Eva Geiler, Mirko Warnatz und Simon Elias) die Worte zunächst noch souffliert werden, bis er sie selbst sprechen kann. Anschließend kleiden sie ihn als Geschäftsmann ein und schlüpfen selbst in die übrigen Rollen einer sensationslüsternen Reporterin, eines bigotten Kaplans, der Frau Hogge und des Gehilfen des Paduks. Geleuchtet wird mit einem Scheinwerfer an die Tür des Eisernen Vorhangs, es gibt Musik, ein wenig Firlefanz mit Luftballons als christkatholischen Gesellenverein, Seifenblasen und Einwickelfolie. Der Schluss ist dann aber wieder recht eindrucksvoll gelungen, wenn der Chor der Mädchen hinter dem geöffneten Vorhang mit Schrubbern zum Großreinemachen ansetzt und dabei den Brecht/Weill-Song von Mandalay singt. Herr Paduk geht nun ganz in seiner neuen Rolle als Moralist, Kapitalist und Bordellbesitzer auf.

    **

    Ganz Geschäftsfrau ist auch die Marketenderin Anna Fierling, genannt Mutter Courage, aus Brechts Modellstück des epischen Theaters Mutter Courage und ihre Kinder. Sie schlägt sich mit Planwagen und drei Kindern durch den Dreißigjährigen Krieg, wobei sie in den zwölf aufeinanderfolgenden Szenen des Stücks eines nach dem anderen verliert. Ihren Sohn Eilif an einen Soldaten-Werber, während sie mit einem Feldwebel handelt, den zweiten Sohn Schweizerkas, der als Zahlmeister die Regimentskasse vor dem Feind versteckt hält und um dessen Leben sie zu lange feilscht, und die stumme Kattrin, die von Soldaten erschossen wird, als sie die Bewohner der Stadt Halle vor den Angreifern mit eine Trommel warnt. Nach kurzer Trauer muss es aber weiter gehen, denn der Krieg ist schließlich die Geschäftsbasis der Courage, wie sie glaubt.

     

    Mutter Courage und ihre Kinder in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (C) Steffen Rasche
    Mutter Courage und ihre Kinder in der Neuen Bühne Senftenberg – Foto (C) Steffen Rasche

     

    Das dem nicht so ist und die kleinen Leute unter dem Krieg zu leiden haben, während ganz andere daran profitieren, ist die Binsenweisheit des Stücks, das trotz seiner Zeigefingerdramaturgie auch heute in Zeiten, da wieder für Glauben und Rohstoffmärkte gestorben wird, noch einige Denkanstöße zu geben vermag. Die einfache Botschaft einigermaßen zeitgemäß über die Rampe zu bringen, liegt dann ganz im Geschick der Inszenierenden. Und Manuel Soubeyrand entscheidet sich für die ganz großen Gesten sowie weiß geschminkte Clowns-Gesichter und Wende-Camouflage-Jacken bei den Soldaten, während die Courage und ihr Gefolge in heutigem, abgerissen Obdachlosen-Schick einen alten VW-Bully über die Bühne mit einer, in den Horizont ragender, blutroter Landstraße zieht.

    Das ist natürlich nicht zwingend neu, auch Claus Peymann am BE kann nicht von weiß getünchten Gesichtern lassen. Nur haben die Figuren bei Manuel Soubeyrand einen unerklärlichen Drang zum mimischen Chargieren, Zappeln und Kreischen, dass es die sonst taffe Courage relativ schwer hat, sich dagegen zu behaupten. Anita Iselin gewinnt ihrer Figur dennoch einige sehr intensive Verzweiflungsmomente ab, während drei komische Conférenciers, die ansonsten alle Soldatenrollen übernehmen, jedes Szenenbild mit einer neuen Art der lustigen Inhaltsangabe an der Rampe einführen. Den vermeintlich epischen Ballast wird man so allerdings nicht wirklich los.

    Und wenn die Lieder des Stücks von Alexander Suckel recht ungewöhnlich zwischen Blues, Ballade und Rock-Song eingerichtet sind, die Courage das Lied ihres unsteten Lebens „Von Ulm nach Metz“ sogar wie die Punk-Diva Nina Hagen vom Bullydach schmettert, ist alles andere doch genauso überdeutlich und plakativ von A bis Z bebildert. Immer ein wenig zu grell, zu schrill – besonders die kreischbunte Yvette der Marianne Helene Jordan – oder auch mal rührig, wenn die Courage ihre tote Tochter Kattrin im Schoß hält, auch wenn das Eiapopeia nur zur Seite weggesprochen wird. Marlene Hoffmann als mitleidender Gegenpol zur pragmatisch geschäftstüchtigen Mutter vermag sich in ihrer stummen Rolle da nicht wirklich einzubringen.

     

    Tränen, Schnee und gestern Abend - Brechtlieder - Foto (C) Steffen Rasche
    Tränen, Schnee und gestern Abend – Brechtlieder
    Foto (C) Steffen Rasche

     

    Erst im letzten Teil des Abends wird sich zeigen, dass sie auch wunderbar steppen und noch besser singen kann. Bis nach Mitternacht zeigt das Ensemble, das nun wie sangesfreudige Hippies aus dem Peace-Bully steigt, was es sonst so drauf hat. Die Arrangements der Lieder sind jetzt etwas eingängiger, und auch mit den rockigen Soli des Gitarristen Scotti Gottwald ist der Wiedererkennungswert recht hoch. Es erklingt ein durchweg ansprechendes Best Of von Brecht/Weill/Eisler-Songs. Als allerletzte Zugabe lässt es sich dann Manuel Soubeyrand nicht nehmen, höchst selbst Brechts Ballade von den Seeräubern zu singen, was die Stimmung nochmal merklich hebt und den Abend insgesamt versöhnlich ausklingen lässt. Es ist sicher schwer die Spannung einen ganzen langen Abend über so aufrecht zu halten. Die Cottbuser Zonenrandermutigung von Christoph Schroth unter dem Motto „In der Nacht ist Brecht nicht gern allein“ hatt da vor nunmehr bereits zwanzig Jahren auch schon so ihre Schwierigkeiten. Freude und Erleichterung ist dann am Ende auch allen Beteiligten in Senftenberg deutlich anzumerken.

    ***

    Brecht Auf! - Das Fest an der Neuen Bühne Senftenberg - Foto: St. B.
    Brecht Auf! – Das Fest an der Neuen Bühne Senftenberg
    Foto: St. B.

    Mutter Courage und ihre Kinder
    Regie: Manuel Soubeyrand
    Musikalische Leitung: Alexander Suckel
    Bühne: Gundula Martin
    Kostüm: Jenny Schall
    Ausstattungsassistenz: Saskia Wunsch
    Es spielen:
    Mutter Courage… Anita Iselin
    Kattrin, ihre stumme Tochter… Marlene Hoffmann
    Eilif, der ältere Sohn und andere… Sebastian Volk
    Schweizerkas, der jüngere Sohn und andere… Tom Bartels
    Der Koch… Heinz Klevenow
    Der Feldprediger… Roland Kurzweg
    Yvette Portier… Marianne Helene Jordan
    Der Werber und andere… Johannes May
    Der Feldwebel und andere… Wolfgang Tegel
    Der mit der Binde und andere… Alrun Herbing
    Band: Preliminary Injunction
    Piano und Keyboard: Alexander Suckel
    Gitarre: Scotti Gottwald
    Drums, Percussion und Keyboard: Jürgen Kober

    theater-senftenberg-logo_startLux in Tenebris
    Regie: Ulrike Müller
    Bühne: Gundula Martin
    Kostüm: Jenny Schall
    Ausstattungsassistenz: Saskia Wunsch
    Es spielen:
    Frau Hogge … Angelika Sauter
    Paduk… Robert Eder
    Reporterin… Eva Geiler
    Kaplan… Mirko Warnatz
    Gehilfe … Simon Elias
    Leute / Mädchen der Frau Hogge… Ensemble/Statisten der Musicalgruppe und des Seniorenclubs „Jugendclub 60+“

    Tränen, Schnee und gestern Abend
    Brecht-Lieder und Texte um Liebe und Geld
    Regie – Manuel Soubeyrand
    Musikalische Leitung: Alexander Suckel
    Bühne: Gundula Martin
    Kostüm: Jenny Schall
    Ausstattungsassistenz: Saskia Wunsch
    Mit: Sybille Böversen, Eva Geiler, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Hanka Mark, Robert Eder, Simon Elias, Friedrich Rößiger, Wolfgang Tegel, Mirko Warnatz

    Termine: 26.09., 03.,09., 10., 17., 24., 25. und 31.10.2015

    Infos: http://www.theater-senftenberg.de

    zum Brecht-Spezial 2015-16 Teil 1

    Zuerst erschienen am 23.09.2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Brecht (1) ohne Dialektik – Leander Haußmanns denkfaule Inszenierung des Parabelstücks „Der gute Mensch von Sezuan“ am Berliner Ensemble

    ___

    Brecht am BE - Foto: St. B.
    Brecht am BE – Foto: St. B.

    Leander Haußmann ist nicht der Mensch für den wohldosierten, feinsinnigen Humor. Die Ironie des Film- und Theaterregisseurs darf in seinen Inszenierungen immer auch etwas derber ausfallen. Zudem hat Haußmann keine Angst vor Kitsch, Pathos und Überlänge. Mit seinen Inszenierungen von Klassikern wie Shakespeares Hamlet und Büchners Woyzeck hat er das vor sich hin dümpelnde Berliner Ensemble ordentlich durchgerüttelt. Dass er das auch mit dem Hausheiligen Bertolt Brecht tun könnte, wäre also durchaus erwartbar und auch äußerst wünschenswert. Allerdings übertreibt es Leander Haußmann in seiner dritten Inszenierung für die Peymann-Bühne am Schiffbauerdamm mal wieder mit all dem etwas zu sehr.

    Der gute Mensch von Sezuan fehlte dem Hausherrn noch in seiner Sammlung von Brechtstücken. Nun also musste der auf einer Erfolgswelle schwimmente Leander Haußmann an Brechts dialektisches Parabelstück ran. Leider eignet es sich nur bedingt für moderne Regietheatermätzchen, was 2010 bereits Friederike Heller an der Schaubühne erfahren musste. Dass sich Brecht allerdings für assoziative, weiterführende Denk-Modelle eignet, bewies z.B. Frank Castorf mit seiner Münchner Baal-Inszenierung. Nach dem Denk- bzw. Aufführungsverbot durch die Brechterben und den sie vertretenden Suhrkamp-Verlag hatte Leander Haußmann unter dem Motto „Lass uns in Ruhe, Brecht!“ in der Tageszeitung Die Welt noch getönt: „Warum darf der Autor nicht tot sein, da auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, und warum darf er auf der Bühne nicht leben, indem er sich ständig erneuern und befragen lässt?“ Bei Haußmann ist der Brecht aber so tot und der Dorotheenstädtische Friedhof so weit weg, dass der Autor nicht mal mehr für einen Gag auf der Bühne taugt.

    Das einzige, was bleibt, ist der Text, und den inszeniert Haußmann in seiner knapp 4stündigen Inszenierung fast ungekürzt. Und wo er Brecht gestrichen hat, ersetzt ihn der Regisseur durch albernen Slapstick und altbackene, langatmige Szenenauspinselungen. So etwa das Kennenlernen der Hauptprotagonistin Shen Te (Antonia Bill) mit ihrem Geliebten Yang Sun (Matthias Mosbach), das kurz vor der Pause so einige im Parkett auf die Uhr schauen lässt. Im mit fahrbaren Peitschenlaternen ausstaffierten Bühnenbild des bildenden Künstlers Via Lewandowsky will sich zunächst der arbeitslose Flieger Sun erhängen und landet schließlich nach mehreren vergeblichen Versuchen und etlichen Schlucken aus dem Flachmann mit der gutmütigen Hure Shen Te unter einem Berg von Plastikgartenstühlen.

     

    DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE - Fot (c) Lucie Jansch
    DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE
    Foto (c) Lucie Jansch

     

    Via Lewandowskys Ausflug ins Bühnenbildfach kann man ansonsten als durchaus akzeptabel bezeichnen. Mit seinen meist recht ironisch provokanten Installationen, wie etwa einer Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Muezzingesang namens Brutkasten, wäre er eine gute Ergänzung zu Haußmanns wildem Regiestil gewesen. Hier lässt er nun den Tabakladen als Geschenk der Götter an Shen Te als kleinen gläsernen Kiosk am Kranhaken vom Bühnenhimmel schweben. Ein schöner V-Effekt, der sich allerdings nur in den angehängten langen Fusselbärten der Götter/innen (Traute Hoess, Swetlana Schönfeld und Ursula Höpfner-Tabori) und einer nicht fehlen dürfenden asiatischen Glückswinkekatze fortsetzt. Die Kostüme von Janina Brinkmann sind ansonsten im recht einfallslosen Prekariatsschick gestaltet.

    Bei Haußmann kommen die Götter dann, nicht gerade neu, aber immer wieder aktuell, zunächst als Flüchtlinge daher, an denen die Bewohner der chinesischen Stadt Sezuan abwinkend vorbeieilen. Der abgerissene Wasserverkäufer Wang (Norbert Stöß) sucht in einem Papierkorb nach Plastikflaschen und bleibt ansonsten auch eher blass und unterwürfig. Hinter einem hohen Wellblechzaun findet er dann aber doch noch den einzig würdigen und uneingeschränkt gütigen Menschen, der den vom Himmel Heruntergestiegenen ein Obdach gibt. Die Hure Shen Tei ist ein „Engel der Vorstädte“ in roter Strumpfhose und kann niemanden etwas abschlagen. Selbst als sich die gesamte krumme Verwandtschaft in ihr kleines Lädchen zwängt, bleibt sie weiter zuversichtlich. Antonia Bill gibt sie als gänzlich Naive mit jeder Menge Sympathiepotential. Gegen den dauerklampfenden Überflieger Sun kann sie sich nur schwer erwehren. Ein auch ansonsten eher unkritisches Frauenbild mit Bart.

     

    DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE Foto (c) Lucie Jansch
    DER GUTE MENSCH VON SEZUAN am BE
    Foto (c) Lucie Jansch

     

    Als verkleideter Vetter Shui Ta in Hemd, Hosen und besagtem angeklebtem Bart ist Antonia Bill nur die Karikatur eines harten Mannes und Kleinkapitalisten, der sich albern in den Schritt greifen muss und auch mal vom bigotten Barbier Shu Fu (Boris Jacoby) eingeseift wird. Altbackene Stilmittel und Karikaturen, die sich auch in den anderen Figurenzeichnungen fortsetzten. Stark ist die Figur der Shen Te nur in den Szenen mit klarer Ansprache („Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu!“) und den gesungenen Zwischenspielen. Paul Dessaus Musik wird dabei vom Ensemble wie nebenbei auf Gitarre, Klavier und Trompete mitperformt. Chinesische Schlager und rote Lampions lassen dafür aber das Kitschpotential wieder enorm steigen. Die Liebe als Ware in Zeiten des Kapitalismus ist auch Haußmanns großes Thema, was mit viel Gefühl gespielt wird, aber zuweilen auch mächtig auf die Tränendrüsen und Brechts Appelle an den Geist eher beiseite drückt.

    Haußmann lässt nur von Szene zu Szene spielen, und schließlich erklingt auch das Lied vom achten Elefanten wie ein weiterer Hit einer Best-Off-LP von Brecht-Songs. „Etwas muß falsch sein in eurer Welt“ stellt die zwischen Gut und Böse zerrissene Shen Te vor den als Kleiderpuppen über die Bühne fahrenden Göttern fest. Brecht spielt in seiner 1938 bis 1940 entstandenen Parabel alle möglichen Verhaltensmerkmale von Menschen in prekären und ausbeuterischen Verhältnissen durch. Diese zu ändern bedarf es natürlich mehr als einen guten Menschen. Wie es geht, gut zu sein und sich gleichzeitig in einer falschen, kalten Welt zu behaupten, bleibt auch hier die offene Frage. Dafür darf Märchenonkel Gerd Kunath zum Vergnügen des Publikums noch den entschuldigend fragenden Epilog Brechts an der Rampe sprechen. Zum guten Schluss muss man sich da nicht nur auf der Bühne am Kopf kratzen.

    ***

    DER GUTE MENSCH VON SEZUAN
    von Bertolt Brecht
    Mitarbeit: Ruth Berlau, Margarete Steffin
    Musik von Paul Dessau
    Premiere am Berliner Ensemble: 12. September 2014
    Inszenierung: Leander Haußmann
    Bühnenbild: Via Lewandowsky
    Kostüme: Janina Brinkmann
    Musikalische Leitung: Tobias Schwencke
    Dramaturgie: Steffen Sünkel
    Mit: Antonia Bill (Shen Te / Shui Ta), Norbert Stöß (Wang, ein Wasserverkäufer), Traute Hoess (Erster Gott, Die Witwe Shin), Swetlana Schönfeld (Zweiter Gott, Frau Yang Mutter des Fliegers), Ursula Höpfner-Tabori (Dritter Gott, Die Hausbesitzerin Mi Tzü), Matthias Mosbach (Yang Sun, ein stellungsloser Flieger), Anke Engelsmann (Die Frau), Detlef Lutz (Der Mann), Luca Schaub (Der Neffe), Marko Schmidt (Der Bruder), Karla Sengteller (Die Schwägerin), Roman Kaminski (Der Großvater), Peter Luppa (Der Junge), Felix Tittel (Der Schreiner Lin To), Michael Kinkel (Der Polizist), Axel Werner (Der Teppichhändler), Claudia Burckhardt (Die Teppichhändlerin), Boris Jacoby (Der Barbier Shu Fu), Gerd Kunath (Der Bonze), Marvin Schulze (Der Arbeitslose)

    Termine: 29.09., 10. und 11.10.2015

    Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/115/der-gute-mensch-von-sezuan

    Zuerst erschienen am 13.09.2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • müchnhausen von Armin Petras – Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Jan Bosse eine hübsche Schauspiel-Münchhausiade mit Milan Peschel in der Hauptrolle.

    ___

    Den Schauspieler Milan Peschel mal wieder auf einer Berliner Bühne zu sehen, ist höchst erfreulich. Und dann noch in einem Stück von Armin Petras, umso besser. Der Intendant des Staatsschauspiels Stuttgart hat es Peschel mehr oder weniger auf den Leib geschrieben. Inszeniert hat es Jan Bosse, der seit den Petras-Jahren am Maxim Gorki Theater zu den beiden ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

    Foto: DT-Schaukasten
    Foto: DT-Schaukasten

    In münchhausen geht es also zu allererst um den Schauspieler Milan Peschel. Es sei ein Stück über ihn, verrät der Mime zu Beginn in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, und auch wieder nicht, denn es geht natürlich auch um ihn als Figur. Dazu sollte er nach Rücksprache mit der Kostümbildnerin das anziehen, was er immer an hat. Dann ist es aber doch noch ein richtiges Kostüm geworden. Peschel trägt Anzug, Melone und Regenschirm, und wirkt vor dem azurblauen Vorhang mit weißen Wölkchen wie aus einem Gemälde von Magritte gefallen. Eine jener schwarzen, surrealistischen Traumfiguren, die in rätselhaften Vexierbildern stehen und an unser verschüttetes Unterbewusstsein appellieren.

    Ein bisschen albtraumhaft ist es dann auch. Nicht so sehr für die Zuschauer, mehr für den Schauspieler selbst, der anfangs nicht so genau zu wissen scheint, was er da auf der Bühne soll. Eigentlich wäre es ein Zweipersonenstück, gesteht Milan Peschel etwas verunsichert, mit ihm als Hauptperson und noch einer Nebenrolle, deren Darsteller aber noch nicht erschienen ist. Auch auf dem Programmzettel steht ein weiterer Name. Es ist Martin Otting, den man aus Peschels Inszenierungen am Gorki Theater kennt. Der verspätete Kollege, erfährt man, sei Franzose, der einst in einem französischen Film fürs Theater entdeckt wurde, nun aber seine besten Tage schon hinter sich habe und nebenbei bei Zalando für den Lebensunterhalt seiner Zwillinge arbeiten müsse. Man kann also nicht jeden Tag Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären, frei nach Nietzsche. Das Scheitern gehört auch dazu. Nach dem anfänglichem Gestottere über die Frage: „Was mache ich hier?“ entschließt sich Peschel aber irgendwann das zu tun, was er am besten kann. Er gibt den komischen Mimen als Alleinunterhalter mit jeder Menge Slapstick mit Stuhl, einem Sitzball als Kanonenkugel und natürlich dem Regenschirm. Wie sollte es anders sein.

     

    MÜNCHHAUSEN mit Milan Peschel am Deutschen Theater - Foto (c) Arno Declair
    münchhausen mit Milan Peschel – Foto (c) Arno Declair

     

    Mit Nietzsche-Reclambüchlein unterm Arm kommt Peschel ins Fabulieren und Kalauern. Die ganz großen Gesellschaftsthemen werden dabei wie in einem lustigen, gedanklichen Cyrano-Zarathustra-Zalando-Ritt abgehandelt. Aber auch der „Zalando-Franzose“ ist irgendwann vergessen. Peschel lässt sich Käsebrote und Bier reichen, raucht, trinkt, palavert weiter, schnippt den Bierdeckel in einen Wassereimer und lässt sich feiern. Ein bisschen Eitelkeit gehört zum Schauspielberuf, sonst stünde er nicht hier, gibt er zu. Aber es ist auch Handwerk, „dieses Schauspielgedingse da“, und seinen Beruf „liehiehiebeee“ er schon sehr. Leben, Leib und Liebe und natürlich auch jede Menge Liebesleid stecken da in diesem Ausruf. Sowie die plagenden Selbstzweifel und die Angst als vermeintlicher Hochstapler aufzufliegen. Man nennt das dann auch das Münchhausensyndrom.

    Also eine Liebeserklärung an den Schauspielberuf, aber auch eine wunderbare Münchhaussiade durch die Geschichte der Schauspielkunst, als Fest des Scheins und der vereinbarten Lüge, mit einem ellenlangen Stammbaum, den er minutenlang zum Besten gibt, mit Reminiszenzen an alte Kollegen aus der Volksbühne wie z.B. Henry Hübchen, aber auch Fußballern, Politikern und sogar einem Ulrike-Gudrun-Andreas Münchhausen. Milan Peschel schnarrt sich durch schier endlose Textpassagen alter Rollen, zitiert dabei aus Tschechow-, Tolstoi– und Dostojewski-Stücken, oder auch mal aus Armin Petras‘ Dramatisierung des Werner-Bräuning-Romans Rummelplatz, die damals zum Abschluss von dessen Gorki-Intendanz noch einmal mit großem Finale gezeigt wurde.

    Es geht noch ein bisschen weiter mit Theaterinterna, einer kurzen Frank-Castorf-Parodie und der Drohung einfach immer weiterzumachen. Aber nach erwartbaren Einlassungen zur vierten Wand, einer Mitmachnummer mit erhobenen Händen, Witzchen mit einem Zuschauer auf der Bühne und weiterem Textaufgesage (leider zu viel und zu lang, aber auch das müssen Schauspieler können), kommt der Zalando-Kollege (hier müssten wir jetzt eigentlich fast schon was kassieren, für so viel Schleichwerbung) doch noch im vollen Münchhausenornat und beginnt an der Rampe Peschels Text vom Beginn des Stückes aufzusagen. Und wir haben verstanden. Diese kurze Umkehrung der Anfangsvoraussetzung am Ende lässt uns nochmal die wundersame Uneindeutigkeit des Theaters mit all seinen Bühnen- und Lebenslügen vor Augen treten. Ein Ding ohne klaren Anfang und Ende und doch einer täglichen Wiedergeburt auf den Brettern, die für einige so vieles bedeuten. Großer Dank und Beifall.

    ***

    MÜNCHHAUSEN 
    Regie: Jan Bosse
    Ausstattung: Kathrin Plath
    Dramaturgie: Ulrich Beck
    Mit: Milan Peschel und Martin Otting
    Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 30. Mai 2015
    Berliner DT-Premiere: Kammerspiele, 17.09.2015
    Weitere Termine: 11., 16., 29. 10. 2015
    Eine Koproduktion mit dem Ruhrfestspielen Recklinghausen

    Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 19. September 2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Die BERLINER LISTE 2015 überzeugt u.a. mit Portraits und vielen Mixed-Media-Arbeiten

    ___

    LOG_BL_2014_kompaktWie immer am Beginn der Berliner Art Week und immer auch einen Tag vor den anderen Kunstmessen ging am Mittwochabend die als sogenannte Entdecker-Messe bekannte BERLINER LISTE an den Start. Nach einem kurzen Intermezzo im Postbahnhof am Ostbahnhof im letzten Jahr ist man 2015 wieder in die archaische, zweigeschossige Betonhalle des Kraftwerks Mitte zurückgekehrt. Mit immerhin 116 Galerien, Projekträumen und Künstlern aus 19 Ländern konnte die BERLINER LISTE den Rang als größte der Berliner Kunstmessen behaupten. Und neben liebgewonnen alten Bekannten gibt es auch in diesem Jahr einiges an neuer Kunst zu entdecken…

    *

    So zum Beispiel den in Köln lebenden Künstler Ali Zülfikar. Seine markanten, mit Bleistift auf Leinwand gemalten Portraits stechen schon von weitem ins Auge. Diese bisher recht ungewöhnliche Art zu zeichnen – Zülfikar hat lange experimentiert, um den Bleistift dauerhaft auf der Leinwand zu fixieren – erhebt mit ihrem außerordentlichen Licht- und Schattenspiel jede Falte aus den großformatigen Gesichtslandschaften. Die so Portraitierten strahlen wirkliches gelebtes Leben aus. Ebenso eindrucksvoll sind auch die Acryl-Portraits von Elena Schmidt. Sie benutzt Teefilter als Schutzüberzug. Geheimnisvoll und surreal sind Jaya Suberg übermalt Injektprints. Und auch Marijke Vissas Mixtechnik-Portraits wirken seltsam magisch und verträumt auf den Betrachter.

    Ali Zülfikar auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.
    Ali Zülfikar auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

     

    Überhaupt sind Mixed-Media-Arbeiten in diesem Jahr wieder stark vertreten. Ungewöhnlich ist da auch immer noch die sogenannte Tape-Art, bei der die Bilder mittels gerissenen Klebebands auf den Untergrund aufgebracht werden. Der Künstler Max Zorn ist hier direkt bei der Arbeit zu beobachten. Seine von innen her leuchteten Glaskästen zeigen Landschaften oder auch Szenen aus dem urbanen Nachtleben. Hein Wachinger fertigt kleine umrahmte Bühnenbilder, die wie szenische Setzkästen wirken. Eine spielerische Verbindung von Malerei und Skulptur. Minimalistische farbige Bild-Skulpturen aus Holz fertigt der Künstler Werner Schlegel. Sie hängen neben den bemalten, mit der Natur des Holzes verschmelzenden Figuren des Bildhauers Edvardas Radcevicius.

    Edvardas Radcevicius auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.
    Edvardas Radcevicius auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

     

    Die Genres Malerei, Zeichnung und Installation verbindet Eva Koziol in ihrer Kunst. Evgeneny Gegouzin baut aus seinen stark modellierten, symbolgeladenen Acrylbildern sogar eine ganze Wand-Installation. In zentraler Position präsentiert sich die Installation Cat Walk Switzerland des Schweizer Künstlers Joey Schmidt-Muller. Damit überführt er konsequent seine bisher zweidimensionalen Fetischbilder in die dritte Dimension. Vertreten wird Schmidt-Muller wie einige der bereits genannten Künstler von der stark vertretenen Galerie Contemporary Fine Arts aus Backnang. Ein Besuch des Stands der schwäbischen Künstlervertretung lohnt sich in jedem Fall. Erwähnenswert sind hier auch Bernadette Blümel mit ihren symbolischen Herz-Tuschezeichnungen sowie die Skulpturen aus Silicium- und Aluminiumoxid der Bildhauerin Johanna Frohberg. Die Galerie Böhner zeigt kleine, ironische Bronzeskulpturen von Tim David Trillsam, die ihre Wesenszüge als überdimensionale Gliedmaßen oder Insekten mit sich herumschleppen.

    Tim David Trillsam (Bitte nicht) auf de BERLINER LISTE - Foto: St. B,
    Tim David Trillsam auf de BERLINER LISTE – Foto: St. B.

     

    Der sich selbst Super Pop Artist nennende Francesco Neo aus Nürnberg liebt es, die Ikonen der Weltgeschichte in seinen Altarbildern ironisch zu porträtieren. So zeigt er einen Picasso mit Kuscheltieren, gibt Mutter Theresa eine Aura aus schwarzen Kondomen und hängt Angela Merkel als Queen mit Messerkranzkrone neben einen Hitler mit Blüten-Corona und der Aufschrift „Arschloch“. Erklärung des Künstlers: „Früher liebten die Deutschen Adolf Hitler, heute nennen sie ihn Arschloch.“ Wie wird es Angela Merkel ergehen. Die Stimmen aus Heidenau kennen wir bereits.

    Francesco Neo auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.
    Francesco Neo auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

     

    Ariel Shallit hat für seine Serie Re-Imagined mit ebenfalls recht poppigen Portraits prominenter Vertreter aus Kunst, Kultur und Politik Schwarz-Weiß-Fotografien mit Acrylfarbe übermalt. Uwe Mertsch schneidet einige seiner Werke aus gitterartigem Kunststoffgewebe. Günther Grass durchschauend heißt doppeldeutig ein Portrait des deutschen Schriftstellers, das man auch frei in den Raum hängen kann. Das Portrait im Kontext von Mythen aus der biblischen Geschichte beherrscht auch der Foto-Künstler Wadim Rakowski aus Berlin. Ein Tafelbild des christlichen Abendmals auf Säcken von Geld hängt bei ihm als Verweis auf aktuelle Ereignisse aus Weltgeschehen und Politik. Rakowski arrangiert es zusammen mit Versen des Exodus und aus dem Lukasevangelium als kritischen Kommentar zur Flüchtlingsdebatte.

    Wadim Rakowski auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.
    Wadim Rakowski auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

     

    In der seit drei Jahren auf der BERLINER LISTE vertretenen Fotografie-Sektion zeigen 13 Galerien und Künstler ihre Werke. Am Stand des Kreuzberger Ateliers Cross Art nimmt Gerhard Aba in seiner klassisch stilisierten, schwarz-weißen Fetisch-Portrait-Serie I’m Perfect die gleichnamige Werbekampagne des Modelabels Esprit aufs Korn. Die deutsche Fotografin Jeanne Fredac wie auch der niederländische Fotograf Niki Feijen zeigen beide verlassene Ort, die einst viel frequentiert nun sich selbst überlassen meditative Ruhe und völlige Entschleunigung zeigen. Der Spanier Javier Bella verblüfft wiederum mit seinen Negativ-Fotos von vermeintlich bekannten Stadtansichten Europas.

    Joey Schmidt-Muller auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.
    Joey Schmidt-Muller auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

     

    Für den ganz aktiven Messebesucher hält die Performance-Künstlerin Antoanetta Marinov noch eine Überraschung bereit. „Ich werde durch die Gänge gehen und Zauberstäbe für die breite Öffentlichkeit auf den Berliner Kunstmessen anbieten.“ heißt es auf der Website der BERLINER LISTE. Marinov will mit einem Bauchladen voll dieser hölzernen Kunststäbe über alle drei Messen laufen und sucht dafür nach MitstreiterInnen. Bis zum Sonntag kann man noch diesem besonders kommunikativen Angebot Folge leisten und sich ihr anschließen. Für beide Seiten sicher eine gute Gelegenheit ins Gespräch über den Zauber der Kunst und vieles mehr zu kommen.

    ***

    Berliner Liste 2015

    Messe für zeitgenössische Malerei, Skulpturen, Zeichnungen, Grafik, Installationen, Video-Kunst, Performance

    Kraftwerk Berlin, Köpenicker Straße 70, 10179 Berlin (U-Heinrich Heine Straße)

    16. – 20. September 2015

    Öffnungszeiten: Do. – Sa.: 13-21 Uhr, So.: 11-19 Uhr

    Infos: http://berliner-liste.org/wordpress/

    Zuerste erschienen am 18.09.2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • The Situation – Yael Ronen und Team verbinden am Maxim Gorki Theater die persönlichen Geschichten junger Migranten aus Israel, Palästina und Syrien mit den Problemen des ungelösten Nah-Ost-Konflikts.

    ___

    Seit ihrem ersten Theaterstück in Deutschland Die dritte Generation, in dem sich junge SchauspielerInnen aus Israel, Palästina und Deutschland im gemeinsamen Diskurs mehr oder weniger vergeblich um ein friedliches Zusammenleben von Juden, Palästinensern und Deutschen bemühten, lassen die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen die Probleme von Jugendlichen aus den Krisenregionen dieser Welt nicht mehr los. Zuletzt wurde sie mit Common Ground, einem Abend über die Aufarbeitung der Balkankriege zum THEATERTREFFEN 2015 eingeladen.

    *

    Foto (c) Esra Rotthoff
    Foto (c) Esra Rotthoff

    Und auch in Ronens neuer Produktion The Situation, die am 04.09.2015 im Maxim Gorki Theater uraufgeführt wurde, geht es – über Trennendes und Verbindendes hinaus – um den Versuch ein gemeinsames Fundament der Verständigung zu schaffen. Mit der sogenannten „Situation“ ist nichts anderes gemeint als der immer währende Nahostkonflikt zwischen Israelis, Palästinensern und den arabischen Nachbarstaaten. In der als interkulturell und frei gepriesenen Stadt Berlin treffen nun immer mehr MigrantInnen aus der Region mit ihren ungelösten Konflikten im Gepäck auf eine deutsche Gesellschaft im Wandel, die ihrerseits nicht mit klugen Ratschlägen geizt oder auch mit Unwissen und Unverständnis auf die Neuankömmlinge reagiert.

    So ein wohlmeinender und altkluger Vertreter ist auch der Sprachlehrer Stefan (Dimitrij Schaad), der fünf jungen MigrantInnen aus Israel, Palästina und Syrien als ganz aktuellem Krisenherd die deutsche Sprache beibringen soll. So wird der Abend dann auch als Deutschlandkurs in 90 Minuten und mehreren Lektionen angekündigt, bei dem zunächst das aus Israel stammende Paar Noa (Orit Nahmias) und Amier (Yousef Sweid) von ihrem Lehrer ausgiebig über das Wer, Woher und Warum befragt wird. Wobei Stefan nicht müde wird, die deutsche Aussprache seiner Schüler zu korrigieren, in seiner Wortwahl aber selbst höchst unsicher ist. So gerät er über die Frage, ob Noa Jüdin sei, ins Stammeln oder wird bei einem wissend wirkenden „Aha“ ertappt. Noa berichtet in recht schwarz-humoriger Art von den Vorurteilen ihrer jüdischen Eltern und Amier über das Problem mit seinem Sohn Arabisch zu sprechen. In Neukölln hat er endlich ein „Village“ gefunden, in dem er sich ganz als Palästinenser fühlen kann. Die Ehe des israelisch-palästinensischen Paars ist dann aber trotz allem mehr an den üblichen Mann-Frau-Problemen gescheitert als am Nahostkonflikt.

    Bis dahin ist wieder alles in einem, wie von Yael Ronen erwartbar, typisch ironisch witzigem Boulevardstil inszeniert, der sich auch in der Vorstellung der flippigen schwarzen Palästinenserin Laila (Maryam Abu Khaled) vorsetzt, die sich bei Stefan einquartiert hatte und nach einem Kurztrip nach Hause mit dem palästinensischen Rapper Karim (Karim Daoud) im Schlepptau wieder beim ihm auftaucht. Stefan soll Karims antisemitische Raptexte ins Deutsche übersetzen, macht daraus aber dann einen zwar politisch korrekten nur eben auch sexistischen Gangsterrap. In Stefans Zimmer wohnt mittlerweile der Syrer Hamoudi (Ayham Majid Agha), der sich daheim als Schmuggler durchschlagen musste und schließlich abgestumpft durch die Ausweglosigkeit des andauernden Kriegszustands in Syrien über eine Zwischenstation im Libanon nach Berlin geflüchtet ist. Hamoudi, der auch selbst gedrehte Videofilme über den Krieg bei Youtube eingestellt hat, hält Stefan mit ein paar Anekdoten über al-Qaida und den IS zum Besten. Was wie purer Sarkasmus daherkommt, ist letztendlich aber mehr eine Art von Überlebensstrategie, um nicht vollends zu verzweifeln.

     

    The Situation am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.
    The Situation am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

     

    Auf einer aufklappbaren und rückwärtig als Treppe fungierenden Klagemauer hocken die fünf in Berlin Gestrandeten vor ihrem Lehrer, der, mit all ihren Problemen konfrontiert, ein regelrechtes Helfersyndrom entwickelt hat. An den Alltagsklamotten der MigrantInnen sind die Farben Weiß, Blau, Grün, Rot und Schwarz der Flaggen von Israel, Syrien und Palästina erkennbar. Sie schleppen also immer auch ein wenig ihr Land, aus dem sie geflohen sind, mit sich herum. Es abzustreifen wie ein abgetragenes Kleidungsstück stellt sich dabei aber als fast unmöglich heraus. Und so erhält dann jeder der Fünf nochmal einen Soloauftritt, in dem das Publikum mehr aus dem sozialen Umfeld der durchweg jungen KünstlerInnen und über ihre Motivation für die Migration nach Berlin erfährt.

    Schließlich entpuppt sich sogar der Lehrer Stefan als aus Kasachstan stammender Russland-Deutscher mit dem ursprünglichen Vornamen Sergej. Er erzählt in einem längeren Monolog die schier unglaubliche Migrationsgeschichte seiner Eltern, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einem erstarkenden Nationalismus in Kasachstan nach Deutschland gekommen sind. Nach den etwas krummen Pfaden des Vaters in der latent korrupten Sowjetunion und dem autokratischen und offen kriminellen System in Kasachstan musste die Familie in Deutschland einen ganz neuen Weg finden.

    Wie der Weg der Neuankömmlinge aussehen wird, bleibt relativ offen. Man gibt sich aber optimistisch, will einen Job finden oder sich künstlerisch betätigen. Und was das Hadern mit der Situation betrifft – außer auf eine leckere Runde Humus wird man sich auch da auf keine Lösung einigen können. Das Stück bricht dann auch relativ ergebnisoffen ab. Der Zuschauer bekommt in 100 Minuten eine Fülle an Information. Es wird viel erzählt, wenig wirklich gespielt, und dennoch entwickelt sich so etwas wie ein dramatisches Gefüge, wenn auch nicht in der Intensität der bisherigen Diskurstheaterstücke von Yael Ronen. Was bleibt, ist zumindest ein Gefühl von Gemeinsamkeit, ein erster Schritt ist getan.

    ***

    The Situation
    von Yael Ronen & Ensemble
    Regie: Yael Ronen
    Bühne: Tal Shacham
    Kostüme: Amit Epstein
    Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
    Licht: Jens Krüger
    Dramaturgie: Irina Szodruch
    Mit: Karim Daoud, Maryam Abu Khaled, Orit Nahmias, Dimitrij Schaad, Yousef Sweid, Ayham Majid Agha
    Uraufführung am 04.09.2015 im Maxim Gorki Theater
    Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
    Termine: 09. und 20.09. sowie 08., 16. und 19.10.2015

    Infos: http://www.gorki.de/

    Zuerst erschienen am 07.09.2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • THE GHOSTS – Constanza Macras und Dorky Park beschließen den Tanz im August 2015 in der Berliner Schaubühne mit einem Stück über das Schicksal ausrangierter chinesischer Akrobaten.

    ___

    Zu Beginn von The Ghosts, der neuen Tanzperformance der bereits seit langem in Berlin residierenden argentinischen Choreografin Constanza Macras, zerreißen zwei markerschütternde Schreie den Theatersaal der Schaubühne am Lehniner Platz. Wie in einer Art Séance alter chinesischer Mythen schließt sich eine Prozession weiß verhüllter Gestalten an, begleitet von drei chinesischen Akrobatinnen, die in jeder Hand surrend drei Teller jonglieren. Mit einem alten chinesischen Jonglage-Gerät aus zwei Halbkugeln, dem sogenannten Diabolo (Deutsch: durcheinanderwerfen), das u.a. auch bei Straßenkünstlern sehr beliebt ist, erzeugt dazu einer der beiden großartigen ebenfalls chinesischen Musiker ein anschwellend sonores Geräusch in der Luft. Zum Abschluss vom TANZ IM AUGUST 2015 hat auch Constanza Macras passend zum diesjährigen Asien-Schwerpunkt einen ganz interessanten Beitrag über aussortierte chinesische Akrobaten abgeliefert.

    The Ghosts_Schaubühne2
    Foto: St. B.

    Bereits in The Past zeigte sich Macras‘ Affinität zu asiatischen Schlangenmenschen, als sich ihr japanischer Tänzer Nile Koetting aus einer Einkaufstasche schälte. Nun vergleicht die Choreografin die schon in jungen Jahren in staatlichen chinesischen Akrobatenschulen gedrillten und dann bereits mit Mitte Zwanzig kurz nach ihrem Leistungshöhepunkt ohne ökonomische Absicherung wieder aussortierten Künstler mit den sogenannten „hungrigen Geistern“ aus der asiatischen Mythologie, die von Geistern verstorbener Ahnen berichtet, die immer wieder nach Hause zurückkehren, um ihren Hunger zu stillen. Um diese Geister zu besänftigen, stellen ihnen die Verwandten bei einem jährlichen Fest in Form von Essen und verbranntem Geld Opfergaben vor die Tür. Eine fast ebenso lange Tradition hat auch die Akrobatik in China.

    Der deutsche Zuschauer liebt das Dokutheater, hat die 15jährige Huanhuan Zhang bei den Proben gelernt, und so erzählt die junge Akrobatin anhand eines Vortrags mittels an die Rückwand der Bühne geworfenen Videobildern von ihrem Alltag auf einem chinesischen Vergnügungspark, auf dem sie mit den beiden Schwestern Xiaorui Pan und Huimin Zhang, die ebenfalls im Stück mitwirken, und ihrem Onkel als Akrobatentruppe auftritt. Das so Vorgetragene wird noch durch weitere Biografien ergänzt inklusive der Geschichte der chinesischen Akrobatik. Bereits vor unserer Zeitrechnung verbürgt, wurde sie im 14. Jahrhundert Volkskunst und schließlich auch von den Kommunisten in den 1950er Jahre entdeckt. Mao spannte die Akrobatik als „revolutionäre Kunst“ für seine Ziele ein. Constanza Macras‘ TänzerInnen bilden hier immer wieder kämpferische Gemeinschafts-Tableaus mit den chinesischen Akrobaten. Weiter erfahren wir, dass sich der soziale Status der Truppen in den staatlichen Akrobatenschulen zunächst verbesserte, allerdings die Akrobatik in der Zeit der Kulturrevolution dann auch schnell wieder als bürgerliche Unterhaltungskunst verunglimpft wurde.

     

    The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Thomas Aurin
    The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz
    Foto (C) Thomas Aurin

     

    So reihen sich die Vorträge an artistische Nummern wie Jonglagen, Körper-Kontorsionen und Akrobatik an einem von der Decke hängendem Tuch. Es wird viel auf Händen gelaufen und zirzensisch in den Seilen gehangen. Eines der Mädchen jongliert liegend relativ abenteuerlich zunächst einen großen Tisch und dann eine ihrer Schwestern auf den Füßen. Irgendwann sind wir dann auch noch auf dem Tian’anmen-Platz und landen schließlich in der Gegenwart der sich rasant entwickelnden chinesischen Industriegesellschaft, in der die Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden in den damals noch blauen Himmel schießen. China startet zum nächsten großen Sprung. Sogar die Einkind-Politik wird noch mit eingeflochten. Dabei kommt nochmal sehr schön der Mythos der traurigen Geisterfrauen zum Tragen. Eine Tochter ist kein Junge, aber am Ende besser als nichts, und kann zumindest als Akrobatin den Unterhalt für das Studium eines Familienmitglieds erarbeiten.

    Nach dem Entzünden einer auf der Bühne stehenden Opferschale gibt es noch einen schönen Auftritt der Frauen in Ballkleidern, die künstlerische Wiederbelebung der „Hungergeister“ will aber so recht nicht gelingen. Der viele Text und die natürlich das Publikum begeisternden, akrobatischen Darbietungen dominieren die ganze Performance und drücken das tänzerische Element zu sehr an den Rand. Die fünf unterstützenden TänzerInnen von DorkyPark treten dabei zu Gunsten der chinesischen ProtagonistInnen und ihrer Emotionen heischenden Geschichten fast völlig in den Hintergrund. Es ist dann auch mehr die mit alten chinesischen Instrumenten erzeugte, wunderbar schräg anmutende Musik, die sich als wirklich künstlerisches Ereignis an diesem sonst so disparaten Abend angenehm ins Unterbewusstsein drängt.

    ***

    Tanz im August_logoTHE GHOSTS
    Regie und Choreographie: Constanza Macras
    Bühne: Janina Audick
    Kostüme: Allie Saunders
    Musik: Chico Mello in Kollaboration mit Wu Wei, Jiannan Chen, Fernanda Farah und Yi Liu
    Sound: Stephan Wöhrmann
    Dramaturgie: Carmen Mehnert
    Licht: Sergio de Carvalho Pessanha
    Von und mit: Emil Bordás, Jiannan Chen, Fernanda Farah, Lu Ge, Yi Liu, Chico Mello, Juliana Neves, Xiaorui Pan, Daisy Phillips, Wu Wei, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang

    Premiere in der Schaubühne Berlin: 03.09.2015

    Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und Goethe-Institut China in Koproduktion mit Tanz im August, Schaubühne am Lehniner Platz, CSS Teatro stabile di innovazione del FVG, Udine und dem Guangdong Dance Festival.

    Weitere Vorstellungen von THE GHOSTS am 7. + 8.9.2015

    Infos: http://www.tanzimaugust.de/programm/festivalplan/constanza-macras-dorkypark-the-ghosts/

    Weitere Informationen und Tickets: www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-ghosts

    Zuerst erschienen am 06.09.2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • EL DSCHIHAD – Ein kleines Dokutheaterstück im Ballhaus Naunynstraße versucht die historische Verstrickung Deutschlands in den islamistischen Terror zu hinterleuchten.

    ___

    Deutschland und der islamische Dschihad – dass sich diese gemeinsame Geschichte weiter zurückverfolgen lässt als bis zum 11. September 2001 (da mehrere muslimische Attentäter, von denen einige zuvor in Hamburg studiert hatten, zwei Passagierflugzeuge ins New Yorker World-Trade-Center lenkten), ist sicher nicht jedem bekannt. Diese Tatsache und wie sich Menschen zu solchen Taten radikalisieren lassen, hat die 1962 in Beirut geborene Theaterregisseurin Claudia Basrawi interessiert. In der von ihr verantworteten Eröffnungsinszenierung der neuen Spielzeit im Ballhaus Naunynstraße mit Namen El Dschihad versucht sie anhand von geführten Interviews und jeder Menge Recherchearbeit zum Thema diese Zusammenhänge aufzudecken und künstlerisch zu verarbeiten. Ihre Motivation, wie die Regisseurin zu Beginn erklärt, zieht sie aus ihrer familiären Nähe zu den heutigen Brennpunkten des sogenannten Islamischen Staats (IS) in Syrien und dem Irak. Ihre Eltern stammen aus Bagdad, geboren wurde Claudia Basrawi in Beirut. In Damaskus lebte sie einige Jahre, die sie heute noch als die schönste Zeit in ihrem Leben bezeichnet. Nach dem Beginn des Bürgerkriegs 2011 in Syrien kam sie wieder nach Deutschland, ein Schicksal, dass sie aktuell mit den meisten ebenfalls nach Deutschland drängenden Flüchtlingen teilt. In der sich momentan dadurch verändernden geopolitischen Lage der Welt spielt Deutschland ihrer Meinung nach eine große Rolle.

    El Dschihad_BN-Poster

    El Dschihad heißt auch eine im Ersten Weltkrieg in Deutschland in mehreren Sprachen von der Nachrichtenstelle für den Orient (NfO) herausgebrachte „Zeitung für mohammedanische Kriegsgefangene“, die in der Nähe von Berlin im brandenburgischen Wünsdorf bei Zossen interniert waren. An diesem als „Halbmondlager“ bezeichneten Ort wurden die aus dem Nahen Osten, Nordafrika, Russland und Indien stammenden Muslime von der deutsche Propagandaeinrichtung des NfO auf den Kampf gegen die Besatzer ihrer Länder wie Frankreich und England (bekanntlich Gegner des Deutschen Reichs) vorbereitet. Sogar ein deutscher Diplomat und Orientalist zog ab 1914 im Auftrag von Kaiser Wilhelm II durch den Nahen und Mittleren Osten. Max von Oppenheim – wir hören später in einem Video der Inszenierung aus seinen Berichten – sollte die Muslime der Region zu Sabotageakten und Attentaten aufstacheln. Dazu wurden vor allem die Religionslehren des Islams ausgenutzt, die den Dschihad mehr oder weniger als religiöse Pflicht vorschreiben. Allerdings gibt es da natürlich auch sehr viel Interpretationsspielraum.

    Eigentlich bedeutet Dschihad nicht nur wie allgemein bekannt „Heiliger Krieg“, sondern wörtlich übersetzt Bemühung oder Anstrengung, wie wir erfahren. Also eine doch etwas positivere Konnotation, wenn man beiseitelässt, welche Gräueltaten heute von islamistischen Terroristen im Namen des Dschihad begangen werden. Insbesondere ist damit natürlich der IS in Syrien und im Irak gemeint. Zur allgemeinen Stimmungslage in Bezug auf die Radikalisierung von Muslimen in Deutschland für diesen Kampf haben die Regisseurin und ihr Team Interviewmaterial auf der Straße gesammelt und mit einen Imam befragt. Mit Hilfe von vier weiteren DarstellerInnen (Elmira Bahrami, Erdinç Güler, Mario Mentrup und Rahel Savoldelli) werden die Ergebnisse nun teils erzählerisch, teils spielerisch auf der Bühne des Ballhaus Naunynstraße präsentiert. Dazu sprechen die AkteurInnen abwechselnd in einen umgekehrten Trichter, oder führen auch kleine Szenen hinter einem Gazevorhang auf, was wiederum auf eine Videoleinwand übertragen wird. Der Imam macht vor allem die vorherrschende Stigmatisierung des Islam, die fehlende Bildung und das Internet für die voranschreitende Radikalisierung unter den Jugendlichen verantwortlich. Besonders im Gefängnis wären die jungen Muslime auf der Suche nach Anschluss und charismatischen Persönlichkeiten anfällig für deren Ideologien.

     

    El Dschihad im Ballhaus Naunynstraße - Foto © Lena Obst
    El Dschihad im Ballhaus Naunynstraße – Foto © Lena Obst

     

    Claudia Basrawi hat eine Art Dokutheater geschaffen, das sich in einigen Momenten ausnimmt wie die allbekannten Faktenbombardements von Hans-Werner Kroesinger, dann aber anscheinend doch nicht ganz seinen Quellen vertraut und sie weitestgehend anonymisiert als Herr S oder Frau K auftreten lässt. So stehen hier recherchierte Fakten neben den Meinungen und Aussagen von Passanten und einer sogenannten Nahostpolitikexpertin oder einem linken Militärhistoriker, der über die gezielte Aufrüstung der Dschihadisten durch die internationalen Großmächte berichtet. Wie etwa durch die USA, die ab Ende der 1970er Jahre die Mudschaheddin in Afghanistan im Kampf gegen die damalige Sowjetunion mit Waffenlieferungen unterstützen. Es geht um Einflussnahme und Kontrolle der Öl- und Gasvorräte im Nahen Osten, wie wir hören. Im Krieg wird von allen Seiten für die mediale Manipulation und gezielte Propaganda immer noch viel Geld aufgewendet. Ein Szenario, das sich seit dem Ende des Kalten Krieges wohl kaum verändert hat. Die momentane Lage in Syrien und dem Irak sind weitere Beweise dafür.

    Schließlich hören wir noch einen deutschen Archäologen, der die Überreste einer 1915 für die muslimischen Kriegsgefangenen in Wünsdorf erbauten Moschee ausgraben soll. Der sehr überzeugend wirkende Erdinç Güler schreitet hier die Fläche der Bühne im Ballhaus wie eine imaginäre Grabungsstätte ab, telefoniert zwischendurch, gibt Anweisungen und erzählt nebenbei aus der Geschichte des Ortes. Er ist in Zeitdruck, denn die Bagger stehen schon bereit für den Bau eines Aufnahmelagers für Flüchtlinge aus Syrien. So schließt sich der Kreis aus der Vergangenheit im Hier und Jetzt. Im Video wandeln die DarstellerInnen in historischen Kostümen auf einem muslimischen Friedhof in Wünsdorf wie die Geister der Verstorbenen, denen sie auch kurzzeitig ihre Stimmen leihen. Das ist zweifellos sehr interessant erzählt, wirkt künstlerisch aber auch recht bemüht. Es bedarf sicher einiges mehr, wie etwa die vom Leiter des Ballhaus Naunynstraße Wagner Carvalho anschließend angekündigten Podiumsdiskussionen, um die Dimensionen dieses Themas ausreichend zu beleuchten. Der knapp 90 Minuten währende Abend kann sie nur vage umreißen.

    ***

    EL DSCHIHAD
    von Claudia Basrawi und Team
    Regie: Claudia Basrawi
    Konzeptionelle Mitarbeit: Samuel Schwarz
    Bühne, Kostüm und Video: Rebecca Riedel, Patricia Talacko
    Musik: Gina D’Orio
    Dramaturgie: Azar Mortazavi, Katja Wenzel
    Mit: Elmira Bahrami, Claudia Basrawi, Erdinç Güler, Mario Mentrup, Rahel Savoldelli
    Uraufführung im Ballhaus Naunynstraße am 1.9.2015
    Termine: 4.-5.9. / 7.-8.9.15

    Infos: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/

    Zuerst erschienen am 02.09.2015 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Lessing, bitte!? – Andreas Kriegenburg inszeniert den NATHAN am Deutschen Theater Berlin als Toleranz-Comic mit Matsch und Lattenzaun.

    ___

    Der Mensch hat im Lauf der Weltgeschichte nach unzähligen Kriegen, Revolutionen, der Aufklärung, fortschreitender Säkularisierung und Kommerzialisierung seinen Glauben verloren. Spätestens seit Nietzsche ist Gott tot und der Himmel leer. So nennt sich dann auch das neue Spielzeitmotto am Deutschen Theater „Der leere Himmel“. Was an die Stelle Gottes getreten ist, werden nun die von der Berliner Traditionsbühne des guten Bildungsbürgertums beauftragten Theaterschaffenden eine Spielzeit lang in über 20 neuen Inszenierungen untersuchen. Stück der Stunde dürfte dabei zweifellos das von Gotthold Ephraim Lessing 1779 geschriebene Dramatische Gedicht Nathan der Weise sein, das immer dann auf den Spielplänen steht, wenn Vernunft, Toleranz und Humanismus in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft in Gefahr geraten. Der Streit um die richtige Religion vermischt sich auch heute angesichts von Terror, Flucht und Verfolgung wieder mit jeder Menge Populismus, nationalistischen Ressentiments und blankem Fremdenhass.

     

    Der Himmel ist leer in der neuen Spielzeit am DT - Foto: St. B.
    Der Himmel ist leer in der neuen Spielzeit am DT – Foto: St. B.

     

    Lessings verbarg seine Religionskritik im Gewand eines utopisch anmutenden Lehrstücks über Toleranz. Der Jude Nathan, dessen Familie in der Zeit der Jerusalemer Kreuzzüge von Christen ermordet wurde, zieht ein christliches Mädchen auf, das wiederum bei einem Brand von einem deutschen Tempelherrn gerettet wird. Dieser war vom Sultan Saladin wegen einer Ähnlichkeit zu dessen verschollenem Bruder begnadigt worden. Nach einigen Irrungen und Wirrungen liegen sich am Ende alle mehr oder weniger miteinander verwandt in den Armen. Herzstück von Lessings Nathan ist die Ringparabel, deren Interpretation zum heiligen Bildungskanon des deutschen Literaturunterrichts gehört. Nur kurz zum allbekannten Fazit: So wie sich ein Ring dem anderen gleicht, lässt sich auch keine der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam der anderen vorziehen. „Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!“ – was im Grunde genommen den Kern von jedweder Toleranz ausmacht.

    „Der eingeforderte interkulturelle Dialog zwischen Christentum, Islam und Judentum, basierend auf Vernunft und Humanität, lässt sich heute im Kontext fortschreitender fundamentalistischer Konflikte wie bereits zu Lessings Zeiten, nur wie ein Märchen lesen. Ein Märchen, das dem Strukturprinzip der Komödie folgt.“ So gelesen im Programmheft des Stücks. Regisseur Andreas Kriegenburg will also die Komödie aus dem Nathan kitzeln, und (wie es im Programmheft weiter heißt) „als archaischen Comic“ aufführen, „an dessen Anfang der aus Erde erschaffene Mensch steht.“ Das lässt sich dann so an, dass zu Beginn des Stücks ein von oben bis unten mit Schlamm beschmiertes Adam-und-Eva-Paar in inniger Umarmung liegt, bis es von vier weiteren „Erdmännchen“ getrennt wird. Es beginnt ein zirzensisches Merry-Go-Round-Spiel im Stummfilm-Watschelgang vom unschuldigen Erdenanfang bis in die Konsumgesellschaft mit Marken-Boutiquen-Tüten um einen großen Latten-Kubus, der wohl die einzig gültige Wahrheit zu bergen scheint. Am Ende des kleinen Vorspiels starren dann alle gen Bühnenhimmel und rufen vergeblich nach ihrem Gott. Nur – siehe Motto – der Himmel ist leer.

    So weit, so gut und schlüssig. Nur: „Lessing, bitte!“ Gesagt, getan. Zur Brecht‘schen Verfremdung gesellen sich nun noch einige Kleider sowie religiöse Symbole wie Schläfenlocken und Hut, und schon ist Jud. „Is Jud jetzt“ kalauert sich also das Erdmännchen-Sextett in seine Rollenzuschreibungen, die bis auf den Nathan von Jörg Pose auch immer mal gewechselt werden. Distanz, ja. Zweifel, na ja. Schon Nicolas Stemann hat in seiner Nathan-Inszenierung, die vor ein paar Jahren hier als Gastspiel des Hamburger Thalia Theaters lief, ironisch mit Rollenklischees und religiösen Symbolen gespielt, sich den Nathan aber weitestgehend vom Hals gehalten und immer wieder den auf religiösen Terror, Märtyrertum, Pappmaschee-Köpfe der Weltpolitik und den österreichischen Fritzl-Keller eingehenden Text Abraumhalde von Elfriede Jelinek eingeflochten. Kriegenburg belässt es bei ein paar modernisierenden Wortspielereien und Andeutungen wie brennenden Flüchtlingsheimen oder einer Front nationaler Europäer.

    Nathan der Weise_DT-SchaukastenWenn der junge Tempelherr (Elias Arens) sein Kreuz beklagt, trägt man ihm sogleich ein selbiges aus Latten an, inklusive Inri-Schild. Nathans Tochter Recha (Nina Gummich) himmelt ihren engelsgleichen Retter wie ein verliebter Teenager an. Das Schachspiel des Sultans Saladin (Bernd Moss) – auch mal Satan Sultanin genannt – mit seiner Schwester Sittha (Julia Nachtmann) wird wie in einer Al Jazeera Sportreportage kommentiert. Und wenn der Patriarch von Jerusalem sein „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“ von sich gibt, sitzt Natalie Selig im übergroßen Fettsuite auf dem Klo und wühlt in braunen Exkrementen. Grüß Gott, Schalom und Salem aleikum. Das Jerusalem der Kreuzzüge als lustiges „Grußbabel“ mit einer Lattenzaun-Klagemauer, die sich aus dem aufgefächerten Kubus bilden lässt, der auf der Rückseite das Haus des Nathan darstellt. In einer einzigen ernsten und wohl auch ernst gemeinten Szene hat der als guter Märchenonkel vom Kubus herunter dann seinen Ringparabel-Auftritt.

    Ansonsten witzelt und kalauert die Inszenierung weiter vor sich hin und bringt in gut 2 ¾ Stunden fast den gesamten Nathan, ohne dass sie wirklich an den Kern des Lessing-Stoffs käme. Das will die Regie wohl auch gar nicht und gibt sich mit der Zurschaustellung von oberflächlicher Symbolik und Klamauk zufrieden. Der Text scheint für Andreas Kriegenburg nur Anlass für Wortwitze, comicartige Bilder und ulkige Figurenzeichnungen geboten zu haben. Eine Hinterfragung des Stücks oder möglicherweise sogar seine kritische zeithistorische Einordnung als Schablone für unsere Gegenwart findet nicht statt. Toleranz als gute Abendunterhaltung. Das ist soweit ganz lustig, tut aber auch mit Sicherheit niemandem weh.

    Schon Lessing selbst hielt seinen allzu märchenhaften Plot auf dem Theater für wenig wirksam. Bei Kriegenburg erfolgt nun der Versuch einer Überrumpelung des Publikums mit Spaß und Comedy. Ein ironisch spitzbübisches Wachkitzeln sozusagen, was per se ja nicht total falsch ist, da ein erhobener Zeigefinger in Sachen Aufklärung nur einmal mehr in die Totalermüdung und Schlafstarre führen würde. Davor ist allerdings auch Kriegenburgs andauernde Attacke auf die Lachmuskeln der Zuschauer nicht ganz gefeit. Der treffsichere Humor hält sich auf Dauer in Grenzen und der Erkenntnisgewinn bleibt trotz hinreißendem Schauspiel des sechsköpfigen Ensembles wie immer recht gering. Zum Schluss gibt es auch hier wie in Lessings Original ein wie von Gotteshand gefügtes, wundersames Happy End. Die Kiste zu und alle Fragen offen. Anschließend fordern die Schauspieler in einer wohl von Herbert Fritsch entlehnten Applausordnung mit hochgehaltenem Schild nach Free Hugs. Sie ihnen zu gewähren, wäre wohl eine Spielart von Toleranz.

    ***

    Nathan der Weise
    von Gotthold Ephraim Lessing
    Regie: Andreas Kriegenburg
    Bühne: Harald Thor
    Kostüme: Andrea Schraad, Cornelia Gloth
    Licht: Cornelia Gloth
    Dramaturgie: Juliane Koepp.
    Mit: Bernd Moss, Julia Nachtmann, Natali Seelig, Elias Arens, Nina Gummich, Jörg Pose.
    Premiere am Deutsches Theater Berlin: 30.08.2015
    Dauer: ca. 2 Stunden, 50 Minuten, eine Pause
    Weitere Termine: 7., 11., 18. + 21. 9. 2015

    Infos: http://www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 01.09.2015 auf Kultur-Extra.

    ___________