Seit 25 Jahren gibt es nun schon das TFF Rudolstadt. Die Anfänge reichen eigentlich sogar bis ins Jahr 1955 zurück. Das sogenannte „Fest des deutschen Volkstanzes“ entwickelte sich schnell zu einem jährlich stattfindenden DDR-Tanz-und-Folklorefest unter starker Beteiligung der osteuropäischen Nationen, damals noch sozialistische Bruderländer genannt. 1991 erfolgte der Neustart als Forum für die klassische Folkszene. Mittlerweile ist das TFF aber zum größten und renommiertestes Festival für Roots, Folk und Weltmusik mit internationalem Renommee in Deutschland avanciert. Alljährlich besuchen zwischen 70.000 und 90.000 Musikbegeisterte die bis zu 200 Konzerte auf den mehr als 20 Bühnen der kleinen Saalestadt. Und auch zum Jubiläums-Festival 2015 haben sich wieder rund 150 Bands angesagt.
Diesmal, so heißt es von den Veranstaltern, steht das TFF ganz im Zeichen der nordischen Mystik. Zum Länderschwerpunkt Norwegen werden Künstler erwartet, die die gesamte musikalische Vielfalt des Landes zwischen A-Cappella- und Geigenmusik, Folk und Jazz sowie Sápmi-Archaik und Kirchengesang abdecken. Dazu kündigt das Festival gleich zu Beginn am Donnerstagabend ein Highlight und seltenes Crossover-Projekt an: Der gemeinsame Auftritt des international gefeierten Jazz-Trompeters Nils Petter Molvaer mit Sly & Robbie, dem legendären Rhythmus-Gespann des jamaikanischen Reggae und Dub. Ganz nordische kommen sicher auch die Valkyrien Allstars mit ihrer von drei Hardangerfiedeln getragenen Rockmusik daher. Und die Band Vassvik verschmilzt die ursprüngliche samische Tradition des Joikens mit moderner, expressiver Streichertechnik.
Der Tanz steht natürlich auch wieder ganz im Mittelpunkt des Festivals. Im Tanzzelt im Heinepark kann man sich zum Halling und anderen norwegischen Tänze verabreden. Am Sonntag um 11 Uhr wird im Thüringischen Landestheater der norwegische Choreograf Hallgrim Hansegård mit seiner Company Frikar das Tanzstück LEAHKIT aufführen. Das magische Instrument ist in diesem Jahr die Cister – auch Zister oder Zitter genannt – ein Zupfinstrument aus der Familie der Kastenhalslauten. Die Magic-Konzerte der aus sechs Ländern stammenden Instrumentalisten finden am Freitag um 17.30 Uhr auf der Bühne der Burgterrasse und am Samstag um 21 Uhr in der Stadtkirche statt.
(c) TFF Rudolstadt
Auch in diesem Jahr wird wieder der Deutsche Weltmusikpreis RUTH verliehen. Der Hauptpreis geht an das Projekt Eurasians Unity, das sich musikalisch zwischen Balkan und Vorderem Orient bewegt. Auf den Förderpreis kann sich das Ethno-Jazz-Quartett Masaa freuen. Mit der Ehren- RUTH werden die Musikjournalisten Cornelia Rost und Werner Fuhr ausgezeichnet und den Sonderpreis, des TFF-Teams erhält der Kreuzberger Liedermacher Funny van Dannen für seine „liebevoll durchgeknallten Songs“, wie es in der Begründung heißt. Die Preisverleihung und Gewinner-Konzerte finden am Samstag ab 15 Uhr wie immer auf der Heidecksburg statt.
Zu den ganz großen Namen auf dem Festival zählt mit Sicherheit die portugiesische Fado-Sängerin Mariza (Sa. 22 Uhr, Heidecksburg). Aber auch weitere Highlights hält das vielseitige Lineup des 25. TFF bereit. Zu nennen wären vor allem der deutsche Reggae-Sänger Patrice, die aus Mali anreisende Supergroup Westafrikas Les Ambassadeurs mit dem Sänger Salif Keita, „Amerikas nächste große Frauenstimme“ Rhiannon Giddens, die französischen Erfinder des Electro Swing Caravan Palace und natürlich der bayrische Kabarettist Gerhard Polt, der mit den Well-Brüdern aus’m Biermoos (ehemals Biermösl Blosn) zum Festival nach Thüringen kommt.
Wer auf Devotionalien aus 25 Jahren TFF steht, sollte unbedingt am Sonntag ab 12 Uhr in den Stadthaussaal kommen. Dort versteigert das TFF-Grafikerteam alte TFF-Dekorationen u.a. die wunderbar bunt bemalten, großformatigen Bühnen- Prospekte, oder für den kleineren Hosensack die passenden Taschentücher. Regenschirme wird es nicht brauchen, es ist für alle vier Tage Sonnenschein mit bis zu 35°C angesagt. Etwas, was es auch nicht alle Jahre gab. Bleibt nur noch allen, die nach Rudolstadt fahren, viel Spaß zu wünschen. Beginn ist am Donnerstag um 21:00 Uhr auf der großen Bühne im Heinepark mit dem sicherlich ersten Höhepunkt, der spanischen Rhythmusgruppe Coetus.
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Auch wieder auf der Heidecksburg Das 25. TFF 2015 Foto: St. B.
TFF Rudolstadt
Roots Folk Weltmusik
2.-5. Juli 2015
Einmal im Jahr lädt das Berliner Gefängnistheater aufBruch seine Zuschauer zu einer Inszenierung an einen möglichst geschichtsträchtigen Ort der Stadt. Waren es in den letzten Jahren die Museumsinsel, die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße, die Feuerwache oder das Casino des Flughafens Tempelhof, hat man sich diesmal das alte Freibad auf dem Gelände des BVB-Stadions in Lichtenberg ausgesucht. 1928 errichtet, diente es auch den Nazis als Trainingsstätte für die Olympischen Sommerspiele 1936. Von 1970 bis kurz nach der Wende wieder als BVB-Freibad genutzt, wurde der Ort nach der Schließung 1990 endgültig dem Verfall preisgegeben. Eine Ruine bestehend aus einer Baracke, zwei Schwimmbecken und einem Dreimeterturm, wo die Frösche nun das Sagen haben und sich auch sonst die Natur das Gelände zusehends zurückerobert.
Hier wächst also im wahrsten Sinne des Wortes Gras über Geschichte, und ein älterer Herr fragt am Eingang in der Siegfriedstraße auch etwas ungläubig nach dem Veranstaltungsort, auf den das Plakat mit großem Richtungspfeil verweist. Sichtlich überrascht ist der Mann, dass man im alten Freibad nun Theater spielt, aber auch froh, dass nach 25 Jahren hier endlich mal was passiert. Und dafür hat sich der langjährige aufBruch-Theaterregisseur Peter Atanassow auch wieder ein ganz besonderes Stück Geschichte ausgesucht. Es wird Odysseus, Verbrecher gespielt – Christoph Ransmayrs Bearbeitung der Odysseus-Sage, die den Trojanischen Krieg und seinen antiken Helden etwas ungeschlacht in die Gemetzel der Moderne herüberholt. Wie gemacht also für Atanasow, der es immer wieder schafft, mit seinem archaischen, körperbetonten Stil geschichtsträchtige Stoffe für sein Ensemble aus Ex-Inhaftierten, Freigängern, Schauspielern und Laien zu adaptieren.
Autor Ransmayr hat sein Stück auch als Schauspiel einer Rückkehr geschrieben. Aber Odysseus erscheint hier nicht als glorreicher Held, der sich Thron und Frau zurückgewinnt, sondern als heruntergekommener, traumatisierter Kriegsheimkehrer, der nicht aufhören kann im Modus des ewigen Soldaten zu denken. Atanasow lässt ihn nacheinander sehr eindrucksvoll von vier Darstellern (Hans-Jürgen Simon, Six Pack Hansi, Tadeusz Kruszynski und Wolf Nachbauer) verkörpern, was der Figur eine gewisse Allgemeingültigkeit verleiht. Und so fällt der an den Ufern Ithakas in der Schweinebucht Gestrandete zuerst der forschen Strandläuferin Athene (Irina Weihrich) auf ihrem Beutezug in die Hände. Für sie zählen nur bleibende Werte, von Schiffen und Gesellschaften, die nichts mehr taugen. Und höhnisch spottend nimmt sie Odysseus einen Teil seiner Habe ab. Schließlich war der Krieger ja auch nicht nur wegen der Ehre unterwegs, sondern wegen Uran, Öl usw. Auf den Kopf zu sagt Athene dem Heimgekehrten, der sein Land nicht wiedererkennt: „Aus einem Krieg, Held Trojas, Städteverwüster, ist noch keiner heimgekehrt – jedenfalls nicht als der, der er war.“
Odysseus, Verbrecher im alten BVB-Schwimmbad – Foto: St. B.
Das Willkommen in Ithaka fällt auch im Folgenden nicht besonders herzlich aus. Die Hirten, die eine Art Schlachtenquartett spielen, bei dem die Karte mit der höchsten Zahl von Gefallenen gewinnt, erkennen ihren König zuerst nicht, auch sein Sohn Telemach (Laurenz Wiegand) ist ihm fremd, und der Palast wird von sogenannten Reformern belagert, die das runtergekommene Land wirtschaftlich unter sich aufgeteilt haben und nun um Penelope (Maria Stoecker Baton) freien, um auch an die Krone zu gelangen. Als Bettler verkleidet, schleicht sich Odysseus in den Palast und metzelt schließlich gemeinsam mit den Hirten und seinem Sohn die Reformer als Volksverräter nieder. Ergebnis ist allerdings die endgültige Entfremdung zu seiner Frau („aber der Mann, den ich geliebt habe, ist im Krieg geblieben“), die ihm vorwirft, das Schlimmste getan zu haben, was ein Vater seinem Sohn antun kann. „Odysseus, Verbrecher, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht.“
Man kann Ransmayrs Stück sicher in verschiedenste Richtungen interpretieren. Als Kriegsheimkehrergeschichte, Wirtschaftskrimi oder Flüchtlingsdrama, Prämisse aber hat sicher die Story über die dauerhaften Nachwirkungen und Kollateralschäden von Kriegen, wie sie auch heute noch weltweit geführt werden. Atanasow verschränkt Ransmayrs Text auch mit Auszügen aus Werken von Franz Kafka, Botho Strauß, Heiner Müller, Jean Genet, Jean-Paul Sartre, Wolfram Lotz u.a. sowie Heinrich Himmlers Posener Rede an SS-Angehörige und Berichten von ehemaligen Bundeswehrsoldaten, was dem zu Zeigefingertheater und Holzhammerdidaktik neigendem Stück etwas Wahrhaftiges verleiht. Neben dem Chor der Krüppel und Gefangenen, die Odysseus beständig verfolgen und plagen, werden auch die eingeschobenen Passagen meist chorisch oder auch mal im Solo vorgetragen und handeln von Gewalt, Tod, militärischem Drill und chauvinistischer Zurichtung von Soldaten sowie nationalistischem Größenwahn und Fremdenhass.
Es wird viel marschiert, Tango getanzt und wie immer sehr schön im Chor gesungen. Vor allem passende Soldatenlieder wie „Wir lagen vor Madagaskar“, „Heimat deine Sterne“, „Lili Marlen“ oder „Hundert Mann und ein Befehl „, aber auch das Gefangenlied „Po Lazarus“ und ein herzzerreißendes „O Happy Day“ der Amme Euryklia (Rose Louis-Rudek) beim Wiedererscheinen des verlorenen Odysseus. Ein besonderes Augenmerk legt die Inszenierung aber noch auf die Klage der Mägde, die als wehrlose Frauen am meisten unter Krieg, Rache und Vergewaltigungen zu leiden haben. Auch ein kleines Lehrstück in Sachen Siegerjustiz. Insgesamt eine sehr gute Teamleistung und anschauliche Performance aller Beteiligten mit hohem künstlerischem Anspruch wie politischer Aussagekraft.
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Odysseus, Verbrecher
Von Christoph Ransmayr
Regie: Peter Atanassow
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Belén Montoliu
Choreografie: Ronni Maciel
Musikalische Einstudierung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Grafik: Alexander Atanassow
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und Berliner Bürgern mit: Ali El-Faour, André Stiller, Anna Maria Sosnik, Birte Flint, Celio, Christoph Bettinger, Dominik Hermanns, eko a, Hans-Jürgen Simon, Irene Oberrauch, Irina Weihrich, Jan-Urs Hartmann, Jean, Katja Götz, Laurenz Wiegand, Mathis Köllmann, Maria Stoecker Baton, Mohamad Koulaghassi, Olivia Beck, Rita Ferreira, Rose Louis-Rudek, Sabine Böhm, Sarah Zastrau, Sidney Steven Hübner, Six Pack Hansi, Tadeusz Kruszynski, Wolf Nachbauer
Premiere war am 24.06.2015 im alten BVB-Freibad in Berlin-Lichtenberg, Siegfriedstraße 71
Weitere Vorstellungen: 1.- 5. und 8.- 12. Juli 2015 jeweils um 19.30 Uhr
„Letztendlich glaube ich, dass die Krise der Bühnensprache eine Krise der Sprache selbst ist, die gerade nicht weiß, wie sie sich zu ihrem identifikativen Kern verhalten soll.“ Aus der Rede des Jurysprechers Peter Michalzik zur Eröffnung der Autorentheatertage 2015 am DT.
Foto: St. B.
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Archiv der Erschöpfung von Sascha Hargesheimer – Friederike Hellers Uraufführungs- Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin bebildert eine rissige Gesellschaftsmetapher
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In der dritten Uraufführung bei den Autorentheatertagen 2015 am Deutschen Theater Berlin kehrt ein Autor in der Schreibkrise in seine ebenfalls kriselnde Heimatstadt zurück, um seinen im Krankenhaus liegenden Bruder zu besuchen. Das erinnert nicht von ungefähr gleich an zwei Stücke des ebenfalls bei den Autorentheatertagen gastierenden Dramatikers Nis Momme Stockmann. In Kein Schiff wird kommenhatte Stockmann Schreibblockade und Sinnkrise eines jungen Autors beschrieben, in Bruder krank den wirtschaftlichen Niedergang einer Kleinstadt mit ihren Bewohnern zwischen Agonie, Fremdenhass und familiärer Auflösung. Sascha Hargesheimer variiert in seinem Stück Archiv der Erschöpfung diese beiden Themen um die lähmende Agonie eines Schriftstellers in einer durch tektonische Verschiebungen bedrohten Stadt mit einer großen, Veränderung bewirkenden Naturmetapher. Auch das kennen wir aus Stockmanns Stück Phosphoros. Was machte also Hargesheimers Stück für die Auswahl-Jury so interessant? Man kann es nur vermuten.
(c) Deutsches Theater Berlin
Hat Stockmann zum Naturphänomen des alles aus dem Gleichgewicht bringenden Sturms auch eine Gruppe interessanter Charaktere gesellt, die nach ihrem verschobenen Lebensmittelpunkt suchen, begnügt sich Hargesheimer mit einer größtenteils sarkastischen Zustandsbeschreibung. Sein Autor Anders flieht auf der Suche nach seinem Thema aus der Eintönigkeit des Großstadtlebens, um den Stoff für einen in 2000 Notizzetteln verborgenen Roman zu finden. Die Kleinstadt seiner Jugendtage befindet sich am Aufbrechen im doppelten Sinn. Durch Erdölbohrungen, die der Stadt Geld bringen sollen, kommt es vermehrt zu Erdbeben, die Risse in Straßen brechen, aber auch zum Aufreißen des Inneren der Gesellschaft selbst. Der Autor findet sich irgendwann in einem durch einen Schlag gegen den Kopf verursachten Traum wieder, in dem ihm beim Eindringen in einen solchen Erdriss sein verschüttetes Unterbewusstsein entgegentritt und vergangene wie gegenwärtige Wunden zu Tage befördert werden. Die Erde als großes, am Rande der Erschöpfung stehendes Geschichtsarchiv der Menschheit, das nichts vergisst, bis es – Piff Paff – zum Ermüdungsriss kommt.
Die Uraufführungsinszenierung von Friederike Heller bemüht sich den Text, der zwischen erzählender Beschreibung, einigen wenigen Dialogen und eingeschobenen Passagen mit lyrischen Metaphern besteht, passend zu bebildern. Mitunter wirkt Hargesheimers Text selbst schon wie eine Regieanweisung. Autor Anders läuft mit dem Schauspieler Daniel Hoevels als Erzähler durch die Inszenierung und trifft dabei auf Sachbearbeiter des Stadtamtes, Gutachter, Vertreter der ansässigen Wirtschaft und Provinzpolitiker sowie Krankenhausangestellte, Einwohner, die sich am örtlichen Kiosk versammeln, und die Altenpflegerin Mascha. Lisa Hrdina wechselt dabei immer wieder die Rollen genau wie ihre anderen Mitspieler Felix Goeser, Markus Graf und Almut Zilcher. Dazu unterlegt Kante-Mitglied Peter Thiessen, langjähriger musikalischer Begleiter von Regisseurin Heller, den Plot mit eingängigen Keyboardklängen.
Die Handlung beginnt vor einem die Hinterbühne abteilenden, portalhohen Metallrolladen, wo sich die Familie des Autors auf einem Sofa drängt und chorisch von der alltäglichen Kreisbahn des Familienlebens zwischen Abendbrottisch, Büroschweiß und Angst vor dem körperlichen Verfall berichtet. Almut Zilcher legt liebenswerte Karikaturen der Großmutter und Anders Verlegerin hin, die ihren verzweifelnden Schreibsprössling auch mal an die mütterliche Brust drückt. Zusammen mit Markus Graf spielt sie dann wieder ein altes Paar, das in der Badewanne Selbstmord begeht. Felix Goeser und Lisa Hrdina sind für die anderen Parts zuständig. Wobei Goeser mal mit Gasmaske an rot-weißen Absperrbändern hängend den krankenhausreif geprügelten Nazibruder an der Beatmungsmaschine mimt und dann wieder lustige Travestien und Knallchargen geben muss.
So richtig kommen Plot und Inszenierung dabei aber nicht vom Fleck. Der Text, der gesellschaftliche Risse aufzeigen sowie Geschichtsvergessenheit und Fortschrittswahn anprangern will, dreht sich immer wieder um sich selbst und die Hauptperson Anders, der seine Melancholie mit Bier abfüllt oder metaphernreich im lauwarmen Badewasser masturbiert. Das ist dann fast schon ein wenig wie Selbstironie. Das Stück erschöpft sich in den wortreichen Metaphern und schönen Formalismen des Textes und beginnt damit auch zunehmend die Geduld des Publikums zu erschöpfen. Schade drum.
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Archiv der Erschöpfung
von Sascha Hargesheimer
Uraufführung am 25.06.2015 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musik: Peter Thiessen (Kante), Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Felix Goeser, Markus Graf, Daniel Hoevels, Lisa Hrdina, Peter Thiessen (Kante), Almut Zilcher
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Der neue Himmel von Nolte Decar – Zwei charmante Hochstapler entern in der Regie von Sebastian Kreyer die Autorentheatertage am DT
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Einen Tag, nachdem das Deutsche Theater mit Sascha Hargesheimers Archiv der Erschöpfung durch einen Erdbebenriss in die Tiefen des szenischen Schreibens abgetaucht war, ging es mit dem Autorenduo Nolte Decar und derem Stück Der neue Himmel, dem vierten und letzten der durch die Jury der Autorentheatertage 2015 ausgewählten Texte, wieder in die luftigen Höhen der Comedy. Jakob Nolte und Michel Decar wurden bereits mit Helmut Kohl läuft durch Bonn zu den Autorentheatertagen 2014 eingeladen. Und auch mit ihrem Stück Das Tierreich (2014 am Schauspiel Leipzig uraufgeführt) konnten die Beiden bereits einige Erfolge feiern. Das Stück war für den Preis des Heidelberger Stückemarkts nominiert und wurde mit dem Brüder Grimm Preis des Landes Berlin ausgezeichnet.
Hier beherrscht offensichtlich jemand das Schreiben – könnte man meinen. Allerdings: Nach der Sichtung der durch Sebastian Kreyer für das Schauspiel Zürich verantworteten Uraufführung der märchenhaften Drohnen-Farce müsste das jetzt wohl wieder angezweifelt werden…
(c) Deutsches Theater Berlin
Fällt in Das Tierreich ein Leopard II-Panzer aus einem Flugzeug der Bundeswehr auf die Schule einer Kleinstadt und löst damit lauter weitere, verwirrende Ereignisse um eine Horde pubertierender Schüler aus, sind es nun vermutlich fehlgesteuerte Drohnen und Boden-Luftraketen, die nacheinander auf eine Yacht vor einer Maoriinsel in der Südsee, einen Vorortbus im kolumbianischen Bogota, eine chinesische Polarstation und ein Restaurantklo in Kaschmir krachen. Und auch zwei Mädchen in Alaska und eine Nilpferdforscherin in Afrika wundern sich über einige merkwürdige Vorgänge.
Der internationale Waffenhandel als Auswuchs der globalisierten Welt vermischt sich mit mehr oder weniger witzigen Alltagssituationen rund um den Erdball. Das ist in groben Zügen der Plot des ersten Teils des Stücks, genannt: „Algorithmus atemberaubender Schönheit und Gewalt“. Atemberaubend dämlich bebildert die Inszenierung dann das Ganze mit Südseepanorama, Palmen und einem Zwerg-Nilpferd aus Pappmache (Ausstattung: Matthias Nebel), das auch mal seinen Kopf bewegt. Beginnend mit einer Baccara-Parodie von Ay, Ay Sailor karikieren sich die Darsteller durch die Ermittlungen einer neuseeländischen Kommissarin und ihrer Übersetzerin bei Maorihäuptling Macky Tulo, der Liebesstory zweier südamerikanischer Teenies im Bus, einem aberwitzigen Toilettensketch in Kaschmir, dem schrägen Literatur-Disput von Vater und Sohn in der Arktis usw. usf.
Es treten tanzende Eisbären und Chinesen mit Reishüten sowie singende Shakira- und Madonna-Doubles auf. An den spielfreudigen Züricher DarstellerInnen Ludwig Boettger, Benedict Fellmer, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Lisa-Katrina Mayer und Johannes Sima liegt es sicher nicht, dass sich das alles nicht zu einem Ganzen fügt. Der tiefschwarze Humor, den das Stück aus der Andeutung eines zerstörerisch agierenden, globalen Gesamtzusammenhangs gegenüber einer durchökonomisierten und geistig banalisierten Welt zieht, verliert sich in einer durch den Regisseur Szene für Szene aneinandergereihten, sinnentleerten bunten Nummern-Revue. Allerdings hat man das Thema auch in Wolfram Lotz‘ Die lächerliche Finsternis schon wesentlich dringlicher gesehen.
Das Team von Der Neue Himmel beim Premieren-Beifall Foto: St. B.
Im zweiten Teil vermutet man dann die Zusammenführung der zuvor lose hingelaschten Kurzdramen, wird aber nur mit einer mäßig witzigen Parodie auf englische Kriminalfilme á la Cocktail für eine Leiche (hier Drohne) und vermutlich trocken und schwarzhumorig gedachten, näselnden Schwachsinns-Dialogen abgespeist. Auf einem englischen Landsitz versammelt das Autorenduo eine Schar von Knallchargen, die einen alten Fall um den tödlich mit seiner Limousine verunglückten Chauffeur des Hauses wieder aufrollen. Es knattert mit Kommissar Nordt, der tatsächlich wie Nick Knatterton gekleidet auf dem Fahrrad daherkommt. Die gastgebende Lady Grimshaw erweist sich als faselnde Schnapsdrossel, die ihr Hausmädchen tyrannisiert, und Sohn Mortimer schwuchtelt dümmlich mit dem Richter Warwick herum.
Der stille Gast der Lady, Brigitte Roquette, entpuppt sich schließlich als weiblicher Dr. No in Gestalt einer britischen Airbase-Offizierin und ermordet das gesamte Personal nacheinander durch Ersticken in Wackelpudding, Erdolchen, Erschießen und Vergiften. Anschließend trällert sie an der Rampe die von Robert Schuhmann vertonte Mondnacht des Dichters Joseph von Eichendorff. „Es war, als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt“. Recht schmeichelhaft für diesen himmlischen Schmarren.
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Die vierköpfige Jury aus Regisseurin Jorinde Dröse, Autorin Nino Haratischwili, Schauspieler Ulrich Matthes und Kritiker Peter Michalzik muss sich fragen lassen, ob sie hier nicht ein paar charmanten Hochstaplern aufgesessen ist. Das DT hat bekommen, was es bestellt hat, und die Züricher müssen ab September mit diesem halbgaren, knallbunt angemalten Kuckucksei glücklich werden.
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Der neue Himmel
von Nolte Decar
Uraufführung am 26.06.2015 im Deutschen Theater Berlin
Koproduktion mit dem Schauspiel Zürich
Premiere dort am 11.09.2015 in der Box des Schiffbaus
Regie: Sebastian Kreyer
Bühne und Kostüme: Matthias Nebel
Musik: Andreas Seeligmann
Choreographie: Sebastian Henn
Licht: Michel Güntert
Dramaturgie: Karolin Trachte
Mit: Ludwig Boettger, Benedict Fellmer, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Lisa-Katrina Mayer, Johannes Sima
Besetzungsliste:
Liz Gordon / Abigail Barnes / Mishra Basu / Miss Lissy … Julia Kreusch
Eve Nowak / Chisara Lewal / Lady Grimshaw … Miriam Maertens
Carla Rivera / Zoe Heffner / Brigitte Roquette … Lisa-Katrina Mayer
Macky Tulu / Xiao Yang / Mrs Barnes / Inspektor Nordt … Ludwig Boettger
Chester Yang / Rashad Hasham / Salim Quereshi / Richter Warwick … Benedict Fellmer
Gabo Corea / Ajit Sharma / Mortimer … Johannes Sima
Die Hälfte des Abends an der Volksbühne ist bereits verstrichen, da rückt der Solo-Mime Fabian Hinrichs in René Polleschs neuem Stück Keiner findet sich schön endlich mit der großen Erkenntnis heraus, dass wir gar kein Leben haben. Dazu bläst sich die auf der rot-weiß gestreiften Bühne von Bert Neumann liegende Hülle zu einem riesigen No-Fear-Bear auf, und Hinrichs knuddelt und zerrt an dem weißen Emo-Teddy, als gelte es den sehnlichst erwarteten Mitspieler zum Leben zu erwecken.
Zuvor hatte der Schauspieler bereits 35 Minuten lang allein auf weiter Flur mit dem etwas redundanten Text und der Entscheidung gekämpft, wahlweise zu einem Iggy-Pop-Konzert zu gehen, dabei die Liebe seines Lebens kennen zu lernen, oder zu Hause zu bleiben und sich auf Tinder zu verabreden. Oder noch ganz anders, darauf zu warten, dass es klingelt und die alte Liebe wieder vor der Tür steht. So oder so, es kommt weder zum Live-Erlebnis mit Stagediving, da beim Filmen mit dem Handy eh keiner den fliegenden Iggy auffangen würde, und auch nicht zur Verabredung im Café, da man dort doch immer nur auf Betrüger trifft. Ob in New York, Sidney oder Schweinfurt: „Bleibt zu Hause. Ihr findet nicht, was ihr sucht.“
„Es ist so schwierig zu leben.“ René Pollesch hat dazu einen zunächst doch recht pessimistischen Text geschrieben, der laut Programmzettel von Schriften der Wirtschaftswissenschaftlerin Ève Chiappelo, des Soziologen Luc Boltanski, dem Philosophen Allain Badiou und dem Musical-Film West Side Side Story von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 inspiriert ist. Und Fabian Hinrichs, gekleidet in T-Shirt und Boxershorts, versucht diesen mit gewohnter Verve in der Stimme, aber auch mit einigen sympathischen Hängern eindrucksvoll zu beglaubigen.
Foto: St. B.
Es geht zwar nebenbei auch um das „Leben als Projekt“ und den „neuen Geist des Kapitalismus“. Aber die frohe Botschaft ist, dass man das alles nicht gelesen haben muss, um die andere große Botschaft zu verstehen. Fabian Hinrichs klagt nicht nur über die Auswüchse des neoliberalen Selbstertüchtigungswahns, der nun auch die Partnersuche in den verschiedensten Online-Datingplattformen erreicht hat (so ähnlich, nur für die älteren Semester, hatte das schon Christoph Marthaler in seinem schlagernden Testsiegerportal Tessa Blomstedt festgestellt), sondern singt das hohe „Lob der Liebe“, die unsere Eintrittskarte ins Leben ist, und nicht nur das Geld.
Jeder wartet darauf, dass die oder der eine kommt, auf das Leben im Gleichklang für die Ewigkeit. So einfach kommen Schönheit und Zeit aber nicht zusammen. Man verheddert sich beim Versuch diesem einen Versprechen auf die große Liebe nachzujagen, in den vielen verschiedenen Möglichkeiten und Nebensträngen, die täglich neue „Kackentscheidungen“ verlangen. „Please, please, please, let me get what I want.” Hedonistischer Jugendwahn und Fitness-Jo-Jo, alles kommt zurück, sogar die Smiths. Nur der Sixpack-Bauch nicht. Und da wir alle jemanden brauchen – ein Gesicht neben uns, etwas Schönes in dieser hässlichen Welt – spricht Hinrichs auch vom Aufwachen in etwas, in dem er weiterträumen will. „I want to wake up in that city that sleeps.” Hier schmeißt Pollesch den Drehbühnen-Turbo an und lässt Hinrichs Frank-Sinatra-Klassiker umdichten. Kein Ich, kein Wir: „I did at your way.“
Dazu tanzen Nina Baukus, Rebekka Esther Böhme, Uri Burger, Jessica Kammerer und Tobias Roloff im Sternen-Freizeitdress Szenen aus der West Side Story, dem amerikanischen Romeo und Julia, bevor es Leonardo di Caprio und Claire Danes im Kino gab. Boy meets Girl. Kommen sie zusammen oder nicht? Das ist das große Thema des Abends. Im Film geht es wegen oder trotz Tony schlecht aus. In der Volksbühne folgt nach dem Mambo wieder Hinrichs‘ Klage über die eigene „Rest Zeit Story“, sprich Midlifecrisis, die schon Udo Jürgens und Udo Lindenberg besungen haben. Aber besser als zur lebenden Legende oder dem Scherenschnitt seiner selbst zu werden, ist sich ständig neu zu erfinden. Zum titelgebenden Keiner findet sich schön passt Morrisseys „Good times for a change“, das hier bedeutet, sich ständig zu prüfen und sein Outfit zu ändern. Was Hinrichs auch anschaulich vorführt.
Foto: St. B.
Trotz dass der Text zu Anfang noch etwas vor sich hin holpert und nicht die Höhen der legendären Pollesch-Hinrichs-Zusammenarbeit Kill your Darlings! Streets of Berladelphia erreicht, wird die Inszenierung im Lauf des Abends zunehmend besser und vermag so – je nach eigenem Erlebnishorizont – sicher auch in die Herzen des Publikums vorzudringen. Ansonsten gilt wie immer etwas mehr Gelassenheit. „Die Sonne scheint auch ohne dass sie was von uns zurückbekommt.“ Auch so eine schöne, ganz simple Wahrheit.
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Keiner findet sich schön
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Frank Novak
Ton: Tobias Gringel, William Minke
Souffleuse: Katharina Popov
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Fabian Hinrichs und Nina Baukus (Tanz und Choreographie), Rebekka Esther Böhme (Tanz und Choreographie), Uri Burger (Tanz und Choreographie), Jessica Kammerer (Tanz und Choreographie) und Tobias Roloff (Tanz und Choreographie)
David Gieselmann wurde mit seiner schwarzhumorigen Komödie Herr Kolpert zu Anfang des neuen Jahrtausends weltweit bekannt. Seit Marius von Mayenburg 2009 Die Tauben an der Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert hatte, ist es aber zumindest in Berlin etwas ruhiger um den Autor geworden. Mit seinem neuen, für das Schauspiel Frankfurt geschriebenen Stück Container Paris recycelt Gieselmann die Idee seines größten Theatererfolgs. Nur dass die möglicherweise in einer Truhe versteckte Leiche des Herrn Kolpert hier ein angeblich verloren gegangener Container unbekannten Inhalts ist, den der biedere Angestellte der Firma Sanddorn Worldwide Logistik, Peter Grothe (Torben Kessler), als Sonderbeauftragter seines Chefs (Sascha Nathan) suchen soll. Wo dieser ominöse Container ist, weiß allerdings niemand so recht, erst recht nicht Grothe, und so wird dann auch sein Satz: „Ich weiß nicht.“ zur geflügelten Phrase des Stücks.
Es ist auch hier die plötzliche Idee, das Unerwartete, ein Spiel mit der Möglichkeit, das auf die Spitze getrieben, das allerschönste Chaos anrichten kann. Nur bewegen wir uns diesmal nicht in die Tiefen kleinbürgerlicher Wohnzimmerabgründe, sondern erklimmen gemeinsam mit Gieselmanns Container-Farce die Höhen undurchsichtiger Finanzgeschäfte. Dem Grunde nach aber ist auch hier Biedermann der Brandstifter, nur dass dieser „Pik 7 auf Bahnsteig 8“ die Lunte erst noch in die Hand gedrückt werden muss. Dafür gibt aus dem Publikum heraus der Wirtschaftswissenschaftler von Rottkamp (Nico Holonics), der etwas bewirbt, von dem man vorher gar nicht wusste, dass man es benötigt, die Risikobewertung ab, die da heißt: je riskanter, desto lukrativer. Der Rest folgt dann ganz den simplen Regeln des Marktes. Die Witzigkeit kennt dabei keine Grenzen, Dummheit und Kapital ja bekanntlich auch nicht. Und so beginnt der heiße Tanz ums goldene Container-Kalb, der die Protagonisten von Berlin über Rotterdam nach Paris, Oslo, Zürich und wieder zurück führt.
Jede Menge Raum also für Spekulationen, womit wir direkt beim Thema sind. Denn Grothe begegnen nun auf seiner Suche nach dem verschollenen Container der Reihe nach lauter Personen, die ebenfalls auf den Inhalt eben jenes spekulieren. Zuallererst, die Konkurrenz schläft nicht, ist da Petra Tegert (Picco von Groote), die Grothes Informationen, die dieser nur vorgibt zu haben, abschöpfen will. Später interessiert sich sogar die Kirche dafür. Lüge oder Wahrheit als Glaubensfrage. Ein Schweizer Staatssekretär (Thomas Huber in mehreren Rollen) mit jodelndem Geldkoffer und einem nach Ricola verlangendem Dialekt unterbreitet Grothe schließlich ein Angebot, das dieser einfach nicht ausschlagen kann. Mit dem Schweizer Kapital macht sich Grothe schließlich selbständig und seinen von allen vermuteten Wissensvorsprung zur Geschäftsidee. Denn wo ein Bedürfnis, ist ein Markt, und das Grothe-Consulting geht mit von Rottkamp als Berater an die Börse.
Regisseur Christian Brey, der sich als Harald-Schmidt-Geschulter mit abseitigem Humor, well-made play und Boulevard bestens auskennt, inszeniert das Ganze als irre, völlig überdrehte Farce mit jeder Menge Situationskomik und dem besten Zettelauffalt-und-Zusammenknüll-Slapstick der Theatergeschichte. Gespielt wird das ganz passend auf einer mit Umzugskartons und Büropapier zugemüllten Schräge (Bühne: Anette Hachmann). Im Hintergrund gibt ein Fensterband die Aussicht auf Hochhäuser und die Schweizer Alpen frei oder dient auch mal als Projektionswand für Videos, in denen der Poptheoretiker Dietmar Poppeling (Ensemble) als Verschnitt aus Diedrich Diederichsen und Popblogger Gieselmann selbst im Video auftritt. Denn der Containerhype ist längst nicht mehr nur schnödes Finanz-Business, sondern zum medialen Großereignis geworden.
Zu Grothes bunter Entourage gehören schließlich nicht nur dessen eifersüchtige Frau (Verena Bukal) und ein trotteliger Bundes-Zivi (Sascha Nathan) im Strickpullover, sondern auch das durchgeknallte, pillensüchtige Mode-It-Girl Lynn Preston (Katharina Bach), das nur mit KO-Tropfen zeitweilig ruhiggestellt werden kann, und sein etwas zu nah am Wasser gebauter Assistent Gustav von Stresemann (Thomas Huber). Um die Nachfrage nach der Containeraktie noch zu befördern, verschwindet Grothe schließlich selbst im Nebel Papa-Neuguineas oder auf den Fidschi-Inseln und überlässt seiner Frau die Firmenleitung. Wie jede schöne Blase platzt aber auch dieses große Nichts irgendwann. Dazu singt Lynn ganz nach dem Motto: „It’s just Me, Myself And I” (De La Soul) einen schönen „Babbel in the Air“-Song.
Leider sind mit der ganzen Lustigkeit irgendwann auch alle Grenzen ausgekostet und die Inszenierung beginnt zunehmend die Oberflächlichkeit zu reproduzieren, die das Stück urkomischer Weise eigentlich persiflieren wollte, was zum Abzug in der Vitamin-B-Note führt. Könnte, hätte, wäre, wenn doch nur immer alles so lächerlich einfach wäre. Isses aber nicht, obwohl die Lösung manchmal direkt unter einem Haufen Akt(i)en-Papieren liegt. Dazu muss allerdings erst die Windmaschine ordentlich selbigen machen. Klappe auf. Und? Ach…
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Container Paris
Von David Gieselmann
Uraufführung war am 19.12.2014 im Schauspiel Frankfurt
Ein Gastspiel bei den ATT 2015 in den DT-Kammerspielen (21.06.2015)
Regie: Christian Brey, Ausstattung: Anette Hachmann und Elisa Limberg, Musik: Matthias Klein, Dramaturgie: Claudia Lowin Besetzung:
Torben Kessler (Hans-Peter Grothe), Verena Bukal (Linda Grothe), Katharina Bach (Lynn Preston), Sascha Nathan (Wolf Schaub / Heinz Rohde), Thomas Huber (Jan-Hendrik Holmen / Gustav von Stresemann / Hans Zermatt), Picco von Groote (Petra Tegert / Apothekerin), Nico Holonics, Timo Fakhravar (Hans-Werner von Rottkamp), Ensemble (Dietmar Poppeling) Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause
„Er hat zwei Büros, in Kiel und in Berlin. Und fürs Renommee `ne Villa im Tessin“, sang 1967 Hildegard Kneef in dem Carl Niessen-Song Er setzt mich von der Steuer ab. Das Brettspiel zum Lied hatte bereits 1955 der US-amerikanische Soziologe und Science-Fiction-Autor James Cooke Brown für Parker entwickelt. In der Anleitung zu seinem Brettspiel „Karriere“ heißt es: „Was bedeutet Ihnen Erfolg? Ruhm? Vermögen? Glück? Zum selbstgesteckten Ziel führt die geplante Karriere: durch Widerwärtigkeiten, Mißgunst, jähen Aufschwung, schwierige Entscheidungen.“ Und bei erfolgreichem Durchlauf winkt dann auch der vielbesungene Ruhesitz im Tessin.
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Davon [s.o.] ausgehend haben der deutsche Dramatiker Dirk Laucke, der gerade in Berlin bei den Autorentheatertagen reüssierende Bühnenautor Ferdinand Schmalz und seine österreichische Kollegin Gerhild Steinbuch zu den drei Spielzielen Ruhm, Glück und Vermögen kurze Texte entwickelt, die die junge Hamburger Regisseurin Kathrin Mayr für ihre LICHTHOF Theater-Inszenierung Karriere zu einem recht interessanten Theaterabend zusammengefügt hat.
Karriere vom LICHTHOF Theater – Foto (C) Produktion
Im Bühnenbild von Fabian Wendling, bestehend aus drei halbkreisförmigen, zum Iglu zusammengestellten Kletterbrücken, hängen die Schauspieler Irene Benedict, Alexander Jaschik und Mathis Kleinschnittger in drei aufgeblasenen, schwarzen Luftanzügen wie kurz vorm Absprung zum Karrierestart. Die im Text von Dirk Laucke als drei Möwen bezeichneten Protagonisten scheinen aber irgendwie zwischen den Sprossen des Gerüstes steckengeblieben zu sein. Am Anfang des Abends dreht es sich dann auch um das fürs allgemeine Karrierespiel unerlässliche Geld, das der eine sich hart und ehrlich erarbeiten muss und dem anderen einfach so durchs Erben in den Schoß fällt. Es geht ums Haben, Nichthaben und Teilen. Denn so richtig glücklich mit seiner Situation ist hier keiner. Den einen plagt der Stolz, den anderen das schlechte Gewissen. Laucke verbindet den durchaus gesellschaftskritischen Diskurs der Drei mit ironischen Seitenhieben auf die Karrieresituation im Theaterbetrieb, den allgemeinen Arbeitsmarkt und die kollektive Selbstoptimierung, als den Gründungsmythos der Freiheit, der schließlich als heiße Luft aus den dicken Anzügen entweicht.
Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Auch so ein neoliberaler Spruch, mit dem man den zweiten Teil des Abends überschreiben könnte. Dabei klettert nun jeder der drei Darsteller auf seiner eigenen gebogenen Karriereleitern herum. Ferdinand Schmalz spielt in seinem Text übers Glück den Werdegang eines Egon Erich genannten Mannes von der Geburt über Matura und Studium bis zum Topseller einer Firma durch. In seiner gewohnt poetisch bis kalauernd daherkommenden Textfläche geht es um die Suche nach dem Glück in der Arbeit, im stetigen Tanz entlang der Karriereleiter, bis sich beim Protagonisten erste Selbstzweifel und Unsicherheiten breit machen. Nachdem mit 30 alles erreicht ist, gerät die Wunschwurstmaschine (Schmalz bleibt seinen Lebensmittelmetaphern treu) ins Stocken. Die Party ist aus, und Egon Erich drängt sich plötzlich mit anderen auf der Brücke, bereit zum Absprung nach unten. „Der Glückswunsch ist eine tanzgeile Sau und das Glück eine Hure.“
Nach dem Lebensmotto des Fernsehmoderators mit dem berühmten (Glücks)Schweinderl Robert Lembke („Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.“) beschließt im dritten Teil eine Frau, vermutlich auch mit einer mehr oder weniger erfolgreichen Karriere beim Fernsehen – es ist vom Glücksrad die Rede – ihr krankheitsbedingtes Sterben zum medialen Ereignis zu machen. Der Preis für den letzten Ruhm ist der Tod im Rampenlicht. Den Soloauftritt von Irene Benedict unter den nun tunnelartig hintereinander aufgestellten Gerüstbögen kann man sicher als Höhepunkt des Abends bezeichnen. Auch der Text der Grazer Dramatikerin Gerhild Steinbuch ist eine Entdeckung. Die Ausbreitung einer ganzen, poetischen „Emotionslandschaft“. Unter dem Spotlight einer selbstgehaltenen Leuchte spricht die Frau von der Angst des Kontrollverlustes, einem zunehmenden Fremdkörpergefühl und vom würdevollen Sterben. Ironisch gebrochen wird die Pathetik mit Tränen aus zerdrückten Zwiebeln und den höhnischen Kommentaren der Männer von der Seite, die die Frau schließlich wie eine Heilige mit Gaffer-Tape unter die Gerüstbögen hängen. Und zum schönen Bild vom schöner Sterben gibt`s dann noch ein Gläschen Sekt.
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Karriere (19.06.2015)
Texte von von Dirk Laucke, Ferdinand Schmalz, Gerhild Steinbuch
Gastspiel des LICHTHOF Theater Hamburg im Theaterdisconter Berlin
Premiere in Hamburg war am 21.02.2015
Regie: Kathrin Mayr, Bühne: Fabian Wendling, Licht: Sönke C. Herm, Kostüm: Judith Förster
Mit: Irene Benedict, Alexander Jaschik, Mathis Kleinschnittger
In seinem, 2014 als Auftragsarbeit für das Residenztheater München in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen entstandenem Theaterstück Phosphoros schließt Autor Nis-Momme Stockmann unmittelbar an sein letztes Stück Die Kosmische Oktave an. Das Prinzip der kosmischen Harmonie auf das menschliche Leben übertragend entwarf der Autor ein in zeitlichen Dekaden immer wiederkehrendes Generationenbild als eintönigen Gleichklang. Daneben setzte er in Anlehnung an Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften das Wirken von Naturgesetzen auf zwischenmenschliche Beziehungen. In Phosphoros nimmt Stockmann nun Bezug auf den kosmischen Morgenstern (in der Antike Phosphoros genannt), der auch Abendstern, also gleichzeitig Licht- und Schattenbringer ist. Und auch Wissenschaft und Musik spielen hier wieder eine Rolle.
Die Hauptfiguren im Stück, der Physikprofessor Lew Katz (Johannes Zirner) und der Kontrabassist Basil (Lukas Turtur), stecken in einer Lebenskrise, die man zumindest beim Lew getrost auch eine faustische nennen könnte. Ihn plagen Kopfschmerzen, gedankenlose Studenten und Neuerungen an seiner Fakultät, die seine Liebe zur Physik auf eine harte Probe stellen. Im Privaten läuft es ähnlich schlecht. Lews Egozentrik und seine hypochondrischen Anfälle belasten die Beziehung zu seine Frau Anne (Katrin Röver), die es lieber etwas einfacher hat und auch die banalen Dinge des Alltags wie die Reparatur des Daches für wichtig hält. Lew sieht die Sache dagegen etwas komplexer, weiß aber auch nicht wie er seine Probleme lösen soll, wo überhaupt das Problem ist, und flüchtet sich so in die fixe Idee krank zu sein. Er wartet auf einen Krebstest und geht regelmäßig zur Psychologin Schäfer-Werle (Juliane Köhler), um sich seinen Traum deuten zu lassen, in dem er als Clown vor lauter bekannten Leuten im Publikum eine Jonglage-Nummer aufführen soll und Angst vor dem Versagen hat.
Ähnlich geht es dem Musiker Basil, der einst großes Talent nun auf Dauertournee in einem Provinzhotel gestrandet ist und auf seine Assistentin Eva (wieder Juliane Köhler) wartet, die ihm seit Jahren den Bass hinterherträgt. Im Hotelrezeptionisten Schröder (Thomas Gräßle) trifft er auf einen zynischen Lebensphilosophen, der ihm derweil ein paar ungeschönte Wahrheiten verkündet. Der Katalysator für den Wandel in Lews Leben ist die prekär beschäftigte DB-Service-Kraft Marlene (Genija Rykova), die ohne Abi in Physikseminare geht und Lew durch ihr kluges, unorthodoxes Denken aufgefallen ist. Marlene steckt aber ebenfalls in einer Krise, die einerseits eine rein monetäre ist, sie aber ähnlich wie Lew auch an der Welt und der denkfaulen Masse Mensch verzweifeln lässt. Damit es schön kompliziert bleibt, schmückt Autor Stockmann sein Stück mit jeder Menge wissenschaftlich-philosophischer Vorträge und Diskurse um physikalische Begrifflichkeiten sowie weiteren Randfiguren aus, und lässt alles immer wieder aufs schönste miteinander kollidieren.
Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann
Der wissenschaftlichen Theorie von Zeit und Raum, dem scheinbar vorbestimmten Gang des Menschen von der Geburt bis zum Tod und der alles entscheidenden Lebensfrage: Warum das alles? setzt Stockmann noch das hier immer wieder chorisch angekündigte metrologische Natur-Ereignis eines aufkommenden Sturms entgegen, dessen Urgewalt die Figuren nun im doppelten Sinne auf sich zurück wirft. Bei 200 Seiten Text birgt das natürlich auch die Gefahr der Überforderung des Publikums. Es ist der Regisseurin Anna Lenk zu danken, dass sie Stockmanns Textkonvolut klug gerafft und mit einem Ensemble von 9 Schauspielern in immerhin 20 Rollen frisch und über 3 Stunden immer spannend zu inszenieren vermag.
Auf der kahlen Bühne von Judith Oswald dient nur ein riesiger Scheinwerfer als Requisit, unter dessen Licht sich die Figuren immer wieder drängen, in die Dunkelheit der Bühne oder in die erste Reihe des Parketts flüchten. So lassen sich auch wunderbar die Physikvorlesungen Lews oder die Vorträge des Literaturgurus Lindenblatt (Franz Pätzold), der seine Schreibgruppe examiniert, darstellen. Die im Stück angedeutete Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit nutzt die Regisseurin geschickt, in dem sie die einzelnen Szenen immer schneller in einander verschränkt und schließlich fast parallel ablaufen lässt, wobei sich die Figuren immer wieder selbst von der Bühne verdrängen müssen. Das schafft eine durchgehende Dynamik und viel Raum für Figurenspiel und Slapstick.
Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann
Die Ambivalenz der einzelnen Figuren oder gar Austauschbarkeit ihrer Charaktere und Egotrips verdeutlichen die farblich akzentuierten Kostüme von Silja Landsberg, die auch beim Rollenwechsel von den Schauspielern nicht getauscht werden. Letztendlich kranken hier alle auch an ähnlichen Symptomen des modernen Menschen. Nur unterschieden durch die Art und Weise diese je nach Mentalität zu beklagen, sich mit ihnen einzurichten oder gar an einer Änderung zu arbeiten. Die Suche nach Regel für das Leben wird hier immanent sichtbar. Bei Lew ist es der Glauben an die Physik „als Werkzeug das uns gegen die Unwegsamkeit der Urkräfte des Kosmos schützt und uns hilft uns selbst in ihm zu begreifen und zu verstehen.“. Anna sucht ihren Halt in den alltäglichen Dingen und in Lebenshilfeseminaren. Basil dagegen flüchtet sich in vergangene Karriereträume, Affären und Alkohol. Nur Marlene rebelliert vehement wütend gegen ihre Umwelt, während Lebenszyniker Schröder und Zugbegleiter Jörg (Arthur Klemt) sich damit abgefunden haben, nichts ändern zu können.
Mensch oder Dachpappe, Chaos oder Ordnung – Es läuft was mit dem Denken schief. Das ist die recht stimmige Quintessenz von Stockmanns Stück. Das Leben selbst in der Hand zu haben, es zu gestalten und die Liebe freizusetzen, kostet die Figuren zu viel an Lebenszeit und Lebenssaft. Anna wird ihr plötzlich neu gewonnenes Zutrauen zu Jörg schließlich sogar zum Verhängnis. Aber gemeinsam mit Eva werfen die beiden Frauen ihre Lebenspäckchen aus dem ICE. Das ist zumindest ein Anfang. Liebe, Glücklich sein, oder seine Ruhe haben, das ist eine Entscheidung, die sich für Lew, Basil und Anna so eindeutig nicht finden lässt, auch wenn der Physiker in einem nachgeschobenen Epilog endlich das Ende seines Traumes bei einer Rede zur Verleihung der Heisenbergmedaille erzählen kann. Ob es ein glückliches ist, vermag man nicht wirklich zu sagen. Aber wir stehen am Anfang großer Ereignisse, wie es in Stockmanns Text so schön heißt. Na dann…
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Phosphoros (20.06.2015)
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 31. Mai 2014
Gastspiel des Residenztheaters München am Deutschen Theater Berlin zu den ATT 2015
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Silja Landsberg
Musik: Jan Faszbender
Licht: Uwe Grünewald
Dramaturgie: Andrea Koschwitz
Mit:
Johannes Zirner… Lew Katz
Juliane Köhler… Schäfer-Werle, Eva
Katrin Röver… Anne Katz
Genija Rykova… Marlene
Franz Pätzold… Boris, Frank Seibl, Lindenblatt, Alte Frau
Lukas Turtur… Basil, Jonas
Thomas Gräßle… Schröder, Martin
Katharina Pichler… Berle, Frau Kadow, Sprechstundenhilfe
Arthur Klemt… Jörg, Dekan
Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden, eine Pause
Blaues Stroboskoplicht, der Beat hämmert, die Körper schwitzen. So steigt der Zuschauer in den neuen Film von Regisseur Sebastian Schipper (Absolute Giganten, Ein Freund von mir) ein. Eine junge Frau schärt aus der Menge, trinkt an der Bar, sucht Anschluss. Sie trifft am Einlass des Clubs auf die lauten Typen Sonne, Blinker, Boxer und Fuß (Frederick Lau, Burak Yigit, Franz Rogowski und Max Mauff), die großmäulig an der Tür scheitern. Fasziniert von der Ungeschliffenheit und dem rumpligen Kumpelgehabe der Vier lässt sich die titelgebende Victoria (Laia Costa) aus Madrid einfangen und schließt sich den Freunden mit Aussicht auf Party und mehr an. Zwar muss sie um 7 Uhr morgens ein Café um die Ecke aufschließen, aber das hat Zeit. Dass die ausgelassene Boys-Gang ebenfalls eine folgenschwere Verabredung hat, ahnt das Mädchen da noch nicht.
Mit wackeligem Englisch und der Wackel-Kamera von Sturla Brandth Grøvlen (Silberner Bär bei der Berlinale 2015) im Nacken, ziehen die Fünf ab vier Uhr morgens ihre Kreise durch das nächtliche Berlin, bis der Morgen graut und Gewissheit ist, dass nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Von ausgelassenen Posen über zarte Annährungsversuche bis zum endgültigen Verlust der Unschuld in einem 136minütigen One-Shot-Take, ganz ohne einen erlösenden Schnitt. Der Beat angesagter Nachtclubs an der Grenze des hippen Kreuzberg zur Berlin-Business-Mitte schwappt auf die Straße und mischt sich mit dem Soundtrack der Underdogs. Die Zugezogene erliegt dem Charme aus Herz und Schnauze. Der Funke glimmt erst aus der Flasche, die Neugier facht das zarte Flämmchen immer wieder an. Dem ersten Gang zum Späti folgt der nächste auf die Dächer über der Stadt, bis der Trip in einer Tiefgarage endet und immer noch nicht wirklich zu Ende ist.
Mitgegangen, mitgefangen…! Der Film ist Traum und Alptraum einer Nacht im Adrenalin- und Drogenrausch. Gleichermaßen Euphorie und Ernüchterung für Protagonisten wie Zuschauer. Die Spannung steigt im gefühlten Minutentakt. Zum Atemholen geht die Kamera nur hin und wieder wie in einer Slowmotion zu den meditativen Sounds von Nils Frahm kurz in den Standby. Dann eilt sie weiter, den durch die Nacht Treibenden hinterher. Vom Club-Hopping über die lässige Kumpel-Tour bis hin zum harten Genrestreifen, Victoria rutscht – vor der Enttäuschung des Madrider Konservatorium nach Berlin geflohen – immer tiefer mit hinein. Liszts Mephisto-Walzer im Café ist nur die Ouvertüre für den nachfolgenden Tanz, den keiner so richtig beherrscht. Wobei zunächst noch unklar scheint, wer hier Faust und Mephisto oder der Tod und das Mädchen ist. Erst unfreiwilliger Beifang vom Wegesrand („Wir müssen Boxer einen Gefallen tun.“), mutiert Victoria irgendwann zur coolen Driving-„Bitch“ eines Fluchtwagens.
Sebastian Schipper hat seinen überbordenden Berlin-Plot gut gecastet und konsequent gegen den Strich besetzt. Frederick Lau gibt als Sonne mal nicht den stiernackigen Grübler (Ummah – Unter Freunden), Burak Yigit klopft als cooler Blinker nicht nur Sprüche sondern auch mal das Herz in den Hals, und Franz Rogowski ist nicht mehr der schüchterne Masseur auf Rügen (Love Steaks). Als knastgestählter Boxer treibt er die Bande unentwegt an. Das Max Mauffs Fuß nach einer guten halben Stunde schon aus dem Tritt gerät, fällt da kaum ins Gewicht. Kurz nur ist man versucht einen Gedanken darauf zu verschwenden, was geschehen hätte können, wenn Sonne und Victoria den neuen Morgenüber den Dächern Berlins oder bei einer Tasse Kakao im Café und nicht als Bonny-und-Clyde-Verschnitt erlebt hätten. Aber das wäre dann wohl auch ein anderer Film. Was dieser wert ist, zeigt sich in immerhin sieben Nominierungen für die deutsche LOLA. Auch so ein atemloser Run.
Victoria (Deutschland 2015)
136 Minuten
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
Schnitt: Olivia Neergaard-Holm
Kostüme: Stefanie Jauss
Ton-Design: Magnus Pflüger
Make-up: Maitie Richter
Musik: Nils Frahm
Mit: Laia Costa, Frederick Lau, Burak Yigit, Franz Rogowski, Max Mauff, André Hennicke u.a.
Zwei eng miteinander verbundene Themen durchziehen in diesem Jahr die Spielpläne der deutschsprachigen Theater: Fremdenfeindlichkeit und die Problematik der Flüchtlinge in Europa sowie die rechtsgerichtete Terrorzelle des NSU, deren einziger Überlebenden Beate Zschäpe gerade in München der Prozess gemacht wird. Bereits beim zurückliegenden Berliner Theatertreffen im Mai zeigte Nikolas Stemann seine Hamburger Version von Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama Die Schutzbefohlenen. Das Stück wird in der Interpretation des Wiener Burgtheaters (Regie: Michael Thalheimer) zu den Autorentheatertagen in die Hauptstadt kommen. Ebenso zu sehen war bereits die Münchner Uraufführungs-Inszenierung von Jelineks NSU-Stück Das schweigende Mädchen (Regie: Johan Simons). Und was die Jury des Theatertreffens demnach nicht getan hatte, holen daher die Macher der diesjährigen Autorentheatertage nach: den Blick (auch) in die deutsche Theaterprovinz, wo – neben München, Wien, Hamburg oder Köln – ebenso aktuell-politisches Theater zu besagten Themen abgehandelt wird; nachstehend gleich zwei Beispiele…
theatrale Stolperpersteine bei den ATT in Berlin Foto: St. B.
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Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle in der Regie von Ronny Jakubaschk als Gastspiel vom Neuen Theater Halle bei den ATT 2015 am Deutschen Theater Berlin
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Kein Unbekannter bei den Autorentheatertagen ist Autor Philipp Löhle, dessen Stücke nach Berlin, Hamburg und Mannheim nun auch in Dresden oder Halle/Saale aufgeführt werden. Und hier v.a. das 2014 in Bern uraufgeführte Stück Wir sind keine Barbaren!, das Löhle im Zuge der im letzten Jahr durchgeführten Masseneinwanderungsinitiative für die Abschottung der Schweiz gegen vermehrte Zuwanderung aus dem Ausland geschrieben hat. Durch die Pegida-Bewegung in Deutschland hat es unerwartet an Aktualität gewonnen. In der Inszenierung von Ronny Jakubaschk vom Neuen Theater Halle steht das Volk nun als „Heimatchor“ der Überlegenen und Abwehrer alles Fremden in der Box des Deutschen Theaters und skandiert: „Hier sind wir… kein Platz mehr.“
Schaukasten DT-Kammerspiele
Als das heimeliche Klischee des deutschen Kleinbürgers schlechthin hat Annegret Riediger eine vergoldete Sperrholzschrankwand auf die Bühne gebaut. Davor dann zwei benachbarte Paare, die sich gerade erst bei einer etwas verkrampften Cocktailparty kennengelernt haben. Barbara (Stella Hilb), Paul (Alexander Gamnitzer), Linda (Sonja Isemer) und Mario (Matthias Walter) sind typische Vertreter des mittelständigen Städtebewohners, der sich gesund und vegan ernährt, zum Yoga geht, neben Sex und Sport aber auch ganz technikaffin auf die modernste Unterhaltungselektronik abfährt.
Als Prüfung der Toleranz gegenüber dem Eindringen in ihren Hort der häuslichen Biederkeit schickt Autor Löhle einen klatschnassen Fremden aus dem Regen vorbei, der nachts an die Türen der beiden Paare klopft und um Einlass bittet. Von Linda und Mario zunächst abgewiesen, findet dieser Eindringling, von dem nur geredet wird, der aber selbst nicht auftritt, schließlich bei Barbara und Paul Aufnahme.
Nun spult sich mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite der Schrankwand (es wechselt dabei nur das Paarfoto an der Wand) ein fröhlicher bis heftiger Schlagabtausch der Für- und Widerargumente ab. Man tauscht Vorurteile aus und ergeht sich in gängigen Rassismen gegenüber dem Flüchtling Bobo oder Klint, vermutlich aus Afrika oder anderswoher. So genau kann man das ja nicht wissen, weil man ihn nicht versteht. Immer wieder unterbrochen wird die Handlung durch den Chor, in dem die Paare in Aussehen und Kleidung völlig aufgehen.
Es bilden sich Fronten und Allianzen, mal zwischen den Männern, dann wieder zwischen den Frauen. Während sich bei Linda ein merkwürdiges Helfersyndrom herausbildet und sie den Fremden zur großen Metapher für die ganze Welt erklärt, verzweifelt der sich vernachlässigt fühlende Paul. Linda hegt sexuelle Phantasien, und Mario fängt schließlich an, einen Schutzraum im Schlafzimmer zu bauen, den er mit der Angst vor den Afrikanern begründet, die nun in Scharen daher kämen, wo es das Wissen gibt, was ihnen fehlt. Der moderne Germane als früherer Barbar bereitet sich auf „die Welle“ neuer fremdartiger Völker vor, die ihn nun sozusagen als Rache für Pizarro überrollen.
Das ist – wie immer bei Löhle – etwas nahe am Boulevard und wird von Jakubschk auch als flotte Konversationsfarce inszeniert. Ziemlich schwarz-humorig und böse endet die Geschichte aber spätestens, wenn nach dem Mord an Barbara mittels Pauls geliebtem Riesenflachbildschirmfernseher die Schuldfrage sofort eindeutig und keine weitere Erklärung mehr nötig ist. Barbaras herbeigeeilte Schwester Anna, die berechtigte Zweifel am Tathergang hegt, wird rüde niedergebrüllt und vom aufmarschierenden Heimatchor ausgeschlossen. „Wir sind das Volk… Wir müssen uns schützen.“ Und so weihen Mario und Linda dann auch sogleich den fertiggestellten Schutzraum ein.
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Wir sind keine Barbaren
von Philipp Löhle
Premiere war am 29. Januar 2015 im Neuen Theater Halle
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne und Kostüme: Annegret Riediger, Dramaturgie: Henriette Hörnigk, Musik: Bastian Bandt
Besetzung: Barbara / Anna: Stella Hilb Linda: Sonja Isemer Paul: Alexander Gamnitzer Mario Matthias Walter
Chor: Kerstin König, Philipp Noack, Louise Nowitzki, Enrico Petters, Max Radestock, Maria Radomski, Andreas Range, Barbara Zinn
Dauer: 1h 30 min., ohne Pause
mein deutsches deutsches Land – der Dresdner Hausregisseur Tilmann Köhler inszeniert eine NSU-nahe Polit-Fiktion von Thomas Freyer
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mein deutsches deutsches Land – Foto (c) Matthias Horn
Auch Stücke von Thomas Freyer sind schon in Berlin aufgeführt worden. Eine lange künstlerische Verbindung besteht aber seit ihrer Weimarer Zeit zum Regisseur Tilmann Köhler. Nach Das halbe Meer ist mein deutsches deutsches land die zweite Zusammenarbeit der Beiden am Staatsschauspiel Dresden. Freyer hat für das Stück, das sich lose an die Geschichte der drei bekannten NSU-Aktivsten anlehnt, viele Akten und Bücher über den Fall sowie Protokolle von Untersuchungsausschüssen gelesen. Herausgekommen ist eine etwas mühsam zusammengepuzzelte Fiktion, die das Versagen der Ermittlungsbehörden als einen Politthriller um Korruption und Vertuschung durch den Verfassungsschutz und die Einflussnahme politischer Verantwortungsträger erzählt. Leider bewegen sich Text und Inszenierung dabei über weite Strecken auf dem Niveau eines flauen Fernsehkrimis.
Damit man als Zuschauer nicht den Faden zwischen den drei abwechselnd ablaufenden, zeitlich aber versetzten Spielebenen verliert, die gestern, heute und morgen miteinander verschränken sollen, werden Personen und Handlungsorte der einzelnen Szenen auf Bildschirmen angezeigt. Dazu dreht sich unaufhörlich eine Plattform mit großer Sperrholzwand, an die Karten und Ermittlungsdetails gepinnt oder große Videoprojektionen von einer Livekamera geworfen werden. Als nette Regieidee machen die Darsteller, die gerade nicht spielen, am Rand der Bühne Szenengeräusche. Eine nervtötende Umbaupausenmusik vermischt die deutsche Nationalhymne immer mal wieder mit orientalischen Klängen. Das ist dann aber fast schon der einzige Verweis auf die eigentlichen Opfer der rechten Terrorzelle, deren Angehörige gern die Hintergründe der Taten erfahren würden, aber selbst nur Verdächtigungen ausgesetzt sind.
Freyer interessiert sich zwar auch für die Drahtzieher hinter dem Geschehen, verortet alles Übel aber nur in den Chefetagen der Ämter und bei Parteifunktionären, die ihre Ministerämter missbrauchen, um aus Angst um ihre Wahlchancen die Morde an ausländischen Studenten nicht als rechtsradikale Terrorserie verfolgen lassen wollen. Hier wäscht eine Hand die andere. Dagegen ermitteln ein ehrlicher Polizeikommissar (Thomas Braungardt) und seine Assistentin (Ina Piontek) auf verlorenem Posten.
mein deutsches deutsches Land Foto (c) Matthias Horn
Die Motive der drei in die Rechtsradikalität abgerutschten Jugendlichen werden bei Sarah (Lea Ruckpaul) mit der Opposition gegen ihre gutmenschelnden, kleinbürgerlichen Erzeuger, bei Dominik (Jonas Friedrich Leonhardi) mit einer hyperreligiösen Übermutter und beim Schulschläger Florian (Kilian Land) mit einem verwahrlosten Elternhaus und Neonazibruder erklärt. Das ist recht simpel, weil man so natürlich auch ziemlich alles begründen kann. Jedenfalls verschwindet die Gang irgendwann erwartungsgemäß im Untergrund, kommt an eine mysteriös verschwundene Polizeiwaffe und beginnt die Morde zu planen. Die Verbindung zum rechten Heimatschutz gegen Islamisierung erfolgt über einen tumben Skinhead mit Baseballschläger.
Dazwischen laufen die Mordermittlungen, die von Seiten des Verfassungsschutzes behindert werden, der seine Anweisungen vom Innenminister persönlich bekommt. Kilian Land (erst Florian) verwandelt sich als besonderer Coup schließlich vor aller Augen in Minister Nöde. Ein biederer, karrierebeflissener Verfassungsschutzbeamter (Matthias Lucky) zieht die Fäden und verpasst den zwei bei einem Autounfall überlebenden Tätern eine neue Identität. Der Chef von Kommissar Wolff wird nach Brüssel versetzt, eine nachbohrende Journalistin bestochen. Die Ermittlungen verlaufen ruhig im Sand, und schließlich ist der Weg für den Minister und seinen Helfer ganz nach oben frei. In der dritten Ebene rechtfertigt man sich etwas später dann süffisant gegenüber den Fragen ergebnisloser parlamentarischer Untersuchungsausschüsse. Die Akten sind ja eh bereits geschreddert.
Es liegt sicher nicht an dem doch recht guten Spiel der immer wieder schnell zwischen den Rollen switchenden Schauspieler, das man irgendwann das Interesse an dem wie ein geöltes Uhrwerk ablaufenden Plot verliert. Auch kann man sich die Verwicklungen zwischen den staatlichen Ämtern und Regierungsebenen gut als parteipolitisches Gerangel vorstellen. Der tatsächlichen Aufklärung rechtsradikaler Gewalttaten als gesamtgesellschaftliches Phänomen dient das aber wenig. Da wäre ein rein dokumentarischer Ansatz doch die ehrlichere Variante der Herangehensweise gewesen. Aber auch das kommt ja noch bei den ATT. Man darf also weiter gespannt sein.
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mein deutsches deutsches Land
von Thomas Freyer
Uraufführung war am 04.12.2014 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Barbara Drosihn, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Robert Koall
Mit: Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Kilian Land, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Luckey
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
Bereits zum fünften Mal finden in diesem Jahr die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin statt. Zu sehen sind in den nächsten zwei Wochen neben zwölf eingeladenen Inszenierungen von Theatertexten aus dem deutschsprachigen Raum und fünf Produktionen des DT vier noch nicht aufgeführte Stücke, die von einer vierköpfigen Jury (bestehend aus dem Publizisten Peter Michalzik, der Regisseurin Jorinde Dröse, der Autorin Nino Haratischwilli und dem Schauspieler Ulrich Matthes) aus 217 Einsendungen ausgewählt wurden. Den Auftakt machte am Samstag im Großen Haus die in Koproduktion mit dem Burgtheater Wien entstandene Uraufführungsinszenierung von dosenfleisch – einem neuen Text des jungen österreichischen Autors Ferdinand Schmalz, der bereits mit seinem ersten Stück am beispiel der butter den Retzdorfer Dramatikerpreis 2013 gewann und mit der Leipziger Uraufführung zu den Mülheimer Theatertagen 2014 eingeladen wurde.
Foto: St. B.
Schmalz setzt mit dosenfleisch seine als Triptychon gedachte Stückanthologie über Lebensmittelmetaphern fort. Im nächsten Jahr wird mit der herzelfresser der dritte Teil wieder am Schauspiel Leipzig uraufgeführt. Nachdem der Autor im ersten Teil am Beispiel der Butter ökologische mit gesellschaftlichen und lebensphilosophischen Themen kurzgeschlossen hatte, gehen seine Untersuchungen nun ganz ins Fleischliche. Wobei er die Verbindung zur allgemeinen Natur auch hier nicht ganz außer Acht lässt. Das titelgebende Dosenfleisch fällt zu Beginn von einem auf der Autobahn umgekippten Laster und legt sich als „Fleischnebel“ aus zerplatzenden Dosen neben einem ebenfalls zerplatzen Falter auf die Windschutzscheiben vorbeifahrender Blechdosen mit menschlichem Inhalt. Daniel Jesch als Fernfahrer breitet in seinem Gebet an den Mittelstreifen diese hochpoetische Fleischallegorie vor uns. Er singt förmlich eine Ode an den Fernverkehr und die Schnelligkeit der Autobahn, die sich ihren Weg drunter, drüber und mitten durch die Wildnis bahnt.
Zur stark rhythmisierten Sprache des Textes schlägt Katharina Ernst den Beat auf einem Schlagzeug, das mitten auf der Bühne steht, die eine Autobahnraststätte darstellen soll. Die ist kein Ziel, eher Unort eines zeitlosen Dazwischen. Hier herrscht im doppelten Wortsinn das Verderben in Form gammelnder Bratwürste und wartender Körper, denen das Verfallsdatum bereits auf der Stirn geschrieben steht. Nur wer in Bewegung ist, vergammelt nicht. Die „Bremsbelegschaft“ aus der Spur Geworfener besteht hier neben dem liegengebliebenen Fernfahrer aus dem nach einer Systematik in den häufig auftretenden Schadensereignissen suchenden Versicherungsvertreter Rolf (Tino Hillebrand) mit einem Aktenkoffer voller Wunden, der geheimnisvollen, ein schnelles Sport-Coupé fahrenden Filmschauspielerin Jayne (Frida-Lovisa Hamann) und der Raststättenkellnerin Beate (Dorothee Hartinger) mit Hang zum Skurrilen. Ihre Arbeitsstätte liegt am früheren Ort des Elternhauses. Die Autobahn durchteilt nicht nur ihr ehemaliges Kinderzimmer, sondern mittlerweile auch ihr Leben.
(c) Deutsches Theater Berlin
Autor Schmalz betrachtet in seiner sprachspielerischen Autobahnverwurstung die im Schneller und Weiter Gescheiterten wie verkehrstechnische Totalschäden. Lauter Individuen im tiefgefrorenen Wachkoma, für die der Gefühlsstau des grauen Alltags nur über den Unfall aus dem Normalfall führt. Am Rande der Todeskurve kollidieren die „verdellten Körper“ in der Knautschzone „Ich“ und brechen auf wie gecrashte Autos. Ein Ausbruch aus der eingefahrenen Ordnung und Konserve ihrer selbst. Auch wenn es hier und da etwas zu sehr jeline(c)kisch kalauert, hat Ferdinand Schmalz eine philosophisch recht unterhaltsame Bestandsaufnahme des in der Schnelllebigkeit unserer Zeit orientierungslos gewordenen, traumatisierten Menschen geschaffen. Regisseurin Carina Riedl choreografiert diesen Versuch zwischenmenschlicher Verkehrsanbahnung als Sprachtanz mit trommelndem Herzschlagbeat. Nach finalem Schrei und Knall regt sich wieder was unter dem Asphalt, der Haut der Straße. Und wenn es nur Verkehrsschildkröten sind. Fortsetzung erbeten.
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Dosenfleisch
von Ferdinand Schmalz
Regie: Carina Riedl, Bühne: Fatima Sonntag, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: Arthur Fussy, Licht: Norbert Gottwald, Dramaturgie: Amely Joana Haag
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Katharina Ernst, Daniel Jesch, Tino Hillebrand, Dorothee Hartinger
Uraufführung vom 13. Juni 2015 im Deutsches Theater Berlin
Koproduktion mit dem Burgtheater Wien
Premiere dort am 18.09.2015 im Kasino am Schwarzenbergplatz
Dauer: 75 Minuten