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  • Shakespeare-Tage in Berlin. Teil 1 – Stefan Pucher inszeniert einen zwittriges „Was ihr wollt“ am Deutschen Theater Berlin

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    Was ihr wollt - Foto: DT-Schaukasten
    Was ihr wollt
    Foto: DT-Schaukasten

    Das Illyrien in Shakespeares Komödie Was ihr wollt ist ein Traumort, der wahr ist und gleichzeitig nicht. Hier scheint zunächst alles möglich. Es wird unabhängig von sozialer Stellung, Geschlecht und sexueller Ausrichtung begehrt und geliebt. Als zusätzlich identitätsverwirrendes Wesen erscheint die an den Gestaden des Eilands gestrandete Viola als androgynes Wesen Cesario in der Kleidung eines Mannes und dem Aussehen eines Knaben, oder irgendetwas dazwischen. Sie wirbt in Diensten des Liebes- und Lebensmelancholikers Herzog Orsino um die Gunst der schönen, aber um ihren toten Bruder trauernden Gräfin Olivia. In den scheinbaren Knaben verliebt sich nun die unnahbare Gräfin, während das Mädchen im Knaben den unerreichbar scheinenden Orsino begehrt. Das alles hat Shakespeare mit viel Wortwitz und einer deftigen Nebenhandlung mit sangesfreudigen Saufgelagen nach Art der Twelfth Night sowie jeder Menge Spaß, Hoffart, Neid und Intrige am Hofe Olivias gewürzt. Eine dark comedy mit frivolen wie politischen Anspielungen, die heute kaum noch verständlich sind und daher einer klugen Übersetzung bedürfen.

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    Einer, der das anerkannter Weise sehr gut beherrschte, war der Dichter, Dramatiker und Filmregisseur Thomas Brasch, der gerade im Februar seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte, wenn er nicht viel zu früh gestorben wäre. Am Deutschen Theater Berlin verwendet Regisseur Stefan Pucher nun eine Neuübersetzung von Jens Roselt, die recht modern klingt und Shakespeares Blankvers immer wieder auflöst, mit ihm spielt und dem deutschen Text zu derben Späßen auch recht explizite Worte gönnt. Auch wird hier nicht nur das Spiel mit den Identitäten betont. Um wie immer auch Kritik an der Spaßgesellschaft („Wer gut drauf ist, hat was zu lachen, wie’s weitergeht, ist einerlei.“), TV-Shows und dem eitlen Theaterbetrieb selbst zu üben, lässt Pucher die Darsteller auch mal aus der Rolle fallen und diese in ihrer momentanen Lage lässig reflektieren. Man gibt sich modern mit dem Bühnenbild von Barbara Ehnes und der Live-Musik von Masha Qrella und Michael Mühlhaus, lächerlich bis mondän in den Kostümen von Annabelle Witt, ergänzt durch fantastische Videofilmchen, die wie immer Chris Kondek über die Bühnenrückwand flimmern lässt.

    Puchers Illyrien scheint es noch nicht an Land geschafft zu haben oder sich bereits wieder im Untergang zu befinden. Ein sagenhaftes Unterwasserreich mit U-Booten, zwittrigen Seepferdchen und umherirrenden Spermien. Um die Sehnsucht und Ambivalenz aller Protagonisten zum Ausdruck zu bringen, legt Pucher immer wieder die Betonung auf Sätze wie: „Ich wünschte, Sie wären so, wie ich sie haben will.“ oder „Ich bin nicht, was ich spiele.“ Verstärkt wird diese Zerrissenheit durch die stark aufspielende Katharina Marie Schubert im weinroten Kurzhosenanzug, die als Viola/Cesario zuweilen betont schizophren mit sich selbst im Zwiegespräch steht. Sie gibt auch den verschollen geglaubten Zwillingsbruder Sebastian, der die Verwirrtheit der Figuren ins Aberwitzige steigert, als er auch noch am Hofe Olivias auftaucht. Als seemännische Begleiter der beiden Schiffbrüchigen fungieren mit Susanne Wolff und Andreas Döhler ausgerechnet die Darsteller des nicht zueinander kommenden Illyrier-Paars Olivia und Orsino. Pucher will also schon in den Rollenverteilungen mit unseren Wahrnehmungen spielen.

    Was ihr wollt
    Was ihr wollt
    Foto: DT-Schaukasten

    Das Problem der Inszenierung liegt aber gerade in der Zusammenführung der unterschiedlichen Handlungsebenen. Da sind einerseits die verkopften Intellektuellen Orsino und Olivia, wobei Andreas Döhler schon zu Beginn den melancholisch verhuschten Philosophen im asiatischen Morgenmantel gibt, ansonsten aber seinen gelangweilten Herzog meist zur Seite weg nuschelt. Wogegen Susanne Wolff erst im elisabethanischen Blütendruckgewand die Unnahbare spielt und dann im Glitzerkimono etwas Verruchtheit verströmt. Fürs frivol Grobe sind wie immer der versoffene Sir Toby Rülps und sein trotteliges Anhängsel Ritter Andrew Backenfahl zuständig, die bei Christoph Franken und Bernd Moss gemeinsam den Gipfel der Vergnüglichkeit erklimmen, inklusive Blowjob. Ihnen steht Anita Vulesica als nöliges Blondchen Maria zur Seite. Die feuchtfröhliche Partyblase lässt keine Zote aus. „Humor, wenn es dich gibt, bring mich in Stimmung.“ Aber da hilft auch kein Lachgummi mehr. Zumal Margit Bendokat als Narr Feste, ein einziges Understatement in Sachen Humor, mit lauter Zaunpfählen winken und als Oskar-Matzerat-Double auch noch Blechtrommeln muss. Verschenkt.

    Nur mäßig witzig chargiert sich das exquisit besetzte DT-Ensemble haarscharf am Rande von Krawall und Remmidemmi durch die Inszenierung. Das ruft dann natürlich die Sittenpolizei und Spaßbremse Malvolio auf den Plan. Entsprechend hochnäsig und herablassend geriert sich Wolfram Koch als Haushofmeister der Spießigkeit und schlechten Laune. Bis auch er seine Slapstickeinlage mit dem am Fuß angeklebten getürkten Brief der „Kammerschnalle“ Maria bekommt, bevor der dauergrinsende Schwätzer nach seinem Auftritt in gelb-schwarz getapten Strumpfhosen komplett gebondaged zum Schweigen gebracht wird. Nicht ohne eine Wiederkehr, bei der der Gedemütigte seinen Hass-Monolog des Ungeliebten vor dem Vorhang halten darf. Ob nun als moralinsaurer Puritaner oder Puerto-Ricaner ist dabei einerlei.

    „This is not a Love-Song.” Shakespeares Happy End ist ja bekanntlich auch ein eher faules. Das hat selbst Stefan Pucher erkannt und holt das Stück wieder da ab, wo es andere zu oft schon liegen gelassen haben. Im Video wird die optische Täuschung des Zwitterwesens Sebastian/Viola noch mittels Verdoppelung und Überblendung verdeutlicht. Zum Schluss treten dann alle in Gender-Switchshirts an die Rampe, damit auch jeder versteht, worum es geht. Nichts ist, wie es ist, oder was ihr wollt, oder so ähnlich. Das ist Puchers Mahnung, die bei aller Liebe doch selbst irgendwie leicht lust-verklemmt wirkt. Wir sehen weder einen originalen Shakespeare noch einen richtigen Pucher, sondern ein eher unentschlossenes Zwitterwesen, wie es dem Regisseur so vielleicht doch nicht vorgeschwebt haben dürfte. Seine grandiose Münchner Sturm-Inszenierung von 2007 erreicht Stefan Pucher mit diesem lauen Lüftchen am DT nicht mal in Ansätzen.

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    Für April hat nun das DT sogar Shakespeare Tage angesagt. Bis dahin versuchen sich noch das ewige Regietalent Tilmann Köhler an einer Neuinszenierung der blutrüstigen Tragödie des Macbeth mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle und Nachwuchshoffnung Christopher Rüping an der großen Liebestragödie von Romeo und Julia. Man darf gespannt sein, ob da mehr Wumms hinter ist.

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    Was ihr wollt
    Von William Shakespeare
    In einer Übersetzung von Jens Roselt
    Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Juliane Koepp
    Mit: Margit Bendokat, Andreas Döhler, Christoph Franken, Wolfram Koch, Bernd Moss, Katharina Marie Schubert, Anita Vulesica und Susanne Wolff

    Termine: 06., 14., 15., 26.02.,03., 12., 26.04.2015

    Infos: http://www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 01.03.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Filme aus Österreich, Schweiz und Deutschland auf der 65. Berlinale 2015 – Eine etwas verspätete deutschsprachige Bärennachlese.

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    Cinemaxx
    Die 65. Berlinale 2015Foto: St. B.

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    DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern – Ein Film von Stina Werenfels nach einem Theaterstück von Lukas Bärfuss im Panorama

    Der Trend, Kinofilme für das Theater zu adaptieren, ist nach wie vor ungebrochen. Dass es auch andersherum ganz gut funktionieren kann, zeigt nun die Schweizer Regisseurin Stina Werenfels mit ihrem neuen Werk DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern. Der Film basiert auf einem Theaterstück des bekannten Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss, das 2003 in Basel von Barbara Frey mit Sandra Hüller in der Hauptrolle uraufgeführt wurde. Im Film ist nun die vielversprechende Nachwuchsschauspielerin Victoria Schulz in der Rolle der 18jährigen Dora, die nach dem Absetzen der Medikamente ihren Körper entdeckt, zu erleben. Ihr Spiel der sexuell Erwachenden und ganz naiv aber bewusst ihren Trieben folgenden jungen Frau wirkt vollkommen natürlich und niemals peinlich.

    Ausgehend von einer ausgelassen Kindergeburtstagsparty beginnt nach dem Absetzen der Pillen bei Dora eine Pubertät im Schnelldurchlauf, der die verständnisvollen Eltern (Jenny Schily und Urs Jucker) nicht gewachsen sind. Das sogenannte „Scheidenpimmelchen-Spiel“, das bei ihnen nur noch gelegentlich für Lust sorgt, soll nun für Dora zum festen Bestandteil ihres neuen Lebens werden. Und in Peter (Lars Eidinger, den Part des geheimnisvollen, zwielichtigen Manns in Filmen auf der Berlinale einmal mehr grandios verkörpernd) trifft sie auf den Mann, der ihr das, wenn auch nicht ganz ohne Eigennutz ermöglicht. Das erste Treffen der beiden in einer U-Bahn-Toilette, auf die Dora dem von ihr angehimmelten Pharmavertreter folgt, inszeniert Regisseurin Werenfels als Mischung aus unschuldig, neugierigem Flirt mit Granatapfelsymbol und brutaler Vergewaltigung.

    DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern - Foto © Alamode Film
    DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
    Foto © Alamode Film

    Die „Neurosen“ der Eltern entspinnen sich dann ob der sexuellen Aktivitäten ihrer Tochter zwischen angespannter Liberalität und Kontrollwahn bis hin zu vollkommener Hilflosigkeit und sexuellem Frust, der angesichts der Schwangerschaft Doras in Eifersuchtsanfälle der Mutter münden, die selbst gern noch ein „gesundes“ Kind bekommen würde. Das auch Dora ihre unangenehmen Erfahrungen mit Liebe und Sex macht, spart der Film aber nicht aus. Beim Versuch Peters sie zu einem Dreier mit einem Kollegen zu animieren, sagt Dora zum ersten Mal nein, was Peter dann zwar akzeptiert, sich aber mehr und mehr aus der für ihn schwierig werdenden Beziehung verabschiedet.

    Die unklare Figur des völlig frei von jedweder Verantwortung agierenden Peter ist ein anderer Aspekt des Films, dem Stina Werenfels allerdings weiter nicht allzu viel an Bedeutung beimisst. Da sind dann der Projektionslust der Zuschauer keine Grenzen gesetzt. Wie Mutter und Tochter, wenn auch auf recht dramatische Weise, doch noch zu einer letztendlich für beide Seiten akzeptierten und entspannten Sexualität finden, ist eine schöne Pointe am Schluss und kann in den Schweizer Kinos schon ab dem 19. Februar bewundert werden. In Deutschland startet der Film am 21. Mai 2015.

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    Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
    Schweiz / Deutschland 2015, 90 Min
    Regie: Stina Werenfels
    Buch: Stina Werenfels, Boris Treyer
    Kamera: Lukas Strebel
    Mit: Victoria Schulz, Jenny Schily, Lars Eidinger, Urs Jucker u.a.

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    Die Filme Ein idealer Ort und Im Sommer wohnt er unten sind die Preisträger des ‚Dialogue en perspective‘ in der Perspektive Deutsches Kino

    Neben dem Schweizer Max-Ophüls-Preisträger Chrieg gab es noch zwei weitere Preise in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Den DFJW-Preis ‚Dialogue en perspective‘ teilten sich diesmal zwei Filme. Den Hauptpreis der Jury erhielt der mittellange Spielfilm Ein idealer Ort von Anatol Schuster. Der 40minüter des 30jährigen Regisseurs beschäftigt sich mit der weit verbreiteten Landflucht in Mecklenburg-Vorpommern. Während sich hier nur noch eine die Blaskapelle in kämpferischen Tönen übt, ist das Dorf zwischen Ferkelfabrik und Biosphärenreservat am Verfallen.

    Ein idealer Ort - Foto (c) wirFILM
    Ein idealer OrtFoto (c) wirFILM

    In den Hauptrollen des Ehepaars Frank und Kathrin, das sich nach Jahren entschließt ihr Haus zu verkaufen und die Stadt zu ziehen, sind mit Matthias Neukirch und Jule Böwe zwei weitere prominente Berliner Theaterschauspieler besetzt. Frank hat sich so gut es geht mit Job und Blaskapellenmitgliedschaft in die Dorfgemeinschaft integriert und möchte eigentlich auch lieber bleiben. Kathrin dagegen plagen Ängste, auch bedingt durch einen nicht näher beschriebenen Autounfall, die sie mittels ominöser Klopftherapie-Anleitungen aus dem Internet aufzulösen versucht.

    Das Lebensgefühl ihrer Tochter Anna zwischen Techno, zwei Dorfjungen und dem Kampf gegen die Ferkelfabrik ist ihnen genauso fremd wie ihr Sohn Otto mit seiner autistisch künstlerischen Überbegabung. Auf den Teenager Anna wirkt der Vater nur noch peinlich. Der Film beschreibt das Unvermögen von Menschen Entscheidungen zu treffen und ihr gemeinsames Leben wieder neu zu gestalten. Das Foto einer glücklichen Familie vor ihrem Haus für den Immobilienmakler ist nur gestellt. Es herrschen allgemeine Stagnation und Zweifel. Trotzdem bieten die Charaktere des Films noch jede Menge Raum zur Ausgestaltung. Der Stoff von Anatol Schuster hat durchaus Potential für einen 90minüter in Petto.

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    Ein idealer Ort
    Deutschland 2015, 40 Min
    Regie, Buch: Anatol Schuster
    Kamera: Julian Krubasik
    DARSTELLER: Matthias Neukirch, Jule Böwe, Raja Rexin, Lukas Kühl, Robert Schupp, Radik Golovkov, Barbara Philipp, Jürgen Hartmann, Eva-Maria Blumentrath, Sebastian und Martin Fulbrecht

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    Die Jury vergab noch eine Lobende Erwähnung an Im Sommer wohnt er unten, den Debutlangspielfilm von Regisseur Tom Sommerlatte. Familientraditionen und hohe Erwartungshaltungen überschatten hier das Verhältnis zweier recht ungleicher Brüder. Eine nicht ganz unübliche Konfliktsituation, die hier in dem doch recht idyllischen Sommerdomizil einer deutschen Bankiersfamilie in Frankreich angesiedelt ist. Im elterlichen Ferienhaus hat es sich Matthias (Sebastian Fräsdorf) mit Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) und ihrem Sohn Etienne (William Peiro) gemütlich gemacht. Er hält nicht viel von beruflicher Karriere und lebt auf Vaters Kosten in den Tag hinein. Die Ruhe ist vorbei, als Bruder David (Godehard Giese) mit seiner Frau Lena (Karin Hanczewski) eine Woche zu früh ins Idyll mit Swimmingpool platzt. Das recht geschäftstüchtige Alphatier ist ziemlich angespannt, da er wegen des Fortpflanzungswillens seiner Frau und auch geschäftlich stark unter Druck steht. David beginnt sofort Bruder und Freundin zu gängeln und besteht darauf, das Zimmer zu wechseln sowie den Sohn Camilles wegzuschicken.

    Im Sommer wohnt er unten - Foto (c) SamuelArnaud
    Im Sommer wohnt er untenFoto (c) Samuel Arnaud

    Der eher antrieblose Matthias lässt sich das zunächst gefallen. Erst als Camille beginnt David immer wieder erfolgreich herauszufordern, fängt auch er an, seine Lage zu überdenken. Es entspinnt sich ein schönes Spiel um Balzgehabe, Eifersucht und Rivalität zwischen den Brüdern und ihren Frauen, das den zentralen Austragungsort Haus und Pool bestens zu nutzen weiß. Es macht Spaß den beiden Paaren bei ihrem Kampf um männlichen Herrschaftsanspruch und weibliche Autonomie zuzusehen, bei dem die beiden konträren Brüder sich auch endlich wieder etwas näher kommen. Blut erweist sich hier auf eine andere Art dicker als Wasser und das leidige Geld, das David in Mengen verzockt hat, als ziemliche Erotikbremse. Regisseur Tom Sommerlatte nimmt bewusst auch Anleihen bei bekannten französischen Autoren-Filmen, mixt aber einen ganz eigenen Sommer-Cocktail, der beim Publikum gut ankommen dürfte. Der Kinostart ist für Herbst 2015 geplant.

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    Im Sommer wohnt er unten
    Deutschland / Frankreich 2015, 100 Min
    Regie, Buch: Tom Sommerlatte
    Produktion: Iris Sommerlatte
    Kamera: Willi Böhm
    Montage: Anna Kappelmann
    Szenebild: Babett Klimmeck
    Mit: Sebastian Fräsdorf, Godehard Giese, Karin Hanczewski, Alice Pehlivanyan und William Peiro

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    Der letzte Sommer der Reichen und Superwelt – Zwei österreichische Spielfilme in den Sektionen Panorama und Forum

    Um Machtspiele und Familienhierarchien geht es auch in Der letzte Sommer der Reichen, dem neuen Spielfilm des österreichischen Regie- und Schauspiel-Enfant-terribles Peter Kern, der im letzten Jahr seinen 65. Geburtstag feierte. Der Verfechter einer ganz speziellen Filmästhetik und eines etwas abseitigeren Humors findet dafür jedoch wieder wesentlich explizitere Bilder. Kern lässt die Liebe zur Schönheit des Lebens wie der Ekel über die Welt, wie sie ist, nicht in Ruhe. Und da ein Prophet im eigenen Land bekanntlich wenig gilt, hat Peter Kern wohl auch schon seit längerem ein Panorama-Abo auf der Berlinale.

    Hanna von Stezewitz (die franz. Schauspielerin Amira Casar), die Hauptfigur in Kerns Film, ist eine Frau, die weiß was sie will, und es sich im Zweifelsfall auch nimmt. Die mondäne Modedesignerin und reiche Konzernerbin nutzt ihre Macht dabei schamlos aus, sexueller Missbrauch junger, naiver Models inklusive. Sie schreitet in Lack und Leder durch die feine Wiener Gesellschaft aus reichen Gönnern, Bankiers sowie anderen Aasgeiern aus Kunst und Politik. Ihren Ekel darüber lässt die als Mäzenin gern Gesehene mit einem exquisiten Hang zur Provokation freien Lauf. So sind der Zynikerin auch Bordelle lieber als ein Kunst- und Kulturzentrum mit ihrem Namen. Denn nur bei den Prostituierten zeigt die harte Hanna auch ihre weiche, verletzliche Seite. Natürlich auf eine recht bizarre und eher masochistische Art.

    Der letzte Sommer der Reichen – (c) Nanook Film

    Im zwielichtigen Milieu der Zuhälter engagiert Hanna auch den Mörder ihres verhassten Großvaters (Heinz Trixner) mit Nazivergangenheit, der ans Bett gefesselt in einem Schloss mit riesigen Räumen und willfährigen Bediensteten haust. Hier taucht Kern auch wieder tief in dunkle Kapitel deutsch-österreichischer Geschichte ein. Dass die sich nach echter Liebe sehnende Hanna dann aber ausgerechnet der jungen Nonne Sarah (Nicole Gerdon), die den Großvater pflegte, verfällt, wird ihr schließlich zum Verhängnis. Hanna sind nun außerdem selbst geheimnisvolle Killer auf den Fersen, was Kerns thematisch überbordenden Film etwas in Richtung pittoreske Krimigroteske kippen lässt, die er wieder satt mit klassischer Musik von Mozart bis zu Wagners Tristan und Isolde untermalt.

    Ob nun SM, Prostitution, Geldgier, Macht- und sexueller Missbrauch oder die Kritik an Medien, Korruption, Finanzkapital und Kirche, mit dem Beackern von gleich mehreren gesellschaftlichen Tabuthemen gleichzeitig verliert der Film etwas sein Ziel aus den Augen. Kern vermag schon sehr gut die wahren Perversionen der kapitalistischen Konsumwelt zu offenbaren. Sein als große Gesellschaftssatire angelegter Film ist aber als Farce nicht überdreht oder schräg genug und als echte Provokation wiederum etwas zu brav. Neben dem Ex-Model Casar vermag einzig Ex-DDR-Schauspielstar Winfried Glatzeder in einer schönen Nebenrolle als Hannas geheimnisvoll devoter Privatsekretär zu brillieren, und ist sich auch eines kleinen Seitenhiebs auf seine Dschungelcamp-Vergangenheit nicht zu schade.

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    Der letzte Sommer der Reichen
    Österreich 2015, 91 Min
    Regie und Buch: Peter Kern
    Kamera und Produktion: Peter Roehsler
    Mit: Amira Casar, Nicole Gerdon, Winfried Glatzeder, Helmut Berger, Margarete Tiesel, Nicole Beutler, Paul Matic, Florian Feik

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    Nicht ganz so forsch und bunt wie Peter Kern geht sein österreichischer Schauspielkollege Karl Markovics mit seinem zweiten Spielfilm an die ganz menschlichen Verwerfungen der modernen Gesellschaft heran. Er schlägt mit Superwelt leicht ironische, wesentlich leisere, damit aber nicht weniger treffende Töne an. Diese offenbaren sich der Supermarktangestellten Gabi (Ulrike Beimpold) als göttliche Eingebungen, die sie erst unmerklich dann aber immer öfter sehr intensiv heimsuchen. Gabis Mann Hannes (Rainer Wöss) arbeitet bei der Straßenmeisterei einer kleinen Gemeinde in der Steiermark. Beide haben Haus, Garten und erwachsene Kinder, wobei Tochter Sabine bereits selbst verheiratet ist, Sohn Ronni (Nikolai Gemel) als Unteroffizier aber noch die Vorzüge des Hotels Mama genießt.

    Superwelt - Foto (c) Thimfilm / Petro Domenigg
    SuperweltFoto (c) Thimfilm / Petro Domenigg

    Regisseur Markovics zeichnet hier den typischen Alltag einer berufstätigen Frau, die nebenbei auch noch ganz traditionell und selbstverständlich den Haushalt schmeißt. Das Ausscheren Gabis aus den eingefahrenen Gleisen einer Ehe, die nichts Überraschendes mehr bringt, ist Hannes dann auch zunächst vollkommen unbegreiflich. Sie haben es doch fast geschafft, ist sein zynischer Kommentar. Gabis Fasten und Aerobic-Training hält er in ihrem Alter schlicht für nutzlos. Eine neue Waschmaschine oder ein neuer Kühlschrank wären drin, die Küche muss reichen bis zum Ende. Aber kann denn das schon alles sein? Irgendwann verlässt Gabi einfach Supermarkt, Mann und Haus, um sich, den Einsagungen der inneren Stimme folgend, auf eine kleine Reise zu machen.

    Mit Liebe und Verständnis für die Wünsche und Ängste seiner Protagonistin folgt Markovics Gabis Weg, der sie wie auf eine kleine, wundersame Passion durch die malerische Landschaft mit weiten Feldern und langen Straßen führt, auf einen gestressten Kurierfahrer, Bauarbeiter bei der Vesper, Soldaten und eine kleine Hochzeitgesellschaft treffen lässt. Brennende Büsche, Zweifel, Verwünschungen, die Verleugnung des eigenen Sohnes und ein reinigender Gewitterguss machen daraus aber kein biblisches Martyrium, sondern die Geschichte einer ganz gegenwärtigen Frau, der die Spießigkeit und die sie umgebende Ignoranz, der Fluch der ständigen Verfügbarkeit und Verlust jeglicher Zukunftsträume zu schaffen machen. Karl Markovics ist ein feinsinniges Gesellschaftsportrait gelungen, dem es nicht an nötigem Humor und Weltsicht mangelt. Kinostart Österreich: 20.03.2015

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    Superwelt
    Österreich 2015, 120 Min.
    Regie, Buch: Karl Markovics
    Kamera: Michael Bindlechner
    Mit: Ulrike Beimpold, Rainer Wöss, Nikolai Gemel, Angelika Strahser, Thomas Mraz, Sibylle Kos, Michael Scherff, Harri Stojka

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  • Große Vögel, kleine Vögel – Die Berliner Puppenbühne Das Helmi adaptiert Pasolinis Filmsatire im Ballhaus Ost

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    italienisches Filmplakat
    italienisches Filmplakat

    Nach einem kurzen Ausflug in die Theater-Hochkultur (Faust-Marathon und Kleists Ritterspiel Das Käthchen von Heilbronn) sind die Helmis mit ihren pusseligen Schaumstoffpuppen seit geraumer Zeit wieder recht erfolgreich am Ballhaus Ost im heimischen Prenzlauer Berg zu sehen. Ob nun Der Name der Rose, Sündenstadt oder Starwurst, die Literatur-, Comic- und Film-Verwurstungen der Berliner Puppenbühne Das Helmi sind Kult im Kiez. In ihrem neuen Streich hat sich die Truppe um die Brüder Florian und Felix Loycke, Emir Tebatebai und Brian Morrow den 1966 entstandenen Film Uccellacci e uccellini (dt. Titel: Große Vögel, kleine Vögel) des italienischen Regisseurs, Dichters und Kommunisten Pier Paolo Pasolini vorgenommen. Eine der wenigen Komödien des sozialkritischen Kultfilmers der italienischen Unterschicht.

    Eine gefährliche Lachattacke nannte Pasolini selbst Uccellacci e uccellini im musikalischen Vorspann von Ennio Morricone, den auch das Helmi leicht umgedichtet zur Vorstellung der Mitwirkenden adaptiert hat. Der Film erzählt „die Geschichte eines ruhigen Spaziergangs in Richtung Glück und Hoffnung auf goldene Ideale“. Vater Marcellino und Sohn Ninetto (verkörpert von dem bekannten Komödianten Totò und dem jungen Schauspieler Ninetto Davoli) streichen durch die Randzonen der italienischen Vorstädte. Auf ihrem Weg folgt ihnen ein sprechender Rabe, der die beiden in politisch-philosophische Debatten über Gott, Christus, den Hunger der Welt, Marx und die Revolution verwickelt. Zur Veranschaulichung erzählt er ihnen die titelgebende Parabel über die Falken und Spatzen, denen sie im Auftrag des heiligen Franziskus das Evangelium predigen sollen. Doch Vater und Sohn erweisen sich als ziemlich ignorant und erklärungsresistent. Am Ende landet das nervende Federvieh im Kochtopf.

    (c) Ballhaus Ost / Das Helmi
    (c) Ballhaus Ost / Das Helmi

    Nicht ganz so tragikomisch wie Pasolini sieht das Helmi die Sache. Für etwas Melancholie ist hier nur der knittrig dreinschauende Schaumstoff-Mond über der wackeligen Brechtgardinenstange des fadenscheinigen Vorhangs zuständig. Vater und Sohn heißen hier Emilio (Emir Tebatebai) und Solino (Solène Garnier). Ihnen begegnen gleich mehrere gefiederte Schaumstoff-Einflüsterer aus der Stadt der Ideologie im Land des Kapitals. Doch nachdem ihre Kuh keine Milch mehr gibt, sind die beiden hier recht sympathisch wirkenden Kleinbürger aus der Stadt der Dummen eher auf der Suche nach der Straße der Hummer. Und was bei Pasolini noch karge Provinz war, würde man heute wohl eher als Berliner Speckgürtel bezeichnen. Nach Bertolt Brecht kommt das Fressen bekanntlich vor der Moral, und darüber stehen nur noch die fleischlichen Gelüste. Die Freuden am Wegesrand, denen sie in Gestalt der üppigen Straßenprostituierten Luna (Julia Gräfner) begegnen.

    Der heilige Franz von Assisi (Dasniya Sommer) taucht natürlich auch noch in Gefolge jutebesackter Jünger auf, und die schöne Parabel mit der Predigt an die gewalttätigen Falken und die demütigen Spatzen wird nach einem gesungenen Vierjahreszeitengebet (Komm lieber Mai und mache, Der Herbst ist da, etc.) endlich auch erhört, bis die Spatzen es von den Kirchendächern pfeifen: Liebe statt Fasten. Es folgt ein schaumstoffknuddeliges Übereinanderherfallen im Namen der Liebe von Vögeln, Bienen, Blumen und Menschen. Doch auch diese schöne Utopie bekommt einen Knacks. Nicht so die andauernde Helmi-Attacke auf die Lachnerven des Publikums. Im Folgenden wird die Bühne erst so richtig zugemüllt und fröhlich aufgeräumt mit allerhand Ideologien und Weltanschauungen. Es wird gerockt das die Federn fliegen, Fidel Castro tritt auf und Gaststar Franz Rogowski (Love Steaks, Victoria) gibt ein Lookalike des schwulen Pasolini in Anzug und Sonnenbrille. Der Regisseur ist hier wohl auf der Suche nach unverbildeten Laiendarstellern für seine Filme unter den Naturburschen eines ausgelassenen Fußballmatchs.

    Foto (c) Dasniya Sommer
    Foto (c) Dasniya Sommer

    Gänzlich die Straße der beiden glückssuchenden Tramps verlassend, begibt sich die Inszenierung auf ein ganz anderes Filmset. Es ist eine Parodie der Parodie. Das Helmi gibt nun ziemlich detailgetreu die zwei, einem manieristischen Gemälde nachempfundenen, äußerst farbigen Kreuzabnahmeszenen aus Pasolinis halbstündiger Bibelfilm-Satire La ricotta (Der Weichkäse). Cora Frost als Orsino Wellino (den im Film Orson Wells verkörpert) lässt den Regie-Macho raushängen und Brian Morrow gibt den hängenden Jesus und anschließend noch den guten Schächer, der hier kein Stück Weichkäse und auch nichts von der üppigen Cateringtafel abbekommt. Auch ein gelungenes Statement zum Thema Nächstenliebe und Ignoranz sowie ironischer Seitenhieb auf die eitle Kunst- und Filmszene.

    Am Ende zitiert Heinz vom Obdachlosentheater „Die Ratten“ in einer Videoeinspielung auf die dünne Brechtgardine den Linken-Chef Gregor Gysi: „Der Kapitalismus hat nicht gesiegt. Er ist übrig geblieben.“ Und den Brecht hat Heinz dann tatsächlich auch noch in petto mit einem Auszug aus dem Lied von der Moldau: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer am verhangenen Himmel über dem Horizont, zu dem die beiden komischen Vagabunden bei Pasolini schon vor fast fünfzig Jahren in Richtung neue Zeit aufbrachen. Die andauernden Fragen nach der Gerechtigkeit in der Welt berechtigen dann wohl auch diese leicht ironisch Zugabe. Auch wenn hier einen recht kurzweiligen Abend lang auf Schaumstoffköpfe geklopft wird, muss niemand Angst haben, wegen Ideologieverdachts den Hals umgedreht zu bekommen. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Ein großer Spaß zum Nachdenken für Jung und Alt.

    Foto (c) Das Helmi
    Foto (c) Das Helmi

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    Große Vögel, kleine Vögel (22.02.2015)
    Das Helmi nach Pier Paolo Pasolini
    Premiere am Ballhaus Ost: 13.02.2015
    von und mit Cora Frost, Solene Garnier, Julia Gräfner, Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow, Franz Rogowski, Dasniya Sommer, Emir Tebatebai
    Burkart Ellinghaus, Jenny Dechene, Ceca Stanic, ehrliche arbeit – freies kulturbüro

    Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

    Termine: 15., 16. und 17.05.2015

    Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/grosse-voegel-kleine-voegel/

    http://www.das-helmi.de/index.php/produktionen/197-grosse-voegel-kleine-voegel

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  • DER DIE MANN – In der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz führt Herbert Fritsch Texte des Wiener konkreten Literaten und Dandy Konrad Bayer auf.

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    „erstens will ich fröhlich sein / zweitens mich vergnügen / drittens ist die erde mein / das sollte doch genügen“ heißt es in einem Gedicht des Wiener konkreten Literaten und Dandys Konrad Bayer, der sich 1964 mit 32 Jahren das Leben mit dem Kopf im Gasherd nahm. Etwas Größenwahn schwingt da schon mit, was dem fröhlichen Tausendsassa unter den deutschen Regisseuren, Herbert Fritsch, aber nicht fremd sein dürfte. Und so hatte der Regisseur als Schauspieler auch schon Soloabende mit Texten von Konrad Bayer gestaltet. In seiner neuen Inszenierung an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz verwurstet Fritsch nun ein paar vergnügliche Prosastücke und etwas Lyrik des Mitbegründers der „Wiener Gruppe“ zu einem ebenso leichtgängigen Abend, wie man ihn schon von Murmel Murmel und Ohne Titel Nr. 1 kennt.

    der die mann an der Volksbühne - Foto: St.B.
    Texte von Konrad Bayer an der Volksbühne – Foto: St.B.

    Diesmal hat Fritsch aber zunächst keinen so einfachen Lauf wie bei den beiden vorgenannten Publikumsrennern. Dabei scheint Bayers Lyrik und Prosa – wie auch das Stück Murmel von Dieter Roth – reinste Lautpoesie und damit eigentlich geradezu dafür gemacht, auf einer Bühne mit Musik aufgeführt zu werden. Die Bühne ist dann auch ganz ähnlich gestaltet wie bei der ersten Oper, nur das statt eines Riesensofas nun ein großer, gelber Grammophontrichter und eine Showtreppe auf der Drehbühne kreiseln, die in ein tiefes Rot getaucht ist. Wieder in grellen Neonfarben sind auch die Latex-Kostüme, in die Victoria Behr die beiden Damen und fünf Herren gesteckt hat, was einen schönen Effekt beim typischen Schlottern der Fritsch-Figuren ergibt.

    Ansonsten passiert erst mal nicht allzu viel. Die Musiker des dasderdiemannorchesters unter der Leitung von Maestro Ingo Günther spielen zunächst eine Art treibende Filmmusik, bei welcher die Darsteller auf der sich drehenden Bühne mal vor, mal hinter dem Grammophontrichter und der Treppe in Tableaus erstarren und sich wieder auflösen. In einer Videoprojektion erscheinen die auf dem Rücken liegenden Akteure wie Käfer und Spinnen. Schöne Choreografien zu Musik. Dann werden erste Sprechversuche per Sampling eingespielt. Dazu wird, wie noch öfter an diesem Abend, viel mit Mikrofonen hantiert und wild gestikuliert.

    Mit dem Text flucht beginnt dann der eigentliche Sprechteil. Ein gutes Beispiel für Bayers Experimentalwortakrobatik, das die Darsteller dann auch wie in Gebärdensprache gestisch kommentieren. Heißt es im Text „Schlaglicht“, fällt auch sofort jemand um. Ein schier endloser Assoziationsstrom in einen Fließtext ohne Punkt und Komma gegossen. Dazu gibt es etwas Slapstick und Gummiseilartistik. Sprache als Herrschaftsinstrument zeigte Bayer u.a. in seiner Farce die boxer, einem Schlagabtausch in Worten – hier nun als kurzer Auflauf in Dress und Boxhandschuhen mit anschließendem Ausspruch: „i bin a kastrat drum is ma so fad“. Da ist Fritsch wieder ganz in seinem gewohnten Blödel-Element; jedoch – der Funke will noch nicht so recht aufs Publikum überspringen.

    Erst mit dem Wechsel der Kostüme (in einheitlich graue Anzüge) und dem Ablegen jeglicher Identität beginnt der Ideenreichtum zu sprühen. Nun stehen sieben zum Verwechseln ähnliche 60er-Jahre-Dandys auf glattem Parkett. Lauter Beatles-Pilzköpfe, die sich die Sprachbälle wie beim Ping-Pong zuspielen: „ein … und … ein … und …“ usw. Höhepunkt der Aufführung ist mit Sicherheit der Text karl ein karl, bei dem sich der Vortragende verdoppelt und schließlich gar vervierfacht. Jegliche Identifikation wird hier ad absurdum geführt.

    Bayer-Texte wie die birne im Wiener Dialekt oder das titelgebende der die mann in drei Fassungen werden solo oder im Chor performt. Einem Wer-gibt-wem-die-Hand-Sketch, vorgetragen von Axel Wandtke, singt Ruth Rosenfeld ein „ich töte keine menschen mit den händen“ hinterher. Die Nonsens-Texte hatten für Konrad Bayer auch einen ganz existenziellen Hintergrund. Das kommt vielleicht am besten in niemand hilft mir zum Ausdruck, das im Chor gesungen mit „das ist lustig / das ist schön / das ist das zugrundegehn“ endet. Bayer ist mit seinem Humor nicht immer auf Verständnis gestoßen. Was er von seinen Kritikern, vor allen den gestrengen Richtern der „Gruppe 47“ hielt, passte auf die Rückseite eines Briefumschlags.

    (C) Rowohlt Verlag
    (C) Rowohlt Verlag

    „hie und da feucht / klebrig / lebenslustig“, daran hat sich Herbert Fritsch bei seiner Inszenierung im Großen und Ganzen gehalten. Ein in Bild und Ton gegossenes a und o des Bayer’schen Wortkosmos. Allerdings opfert Fritsch den großartigen Text an zu viele Albernheiten und lässt ihn dann im doch offensichtlichen, spaßigen Treiben akustisch etwas untergehen. Das ist schade. Auch wirkt der Abend diesmal etwas lang und besteht aus den gewohnten, sicher tadellos eingeübten Showelementen. Nur die Palette der Möglichkeiten scheint sich da so langsam erschöpft zu haben.

    Wer es lesen will, das Gesamtwerk von Konrad Bayer ist 1977 bei Rowohlt erschienen. Wer es hören und sehen will, muss in die Volksbühne gehen. Zumindest dem Premierenpublikum hat es überwiegend gefallen.

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    DER DIE MANN (UA)
    Nach Texten von Konrad Bayer
    Premiere am 18.02.2015 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
    Regie: Herbert Fritsch
    Bühne: Herbert Fritsch
    Kostüme: Victoria Behr
    Licht: Torsten König
    Musikalische Leitung: Ingo Günther
    Dramaturgie: Sabrina Zwach
    Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke, Hubert Wild, Ingo Günther (dasderdiemannorchester), Michael Rowalska (dasderdiemannorchester), Taiko Saito (dasderdiemannorchester) und Fabrizio Tentoni (dasderdiemannorchester).

    Dauer: ca. 1:45 h, keine Pause

    Weitere Termine: 22.2., 26.2., 15.3., 25.3., 3.4.2015

    Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/der_die_mann/?id_datum=8716

    Zuerst erschienen am 19.02.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Chrieg – Der Max-Ophüls-Preisträgerfilm von Simon Jaquemet zu Gast bei der Perspektive Deutsches Kino

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    Der Max-Ophüls-Preisträger 2015 Chrieg hat es in sich. Wucht, Klarheit und Authentizität bescheinigte die Jury in Saarbrücken dem Debutfilm des Schweizers Simon Jaquemet in der Preisbegründung. Und er ist nicht nur visuell ein Schlag in die Magengrube, wie es der 37jährige Regisseur seinem Film vorrausschickt. Die Bilder und Handlung von Chrieg verstören nachhaltig. Nicht dass Filme über ungezügelte Jugendgewalt neu wären, aber Simon Jaquemet erzählt hier eine ungeschönte Geschichte vom völligen Scheitern der Institutionen Familie und Staat, ohne jemanden direkt mit erhobenen Zeigefinger in die Verantwortung zu nehmen. Die Gründe für den Ausbruch der Gewalt, die uns immer wieder durch Pressemeldungen erschüttert, bleiben so rätselhaft wie die Story des Films insgesamt.

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    Chrieg_FilmplakatDer 15jährige Matteo ist seinen Eltern ein Rätsel. Der stille Einzelgänger passt sich nicht an, dealt mit Drogen und bringt, um seinem Vater zu imponieren, auch schon mal eine Prostituierte mit nach Hause. Der Vater geht mit harter Hand gegen die Opposition des Sohnes vor. Die Mutter hat nur Augen für das neue Baby. Da ist kein Platz für Matteo, der sich allen institutionellen Erziehungsmaßnahmen widersetzt. Letzte Hoffnung für die Eltern ist ein sogenanntes Bootcamp in den Schweizer Alpen. Bei Nacht und Nebel dahin verschleppt, gerät der Junge in die Mühlen eines aus dem Ruder gelaufenen Experiments. Die Jungen Anton, Deon und das Mädchen Ali haben den versoffenen Almbauern Hanspeter entmachtet und das Regime auf dem Hof übernommen. Der Neuankömmling wird einer entwürdigenden Initiation mit anschließender Mutprobe unterzogen und in die Gruppe integriert.

    Lange weiß man nicht, ob dies alles nicht einem perfiden Erziehungsplan entspringt. Man ist wie Matteo selbst den sich für ihn zunächst kaum erklärenden Vorgängen ausgesetzt. Fast wie ein Spiel zelebriert die Gruppe ihre Art von Krieg. Die Kamera ist immer hart an den Protagonisten dran, so dass sich ein dynamisch dichter Spannungsbogen aufbaut, der sich immer wieder in Szenen der Gewalt entlädt. Das ist letztendlich auch die Stärke des Films, ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Der Film zeigt und baut Wut auf, ohne sie zu erklären, verklärt sie aber auch nicht als unumgänglich. In den wenigen Szenen der Ruhe kann man kleine Rückzugsgebiete, Wünsche und Hoffnungen der Protagonisten ausmachen. Die zum größten Teil noch filmisch unbeleckten Darsteller, allen voran Benjamin Lutzke als Matteo, überzeugen in jeder Minute.

    Chrieg_(c) Foto Lorenz Merz © Hugofilm Production
    Chrieg – Foto: Lorenz Merz © Hugofilm Production

    Die unkontrollierte Bande nimmt den Jungen dann aber bald mit auf ihre Fahrten in die Stadt. Sie rauben brutal potenzielle Drogenkäufer aus, stehlen Autos, mischen eine Großraumdisco auf und verwüsten das Elternhaus der wohlstandsverwahrlosten Ali. Bis auf den schon mal im Knast gewesenen Anton, der das Kommando führt und unter keinen Umständen wieder zurück will, haben die anderen zumindest einen halbwegs nachvollziehbaren familiären Hintergrund. Der Serbe Deon sehnt sich nach seiner Großmutter, hat aber Angst vor einer Abschiebung; Ali, die sich als Junge in der Gruppe akzeptiert fühlt, fehlt Zuneigung, die sie hier aber vergeblich sucht. Der Gruppendruck verlangt bedingungslose Unterordnung, bis die freilaufende Dynamik die Gewalt eskalieren lässt.

    Matteo will sich an seinem verhassten Vater rächen, dem der Regisseur und Drehbuchautor hier noch zusätzlich ein dunkles Geheimnis anheftet, das Matteos Vaterbild endgültig zerstört. Nach vollendeter Tat zieht sich die Truppe in ihr Lager zurück. Die eingeschworene Gemeinschaft scheint in Auflösung und wie gelähmt vor der Erwartung der Strafe. Die Taten bleiben für Matteo zwar ungesühnt, allerdings ist er am Ende inmitten der schroffen Bergwelt noch einsamer als zuvor.

    * *

    Simon Jaquemet wollte einen Film über bestimmte Konstellationen, in denen es zu Gewalt kommen kann, machen. Das Vorhaben ist ihm in Teilen gelungen. Dass sich die angestaute Wut Jugendlicher ohne angemessenes Ventil in ziellose Zerstörung entlädt, resultiert aber nicht nur aus unlösbaren Generationenkonflikten. Die gesellschaftliche Komponente wird im Film nur in Ansätzen deutlich. Die Ratlosigkeit des Regisseurs überträgt sich somit auch aufs Publikum. Trotz fehlender Unterfütterung der Story und ihrer Charaktere mit etwas mehr Hintergrund, stehen die ungelösten Fragen aber weiter zur Diskussion im Raum.

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    CHRIEG (WAR)
    Schweiz, 2014  / 100′
    Buch und Regie: Simon Jaquemet
    Regieassistenz: Beatrice Minger
    Kamera: Lorenz Merz
    Schnitt: Christof Schertenleib
    Szenenbild: Michael Baumgartner
    Kostümbild: Laura Gerster
    Maskenbild: Marina Aebi
    Originalton: Jean-Pierre Gerth
    Tongestaltung: Roland Widmer
    Produktionsleitung: Florian Widmeier, Franziska Arnold, Philipp Moravetz
    Aufnahmeleitung: Olga Zachariadis
    Casting: Lisa Oláh, Bea Minger
    Produzenten: Christian Davi, Christof Neracher, Thomas Thümena
    Ausführender Produzent Christian Davi
    Darsteller:
    Matteo: Benjamin Lutzke
    Ali: Ella Rumpf
    Anton: Ste
    Dion: Sascha Gisler
    Matteos Vater: John Leuppi
    Matteos Mutter: Livia S. Reinhardt
    Hanspeter: Ernst Sigrist
    Callgirl: Ivana Nicolic

    Kinostart: 12.03.2015

    Weitere Infos:

    http://www.firsthandfilms.com/page/8c7a3961

    http://hugofilm.ch/filme.php?id_film=79

    https://www.berlinale.de

    Zuerst erschienen am 16.02.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Andere Länder, andere Sitten – Ein Silberner Regiebär für den Balkanwestern von Radu Jude, Peter Greenaways Eisenstein-Biopic, eingeschworene Jungfrauen in Albanien und ein Mädchenschicksal in Kabul auf der 65. Berlinale 2015.

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    Foto: St. B.
    Austragungsort des Wettbewerbs der Berlinale 2015 – Foto: St. B.

    Ein Ritt in die dunkle Vergangenheit der Donaufürstentümer – Aferim! Ein Schwarz-weiß-Film des Rumänen Radu Jude

    Schwarz-weiß ist die karge Landschaft, schwarz-weiß ist auch das Denken der in ihr umherirrenden Protagonisten des im Stile eines Balkan-Western gedrehten rumänischen Wettbewerbsbeitrags von Regisseur Radu Jude. Er entführt uns in eine vermeintlich längst vergangene Zeit des Donaufürstentums Walachei, in dem 1835 die Angehörigen der Roma-Minderheit noch als Arbeitssklaven gehalten wurden und auf Gedeih und Verderb ihren ländlichen Herren, den Bojaren und der Kirche, ausgeliefert waren. Einem dieser mittelalterlich absolutistischen Exemplare ist der Rom Carfin (Cuzin Toma) davongelaufen. Er hat mit der Frau des Bojaren geschlafen und fürchtet nun dessen gnadenlose Rache. Das erfährt man erst etwas später. Zunächst sieht man nur zwei schwatzende Gestalten auf Pferden, die sich auf die Suche nach der entflohenen „Krähe“ gemacht haben.

    Der Gendarmenhauptmann Constandin (Teodor Corban) und sein Sohn Ionita (Mihai Comanoiu) philosophieren in langen Kameraeinstellungen über Gott und die Welt, wie sie ist. Der junge Möchtegern-Haudrauf, noch etwas ungelenk, will seinem Vater nacheifern. Der Alte prahlt nur von früher, als er noch ein schlimmer Finger war, hat aber schon das Reißen in den Knochen und das Brennen im Schwanz. Den baldigen Tod vor Augen gilt seine einzige Sorge dem Sohn, der von der Mutter etwas zu sehr verzärtelt wurde. Der berittene walachische Pegida-Stammtisch begegnet auf seiner Reise durch das osmanisch beherrschte Gebiet, was außerdem noch vom bösen Russen bedroht ist, in einem Kloster unterjochte und am Fluss frei goldwaschende Roma, konkurrierende, korrupte Bezirkspolizisten und betrügt nebenbei arme Bauern und Fischer. Constandin schickt noch einen dummen, türkischen Handlungsreisenden in die Irre, bevor sie den Flüchtigen dingfest machen und mit einem kleinen Roma-Jungen über die Sättel werfen. Das greinende „Krähenküken“ wird auf dem Sklavenmarkt zur Aufbesserung der Reisekasse einfach an den erstbesten Popen verhökert.

    Aferim! von Radu Jude - © Silviu Ghetie
    Aferim! von Radu Jude – © Silviu Ghetie

    Radu Jude inszeniert das alles sehr ironisch mit einem guten Schuss Zynismus. Man braucht eigentlich keine weiteren Erklärungen und Figurenentwicklungen, hat man im Grunde doch alles, was man wissen muss, ständig direkt vor der Nase. Letzte Gewissheit gibt es bei einer ordentlichen Hasspredigt eines Pfaffen vom gerade reparierten Eselskarren herunter. Hier erfährt man nun auch den Unterschied vom noch zu den Menschen gerechneten „Zigeuner“ zum bösen „Riesenjuden“. Und für jede Nation hat der Priester ein schönes Vorurteil parat, nur der Rumäne leidet still. Und sind es nicht die Juden oder die Zigeuner, dann sind es die Sodomisten und die Frauen. Aferim! Der aus dem Türkischen stammende Ausruf bedeutet so viel wie Bravo, gut gesprochen. Der Film könnte im Untertitel auch „Wie die Dummheit in die Welt kam“ heißen. Das kann man sich natürlich gar nicht alles ausdenken. Im Abspann gibt es eine lange Liste von Quellen. Der Regisseur hat dem Volk und seinen Führern aufs Maul geschaut.

    Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass der Bojar zum Ende hin seine verletzte Mannesehre blutig wieder herstellt, umringt von einer johlenden Meute. Da ist selbst der hartgesottene Constandin etwas konsterniert. Seinem lernbegierigen Filius kann er da nur mit auf den Weg geben, es sich nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Welt bleibt so, wie sie ist. „Gott schützt jeden Wurm. Nur wir können nicht aufeinander aufpassen.“ Bravo! Zu diesen Film kann man Radu Jude nur beglückwünschen und natürlich auch für den verdienten Bären in Silber für seine Regie. Er bewegt sich hier durchaus auch stilistisch in den Fußstapfen des vor einigen Jahren zurückgetretenen Ungarn Béla Tarr, wenn auch mit einem etwas schwärzeren Humor, bei dem einem das anfängliche Lachen erst nach und nach im Halse stecken bleibt. Auch Radu Jude arbeitet mit versteckter Symbolik, wenn er schon zu Beginn in langer Einstellung eine Distel zeigt. Ein Zeichen des christlichen Leids, aber auch für heidnische Wehrhaftigkeit. Es muss nicht immer der stark reduzierte Gegenwartsrealismus von Cristian Mungiu sein, um etwas über das dunkle Wesen des modernen Menschen zu erfahren. Die meisten Geister und Ängste kommen direkt aus der Vergangenheit.

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    Aferim!
    Rumänien / Bulgarien / Tschechische Republik 2015, 108 Min
    Regie: Radu Jude
    Buch: Radu Jude, Florin Lazarescu
    Kamera: Marius Panduru
    Mit: Teodor Corban, Mihai Comanoiu, Cuzin Toma, Alexandru Dabija, Luminita Gheorghiu, Victor Rebengiuc, Alberto Dinache, Mihaela Sirbu, Alexandru Bindea, Adina Cristescu

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    Wettbewerb: Eisenstein in Guanajuato – Regiealtmeister Peter Greenaway feiert in seinem Eisensteinportrait ein visuelles Fest der Sinne

    Nur ein Jahrhundert weiter springt Regiealtmeister Peter Greenaway in seinem Biopic Eisenstein in Guanajuato, das auf der Berlinale ebenfalls seine Weltpremiere im Wettbewerb feierte. Und auch dieser Film ist durchaus Historie, gewürzt mit einem deftigen Schuss Fiktion. Verbürgt ist zumindest die Reise des russischen Kultfilmers Sergei Eisenstein 1931 nach Mexiko. Der Regisseur von so berühmten Werken der sowjet-revolutionären Stummfilmära wie Panzerkreuzer Potemkin und Oktober wollte dort einen vom US-amerikanischen Schriftsteller Upton Sinclair finanzierten Dokumentarfilm mit dem Titel ¡Que viva México! drehen. Es kamen immerhin 400 km Filmmaterial zusammen, das Eisenstein allerdings nie fertig schneiden sollte. Wie im Untertitel zu Oktober, mit dem zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution filmisch nachgestellten Sturm auf das Petersburger Winterpalais, ging es für ihn in Guanajuato dennoch recht stürmisch zu. Nicht gerade Zehn Tage, die die Welt erschütterten, dafür aber das Leben des Regisseurs umso mehr.

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    .

    Um das Leben geht es dann auch im Allgemeinen, und im Speziellen um Liebe und Tod, Eros und Thanatos. Für Greenaways Filme mindestens so bedeutend wie für das Werk Eisensteins. Der Regisseur opulenter Cineastenkost wie Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber, Der Kontrakt des Zeichners oder Prosperos Bücher vollzieht hier eine bedeutungsschwangere, bildlich stark auskomponierte Zusammenführung von miteinander korrespondierenden Gegensätzen. Mexiko als Land, in dem sich Liebe und Tod fast lustvoll freundschaftlich umgarnen. Umschwärmt von Fliegen, in seinen Augen stalinistische Spione, kommt Eisenstein (grandios: Elmer Bäck) froh den entbehrungsreichen sowjetischen Verhältnissen für kurze Zeit entkommen zu sein, voll Tatendrang in Mexiko an. Beargwöhnt von mexikanischen Pistoleros, begrüßt von Frida Kahlo und Diego Rivera, schwebt auch spürbar der berühmte Eispickel des russischen Diktators über ihm. Eisenstein lässt sich gefangen nehmen vom katholischen Totenkult mit Knochenmännern und jeder Menge mythischem Mummenschanz. Dazu läutet ein tauber und blinder Azteke die Kirchenglocken.

    Sichtlich erfreut über luxuriöse Bäder und große Betten ergeht sich Eisenstein beim Warmduschen in aufschneiderischen Posen und Zwiegesprächen mit seinem besten Stück, das er zwecks Frustgewinn zum besseren Kreativoutput wohl seit längerem nur zum Pinkeln gebraucht hat. Dem zügellosen Lustgewinn argwöhnt der libidinös unterversorgte und leicht verklemmte Clown im jungfräulichen Weiß. Beim Coming Out steht Eisenstein dann ein gutaussehender mexikanischer Begleiter in Schwarz zur Seite. Luis Alberti macht sowohl als Religionslehrer wie Anthropologe und natürlich auch als echter Latin-Lover eine äußerst gute Figur. Die Deflorierung des Regisseurs des roten Oktobers findet als eine Art Eindringen der neuen in die alte Welt durch die Hintertür statt. Ein durchaus doppeldeutig zu verstehender kolonisatorischer Rollback zum Jahrestag der großen Revolution inklusive Hissen der roten Fahne im verlängerten Rückenteil.

    Zum Glück für ihn und die Zuschauer nimmt Greenaway das große Vorbild nicht allzu ernst, es darf ausgiebig gelacht werden. Daneben gibt es noch eine Hommage an alte, längst verstorbene Filmgrößen, einen Seitenhieb auf Hollywood und Schwarz-Weiß-Einblendungen historischer Szenen aus Eisensteins Filmen. Greenaway benutzt hier auch ganz bewusst digitale Tricks, Überblendungen, Dreifachteilungen (wie in sakralen Triptychen), großzügige Weitwinkelaufnahmen und rasante Kamerafahrten im Kreis, bis einem auch schon mal ganz schwindelig vor Augen wird. Und selbstverständlich untermalt Greenaway seine farbenprächtigen Bilder wie immer mit viel pathetisch klassischer Musik und hier natürlich vor allem der des von Eisenstein geschätzten Komponisten Sergei Prokofjew.

    Irgendwie verliert der Film dabei aber auch etwas sein Ziel und Zentrum. Beide Regisseure erliegen sichtlich erschöpft dem katastrophenartigen Regen und den fremden, morbiden Reizen Mexikos. Letztendlich geht es neben Sex und Selbstfindung, auch um Macht und Geld. Denn nicht nur seinem mexikanischen Führer in erotischen Dingen gibt sich Eisenstein hin, er muss auch vor der dumpfen Macht seines Financiers kapitulieren, verkörpert durch die abgesandten bigotten Vertreter Upton Sinclairs, die dem überdrehten Regisseur in Gestalt der snobistischen Ehefrau des großen Schriftstellers und ihres noch verständnisloseren Bankiers mangels verwertbarer Ergebnisse einfach den Geldhahn zudrehen.

    Sichtlich frustriert fährt Eisenstein am Ende wieder seinem ungewissen Schicksal in der Sowjetunion entgegen, das für schwule, jüdische Künstler nicht besonders rosig aussieht. Parallelen zum heutigen Russland drängen sich auf. Hier platziert Greenaway nicht nur eine bildgewaltige Pointe auf die unheilige Verflechtung von Kunst und Geld, in der sich die Protagonisten in slalomartigen Zick-Zack-Bewegungen durch den Set eines weitläufigen, mit Säulen ausgestatteten Cafés schlängeln. Er gibt zu guter Letzt auch einen zwar ironischen, aber wenig optimistischen Ausblick auf das Ende des großen Regisseurs, der mit seinem Werk die Filmwelt revolutionierte, und dennoch 1948 – just beim Erstellen einer Chronik des sowjetischen Films – trotz Hämmern an der Heizung ungehört von den Nachbarn einem Herzinfarkt erlag. Der Klempner lässt grüßen.

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    EISENSTEIN IN GUANAJUATO
    Niederlande / Mexiko / Finnland / Belgien 2014, 105 Min
    Regie und Buch: Peter Greenaway
    Kamera: Reinier van Brummelen
    Mit: Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis, Jakob Öhrman, Maya Zapata, Lisa Owen, Stelio Savante

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    Eingeschworene Jungfrauen in den Bergen Albaniens – Vergine giurata (Sworn Virgin) – Ein Film von Laura Bispuri im Wettbewerb

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    .

    Die italienische Regisseurin Laura Bisputi erzählt in ihrem Debutfilm die Geschichte von Hana (Alba Rohrwacher), die nach dem Tod der Eltern bei Pflegeeltern in den nordalbanischen Bergen aufwächst. Während sich ihre Stiefschwester Lila (Flonja Kodheli) der Zwangsverheiratung durch Flucht entzieht, wählt die schon früh von einem unbändigen Freiheitsdrang geprägte Hana einen anderen Weg. Um die gleichen Rechte wie die alles beherrschenden Männer zu erlangen – auch weil sie ihren Ziehvater und die heimatlichen Berge liebt – , legt sie das Gelübde ab, aller körperlichen Liebe zu entsagen. Sie darf nun ausgestattet mit den nötigen Attributen wie Kleidung und Gewehr als Mann Mark in der Gemeinschaft weiterleben. Eine Tatsache, die traditionell in den Gewohnheitsrechten der albanischen Bergbevölkerung verankert ist.

    Die gelebte Verleugnung des eigenen Geschlechts hält jedoch nicht dauernd an. Nach einigen Jahren fährt Mark zur Stiefschwester, die nun mit ihrer Familie in Mailand lebt. Das Ziel dieser späten Flucht ist zunächst nicht ganz klar. Lange kreist der Film um seine Protagonisten, ihr gegenseitiges Ausweichen und die schüchternen Wiederannährungsversuche von Mark an sein ursprüngliches Geschlecht. Über Lilas Tochter, die ihren „Onkel“ erst für etwas merkwürdig oder gar eine als Mann verkleidete Lesbe hält, erhält Mark dann schließlich eine Möglichkeit sich zu finden. Das Mädchen (Emily Ferratello) ist im Wasserballett, und über den freien Blick im Schwimmbad sieht Mark nun zum ersten Mal die Vielfalt von Körperlichkeit. Fast wie eine Art Erweckungserlebnis oder auch zweite Pubertät.

    Hier hat dann der Berliner Schaubühnenstar Lars Eidinger seinen Auftritt als italienischer Bademeister und erstes Objekt des erwachenden sexuellen Interesses, der nach neuer Freiheit suchenden Frau. Die Häutung samt Überstreifen neuer Bekleidungs-Accessoires vollzieht sich aber recht gemächlich. So einfach lässt sich eine alte, als nicht mehr passend empfundene Haut dann doch nicht abstreifen. Und auch die sich einst innig liebenden Geschwister finden erst langsam wieder zueinander. Die Geschichte der beiden Mädchen in der rauen Bergwelt wird in mehreren Rückblenden erzählt. Der ruhige Film von Laura Bispuri hat auch keine klare Lösung parat. Außer der vielleicht, dass Freiheit, wie Hana am Ende meint, auch bedeuten kann, mal nicht irgendetwas sein zu müssen. Das ist dann auch eine irgendwie beruhigende Antwort auf die oft nicht ganz einfache Genderfrage. Neben den silbernen Regie-Bären für Malgorzata Szumowska und Radu Jude trägt auch Vergine giurata zum insgesamt wieder sehr starken Auftritt des osteuropäischen Films beim Wettbewerb der 65. Berlinale bei.

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    VERGINE GIURATA
    Italien / Schweiz / Deutschland / Albanien / Republik Kosovo 2015, 90 Min
    Regie: Laura Bispuri
    Buch: Francesca Manieri und Laura Bispuri, nach einem Buch von Elvira Dones
    Mit: Alba Rohrwacher, Flonja Kodheli, Lars Eidinger, Luan Jaha, Bruno Shllaku, Ilire Celaj, Drenica Selimaj, Dajana Selimaj, Emily Ferratello

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    Eine Kindheit in Kabul – Mina Walking von Yosef Baraki in der Reihe Generation 14plus

    Mina Walking. Hauptdarstellerin Farzana Nawabi - Foto (c) St. Bock
    Mina Walking. Hauptdarstellerin Farzana Nawabi auf der Premiere
    Foto (c) St. Bock

    Ein weiteres eindrucksvolles Frauenschicksal erzählt der afghanische Regisseur Yosef Baraki in seinem im kleinen Wettbewerb der Reihe „Generation 14plus“ laufenden Film Mina Walking. Dabei ist Mina (Farzana Nawabi) ein erst 12jähriges Mädchen aus Kabul, das aber bereits die Familie im Alleingang ernähren muss. Ihre Mutter wurde einst von den Taliban getötet. Der Großvater ist senil und träumt nur noch vom Geldverdienen. Mina muss ihn mit einem Strick anbinden, damit er nicht davonläuft. Die Hauspforte besitzt kein Schloss, da der Hausherr, Minas Vater, das Geld und die Medikamente des Großvaters für Heroin ausgibt. Wenn das Mädchen nicht auf dem Markt Ramschware verkauft, dann geht es in die Schule, wo meist nur der Koran gelehrt wird. Es stehen gerade Präsidentenwahlen an und die junge Lehrerin schwört auf die neue Demokratie, wogegen Mina ganz andere Probleme hat.

    Als der Großvater stirbt und der Vater mal wieder seinen Drogenrausch ausschläft, muss sie sich ganz allein mit den Nachbarn um das traditionell islamische Begräbnis kümmern. Doch Mina lässt sich nicht unterkriegen. Um den Vater von den Drogen fernzuhalten, greift sie auch zu recht drastischen Mitteln. Allein es hilft alles nichts. Einer Zwangsheirat entkommt das Mädchen nur durch die Flucht ausgerechnet im Gewand einer Burka. Mina verkauft ihre einziges Habe, eine alte russische Nähmaschine, und macht sich auf den Weg in eine ungewisse Freiheit. Der Film erzählt in ruhigen fast dokumentarischen, mit der Handkamera gedrehten Bildern vom harten Leben der Kabuler Kinder. Es ist mal nicht der Blick des waffenstrotzenden oder mitleidigen Europäers, hier sieht man ein selbstbewusstes Mädchen, das sich beharrlich durchzuschlagen weiß, aber an den traditionellen und den neuen Marktgesetzen zu scheitern droht. Mit der großartig spielenden jungen Farzana Nawabi besitzt der Film ein eindrückliches Gesicht, das einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht.

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    MINA WALKING
    Kanada/Afghanistan 2015, 125 Min.
    Regie, Buch: Yosef Baraki
    Kamera: Yosef Baraki
    Mit: Farzana Nawabi, Hashmatullah Fanaie, Qadir Aryaie, Marina Golbahari, Safi Fanaie, Massoud Fanaie, Shahwali Nawabi, Hamidullah Wafa, Mohammad Nabi Attaie, Gholam Farouq Baraki

    Die Kritiken sind zuerst am 13. und 14.02.2015 auf Kultura-Extra erschienen.

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  • Zement – Sebastian Baumgarten inszeniert das Revolutionsdrama von Heiner Müller am Maxim Gorki Theater als knallbunte Totenbeschwörung

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    Foto: St. B.

    „Mit der Wiederkehr der Farbe droht die / Auferstehung / … Der Tod ist ein Irrtum.“ heißt es in einem Gedicht von Heiner Müller. Für den ehemaligen Schlosser Gleb Tschumalow, der 1921 nach drei Jahren aus dem Bürgerkrieg gegen die Weißen heimkehrt, ist das Sterben eine imperialistische Verschwörung. In Sebastian Baumgartens Inszenierung von Heiner Müllers selten gespieltem Revolutionsdrama Zement (was allerdings erst im Mai beim Theatertreffen in der Regie von Dimiter Gotscheff zu sehen war) trägt der totgeglaubte Held der roten Revolution (eindrucksvoll gespielt von Peter Jordan) die Farbe seines Geschäfts auf der nackten Haut. „Das tägliche Brot der Revolution ist der Tod ihrer Feinde.“ Der unerwartet aus dem Krieg Auferstandene trifft in Müllers 1972 entstandenen Überschreibung des gleichnamigen Romans von Fjodor Gladkow statt auf einen im Aufbau befindlichen Sozialismus wieder auf den Tod in Gestalt von Hunger, Krankheit und Terror. Die Privilegien der Krieger sind abgeschafft. „Der Tod ist für alle“, schlägt es dem Revolutionär entgegen.

    Müllers Stücke sind, wo sie sich mit der Geschichte von Revolutionen befassen, im besten Sinne Totenbeschwörungen, mit dem Hintergrund, durch die Befragung des Vergangenen, Zukünftiges gestalten zu können. „Zukunft entsteht allein aus dem Dialog mit den Toten.“ Dieses ständige Ausgraben der Toten geschieht für Heiner Müller also aus „Liebe zur Zukunft“. Und so kriechen am Maxim Gorki Theater die Darsteller auch wie Geister aus einer längst vergessenen Zeit, als ewige Untote der Geschichte aus der Unterbühne. Eine Grube notdürftig mit Brettern abgedeckt, auf denen sie zunächst hilflos schwanken, so als könnten sie jederzeit auch wieder in ihr verschwinden. Gegenstück als Auf- und Abgangsort ist am zunächst weißen Bühnenhorizont ein großer gelber Stern. Ein Blick in die Zukunft? Bei Sebastian Baumgarten weiß man das nie so genau. Der Hintergrund wird mehrfach neu übertüncht, mal weiß, mal rot, Parolen werden per Video darauf eingeblendet. Maschine, Macht, Staat, Volk, Angst – die selbst neu angepinselten Renovierer malen die Zukunft als großes Kreuzworträtsel an die Wand.

    Wieder zum Leben erwecken möchte Tschumalow das alte Zementwerk, an dem der Rost nagt und in dessen Halle Ziegen weiden. Es regiert der Bauch und die einzigen Köpfe, wie der des Ingenieurs Kleist (Falilou Seck) sind voll Hass auf das Neue. Er möchte nicht befreit werden. Baumgarten lässt hier den Text vom Prometheus-Befreier Odysseus chorisch einsprechen. Ein antikes Gleichnis Müllers auf die Langwierigkeit von gesellschaftlichen Veränderungen, mit Rückschlägen, der Symbiose von Peiniger und Opfer sowie dessen Furcht vor der Freiheit. Tschumalow, seine eigenen Ressentiments gegen das Bürgertum beiseite schiebend, setzt sich ganz pragmatisch durch und enteignet den Kopf des Ingenieurs für die Revolution. Den Kampf gegen die Widerstände auch in sich selbst spiegelt der zweite Antikentext Herakles 2 und die Hydra, den Peter Jordan allein als große monologische Kraftanstrengung performt.

    Zement im MGT - Foto (c) Esra Rotthoff
    Zement im Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

    Aber auch daheim findet Tschumalow einiges verändert. Seine Frau Dascha (Sesede Terziyan) hat sich gegen ihn verhärtet und ist zur treuen Parteisoldatin geworden. Ihre Tochter Njurka verhungert im Kinderheim. Dascha möchte sich windend ihren Unterleib ausreißen. Weibliche Emanzipation wird mit dem Verlust von Privatheit und Individualität erkauft. Die Revolution und der Staat sind zur seelenlosen Maschine geworden. Die Bürokratie beherrscht alles. Im Steppschritt zum Schreibmaschinensound tanzt der Bezirkssekretär Badjin (Thomas Wodianka) seine Dekrete. Dazu wird im Takt gestrichen und sich wie Roboter bewegt. „Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke.“ Baumgarten fügt hier Zeilen aus Müllers Hamletmaschine ein. Das ewige Einerlei der Versammlungen als Arme schwenkendes Kasperletheater auf Stühlen. Die Parolen werden bevorzugt ins Megafon gebrüllt, wie auch insgesamt ein eher aufgeregt lauter Ton vorherrscht, den das Ensemble aber in ein erstaunlich energiegeladen körperbetontes Spiel umsetzt.

    Dazu gibt es wie immer bei Baumgarten jede Menge Popart-Symbole, Spruchbänder und Videos mit animiertem Revolutionskitsch. Große Hämmer, Sicheln – ein ewiges Schwimmen im Zeichenmeer. Der Apparat schützt sich hier mit riesigen Papp-MPis. Bourgeois, Abweichler und Übereifrige werden abgeurteilt oder aus der Partei entfernt. Auch das zweite idealistische Revolutionspärchen Polja Mechowa (Cynthia Micas) und Sergej Iwagin (Dimitrij Schaad, der unglaublich sicher für den erkrankten Aleksandar Radenkovic eingesprungen ist) arbeitet hart an sich und der bürgerlichen Vergangenheit. Was weg kann, wird mit großer Schaufel in die Grube entsorgt. Der ehemalige Kämpfer Tschumalow ist für eine Zigarettenpause. „Die Revolution erstickt im Fett“ konstatiert Polja. Der Euphorie weicht die Ernüchterung nach der Parteisäuberung. Mit der Taschenlampe geht man dann wieder auf die Suche. Den Enthusiasmus auf dem Transparent konterkariert Müllers Engel der Verzweiflung an der Bühnenrückwand. „Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.“ Bei allem ausgestellten Revolutionspessimismus verzichtet der Regisseur aber nicht auf den versöhnenden Schluss mit der Befreiung der Toten und Eingliederung der rückkehrenden Gegner.

    Diese Befragung der Vergangenheit mittels recht heutigem, frechem Text-und Bildsampling funktioniert im Vergleich zu Gotscheffs ästhetisch würdevollem Weihespiel wider Erwarten erstaunlich gut. Die Ambivalenz seiner Inszenierung zeigt der Regisseur auch im Autor selbst. Schon zu Beginn lässt Baumgarten Thomas Wodianka einen Text Heiner Müllers zur Deutschen Form der Revolution sprechen, in dem sich Müller zwar mit dem ideologischen Gegenentwurf zur Nazi-Diktatur, nicht aber mit dem daraus resultierenden Staat der DDR, der Bürokratie und dem Stalinterror identifiziert. Das „Geisterschiff der Revolution“ beschwörend, hebt Wodianka dann wieder den Finger und schließt mit der Feststellung, dass die Geschichte der Bundesrepublik noch nicht fertig geschrieben ist. Für Baumgartens lustige Anstreicher ist auf die Frage nach der Weltrevolution, Deutschland allerdings zurzeit fest in Pfarrershänden.

    ***

    Zement (26.01.2016)
    nach Fjodor Gladkow von Heiner Müller
    Regie: Sebastian Baumgarten
    Bühne: Hartmut Meyer
    Kostüme und Video: Jana Findeklee und Joki Tewes
    Musik: Andrew Pekler Licht: Jens Krüger
    Dramaturgie: Ludwig Haugk
    Besetzung: Peter Jordan (Gleb Tschumalow), Sesede Terziyan (Dascha Tschumalowa), Thomas Wodianka (Badjin), Aleksandar Radenković/Dimitrij Schaad (Sergej Iwagin), Cynthia Micas (Polja Mechowa), Falilou Seck (Kleist/Tschibis/Arbeiter), Aram Tafreshian (Maschinist/Borschtschi/Dmitri Iwagin/Einarm) und Mateja Meded (Motja/Makar)
    Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause
    Premiere am Maxim Gorki Theater: 16. Januar 2015
    Nächste Termine: 15.02. und 01.03.2015

    Infos: http://www.gorki.de/

    Zuerst erschienen am 28.01.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Der Schauplatz Berlin als sozialer und poltischer Brennpunkt in zwei Inszenierungen im Theaterdiscounter Mitte und der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz

    „Gierig? Dann sind sie verloren.“ – Im Theaterdiscounter übertragen MARIAKRON Jean Giraudoux‘ Pariser Spekulanten-Komödie Die Irre von Chaillot ins gentrifizierte Berlin der Gegenwart

    Carl von Ossietzky bescheinigte in den 1920er Jahren dem französischen Diplomaten und Schriftsteller Jean Giraudoux (1882-1944) in einer Romanrezension „ein Meister der feinsten epigrammatischen Spitze“ zu sein, „was ihn nicht hindert, gelegentlich statt des Floretts den Stock zu führen“. Das trifft im Groben wohl auch auf seine 1943 geschriebene Komödie La Folle de Chaillot (dt.: Die Irre von Chaillot) zu – eine bissige Satire auf das Pariser Spekulantentum im von den Deutschen besetzten Paris.

    Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter - Foto (c) Mariacron
    Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter
    Foto (c) Mariacron

    Der eigentlich recht germanophile Giraudoux hatte sich schon in der Zeit von 1924-28 als Pressechef im französischen Außenministerium und von 1939-40 gar als französischer Propagandaminister seine Meriten in puncto politischer Agitation verdient. Während des Krieges schwang er dann für das Radio sein scharfes, satirisches Florett gegen die deutschen Besatzer. Er ist diesbezüglich allerdings auch nicht ganz unumstritten. Eine gute Ausgangsposition also für das künstlerische Gemeinschaftsprojekt MARIAKRON um Regisseur Cornelius Schwalm, Schauspielerin Verena Unbehaun sowie Dramaturgin und Autorin Sophie Nikolitsch, ihrerseits satirisch, agitatorisch mit dem Stoff zu experimentieren.

    Banker, Makler, Grundstückspekulanten gibt es ja auch im schönen Berlin in Hülle und Fülle, nur mit den Erdölvorkommen hapert es hier ein wenig. In Giraudoux‘ Stück wird nämlich einer Gesellschaft von Geschäftsleuten – bestehend aus einem Präsidenten, Baron, Börsenmakler und Prospektor (Fachmann für die Suche nach Rohstoffvorkommen) – die Gier nach dem schwarzen Gold zum Verhängnis. In einem Pariser Café haben sie zuvor die Sprengung alter Gebäude beschlossen, um an den erhofften Bodenschatz zu kommen. Eine Gruppe Einheimischer um die alte, kauzige Dame Aurélie, genannt die Irre von Chaillot, vereitelt den Plan der Spekulanten und lockt nach einem Schauprozess in Abwesenheit der Delinquenten die gesamte Blase mit einem Trick in die unterirdische, sich labyrinthisch verzweigende Pariser Kloake. Der Geschmack des mit einem in Öl getränkten Wattebauschs versetzten Leitungswassers soll suggerieren, dass sich im Keller eines Hauses die gesuchte Quelle befände. Die frohe Botschaft verbreitet sich in Windeseile unter den Pariser Gierschlünden aller Couleur, was zum vollkommenen Erfolg für die Verteidiger des Viertels beiträgt.

    Sicher, ein schönes Märchen, aber: „Ist es nicht recht und billig, die Schlechten zu richten?“, wie es im Stück heißt. Eine Frage, an der sich sicher nicht sofort die Geister scheiden werden. Eher an der, wie sich das heute anstellen ließe, wenn es denn tatsächlich dazu käme. Darauf hat dann aber das Kollektiv MARIACRON auch keine adäquate Antwort gefunden. Man hält sich im Großen und Ganzen an den vorgegebenen Plot. Soviel zur politischen Wirksamkeit von Kunst.

    Als treffende Gesellschaftsbetrachtung inklusive kritischer Innenschau der Berliner Kunstszene taugt die phantastisch anmutende Komödie aber allemal, denkt sich das Team und lässt die betuchten Gauner als städtisches Konglomerat aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft auftreten. Das gesättigte Geld-Bürgertum, emporgekommen durch verschiedenartige Betrügereien, schaut von oben herab auf die Berliner Bohème aus lauter Borderlinern, einem Kunstprekariat, das sich mit Kellnerdiensten, Tellerwaschen oder Vorgaukeln ominöser Kunstziele über Wasser hält.

    Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter Foto (c) Mariacron
    Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter
    Foto (c) Mariacron

    Berlin soll schöner werden, hat sich die neu gegründete Gesellschaft (Silvina Buchbauer, Mareile Metzner, Anne Retzlaff, Matthias Rheinheimer und Verena Unbehaun) im Dienste des Schönen und der Kaufkraft auf die Fahnen geschrieben. Ihr neuer Klassizismus orientiert sich dabei an den Linien von Townhäusern. Kunst im öffentlichen Raum ist den Snobs wie Analficken ohne Gleitmittel. Das Unkraut aus dem Wildwuchs diverser Projekte und Stückentwicklungen gehört ausgemerzt. Als nicht ganz freiwilliger Vollstrecker der Ziele des schürfwütigen Konsortiums findet sich der Kleinganove Pierre (Musiker Robert Rating, Mitglied bei The Incredible Herrengedeck) wieder. Hier ein gut gepamperter Staatskünstler, der die Obrigkeit mit kleinen Kunststückchen bei Laune hält und auch sonst erpressbar ist. Die herrschenden Förderstrukturen haben den Künstler gezähmt. Rilkes Panther im Käfig aus tausend Stäben, und hinter tausend Stäben keine Welt. Pierre soll nun also die erste Bombe an die alten Strukturen legen. Was dem gescheiterten Konzeptkünstler einiges Unwohlsein bereitet, und ihn schließlich an den Rand des Selbstmords treibt.

    Das entbehrt nicht einer gewissen Selbstironie, wenn auch im Weiteren nicht viel mehr als eine schmale Sozial-Klamotte mit Musik herausspringt. Die Schauspieler wechseln schnell Kleider wie Rollen und verkörpern nun die Pariser/Berliner Alteingesessenen, die es bestens verstehen, den abtrünnigen Lebensmüden alsbald wieder in die eigenen Reihen einzugliedern. Man gibt sich kämpferisch, reckt die Faust und stimmt die Solidarity-Hymne der britischen Anarcho-Oi-Punk-Band Angelic Upstarts an. Das Zeitalter der Sklaven und Peiniger ist vorbei.

    Würde man sich jetzt vielleicht etwas mehr an freier Bearbeitung wünschen, hängt die Inszenierung trotz einiger Kürzungen doch wieder an Giraudoux‘ Textvorlage vom schon beschrieben Plan, die Übeltäter verschwinden zu lassen und einer vorangehenden abstrusen Gerichtsshow. Die von Aurelie (Silvina Buchbauer) angeführte Gemeinschaft der angeblich Irren, Lumpensammler, Tellerwäscher und Kloakenreiniger setzt ihr Vorhaben minutiös in die Tat um. „Wenn man vernichtet, muss man im Großen vernichten.“ Die Welt soll aus den Händen der Macker befreit werden. Die kleine Liebesstory zwischen der Geschirrwäscherin Irma (Anne Retzlaff) und Pierre geht dabei völlig in akrobatischen Körperübungen unter.

    Nachdem die sich nun auch namentlich outende Neuberliner Szene des Prenzlauer Bergs in den rauchenden Schlünden der Kloake verschwunden ist, werden Tür und Fenster aufgerissen und frische Luft in den verqualmten kleinen Saal des Theaterdiscounters gelassen. Das Vorlesen der Namen der plötzlich Verstorbenen wie Steuersünder Uli Hoeneß, die Samwer-Brüder, als bekannte Aasgeier des globalen Internethandels, und andere Promis aus Wirtschaft, Politik und Boulevard durch die Dramaturgin des Abends ist dann aber weder Florett noch Stock, sondern mehr der gute alte Holzhammer, mit dem man bekanntlich alles platt kriegt. The Power of Love richtet die am Boden liegenden dann schon wieder auf. Aber wenn schon die 80er, dann doch passender zum Stück mit den Fun boy Three im Tunnel of Love. Get down on your knees!

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    DIE IRRE VON CHAILLOT / eine Lynchkomödie
    in einer freien Bearbeitung des Lustspiels La Folle de Chaillot von Jean Giraudoux
    Text / Regie: Cornelius Schwalm
    Dramaturgie / Text: Sophie Nikolitsch
    Bühne: Hovi-M
    Kostüm: Andrea Göttert
    Produktion: Theaterdiscounter & Mariakron
    Mit: Silvina Buchbauer, Mareile Metzner, Robert Rating, Anne Retzlaff , Matthias Rheinheimer und Verena Unbehaun
    Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
    Premiere im Theaterdiscounter vom 22.01.2015
    Termine: 24., 25., 28., 29. und 30.01.2015 sowie 06., 07. und 08.03.2015

    Infos: http://www.theaterdiscounter.de/stuecke/die-irre-von-chaillot

    Zuerst erschienen am 25.01.2015 auf Kultura-Extra.

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    Blutsbrüder, der Berliner Cliquenroman von Ernst Haffner, inszeniert von Sebastian Klink im 3. Stock der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

    „Acht Jungens, sechzehn bis neunzehn Jahre alt. Einige sind aus der Führsorgeanstalt geflohen. Ihre Geburt, ihre früheste Jugend fiel in die Zeit des Krieges und Nachkrieges.“ So stellt uns Ernst Haffner (1900-1938) die Blutsbrüder aus seinem 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung der Nazis erschienen Roman Jugend auf der Landstraße Berlin vor. Berlin ist da längst schon Brennpunkt der Straßenkämpfe zwischen militanten linken und rechten Gruppierungen. Das klammert der Autor in seinem einzigen und wie eine Reportage gestalteten Roman völlig aus. Trotzdem wird der (wie auch das wesentlich bekanntere Werk Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin) 1933 von den Nazis verbrannt. Haffner ist zwar kein Döblin oder Fallada, aber auch er beschreibt in ebenso sachlichem Stil aus erlebten Rede und innerem Monolog ganz ähnliche Situationen aus dem Berlin von unten.

    Der Journalist und Sozialarbeiter Haffner, dessen Spur sich in der Zeit vor dem Krieg verliert, schildert recht detailreich die Kunst des Überlebens in der Hauptstadt eines durch die Weltwirtschaftskrise arg geschüttelten Deutschlands mit seinen 5 Millionen Arbeits- und Hunderttausenden von Obdachlosen. Er beschreibt die brutalen Erziehungsmethoden in den Führsorgeheimen genauso wie die elenden Bedingungen in Obdachlosenasylen, Wärmhallen und Hinterhofwohnungen. Der tägliche Kampf um Brot, Zigaretten und einen Platz zum Schlafen zwischen Bettelei, Kleindiebstählen und Prostitution steht neben der Schilderung echter Freundschaften einzelner Blutsbrüder und ihren ersten zaghaften Liebeleien. 2013 brachte der Aufbau-Verlags-Ableger Metrolit Haffners Buch (Blutsbrüder – Ein Cliquenroman) als „sensationelle Wiederentdeckung“ neu heraus.

    Volksbühne - Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    In der Inszenierung der Bühnenfassung Blutsbrüder von Thomas Martin im 3. Stock der Volksbühne unterstreicht Jungregisseur Sebastian Klink am Beginn den titelgebenden Akt der Bruderschaft aus jugendlichen Landstreichern auch ganz bildlich mit Messer und Theaterblut, das die 8 Darsteller hier mit Bier vermischt aus einem Eimer saufen müssen. Einen Cliquenturbo frei nach Ernst Haffner will Klink hier mit Absolventen der Schauspielschule Ernst Busch, Mitgliedern des Volksbühnenensembles und freien Darstellern anwerfen. Was aber zunächst anspringt ist der Videoapparat, einmal in Form einer alten Röhrenkiste, auf der wie im Stummfilm die Zwischenüberschriften der Spielhandlungen angezeigt werden und dann an der Rückwand der Bühne, wo in guter alter Castorf-Manier, Szenen aus den Stammkneipen der Bande wie der „Rückerklause“ und dem „Mexico am Alex“ oder dem „Schmidt in der Linienstraße“ ablaufen, was hier wie eine Endlos-Liveübertragung aus der Volksbühnenkantine wirkt.

    Das gut halbstündige Schwarzweiß-Filmintermezzo wird von einem Erzähler kommentiert, ansonsten gibt es viel Geschrei und auf die Fresse. Die Berliner Schnauze sitzt hier auf dem rechten Fleck. Höhepunkt ist der Bericht des jungen Wilhelm, der, aus der Erziehungsanstalt geflohen, seine Reise unter dem D-Zug von Köln nach Berlin wie in einer für diese Jahre typischen Radioreportagen erzählt. Die Dokumentation durch Film und Radio ist eine wichtige Referenz für Regisseur Klink, um das nötige soziale wie kulturelle Zeitkolorit einzufangen. Die auf der mit schwarzem Feinsplitt bestreuten Bühne aufgestellte drehbare Sperrholzplatte hat seitliche Löcher wie ein Filmstreifen und dient als einfache Wand, waagerechte Spielplattform oder Schiffsschaukel auf dem Rummel. Und die Blutsbrüder gehen natürlich auch gern ins Kino. Man spielt dabei nicht nur Haffner, sondern auch kurze Szenen aus Professor Unrat und M – Eine Stadt sucht einen Mörder nach.

    Nun surrt auch endlich der Turbo, und Klink gibt mit seiner Inszenierung richtig Gas. Im Mittelpunkt stehen auch hier wie im Roman die beiden getürmten Führsorgezöglinge Ludwig und Wilhelm (herausragend Patrick Güldenberg und Gabriel Schneider). Um ihre Geschichte herum entspinnt sich ein schneller Reigen von Spielszenen aus dem täglichen Cliquenleben. Mal geht es um die buchstäbliche Wurst, dann sitzt man in der U-Haft, ist auf der Flucht oder feiert im Schnapsdunst bis zur Besinnungslosigkeit. Bei der kindlichen Rummelprostituierten Elli (Isabel Thierauch) holt sich Willi seinen ersten Tripper, und bei der schlesischen Olga (Franziska Hayner) gibt es für 5 Groschen eine Matratze mit Wanzen.

    Blutsbrüder (c) Metrolit
    Arbeitslose Jugendliche in Berlin – Bildquelle: http://www.metrolit.de

    Ansonsten reißt man ordentlich Witze, drischt anzügliche Trinksprüche und singt Lieder der Zeit. Das ist durchaus witzig gemacht und durch die Busch-Absolventen auch hingebungsvoll gespielt. Der zugegebenermaßen etwas belehrende Ton der Vorlage wird allerdings gnadenlos vor allem vom altgedienten Volksbühnenmimen Axel Wandtke (in verschiedenen Rollen) wegberlinert oder auch mal im feinen Wienerdialekt eines schnöseligen Ku’damm-Freiers (Alexander Ebeert) karikiert.

    Das Abrutschen der Clique ins kriminelle Milieu ist vorgezeichnet und wird auch hier kurz anskizziert. Wer es genauer wissen will, muss allerdings das Buch lesen. Wo Klink Haffner nicht mehr ausreicht, streicht er, ergänzt mit Fremdtexten oder spinnt die Story einfach in die nahe und ferne Zukunft weiter inkl. Ausflug in den Schützengraben. Franz Biberkopf grüßt vom Alexanderplatz, der Name Erich Mielke taucht auf, und Fred, der Stellvertreter (Rouven Stöhr) des „Cliquenbullen“ Johnny (Sebastian Schneider), trägt irgendwann Hakenkreuzbinde und träumt vom Führer. Und während die beiden abtrünnigen Blutsbrüder Friedrich und Wilhelm noch über ihre Zukunft sinnieren, steht der ehemalige Cliquenführer in KZ-Kleidung schon hinten an der Wand.

    Wenn auch nicht gerade sehr politisch, so wendet sich Ernst Haffner in seinem recht detailgetreuen Tatsachenbericht auch immer wieder indirekt mit ganz konkreten Fragen an die Leser seiner Zeit, wie etwa: „Gibt es Trostloseres als diese Wärmehalle im ausrangierten Straßenbahnschuppen?“ Trostlos ist auch im heutigen Berlin noch so manches. Nur Fragen stellt sich hier kaum noch jemand.

    *** 

    BLUTSBRÜDER (3. Stock, 24.01.2015)
    Cliquenturbo nach Ernst Haffner. In der Fassung von Thomas Martin
    Regie: Sebastian Klink
    Bühne und Kostüme: Gregor Sturm
    Licht: Hans-Hermann Schulze
    Ton: Christopher von Nathusius
    Video: Konstantin Hapke
    Kamera: Mathias Klütz, Adrien Lamande
    Mitarbeit Dramaturgie: Thilo Fischer
    Mit: Alexander Ebeert, Patrick Güldenberg, Franziska Hayner, Gabriel Schneider, Sebastian Schneider, Rouven Stöhr, Axel Wandtke und Isabel Thierauch
    Dauer: ca. 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause
    Premiere war am 22. Januar 2015
    Weitere Termine: 29., 30. 1. / 13. – 15. 2. 2015

    Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/blutsbrueder/?id_datum=8571

    Blutsbrüder (c) Metrolit
    Blutsbrüder (c) Metrolit

    Literarturhinweis:

    Ernst Haffner
    Blutsbrüder
    Ein Berliner Cliquenroman
    Gebunden, mit SU, 240 S. 19,99 Euro
    Metrolit Verlag, Berlin 2013

    Zuerst erschienen am 26.01.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Psychos im Geisterhaus – Ingmar Bergmans Kult-Film Herbstsonate in einer mystisch aufgeladenen Theaterfassung von Jan Bosse. Eine Koproduktion mit dem Staatsschauspiels Stuttgart am Deutschen Theater Berlin.

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    Ingmar Bergman beschreibt in seinem Kultfilm Herbstsonate aus dem Jahr 1978 (mit Ingrid Bergman und Liv Ullman in den Hauptrollen) eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung zwischen psychologischem Kammerspiel und klassischer Tragödie. In einer Koproduktion des Schauspiels Stuttgart mit dem Deutschen Theater Berlin macht Regisseur Jan Bosse mit den beiden Ausnahmeschauspielerinnen Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt daraus einen hochemotional geführten Kampf zweier Frauen, die die Geister der Vergangenheit beschwören, welche sie quälen und auf die sie dennoch nicht verzichten können. Verzweifelt versuchen sie eine Annäherung, doch zu tief gehen die Wunden. Eine Versöhnung zwischen beiden scheint nicht möglich, können doch weder Mutter noch Tochter aus ihrer Haut und den bereits in der Kindheit verfestigten Verhaltensmustern.

    Herbstsonate am DT - Foto (C) Bettina Stöß
    Herbstsonate am DT – Foto (C) Bettina Stöß

    Die erfolgsverwöhnte Konzertpianistin Charlotte (Corinna Harfouch) hat ihre Tochter Eva (Fritzi Haberlandt) seit 7 Jahren nicht mehr gesehen. Auf deren Einladung fährt sie nach Norwegen. Eva lebt dort mit ihrem Mann Viktor (Andreas Leupold), einem Gemeindepfarrer, in einem großen Haus auf dem Land. Viktor ist ein einfacher, gutmütiger Mensch, der seine Frau abgöttisch liebt, eine Liebe, die Eva allerdings nicht erwidern kann. Was Eva ihrer Mutter verschwiegen hat: Seit geraumer Zeit pflegt sie bei sich die zweite, kranke Tochter Charlottes, Helena (Natalia Belitski in einer ausdrucksstark stummen Rolle). Auf diese Begegnung ist Charlotte noch weniger vorbereitet als auf die nun folgende Abrechnung der Tochter mit ihrer egomanischen Mutter, die, wenn sie mal da war, ihr Leben so nachhaltig negativ beeinflusst hat.

    Regisseur Jan Bosse interpretiert diese nervenaufreibende, gegenseitige Aufrechnung der beiden Frauen als, wie er es selbst bezeichnet, „lebenslänglich tragikomisches Missverständnis“. Mutter und Tochter mäandern durch „ein labyrinthisches Geflecht zwischen Erinnerung, Sehnsucht und Wahn. Hass- und Wunschvorstellungen“. Und dabei werden auch fortgesetzt die Geister aus der Vergangenheit beschworen. Allerdings nimmt Bosse das in seinen Augen vielleicht schon etwas angestaubte Psychodrama auch nicht besonders ernst, was dem melodramatischen Treiben auf der Bühne mitunter etwas von einer slapstickartigen Situationskomik verleiht. Denn natürlich möchte Bosse auch unterhalten.

    Für seinen tragikomischen Exorzismus hat ihm Moritz Müller einen zweistöckigen Bau mit mehreren kleinen, ineinander verschachtelten Zimmern, die durch Treppen mit einander verbunden sind, auf die Drehbühne gestellt. Ganz oben ragt eine Treppenkonstruktion wie ein Abwehrgeschütz ins Nichts des Bühnenhimmels. Dieses labyrinthische Gebilde ist ein wunderbarer Spielplatz für die Darsteller. Es spiegelt gleichermaßen Starre und Eingeschlossenheit, aber auch eine geheimnisvolle Eigendynamik, der sich die Figuren nicht entziehen können. Puppen- und Geisterhaus zugleich. Dazu wabert ein düsterer Soundteppich, der die innere Spannung der Figuren noch betont. Bosse lässt seine Eva zunächst in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid wie aus dem 1900 Jahrhundert auftreten. Die Assoziation zum norwegischen Dramatiker Ibsen ist hier sicher gewollt und auch nicht abwegig.

    Eine latente Spannung überdeckt das Spiel der beiden Frauen. Die Erwartungen sind hoch gesteckt. Eine betont naive Herzlichkeit der Tochter bei der Begrüßung gegen die Steifheit und frostigen Floskeln der Mutter. Zunächst nur in kleinen Spitzen und Nebensätzen zeigen sich das Ego Charlottes und die lange aufgestauten Emotionen Evas. Jeder lebt hier irgendwie in seiner eigenen Welt, und oft erschrickt man sogar über das plötzliche Auftauchen einer anderen Person. Evas Mann Viktor scheint da auch immer irgendwie im Weg zu stehen. Schwester Helena geistert bedeutungsschwanger im barocken Puppenkostüm, wie das personifizierte schlechte Gewissen der Mutter durch das Bühnenbild. Starre Blicke, stumme Schreie und das Klammern an Charlotte, die sich der für sie peinlichen Situation sofort entzieht. Aber auch Eva hat ihren Geist. Ihr ertrunkener Sohn Erik, mit dem sie immer wieder liebevoll spricht.

    Herbstsonate am DT - Foto (C) Bettina Stöß
    Herbstsonate am DT
    Foto (C) Bettina Stöß

    Das Aufeinanderprallen dieser Welten zeigt sich erstmals nach einem bemühten Abendmahl mit Zitronenhuhn (dem Lieblingsessen Charlottes) bei Kerzenschein. Eva setzt sich beim Klavierspiel bewusst einer kritischen Beurteilung der großen Pianistin aus. Bosse lässt die Gesichter bei heruntergelassenem Gazevorhang auf Großleinwand übertragen. Eva bettelt hier förmlich mit Blicken um ein Lob der Mutter, immer schon mit der Angst deren hohen Ansprüchen nicht zu genügen. Die schulmeisterliche Einschätzung fällt dann auch dementsprechend aus und wirkt wie eine charakteristische Kurzbeschreibung des Verhältnisses beider aus Sicht Charlottes. Evas Spiel sei zu sentimental. Chopin müsse man beherrscht emotional spielen, kühl, den Schmerz unterdrückend.

    Die offene emotionale Konfrontation folgt in der Nacht auf das Essen. Aus einer albtraumhaften Situation heraus fällt Eva über Charlotte her, und beide lassen die Masken fallen. Die unsichere Tochter, die stets im Schatten der Mutter stand, erhebt sich nun wie eine Furie mit erhobene Armen über die Mutter. Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt ziehen nun alle Register ihres Könnens. Bergmans Reise in die familiäre Vergangenheit der beiden Frauen ist gespickt mit gegenseitigen Bezichtigungen und Vorwürfen. Bosse lässt seine Protagonistinnen dabei auf einer in der Luft endenden Treppe springen, stürzen und hangeln. Vergangenheitsbewältigung als betont körperliches Abreagieren von seelischen Blockaden. Für Eva hat die Mutter ihr ihre Gefühlskälte und Unfähigkeit zur Liebe vererbt. Was Charlotte ebenfalls mit einer Geschichte aus ihrer Kindheit kontert. Auf weitere Selbsterleuchtung pfeifend, verlässt sie schließlich fluchtartig den Schauplatz.

    Und trotz allem bleibt dies auch immer eine hochpsychologische Abwehrschlacht, die die beiden miteinander führen, und die keine Sieger kennt. Was folgt, ist nur eine kurze Erschöpfung. Der Kampf ist damit wohl nicht beendet. Anstatt einen Schlussstrich zu ziehen, beginnt Eva nach einer kurzen Phase der Ruhe erneut mit ihren Annäherungsversuchen an die Mutter in einem Brief, dessen Text hier Andreas Leupold in trockenen Worten rekapituliert. Nach dem ersten Eingeständnis des Selbstbetrugs folgt ein trotziges: „Ich gebe nicht auf.“ Die Never ending Story eines, wie Jan Bosse wohl ganz richtig bemerkt, großen Missverständnisses „im Namen der Liebe“, und, wie man auch meinen könnte, eines in den unterschiedlichsten Fassetten immer wiederkehrenden Mutter-Tochter-Mysteriums aus einem zu viel oder zu wenig an Liebe und Hass, Nähe und Distanz.

    ***

    Herbstsonate
    nach dem Film von Ingmar Bergman
    Regie: Jan Bosse
    Bühne: Moritz Müller
    Kostüme: Kathrin Plath
    Musik: Arno Kraehahn
    Video: Meika Dresenkamp
    Licht: Kevin Sock
    Dramaturgie: Gabriella Bußacker
    Mit: Corinna Harfouch (Charlotte), Fritzi Haberlandt (Eva), Natalia Belitski (Helena), Andreas Leupold (Viktor) und Rasmus Armbruster / David Vetter (Erik)
    Dauer: 1:50h, keine Pause
    Premiere am Schauspielhaus Stuttgart: 20.12.2014,
    Premiere am Deutschen Theater Berlin: 23.01.2015

    Termine: 02. und 03.02.2015 im Deutschen Theater Berlin
    28.02. , 01., 12., 13.03., 10. und 11.04.2015 im Schauspielhaus Stuttgart

    Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/herbstsonate/ und http://www.schauspiel-stuttgart.de/

    Zuerst erschienen am 25.01.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Siegfried/Götterdämmerung – Im zweiten Teil seines Ring-Projekts am Thalia Theater Hamburg mixt Antú Romero Nunes wild Wagners Libretto mit dem Nibelungenlied und Hebbels Trauerspiel Kriemhilds Rache.

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    Ende Oktober 2014 startete Antú Romero Nunes, der junge Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg, sein großes Schauspiel-Projekt Der Ring mit dem ersten Abend, der Richard Wagners Opern Das Rheingold und Die Walküre mit jede Menge Mythenmatsch von der Geburt der Götter über den Bau von Walhall bis zur Geschichte um die Eltern des Helden Siegfried, Siegmund und Sieglinde, bildgewaltig in Szene setzte. Nun hatte mit Siegfried/Götterdämmerung der zweite Teil am Thalia Theater Premiere. Nunes mixt hier wieder Richard Wagnerss Libretto mit dem mittelalterlichen Heldenepos des Nibelungenlieds und Texten aus dem Trauerspiel Die Nibelungen von Friedrich Hebbel.

    Der Ring II_Tahlia-Theater HH
    Foto: St. B.

    Wer den ersten Teil verpasst hat, muss nicht dumm sterben, zu Beginn des Abends tritt Zwerg Alberich auf, den André Szymansky wieder als leicht gebückte Gollum-Figur spielt, zwängt sich einen Frack und dirigiert in einer Art Prolog die Vorgeschichte bis zur Geburt Siegfrieds zu Wagners stabgereimten Libretto. Regisseur Nunes erlaubt sich wieder ein paar Figurenumbesetzungen und Straffungen des Wagner-Stoffs. Der junge Held Siegfried wird hier nicht vom Zwerg Mime aufgezogen, sondern von Alberich selbst. Mit dem „kühnen, dummen Kind“ hat es der Ziehvater allerdings nicht gerade leicht. Das Balg wirft allerlei Dinge auf die Bühne und stürmt dann in der Gestalt Philipp Hochmaiers völlig nackt mit Blondhaarperücke die Bühne. Sein Schwert Nothung schmiedet sich Siegfried auf einem schnell zusammengeschobenen Gestell, das ordentlich Funken sprüht.

    Die Bühne ist wie schon im ersten Teil relativ dunkel und leer, bis auf ein paar Plastikbahnen, die den Wald darstellen, in dem Siegfried beim Lindwurm Fafner das Fürchten lernen soll. Der Übermütige wird aber relativ schnell mit dem schläfrigen Ungetüm fertig, das zunächst wieder durch Thomas Niehaus dargestellt wird, dann aber, von einer ganzen Gruppe Schwarzgekleideter geführt, als Art chinesischer Leucht-Drache mit Menschenkopf über die Bühne schwebt. Das bleibt bis zur Pause das einzig starke Bild. Nunes lässt nun durch den Siegfried hetzen, als gelte es den gesamten Ring an einem Abend aufzuführen. Eben noch Fafner erledigt, hört er schon die Vöglein singen, was den arglistigen Alberich als Zweiten aus dem Spiel befördert und ihn weiterhin nur noch als untoten Dirigenten (Wagner gar selbst?) durch die Geschichte geistern lässt.

    Dem ordentlich mit Theaterblut bestrichenen Siegfried (das Lindenblatt bekommt er von Alberich hinten angeklatscht) fliegt dann auch schon das Waldvögelein zu, das sich alsbald in die schlafende Walküre Brünnhilde (Marina Galic) selbst verwandelt. Dem jungen Recken ist endlich zum Fürchten, und nach ein paar schüchternen Erkundungen beginnt schon die Vereinigung des schicksalhaften Paars. Man muss schon etwas aufpassen, um bei der sprunghaften Dramaturgie von Nunes nicht den Faden zu verlieren. Denn schon befinden wir uns in Kriemhilds (Cathérine Seifert) Traum, der tatsächlich besagt, sie wäre die Hauptgestalt in einer Oper. Aber Wagner gibt es wieder nur in beiläufig eingespielten Fragmenten. Ansonsten erklingen Popballaden und mythische Sounds.

    Zu Beginn der Götterdämmerung am Hof der Gibichungen, der hier eigentlich schon im Burgund von Hebbels Nibelungen liegt, langweilt sich der weichliche König Gunther (Rafael Stachowiak). Er erfährt von Bruder Hagen (finster in Schwarz die schmale Barbara Nüsse) von der unbezwingbaren Brünnhilde, die ihm Siegfried nun gewinnen soll. Als Preis für den Gefallen des Recken wird Schwester Kriemhild ausgelobt. Nunes erlaubt sich hier einen gewagten Stilmix zwischen Wagners hochnotkomischer Alliteration und Hebbels pathetischem Blankvers. Was immer mal mit ein paar Kalauern à la „Hagen möchte jagen“ oder „Gunther, dein Gatte“ aufgelockert wird.

    Siegfried/Götterdämmerung am Thalia Theater Hamburg <br/> Foto (C) Armin Smailovic
    Siegfried/Götterdämmerung am Thalia Theater Hamburg
    Foto (C) Armin Smailovic

    Die Zähmung und Entzauberung des wilden, nackten Siegfried und seiner Brünnhilde beginnt mit der Einkleidung in höfische Stoffe und der folgenden Doppelhochzeit. Nachdem der schändliche Betrug aufgedeckt ist, will Brünnhilde natürlich ihre Rache; der Rest ist allgemein bekannt. Es spritzt wieder reichlich Blut. Die pathetische Einäscherung des großen Helden samt Brünnhildes eigener Opferung als Finale der Götterdämmerung könnte bei Wagner wohl nicht schöner sein. Und während das Bühnenfeuer lodert, tritt schon Kriemhild vor und ruft mit Hebbel nach Rache: „Das riet Brunhild, und Hagen hat’s getan!“ Womit wir nach etwa zwei Stunden in die Pause geschickt werden. Das ist bis hierhin nicht nur ordentlich Mythenmatsch, sondern auch ziemlich großer Quatsch. Ein gewaltiger Spaß-Digest aus den Nibelungen-Bearbeitungen zweier sehr eigenwilliger, sich möglichst meidender Künstler, zu denen sich nun noch Regisseur Nunes selbst gesellen möchte.

    Und es kommt noch besser: Nach der Pause sitzt das ausgedünnte Personal etwas bedröppelt in der Burg zu Worms und bläst Trübsal. Da taucht Thomas Niehaus als reitender Bote von der Kokosnuss mit roter Narrenkappe auf und stellt sich als eine Art witziger Alleinunterhalter ans Keyboard. Wer schon immer mal mehr über „Âventiure“ und die Geschichte des Nibelungenlieds vom Niederdeutschen über den Schlager bis zur Popmusik wissen wollte, ist hier genau richtig. Der Narr entpuppt sich schließlich als Markgraf Rüdiger und Werber König Etzels (den er dann später auch noch geben muss). Niehaus performt noch einmal das bisherige Geschehen mit viel Verve und Feudel. Irgendwann spielt Kriemhild einfach mit, und neben einem eher lauen „Spätburgunder“ ist der schönste Gag schließlich: „Gunther? Aber der hängt doch am Nagel.“

    Das war es dann aber auch mit lustig. Da Gunther nicht auf Hagen hören will („Wir sind im Netz des Todes“), spult sich Kriemhilds Rache wie ein Uhrwerk ab. Es ist noch viel von Verrat, Rache, Tod und dem Gespenst der Nibelungentreue die Rede. Der rosige Knabe Ortlieb (Jerome Fardi) taucht auf und berichtet vom Untergang der Nibelungen, bis er selbst von Hagen gemeuchelt wird. Barbara Nüsse bleibt hier die einzig wirklich diabolische Figur. Man möchte sie einmal in einer echten Inszenierung von Hebbels Nibelungen sehen. Da alles, was ist, nach Wagner auch mal enden muss, geht schließlich der Eiserne Vorhang runter und das gesamte Ensemble spricht nun davor mit Theaterblut aus dem Eimer im Gesicht bis zum bitteren Ende ganz hochdeutsch Verse aus dem Nibelungenlied im Chor. Nach dem gereimten Etzel-Gemetzel macht sich Kriemhild schließlich zurück in ihr Erdbett, aus dem sie sich im Vorspiel des Rheingolds gegraben hatte.

    Nunes‘ Intension ist klar: Der Mensch braucht keine Götter mehr, er kann nun höchst selbst Verträge machen und brechen. Wotan und Gefolge sind gestrichen, kein Walhall, das brennt. Der Minne Macht hat auch so versagt. Es herrscht der ewig irdische Kreislauf von Gewalt und Mord. Dass man für diese Erkenntnis unbedingt zwei ganze Abende von insgesamt 7 Stunden braucht, ist allerdings etwas müßig. Es lohnt sich lediglich wegen der außerordentlichen Leistung des Ensembles, das ganz Feuer und Flamme, zumeist begeisternd aufspielt. Die beiden Teile werden nun als Event – da hat man ja schon den 9-Stunden Faust-Marathon am Thalia Theater – ab dem 31. Januar dreimal als NIBELUNGEN! Der ganze Ring an einem Abend komplett zu sehen sein. Da wird sich die Qualität der Inszenierung noch am Stück beweisen müssen.

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    Philipp Hochmaier über die Nibelungen und seine Rolle als Siegfried – Video auf YouTube (c) Thalia Theater Hamburg

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    Der Ring: Siegfried/Götterdämmerung
    nach Richard Wagner und Friedrich Hebbel

    Regie: Antú Romero Nunes, Ausstattung: Matthias Koch, Licht: Christiane Petschat, Musik: Johannes Hofmann, Musikalische Mitarbeit: Anna Bauer, Choreinstudierung: Joanna Merete Scharrel, Dramaturgie: Sandra Küpper.

    Mit: Marina Galic, Philipp Hochmair, Thomas Niehaus, Barbara Nüsse, Cathérine Seifert, Rafael Stachowiak, André Szymanski und Statisterie

    Dauer: ca. 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

    Premiere im Thalia Theater Hamburg vom 17.01.2015

    Termine: 18.02., 26.02., 13.03., 14.03. und 09.06.2015

    Infos: www.thalia-theater.de

    Zuerst erschienen am 19.01.2015 auf Kultura-Extra.

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