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  • Onkel Wanja – Karin Beier inszeniert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Anton Tschechows Szenen aus dem Landleben fein nuanciert als kleines Tänzchen über der Abraumhalde.

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    Manchmal kommt es einem so vor, als hätte Anton Tschechow nur ein einziges Theaterstück geschrieben und dieses dann immer wieder klug variiert, um die eine oder andere Person ergänzt und einige wenige Nuancen bereichert. Die Grundstimmung bleibt fast immer die gleiche. Die Figuren ringen allesamt in unablässigen Lamentos mit ihren unerfüllten Sehnsüchten sowie einer unüberwindbaren, alles lähmenden Antriebslosigkeit und der inneren Verzweiflung darüber. Tschechow hat mit allen seinen Stücken einzigartige Klassiker der ironisch gebrochenen Melancholie entworfen. Er nannte sie darum selbst auch meist Komödien. Dem trägt dann neuerdings die Regie auch immer mehr Rechnung, indem das Komische der Figuren fast bis zur Lächerlichkeit herausgekehrt und die allem innewohnende leise Melancholie weginszeniert wird. Was die allgemeine Inszenierungstradition im deutschsprachigen Raum betrifft, ist man da schon versucht zu behaupten, dass dem auch nicht mehr allzu viele neue Facetten in der Kunst der Darstellung abzugewinnen wären.

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    Und so scheint es dann auch zunächst mit der neuen Inszenierung der Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, Karin Beier, zu sein. Sie hat sich innerhalb des schon in die zweite Runde gehenden Russen-Schwerpunkts an ihrem Hamburger Theater – nach Stücken von Fjodor Dostojewskij und Maxim Gorki – nunmehr Anton Tschechows Tragikomödie Onkel Wanja angenommen. Die Grundstimmung ist auch hier zu Beginn eher düster. Auf der von Johannes Schütz gestalteten Bühne ist ein langer, schmaler Holzsteg gebaut, der über ein den Boden komplett ausfüllendes, wüstes Feld von torfähnlicher Erde führt. Auf dieser öden Abbruchhalde mit vereinzelter Baggerschaufel im Hintergrund sammelt ein einzelner Arbeiter (Alexej Mir), die gesamte Zeit über auf dem Boden liegend, Müll in einen Sack. Ab und an schlägt er an zwei metallene Klangstäbe, was wie die Glockenschläge der unablässig verstreichenden Zeit wirkt. Die alte Kinderfrau Marina (Juliane Koren) wandelt wie im Wachtraum mit einem Samowar erst von links nach rechts über den Steg, dann in die umgekehrte Richtung, dabei Unverständliches auf Russisch vor sich hin murmelnd.

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    Onkel Wanja am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

    Die Zeit auf dem Landgut der Serebrjakows ist aus den Fugen geraten. Unermüdliche Betriebsamkeit ist in lähmende Lethargie umgeschlagen. Man sitzt am Rand des Stegs, lässt die Beine mit den klobigen Gummistiefeln und die Seele baumeln. Es wird über das sinnlos vergangene Leben schwadroniert, bis sich die Langeweile breit macht. Der emeritierte Professor Serebrjakow (Oliver Nägele) hat die streng strukturierten Tagesabläufe der Landgemeinschaft an sein intellektuelles Stadtleben angepasst. Schlafen bis Mittag, der Tee ist schon fast kalt, und zu Mittag isst man erst am Abend. Nachts verlangt der launische, schlaflose Alte dann wieder nach Tee. Die Angst vor dem Alter lässt ihn ständig das russische Wort für Tod (Smert) stammeln.

    Nur Sonja (Lina Beckmann), die noch unverheiratete Tochter des Professors, erhält das Gut noch am Leben. Ihr Onkel Wanja (bärbeißig: Fernsehkommissar Charly Hübner), Bruder der verstorbenen ersten Frau Serebrjakows, hat sich mit dem Arzt Astrow (Paul Herwig) dem Suff ergeben. Seine Lebensenergie scheint am Ende. Um die Karrierepläne des Professors zu unterstützen, hat er sein Leben nicht gelebt. Sich selbst einst als angehenden Schopenhauer oder Dostojewskij wähnend, sieht sich Wanja nun um die Früchte betrogen und gibt dem Alten die ganze Schuld an seinem Dilemma. Die drückend schwüle Stimmung scheint hier jederzeit in ein Donnerwetter umzuschlagen.

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    Charly Hübner ist Onkel Wanja – Foto: Schaukasten des DSH

    Nun ist Onkel Wanja eines der wenigen Stücke Tschechows, in dem niemand zu Tode kommt. Die Schüsse Wanjas – eine Verzweiflungsreaktion auf das Ansinnen des Professors, das Gut als Altersvorsorge zu verkaufen – gehen daneben. Und doch ist die Bühne hier zweifelsohne von lauter Scheintoten bevölkert. Vampirartige Zombies, die verzweifelt nach Leben gieren. Sie bewegen sich zumeist wie in Zeitlupe über die Bühne, schleifen Möbel auf den Steg, erschlaffen in allen möglichen Stellungen, um dann angesichts des Objekts ihrer Begierde kurzzeitig zu neuem Leben zu erwachen. Und dieses Objekt ist für die männlichen Schlaffis die schöne Elena, die zweite wesentlich jüngere Frau des Professors. Anja Laïs spielt sie mal nicht als elitäres, dummes Modepüppchen, sondern durchaus selbstbewusst, manchmal sogar etwas berechnend und sich den Launen ihres Gatten widersetzend. In jedem Fall erwehrt sich Elena mit aller Kunst den Übergriffen der lechzenden und tatschenden Männerriege, die auch schon mal ein kleines Rampenballett für sie aufführt.

    Zurück zu den feinen Nuancen bei Tschechow: Karin Beier versteht es in ihrer Inszenierung ganz gekonnt die Stimmung leicht zu nuancieren. Hier kippt es mal ins Komische, dann gibt es wieder Momente der Tragik, die durchaus zu rühren vermögen. Mal poltert es, dann greint man wieder. Gegen den Phantomschmerz gibt es Lindenblütentee oder einen Wodka von der alten Njanja. Die Szenen werden von Yorck Dippe als Telegin mit melancholischen Klaviermelodien untermalt, es klingen russische Chansons vom Plattenspieler, und das gesamte Ensemble stellt sich auf zum Blasmusikkonzert. Was aber nie zu russisch oder gar zu volkstümelnd wirkt. Auch bei der Charakterzeichnung der einzelnen Figuren übertreibt die Regisseurin nicht. Lediglich Paul Herwig lässt den einstigen Idealismus des Arztes Astrow etwas zu sehr ins Zynische fallen. Der Gag mit dem überlangen Schnauzbart bleibt nicht aus.

    Die Sympathie von Karin Beier liegt an diesem Abend jedoch eindeutig bei den Frauen. Lina Beckmann spielt die nicht gerade mit Schönheit verwöhnte Sonja voller kindlich schwärmerischer Naivität. Zärtlich versucht sie Astrow von hinten zu umarmen, während der nur Augen für Elena hat. Anja Laïs wird für ihn sogar körperlich zum fauchenden und Männer verschlingenden Raubtier. Ihr Auftritt ist betont gesetzt. Sie läuft Slalom um die nach ihr Grapschenden. Es grummelt zwar beständig im Hintergrund, jedoch das wirklich reinigende Gewitter bleibt trotz Wanjas Wutanfall aus. Die aufkeimende Begierde endet abrupt. „Finita, la commedia!“ Schaumig flockt der Schnee vom Schnürboden und beginnt alles zu überdecken. In schwere Pelzkappen gehüllt fliehen Elena und der Professor das Land. Wanja bleibt erstarrt zurück. Wie soll man nur weiterleben? Trotz vergeblicher Liebe versenken er und Sonja sich wieder in die Arbeit. Ihre letzten Worte sind die traurige Hoffnung auf das Leben danach. Nackte, waidwunde Seelen, die Karin Beier hier für kurze Zeit barfuß über den Mulch tanzen ließ. Ein kleines, feines Schauspielfest. Dafür viel Beifall und einige Bravorufe.

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    Onkel Wanja
    Szenen aus dem Landleben
    von Anton Tschechow
    Deutsch von Angela Schanelec
    nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
    Premiere am 16.01.2015 im SchauSpielHaus
    Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Greta Goiris, Musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Choreografie: Valenti Rocamora i Tora, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Christian Tschirner
    Mit: Lina Beckmann, Marlen Diekhoff, Yorck Dippe, Paul Herwig, Charly Hübner, Juliane Koren, Anja Laïs, Alexej Mir, Oliver Nägele
    Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

    Termine:
    19/01/, 31/01/, 11/02/, 20/02/, 26/02/ und 27/03/2015

    Info: http://www.schauspielhaus.de/de_DE/kalender/onkel_wanja.12288309

    Zuerst erschienen am 17.01.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Der Geteilte Himmel von Christa Wolff in einer Bühnenadaption von Armin Petras an der Schaubühne Berlin.

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    Draußen: Grauer Himmel über Berlin; Regen. Drinnen: Der geteilte Himmel; Christa Wolf in der Schaubühne am Lehniner Platz.

    „Es gibt verschiedene Ideen, wie man leben sollte.“ Diese Aussage steht am Anfang der Bühnenadaption von Wolfs Erzählung, dieser großen, unmöglichen Liebesgeschichte aus dem Jahr des Mauerbaus, die der Ex-Berliner Gorki– und nun neuer Intendant des Stuttgarter Schauspielhauses Armin Petras als kurzzeitiger Rückkehrer ausgerechnet an den West-Berliner Ku’damm mitgebracht hat. „Die freie Welt liegt dir zu Füßen.“ ruft Manfred (Tilman Strauß) seiner Geliebten Rita (Jule Böwe) über die Demarkationslinie zwischen Ost und West zu, die Annette Riedel als langen Laufsteg quer in den kleinen Saal der Schaubühne gebaut hat. Am Ende werden sich beide wieder treffen. Dann ist die Mauer weg (der Regisseur spinnt ihre Geschichte weiter in die Wendezeit von 1989), und sie reflektieren ihre Träume von einst. „Es gab sie ja wirklich, diese Welt“, behauptet Rita. Sie wollten sich unantastbar machen, auch im Inneren, für diese neue Welt. Aber wo ist sie hin, diese „Idee der Vollkommenheit, das Vorgefühl vom Paradies“? Es scheint nichts mehr davon übrig. Die Jungen sollen nun an der Zukunft arbeiten, sich nicht rar machen. Paradies? Hallo? Ein Aufruf ans Publikum.

    Christa Wolfs Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch
    Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin
    Foto (C) Dorothea Tuch

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    Auf dem schmalen Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit

    Zuvor aber demontiert Armin Petras über 90 Minuten lang Stück für Stück dieses Paradies, das die DDR sein sollte, legt ein altes Experiment endgültig ad acta. Und damit man sich dabei nicht allzu wohlig zurücklehnen kann, wird das Publikum gleich zu Beginn in zwei Blöcke um den Laufsteg separiert. Die jeweiligen Gegenüber fest im Auge, ist man selbst den Blicken „von drüben“ ununterbrochen ausgesetzt. Und die schweifen schon aus blanker Neugier hin und her. Erwartungsvolle, schmunzelnde Gesichter neben versunkenden Blicken oder gelangweilten auf die Uhr. Erster Höhepunkt ist dann Kay Bartholomäus Schulze, der in Kriegsrückkehrer-Montur Eimer für Eimer kleine, runde, eisähnliche Glasstückchen auf den Laufsteg schüttet. Unterstützt von den beiden anderen Schauspielern beginnt ein unermüdliches Aufbauwerk, das eine gefühlte Ewigkeit dauert. Die Eimer tragen lauter Städtenamen. Es spritzt nach allen Seiten, die Mühen des Aufbaus hinterlassen ihre Spuren. Es knirscht unter den Schuhen und bereitet Schmerzen, wenn man ohne sie darüber läuft.

    Soviel zur Symbolik des Abends. Die Fehler beim Aufbau des Sozialismus analysieren – das war auch eine der Intentionen im Werk von Christa Wolf. Unermüdliches Schreiben gegen Zweifel und Schlendrian. Dabei selbst immer am Arbeiten an und auf der Suche nach sich selbst. Die 19jährige Rita aus dem Geteilten Himmel ist nur eine dieser literarischen Figuren mit durchaus auch autobiografischen Zügen. Im geblümten Kleid (ganz die Unschuld vom Lande) steht Jule Böwes Rita freudig vor ihrer Liebe auf den ersten Blick: dem 10 Jahre älteren Chemiker Manfred, den Tilman Strauß als rationalen, fortschrittsgläubigen Wissenschaftler spielt, der noch im Bett sein dampfendes Süppchen im Glaskolben köchelt. Sie muss ihn immer wieder zum Träumen aufs Dach ziehen, Sterne gucken.

    Diese intimen, zärtlichen Momente in der engen gemeinsamen Wohnung bei den ungeliebten Eltern von Manfred verbannt Petras komplett hinter den mit Plastikplanen abgehängten Bühnenraum. Zusammen mit Videobildern von schwarz-weißen Landschaften, Aufnahmen von Massenveranstaltungen, DDR-typischen Autos und Regalen mit ATA-Packungen sieht man die beiden immer wieder zusammen im Bett, beim Zähneputzen und Frühstück. Hier planen sie an ihrer gemeinsamen Zukunft oder lesen auch mal in Christa Wolfs Buch. Rita sucht eine Aufgabe, will Lehrerin werden. Er traut ihr das nicht zu und hält ihr ihre Naivität vor. Das gesellschaftliche Umfeld ist dabei weitestgehend ausgeklammert. Manfred flucht nur einmal über seine gewendeten Eltern. „Dieselben Darsteller in denselben Rollen, nur dass die Kostüme umgenäht wurden. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“

    Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch
    Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin
    Foto (C) Dorothea Tuch

    Die Arbeit im Waggonwerk, wo Rita die Produktion verstehen lernen will, wird auf einen kurzen Presslufthammereinsatz reduziert, bei dem alle drei Schauspieler im Blaumann den Boden des Laufstegs traktieren, wobei die beiden Männer ordentlich Sprüche klopfen. Eine kleine Reminiszenz an Petras‘ Inszenierung von Werner Bräunigs Rummelplatz. Damit hatte er ja bereits die sozialistische Produktion ausreichend abgearbeitet. Kunst ist Waffe, Plaste und Elaste, Heraus zum 1. Mai, Leiste was, Leiste Dir was – ertönen die Schlachtrufe der Working-Class-Heros. Aber es gibt auch Bilanzfälschung, das Füllen des eigenen Geldbeutels, Mangel und Weggang in den Westen. Sie hämmern an ihrem eigenen Untergang. Die wahren Worte sind plötzlich nicht mehr die wahren. „Glaubst du nicht mehr an unsere Sache?“ fragt Rita ihren Manfred. Der geht schließlich desillusioniert und der besseren Karrierechancen wegen nach West-Berlin. Rita bricht im Werk zusammen.

    Die eigentliche Rahmenhandlung im Krankenhaus und Sanatorium findet mit KB Schulze als Arzt auf dem Laufsteg statt. Der will Rita wieder aufrichten, ihr Ich stärken. Wieder ist von Selbstfindung die Rede, Trennung von Liebe und Sache, aber auch vom Funktionieren und Anpassung. Rita soll zur Liebe bereit sein, aber nicht immer mit sich selbst bezahlen. Schulze schleppt ein Tonband an, das immer wieder an der gleichen Stelle hakt. Alles nur Lüge. Aber das bleibt ebenso Stückwerk wie die restliche Inszenierung. Traumversunken steht Rita am Rand. Die Männer helfen ihr aus dem alten Bademantel ins Kleid und machen sie bereit für das letzte Treffen mit Manfred in West-Berlin. „Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufried’ner Leute“, sang in den 1970er Jahren der DDR die mit Auftrittsverbot belegte Klaus Renft Combo in Zwischen Liebe und Zorn. Rita balanciert auf dem Rand des Laufstegs, ein schmaler Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit, und spricht dabei von verglasten Läden und schönen Markenwaren.

    „Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.“ heißt es kritisch in Nachdenken über Christa T. Der Satz kommt auch in der Inszenierung vor, nur dass Petras glaubt, eine Meinung zum Scheitern des Traums, dem Paradies, das wir nun suchen sollen, zu haben und die auch demonstriert. Vielleicht hat Petras ja Recht mit seinem DDR-Vergleich mit der Truman Show [in einem Tagesspiegel-Interview]. Und am Theater lässt sich das natürlich sehr gut zeigen. Jule Böwe rennt um das ganze Setting rum, rüttelt an den Türen und schlägt mit den Händen gegen die umgrenzenden Planen. Alles eben nur Kulisse, nichts echt da in diesem Traum. Da muss nicht mal ein Scheinwerfer runterfallen. Die sieht man ja auch so alle. Die Ursachen für das Scheitern eines Gesellschaftsexperiments sind aber nicht beim staunenden Rühren im Erlmeier-Kolben zu finden, und das wahre Blau nicht einfach nur das korrekte Verhältnis einer chemischen Reaktionsgleichung. Die Suche geht weiter. Derweil bleibt der Himmel wohl noch grau und die Teilung in den Köpfen.

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    Der geteilte Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto: St. B.
    Der geteilte Himmel an der Schaubühne Berlin
    Foto: St. B.

    Der geteilte Himmel
    von Christa Wolf
    Bühnenfassung von Armin Petras nach Motiven der gleichnamigen Erzählung
    Premiere vom 13.01.2015 an der Berliner Schaubühne
    Regie: Armin Petras
    Bühne und Kostüme: Annette Riedel
    Video: Rebecca Riedel, Mieke Ulfig
    Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
    Dramaturgie: Maja Zade
    Licht: Norman Plathe
    Mit: Jule Böwe, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß

    Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

    Weitere Termine: 11., 12. und 13.02.2015

    Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/der-geteilte-himmel.html/ID_Vorstellung=1010

    Zuerst erschienen am 15.01.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Friederike Mayröckers REQUIEM FÜR ERNST JANDL vom Burgtheater Wien als Gastspiel zum 90. Geburtstag der Schriftstellerin am Berliner Ensemble.

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    Paraphrase auf 1 Gedicht
    von Ernst Jandl

    („in der küche ist es kalt
    ist jetzt strenger winter halt
    mütterchen steht nicht am herd
    und mich fröstelt wie ein Pferd“ EJ)

    in der Küche stehn wir beide
    rühren in dem leeren Topf
    schauen aus dem Fenster beide
    haben 1 Gedicht im Kopf

    6.6.2000, Friederike Mayröcker

     

    Friederike Mayröcker, eine der wohl bekanntesten österreichischen Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen, ist Ende letzten Jahres 90 Jahre alt geworden. Am 20. Dezember hat ihr zur Ehren das Wiener Burgtheater ihr 2001 entstandenes Requiem für Ernst Jandl bei einer Feierstunde im Akademietheater aufgeführt. Mit dem Dichter Ernst Jandl verband die Mayröcker eine über 50jährige sehr innige Lebens- und Arbeitspartnerschaft. Zwar die meiste Zeit örtlich getrennt (beide lebten in eigenen Wohnungen, um sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren zu können), bestand trotzdem ein reger, inspirierender Meinungsaustausch, der die beiden in ihrer dichterischen Arbeit beflügelte.

    Burgtheater Wien - Foto: St. B.
    Burgtheater WienFoto: St. B.

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    Bereits 2010 zum 10. Todestag Ernst Jandls hat der ORF das Hörspiel Will nicht mehr weiden. Requiem für Ernst Jandl mit Jutta Lampe als Sprecherin und einer eher klassisch strengen Musik des Komponisten und Organisten Martin Haselböck aufgenommen. Hier ist auch klanglich der Requiem-Charakter stark betont. Mit Chris Pichler und Martin Schwab wurde das Werk dann auch auf CD eingespielt. Man kann diese zum Vergleich heranziehen, muss man aber nicht. Am Burgtheater ist nun ein ganz anderes Werk mit einer von Lesch Schmidt (dem Komponisten und Bruder der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz) ebenfalls originär für diesen Text geschaffenen Musik entstanden, die nicht nur versucht die Rhythmik des poetischen, sehr bildstarken („das HUSCHEN der Stille“) Prosatextes der Mayröcker neu zu interpretieren, sondern sich auch am Lebenspuls des Dichters Ernst Jandl mit seiner experimentellen Lyrik orientiert, die ebenfalls einem ganz eigenen Sprachrhythmus folgt.

    Ernst Jandl hat, wie Friederike Mayröcker, neben seinem dichterischen Werk auch als Hörspielautor gearbeitet. Aufnahmen seiner unnachahmlichen Lesungen, die zu einem wichtigen Bestandteil seines Wirkens als Sprach- und Klangkünstlers gehörten, sind mittlerweile legendär und auf etliche Tonträger gebannt. Mit der LP him hanflang war das wort oder dem BBC-Hörstück 13 Radiophone Texte & das röcheln der mona lisa ist Ernst Jandl zu einem regelrechten Klassiker der Sound-Poetry geworden. Was wiederum vor allem Jazz-Musiker zu Wort- und Klang-Experimenten mit Jandls Gedichten inspirierte. Jandl ist immer ein großer Fan des Jazz und Bebob gewesen. Mit seinen Dialektgedichten, den „stanzen“, wandte er sich sogar der österreichischen Volksmusik zu. Auch Rap und Poetry-Slam waren ihm nicht fremd. Ja, Jandl ist mittlerweile Pop. In Österreich ist er Schulstoff, jeder kennt mindestens ein Gedicht von ihm, und wenn es nur ottos mops ist.

    Requiem für Ernst Jandl - Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater
    Requiem für Ernst JandlFoto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

    Diesem Sprechgedicht mit dem Jandl eigenen Humor widmete Friederike Mayröcker 1976 einen kleinen Prosatext. Er ist im Suhrkamp-Bändchen Requiem für Ernst Jandl enthalten. Sie würdigt darin „die sprachliche Auseinandersetzung des Autors mit einem Vokal“. Das „hohe Lied vom O, vom O-Tier, vom O-Gott“ usw., als geglückte Verwandlung „von der Liebe zum Vokal zur Wirklichkeit des Bilds; vom Glauben an das O zur Offenbarung Poesie“. Daraus spricht nicht nur die Liebe zum Autor als Wort-Schöpfer und Poet, sondern auch als Herzensmensch, ihrem „HAND- und HERZGEFÄHRTEN“, wie sie Jandl im Requiem auch nennt.

    Für die szenische Einrichtung des Requiems durch den Dramaturgen des Berliner Ensembles Hermann Beil, die am Sonntag auch im BE gastierte, hat Friederike Mayröcker den Text selbst eingesprochen. Ihre brüchige Stimme mit dem noch immer markant rollenden R kommt vom Band. Der Text, der kurz nach dem Tod Ernst Jandls entstand, ist ihr wie „schwarze Tränen“ aus der Feder geronnen. Sie spricht im Klageton: „jammervoll, erbärmlich ist der Tod“, hält Zwiesprache mit Dichterfreunden wie Adolf Muschg oder Elke Erb und beschreibt immer wieder eindrücklich zärtlich den auf dem Totenbett liegenden Jandl, will sich gar in seine Nachtwäsche verweinen. In Erinnerung an gemeinsame Reisen nach Meran kommen der Mayröcker Naturbilder („Wann werden wir ein Loch in den Himmel machen?“) und vergangene Düfte in den Sinn. Trost ist ihr die Vorstellung mit ihrem „HERZ- und LIEBESGEFÄHRTEN“ weiter Gespräche führen zu können und vermutlich sogar Antworten erwarten zu dürfen.

    Requiem für Ernst Jandl_Dagmar Manzel  Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater
    Requiem für Ernst Jandl mit Dagmar Manzel
    Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

    Diesen Text in ein passendes Klanggewand zu kleiden, der seine Pathetik auffängt und entsprechend transportiert, ist Aufgabe der Musik, die Lesch Schmidt als einen eher locker swingenden Jazz anlegt, der die Schwere der Sätze etwas konterkariert und eine Hommage an den Musikgeschmack Jandls sein soll. Der Komponist sitzt selbst am Klavier, begleitet von Violine (Nikolai Tunkowitsch), Saxophon (Dirko Juchem), Tuba (Alexander Rindberger) und gedämpftem Schlagzeug (Manni von Bohr). Dazu steuert die Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel ein paar Vokalimprovisationen bei. Immer dann, wenn Alexander Rindberger zum Bass wechselt, kommt auch etwas mehr Druck in den Sound. Dagmar Manzel kann weitere stimmliche Akzente beim Singen von ein paar zusätzlich ausgewählten Gedichten (Knöpferauschen, und Attersee, oder Vermont, an Ernst Jandl und dieser graue grimme grimmige ich meine Wolf…) Friederike Mayröckers setzen. Das soll improvisiert wirken, was mal mehr und mal weniger gut aufgeht.

    Die Manzel swingt und singt souverän mit. Lässig lässt sie die Sätze und Textblätter vom Notenständer fallen. Auch sonst hebt hier nichts wirklich ab. Eine ganz bodenständig ordentliche Leistung des Ensembles um Lesch Schmidt. Das wirkt zunächst recht erhaben durch den ruhigen, akademischen Duktus des Mayröcker-Vortrags, aber auch auf Dauer ein wenig einschläfernd. Per Video werden im Hintergrund Fotos von Mayröcker und Jandl aus verschiedenen Lebensphasen des Dichterpaars eingeblendet, mal auf sie, mal auf ihn fokussiert. Sie wirken da so selbstverständlich untrennbar verbunden wie die siamesischen Zwillinge der österreichischen Literatur. So plätschert es dann gut eine Stunde dahin. Dabei kann man sich wunderbar in den Worten und intimen Gedanken („Eigentlich habe ich nur eine Innensprache.“) der Mayröcker verlieren oder die eigenen schweifen lassen. Die Musik stört nicht. Mit dem schrägen Wortwitz und sperrigen Sprachklang eines Ernst Jandl hat diese Performance mit ihrem zuweilen einlullenden Kaffeehaus-Jazz allerdings eher wenig zu tun.

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    Requiem für Ernst Jandl
    Text von Friederike Mayröcker
    Musik von Lesch Schmidt
    Einrichtung: Hermann Beil
    Mit: Dagmar Manzel
    Musiker: Dirko Juchem, Alexander Rindberger, Lesch Schmidt, Nikolai Tunkowitsch und Manni von Bohr
    Uraufführung am 20. Dezember 2014 im Akademietheater
    Gastspiel am Berliner Ensemble: 11.01.2015
    Dauer: 1 Stunde, keine Pause

    Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963618926

    www.burgtheater.at

    Requiem für Ernst Jandl
    (c) Suhrkamp

    Literaturhinweis:

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    Friederike Mayröcker
    Requiem für Ernst Jandl
    Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
    ISBN 9783518412169
    Kartoniert, 48 Seiten

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    Zuerst erschienen am 13.01.2015 auf Kultura-Extra.

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  • „Constellations“, das Erfolgs-Stück des englischen Dramatikers Nick Payne, inszeniert von Hüseyin Michael Cirpici in der Box des Deutschen Theaters.

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    Von der Eleganz der Honigbiene zum Quanten-Multiversum

    Foto DT-Schaukasten
    Foto DT-Schaukasten

    Es ist die vielleicht rührendste Szene oder auch Konstellation dieses Abends in der Box des Deutschen Theaters, wenn Roland (Matthias Neukirch) einen Zettel aus seiner Hosentasche hervorkramt und etwas ungelenk seiner Angebeteten Marianne (Natali Seelig) mit einer selbstgeschriebenen Rede über die bescheidene, ruhige Eleganz der Honigbiene einen Heiratsantrag macht. Seine Ausführungen über das klar strukturierte Leben in einem Bienenstock kontrastiert er mit der Schwierigkeit und Unsicherheit des menschlichen Daseins, das einen immer wieder vor Entscheidungen stellt. „Wenn auch unser Leben so einfach wäre.“ wünscht sich der zu tiefst zweifelnde und doch in diesem Moment so entschlossen, wie nie wirkende Mann.

    Natürlich erhört Marianne schließlich ihren Roland, aber nicht ohne dass uns das Stück des jungen englischen Dramatikers Nick Payne nicht noch weitere Konstellationen mit anderem Vorzeichen und Ausgang anbieten würde. Roland verschusselt den Zettel, improvisiert und verdreht alles, Marianne wirkt gelangweilt, oder speist den Stammelnden mit den Worten ab: „Das haben wir doch alles schon besprochen.“ Typische Situationen einer Zweierbeziehung, die die meisten im Publikum schon so oder ähnlich erlebt haben könnten. Wenn nicht bis zum Heiratsantrag gekommen, dann doch wenigsten im Anbahnen der Liebesbeziehung, der ersten Begegnung und dem Kennlernen.

    Zweier-, Dreier- oder Viererkonstellationen erfreuen sich besonders großer Beliebtheit am Theater und beim Publikum. Sind sie doch in den meisten Fällen ein Garant für gute Unterhaltung und wahres Schauspielerfutter. Zumal, wenn sich der Autor hier auch noch eines gänzlich nichtlinearen Erzählstils bedient. Schon das Stück Drei Mal Leben der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza spielte mit den verschieden Konstellationen eines Abends. Eine Konstellation ist eine bestimmte Lage oder Situation, die sich aus dem Zusammentreffen besonderer Umstände und Verhältnisse ergibt. Ganz zufällig, durch freie Wahl oder eben durch Fügung, sprich dem Schicksal. Im Grunde lebt gerade auch das Theater von solchen möglichen wie unmöglich scheinenden Geschichten. Nur hat man sie so wie bei Nick Payne vielleicht noch nicht erzählt bekommen.

    Nick Payns Stück Constellations, 2012 mit Sally Hawkins (genau, die von Happy-Go-Lucky) und Rafe Spall am Royal Court Theatre in London uraufgeführt, ist, mit jeder Menge Vorschusslorbeeren versehen, bereits im letzten Jahr erfolgreich in deutscher Übersetzung am Schauspielhaus Wien und dem St. Pauli Theater Hamburg inszeniert worden. Am New Yorker Broadway läuft Constellations derzeit mit dem Hollywood-Star Jake Gyllenhaal & dem TV-Sternchen Ruth Wilson als Robert und Marianne. Die Kritiker überschlagen sich fast überall mit ihrem Lob. Vielleicht war man am Deutschen Theater dann doch nicht ganz so davon überzeugt. Jedenfalls inszeniert Hörspielregisseur Hüseyin Michael Cirpici das Stück nun als Kammerspiel, was es wohl auch eher ist, in der kleinen Box des DT.

    Constellations von Nick Payne in der Box des DT <br/> Foto (C) Arno Declair
    Constellations von Nick Payne in der Box des DT
    Foto (C) Arno Declair

    Es beginnt auf leerer Bühne dann auch genau mit eben jener ersten Begegnung der beiden Protagonisten auf einer Party. Die Konversationsversuche brechen zunächst nach kurzen Sätzen ab und beginnen wenig verändert immer wieder neu. Der Musiker Tobias Vethake setzt dazwischen akustische, elektrisch verstärkte Breaks. Man tastet sich weiter im Smalltalk vor, erntet Desinteresse oder gar Abfuhr. Einem tatsächlich etwas ungelenken Partybrüller ist es dann zu verdanken, dass das Gespräch doch noch in Gang kommt. Marianne traktiert Roland mit der Frage, ob er schon einmal versucht habe, seine Ellenbogen zu lecken. Das schreit natürlich nach Ausprobieren, wenn mal wieder die Cocktail-Party oder wie hier das Barbecue ins Wasser zu fallen droht.

    Der eigentliche Clou aber ist, dass hier mit dem eher einfach gestrickten Bio-Imker Robert und der Quantenphysikerin Marianne zwei scheinbar völlig konträre Charaktere aufeinanderstoßen, was dann letztendlich aber gar nicht den Ausschlag für den weiteren Verlauf der Liebesgeschichte gibt, sondern eher die wissenschaftlich wie philosophisch gleichermaßen interessante These, dass jede getroffene Entscheidung in einem Paralleluniversum weiter existiert. Die genaue Erklärung zum Multiversum möge man bitte selbst im Internet oder Programmheft nachlesen. In gewisser Weise wäre das durchaus auch ein Freibrief zur Unsterblichkeit. Etwas, worüber man nicht nur auf feucht fröhlichen Partys trefflich reüssieren könnte. Wie etwas gelaufen wäre, hätte man sich irgendwann einmal irgendwie anders entschieden, hat sich sicher jeder schon einmal gefragt. Hier ist nun plötzlich alles möglich.

    Im Folgenden erkunden die beiden Liebenden dann ganze Scharen von beständig wechselnden, abzweigenden Universen von Liebe, Eifersucht, Fremdgehen, Verlassen und Wiederfinden, was allerdings auch einige Redundanzen zur Folge hat. Wieder geerdet wir das Ganze durch eine sogenannte Schicksalszufälligkeit. Das Programmheft bemüht hier den deutschen Philosophen Odo Marquard mit seiner Apologie des Zufälligen. Ein Gehirntumor im Frontallappen, der sich hier irgendwann bei Marianne einstellt und ihr das Sprechen schwer werden lässt, lenkt die Gespräche ins düster Existentielle, was den Tod oder gar möglichen Selbstmord als Ende der gemeinsamen Geschichte in Betracht zieht. Letztendlich auch die Frage nach Gott und der Zeit, die bleibt.

    „Wir Menschen sind stets mehr unsere Zufälle als unsere Wahl.“ ist das Fazit des skeptischen Philosophen Marquard, wie letztendlich auch das des Stücks von Nick Payne. Es ist trotzdem weder ausschließlich für wissenschaftlich noch philosophisch interessierte Geister geschrieben. Die Liebe übersteht alles und schlägt auch hier emotional die reine Wissenschaft. Zeit ist nicht einfach nur relativ, sondern so gesehen auch irrelevant. Alles beginnt immer wieder neu, will uns das unverhoffte Wiedersehen im Tanzstudio am Schluss sagen. Der Sinn des Lebens als unbestimmte never ending Zeitschleife.

    Trotz allem fliegen hier außer aus einer Discokugel kaum Sterne und zünden die Pointen nicht halb so wie gewünscht. Nick Payns Stück Constellations erweist sich eben doch nicht einfach nur als Well-Made Play und sicherer Selbstläufer. Irgendeine unvorhergesehene Konstellation scheint dem vollkommenen Erfolg des Abends irgendwie im Wege gestanden zu haben. An den routinierten DT-Darstellern Natali Seelig und Matthias Neukirch liegt es vermutlich nicht. Ein weiteres, völlig unsentimentales an Wilhelm Busch angelehntes Bonmot aus Odo Marquards Apologie lautet: „Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man läßt.“ In diesem Sinne möge man höchst selbst Stück und Inszenierung bewerten.

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    Constellations
    von Nick Payne
    Premiere: 8. Januar 2015 in der DT-Box
    Regie: Hüseyin Michael Cirpici
    Bühne und Kostüme: Sigi Colpe
    Musik: Tobias Vethake
    Dramaturgie: Hannes Oppermann
    Besetzung:
    Natali Seelig (Marianne), Matthias Neukirch (Roland)

    Dauer: ca. 80 Minuten, keine Pause

    Termine:
    11., 21., 23. Januar 2015
    15., 27. Februar 2015
    02. März 2015

    Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/constellations/

    Zuerst erschienen am 10.01.2015 auf Kultur-Extra.

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  • Morgen ist das Gestern schon im Heute – Geschichtsbewältigung auf Österreichisch mit „die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer im Akademietheater und „Johnny Breitwieser“, einer Wiener Verbrecherballade von Thomas Arzt und Jherek Bischoff am Schauspielhaus.

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    Im vergangenen Jahr standen aus deutsch/österreichischer Sicht zwei geschichtlich einschneidende Ereignisse zum Gedenken an. Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, der oft noch nicht nur für Österreicher ursächlich mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Gattin im bosnischen Sarajevo zusammenhängt, und der Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, ebenfalls ein geschichtlich noch immer wunder Punkt für Österreich. Die Vergangenheitsbewältigung auf den österreichischen Bühnen blieb da nicht allein bei den Schüssen in Sarajevo und den Letzten Tagen der Menschheit stehen, auch die Verdrängung der individuellen Schuld am Geschehen in der Nazizeit wurde beleuchtet.

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    Die Zukunft suchte ich in vielen Spiegeln;
    Doch blieb sie mir ein Buch mit sieben Siegeln.
    Nun reck ich mich im Spiegel dieser Zeit
    Und such darin nach der Vergangenheit…

    Mascha Kaléko, Vor dem Spiegel, aus: Heute ist morgen schon gestern – Gedichte aus dem Nachlass

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    „die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer im Akademietheater Wien

    Schaukasten Akademietheater
    Schaukasten Akademietheater

    In seinem Auftragswerk für das Wiener Burgtheater die unverheiratete zeichnet der 36jährige österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer anhand von Gerichtsakten die wahre Geschichte einer Frau nach, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einen Soldaten anzeigte, nachdem sie zufällig ein Telefongespräch belauscht hatte, in dem er von „abhau’n“ spricht. Der junge Mann wird zum Tode und die damals ebenfalls noch junge Frau deswegen nach dem Krieg zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Stück geht es nun u.a. um das Verdrängen von Schuld und die Schwierigkeit des Erinnerns einer alten Frau, die von Ihrer Tochter und Enkelin nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus nach der Vergangenheit befragt wird.

    DIE ALTE
    ich kann nur sagen
    kann mich nicht erinnern mehr
    beim besten Willen nicht
    ist durchaus möglich dass
    ich weiß es nicht
    kann immer wieder sagen nur…

    Palmetshofer, dessen frühe Stücke schon recht erfolgreich im kleinen Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurden, hat sich bereits in seinem ersten 2012 für das Burgtheater geschriebenen Stück räuber.schuldengenital, von Stephan Kimming ebenfalls am Wiener Akademietheater uraufgeführt, mit dem Generationenkonflikt beschäftigt. Auch die unverheiratete zeigt anhand dreier Generationen nicht aufgearbeitete Probleme zwischen einer Großmutter, ihrer Tochter und Enkelin (hier die Junge, die Mittlere und die Alte genannt). Dem hat Palmetshofer obendrein noch eine Art Elektra-Paraphrase eingeschrieben. Wie der Erinnyen-Chor einer griechischen Tragödie rezitieren Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer und Petra Morzé als die „Hundsmäuligen“ wechselnd in Biedermeierkostümen, Schwesternuniformen oder im Gouvernanten-Look aus den Gerichtsakten.

    Sie wirken wie das personifizierte schlechte Gewissen der Alten (Elisabeth Orth), wobei hier die eigentliche Elektra durch die Mittlere (Christiane von Poelnitz) dargestellt wird, die schon zu Beginn einen Holztisch mit der Axt traktiert. Später wird sie, von der Jungen (Stefanie Reinsperger) mit Blut übergossen, einen „ich bin Elektra“-Text sprechen. Palmetshofers Jamben erinnert da nicht von ungefähr auch an Heiner Müller. Hier werden symbolisch die Toten wieder ausgegraben. Der deutsche Regisseur Robert Borgmann hat dazu mit Erde einige Grabhügel aufschütten lassen, die nicht nur verbal ordentlich umgewühlt werden. Frau gräbt aber nicht allein in den verschütteten Erinnerungen, sondern auch im psychologisch Unterbewussten.

    die unverheiratete_Georg Soulek - Burgtheater2
    die unverheirateteFoto (C) Georg Soulek /Burgtheater

     

    DIE MITTLERE
    kein Bruder keine Schwester von dem Baum gepflückt
    Orest nicht tot nein nie geboren keine Axt zu schwingen
    harten Stahl zu führen gegen Rinde morschen Stamm
    wart ich auf keinen mehr
    ich bin sie selbst
    ich bin die Axt
    es fällt der Stamm
    der Mutterbaum
    er brenne
    lichterloh

    Alle drei haben da ihre Lücken. Die Alte in der Vergangenheit, wie die Mittlere, die mit diesem Erbe hadert und die Junge mit ihren flüchtigen Sexbeziehungen zu Männern, die sie im Schlaf fotografiert. Bezeichnend ist dabei wohl die vollständige Abwesenheit der Männer im Stück, wie im Leben der Alten und ihrer Tochter. Die „Weiberwirtschaft“, wie es die Alte nennt, scheint aber gerade daran zu kranken. Der Mittleren fehlten der Vater und ein Bruder. Die Wut darüber überträgt sich auf die Junge, die der Alten beharrlich ihre Geheimnisse abzuringen versucht. Schnell wird klar, dass die zwei nicht nur den gebrechlichen Körper der Alten, sondern an der gesamten Schuld und, ja, auch an sich selbst mit zu tragen haben.

    Aus einem Heft, in das die Alte später ihre Wahrheit geschrieben hat, lässt sich „Die Wahrheit“ nicht ausreichend rekonstruieren. Die wiederkehrenden, quälenden Bilder der Vergangenheit schließt sie stolz und trotzig in sich ein. Die Anwürfe der Tochter und Enkelin perlen an der Alten ab, die zielsicher ihre Vergangenheit als langen roten Faden aus der Strickjacke trennt, um sich später daran zu hängen. Das Stück besitzt da einen bemerkenswert langen Atem. Kurzatmig wird hier nichts verhandelt und die Alte nicht müde, ohne Einsicht in die Konsequenzen ihrer damaligen Tat, fast störrisch immer wieder ihre Unschuld zu betonen: „ich hab für Politik mich niemals / niemals intressiert / das kann ich immer wieder / immer wieder sagen nur“. Der Hang zur Verdrängung ist groß, in einem Land, das schon kurz nach dem Krieg und ersten Strafprozessen wegen Denunziationen recht bald wieder zur Tagesordnung übergeht. Was bleibt, ist die unbeantwortete Schuldfrage.

    die unverheiratete - Stefanie Reinsperger (die Junge), Elisabeth Orth (die Alte), Christiane von Poelnitz (die Mittlere) - Foto (C) Georg Soulek /Burgtheater
    die unverheiratete – Stefanie Reinsperger (die Junge), Elisabeth Orth (die Alte), Christiane von Poelnitz (die Mittlere)
    Foto (C) Georg Soulek /Burgtheater

    DIE JUNGE
    Wer ‚A‘ sagt muss auch ‚B‘
    der muss auch B muss der
    so war das immer schon …

    Elisabeth Orth spielt ihren Part einfühlsam überzeugend. Es menschelt dabei immer wieder auch etwas. Wirklich explizit politisch wird es in Palmetshofers psychologisierenden Versen jedoch nie. Robert Borgmann übersetzt alles in möglichst eindrückliche Bilder. Bedeutsam geht ein roter Samtvorhang immer wieder rauf und runter. Die Rhythmik von Palmetshofers Jambentext überführen die Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere des Textes nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen. Dabei ist Musik hier allgegenwärtig. Die großartige Stefanie Reinsperger spielt zu ihrem Text Akkordeon, oder greift zur Flasche und tanzt den HC Stracher und Thomas Bernhard, eine regional angepasste Cover-Version des D.A.F.-Klassikers Tanz den Mussolini. Das von Blandine Ebinger gesungene Friedrich-Hollaender-Lied Wenn ick mal tot bin sorgt für etwas morbiden Charme.

    Das alles hat natürlich auch so seine Längen. Es schreit geradezu nach Kürzungen in Palmetshofers hoch artifiziellem Text, die ihm Borgmann, auch sonst ein wahrer Spezialist im expressiven Regie-Auspinseln, bis zum Ende nicht vergönnt. In einer möglichen und durchaus denkbaren Zweitaufführung will das berücksichtigt sein. Dagegen wohltuend lässt Borgmann dann doch von allzu vielen kuriosen Regieeinfällen ab. Das und die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Inszenierung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes von Ewald Palmetshofer über die vollen 2 Stunden, 20 Minuten dann doch noch sehenswert.

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    die unverheiratete
    von Ewald Palmetshofer
    Regie und Bühne: Robert Borgmann
    Kostüme: Janina Brinkmann
    Musik: webermichelson
    Licht: Peter Bandl
    Dramaturgie: Klaus Missbach
    Mit:
    die Junge: Stefanie Reinsperger
    die Mittlere: Christiane von Poelnitz
    die Alte: Elisabeth Orth
    4 Schwestern (die Hundsmäuligen): Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer und Petra Morzé
    Spieldauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause
    Uraufführung am 14. Dezember 2014 im Akademietheater
    Gesehene Vorstellung am 30.12.2014
    Termine: 11., 13.01. / 02.02., 04.02., 15.02. / 02.03.2015

    Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963459306

    Stückzitate aus die unverheiratete von Ewald Palmetshofer

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    Johnny Breitwieser – Thomas Arzt und Jherek Bischoff zeigen am Schauspielhaus Wien eine Brecht’sche Verbrecherballade.

    „Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit Außenseitern an, die spüren, was notwendig ist.“  Robert Jungk, Zukunftsforscher

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    Der 1983 in Oberösterreich geborene Dramatiker Thomas Arzt ist bereits durch seine recht erfolgreichen Stücke Grillenparz, uraufgeführt 2011 am Schauspielhaus Wien, und Alpenvorland, 2013 am Landestheater Linz uraufgeführt und mit dem Autorenpreis des 29. Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet, aufgefallen. Hatte der junge Autor da noch regional in den Bergen seiner österreichischen Heimat angesiedelte moderne Anti-Volksstücke geschrieben, geht er nun mit seiner Verbrecherballade Johnny Breitwieser in der Geschichte zum Ende der k.u.k-Zeit zurück. In den Vorstädten Wiens gelangt der 1891 geborene, Johann Breitwieser zu kurzzeitiger Berühmtheit. Ein Kleinkrimineller mit Ausstrahlung, eine Art Robin-Hood-Gestalt, der das Geld der Banken an die Armen Wiens verteilt. Ihm gelingen einige bemerkenswerte Coups. Erst nach einem längeren Katz- und Mausspiel aus dem Untergrund heraus wird Breitwieser 1919 von der Polizei gestellt, erschossen und vom Volk zum Märtyrer erklärt.

    Das Schauspielhaus Wien - Foto: St. B
    Das Schauspielhaus Wien – Foto: St. B

    Nach dem Aufstieg von Ewald Palmetshofer und dem jüngst mit am beispiel der butter nach Mülheim eingeladenen Ferdinand Schmalz erweist sich das  Schauspielhaus Wien mal wieder als Geburtshelfer für eine weitere bemerkenswerte österreichische Dramatiker-Karriere. Am kleinen Theater in der Porzellangasse, an dem Thomas Arzt ebenso wie vorher schon Ewald Palmetshofer in der Spielzeit 2010/2011 seine ersten Sporen als Hausautor verdient hat, feierte nun Ende November 2014 sein neuestes Stück Premiere. Johnny BreitwieserEine Verbrecher-Ballade aus Wien ist ein in groben Zügen an Bertolt Brechts Dreigroschenoper angelehntes Kriminal-, Sozial- und Liebesdrama mit Musik von dem US-amerikanischen Komponisten Jherek Bischoff. Arzt hat aus der historischen Vorlage eine Handvoll interessanter Randgestalten um den sogenannten „Meidlinger Einbrecherkönig“ herausgelöst, um mit ihnen eine Ballade über die Sehnsucht nach Freiheit, Anarchie, Rebellion und den Aufstieg aus elenden Verhältnissen in die gut bürgerlichen Schichten Wiens vor dem Ersten Weltkrieg zu erzählen.

    Das Stück von Thomas Arzt zeigt in ganz klassischer Abfolge den Aufstieg und Fall eines zum Volkshelden stilisierten Mann aus der Unterschicht mit dem nötigen Charisma und Mundwerk. „A Rattn mit einer Sprach.“ wie Kiberer Schödl (Florian von Manteuffel) seinen ewigen Gegenspieler, den schönen Johnny (Martin Vischer), abfällig nennt. Hier reimt sich Brot noch auf Not und die Kanalratten sind weit in der Überzahl. Doch anstatt wie die „stadschauerte“ Luise (Nicola Kirsch) nach einem Geld zu betteln, holen sich Johnny und sein Bruder Carl (Thiemo Strutzenberger) einfach, was sie haben wollen. Während Johnny, der Mann für die coolen Sprüche, nebenbei auch Herzen stiehlt, zeichnet Bruder Carl, der Nachdenkliche, verantwortlich für das Rationale und die Logistik. Nebenbei beseitigt er noch als hilfreicher Engelmacher Johnnys Kollateralschäden. Die Beiden sägen und schweißen an dem käfigartigen Drahtgestänge, das Ivan Bazak auf die Bühne des Schauspielhauses gestellt hat. Doch der Tresor in der Bank ist leer und das Kapital weitergezogen.

    Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien  Foto (c) Robert Polster
    Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien
    Foto (c) Robert Polster

    „Ist eine bedingte Welt. Da kann‘s passieren, dass das Verbrechen im Grunde das Richtige ist.“ Johnny, ein Verbrecher

    Für den Outlaw oder auch Anarchisten Johnny ist das Gute immer an scheiß Bedingungen angekettet. Und auch das Verbrechen läuft nicht bedingungslos ab. Carl ist dagegen Sozialist und träumt davon, nach Russland zu gehen. Er bleibt im Ersten Weltkrieg stecken und gibt ein Bein dran, während Johnny im Knast überwintert. Die großen Ideen erweisen sich als nicht so leicht zu haben. Man muss sich entscheiden: „Verstummen oder Gewalt“. Der Krieg ist hässlich, aber notwendig für die Veränderung. „Was die Revolution betrifft, so kann sie unmöglich aus dem Sitzen passieren, oder aus dem Liegen. Das ist das unbequeme am Revolutionären.” – so sieht es Carl. Regisseur Alexander Charim lässt die Revolutionäre im Wartestand aber zunächst noch bei einer mondänen Party dem besoffenen Kapital die Scheine aus der Tasche ziehen. Johnny verfällt seiner Sehnsucht, der reichen Greta (Katja Jung), Carl wird Kanonenfutter und singt finster von „Soldaten ohne Köpf“.

    Aber auch eine andere Frau hat es Johnny angetan. Seine große Liebe ist Anna (Franziska Hackl), die er auf der Straße aufliest und der er ein besseres Leben bieten will. Dafür braucht es Geld. Doch auch dieses Geld ist nicht genug, denn Anna will eine Zukunft anstatt das Leben im Moment. „Da muss doch auch mal ein Leben danach kommen“, singt sie. Und so steckt Johnny schnell in der bürgerlichen Falle, die letztendlich auch eine goldene ist. Als Bild der kleinbürgerlichen Gemütlichkeit landet der „Maidlinger Einbrecherkönig“ schließlich als „Bourgeois von St. Andrä“ auf einem Fauteuil seiner Villa und putzt still die Waffe. Bereit sein ist alles.

    Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien - Foto (c) Robert Polster
    Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien
    Foto (c) Robert Polster

    „Was morgen ist, muss heute noch nicht sein.“ der Chor

    Nach dem Krieg bricht schließlich die alte Ordnung zusammen. Der Kaiser ist tot, doch die gottgewollte Hackordnung besteht weiter. „Der Staat ist der Staat auch wenn er dumm ist, ist`s immer noch der Staat.“ Bluthund Schödl bleibt Johnny auf den Fersen und findet zielsicher den nötigen Verräter. Der etwas einfach gestrickte Gangster-Kumpan Wenzl (Gideon Maoz) gibt Breitwieser für eine weiße, fleckenlose Identität preis. Im Stücktext und den Songs spricht Thomas Arzt von Elend, Kapital, Banken, Fleischbörsen, Marxismus und Aufbruch. Da ist er ganz beim vermeintlichen Vorbild Brecht. Die Musik von Jherek Bischoff bleibt in der Ballade und Moritat, ist mal Wiener Lied mit Streichern, mal Pop mit Schlagzeug. Neben ein paar deftigen Chören behält die softe Melancholie die Oberhand. Johnny singt: „Ich möchte ein Leichenzug sein.“ und ganz Wien gibt ihm die Ehre.

    Der Zukunftsforscher Robert Jungk schrieb 1952: „Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.“ Sang in den 1970er Jahren der DDR die mit Auftrittsverbot belegte Gruppe Renft in Zwischen Liebe und Zorn: „Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufried’ner Leute“, heißt es hier nun im Schlusschor der Protagonisten: „Was morgen ist, muss heute noch nicht sein.“ Auf dem Sofa sitzt ein Land im Stillstand und skandiert: „Morgen stirbt der Widerstand am Hunger, heute fressen wir in uns hinein.“ – Fazit Arzt: „Die Armut ist da, wo der Widerstand aufhört.“

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    Johnny Breitwieser – Eine Verbrecher-Ballade aus Wien (UA)
    von Thomas Arzt und Jherek Bischoff (Komposition)
    Regie: Alexander Charim
    Bühne und Kostüme: Ivan Bazak
    Dramaturgie: Laura Berman
    musikalische Leitung: Belush Korenyi
    Bühnenmusiker: Ensemble LUX (Streichquartett) und Mathias Koch (Schlagzeug)
    Mit:
    Johnny, ein Verbrecher: Martin Vischer
    Carl, sein Bruder: Thiemo Strutzenberger
    Anne, seine Liebe: Franziska Hackl
    Greta, seine Sehnsucht: Katja Jung
    Luise, sein Volk: Nicola Kirsch
    Wenzl, sein Verräter: Gideon Maoz
    Schödl, sein Mörder: Florian von Manteuffel
    Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
    Premiere: 28. November 2014
    Gesehene Vorstellung am 31.01.2014
    Termine:
    20., 21. und 31.01. 2015
    03., 18. und 19.02.2015
    07. und 10.03.2015

    Info: http://www.schauspielhaus.at/johnny_breitwieser

    Stückzitate aus Johnny Breitwieser von Thomas Arzt

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  • DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING von Martin Heckmanns – Nach „X-Freunde“ die neue Inszenierung von Stephan Thiel am Theater unterm Dach.

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    „Jetzt wissen wir fast alles voneinander. Jetzt haben wir uns fast alles gesagt. Jetzt kennen wir unsere Tage im voraus. Und erkennen uns schon am Klang unseres Gangs. WAS KANN DENN JETZT NOCH KOMMEN?“ Anne und Johann, ein Paar im verflixten siebten Jahr, sind in ihrer Beziehung festgefahren. Der Partner ist wie er ist und dabei so berechenbar. „Nach dir kann man die Uhr stellen.“ weiß Johann sicher. Die Zukunft malt man sich vor dem inneren Auge wie in schlechten Film-Melodramen aus. Glorreiche Erkenntnis Annes: „Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ – Hä?

    DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD - Foto (c) Stephan Thiel
    DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD
    Foto (c) Stephan Thiel

    Das wundervolle Zwischending heißt die 2005 uraufgeführte Beziehungskomödie von Dramatiker Martin Heckmanns, der mit Schieß doch, Kaufhaus 2002 seinen ersten großen Erfolg am kleinen TIF des Staatsschauspiels Dresden feierte und mit diesem und anderen Stücken auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurde. Nun hat Stephan Thiel, Spezialist für die feine Inszenierung kurioser zwischenmenschlicher Unzulänglichkeiten (z.B. X-Freunde von Felicia Zeller), Das wundervolle Zwischending mit den Schauspielern Hannah von Peinen und Christoph Schüchner in den Rollen des beziehungsgebeutelten Paars für das Berliner Theater unterm Dach neu eingerichtet.

    Anne und Johann, beide dem sogenannten Künstlerprekariat zugehörig, („Und was machst du so?“ „Ich mach Kunst.“ „Echt?“) beschließen ihr eingerostetes Liebesleben als Projekt neu zu beleben, vorzugsweise als selbstreflexives 90-Minuten Doku-Filmchen. „Wir betrachten uns als Kunstwerk. – Das hilft.“ Gemeinsam geschaffene Kunst muss als Problemhelfer herhalten, und so machen die beiden kurzerhand ihre Einraum-Sozialwohnung zum Filmset. Der hat im Bühnenbild von Sabine Schmidt einen kleinen Laufsteg mit gardienen-artigen Vorhängen, Schirm, Scheinwerfer und ein großes, rotes Kitsch-Herz.

    Das Reenactment einer versuchten Liebe an 7 aufeinanderfolgenden Tagen. Aber die Schöpfung ist nach 10.000 Jahren Sex immer noch nicht weiter. Ob Musical oder Thriller, Experimental- oder Liebesfilm, „Wir enden gut.“ versichert man sich. Der Regisseur verzichtet hier auf die naheliegende Kamera, lässt nur ein paar Videos im Hintergrund flimmern. Davor wird aber echt geschauspielert. Hannah von Peinen und Christoph Schüchner gehen mit vollem Körpereinsatz in den Clinch. Vom Erinnern des Kennenlernens über den verbalen und echten Schlagabtausch bis zur erotischen Phantasie, das Paar schenkt sich nichts. Die Liebe ist weder Ruhekissen noch Nagelbrett. Ihr spontan geplanter Sex vollzieht sich in einer kunstvollen Hebeakrobatik bis zum vorzeitigen Bandscheibenvorfall und Samenerguss.

    DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD Foto (c) Stephan Thiel
    DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD
    Foto (c) Stephan Thiel

    Die ungelösten Zweierprobleme können so noch eine Weile in der Schwebe gehalten werden, bis sich dann irgendwann der plötzlich vor der Tür stehende Mann vom Amt ins Paar-Konzept drängt. Silvio Hildebrandt irrlichtert mit Motorradhelm als Szenenüberbrücker, Albtraummann und ganz realer Störenfried durchs Setting. Mit welchem Leistungsangebot sie denn die demokratische Öffentlichkeit für ihre Solidarität entschädigen würden, will der Sozial-Detektiv wissen. „Phantasie“, ist die trockene Antwort von Johann. Dass sich der Mann von Amt schließlich selbst als phantasiereich im Auftreiben von Fördergeldern erweist, bedeutet für das Projekt in seiner ursprünglichen Form gleichzeitig auch das Ende. Anne führt Bertram in ihr Bett und als Gegenspieler für Johann in den Plot ein. Der soll an den Konflikten wachsen und die stagnierende Zweibeziehung doch noch zum echten Beziehungsdrama werden lassen.

    Johann, ganz der Künstler, flüchtet sich aber nach kurzer Erregung lieber in poetische, nichtssagende Gesänge zur Glasharfe vom unheimlichen Du und einem Hauch aus Nichts. Autor Heckmanns pflegt in seinem Stück des Öfteren die ironisch-lyrische Wortschöpfung, was das Paar auch wortreich ausschöpfen darf. „Von Dir, mein Schatz, zum Wortschatz, ist es nur ein Wort.“ Da sich echte Probleme aber nicht einfach als Kunstprobleme weg reden lassen, landen die Kunstfilmer schließlich wieder im normalen Alltag aus Wiederholungen des immer Wiederkehrenden, was hier bis zur mentalen Erschöpfung exerziert wird.

    Und was ist das Ende vom Film? Das gemeinsame Projekt am Ende? Und wenn schon, denkt sich Heckmanns, auf ein Neues. Bleibt die Frage: „Was machen wir jetzt?“ – „Be Not So Fearful“ singt da Johann mit dem romantischen Melancholiker Bill Fay. A never ending Happening.

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    DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING (13.12.2014)
    von Martin Heckmanns
    Regie: Stephan Thiel
    Bühne/Kostüm: Sabine Schmidt
    Mit: Hannah von Peinen, Christoph Schüchner, Silvio Hildebrandt
    Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
    Premiere war am 20.11.2014 im Theater unterm Dach

    Termine: 10. und 11.01.2015 im Theater unterm Dach sowie am 15. und 17.01.2015 im Winterspielplan der Freilichtspiele Schwäbisch Hall

    Infos: http://www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

     http://stephan-thiel.com/inszenierungen/zwischending/

    Zuerst erschienen am 14.12.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Theater und Politik – Ein aktueller Jahresrückblick (Teil 1) – Rimini Protokoll holen die Realität in den fiktionalen Raum Theater. Wolfram Lotz löst Realität mit Mitteln der Fiktion auf. Die Bilder müssen in beiden Fällen im Kopf neu zusammengesetzt werden.

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    Realität oder Fiktion, das ist die Frage, die politisch denkende Theatermacher derzeit umtreibt. Während Rimini Protokoll die reale Welt in den fiktionalen Raum des Theater holen, greifen Theaterautoren wie Wolfram Lotz mit Mitteln der ins Absurde getriebenen Fiktion die Realität an. „Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision.“ Für Lotz sind Theaterstücke Anleitungen für die Wirklichkeit. In seiner „Rede für das unmögliche Theater“ plädiert er für das Theater als Ort, „an dem Fiktion in Wirklichkeit umgesetzt wird.“

    Dass irgendwie alles mit allem verbunden ist, weiß man spätestens seit der Chaosforschung oder dem rhizomatischen Denk- und Weltbeschreibungsmodell der Postmoderne von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Festgefügte Begriffe wie Logos, Ursprung, Wahrheit und Vernunft lösen sich auf und beginnen zu gleiten. Nichts hat Anfang und Ende. Früher sprach man mit Heraklit: „Alles fließt.“, oder besser: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Nur, dass die Einheit aller Dinge, wie Heraklit sie noch sah, heute einen ontologischen Knacks bekommen hat.

    Das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit ist daher wieder besonders interessant für das Theater. Wird der Zuschauer im HAU 2 beim Video-Stück Situation Rooms von Rimini Protokoll als in einer Installation fiktiv handelnde Person in reale Zusammenhänge verstrickt, denen er sich nicht, ohne das Spiel bewusst zu verlassen, entziehen kann, bringt Wolfram Lotz in seinem Hörspiel Die lächerliche Finterniss die als real empfundene Welt des Zuschauers mit seinem fiktiven Text in Unordnung, um Realität neu verhandeln zu können. Wobei Regisseurin Daniela Löffner am Deutschen Theater dieser Verunsicherung die entsprechenden Bilder entgegenzusetzen versucht. Ein Unterfangen, das in beiden Fällen fast zwangsläufig zu Wahrnehmungsproblemen führen sollte.

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    Situation Rooms – Rimini Protokoll zeigen ihr zum Theatertreffen 2014 eingeladenes interaktives Video-Stück im Rahmen des Themenschwerpunkts „Waffenlounge“ am Berliner HAU 2.

    Situation Rooms_HAU 2_Plakat Waffenlounge
    Schwerpunkt Waffenlounge im HAU 2 Foto: St. B.

    Wir stehen an einem langen Tisch im HAU 2. Eine kleine Gemeinschaft von zwanzig ganz normalen Personen, die durch einen Spielleiter auf das nun Folgende eingeschworen werden. In den nächsten rund 80 Minuten sollen wir, den Anweisungen auf einem Tablet-PC folgend, nacheinander in zehn von zwanzig Charaktere des Videostücks Situation Rooms der bekannten Doku-Theatermacher Rimini Protokoll schlüpfen. Der Titel ist dem Schnappschuss aus dem Weißen Haus entlehnt, der die US-Administration bei der Live-Video-Übertragung der Liquidierung Osama Bin Ladens durch eine Spezialeinheit von US-Marines zeigt.

    Nun schauen wir also auf kleine flimmernde Bildschirme, vor uns ein räumlicher Parcours mit zwanzig nummerierten Eingangstüren, durch die wir einzeln in die uns nur von Berichten aus Film, Fernsehen oder den unterschiedlichen Print- und Internetmedien bekannte Welt der Rüstungsindustrie, des globalen Waffenhandels sowie der militärischen Krisen mit allen ihren Folgen eintreten werden. Für kurze Zeit tauschen wir unsere persönliche Identität gegen die der von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel ausgewählten Experten des Alltags, denen wir sonst so bequem im Theatersesel beim Erzählen ihrer Geschichten lauschen durften.

    Der Alltag ist hier zumeist ein blutiger. Ich stehe zunächst in einem einfachen Raum, der eine Schule in Kisangani (Demokratische Republik Kongo) darstellt. Der neunjährige Yaoundé Mulamba Nkita erzählt von einem Angriff der Kabila-Milizen, nach dem er mit den anderen Schülern entführt und zum Kindersoldaten ausgebildet wurde. Ich ziehe die Fahne Zaires hoch und muss sie nach dem Machtwechsel wieder einholen. Später, fast am Ende des Parkours, werde ich wieder vorbeikommen und die Hand von Richard Khamis, einem Journalisten aus dem Süd-Sudan schütteln, der hier sein Rundfunkstudio aufgebaut hat und ehemalige Kindersoldaten zu Journalisten ausbildet. Khamis zeichnet an einer Tafel noch einmal den Weg der Waffen im sudanesischen Bürgerkrieg nach. Die Regierungstruppen hatten deutsche G3-Gewehre, die Rebellen kauften Kalaschnikows in Osteuropa.

    Situation Rooms_HAU 2_Dez. 2014
    Situation Rooms im HAU 2
    Foto: St. B.

    Und darum geht es auch. Wir sollen, den Weg der Waffen zurückverfolgend, unsere Verstrickung in die Konflikte dieser Welt nachvollziehen können. Ich wechsele dazu in die Identität eines Computer-Hackers, der Sicherheitssysteme von Banken checkt oder auch zu knacken weiß. Die von ihm entwickelten Programme werden also auch für ihr Gegenteil missbraucht. So stehe ich wenig später mit einem Hipster-Hut neben dem sorglosen Schweizer Arbeiter eines Rüstungsbetriebs und schaue ihm beim Werkeln über die Schulter. Einen Computer-Stick, den er benutzt, stecke ich wenig später in die Jacke seines Spindes zurück, bevor ich sie selbst anziehen muss, um mich nun als Konstrukteur von High-Tech-Waffenteilen zu betätigen. Beim abendlichen Teller Borschtsch flimmert der Krieg bei den Nachrichten in die Wohnstube, und der Mann erklärt seiner Frau am anschaulichen Beispiel aus dem Golfkrieg, was er am Tage zusammengebaut hat.

    So hängt alles mit Allem zusammen, will uns das Spiel von Rimini Protokoll erklären. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, aber auch sehr variabel – durch das Auge des jeweiligen Betrachters gesehen. Nichts ist dabei von Anfang an so, wie es einem zunächst scheint. Man muss die Bilder auf dem Tablet im Kopf neu montieren. Dazu bleibt aber relativ wenig Zeit. Das Spiel ist auf den Punkt getimt, man muss Anschluss halten. Und so erfahre ich, dass die Möglichkeiten an einem Krieg zu verdienen, genauso vielgestaltig sind, wie in einen verwickelt zu werden. Die einen tun dies aus freien Stücken, andere eher unwissentlich oder auch gezwungener Maßen. Im Hinterhof der Installation reflektiert ein israelischer Soldat seine Situation auf dem täglichen Patrouillengang. Man kann bequem am Joystick des Dohnenkrieges sitzen oder deren Opfer vor Gericht verteidigen.

    Ein deutscher Sportschütze lässt sich vom Waffenhersteller Heckler & Koch sponsern. Er testet die neuesten Modelle auf der Schießanlage. Und ich, einst selbst Wehrdienstleistender bei der NVA, gehe gehorsam in den liegenden und stehenden Anschlag. Auf einer Waffenmesse führe ich einen elektronischen Handschuh für Sicherheitschecks vor und helfe einer Mitspielerin in eine schusssichere Jacke. Wo die deutsche Hochburg der Rüstungsindustrie steht, erfahre ich in der Rolle eines Friedenaktivisten, der die Geschichte der Waffenstadt Olberndorf mit dem Mauserwerk bis zurück ins Dritte Reich rekapituliert.

    Situation Rooms_HAU 2_Waffenlounge1
    Installation Waffenlounge im HAU 2 – Foto: St. B.

    Schnell wird das Spiel dann wieder als Kriegsfotograf vor Ort. Hier treffe ich auch noch einmal den Kindersoldaten. Ein Foto kostet Geld oder auch das Leben. „Heute war mein Leben ganze 4 Dollar wert“, gibt der dpa-Mann zu Protokoll. Nicht gerade viel im Gegensatz zum Profit der Waffenlobbyisten, die sich in klinisch sauberen Konferenzräumen treffen. Am Ende stehen dort alle rund um einen großen Tisch, die Tablets flimmern. Wir kehren zurück in unsere Realität. Die Bilder werden noch eine Weile bleiben.

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    Rimini Protokoll
    Situation Rooms (19.12.2014)
    Von: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel
    Szenografie: Dominic Huber / blendwerk
    Video: Chris Kondek
    Ton: Frank Böhle
    Technische Leitung und Licht: Sven Nichterlein
    Mit: Abu Abdu Al Homssi (Syrien), Alberto (Mexiko), Shahzad Akbar (Pakistan), Jan van Aken (Deutschland), Narendra Divekar (Indien), Nathan Fain (USA), Reto Hürlimann (Schweiz), Maurizio Gambarini (Deutschland), Andreas Geikowski (Deutschland), Marcel Gloor (Schweiz), Barbara Happe (Deutschland), Volker Herzog (Deutschland), Richard Khamis (Süd-Sudan), 
Wolfgang Ohlert (Deutschland), Irina Panibratowa (Russland), Ulrich Pfaff (Deutschland), 
Emmanuel Thaunay (Frankreich), Amir Yagel (Israel), Yaoundé Mulamba Nkita (Kongo), Familie R (Lybien). Sowie: Christoper Dell, Alexander Lurz, Karen Admiraal
    Recherche: Malte Hildebrand, Cornelius Puschke
    Regieassistenz: Ann-Kathrin Büdenbender, Malte Hildebrand
    Mitarbeit Szenografie / Assistenz: Claudia Bartel, Ute Freitag, Sophie Reinhard, Leonie Süess
    Produktions-leitung: Heidrun Schlegel
    Video-Assistenz: Philipp Hochleichter
    Werkstatt Leitung: Steffen Fuchs
    Licht: Hans Leser, Stefan Neumann
    Elektronik Effekte: Georg Werner
    Assistenz der Produktions-leitung: Caroline Lippert, Christin Prätor
    Übersetzung: Amina Orth, Günter Orth, Djengizkhan Hasso, Riad Ben Ammar, Othman Saeed, Nahal Saeed, KITA Berlin
    Produktion: Rimini Apparat und Ruhrtriennale
    Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Schauspielhaus Zürich, SPIELART festival & Münchner Kammerspiele, Perth International Arts Festival, Grande Halle et Parc de la Villette Paris, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, Onassis Cultural Center – Athens.
    Dauer: ca. 80 Minuten, keine Pause
    Premiere bei der Ruhrtriennale: 23.08.2013
    Berlin Premiere im HAU 2 am: 14.12.2014
    Weiter Termine: 15.-22.12., 27.-30.12.2014, 2.-11.1.2015 / HAU2 /
    Begrenzte Kapazität, Anmeldung erforderlich

    Infos: http://www.2013.ruhrtriennale.de/de/programm/produktionen/rimini-protokoll-situation-rooms/

    http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/rimini-protokoll-situation-rooms/

    http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/waffenlounge/

    Zuerst erschienen am 23.12.2014 auf Kultura-Extra.

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    Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz inszeniert Daniela Löffner an den Kammerspielen des DT als Reigen kurioser Situationen

    Das Rhizomatische an Wolfram Lotz‘ Geschichte ist, dass sie wie Rimini Protokolls Situation Rooms Zusammenhänge sichtbar machen will. Nur das Lotz dazu in die Trickkiste greift und zwei bereits aufeinander beruhende Fiktionen miteinander verschränkt, indem er sie gleichzeitig in unsere Gegenwart holt. Im Untertitel nennt der Autor seine Bezüge. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola.

    Lichter in der Finsternis - Weihnachten am Deutschen Teater Berlin - Foto: St. B.
    Lichter in der Finsternis – Weihnachten am Deutschen Teater Berlin – Foto: St. B.

    Die Neuadaption von Lotz versetzt das Geschehen nach Afghanistan an den Hindukusch, in der Annahme, so die Annäherung an die Vorlagen, dass dieser ein Fluss sei. Zwei Bundeswehrsoldaten, der Hauptfeldwebel Oliver Pellner und der Unteroffizier Stefan Dorsch, fahren mit einem Boot in den Dschungel Afghanistans, auf der Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger, der mehrere Soldaten im Wahn getötet hat. Das Wasser ist dabei das alles verbindende Element, wie auch der Transportweg aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Kein Tablet weist hier den Weg zurück in die Realität. Aus dieser Verunsicherung wird eine ganz neue Realität erschaffen.

    Lotz macht trotz bissiger Satire und jeder Menge surreal komischer Momente schon im Prolog des somalischen Piraten klar, dass es ihm durchaus auch ernst ist. Meist mit angeklebtem Schnurrbart darf Kathleen Morgeneyer hier alle übrigen männlichen Rollen verkörpern, u.a. eben auch die des Somaliers Ultimo Michael Pussis, der sich wegen des durch westliche Fischereiflotten leergefischten Meers vor Somalias Küste mit seinem Freund Tofdau als diplomierter Pirat verdingen muss. Morgeneyer setzt dabei vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang ganz in schwarz ohne das übliche Blackface zu einer recht poetischen, in ruhigem Ton vorgetragenen Verteidigungsrede vor einem Hamburger Strafgericht an.

    Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten
    Die lächerliche FinsternisFoto DT-Schaukasten

    Dagegen werden dann Hauptfeldwebel Pellner (Alexander Khuon) als desinteressierter Zyniker und Unteroffizier Dorsch (Moritz Grove) als anscheinend zu kurz gekommenen Ossi, der seine einzige Aufstiegschance bei der Bundeswehr sieht, vorgestellt. Pellner behandelt den verzweifelt um Anerkennung Ringenden stets von oben herab. Die Spielszenen mit den Beiden sind geprägt durch Slapstick mit einem Radio, das als einziges Requisit noch an den Ursprung des Stücks als Hörspiel erinnert. Die Feldverpflegung besteht ausschließlich aus Bananen, aus Plastikflaschen klatscht man sich Wasser unter die Achseln und an die Brust. Besonders schweißtreibend ist das Unterfangen der beiden die meiste Zeit auf einer Art in Kunststofffolie eingepacktem Floß schwebenden Soldaten aber eher nicht. Die lyrische Metapher des Flusses in die Finsternis geht im Klamauk unter.

    Immer wieder kreuzen skurrile Typen die Fahrt der Soldaten. Es begegnen ihnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische (zu dem Thema hatte Roland Schimmelpfennig schon am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein poetisches Rührstück in den afrikanischen Bühnensand gesetzt) beaufsichtigen. Man isst Pizza und wirft den unzivilisierten „Eingeborenen“ (hier uns Zuschauern) ein paar Brocken zu. Ein in einer Aluminiumkiste vorbeischwimmender Händler vom Kriegsschauplatz Balkan bietet mitten im Dschungel den üblichen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar lässt sich über den Islam aus und kultiviert Wilde. Ein sprechender Papagei sagt die bittere Wahrheit als antrainiertes Kunststück und im Gleichnis vom Lippenbär und dem Mädchen Paya spiegelt sich der westliche Sextourismus. Die Statisterie des DT bietet dafür noch ein paar stramme UNO-Blauhelme auf und engelsgleich umherhuschende Wilde mit goldigem Lametta-Haar.

    Im Großen und Ganzen karikiert Lotz hier die Klischees des in der westlichen Welt sozialisierten wie zivilisierten Kleinbürgers über das ihm Unbekannte, das zu erklären er aber nie müde wird. Während Dorsch noch um etwas Anteilnahme bemüht ist, versucht Pellner sichere Distanz zu wahren. Die Figuren verstrickten sich hier eher beiläufig in lächerliche Situationen. In allzu große Zweifel werden sie dabei aber kaum gestürzt. Dass am Ende der Abtrünnige Deutinger doch noch in der Gestalt von Kathleen Morgeneyer im kleinen Schwarzen auftaucht und Pellner sich die Bühne mit dem auf dem Meeresgrund dahergelaufenen Tofdau teilen muss, spielt da eigentlich nur eine kurios numerische Nebenrolle. Der Irsinn des Krieges als arithmetische Gleichung mit mehreren Unbekannten.

    Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten
    Die lächerliche FinsternisFoto DT-Schaukasten

    Es ist schon so schwierig mit dem Stück, aber fast unmöglich mit der Inszenierung von Daniela Löffler klar zu kommen. Am besten ist da noch das Bühnenbild von Claudia Kalinski. Es geht mit diesem kleinen Wolken/Wellen-Schiffchen solange rauf und runter, bis alles zerfließt, was uns als sicher erscheint und nichts mehr da ist, was es zu verhandeln gäbe. Da kommt Regisseurin Daniela Löffner, die schon so verschiedene Gegenwartsstücke wie Das Ding von Philipp Löhle oder Rebekka Kricheldorfs Alltag & Ekstase auf die Bühne gebracht hat, der Intension des Autors schon sehr nahe. Eine absurde Überhöhung der Realität, die uns eh nur aus den öffentlichen Medien bekannt ist.

    Leider ist in der Inszenierung auch nichts wirklich lächerlich Finsteres zu sehen, außer der Lächerlichkeit unserer Welt selbst. Und die ist ja wohl auch ohne dem meist ziemlich finster. Vielleicht ist das ja die Absicht des Autors. Nur wird das in der Inszenierung nicht wirklich deutlich. Lotz will absurd sein und mischt Fiktion mit der Wirklichkeit, wobei beides trotzdem immer klar erkennbar bleibt. Daraus macht Löffner hilflose Maskerade und Farce. Die beabsichtige Verunsicherung bleibt aus und es wirkt alles eher uninteressant. Das ist dann eben genau das „Pimmelschwäne-Theater“, von dem Lotz in seiner Rede zum unmöglichen Theater spricht.

    Aber vielleicht ist ja auch ganz o.k., mal den Pimmel raushängen zu lassen, um ordentlich abzustrullen. So ist es! Und so ist es auch wieder nicht. Aber da kann man auch Beckett oder Heiner Müllers Bildbeschreibung lesen. „Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau, zwei riesige Wolken schwimmen darin, wie von Drahtskeletten zusammengehalten, jedenfalls von unbekannter Bauart, die linke größere könnte ein Gummitier aus einem Vergnügungspark sein, das sich von seiner Leine losgerissen hat, oder ein Stück Antarktis auf dem Heimflug, …“ – Mag sein.

    ***

    Die lächerliche Finsternis (21.12.2014)
    von Wolfram Lotz
    Regie: Daniela Löffner, Ausstattung: Claudia Kalinski, Musik/ Sounddesign: Sebastian Purfürst, Licht: Marco Schwerle, Dramaturgie: Ulrich Beck.
    Mit: Alexander Khuon, Moritz Grove, Kathleen Morgeneyer, Andy Kubiak, Patrick Sommer, Marof Yaghoubi.

    Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

    Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters war am 14.12.2014

    Termine: 03., 10. und 23.01. / 15. und 28.02.2015

    Infos: www.deutschestheater.de

    Fortsetzung folgt…

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  • „Das weite Land“ der Seele auf dem Sofa suchend – Jette Steckel legt die Tragikomödie von Arthur Schnitzler auf die emotionale Psychocouch.

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    Der österreichische Dramatiker und Schriftsteller Arthur Schnitzler (1862-1931) gilt als großer Kenner der feinen Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende. Schnitzler war bekannt mit Größen wie dem Maler Gustav Klimt, der Wiener Femme fatale Alma Mahler Werfel oder dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. Besonders eng verbunden war er aber einem Kreis um das Ehepaar Louis Friedmann und Rose von Rosthorn-Friedmann (beide hervorragende Alpinisten), dem Arzt Georg Geyer und Jugendfreund Richard (Kuwazel) Tausenau. Ihre gemeinsamen Erlebnisse flossen in einige seiner Werke ein. Die Friedmanns aus Baden bei Wien dienten Schnitzler z.B. als Vorbild für das Ehepaar Hofreiter in seinem Theaterstück Das weite Land (UA: 1911 am Wiener Burgtheater), eine Tragikomödie um eheliche Untreue, Lügen und gesellschaftliche Konventionen einer untergehenden Epoche vor dem Ersten Weltkrieg, die Schnitzler genauestens protokollierte.

    Das weite Land: Nur eine Art von Höhenrausch. Bergfreunde Arthur Schnitzler, Richard Tausenau und Louis Friedmann um 1885. Foto: Wikipedia
    Das weite Land: Nur eine Art von Höhenrausch. Bergfreunde Arthur Schnitzler, Richard Tausenau und Louis Friedmann um 1885.
    Foto: Wikipedia

    Selbst kein Kind von Traurigkeit besinnt sich Schnitzler in seinen autobiografischen Erinnerungen Jugend in Wien an einen Operettenrefrain, den eine seiner jungen Liebeleien immer vor sich hin summte: „Die Lieb‘ erfordert Studium, und wer nur einmal liebt, bleibt dumm, dumm, dumm.“ Wirklich schlau scheint da zumindest Friedrich Hofreiter, die Hauptfigur in Schnitzlers Tragikomödie, aus seinen zahllosen Affären nicht geworden zu sein. Der Autor lässt ihn nämlich zu seiner gerade abgelegten Liebschaft Adele Natter folgendes sagen: „Mir ist eigentlich doch, als wäre alles Bisherige nur Vorstudium gewesen. Und das Leben und die Liebe fing‘ erst jetzt an.“ Dabei trauert der 40jährige Hofreiter in zynischer Weise zwischen zwei Amouren nur seiner bereits vergehenden Jugend nach.

    Rose von Rosthorn-Friedmann_Gustav Klimt 1901
    Rose von Rosthorn-Friedmann – Gemälde von Gustav Klimt (1901)

    Diese Jugend wird ihm dann am Ende des Stücks Aug in Aug gegenüberstehen. Der notorische Fremdgänger Hofreiter erschießt den jungen KuK Marinefähnrich Otto von Aigner bei einem Duell, da er ihn einer Affäre mit seiner Frau Genia überführt hat. So etwas war im ehemals kaiserlichen Österreich-Ungarn durchaus Usus. Schnitzler beschreibt das schon in seinem frühen Schauspiel Liebelei. Genia Hofreiter hat dagegen kaum eine Chance zur wahren Selbstbehauptung. Hofreiter nimmt ihr einerseits übel, dass sich der junge Pianist Korsakow aus unerwiderter Liebe zu ihr erschossen hat. Die Treue seiner Frau ist ihm dabei geradezu unheimlich. Anderseits fühlt er sich seiner eigenen Untreue rehabilitiert, als die verzweifelt Frau nun doch eine Liebschaft mit Otto eingeht. Dass er ihn dennoch tötet ist reine beleidigte Eitelkeit. „Man will ja nicht der Hopf sein.“

    *

    Nun hat die Regisseurin Jette Steckel Schnitzlers Zeitstück Das Weite Land am Deutschen Theater Berlin neu inszeniert in der Annahme, es ließe sich problemlos auf heutige Berliner Verhältnisse übertragen. Schnitzler selbst wird hier ins Feld geführt, der optimistisch äußerte: „ – dieses Stück wird nicht nur bleiben – man könnte fast sagen: es wird erst kommen.“ Mit diesem Erbe plagen sich nun seit Jahrzehnten österreichische, deutsche und selbst internationale Regisseure ab. So wurde der Lette Alvis Hermanis zum 100jährigen Jubiläum an der Wiener Burg für seine düstere Film-Noir-Version ausgebuht und der Kärtner Martin Kusej langweilte wenig später das Münchner Publikum des Residenztheaters mit Rumsteh- und Kletteraktionen an steiler Felswand. Durchaus zentraler Punkt des Stücks ist nämlich der sogenannte Aignerturm in den Dolomiten. Ausdruck des menschlichen Höhenrauschs und Bild für die titelgebende weite Seelenlandschaft.

    Jette Steckel lässt sich dafür von Florian Lösche ein spätkubistisches Raumgebilde (an die Betonbalkenkirche des Wiener Bildhauers Fritz Wotruba erinnernd) aus lauter aufeinandergestapelten Ledersofas auf die Bühne stellen. Ein Couch-Berg aus über 100 Jahren Psychoanalyse, errichtet mit dem Lieblings-Accessoire der stylish deutsch-gemütlichen Mittelschicht. Und so benehmen sich die Schauspieler hier zu meist auch. Gelümmelt wird viel, aber mehr noch dient der Mont Klamott aus bequemen Sitzmöbeln auf der Drehbühne auch dem Umrunden, Hürdenlaufen und später auch paarweise Beklettern. Aus dem Wiener Schnitzler-Personal von eleganten Spielern und Lügnern werden lauter Gefühlsgestresste, „Das weite Land“ der Seele auf dem Sofa suchend.

    Wotrubakirche in Wien - Foto von ninanuri für Wikipedia
    Wotrubakirche in Wien – Foto von ninanuri (Wikipedia)

    Und wie schon in Wien und München stehen auch am Berliner DT wieder jede Menge Theaterstars auf der Bühne. Maren Eggert als Genia gibt souverän die leicht frustrierte Ehefrau, warum sie an Hofreiter festhält wird zu keiner Zeit wirklich klar. Hier hinkt der modernisierte Plot am deutlichsten. Da lassen sich solche Details wie eine Schiffspassage nach New York im Zeitalter der Billigflieger, der fehlende Wiener Duktus, Bierkasten und ein in die Ohren gestöpselter IPod der gelangweilten Hausfrau noch verschmerzen. Auch andere Stücke von Ibsen oder Strindberg atmen viel historisches Flair, aber man hat sich an einen Tesman in Jogginghosen bereits gewöhnt. Jedoch ein übergriffiger Womanizer-Hofreiter in der Art des Felix Goeser geht irgendwie gar nicht. Dass es Männer dieser Bauart gibt, keine Frage, aber so eindimensional als Arschloch zeigt ihn Schnitzler bei weitem nicht. Die Zweifel und Angst vor dem Altern nimmt man Goeser nicht wirklich ab.

    Problematisch auch die Rolle des verständigen Freundes und Arztes Mauer, den Ulrich Matthes wie einen feinsinnig jovialen Moralapostel spielt. Der ehrliche Kumpel von Format ohne Glück bei den Frauen redet von Gefühlsschlampereien und lügt sich dabei vermutlich selbst in die Tasche. Das macht er allerdings gut, der Theaterarzt vom Dienst am DT. Und man fragt sich vielleicht nicht ganz zur Unrecht, ob hier nicht der Falsche in die Nebenrolle gedrängt wird. Stark auch der Gefühlsauftritt und -ausbruch von Almut Zilcher als geschiedene Schauspielerin Anna Meinhold-Aigner und Mutter des jungen Liebhabers Otto, den Ole Lagerpusch als lässigen Existentialisten in Schwarz hintänzelt.

    Das weite Land - Foto DT-Schaukasten
    Foto DT-Schaukasten

    Und Musik dazu gibt es viel und satt. Schon zu Beginn starrt das Ensemble zur Ouvertüre von Wagners Tristan und Isolde auf den Sofa-Kollos als wäre es die lichtdurchflutete Minnegrotte, der Sehnsuchtsort erfüllter, leidenschaftlicher Liebe. Ein anderes Mal singt Nick Cave „There is no need to forgive“ (We No Who U R) oder Rufus Wainwright bedeutungsschwanger vom Agnus Dei (Lamm Gottes). Jette Steckel macht da das, was sie immer macht: Große Gefühle mit Sound untermalen und dazu jede Menge Körperaktion. In Unterwäsche bekraxeln Hofreiter und seine neue Flamme Erna (auch neu am DT Anna Drexler), die er in den Dolomiten seinem Freund Mauer ausgespannt hat, die Sofaseelenlandschaft. Dabei blöken sie im Bergrausch auch mal wie auf der Alm. Denn da gibt’s ja bekanntlich keine Sünd‘. Auf der Couch nebenan turteln Otto und Genia wie einst Romeo und Julia auf dem Balkon (den es bei Jette Steckels großartiger Hamburger Shakespeare-Inszenierung nicht gab), und Hofreiter schaut kurz auf eine Fensterpromenade vorbei. Das passt zu Schnitzlers feinem Konversationsstück, das Jette Steckel textlich stark entschlackt hat, wie der Windbeutel oder Liebesknochen zur Sachertorte, und sieht dann hier auch eher aus wie Sofaseelengymnastik.

    Schließlich deklamiert Bernd Stempel als belehrender Dr. von Aigner im Kurzauftritt die große Erkenntnis vom Natürlichen als das Chaos gegenüber dem verdutzten Hofreiter fast im Tonfall preußischer Ordnung. Und dabei darf man als Piefke ruhig auch mal an das zu weite Feld des alten Briest bei Fontane denken. Hier stehen sich zwei Dinosaurier der Männlichkeit gegenüber, daraus macht Jette Steckel keinen Hehl. Und so lässt sie am Ende nach dem Duell (Es muss trotz allem sein, s.o.) auch den unverbesserlichen Schwerenöter Hofreiter in Selbstmittleid jammernd unter der Couch verschwinden. Ihre moderne Schnitzler Fassung ist da aller Ehren wert. Wenn auch den plötzlichen Wandel zu begreifen etwas schwer fällt, genau wie die entscheidende Frage, warum es unbedingt der Wiener Schnitzler sein musste, wo Jette Steckel doch mit Stücken von Gorki, Sartre oder Camus schon wesentlich dringlichere Inszenierungen geglückt sind.

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    Das weite LandDas weite Land
    von Arthur Schnitzler
    Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur, Licht: Matthias Vogel, Ton: Matthias Lunow, Martin Person, Dramaturgie: Anika Steinhoff
    Mit: Felix Goeser, Maren Eggert, Ulrich Matthes, Almut Zilcher, Ole Lagerpusch, Bernd Stempel, Simone von Zglinicki, Anna Drexler, Helmut Mooshammer, Katrin Klein (in der Premiere sprang Natali Seelig für die verletzte Katrin Klein ein)
    Dauer: 3 Stunden, eine Pause

    Termine: 25. und 28.12.2014, 05., 15., 17.01.2015

    Infos: www.deutschestheater.de

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  • Ein einzelner „Karamasow“ unter Kindern und Tieren in den Sophiensaelen Berlin gegen die „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewskij am Thalia Theater Hamburg.

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    „Was ist das Wort Christi ohne sichtbares Beispiel?“ Wie etwa Mme. Chochlakowa aus Fjodor Dostojewskijs Roman Die Brüder Karamasow vielleicht noch ein Schild mit der Aufschrift: „Zum Wort Christi bitte hier entlang!“ geholfen hätte, verstellen einem heute meist gerade die ganz großen Lettern den Blick aufs Detail. Zu Zeiten von Dostojewskijs großem Sinnsucheroman musste der Mensch noch rein auf Gott und seinen Glauben vertrauen. Das was der Mensch wirklich braucht, richtete sich aber damals genau wie heute ganz nach dem ausgewogenen Verhältnis von rein materiellen zu den spirituellen Dingen des Lebens. Und so beruht das Verständnis der Welt bei Dostojewskijs Figuren auch nicht nur allein auf der Einstellung zur Frage der Existenz Gottes, sondern der nach Wahrheit, Liebe, Glück, sprich dem Sinn des Lebens an sich. Darzustellen was der Mensch wirklich will, ist dabei so weitreichend kompliziert, dass einer allein nicht ausreichen würde, das hinreichend zu erklären.

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    „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn, in die Erde gefallen nicht erstirbt, so bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht.“ – Johannes 12, 24

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    Die Brüder Karamasow im Mai 2013 am Thalia Theater Hamburg - Foto: St. B.
    Die Brüder Karamasow im Mai 2013 am Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

    Um dieses Bibelzitat hat darum der russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewskij in seinem Tausendseitenroman Die Brüder Karamasow einen ganzen Kosmos von Figuren und verschiedenen Handlungssträngen entworfen. In der Hauptsache aber geht es um drei ungleiche Brüder und ihren dominanten, herrschsüchtigen Vater. Dieser wird vom vierten, illegitimen Sohn Smerdjakow ermordet. Ins Arbeitslager geht dafür aber der älteste und dem Vater vielleicht am ähnlichsten geratene Sohn Dmitrij. Der zweite Sohn Iwan, ein großer Zweifler am Leben und der Schöpfung, fällt in fiebrigen Wahn. Der jüngste, Aljoscha, lebt im Kloster, wird dort vom alten Starez Sossima in Glaubens- und Lebensdingen unterwiesen und schließlich zur moralisch religiösen Institution des Romans. Die Brüder Karamasow ist Dostojewskijs letzter Roman und sein Vermächtnis. Zu einer Fortsetzung, die sich um den jüngsten aus dem Kloster in die wirkliche Welt zurückkehrenden Karamasow-Sohn drehen sollte, ist nicht mehr zu Stande gekommen.

    Die Brüder Karamasow_Thalia Theater HH_Mai 2013
    Die Brüder Karamasow im Thalia Theater – Der Sinnsucher gefangen im Klangraum Welt – Foto: St. B.

    Im Mai 2013 versuchte bereits Luk Perceval am Hamburger Thalia Theater den Hauptstrang des Romans mit allen Personen rund um die Karamasows in einem Kathedral-artigen Klangraum zum Schwingen bringen. Und aus dem großen Kosmos der Dostojewskijnschen Figurenkonstellationen nahm sich Luk Perceval, was ihm persönlich für erzählenswert erschien. In seiner epischen Breite inklusive sich ziehenden Gerichtsverhandlung ein leider nur mehr oder minder spannungsgeladenes Anreißen (Nadryw) der Oberfläche, unter der sich ein Geflecht von Nebenhandlungen verzweigt, die alle mit den immer wiederkehrenden Themen Dostojewskijs wie Liebe, Leid, Religion, Schuld und Sühne verwoben sind.

    Und man hätte Perceval vielleicht einen Bruchteil der christlichen Ironie des Protestanten Kierkegaard gewünscht, der seine inneren Gelüste und unausgelebten Triebe gegen Gott in etwas so zu rechtfertigen suchte: „Gott im Himmel weiß: Blutdurst ist meiner Seele fremd, und eine Vorstellung von einer Verantwortung vor Gott glaube ich auch in furchtbarem Grade zu haben: aber dennoch, dennoch wollte ich im Namen Gottes die Verantwortung auf mich nehmen, Feuer zu kommandieren, wenn ich mich nur zuvor mit der ängstlichsten, gewissenhaftesten Sorgfalt vergewissert hätte, daß sich vor den Gewehrläufen kein einziger anderer Mensch, ja auch kein einziges anderes lebendes Wesen befände als – Journalisten.“ Luk Perceval wird trotz der Kritiken mit der ihm innewohnenden buddhistischen Gelassenheit und etwas Gottvertrauen darüber hinweg kommen.

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    Karamasow – Thorsten Lensing Fassung von Dostojewskis großem Roman an den Berliner Sophiensaelen handelt von Kindern, Tieren und tätiger Nächstenliebe


    Thorsten Lensing – bekannt durch seine kraftvollen Schauspielerabende an den Berliner Sophiensaelen wie Onkel Wanja (2008) oder Der Kirschgarten (2011) – löst nun nicht viel mehr als hundert Seiten aus Dostojewskijs Romanwerk für seine neue Inszenierung heraus. Neben dem Familien-, Kriminal-, und philosophischen Roman sind Die Brüder Karamasow nämlich auch eine Art Entwicklungsroman. Und diese Entwicklung vollzieht Dostojewskij vor allem am 19jährigen Aljoscha. Der von seinen Brüdern zunächst noch als Mönchlein verspottete junge Mann übt sich in tätiger Nächstenliebe und schart bevorzugt Jungen um sich, die er zu beeinflussen sucht. Das zehnte Buch, „Die Jungen“, wird somit zum Mittelpunkt der nur noch schlicht Karamasow genannten Inszenierung, die es aber dennoch in sich hat.

    Devid Striesow als Aljoscha Karamasow in den Sophiensaelen Berlin - Foto (C) Arwed Messmer
    Devid Striesow als Aljoscha Karamasow in den Sophiensaelen Berlin – Foto (C) Arwed Messmer

    Neben dem Familien-, Kriminal-, und philosophischen Roman sind Die Brüder Karamasow nämlich auch eine Art Entwicklungsroman. Und diese Entwicklung vollzieht Dostojewskij vor allem am 19jährigen Aljoscha. Der von seinen Brüdern zunächst noch als Mönchlein verspottete junge Mann übt sich in tätiger Nächstenliebe und schart bevorzugt Jungen um sich, die er zu beeinflussen sucht. Das zehnte Buch, „Die Jungen“, wird somit zum Mittelpunkt der nur noch schlicht Karamasow genannten Inszenierung, die es aber dennoch in sich hat.

    Die Reduktion auf den jüngsten Bruder Aljoscha und Teile des Zehnten Buches erweist sich durchaus als geglückt. Lensing wählt als Einstiegsszene das Spiel des 9jährigen Iljuscha mit seinem Hund, dem dieser eine im Brot versteckte Nadel zu fressen gibt, woran der Hund qualvoll verendet. André Jung spielt den Hund mit Geschick und Humor, aufrecht herumtänzelnd, neugierig schnuppernd und nach der Tasche des Jungen greifend. Aber nicht nur, dass Tiere durch Menschen dargestellt werden, auch die Kinder sind hier erwachsene Schauspieler. Der 71jährige Horst Mendroch gibt Iljuscha in kurzen Hosen. Die Boshaftigkeit des Knaben bekommt auch Aljoscha zu spüren, beißt dieser ihn doch in den Finger, obwohl er den Jungen gegen eine Meute von Kindern beschützen will. Devid Striesow steht hier im schwarzen, langen Mönchsgewand, gerade noch erregt einen „errötenden“ Liebesbrief der ihn anhimmelnden Lisa (Ursina Lardi) lesend, nun verdutzt ob der Ungezügeltheit des Jungen, seinen vor Kunstblut tropfenden Finger beklagend.

    Karamasow in den Sophiensaelen Berlin - Foto (C) Arwed Messmer
    Karamasow in den Sophiensaelen Berlin – Foto (C) Arwed Messmer

    Kinder und Tiere spielen hier die Hauptrolle. Kein Mord, keine brutale Gewalt, und doch ist sie immanent in der Vorstufe dessen, was schon die eigentlich vor Gott als unschuldig geltenden Kinder sich und den anderen Geschöpfen Gottes antun. Es ist nicht die bloße Feststellung, dass sie es tun, sondern auch die Frage nach dem Warum und wodurch sie so früh schon verrohen. Und das wird zur allgemeinen Frage Dostojewkijs nach dem Glauben und der Liebe Gottes – einer Liebe, die sich nicht am Wunderglauben festmachen lässt, sondern vor allem an der Nächstenliebe, deren Schwierigkeit Mme. Chochlakowa, die Mutter der an den Rollstuhl gefesselten Lisa, so eindrücklich beschreibt. Ernst Stötzner im Rock vollführt hier den Spagat von der Travestie zur Charakterstudie und verwickelt den als heilig geltenden Starez Sossima in einen Disput um Theodizee, Wahrhaftigkeit und Glücksanspruch.

    Denn, wo isses, das Glück, bei all dem Leiden? Wer kann es sagen? Und wer bringt uns sofortige Anerkennung und Dankbarkeit entgegen? Der Priester kann nicht vom Beweis, nur von der Überzeugung sprechen, Gutes zu tun. André Jung bekommt nun seinen Auftritt als Prediger der tätigen Liebe am Menschen und dem Leben. Eine Glocke schlägt im Viertelstundentakt dazu. Der Tod straft ihn Lügen. Ein Heiliger, der so stinkt, kann keine Wunder vollbringen. Thorsten Lensings will solches auch nicht behaupten. Seine Inszenierung hebt nicht allein auf die ganz großen Menschheitsthemen ab. Sie stellt ganz hiesige Fragen vom Zweifeln und Verzweifeln am Leben. Die Figuren drücken es in allem aus, Verlangen, Verwunderung, Schmerz, Wut und immer wieder diese Zweifel. Gewissheit und Vergebung gibt es nicht.

    Kolja Krassotkin, ein junger, wilder 13jähriger, lässt das nicht gelten. Der ehrgeizige Junge, hier dargestellt von Sebastian Blomberg zwischen vorwitziger Überheblichkeit und trotziger Rebellion, lehnt alle Gefühlsduselei ab. Er dressiert seinen Hund Pereswon (wieder André Jung) und lässt ihn vor dem totkranken Iljuscha perfide Kunststückchen aufführen. Den Tod hält das nicht ab. Er ist nicht domestizierbar. Zwischen Resten von Stolz, Demut und Demütigung der Vater Iljuschas, der alte Snegirjow. Rick van Uffelen spielt ihn hemdsärmelig gegenüber dem zugeknöpften Idealisten Aljoscha, dessen Bruder Dmitrij den Stabskapitän a.D. einst im Suff erniedrigte. Er ist für den Alten nur ein weiterer Karamasow.

    Sebastian Blomberg (als Kolja) und André Jung (als Hund) in Karamasow in den Sophiensaelen Berlin - Foto (C) Arwed Messmer
    Sebastian Blomberg (als Kolja) und André Jung (als Hund) in den Sophiensaelen Berlin – Foto (C) Arwed Messmer

    Obwohl das Bruderschicksal hier nur in Gesprächen präsent ist, bestimmt es doch Aljoschas ganzes Wesen. Einmal spricht es sogar aus ihm mit den Worten Iwans über das Böse in den gottlosen Menschen. In Gestalt der zwischen Liebe und Todessehnsucht zerrissenen Lisa tritt ihm der Zweifel an der Schöpfung wieder entgegen und lässt ihn zurückschrecken. Das Spiel des Paars ist extrem aufgeladen und impulsiv, wie fast alles hier. Man handelt meist wie im Affekt. Ein Stichwort aus den Akten des Mordfalls wird symptomatisch für die ganze Inszenierung. Mit einfachen Mitteln wie ein paar Stühlen, Tischen und Reisigknüppeln entstehen eindrückliche Bilder. Eine Schaumkanone macht künstlichen Schnee, aber nichts wirkt hier gekünstelt, alles ist reine Schauspielkunst. Sie will verführen und hineinführen in die Charaktere, und wahrt doch mit Witz und Slapstick die nötige Distanz ohne die übliche Flucht in die totale Ironie.

    Da erinnert die pathetische Schlussszene des Romans, in der Aljoscha beim Begräbnis Iljuschas seine idealistische Rede am Stein hält, doch auch eher an ein komisches Stückende von Tschechow, bei dem sich alle in ein neues Leben verabschieden, das ganz bestimmt kommen wird, vielleicht schon morgen. Natürlich hat der Abend auch seine kleinen Schwächen und Längen. Aber man sieht ihm das gerne nach, so unverstellt und durchweg glaubhaft er an seiner Richtung festhält. Und so ist man fast versucht am Ende in Koljas Ruf mit einzustimmen. „Ein Hurra für Karamasow!“ und natürlich das ganze Team um Regisseur Thorsten Lensing.

    Im Juni 2015 wird sich Frank Castorf sicher wieder mit drei Karamasows dem großen Stoff von Fjodor Dostojewskij bei den Wiener Festwochen widmen. Das Ergebnis können sich die Berliner dann im November 2015 an der heimischen Volksbühne ansehen.

    ***

    Karamasow

    Nach dem Roman Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewskij

    REGIE Thorsten Lensing BÜHNE Johannes Schütz KOSTÜME Anette Guther TEXTFASSUNG Thorsten Lensing unter Mitarbeit von Dirk Pilz PRODUKTIONSLEITUNG Eva-Karen Tittmann TECHNISCHE LEITUNG Eugen Böhmer TECHNISCHE MITARBEIT Dirk Lutz REGIEASSISTENZ Benjamin Eggers, Lucie Grünbeck KOSTÜMASSISTENZ Nele Ellegiers, Irina Balzer (Gastspiele) BÜHNENASSISTENZ, REQUISITE Sugiura Mitsuru

    MIT Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Horst Mendroch, Ernst Stötzner, Rik van Uffelen, Devid Striesow

    Eine Produktion von Thorsten Lensing in Koproduktion mit SOPHIENSÆLE Berlin, Kampnagel Hamburg, Theater im Pumpenhaus Münster, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Schauspiel Stuttgart, HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste Dresden und TAK Theater Liechtenstein. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds Berlin und der Stadt Münster. Medienpartner: Kulturradio vom rbb

    Dauer: ca. 4 Stunden, eine Pause

    Premiere in den sophiensaelen: 04. Dezember 2014

    Weitere Termine: 06., 07., 13., 14. und 15. Dezember 2014

    Infos: http://www.sophiensaele.com/produktionen.php?IDstueck=1256

    In Teilen zuerst erschienen am 06.12.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Kaptn Oskar – Ein berührender Berlin-Liebesfilm von Tom Lass

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    © Lass Bros, Joroni Film
    © Lass Bros, Joroni Film

    Die Liebe als stärkste zwischenmenschliche Emotion steht ganz im Zentrum des nach Papa Gold zweiten Spielfilms Kaptn Oskar von Regisseur, Schauspieler und Produzent Tom Lass. Ein vollkommen unabhängig produziertes Filmprojekt mit improvisierten Dialogen, das bereits 2013 auf dem achtung berlin Filmfestival Berlin-Premiere hatte und nun endlich in die Kinos kommt. Den Film zeichnet eine große Liebe zu seinen nicht ganz einfachen Protagonisten aus und zur Stadt Berlin als spannungsgeladenem Filmset.

    Die sehr nahe und direkte Kamera von Jonas Schmager beobachtet die junge, ziellose Masha (Amelie Kiefer) und Oskar, einen der typischen Berliner Lebenskünstler (der Regisseur selbst) auf ihren Wegen durch Friedrichshain-Kreuzberg und kurzen Ausflügen ins brandenburgische Umland. Es ist der Versuch einer ungewöhnlichen Beziehung rein auf Kuschel-Basis ganz ohne Sex und dem daraus resultierenden Beziehungsstress, der sich bei solch selbstlos, -genügsamen Anwandlungen zwangsläufig einstellen muss. Und da muss Mann dann auch schon mal selbst Hand anlegen.

    Oskar versucht schon länger von seiner dominanten Exfreundin Alex (Martina Schöne-Radunski) loszukommen, die sich beider Verhältnis wie das von Courtney Love zu Kurt Cobain vorstellt und Oskar kurzer Hand aus Eifersucht die Wohnung abfackelt. Auf seiner Flucht vor einem fremdgesteuerten Leben trifft er auf Masha, die, selbst problembeladen, wie auf der Suche nach einer Art Vaterfigur ständig mit viel älteren Männern (in Nebenrollen die Bühnenschauspieler Christian Kuchenbuch und Gunnar Teuber) schläft. Weswegen Oskar dann nach einem exzessiven Alkoholabsturz zunächst auch wieder in Alex‘ Bett strandet. Hier hat der titelgebende Kaptn zeitweise die Brücke nicht mehr ganz unter Kontrolle.

    Kaptn Oskar mit Tom Lass und Amelie Kiefer - Foto © Lass Bros, Joroni Film
    Kaptn Oskar mit Tom Lass und Amelie Kiefer
    Foto © Lass Bros, Joroni Film

    Was Masha und Oskar immer wieder zueinander treibt, ist eine ungestillte Sehnsucht nach Liebe und körperlicher Nähe. Allein diese Sehnsucht scheint letztendlich nicht auszureichen, eine neue Art von Beziehung aufzubauen. Zwischen zärtlichen Annäherungsversuchen und fast autistischer Abstoßung bewegen sich die beiden verletzten Beziehungsverstörten durch ein regelrechtes Gefühlschaos, dem sie doch eigentlich zu entkommen suchen. „Du tust mir nicht gut“, ist Oskars Reaktion auf Mashas Klammerversuche. Beide vermögen einfach nicht aus ihren eingeübten Verhaltensmustern auszubrechen. Trotz relativ offenem Ende ein wunderschöner und emotional berührender Film aus dem Hause Lass Bros, das uns bereits mit Love Steaks von Bruder Jakob Lass sehr viel Freude bereitet hat.

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    Kaptn Oskar (D, 2012)
    Regie: Tom Lass
    Drehbuch: Mechthild Barth, Tom Lass
    Produktion: Jonas Knudsen, Roman Avianus, Tom Lass
    Kamera: Jonas Schmager
    Montage: Tom Lass
    Musik: Justine Electra
    Darsteller: Masha Amelie Kiefer, Oskar Tom Lass, Alex Martina Schöne-Radunski, Philipp Christian, Lars Gunnar Teuber, Jan Thomas Schmuckert
    Laufzeit: 78 Minuten
    Kinostart: 11.12.2014
    Infos: http://kaptn-oskar.de/index.html

    Zuerst erschienen am 12.12.2014 auf Kultura-Extra.

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