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  • CLAUS PEYMANN KANN INTERNET – SOLIAKTION ZUM 1. MAI

     

    Berliner Ensemble_Zeichen

    SOLIAKTION zum Revolutionären 1.Mai von Claus Peymann für die Volksbühne am Rosa-Luxemburgplatz.

    volksbüne for everFotos: St. B.

    Gesponsert bei  renner

    RENNER RÄUMT DEN LADEN AUF!

    Den Renner in seinem Lauf,
    halten weder Cast noch Peysel auf.
    Ein Flimmibuster vom ollen Opernkahn
    Ihnen flux zu Hilfe kam.
    Die Alphamännchen von der Intendanz,
    Verdrängt der ConBabar mit Tanz.
    Wer will denn heut noch Repertoir?
    Das sagt euch Timi Superstar.

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  • Zwischen kaltem Großstadt-Kiez und Sommer auf dem Land – Fazit und Preisträger des 11. Achtung Berlin Filmfestivals 2015

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    AB-LogoDie 11. Ausgabe des Achtung Berlin Filmfestivals 2015 ist Geschichte. Am 21. April vergaben die Jurys im Kino Babylon-Mitte ihre Preise. Und die diesmal mit der Produzentin Nicole Gerhards, der Casterin Suse Marquardt und der Schauspielerin Katharina Marie Schubert (DT) rein weiblich besetzte Wettbewerbsjury verteilte ihre Preise nach dem bewehrten Gießkannenprinzip.

    Die Damen entschieden sich beim Preis für den Besten Spielfilm für das sommerliche Feel-Good-Movie Im Sommer wohnt er unten. Regisseur Tom Sommerlatte erhielt dafür  bereits im Februar auf der BERLINALE einen kleinen Preis. Sein Debutspielfilm, der die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnete, erhielt von der Jury des Dialogue en perspective eine lobende Erwähnung. Familientraditionen und hohe Erwartungshaltungen überschatten darin das Verhältnis zweier recht ungleicher Brüder. Angesiedelt im recht idyllischen Sommerdomizil einer deutschen Bankiersfamilie in Frankreich, entlädt sich diese spannungsgeladene Konfliktsituation in einem schönes Spiel um Balzgehabe, Rivalitäten und Eifersüchteleien rund um den zentralen Austragungsort Haus und Pool. Die Komödie hat durchaus das Potential zum Publikumsrenner – was wie immer bei Achtung Berlin auch sehr wichtig ist – und zeigt nebenbei auf witzige Art, das Geld eben nicht alles ist. Schauspieler Godehard Giese konnte in seiner Rolle als Ekelpaket David auch noch den neu geschaffenen Darstellerpreis absahnen. Als weibliches Gegenstück, allerdings in der Darstellung nicht ganz so fies und ihrer Widerspenstigkeit auch wieder ungemein sympathisch, bekam die junge Lilli Meinhard für ihre Sarah in dem großartigen Improfilm Liebe mich! den Preis für die beste Schauspielerin.

    Lilli-Meinhard-und-Godehard-Giese_Darstellerpreise_St. Bock
    Lilli Meinhard und Godehard Giese – Foto: St. B.

    Im Folgenden nun eine Auswahl aus dem Wettbewerb der Sektion Langspielfilm, bei dem sich wieder fast alle der thematisch recht vielgestaltigen Beiträge in zwei Kategorien einteilen ließen. Entweder haben die Filme einen direkten Bezug zur Metropole Berlin, oder sie zeigen die dort lebenden Großstädter außerhalb ihres gewohnten Umfelds auf dem Land.

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    Christian Moris Müller fügt dem obig Gesagten noch eine weitere Möglichkeit hinzu. In seinem Spielfilm Lichtgestalten, der das Festival eröffnete, sperrt der Regisseur den Moloch Berlin konsequent aus dem Setting aus. Den etwas kryptischen Namen „Lichtgestalten“ geben sich das Paar Katharina und Steffen (Theresa Scholze und Max Riemelt), als sie von heute auf morgen beschließen, alle Spuren ihres bisherigen Daseins auszulöschen, um irgendwo anders noch mal neu zu starten. Die beiden Thirtysomethings mit Berufen im Kreativbereich fühlen sich nicht nur ausgebrannt, sie wollen der Eintönigkeit und Vorhersehbarkeit in ihrem Leben und Job entkommen, und deshalb noch mal ganz zurück auf Anfang. Dazu ist es allerdings erforderlich ihren Besitzstand komplett aufzulösen. Die materiellen Dinge, die sie umgeben, und mit denen sie wie verwoben scheinen – die roten Vorhänge im Film sind dafür ein schönes Bild – engen sie ein. Radikale Freiheit verlangt loslassen zu können.

    LICHTGESTALTEN© Christian Moris Müller Filmproduktion
    Lichtgestalten © Christian Moris Müller Filmproduktion

    Ihren Ausbruchsversuch halten Katharina und Steffen mit der Videokamera fest. Ein Tagebuch für die Zurückgebliebenen wie das befreundete Pärchen Robert und Paul (Sebastian Schwarz und Max Woelky) – zur Nachahmung gedacht. Demonstrativ zerlegen die Beiden nun das Mobiliar und die Einrichtungsgegenstände ihrer teuren Loft-Wohnung auf der Kreissäge. Steffen verzichet auf den beruflichen Aufstieg, hebt alles Geld von der Bank ab und verteilt es in Plastiktüten in der Stadt. Doch irgendwann verlangt die anfängliche Radikalität ihren Tribut. Letztendlich entsteht bei der Löschung der eigenen Identität auch eine innere Leere, die das Paar mit nichts Neuem anfüllen kann. Die gemeinsame Liebe scheint nicht zu reichen, um den bedingungslosen Neuanfang zu wagen. Der neue Lebensentwurf nimmt außer in den Köpfen der Beiden kaum Gestalt an. Vor allem Steffen scheint noch zu sehr verhangen in den alten Gewohnheiten.

    Lichtgestalten im International_Hauptdarsteller Theresa Scholze und Max Riemelt - Foto: St. B.
    Lichtgestalten im International. Hauptdarsteller Theresa Scholze und Max Riemelt – Foto: St. B.

    Theresa Scholze und Max Riemelt gelingt es dabei über weite Strecken des Films, die innere Not ihrer Figuren anschaulich zu machen. Allerdings verschenkt in diesem interessanten Gedankenexperiment Regisseur Christian Moris Müller seine Idee immer wieder an filmische Spielereien wie Slowmotion-Einstellungen, Unschärfen, Nahaufnahmen. Überhaupt verliert sich die Kameraführung von Mario Krause, die in den privaten Videoaufnahmen noch sehr rau und direkt ist, in den mit Musik unterlegten Passagen vollends im Künstlichen. Sicher ist der Film dadurch vor allem auch etwas für cineastische Ästheten. Den gedanklich philosophischen Aspekt vermag Müller in den eingestreuten Traumsequenzen, inneren Monolog und Reflektionen seiner Protagonisten kaum näher auszuloten. Der Plot dieses Vier-Wände-Kammerspiels bleibt da leider viel zu vage. Aus einer besenrein leeren Wohnung öffnet sich am Ende der Blick durchs Fenster auf die Stadt Berlin.

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    LICHTGESTALTEN
    D 2015 | 81 Min
    Regie, Buch: Christian Moris Müller
    Kamera: Mario Krause
    Mit: Theresa Scholze, Max Riemelt, Sebastian Schwarz, Max Woelky

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    Liebe mich! (c) Von Oma Gefördert„Sarah ist laut, unangepasst, taktlos, ehrlich und provokant. Sie wirkt unverwundbar, doch der Schein trügt. Sarah ist einsam.“ So Regisseur Philipp Eichholtz über die Protagonistin seines ersten langen Spielfilms Liebe mich! Eine Aufforderung, der man zumindest bei der Schauspielerin Lilli Meinhard kaum widerstehen kann. Ihre Sarah allerdings macht es einem in dieser Hinsicht nicht gerade einfach. Sie kann im wahrsten Sinne des Wortes eine rechte Nervensäge sein. Freund Markus (Davide Brizzi) bezeichnet es dann am Morgen nach einer anstrengenden Liebesnacht, an dem ihm Sahra nebst Frühstück am Bett auch noch eine handfeste Debatte serviert, in etwa so: „Du saugst mich aus.“ Er braucht eine Pause und Zeit für sich, was die impulsive Emotionsgranate Sarah reflexartig mit ihrem MacBook als Frisbeescheibe kontert. Ihr angeknackstes Gefühlsleben und die traurigen Reste des Laptops, die sie von der Straße klaubt, soll nun Computernerd Oliver (Christian Ehrich) wieder kitten.

    Der Mann hat die Ruhe weg, und zunächst auch ein offenes Ohr und Herz für die Nöte der angehenden Webdesignerin im Abgabestress. Sahra vermietet kurzerhand ihre Wohnung an koreanische Künstler, um das nötige Kleingeld für die Reparatur der gecrashte Festplatte aufzutreiben und zieht spontan wieder bei ihrem „allerbesten“ Papa Dieter (Achtung-Berlin-Urgestein Peter Trabner) ein. Das der mit seiner schwangeren Freundin Natascha (Eva Bay) gerade auf heile Familie machen will, ist der unkonventionellen Tochter dabei ziemlich schnurz. Doch unter der taffen Schale hat Sarah eine ziemlich verletzliche Seele. Hallo Tiefseetaucher, ist ihr stiller Hilferuf, den aber bei dem ganzen Chaos, das die junge Frau veranstaltet, kaum jemand hören kann.

    „Von Oma gefördert“, wie es heißt, und gedreht nach den Kriterien des „Sehr gute Filme“-Manifests von Axel Ranisch (der in einer schönen Nebenrolle als Verteiler von Flyern für Singlepartys im Biene-Willi-Outfit auftritt), ist Liebe mich! einer dieser kleinen, feinen mit nur sechsseitigem Skript auskommenden Lowbudget-Improfilme, für die man das Achtung Berlin Filmfestival liebt. Und mit Lilli Meinhard hat es bereits eine heiße Anwärterin für den neu geschaffenen Darstellerinnenpreis.

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    Liebe mich!
    Buch und Regie: Philipp Eichholtz
    Kamera: Fee Scherer
    Mit: Lilli Meinhardt, Christian Ehrich, Peter Trabner, Eva Bay, Axel Ranisch, Davide Brizzi, Maggy Domschke u.a.

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    Nicht in Berlin sondern in Frankfurt/M ist der Wettbewerbsbeitrag von Regisseurin Maria Hengge angesiedelt. Dabei könnte der Plot von Sin & Illy Still Alive auch gut an der Spree spielen. Allerdings streifen die Protagonisten des Films nicht etwa durch das feine Bankenviertel der Mainmetropole, sondern durch das Sex- und Drogenmilieu rund um den Frankfurter Hauptbahnhof. Die drogenabhängige Sin (Ceci Chuh) versucht zum wiederholten Mal den Heroinentzug und will deshalb der kalten, grauen Stadt auf eine griechische Insel entfliehen. Das Geld für den Flug treibt die junge Frau durch den Verkauf von Blankorezepten auf, die sie in der Arztpraxis ihres Vaters gestohlen hat.

    Sin & Illy © Abadon Production
    Sin & Illy – Foto © Abadon Production

    Sin trennt sich von ihrem Freund Leon (Ulrich Fastnacht) und holt die bei ihrem Zuhälter Mesuth (Burak Yigit) rausgeflogene Illy (Cosima Ciupek) vom Straßenstrich. Die Freundinnen kommen allerdings nicht allzu weit. Auf der Suche nach Illys Reisepass stranden die Beiden schon auf einem Dauercampingplatz in der Nähe des Frankfurter Flughafens. Im Wohnwagen von Illys alkoholkranker Mutter (Pascale Schiller) offenbart sich all das Elend aus Sucht und Hoffnungslosigkeit.

    Maria Hengge zeigt einen realistischen, schonungslosen Blick auf den endlosen Kreislaufs aus Drogen, Alkohol und Beschaffungskriminalität, dem sich Sin mit letzter Kraft entziehen will, was sie allerdings nur schaffen kann, wenn sie konsequent alle Brücken hinter sich abbricht. Die Reise zum Sehnsuchtsort Griechenland endet für die körperlich vollkommen ausgelaugte Sin erst einmal nur wieder in der Entzugsklinik. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung der 24jährigen Ceci Chuh, die gerade erst als Hanna in Moritz Krämers Bube Stur auf der BERLINALE zu sehen war. Die bekannte Berliner Theaterschauspielerin Angela Winkler spielt in einer Nebenrolle als Sins Ärztin.

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    SIN & ILLY STILL ALIVE
    D, AT 2014 | 70 min
    Regie, Buch: Maria Hengge
    Kamera: Peter Roehsler
    Mit: Ceci Chuh, Cosima Ciupek, Ulrich Fastnacht, Angela Winkler, Pascale Schiller, Burak Yigit

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    Ins Brandenburgische führt der Spielfilm Nachthelle von Florian Gottschick. Anna (Anna Grisebach) und ihr jüngerer Freund Stefan (Vladimir Burlakov) fahren zum letzten Mal in Annas Heimatdorf in der Lausitz, das kurz vorm Abbaggern für die Braunkohle steht. Dort treffen sie auf Bernd (Benno Fürmann) und seinen Lebensgefährten Marc (Kai Ivo Baulitz). Anna und Bernd kennen sich seit der Schule und hatten auch eine 4 Jahre dauernde Beziehung, was erst nach und nach herauskommt. Und auch ein weiteres, düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit um den Suizid eines Mitschülers holt die Protagonisten ein. Der Psychologe Marc holt mit seinen provokanten Fragen das im Unterbewusstsein von Anne verschütte Trauma langsam wieder an die Oberfläche. Dazu kommen allgemeine Eifersüchteleien und Diskussionen Sex, Treue und freie Liebe. Eine schonungslose Trauma-Bewältigung bei viel Rotwein und Liedern aus der Jugend. Das gottverlassene Dorf dient dabei als leere Projektionsfläche für die verlorenen Erinnerungen. Titelgebend schwebt das von Franz Schubert vertont Gedicht „Nachthelle“ des österreichischen Dichters Johann Gabriel Seidl wie eine düster romantische Metapher über dem Ganzen.

    Nachthelle - Foto 8c) achtung berlin
    Nachthelle – Foto (c) achtung berlin

    Regisseur Florian Gottschick hat nach eigener Aussage eine psychotherapeutische Hypnosesitzung bebildern wollen, was ihm im ersten Teil des Films durch die Gespräche der Protagonisten, die vielen Erinnerungsstücke im Haus und Annas geheimnisvolle Träume auch ganz gut gelingt. Allerdings läuft das Experiment irgendwann etwas aus dem Ruder. Nach Siegmund Freuds Theorie trennt sich bei einem Autounfall Annas Ichs vom Trauma-Ich und geistert aus einer anderen Perspektive rückwärts durch den schon bekannten Plot. Das nimmt Anklänge beim Mystery-Genre, wirkt aber auch etwas bemüht. Das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten nach Freud wird für Annas Doppel-Ich zu einer albtraumhaften aber heilsamen Reise durch die Vergangenheit. In schönen kleinen Nebenrollen sind hier noch Michael Gwisdek und Gudrun Ritter als letzte geheimnisvolle Bewohnerin des bereits wie leergefegten Dorfes zu sehen.

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    NACHTHELLE
    D 2014 | 83 min
    Regie: Florian Gottschick
    Buch: Carsten Happe, Florian Gottschick
    Kamera: Jakob Seemann
    mit: Anna Grisebach, Benno Fürmann, Ivo Baulitz, Vladimir Burlakov, Gudrun Ritter,  Michael Gwisdek

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    Politisch sehr engagiert, aber keinesfalls korrekt geht es im Film Nachspielzeit von Andreas Pieper zu. Der alte Sponti-Spruch „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“, längst auch am rechten Rand zu Hause, und das ebenso allseits beliebte Mannschaftsspiel Fußball bilden hierfür die Klammer. Dazwischen fächert der Regisseur aber noch eine ganze Menge weiterer Themen und Fragen auf, die den jungen, politisch interessierten Berliner Deutsch-Türken Cem (Mehmet Atesci vom Ensemble des Maxim Gorki Theaters) bewegen. In seinem Neuköllner Kiez bekommt er es mit hohen Mieten, der um sich greifenden Gentrifizierung, Ausländerhass, Arbeitslosigkeit und Gewalt zu tun. Wobei die Gewalt- bzw. die Gewaltenfrage wohl am immanentesten ist, dass Cem ihr auf Dauer auch nicht ausweichen kann.

    Nachspielzeit - Foto © Lichtblick Media GmbH
    NachspielzeitFoto © Lichtblick Media GmbH

    Und das beginnt schon auf dem Fußballplatz. Wem also gehört die Stadt? Man wähnt sich dabei fast schon bei lautstark martialisch geführten Revierkämpfen, wenn Cems bunt gemischte Truppe aus dem Süden-Westen gegen die eher deutschstämmige Mannschaft aus dem Nord-Osten Berlins zum normalen Ligaspiel auflaufen. Cem gerät hier mit Roman (Frederick Lau) aus der gegnerischen Mannschaft nicht nur verbal aneinander. Aus dieser Fußballplatzrangelei entwickelt sich schließlich eine handfeste Rivalität, die auch nicht vor Romans Auto Halt macht. Im Gegenzug vergreift sich Roman an Cems Freundin und Kollegin Astrid (Friederike Becht) aus dem Altenheim, in dem Cem ein freiwilliges Jahr absolviert.

    Um die beiden Kontrahenten gegeneinander auszuspielen, nutzt der zwielichtige Calli (Aleksandar Teslar), Chef eines Sicherheitsdienstes, der u.a. auch kalte Entmietung für Immobilienbesitzer betreibt, das stetige Aufschaukeln der Gewalt. Da dem arbeitslosen Roman von der Arbeitsagentur die Stütze gekürzt wird, kann er seine Miete nicht mehr zahlen und auch Cem hat Calli schon länger wegen seines heimlichen, nicht vollkommen spaßbetont gewaltfreien Engagements für eine sich im Internet formierende Armada gegen Miethaie auf dem Kieker. Nebenbei interessiert sich Calli noch für das schlechtgehende Lokal von Cems Vater (Vedat Erincin) und drängt sich in das Privatleben der Familie.

    Mehmet Atesci und Regisseur Andreas Pieper von Nachspielzeit_Beste Produktion_St. Bock
    Nachspielzeit. Hauptdarsteller Mehmet Atesci und Regisseur Andreas Pieper – Foto: St. B.

    Beide Jungen, die sich aus unterschiedlichen Motiven und Überzeugungen für ihren heimischen Kiez zur Wehr setzen, geraten so immer mehr unter Druck und ins Abseits. Auf der einen Seite steht das durch klare Regeln definierte Fußballspiel, auf der anderen Gewalt und Anarchie zur Konfliktlösung. „Wer im Kapitalismus nicht kämpft, hat schon verloren“ heißt da das Postulat des alten widerständigen Ost-Sportjournalisten Liebach (Horst Westphal), den Cem im Altenheim betreut. Ein weiterer Knackpunkt ist Romans familiäre Verbindung zum alten Liebach. Das Leben als Kampf. Cem steht schließlich irgendwann zwischen allen Fronten und muss sich entscheiden. Alt-Linke Ansätze (Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst) stoßen hier auf Resignation und Ohnmacht gegenüber einem mit unfairen Mitteln agierenden, kaum greifbaren System. Regisseur Andreas Pieper webt einen relativ dichten, spannungsgeladenen Plot, der vieles anschneidet aber auch zur Diskussion offen lässt. Dafür gab es von der Spielfilmjury zu Recht den Preis für die beste Produktion.

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    NACHSPIELZEIT
    D 2014 | 84 Min
    Regie, Buch: Andreas Pieper
    Kamera: Armin Dierolf
    Mit: Mehmet Atesci, Frederick Lau, Friederike Becht, Uwe Preuss, Aleksandar Teslar, Horst Westphal, Jacob Matschenz

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    Etwas ratlos lässt einen der Spielfilm Limbo von Anna Sofie Hartmann zurück. Der Erstling der jungen dänischen Regieabsolventin wurde von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) mit produziert und lief bereits 2014 auf dem 62. Festival de San Sebastián und den 48. Hofer Filmtagen. Die recht sparsame Handlung führt in die dänische Kleinstadt Nakskov am Meer, in der in einer großen Raffinerie aus Rüben Zucker hergestellt wird. Die Kamera zeigt immer wieder in langen Fahrten das Fabrikgelände, oder die Erntemaschinen auf dem Feld. Ein eher herbstlich trostloses Bild.

    Limbo_© Gourmet Film
    LimboFoto © Gourmet Film

    Hier geht das Mädchen Sara (Annika Nuka Matthiassen) aufs Gymnasium. Sie wohnt gemeinsam mit ihren Mitschüler*innen im Wohnheim. Ihre neue recht progressive Lehrerin Karen (Sofia Nolsø) behandelt in der Schule Genderfragen und diskutiert dabei auch über männliche und weibliche Geschlechterzuschreibungen im Alltag und in der Kunst. In einem Theaterkurs probt sie mit der Klasse Antigone oder Nora ein Puppenheim. Die etwas schüchterne Sara verliebt sich dabei in ihre Lehrerin. Nachdem sich beide beim Renovieren von Karens Wohnung etwas näher kennengelernt haben, gesteht Sara ihr offen ihre Liebe. Als sie von der ungläubigen Karen abgelehnt wird, zieht sich das Mädchen wohl aus Enttäuschung darüber wieder zurück. Viel mehr erfährt man nicht.

    Anna Sofie Hartmann, Regisseurin von Limbo Foto: St. B.
    Anna Sofie Hartmann, Regisseurin von Limbo
    Foto: St. B.

    Außer in den Schulstunden oder bei Kneipenbesuchen der Teenager wird in Anna Sofie Hartmanns Film eher wenig geredet. Persönliche Gespräche sind selten und oberflächlich, was eigentlich im krassen Gegensatz zum direkten Unterrichtsstil der Lehrerin steht. Es herrscht ein kühler, distanzierter Blick von außen auf die Figuren. Atmosphärisch assoziativ wirken dagegen die langen Kamerafahrten in der Natur oder die in einer Einstellung gedrehten Beobachtungen beim Sport. Ein Autounfall lässt die Situation schließlich völlig erstarren. Karen geht nach einigen Szenen des stummen Nachdenkens, schnell wieder zum Alltag über. Der mit fast ausschließlich Laien gedrehte Film wirkt wie eine kommentarlose Dokumentation über das Erwachsenwerden in der Provinz. Inspiration für den düsteren Titel Limbo (auch Limbus oder dt. Vorhölle) könnte das dänische Computergame gleichen Namens sein. Ein Suchspiel, bei dem Vorgeschichte, Handlung und Ausgang relativ ungewiss sind.

    Tatsächlich eher ein Film für eingefleischte Cine-Cracks. Limbo erhielt den Preis des Verbandes der Deutschen Filmkritik. Aber auch die Spielfilmjury konnte sich für Anne Sofie Hartmann erwärmen und vergab an die Regisseurin eine lobende Erwähnung.

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    LIMBO
    D, DK 2014 | 80 Min | OmdU
    Regie, Buch: Anna Sofie Hartmann
    Kamera: Matilda Mester
    Mit: Annika Nuka Matthiassen, Sofia Nolsø, Laura Gustavsen, Sarai Randzorff

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    Die internationalen Berlin-Globetrotter kamen dann fast zum Schluss noch auf ihre Kosten. Mit Lost in the Living vom irischen Regisseur Robert Manson stand wieder mal ein rein in englischer Sprache gedrehter Berlinfilm im Achtung-Berlin-Programm. Und das sogar noch als einzige richtige Weltpremiere des Wettbewerbs. Es ist eine filmische Hommage an die Szenestadt Berlin, die jeden Tag tausende jugendlicher Traveller aus aller Welt anzieht, nachts in ihre heißen Clubs aufsaugt und am nächsten Morgen kalt wieder ausspuckt. Und so kommt der junge Dubliner Musiker Oisín (Tadgh Murphy) trotz sommerlichen Temperaturen auch im wärmenden Parka nach Berlin, um mit seiner Band hier ein paar Gigs zu spielen. Da das irgendwie schief läuft, findet sich Oisín plötzlich allein in der nächtlichen Berliner Clubszene wieder und wird schließlich von Sabine (Almanya – Willkommen in Deutschland-Star Aylin Tezel) aufgegabelt und abgeschleppt.

    Lost in the Living © Ballyrogan Films
    Lost in the LivingFoto © Ballyrogan Films

    Mit sich rum schleppt der herrlich stoffelige Oisín allerdings auch einiges an familiären Ballast, den er bei ein paar durchzechten Partynächten eigentlich abstreifen wollte. Mit Sabine scheint ihm das zunächst auch ganz gut zu gelingen. Die beiden finden schließlich aneinander Gefallen und verabreden sich immer wieder lose in den Parks oder Cafés der Stadt, ziehen durch Clubs und Wohnungen, und es dauert auch ein wenig, bis es dann endlich richtig funkt. Sogar einen kleinen Trip zu Sabines Mutter (Adelheid Kleineidam) ins Berliner Umland machen die beiden, bis Sabine sich unter Tränen wieder von Oisín trennt. Selbst dabei schaut man dem flüchtigen Paar noch gerne zu, bevor der enttäuschte Oisín zur finalen nächtlichen Sauftour mit Liquid-Ecstasy-Absturz im Golden Gate aufbricht. Robert Manson gelingt eine ganz eigene Sicht auf die Szenestadt Berlin auch fernab ihrer coolen Party-Locations, sowie ein schönes Portrait eines jungen Paars mit dem vielleicht sympathischsten Silberblick der Filmgeschichte. Dafür vergab die Wettbewerbsjury dann auch den Preis für die beste Regie.

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    LOST IN THE LIVING
    IRL 2015 | 77 min
    Regie, Buch: Robert Manson
    Kamera: Narayan Van Maele
    Mit: Aylin Tezel, Tadgh Murphy, Ian Mc Farlane, Roy Duffy, Ruan van Vliet, Stefan Richter, Jamila Saab, Adelheid Kleineidam

    Tom Sommerlatte und Team Im Sommer... mit der Jury_St. Bock
    Siegerbild mit Jury. Tom Sommerlatte und das Team von
    Im Sommer wohnt er untenFoto: St. B.

    Alle weiteren Preisträger und Infos auf: http://achtungberlin.de/home/

    Die Filmkritiken sind zuerst erschienen am 20.04. und am 24.04.2015 auf Kultura Extra.

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  • Die Putzfrau als Soziale Plastik – Die Farce Stück Plastik in der Uraufführung von Autor Marius von Mayenburg im Rahmen des F.I.N.D. 2015

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    Nach Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler, der durch kreatives Handeln auf die Gesellschaft einwirkt. Beuys sprach von der Theorie der „Sozialen Plastik“. Im neuen Theaterstück von Schaubühnen-Hausautor Marius von Mayenburg soll der Zuschauer auch Teil einer komplexen Videoinstallation werden, sagt zumindest die Stimme des Schauspielers Sebastian Schwarz beim Einlass aus dem Off. Er spielt in Mayenburgs Stück Plastik, das der Autor nun selbst im Rahmen des F.I.N.D. # 15 zur Uraufführung brachte, den zynischen, nihilistischen Künstler mit sexistischen Allmachtphantasien Serge, der nach Depressionen – er spricht vom selbst herbeigeführten Burnout durch den künstlerischen Sieg des Körpers über die Psyche – in der Putzfrau Jessica seine Muse und Rettung findet. Jessica (Jenny König) arbeitet bei dem schwer berufstätigen Ehepaar Ulrike (Marie Burchard) und Michael (Robert Beyer), die fürs Putzen keine Zeit mehr finden. Die junge Jessica aus Halle ersetzt die gefeuerte Danuta aus Polen. Allerdings zielt Mayenburg nicht vordergründig auf den Ost-West-Konflikt, sondern auf die Borniertheit und vorurteilsbehaftete Wahrnehmung des bürgerlichen Mittelstands gegenüber Menschen in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen.

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    Auf der Bühne, die das Globe-Setting der Richard III.-Inszenierung von Thomas Ostermeier nutzt, hat Nina Wetzel eine an Seilen hängende, erhöhte Wohnküche gebaut, die man nach Bedarf heben und senken kann. An den Seiten sind Bildschirme montiert, auf denen besagte Videoinstallationen von Sébastien Dupouey in Dauerschleife laufen. Wände und Boden sind mit weißer Plastikplane ausgelegt und bilden so einen regelrecht aseptischen Raum, den Jessica mit Putzwagen und Feudel bearbeitet. Dazu singt Jenny König, die sonst eher sparsam mit Text bedacht ist, immer wieder Pop- und Rockhymnen wie „Rolling in the Deep“ von Adele, „Final Countdown“ von Europe oder „Sweet dreams“ von den Eurythmics in ihr Microport. Sie ist in ihrer Rolle als Jessica geradezu großartig. Mal gleichmütig, mal verständnisvoll und in jedem Fall immer souverän reagiert die „Putzperle“ auf die Zwangsneurosen ihrer bildungsbürgerlichen Arbeitgeber. Neben ihrem Putzjob fungiert Jessica nämlich noch als geduldiger Kummerkasten für die Ängste und Sex-Probleme der Familie.

    Und diese Familie zeichnet Marius von Mayenburg als einen einzigen Albtraum. Ulrike hat wegen Erfolglosigkeit ihre eigenen künstlerischen Ambitionen aufgegeben und dient nun Serge als inspirierende Assistentin. Ehemann Michael ist Chirurg und bemüht sich seit Jahren um ein Engagement bei Ärzte ohne Grenzen. Da in Sachen Sex nicht mehr viel passiert, versucht Michael, obwohl er gar nicht wirklich will, so die Achtung von Jessica zurückzuerobern, die ihm aber immer wieder nur vorwirft, sich aus der Verantwortung zu flüchten. Ihr verkorkstes Leben überträgt sich auch auf den 12jährigen Sohn Vincent (Laurenz Laufenberg), der in der Schule gemobbt wird und jede Menge Komplexe mit sich rumschleppt. Sein Lieblingsspielzeug ist die Handykamera, mit der er auch schon mal Jessica beim Duschen filmt. Als Erziehungsberechtigte haben die sich ständig zoffenden Eltern jedenfalls komplett versagt.

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    Stück Plastik an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

    Das Stück erinnert in seinen verrückten Dialogen an die überdrehten, schwarzhumorigen Gesellschafts-Farcen von Felicia Zeller (Gespräche mit Astronauten und X-Freunde) oder Oliver Bukowski (Ich habe Bryan Adams geschreddert). Mayenburg schließt hier aber auch wieder an seine früheren Stücke Feuergesicht und Das kalte Kind an. Allerdings fehlt Stück Plastik etwas von deren verstörender Wucht. Dafür brilliert der Autor mit einer äußerst komischen Dramaturgie des Missverstehens. Das treibt dann durch das komödiantische Talent der Schauspieler immer wieder herrlichste Blüten, wenn etwa Michael Jessica zu erklären versucht, dass Ulrike ihr Schweißgeruch stört, oder die Eltern ihren pubertierenden Sohn über seine erwachende Sexualität aufklären wollen. Die fehlende soziale Kompetenz der Beiden verstrickt sie jedenfalls immer wieder in herrliche Widersprüche zu dem, was sie sagen wollen und was letztendlich dabei wirklich rüber kommt.

    Die herablassenden Demütigungen, mit der sie Jessica behandeln, schlagen schließlich selbst auf das Paar zurück, als Serge die Küche der Familie für sein neues Kunstprojekt okkupiert. Im Putzen und Kochen hat er sein neues authentisches Thema gefunden. Die Putzfrau Jessica als Soziale Skulptur. Nach dem Motto ‚Wo ich bin, ist Kunst, und Kunst ist öffentlich‘ zerrt Serge das letzte bisschen Privatleben auf seine Bühne. Ein paar nette Seitenhiebe ans Theater gibt es da auch noch. Ab jetzt kippt Mayenburg die Farce ins vollkommen Absurde. Eine bitterböse Abrechnung mit der verlogenen kleinbürgerlichen Selbstherrlichkeit, bestehend aus Spießigkeit, gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen und Standesdünkeln. Ultimative Kunst, die sich selbst betrachtet und nebenbei den schönsten Suppenkasper-Slapstick hervorbringt, bis alles in sich zusammenbricht.

    Stück Plastik an der Schaubühne - Foto (c) Arno Declair
    Stück Plastik an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

    Es bieten sich aber noch jede Menge andere Analogien. Das ergibt sich teilweise erst aus dem Schluss, der in eine Art Umkehr der Putzfrauenfarce Die Präsidentinnen von Werner Schwab mündet. Die Mariedl hatte Mayenburg bereits in seiner philosophischen Satire Perplex drin. Damals zeigte er auch schon einen Hang zu Nietzsche. Passend dazu die Videobilder mit den Gemälden Der Wanderer über dem Nebelmeer, in der Schwarz wie ein Zarathustra vom Berge posiert und Eismeer von Caspar David Friedrich, ein romantisches Bild für das Scheitern der Gesellschaft. Ansonsten scheint Mayenburg viel Byung-Chul Han gelesen zu haben. Zumindest sind dessen Theorien von der Selbstoptimierung durch Dauerstress, Müdigkeit und den Versagensängsten und Depressionen im Stück erkennbar. Mit seiner Komödie in der Hochburg der bürgerlichen Wohnhölle am Kudamm stellt Mayenburg der kapitalistischen Gesellschaft ein ziemlich gepfeffertes Armutszeugnis aus. Nach dem Lachen muss allerdings noch der Rückschluss zu den Ursachen erfolgen.

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    Stück Plastik
    von Marius von Mayenburg
    Uraufführung am 25.04.2015 in der Schaubühne am Lehniner Platz
    Regie: Marius von Mayenburg
    Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
    Musik: Matthias Grübel
    Video: Sébastien Dupouey
    Dramaturgie: Maja Zade
    Licht: Erich Schneider
    Darsteller:
    Ulrike: Marie Burchard
    Michael: Robert Beyer
    Vincent: Laurenz Laufenberg
    Serge Haulupa: Sebastian Schwarz
    Jessica Schmitt: Jenny König

    Dauer: 2 h 15 Min. (ohne Pause)

    Termine:
    20.05.2015
    23.05.2015
    24.05.2015
    25.05.2015

    Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/stueck-plastik.html/ID_Vorstellung=1185

    Zuerst erschienen am 26.04.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Kein Sumpf zieht am Gebirge hin – Robert Wilson und Herbert Grönemeyer trimmen am Berliner Ensemble Goethes Faust I und II auf ein handliches Musical-Format

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    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    Wie das Spielen auf eine 1959er Fender-Gitarre empfindet Herbert Grönemeyer das Arbeiten am Berliner Ensemble. Das hat der 59jährige Musiker im Vorfeld der FAUST-Premiere einem Fernsehsender gestanden. Damals hätte der kleine Herbert das gute Stück noch nicht mal halten können. Heute komponiert und arrangiert der Bochumer ganze Orchesterparts und nach Georg Büchners Leonce und Lena schon zum zweiten Mal auch die Musik für eine Theaterinszenierung des texanischen Regisseurs Robert Wilson. Für den dürfte seine Inszenierung des zweiteiligen Goethe-Klassikers allerdings so etwas wie ein Alterswerk sein. Und damit steht er am Berliner Ensemble bei weiten nicht allein. Hier haben nach Bertolt Brecht so bedeutende Regisseure wie Fritz Marquard, Heiner Müller und Peter Zadek gearbeitet. Nach der Übernahme der Intendanz durch Claus Peymann 1999 kamen Regisseure wie Thomas Langhoff, Luc Bondy und Peter Stein dazu. Peymann bewies ein Händchen für Leute, die man anderswo nicht mehr wollte.

    Frank Castorf könnte der nächste sein, wenn dem BE-Intendanten nicht zur gleichen Zeit wie dem Volksbühnenchef der Stuhl vor die Tür gesetzt worden wäre. Castorf müsste 2017 bei dem aus Frankfurt nach Berlin wechselnden Oliver Reese anfragen, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Dass allerdings Claus Peymann noch mal an der Volksbühne reüssiert, ist eher unwahrscheinlich. Da dürfte Tim Renner vor sein. Der neue Kulturstaatssekretär räumt auf und sortiert die Berliner Theaterlandschaft um. Castorf und Peymann gehören nun endgültig zum musealen Alteisen. Der neue Macher an der Volksbühne Chris Dercon kommt zwar vom Museum, allerdings Tate Modern und nicht Old School. Trotzdem bleibt für beide Regisseure noch genügend Zeit für weitere Alterswerke, ob nun auf Solo-Fender oder mit komplettem Orchester.

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    Nun ist also erstmal der 73jährige Texaner Robert Wilson dran. Der in Europa für seine streng durchkomponierten Theaterbilder bestens bekannte Regisseur, Bühnenbildner, Maler, Videokünstler und Architekt hat seit 1998 regelmäßig am Berliner Ensemble inszeniert. Dabei war Musik immer eines der prägenden Gestaltungsmittel. Und wenn Claus Peymann noch so sehr gegen das an der Volksbühne bevorstehende Event-Theater wettert, so hat er es doch mit Wilson längst am BE etabliert. Also alles nur eine Frage der Wahrnehmung und Ästhetik? Dazu Goethe: „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; / Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan; / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.“ Mit dem Chorus Mysticus, bei dem die unsterbliche Seele Fausts in den Himmel entführt wird, beendet Wilson seinen Faust-Bilderreigen als Bekenntnis zur Schönheit wie auch gleichsam zur Unzulänglichkeit menschlichen Strebens. Und so natürlich auch der eines Künstlers. Das ist schönste Selbstironie, der der Meister zuvor gute vier Stunden lang auch ausgiebig frönt.

    FAUST I und II am BE - Foto © Lucie Jansch
    FAUST I und II am BE – Foto © Lucie Jansch

    Und es beginnt schon beim Einlass mit einem frohen Gewusel des BE-Ensembles, das Kostümbildner Jacques Reynaud wieder sehr fantasievoll eingekleidet hat. Man singt zur Musik Herbert Grönemeyers das „Vorspiel auf dem Theater“. Prospekte und Maschinen werden im Weiteren dann auch nicht geschont, um die die ganze Theaterschöpfung Goethes „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ abzuschreiten. Es werden Betten aufgefahren, ein netter Märchenonkel mit Bart spricht bedächtig die „Zueignung“ und der Heilige Vater steht beim Prolog in der Gestalt von Anna von Haebler auf einem Podest gerahmt von barocken Engeln. Keck tritt hier schon die wahre Hauptperson des Abends im roten Frack auf. Christopher Nell als Mephistopheles, der schon in Wilsons Peter Pan von 2013 die elektrisierende Fee Tinker Bell spielte und auch Leander Haußmanns grandioser Hamlet ist. Er gibt hier ein freches Störteufelchen, weniger Verführer als viel mehr provokanter Hans Dampf, der jedem an die Wäsche geht. Wau!

    Mephistos ständige Präsenz ist Vor- und Nachteil der Inszenierung zugleich. Er hält die Stimmung am Kochen, lässt aber auch die eigentliche Hauptfigur Faust in den Hintergrund treten. Robert Wilson vervierfältigt (Niclaas van Diepen, Marvin Schulze, Joshua Seelenbinder, Alexander Wanat und Fabian Stromberger) sie wahrscheinlich deshalb im ersten Teil. Eine Persönlichkeitsaufspaltung, die nicht unbedingt des Pudels Kern trifft, wie auch das dreifache Gretchen (Antonia Bill, Christina Drechsler und Dorothée Neff ) eine nette Idee bleibt, die man schon aus dem Peter Pan kennt. Später kommt noch ein doppelter Valentin (Matthias Mosbach und Felix Tittel) dazu. Dafür tritt Faust-Schüler Wagner (Lukas Gabriel) erst im zweiten Teil als schusselig bärtiger Wissenschaftler auf. Der ist Faust Eins auch im Vierfach-Format nun gar nicht, selbst wenn man den Darstellern lange Bärte angeklebt hat, die Ihnen dann bei der Verjüngungskur in der Hexenküche abgenommen werden. Es bleibt im Dunkel der Bühne, nur durch wechselnde Spots beleuchtet, warum Wilson hier eine jodelnde Boygroup gegen eine puppenhafte Girlsband antreten lässt. Die wie immer weiß geschminkten Gesichter unterstreichen diese gewollte Künstlichkeit. Auf jeden Fall gibt das einige gute Chorpassagen und nette Effekte.

    FAUST I und II am BE - Fabian Stromberg und Christopher Nell beim Premierenapplaus - Foto: St. B.
    FAUST I und II am BE, Fabian Stromberg und Christopher Nell beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

    Überhaupt, Goethes Text, den Dramaturgin Jutta Ferbers stark eingekürzt hat, eignet sich vortrefflich für Grönemeyers Vertonungen die mal klassisch swingen, mal volkstümlich liedhaft daher kommen. Chanson steht neben Gospel oder Pop. Es ertönen Glocken, orientalische Klänge und sakrale Orgeln. Allerdings nervt ein wenig das ständige Wiederholen einiger Textpasssagen. Und so ziehen Faust und Mephisto singend von Station zu Station. Auerbachs Keller fällt aus, dafür ist die Walpurgisnacht eine schwarze, umnebelte Satansmesse mit Leuchtkreuz am Boden und einem darüber schwebenden Teufel. Die Fauste und Gretchen spielen Versteck in Marthes (Raphael Dwinger) Garten. Am Brunnen wird der Klatsch um das unkeusche Gretchen durch ein dreifaches Lieschen (Friederike Nölting, Theresa Riess und Laura Tratnik) gerappt und im Kerker tanzen schließlich drei Paare Walzer. Nachdem drei Türen lautstark zu gefallen sind, bleibt nur ein einziger Faust (Fabian Stromberger) übrig, der nach einer Pause in Teil zwei weiter machen darf.

    Auch Faust II ist eine Bilderreigen von Best-of-Szenen. In der Kaiserpfalz regnet es zwar kein Papiergeld vom Himmel, aber es hängen Goldbarren vom Schnürboden, der karnevaleske Hofstaat ist lüstern gierig auf die Kunststücke Mephistos, der auch wie gewünscht mit Knall und Rauch ein antikes Pärchen herzaubert. Wilson konzentriert sich auf die Suche Fausts nach seiner Helena (Anna von Haebler), eine unglückliche unerfüllte Liebe, deren aufstrebender Spross Euphorion (Marvin Schulze) kurz am Seile hängt. Der Homunkulus fährt als künstliche Menschmaschinen-Apparatur über die Bühne, und es treten viele bunte Fabelwesen, Hexen, antike Philosophen und finstere Gestalten auf. Von Fausts Visionen ist aber weit und breit nicht viel zu sehen. Kein Sumpf zieht am Gebirge hin, kein Damm, kein unermüdliches Werken von Lemuren. Dafür gibt es eindrucksvolle Videobilder eines jagenden Gepards und einer flüchtenden Herde Gnus als Gleichnis entfesselter Naturgewalten. Der alternde und schließlich erblindende Faust liegt im Bett und ihm begegnen so Mangel, Schuld, Not und Sorge als alte graue Weiber. Wie das greise Ehepaar Philemon und Baucis (Joshua Seelenbinder und Dorothée Neff) sitzen auch Faust und Mephisto am Ende auf der Gartenbank und verschmelzen in ihrem Text miteinander. Streber und Verhinderer in trauter Einigkeit, ein sich ewig weiterdrehender Lebenskreislauf von Schöpfung und Vergehen.

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    FAUST I und II_BE_Robert Wilson und Herbert Grönemeyer_Applaus
    Robert Wilson und Herbert Grönemeyer beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

    Das sieht toll aus – auch die darstellerischen Leistungen überzeugen durchweg – grenzt aber in seiner Albernheit zu weilen auch an recht banales Kunstgewerbe. Die sperrig-hektische Widerspenstigkeit seines Woyzeck, die große Verspieltheit von Leonce und Lena, die mystische Düsternis der Lulu oder die magische Kraft von Peter Pan kann Robert Wilson mit diesem Faust-light nicht erreichen, auch wenn Herbert Grönemeyer nach dem furiosen Premierenapplaus noch eine enthusiastische Zugabe als Sänger gibt. Eine Überforderung im positiven Sinne wie etwa der FAUST-Marathon von Nicolas Stemann am Thalia Theater Hamburg wird das hier nie. Dass die beiden BE-Faust-Macher durch die rumplige Unbedachtheit von Hausherr Claus Peymann nun in einen Theaterstreit mit hineingezogen werden, der nicht der ihre ist, könnte zur Tragik des Abends werden, über den sich sonst wohl weiter keiner erregen würde. Aber mit dieser originären Event-Nummer dürfte es schwerfallen gegen die sogenannte „neoliberale“ Streitmacht eines Tim Renner und Chris Dercon anzustinken.

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    FAUST I und II
    GOETHE / WILSON / GRÖNEMEYER
    Textfassung: Jutta Ferbers
    Regie, Bühne und Lichtkonzept: Robert Wilson
    Musik und Lieder: Herbert Grönemeyer
    Kostüme: Jacques Reynaud
    Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
    Mitarbeit Musik/Sound Design: Alex Silva
    Dramaturgie: Jutta Ferbers, Anika Bárdos
    Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
    Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
    Musikalische Leitung: Hans-Jörn Brandenburg, Stefan Rager
    Musikalische Arrangements: Herbert Grönemeyer, Alex Silva
    Zusätzliche Orchester-Arrangements: Hans-Jörn Brandenburg, Alfred Kritzer, Lennart Schmidthals
    Licht: Ulrich Eh
    Videoprojektionen: Tomek Jeziorski
    Mit: Antonia Bill (Faust I: Margarete, Faust II: Geist, Nymphe, Trojanerin), Christina Drechsler (Faust I: Margarete, Faust II: Geist, Nymphe, Trojanerin), Dorothee Neff (Faust I: Margarete, Faust II: Geist, Nymphe, Trojanerin, Baucis), Friederike Maria Nölting (Faust I: Erzengel, Lieschen, Hexe/Geist, Faust II: Sphinx, Trojanerin, Sorge), Theresa Riess (Faust I: Erzengel, Meerkätzchen, Lieschen, Faust II: Sphinx, Chor gefangener Trojanerinnen, Not), Anna von Haebler (Faust I: Der Herr, Hexe/Geist, Faust II: Helena, Schuld), Laura Tratnik (Faust I: Meerkätzchen, Lieschen, Faust II: Hofdame, Manto, Trojanerin, Mangel), Raphael Dwinger (Faust I: Marthe, Hexe/Geist, Faust II: Kaiser), Lukas Gabriel (Faust I: Pudel, Hexe/Geist, Faust II: Wagner, Raufebold), Matthias Mosbach (Faust I: Erzengel, Valentin, Faust II: General, Anaxagoras), Christopher Nell (Faust I und II: Mephistopheles), Luca Schaub (Faust I: Die Hexe, Geist, Faust II: Erzbischof), Marvin Schulze (Faust I: Faust, Faust II: Greif, Euphorion), Joshua Seelenbinder (Faust I: Faust, Lamie, Faust II: Philemon), Samuel Simon (Faust I: Hexe/Geist, Faust II: Phorkyade, Habebald), Fabian Stromberger (Faust I: Faust, Hexe/Geist, Faust II: Faust), Felix Tittel (Faust I: Valentin, Faust II: Finanzminister, Thales, Lynkeus), Nicolaas van Diepen (Faust I: Faust, Faust II: Lamie), Alexander Wanat (Faust I: Faust, Faust II: Paris, Haltefest), Stefan Kurt (Stimme Erdgeist) und Angela Winkler (Stimme Homunkulus)
    Orchester: Stefan Rager (Percussion, Computer), Hans-Jörn Brandenburg (Elektronisches Klavier, Computer), Joe Bauer (Klänge, Geräusche), Michael Haves (Synthesizer, Bass, Gitarre), Ilzoo Park (Violine), Sophiemarie Yeungchie Won (Violine), Min Gwan Kim (Viola), Hoon Sun Chae (Violoncello)

    Premiere am Berliner Ensemble war am 22.04.2015

    Dauer ca. 4h 15 Min (eine Pause)

    FAUST I und II_BE_VorhangTermine:
    17.05.2015 um 19:00 Uhr
    18.05.2015 um 18:30 Uhr
    19.05.2015 um 18:30 Uhr
    20.05.2015 um 18:30 Uhr
    22.05.2015 um 18:00 Uhr
    14.06.2015 um 19:00 Uhr
    15.06.2015 um 18:30 Uhr
    16.06.2015 um 18:30 Uhr
    09.07.2015 um 19:00 Uhr
    10.07.2015 um 18:30 Uhr
    11.07.2015 um 18:30 Uhr
    12.07.2015 um 15:00 Uhr

    Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/112/faust-smalli-und-iismall

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  • Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin – Ein filmischer Essay von Isabella Gresser im Dokumentarfilm-Wettbewerb des 11. Achtung Berlin Filmfestivals 2015

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    Ein besonderes cineastisches Häppchen, nicht nur wegen seiner leicht verdaulichen Länge von nur 61 Minuten, ist der dokumentarische Filmessay Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin von der Medien- und bildenden Künstlerin Isabella Gresser. Sie hat den öffentlichkeitsscheuen koreanischen Philosophen Byung-Chul Han über einige Jahre begleitet und legt nun mit ihrem Dokumentarfilm ein erstes sehr persönliches Portrait des seit 30 Jahren in Deutschland lebenden Han und seiner philosophischen Denkweise vor. Keine Bange: Hans überaus freundliches Wesen und seine am konkreten Beispiel der koreanischen Wachstumsgesellschaft leicht verständlich dargelegten Theorien sind selbst für philosophische Laien recht gut nachvollziehbar, was ihnen nicht unbedingt den Anschein des Populären verleiht, auch wenn ihn sein neuer Verlag S. Fischer, zu dem Han vom kleinen Berliner Verlag Matthes & Seitz gewechselt ist, mittlerweile schon als „neuen Star der deutschen Philosophie“ anpreist.

    Müdigkeitsgesellschaft - Byung-Chul Han in Seoul / Berlin - Foto (C) Isabella Gresser
    Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin
    Foto (C) Isabella Gresser

    Han kam 1980 nach Deutschland, um Metallurgie zu studieren. Sein Plan war aber immer das Studium der deutschen Literatur und Philosophie, das er mit einer Dissertation über Martin Heidegger in Freiburg abschloss. Sein Referenzphilosoph aber ist, wie er selbst bekennt, Friedrich Hegel – was im Film leider nicht näher ausgeführt wird. Mittlerweile lebt Han in Berlin und hält Vorlesungen in Kulturwissenschaften an der UdK. Isabella Gresser lässt zu Beginn in fast meditativen Schwarz-weiß-Bildern Han selbst in gewohnter Umgebung seines Schöneberger Kiezes aus seinem Leben erzählen. Dabei besucht er Lieblingsorte wie den nahegelegene Friedhof und den Trödelladen an der Ecke, eine „Festung gegen die Konsumgesellschaft“. Han liebt die Ruhe und Weite (oder besser gesagt:) die Leere des Raums als meditativen Inspirationsquell für die Philosophie und Kunst. Und nicht von ungefähr zieht der genaue Beobachter unserer Gesellschaft auch die Inspiration für seine Gedanken aus Werken von Walter Benjamin, Michael Ende oder Peter Handke.

    Besonders Peter Handke, der das Drehbuch zu Wim Wenders Filmklassiker Himmel über Berlin schrieb, hat es Han angetan. So führt er uns zur bekannten Brücke aus dem Film in Schöneberg und liest Handkes Eingangsverse Lied über das Kindsein. Zum eigentlichen Kern von Hans Thesen über die moderne Gesellschaft kommt der Film dann bei einer Reise nach Südkorea. Die Kamera folgt dem Philosophen auf seinem Weg durch das winterliche Seoul. Die Menschen in der asiatischen Wachstumsmetropole scheinen einer permanenten Müdigkeit verfallen. Gresser, die auch für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnet, verschneidet Bilder der Seouler U-Bahn mit animierten Schlafenden. Die hochtechnisierte Welt fordert ihren Tribut. Das Projekt Freiheit, das die westliche Welt so geprägt hat, ist für Han gescheitert. „Der Exzess der individuellen Freiheit, erweist sich letztendlich als Exzess des Kapitals.“ 

    Müdigkeitsgesellschaft - Byung-Chul Han in Seoul / Berlin - Foto (C) Isabella Gresser
    Müdigkeitsgesellschaft – Byung-Chul Han in Seoul / Berlin
    Foto (C) Isabella Gresser

    Das positive „Yes, we can!“ ist vielen schon zum Verhängnis geworden. Südkorea besitzt die größte Selbstmordrate der Welt. Psychische Krankheiten wie Depression und Burnout sind auf dem Vormarsch. Han referiert über die suggerierte Freiwilligkeit und das ewige Können der Leistungsgesellschaft, das bald mehr und mehr Zwänge zur ständigen Selbstoptimierung erzeugt. Man wähnt sich zwar anfänglich frei, beutet sich aber in Wirklichkeit freiwillig und leidenschaftlich aus, bis man zusammenbricht. Auch hier geht Han zu einer Brücke, an deren Geländer elektronische Spruchbänder mit positiven Botschaften die Lebensmüden vom Sprung abhalten sollen. Sogenannte Selbstmordseminare schießen in Seoul wie Pilze aus dem Boden. Han spricht mit Kunstschaffenden, liest auf Kongressen aus seinem Buch Die Transparente Gesellschaft und besucht buddhistische Klöster.

    Isabella Gresser_Regisseurin von Müdigkeitsgesellschaft_St. Bock
    Isabella Gresser bei der Preisverleihung
    Foto: St. B.

    Den Ausweg aus der „aporetischen Sackgasse“ der neoliberalen Effizienzlogik sieht Han aber nicht einfach nur in der Entschleunigung oder rein taoistischen Philosophieansätzen, sondern in einer freundlichen Müdigkeit. Das gelassene Nichtstun als Quelle neuer Inspiration. Grundlage dafür ist ihm Peter Handkes Essay Versuch über die Müdigkeit. „Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann.“ Vorrangig meint das natürlich auch den exzessiven Gebrauch der digitalen Kommunikation. Viele haben sich wie Zombies ans Smartphone verkauft und sind mit ihm wie mit einem Körperteil verwachsen, berichtet Han. Was allerdings die wahren Verursacher der Probleme betrifft, da bleibt der Philosoph eher unbestimmt. So erscheint seine transzendente Heilskunde dann auch anfällig für jede Art von Esoterik, die in Westeuropa immer wieder erfolgreich den Blick auf das Wesentliche versperrt. Einer Kritik Hans enthält sich dieses sonst sehr aufschlussreiche Portrait aber völlig.

    Auch geht der Film nicht mehr auf seine neuesten Schriften wie etwa Im Schwarm – Ansichten des Digitalen oder Psychopolitik ein, die einen weiteren Bogen von der digitalen Welt zurück in die analoge, z.B. die des Schriftstellers Botho Strauß, schlagen, der sich eher konservativ dem Schwarm des allgemeinen Meinungsgeraunes entzieht und recht elitär vom wissenden „Idioten“ spricht. Philosophie ist für Han aber nicht nur als Orientierungshilfe wie die eines Ratgebers zu verstehen, man muss schon genauer zuhören und selbst weiterdenken. In der Kunst (besonders der darstellenden im Theater) werden Hans Theorien aber bereits rege rezipiert. Am Ende führt der Film zurück nach Berlin auf das weite Tempelhofer Feld, das sich wie ein Tempel der Leere und Stille dem Kommerz entzieht. Ein großes Potential der Hoffnung inmitten der Stadt. Das war dann auch Grund genug für die Ökumenische Jury des ACHTUNG BERLIN-Festivals, dem Film ihren Preis zu verleihen.

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    MÜDIGKEITSGESELLSCHAFT – BYUNG-CHUL HAN IN SEOUL / BERLIN
    AB-LogoD 2015 | 61 Min
    Regie: Isabella Gresser
    Kamera: Isabella Gresser
    Schnitt: Isabella Gresser
    Produzentin: Isabella Gresser
    Produktion: ISOLA Bella Production

    Infos: http://achtungberlin.de/home/
    http://www.isabellagresser.com/video.html

    Zuerst erschienen am 23.04.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Kunst mit dem Telefonbuch? – Ein Kommentar zur Debatte um die von Kulturstaatsekretär Tim Renner geplante Neubesetzung der Berliner Volksbühne.

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    Es gibt den Spruch unter Theaterleuten, dass gute Schauspieler auf der Bühne das Publikum fesseln können, selbst wenn sie aus dem Telefonbuch vorlesen würden. Ungefähr das muss Tim Renner, dem neuen Berliner Kulturstaatsekretär, vorgeschwebt haben, als er den Ex-HAU- und designierten Intendanten der Münchner Kammerspiele Matthias Lilienthal vom dicken Telefonbuch des Kuratoren der Tate Modern in London Chris Dercon sprechen hörte. Er will ihn nun mit der Leitung der Berliner Volksbühne betrauen. Deren bisheriger Kopf Frank Castorf wird nach 25 Jahren Intendanz 2017 von Renner in Rente geschickt. Nur gehören zu den Nummern in so einem Telefonbuch natürlich auch Personen und Gesichter. Diese zu nennen, ist Tim Renner bisher schuldig geblieben. Er wollte es am 30. April nachholen. Nun wird der Regierende Bürgermeister Michael Müller, dem die Querelen um Renner wohl langsam reichen, und da er eigentlich von Amts wegen auch Kultursenator ist, bereits morgen die Personalie bekanntgeben und über die Pläne für die Volksbühne informieren. Man darf also gespannt sein.

    Streitfall Volksbühne - Foto: St. B.
    Streitfall VolksbühneFoto: St. B.

    Durchgesickert ist bisher nur, dass hinter den Nummern mit denen Dercon sich umgeben will, die Namen von international agierenden Choreografen wie Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz stehen sollen. Deren Arbeiten sind in Berlin aus dem HAU und von den Foreign Affairs bestens bekannt. Sie sind sicher gut, aber so neu nun auch wieder nicht. Die Zeichen stehen also nicht nur auf Sturm sondern zeigen deutlich in Richtung Tanz. Alles nur reine Spekulationen rund um die Zukunft des traditionsreichen Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz, wie andere behaupten, um damit den Kritikern an Renners Umbauplänen, die von diesen schon mal recht massiv als mit der Abrissbirne daherkommend bezeichnet werden, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    Tim Renner: Rudolf Simon (Wikipedia)
    Stein des Anstoßes, Kulturstaatssekretär Tim RennerFoto (c) Rudolf Simon (Wikipedia)

    Renner möchte das Schauspielensemble der Volksbühne zwar erhalten, nur würde das an einem reinen Tanztheater nicht mehr gebraucht werden. Fünf Millionen Euro zusätzlich soll es für Dercon geben. Diese werden mit Sicherheit allein für die geplante Bespielung des Flughafens Tempelhof drauf gehen. Geld, was die Freie Szene Berlins und das HAU viel dringender benötigt. Was am Haupthaus passieren soll, steht derweil noch in den Sternen. Der dringend ein Haus suchenden Sasha Waltz Compagnie wollte man keins geben und auch als Chefin des Berliner Staatsopernballetts war die international anerkannte Choreografin nicht gut genug. Kann sein, dass Tim Renner nun die verfehlte Kulturpolitik seiner Vorgänger in Sachen Tanz und Freie Szene aufarbeiten muss. Die Schnellschüsse an der momentan gut gehenden Volksbühne begründet das noch lange nicht. Da muss die Berliner Kulturpolitik morgen schon einen veritablen Hasen aus dem Zylinder zaubern.

    Es tobt also ein regelrechter Kulturkampf in der Hauptstadt, die leider schon lange nicht mehr als die des Theaters bezeichnet werden kann. Fakt ist, weder das DT noch die Schaubühne und schon gleich gar nicht Claus Peymanns BE senden im Moment größere Impulse in Sachen innovative und relevante Theaterkunst aus. Natürlich lässt sich darüber immer trefflich streiten, nur würde niemand auf die Idee kommen, diese Häuser von Grund auf umzukrempeln. Streiten wollte sicher auch Claus Peymann, der nach Bekanntwerden von Teilen der Renner‘schen Pläne den Kulturstaatssekretär in einem offenen Brief zur „größten Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ kürte. Offene Briefe sind etwas feines, man kann damit ziemlich wirksam die eigene Meinung zum Problem anderer Leute machen. Für Diskussionsstoff ist jedenfalls reichlich gesorgt. Dass nun mit Ulrich Khuon, Joachim Lux und Martin Kusej auch noch drei Intendanten großer deutscher Theaterhäuser einen Brief nachschieben und selbst Jürgen Flimm von der Staatsoper sich bemüßigt fühlt, einen Kommentar zum Thema Eventtheater beizusteuern, zeigt, dass ihnen der Umschwung doch sehr weitreichend für das herkömmliche Repertoire- und Ensembletheater erscheint.

    Volksbühne - Foto: St. B.
    Ist die Volksbühne ein Sanierungsfall?
    Foto: St. B.

    „Glauben die Leute wirklich, die Kulturverwaltung und der Renner könnten sich die Volksbühne als Diskothek vorstellen?“ hat Tim Renner in einem Interview mit der Berliner Zeitung erstaunt gefragt. Im Grunde genommen ja, zumindest befürchten das einige. Die Volksbühne ist nun mal eben kein hipper Plattenladen im angesagten Kreuzkölln, in dem man die Label einfach so nach Trend und Geschmack austauscht. Zumal das nicht Not tut, da das alte Theaterlabor Volksbühne im Moment seinen zweiten oder von mir aus auch dritten Frühling erlebt. Aber Tim Renner scheint gewillt, sein Ding durchzuziehen, gleich einem autistischen DJ, der die Wünsche aus dem Publikum ignoriert. Vermutlich auch deshalb, weil er schon aus Prinzip keine Schelllackplatten mehr auflegen will.

    Die greisen Warner werden also nach Gusto Renner abserviert, mit dem Hinweis sich doch mal eine neue Hose zu kaufen. Das hat der Peymann nun davon. Wer den Schaden erkennt, braucht für den Spott nicht mehr zu sorgen. Oder wie hieß das noch gleich? Der Tagesspiegel schreibt zur larmoyanten Art dieser alten Männer, die noch jede Debatte an sich zu reißen versuchen und der Jugend außer der Zerstörung von Traditionen oder gleich der ganzen Welt nichts weiter zutrauen: „Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel.“ Aber ist es denn nicht eher so, dass, wer den Hammer nicht sieht, bald selbst am Nagel hängt? Wer die Augen vor den Problemen verschließt, dämmert weg, und es ist unwahrscheinlich, dass sie einem später vor Freude übergehen werden, wenn das Laborexperiment Renners in die schicke neue Hose gegangen ist. Der Schaden an der Volksbühne wäre in jedem Fall irreversibel. Ein wenig Vorsicht beim Renovieren scheint da durchaus angebracht.

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  • Distanz zur eigenen Vergangenheit – Milo Rau eröffnet mit seinem Doku-Theaterabend The Civil Wars das 15. F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

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    Foto: Aus dem Archiv von Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com
    Foto: Aus dem Archiv von
    Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com

    Seit dem 17. April läuft an der Berliner Schaubühne wieder F.I.N.D. – das Festival für Internationale Neue Dramatik. Es ist die mittlerweile 15. Ausgabe der von Intendant Thomas Ostermeier ins Leben gerufen Werkschau zeitgenössischer Autoren, Theaterschaffender und Performancekünstler aus aller Welt. In diesem Jahr gibt es neues Theater aus Argentinien, Belgien, Chile, Frankreich/Kanada, Großbritannien, Israel, der Schweiz, Spanien und den USA zu sehen. Einen kleinen Schwerpunkt bilden dabei Projekte, die sich u.a. mit Dschihadismus, Migration und der aktuellen Flüchtlingsproblematik in Europa beschäftigen.

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    Eröffnet wurde das Festival vom Schweizer Doku-Theatermacher und Reenactment-Spezialist Milo Rau (Hate Radio, Breiviks Erklärung). Seine neue, beim Zürcher Theater Spektakel 2014 uraufgeführte Produktion The Civil Wars bezieht sich in einer rahmenbildende Klammer auf den jungen Belgier Joris, der als internationaler Dschihadkämpfer nach Syrien zog, um dort für den Aufbau einen islamischen Kalifats zu kämpfen. Sein Vater hat ihn unter abenteuerlichen Bedingungen dort gesucht und schließlich auch nach Jahren wieder nach Hause bringen können. Die Frage, die den Abend eröffnet heißt dann auch: „Was treibt Jugendliche, die hier geboren, die unter uns groß geworden sind, dazu, forzugehen und an den Schrecken eines Bürgerkriegs teilzunehmen, der mit ihnen nichts zu tun hat?“

    Milo Rau hat einige Interviews mit jungen Belgiern und ihren Angehörigen geführt, sich dann aber entschlossen, nicht ausschließlich deren Geschichten auf die Bühne zu bringen, sondern die Erinnerungen von vier Schauspielern an ihre Kindheit und Jugend, die alle durch relativ problematische Vaterfiguren gekennzeichnet sind. Die Parallele, die Rau bei seinen Gesprächen aufgefallen ist, führt hier zu einer theatralen Bestandsaufnahme europäischer Geschichte mit ihren verschiedenen Kämpfen und Umbrüchen. Herausgekommen ist ein sehr persönlicher, reflektierender Blick zurück, der zwar keine exemplarischen Erkenntnisse zum eigentlichen Thema zu Tage fördert, aber einige Aufschlüsse über die Radikalisierung und ihrer Folgen auch in unserer westlichen Zivilgesellschaft bringt.

    The Civil Wars von Milo Rau Foto (C) Marc Stephan
    The Civil Wars von Milo Rau
    Foto (C) Marc Stephan

    Die belgische Schauspielerin Sara De Bosschere, die französische Akteure Sébastien Foucault und Karim Bel Kacem sowie der belgische Schauspieler Johan Leysen (zuletzt 2012 mit einem eindrucksvollen Heiner-Müller-Abend am Berliner HAU zu sehen) sitzen in einer kleinen Wohnkulisse, die sich zu Beginn als Rückseite einer barocken Theaterloge nach vorne dreht, und berichten, während sie sich abwechselnd dabei filmen, von ihren Vätern. Ihre Gesichter sind dabei als schwarz-weiße Projektion auf einer großen Videoleinwand zu sehen. Das einzelne Schicksal tritt heraus aus der Anonymität des ganz normalen Wahnsinns bürgerlicher Existenz.

    So könnte man es zumindest für Sara De Bosschere und Sébastien Foucault behaupten. De Bosscheres Vater, aus trotzkistischen Kreisen kommend, verfällt mit der Zeit, am Elend der Welt laborierend, in eine tiefe Depression. Foucaults Vater, wie der große Philosoph Michel heißend, wird in die Tradition eines französischen Familienunternehmens gepresst und zerbricht ebenso psychisch am Niedergang der Firma infolge des globalen Kapitalismus neoliberaler Prägung. Die Leidtragenden dieses Zerfalls waren natürlich in erster Linie die Familienmitglieder. Die Krise der Väter und der gesamten westlichen Welt haben die Jugend der beiden Schauspieler geprägt. „Ich werde in einer Welt aufgewachsen sein, in ihr gelebt haben und in ihr sterben, ohne an einer einzigen kollektiven Aktion teilgenommen zu haben, um sie zu verbessern.“ fasst es Sébastien Foucault für sich zusammen.

    Ebenso Bekanntschaft mit familiärer Gewalt hat der in einem typischen Pariser Banlieue aufgewachsene Karim Bel Kacem gemacht. Sein aus Marokko stammender Vater ergibt sich nach langer Krankheit und Arbeitslosigkeit dem Alkohol und tyrannisiert die Familie. Bel Casem hat sich damals auf der Suche nach Werten einer salafistischen Gruppe angeschlossen und auch eine Waffe besorgt, um den Vater zu töten. Er berichtet sehr freimütig von seinen Gewaltfantasien. Umgestimmt hat ihn schließlich die Hinwendung zum Schauspiel, wohl auch eine Reaktion darauf, dass er aus einem Viertel mit Oper-Straßen-Namen stammt, wie er leicht ironisch bekennt.

    The Civil Wars von Milo Rau - Foto (C) Marc Stephan
    The Civil Wars von Milo Rau – Foto (C) Marc Stephan

    Johann Leysen hat dagegen seinen Vater recht früh durch einen Autounfall verloren, aber auch diese Leerstelle hat das Schicksal seiner Familie bestimmt. Er berichtet auch aus seiner Sicht als Vater, der zwei Kinder schon nach der Geburt verlor. Auflockern und sehr erfrischend im Gegensatz zum schweren Thema wirken seine Anekdoten von Filmarbeiten mit dem großen französischen Regisseur Jean Luc Godard. Reflektionen über ihren Schauspielberuf sind auch für Sara De Bosschere sehr wichtig. In zwei kleinen Szenen lässt Milo Rau sie und Leysen Passagen aus Tschechows Kirschgarten sprechen. Der Dialog des Studenten Trofimow mit der jungen Anja, die über die verloren Liebe zum Kirschgarten und dem Fehlen von Visionen für die Zukunft spricht.

    Rau verdeutlich hier sehr gut, worum es ihm geht. Uns fehlen Bezug und die nötige Distanz zur eigenen Vergangenheit. „Um wirklich und lebendig mit der Gegenwart zu leben, müssen wir erst mit der Vergangenheit abschließen und sie abbüßen“, wie es der Student Trofimow im Kirschgarten feststellt. Rau übertreibt es aber ein wenig damit und will sein Projekt mit fünf Kapiteln, deren Überschriften u.a. Die großen Bewegungen, Die Auserkorenen, oder Apokalypse lauten, gar in den Rang einer griechischen Tragödie erheben. Dafür ist der Abend aber doch etwas undramatisch, besitzt aber in den interessanten Erzählungen der vier Darsteller durchaus einige erhellende Momente.

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    THE CIVIL WARS
    Text und Regie: Milo Rau
    Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
    Ausstattung: Anton Lukas
    Video: Marc Stephan
    Licht: Abdeltife Mouhssin und Bruno Gilbert
    Ton: Jens Baudisch
    Mit: Karim Bel Kacem, Sara De Bosschere, Sébastien Foucault und Johan Leysen
    Uraufführung beim Theaterspektakel Zürich war am 27. August 2014
    Premiere bei F.I.N.D. #15: 17. 4. 2015
    Koproduktion mit dem International Institute of Political Murder (Schweiz/Deutschland)

    Infos: http://www.international-institute.de/

    Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

    Zuerst erschienen am 18.04.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Bedrohter Mittelstand, Wutbürger und kulturpolitisches Faustrecht in der deutschen Theaterprovinz – „Ich habe Bryan Adams geschreddert“ am Staatstheater Cottbus und „Götz von Berlichingen“ am Anhaltischen Theater Dessau

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    Ich habe Bryan Adams geschreddert – Am Staatstheater Cottbus inszeniert Schauspieldirektor Mario Holetzeck die zynische Mittelstandskomödie von Oliver Bukowski.

    „Deutschland – Wunder und Wunden“ heißt das aktuelle Spielzeitmotto am Staatstheater Cottbus. Passend dazu hat Schauspieldirektor Mario Holetzeck das 2014 in Göttingen uraufgeführte Stück Ich habe Bryan Adams geschreddert des in Cottbus geborenen Dramatikers Oliver Bukowski inszeniert. Der stellvertretende Chef der Belegschaft eines mittelständigen Sanitär-Keramik-Unternehmens veranstaltet eine Motto-Party, bei der er teambildendes Krisenmanagement betreiben will. Auslöser ist die Entlassung des Mitarbeiters Christopher, dessen angekündigte Teilnahme an der Festivität alle in helle Panik zu versetzen scheint. Im Laufe des Abends beginnt dann unter dem Einfluss der Wahrheitsdroge Alkohol die Fassade der heilen Reihenhauswelt zu bröckeln, und die Sommersonnenwendfeier im Kleingartenidyll wird zum allgemeinen Wendepunkt für die innerlich angstzerfressene Partygesellschaft. Das Wunder eines beschworenen Teamgeists erweist sich als hartes und opferreiches Überlebenstraining, das so manche seelische und körperliche Wunde schlägt. Eine Art Tanz auf glühenden Grillkohlen beginnt.

    ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT  © Marlies Kross
    ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT
    Foto © Marlies Kross

    Dazu hat Gundula Martin eine spießige Partyhölle auf Kunstrasen mit Liegestühlen, Elektrogrill, Mini-Pool und einer Gartenschmalspurbahn gebaut. An der machen sich Schmalspurchef Frank (Amadeus Gollner) und Management-Kollege Patrick (Kai Börner) als fachsimpelnde große Jungs zu schaffen, während ihre Frauen Bowle, Schnapsflaschen, Grillgut und Frühlingssalate heranschleppen. Gastgeberin Tanja (Susann Thiede) und Simone (Kristin Muthwill) scheinen sich mit ihrem Schicksal in der zweiten Reihe abgefunden zu haben. Simones tägliche Motivation ist der Griff zur Flasche, was ihr bereits deutlich anzumerken ist und einige Spitzen seitens Ehemann Patrick einträgt. Der aalglatte Schleimer hegt selbst versteckte Ambitionen auf einen Chefposten. Simone bezeichnet ihn dann irgendwann auch als karrieregeile Ratte. Das Ziel der Lästereien wechselt kurzzeitig als Sachbearbeiterin Paula (Johanna-Julia Spitzer) mit ihrem neuen Freund Sascha (Thomas Harms) eintrifft. Der Mann aus der Luftfahrt im blauen Zweireiher mit Sonnenbrille entpuppt sich schnell als zum Bodenpersonal gehöriger Fluglotse, dem die einfache Buchhalterin selbst etwas von einer Deputy Key Account Managerin vorgegaukelt hat.

    Der ausgebootete Christopher schwebt metaphorisch, wie sich Simone ausdrückt, über dem Abend, was Personalchef und Gastgeber Frank zur Rechtfertigung für das Gesundschrumpfen der Firma – er nennt es auch Ballast abwerfen – nötigt. Es herrscht eine spürbare Verspanntheit, die Frank mit ein paar Gesellschaftsspielen aufzulockern versucht, was hier immer wieder für Peinlichkeiten sorgt und jede Menge Anlass zu Slapstick-Nummern bietet. Als weiteren Katalysator für aufgestaute Aggressionen fungiert Franks 18jähriger Sohn Jannik (erstaunlich vielseitig Johannes Kienast), der das zwanghaft fröhliche Feierkollektiv mit dem Handy filmt, die verzweifelten Gebaren der Partygäste mit zynischer Verachtung und coolen Sprüchen kommentiert und schließlich mittels selbsterdachter schräger Performance und später noch in Mutters kleinem Schwarzen provoziert.

    Nach dem Austausch vieler hinreichend bekannter Klischees und mehrere Drinks später beginnen alle schließlich mit einer quälender Selbstreflektion, die weder vor der eigenen noch der Demütigung anderer Halt macht. Autor Bukowski lässt die Kollegen immer wieder neue Allianzen bilden, Fronten aufmachen und Gräben ziehen. Die das Jetset kopierenden Helden des Mittelstands gerieren sich als Highperformer in eigener Sache. Körperliches und verbales Muskelspiel als Ausdruck einer typischen Form der Selbstoptimierung für das Bestehen im täglichen Konkurrenzkampf. Frank schwört dabei auf Morgengymnastik zu Bryan Adams „Summer of 69“. Yoga für das bessere Verbiegen im Job, wie es Tanja nennt. Sie ist es dann auch, die die Bryan-Adams-CD ihres Mannes im Gartenhecksler genüsslich zerschreddert. Den anderen Männern ergeht es nicht viel besser, bis der „Chor der Klageweiber“ sich auch gegenseitig zerfleischt. „Ich bin wenigstens noch Mutter, wenn alles den Bach runtergeht. Was seit ihr?“ hält Tanja den anderen beiden Frauen vor, die ihren Kinderwunsch der Karriere geopfert haben. Tanjas eigene Leibesfrucht macht es ihr allerdings nicht gerade einfach, den kurzzeitigen Triumpf zu genießen.

    ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT -  © Marlies Kross
    ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT – Foto © Marlies Kross

    Jannik gibt einen Kurzeinblick in seinen bevorstehenden Werdegang von der Wohlstandsverwahrlosung über die persönliche Bedeutungslosigkeit bis ins soziale Prekariat. Den Alten prophezeit Jannik noch das große Sauriersterben. „Erst das Industrieproletariat, jetzt ihr, der Mittelbau.“ Die alkoholschwangeren Protest- und Rocker-Attitüden der bedrohten Mittelständler à la „Wehrt euch!“ entlarven sich allerdings recht schnell selbst. „Es gibt keine reelle Gegenwehr, solange einer immer besser sein will als die anderen.“ An diesem Abend frönt aber alles noch mal dem Partywahn und lässt den jugendlichen Störenfried einfach abtreten. „Du kannst nach Hause gehen.“ skandiert der drittklassige Cottbuser Fußballchor, bevor schließlich alle Hüllen und Hemmungen fallen. Die so heiß entflammte Selbstüberschätzung wird schließlich kalt mit dem Gartenschlauch abgespritzt. Der Ernüchterung folgen trockene Handtücher, Brandsalbe und schon wieder neue Pläne für die Zeit nach dem Ausstieg aus dem Job. „What a wonderful world this would be.“

    Bukowski lässt in seiner schwarzen Komödie die Betroffenen selbst über ihre Ängste und den „blinden Fleck“ ihres Berufslebens sprechen. Ein Hamsterrad aus Leiharbeit, Sonderschichten, drohenden Versetzungen und letztlich dem Rauswurf, wenn man nicht mehr funktioniert. Vom großen Durchstarter zur finalen Bruchlandung. Der Mittelstand befindet sich in einem ständigen sozialen Jetlag. Mario Holetzeck macht daraus in Cottbus eine rundum spaßige Volldröhnung mit viel Rock und Pop aus der Konserve. Das Beste der 70er, 80er und 90er. Die gezeigte Wut und Depression des um seine Errungenschaften fürchtenden Bürgertums, das man ja auch unter den Zuschauern vermuten könnte, lässt einen aber kaum mal wirklich das Lachen im Hals gefrieren. Das Potential dieser durchaus bissigen Satire verpufft so ein wenig zu gut gelaunt.

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    Ich habe Bryan Adams geschreddert
    Schauspiel von Oliver Bukowski
    Regie: Mario Holetzeck
    Bühne und Kostüme: Gundula Martin
    Dramaturgie: Sophia Lungwitz
    Regieassistenz: Matthias Grätz
    Besetzung:
    Frank Peukert, Chef einer mittelständischen Sanitärkeramikfirma: Amadeus Gollner
    Tanja Peukert, seine Frau: Susann Thiede
    Jannik, ihr Sohn Johannes Kienast
    Simone Lange, angestellt bei Peukerts: Kristin Muthwill
    Patrick Lange, ihr Mann, ebenfalls angestellt: Kai Börner
    Paula Röder, Sachbearbeiterin bei Peukerts: Johanna-Julia Spitzer
    Sascha, Paulas Freund, Fluglotse: Thomas Harms

    Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

    Premiere am Staatstheater Cottbus: 11.04.2015
    Termine: 15.04., 30.04. und 07.06.2015

    Infos: http://www.staatstheater-cottbus.de/programm/schauspiel/artikel_ich-habe-bryan-adams-geschreddert.html

    Zuerst erschienen am 13.04.2015 auf Kultura-Extra.

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    Götz von Berlichingen – Ein deutsches Lied von der Freiheit – Intendant André Bücker verabschiedet sich vom Anhaltischen Theater Dessau mit einer fulminanten Inszenierung des Sturm-und-Drang-Klassikers von Johann Wolfgang von Goethe

    Götz_Anhaltisches Theater Dessau_April 2015
    Das Anhaltische Theater Dessau – Foto: St. B.

    Freiheit gibt es nur im Jenseits, die Welt aber ist ein Gefängnis. Das ist die resignierte Einsicht des Götz von Berlichingen am Ende des gleichnamigen Sturm-und-Drang-Dramas von Johann Wolfgang von Goethe. Titelheld Götz, den man eigentlich mit einem wesentlich kämpferischen Spruch in Verbindung bringt, liegt hier aber bereits zerstört am Boden. Der Mann des Faustrechts „mit der eisernen Hand“ muss sich der staatlichen Gewalt des Kaisers und seiner Gerichte nach langem Kampf beugen. Und gekämpft wird viel in André Bückers fast vier Stunden dauernder Inszenierung, mit der sich der Intendant nach sechs Jahren vom Anhaltinischen Theater Dessau verabschiedet. Auch Bücker hat es die Landespolitik nicht leicht gemacht. Er hat den zuständigen  Machthabern getrotzt und gegen beschlossene Etatkürzungen und drohende Spartenschließungen protestiert. Schließlich hat die Stadt in  vorauseilendem Gehorsam  gegenüber Stephan Dorgerloh (seines Zeichens Kulturminister  des Landes Sachsen-Anhalt) dem unbotmäßigen Intendanten den Vertrag nicht verlängert. Wenn man an die momentanen Vorgänge um die Entlassung von Sewan Latchinian in Rostock  oder die Querelen um Claus Peymann und Frank Castorf in Berlin denkt – ein weiterer Beweis, wie verbissen  mittlerweile der Kampf um die  Kulturhoheit in deutschen Landen geführt wird.

    Götz_Dessau_Vor dem Theater_André Bücker
    Intendant André Bücker auf dem Theatervorplatz in Dessau
    Foto: St. B.

    Nun, so könnte man meinen, schlägt der geschasste Intendant Bücker noch mal zurück und streckt den selbstherrlichen Landesvätern die gereckte Faust entgegen. Doch geht es dem Trotz zum Trotze in seiner Inszenierung des Götz noch um so einiges mehr. Und nicht etwa einfach nur mal eben um ein Glas Sekt oder Selters. Hier geht’s tatsächlich um nichts weniger als knallharte Überzeugungen. Dazu trinkt der ehrliche, streitlustige Mann sein Bier, was hier schon zu Anfang in rauen Mengen aus Blechdosen strömt, während die saturierten Würdenträger am Bamberger Bischoffs-Hof Sekt aus der Flasche schlürfen. Bückers Sicht auf die Freiheit des kleinen Mannes und die feige Staatsmacht, die, um das aufmüpfige Rittergeschlecht zur Raison zu bringen, intrigiert und nach Gutdünken Gesetze erlässt, ist dann aber gottlob doch nicht ganz so vereinfachend. Der Regisseur setzt Goethes Skepsis gegen Recht und Staatsgewalt sowie seine Sympathie für den unbeugsamen Ritter Götz eine ganze Reihe bekannter Stimmen aus der deutschen Zeitgeschichte entgegen. Goethes Stück-Fassung von 1773 hat Bücker u.a. Texte von Friedrich Hölderlin, Georg Büchner, Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Gudrun Ensslin oder der russischen Punk-Band Pussy Riot untergemischt.

    Foto: St. B.
    Gerald Fiedler auf dem Dach – Foto: St. B.

    Diese Fremdtexte, die hier meist direkt aus den Szenen heraus den handelnden Personen in den Mund gelegt werden, sollen den Zuschauer natürlich auch verwirren und im besten Falle zum Nachdenken anregen. Bereits vor dem Beginn der Aufführung findet auf dem Theatervorplatz ein kleines Vorspiel mit historischen Figuren statt, die quer aus verschiedenstem Freiheits- und Unterdrückungsvokabular vortragen. So spricht etwa Gerald Fiedler hoch vom Dach des trutzigen Dessauer Theaterbaus als Politiker im breitesten anhaltinischen Dialekt Worte des Königs Kreon aus SophoklesAntigone. Rosa Luxemburgs berühmte und gern zitierte Feststellung von der Freiheit der Andersdenkenden aus den Breslauer Gefängnismanuskripten und „Die zwölf Artikel“ des deutschen Bauernkrieges sind zu hören, wie auch der Reformator Martin Luther, der gegen die aufständischen Bauern in Thüringen unter Thomas Müntzer wettert. Eine regionale Parallele zu den Kämpfen im Fränkischen, bei denen die umherziehenden Bauernhaufen Götz für kurze Zeit als Hauptmann gewinnen konnten. Was natürlich auch Goethes Drama und Bückers Inszenierung auf der Dessauer Bühne thematisieren.

    Götz (Felix Defèr) ist der scheinbar Gesetzlose mit Rockermanieren und einem ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit. Außen raue Schale, im Inneren ein guter Kern. Die ehrenhaften Fehderitter waren aber damals schon eine aussterbende Spezies. Bücker inszeniert seinen Ritter dann auch als anachronistisches Urvehikel, aber nicht von der traurigen Art, sondern als Westerner im langen Ledermantel. Quentin Tarantinos Django Unchained lässt grüßen. Der Kaiser (Stephan Korves), den Götz neben Gott als einzige Instanz gelten lässt, ist hier selbst ein abgetakelter, fränkisch parlierender Ritter, der einen Sarg hinter sich her zieht. Maximilian I. hatte tatsächlich auf Reisen sein letztes Möbel immer dabei.

    Felix Defèr als Goetz von Berlichingen - Foto © Claudia Heysel
    Felix Defèr als Goetz von BerlichingenFoto © Claudia Heysel

    Nach der Pause, in der man aufgefordert war, neben dem Essen einer Wurst auch mal über seine Freiheit nachzudenken, steht Götz-Darsteller Defèr mit seinem Schwert an der Rampe und redet sich frei von der Leber weg regelrecht in Rage. Über die Ruhelosigkeit unserer Gesellschaft, Doktortiteln von Politikern und platzenden Spekulationsblasen kommt er schließlich zum Zorn als Gestaltungsmittel der Gesellschaft (Thomas von Aquin) und den Ausführungen des Historikers und Juristen Justus Möser, der 1770 das alte Faustrecht gegenüber der absolutistischen Fürstenherrschaft glorifizierte. Auch eine Inspiration Goethes für seinen Götz. Der Wutbürger in Aktion gegen eine nach Gutdünken regierende Obrigkeit. Hier funktioniert die Interaktion mit dem Publikum ganz unmittelbar. Dass man mit solchen Parolen heute schnell auch am Pegida-Stammtisch landen kann, dürfte fast jedem im Saal klar sein. Defèrs Monolog stellt eine Art Knackpunkt in Bückers Inszenierung dar, genau wie die Entscheidung Götz‘ Frau Elisabeth (Ines Schiller) als Gudrun Ensslin auftreten zu lassen. „Entweder Schwein oder Mensch … Entweder Problem oder Lösung. Dazwischen gibt es nichts.“ Die Proklamation der RAF für den „Kampf bis zum Tod“.

    Goetz von Berlichingen - Foto © Claudia Heysel
    Goetz von Berlichingen
    Foto © Claudia Heysel

    Gespielt wird dann auch mit vollem Einsatz. Intendant Bücker bietet noch mal sein ganzes Ensemble auf. Neben den zuvor genannten sind das vor allem Mario Klischies (Georg), Gerald Fiedler (Lerse), Dirk Greis (von Selbitz) und Patrick Wudtke (von Sickingen) als Götz‘ Getreue sowie in vielen weiteren Rollen. Die Gegenseite ist u.a. durch Illi Oehlmann als verführerische Adelheid von Walldorf vertreten, der erst Goetz‘ Freund Weislingen (Sebastian Müller-Stahl) erliegt, bevor sie noch dessen Burschen Franz (Patrick Rupar) betört. Beim großen Sterben ist dann viel von Engeln die Rede. Adelheid stirbt zu Rilkes Ein jeder Engel ist schrecklich, und dem vergifteten Weislingen erscheint seine einstige Liebe und Götz‘ Schwester Maria (Katja Siedler) als Heiner Müllers Engel der Verzweiflung. Dazu darf es mit Rammsteins „Engel“ auch noch mal ordentlich pathetisch werden.

    André Bücker hat seinen Abend nicht von ungefähr im Untertitel auch „Ein deutsches Lied von der Freiheit“ genannt. Der Dessauer Opernchor intoniert meist vom Rang herunter entsprechendes deutsches Liedgut wie Schenkendorfs „Freiheit die ich meine“ aus den Napoleonischen Befreiungskriegen, Freiligraths „Trotz alledem!“ aus dem Vormärz oder „Steh auf, wenn du am Boden bist“ von den Toten Hosen. Es erschallt der kleine Trompeter, und die Haufen formieren sich auf der Bühne unter den verschiedensten Fahnen. Der Hinweis auf die Freiheit als Ideologie liegt nahe. Die Geschichte des Reichsritters Götz von Berlichingen, der seine persönliche Freiheit durch die Fürsten und seinen Widersacher den Bischoff von Bamberg eingeschränkt sieht, ist hier eingebettet in eine übergreifende, zwingende Frage nach der allgemeinen Freiheit des Menschen. Politischer und fordernder war Theater schon lange nicht mehr.

    Vorspiel auf dem Theatervorplatz in Dessau
    Deutsche Theaterhelden auf dem Weg zum Arbeitsplatz.
    Fotos: St. Bock

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    Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand
    von Johann Wolfgang von Goethe
    als Ein deutsches Lied von der Freiheit am Anhaltischen Theater Dessau (12.04.2015)

    Premiere war am 20.03.2015

    Regie: André Bücker, Kampfchoreografie: Klaus Figge, Kostüme: Jessica Rohm, Musikalische Leitung: Helmut Sonne, Chorarrangements: Andres Reukauf, Dramaturgie: Andreas Hillger.
    Mit: Felix Defèr, Mario Klischies, Ines Schiller, Katja Sieder, Gerald Fiedler, Illi Oehlmann, Stephan Korves, Dirk Greis, Sebastian Müller-Stahl, Patrick Rupar, Patrick Wudtke, Jan-Pieter Fuhr, David Ortmann, Boris Malré, Silvio Wiesner, Christel Ortmann, Constantin Ruhland / Neele Wagner, Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie, Opernchor des Anhaltischen Theaters.

    Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

    Termine: 03.05., 29.05. und 20.06.2015

    Infos: www.anhaltisches-theater.de

    Zuerst erschienen am 15.04.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Die Leiden der jungen Wörter – Das Theaterkollektiv vorschlag:hammer macht im Ballhaus Ost aus Goethes Briefroman eine sparsam-atmosphärische Emo-Light-Show mit Musik.

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    (c) Ballhaus Ost
    (c) Ballhaus Ost

    „Im berühmtesten Werk des Sturm und Drang Die Leiden des jungen Werther eröffnet die Intimität des Briefs den Blick in die Gefühlswelt. Aber wie lässt sich heute darüber sprechen? Wie können im Theater Leidenschaften verhandelt werden? Zwischen R’n’B, Lichtspiel und performativem Sprechen sezieren vorschlag:hammer Goethes Roman – auf der Suche nach ,Fragmenten einer Sprache der Liebe‘.“ So der Vorschautext auf der Webseite vom Ballhaus Ost, das gestern Abend in Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr das neue Erzähltheaterstück Die Leiden der jungen Wörter des mit Nachwuchspreisen hochdotierten Hildesheimer Theaterkollektivs um Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann und Stephan Stock zur Uraufführung brachte. Dazu hat sich vorschlag:hammer den Songwriter, Sänger und Pianisten Frieder Hepting zur musikalischen Unterstützung geholt.

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    Die Leiden der jungen Wörter nannte in den 1970er Jahren auch der Wiener Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel ein von ihm verfasstes, sprachkritisches Antiwörterbuch. Weigel zog damals allerdings nicht gegen Goethes Sprachungetüm in Briefen ins Feld, sondern gegen sogenannte Wortneuschöpfungen und den Verfall der deutschen Sprache im Allgemeinen. Damit beschäftigt sich vorschlag:hammer nun aber gerade nicht. Der Titel führt also diesbezüglich erstmal in die Irre. Wer oder was hier leidet, soll sich performativ aus dem Vortrag des Textes erschließen. Dazu wird dieser wechselnd von allen vier Mitspielern präzis und fast emotionslos vorgetragen. Zur Einstimmung gibt es aber erstmal einen satten Elektrosound vom Mischpult, das am Rand der Spielfläche steht und ebenfalls wechselnd von allen bedient wird. Ansonsten schauen die vier Spieler zunächst recht erwartungsfroh in ihren etwas nerdigen Strickjacken und Stickblusen ins Publikum. Die fehlende spielerische Atmosphäre wird mittels gezielter Lichteffekte wie Dimmen, Blacks, an die Rückwand mit Spots geworfenen Schattenspielen oder gar an langen Kabeln schwebenden Einzelleuchten erzeugt.

    Fragmentarisch und sparsam wirkt der Abend dann nicht nur durch die fast statische Spielweise, die nur aus einzelnen Wechseln im Lichteinfall und Standort der Spieler besteht, sondern auch im Vortrag selbst, der in ca. 90 Minuten natürlich nur Bruchteile des Textes wiedergeben kann. Diese Textfragmente sollen nun den jungen Werther und Verfasser der Briefe an seinen Freund Wilhelm als eine Art Ich-bezogenen Mensch im Diskurs mit sich selbst beschreiben. Dazu bringen die vier Werther-Erzähler einige treffende Episoden mit dessen unglücklicher Liebe Lotte dar. Werther im idyllischen Wahlheim, Werther in der Natur und dann immer wieder Werther mit Lotten. Ihr Kennlernen vor dem Ball, das emotionsgeladene Gewitter, Freuden gemeinsamer Interessen, Geburtstagsgeschenke und intime Gespräche. Aber es folgt auch die Ernüchterung, dass es da noch einen anderen im Leben Lottes gibt. Ihr Albert ist für Werther Freund und Rivale in einem. Dabei werden Goethes Worte auch etwas modifiziert, was aber nicht zu einem Fall für Hans Weigel wird.

    Die Leidender jungen Wörter am Ballhaus Ost - Foto (c) Paula Reissig
    Die Leiden der jungen Wörter am Ballhaus Ost
    Foto (c) Paula Reissig

    Unterbrochen wird der Vortrag immer wieder durch gefühlvoll vorgetragene Songs in englischer Sprache. Goethes Originaltext in Pop. Ein paar gespielte Gefühlsausbrüche erlauben sich die Werther-Darsteller dann allerdings auch noch. Etwa wenn sich Stephan Stock als Schmerzensmann Werther, der von der Heirat Lottens mit Albert gehört hat, immer wieder auf den Boden wirft, oder Gesine Hohmann sich begeistert an einzelne für Werther freudige Episoden mit der von ihm Angebeteten erinnert, dann aber urplötzlich wieder in den klagenden Depri-Modus zurückschaltet. Und um diese in der Ich-Form verfassten Wellenbäder der Emotionen geht es auch. Werther nicht nur als Ego- sondern auch als Emo-Shooter, der er allerdings in der allgemeinen Rezeption und somit auch in der Vorstellung der Jugend immer schon war. Die Ich-Bezogenheit mit gleichzeitiger Sucht nach Zweisamkeit ist natürlich auch Ausdruck der Gefühlswelt unserer heutigen, neoliberalen Gesellschaft. Jedes neue Pollesch-Stück berichtet davon.

    Das Team beruft sich hier auch auf Roland Barthes und sein Buch Fragmente einer Sprache der Liebe. Ein ABC des empfindsam liebenden Subjekts. Dafür scheinen die Beschreibungen des sich verschmäht fühlenden Werthers natürlich wie geschaffen. Allerdings wird bei diesem performativen Erzählexperiment nie wirklich klar, was uns das Ganze eigentlich soll? Man kann sich natürlich an die zum Teil wunderschön und düster vorgetragenen Balladen halten, die Goethes Wörter in der englischen Übersetzung von R.D. Boylan zu musikalisch-poetischen Popperlen verdichten. Ob einem diese Art der atmosphärisch erzeugten Emotionalität Goethes Werther näherbringt oder gar eine Erklärung für den aus den Fugen geratenen Gefühlshaushalt eines unglücklich Verliebten darstellt, bleibt fraglich. Soviel ist sicher, umbringen wird sich hiernach wohl niemand. „And I still continue to breathe” singt der Schlusschor.

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    Die Leiden der jungen Wörter
    Nach Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werthers
    Von und mit Kristofer Gudmundsson, Frieder Hepting, Gesine Hohmann und Stephan Stock Lichtcoaching: Andreas Greiner und Raul Walch Produktionsleitung: Juliane Hahn
    Video und Fotos: Paula Reissig
    Eine Koproduktion von vorschlag:hammer mit dem Ringlokschuppen Ruhr in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
    Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
    Premiere im Ballhaus Ost war am 09.04.2014
    Termine: 08. und 09.05.2015 im Ringlokschuppen Mülheim/Ruhr

    Infos: http://www.vorschlag-hammer.de/
    http://www.ballhausost.de/produktionen/die-leiden-der-jungen-woerter/
    http://www.ringlokschuppen.de/

    Zuerst erschienen am 10.04.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Cobain – Montage of Heck, ein Dokumentarfilm von Brett Morgen über den charismatischen Kopf der US-amerikanischen Grunge-Band Nirvana

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    Image_001Neben Janis Joplin, Jim Morisson und Jimi Hendrix war Kurt Cobain, Sänger und Kopf der Anfang der 1990er Jahre recht erfolgreichen Grunge-Band Nirvana aus Seattle (Washington), das wohl bekannteste Mitglied im Klub, der mit 27 Jahren gestorbenen Rockmusiker – mit dem Unterschied, dass er selbst entscheidend daran mitgewirkt hatte. Am 5. April 1994 schoss sich Kurt Cobain, mit einer Selbstladeflinte in den Kopf. Vorangegangen waren Wochen der Abgeschiedenheit, Depressionen und Jahre des exzessiven Drogenmissbrauchs. Cobain, der Held einer ganzen Generation von Jugendlichen, schien den schnellen Ruhm und den Kult, der sich um ihn aufgebaute hatte, nicht verarbeiten zu können. Dokumentarfilmer Brett Morgen sucht in erster Line keine Erklärungen für den Tod Cobains, auch geht er keinen Verschwörungstheorien nach. Er zeigt in Cobain – Montage of Heck die andere, bisher kaum bekannte Seite des Rockstars, als sensiblen, vielseitig begabten Künstler, der als eigentlicher Outsider Zeit seines Lebens in der ihm zugedachten Leader-Rolle einer desillusionierten Jugend doch auch nur nach Normalität und Anerkennung suchte.

    Brett Morgen - Foto (c) Arts Alliance
    Brett Morgen
    Foto (c) Arts Alliance

    Dazu hat Brett Morgen die Erlaubnis der mitproduzierenden Cobain-Tochter Frances Bean erhalten, erstmals den in einem Lagerhaus befindlichen persönlichen Nachlass des Musikers zu sichten. Der 1967 in der Kleinstadt Aberdeen (Washington) geborene Kurt Cobain hat ein schier unermessliches Konvolut, bestehend aus Tagebuchaufzeichnungen, Demotapes mit Musik- und Sprachaufnahmen, sowie viele Zeichnungen, Comicgeschichten und andere Objekte der Bildenden Kunst hinterlassen. Dieses nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben, ist vielleicht der größte Verdienst des Filmprojekts von Brett Morgen. Den Titel für seinen Film entlehnte er einem der vielen Mixtapes von Kurt Cobain. Montage of Heck entstand ca. 1988 und enthält eine von Cobain kreierte Mischung aus manipulierten Radiomitschnitten, Geräuschen und eigenen Demoversionen. Und so hat auch Morgen seine Dokumentation aus Familienfotos, privaten Home-Videos, Konzertmitschnitten, Zeitungsartikeln und animierten Spielszenen (von Stefan Nadelman und Hisko Hulsing) aus dem Leben Kurt Cobains im wahrsten Sinne des Wortes montiert.

    Passagen aus Gesprächen, die der Regisseur mit den geschiedenen Eltern und der Schwester Cobains, dem ehemaligen Bandmitglied Krist Novoselic, der Freundin aus früheren Tagen Tracy Marander und natürlich Courtney Love, der in den Medien viel geschmähten Witwe des Rockmusikers, geführt hat, stehen wie beglaubigende O-Ton-Kommentare daneben. Der Zuschauer erfährt Details über die verkorkste Kindheit und Jugend Cobains. Fotos der Eltern lassen den American Way of Live der Fifties wieder auferstehen. Zwei, die jung geheiratet haben, im Glauben, die Liebe würde ewig halten, und sich dann doch auseinander lebten. Mutter und Vater erzählen aus heutiger Sicht über ihren Sohn, dessen Energie sie nicht zu bändigen vermochten. Kurt schwankt immer wieder unverstanden zwischen den Fronten, wird von Mutter über Vater zu den Großeltern weitergereicht. Die heile Familie, die er sich wünscht, und die sein Vater erst mit einer anderen Frau verwirklicht hat, bietet für den rebellierenden Außenseiter auf Dauer keinen Halt.

    Cobain - Montage of Heck - Foto (c) Arts Alliance
    Cobain – Montage of HeckFoto (c) Arts Alliance

    Chronologisch wird Kurt Cobain Werdegang bildlich nachvollzogen. Ausschnitte aus Home-Videos der Eltern zeigen Kurts frühes Talent zur künstlerischen Performance. Der Junge spielt auf der Gitarre, zeichnet viel und sucht unablässig nach Bestätigung. Dabei wirkte er oft auch sehr verletzlich. Der Ex-Nirvana-Bassist Novoselic weist auf diese Seite hin, wenn er darüber spricht, wie Cobain auf schlechte Kritiken reagierte und keinerlei Demütigungen ertragen konnte. Immer wieder zieht sich der Musiker tagelang zurück. In diesen introvertierten Phasen produziert Kurt Cobain aber den Großteil seiner Kunst. Die Energie dafür nimmt er förmlich aus dem Bauch. Songs aus dem Magen wie es Cobain, der seit frühster Jugend an unerklärlichen psychosomatischen Schmerzen leidet, nennt.

    Der schnelle Hype der Band Nirvana und der ganze darauf folgende Rock’n’Roll-Lifestyle scheinen ihn aber kaum zu interessieren. Bei den eingeblendeten Interviews wirkt Cobain oft wie abwesend, während Krist Novoselic eher das Image des coolen Underdogs pflegt. Nur in den Konzerten geht der Sänger und Bandleader sichtlich aus sich heraus. Dieses Abreagieren aufgestauter Aggressionen ist auch in den vielen Skizzen, dahingekritzelten Songtexten und teils sehr aggressiv wirkenden Comicstrips, die Morgen immer wieder in den Film einmontiert, erkennbar. Ein ebenfalls recht wirkungsvolles Mittel sind die künstlerisch animierten Tagebuchpassagen, die einen Einblick in die Gedankenwelt des jungen Kurt bieten.

    Cobain - Montage of Heck - Foto (c) Arts Alliance
    Cobain – Montage of HeckFoto (c) Arts Alliance

    Das Familienleben, das Kurt Cobain immer fehlte, scheint er dann in der Heirat mit der Rocksängerin Courtney Love endlich gefunden zu haben. Auch hier gibt es bisher nie gezeigtes Filmmaterial aus der heimischen Wohnung, das beide mit ihrer Tochter Francis Bean zeigen. Man scherzt miteinander, feiert Geburtstag und singt „Amazing Grace“. Aber auch hier scheint Kurt oft wie abwesend. Brett Morgen beteuert in einem zusätzlichen 12minütigen Interview zum Making Of, dass er den Film vor allem für Francis Bean gemacht habe. Sie hat dem Regisseur in dieser Hinsicht auch völlig vertraut. Morgen lässt die sehr intimen Bilder aus dem Familienvideos unkommentiert. Ob sie eine heile oder nur eine Scheinwelt zeigen, bleibt dem Empfinden des Betrachters überlassen. Dass das Paar lange Zeit heroinabhängig war, ist bekannt. Morgen lässt noch einmal in Zeitungsausschnitten die damalige Medien-Kampagne als beispielloses Zeichen einer Dämonisierung Revue passieren. Darüber scheint zumindest Kurt Cobain nicht hinweggekommen zu sein.

    Auf den Suizid selbst geht der Regisseur in seiner Dokumentation nicht mehr ein. Was aber auf keinen Fall zu kurz kommen darf, ist natürlich die Musik Kurt Cobains und seiner Band Nirvana. Brettt Morgen setzt an das Ende seines Films Ausschnitte aus der denkwürdigen MTV-Unplugged-Session im November 1993 in New York. Die letzte Tour der Band im März 1994 brach Cobain dann ab. Nirvanas größter Hit Smells like Teen Spirit ist zur Hymne der sogenannten Genration X geworden. Ob Kurt Cobain wirklich deren Sprecher war, oder nicht doch eher ein sensibler nach Anerkennung ringender Künstler und Mensch, kann nun anhand dieser Dokumentation nachvollzogen werden. „All in all is all we are.“

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    Cobain – Montage of Heck
    USA 2015, 135 Minuten
    Regie, Buch: Brett Morgen
    Kamera: James Whitaker, Eric Edwards, Nicole Hirsch Whitaker
    Schnitt: Joe Beshenkovsky, Brett Morgen
    Animation: Stefan Nadelman, Hisko Hulsing
    Musik: Kurt Cobain, Nirvana
    Produzenten: Brett Morgen, Danielle Renfrew Behrens
    Ausführende Produzenten: Frances Bean Cobain, Lawrence Mestel, David Byrnes
    Co-Produzent: James Smith
    Co-Executive Producer: David Morrison, Debra Eisenstadt
    Co-Produktion: Universal Pictures International Entertainment Content Group, London, HBO Documentary Films, Santa Monica
    Mit: Kurt Cobain, Wendy O’Connor, Don Cobain, Jenny Cobain, Kimberly Cobain, Tracy Marander, Krist Novoselic, Courtney Love

    Kinostart: ab 09.04.2015 für nur kurze Zeit in ausgewählten Kinos
    Fernsehpremiere auf HBO: 04.05.2015

    Infos: http://cobainfilm.com

    Zuerst erschienen am 08.04.2015 auf Kultura-Extra.

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