Blog

  • Geschichte und Geschichten von Revolutionären Straßen und Chausseen – Das Schauspiel Leipzig stellt die Spielzeit 2014/15 unter das Motto „Zeiten des Aufruhrs“.

    ___

    Zeiten des Aufruhrs – Der Roman Revolutionary Road des US-amerikanischen Autors Richard Yates in einer Bühnenfassung von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

    Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto St. B.
    …auf Leipziger Straßen?
    Foto: St. B.

    Zeiten des Aufruhrs – das klingt zunächst ziemlich groß. Doch die Revolutionary Road, wie der Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Yates im Original heißt, führt schnell und geradlinig in die Hölle der kleinbürgerlichen Vororte (Suburbias) von New York und macht auch keinen Hehl aus der Tristesse der Scheinidylle von grünen Vorgärten und schmucken Häuschen mit leicht individuellem Touch. Sie ist dem Regisseur und Leipziger Intendanten Enrico Lübbe, der nun stolz die erste Bühnenfassung des Romans am dortigen Schauspiel präsentiert, nicht einmal als Kulisse gut. Die leere Bühne zeigt nur ein riesiges Reklameschild, das ein Glück vom Häuschen im Grünen verheißt, inklusive billiger Zugfahrpreise. Nicht nur ein rein amerikanischer Traum der dortigen Mittelschicht, auch in Deutschland geht der Trend seit langem zum Arbeiten in der Stadt und Leben auf dem Land.

    Das musste man aber selbst Mitte der 1950er Jahre schon ernsthaft wollen. Die Wheelers (ein junges Paar mit erstem Kind und Abschlüssen an der Columbia-Universität in der Tasche) wollen hier nur kurz Atem schöpfen vorm ganz großen Durchstarten, vorzugsweise im alten Europa. Das dafür notwendige Geld verdient Frank Wheeler (Felix Axel Preißler) in einer Büromaschinenfirma in New York, in der schon sein Vater kurz vor einer hoffnungsvollen Karriere stand, die dann aber doch nie starteten wollte. Frank trägt sozusagen die Träume seines alten Herrn auf, ohne auch nur entfernt vorzuhaben, in dessen Fußstapfen zu treten. Es ist ein Job, der ihn nicht interessiert. Hier wird nur schnödes Anschauungsmaterial für den Verkauf gefertigt. Das Gehirn, so sagt er, gibt man in den Bürotowern von New York vorzugsweise am Empfang ab.

    Franks Frau April (Anja Schneider) hat eher künstlerische Ambitionen. Mit ihrem Mann und einer elenden Vorstadtlaienspieltruppe strandet ihr Talent an der Revolutionary Road. Hier grassiert der Virus des Scheiterns. Für den durchschlagenden Erfolg am Broadway reicht es dann wohl doch nicht aus. Ihr neues Projekt sind die mittlerweile zwei Kinder und Ehemann Frank, dem sie kurz entschlossen vorschlägt, sich Zeit zur Selbstfindung in Paris zu nehmen. Für den Lebensunterhalt will April nun ihrerseits in einem Bürojob sorgen. Der gar nicht so besonders ehrgeizige Frank muss dazu allerdings erst mit ein paar Drinks an seinem Geburtstag überredet werden, eher er ganz Feuer und Flamme auf den Tisch steigt.

    Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold
    Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
    Foto (C) Rolf Arnold

    Getrunken und geraucht wird hier viel. Man kennt das aus Fernsehserien wie Mad Men. Der Stil der Kostüme und Accessoires atmet ebenfalls dieses Flair. Als sparsame Requisiten dienen jedoch lediglich massenweise Flaschen und Gläser und ein paar Tische und Stühle, die Franks Büro bilden, oder die zum heimischen Esstisch zusammengeschoben werden. Was man nicht sieht, wird erzählt, bevorzugt an der Rampe, mal allein und mal mit dem ganzen Vorstadtpersonal. Zwischen den einzelnen Szenen geht bedeutungsvoll der Eiserne Vorhang rauf und runter. Dazu erklingt eine leicht melancholische Fahrstuhlmusik von Bert Wrede. Die hatte früher auch schon mal mehr Energie. Das alles erzeugt wenig Furor und legt sich mit der Zeit bleiern über die Inszenierung, die im dauernden Erzählstrom versandet. Kein Aufruhr nirgends, nicht mal im dahinrieselnden Stundenglas. Es zieht sich spürbar (Dauer: 3:40 h).

    Die direkte Kommunikation erschöpft sich in kurzen Gesprächen mit Franks Arbeitskollegen Jack (sonst unter dem Tisch liegend: Hartmut Neuber), der Sekretärin Maureen (Runa Pernoda Schaefer, auch mal auf dem Tisch), mit der Frank ein kurzes Verhältnis hat, und bei Abenden mit dem befreundeten Nachbarspaar Milly (Anne Cathrin Buhtz) und Shep Campbell (Wenzel Banneyer). Sie hat sich mit vier Kindern schon mehr oder weniger ihrem Vorstadtschicksal ergeben; er ist ein Meister im Verdrängen seiner Gedanken. Ansonsten hält man Smalltalk. Worüber Yates als guter Beobachter nüchtern und genauestens berichtet, lässt Lübbe nebenbei aufsagen.

    Einer eher intuitiv zusammengeschusterten Werbebroschüre hat es Frank dann doch zu verdanken, dass sein Chef (Matthias Hummitzsch) auf ihn aufmerksam wird, und ihm eine Aufstiegsmöglichkeit im nun in rechnergestützte Datenverarbeitung investierenden Unternehmen anbietet. Ein drittes Kind räumt Frank die Möglichkeit ein, die Pläne mit Paris nochmal zu überdenken. Ein Streit über eine von April geplante illegale Abtreibung lässt ihn sogar kurzzeitig als Sieger zurück. Frank trägt aber nicht allein nur die gemeinsamen Träume zu Grabe, er schaufelt auch ungewollt am Familiengrab. April wird bei dem Versuch, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, verbluten.

    Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold
    Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
    Foto (C) Rolf Arnold

    Höhepunkt der Vorlage wie der Inszenierung sind die Auftritte des als geisteskrank geltenden ehemaligen Hochschullehrers John Givings (Michael Pempelforth). Seine Mutter, die Immobilienmaklerin Mrs Givings (Jutta Richter-Haaser), hat ein Händchen für Häuser und die Angewohnheit viel nichts zusagen. Wo sie ihren Klappstuhl aufstellt, steht ihre Klappe nicht mehr still. Mr. Givings (Andreas Herrmann) zieht es vor, das Hörgerät auszuschalten. John Givings verfügt über die Gabe eines sicheren Seismographen für Lebenslügen, die er vor allem Frank ungefragt um die Ohren haut. Er wirkt wie ein Katalysator für das Einstürzen des Weehler’schen Lügengebäudes. Das über der Bühne hängende Werbeschild fällt daraufhin aus seinen Angeln, und die Schauspieler stellen in einem surrealen Traum mit riesigen Pappköpfen Szenen aus Aprils Kindheit dar. Auch ein Verweis auf die Vorwürfe Franks, sie sei emotional gestört.

    Wer die Verfilmung von Sam Mendes aus dem Jahre 2008 mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio kennt, wird hier so einiges wiederentdecken. Nur dass der Film wesentlich interessanter gebaut ist. Felix Axel Preißler verliert sich zunehmend im Nachahmen des berühmten Kinohelden, und Anja Schneider (mit Armin Petras vom Maxim Gorki Theater letztes Jahr nach Stuttgart gegangen) hat man noch nie so alleingelassen auf der Bühne gesehen. Das ist traurig und nicht nur allein dem Plot geschuldet. Hier opfert eine Frau ihr Leben für einen Mann, der das offensichtlich nicht verdient. Es stellt sich heraus, dass man sich nie wirklich gekannt hat. Sein Wunsch nach Normalität mündet im sicheren Vorstadtalltag. Ihre Illusionen enden tödlich. Enrico Lübbe übersetzt das in gediegene Betriebsroutine. So eignet sich die Inszenierung weder für eine feministische Aussage noch für eine tiefgreifende heutige Gesellschaftskritik.

    Man ahnt zumindest, dass Enrico Lübbe mit seiner historisierenden Inszenierung auch in diese Richtung denkt. Eine erste Übersetzung des Romans ins Deutsche erschien in den 1970er Jahren unter dem Titel Das Jahr der leeren Träume in der DDR. Eine Zeit, die in der Bundesrepublik durch das Ende der Träume der 68-Revolte geprägt war. Man zog sich ins Private zurück. Zurzeit erlebt die Gesellschaft einen vergleichbaren konservativen Rollback. Die traditionelle Rollenverteilung ist wieder im Kommen. Für diese revolutionäre Erkenntnis muss man aber nicht erst ins Theater gehen.

    ***

    ZEITEN DES AUFRUHRS (UA)
    Basierend auf dem Roman „Revolutionary Road“ von Richard Yates
    Fassung des Schauspiel Leipzig unter Verwendung der deutschen Übersetzung von Hans Wolf
    Regie: Enrico Lübbe
    Bühne: Raimund Orfeo Voigt
    Kostüme: Bianca Deigner
    Musik: Bert Wrede
    Dramaturgie: Torsten Buß, Alexander Elsner
    Licht: Carsten Rüger
    Mit: Wenzel Banneyer, Anne Cathrin Buhtz, Andreas Herrmann, Matthias Hummitzsch, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Jutta Richter-Haaser, Runa Pernoda Schaefer und Anja Schneider

    Spieldauer ca. 3:40, eine Pause

    Uraufführung am Schauspiel Leipzig war am 6. Dezember 2014

    Weitere Termine: 10. + 27. 12. 2014 / 18. 1., 13. + 20. 2., 14. 3., 5. 4., 20. 6. 2015

    Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

    Zuerst erschienen am 08.12.2014 auf Kultura-Extra.

    _

    ***

    Witzige Geschichtsaufarbeitung mit Heiner Müller am Schauspiel Leipzig – Phillip Preuss inszeniert auf der Hinterbühne Wolokolamsker Chaussee I-V

    Unter das Motto Zeiten des Aufruhrs hat das Schauspiel Leipzig auch seine zweite Spielzeit unter Enrico Lübbe gestellt, in der sich sowohl der Fall der Berliner Mauer im November 1989 als auch die im Oktober vorangegangenen friedlichen Protestdemonstrationen in der Stadt Leipzig zum 25. Mal jähren. Just in diese Zeit fiel auch eine Inszenierung von Heiner Müllers in fünf Lehrstücken angelegtes Drama Wolokolamsker Chaussee I-V. Daran versucht nun eine Neuinszenierung von Philipp Preuss auf der Hinterbühne des Schauspiels zu erinnern. Müller schrieb die Texte 1985-87 in Reaktion auf die durch Michail Gorbatschow eingeleitet Zeit von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Einer der Ausgangspunkte für die Ereignisse im Herbst ’89 in der ehemaligen DDR. Auch Heiner Müller sah die Situation reif für Veränderungen, allerdings nicht ohne aus der deutschen Vergangenheit zu lernen. „Das ist der Moment, wo wieder gelernt werden kann, gelernt werden muss.“

    Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold
    Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
    Foto © Rolf Arnold

    In den fünf Teilen greift Müller literarische Stoffe von Alexander Bek (dessen Roman Wolokolamsker Chaussee), Anna Seghers (Das Duell), Franz Kafka (Kentauren – ein Greulmärchen aus dem Sächsischen von Gregor Samsa) und Heinrich von Kleist (Der Findling) auf. Wie ein roter Faden zieht sich dabei von 1941 vor Moskau über 1953 in Ost-Berlin und 1968 in Prag bis in die 1980er Jahre der DDR das Motiv des Panzers, „der seine Kettenspur durch meinen Traum zieht“, wie es der junge Kommandeur einer sowjetischen Division im Kampf gegen die Deutschen vor Moskau auf der titelgebenden Wolokolamsker Chaussee – „zweitausend Kilometer weit Berlin, einhundertzwanzig Kilometer Moskau“ – berichtet. Phillip Preuss lässt sie gleich zu Beginn als Videoprojektion alter Filmdokumente über die Rückwand der Bühne fahren.

    Das Hervortreten und wieder Verschmelzen des Einzelnen im Kollektiv ist neben Macht und Verrat ein weiteres Thema in Müllers Fünfteiler. Regisseur Preuss lässt seine sechs Protagonisten (Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow) in Camouflage-Anzügen vor gleichgemusterter Tapete und Fußboden auftreten (Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht). Es ist die sog. Russische Eröffnung nach Beks‘ Roman, in der besagter Kommandeur aus verängstigten Individuen, die lieber in die russischen Wälder flüchten würden, ein Gemeinschaft formen muss. „Ich war ihr Kommandeur und meine Angst war / Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam / Die Front und von der Front die Deserteure“. Er statuiert schließlich ein Exempel und lässt einen Deserteur erschießen. Die Angst wird ihn weiter in seinen Träumen verfolgen.

    Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold
    Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
    Foto © Rolf Arnold

    Preuss lässt das chorisch oder mit wechselnden Stimmen vortragen. Die Darsteller stehen dabei mit dem Rücken zur Wand, mit der sie nun tatsächlich förmlich verschmelzen, oder sprechen direkt vor den Sitzreihen der Hinterbühne ins Publikum. Sie formen ein MG aus ihren Leibern und marschieren zum Rolling-Stones-Song „Sympathie for the Devil“. Als Schuss knallt ein Sektkorken. Der Zweifel über die Entscheidung klingt im fragenden Ton der Sprecher. Zwischen den einzelnen Teilen spielt Preuss per Video Interviewpassagen aus dem Making Of des Films Der Untergang als eine andere Art der kollektiven Geschichtsbildung ein. Die Darsteller performen das mit großen Mon-Chichhi-Köpfen.

    Preuss verlässt nun immer wieder die ernsthafte Bedeutungsebene von Müllers Texten zugunsten des Slapsticks. Zwischen Wolokolamsker Chaussee I und II schiebt er das Gesprächsduell eines Betriebsdirektors mit seinem Stellvertreter ein. Hier reflektiert Müller die Ereignisse um den 17. Juni 1953. Während der jünger Stellvertreter als Delegierter eines Streikkomitees vor dem älteren Direktor sitzt, hofft dieser, einst Nazi-Verfolgter, auf die sowjetischen Panzer als letztes Argument und Wiedergeburtshelfer der jungen Republik. Dabei sitzen sich Daniela Keckeis und Lisa Mies mit angeklebten Bärten gegenüber. Ihren Text sprechen die anderen aus dem Hintergrund und machen mit Mikros Geräusche. „Soll das ein Witz sein Willst du meinen Stuhl“, heißt es da. Ein grotesker Machtkampf, der laut furzend in die Hose geht.

    Danach geht es nochmal in die russischen Wälder zu choreografierten und von oben gefilmten Synchronschwimmeinlagen auf dem Camouflageboden. Die Darsteller bilden dabei mit Armen und Beinen lebende Blütengeflechte und auch mal den Sowjetstern, oder sie heben wechselseitig die Faust bzw. den ausgestreckten Arm. Die verlorengegangene Sowjetordnung und das Machtgefüge von Befehl und Gehorsam werden mit dem Degradieren eines pflichtvergessenen Sanitätsoffiziers wieder hergestellt. Für die hungernden Soldaten gibt es Blutsuppe aus Eimern, für die Toten ein Kyrie Eleison aus Mozarts Requiem. Den Ziehvater-Findling-Konflikt zwischen einem alten Kommunisten und Parteifunktionär und seinem abtrünnigen Sohn, der sich rund um den nächsten Panzereinsatz 1968 in Prag dreht, gibt es wieder als Wechsel aus Einzel- und Gruppenaufstellungen.

    Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig Foto: St. B.
    Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
    Foto: St. B.

    Bevor dann aber tatsächlich noch ein aufblasbarer Gummi-Panzer auf der Bühne erscheint, setzen sich die Spieler rauchend und Whiskey trinkend zusammen und lauschen der Einspielung einer Lesung, bei der Heiner Müller seinen Kentauren zum hörbaren Vergnügen seiner selbst und der dort Anwesenden humorvoll zum Besten gibt. Da wiehert fröhlich der Amtsschimmel – „Gefallen auf der Straße der Dialektik“. Die Farce um einen mit seinem Schreibtisch verwachsenen DDR-Ordnungshüters wird so ironisch noch auf die Spitze getrieben. Das toppt nur noch die abschließende Mon-Chichhi-Parade (Musik: Tocotronic), bei der schenkelklopfend DDR-Witze erzählt sowie leere Verpackungen von Konsumgütern (Marke West) ans Publikum verteilt und anschließend wieder eingesammelt werden. Die Fortsetzung der Müller’schen Geschichtsaufarbeitung als täglicher Krieg der uniformierten Warenwelt. Dabei geht dem Panzer als dialektischem Symbol der kapitalistischen Ökonomie so ziemlich die Luft aus. Wir lesen als Ausblick in die (nahe?) Zukunft an der Videowand: „Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus.“

    ***

    Wolokolamsker Chaussee I-V
    Von Heiner Müller
    Regie & Video: Philipp Preuss
    Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht
    Dramaturgie: Alexander Elsner, Christin Ihle
    Licht: Veit-Rüdiger Griess
    Mit: Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow
    Premiere: 10. Oktober 2014
    Gesehen auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig am 07.12.2014

    Spieldauer ca. 1:45, keine Pause

    Premiere auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig war am 10.10.2014

    Termine: 29.12.2014, 24.01, 08.02. und 15.03.2014

    Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/hinterbuehne/inszenierungen/wolokolamsker-chaussee-i-v/

    Zuerst erschienen am 10.12.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • BAAL der Viechsmensch – In den Kammerspielen des DT inszeniert Stefan Pucher das spätexpressionistische Frühwerk des jungen Bertolt Brecht.

    ___

    In der Folge, in der sich die Lage der kapitalistischen Gesellschaft verschärft, drängt auch ihr schärfster Kritiker, der Dichter Bertolt Brecht, wieder auf die deutschsprachigen Bühnen. Es ist nicht allein das dramatische Erbe, dem sich (wie am Berliner Ensemble) die Regisseure zusehends verpflichtet sehen, sondern die Zeitlosigkeit der Themen, die Brecht in seinen Stücken behandelt, ihre dialektische Aufarbeitung samt treffenden Kommentaren zur Lage der Gesellschaft, die sich zur aktuellen künstlerischen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen marktorientiert ausgerichteter Politik anbieten. Das Deutsche Theater unter Ulrich Khuon hatte bei der Auswahl der Stücke und den darauf folgenden Inszenierungen bisher eigentlich ein gutes Händchen. Verwiesen sei dabei auf Nicolas Stemanns leicht ironisch diskursive Heilige Johanna der Schlachthöfe oder die Übernahme Michael Thalheimers kraftvoller Inszenierung Herr Puntila und sein Knecht Matti vom Thalia Theater in Hamburg.

    *

    Baal - Foto DT-Schaukasten
    BaalFoto DT-Schaukasten

    Es war ein regelrechtes Brecht-Jahr 2009 am DT. Und auch Brechts „Viechsmensch“ Baal schaffte es da schon einmal in Gestalt des sportiven Springteufelchens Mirco Kreibich in der Regie von Christoph Mehler auf die Bühne der Kammerspiele. Nun, fünf Jahre später, hat Stefan Pucher das frühe Brecht-Stück erneut in den Kammerspielen des DT inszeniert. Der Regisseur ist bekannt für seinen ausladenden Breitwand-Stil mit Kino-Zitaten und poppigen Settings, wie etwa in seiner Feme-Version der Elektra des Sophokles oder der stildesignten Hedda Gabler von Henrik Ibsen aus der letzten Spielzeit des DT. Dass er das auch mit Brechts vollkommen Ich-süchtigem, alles vertilgenden Menschenverbraucher Baal, der sich sicher ebenso gut für eine bunte Revue enteignen ließe, an den vergleichsweise kleinen Kammerspielen versuchen würde, lag nahe, hat sich aber erstaunlicher Weise doch nicht so bewahrheitet.

    Relativ stilsicher geht Pucher allerdings auch diesmal zu Werk. In großen Versalien ist schon zu Beginn auf der Videoleinwand der kommende Protagonist angekündigt. Ein Dichterturm mit Ausguck, auskragenden Stegen und einem leeren Raum im unteren Teil steht konzentrisch auf der Drehbühne. Das Bühnenbild von Barbara Enes begrenzen zwei sitzende überlebensgroße Nacktstatuen auf hohen Sockeln. Auftritt Christoph Franken als Baal im Harlekinkostüm (Annabelle Witt). Ein müder Clown, der seinen „Choral vom großen Baal“ trotzig betonungslos ins Publikum rotzt. Der Kloß, der nach Brechts Ankündigung am Himmel Fettflecken hinterlassen soll, ist nicht gerade ein maitoller Bursche, sondern schiebt eher gewaltigen Novemberfrust. Nach getaner Arbeit verzieht er sich in seinen Künstlerturm, frisst, säuft (Tanzen kommt später) und wartet auf die Verklärung in Form von Lobhudeleien der Gäste seines Chefs Mäch (Daniel Hoevels im Entertainerfrack). Auch diese sind als Clowns verkleidet und fangen das andere Publikum mit der Handykamera ein. Ja, da sind wohl auch wir gemeint.

    Pucher macht das Theater um den Künstler Baal zum großen Groupie-Zirkus um einen Flegel mit fettigem Langhaar, der mit Hühnerbeinen und Fäkallyrik um sich wirft. Von Anbeginn eher Attitüde als Ausdruck einer echten Normüberschreitung. „Orge sagte mir: der liebste Ort / Auf Erden war ihm immer der Abort.“ singt man hier brav, gemäß Brecht’schem Vorbild, begleitet von der Hammondorgel des Livemusikers Michael Mühlhaus. Franken spielt das allerdings gut, wie er sich immer wieder in Pose wirft und mit den Pfunden seines voluminösen Körpers wuchert. Mann und Frau muss sich zu ihm hinaufbemühen, wie er dort auf seinem Ansitz lauert und gnadenlos Kasse macht.

    Denn ansonsten nimmt es der Dichter im Stück des jungen Brecht nämlich eher vom Lebendigen. Er benutzt und demütigt etliche Frauen, darunter die seines Chefs sowie die fünfzehnjährige Johanna, Freundin seines Jüngers Johannes, wirft sie anschließend wieder weg (Johanna geht darauf ins Wasser) und fängt sich die Schauspielerin Sophie Dechant zur Anbetung ein. Anita Vulesica und DT-Neuzugang Tabea Bettin spielen das meist demütig, mal in weißem oder schwarzem Büßerkleid. Ihrer überdrüssig geht Baal mit Saufkumpan und Musiker Ekart (Felix Knopp ganz in geheimnisvollem Schwarz) auf Trebe und will die schwangere Dechant an seinem Busenfreund abtreten, den er später als Konkurrent aus dem Weg räumt, wie er zuvor dessen Freundin erwürgt hatte. Auf der Flucht kehrt Baal wieder in die Wälder zu den Holzfällern zurück, die er zuvor schon um ein Fass Brantwein prellte, und verreckt dort allein in einer Hütte.

    Baal in den Kammerspielen des DT - Foto (C) Arno Declair
    Baal in den Kammerspielen des DT – Foto (C) Arno Declair

    Bei Stefan Pucher laufen die Szenen wie ein Stationen-Drama chronologisch hintereinander ab. Man könnte auch sagen: kurzer Aufstieg und andauernder Niedergang eines wütenden Genies. Die überquellende Naturlyrik Brechts kontrastiert Pucher mit formeller Strenge ohne einen Anflug wirklicher Ironie. Er bleibt dabei erstaunlich werktreu. Dazwischen Videosequenzen von Chris Kondek, die das Gesagte bebildern (Franken ist eine Orange, wenn von schießenden Säften die Rede ist) und zusätzlich überhöhen, aber auch nicht weiter stören. Ein stetiger Wechsel der Stile, von allem was das Theater so zu bieten hat. Betreibt Brecht stilistisch expressionistische Leichenfledderei und setzt dem Pathos etwas wirklich Vitales entgegen, macht Pucher aus Baals Genusssucht und Hang zur Ausschweifung eine auf böse geschminkte Karikatur und zitiert vom romantischen Märchen bis zum Hollywoodfilm, was ihm gerade passend erscheint. Er lässt Bären in der Holzfällerszene auftreten, steckt Franken in ein Gorillakostüm und gibt ihm auch noch eine weiße Frau in die Hand. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes das Tier erst von der Leine gelassen und später wieder eingefangen.

    Baal ist bei Pucher auch der verzweifelte Kindskopf mit dem Fettherzen, der sich von seiner Mutter terrorisiert fühlt. Er rappt sich die Seele aus dem Leib. „Ohne Schnaps keine Lyrik.“ Die Angst vor dem weißen Papier, das sich in der Flasche spiegelt. Franken tobt und schwitzt in seiner Dichterhöhle Schnaps und Text. Baal flieht das Kabarett als tägliche Tretmühle des Broterwerbs, macht sich nackt und frei. Die Kunst als treibende und sich schlussendlich selbstverzehrende Kraft. Der Zwiespalt des Künstlers als Süchtiger, der ohne dem nichts schaffen kann und mit seiner Sucht zu Grunde geht. Satt kann er nimmer werden. Auch ein Verweis auf die kreative Selbstzerstörung. Neuester Beweis: die Bekenntnisse des Filmregisseurs Lars von Trier über seinen Alkoholmissbrauch. Letztendlich wie Brechts Baal ein Bürgerschreck, der verstört und damit doch nur die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt.

    Am Ende zwängt sich Baal, der aufgedunsene Kosmos, der Sonne schnaufen wollte, selbst in den Frack. Die Transformation Baals vom wollüstigen, bösen Joker zum traurigen Beckett-Clown. Die Inszenierung ist da auch wie eine zynische Parodie auf das Theater und dessen Wirkung selbst. Was aber trotz aufopferungsvollem Spiel aller wieder hinten runterfällt, ist Brechts 1954 bei der Durchsicht seiner Stücke gewonnene Erkenntnis, sein Baal sei auch die Setzung eines Ichs „gegen die Zumutungen und Entmutigungen der Welt“. Der befehdete Künstler in der kapitalistischen Welt, „die nur eine ausbeutbare Produktivität anerkennt“. Bei Pucher bleibt es die reine Not des prekären Künstlers als Außenseiterfigur im Spiegel der ihn umflirrenden Schickeria, die (wer auch immer das heute ist) sich gern mit ihm schmückt, ihn aber sofort bei Missfallen auch wieder fallen lässt. Ein Ringen um Anerkennung, finanzielles Auskommen, gepaart mit dem Druck aufzufallen um jeden Preis. Anziehungskraft und Befremden in einer Person. Dafür ist Brechts Baal noch und Puchers Inszenierung als Referenz sehr gut. Es scheint jedoch, als hätte uns gesamtgesellschaftlich, oder gar politisch gesehen, dieser Baal heute nicht mehr allzu viel zu sagen.

    ***

    Baal im DT - Nov. 2014
    von Bertolt Brecht
    Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Claus Caesar.
    Mit: Christoph Franken, Anita Vulesica, Daniel Hoevels, Tabea Bettin, Felix Knopp, Michael Mühlhaus.

    Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

    Termine: 13. und 26.12. 2014 / 06. und 18.01.2015

    Info: http://www.deutschestheater.de

    Zuerst veröffentlicht am 03.12.2014 auf Kultur-Extra.

    __________

  • Die Körpertechnik der Erinnerung – In „The Past“ zeigen Constanza Macras und Dorky Park an der Berliner Schaubühne getanzte Erinnerungsbilder.

    ___

    Constanza Macras bringt mit ihrem kraftvollen Bewegungstheater seit Jahren Stadtlandschaften und Bewohner auf die Bühne und zum Tanzen. Seien es die Gated Communities in Brickland, die meandernden Metropolen mit ihren unkontrolliert ausfransenden Rändern in Megalopolis oder die moderne globale Großstadt schlechthin wie in Berlin Elsewhere. Im letzten Jahr bespielte sie mit ihrer internationalen Compagnie DorkyPark sogar den Köpenicker Müggelwald. Die argentinische Choreografin legt mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder ihre Tanztheaterprojekte an der Berliner Schaubühne vor.

    *

    the_past4_Miki Shoji, Luc Guiol_Foto (c) Thomas Aurin
    The Past von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchi
    Foto (C) Thomas Aurin

    Nun betreibt sie mit The Past in Kooperation mit dem Europäisches Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau getanzte Erinnerungskultur. Und auch hier dreht es sich wieder um Stadträume. Unsere Erinnerungen orientieren sich immer auch an bestimmten Bildern von vergangener Architektur, Symbolen und Räumen, in denen wir aufgewachsen sind. Wir verbinden diese gewohnten Bilder mit unserer eigenen Geschichte. Persönlich abgespeicherte Eindrücke aus der Vergangenheit bilden irgendwann das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation oder der Bevölkerung einer Stadt bzw. eines Landes. Verschwinden diese Orte, sei es durch den modernen Wandel und Umbau oder z.B. auch eine durch Krieg hervorgerufene Katastrophe, entstehen nicht nur räumliche Lücken, die mit der Zeit nach und nach wieder neu gefüllt werden, sondern u.a. auch unwiederbringliche Lücken im Gedächtnis.

    Im Speziellen geht es in The Past um die schreckliche Bombennacht des 13. Februar 1945, in der Dresden durch alliiertes Bombardement zerstört wurde. Constanza Macras hat Geschichten Überlebender gesammelt, die sie mal im O-Ton einspielt oder durch ihre Tänzer erzählen lässt. Als philosophischen Überbau gibt es neben der choreografierten Umsetzung in wieder sehr spezifische Tanzfiguren auch einen kleinen Vortrag über Erinnerungstechniken, nach dem lateinischen ars memoriae auch die Kunst der Erinnerung oder aus dem Griechischen kurz Mnemonik genannt.

    Der Tänzer Luc Guiol geht in seinem recht umfassenden Bericht zu den Wurzeln der Gedächtniskunst und ihren Techniken, die bis zum griechischen Dichter und Staatsmann der Antike Simonides von Keos zurückreichen, der nach dem Einsturz einer Festhalle durch das Erinnern der Sitzplätze der Gäste an der Tafel, deren Leichen identifizieren konnte. Eine etwas makabre Verbindung zur Erinnerung an die Dresdner Bombennacht. Im antiken Flötenchor sitzen die Tänzer irgendwann auch mal im Halbkreis und intonieren ein sirenenartiges Pfeifkonzert. Auch ein Ton der sich diesbezüglich aufdrängt und einprägt.

    Weiterhin erfahren wir etwas über die Art der Erinnerung in den verschiedenen Kulturepochen, die mnemotechnischen Mentalfaktoren und die Anwendung der antiken Loci-Technik, bei der sich Text in bestimmten Räumen gemerkt wird und dann später durch die Bilder der Architektur wieder abgerufen werden kann, zum Beispiel auch die einer Treppe, über die der Vortragende ständig stolpert. Wohl ein ironischer Verweis auf die Tücken jeder Methode zur genauen Erinnerung. In seiner Ausführlichkeit lenkt das allerdings ein wenig vom eigentlichen Tanztheater ab. Man könnte die Theorie auch in dem begleitenden Programmheft nachlesen, zumal einem das Wissen darüber nicht die eigene Fähigkeit zur direkten Assoziation der Bilder auf der Bühne abnimmt. Dazu haben Laura Gamberg und Chika Takabayashi ein Gerüst mit mehreren Ebenen, Dachbalken und abgehängten Gazevorhängen und Tapetenmustern auf die Bühne gestellt. Eine fragmentarische Raumskulptur die sich bestens für die sehr artistischen Tanzeinlagen der Truppe eignet.

    The Past von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchiin - Foto (C) Thomas Aurin
    The Past von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchi
    Foto (C) Thomas Aurin

    Parallel zu den recht emotionalen Erinnerungssplittern der Zeitzeugen aus ihrer Kindheit, die von Spielen, Tanzvergnügen aber auch Tod, Zerstörung und der Leistung des Wiederaufbaus erzählen, stehen andere Texte der Performer über ein nach der Wende verschwundenes Lenindenkmal, die Veränderung der Stadt durch Gentrifizierung und die Verdrängung der alten Bevölkerung durch Neuzuzug in historische Stadtviertel. Aber nebenbei läuft hier auch noch ein ganz eigener Film ab. Ständige Wechsel in Tempi, Kostümen und Tanzstilen schaffen zunächst Verwirrung und fordern dadurch die volle Konzentration des Publikums auf die einzeln oder in Gruppen agierenden Tänzer. In Choreografien aus akrobatischen Verwindungen, Paar- und Soloeinlagen, rhythmischem Breakdance sowie kleinen komödiantischen Spielszenen verarbeiten die Tänzer Techniken lokaler raumgreifender Erinnerungsarbeit, die bis ins Private hinein wirken.

    Ein Fliehen und Fangen, Springen und Stürzen. Ein Treiben in der Zeit und aus der Zeit fallen. Constanza Macras schwelgt in einem schier unendlichen Ideenreichtum. Dem Bewegungsdrang ihrer Tänzer sind da kaum Grenzen gesetzt. Sie agieren durchweg technisch und künstlerisch auf ziemlich hohem Niveau. Dazu hat der italienische Komponist Oscar Bianchi einen recht minimalistisch experimentellen Sound komponiert, der durch die Musiker Miako Klein und Michael Weilacher mit Klang- und Schlagwerken, Violine sowie anderen alternativen Streich- und Blasinstrumenten erzeugt wird. Ein sphärischer Soundtrack zwischen Himmel und hereinbrechendem Inferno.

    Eine große Windmaschine, die voll aufgedreht das Dröhnen von Flugzeugmotoren imitiert, weht nach und nach alle Protagonisten von der Fläche und hebt die Ordnung der Dinge und Plätze endgültig auf. Der bereits anfangs mit unglaublich gelenkigen Körperverwicklungen aufgefallene Nile Koetting stemmt sich nun mit flatterndem Gewand allein der Kraft des Windes entgegen. Man muss unweigerlich an Walter Benjamin – auch ein großer Erinnerungstheoretiker – denken und seinen Engel der Geschichte, den der Sturm des Fortschritts unaufhörlich in die Zukunft treibt, während sich vor ihm die Trümmer der menschlichen Katastrophen auftürmen.

    *

    Im Frühjahr 2016 soll der zweite Teil der Produktion uraufgeführt werden, der sich mit der Entkoppelung von Erinnerungen und Orten im digitalen Zeitalter beschäftigen soll. Ein Thema, mit dem sich ja bereits auch Falk Richter und TOTAL BRUTAL in Never Forever auseinandergesetzt haben. Die Schaubühne erweist sich hier zumindest tänzerisch voll auf der Höhe der Zeit.

    ***

    The Past (UA)
    von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchi
    Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden in Koproduktion mit der Schaubühne Berlin. Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes. Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.
    Regie/Choreographie: Constanza Macras
    Musik/Komposition: Oscar Bianchi
    Bühne: Laura Gamberg / Chika Takabayashi
    Kostüme: Allie Saunders
    Kostüm-Assistenz: Daphna Munz
    Dramaturgie: Carmen Mehnert
    Licht: Sergio de Carvalho Pessanha
    Ton: Stephan Wöhrmann
    Produktion: Katharina Wallisch
    Produktionbüro: René Dombrowski
    Von/Mit: Louis Becker, Emil Bordás, Fernanda Farah, Luc Guiol, Miako Klein, Nile Koetting, Johanna Lemke, Ana Mondini, Felix Saalmann, Miki Shoji, Michael Weilacher
    Musiker: Miako Klein / Michael Weilacher

    Termine: 29.01. und 30.01.2015

    Infos: www.hellerau.org
    www.schaubuehne.de
    www.dorkypark.org

    Zuerst erschienen am 02.12.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Schmalhans Küchen(Psycho)meister – Stephan Kimming inszeniert am Deutschen Theater Ibsens „Frau vom Meer“ als halbgare Beziehungssuppe im Halbdunkel.

    ___

    Laut Intendant Ulrich Khuon und Schauspieler Ulrich Matthes hat das Deutsche Theater das wohl in der Breite stärkste Ensemble der Stadt Berlin und auch was das Angebot betrifft ist man nicht auf eine Marke oder ein bestimmtes Konzept festgelegt. Die beiden sprachen erst vor einigen Tagen mit den Theaterkritikern Christine Wahl und Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel. Der Zeitpunkt dafür konnte besser nicht gewählt sein, stehen doch noch vier große Premieren bis zum Jahreswechsel an. Da versichert man sich gern des gegenseitigen Wohlwollens. Das DT ist ganz passabel in die neue Spielzeit gestartet und die Kritik honorierte dies durchaus, was allerdings nicht immer so war. Besonders die beiden Hausregisseure Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig haben sich in früheren Interviews über die Stimmung in Berlin beschwert. Man freue sich nicht mehr so wie beispielsweise noch in Hamburg auf die Premieren. „Da gibt es viele Versuche, uns anzupissen.“

    Das wollten die DT-Granden Khuon und Matthes natürlich nicht so stehen lassen. „Selbstbewusst und manchmal ein bisschen zu kulturpolitisch“ sei die Kritik schon, aber „In der Mehrzahl finde ich sie okay.“ gibt Ulrich Matthes zu Protokoll. Intendant Khuon schiebt die Breitseite auf die genannten Regisseure vor allem auf die hohe Erwartungshaltung der Kritiker bei der Vielzahl der Theatererfahrungen im „Feinschmeckerparadies“ Berlin. Wörtlich: „Wenn ich jeden zweiten Abend ein Spitzenrestaurant beurteilen soll, ist das natürlich anstrengend.“ Das hieße, die Kritikerschar der Hauptstadt wäre nahezu übersättigt an der gebotenen Haute cuisine. Dabei fühlen sich, und nicht nur aus der Sicht der beiden Tagesspiegel-Feuilletonisten, doch einige Aufführungen eher wie Kantine an.

    Und ja, es fehlt, abgesehen von der außerordentlichen Leistung des Ensembles um die Inszenierung von Beckets Warten auf Godot, mal wieder ein ganz besonderer Leckerbissen auf der Traditionsbühne an der Schuhmannstraße. Eine besondere Tradition hat hier vor allem die Pflegte des naturalistischen Theatererbes. Da wäre neben dem deutschen Vertreter des realistischen Gesellschaftsdramas Gerhart Hauptmann allen voran natürlich der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen zu nennen. Dessen große Feme fatale Hedda Gabler hatte in der vorletzten Spielzeit bereits Stefan Pucher mit Nina Hoss in der Hauptrolle ironisch im Breitwandformat abgefrühstückt.

    *

    Die Frau vom Meer  Foto DT-Schaukasten
    Die Frau vom Meer
    Foto DT-Schaukasten

    Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und das nun auch in der neuen Inszenierung von Theaterkoch Stephan Kimmig. Allerdings erst am Ende einer zweistündigen in der Tat recht halbgaren und konzeptlosen Aufführung von Ibsens symbolistisch aufgeladener Frau vom Meer. Kimmig hat die Hauptrolle der Ellida Wangel mit Susanne Wolff besetzt. Die äußerst dynamische und kraftvolle Schauspielerin hat immer wieder in Inszenierungen des Regisseurs brilliert. Neben ihr, auch nicht zum ersten Mal bei Kimmig, Steven Scharf von den Münchner Kammerspielen als Doktor Wangel. Der Schauspieler wird in der nächsten Spielzeit ganz ins Ensemble des DT wechseln. Mit Sicherheit eine weitere Bereicherung, nicht nur in der Breite.

    Möchte Hedda Gabler gern selbstbewusst Schicksal spielen, glaubt Ellida Wangel, die „Frau vom Meer“, wie sie genannte wird, an das Wirken schicksalhafter Kräfte. Die Tochter eines Leuchtturmwärters fühlt sich zum Urelement Wasser in Form des wilden Meeres hingezogen. Einst liebte sie einen finnischen Seemann, der sie mit zusammengeketteten Ringen, die er ins Wasser warf, an sich und das Meer binden wollte. Wegen eines Mordes musste der Seemann fliehen, und Ellida bricht das Versprechen, indem sie den verwitweten Lungenarzt Dr. Wangel ehelicht und mit ihm in einen Badeort ans Ende eines Fjords zieht. Die Ehe ist von Anfang an belastet. Wangel suchte nur den Ersatz für seine verstorbene Frau und auch die Töchter Bolette und Hilde können den Tod der Mutter nicht verwinden. Bei Kimmig führen sie regelrechte Séancen bei Kerzenschein auf. Ellida kann ihren Seemann nicht vergessen, von dem sie ein Kind bekam, das kurz nach der Geburt starb. Seitdem ist die Ehe mit Wangel nicht mehr vollzogen worden und der Doktor mit seinem Latein am Ende.

    Stephan Kimmig lässt die vertrackte Beziehungskiste auf offener Bühne und in einem drehbaren Bungalow mit Glasfront spielen. Es ist die meiste Zeit recht dunkel und vor allem sehr geheimnisvoll. Dazu dräut sphärische Popmusik, die nur ab und zu durch ein paar Technobeats der jungen Leute übertönt wird, die sich ausgiebig dem Tanzen widmen, sonst jede Menge Neurosen pflegen und bereits beginnen, sich mit den nötigen Lebenslügen selbst zu versorgen. Die ältere Tochter Bolette (Franziska Machens) will raus aus der Enge, dazu fehlt es allerdings an Geld und dem notwendigen Sponsor. Der verträumte, lungenkranke Maler Lyngstrand (Benjamin Lillie) ist da nur eine kurze Episode, weil er wegen seines „Knacks“ in der Brust eh bald verreckt, wie die junge, wilde Hilde (Lisa Hrdina) spitz bemerkt. Ebenfalls ohne finanzielle Zukunft ist der Möchtegern-Bildhauer Ballested (Timo Weisschnur), und muss daher den Tanzlehrer und sprachbegabten Conférencier der Mädchen mimen.

    Das Stück atmet ordentlich alten Gesellschaftsmief, dem Ibsen nur die nach Freiheit ringende, allerdings stets am Rande des Schwermuts treibende Ellida gegenüber stellt. Jedoch auch sie bleibt in ihrer Schicksalsgläubigkeit verhaftet, den Ausbruch erst wagend, als der Seemann plötzlich, wie in Lyngstrands Schauergeschichte vom Orkan prophezeit, wieder erscheint. Das wird der höchst nervösen Frau allerdings als reichlich krank ausgelegt. Die Psychomacke scheint hier aber generell jeden befallen zu haben. Es herrscht eine stets gereizte Stimmung, die sich immer wieder in Verbal-Attacken und Aggressionen und Körperclownerien steigert. Psychopharmaka fänden hier reißenden Absatz. Allerdings bekommt die nur Ellida von ihrem Mann verabreicht. Dazu erschreckt Wangel sie höchst persönlich als fremder Seebär, indem er sich einfach eine Wollmütze überstülpt. Ein Geist, eine Ausgeburt der kranken Phantasie? Was auch immer dieser Besetzungscoup bedeuten soll.

    Der vom Doktor herbeigeholte alte Hauslehrer der Mädchen Arnholm (Michael Goldmann) ist auch keine große Hilfe, da er selbst ziemlich angenervt sein Heil im Liebeskauf der verzweifelten Bolette sucht und auch prompt findet. Der Frau vom Meer bleibt da nur die Flucht in den gebückten Möwenschrei. Stephan Kimmig scheint zu all dem selbst kein richtiges Verhältnis gefunden zu haben und flüchtet sich in Andeutungen. Es will so recht nicht einleuchten, dass nach dieser halbgaren Mystery-Soap plötzlich das reinigende Gespräch zu Tisch erfolgt. Der Casus Knaxsus dabei ist, dass Ibsen die Läuterung seiner Protagonistin vorsieht, die, nachdem sie vom Doktor doch noch die Freiheit erhält, sich nun selbst in Rührung frei für ihn entscheidet. Das geht heute nach der Vorgeschichte aus feministischer Sicht so nicht mehr als glaubwürdig durch. Kimmig streicht daher den Schmuseschluss und lässt seine Ellida einfach abgehen. Zurück bleibt ein Suppe löffelnder von Liebe stammelnder Doktor Wangel.

    Zu der Idee muss man tatsächlich das Programmheft lesen, um es halbwegs zu kapieren, warum die da oben den halben Abend lang psychologisch animierte Körpergymnastik aufführen und nach zwei Stunden Tappen im Halbdunkel, einem Teller Suppe und zwei Glas Rotwein das Licht ganz ausgedreht wird. Es erschließt sich nicht, warum die Figuren handeln, wie sie handeln und der Waschlappen Wangel nach der Suppe der Erkenntnis das Handtuch wirft. Um es mit dem alten Fontane zu sagen: “Es geht, aber es geht mir zu flink.” Womit nicht das sich schier endlos ziehende, aggressiv fahrige Vorspiel zum Trennungssouper gemeint ist. Dass das alles noch halbwegs genießbar ist, liegt sicher an den beiden Hauptdarstellern. Chefkoch Stephan Kimmig hat dazu nicht allzu viel beigetragen.

    ***

    Die Frau vom Meer
    von Henrik Ibsen
    Premiere: 26. November 2014
    Regie; Stephan Kimmig
    Bühne: Katja Haß
    Kostüme: Anja Rabes
    Musik: Michael Verhovec
    Dramaturgie: Sonja Anders
    Mit: Steven Scharf (Doktor Wangel), Susanne Wolff (Ellida Wangel), Franziska Machens (Bolette), Lisa Hrdina (Hilde), Michael Goldberg (Oberlehrer Arnholm), Benjamin Lillie (Lyngstrand), Timo Weisschnur (Ballested)

    Termine: 06., 19. und 26.12. 2014

    Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/die_frau_vom_meer/

    Zuerst erschienen am 29.11.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Die Schönheit von Ost-Berlin – Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage von Bastian Kraft an den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

    ___

    „1. irgendwer hat den leuten eingeredet, wir alle müssen sterben. das ist natürlich völliger humbug.

    2. keiner stirbt, wenn er nicht will, und jeder lebt, solange er weitermacht. das problem ist: die leute machen nicht.“

    Ronald M. Schernikau, aus: legende


    25 Jahre ist es nun her, dass im November 1989 die Berliner Mauer fiel. Für den jungen Schriftsteller Roland M. Schernikau ein Akt der Konterrevolution. In einer vielbeachteten Rede 1990 auf dem Kongress des Schriftstellerverbands der DDR gab er seiner Verblüffung Ausdruck über „die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten.“ Für Verblüffung sorgte auch ein Jahr zuvor Schernikaus Einreise aus dem Westen in sein Sehnsuchtsland DDR. „Eine seltsame Vorstellung,“ vermerkt die mit ihm korrespondierende Elfriede Jelinek „wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.”

    *

    Die Schönheit von Ostberlin am DT - Foto Schaukasten
    Die Schönheit von Ostberlin am DT –
    Foto Schaukasten

    „schreiben schwulsein kommunist sein – glaube liebe hoffnung – kindlich tuntig selbstbewusßt.” Das waren für Roland M. Schernikau keine Gegensätze. Er machte es ohne Umschweife vor, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zum Vorbild oder zur Provokation? Zumindest reicht es zur Legende, wie sich auch sein letzter Roman nennt, der auch zu seinem Vermächtnis wurde. 1991 starb Schernikau 31jährig in Ost-Berlin an AIDS. Wie schon in Schernikau.Sehnsuchtsland, einer dreiseitigen Annäherung an den schwulen Autor von PortFolio Inc. 2010 im Theater unterm Dach, versucht nun auch Regisseur Bastian Kraft mit seiner Ronald-M.-Schernikau-Collage Die Schönheit von Ost-Berlin an den Kammerspielen des DT hinter das Geheimnis dieser schillernden Persönlichkeit im grauen Vorwende-Ost-Berlin zu kommen.

    Stand die Rede von der Konterrevolution im Theater unterm Dach noch am Ende der theatralen Befragung, stellt sie Bastian Kraft im Deutschen Theater ganz an den Anfang. In szenischen Rückblenden nähert er sich dann dem Leben des Ronald M. Schernikau. Dazu hat Peter Baur eine kleine Insel (Inselstadt West-Berlin!) auf die Bühne gestellt, bestehend aus Klavier, Klappcouch, Laterne, Globus und dem Benz, in dessen Kofferraum der 6jährige mit seiner Mutter 1966 in den Westen flüchtete. Im Inneren drehen sich Literatur-, Polit- und Pop-Ikonen aus der Geschichte um eine Kamera, deren Bilder auf die Bühnenrückwand projiziert werden. Karl Marx, Che Guevara, Peter Hacks, Heiner Müller, Andy Warhol, Kati Witt und Bruce Lee – ein Mont Klamott der Kinderzimmeridole gemischt mit politischer Symbolik und Zeitungsmaterial.

    Dazu singt vom Band Regine Dobberschütz von Solo-Sunny‘s Traum „of the Golden Girls and the Men so strong“. Der Titelsong des gleichnamigen DEFA-Kultfilms. Ein Anflug von Ostalgie, dem sogleich der Mief der westdeutschen Provinz entgegenweht. Erste schwule Teenagererlebnisse aus dem Erstling Kleinstadtnovelle des 19jährigen Autors. Ein Coming-of-Age-Roman als Coming out unter Spießern. Das spielen hier Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer und Bernd Moss, die sich als Schernikau-Doubles mit Brille und Langhaarperücke alle Rollen dieser Schernikau-Biopic-Revue teilen. Und ohne Musik geht hier nichts. Der junge Schernikau wäre gern selbst ein Schlagerstar. Es ist ihm schwules Bedürfnis auf die Bühne zu stehen. Marylin Monroe, die Kneef, Nina Hagen, es sind die Diven der Punk-, Schlager- und Schwulenszene, die es Schernikau angetan haben. Er schreibt für Marianne Rosenberg den Song Amerika und beschreibt in ein lied für rostock die fiktive Teilnahme der DDR am Grand Prix mit einem Song von Aurora Lacasa. Alles ist wunderbar in der DDR gewinnt haushoch. Ost- wie westdeutsch gleichermaßen sozialisiert, fühlt sich der junge Autor schon bald selbst wie die Milva der deutschen Literatur.

    Das bunte Treiben auf der Bühne immer wieder unterbrechend, berichtet die auf einem Stuhl am Rande der Bühne sitzende Margit Bendokat im ruhigen Vortragston aus dem Leben der Mutter. Schernikau selbst hatte sie 1980 interviewt. Das Ergebnis wird zum Theaterstück in Blankversen: Irene Binz, die Frau im Kofferraum. Posthum ist ein Band dieser Gespräche unter dem Titel Irene Binz. Befragung erschienen. „All unsere Schöpferkraft für den Sozialismus“ steht unter den Brücken des einen Deutschlands. Ein Leben was wir haben wollen, sagt die Mutter ihrem Sohn. Die Frau folgt dennoch ihrer Liebe in das andere Deutschland, dass sie nicht lieben kann und das sie nicht versteht. Ellen Schernikau tauscht ihre Überzeugung nicht für ein Kreuz auf einem Formular. Die finanzielle Unterstützung für politische Flüchtlinge lehnt sie ab. „Ich bin privat hier.“ gibt sie trotzig zu Protokoll. Auch ohne den geliebten Mann wird sie bleiben, für den Sohn. Der geht Jahre später den Weg wieder zurück.

    Das Deutsches Theater im grauen November. - Foto: St. B.
    Das Deutsches Theater im grauen November. – Foto: St. B.

    In den 80er Jahren zunächst nach Westberlin. Schernikau wird SEW-Mitglied und taucht ein die schillernde Subkultur der Mauerstadt. Einige Szenen aus seinem Stück die schönheit, geschrieben für die Tuntentheatergruppe „ladies neid“, gibt die lustige Schernikau-Viererbande zum Besten. Eine schräge Maskerade und Spionagekrimi-Farce per Video aus dem Inneren der Bühnen-Insel übertragen. Transvestiten-Theater als beste Umsetzung des V-Effekts. Politisch liegt für Schernikau der Kommunismus klar auf der Hand. Die Dummheit der Kommunisten im Osten gilt ihm auch später nicht als Argument gegen den Kommunismus. BRD und DDR – das Falsch und Richtig als biografischer Zufall. In den West-Berliner WG-Diskursen stößt er damit eher auf Unverständnis.

    Weiter geht’s für Schernikau ab 1986 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Genie ist möglich, attestiert ihm der Hof haltende DDR-Dichterfürst Peter Hacks. Aber erst mal gilt es sich einzureihen in die Schlange der vielen. Die DDR kennt kein Leistungsprinzip. „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.” beurteilt Schernikau in die tage in l. die Möglichkeit einer Verständigung. Er passt sich auch im Osten nicht an, verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. „Fickt weiter!” ist Schernikaus Radikal-Aufruf als Reaktion auf die Angst vor AIDS: „wer jetzt aufhört zu ficken, sollte aufhörn zu rauchen trinken essen arbeiten autofahrn spraydosen benutzen lackfarbe plastik radios kinos menschen.” Zumindest das Letztere keine Option für ihn.

    Das von Schernikau noch kurz vor seinem Tod fertiggestellte 700-Seiten-Werk legende wird sein selbst verfasster Nachlass. Der kommt für Elfriede Jelinek aus der „Ecke des linken Schelmen-Romans“. Für Bastian Krafts bunte Schernikau-Collage erweist sich dieses Vermächtnis nun als mächtiger Text-Steinbruch der Lebens- und Gedankenwelten Ronald M. Schernikaus. Daraus meißelt der Regisseur dem Schriftsteller irgendwie auch so etwas wie einen leicht verspäteten Nachruf in Bildern. Da wird es dann auch noch mal richtig gefühlig, wenn zum Ende hin die beiden Parallelebenen Mutter und Sohn am Bett des Sterbenden wieder zusammengeführt werden. Es ist viel von Schmerz die Rede, aber auch von trotziger Zuversicht. „alles lässt sich leben, auch der eigene tod.“ schreibt der Dichter Schernikau, und leicht ironisch: „die nachwelt wirds schon richten.“

    *

    Schernikau_letzte-Kommunist
    (c) Aufbau Verlag

    die nachwelt
    die nachwelt wirds schon richten
    die nachwelt machts schon gut
    die nachwelt die macht alles
    was sonst keiner gerne tut
    die nachwelt wirds schon richten
    wir haben ja zum glück
    die gute alte nachwelt
    unser bestes stück

    Ronald M. Schernikau

    ***

    Die Schönheit von Ost-Berlin (18.11.2014)
    Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage
    Premiere im DT war am 07.11.2014
    Regie: Bastian Kraft
    Bühne: Peter Baur
    Kostüme: Inga Timm
    Musik: Ingo Schröder
    Dramaturgie: John von Düffel.
    Mit: Margit Bendokat, Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss.

    Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

    Termine: 27.11., 06.12., 16.12. und 28.12.2014

    Infos: www.deutschestheater.de

    www.schernikau.net

    __________

  • Das Maxim Gorki Theater und das Ballhaus Ost zeigen Monologestücke aus der islamischen Welt zwischen Aufstand und Terror.

    ___

    Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.“ Albert Camus

    *

    Aufstand – Im Rahmen des „Voicing Resistance“-Festivals am Maxim Gorki Theater inszeniert András Dömötör ein Monolog-Stück der bekannten Publizistin und Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak im Studio R.

    Momentan wird allerorten an den friedlichen Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren gedacht. In diesem Kontext veranstaltet das Maxim Gorki Theater seit dem 7. November das Festival „Voicing Resistance“ im Studio R. Es wäre trotz Megafon im Veranstaltungs-Plakat fast unbemerkt geblieben, wenn nicht eine Performergruppe mit dem schönen Namen Zentrum für Politische Schönheit im Rahmen des Festivals die Gedenkkreuze für die Toten an der Berliner Mauer ebenso unbemerkt abgeschraubt und sich damit auf den Weg an die außereuropäische Grenze begeben hätte, mit der Absicht, dort den unmenschlichen Grenzzaun abzubauen. Eine Kunstaktion, die das Gedenken der Daheimgebliebenen auch auf die Toten lenken sollte, die das rigide Einwanderungsregime der „Festung Europa“ bisher gefordert hat. Und damit sind nicht nur die vielen Ertrunkenen vor Lampedusa gemeint. Die allgemeine Aufregung war groß, und die Einmischungsversuche deutscher Politiker in die Kunstausübung des kleinen Theaters am Berliner Festungsgraben, das gerade noch als Vorzeigeobjekt gelungener Integration sowie Theater des Jahres in aller Munde war, nahmen daraufhin erschreckende Ausmaße an.

    *

     „Erinnern ist Aufstand!“

    (C) Esra Rotthoff
    (C) Esra Rotthoff

    Die Publizistin und seit einem Jahr auch feste Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters Mely Kiyak, Tochter aus der Türkei stammender kurdischer Einwanderer, schreibt in ihrer monatlichen Kolumne auf der Website des Theaters zum Thema „Grenzen überschreiten“: „Und so erinnere ich daran, dass wir alle am Gorki landeten, weil wir Aufständler sind. Kein Politiker hat mir oder irgendjemand anderem an diesem Haus zu sagen, wie man damit umgeht, ein politisches Opfer zu sein und was die angemessene Form des Gedenkens sei. (…) Meine Eltern kommen aus einem System, in dem mit politischer Kunst nie anders umgegangen wurde, als es der Berliner Innensenator gerade vorgemacht hat. Daran erinnern ist auch Aufstand!“

    Parallel hat Mely Kiyak nun also auch ihr erstes Theaterstück geschrieben. In Aufstand (im Juni am koproduzierenden Badischen Staatstheater Karlsruhe uraufgeführt) geht es neben Protest und Widerstand vor allem auch um das wichtige Thema Erinnerung. Der Protagonist des Stücks ist ein junger kurdischer Lehrer aus Diyarbakır, einer Stadt im Südosten Anatoliens in der Türkei. Er vertritt dort von 8 bis 12:30 Uhr als türkischer Staatsbeamter die Grundsätze des Landes, ist aber nach halb eins Künstler, der in seinen Videoarbeiten das Unrecht des Staates Türkei an der kurdischen Bevölkerung kritisiert. Das bedeutet für den Lehrer die Wahrheit nicht auszusprechen zu können – als Künstler fühlt er sich dagegen aber geradezu verpflichtet dies zu tun. Ein Leben zwischen innerer Zerrissenheit und permanentem Ausnahmezustand. Während er als Gast des DAAD in Berlin eine Performance vorbereitet, die per Video in eine Galerie in Istanbul übertragen werden soll, erzählt er uns, seinem Publikum, die Geschichte von der Unterdrückung des kurdischen Volkes in der Türkei.

    Sein Künstlername ist Bênav, was so viel heißt wie anonym, ohne Namen, da er seinen kurdischen Namen offiziell nicht benutzen kann und seinen türkischen Namen nicht benutzen will. Seine Familie ist, als er noch ein Junge war, aus ihrem Dorf vertrieben worden, was er in einer Videoarbeit Lese ich die Karte falsch? thematisiert hat. Dagegen haben türkische Künstler Unterschriften gesammelt und somit seine Teilnahme an einer Ausstellung in Deutschland verhindert. Bênav erzählt von der ständigen Bevormundung und Kontrolle des Staates, die vom Verbot der Sprache bis zu direkten Repressionen der türkischen Armee gegen die Kurden reicht. Selbst noch in Deutschland lassen ihn Künstlerkollegen aus der Türkei bei einem Empfang des DAAD ihre Überlegenheit spüren.

    „Stell dir vor, es ist Revolution, und die falschen Leute zetteln sie an.“

    Nachdem im Frühjahr 2013 die allgemeinen Proteste gegen die türkische Regierung im Istanbuler Gezi Park ausgebrochen sind, keimt nun auch neue Hoffnung bei Bênav. Doch in Istanbul angekommen, fühlt er sich keiner der unterschiedlichen Gruppen zugehörig. Den Lippenbekenntnissen derjenigen, die ihn einst anschwärzten und nun „Wir sind alle Kurden“ rufen, kann er nicht glauben. „Jetzt wo ihr selber rebelliert, weil ihr die Schnauze voll habt von diesen ganzen Schweinereien, die um euch herum passieren, kommt ihr und sagt: ‚Ist das keine Schweinerei, wie sie mit uns umgehen?’ Jetzt, wo ihr merkt, dass die Zeitungen Scheißdreck verbreiten, kommt ihr und fragt: ,Sind diese Medien kein Skandal?’ Nein! Das sind keine Schweinereien, das ist kein Skandal! Das lief doch immer schon so.“ Enttäuscht fährt Bênav wieder nach Diyarbakır zurück.

    Mely Kiyaks Aufstand - Foto (C) Felix Grünschloß Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe
    Mely Kiyaks AufstandFoto (C) Felix Grünschloß
    Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe

    Mely Kiyak zeichnet das Portrait eines Künstlers, den seine Wut über die Ungerechtigkeit in seinem Land überall anecken lässt, der aber dennoch nicht aufgeben will immer wieder daran zu erinnern. Seine innere Zerrissenheit hindert ihn nicht daran, einen guten Job für die Kinder und mit seinem unangepasst rebellischen Geist Kunst gegen die Dummheit zu machen. Der Schauspieler Mehmet Yılmaz spricht mit unverfälschter Emotionalität und auch einem leicht ironischen Unterton Kiyaks in ihrem typischen, sehr direkten Kolumnenton verfassten Text. Den Rahmen der geplanten Videoaktion zum Thema Demonstrationen nutzt der ungarische Regisseur András Dömötör (der bereits mit Marianna Salzmanns Notizen über Hurenkinder und Schusterjungen das Thema Rebellion aufgegriffen hat), um auch das Publikum direkt mit einzubeziehen. Die Interaktion wird zum unmittelbaren Ausgangspunkt einer kleinen Exkursion in Bürgerrechte und die aktuelle Protestkultur.

    Die Ausführungen Bênavs, als Mittler von Kiyaks Gedanken, drehen sich unmittelbar auch um Ereignisse aus der deutschen, türkischen, kurdischen und armenischen Geschichte. Der Holocaust und der Genozid an den Armeniern, ein ebenso heikler Vergleich wie der der Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen. Und so gestaltet sich auch dieses Stück unversehens zum Beispiel für die künstlerische Rebellion gegen eine von oben übergestülpte Erinnerungskultur.

    ***

    Aufstand
    Monolog eines wütenden Künstler
    von Mely Kiyak
    Koproduktion mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe
    Premiere in Karlsruhe war am 27.06.2014
    Premiere im Studio R des Maxim Gorki Theaters: 20.11.2014
    Regie: András Dömötör
    Dramaturgie: Daniel Richter
    Bühne & Kostüme: Moïra Gilliéron
    Mit: Mehmet Yılmaz

    Dauer: 75 Minuten ohne Pause

    weitere Vorstellungen
    im Maxim Gorki Theater: 11.12., und 26.12.2014
    im Badischen Staatstheater Karlsruhe: 28.11., 07.12.2014 und 11.01.2015

    Infos: http://www.gorki.de/spielplan/aufstand/
    http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/1800/

    Zuerst erschienen am 22.11.2014 auf Kultura-Extra.

    _

    ***

    Hussein – Ein modernes Heldenpoem des libanesischen Theatermachers Omar Abi Azar inszeniert von Lucie Zielke im Ballhaus Ost

    (C) Ballhaus Ost
    (C) Ballhaus Ost

    Parallel zum Festival „Voicing Resistance“ im Maxim Gorki Theater, das auch mit Stücken und Performances zu Rebellion und Krieg in der Türkei und Syrien aufwartet, feierte am Freitagabend im Ballhaus Ost der arabische Theatermonolog Hussein seine Berlin-Premiere. Das Berliner Theaterprojekt suite42 hat in Koproduktion mit der Beiruter Zoukak Theater Company eine Inszenierung zum aktuellen Thema Islamistischer Terror erarbeitet.

    Das Thema ist gerade bei uns wieder sehr aktuell, wie man an den Erfolgen salafistischer Prediger erkennen kann, deren Werbungen auch immer mehr junge Leute aus Deutschland folgen und sie in den islamischen Krieg gegen die westliche Welt oder direkt zu den Terroristen des Islamischen Staats (IS) in die Kriegsgebiete Syriens und des Iraks ziehen lassen. Die Berliner Regisseurin Lydia Ziemke ist diesem Phänomen nachgegangen und auf das bereits vor drei Jahren entstandene Heldenpoem Hussein des libanesischen Theaterautors Omar Abi Azar gestoßen, das antike Heldenmythen mit den Vorstellungen über moderne Kämpfer verbindet.

    Hussein ist nicht nur ein gebräuchlicher arabischer Vorname sondern auch der des schiitischen Märtyrers der Schlacht von Kerbala (680), Al-Husain ibn Ali, einem Enkel des islamischen Propheten Mohammed. Ein schier erdrückendes Erbe für den Protagonisten des Monologs, den der libanesische Schauspieler Junaid Sarieddeen darstellt. In rotem Umhang mit Schwert und blutigem Körper steht der Held sichtlich erschöpft nach dem Kampf vor uns. „Ich heiße Hussein, heute bin ich geboren“, beginnt Omar Abi Azars Langgedicht, dessen Text zunächst nur als Leuchtschrift auf einen schrägen Podest mit weißem Laken, auf dem gefüllte Gläser stehen, projiziert wird. Dazu hört der Zuschauer den Klagegesang der Musikerin Houwaida Goulli.

    HUSSEIN im Ballhaus Ost - Foto (c) Piero Chiussi
    HUSSEIN im Ballhaus Ost – Foto (c) Piero Chiussi

    Ein ständig klingelndes Handy scheint minutenlang den Helden aus dem Konzept zu bringen, bis sich herausstellt, dass auch das zur Inszenierung gehört. Sarieddeen lädt nun das Publikum ein, im zweiten Teil auf Stühlen neben dem Podest Platz zu nehmen. Er verteilt die Gläser mit einem Getränk, das Whiskey sein soll und von dem er selbst reichlich trinkt. Der Monolog entspinnt sich nun auf arabischer Sprache und zieht den Zuschauer durch die ungewohnte aber eindrückliche Sprachmelodie und Körperperformance des Darstellers in seinen Bann. Unterstützung erfährt er dabei durch einen Jungen, der mit dem Handy zu spielen beginnt, einer Frau, die die Liebe des Helden darstellt und einen alten Mann in Soldatenmantel mit weiß geschminktem Gesicht.

    Schließlich verlagert sich das Geschehen auf die Zuschauertribüne, über deren Stufen nun wieder die deutsche Übersetzung des Textes läuft. Omar Abi Azars Poem handelt von der Zerrissenheit und Müdigkeit eines Kämpfers, der kaum gestorben erneut vielfach aus den Eingeweiden des Toten aufersteht. Der sehr poetische Text verweist neben den muslimischen Quellen auch auf Helden der Antike wie den fluchbeladenen Ödipus und den aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden Odysseus, dessen Frau über zwanzig Jahre auf ihn warten musste. Der Held ist gefangen zwischen Tradition, Armut und den Verlockungen der modernen Welt. Seine Zweifel betäubt er mit Alkohol. Dem Ringen um Liebe und Glück steht aber nur die Banalität seiner unumkehrbaren Illusionen vom Paradies gegenüber. Ein Kreislauf der Geschichte, dem er nicht zu entrinnen vermag. Ein eindrucksvolles Drama über die Zweifelhaftigkeit andauernder Heldenverehrung.

    ***

    Hussein – Ein Heldenmonolog
    Eine Produktion von suite42 (Berlin) und zoukak (Beirut) in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.

    Autor: Omar Abi Azar / Regie: Lydia Ziemke / Spiel: Junaid Sarieddeen, Lucie Zelger / Design: Claire Schirck / Live Musik: Houwaida Goulli / Dramaturgische Mitarbeit: Elke Ranzinger / Assistenz: Jamila Al-Yousef / Übertitel: David Maß

    in arabischer, französischer und deutscher Sprache

    Dauer: ca. 50 Minuten ohne Pause

    Premiere war am 21. November 2014

    nächste Termine: 6. – 9.5.2015

    Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/hussein/

    Zuerst erschienen am 23.11.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Das Wandertheater Ton und Kirschen führt mit „Hundeherz“ eine der satirischen Erzählungen von Michail Bulgakow in der Fabrik Potsdam auf.

    ___

    (c) Wandertheater Ton Und Kirschen
    (c) Wandertheater Ton Und Kirschen

    Der Schriftsteller Michail Bulgakow (1891-1940) gilt als der große Satiriker der russischen Literatur. Obwohl er auch einige Theaterstücke geschrieben hat, finden immer wieder eher seine Romane und Erzählungen den Weg auf die Bühne. So auch sein wohl berühmtester und eigentlich als unaufführbar geltender satirischer Roman Der Meister und Margaritha. Es gibt vielbeachtete Fassungen von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne, in der Regie von Niklaus Helbling am Wiener Burgtheater und jüngstens auch eine von Wolfgang Engel am Staatsschauspiel Dresden. Das für sein fantastisches Bildertheater bekannte Ton und Kirschen Wandertheater hat sich nun die 1925 entstandene satirische Erzählung Hundeherz vorgenommen. Ebenfalls ein Beispiel für Bulgakows Vorliebe für Tierallegorien auf menschliche Verhaltensweisen.

    Wie auch Fjodor Gladkow in seinem Roman Zement (Stückfassung von Heiner Müller) übt Bulgakow in Hundeherz vor allem Kritik an der Neuen Ökonomischen Politik in der Sowjetunion der 1920er Jahre, die die idealistische Prägung des Menschen zu Gunsten eines bürokratischen Kommunismus verdrängte. Das hatte statt des angestrebten „neuen sowjetischen Menschen“ die Ausbildung einer neuen kleinbürgerlichen Schicht zur Folge, die eher gewinnbringenden kapitalistischen Tugenden frönte. Bulgakow greift für seine Satire auf jene Art des neuen Menschen bekannte literarische Vorbilder wie Marie Shelleys Frankenstein auf, oder auch pseudowissenschaftliche Thesen mittels Transplantationen von Tierorganen den Menschen verjüngen zu können.

    Solch ein Wissenschaftler ist Professor Preobraschenski (David Johnston), der in Moskau eine Praxis für Schönheitsoperationen führt und mit seinen Methoden ewige Jugend und Unsterblichkeit verheißt. Zum Beispiel beabsichtigt er einer reiferen Dame die Eierstöcke eines Affen zu verpflanzen und versorgt einen Herrn mit dem entsprechend hervorragenden Geschlechtsteil. Für ein weiteres Experiment sammelt er einen zerlumpten und gepeinigten Straßenköter auf und lockt ihn mit guter Stutenwurst in seine Haus. Der arme Sharik, wie in der Professor alsbald nennt, gibt nur allzu gern seine geliebte Freiheit für ein warmes Plätzchen und gutes Futter auf. Hier vollzieht sich die erste Wandlung. In einer Nacht- und Nebelaktion, die Leiche eines frisch Verstorbenen ist gerade angefallen, werden dem nichtsahnenden betäubten Hund die Hypophyse und Hoden des Säufers und Kleinkriminellen Klim Grigorjewitsch eingepflanzt.

    Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet
    Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet

    Die dramatische Umsetzung der Novelle findet hier auf einem kargen Holzpodest statt, das von zwei hohen Straßenlaternen beleuchtet wird. Winterliche Atmosphäre erzeugen hochgeworfene Plastikflocken, den Schneesturm, der an einer frierenden Sekretärin (Margarete Biereye) zerrt, imitiert ein Zupfen von hinten an ihrem Rock und Mantel. Mit solch einfachen Mitteln zaubert das Ensemble von Ton und Kirschen zu Bulgakows Worten die entsprechenden sprechenden Bilder. Der Hund Sharik ist eine Puppe, geführt von zwei Darstellern (Nelson Leon und Daisy Watkiss), kann sich kratzen, herzzerreißend jaulen und freudig mit dem Schwanz wedeln. Die Operation ist ein kleiner dramatischer Höhepunkt, in dem das weiß gewandete Team um Prof. Preobraschenski und dessen Freund Dr. Bormenthal (Rob Wyn Jones) angestrengt mit Skalpell und Knochensäge hantiert.

    Das Ergebnis entwickelt sich allerdings nicht wie gewünscht. Der Hund wirft zunächst sein Fell und den Schwanz ab, beginnt aufrecht zu gehen und nennt sich fortan Sharik Sharikov (Nelson Leon). Er nimmt alle unangenehmen Eigenschaften seines Organspenders an und noch einige mehr. Auch das proletarische Hauskomitee unter den Genossen Schwonder, Wjasemskaja und Knallikow (Richard Hentschel, Polina Borissowa und Rob Wyn Johns) interessiert sich zunehmend für den neuen Bürger in der viel zu großen Wohnung des Professors. Sharikow bekommt Papiere, wird indoktriniert und gegen seinen ehemaligen Herrn aufgehetzt. Als er schließlich auch noch einen Posten als Leiter der Unterabteilung zur Säuberung der Stadt Moskau von streunenden Tieren erhält und nun nicht nur Frauen sondern auch sämtlichen Katzen der Stadt nachsteigt, ist die Geduld des Schöpfers am Ende. Nach einer erneuten Betäubung macht der Professor sein Experiment rückgängig.

    Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet
    Hundeherz (c) Jean-Pierre Estournet

    Mit viel Musik, Masken- und Puppenspiel sowie einem gehörigen Schuss Humor werden die Figuren der Erzählung belebt. Der kolumbianische Schauspieler Nelson Leon als Sharikow zieht in der Darstellung des verkommenen, hündischen Menschen wieder alle Register seines komödiantischen Könnens. Er sorgt für jede Menge Chaos bei Tisch und im Bad, sein Bühnencharakter säuft, flucht, klaut und hurt. Das gutmütige Hundeherz hat sich in ein menschliches verwandelt. Nur, wie der desillusionierte Professor auch feststellt: „Wenn einer spricht, heißt das noch lange nicht, dass er ein Mensch ist.“ Dem Ton und Kirschen Wandertheater ist nach Brechts Hans im Glück im letzten Jahr mit der Bühnenumsetzung von Bulgakows bissiger Satire wieder eine wunderbar märchenhafte Parabel auf die Schwierigkeit des Menschen auch immer Mensch zu bleiben gelungen, was in unserer heutigen Zeit nicht an Aktualität verloren hat.

    ***

    HUNDEHERZ
    nach Michail Bulgakow
    Inszenierung: Margarete Biereye & David Johnston
    in Zusammenarbeit mit den Darstellern
    Bühnenbild und Licht: Daisy Watkiss
    Sounds: Regis Gergouin, Nelson Leon und Daisy Watkiss
    Konstruktionen: Regis Gergouin
    Marionetten: Nelson Leon und Daisy Watkiss
    Gastspielmanagement: Catherine Launay
    Darsteller: Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss, Margarete Biereye und David Johnston

    Premiere war am 14. November 2014 in der Fabrik Potsdam

    Dauer: 90 Minuten ohne Pause

    Weiteren Termine:
    Fr. 21.11.2014, 20.00 Uhr
    Sa. 22.11.2014, 20.00 Uhr
    So. 23.11.2014, 16.00 Uhr

    Weitere Infos siehe auch:

    http://tonundkirschen.de/

    http://www.fabrikpotsdam.de/

    Zuerst erschienen am 16.11.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Entertaining Mr. Sloane – Im Maxim Gorki Theater nimmt Nurkan Erpulat die Aufforderung von Joe Ortons bitterböser Kleinbürger-Farce mehr als wörtlich.

    ___

    Als „Oscar Wilde der Sozialstaat-Vornehmheit“ wurde Joe Orton (1933-1967) einst von einem Kritiker bezeichnet. Der Erfolg der schwarz-humorigen Stücke und Farcen des englischen Dramatikers und schwulem Enfant Terrible scheint nach wie vor ungebrochen. In ihnen treibt Orton die Abrechnung mit der bigotten Gesellschaft meist bis ins Groteske auf die Spitze. Sie bieten sich dadurch geradezu für jede Menge Nonsen und Klamauk auf der Bühne an. Das hat wohl auch Regie-Enfant-Terrible Herbert Fritsch dazu bewogen, 2009 in Oberhausen Joe Ortons Stück Beute aufzuführen. Den Text übersetzte ihm dafür René Pollesch, ein Meister des politischen Diskurs-Boulevards, der sich nicht zum ersten Mal mit Ortons Hang zur grotesken Komik als Mittel der Gesellschaftskritik beschäftigte. Mittlerweile ist das relativ kurze und stürmische Leben des Joe Orton, der 1967 von seinem eifersüchtigen Liebhaber mit einem Hammer erschlagen wurde, selbst zur Kunst geworden. Stephen Frears verfilmte es 1987 unter dem Titel Prick Up your Ears mit Gary Oldman in der Hauptrolle.

    *

    Foto (c) Esra Rotthoff
    Foto (c) Esra Rotthoff

    Aufhorchen lassen möchte nun auch die neue Inszenierung von Nurkan Erpulat. Der Hausregisseur am Maxim Gorki Theater wählte dafür Ortons wohl bekannteste Farce Entertaining Mr. Sloane (dt.: „Seid nett zu Mister Sloane“). Der Plot ist schnell erzählt:

    Der junge Streuner und Kleinkriminelle Mr. Sloane zieht bei der alleinstehenden Kathy ein, die mit ihrem sehschwachen Vater Kemp in einem Haus nahe der Müllkippe wohnt. In ihrem sexuellen Notstand nähert sich die 40jährige begehrlich ihrem gutaussehenden jugendlichen Untermieter, was in ein nahezu mütterliches Abhängigkeitsverhältnis mündet. Auch Kathys klemmschwuler Bruder Ed fühlt sich zu Sloane hingezogen und stellt ihn als Chauffeur an. Nur der alte Kemp kann Sloane nicht ausstehen und verdächtigt ihn andauernd des Mordes an seinem ehemaligen Chef. Als daraufhin Sloane den lästigen Kemp erschlägt, erkennen die Geschwister ihre Chance Sloane dauerhaft als Liebhaber an sich zu binden, indem sie ihn erpressen, ihnen im Wechsel für je ein halbes Jahr zu Diensten zu sein.

    In Mr. Sloane stecken durchaus auch autobiografische Züge von Orton, ansonsten dient die Figur im Stück den Spießern Kathy und Ed als Projektion ihrer unausgelebten sexuellen Begierden. In provokanter Manier geißelt der Autor moralische Heuchelei und leere bürgerliche Konventionen. In der Verkörperung des Sloane mit dem schwarzen Schauspieler Jerry Hoffmann setzt Erpulat am Gorki Theater dem Ganzen noch eins drauf. Hier bekommt der groteske Tanz um die bigotten Lügen der Kleinbürger noch einen für das neue Gorki typischen Touch ins Postmigrantische. Und wie schon die Besetzung in der Kölner Ibsen-Inszenierung vom Volksfeind (Einladung zum Theatertreffen 2012) in der Regie von Lukas Langhoff mit dem schwarzen Schauspieler Falilou Seck für eine Verstörung weißer Sehgewohnheit sorgen sollte, treibt auch Erpulat ein ironisches Spiel mit der Identität seines Hauptdarstellers.

    Während Falilou Seck als ambivalenter Charakter Dr. Stockmann mit dem Heiner-Müller-Text „Von wem ist die Rede wenn / Von mir die Rede geht Ich Wer ist das.“ als schwarzer Entertainer auf der Bühne stand, singt Jerry Hoffmann (dem boulevardesken Showcharakter des Stücks Rechnung tragend) ständig „Who am I anyway?“ aus dem Musical Chorus Line. „That is a picture of a person I don’t know.“ – der junge Mann scheint hier nicht ganz zu begreifen, wie ihm geschieht. „What does he want from me? / What should I try to be? / So many faces all around, and here we go. / I need this job, oh God, I need this show.” Nurkan Erpulat versucht in seiner Inszenierung die blanke Lust der Spießbürger dem eigentlich auch zwielichtig angelegten Sloane ihre versteckten sexuellen Phantasien überzustülpen, in ein Anpassungs- und Ausbeutungsverhältnis umzumünzen. Neben der Entlarvung von Illusionen einer geilen Scheinmoral entspinnt sich hier außerdem ein groteskes Spiel um rassistische Zuschreibungen, geboren aus den Neidvorstellungen weißer Gewalt- und Herrschaftsideologien.

    Das scheint harter Tobak, die vermeintliche Provokation wird aber im gleichen Moment wieder durch eine Inszenierung als bewusst ausgestellte Show zurückgenommen. Zur Karikatur einer Show- und Boulevardbühne mit einer aufklappbaren Schrankwand, die zunächst den Blick auf die Hinterbühne freigibt und aus der im Lauf der Handlung immer wieder Gartenzwerge purzeln und andere Requisiten zum Vorschein kommen oder wieder verschwinden, kommen die in Kostümen und Maske völlig überzeichneten Charaktere von Kathy (Mareike Beykirch), Ed (Aleksandar Radenkovic) und Vater Kemp (Thomas Wodianka). Zudem ziehen die Darsteller immer wieder Mikrofone aus den fußelnden Flokati und schmettern Musical- und Pop Hits wie „There’s No Business Like Show Business“, „Teach me Tiger“ oder „Nature Boy“. Zugegebener Maßen mit großem Verve und Können.

    Seid nett zu Mr. Sloane am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.
    Entertaining Mr. Sloane am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

    Dabei tut sich besonders Thomas Wodianka mit einer denkwürdigen Showeinlage hervor. Der Mord an ihm vollzieht sich hier fast wie eine Selbststrangulation mit dem Mikrofonkabel, wobei der Sterbende mehrfach zurückkehrt und Freddy Mercurys „The Show Must Go On“ intoniert. Allerdings zieht Erpulat die Showbremse auch immer wieder an und verweigert praktisch vor allem dem Ziel der Begierden ein echtes Eigenleben. Der mit Sixpack unterm Shirt ausgestattete Mr. Sloane sieht dem Treiben doch eher recht apathisch zu. Ihm passiert hier alles nur irgendwie. Die Ambivalenz der Figur ist gestrichen und schiebt sie so in eine recht eindimensionale Opferhaltung, die spätestens beim Mord am alten Kemp etwas unglaubwürdig wirkt. Zusätzlich schiebt Erpulat Fremdtexte zur Genderfrage, der Eugenik und dem „schwarzen Subjekt als Projektionsfläche für die unterdrückten Aspekte des weißen Selbst“ von der portugiesischen Schriftstellerin und Genderexpertin Grada Kilomba ein, wie zur eigentlich überflüssigen Erklärung dessen, was man eigentlich so schon deutlich genug sieht.

    Who am I? Anyway. Es ist einerlei. Dem schwarzen Mr. Sloane bleibt hier keine Wahl, der Druck zur Integration ins böse Spiel der Weißen zwingt ihn in die Rolle. Der erwartete weiße Rechtfertigungsfuror wird aber voraussichtlich (außer ein paar vereinzelten Buhs bei der Premiere) ebenso ausbleiben wie ein echtes Nachdenken über genderspezifische und ethnische Vorurteile und Klischees. Die Inszenierung tüncht mit ihrem ganzen Trara und Tamtam ordentlich drüber und kommt dabei immer wieder wie ein ironisches Zitat gängiger Denkmuster und Inszenierungsklischees daher. Wobei sie dabei auch ein wenig denkfaul wirkt, wenn die Figuren neben Ortons Text auf bereits zum Thema Gedachtes und Gesagtes zurückgreifen. Das macht das Ganze zwar nicht weniger wahr, lässt aber auch eine wenig die Lust an einer eigenen Kritik vermissen. Fazit der Revue: Mit dem passenden Soundtrack scheitert es sich gleich bedeutend schöner.

    ***

    Entertaining Mr. Sloane
    (Seid nett zu Mr. Sloane)
    von Joe Orton
    Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Bernd Schneider, Musik: Tilman Ritter, Dramaturgie: Holger Kuhla
    Mit:
    Mareike Beykirch als Kathy
    Jerry Hoffmann als Sloane
    Aleksandar Radenković als Ed
    Thomas Wodianka als Kemp
    Musiker: Tilman Ritter

    Weitere Termine: 26. 11., 9. und 26.12.2014

    Infos: http://www.gorki.de/spielplan/seid-nett-zu-mr-sloane/

    Zuerst erschienen am 16.11.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Wassa Schelesnowa – Dieter Giesing inszeniert Maxim Gorkis 2. Fassung von 1935 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

    ___

    „Die „alte Welt“ ist wahrlich todkrank, und wir müssen ganz schnell ihren Staub von den Füßen schütteln, damit ihr Verwesungsprozeß uns nicht infiziert.“
    Maxim Gorki, 1928

    Bei der Darstellung des alternativlos vor sich hin rottenden Kapitalismus in vor- und nachrevolutionären Zeiten wird am Theater gern auf das dramatische Werk des russischen Schriftstellers Maxim Gorki zurückgegriffen. Er hat mit dem Drama Wassa Schelesnowa in gleich zwei Fassungen recht passable Zustandsbeschreibungen einer lebensuntüchtigen, sich in zynischer Skrupellosigkeit und maßloser Geldgier selbst zerstörenden Unternehmerfamilie abgeliefert.

    Wassa Schelesnowa_Schauspielhaus HH
    Wassa Schelesnowa am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

    Am Deutschen Theater brillierte im Mai in der vielleicht bemerkenswertesten Inszenierung der letzten Berliner Spielzeit die Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin. Stephan Kimmigs Inszenierung Gorkis erster Fassung von 1910 ist das schonungslose Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall, die ziemlich genaue Zeichnung der in sich moralisch kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

    Regisseur Dieter Giesing, an Jahren etwas älter und reifer als Stephan Kimming, hat sich nun am Deutschen Schauspielhaus Hamburg für die von Gorki 1935 überarbeitete zweite Fassung des Stücks entschieden. Bereits 1972 unter der Intendanz von Ivan Nagel inszenierte Giesing am Schauspielhaus Gorkis Barbaren. Der nicht besonders rücksichtvolle Einbruch der kapitalistischen Moderne ins hinterwäldlerische Russland um die Jahrhundertwende. Ein paar Jahre später konstatierte Maxim Gorki bereits den unausweichlichen Niedergang des Menschen in diesem neuen System des grenzenlosen materiellen Fortschritts.

    Maria Schrader ist Wassa Schelesnowa in Hamburg
    Maria Schrader ist Wassa Schelesnowa in Hamburg – Foto Schaukasten St. B.

    Im Unterschied zur Fassung von 1910 fügte Gorki allerdings im sowjetischen Russland 1935 mit der Schwiegertochter Rachel eine Stimme der neuen Zeit und Gegenspielerin zur, das alte System verteidigenden Redereibesitzerin Wassa Schelesnowa ein. In Giesings Inszenierung an Karin Beiers neuem Schauspielhaus steht aber von Anbeginn nur die Schauspielerin Maria Schrader als Wassa im Zentrum der Handlung, die sich schon im modisch korrekten Outfit wie auch verbalen Auftreten als taffe Firmenchefin von ihrer nutzlosen und schlampigen Sippe abhebt.

    Ihr Mann, der alte Kapitän Sergej Shelesnow (Markus John), säuft, hurt und treibt Unzucht mit Minderjährigen. Als das Problem mit Geld allein nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist und das Ansehen der Familie vor Gericht zerstört zu werden droht, drängt Wassa ihn zum Selbstmord. Ob der feige Brutalo das Gift tatsächlich selbst genommen hat, kann durchaus bezweifelt werden. Auch Wassas verkommener Bruder Prochor (Michael Wittenborn mit ständig offenem Hosenstall) ist dem Alkohol verfallen und bedrängt das Dienstmädchen Lisa (Johanna Küsters), das später als sie von Prochor schwanger ist, ebenfalls auf mysteriöse Weise zu Tode kommt. Wassas Töchter Ludmilla (Josefine Israel) und Natalja (Karoline Bär) bringen auch nichts wesentlich besseres zustande, so dass ihre Hoffnung einzig auf ihrem Enkel Kolja ruht, dem Kind ihres totkranken Sohnes Fjodor und der Revolutionärin Rachel (Thea Rasche), die nun aus dem Exil gekommen ist ihn zu holen.

    Wassa Schelesnowa_Schaukasten Deutsches Schauspielhaus HH_Nov. 2014
    Schaukasten am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

    Das könnte nun wie bei Gorki zum heißen Schlagabtausch der Systeme werden. In Giesings gekürzter Stückfassung bleiben beide Frauen aber bis auf den Austausch ein paar markiger Sprüche eher unterkühlt, wie die Inszenierung insgesamt, wozu schon das karge, bei Karl-Ernst Herrmann immer schräg spitz ins Publikum laufende Bühnenbild beiträgt, das mit Drehtür und Terrassenfenster im hinteren Teil der verglasten Chefetage eines Industrieunternehmens ähnelt. Nur ein paar Stühle an den kahlen Wänden auf die sich hin und wieder die vom andauernden Streit müden Protagonisten niederlassen, melancholisch russische Melodien spielen und dazu singen. Es ist ein wenig wie bei Tschechow, nur etwas schicker. Wodka, Wein und Tanz, so stellt man sich in Hamburg die russische Seele vor. Im Grunde aber ist sie hier krank, und das in vollem Bewusstsein dessen.

    Der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung bleibt jedoch das rote Ledersofa in der Mitte der Bühne. Für Wassa Schelesnowa ist es die Brücke, auf der sie ihre Frau steht, und der Ankerpunkt ihrer Überzeugungen, an die sie sich wie zur Rechtfertigung klammert, und die ihr wichtiger als persönliche Vorlieben sind. Hier wird sie schließlich auch zusammenbrechen, worauf die ganze Sippschaft nur gewartet zu haben scheint. Selbst die ihr sonst unterwürfig ergebene Sekretärin Anna (Ute Hannig) wittert hier ihre letzte Chance, bevor die anderen Sklaven des Materiellen sich nun holen, was Wassa mühsam erarbeitet hat.

    Rachels Überzeugung dient ebenfalls einer größeren Aufgabe, der sie wiederum alles unterordnet, wie bisher auch die Liebe zu ihrem Sohn. Nur will sie ihn nicht dieser hoffnungslos kranken, von Würmern zerfressenen Gesellschaft überlassen, die bald von einer anderen Macht zerquetscht werden wird. Harsche Sprüche, die man der zarten Frau in schwarz kaum zutraut. Als echte Alternative scheint sie Giesing auch nicht zu sehen. Schaut Stephan Kimmig mit seiner Wassa noch schmerzhaft analytisch der faulen Gesellschaft ins Mark, sieht Dieter Giesing ihr eher distanziert zu, wie seine Rachel, wenn sie dem mit seiner vermeintlichen Habe aus dem Firmentresor fliehenden Prochor noch fragend hinterherruft, was ihm denn gehöre. Das klingt dann irgendwie auch ziemlich matt und resignierend.

    ***

    Wassa Schelesnowa
    von Maxim Gorki
    Zweite Fassung von 1935
    (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 02.11.2014)
    Deutsch von Ulrike Zemme
    Regie: Dieter Giesing, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Fred Fenner, Musik: Jörg Gollasch, Choreografische Mitarbeit: Johann Kresnik, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Rita Thiele
    Es spielen: Karoline Bär, Yorck Dippe, Paul Grote, Ute Hannig, Josefine Israel, Markus John, Johanna Küsters, Christoph Luser, Michael Prelle, Thea Rasche, Anna Sophie Schindler, Maria Schrader, Michael Wittenborn

    Premiere am SchauSpielHaus: 17/10/2014

    Dauer: 1 Stunde und 35 Minuten, keine Pause

    Termine:
    Di, 25/11/2014
    Do, 11/12/2014
    Do, 25/12/2014

    Infos: http://www.schauspielhaus.de/de_DE/repertoire/wassa_schelesnowa.1011578

    Zuerst erschienen am 05.11.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Das 24. Festival des osteuropäischen Films beging zwei Jahrestage, zeigte Filme aus der Ukraine und feierte einen Totgesagten. (Festivalbericht Teil 3)

    ___

    Wenn zu Heimat- und Glücksgefühlen der Wunsch nach unbedingter menschlicher Freiheit kommt, ist man bei einem Filmfestival schnell bei politischen Themen und historischen Ereignissen. So auch beim 24. Festivals des osteuropäischen Films in Cottbus, denn nicht nur der Beginn des Ersten Weltkriegs jährte sich zum 100. Mal, in Polen beging man Anfang August den 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands, und (für die Deutschen natürlich fast noch wichtiger) der Fall der Berliner Mauer ereignete sich vor ziemlich genau 25 Jahren, was gerade am diesjährigen Film-Festival-Wochenende auch allerorten gefeiert wurde.

    Stadthalle Cottbus_(c) Stefan Bock
    Das 24. Festival des osteuropäischen Films in der Stadthalle Cottbus – Foto: St. B.

    *

    In der Sektion „Heimat / Domownja“ zeigte das Festival einen Beitrag aus der vom RBB in Koproduktion mit Credo-Film und der Berliner Zeitung in Auftrag gegebenen Dokumentation Die Ostdeutschen – 25 Wege in ein neues Land. Ein Regiekollektiv unter Lutz Pehnert portraitiert in einem 5-teiligen Projekt ausgewählte Menschen, die ihre Wurzeln in der ehemaligen DDR haben, und befragt sie über ihre Lebenswege seit 1989. Zur Premiere kam in Cottbus ein 90minütiger Zusammenschnitt von sechs Portraits aus dem heutigen Bundesland Brandenburg.

    In Die Kommunistin erzählt die 87-jährige ehemalige Lehrerin und Kunstwissenschaftlerin Ingrid Beyer aus ihrem ereignisreichen Leben. Sie räsoniert sehr reflektiert ihre ehemaligen Ideale wie Illusionen und was davon geblieben ist. Das Portrait zeigt eine wache, lebenslustige Frau, die sich immer noch sozial engagiert, einmischt und keineswegs resigniert hat. Die alleinerziehende Bibliotheksangestellte Anne-Katrin Scharlach hat wegen der fehlenden Arbeit ihre Geburtsstadt Weißwasser verlassen und ist mit ihrem Sohn nach Minden gezogen. Doch auch nach über zehn Jahren fühlt sie sich immer noch heimatlos im Westen und sehnt sich nach ihrer alten Heimat. Nachdem ihr Sohn erwachsen ist und eigene Wege einschlägt, will sie nun zurückkehren. Und so wird sie wieder zur Bewerberin.

    Die Ostdeutschen - Filmstill (c) rbb
    Die OstdeutschenFilmstill (c) rbb

    Und schließlich erinnert sich ein Journalist noch anekdotisch in einem sehr witzig animierten Film an die recht kuriose Beschaffung zweier Schlauchboote für die Musiker des italienischen Sängers Angelo Branduardi. Und nicht nur dessen beliebtes „Alla fiera dell’est“ erklingt, die Portraits umspielt ein Best Of des ostdeutschen Liedguts von Renfts „Irgendwann werd` ich mal etwas ganz Großes tun“ über Gerhard Gundermanns kämpferische Version von „Old Dixie Down“ bis zu Hans-Eckardt Wenzels melancholischem „Herbstlied“.

    Ob die Ringer im Traditionsverein Luckenwalde im Sport ihre Werte wie Disziplin hochhalten, eine Gruppe von Rappern und engagierten Sozialarbeitern aus Eisenhüttenstadt in ihren Texten die schrumpfende Heimatstadt besingen und in ihrer Jugendarbeit neue Perspektiven aufzeigen oder der Cottbuser Airbrush-Künstler Ingo Kühn über wichtige Freundschaften sowie den Glauben an sich und sein Werk spricht – was sie alle antreibt, ist nicht einfach Ostalgie, sondern die Liebe zur Heimat und der Stolz auf das, was sie selbst geschaffen haben. Wichtig ist ihnen dabei vor allem auch Träume zu haben, wie etwa Kühns Wunsch, einmal ein Werk von sich im Museum zu sehen. Zur Dokumentation ist auch eine 3er DVD-Box des RBB und ein Buch im Ch. Links Verlag erschienen.

    *

    Der Film Warschau 44 ist der polnische Beitrag im Wettbewerb für das Gedenken an den Aufstand der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) gegen die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Er dauerte 63 Tage, wurde von brutalen Wehrmachtsspezial- und SS-Einheiten blutig niedergeschlagen, was über 200.000 Warschauern vor allem aus der Zivilbevölkerung das Leben kostete. In der polnischen Hauptstadt blieb dabei kaum ein Stein auf dem anderen. Ein nationales Trauma der Polen bis heute. Der 33jährige Regisseur Jan Komasa, nicht von ungefähr auch der Tarantino Polens genannt, macht daraus eine Mischung aus Hollywood-Weltkriegs-Blockbuster und Liebesromanze mit jeder Menge Spezial- und Kameraeffekten, einschließlich Bildern, die wie aus einem Computergame generiert erscheinen. Die Emotionen kochen hoch, wenn die Panzer rollen, den Protagonisten jede Menge Kugel um die Ohren fliegen und es blutige Leichenteile regnet.

    Warschau 44 beim 24. FilmFestival Cottbus | (C) FilmFestival Cottbus
    Warschau 44 beim 24. FilmFestival Cottbus
    (c) FilmFestival Cottbus

    Der Film handelt dabei nicht nur von den tapferen Kämpfen der AK-Angehörigen und den deutschen Massakern an der Warschauer Zivilbevölkerung. Im Zentrum steht eine Gruppe befreundeter Jugendlicher, die sich, eben noch liebend und scherzend, nun idealistisch hoch motiviert angesichts der Unterdrückung und Demütigung der polnischen Bevölkerung in der besetzten Stadt den Aufständischen anschließen. Dass es beim Kämpfen auch gleich ans Sterben geht, erfahren sie im Folgenden nun am eigenen Leib. Der junge Stefan steht zwischen den beiden ganz unterschiedlichen Mädchen Kama und Alicja. In den Wirren des Aufstands verlieren sich die drei aus den Augen und suchen sich nun quer durch die historischen Schauplätze der umkämpften Stadtbezirke, wobei der Regisseur nach eigenen Angaben weniger Augenmerk auf die eigentliche Historie gelegt hat, und lieber eine Geschichte von Liebe und Kampf junger Menschen erzählen wollte.

    Dabei kommt natürlich auch der Russe nicht besonders gut weg, der bekanntlich vor den Toren Warschaus das Ende des Schlachtens abwartete. „Der Aufstand war ein riesiges Netz. So etwas wie Facebook heute. Ein Netz von herausragend organisierten jungen Leuten, die bereit für alles waren“, wurde der nicht anwesende Regisseur zitiert. Nun ja, man hat von den revolutionären Auswirkungen des Internets gehört. Die politisch und historisch kurzsichtige Naivität der Filmemacher, die eine vermeintliche neue alte Gefahr für die Demokratie aus dem Osten ausgemacht zu haben scheinen, stimmt aber auch eher nachdenklich. In jedem zweiten Satz der jungen Schauspieler nach der Premiere folgte wie zur Rechtfertigung neben dem Wort Freiheit der Hinweis auf die Ukraine.

    *

    Und da sind wir dann auch schon beim großen Special des Festivals zum Filmland Ukraine. In 10 Dokumentar-, Kurz- und Langspielfilmen wurde das aktuelle Werk ukrainischer Filmschaffender in Zeiten des demokratischen und gesellschaftlichen Umbruchs vorgestellt. Am eindrucksvollsten war da sicher der zum großen Teil direkt auf dem Kiewer Maidan entstandene Spielfilm Es war einmal in der Ukraine, den Regisseur Igor Parfenov noch mit dokumentarischem Schwarz-Weiß-Material von den Schüssen auf die Demonstranten ergänzt hat. Erzählt werden die dramatischen Erlebnisse der von der Krim geflohenen jungen Nina. Sie wurde dort von Polizisten vergewaltigt, ihre Freundin sogar umgebracht.

    Es war einmal in der Ukraine beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus
    Es war einmal in der Ukraine beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

    Ins Chaos der unterschiedlichen Gruppierungen auf dem Maidan mischen sich auch die beiden Polizisten und versuchen, Gewalt provozierend, die Situation für sich zu nutze zu machen. Parfenov zeigt dann in seinem Film auch ein inhomogenes Gemisch von jungen Idealisten, alten Afghanistanveteranen und Anarchisten mit verschrobenen Gewaltvorstellungen, die nur das gemeinsame Ziel, die korrupte Regierung zu beseitigen, eint, nicht aber die Wahl der Mittel. So mündet der Film mit viel pathetischer Musik und ukrainischer Nationaldichtung schließlich in einen fast unausweichlichen Showdown.

    *

    Ein weiteres osteuropäisches Land mit einem vom Westen eher argwöhnisch beäugtem gesellschaftlichen Wandel ist Ungarn. Nach dem Versuch der Regierung Orban, Gesellschaft und Kulturinstitutionen weitestgehend politisch gleichzuschalten, war der ungarische Film für so gut wie tot erklärt worden. Nun feierte er in Cottbus fröhliche Urständ. Eröffnet wurde das Festival mit Underdog, dem neuen Spielfilm des Regisseurs Kornél Mundruczó, auch als Regisseur seines Proton-Theater-Ensembles bekannt. Der Film gewann bereits unter dem Titel White God den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard in Cannes. Der Hund eines jungen Mädchens, von ihrem Vater ausgesetzt, wird zum Anführer einer großen Hunderevolte, die durch die Straßen Budapests fegt. Eine Parabel auf die Angst der weißen Europäer vor einer Meute von Underdogs, die es auf ihren Wohlstand abgesehen haben. Eine Angst, die gerade auch in Ungarn furchtbare Blüten treibt.

    Parabelhaft wirkt auch der ungarische Wettbewerbsbeitrag Freier Fall (SZABADESÉS) des in Cottbus bestens bekannten Regisseurs György Pálfi (u.a. mit Hukkle 2002 mehrfach preisgekrönt). Ein kleines Low-Budget-Werk, das der Meister des Abseitigen in nur drei Monaten fertigstellte. Setzt Mundruczó bei der Finanzierung seines Films auf Koproduzenten aus Deutschland und Schweden, konnte Pálfi ganz andere Quellen anzapfen. Neben Geld aus Frankreich bekam der ungarische Regisseur ein kleines Budget vom Jeonju International Film Festival in Südkorea zur Verfügung gestellt. In der Zeit des Drehs wartete Pálfi auf weitere Finanzierungsbescheide vom ungarischen Filmfond. Ein Kampf gegen bürokratische Mühlen, die wohl nur sehr langsam malen.

    Freier Fall beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus
    Freier Fall beim 24. FilmFestival Cottbus
    (c) FilmFestival Cottbus

    In Freier Fall springt eine alte Frau, vom Geiz und der Engstirnigkeit ihres Mannes erschöpft, vom Dach eines Budapester Mietshauses. Aber sie wird nicht erlöst und kämpft sich wegen des defekten Aufzugs wieder die sieben Geschosse bis zum Dach empor. Während ihres Aufstiegs sieht der Film in kleinen Episoden hinter die Flurtüren der Nachbarwohnungen, wo sich einiges an skurrilen und schrägen Dingen ereignet. Ein alter Yoga-Guru maßregelt die Höhenflüge eines Schülers, ein Geschäftsmann stellt seine Verlobte wie eine Trophäe zur Schau und ein flotter Dreier mit Dame und zwei konkurrierenden Herren wird im Stile einer Sitcom dargestellt. Es gibt gefährlichen Safer Sex in einer fast keimfreier Wohnung, die Rückführung einer sich nicht wie gewünscht entwickelnden Leibesfrucht oder regressive Erziehungsmaßnahmen und einen Bullen zu sehen. Es entspinnt sich ein Reigen aus Albträumen und Obsessionen in allen Altersstufen, bis die alte Dame wieder zum Sprung ansetzt. Pálfi zeigt eine Gesellschaft im freien Fall. Das war der Jury zumindest einen Preis für Piroska Molnár als beste Darstellerin wert.

    *

    Die 25. Ausgabe des FilmFestivals Cottbus findet vom 03.11. bis 08.11.2015 statt.

    ***

    24. FilmFestival Cottbus
    Festival für den osteuropäischen Film
    4.-9.11.2014

    Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

    Teil 1 des Festivalberichts

    Teil 2 des Festivalberichts

    Zuerst erschienen am 12.11.2014 auf Kultura-Extra.

    __________