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  • Der Larry mit dem Wumms – Das Gorki und das DT hauen zum Spielzeitauftakt in Berlin mächtig auf die Stadttheaterpauke – Teil 1

    „Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit.“
    Friedrich Schiller aus „Die Räuber“

    Friedrich Schiller (A. Graff, 1786)friedrich-schiller-a-graff-1786_wiki.jpg

    In den Zeiten von globaler Finanz- und Euro-Krise, Occupy Wallstreet und dem Ruf nach einem starken Staat haben die Begriffe Macht, Gewalt, Aufstand und Demokratie wieder stark an Bedeutung gewonnen. In dieser Hinsicht ist die Reaktion der Theaterschaffenden auf bestimmte aktuellpolitische Situationen immer von einem ganz besonderen Interesse geprägt. Das Deutsche Theater Berlin beschäftigt sich in der neuen Spielzeit dann auch mit den Schlagworten Macht, Gewalt und Demokratie. Und das Maxim Gorki Theater will sogar den „Aufstand proben“. Die Europäische Kultur, Philosophie und Politik ist traditionell stark in der griechischen Klassik verwurzelt, stand doch auch die Wiege der Demokratie einst im antiken Griechenland. Nach einer ersten Rückbesinnung auf diese Epoche in der Renaissance waren es dann vor allem die Vertreter der Deutschen Klassik und mit ihnen die Weimarer Vertreter Goethe und Schiller, die in ihren Werken den Bezug zur Antike wieder herstellten.

    Für Friedrich Schiller spielte dabei die Kunst eine entscheidende Rolle für die freie Entfaltung des Individuums. In seinen Briefen „Über die ästhetischen Erziehung des Menschen“ ist ihm sogar der Bau einer wahren politischen Freiheit das vollkommenste aller Kunstwerke. Bereits in den Zeiten des Sturm und Drang, noch bevor er mit Goethe, Wieland und Herder das klassische „Viergestirn“ bildete, schrieb Schiller zum Thema Freiheit und Aufstand der Jungen gegen die etablierten Alten das Drama „Die Räuber“. Politische Macht, Gewalt und die Revolten dagegen äußern sich in der Geschichte und Gegenwart aber immer auf recht unterschiedliche Art und Weise. Zur Zeit weht auf dem Dach des Berliner Ensemble eine Fahne aus Solidarität für die drei in Russland zu Lagerhaft verurteilten Frauen von Pussy Riot mit dem Schillerzitat: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“. Das BE will damit Flagge für die Freiheit der Kunst zeigen. Schillersches Freiheitsideal, klassischer Erziehungsauftrag der Kunst, oder doch nur werbewirksames Label, die Theater stehen damit im Wort, das nicht nur Spruch bleiben darf.

    Antú Romero Nunes inszeniert am Maxim Gorki Theater „Die Räuber“ von Friedrich Schiller als dreiteilige ICH-Werdung der Protagonisten.

    maxim-gorki-theater_2012.jpg Foto: St. B.

    Das Maxim Gorki Theater nahm sich nun gleich zu Beginn der neuen Spielzeit mit den „Räubern“ von Schiller das deutsche Revolte-Stück schlechthin vor. Die Inszenierung übernahm der junge Ausnahmeregisseur Antú Romero Nunes, der mit „Rocco und seine Brüder“ und „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“ bereits einige Erfolge am Gorki feiern konnte. Die Erwartungen waren dann auch dementsprechend hoch. Es ist nicht die erste Schiller-Inszenierung von Nunes. Seine Diplom-Inszenierung „Der Geisterseher“ nach einem Fragment von Schiller war erst vor Kurzem wieder am Gorki zu sehen, als Schauspieler Paul Schröder den Theaterpreis der Freunde des Maxim Gorki Theaters erhielt. Paul Schröder ist wieder mit dabei und auch sonst arbeitet Nunes mit einigen Elementen, die er schon im „Geisterseher“ angewandt hat. Nur drei Schauspieler benötigt er für die recht komplexe Geschichte um die beiden so verschiedenen Moor-Brüder, von denen der eine aus Idealismus zum Räuberhauptmann wird, bis er schließlich an seinen Taten zu zweifeln beginnt, während der andere aus Neid Intrigen spinnt, die seinen Bruder nur immer tiefer in die Opposition zu Vater und Gesellschaft drängen.

    Franz, wie die Kanaille bei Schiller heißt, wird hier von Paul Schröder verkörpert, und er macht daraus eine unglaublich vielschichtige Figurenstudie eines Egomanen und Machtbesessenen. Schröder steht zu Beginn ganz allein auf der leeren Bühne, nur ein alter Sessel dient ihm als Requisit. Er bestreitet im Alleingang ein furioses ca. dreiviertelstündiges Opening, fuhrwerkt dabei über die Bühne, grimassiert und verstellt die Stimme zu einer grandiosen Schillerparodie. Der Franzdarsteller schlüpft nämlich nebenbei auch immer wieder in die verschiedenen Rollen von Vater, Bruder und Räubergesellen bis hin zu der von ihm angebeteten Amalie, die ihn aber bekanntlich aus Liebe zum älteren Bruder Karl Moor verschmäht. Das hatte man so nicht erwartet, auch wenn Nunes vorab schon mal verkündete, dass ihn an den „Räubern“ eigentlich nur das „Ich“ der drei Hauptfiguren interessiere. Schröder reizt das bis zum Wahn einer gespaltenen Persönlichkeit aus und erntet dafür Szenenapplaus. Wesentlich schwerer ist es danach für Aenne Schwarz, das Publikum mit der Darstellung einer verzweifelt Liebeskranken in ihren Bann zu ziehen. Sie hat mit der Amalie den Part der großen Kunstanstrengung übernommen und entledigt sich dessen mit sehnsüchtigem Gesang nebst einer fast artistischen Vergewaltigungspantomime. Nunes räumt ihr nicht allzu viel Zeit zur Persönlichkeitsentfaltung ein, denn man wartet bereits länger auf den schon im Foyer angekündigten Einsatz von Pyrotechnik und Knalleffekten.

    Der setzt dann auch unvermittelt ein, als das Publikum sich gerade zur vermeintlichen Pause erheben möchte. Nun betritt Michael Klammer als Karl Moor die Bühne, zieht die Ohrstöpsel heraus und beginnt über sich als Schauspieler, die Erwartungen des Publikums, das er der Einfachheit halber mal Eddie nennt, und das Theater im Allgemeinen zu reflektieren. Die schwarz-weißen Streifen eines Zebras dienen ihm dabei zur Kommentierung der Blackfacingdebatte, zu der er sich auch schon ausführlich in der Berliner Presse geäußert hatte. Bekannte Klischees des repräsentativen Theaters werden zitiert, Klammer parodiert dazu den Kollegen Fabian Hinrichs: „Das reicht doch nicht, da fehlt doch was.“ und räsoniert als Karl über den „Pleps“, das „schlappe Kastratenjahrhundert“ und „Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet“. Das hat Witz, erklärt aber immer noch nicht, wozu man dazu, außer wegen der Zitate, unbedingt Schillers „Räuber“ braucht. Das ganze Ding mit der Identitätssuche, der jugendlichen Verwirrtheit bzw. Antriebslosigkeit und so hatten Klammer und seine Kollegin Anika Baumann doch in der Inszenierung von Oliver Klucks „Das Prinzip Meese“, ebenfalls in der Regie von Antú Romero Nunes, bereits lang und breit durchironisiert.

    „Räuber und Mörder bis in den Tod!“ skandiert der Klammer-Karl. Aber die Rebellion bleibt wegen Desinteresse mal wieder irgendwie aus. Und wie um das zu beklagen, steht plötzlich ein Chor aus Schauspielstudenten und Komparsen im Parkett auf, stürmt die Bühne und kommentiert von dort das weitere Geschehen. Die Ironie nimmt damit allerdings ein jähes Ende. Und da Nunes unbedingt die losen Enden der drei verschiedenen Ich-Werdungen wieder zusammenknüpfen muss, wird nun noch einmal Schiller gespielt und die drei Protagonisten in ganz großem Finale zusammengeführt. Der miese Franz ist mit Platzpatronen nicht tot zu kriegen, bis er sich schließlich selbst richtet. Danach gelingt es Karl nicht mehr nachzuladen und die sichtlich genervte Amalie ergreift ebenfalls die Gelegenheit zum selbstbestimmten Abgang und verlässt lebendig die Bühne. Was war denn noch mal gleich der Plan? Zurück bleibt etwas desillusioniert ein einsamer Räuberhauptmann und die Erkenntnis, dass dieser Theater-Wumms „den ganzen Bau der sittlichen Welt“ nicht wirklich zum Einsturz gebracht hat. Dafür gab es nach der Premiere ein schönes echtes Feuerwerk für alle vor dem Maxim Gorki Theater.

    Die nächsten Termine:

    „Die Räuber“ im Maxim Gorki Theater:

    Sa. 08.09.2012, 19:30 Uhr
    Mi. 19.09.2012, 19:30 Uhr
    Di. 25.09.2012, 19:30 Uhr
    Di. 09.10.2012, 19:30 Uhr
    Do. 11.10.2012, 19:30 Uhr

    Teil 2: „Ödipus Stadt“ am DT

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  • Festivalsommer 2012 (Schluss): Eine „Große Weltausstellung“ zum Abschied und ein kleiner Ausblick in die Zukunft der performativen Kunstformen in Berlin

    „The World Is Not Fair“ oder Performative Kunst in prekären Zeiten. – Die Große Weltausstellung des Berliner HAU fand im Juni auf dem Tempelhofer Feld zum Ende der Ära Matthias Lilienthal statt.

    „Berlin hätte es bitter nötig, über kulturelle Institutionen der Zukunft nachzudenken. Der Stadt ist zehn Jahre lang aufgrund der Mietsituation und der Stiftungen vieles in den Schoß gefallen. Aber die soziale Basis davon wird in den nächsten Jahren unweigerlich wegbrechen. Da fände ich es sinnvoll, neue Räume zu schaffen, die sich nicht mehr klar den einzelnen Kunstgenres zuordnen lassen. Ich würde ja den Hangar in Tempelhof vorschlagen, da könnte man so ein Performance-Zentrum mit zwölf Räumen hinsetzen.“ Matthias Lilienthal im Tagesspiegel-Interview vom 04.05.2012

    Da geht´s lang! Der Macher Matthias Lilienthal. matthias-lilienthal_foto-by-kevin-slavin-unter-cc-lizens-auf-flickrcom.jpg
    Foto: Kevin Slavin unter CC-Lizens auf flickr.com

    Neun Jahre hat Matthias Lilienthal nun das Berliner HAU geleitet, hat Theater gemacht für die Stadt mit Themen der Stadt, hat den freien Gruppen eine Plattform geboten, für die Finanzierung der Projekte gesorgt und verschiedenste Kunstformen unter einem Dach vereint. Der Kunstvisionär Lilienthal hat die drei Spielstätten HAU 1, 2 und 3 zu einem gut funktionierenden „Theaterkombinat“ und Versuchslabor für neue Formate jenseits der festgefahrenen Stadttheaterstrukturen zusammengeschweißt. Im Juni ging er nun noch einmal, wie schon oft vorher, mitten hinein in die Stadt, setzte sich fest auf dem weiten Feld und entdeckte das brachliegende, ungenutzte Potenzial am Rande der City als neuen Raum für performative Kunst, bevor es die üblichen Investoren okkupieren werden. Der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof scheint geradezu prädestiniert als Bühne für die Zusammenführung alternativer Architektur, Kunst und gesellschaftlichem Diskurs. Der geschichtsträchtige lokale Ort als Tor zur Welt. Das „launische, trashige Dorf“ der Theaterschaffenden und langjährigen Mitstreiter Lilienthals versammelte sich hier und gab sich zum Schluss noch einmal als „Große Weltausstellung“.

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    Check ein in die Große Welt im spartenübergreifenden Kleinformat!

    15 Pavillons wurden dafür in Zusammenarbeit der Künstler mit den Architekten des Büros „raumlaborberlin“ weiträumig über das Tempelhofer Feld verteilt. Einige der kleineren duckten sich dicht an die Grasnarbe, andere sah man schon von weit her über das Feld leuchten, signalfarben rot-weiß gestreift. Hier wo die Feldlerche sich einen geschützten Raum zum Brüten zurückerobert hat, gesellte sich zu ihr eine weitere seltene und schützenswerte Spezies, der freie Künstler jenseits des rundumgeförderten Theaterbetriebs. Matthias Lilienthal stellte ihm hier im Rahmen seiner Quer- und spartenübergreifenden Kunstförderung noch einmal ein natürliches Biotop zur Verfügung, eine fast unbegrenzte Spielwiese, die zur freien, kreativen Entfaltung einlud. Zu einfach sollten es dabei aber weder die Künstlern selbst noch deren potentielle Rezipienten haben, die sich, wollten sie den gesamten Kunstparkcour absolvieren, wohl oder übel auf ein Fahrrad setzen mussten.

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    Imaginäre Inseln der Kunst. Kleine Utopien auf dem weiten Feld der Großen Weltausstellung.

    Wind und Wetter trotzend, machte sich dann auch so manch williger Besucher auf den recht beschwerlichen Weg zum uneingeschränkten Kunstgenuss, der dem aufnahmebereiten Kunstinteressierten für gewöhnlich ja nicht ganz unbekannt sein dürfte. Und auch dem freien Künstlern blasen hin und wieder raue Winde ins Gesicht, ähnlich denen, die bisweilen über das offene Gelände des Tempelhofer Felds fegen und auf den Rollbahnen eher zum sportlichen Kiteboarding einladen, als zum kreativen Kommunizieren mit dem vorüberziehenden Volk. Die sonst eher starre Beziehung zwischen aktivem Kunstproduzenten und normalerweise passivem Konsumenten wurde auf diesem Wege nicht nur auf ironische Weise aufgebrochen, sondern entwickelte dabei auch eine ganz eigene Art von Dynamik.

    Rabih Mroué  rabih-mroue.jpg
    „Double Shooting“

    Was für die eine oder andere Seite nun im Einzelnen dabei heraus gekommen ist, lässt sich wie immer nur schwer beziffern. Allein die breite Mischung der Kunstsparten bot letztendlich für Jeden etwas, ganz unabhängig von Geschmack und Erwartung. Neben den erwartungsgemäß stark vertretenen Performance-Kollektiven gab es vor allem einige bemerkenswerte Installationen zu sehen und auch zu hören, wie die 15minütige Klanginstallation „Farafra“ von Willem De Rooij, für die er Geräusche auf einer Kamelfarm in Ägypten aufgenommen und zu einer eindrucksvollen Komposition verdichtet hat. Oder die Foto-Installation des Libanesen Rabih Mroué „Double Shooting“, die in 72 Einzelaufnahmen ein Handyvideo eines Demonstranten aus Syrien zeigte, der seine eigen Erschießung filmte. Man konnte einen 42 Meter langen Tunnel-Gang neben den Aufnahmen entlang laufen, und so die letzten 18 Sekunden des Filmers nacherleben. Mit der politischen und militärischen Vergangenheit des Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich die Installation des Dokumentartheatermachers Hans-Werner Kroesinger „Feldpost 2012“ in einem ehemaligen Antennengebäude inmitten des Flugfeldes.

    hans-werner-kroesinger.jpg „Feldpost 2012“
    Hans-Werner Kroesingers Klanginstallation in einem Antennengebäude des Flughafens.

    Neben aktuellpolitischen Beiträgen und Einblicken in die Geschichte des Flughafens selbst wurde aber auch die Geschichte der Internationalen Weltausstellungen insgesamt reflektiert. Von den Anfängen die noch nach dem Prinzip der exotischen Menschenzoos konzipiert waren (Klanginstallation von Willem De Rooij), spannte sich der Bogen bis ins Heute. Im Pavillon des Künstlers Erik Göngrich wurde die architektonische Gigantomanie dieser Großevents auf einer überdimensionalen Zeichnung dokumentiert . Einige Workshops und Diskussionsrunden beschäftigten sich daher auch mit moderner alternativer Stadtentwicklung unter Einbeziehung der gewachsenen Strukturen. Besitzt doch das Tempelhofer Feld als Ort der Weltausstellung selbst ein riesiges Entwicklungspotential, über das nach wie vor gestritten wird. Einen Vorschlag für eine Künstlersiedlung, die man sich durchaus gut am Ort der Ausstellung vorstellen könnte, unterbreitete die Berliner Künstlergruppe Dellbrügge & De Moll mit ihrem „Camp der Renegaten“. Eine kreative Heimstatt für Künstler im Ruhestand, deren Zahl in Berlin wohl stetig anwachsen wird. Gedanken zur Finanzierung des Projektes konnten im Innern des Jurtenähnlichen Pavillons schriftlich an den Wände dargelegt werden.

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    Das leidige Geldproblem. „Wie finanziert wir das Ganze?“ fragen Dellbrügge & De Moll im „Camp der Renegaten“.

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    Keine einfachen Laiendarsteller, Tracey Rose aus Südafrika.

    Von den Performern seien hier beispielhaft drei Gruppen genannt. Zuerst die Südafrikanerin Tracey Rose mit ihrer Truppe, die in einer Nachbildung eines alten S/W-Fernsehers eine Daily Soap in Form einer Minstrel-Show spielten. Ihre Performance gab der Weltausstellung den Namen: „The World Is Not Fair“. Der japanische Regisseur Toshiki Okada stellte in seiner Performance „Unable To See“ die Katastrophe von Fukushima in den Mittelpunkt. Die Zuschauer folgten den beiden Performern, die sich vorab Schutzanzüge überstreiften in das Innere des nachgestellten Reaktorblocks und erhielten so einen imaginären Einblick in eine abstrakte Welt zwischen Katastrophe und Technikgläubigkeit. In aller Ruhe wurden kontaminiertes Kühlwasser mit den Gummistiefeln geschöpft und dem Publikum die Brennstäbe wie Heiligenschreine präsentiert. Die technikgewohnten Japaner haben eine ganz einfache Erklärung für unsere Bedenken gegen die Atomkraft: „Je weiter entfernt die Menschen sind, desto größer ist ihre Angst.“ Nebenbei war noch zu erfahren, dass der Strom zur Weltausstellung 1970 in Osaka aus dem damals noch zukunftstträchtigen Fukushima stammte.

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    Toshiki Okadas Performance „Unable To See“ für die der Reaktor aus Fukushima in Tempelhof nachgebildet wurde.

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    Einen der interessantesten Pavillions hatten mit Sicherheit das Theaterkollektiv Andcompany & Co. In ihrem World Freud Centerkonnte sich der im realen Leben geschundene Künstler auf die Couch legen oder in einer Perormance mit Tatiana Saphir (DJ Obstsalat) und Santiago Blaum hemmungslos dem Mammon frönen, in einem Kunstexorzismus nach ganz spezieller Andcompany-Art mit den typischen selbstgebastelten Schildern, Sprechblasen und bunten Requisiten. Aus dem geschützten Ei seines Künstlerdaseins geschlüpft, fällt der Protagonist in die Welt des Kommerz und Konsums in der es immer wieder heißt: „Es gibt kein Budget für Dich.“ Andcompany aber weisen in fast religiösem Eifer einen Ausweg auf die Kehrseite der Welt ins gelobte Land. Die Truppe wird dem HAU weiter erhalten bleiben, man probt gerade wieder an neuen Stücken, u.a. an „Der (kommende) Aufstand“ nach Friedrich Schiller. Beim Festival „Foreign Affairs“ kann man am 03.10.12 eine erste Kostprobe ihrer Performance „Black Bismarck“, die 2013 im HAU gezeigt wird, im Haus der Berliner Festspiele sehen. Interdisziplinär heißt auch das Zauberwort der Stunde bei dem im September und Oktober stattfindenden Festival „Foreign Affairs“. Zu den vielschichtigen Themen Einsamkeit, Kolonialismus, Konsumismus, Ökologie, Rassismus, Manipulation und Erinnerung wird es laut der Kuratorin Frie Leysen einen „Clash von Visionen“ aus Tanz, Film, Bildender Kunst, Architektur, Musik und Performance geben. Das Augenmerk liegt dabei auf der Präsentation von „originalen Kreationen“ und nicht auf der bekannter Vorlagen, wie der neue Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender im Interview mit der Berliner Morgenpost betonte.

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    Andcompany & Co. empfingen in ihrem World Freud Center zum musikalisch-performativen Exorzismus.

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    Die Nachfolge von Matthias Lilienthal hat nun die Belgierin Annemie Vanackere angetreten. Sie wird im Grunde wohl nichts Wesentliches an der Struktur des HAU verändern, außer das wahrscheinlich die performative Kunst wieder mehr im Vordergrund stehen wird. Die Grenzen hatten sich da in der letzten Zeit immer mehr zu anderen Genres hin verwischt. Diese Weltausstellung ist dafür bestes Beispiel. Vanackere wird u.a. wieder mit den großen Namen der internationalen Tanz- und Performanceszene wie Laurent Chétouane, Anne Teresa de Keersmaeker und Meg Stuart zusammenarbeiten. Ob da aus dem „Es gibt kein Budget für Dich.“ der Performer Andcompany & Co. ein Hoffnung verheißendes „Kreatives künstlerisches Potential gepaart mit innovativen Ideen schafft Dein Budget“ werden kann, wird die kommende Spielzeit ab November am dann frisch renovierten Theaterkombinat HAU zeigen. Auch das Tempelhofer Feld wird weiterhin im Fokus der Theatermacher stehen. Im November zeigt das Gefängnistheater aufBruch hier ihr neues Stück SIMPLICISSIMUS in einer Inszenierung von Peter Atanassow in der Alten Feuerwache des Flughafens Tempelhof. Weitere Kunstausstellungen, die die Weite des Feldes zu nutzen wissen, würden dem Ort aber sicher auch wieder gut zu Gesicht stehen.

    tamer-yigit_branka-prlic.jpg Ganz und gar nicht asozial. Das Lager der Performer Tamer Ygit und Branka Prlic.

    Ob die Konkurrenz der Freien Szene die behäbigen Stadttheaterkreuzer in Berlin etwas beflügeln kann, wird man spätestens in einem Jahr sehen können, wenn sich 2013 von Anfang Mai bis in den August die Festivals in Berlin sozusagen die Klinke in die Hand drücken. Nach dem Theatertreffen im Mai und den Autorentheatertagen im Juni, bei denen sich die Creme des deutschsprachigen Sprechtheaters und der Gegenwartsdramatik feiern, wird im Juli der bekennende Verächter des konventionellen Stadttheaterbetriebs  Matthias von Hartz mit seiner ersten Version der „Foreign Affairs“ für die Berliner Festspiele ins Rennen gehen. Ihm folgt das bis dahin hoffentlich ebenfalls mit einem erfrischenden Update versehene Festival „Tanz im August“. Spannende Aussichten also für die kommende Theatersaison. Es verspricht wieder etwas farbiger zu werden in der bisweilen grauen Berliner Theaterlandschaft. Der Sommer ist zu Ende, Willkommen in der neuen Spielzeit.

    Nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlene Anleitung zum Kunst-Verständnis zu Zeiten von Dada. (Pavillion von Hans-Werner Kroesinger)

     hans-werner-kroesinger_innen.jpg

    Fotos: St. B.

    Video zur Großen Weltausstellung auf Spiegel online

    Literatur:
    Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin
    Herausgegeben von Kirsten Hehmeyer und Matthias Pees.
    Mit Beiträgen von u.a. Stefanie Carp, Neco Çelik, Carolin Emcke, Barbara Gronau und Joseph Vogl, Pirkko Husemann, Rabih Mroué, Sylvia Sasse und Stefanie Wenner.
    Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012, 180 S., 18 Euro
    Zur Rezension auf Nachtkritik

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  • Festivalsommer 2012 (3): Sprache und Bewegung beim „Tanz im August“

    Bemerkenswerte Solo-Performances mit Antony Rizzi, Lisbeth Gruwez und Lee Meir beim Festival „Tanz im August“

    Dass Sprache und Tanz sich nicht grundsätzlich gegenseitig ausschließen, ist nicht erst seit der Zusammenarbeit von Autor und Theaterregisseur Falk Richter mit der Choreografin Anouk van Dijk oder den Tanztheaterstücken einer Constanza Macras an der Berliner Schaubühne bekannt. Auch William Forsythe setzt sich schon länger in seinen Choreografien immer wieder auch mit Texten auseinander. Sein modernes Tanztheater wird nicht nur „Denken in Bewegung“ genannt, „Sprache und Tanz“ heißt eine weitere Monografie zu Forsythes umfangreichem Schaffen. Neben dem Ausdrücken von Gedanken und Emotionen durch Tanz hat sich laut dem Linguisten Wolfgang Steinig sogar die Sprache und ihre grundlegende Grammatik ursprünglich aus tänzerischen Ausdrucksformen entwickelt. Nun hat das Berliner Festival „Tanz im August“ dem Thema Sprache im Tanz einen kleine Schwerpunkt gesetzt. An besagter Schaubühne am Lehniner Platz fand dann auch einer der Höhepunkte dieser Reihe statt. Der langjährige Mitstreiter in William Forsythes Frankfurter Company Antony Rizzi setzte mit dem Solo „Drugs kept me alive“ einen biografischen Text, den ihm der belgische Maler, Dramatiker, Regisseur und Choreograf Jan Fabre auf den Leib geschrieben hat, performativ und erzählerisch um.

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    Antony Rizzi und Jan Fabre zu Gast an der Schaubühne am Lehniner Platz

    Grundlage des Stücks sind Rizzis eigene Drogen-, Sex- und Krankheitserfahrungen. Er ist seit einigen Jahren HIV-positiv. Und so stehen dann dort am Bühnenrand im Halbkreis aufgereiht Fläschchen mit Pillen und Elixieren, von denen man nicht genau weiß, und wahrscheinlich auch nicht unbedingt wissen will, welche Wirkung sie im Einzelnen versprechen. Rizzi schert sich aber nicht viel darum und beginnt über jede Droge, die er in seinem Leben genommen hat, detailliert zu berichten und zu reflektieren, was genau ihn daran am Leben gehalten hat und warum. Natürlich nicht ohne die nötige ironische Verklärung, die der zeitliche Abstand mit sich bringt. Dazu geriert sich der ganz in schwarz gewandete und mit einer Art spitzer Sufimütze bekleidete Rizzi als Hohepriester der reinen Lebenslust und -sucht, mit all ihren bekannten und unbekannten Risiken und Nebenwirkungen. Er bezeichnet sich als wandelnde Apotheke, schüttet sich Pillen ins Gesicht, stopft sich die Fläschchen unter die Jacke oder dreht und windet sich auch mal vor deren Übermacht.

    Aber trotz all diesem Furor bleibt hier fast alles Sprache. Eine intensivere Assoziation über Bewegung findet kaum statt, eher sogar das Gegenteil. Rizzi betreibt gekonnt eine ironisch aufgeladene Abspaltung der Performance von der Erzählung. Er kreiert als „uncurable soldier of love“ eine scheinbar heile, aber doch fragile Welt aus Seifenblasen, die er mit einem großen Ring erzeugt, um in sie hinein zu schlüpfen. So verliert das Ganze natürlich seine schwarze Seite und Rizzi begibt sich ins Reich der liebenswerten Schaumschlägerei und des Seifenblasenkitsches. Allein das Wissen, dass dieser Mensch all das tatsächlich durchgemacht und überlebt hat, wovon er da freimütig berichtet, nötigt einem schließlich die Bewunderung über dessen ungebrochene Vitalität und Virilität ab, und lässt die World of Bubbles, mit der er sich umgibt, wieder in einem anderen Licht erscheinen. Hier feiert jemand sein Überleben und den Spaß am Leben, mit allen Auf und Abs. „Life is to accept the unacceptable.“ Das hat der unermüdliche Lebensphilosoph Antony Rizzi für sich erkannt.

    Heute im Podewil:

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    Mal einen Yogakurs …

    Etwas anders geht die belgische Tänzerin und Choreografin Lisbeth Gruwez in ihrer Performance „It’s going to get worse and worse and worse, my friend.“ im Podewil vor. Sie benutzt die Worte eines Anderen, für eine strenge Konversion des Gesprochenen in klare Bewegungsabläufe. Dafür hat ihr der Sounddesigner Maarten von Cauwenberghe Satzfetzen einer Rede des US-amerikanischen TV-Predigers der konservativ-religiösen Gemeinschaft „Assemblies of God“ Jimmy Swaggart zu einer Toncollage verdichtet. Gruwez ist zu ihrer Performance korrekt in ein weißes Hemd und eine Bügelfaltenhose gekleidet, das Haar streng nach hinten gekämmt. Später ändert sie das Outfit leicht, indem sie die Strümpfe über die Hosenbeine und einen korsettartigen Stoff über das Hemd zieht. Das verstärkt die Strenge ihres Vortrags noch zusätzlich.

    Ruhig beginnt Gruwez mit ihren Händen zu agieren, hebt und senkt sie, führt nivilierende Kreisbewegungen aus. Erste unverständliche Wort-Fragmente zerschneiden die fast klassische Musik, bis sie sich zu vollständigen Sätzen formen. Nun werden die Bewegungen von Gruwez entsprechend ruckartiger, sie führt Pirouetten aus, die gleich den abgehackten Sätzen immer wieder repetiert werden. „We have not made any advancement at all.” ist die Kernaussage des Textes, die Gruwez jetzt plastisch sichtbar macht. Das konservative Denken und die entsprechende Rhetorik Swaggerts übersetzt sie in eindrückliche, fast zwanghafte Bewegungsmuster. Ein Schütteln befällt den ganzen Körper zur sich überschlagenden Stimme des Predigers. Gruwez ist Sender und Empfänger der Botschaft gleichermaßen. Die Performance verdeutlicht die Kunst des Verführens durch entsprechende Mimik, Gestik und Diktion, wobei die Worte hier fast austauschbar erscheinen. Auf die Wirkung kommt es an, und die ist in der Tat gespenstisch.

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    … oder doch lieber Sommergarten?

    Im Anschluss an Lisbeth Gruwez trat die junge israelische Choreografien Lee Meir mit einem 15minütigen Solo auf, das sich ebenfalls einen bestimmten Satz zum Auslöser von teilweise unkontrolliert wirkenden Bewegungsabläufen gewählt hat. „Translation Included“ trägt die Rückübersetzung von Sprache in entsprechende Bewegung schon im Titel. Meir steht vor dem Publikum und spricht immer wieder den Satz „Is it working between us?“ mit einladend fragenden Gesten in Richtung einzelner Zuschauer. Sie variiert dabei die Diktion, die Armbewegungen werden schneller, bis sie sich zu verheddern scheinen. Meir bringt auf ironische Weise die Schwierigkeit zum Ausdruck, Worten und Bewegungen ein konkretes Ziel zu geben. Ihre zwischenmenschlichen Bemühungen scheitern am eigenen Körper, der sich vergeblich am Koordinierungsproblem abarbeitet und schließlich in sich verrenkt am Boden landet. Dass das nicht als verhinderte rhythmische Sportgymnastik endet, liegt vor allem an Meirs Können, auf witzige Art und Weise innere Blockierungen nach außen zu transportieren und in entsprechender Körpersprache sichtbar zu machen.

    Der „Tanz im August“ ist in den letzten Jahren immer mal wieder wegen angeblich programmatischer Beliebigkeit kritisiert worden. Die FAZ sprach 2011 sogar von „Kinderkram“ und attestierte den Kuratoren eine „vollkommene ästhetische Instinktlosigkeit“. Das Festival gehöre umbenannt in „Etwas im August“. Drei Mitglieder des langjährigen Kuratorenteams, unter ihnen der ehemalige HAU-Chef Matthias Lilienthal, scheiden nun in diesem Jahr aus ihrer Verantwortung und schon macht sich im Hintergrund ein kleines Kompetenzgerangel bemerkbar. Die koproduzierende Tanz-Werkstatt im Podewil und die neue Intendantin am Hebbel am Ufer Annemie Vanackere vertreten unterschiedliche Positionen zur Fortführung des „Tanz im August“. Die Anbindung an die Kulturprojekte Berlin GmbH mit festem Haushaltstitel steht gegen eine Trägerschaft durch das HAU mit einer externen Kuratorenstelle. Wie auch immer man sich seitens des Senats entscheiden wird, eine verbesserte Außenwirkung ist dringend angeraten.

    kleines Podewil … podewil-august-2012.jpg

    Bisher ist der „Tanz im August“ eine reine Insiderveranstaltung, die sich im Stadtbild noch zu wenig bemerkbar macht. An den veranstaltenden Häusern wie dem HAU, Podewil, den sophiensaelen oder der Schaubühne gibt es kaum Hinweise zum Festival selbst. Zwar sind die Vorstellungen wie immer gut besucht, für ein renommiertes Internationales Tanzfest kocht die Szene jedoch auch weiterhin zu sehr im eigenen Saft. Ein netter Sommergarten im Podewil oder eine sogenannte „Sideshow“ mit Yoga und anderen Positionen neben dem Tanz dringen kaum wirklich in das Bewusstsein einer durchaus interessierten breiteren Öffentlichkeit. Es scheint, man wolle weiterhin unter sich bleiben. Ob da ein runder Expertentisch Abhilfe schaffen kann, ist fraglich. Derweil zeigt zumindest Annemie Vanackere schon mal Präsens. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie im Streit um die künftige Ausrichtung des „Tanz im August“ nicht die Nase vorn behält.

     tanz-im-august-2012_hebbel-am-ufer.jpg … gegen großes HAU

    Fotos: St. B.

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    Weitere Termine: Tanz-Nacht Berlin, 22.-26.08.2012 im Podewil (Klosterstraße 68), Maison de France (Kurfürstendamm 211) und in den Uferstudios (Uferstr. 8/23, Berlin-Wedding) – Termine unter: www.tanznachtberlin.de

    Literatur: Wolfgang Steinig: Als die Wörter tanzen lernten: Ursprung und Gegenwart von Sprache – Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag, München 2007, 456 Seiten, 24,00 Euro

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  • Hermann Hesse (02.07.1877 – 09.08.1962)

    Vergänglichkeit

    Vom Baum des Lebens fällt
    Mir Blatt um Blatt,
    O taumelbunte Welt,
    Wie machst du satt,
    Wie machst du satt und müd,
    Wie machst du trunken!
    Was heut noch glüht,
    Ist bald versunken.
    Bald klirrt der Wind
    Über mein braunes Grab,
    Über das kleine Kind
    Beugt sich die Mutter herab.
    Ihre Augen will ich wiedersehn,
    Ihr Blick ist mein Stern,
    Alles andre mag gehn und verwehn,
    Alles stirbt, alles stirbt gern.
    Nur die ewige Mutter bleibt,
    Von der wir kamen,
    Ihr spielender Finger schreibt
    In die flüchtige Luft unsre Namen.

    Hermann Hesse, Febr. 1919, aus Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp, 1977

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    Foto: St. B.

    Gestutzte Eiche

    Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
    Wie stehst du fremd und sonderbar!
    Wie hast du hundertmal gelitten,
    Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
    Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
    Gequälten Leben brach ich nicht
    Und tauche täglich aus durchlittnen
    Roheiten neu die Stirn ins Licht.
    Was in mir weich und zart gewesen,
    Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
    Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
    Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
    Geduldig neue Blätter treib ich
    Aus Ästen hundertmal zerspellt,
    Und allem Weh zu Trotze bleib ich
    Verliebt in die verrückte Welt.

    Hermann Hesse, Juli 1919, aus Sämtliche Gedichte in einem Band, Suhrkamp, 1977

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  • Festivalsommer 2012 (2): Freilufttheaterfanatiker kommen in Berlin bei Shakespeare im Görlitzer Park und dem Hexenkessel Hoftheater auf ihre Kosten.

    HUMANISMUS UND AUFKLÄRUNG IM WETTSTREIT – „UTOPIA™ – WHERE ALL IS TRUE“ NACH THOMAS MORE UND SHAKESPEARE SCHLÄGT TROTZ REGENHANDICAP  „CANDIDE“ NACH VOLTAIRE

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    Thomas‘ Gebet um Humor:

    Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
    Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
    Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
    Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt.
    Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

    Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon

     thomas-more-by-hans-holbein-the-younger.jpg   isola-di-utopia_titelholzschnitt-der-ausgabe-von-1516.jpg Fotos: Wikipedia
    Thomas More (Hans Hohlbein der Jüngere) und seine Insel „Utopia“ (Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516)

    Thomas More (1478 – 1535) war ein Mann von Humor und unerschütterlichen Prinzipien zugleich. Ein gläubiger Katholik und Freund des Humanisten Erasmus von Rotterdam sowie Heiliger und Staatsmann in England unter Heinrich dem VIII. mit utopischen Gesellschaftsvorstellungen, dem, nachdem in Ungnade gefallen, selbst auf dem Richtblock die Scherze nicht ausgingen. Ob er nun ein politisches Genie war oder doch nur ein glückloser Tor, wird das neue Theaterstück „Utopia™ – Where all ist true“ der Berliner Kompanie „Shakespeare im Park“ nicht restlos klären können. Die Truppe reklamiert jedenfalls seine Utopie einer besseren Welt für sich und behauptet eine Trademark auf Mores Ideen zu besitzen. Dabei hatte es der Jurist und Lordkanzler von Heinrich VIII. mit seinem philosophischen Dialog über eine ideale Gesellschaft auf der fernen Insel Utopia nicht so ganz ernst gemeint. Thomas More brachte auf satirische Art auch seine Skepsis an der Verwirklichung eines „utopianischen Staatswesens“ in Europa zum Ausdruck. Was nun „den besten Staat“ nach Mores Prägung betrifft, so proben die Schauspieler auf ihrem Parcours durch den Görlitzer Park in Kreuzberg auch die reale Umsetzung von Mores Ideen im englischen Königreich zu Beginn des „Goldenen Zeitalters“ mit all ihren Vorzügen, Verheißungen und Widersprüchen.

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    Der Londoner Mob probt den Aufstand gegen Ausbeutung und fremde Konkurrenz.

    Dazu bedient sich die Truppe um Gründer Maxwell Flaum und Regisseurin Katrin Beushausen auch zweier weiterer Stücke. Das 1590 entstandene und mehreren Autoren, u.a. Shakespeare, zugeschriebene Drama „Aufstieg und Fall des Thomas More – The Book of Thomas More“ und Shakespeares Historiendrama „Heinrich VIII.“ von 1612/13, ursprünglich auch „All ist True“ genannt, werden mit Mores „Utopia“ verknüpft. Es beginnt auf der Wiese an der Lohmühlen- Ecke Jordanstraße mit einem Aufstand der Londoner Bürger gegen Willkür und Ausbeutung durch Heinrich VIII. und seinen Lordkanzler Kardinal Wolsey. Die Forderungen der Aufständischen sind allerdings noch sehr diffus, so mancher ist zögerlich und der Ruf gegen ausländische Konkurrenz „Compete today“ wird laut. Hier tritt nun Sir Thomas More als Undersheriff seiner Majestät in Aktion und sorgt nach der Niederschlagung des Aufruhrs für die Begnadigung der Wortführer. Dem König macht er seine Thesen für ein utopisches Experiment zur Verhinderung zukünftiger Revolten schmackhaft. Durch mehr Bildung, Abschaffung des Privateigentums sowie gemeinsames Leben und Arbeiten will er mit seinem Projekt „Utopia™“ für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Eine Unterstützerin hat er dabei in der Königin Katherine von Aragon gefunden.

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    Glattes Politparkett. Kardinal Wolsey am Seil. Thomas More wird seine utopischen Thesen gleich vor Heinrich und Katharina ausrollen.

    Rufe nach der Abschaffung von Geld und Privatbesitz finden auch im Publikum ungeteilten Beifall. Zwei Ritter als Shakespeare´sche Clowns kommentieren immer wieder mit viel Witz das Geschehen und leiten zu den nächsten Szenen über. Dabei wird im Wechsel Englisch und Deutsch gesprochen, was dem Ganzen auch einen gewissen authentischen Touch verleiht. Während sich Heinrich VIII. lieber um die Scheidung seiner Ehe und die Ablösung von der römisch katholischen Kirche kümmert und sich nebenbei nur noch Sorgen um die Staatsfinanzen macht, ist es Thomas More bitter ernst mit der Umsetzung seiner Ideen. Kardinal Wolsey verliert Amt und Kleider und auch die anderen Mitspieler wechseln die historischen Kostüme gegen leichte aus transparenter Folie, um die neu errungene Gleichheit zu demonstrieren. Aber erst wird noch einmal kräftig gefeiert am Hofe Heinrich VIII., und davon lassen sich die Spieler auch vom plötzlich aufkommenden Gewitterregen nicht abhalten. Während sich so mancher Zuschauer unter die Bäume flüchtet oder ganz das Weite sucht, tanzt das Ensemble ausgelassen im strömenden Regen. Dazu spielt die kanadische Band Trike flotten Synthypop zu eigenen Texten.

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    Dancing in the Rain am Hofe Heinrich des VIII.

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    Immer in Aktion. Peter Priegann (Mitte) als Sir Thomas More treibt unerbittlich die Truppe durch den Park.

    Der Himmel hat aber schnell ein Einsehen und das Treiben im Görli kann schließlich fortgesetzt werden. Der Tross zieht weiter im Park, bevölkert Rutschen, Schaukeln, Buddelkästen und bringt das soziale Projekt „Utopia™“ so langsam in Gang. Thomas More hält seine Mitstreiter zum gemeinsamen Ackerbau an, versklavt Straftäter und bekehrt Abtrünnige. Auch die Problematik der Reformation in England wird hier nicht ausgespart. Obwohl der protestantische Widersacher Mores Thomas Cromwell, bekannt u.a. aus der Fernsehserie „The Tudors“, nicht auftritt, arbeitet sich der katholische Humanist an anderen Lutheranern ab und scheut auch nicht vor Folter und Hinrichtung im Namen des Kreuzes zurück. Schließlich wird More, der sich zum Tyrannen entwickelt hat, selbst fallen und seine Utopie im Zeichen des „Goldenen Zeitalters“ unter Heinrich VIII. vorerst wieder zu Grabe getragen. Trotz aller Enttäuschung um „Die beste aller Welten“ verweist Königin Katharina darauf: „eine Landkarte, auf der die Insel Utopia nicht eingezeichnet ist, bleibt wertlos.“ Shakespeare im Park verbinden mit ihrem Stück „Utopia™“ aufs Beste Historie und Fiktion und verweisen natürlich nicht ohne Spaß am Spielerischen auf gegenwärtige Träume von einer besseren Welt.

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    Der Sturz des Thomas More. Das Ende der Insel Utopia?

    „Utopia™ – Where all ist true“ weitere Termine: 10., 12., 16., 17., 18., 19. August 2012 – Eintritt frei (jeweils 19 Uhr, sonntags 16 Uhr); Treffpunkt: Görlitzer Park, Lohmühlen- Ecke Jordanstraße

    Buch, Konzept u. Regie: SHAKESPEARE IM PARK BERLIN
    Regieassistenz: Marianne Cebulla

    Schauspieler:
    Maxwell Flaum / Cordula Hanns / Dina-Maureen Hellwig / Paul Marino / Ana Mena / Maren Menzel / Peter Priegann / Sebastian Rein / Claudia Schwartz / Gianni von Weitershausen / Sebastian Witt / Brandon Woolf / Sarah Zastrau

    Bühne: Alberto Di Gennaro
    Kostüm: Arianne Vitale Cardoso
    Assistenz Bühne & Kostüm: Tamar Ginati
    Music: Stew aka DJ Aufenthaltsgenehmigung
    Music & Live Musical Performance: Trike

    Weitere Infos unter: www.shakespeareimparkberlin.org/

    ***

    „Alle Ereignisse in dieser besten aller möglichen Welten stehen in notwendiger Verkettung miteinander.“ Magister Pangloss aus „Candide oder Die beste aller Welten“, Kap. 30

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    Das Hexenkessel Hoftheater im Amphitheater im Monbijoupark gegenüber dem Bodemuseum zeigt Voltaire, Shakespeare und Carlo Gozzi.

    Die beste aller Welten nach Leibniz hatte sich auch Voltaire vorgenommen, um sie in einer wirklich bitterbösen Satire aufs Korn zu nehmen. In seinem 1759 anonym erschienenen Roman „Candide oder Der Optimismus“ auch „Candide oder Die beste aller Welten“ genannt, lässt er den Naivling Candide (Thorbjörn Björnsson), verbannt vom westfälischen Königshofe des Barons von Donnerstrunkshausen (Thorsten Junge) und dessen Tochter Kunigunde (bezaubernd Sara Löffler), die er liebt, durch die Welt ziehen und die Schlechtigkeit der Menschheit nur durch seinen grenzenlosen Optimismus ertragen. Zum 300. Geburtstag des großen Hobbyphilosophen Friedrich II. von Preußen und des nicht minder großen Aufklärers Rousseau nimmt sich das Hexenkessel Hoftheater in der Regie von Alberto Fortuzzi den anderen großen französischen Aufklärer Voltaire vor und macht aus dessen Satire „Candide“ eine spaßige Commedia dell’arte mit gehobenem Lachfaktor. Dazu gibt auch gleich der Autor selbst die Einführung, nicht ohne sich gebührend vor seinem Gönner Friedrich Richtung Publikum zu verbeugen.

     Auftritt Voltaire (Christian Schulz) im Hexenkessel candide_voltaire.jpg

    Das Hexenkessel-Ensemble arbeitet sich brav an den Highlights des Romans ab. Candides alter Lehrer Magister Pangloß (Michael Schwager) lässt keine schlüpfrigen Bonmots aus, es wird philosophiert und geblödelt was das Zeug hält, zur Freude des zahlreich erschienen Publikums. Es treten furchterregende Bulgaren auf, man fällt unter die Seeräuber, Sturm und Schiffbruch werden bildgewaltig in Szene gesetzt und natürlich wackelt alles zum Lissaboner Erdbeben. Die Schauspieler geben sich in wechselnden Rollen redlich Mühe, aber ein gehaltvoller Spaß mit hintersinnigem Witz will das nicht werden. Nachdem Candide das El Dorado, den utopischen Ort Voltaires, wieder verlassen hat und bei der Begegnung mit dem wie eine Marionette an Strippen hängenden Pessimisten Martino (Christoph Bernhard) langsam alle Hoffnung fahren lässt, kommt es doch noch zum gediegenen Happy End, auch wenn Kunigunde etwas an ihrer Anmut gelitten hat. Es knüpft und fügt sich wie Pangloß es prophezeit hat. Oder fügt sich Candide nur in die Notwendigkeit? Na jedenfalls hat man das Thema Aufklärung auch mal im Hexenkessel beackert. Wie heißt es doch so schön zum Schluss bei Candide? „Allein wir müssen unsern Garten bestellen.“ Und das muss dann wohl auch jeder mit sich allein abmachen.

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    Voltaires Candide als spaßige Comedia dell´arte.

    Es sind leider keine weiteren Termine mehr für „Candide“ im Angebot. Dafür gibt es noch bis 1. September Carlo Gozzis absurdes Märchen „König Hirsch“  und Shakespeares Komödie „Was Ihr Wollt“ von Dienstag bis Samstag jeweils 19:30 Uhr bzw. 21:30 Uhr im Amphitheater zu sehen. Freunde des Schenkelklopfhumors werden auf ihre Kosten kommen. Weitere Infos unter: www.amphitheater-berlin.de/theater.html

    Text und Fotos wenn nicht anders angegeben: St. B.

    ***

    Zum Weiterlesen:

    • Thomas Morus: Utopia, bei Projekt Gutenberg
    • Freiheit und Sklaverei. Die dystopische Utopia des Thomas Morus. hier online
    • Karl Kautsky: Thomas More und seine Utopie. (1888), hier in digitaler Form
    • Hilary Mantel: Wölfe. Die Geschichte von Thomas Cromwell. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont 2010.

    • Voltaire: Candide oder Der Optimismus; Aus dem Deutschen übersetzt von Dr. Ralph und mit Anmerkungen versehen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er im Jahre des Heils 1759zu Minden starb; Übersetzt von Wilhelm Christian Sigismund Mylius (1778), sprachlich erneuert und herausgegeben von Prof. Dr. Manfred Naumann, Rütten & Loening, Berlin 1964, mit Illustrationen von Werner Klemke
    • François Marie Arouet de Voltaire: Candide oder Die beste aller Welten bei Projekt Gutenberg

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  • Der Festivalsommer 2012 (1): „Dass ´s Lebn mit Dir wia Tanzn is.“ – Impressionen vom 22. TFF in Rudolstadt

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    Und wird auch mal der Himmel grauer;
    wer voll Vertrau’n die Welt besieht,
    den freut es, wenn ein Regenschauer
    mit Sturm und Blitz vorüberzieht.
    (Wilhelm Busch)

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    Blitze am Horizont, der Himmel wurde immer grauer,
    der Saalezeltplatz kurz vorm großen Regenschauer.

    Etwas spät, aber besser als nie, noch schnell ein paar Impressionen vom 22. TFF 2012, das wie immer traditionell am ersten Juli-Wochenende im schönen Rudolstadt über die vielen Bühnen der Stadt ging. Den Regen glaubten wir erfolgreich in Berlin zurückgelassen zu haben, und mussten dann im ICE nach Jena feststellen, dass er uns doch noch hartnäckig bis nach Thüringen verfolgen wollte. Das ließ Schlimmstes befürchten, jedoch der Himmel verfärbte sich nur noch einmal wirklich bedrohlich tief dunkelgrau und bizarre Blitze zuckten über den Hängen rund um Rudolstadt. Dann goss es kurz wie aus Kannen, bis der ganze Spuk sich nach knapp einer Stunde in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Da war der erste Abend am Donnerstag in Rudolstadt aber bereits erfolgreich gelaufen und alles bereitetet sich auf dem Zeltplatz am Freitagmorgen schon auf die nächsten Highlights vor. Die Sonne machte nur selten Pause und das gute Wetter sollte halten, zumindest zu den meisten Konzerten des diesjährigen TFF. Die dicken Wolken mit Starkregen, der im letzten Jahr noch so einige Konzerte förmlich unter Wasser setzte, blies eine frische Briese immer wieder über die Saale in Richtung Thüringer Wald zurück.

    Das Rudolstädter Wetter, die Natur und die Weimarer Klassik

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    Weimarer Klassiker nur auf der Durchreise?

    Wie jedes Jahr ist das Wetter eine wichtige Komponente in Rudolstadt. Für den festivalerprobten TFF-Fan aber nie ein unüberwindliches Hindernis, das Wochenende auch ohne Segen von oben zu genießen. Man kann hier durchaus auch von einem naturgegebenen Gottvertrauen sprechen, was naturgemäß auch ganz im ursprünglichen Gedanken der Open-Air-Kultur begründet liegt. Und das lässt sich sicher auch nicht nur bis zu den sonnenverliebten kalifornischen Hippies zurückverfolgen, deren No-Rain-Gesänge im nördlich gelegenen Woodstock noch unerhört bleiben mussten. In der Weimarer Klassik zog die Rudolstädter Riviera schon so manchen Sonnenanbeter magisch an. Als geradezu naturaffiner Prophet könnte sich da der zwar um Rudolstadt meist einen Bogen machende, in Thüringischen Landen aber ansonsten stets anwesende Geheime Rat Goethe erwiesen haben, der sich damals über den gelegentlichen Unbill des sommerlichen Wetters wie folgt äußerte:

    Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,
    die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,
    dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmettern;
    doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.
    (Johann Wolfgang von Goethe aus Sommer)

    Das Thüringische Landestheater Rudolstadt kämpft mit Schiller-Zitaten ums Überleben.
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    weimarer-klassiker.JPG Wegweisend. Klassik und Moderne vor dem Weimarer Nationaltheater.

    Ob er im Faust´schen Osterspaziergang die rauen Berge Rudolstadts im Sinne hatte, die hin und wieder auch noch Anfang Juli ohnmächtige Schauer über die Felder senden, ist nicht grundsätzlich auszuschließen, kann aber nicht mit Sicherheit belegt werden. Fakt ist, dass im kleinen Städtchen an der Saale meist erst zu beginn des jährlichen Festivalrummels die geputzten Menschen in zahllos buntem Gewimmel durch die Stadttore drängen. Schützende Höhlen mussten während des Festivals nicht aufgesucht werden, obwohl sich Donner und Blitz ein kurzes Intermezzo gaben. Einem Wochenende voller Sonne und Liebe stand also nicht mehr viel im Wege.

    Friedrich Schiller und Rudolstadt

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    Schiller und die beiden „superklugen“ Schwestern Caroline und Charlotte

    Nicht von ungefähr hat man sich in Rudolstadt lieber einen anderen Schutzheiligen unter den Alt-Meistern der pantheistischen Sommerlyrik auserkoren. Nämlich den reiselustigen Sturm-und-Drang-Dichter Friedrich Schiller, der seine heiße Liebe zur Gegend und dem weiblichen Geschlecht der Stadt in zahlreiche teils überschwängliche Worte und Verse goss. Und so bezeichnet sich Rudolstadt wohl auch zu recht als heimliche Geliebte Schillers. Obwohl es schon zu des Dichters Zeiten kein Geheimnis war, wem seine wahre Liebe galt, schrieb Schiller 1788 an Ludwig Ferdinand Huber: „Ich lebe hier ziemlich zufrieden, genieße mich auch zuweilen selbst und habe oft süße Augenblicke durch Gesellschaft. Die Gegend ist überaus schön …“. Schiller fand „Unter demselben Blau, über dem nehmlichen Grün … mit dem stürzendem Thal“ rund um Rudolstadt nicht nur die lächelnde „Sonne Homers“, sondern auch seine große Liebe und zukünftige Frau Charlotte von Lengefeld, deren verheirateter Schwester Caroline von Beulwitz (die spätere Schriftstellerin Caroline von Wolzogen), er zunächst auch nicht ganz abgeneigt war. In seinem „Rudolstädter Sommer“ 1788 ließ sich Schiller u.a. zum „Geisterseher“ , dem „Don Carlos“ und zum „Lied von der Glocke“ inspirieren und im seit 1792 erbauten „Komödienhaus“ wurden einige seiner Werke von der Weimarer Theatergruppe unter dem Klassikerkollegen Goethe aufgeführt. Und wem, wie schon zu Schillers Rudolstädter Zeiten, wegen des „üblen Wetters“ das Wandern zur „Schillershöhe“ über dem Nachbarort Volkstedt verleidet wird, der kann sich auch im Rudolstädter Schillerhaus umsehen oder mit Schillers früher Ode „An die Sonne“ trösten.

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    Schillerhaus in Rudolstadt

    An die Sonne (Auszug)

    Preis dir, die du dorten heraufstrahlst, Tochter des Himmels!
    Preis dem lieblichen Glanz
    Deines Lächelns, der alles begrüßet und alles erfreuet!
    Trüb in Schauern und Nacht
    Stand begraben die prächtige Schöpfung: tot war die Schönheit
    Lang dem lechzenden Blick;
    Aber liebevoll stiegst du früh aus dem rosigen Schoße
    Deiner Wolken empor,
    Wecktest uns auf die Morgenröte; und freundlich
    Schimmert‘ diese herfür
    Über die Berg und verkündete deine süße Hervorkunft.
    (Friedrich Schiller aus der Anthologie auf das Jahr 1782)

    Riding with the King – John Hiatt rockt den Heinepark

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    John Hiatt & The Combo

    Von den deutschen Klassikern der Literatur zu den Klassikern der Folkmusik, von denen in diesem Jahr wieder einige auf dem TFF vertreten waren. Bereits am Donnerstagabend trat, wie schon im letzten Jahr mit Dr. John, eine Legende des Rock ´n´ Roll und Blues auf. Der Rockgitarrist und Singer-Songwriter John Hiatt aus Nashville eröffnete das Festival auf der großen Parkbühne. Hiatt, ein alter Mitstreiter des Bluesgitarristen Ry Cooder, kann auf einige bewegte Schaffensphasen zurückblicken. Lange Zeit blieb ihm allerdings der verdiente Erfolg verwehrt, bis schließlich Berühmtheiten wie Bob Dylan, Joan Baez, Iggy Pop, Bruce Springsteen oder Joe Cocker, seine Songs coverten. John Hiatt gab in Rudolstadt ein routiniertes Rockkonzert mit allen seinen Klassikern, und intonierte mit seiner unnachahmlich rauen Stimme auch das von B. B. King und Eric Clapton bekannt gemachte „Riding with the King“. Ein angenehm groovendes Bluesfeeling machte sich im Heinepark breit und stieß nicht nur beim älteren Publikum auf eine breite Resonanz. Die Wiederentdeckung von alten Größen der Blues- und Rockszene bleibt somit weiterhin eine gute Tradition des TFF. Für eine große Dance-Party „Partizani“ mit bekannten Balkanklängen sorgte dann noch der Frankfurter DJ Shantel mit seinem Bucowina-Cluborchester (Foto).

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    Karibische Dancebeats gab es am Freitag auf der großen Bühne des Heineparks. Sonnenaufgang am Abend: Systema Solar aus Kolumbien.

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    Shantel und Systema Solar auf YouTube

    Grüß Gott, ich bin das Wienerlied – Tradition und Moderne bei der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg

    Klassiker des deutschsprachigen Liedes gab es auch zur jährlichen Verleihung der Ruth-Weltmusikpreise auf der Heidecksburg am Samstagabend. Mit der Ruth für sein Lebenswerk wurde der neben Reinhard May und Konstantin Wecker in Ost wie West wohl bekannteste Liedermacher Deutschlands Hannes Wader bedacht. Nach einer kleinen Laudatio seines Freundes Konstanin Wecker, die als akustischer Gruß vom Band eingespielt wurde, da Wecker an diesem Abend selbst auf einer anderen Bühne stand, bedankte sich der Geehrte auch sogleich mit seinem zur Hymne gewordenen Song „Heute hier, morgen dort“. Der am 23. Juni 70 Jahre alt gewordene Wader gab bereits am Nachmittag ein Konzert auf der großen Bühne der Heidecksburg. In seinen neuesten Liedern setzt er sich nun verstärkt auch mit seinem eigenen Leben auseinander, was durchaus nicht sentimental wirkt, sondern eher mit einer gewissen Selbstironie daherkommt. „Das wir so lang leben dürfen“, ein schönes Fazit dieser „Schon so lang“(en) Zeit. Hannes Wader sang neben Songs seines großen Vorbilds Georges Brassens natürlich den Klassiker „Es ist an der Zeit“, auf den alle gespannt gewartet hatten, und brachte seinem langjährigen im letzten Jahr verstorbenen alten Freund Franz Josef Degenhardt ein Ständchen mit einem Lied von einem hoffentlich bald Schatten spendenden kleinen Kirschbaum.

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    Ganz nah – Hannes Wader auf der Heidecksburg

    Zu einem Klassiker ist sicher auch das im typischen Dialekt gesungene Wienerlied geworden, dessen Ursprünge, ähnlich dem Berliner Gassenhauer, bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Allerdings unterscheidet sich das Wienerlied nicht nur in der Mundart vom derben Berliner „Denkste denn, denkste denn, du Berliner Pflanze, denkste denn, ick liebe dir, weil ick mit dir danze?“. Im Gegensatz zum Berliner Bolle oder Piefke zeichnen sich die Interpreten des Wienerlieds vor allem durch ihren melancholischen, leicht schwarzen Humor aus, der bisweilen auch als unbeschwert oder sogar gemütlich missverstanden wird. Man fällt in Wien halt nicht so gern direkt mit der Tür ins Haus und umschreibt die Gefühlslagen der Wiener Seele mit einem entsprechenden Schmäh. Die Zeiten, in denen Hans Moser in Wiener Heurigenlokalen die „Reblaus“ besang, scheinen allerdings, außer für deutsche und amerikanische Touristen, endgültig vorbei zu sein. Bereits seit den 1970er Jahren mischten Künstler wie Roland Neuwirth, der Maler und Musiker Karl Hodina oder Willi Resetarits (Ostbahn Kurti) die Tradition des Wienerlieds mit modernem Jazz, Rock und Rythm & Blues.

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    „Bei mir is’ all’s verdraht“ – Auch wenn es einem so vorkommt, die Wiener Strottern singen nicht Spanisch.

    In deren Fortsetzung stehen heute Gruppen wie Kollegium Kalksburg und Die Strottern, die nun in Rudolstadt für ihre moderne Interpretation des Wienerlieds die Deutsche Ruth erhielten. Klemens Lendl (Gesang, Violine) und David Müller (Gesang, Gitarre, Harmonium), für ihre neue CD „Wia tanzn is“ verstärkt durch die beiden Blechbläser Martin Eberle (Trompete, Flügelhorn) und Martin Ptak (Posaune, Harmonium), gaben Sonntagmittag ein relaxtes Konzert auf der kleinen Bühne im Heinepark. Trotz leichter Sprachschwierigkeiten kam der morbide Wiener Charme der Musiker und versteckte Hintersinn der Texte gut beim Publikum an. Und wer nichts verstand, konnte es ja für Spanisch nehmen, wie Sänger Klemens Lendl empfahl. Zur aktuellen Blasphemie-Debatte gaben die Strottern dann auch noch eine Statement ab. Ganz im Sinne von Martin Mosebach konstatierten sie ganz trocken: „Wenns´ knien solln, stellns´ sich hie, denn keiner kennt die Liturgie.“ Das Wienerlied frisch aufpoliert mit viel Witz und avantgardistischer Blechbegleiung. Wahrlich, A ganz schräge Wies´n an der Saale.

    Die Strottern auf YouTube

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    Die Globale Ruth ging an das Al Andaluz Project (Foto) des Münchner Ensembles Estampie, das mit Mitgliedern der spanischen Gruppe L’Ham de Fóc maurische Gesänge, sephardische Lieder und christliche Choräle des Mittelalters neu interpretierte. Die zweite Ehrenruth wurde an die langjährigen künstlerischen Gestalter des  Festival-Umfelds Gertrude Degenhardt und Jürgen B. Wolff verliehen, die mit ihren Bildern, Figuren und Installationen im Stadtraum über Jahre das farbenfrohe Gesicht des TFF bestimmt haben. Eine Ausstellung von Grafiken beider Künstler war in den Säulensälen der Heidecksburg zu sehen.

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    Festivalinstallationen im Hof der Heidecksburg

    Trotz Konzertina-Schwerpunkt, das Blechblasinstrument bestimmt wieder Bild und Ton des TFF

    Die Konzertina, kleine Schwester des Akkordeons, war in diesem Jahr das sogenannte Magische Instrument des Festivals. Man musste aber schon genauer das Programm studieren und gezielt zu den Schwerpunktkonzerten gehen, um ihrer auch tatsächlich ansichtig zu werden. So war sie dann zum Beispiel auf der Marktbühne in einem riesigen Orchester als den typischen Sound des La Gran Orquesta Tango Carambolage bestimmendes Bandoneon versteckt. Neben jeder Menge Akkordeons, den unvermeidlichen Fiddeln und anderer nicht zu überhörender Klangkörper bestimmten aber wieder lautstark die Blechbläserfraktionen das Schallspektrum auf den Bühnen des TFF. Das Bandschema bereits im Namen tragen das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago, was sich auch ganz augenscheinlich und lautstark auf der großen Bühne im Heinepark bemerkbar machte. Das Bayern zu Recht als Heimland der Blaskapellen gilt, ist nicht erst seit dem Besuch der La Brass Banda aus München in Rudolstadt bekannt. In diesem Jahr rockten Moop Mama aus der Weißbiermetropole mit einer Mischung aus Hardcore und HipHop die Konzertbühne im Heinepark. Mit Blechbläsersektion, Rap und fränkischem Multikultitouch kamen auch das Kellerkommando aus Bamberg über die tanzwütigen Festivalbesucher im Park. Sogar die Straßenmusiker in der Stadt bliesen den vorbeiziehenden Massen kräftig den Marsch. Neben Shantel und seinem Bukovina Cluborchester waren Cinkuši aus Kroatien eine weitere Kapelle mit Bläsereinsatz. Die Popularität des Balkan Brass ist bei den Weltmusikfans nach wie vor ungebrochen, und so mochte noch manch andere Band nicht auf mindestens einen Blechbläser verzichten.

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    Mach mir den Baloltelli! – Für Obama einst zu teuer, für Rudolstadt extra eingeflogen. Das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago.

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    Das Kellerkommando aus Bamberg mit Bläsersektion, Akkordeon und Rapper Ali A$ auf der Konzertbühne im Heinepark.

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    Cinkuši wurden als Ethno-Punk-Band und kroatisches Gegenstück zu den Pogues angekündigt, was sich leider nicht ganz bewahrheitete. Doch die meisten Vergleiche hinken eh und getanzt wird in Rudolstadt trotzdem immer.

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    Alles muss raus auf die Straße. Bläserausverkauf auch in der Stadt.

    Kontinent- und Genreübergreifend – Starke Frauen auf dem Festival

    Obwohl die Blechblasmusik eher eine Männerdomäne ist, standen Frauen auf dem Festival nicht etwa nur ausschmückend im Hintergrund. Aus Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika kamen wieder starke weibliche Stimmen nach Rudolstadt. Neben der schon erwähnten Gong Linna aus China überzeugte u.a. das Projekt My Sweet Canary mit Musikern und Sängerinnen aus Griechenland, der Türkei und Israel mit sephardischen Liedern der 1980 verstorbenen Rembetiko-Legende Roza Eskanazi aus Thessaloniki. Emel Mathlouthi mischte mit ihrer Band aus Tunesien orientalische Klänge mit modernem TripHop und die junge Chilenin Pascuala Ilabaca aus dem sonnigen Valparaiso zelebrierte mit ihrer Band Fauna einen musikalischen Culturclash aus chilenischen Cueca-Melodien, Tango, Jazz und melancholischer Popmusik. Weitere bemerkenswerte Auftritte bescherten dem Festival zwei US-amerikanische Sängerinnen. Während die durch ein Zusammenarbeit mit Robert Plant von Led Zeppelin und dem Soundtrack zum Film „O Brother, Where Art Thou?“ von den Coen-Brüdern bekannt gewordene Country- und Bluegrass-Musikerin Alison Krauss mit ihrer Band Union Station ein ziemlich professionelles Sitzkonzert mit ihren Hits auf der Heidecksburg absolvierte, brachten Sallie Ford & The Sound Outside mit ihrer Indipendent-Mischung aus Rockebilly und Punk im 50th-Outfit die Massen vor der Konzertbühne im Heinepark regelrecht zum Schwitzen.

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    Ein Hauch Arabischer Frühling in Rudolstadt. Emel Mathlouthi aus Tunesien auf der Bühne der Burgterrasse.

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    Mit Sonne im Herzen gegen Regenschauer in Rudolstadt. Pascuala Ilabaca y Fauna aus Valparaiso, Chile.

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    A Woman of Constant Sorrow? Alison Krauss & Union Station rissen auf der Burg erst bei den Zugaben die Zuschauer von den Sitzen.

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    Mit 50th-Brille und Rockebilly-Punk. Sallie Ford aus Portland, Oregon.

     

    Von traditionellen Klängen, über experimentellen Folk, bis zu schräg Abgerocktem – Der Länderschwerpunkt China bewies echte Vielfalt

    Passend zum Chinesischen Kulturjahr in Deutschland stand die Musik Chinas im Fokus des 22. TFF. Eine breite Gruppe von Künstlern und Offiziellen war nach Rudolstadt angereist, mit politischen Statements hielt man sich aber allseits weitestgehend zurück. Die Wunschliste chinesischer Künstler, die die Veranstalter in China vorgelegt hatten, wurde laut Festival von den dortigen Kulturfunktionären wohlwollend abgenickt. Die Vielfalt der chinesischen Musik, verbunden mit einem Überblick über die unterschiedlichsten Volksgruppen des Landes, nur annähernd in einem Festival abzubilden, ist mit Sicherheit fast unmöglich. Den Veranstaltern ist mit ihrer Auswahl aber tatsächlich ein bemerkenswerter Überblick gelungen. Dank der beratenden Unterstützung des Komponisten moderner Kunst-Musik und China-Experten Robert Zollitzsch standen klassische neben unabhängiger chinesischer Musik, die Tradition der Kun-Oper neben der Musik der Uiguren und Gesänge der tibetischen Tashi Lhunpo-Mönche neben einem authentischen Chor aus Shanghai auf den vielen Bühnen des 22. TFF. Der Ehemann der nicht nur in China berühmte Sängerin Gong Linna, die bereits zum zweiten Mal in Rudolstadt weilte, hielt auch Vorträge und Workshops zur chinesischen Musik, seine sogenannten Sketches Of China, in der Stadtbilbliothek ab. Unbedingt hervorzuheben sind aber auf jeden Fall die Auftritte der nicht nur wegen ihres Outfits schrägsten Rockband Chinas Er Shou Mei Gui und des Experimentalfolk-Sängers Xiao He, der in zwei Konzerten seine extreme Wandelbarkeit vorstellen konnte.

    tff-kirche3.jpg Ein akustischer Soundtüftler, Loop für Loop mit Gitarre und Stimme. Der experimentierfreudige Xiao He beim Konzert in der Stadtkirche.

    Er Shou Mei Gui tff-park_chinarock.jpg
    kombinierten schräge Rockmusik mit noch schrägeren Kostümen und chinesischen Trötenklängen. Samstagabend auf der großen Bühne im Heinepark.

    Am Rande des Festivals aber nicht im Abseits – Was sonst noch passierte

    Neben den großen Namen des Festivals, am Rande aber trotzdem immer mittendrin, waren auch diesmal wieder zahllose Straßenmusikanten in Aktion, gab es munteres Treiben in der Stadt bei Handwerkermarkt, Musik- und Tanzworkshops sowie Kinderbespaßung mit chinesischem Drachenfest im Heinepark. Das Publikum war wie immer begeistert mit dabei.

    tff_stramu2.jpg Die Stars der Stramu

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    Spanische Gitarren begeisterten im musikalischen Wettstreit am Güntherbrunnen.

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    Drachen bestimmten nicht nur im Park das Festivalgeschehen.

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    Wohin mit den lieben Kleinen? Ab in den Kochtopf zum Beispiel. Aber auch ansonsten gab es für Hungrige überall ordentlich was zu beißen.

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    Die Bauernhäuser im Heinepark luden in diesem Jahr erstmalig zum Verweilen bei Musik und Wein.

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    Und wem das alles zu viel war, der konnte sich auch einfach mal nur zum Chillen auf die Wiese vor dem Schallhaus legen.

    This land is your land – Politische Songs auf dem TFF

    Neben Hannes Wader war das Programm des TFF 2012 noch mit weiteren Klassikers des Politischen Folk- und Popsongs angereichert. Groß gefeiert wird ja in diesem Jahr der 100ste Geburtstag des mit Sicherheit bekanntesten US-amerikanischen Folksängers und größten Hobos „From California, to the New York Island“ Woody Guthrie, ein Vorbild für viel moderne Folk- und Countrymusiker heute. Da wollte das TFF auch nicht nachstehen und hat gleich ein ganzes Musical über den Singer-Songwriter nach Rudolstadt geladen. Nach einer Kolumne, die Woody Guthrie in den 1940er Jahren für eine kommunistischen Zeitung in den USA schrieb, haben die vier Musiker um den Banjospieler David Miller Lutken ihr Projekt „Woody Sez“ benannt. Nach einer Aufführung am Freitag im Landestheater gaben sie auch noch ein Konzert am Samstagnachmittag auf der Bühne der Burgterrasse. Und die Band bewies nicht nur mit dem „Jolly Banker“ Witz und Aktualität von Woody Guthries Songs. Natürlich performten sie mit viel Spielfreude auch den Klassiker „This land is your land“ zum Mitsingen für das begeisterte Publikum.

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    Woody Sez auf der Burgterrasse

    Richtig Rebellisch wurde es dann noch am frühen Sonntagabend, auch wenn die bekannte britische Agit-Pop-Band Chumbawamba nur einen ihrer sogenannten akustischen Sets absolvierte. Die Band hatte eine kleine Odyssee per Eisenbahn hinter sich und durfte auf der Konzertbühne im Heinepark gleich Bekanntschaft mit der vorbeirauschenden Thüringer Regionalbahn machen. Mit viel Humor und einem sächsischen Johnny-Cash-Auftritt aus dem Publikum verbreiteten die Chumbas wie immer eine bomben Stimmung, auch ohne ihren Superhit „Timebomb“. Dafür hatten sie „Enough Is Enough“, „Homophobia“ und natürlich ihre Hymne „The day the Nazi died“ im Gepäck. Sie sangen einige ihrer englischen Rebelsongs und glänzten auch mit etwas Dada. Das Chumbawamba im Laufe der Zeit an Schärfe und Witz nichts eingebüßt haben, bewiesen sie mit einigen ihrer neueren Songs, wie „Torturing James Hetfield“, einem Spottsong über den Sänger von Metallica, der sich stolz darüber äußerte, dass die Musik der Band bei Verhören von arabischen Häftlingen in Guantanamo benutzt wurde. „James James James, Just give us names names names!“ Oder passend zum derzeitigen Streit, ob man Wagner in Israel aufführen kann, spielten sie den Song „Wagner at the opera” über einen Auschwitzüberlebenden der 2000 ein Aufführung des Siegfried-Idylls in einer Kleinstadt nahe Tel Aviv mit einer Fußballrassel gestört hatte. Die Band präsentierte ihre Songs wie immer mit viel Ironie und hatte sichtlich Spaß zusammen mit dem Publikum. Trotzdem geht nun die Ära der Chumbas, wie die Band auf ihrer Website bekannt gegeben hat, nach 30 Jahren voller Ideen, Melodien, endlosen Meetings und Tourneen zu Ende. Das Konzert in Rudolstadt war dann auch leider der einzigste Deutschlandauftritt auf ihrer letzten Tour. Bye, Bye, Bye Chumbawamba.

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    Die britischen Pop-Rebellen Chumbawamba im Heinepark

    Ein durchaus rebellischer „Gentleman“ beendete dann im Anschluss auf der großen Parkbühne das 22. TFF in Rudolstadt. Der sogar in Jamaika anerkannte Reggae- und Dancehall-Musiker Tilmann Otto aus Köln hat zwar das R aus dem Bandnamen The Evolution gestrichen, gerierte sich aber trotzdem als großer Einpeitscher der jugendlichen Revolte. Seine Free-Tibet-Rufe durchzuckten noch einmal wie Blitze den Rudolstädter Heinepark. Ob dabei ein Reissack in China umgefallen ist, dürfte dem ausgelassen tanzenden Publikum letztendlich aber ziemlich egal gewesen sein. Auf jeden Fall kann das Festival auch diesmal wieder als voller Erfolg verbucht werden, obwohl die 90.000 Zuschauer des letzten Jahres nicht getoppt werden konnten. Mit 85.000 waren es aber immer noch mehr als genug und die Verlängerung auf vier Tage hat sich gottlob nicht nur positiv auf die Vielfalt des TFF ausgewirkt. Das 23. TFF in Rudolstadt findet vom 04.-07.Juli 2013 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Italien, und das Magische Instrument wird uns die Flötentöne beibringen.

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    Diversität herrschte wie immer auf allen Bühnen des TFF.

    Fotos: St. B.

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  • Herr Sonnenschein macht Urlaub oder ein Sommer oben ohne

    Eine nicht ganz ernstgemeinte WortKlauberei.

    Gottlieb Sonnenschein war Vertreter für Markisen und Jalousetten und hielt sich auf diesem Gebiet schon aufgrund seines Namens für eine wahre Koryphäe zwischen Ostseeküste, Fichtelberg, Harz und der Oder-Neiße-Grenze. An guten Tagen konnte er sogar Markisen für Balkone mit Nordausrichtung an Bewohner von Plattenbauwohnungen in Cottbus-Südstadt verkaufen. Was nur einmal scheiterte, als ein rotznäsiger Blag seinen bräsigen Erzeugern stolz den für 1,99 € gekauften Lidl-Kompass auf den Tisch knallte. Herr Sonnenschein murmelte noch etwas von Magnetanomalien in Stahlbetonwänden und fand sich wenig später mit einigen blauen Flecken auf dem Treppenabsatz nach unten wieder. Wegen seines sonst eher schlichten und einsilbigen Auftretens glaubten jedoch die meisten Menschen in den Landstrichen der ehemaligen DDR, eine gewisse Wesensverwandtschaft zu erkennen und kauften ihm, wenn schon nicht mit vollster Überzeugung, dann doch aus einem gewissen solidarischem Empfinden heraus, weiterhin seine Schatten spendenden Produkte ab. Dergestalt verschattet, schien auch das Gemüt von Herrn Sonnenschein in der letzten Zeit an einem gewissen Luziditätsmangel zu leiden. Er ertappte sich immer wieder dabei, mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Obwohl er schon immer seinem Hang zu Tagträumereien freien Lauf gelassen hatte, plagten ihn nun immer mehr düstere, undurchsichtige Phantasien. Das lag wohl auch daran, dass er gerade frisch geschieden, noch den Gewohnheiten der Zweisamkeit nachhing und sich mit seinem erneuten Singleleben nicht so recht anfreunden konnte.

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    Nordseite oder Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau

    Seine Frau hatte er bei einer Fachtagung des Bundesverbandes Rollladen und Sonnenschutz im Nordseebad Sankt Peter-Ording kennen gelernt. Sie war Farbdesignerin bei einem führenden Hersteller von Sonnenschutzbehängen und wohl von Herrn Sonnenscheins neuem graugrün schillernden Markenanzug beeindruckt, den er sich auf dringendes Anraten seines Chefs gekauft hatte. Nach einer kurzen, heftigen Liebes- und Verlobungsphase kauften sie nach der Hochzeit sofort eine Eigentumswohnung in Berlin, welche die Designerin voller Elan nach eigenen Plänen auszugestalten begann. Sie wollte etwas mehr Farbe in beider Leben bringen und wer hat denn schon Angst vor ein wenig Rot, Gelb und Blau. Sehr schnell musste sie aber erkennen, dass sich ihr Hang zum Extremen zu seinem eher etwas unterkühlten Temperament direkt entgegengesetzt verhielt. Sie hatte sich da noch einzureden versucht, dass sich beide gemäß der Komplementärfarbtheorie mit der Zeit gegenseitig ergänzen und zum Leuchten bringen würden, was aber letztendlich an Herrn Sonnescheins notorischer Farblosigkeit scheiterte. Um einer vollkommenen Subtraktiven Farbmischung zur grauen Maus zu entrinnen, entschloss sich die Farbdesignerin schließlich zum Kontrastprogramm und zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Trotz seines Jobs hatte Herr Sonnenschein keinen Sinn für derlei Farbspiele und empfahl seinen Kunden meist Markisen in gedeckten Tönen. Daheim verschmolz Herr Sonnenschein am liebsten in seinem magentafarbenen Pyjama mit dem blauen Bettzeug der roten Designercouch – alles noch von seiner Ex-Frau ausgesucht – und verschwand immer öfter völlig in seiner eigenen Gedankenwelt. Er hatte sich so mit den Jahren, bis auf das kurze Intermezzo seiner Ehe, schlicht und ergreifend aus dem Blickfeld seiner Umgebung selbst entrückt. Was ihm allerdings auch nichts weiter auszumachen schien.

    Seit einiger Zeit war das Geschäft gerade in den Sommermonaten etwas flau, so dass sich Herr Sonnenschein wie schon in den Jahren zu vor entschloss, von Juli bis August Urlaub zu machen. Er zog es allerdings vor, nicht wie die anderen Großstädter in den sonnigen Süden zu fliehen, sondern lieber in seinen vier Wänden zu verweilen. Und so machte er es sich dann auch in gewohnter Weise nach einem späten Frühstück auf seiner Wohnzimmercouch bequem. Herr Sonnenschein blinzelte noch etwas träge durch das Fenster in den wolkenverhangenen Himmel, legte sich die Winterreise von Franz Schubert auf und begann die Zeitungen der vergangenen Wochen durchzublättern, die sich ungelesen auf seinem Couchtisch türmten. Außer einem Pipi-Kacka-Papa, Zipfelgeschnippsel, Fistkahl-Paketen und anderen Bondagen füllte trotz masseverheißendem „Gottesteilchen“ weiß Gott nichts Substanzielles die Seiten der Feuilletons. Higgs, Herr Sonneschein bekam unweigerlich einen Reflux beim Durchkauen des schwer verdaulichen Debattenquarks. Nur ein liturgie- oder war es doch ein literaturbesessener Anti-Blasphemiker erweckte noch kurz das Interesse von Herrn Sonnenschein. Jedoch verfinsterte sich – gleich dem wolkenverhangenen Morgen – seine Miene zusehends und proportional zur Anzahl der im Text zahlreich verstreuten externa verba. Herr Sonnenschein hatte nämlich sein Fremdwörterbuch Frau Söße aus dem Parterre geliehen, die gerade einen retraining course zur Visagistin absolvierte, und blätterte unlustig in seinem alten DDR-Synonymwörterbuch die Vokabeln consensus omnium nach.

    Während sich für Herrn Sonnenschein die Zusammenhänge von Indifferenz, Intoleranz und Inkontinenz bereits bildlich vor seinem inneren Auge zu manifestieren begannen, versagte ihm hier schlicht die Vorstellungskraft. Er klappte ermüdet das Buch zu und legte die Zeitung beiseite, um sich wieder für ihn wichtigeren Dingen zu widmen. Nach reiflicher Überlegung war er zu der Überzeugung gelangt, zu einigen Ideen der Menschheit einfach keine Meinung mehr haben, und auch nicht jedem dahergelaufenen Gedanken, dem er ansichtig wurde, gleich reflexartig nachhecheln zu müssen. Seine Lebensmaxime hatte er sich in schwarzen Lettern über den Garderobenspiegel im Flur gepinselt. Sie lautete: „I would prefer not to“. Er hatte den Anglizismus aus einer wundersamen Erzählung des Amerikanischen Novellisten Herman Melville entlehnt, die ihm sein alter Bekannter Carl Fakes aus New York mitgebracht hatte. Eine gewisse Geistesverwandtschaft mit dem Schreiber Bartleby konnte Herr Sonneschein nicht leugnen. Allerdings mochte er Carl Fakes in seiner Interpretation der Melville´schen Erzählung nicht ganz folgen und verzichtete auch dankend auf die Annahme einer Einladung zum wilden Campen vor der Sparkassenfiliale auf dem Alexanderplatz.

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    Venezianische Markisen am Canale Grande

    Nach einer halbstündigen, erholsamen Augenpflege wurde Herr Sonnenschein unsanft durch das Läuten des Telefons aus seiner inneren Kontemplation geholt. Es war sein Chef, der aus dem Urlaub in Venedig anrief und ihm von seiner neuesten Urlaubsbekanntschaft vorschwärmte. Schon die letzte, die er im vorigen Sommer aus dem sonnigen Süden mitgebrachte hatte, fand Herr Sonnenschein in ihrer makellosen Bräune geradezu geschäftsschädigend an der Seite eines Filialleiters in der Verschattungsbranche. Die neue hieß Signora Lucida, was in dieser Hinsicht auch nichts Anderes vermuten ließ. Herr Sonnenschein mochte den Süden nicht besonders. Er war lieber in vertrauter Umgebung und verreiste äußerst selten. Eine gewisse Vorliebe hatte er für das gute alte Wien entwickelt. Dort fühlte er sich in seinem Wesen verstanden, und fand noch im schnodderigen Singsang des Abschiedsgrußes „Geh bitte, schleich di“ den unnachahmlichen Wiener Schmäh, der ihn nur vor einem überstürzten Heimweg bewahren wollte.

    Trotz all seiner inneren Abneigung hörte sich Herr Sonnenschein geduldig die Schwärmereien seines Chefs an und versprach ihm auch, sich um passende Markisenstoffe für Signora Lucidas kleine Balconette zu bemühen. Sein Chef schien etwas besorgt um ihn zu sein und empfahl ein umfassendes cerebrales Update, durch eine sofortige Ortsveränderung einzuleiten. Herr Sonnenschein solle seinen Hintern vom Diwan erheben und die Oblomowerei beenden, bevor er sich irgendwann aus lauter Langeweile eine Pistole an den Schädel setzen würde. Parabellum, Cerebellum, Panoptikum! Herrn Sonnenschein schossen einige faszinierende Bilder durch den Kopf. Auch befand er sein Kleinhirn allemal ausreichend bemessen, um auch ohne völlig nutzlose Reiseanstrengungen allein mittels kognitiver Kräfte, seinen Horizont zu erweitern. Er zog es vor, ähnlich dem berühmten Müsiggänger aus dem Roman des Russen Gontscharow, nur von seiner Couch aus die Welt in einem rein geistigen Parabelflug umspannen zu können. Er würde es allen schon noch zeigen, wo Bartleby den Most holt.

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    Signora Lucidas unverschattete Balconette

    Herr Sonnenschein erinnerte sich wieder an das Versprechen, das er seinem Chef gegeben hatte, und kramte sein altes Notebook aus dem Schlafzimmerschrank. Er konnte sich sogar noch daran erinnern, wie man das Modem anschloss und gab das Wort Balconette in die Google-Suchseite ein, die zu seiner Freude ein Doodle des berühmten Wiener Malerfürsten Gustav Klimt zeigte. Größe setzt sich durch, dachte Herr Sonnenschein, während er die aufgerufenen Dessousshop-Seiten betrachtete und sich bildlich vorstellte, wie sein Chef versuchte, den Vorbau von Signora Lucida mit geblümtem Markisenstoff zu verschatten. Herr Sonnenschein bemerkte dabei eine plötzliche Erregung, die er so noch nicht an sich beobachtete hatte. Sichtlich beunruhigt googelte er sofort seinen neuen Gemütszustand. Leider fand er keinen ihm zusagenden Begriff und begann intuitiv einige der immer wieder auftauchenden Silben neu aneinander zu reihen. Besonders gut gefiel ihm dabei die Kreation ostemplativ. Um sich später daran erinnern zu können, machte er sich einige Notizen und erwog sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu erstellen.

    Herr Sonnenschein unterbrach kurz seine Gedankengänge, um aus dem Fenster zu sehen. Er erinnnerte sich, von einem drohenden Sonnensturm in der Zeitung gelesen zu haben, und war etwas in Sorge, da er seine Markise in die Werkstatt gegeben hatte. Mit spürbarer Erleichterung aber sah er, tief unter ihre Regenschirme gedrückte Menschen auf der Straße vorbeihasten. Ihn überkamen sofort herbstliche Gefühle, die eine wohlige Welle der Melancholie in ihm aufwallen ließen. Um das aufkeimende, fast überschwängliche Glücksgefühl wieder etwas herunter zu dimmen, legte Herr Sonnenschein ganz behutsam eine Scheibe der Wiener Strottern auf und goss sich einen spanischen Brandy ein, genießerisch das golden glänzende Getränk in seinem Glas betrachtend. Die Sonne Spaniens hatte er selbst noch nie gesehen. Mit einem für seine Art unüblich ostentativem Gähnen wendete sich Herr Sonnenschein dann wieder seinem gewohnten Tagwerk zu und verfiel sofort in einen ihm ureigenen Dämmerzustand. Es erschien ihm einfach unangemessen, dem Umstand, nicht googelbar zu sein, mehr Bedeutung beizumessen als nötig. „O Sonnenschein! O Menschheit!“ hörte er sich noch leicht verzückt seufzen, während der nächste Regenschauer an sein französisches Fenster mit oben ohne prasselte. Herr Sonnenschein fiel endgültig in einen tiefen Sommerschlaf, aus dem ihn wohl kein Anruf der Welt so schnell würde erwecken können.

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    Bitte nicht stören! Herr Sonnenschein macht Urlaub.
    Foto: Lastminuteauskunft.de auf pixelio.de

    (c) Text und Fotos (wenn nicht anders angegeben): Stefan Bock

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  • Am Donnerstag ist es wieder soweit, das Tanz- und Folkfestival in Rudolstadt (Tühr.) geht in die 22. Runde.

    TFF Rudolstadt – das größte Folk-Roots-Weltmusik-Festival Deutschlands vom 5. bis 8. Juli 2012

    Liebe Sonne, scheine wieder

    Liebe Sonne, scheine wieder,
    schein die düstern Wolken nieder!
    Komm mit deinem goldnen Strahl
    wieder über Berg und Tal!
    Trockne ab auf allen Wegen
    überall den alten Regen!
    Liebe Sonne, lass dich sehn,
    dass wir können tanzen gehn!

    August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)

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    (c) Jürgen B. Wolff, tff Rudolstadt

    Länderschwerpunkt: CHINA

    Das magische Instrument 2012: KONZERTINA

    Tanz des Jahres: Straßentänze

    RUTH 2012:

    • Deutsche RUTH 2012 an die Gauner aus Wien
    • Globale RUTH 2012 an das Al Andaluz Projekt (Das Münchner Alte Musik Ensemble Estampie und die spanischen Gruppe L’Ham de Fóc )
    • RUTH für das Lebenswerk an Hannes Wader zum 70sten Geburtstag

    weitere Infos auf: www.tff-rudolstadt.de

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    Impressionen vom tff 2011

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  • „Aus, Aus, Aus!“ Deutschland steht nicht im EM-Finale und Ror Wolf, der echte Fußballexperte, feiert heute trotzdem seinen 80. Geburtstag

    „Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt. Es ist eine zuweilen bizarre Welt, in der unablässig Gefühlsschübe aufeinanderprallen. Emotionen, die jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen können: Entzücken in Entsetzen, Begeisterung in Wut, Verzweiflung wieder in Entzücken.“ Ror Wolf (Schriftsteller und bildender Künstler), geboren am 29.06.1932 in Saalfeld/Thür.

    Ror Wolf, der phantastische Wirklichkeits-Collageur, Wort- und Tontüftler sowie große „Fußballpoet“ begeht heute seinen 80. Geburtstag. Die deutsche Mannschaft hat ihm gestern leider dazu kein adäquates Geburtstagsständchen darbieten können. Sie schied eher sang- und klanglos im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft gegen Italien aus. Und wie es Ror Wolf 1980 anlässlich seines Abschieds vom literarischen Fußball beschrieb, wechselten in diesem Spiel Entzücken auf der einen Seite in Entsetzen auf der anderen und anfängliche Begeisterung für die deutsche Mannschaft schließlich in Verzweiflung. Aber statt in Wut mündeten die emotionalen Gefühlsschübe der Deutschen doch eher in einer großen kollektiven Enttäuschung. Der große Strategietüftler Jogi Löw hatte sich nach mehreren zunächst erfolgreichen Umstellungsexperimenten in der deutschen Mannschaftsaufstellung schließlich doch verzockt. Wieder einmal ist der Griff nach dem großen Titel von den zu Angstgegnern stilisierten Italienern vereitelt worden. Im Finale am Sonntag stehen durchaus verdient Weltmeister Spanien und ein italienisches Team, das sich in der Vorrunde noch etwas zurückhielt und sicherlich nicht nur deswegen zu Unrecht unterschätzt wurde. Die „Revanche“ der jungen deutschen Mannschaft auch gegen Spanien muss also erneut vertagt werden. Wer daran nun die Schuld trägt, wird die Seelen der deutschen Fußballexperten noch eine kleine Weile bewegen und die Gemüter der Fußballfans in Wallung halten. Ob es der gefährliche Maulwurf war, der die geheime Aufstellungstaktik Jogi Löws unterminierte, oder das Formtief von Spielern wie Müller und Schweinsteiger, ob Spielführer Lahm tatsächlich zu lahm oder doch eher zu klein gewachsen ist und Stürmer Gomez nur ein laues Lüftchen war, diskutiert wird immer an den deutschen Stammtischen.

    Experte ist schließlich jeder, aber nur einige davon kommen ins Fernsehen. KMH und Olli Kahn, das Dreamteam der letzten WM vom ZDF, standen diesmal entweder im Kalauer-Regen von Heringsdorf oder verwehten im kalten Wind der Ostsee. Kathrin Müller-Hohenstein vermisste Jogis hellblauen Glückspulli und Kahn verhedderte sich sprachlich in der vielbeinigen Akropolis. Die feurige „Riesenfußballsause“ erkaltete schnell auf der Strandpromenade, die die Beiden mit Sprüchen aus dem „Betonmischwerk“ für Moderatoren zementierten. Ebenfalls gut Sprüche klopfen kann Netzer-Ersatzmann Mehmet Scholl in der ARD. Zum bitteren Ende drückte er aber lieber seine Moderatorenkollegen und sich, nach seiner danebengegangenen Gomez-Schelte, um klar verständliche Worte herum. Dafür wird er demnächst wohl ein Altersheim für Fußballer übernehmen, diagnostizierte er doch bei Gomez einen durchgelegen Rücken und mit den italienischen Spielern Balotelli und Cassano zwei Pflegefälle im deutschen Strafraum. Zumindest der Titel Dottore ist ihm damit spätestens nach dem Italienspiel sicher. Befindlichkeits-Talkmaster Beckmann fielen zu den umtriebigen italienischen Stürmern nur dämliche Tiernamen ein, was uns gleich zum nächsten Ärgernis der EM-Berichterstattung führt, den bellenden Sing- und Nervsäcken Waldi Hartmann und Matze Knop im Bayrischen Bahnhof, oder doch besser Komödiantenstadl zu Leipzig. Da kann der EM-gestresste Fernsehzuschauer wirklich nur froh sein, dass diese bräsigen Quatschrunden bei Bier und Brezn nun samt der „Loddar“-Matthäus- und Kaiser-Franz-Doubelei bald endgültig Sendepause haben.

    Zurück zu Ror Wolf. Seine Fußballbegeisterung ist bekanntlich bereits in den 50er Jahren entstanden und sein Ästhetik-Verständnis noch stark in den 70er Jahren verhaftet, als die Fußballstars noch Grabowski oder Hölzenbein hießen und Eintracht Frankfurt um die deutsche Fußballmeisterschaft spielte und nicht ihm Ligafahrstuhl unterwegs war. Damals waren noch lange Bälle aus der Tiefe des Raumes und das individuelle Dribbling einzelner Fußballzauberer Inspirationsquell für so manchen Schriftsteller und verzauberten Moderatoren wie Edi Finger oder Armin Hauffe durch ihre spontanen Fußball-Wortschöpfungen das Publikum daheim. Die Zeiten sind lange vorbei und der alte Stil abtrainiert. Seit Ror Wolf 2006 die WM in Deutschland als „Totaltheater“ bezeichnet hatte, ist es etwas ruhiger um ihn geworden. Heute wird auch keiner mehr gleich „narrisch“, obwohl Fußball laut Ror Wolf „eben nicht nur ein Rasenspiel, sondern auch ein Spiel im Gefühlsgelände der Zuschauer und Zuhörer“ geblieben ist. Geblieben ist dem deutschen Fußball auch die Neigung zur Verniedlichungsendung „i“. Aus „Graaaabi – eher abspielen“, das uns aus Ror Wolfs Trainingsmitschnitten bei der Frankfurter Eintracht überliefert ist, wurde nun das kurze „Schweini-Poldi-Tor“. Leider hat das bei dieser EM nicht so funktioniert. Bis zur nächsten WM in zwei Jahren bleibt aber noch etwas Zeit zum Üben. Und wer die Günter Netzer CD-Collection schon durchhat, kann ja bis zur WM 2014, die dann übrigens bei den Ballzauberern in Brasilien stattfindet, die Gesammelte Fußball-Prosa von Ror Wolf lesen oder sich mit seinen Radio-Collagen auf CD mental vorbereiten. Denn eins ist nun mal sicher: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste.“ (R.W.)

    Bis dahin, Ihr Wuwu Sellers.

     ror-wolf-spiel.jpg Ror Wolf: Das nächste Spiel ist immer das schwerste (Geb. Ausgabe); Verlag: Schöffling & Co. (2008), 296 Seiten

    Weitere Werke unter: www.wirklichkeitsfabrik.de – Die Welten des Ror Wolf

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  • Nun sag, wie hast du´s mit der Blasphemie? Vom Wert des Verbietens, vom Verbieten der Kunst und von der Kunst Martin Mosebachs

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    Vor gut einer Woche dachte man beim Aufschlagen des Feuilletons der Berliner Zeitung (19.06.12), das Sommerloch habe sich urplötzlich vorzeitig aufgetan und es gäbe außer Fußball nichts mehr, worüber es sich zu berichten lohne. Vermutlich aus diesem Grunde haben die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung beschlossen, einen Vortrag des Schriftstellers, Büchner-Preisträgers und bekennenden orthodoxen Katholiken Martin Mosebach, den dieser anlässlich eines internationalen Workshops zur „“Redefreiheit in einer multikulturellen Welt. Recht, Internet und das zivile Aushandeln von Meinungsdifferenzen“ im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen gehalten hat, auf der ersten Seite des Feuilletons abzudrucken. Es kann natürlich auch der Beweis des Vorhandenseins einer Resttoleranz gegenüber dem sich kurz vor dem Verschwinden befindlichen Christentums in Deutschland gewesen sein, das die Redaktionen der beiden Zeitungen erfasst hat. Mosebach referierte bei einer Veranstaltung mit dem Islamwissenschaftler Navid Kermani und dem Dramaturgen des Thalia Theaters Hamburg Carl Hegemann unter dem Motto: „Darf man das? Die Kunst und ihre Grenzen“ darüber, warum es der Kunst und dem sozialen Klima dient, wenn Blasphemie strafbar ist. Titel des Vortrags: „Vom Wert des Verbietens“. Von den anderen beiden Teilnehmern ist leider kein Redebeitrag übermittelt.

    martin-mosebach.jpg Martin Mosebach
    Original-Zeichnung von Bill Rogers, Foto: giveawayboy auf flickr.com

    Also Blasphemieverbot! Eigentlich gehört eine passende Reaktion auf so etwas es in die Rubrik „“Neues aus Kalau“. Mit entsprechender Ironie reagierte auch am Montag der Schriftsteller Ingo Schulze in seiner Entgegnung „Her mit dem Blasphemiegesetz!“ ebenfalls in der Berliner Zeitung (25.06.12). Er versetzte sich stellvertretend für eine noch zu gründende Behörde in den Stand eines Literaturzensors und vermaß akribisch den „Bogen von der Religion über die politische Verfasstheit unseres Staates bis hin zur Ästhetik“ den Mosebach hier so offen und kühn vor uns ausbreitete. Verständlich wird Schulzes Freude an dieser Polemik natürlich dadurch, dass er die Auswirkungen der Zensur aus DDR-Zeiten noch gut in Erinnerung haben dürfte. Erheblich kräftigere Animositäten hegen dagegen vor allem Mosebachs weibliche Kritiker aus dem Westen, wie die Autorin und Spiegel-Kolumnistin Sybille Berg, die Mosebach einen „„Gotteskrieger im Tweedjacket“ nennt, der am liebsten an der Seite Papst Benedikts XVI. über die Qualität von Kunst und Literatur befinden würde. Nun ist die Art wie sich jemand kleidet zwar durchaus ein Indiz für den Modegeschmack des Trägers, aber noch nicht dringend dafür, welcher Art von Gedanken er nachhängt und ob er einer erzkonservativen Weltanschauung angehört. Nein, Moos in den Jackentaschen bedingt noch lange kein Moos im Hirn. Hier beginnt man dann aber doch schon etwas daran zu zweifeln. Es ist ja schon allerliebst, wie Mosebach sich für die lateinische Messe ins Zeug legt und ihre Renaissance als avantgardistische Bewegung in Europa feiert.

    Die Zensur verfeinert den Stil – Kraus, Hacks, Voltaire und Rousseau

    Nun hält er gar die Strafbarkeit von Gotteslästerung dienlich für das soziale Klima, höchst förderlich für die Kunst und überaus anregend für die Phantasie des Künstlers selbst. Er führt dazu den österreichischen Publizisten jüdischer Abstammung, den zum Katholizismus konvertierten und wieder ausgetretenen (Erfüllt das eigentlich schon den Tatbestand der Blasphemie?) Streithahn und zensurerfahrenen Karl Kraus ins Feld. Die zynische Weisheit „Die Zensur verfeinert den Stil“, die Mosebach immer mal wieder parat hält, ist ihm dafür Bestätigung. In seiner „“Rede über den deutschen Roman“ (FAZ vom 21.09.11), in der es z.B. auch um die deutsche Nachkriegsliteratur in DDR geht, bescheinigt Mosebach, ähnlich wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, u.a. dem bekennenden Atheisten Peter Hacks, der nicht nur nebenbei auch noch Kommunist war, eine größere stilistische Geschliffenheit, eine Ausbildung an den großen Vorbildern der Weimarer Klassik und Romantik. Hacks kann sich leider gegen diese Art der Umarmung nicht mehr verwehren. Was Goethe und die christliche Religion betrifft, kann man dazu einiges im „West-östlichen Diwan“ nachlesen. Oder Mosebach beklagt ganz nebenbei die Erfolge der Gruppe 47, die sein Idol den Schriftsteller Heimito Ritter von Doderer (1896-1966), wie Kraus ebenfalls Österreicher, zu Unrecht völlig überlagert haben. Dabei muss ich immer an die herrlich verstiegenen Schachtelsätze aus der „Strudelhofstiege“ denken und Doderers Ode an selbige.

    Wenn die Blätter auf den Stufen liegen
    herbstlich atmet aus den alten Stiegen
    was vor Zeiten über sie gegangen.
    Mond darin sich zweie dicht umfangen
    hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,
    die bemooste Vase in der Mitte
    überdauert Jahre zwischen Kriegen.

    Viel ist hingesunken uns zur Trauer
    und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.

    Da ist es wieder, das schöne Moosige, das Martin Mosebach in seinem, mit einer ästhetisierenden Patina überzogenen Werk, zu bewahren sucht, um es gegen den Zeitgeist und „jene geistigen Milieus der Bundesrepublik“ zu verteidigen, „in denen der Name Voltaires nie vernommen wurde“ und es an Männern wie Rousseau fehlt, dessen 300. Geburtstag wir gerade gedenken, der noch höchst selbst blasphemisch über Gott, „der doch anwesend ist“, spottendende Libertins mit starken Worten zum Schweigen bringen konnte. Nun war Voltaire sicher kein Verfechter der Religion und Rousseau bestimmt auch keiner eines Staates, der Blasphemie unter Strafe stellen würde. Er verwendete eher die Begriffe der Zivilreligion und des aktiv und eigenverantwortlich gestaltenden Citoyens. Gemeinsam mit Voltaire gilt er als Wegbereiter der Französischen Revolution von 1789 und als Vorbild nicht nur von Maximilien de Robespierre und Antoine de Saint-Just, den Martin Mosebach in seiner umstrittenen Rede zur Verleihung des Büchner-Preises 2007 mit Heinrich Himmel gleich setzte. Mit schrägen Vergleichen kokettiert Mosebach immer wieder gerne und gefällt sich dabei sogar in der Rolle des reaktionären Konservativen. Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani zog in seiner Laudatio aus Anlass der Verleihung des Büchner-Preises an Martin Mosebach Parallelen zu Don Quijote, dem tragisch unmodernen Helden Cervantes, der vergeblich gegen die Windmühlenflügel anrennt. „“Modern am Don Quijote ist nicht sein Weltentwurf, sondern sein Scheitern“, was auch für Mosebachs bürgerliche Romanfiguren zuträfe.

    Beispiele für Blasphemie bleibt Mosebach schuldig

    Einen gewissen Ausgleich sucht Martin Mosebach nun in politischen Fragen und als studierter Jurist im Staats- und Strafrecht. Was hat es aber nun mit der Gefahr der staatlichen Ordnung auf sich, die Mosebach wie an einem kranken Körper zu diagnostizieren glaubt, wenn Künstler sich zur Blasphemie berufen fühlen und das als ihre künstlerische Freiheit ansehen? Laut Präambel formuliert sich das Grundgesetz der Bundesrepublik „im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen“, dem Gott des Christentums natürlich mit seinen Geboten. Doch was ist mit den Menschen? „Allein schon Artikel 1, die Menschenwürde betreffend, ist ohne christliche Inspiration nicht vorstellbar.“ Lediglich als hypothetisch erscheint Mosebach die Frage nach der Änderung des Grundgesetztes im gesellschaftlichen Wandel der Zeit. Bliebe Blasphemie weiterhin straffrei, sieht Mosebach, durch das Wachsen der muslimischen Bevölkerungsgruppe, die ihren Glauben noch ernst nimmt, die Relation von Gehorsam dieser Bevölkerung gegenüber dem Gewaltverzicht zum Gewaltmonopol des Staates in Gefahr. Die Gotteslästerung als feige und billige Attitüde macht Schrifsteller Mosebach ausgerechnet bei den Künstlern aus. Beispiele für Blasphemie bleibt er dabei aber schuldig. Wo sie seiner Meinung nach beginnt oder an was man ihre Strafbarkeit ausmachen will, mit diesen Fragen will sich der Jurist Mosebach anscheinend auch nicht befassen.

    blasphemy.jpg Kunst oder Blasphemie?
    Félicien Rops: Die Versuchung des heiligen Antonius (1878)

    Nun ist Blasphemie ja durchaus nicht ganz ungefährlich, wenn man in Richtung der islamischen Gottesstaaten Iran, des Afghanistans der Taliban oder nach Malaysia sieht. Was eine Fatwa ist, und was sie bewirkt, weiß man seit Salman Rushdie und neuestens auch von dem in Deutschland lebenden iranischen Rapper Shahin Najafi. Diesen Furor, oder die Musik, wie es Mosebach nennt, die durch die Muslime wieder in den Glauben an einen Gott gekommen ist, wünscht sich Mosebach natürlich auch für die Christen, die bisher fast verpflichtet waren, „die Schmähungen ihres Glaubens klaglos hinzunehmen“. Unfähig zu einer Erregung ist er aber gegenüber beleidigten Muslimen, die gotteslästernden Künstlern einen gewaltigen Schrecken (lat. Terror – Anm. d. Red.) einjagen. Vielleicht hilft es ja, wenn Martin Mosebach als passionierter Reisender mal nach Polen fährt, wo man für blasphemische Behauptungen in Popsongs bereits mit einer Geldstrafe belegt werden kann, oder in die Ukraine, wo junge feministische Aktivistinnen (Femen) nach einer Protestaktion in einer Kiewer Kirche verhaftet wurden und wie eine Punkband in Russland nach einem Auftritt in einer Kirche, mit Gefängnisstrafen bedroht werden. Zu empfehlen ist natürlich auch ein Trip nach Kuwait, wo das Parlament gerade über die Todesstrafe für Gotteslästerung berät.

    Stramme atheistische Erziehung in der DDR

    Mosebachs Realitätsverlust, angesichts seines kleinen Unbehagens bezüglich einer gewissen Benachteiligung gegenüber muslimischen Gläubigen, was die Strafbarkeit der Herabwürdigung des Islam betrifft, ist nicht nur im höchsten Maße gefährlich, sondern geradezu unsozial gegenüber dem Teil der Bevölkerung, der es vorzieht ohne den Glauben an einen Gott auszukommen. Das ignoriert Mosebach aber geflissentlich, da es für ihn keinerlei Alternative zur Kirche gibt. Zu einer Atheismus-Studie der Universität von Chicago in der „Welt“ befragt, äußerte sich Mosebach im April zur wachsenden Zahl der nichtreligiösen Menschen wie folgt: „Ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz.“ Schuld daran sind im Osten Deutschlands zuerst Luther, dann der preußische Staat unter Religionsverächter Friedrich II. und natürlich die stramme atheistische Erziehung in der DDR. Mosebachs Credo dagegen bedeutet: „Ich glaube, damit ich verstehe.“ Was man dabei aber partout nicht begreifen will, ist die Selbstsicherheit mit der Mosebach glaubt, nichtreligiöse Menschen seien „in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt“. Unter diesem Gesichtspunkt braucht man sich über seinen Wunsch nach einer Blasphemieverfolgung nicht mehr zu wundern.

    Der Fall Kermani

    Nun muss man natürlich auch erwähnen, dass Mosebach selbst ins Kreuzfeuer christlicher Eiferer geraten ist, als er im Fall Kermani, in dem es 2009 um die Ab- und Wiederanerkennung des Hessischen Kulturpreises ging, Kardinal Lehmann einen 12-Thesenbrief (Wer möchte da nicht an den protestantischen Ketzer Martin Luther denken.) geschrieben hatte, in dem er mittels peiniglichen Fragen dem christlichen Würdenträger Nachhilfe in Katholizismus erteilten wollte. Lehmann passte es nicht, zusammen mit dem Nichtchristen und Orientalisten Navid Kermani ausgezeichnet zu werden, der sichtlich persönlich beindruckt in einer sehr sprachgewaltigen Bildbeschreibung der Kreuzigung Christi des italienischen Barockmalers Reni (NZZ vom 14.03.09 ) die Kreuzestheologie als Gotteslästerung und Idolatrie bezeichnete und nur über die Kunst des Gemäldes in Verzückung geraten wollte, nicht aber über die christliche Symbolik.

    Mosebach stellte Lehmann u.a. die Frage: „Teilen Sie die Überzeugung des Apostels Paulus, die Botschaft vom Kreuz sei „den Heiden eine Torheit und den Juden ein Ärgernis“? Die Frage, welchen der beiden Gruppen vom Christentum aus gesehen der Islam zuzuordnen ist, sei hier bewusst ausgespart.“ Letztendlich gipfelt es in der indirekten Annahme, ganz so direkt traut sich das der Katholik Mosebach dann doch nicht, Lehmann wäre ja wohl keine allzu große Leuchte im Interpretieren von theologischen Texten, besonders wenn sie vom Papst verfasst wurden und wolle diese Affäre nur dazu benutzen, sich auch einmal als Wahrer des orthodoxen katholischen Glaubens darzustellen. Das ginge dann auch etwas zu weit, denn den Platz hat ja Mosebach bereits inne. Das er hier Kermani zur Seite springt ist einerseits löblich, dass er die Gelegenheit auch dazu nutzt, im Endeffekt noch päpstlicher als der Papst zu sein, spricht anderseits wieder für seine unerbittliche Haltung gegenüber jeglichen Reformversuchen in der Katholischen Kirche, bei der heiligen Messe angefangen über die Priesterweihe bis hin zu weltlichen Dingen, wie der Schwangerschaftsberatung.

    Dantons Tod und „“Das letze Mittel des Königs“

    Hier kommt sein besonderer Hang zum Absolutistischen zur Geltung, den Mosebach auch in seiner Dankesrede zur Büchner-Preisverleihung 2007 nicht verhehlen konnte, als er seitenlang über „Ultima ratio regis“ (Das letzte Mittel des Königs) und den Ausruf von Lucile „Es lebe der König“ am Ende von Büchners „Dantons Tod“ referierte. Mosebach schießt hier zwar nicht mit Kanonen aber schon mit den Worten Friedrichs II., einem „aufgeklärten Absolutisten“, der sich erst mit Voltaire schmückte, ihn dann aber mit Schimpf und Schande vom Hofe jagte. Letztendlich ist es aber eher die kriegerische Floskel des französischen Absolutismus, der bereits im Dreißigjährigen Krieg auf den Kanonen der Gegenreformation stand. Wobei nun der wahre Konflikt Mosebachs deutlich wird, der für ihn nur so zu lösen ist, indem der in der Französischen Revolution wurzelnde demokratische Staat, der dazu noch auf dem Terror Robespierres und Saint-Just aufgebaut ist (siehe hier auch den Vergleich zu Himmler vom Anfang), eines, wenn auch irgendwo im Absurden liegenden Rollbacks zu den christlichen Werten der Monarchie zu unterziehen ist. Mosebach sieht hier Parallelen zwischen Schillers Jeanne d´Arc und Büchners Robespierres. Die eine hat das „sakrale Königtum“ geschaffen, der andere hat es beendet.

    georg-buchner.jpg Georg Büchner (1813-1837)
    Krieg den Palästen oder doch verkappter Royalist?

    Die Flucht in den reinen Glauben als letztes Mittel vor der Übermacht der herrschenden Gesellschaft. Wie revolutionär und in der Tat absurd, da irgendwo noch einen Bogen zu Büchner spannen zu wollen. Aber auch das bekommt Mosebach mühelos hin. Es sind die Zweifel am Sinn der Revolution, Büchners Nihilismus, der ihn dazu veranlasst hat, nach dem Scheitern des souverän handelnden Menschen, zum „Souverän“, dem König als Sinnbild der Souveränität, zurückzukehren. Dazu gibt es Anekdoten vom bayrischen König Ludwig III. bis zum König Peter von Popo aus „Leonce und Lena“, als einen mit Absurditäten a la Mosbach gepflasterten Weg vom „Nichts“ zum „Ich“ im Ausruf der Geliebten Dantons nach dem König. Oder doch nicht eher umgekehrt? Damit stehen nicht nur Danton und Robespierre in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, sondern die gesamte Französische Revolution gleich mit. Manch Regisseur führt heute dann auch Büchners Revolutionsdrama so auf, als wär´s ein Stück aus Wachs und Puder.

    Reinhard Jirgl und der „“Totenschein der Literatur“

    Da empfindet man es fast als wohltuend, dass drei Jahre später der Schriftsteller Reinhard Jirgl, Mosebach durchaus nicht unbekannt, an gleicher Stelle in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises das Leid der da unten, in den Figuren aus Büchners Drama „Woyzeck“ wieder entdeckt und über die Theodizee-Diskussion der zum Tode Verurteilten Revolutionäre (die im Theater heute fast immer gestrichen wird) in „Dantons Tod“ hinaus geht und konstatiert: „Wo der Schmerz des Menschen Zentrum besetzt, wird einem Gott, dem erklärten Schöpfer dieses Menschen und dieses Schmerzes, das Wort entzogen; Gott ist für tot zu erklären, sein Totenschein die Literatur.“ Der 1953 in Ost-Berlin geborenen Jirgl hatte übrigens genau wie Büchner, wie nun auch von Mosebach empfohlen, gute Bekanntschaft mit der Zensur gemacht, und für seine Blasphemie in der „Stickluft“ der DDR-Staatsideologie mit Nichtveröffentlichung bezahlt. Ob gerne kann getrost bezweifelt werden. Er arbeitete nach einem Ingenieurstudium lieber als Beleuchter in der Berliner Volksbühne und schrieb nachts „am mitternächtigen Ort“ für die Schublade. Sein Erstling „Mutter Vater Roman“ (1985) erschien erst 1990, ein Jahr nach der Wende.

    Das ist nun alles schon wieder Jahre her und wirkt dennoch immer noch nach. Das linke Feuilleton hat Mosebach mittlerweile zum reaktionären Spinner abgestempelt. Was aber veranlasst Martin Mosebach eigentlich dazu, sich dennoch immer wieder die Rokokoperücke überzustülpen? Was die Aufklärung betrifft, ist bei ihm eh Hopfen und Malz verloren. Da staubt es mittlerweile schon mächtig aus dem gepuderten königlichen Kopfputz. Dabei ist Mosebach doch noch gar nicht in dem Alter, in dem man mit letzter Tinte schreiben muss und aus lauter Aufmerksamkeitsdefizit das Tuten nicht mehr lassen kann, um dann doch nur leere Blasen zu erzeugen. Er startet einen Versuchsballon nach dem anderen, um zu sehen, ob und wie das Feuilleton darauf einsteigt. In diesem Falle sind die Reaktionen gottlob noch recht kärglich, da man anscheinend nichts mehr anderes von Martin Mosebach zu erwarten glaubt.

    Die Phanatsie des Einstecktüchleinkatholizismus´

    Zu guter Letzt hat sich nun doch noch der große Hacks-Verehrer und Verfechter einer formvollendeten Ästhetik nicht nur in der Sprache, der Autor und Musiker Wiglaf Droste, in einer seiner unnachahmlichen satirischen Kurzkolumnen in der „jungen Welt“ zu Wort gemeldet. Er hatte bereits das Israel-Gedicht von Günter Grass als einen „Erstschlag gegen Leser“ betitelt und dem „vollverstrahlten Dichter“ die Weitergabe seines Nobelpreises samt Preisgeld an einen reimenden Kreuzberger Fischverkäufer empfohlen. Kennwort: „Butt, nu is gutt!“ Droste kommt angesichts der „Phantasie“ des Schriftstellers Mosebach zu dem Schluss: „Ich glaube nicht, daß Gott, so es ihn gäbe, sich für den Vertreter des Einstecktüchleinkatholizismus´ Martin Mosebach interessierte, der aus Langeweile an sich selbst anderer Leute Blut fließen sehen möchte.“ Langeweile also, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Man kann nun Martin Mosebachs Artikel vom „“Wert des Verbietens“ getrost wieder in die Rubrik Absurdes und Realsatire zurückverweisen, oder still und leise im vorgezogenen Sommerloch verschwinden lassen. Er bietet, außer einem fragwürdigen ästhetischen Versuch, keinen brauchbaren Diskurswert. Wiglaf Droste, bitte übernehmen Sie.

     Am 30. Sept. ist Blasphemie-Tag. blasphemie-poster17o.jpg

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