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  • Deutsche Eierein – Oder was auch noch zu sagen wäre.

    Salmonellen, Dioxin,
    Fischmehl und Azorubin
    Komm mein Schatz und lass uns feiern,
    All das ist in deutschen Eiern.

    Viel Genuss davon macht träge,
    Kalk verstopft die Datenwege
    im Gehirn und den Arterien.
    Der Verstand macht Osterferien.

    Ungesättigt ist im Ei,
    Nicht einmal Omega-3.
    Pappsatt auch die Schleckerleute,
    „Anschlussverwendung?“ brüllt die Meute.

    Rösler, Chef der Liberalen,
    abserviert bei Landtagswahlen.
    Anschlusslos, in aller Stille,
    Zählt Eier er jetzt in Promille.

    Der Wulff dagegen ganz diskret,
    Repräsentiert Mitnahmequalität.
    Von derlei weltlich Eierein,
    Soll nun ein Pastor uns befrein.

    Die Kultur steht vorm Infarkt,
    Friss die Hälfte, sagt der Markt.
    Gesenkter Fettwert steigert Energien.
    Doch Kunst ist nicht Cholesterin.

    Folgt dann noch der dicke Schluss,
    Dessen, was man sagen muss.
    Alter Dichter lässt es tönen,
    Letzte Tinte fließt in Strömen.

    Lyrischer Genuss wie Schwermetall.
    Frohe Ostern, überall!

    osterhase2012-2.JPGCollage: St.B.

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  • Non Stop Nonsens? Herbert Fritsch lässt es an der Volksbühne murmeln und Patrick Wengenroth beBILDert das Leben von Seite-2-Kolumnist Franz Josef Wagner im HAU

    „Murmel Murmel“ – Herbert Fritschs grandiose Spaß-Choreographie lässt Dieter Roths konkrete Poesie an der Berliner Volksbühne wiedererstrahlen

    Der Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth hat seit den 1960er Jahren unermüdlich sein ganzes Leben selbst zur Kunst gemacht. Er war ein Universalgenie und in fast allen Bereichen der bildenden Kunst zu Hause, wie auch als Lyriker und Schriftsteller tätig. Roth gehörte zu den Vertretern der sogenannten „Konkreten Poesie“, einer Mischung aus Schrift, Bild und Wort. Die Sprache dient dabei nicht mehr dem Sinn der konkreten Beschreibung von etwas, sondern wird selbst zur Kunstform. Wie Ernst Jandl oder H. C. Artmann hat auch Dieter Roth seine Werke wie z.B. die „Scheiße-Gedichte“ auf eine ganz spezielle Art vorgetragen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der ebenfalls als Universalkünstler bekannte Schauspieler, Filmemacher und Theaterregisseur Herbert Fritsch sich auf das Werk Roths stürzen würde, um es dem Vergessen zu entreißen. Nun hat er sich tatsächlich Roths einzigem Theaterstück namens „Murmel“ gewidmet, das aus eben diesem einzigen Wort besteht. „Murmel“ ist im Stile der „Konkreten Poesie“ verfasst und stellt eine Art Künstlerbuch dar, das Roth im Jahr 1974 im Eigenverlag herausgebracht hat. Den ganz speziellen Wort- und Bildrhythmus hat Fritsch in der Berliner Volksbühne nun in eine Art musikalisch choreographiertes Bild-, Ton- und Bewegungstheater übersetzt. Und auch die Zeit der Sofas und Trampoline, wie noch zuletzt beim „Raub der Sabinierinnen“ am Thalia in Hamburg oder letztes Jahr bei der „(s)panischen Fliege“ an der Volksbühne selbst, scheint vorbei zu sein. Die Bühne zeigt zu Beginn keinerlei Requisiten dieser Art.

    volksbuhne_murmel-murmel.jpg Foto: St. B.

    Für seine Inszenierung „Murmel Murmel“ hat Herbert Fritsch ein Bühnenbild aus monochromfarbigen Portalen und Wänden gebaut, empfunden nach Roths früher Op-Art-Phase, die sich rahmenartig ineinander verschachteln können. Bildräume entstehen und verengen sich wieder im Rhythmus des Musikers Ingo Günther, der wiederum die 11 Schauspieler auf der Bühne dirigiert. Der Sound besteht aus Marimbaphonklängen und dem mitunter treibenden 60th-Beat einer Hammondorgel. Aus den 50er und 60er Jahren sind auch die Kostüme. Die Herren tragen Anzug und Hut, die Damen Kleider und auftoupierte Perücken. Erst einzeln schüchtern, dann im Pulk wagen sich die Murmler an die Rampe und dann geht es auch schon los: „Murmel, Murmel, Murmel…“ intoniert man solo oder in ganzen Murmler-Chören, stehend, laufend oder in den Orchestergraben stürzend. Es gibt einen Murmler-Catwalk, Rampen-Murmler in Gruppenpose, Murmelhaucher, -brüller und einen ganzen Murmler-Choral. Murmel Murmel über alles und überall, sogar, was Wunder, in der Hose der männlichen Murmler. Dem assoziativem Slapstick sind keine sinngebenden Wort-Grenzen mehr gesetzt. Hier trifft Buster Keaton auf Jacques Tati, die Marx-Brothers auf Stan und Olli, zusammengehalten durch den Takt der Musik und den Drang das eine Wort loszuwerden. Und dabei ist Murmel nicht gleich Murmel, in der Wiederholung verliert das Wort seine Form, zerdehnt sich, geht in eine andere über und schnippst schließlich wieder in die ursprüngliche Lautformung zurück.

    Was auf den ersten Blick klar wirkt, scheint, einer optischen Täuschung gleich, auf den zweiten und dritten nicht mehr das zu sein, was es vorgibt. Ähnlich ist es mit dem gesprochenen Wort. Was sich dahinter tatsächlich verbirgt, entsagt durch mehrfache Wiederholung oft der gewohnten Wahrnehmung, wird zur surrealen Absurdität. Das scheinbar abgründig Absurde, was Andrea Breth in ihren Zwischenfällen mit Texten von Courteline, Cami und Charms gesucht hat, abstrahiert Fritsch mit der Murmelei von Roth ins absolut sinnfreie Dada. Nachdem Fritsch das eine Weile so hat durchspielen lassen, verschwinden die elf Murmler hinter der Bühne. Durch einen Gazevorhang sieht man die Schattenrisse sich umkleiden. Dann hüpfen alle in engen neonfarbenen Gymnastikanzügen mit Tutus zu einem Murmel-Ballett über die Bühne und machen noch ein paar pantomimische Turnübungen. Dabei tragen sie weiße Masken mit den Zügen des Regisseurs. Fritsch elf mal verkörpert vom dienstbaren Ensemble, das sich sichtlich dankbar für diesen sinnfreien Spaß nicht zu schade ist. Wenn es einem dann doch endlich so vorkommt, als sei das Wort und der Abend endgültig überdehnt, dreht Fritsch plötzlich ab und die Darsteller gehen ansatzlos zur Applausordnung über, verschwinden und kommen hinter den Wänden wieder hervor, bis der Meister schließlich selbst auf der Bühne erscheint und die Maske fallen lässt. In der Kürze liegt die Würze. Das weiß der schlaue Murmel-Fuchs Fritsch und nimmt nach gut einer Stunde und 15 Minuten Applauszugabe die Murmel aus dem Maul und gibt sie an das gut gelaunte Publikum weiter. Mehr Worte brauchte es nicht dafür, als „Murmel, Murmel…“

    Murmel Murmel an der Volksbühne wieder am:

    Sa 07.04., Sa 14.04., So 22.04., So 29.04., So 13.05. und So 20.05. jeweils um 19:30 Uhr

    Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Musik: Ingo Günther, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
    Mit: Florian Anderer, Matthias Buss, Werner Eng, Jonas Hien, Simon Jensen, Wolfram Koch, Annika Meier, Anne Ratte-Polle, Bastian Reiber, Stefan Staudinger, Axel Wandtke und Ingo Günter (am Marimbaphon).

    murmel-murmel.jpg  Dieter Roth: Murmel.
    Reykjavik, Rikisprentsmidja Gultenberg, 1974. 176 Seiten im Buchdruck. 18 x 12 cm. Fadenheftung, broschiert, Papier gebräunt. Gefunden bei AbeBooks, Preis: 600,00 bis 923,87 € (signiert)

    Das Leben

    Wenn sich das Leben richtet
    nach dem Falle wieder auf,
    hab ich die Falle schon gesichtet
    und haue dem Leben eins drauf

    Dieter Roth aus „Frühe Schriften und typische Scheiße“ Sammlung Luchterhand 1973, 1975 neu herausgegeben von Edition Hansjörg Mayer, Stuttgart London Reykjavík

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    „Katarakt“ / „Brief an Deutschland“ – Patrick Wengeroth verschränkt die Autobiografie des „Gossen-Goethe“ und „Gaga-Kolumnisten“ Franz Josef Wagner mit dem Lebensmonolog eines alten Mannes von Rainald Goetz im Berliner HAU 2

    Zum 100. Todestag von Karl May erinnert sich Franz Josef Wagner in seiner gestrigen Kolumne „Post von Wagner“ an seine ersten Leseerlebnisse unter der Bettdecke. Er lernte in der Sprache der Wilden was Gott heißt – Manitou – und das Rothäute edel waren. Wagner hat mit 8 Jahren Winnetou ein Happy-End geschrieben. „Howgh, ich habe gesprochen“. Besser kann man nicht beschreiben, wie aus dem Karl-May-Fan, der immerhin auch Fallada, Salinger und Hemingway verehrt, der berühmt-berüchtigte Kolumnist auf der ersten (Innen)-Seite der Bild-Zeitung wurde. Sein großes Vorbild ist der damalige Bild-Chef Peter Boenisch, den er stets um seine Fähigkeit der kurzen und prägnanten Schlagzeile beneidete. Boenisch hatte es immerhin zum Staatssekretär und Pressesprecher unter Helmut Kohl gebracht. Wagner war Bild-Journalist, Mitbegründer der Super-Illu, Bunte- und B.Z.-Chefredakteur. 1992 setzte er das erste Ost-Boulevard-Blatt „Super!“ bereits nach einem Jahr in den märkischen Sand. Seit 2001 genießt Wagner als Chefkolumnist bei Bild und Welt am Sonntag (bis 2005) sein journalistisches Gnadenbrot beim Axel Springer Verlag.

    Den Tod seines Ex-Chefs Peter Boenisch, der 2005 an Prostatakrebs starb, und auch das tragische Ende von dessen Frau, walzt Wagner nun in seiner Autobiografie „Brief an Deutschland“ (Diederichs, 2010) in plattester „BILD“-Manier breit. Er zeigt dabei das journalistische Feingefühl einer Dampframme, die anstatt mit Öl, mit triefendem Seelenschmalz geschmiert ist. Wagner trieb immer die Sorge um seine literarische Wirkung an, eine lebenslange verzweifelte Suche nach dem ersten Satz. Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert ein paar Romane zu schreiben, von denen „Das Ding“ 1978 mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle von Uli Edel sogar verfilmt wurde. Vom ersten großen Geld kaufte sich Wagner dann einen Porsche, den er aber nicht vor dem Haus seiner Eltern parken durfte. Das sein Erfolg, nach Jahren des Umhertingelns in Europa und als Kriegsberichterstatter in Vietnam und dem Nahen Osten, von den Eltern nicht anerkannt wurde, scheint Wagner heute noch zu wurmen. All das erfahren wir nun, wenn es nicht bereits bestens bekannt ist, in Patrick Wengenroths Nummernkabarett über Franz Josef Wagners Leben im HAU 2.

    HAU 2, Foto: St. B. hau-2_katarakt.JPG

    Damit die etwas zu lang geratene Kolumne „Brief an Deutschland“ nicht zum drögen Monolog wird, hat sich Wengenroth mit seinen langjährigen Mistreiterinnen Vivien Mahler, Verena Unbehaun sowie mit Niels Bormann von der Schaubühne Verstärkung auf die Bühne geholt, die mit Nachbildungen West-Berliner Wahrzeichen wie der Gedächtniskirche, dem Funkturm, Brandenburger Tor und dem Flugbrückendenkmal ausgestattet ist. Musikalisch wird der Abend durch die Band „Ja, Panik“ begleitet, die mit „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.“ den passenden Soundtrack beisteuert. Gemeinsam sind die vier Schauspieler nun Alter Egos von Franz Josef Wagner, erzählen Anekdoten aus dessen Buch und fallen sich dabei immer wieder gegenseitig ins Wort. Geboren als Flüchtlingskind, aufgewachsen an einem Sarg in dem die „Leiche Deutschlands“ lag, schwärmt Wagner von seiner Mutter, die sich mit dem spät aus dem Krieg heimgekehrten Vater im Vorgarten des Regensburger Reihenhaus streitet. Vivian Mahler steigt dazu in einen Mutter-Courage-Mantel. Eine weitere Station aus Wagners Lebensbeichte ist ein Treffen mit Sartre in Paris (Verena Unbehaun im Muppet-Marsianer-Kostüm), dem er sein neustes Gagarin-Gedicht vorträgt: „Oh Gagarin, sag uns die Wahrheit, sind die Marsmenschen schöner als wir?“ (Niels Bormann in Dichterpose). Noch besser ist der Versuch des jungen W. an Hiroshima: „Oh Atomium, oh Radioaktivität, alle Fische ungenießbar.“, schnell auf den Block eines Kellerns verewigt. Mehr von dem auf 13 Verse angelegten Gedicht ist leider nicht überliefert.

    Für große Heiterkeit sorgen auch die Erinnerungen an Treffen mit Andreas Baader in Schwabings Kneipen und Wagners erstes Interview mit dem 17-jährigen Wimbleton-Sieger Boris Becker. Niels Bormann mit roter Perücke und offenem Hemd wird dabei von Vivian Mahler regelrecht abgeschleckt. Fruchteis schleckt auch das Mädchen auf Seite 1, dem Wagner in seiner Kolumne nachweint: „Lieber Chefredakteur, mir fehlt dieses Mädchen auf Seite 1, das lebt, liebt … und lutscht“ dichtet Wengenroth dazu. In Highheels und Tangerslip rekelt er sich auf einer Videoleinwand oder läuft als Goldelse über die Bühne. Fürs Regietheater hat Wagner dagegen wenig  übrig: „Liebe deutsche Theaterregisseure, auf euren Bühnen wird geschissen, gefurzt, onaniert und Urin getrunken… Warum, frage ich mich, subventionieren wir die Theater, wenn doch jeder Porno-Shop das Gleiche bietet?“ Passend dazu gibt Wengenroth eine kleine Kotzschlauchpersiflage auf die Falladainszenierung am Gorki. Und so wird zu jedem noch so peinlichen und pathetischen Satz Wagners das passende Bild erzeugt. Wagner erreicht allerdings mit seinen schlappen Polemiken täglich Millionen, während Wengenroth angefangen mit der Off-Theater-Produktion „Planet Porno“ einige Jahre brauchte, um nun seine Satiren im subventionierten Theater vor einigen wenigen Eingeweihten zu zelebrieren.

    Nach gut 90 Minuten ist Schluss mit lustig, die Band packt ein und die Wagner-Darsteller trollen sich. Auf der Bühne steht nun allein die Schauspielerin Eva Löbau und hält eine ganz andere Art von Monolog. Als Widerpart zum emotionalen Bauch-Menschen und Stammtisch-Schwadroneur Wagner hat Wengenroth den intellektuellen Kopf-Chaoten und Pop-Poeten Rainald Goetz gesetzt. Beide eint eine rege Mitteilsamkeit über Gott und die Welt, Wagner mit seiner Bild-Kolumne und Goetz in seinem Onlinetagebuch „Abfall für alle“ oder dem Blog „Klage“, das er für ein Jahr auf der Website der Illustrierten Vanity Fair führte. Das „Loslabern“ von Goetz unterscheidet sich aber wesentlich von dem Wagners und so ist „Katarakt“ ein wagemutiges Kontrastprogramm, dem bei der Premiere nicht alle Zuschauer mit der nötigen Engelsgeduld folgen mochten. Patrick Wengeroth scheint eine gewisse Affinität zu Rainald Goetz zu besitzen, bereits in seiner Persiflage auf Karl Kraus´ „Die letzten Tage der Menschheit“ 2010 am HAU 2 hat er aus Goetz´ berüchtigter Klagenfurter Skandallesung vorgetragen. Goetz ist übrigens gerade mit dem Berliner Literaturpreis zu fast unverhofften Ehren gekommen. Der Preis ist mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ an der Freien Universität Berlin verbunden. Antrittsvorlesung ist am 10.05.2012 im Hörsaal 1b der Rostlaube an der Habelschwerdter Allee 45.

    goetz_klappenfoto.jpg Rainald Goetz, Foto: Suhrkamp Verlag

    In Goetz´ 1993 in Mülheim preisgekröntem Theatermonolog versucht ein alter, vermutlich einsamer Mensch, sich auszudrücken, seine innersten Gedanken einem imaginärem Publikum mitzuteilen. Er kommt dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, reißt vieles an, führt nichts zu Ende aus. Dem einerseits folgt stets ein anderseits, er fällt sich selbst in den Gedanken und verwirft alles als Quatsch. Man kann diese Lebensklage als Wagners eigene Reflexionen zu dessen unausgegorenen, sich oft widersprechenden und mit viel Halbwissen angereicherten Ergüssen ansehen, es kann sogar wie ein Nachruf auf dessen gesamtes Wirken gelesen werden. Wengeroth lässt das offen. Er versucht den sprunghaften Wagner mit Goetz´ intellektuellem Nonsens-Text zu entschleunigen und hat mit Eva Löbau auch die kongeniale Darstellerin dafür gefunden. „Wenn man sich sonst nicht bewegt, hört man sogar das Öffnen und Schließen der Augenlider.“ Sie trägt aber den Monolog recht locker mit einer gewissen naiven Impulsivität vor, steigt gestikulierend auf die erste Stuhlreihe und verteilt freundlich auffordernd Bierflaschen. Allein es hilft nichts, nach 2 ½ Stunden ist man trotzdem ziemlich ausgelaugt und wenn man sich nicht schon ein Bier von der Bühne geangelt hatte, strebt man durstig der Premierenparty entgegen. Fazit: „Hm, na ja.“ Kann man so machen, aber anderseits…

    Rainald Goetz: „Katarakt“ auf voxpulpi.blogspot.de

    Katarakt / Brief an Deutschland im HAU 2 wieder am:

    01.04. und 02.04. jeweils um 20:00 Uhr

    Regie: Patrick Wengenroth, Musik: Ja, Panik, Bühne: Masha Mazur, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Licht: Hans Leser, Dramaturgie: Friederike Heller
    Mit: Eva Löbau, Vivien Mahler, Verena Unbehaun, Niels Bormann und Patrick Wengenroth

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  • I´m a happy, happy, happy Millionaire – Rimini Protokoll lassen im HAU 1 die „Lagos Business Angels“ fliegen

    Die Macher der Dokumentartheatergruppe Rimini Protokoll haben sich den Titel ihres neuen Projekts aus der Business-Sprache entlehnt. Business Angel sind im ursprünglichen Sinne Wirtschaftsberater für Existenzgründer oder suchen Finanziers für bestimmte Firmenprojekte. Sie helfen mit ihrem Know-how und Erfahrungen Netzwerke zwischen Produzenten und finanzkräftigen Investoren zu knüpfen oder steigen auch gleich selbst in die Finanzierung mit ein. Rimini Protokoll haben nun solche Business People aus der Boomtown Lagos in Nigeria gecastet, um mit diesen Alltags-Experten in Wirtschaftsdingen eine Art Geschäftsmesse im HAU 1 zu veranstaltet. Sie gehen dabei mit uns, den Messe-Besuchern, auf die Suche nach der besten Idee, dem Traum vom „Own small Business“, den diese Männer und Frauen aus Lagos so kongenial zu verkörpern scheinen. „Lagos Business Angels“ führt durch eine Art Stationen-Parcours, in dem diese kreativen Gründer und Projektentwickler ihre Geschäftsideen präsentieren und dabei nebenbei noch Einblicke in ihr Leben in Nigeria geben.

    hau-1.jpg Foto: St. B.
    Das Hebbel am Ufer (HAU 1)

    Nigeria ist laut Helgard Haug von Rimini Protokoll wegen seiner Extreme besonders interessant. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist auch besonders reich an Ölreserven. Dagegen stehen, dass mehr als 100 Millionen Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben haben. Entlang dieser Spannung erzeugenden Kluft, entwickelt die Tatsache auch einen enormen Sog auf Geschäftemacher aller Art, deren Kreativität auf Grund des Fehlens jeglicher staatlicher Unterstützung oder Einmischung keinerlei Grenzen gesetzt sind. Nigeria wird 2050 Deutschland wirtschaftlich gesehen eingeholt haben. Da kann einem schon sein festgefügtes Afrikabild ins Wanken geraten. Beim genaueren Hinsehen und -hören bei den einzelnen Stationen der Performance, stößt man aber unweigerlich auch wieder auf die üblichen Klischees wie Korruption, Betrug oder Zahlenschönfärberei und Bilanzfälschung. Davon jedoch ist die europäische Wirtschaft auch nicht gerade frei. Die hiesige Krise, ihre Ursachen und Folgen scheinen sich in Afrikas Boomstädten regelrecht wiederzuspiegeln. Aber erst einmal lockt das schier unendliche Potential für Ideen und deren Entwicklung. Was fehlt ist oft lediglich nur das nötige Kleingeld zur Realisierung und da hofft man natürlich auf den finanzstarken Westen. Wir Westler werden hier nun also von den BA´s aus Lagos beraten und einerseits zum Nachdenken über sinnvolle Strategien der Entwicklungshilfe oder gar eigene Realisierungspläne angeregt.

    lagos_island.jpg Skyline von Lagos, Nigeria – Foto von Benji Robertson unter CC-Lizenz (Wikimedia Commons)

    Jude Fejokwu z.B. ist eine Art kritischer Investmentbanker und Analyst. Er empfiehlt anhand seiner Portfolios den Einstieg an der Börse in Lagos. Uwe Hassenkamp aus Deutschland ist schon dick im Geschäft und bietet sein Netzwerk zur Vermittlung von Kontakten zu nigerianischen Firmen an. Frieda Springer-Beck, Unternehmerin aus Nürnberg, haben ihre schlechten Erfahrungen, nachdem sie 300.000 Dollar durch krumme Geschäfte verloren hatte und erst nach dem mühseligen Weg durch alle Instanzen zum Teil wiedererlangen konnte, zu einem besonderen Engagement in Nigeria geführt. Sie berät in Sachen Wirtschaftbetrug und klärt Neueinsteiger auf. Immobilienmakler Oludolapo Babs Ajayi wirbt für den Einstieg in den Wohnungsmarkt von Nigeria. Ob sich allerdings alle Nigerianer seine nachhaltig erbauten Häuser leisten können, und wie die notwendigen Kredite dafür finanziert werden sollen, ist in der Kürze der Zeit nicht zu erfahren. Frank Okoh, Autoresteverwerter, und Kester Peters, Zierfischhändler und Berater im Ölgeschäft, sind da ganz die Machertypen. Aus kleinen Verhältnissen haben sie sich hochgearbeitet und wagen nun den Schritt über die Grenzen. Frank Okoh steht an seinem Überseecontainer im Hof des HAU und verkündet freudestrahlend: „Let me show you, how we do the business.“ Zeit ist Geld, don´t waste it! Das ist die Botschaft und im 10 Minutentakt wechselt zum Gospelsong I’m A Millionaire von Bill Gaither der Standort und Standpunkt. Bei Lapdipo Oluwafemi schreitet man über einen Laufsteg, während er das Schuhwerk der potentiellen Kundschaft begutachtet. Er träumt von der Vergrößerung seines Familienbetriebs für ganz spezielles Schuhwerk. Markenbewusstsein ist nicht nur im Kauf eines Mercedes aus Deutschland erkennbar, auch im österreichischen Lustenau schätzt man die afrikanische Kundschaft. Seit Jahren schon verkauft Silke Hagen-Jurikowitsch mit hochwertigen Stickereien verzierte Stoffe an betuchte Nigerianerinnen.

    lagos-market.jpg Market in Lagos, Nigeria – Foto von Zouzou Wizman unter CC-Lizenz (flickr.com)

    Alle zusammen bestärkt der ungetrübte Glaube an das freie Unternehmertum. Zum Ende des Abends wird dann sogar eine himmlische Messe zelebriert, in die alle Anwesenden mit einbezogen werden. Pastor und Filmproduzent Victor Eriabie hat auch schon die passende Idee für notleidende deutsche Theater, er sucht Stätten für seine charismatischen Gottesdienst-Events. Dieser Abend von Rimini Protokoll ist tatsächlich eher zwiespältig und zudem noch recht einfach gestrickt. Ich vermute da aber auch die gute Absicht im Hintergrund und nicht vorrangig einen Lapsus bei der Regie. Wenn man mal all das Negative, was man über Geschäftsleute aus Nigeria oder Afrika allgemein gehört hat, außen vor lässt, entwickelt sich doch ein ganz ähnliches Bild, wie meinetwegen noch vor zwanzig Jahren im Osten Deutschlands. Auch wenn man das natürlich nicht unmittelbar vergleichen kann. Es gibt eine Art Aufbruchsstimmung in Nigeria und viele versuchen sich mit ihren Ideen durchzusetzen. Und was man hier zu sehen bekommt, ist sicher nur ein Bruchteil dessen, was an Potential in diesem Land steckt. Die Leute müssen dort ihre Nische finden, wo nicht die global agierenden Großkonzerne bereits das Territorium abgesteckt haben. Und dass Sie dabei den Heilsversprechungen des Kapitals im Westen folgen, ist nun mal der Lauf der Dinge. Wir haben es vor gemacht. Das ist dann auch der doppelte Boden, den dieses Rimini-Projekt fast unbemerkt einzieht. Auch der Westen hat die Gewinnspannen entdeckt, die im Export gefragter Produkte nach Nigeria stecken. Der direkte Preisvergleich zum Schluss zeigt das sehr deutlich. Man kann das als seichte Kapitalismusshow abtun, hier kann man aber auch sehr gut das Prinzip Angebot und Nachfrage studieren oder das Funktionieren von Kapitalmärkten erkennen. Leichter wird man es nicht mehr erklärt bekommen.

    Der Businesstourplan im HAU 1 hau-1_lagos-business-angels.jpg 

    Die nächsten Termine:

    LAGOS BUSINESS ANGELS 
    von RIMINI PROTOKOLL (HAUG/KAEGI/WETZEL)

    • 30. und 31.03.2012 / 19.30 UHR / HAU 1
    • 01., 03. und 04.04.2012 / 19.30 UHR / HAU 1

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  • Zweimal Brecht zur Abendunterhaltung – „Leben des Galilei“ an der Berliner Parkaue und „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am Staatsschauspiel Dresden (1)

    Bertolt Brechts „Leben des Galilei im Theater an der Parkaue – Eine Inszenierung von Kay Wuschek in Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock

    In seinem 1938/39 im dänischen Exil geschriebene Theaterstück „Leben des Galilei“ beschäftigte sich Bertolt Brecht mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und seinen Auswirkungen auf den Menschen. Er benutzt dazu die historische Figur des italienischen Naturwissenschaftlers Galileo Galilei (1564 – 1642), der mit seinen Forschungen das kopernikanische Weltbild beweisen will. Der eigentlich gläubige Galilei scheitert mit seinen Reformbemühungen am Dogma der katholischen Kirche, die aus Gründen des Machterhalts am ptolemäische Weltbild festhält, und muss widerrufen. Das von Brecht selbst als episch bezeichnete Stück ist eine Aneinanderreihung von langen Dialogpassagen, die wiederum von erklärenden Monologen durchzogen werden. Die Inszenierung im Theater an der Parkaue muss hier nun junge Menschen ab 15 Jahren bedienen und deren Aufmerksamkeit über 2 ½ Stunden aufrecht erhalten, ohne dass die Kids irgendwann wieder zu ihren Smartphones greifen oder sich anderweitig selbst belustigen.

    theater-in-der-parkaue.JPG Foto: St. B.
    Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin

    Dieser Herausforderung hat sich nun Regisseur Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, in einer Zusammenarbeit mit dem Volkstheater Rostock gestellt. Die Hauptrolle übernahm dabei der in Rostock engagierte Schauspieler Jakob Kraze. Seine Darstellung des Galilei zwischen erklärendem Peter Lustig, Didi Hallervordenwuseligkeit und Luftgitarre spielendem Ostrocker Lutz Kerschowski (Langhaarkranz) – kein Mensch unter 40 wird den mehr kennen – ist schon etwas gewöhnungsbedürftig. Der Lebemann, und allzu menschliche Wissenschaftler Galilei, der sich nicht einfach nur plump ans Volk ranwanzt, sondern von Brecht bewusst diese volksnahen Züge bekommt, wirkt hier etwas zu kumpelig und bauernschlau, ein nicht erwachsen gewordener Altachtundsechziger mit Rockerattitüde. Das versteht heute auch kein junger Mensch mehr und der ständig aufgekra(t)zte Jakob Kraze nervt tatsächlich auf Dauer etwas. Dazu kommt noch, dass Wuschek die Musik von Hanns Eisler in den Hintergrund drängt und weitestgehend durch Showeinlagen der Darsteller ersetzt.

    Machtpolitiker gegen Wissenschaftler, dass ist heute nicht mehr die eigentliche Frage, Lobbyismus, Interessenskonflikte und Opportunismus schon. Die bekannten Brechtzitate werden hier mit Ausrufezeichen ins Publikum geschleudert. „“Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“ oder nach dem Widerruf Galileis, Andrea: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ Galilei: „“Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Erst ganz zum Ende werden die Töne leiser und im Schlussgespräch zwischen Andrea (Michael Ruchter) und Galilei kommt es zum Nachdenken über die Zusammenhänge von Vernunft, Wissenschaft und Verantwortung, ein Zusatz Brechts nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima. Das verpufft aber nach der ganzen Lustigkeit des Abends etwas und die meisten Jugendlichen waren da wohl eh schon wieder in ihre Facebookseiten vertieft. Es verpufft auch das Zitatduell zwischen den Kardinälen (Alexander Flache und Peer Roggendorf) und Galilei in einer albernen Saunaszene, an der nur die entblößten Leiber für Aufsehen im jugendlichen Publikum sorgen.

    Brechts Galilei brechts-galilei_stamps_of_germany_ddr_1988_minr_block_091.jpg
    Vernunft und Verantwortung des Wissenschaftlers

    Regisseur Kay Wuschek bleibt sehr nah an Brechts Text, kann aber nichts wirklich Aktuelles hinzufügen, außer Zitatsplitter zu Guttenberg, wohl ein Anspielung auf das geguttenbergte holländische Fernrohr, oder was sollte uns das sagen? Vermutlich zielt das eher auf den Satz Andreas: „“Die Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wissenschaftlichen Beitrag.“ Galilei beklagt ja auch den fehlenden wissenschaftlichen Ehrenkodex, an dem es zumindest einigen Politikern heute auch mangeln dürfte. Das würde sich dann aber etwas vom Brecht’schen Gedanken entfernen, der die unmittelbare Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Forschung in der Vordergrund stellt. Bleibt noch die Frage, die heute genauso akut ist wie zur damaligen Zeit, wie komme ich als Wissenschaftler an die nötigen Forschungsgelder und wo liegt heute der greifbare Nutzen der Wissenschaft? Zumindest für angehende Studierende nicht ganz unwichtig. Das Verhältnis des Nutzens von Geistes- zu Naturwissenschaften dürfte sich so gut wie umgekehrt haben, was die Grundproblematik der Finanzierung von Forschung aber nicht verändert, nur das immer mehr an den immer kleiner werdenden Pfründen partizipieren wollen und dabei in der Privatwirtschaft die größeren Drittmittel einzuwerben sind. All das thematisiert die Inszenierung nicht, man könnte die Jugend ruhig etwas mehr fordern.

    Wuschek versucht noch die Rolle der unterdrückten Tochter des berühmten Mannes etwas aufzuwerten. Virginia (Caroline Erdmann), die Galilei für etwas einfach gestrickt hält und daher gerne schnell verheiratet sehe. Mehr als eine alberne Girlie-Karikatur wird allerdings nicht daraus. Der Gegenwartsbezug zur Oberflächlichkeit mancher junger Frauen unserer Tage trifft die Tragik der Figur nicht wirklich und angesprochen fühlt sich dadurch eh kaum jemand im Publikum. Der Akzent der Inszenierung müsste eigentlich auf die „neue Kunst des Zweifelns“ gelegt werden. Die von Brecht eingezogenen epischen Reflexionsebenen, kommen hier eher zu kurz. Ein Nachdenken darüber befördert das nicht gerade. Es muss ja nicht gleich Adorno sein, aber in seiner „“Minima Moralia“ steht der schöne Satz: „“Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Das ist die aktuelle Parallele zur Zeit und manche Parallelen treffen sich nicht erst im Unendlichen. Trotzdem ist der Abend, dank der guten Darsteller, alles in allem zumindest sehr unterhaltsam, was man in Berlin heute noch einmal erleben kann. Mindestziel also erreicht.

    Wird fortgesetzt.

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    nächste Vorstellungen:

    • 20.04. 2012, 19:30 Uhr, Theaterzelt Rostock

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  • VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger – Thomas Brasch am BE, Einar Schleef am Gorki und Heiner Müller am DT (Teil 2)

    „…die Droge bin ja ich.“ – Armin Petras spielt Goethes „Faust I“ , inspiriert von Einar Schleefs „Droge Faust Parsifal“.

    „Man muß nur zu den Ursprüngen unserer Kunst- und Theatervorstellungen zurückgehen, zu Aischylos, Sophokles, Euripides, und was findet man da? Da steht: Chor, Chor, Chor. Oder gehen Sie heute abend in die Oper: Da brüllen gleich 150 Menschen auf einmal „Ave Maria“ oder „Friede“ oder „Othello, wo bist du?“. Der Chor ist das zentrale Formmittel – im Schauspiel genauso wie in der Oper. Bei Kleist, Büchner und Goethe ist dauernd von Menge, Masse oder Volk die Rede; noch am Schluß von „Faust II“, wo ja angeblich vom Individuum erzählt wird, finden Sie massenhaft Chorgruppen. Daß das auf der Bühne nie populär war, ist doch klar, weil alle diese chorischen Werke politische Themen behandelt haben. Und die wollte man ausklammern.“ Einar Schleef im Spiegelinterview (Mai 1998)

    Einar Schleef: Droge Faust Parsifal droge-faust-parsifal.jpg
    Suhrkamp Verlag, Erschienen 1997, Broschur, 504 Seiten

    In seinem 1997 erschienenen Monumentalwerk „Faust Droge Parsifal“ reflektiert Einar Schleef die gesamte abendländische Theatergeschichte aus eigener Sicht. Angefangen beim Antiken Chor über die Ausstoßung des Einzelnen bei Shakespeare, bis zur deutschen Klassik, die Shakespeares Individualisierung mit dem Chor-Theater der Antike wieder zu verbinden sucht. Hierbei hatte es Schleef vor allem der Faust von Johannn Wolfgang von Goethe angetan, über den er seitenlang These an These reiht. Im Mittelpunkt von Schleefs Überlegungen steht dabei die sogenannte ritualisierte Drogeneinnahme, durch die sich das Individuum mit einer bestimmten Gruppe/Chor identifiziert und verbindet. Ausgehend vom Abendmahls-Motiv mit der Drogeneinnahme Leib und Blut Christi, und dem anschließenden Verrat der Gruppe am Individuum, untersucht er Goethes Faust und weitere Klassiker des Sprech- und Musik-Theaters wie Richard Wagner, Gerhart Hautmann oder Heiner Müller auf den Chorgedanken in ihren Werken.

    Was ist genau dies Droge und was bewirkt sie für die Gemeinschaft und das Individuum? Für Schleef ist es der Utopiegedanke, seine Verteidigung, sein Verrat und schließlich die Pervertierung, wie bei Heiner Müllers beschrieben. Armin Petras, der sich schon mehrfach mit Schleefs Prosastücken beschäftigt hat, versucht nun Schleefs Thesen wieder zurück auf den ursprünglichen Untersuchungsgegenstand Faust zu werfen, um damit sozusagen des Pudels Kern zu treffen. Dabei muss man unweigerlich an Martin Wuttkes Inszenierung von „Gretchens Faust“ am BE denken, in der Faust im Drogenwahn sich einem ganzen Chor von Gretchens gegenübersieht. Das Publikum kann hier auch direkt an der kollektiven Drogeneinnahme teilhaben. Armin Petras interessiert sich in seiner Faust-Version nicht so sehr für den Chorgedanken, sondern mehr für das Einzelwesen, seine Sehnsüchte und innere Zerissenheit. Und damit befindet er sich durchaus auch auf Schleefs Spuren.

    „…die Droge bin ja ich. Der Monolog ist Droge, nur in ihm überlebt die dramatische Figur. Denken ist Droge, Erinnern ist Droge.“ Einar Schleef

    Petras Faust I-Fassung „Droge Faust“ in Koproduktion mit dem Centraltheater Leipzig, wo die Inszenierung bereits im letzten Jahr Premiere hatte, ist nun seit Ende Februar im Studio des Maxim Gorki Theaters zu sehen. In einer Art Versuchsanordnung unter verschärften Laborbedingungen, experimentieren die drei Schauspieler Anja Schneider, Thomas Lawinky und Berndt Stübner mit Goethes „Faust I“. Das Labor ist hier Fausts Studierstube, die mit allerlei rauscherzeugenden Substanzen ausgestattet (von Patricia Talacko) wurde, die auf einem Tisch vor Berndt Stübner stehen, der sich aber lieber einen rauschfreien Tee macht. Anja Schneider und Thomas Lawinky dringen wie zwei ehrfürchtige Studiosi in dieses leicht verstaubte Refugium ein und beginnen nach und nach mit ihrem erworbenen Wissen zu protzen. Anja Schneider trägt dabei Passagen aus Schleefs Buch vor und Lawinky beginnt erste Drogenerfahrungen zu machen, indem er sich den Inhalt einer Whiskeyflasche einverleibt und dabei bekannte Faustmonologe zerkaut und wieder auskotzt. Später wird er noch einen starken Tabletten-Alkoholcocktail zu sich nehmen. Die Wirkung setzt dann auch sofort ein und die Szenen verdichten sich zu einer Spielhandlung, in die Berndt Stübner als Mephisto einsteigt und Anja Schneider schließlich den Part des Gretchens übernimmt, zu der sich Faust bekanntlich nach der Potenz- und Verjüngungsdroge hingezogen fühlt. Gemeinsam mit Mephisto wird er nun von Drogeneinnahme zu Drogeneinnahme eilen, immer auf der Suche nach dem neuen Kick.

    droge-faust_gorki.jpg Droge Faust
    (Anja Schneider, Berndt Stübner, Thomas Lawinky)
    © R.Arnold/Centraltheater

    Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Neuinterpretation des Fauststoffs, wenn man das so sagen darf, ist Armin Petras Versuch zu zeigen, was die Beteiligten tatsächlich geistig wie körperlich durchleben. Fausts plötzliche Lust am Leben, die er als elitär Außenstehender bereits im Osterspaziergang erstmals verspürt und der Drang mit allen Mitteln in das Gewimmel einzudringen, lässt ihn den dargebotenen Trank willig einnehmen. Den passenden Film samt Soundtrack liefern Videoeinspielungen (von Rebecca Riedel) der aufkeimenden Natur, von Pilzen, Fröschen im Flug und anderen Bilderräuschen sowie rockige Rhythmen zu denen Lawinky konvulsivisch zu zucken beginnt. Auch Gretchen wächst hier über sich hinaus und nimmt am Rausch teil. Anja Schneider emanzipiert die an ihrer großen Leidenschaft Verzweifelnde, die ihr Glück einfordert. Petras macht dabei aus Schleefs Theorien zur kollektiven Drogeneinnahme eine partylaunige Beziehungsshow, die aber nie wirklich zu einem vollen Kunstrausch der Sinne führt. Es ist auch mehr ein Petras- als ein Schleef-Rausch. Das Experiment bleibt was es ist, eine spielerisch heraufbeschworene Welt im Reagenzglas, das von den Schauspielern, allen voran Anja Schneider, aber immerhin mit einigem Lebenselixier gefüllt werden kann. Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, ist letztlich die Lust am Leben und am Rausch der Liebe, was Faust nicht zu erlangen vermag, und damit eine schöne Schleef-Petras`sche Gretchen-Utopie bleibt, ein rauschbeschwörendes Vorspiel am Theater.

    „Einsam sein ist, wenn man von den anderen verlassen wird. Allein sein heißt, dass man sich von den anderen entfernen kann – und allein ist es traumhaft.“ Einar Schleef


    Literaturhinweise:

    „Droge Faust“ am Maxim Gorki Theater wieder am:

    Mi 25.04.2012, 20:15 Uhr im Studio
    Do 24.05.2012 20:15 Uhr im Studio (zum vorläufig letzten Mal)

    Teil 1: Thomas Brasch

    Teil 3: Heiner Müller

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  • Zum Welttag der Poesie.

    Neuer Frühling

    XXXV

    Sorge nie, daß ich verrate
    Meine Liebe vor der Welt,
    Wenn mein Mund ob deiner Schönheit
    Von Metaphern überquellt.

    Unter einem Wald von Blumen
    Liegt, in still verborgner Hut,
    Jenes glühende Geheimnis,
    Jene tief geheime Glut.

    Sprühn einmal verdächtge Funken
    Aus den Rosen – sorge nie!
    Diese Welt glaubt nicht an Flammen,
    Und sie nimmts für Poesie.

    Heinrich Heine aus der Lyriksammlung „Neue Gedichte“ (1844)

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  • Kunst und Rausch – Sebastian Hartmann entwirft am Maxim Gorki Theater Berlin ein großes Trinker-Oratorium frei nach Hans Fallada

    Die große Sehnsucht

    Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
    Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
    Und ich möchte weinend niedersinken –
    Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

    aus „Katerpoesie“ von Paul Scheebart (unverstandener Philosoph, hurmorvoller Dichter und Illustrator, phantastischer Erfinder und großer „Freund“ des Alkohols)

    Paul Scheerbart (1863 – 1915) ps_scher103.jpg

    Nach F. Scott Fitzgerald ist Trinken das Laster des Schriftstellers. So ist dann auch die Liste der schreibenden Säufer unendlich lang und besonders die der englischsprachigen Vertreter dieser Zunft. Edgar Allan Poe, Eugene O’Neill, John Steinbeck, William Faulkner, Jack London, Dylan Thomas, Malcolm Lowry, Ernest Hemingway, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Charles Bukowski, Dorothy Parker sowie die Iren Oscar Wilde und Flann O’Brien sind nur einige der Bekannteren unter ihnen. Der stetige Alkoholkonsum ging meist noch einher mit der Einnahme von Tabletten und anderen Drogen. Man trank nicht mehr nur um schreiben zu können, sondern man schrieb meist obwohl man trank. Der New Yorker Psychiater Donald W. Goodwin hat versucht das in seinem Buch „Alkohol & Autor“ (Suhrkamp Taschenbuch, 2000) wissenschaftlich zu belegen. Oft waren auch anhaltende psychische Probleme die Ursache für Alkohol- und Drogensucht, wie bei dem 2008 durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen David Foster Wallace, Autor des Romans „Der unendliche Spaߓ, in dem es u.a. auch um exzessiven Drogenkonsum geht. Explizit Niederschlag im Werk gefunden hat die Sucht aber außer bei den Autoren der Beat Generation William S. Burroughs und Jack Kerouac sowie dem „Gossenpoeten“ Charles Bukowski bei kaum einem Schriftsteller.

    „Sie schafften mich runter in die Säuferzelle, hielten die Tür auf. Jetzt ging es nur noch darum, auf dem Boden der Zelle zwischen 150 Männern einen Platz zu finden. Zum Scheißen gab es nur einen einzigen Eimer. Kotze und Pisse, wo man hinsah. Ich fand ein Plätzchen zwischen meinen Mitmenschen. Ich war Charles Bukowski, dessen Werke vom Literatur-Archiv der University of California in Santa Barbara gesammelt wurden. Dort gab es jemanden, der mich für ein Genie hielt. Ich machte mirs auf dem Zementboden bequem.“ Charles Bukowski „Die große Zen-Hochzeit“ aus „Kaputt in Hollywood“, eine Auswahl von Stories aus dem Sammelband „Erections, Ejaculations, Exhibitions an General Tales of Ordinary Madness, 1967-1972“, herausgegeben und übersetzt von Carl Weissner

    Der Nasenlose

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    Jack London: John Barleycorn oder Der Alkohol, Verlag Neues Leben, Berlin 1976, Übersetzung Günter Löffler, Illustrationen von Peter Muzeniek

    Es gibt lediglich einzelne Romane, in denen sich Autoren mit der eigenen Alkoholabhängigkeit auseinandersetzen, wie z.B. „John Barleycorn“ (dt. Ausgabe „König Alkohol“) von Jack London. Er war Gelegenheitstrinker in Geselligkeit und konnte zunächst lange Zeiten ohne den Drang nach Alkohol verbringen. Lediglich die ständige Verfügbarkeit der sozialen Droge und die Gewohnheit unter Freunden zu trinken, machten ihn schließlich zum abhängigen Leveltrinker. London reflektierte ziemlich nüchtern und selbstkritisch sein Trinkverhalten und konstatierte dennoch am Ende seines Romans: „Nein, entschied ich; wenn sich die Gelegenheit findet, werde ich trinken. Trotz der vielen Bücher auf meinen Regalen, trotz all der Gedanken der Denker, die ich durch mein Temperament sah, entschied ich kühl und überlegt, daß ich fortsetzen würde, was zu wünschen ich angehalten worden war. Ich wollte trinken, aber – oh, geschickter, maßvoller als je zuvor.“  Der von ihm selbst so genannten „weißen Logik des Alkohols“ konnte Jack London wohl nie ganz entkommen. Die Folgen waren Depressionen und eine Niereninsuffizienz, die sein Leben bereits mit 40 Jahren beendeten. Ernest Hemingway neigte noch viel deutlicher zur männlichen Glorifizierung des Alkohols, dessen regelmäßiger Konsum ihn Zeit seines Lebens als täglich wiederkehrendes Ritual begleitete und schließlich in die Paranoia trieb, mit dem bekannten Ende.

    „Es war so wie manches Essen im Krieg, an das ich mich erinnere. Viel Wein, eine ignorierte Spannung und das Gefühl von Dingen, die kommen würden und die man nicht verhindern konnte. Unter der Wirkung des Weins verlor ich mein Gefühl von Ekel und war glücklich.“ Ernest Hemingway aus „Fiesta“, 1926 unter dem Originaltitel „The Sun Also Rise“ erschienen

    Aber auch im guten alten Europa war die Trunksucht unter den Schriftstellern keine Seltenheit. Was für Frankreich Charles Baudelaire, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud, Marguerite Duras und Françoise Sagan, waren für den deutschsprachigen Raum Christian Dietrich Grabbe, Gottfried Keller, E.T.A. Hoffmann, Theodor Fontane, Hermann Löns, Joseph Roth, Paul Scheerbart, Ernst Herhaus, Irmgard Keun und Ingeborg Bachmann. Auch Gerhart Hauptmann und selbst der alte Geheimrat Goethe waren dem übermäßigen Weingenuss nicht abgeneigt. Bei kaum einem von ihnen durchzieht aber die lebenslange Sucht das gesamte Schaffen wie bei dem Schriftsteller Hans Fallada. Sein Roman „Der Trinker“, über den gescheiterten Geschäftsmann Erwin Sommer, beschreibt ausführlichst alle Phasen einer Alkoholikerkarriere und trägt verstärkt autobiografische Züge.

    hans-fallada-006.jpg Hans Fallada (21.07.1893 – 05.02.1947)

    „Sieben Jahre liege ich nun schon an der Kette der Sucht, mal Morphium, mal Kokain, mal Äther, mal Alkohol. Sanatorien, Irrenanstalten, Leben in der Freiheit, gebunden an die Sucht, eine löst die andere ab.“ Hans Fallada aus „Drei Jahre kein Mensch“, Geschichten aus dem Nachlass 1929-1944, Aufbau Verlag 1997

    Was für Funken würde nun der kunstsüchtige Theaterverweigerer Sebastian Hartmann aus Falladas Trinkerelegie schlagen können? Nun, um es kurz zu machen, der Noch-Intendant vom Centraltheater Leipzig taucht das Maxim Gorki Theater des Noch-Intendanten Armin Petras in einen psychedelischen Bilderrausch a la Burroughs „Naked Lunch“ und lässt die Schauspieler Samuel Finzi und Andreas Leupold entsprechend ungebremst dazu agieren. Zugute kommt Hartmann dabei, dass man Räusche viel besser in Bilder übersetzen kann, als in allgemein verständliche Sprache. Gerade viele bildende Künstler haben mit Drogen experimentiert, um ihre Eindrücke dabei auf die Leinwand zu bannen. Arnulf Rainers Übermalungen in den 60er Jahren entstanden oft unter dem Einfluss von LSD oder Alkohol. Amedeo Modigliani, Francis Bacon und Jackson Pollock waren starke Alkoholiker, was zumindest Bacon in seinen Bildern auch thematisierte. Wo sich Fallada bemühte Wut, Depressionen, Euphorie und Absturz in eindrückliche Sätze zu pressen, um die verschiedenen Zustände seines Ich-Erzählers zu beschreiben, genügen Hartmann hier die allgemein bekannten Erscheinungsformen von Wutanfällen, Delirium, Krämpfen, und Kotz-Attacken zur Bebilderung. Nicht dass es Falladas Roman an dieser Art von Drastik fehlen würde, das aber in entsprechende darstellende Kunst zu verwandeln, bedarf es etwas mehr als Videos mit flirrenden Insekten und ganze Schlauchentladungen von Erbrochenem.

    der_trinker_04.jpg Der Trinker
    (Steve Binetti, Andreas Leupold, Samuel Finzi) © R. Arnold/Centraltheater

    Es beginnt eher harmlos. Vor einem Varietevorhang, auf dem mittels Video ein Spotlight gezeichnet ist (Bilder vom Leipziger Maler Tilo Baumgärtel), tritt der Gitarrist Steve Binetti, den Hartmann bereits in seinen Inszenierungen „Der Zauberberg“ und „Nackter Wahnsinn / Was ihr wollt“ zur musikalischen Untermalung aufgeboten hatte. Binetti beginnt nun auf einer akustischen Gitarre rumzuzupfen und recht bemüht dazu zu singen. Er wird später die Akustik- gegen einen E-Gitarre tauschen, um mit etwas mehr Verve die Alkoholexzesse seiner beiden Mitspieler zu befeuern. Die musikalische Begeleitung macht Sinn. Binetti gelingt es mit seinem Blues oft besser als den Schauspielern Gemütszustände und Gefühlsschwankungen des Protagonisten in Szene zu setzen. Leupold und Finzi folgen Binetti auf die Bühne, wie dieser in schwarze Showanzüge gewandet und spielen Falladas als Duell getarnten Selbstmordversucht aus jungen Jahren nach. Die Pistolen werden danach imaginär in den Zuschauerraum geworfen und erzeugen ein verspätetes Platschen vom Band. Hartmann geht es nicht um die Darstellung von Realität, sondern um die rein künstlerische Ausbeute dessen, was sich Fallada in der Trinkerheilanstalt abgerungen hat. An der Rampe sitzend, tragen die beiden Schauspieler abwechselnd Textpassagen der Geschichte Erwin Sommers vor und steigern sich dabei Stück für Stück in den Absturz des aus seinem drögen Alltag ohne Liebe und beruflichem Erfolg entfliehen wollenden Geschäftsmanns hinein. Was ihm kurzzeitig Erfüllung verheißt, wird schließlich zur verzweifelten Sehnsucht, die er mit immer mehr Alkohol und einer kurzen Affäre mit der Kellnerin Elsabe, seiner „reine d`alcool“, zu stillen hofft.

    Hartmann wollte mit der Aufteilung der Rolle die Zerrissenheit zwischen dem Künstler Hans Fallada und dem Menschen Rudolf Ditzen einerseits sowie dem Süchtigen, dem im Rausch die Realität verschwimmt, anderseits darstellen. Man sieht aber nur einen sich die Haare raufenden Andreas Leupold, dem die Sprache versagt und einem herumhopsenden Samuel Finzi, der seinem Partner an die Kehle geht. Die Flucht in den Alkohol ist zwar immer auch eine Flucht aus der den Süchtigen umgebenden Realität, aber eben auch eine Zumutung für die Umgebung, die weniger mit dem Kunstgedanken Hartmanns, als mit den sichtbaren Auswüchsen assoziiert wird. Dieser Zumutung fühlen sich einige der Zuschauer dann auch nicht gewachsen und verlassen schimpfend den Saal. Ob die Kotzszene, bei der sich Finzi und Leupold Schläuche an alle möglichen Körperöffnungen halten, aus denen minutenlang eine breiige Masse schießt, oder die wimmernden Klänge von Steve Binettis Gitarre der Auslöser dafür sind, sei dahingestellt, einen populären Kunstgeschmack ist Sebastian Hartmann so oder so nicht bereit zu bedienen. Er lässt die Windmaschine aufheulen, der Vorhang, der eben noch ein Kneipenviertel zeigte, wird von allerlei albtraumhaften Getier bevölkert und beginnt schließlich mit ihm zu fliegen. Danach ist Katerstimmung und nicht nur Steve Binetti dürfte wie im Delirium Tremens frösteln.

    der_trinker_08.jpg Der Trinker
    (Andreas Leupold, Samuel Finzi) © R. Arnold/Centraltheater

    Hartmann dekliniert brav alle Stadien des Trinkers durch, inklusive dem Verzehr einer Säuferleber aus rotbrauner Götterspeise und legt noch eine Parodie des Glöckners von Notre-Dame oben drauf. Es könnte aber auch ein Bild für das doppelte Gesicht des Trinkers sein, der wie zwischen Jekyll und Hyde hin und her switcht, bis er sich vollends der abgründigen Seite zugewandt hat und aus der Gesellschaft katapultiert wird. Dazu beschwören Finzi und Leupold fleißig die Hölle. Das letzte Stadium ist nach dem im Delirium verübten Mordversuch von Erwin Sommer an seiner Frau auch bald erreicht und er wird in die Trinkerheilanstalt eingeliefert, aus der ihm nur einmal noch die Flucht gelingt. Nach einem Wutausbruch mit anschließendem Rückfall entmündigt und für immer weggesperrt, gibt es für Erwin Sommer nur noch den einen Wunsch, den Fallada bereits in seiner frühen Erzählung „Die Kuh, der Schuh, dann du“, die er 1919 während einer Entziehungskur schrieb, schildert. Ein drogensüchtiger Student in einer Nervenheilanstalt begeht darin immer wieder Selbstmordversuche, um an eine Kokainspritze des Arztes zu kommen. Auch Sommer hat einen Traum, er trinkt das Sputum tuberkulöser Patienten, um dann ebenfalls todkrank den Arzt um einen letzten Schluck Ethanol bitten zu können. Hier lässt Hartmann noch einmal den Worten Falladas ganz Raum, bevor der nun goldene Vorhang die Darsteller endgültig verschluckt.

    Da er dem Stoff diesmal mit recht konventionellen Regieeinfällen beizukommen versucht, bleibt Hartmanns Kunst-Attacke auf den vermeintlich biederen Bildungsbürgergeschmack auch eher blass. Die Einsamkeit und Sehnsüchte des in seiner Ideenwelt gefangenen Künstlers und die Visionen eines durch körperliche Abhängigkeit Gezeichneten lassen sich am Beispiel von Falladas „Trinker“ wohl doch nur bedingt darstellen. Das Ergebnis ist nun seit dem 17.03.12 auch am Centraltheater Leipzig zu bewundern.

    Paul Scheerbart, Zeichnungen aus der Jenseitsgalerie um 1902

    paul-scheerbart-jenseitsgalerie.gif           paul-scheerbart-2.jpg

    Ingrimm

    Eine wilde Fratze
    Muß ich schneiden,
    Denn dies Leben
    Macht mir keinen Spaß.
    O, ich möchte nur
    Ein altes Rabenaas
    Mit verrückter Wollust
    In zehntausend Stücke reißen,
    Und dann möcht ich
    Hübsche Mädchenköpfe
    Balsamieren mit verfaultem Tran
    Oder andrer ekler Flüssigkeit.
    Und dann möcht ich
    In den Himmel springen
    Und die Sterne fressen
    Und zuletzt:
    Den ganzen Lebensunsinn
    Ohne weiteres vergessen
    Und als Ätherwolke
    Traumlos weiterschweben.
    Dieses, glaub ich, wird mir
    Noch einmal gelingen.

    Paul Scheerbart aus Katerpoesie

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  • Über das Erinnern (2) – Drei Theaterstücke in Berlin beschäftigen sich mit der DDR-Vergangenheit

    „Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig und jeder Aufmerksamkeit würdig.” Hermann Hesse

    She She Pop öffnen im Hau 2 mit ihren Gästen Ost-West-Erinnerungs-Schubladen

    Fritz Kater ist mit seinem Stück „zeit zu lieben zeit zu sterben“ das Kunststück gelungen, Erinnerung unmittelbar auf der Bühne erlebbar zu machen. Das ist es auch, was Armin Petras als Regisseur immer wieder mit der Inszenierung von Romanen versucht. Antú Romero Nunes ist es am Maxim Gorki Theater gelungen Katers Erzählstrom mittels Klang, Bild und Bewegung in mitreißendes Theater zu übersetzen. Wie sieht das nun mit den Mitteln des Diskurstheaters oder der Performance aus? Wie lässt sich also das Erinnern einer realen Person authentisch auf der Bühne umsetzen und dabei noch künstlerisch ansprechend darstellen? Am Internationalen Frauentag luden drei Performerinnen von She She Pop, alle in West-Deutschland aufgewachsen, ins HAU 2. Sie räumten gemeinsam mit drei Gast-Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden, genüsslich ihre ganz privaten Schubladen aus. Zum Vorschein gekommen sind die teilweise sehr unterschiedlichen Sichtweisen nicht nur zum Feminismus in Ost und West, auch systemimanente Begriffsdefinitionen und Erziehungsfragen wurden einander gegenübergestellt. Dass das Ost-West-Thema erst nach immerhin 22 Jahren Einheit auf den Tisch der Theatermacherinnen West gelangt ist, erklären diese ehrlich mit ihrem anfänglichen Desinteresse sowie einem gewissen Selbstverständnis und der Ignoranz eben andere Probleme wichtiger zu finden. Man scheute auch die ständigen Fragen nach der Herkunft, aus Angst ein vermeintliches Tabu zu berühren. Damit sollte nun endlich Schluss sein. (Siehe „Das erste Mal“ – She She Pop im Gespräch; der Freitag, 08.03.12)

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    Aus der Schublade gekramt: Befreiung West versus Aufklärung Ost

    She She Pop benutzen in ihren Stücken, wie z. B. auch in „Testament“, oft Musik für ihre vielfältige Erinnerungsarbeit. In „Schubladen“ kam nun auf einem Plattenteller ein ganz besonderes Sampling von über 30 Jahren deutsch-deutscher Vergangenheit zu Gehör. An Tischen sitzen drei Paare auf Bürorollstühlen, die sich auch für schöne Bewegungschoreografien eignen, und ziehen kleine Wägelchen mit Büchern, Briefen, Fotos und Schallplatten zu sich heran. Auf den Tisch kommt nun das persönliche Erinnerungsmaterial, das man der jeweils Gegenübersitzenden an konkreten Beispielen aus der eigenen Biografie näher bringen will. Es prallen Ideologien aufeinander und öfter wird vom Gegenüber „Stop!“ gerufen und „Definiere!“ z.B. Kapitalist, Dividende, Klassenbrigadier und Pazifist. Oder nicht doch eher Pazifistin? Da stehen das West-Befreiungsbuch von Alice Miller „Das Drama des begabten Kindes“ neben Heinrich Brückners DDR-Aufklärungsfibel „Denkst du schon an Liebe?“, Westaufsätze über die DDR gegen die Definition eines Kapitalisten aus dem Heimatkundelehrbuch DDR Klasse 4. Man erzählt sich seine Kindheit vom daheim behüteten Westmädchen oder dem nach sechs Monaten in die Krippe gegebenen Ostmädchen. West-Performerin Nina Tecklenburg summt genüsslich die Titelmelodien kitschiger Vorabendserien und die in Rostock aufgewachsene Soziologin Wenke Seemann kontert mit dem Neid-Lied aus Reinhard Lakomis „Traumzauberbaum“.

    Das wirkt am Anfang noch etwas bemüht, entwickelt aber immer mehr seinen Charme, wenn die kurzen Berichte mit konkreten Erlebnissen, Anekdoten oder ganz persönlichen Tagebucheintragungen unterfüttert werden. Die Sopranistin Alexandra Lachmann erzählt von der Schere im Kopf, dem Verstellen in der Schule und wie ihr Bruder kurz vor der Wende über Ungarn in den Westen ausgereist ist. Die Schriftstellerin Annett Gröschner litt unter der Bevormundung im Studium und fing an ihre Albträume aufzuschreiben. Aber bei all der schweren Erinnerungsarbeit, darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Was war wirklich drin im Westpaket und hätte Frau Ost nicht doch lieber Tampons anstatt Seife und echt 4711 gehabt? Es darf an der Rampe bei einem Gläschen Wodka kurz abgelästert werden über die verzärtelten Westfrauen. Diese haben ihre Probleme damit, dass die eigene Mutter vom Geld des Vaters lebt oder dem schwierigen Erbe von Onkeln die heute immer noch wie Karl Marx aussehen. Stolz ist man über die erste eigene Wohnung und das politische Engagement. Es wird der Song „Wir sind geboren um frei zu sein“ von Ton Steine Scherben aufgelegt, die Ostfrauen halten ihre Favoriten dagegen. So gibt ein Klischee das andere, bis die Westfrauen schließlich über das Fehlen der sozialistischen Alternative klagen. Wenke Seemann bringt es auf den Punkt: „Hast Du eigentlich eine Ahnung davon, wie es ist, in Deiner Alternative aufzuwachsen.“

    Bis in die Zeit kurz nach der Wende geht der Abend dann noch und die Ostfrauen berichten von merkwürdigen Feministinnencamps, falschen Vorstellungen und ersten Enttäuschungen. Die verschlafene Wendenacht, die Enge am Grenzübergang in der Schlange auf der Warschauer Brücke oder Männern mit tätowierter Werbung auf dem Gemächt, regelrecht literarisch wird es, wenn Annett Gröschner aus ihren Traumtagebüchern zitiert. Johanna Freiburg schwärmt von einer ersten platonischen Liebe und Ilia Papatheodorou imaginiert ein erotisches Erlebnis. Auch die Westfrauen sind mittlerweile im Osten von Berlin angekommen, stellen aber bestürzt fest, dass man im Adressbuch kaum Telefonnummern von Ostfreunden hat. Das sich das ändern könnte, dafür steht dieser sympathisch humorvolle und nie ganz von Ironie freie Gesprächsabend. Konsens findet sich bei der Theatermacherin West Johanna Freiburg und der Schriftstellerin Ost Annett Gröschner schnell beim Dramatiker Heiner Müller oder Nina Tecklenburg und Wenke Seemann schwärmen von Eiskunstlaufolympiasiegerin Katarina Witt und führen eine Carmenkür auf ihren Bürodrehstühlen auf. Da heben sie für einen kleinen Moment ab, lassen den theoretischen Ballast am Boden und alles Schubladendenken weit hinter sich.

    ***

    „Das Ende der SED“ – Im Europasaal des Auswärtigen Amtes zeigt das Theater 89 noch einmal die letzten Tage des Zentralkomitees der SED

    Um eine ganz andere Art der Erinnerung geht es in dem Stück „Das Ende der SED – Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED“, das das Theater 89 im Europasaal des Auswärtigen Amtes uraufführte. Hier am historischen Platz lassen die Schauspieler in der Regie des Theaterleiters Hans-Joachim Frank die letzten Zentralkomiteesitzungen von Oktober bis Dezember 1989 revuepassieren. Der Historiker und Publizist Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam hat mit Gerd-Rüdiger Stephan von der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Abschriften der Original-Tonbandmitschnitte dieser Sitzungen 1997 in einem gleichnamigen Buch beim Ch. Links Verlag veröffentlicht und bot diese Texte seitdem verschiedenen Theatern wie Sauerbier an. Das Theater 89 hat nun in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ein Theaterstück daraus gemacht.

    Das Material bietet sich tatsächlich für eine theatrale Aufarbeitung an, sind doch alle Elemente eines klassischen Dramas darin enthalten. Man könnte es auch als antike Tragödie aufführen, allein der eigentlich Leidgeprüfte ist nicht anwesend. Man hat vergessen das Volk ins Stück mit einzubauen. Dafür intoniert ein Chor (Singakademie Frankfurt/O.) Arbeiterkampflieder, die hier nicht ganz unbeabsichtigt wie Klagelieder einer vergangenen Zeit wirken. Die Götterdämmerung im Herbst 1989 erreichte die gottgleich auf ihrem Olymp erstarrte Parteinomenklatur scheinbar wie aus heiterem Himmel. Die Hybris der führenden Rolle hatte die SED lange unangreifbar erscheinen lassen, umso schneller kam der selbstverschuldete Sturz in den Orkus der Geschichte. Die Tragödie wurde zum kleinbürgerlichen Trauerspiel um Erklärungsnot und scheinheilige Schulddebatten. Das Theater 89 versuchte nun diese Ereignisse der Wendewirren dem Vergessen zu entreißen. Vielen im Publikum werden ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit der Wende wieder gegenwärtig, anderen ist es immerhin eine lebendige Geschichtsstunde.

    dsc06527.JPG Foto: St. B.
    Genosse Austauschbar. – Pappkameraden in grauen Anzügen beim Ende der SED im Europasaal des Auswärtigen Amts

    Das Schauspielensemble, weiß geschminkt und in grauen Anzügen, stellt die verschiedenen ZK-Mitglieder dar, die in endlosen Debatten und Redebeiträgen nach Fassung ringen und sich gegenseitig ins Wort fallen. Es wird auf einen schnellen Entschluss gedrängt, das Heft des Handelns nicht aus der Hand zu geben. Den Draht zum Volk hat man aber längst verloren. Es wird nach Ursachen gesucht, allerdings nach dem alten Motto: Bloß keine Fehlerdiskussion. Aus den Kreisleitungen der Partei kommt erster Widerspruch und einige ZK-Mitglieder üben zerknirschd Selbstkritik. Vorn im Präsidium sitzen zu Anfang noch der neue Generalsekretär Egon Krenz, Kurt Hager, Armeechef Heinz Kessler und andere Politbüromitglieder. Lange können sie sich da nicht mehr halten, die ehemalige Führung wird nach und nach ausgetauscht. Die entstehenden Lücken füllen Puppen in grauen Anzügen aus. Für die Künstler in der Partei spricht der Schriftsteller und Verbandspräsident Hermann Kant, der das Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten anprangert und im Dialog mit dem Volk die Führungsrolle wiedererlangen will. Andere ergehen sich in belanglosen Scheindebatten und Schönfärbereien. Dazwischen immer wieder sakrale Chorpassagen mit Brechts „Kinderhymne“, dem „Lied der Partei“, „Spaniens Himmel“ oder Wolfgang Langhoffs „Moorsoldaten“. Es wird die unfreiwillige Grenzöffnung mit Schabowski-O-Ton eingespielt und die Wirtschaftslenker des ZKs gestehen ihre Fehler ein. Alle haben sich im Zuge der Parteidisziplin dem Urteil der Parteioberen gebeugt.

    Das Land steht 1989 am Rande des Bankrotts und niemand will es bemerkt haben. Der Arbeiter- und Bauerstaat hing schon lange am Tropf des Westens. Die Schuldfrage ist schnell geklärt. Die Genossen fühlen sich vom Politbüro des ZKs, das die Belange der Partei und des Staates nach Gutdünken lenkte, betrogen. Der 86 Jahre alte Genosse Bernhard Quandt, der von 1939 bis 1945 in Sachsenhausen und Dachau saß, verlangt unter Tränen die standrechtliche Erschießung der Verantwortlichen für die erlittene Schmach des Machtverlusts. Einer Reflexion auf die eigene Schuld hin sind nur wenige fähig. Ein wirklicher Widerpart ist hier auch nicht zu erwarten. Dazu fehlen kontroverse Stimmen von außerhalb der Parteikreise, die die Inszenierung nicht für nötig hält und sich strikt am Text der Aufzeichnungen orientiert. Das ist nicht nur künstlerisch ein Manko. Problematisch ist bei dieser Herangehensweise, dass die Schuld hier leicht delegierbar scheint und dadurch einer umfassenden Aufarbeitung entgegenwirkt. Die Stimme des Volkes wird zum Schluss wieder eingeblendet, es ruft die bekannten Worte: „Wir sind ein Volk.“ Das war es auch schon vorher.

    „Niemals haben Menschen so vieles vergessen sollen, um funktionsfähig zu bleiben, wie die, mit denen wir leben.“ Christa Wolf aus Kindheitsmuster

    Die nächsten Aufführungen in Berlin:

    • 31.03.12, 19:00 Uhr, Akademie der Künste am Hanseatenweg
    • 14.04.12, 19:00 Uhr, im Kleistsaal der Urania
    • 12.05.12, 19:00 Uhr, Haus der Kulturen der Welt
    • 02.06.12, 19:00 Uhr, Zionskirche

    Literatur: _______________________ das-ende-der-sed_buch_cover.jpg

    Hans-Hermann Hertle/Gerd-Rüdiger Stephan (Hg.), Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees. Mit einem Vorwort von Peter Steinbach, Berlin: Ch. Links Verlag 1997

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  • Über das Erinnern (1) – Drei Theaterstücke in Berlin beschäftigen sich mit der DDR-Vergangenheit

    „Aber kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen – auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst.“ Christa Wolf, Lesen und Schreiben. Neue Sammlung. Essays, Aufsätze, Reden

    Die Erinnerung geht meist verschlungene Wege, ist keine geradlinige Straße in die Vergangenheit. Man muss diese Straße auf der Suche nach Spuren abschreiten, den Asphalt abklopfen auf Resonanz, die durch dessen doppelten Boden erzeugt wird. Für Walter Benjamin ist daher der Flaneur vor allem ein Sinnbild für das literarische Erinnern, das ihn aber immer auch in ein Labyrinth führt, wie in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Erinnerung wird oft durch äußere Reize wie Geschmack, Düfte oder auch Klänge hervorgerufen oder verstärkt. Musik ist daher besonders gut geeignet Erinnerungen wach zu rufen und so besitzt jeder Mensch einen ganz besonderen Soundtrack seines Lebens. Das man in seiner Erinnerung oft zur Verklärung neigt, ist eine spezifische Eigenschaft persönlichen Erinnerns, das bestimmte Erlebnisse ausblendet und andere dafür um so deutlicher erscheinen lässt. Besonders negativ besetzte Ereignisse verschwimmen dabei zunehmend im großen Chor der kollektiven Erinnerung. Nostalgie nennt man z.B. eine dieser Erscheinungen, was die jüngere deutsche Geschichte betrifft. Daher ist es besonders begrüßenswert, dass sich in der letzten Woche wieder einmal Künstler an drei Berliner Theatern mit der ost- bzw. gesamtdeutschen Vergangenheit befasst haben und somit einen wichtigen Beitrag zur gemeinsamen Erinnerungsarbeit leisteten.

    „Unser Gedächtnis gleicht den Geschäften, die im Schaufenster einmal die eine und einmal die andere Photographie der gleichen Person ausstellen. Gewöhnlich bleibt dann für einige Zeit nur die letzte im Blickfeld der Beachtung.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

    Erinnerungsarbeit leicht gemacht – Antú Romero Nunes flaniert am Maxim Gorki Theater mit viel Musik durch Fritz Katers „zeit zu lieben zeit zu sterben“

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    Fritz Kater widmete das Stück zeit zu lieben zeit zu sterben Jeams Dean. Foto: Wikimedia

    „Musik ist natürlich ein zentraler Punkt. Mit dem Sprechen heute ist es nicht mehr so einfach. Der Sprachakt als solcher, der ist so vergiftet und zerstört, so verniedlicht und verkleinert; deshalb muss man immer wieder gucken, wo kann die Sprache Kraft herbekommen. Musik ist da ganz stark.“ Armin Petras in einem taz-Interview vom 14.05.2003

    Schon in der Uraufführung, die Armin Petras 2002 am Thalia Theater Hamburg besorgte, gab es einen rockigen Soundtrack. Antú Romero Nunes, der damals 18jährige, hat in seiner Neuinszenierung des dreiteiligen in Mülheim preisgekrönten Stücks über eine Jugend in der DDR auch auf die Karte Musik gesetzt. Sie kommt aber nicht wie in Hamburg vom Band, sondern wird im Maxim Gorki Theater live auf der Bühne von der Band „marie & the redCat“ performt. Die Musiker stehen dabei auf einem Podest und untermalen die schnellen Texte des Schauspielerchors mit ihrem poppigen Sound. Sie spielen eigene Stücke und Coverversionen von Songs aus jener Zeit der 70er und 80er Jahre. Neil Youngs „Old man“ steht neben „Halt dich an deiner Liebe fest“ von Ton Steine Scherben und „El pueblo unido jamàs serà vencido”, einem Klassiker der chilenischen Band Inti-Illimani, Dauergäste des Ost-Berliner Festivals des politischen Liedes.

    Im ersten Teil „Eine Jugend / Chor“ werden die Erlebnisse eines Heranwachsenden in einem ungebremsten Redefluss durch die acht Gorki-Schauspieler wechselseitig oder im Chor vorgetragen. Die Musik wirkt hierbei direkt auf die Körper und lässt das unreflektierte Erinnern des Ich-Erzählers in eine unmittelbare Gruppenbewegung übergehen. Witzige Erinnerungen an Feten, wilde Besäufnisse und erste sexuelle Kontakte, wechseln mit anekdotenhaften Berichten von Mai-Aufmärschen, vergeblichen Ausreiseanträgen und tragischen Getränkeunfällen. Der Spaß ist hier noch die vorherrschende Attitüde, die Sehnsucht nach Leben, Liebe und Sex. Der Protagonist schreckt aber immer wieder vor großen Entscheidungen zurück. Das Schlimme passiert immer den anderen, er verhält sich nicht dazu. Kater/Petras entwirft hier eine exemplarische Figur der persönlichen Erinnerung, die der Chor zu einer kollektiven macht. Nunes übersetzt diese Stimmung in ein vielstimmiges Konzert. Zum Schluss regnet es sogar Flitter auf die Bühne, bevor der Rausch verflogen ist und sich der Ich-Erzähler dem Ernst beim Dienst in der Grenztruppe stellen muss.

    Im zweiten Teil „Alter Film / die Gruppe“ fährt die Band in den Hintergrund und auf der Drehbühne spult sich das Leben von Peter (Peter Jordan), der mit Mutter (Hilke Altefrohne) und Bruder Ralf (Johann Jürgens) ohne Vater aufwächst. Der ist in den Westen abgehauen und wird später durch den aus dem Gefängnis kommenden Onkel Breuer (Andreas Leupold) ersetzt. Der hat sich angepasst und rät auch Peter, sich in die Reihe zu stellen. Peter denkt aber lieber daran, wie er Adriana (Julischka Eichel) rumkriegen kann oder hat mit der betrunkenen Yvonne (Aenne Schwarz) ein Bad-Sex-Erlebnis. Erstmals dringen auch die unangenehmen Seiten des Heranwachsens in der DDR in sein Leben. Bruder Ralf bekommt keinen Studienplatz, selbst Onkel Breuer, der plötzlich Karriere macht, kann da nicht helfen und Peters Idol Dirk (Robert Kuchenbuch) geht in den Westen. In der Schule muss sich Peter nun mit Lehrerin Jolanta-Saukopf (Aenne Schwarz) oder dem scharfen Herrn Bühring-Uhle (Johann Jürgens) auseinandersetzen. Nunes spult das Geschehen tatsächlich in bunten Filmbildern auf der Drehbühne ab. Er greift hier Walter Benjamins Thema des Flaneurs auf (siehe Programmheft) und lässt Peter buchstäblich durch die Erinnerrungen seiner Jugend schlendern. Wie in einem Shortcut-Film jagen dabei die anderen in immer neuen Gruppenaufstellungen an ihm vorbei.

    Die Sehnsucht nach der großen Liebe will sich für Peter aber nicht erfüllen. Die Zeit erstarrt und die Bühne steht schließlich still. Die Band stimmt Rio Reisers „Halt dich an deiner Liebe fest“ an und fordert zum Mitsingen auf. Es geht hier um die ganz spezielle Art der Erinnerung, die für jeden anders ist, sich aber immer auch an bestimmten gemeinsamen Eckpunkten festmachen lässt. Das ist das phänomenale an Katers Stück, dass in seinen drei Teilen verschiedene Erinnerungsebenen untersucht werden. Im ersten Teil der schnelle unreflektierte Erzählstrom, dann kommen dem Protagonisten die anderen Personen und Schicksale schon näher und er fängt an über sich und sein Leben nachzudenken. Schließlich erfolgt ein Cut. Robert Kuchenbuch erzählt auf leerer Bühne in „Eine Liebe / zwei Menschen“ von ein Mann, der nach der Wende seine Familie verlässt, um eine neue Arbeit zu beginnen. Er begegnet einer anderen Frau und spürt kurzzeitig die alte Sehnsucht nach der ganz großen Liebe. Aber er hat keine Kraft mehr sie zu halten. Man erlebt einen Gescheiterten, der sich an eine unmögliche Liebe klammert, auf der Suche nach einem Gefühl von früher. Doch der Vulkan ist erloschen. Der Chor steht derweil abseits im Saal. Trotz oder gerade wegen des nachdenklichen Endes ist Nunes kraftvolle Wiederbelebung des Stücks vollauf geglückt.

    „Man denkt an das, was man verließ;
    Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.“

    Johann Wolfgang von Goethe, Faust II

    wird fortgesetzt

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  • F.I.N.D. 2012 (Teil 2) – Ein russischer Strindberg und Fünf Stunden Shakespeare aus Polen – Thomas Ostermeier und Krzysztof Warlikowski mit Gastspielen an der Berliner Schaubühne

    Am ersten Wochenende vom  02.03. – 04.03. stand das F.I.N.D. 2012 an der Berliner Schaubühne ganz im Zeichen der Gastspiele des Театр Наций (Theater der Nationen) aus Moskau mit „Фрекен Жюли – Fräulein Julie“ nach August Strindberg in der Regie von Thomas Ostermeier und des Nowy Teatr (Neues Theater) aus Warschau mit „Opowieści afrykańskich według Szekspira – Afrikanische Erzählungen nach Shakespeare“ in der Regie von Krzystof Warlikowski. Die Betonung liegt hier tatsächlich auf „nach“, denn die Stücke wurden nicht nur neu übersetzt, sondern der russische Autor Mikhail Durnenkow versah „Fräulein Julie“ mit einem zeitgemäß aktualisierten Text und der polnische Dramatiker Piotr Gruszczyński überarbeitete für die „Afrikanischen Erzählungen“ drei Stücke von William Shakespeare.

    find-2012_schaubuhne-1.JPG Foto: St. B.

    In Katie Mitchells Video-Inszenierung von Anton Strindbergs „Fräulein Julie“ wird von der Köchin Kristin in Großaufnahme ein Niere gebraten. Auch in Thomas Ostermeiers eher am konventionellen Theaterformat orientierten Version gibt es gleich zu Beginn eine Kochszene und die Kamera hängt als dauernder Beobachter über den Köpfen der Protagonisten. Bei Katie Mitchel ist sie mit ihren Großaufnahmen neben Jule Böwe als Kristin der Hauptakteur, bei Ostermeier zoomt sie sich voyeuristisch immer wieder in die Handlung.  Sie will im sterilen Ambiente der Designerküche die wahren Gefühlsregungen und Abgründe einfangen. Die Berliner Schaubühne ist an diesem Abend fest in russischer Hand, stehen doch einige russische Schauspieler mit Format in dieser Moskauer Inszenierung in der Regie von Thomas Ostermeier, die bereits im Dezember letzten Jahres dort Premiere hatte, auf der Bühne. Als Hühnerbouillon kochende Kristin ist Julia Peresild, die eine Hauptrolle in Alexey Uchitels für den Oscar eingereichten Weltkiegsdrama „Kraj“ (The Edge) von 2010 spielt, zu sehen. Diener Jean, der hier in der modernisierten Fassung Fahrer des Hausherrn und Ex-Generals ist, wird vom Leiter des Theaters der Nationen Jewgenij Mironow dargestellt und das Fräulein ist die auch in Deutschland bereits bekannte Schauspielerin Tschulpan Chamatowa (Luna Papa, Good Bye, Lenin!).

    Die Szene ist eine Silvesterparty im Haus eines Ex-Generals und Oligarchen, Vater von Julie, der von Jean gerade zum Flughafen gebracht wurde. Während der rauschenden Party kommt Julie immer wieder in die Küche und flirtet mit dem Chauffeur, der es sich bei seiner Verlobten Kristin gemütlich gemacht hat und eine Flasche vom guten Wein des Hausherrn schmecken lässt. Jeans Interesse ist nach anfänglichem Zögern bald erwacht und nachdem Kristin müde von der Arbeit zu Bett geht, lässt er sich auf das Spiel der reichen Tochter ein. Mikhail Durnenkow neuer Text ist den Gegebenheiten angepasst heutig, folgt aber im Wesentlichen Strindbergs Drama. Sie erzählt ihm von ihrer unterdrückten Mutter, die sie früh zur Selbständigkeit erzogen hat, was nie von ihrem Vater akzeptiert wurde. Verwirrt wirkt Julie deswegen nicht, eher gelangweilt und vergnügungssüchtig, ganz Geschöpf ihres Standes. Jean dagegen ist zunächst bodenständig aber stets auf seinen Vorteil bedacht. Er schwärmt Julie vor, sie immer beobachtet zu haben und erzählt ihr seine Lebensgeschichte inklusive eines Kaukasuskriegstraumas. Hier kommt es zur kurzzeitigen Annäherung, die in einer gemeinsamen Nacht gipfelt, während die dekadente Partygesellschaft die Designerküche verwüstet. Ein vorweggenommener Clash, der sich zwischen dem ungleichen Paar am nächsten Morgen wiederholen wird. Im Partymüll der vergangen Nacht kommt es nach dem Hochgefühl schnell zur existenziellen Katerstimmung.

    Zunächst entwickelt sich noch ein offener spannungsgeladener Schlagabtausch zwischen den beiden, bei dem mal Julie und mal Jean die Oberhand behaupten können. Einer versuchte den anderen zu benutzen und zu besitzen. Dabei ist es mehr in Kampf der Klassengegensätze, als einer der Geschlechter. Das Glamourgirl Julie kokettiert mit dem Gedanken an der Seite Jeans der Langeweile und Enge ihres Lebens zu entkommen und der eher bodenständige Jean sieht seine Chance des sozialen Aufstiegs. Allein seine Idee vom gemeinsamen Hotel weckt bei Julie nicht das erhoffte Interesse. Letztendlich kommt es zu gegenseitigen verbalen und körperlichen Demütigungen, erst die Rückkehr des Oligarchen lässt beide, aus Furcht vor den Konsequenzen, in ihre angestammte Position zurückfallen. Ob zur Vertuschung des Fehltritts die Pistole, die sich Julie an die Schläfe hält, zum Einsatz kommt, bleibt offen. Zumindest wird ein Weiterleben wie bisher für beide kaum noch möglich sein, zu nahe sind sie sich in ihren Gegensätzen gekommen. Das ist sicherlich unglaublich dicht von Ostermeier inszeniert und von den hochkarätigen Darstellern exzellent gespielt, allein die gesellschaftliche Brisanz wirkt hier aufgesetzt und konstruiert. Der gesellschaftliche Riss in Russland geht längst tiefer und die aktuelle politische Entwicklung scheint am Inszenierungsteam, trotz Ostermeiers Reflektionen im Freitag über die Verstrickung von Macht und bedrohter Kunst, spurlos vorbeigezogen zu sein.

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    Wenn für viele nach 2 Stunden bereits Schluss ist, geht es beim polnischen Ausnahmeregisseur Krzysztof Warlikowski erst richtig los. Sein letzter Vierstundenabend war 2010 beim Polski-Express des Berliner HAU in den Hallen der Station Kreuzberg am Gleisdreieck zu sehen. In „(A)pollonia“ verschnitt Warlikowski griechische Tragödienfiguren wie Iphigenie, Klytaimnestra, Agamemnon, Orest, Alkestis, Admetos und Herakles mit der polnisch-jüdischen Geschichte, Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ und J.M. Coetzees „Elisabeth Costello“. Es ging um die Opferbereitschaft des Menschen in Extremsituationen. Beim F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne Berlin war nun seine über Fünf Stunden währende Inszenierung „Afrikanische Erzählungen“ nach Shakespeare als Gastspiel des Neuen Theaters aus Warschau zu sehen. Hierfür hat sich Warlikowski Shakespeares große Außenseiterfiguren Othello (den Schwarzen), Shylock (den Juden) und Lear (den Sterbenden) ausgewählt und in seiner bewährter Cut-up-Manier wieder mit Texten des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee ergänzt. Alle drei Figuren werden von dem bekannten polnischen Schauspieler Adam Ferency dargestellt. Beginnend mit der Szene von König Lears Übergabe seiner Macht an die Töchter  Goneryl (Ewa Dałkowska) und Regan (Stanisława Celińska) und der Verstoßung Cordelias (Maja Ostaszewska) geht es bei Warlikowski nahtlos mit dem „Kaufmann von Venedig“ weiter, an den sich nach der ersten Pause die Tragödie des Othello anschließt.

    Shylock ist hier ein Fleischer, der dem Kaufmann Antonio (Jacek Poniedziałek) für das geborgte Geld ein Pfund Fleisch aus dessen Leib schneiden will. Salerio und Solanio (Wojciech Kalarus und Piotr Polak) mit Schweinsmasken verspotten den Juden und kopulieren auf dessen Metzgertisch. Das Ganze wird noch mit Videoanimationen von Mäuseköpfigen Juden ausgemalt und nimmt damit direkt Bezug auf den Holocaust-Comic „Maus. A Survivor’s Tale“ von Art Spiegelman, der in Polen zu heftigen Protesten geführt hatte. Ausgiebig behandelt Warlikowski die Kästchen der Portia (hier drei Laptops) und den Prozess um das Pfand des Shylock. Portia (Małgorzata Hajewska-Krzysztofik) als Advokat verkleidet, würgt schließlich ein Stück rohes Fleisch herunter und erbricht es wieder. Eine ähnliche Konstellation entwirft Warlikowski im „Othello“. Jago (Marek Kalita), als Masseur, umschmeichelt erst den schwarzen General und hetzt ihn schließlich mit seiner Intrige gegen Cassio (Piotr Polak) auf. Othello wird dann beim Empfang des venezianischen Gesandten mit rassistischen Witzen konfrontiert und seine Frau Desdemona (Magdalena Popławska) sexuell gedemütigt. Hier ist das sich Schwärzen des Othello-Darstellers ein Sinnbild für die Annahme der von den Weißen zugeschriebenen Rolle, in der Othello schließlich selbst weiße Verhaltensweisen adaptiert. Warlikowski provoziert bewusst mit diesen Ausbrüchen und schockierenden Bildern, die ihre Wirkung gerade auch in Polen und Deutschland nicht verfehlen dürften.

    Alle drei Shakespearetragödien beinhalten aber auch komplizierte Vater-Tochter-Beziehungen. Von der scheinbar emanzipierten Portia, die trotzdem sie nach dem Willen des toten Vaters handelt, Bassanio (Piotr Polak) nicht bekommen kann, da dieser hier in Antonio verliebt ist, über Desdemona, die ihre Liebe zum Vater für den unakzeptierten Fremden aufgibt, kommt Warlikowski schließlich wieder auf den Lear-Cordelia-Plot zurück. Am Bett des an Kehlkopfkrebs erkrankten Vaters sitzt die verstoßene Tochter (Maja Ostaszewska), die ihn nun pflegen muss, und philosophiert über Parallelen von dessen offener Operationswunde am Hals zum weiblichen Geschlechtsorgan. Warlikowski verschneidet den Lear mit J. M. Coetzees Roman „Im Herzen des Landes“. Hier wird die Geschichte einer einsamen ungeliebten Tochter eines Farmers erzählt, der diese nur als Haushälterin wahrnimmt. Sie leidet zusätzlich unter der Affäre des Vaters mit einem schwarzen Dienstmädchen und träumt ihn mit der Axt zu erschlagen. In einer Art Wahntraum erschießt sie ihn dann sogar. Die blutigen Einzelheiten erspart uns Warlikowski. Jedoch in eindrücklichen Szenen, wenn beide beim Essen sitzen und sich nichts zu sagen haben oder Magda sehnsuchtsvolle Musik abspielt, kommt die Verzweiflung und Frustration der jungen Frau zum Ausdruck.

    Weshalb Warlikowski auch noch J. M. Coetzees jüngsten Roman „Sommer des Lebens“ mit einbezieht, erschließt sich allerdings nicht sofort. Hier geht es in einer Art fiktiven Autobiografie um den Schriftsteller John Coetzee. Nach dessen Tod führt ein junger Journalist Interviews mit einigen Frauen aus Coetzees Leben. Er wird hier als unbedeutender kleiner Mann mit wenig sexueller Ausstrahlung geschildert, der sich auch noch mit uninteressanter „Kafferarbeit“ beschäftigt, wie dem Betonieren des Grundstücks seines alten Vaters, bei dem er wohnt. Julia (Ewa Dałkowska), eine der Frauen, schildert ihre Affäre mit dem Schriftsteller und verrät dem Interviewer (Wojciech Kalarus), dass er damals sexuell nicht das gleiche Format wie sie hatte und sie sich dann schließlich einem Schwarzen zugewandt habe. J. M. Coetzee schildert das durch Rassismus und latenten Sexismus geprägte Leben in Südafrika und schaut auf sich und die Zeit der 70er Jahre nicht ganz ohne Selbstironie zurück. Hier ist es aber mit Sicherheit auch das Vater-Sohn-Verhältnis, was Warlikowski interessiert haben dürfte, wie alles letztendlich, indem immer wieder Krankenbetten auf die Bühne geschoben werden, auf den Tod deutet. Warlikowski gestaltet wieder mal einen ausufernd überfordernden Abend, der aber durch seine Bildgewaltigkeit und ein herausragendes Schauspielensemble überzeugt, dass zum Schluss noch einmal zu einem auflockernden Salsakurs Aufstellung nimmt. Y uno y dos y tres y cuatro … Muy bien.

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