Vom Paulus zur Saulust – Shakespeares „Maß für Maß“ gut abgehangen an der Schaubühne Berlin

Eine Inszenierung von Thomas Ostermeier in Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen. In den Hauptrollen Burgschauspieler Gert Voss und der Schaubühnenstar Lars Eidinger.

„Maß für Maß gilt für viele als das philosophischste aller Shakespearischen Werke, es ist zweifellos sein fortschrittlichstes. Er verlangt von den Hochgestellten, daß sie nicht nach anderem Maße messen, als sie selbst gemessen sein wollen. Und es zeigt sich, dass sie nicht von ihren Untertanen eine moralische Haltung verlangen dürfen, die sie selber nicht einnehmen.“ Bertolt Brecht

Brecht hatte zu Beginn der 30er Jahre in Folge der Weltwirtschaftskrise und des politischen Versagens der Weimarer Republik angefangen, Shakespeares Stück „Maß für Maߓ für eine Aufführung an der Berliner Volksbühne zu bearbeiten. Er gab dieses Vorhaben schnell wieder auf, da er von der Geschichte bereits eingeholt wurde und schließlich sogar noch überholt werden sollte. Er nannte sein neues Stück schließlich „Die Spitzköpfe und die Rundköpfe oder Reich zu reich gesellt sich gern“. Brechts Stellvertreter Iberin, der für kurze Zeit vom Herzog Yahoos die Macht übertragen bekommt, benutzt bereits die Rassentheorien der Nazis, um für die Herrschenden eine neue Ordnung zu errichten, dass jene die Macht aber nicht mehr abgeben würden, ahnte Brecht da noch nicht.
Man kann Shakespeares Drama „Maß für Maߓ durchaus auch als eine politische Parabel auf die Moral heutiger Politiker lesen. 2001 hat das Claus Peymann, in seiner Inszenierung am Berliner Ensemble mit Hans-Michael Rehberg als Herzog von Wien und Michael Maertens als dessen Statthalter Angelo, getan. In der Rolle der Nonne Isabella war Sylvie Rohrer von der Wiener Burg zu sehen und den falschen Intriganten Lucio gab schließlich Ulrich Matthes. Die unmoralischen Politiker wurden auch gleich im Publikum ausgemacht und Shakespeares sogenanntes Problemstück geriet zur spaßigen Politposse, so dass dabei auch die von Brecht konstatierte Philosophie auf der Strecke bleiben musste.
Thomas Ostermeier denkt in seiner Inszenierung für die Berliner Schaubühne weder vordergründig philosophisch noch politisch. Er hat sich mit Gert Voss als Herzog Vincentio ebenfalls einen Star aus Wien geholt und ihm den ungewohnt puritanisch von Kopf bis Fuß eingekleideten Schaubühnenstar Lars Eidinger als Stellvertreter Angelo an die Seite gestellt.

scahubuhne_eidinger-1.JPG Foto: St.B.
Als Hamlet hat er schon tief im Dreck gewühlt, nun mistet er den Saustall an der Schaubühne aus. Lars Eidinger spielt den Angelo in „Maß für Maß“. (Plakat der Schaubühne am Lehniner Platz)

Dieser gibt dann auch von Beginn an den Puritaner, wie er im Buche steht. Nachdem Herzog Vincentio seinen Vertreter in die Macht eingewiesen hat und mit viel Wind und Hubschraubergeräusch abgereist ist, greift Angelo sofort zum Wasserschlauch und beginnt im amoralischen Saustall Wien großreine zu machen. Der geschlossene Bühnekasten ist dazu von Jan Pappelbaum goldfarben gekachelt, damit der symbolische Dreck der an den Fliesen haftet auch wirklich runter gespült werden kann. Über der Lasterhöhle Wien schwankt ein großer Lüster, der erst am Boden liegend, dann mit einer echten Schweinehälfte behängt, nach oben gezogen wird. Genauso nackt, nur mit Unterhose bekleidet, liegt der arme Claudio (Bernardo Arias Porras) in der Ecke und weiß nicht, wie ihm geschieht. Franz Hartwig als Aufseher im korrekten Anzug schneidet das Übel aus dem sündigen Fleisch der Sau und Angelo spült es mit viel Wasser hinweg. Die Fleischeslust steht am Pranger, der sittenstrenge Angelo hat Claudio ohne mit der Wimper zu zucken, für sein Vergehen, ein uneheliches Kind gezeugt zu haben, zum Tode verurteilen.
Ostermeier spult ganz routiniert nach und nach Shakespeares Story des Angelo ab, der von der Macht und der eigenen unterdrückten Sexualität übermannt, zum Lüstling und blutig berechnenden Erpresser wird. Er streicht geschickt die Hälfte des lasterhaften Wiens heraus und legt dem Rest die Neuübersetzung von Marius von Mayenburg in den Mund. Die ist mal sehr nah am alten Text und dann wieder, vor allem in der Person von Stefan Sterns Lucio, schwatzhaft und platt obszön. Stern gibt hier den Lotterbuben und vorlauten Strizzi mit Sonnenbrille, was ihn schließlich mit dem inkognito als Beichtbruder zurückgekehrten Vincentio in Konflikt bringen wird. Den Intriganten hatte er als Jago in Ostermeiers Othello schon mal besser drauf. Raum nimmt hier aber vor allem die Begegnung zwischen Angelo und Isabella (Jenny König) ein. Als reinweiße Unschuld in Person tritt ihm nun die angehende Nonne und Schwester des Verurteilten gegenüber und bittet um dessen Leben. Den so, von ihrem Anblick, aus der Tugend-Bahn geworfene Angelo, lässt das nicht lange kalt. Eidinger spielt diese Wandlung aber fast ohne Regung, alles scheint erst an ihm abzuperlen, bis es ihn innerlich fast zerreißt. Je mehr Isabella verzweifelt auf den Knien ihre Tugend verteidigt, um so überzeugter wird Angelo von seiner Tat, eine Nacht für das Leben ihres Bruders zu fordern. Allerdings macht Ostermeier nichts aus dem Zwiespalt zwischen Tugend und Mitleid für den Bruder bei Isabella einerseits und Moral und Lüsternheit bei Angelo andererseits. Der verhinderte Moralapostel zerrt die Tugendfeste schließlich unvermittelt auf die Schweinehälfte.
Gert Voss als verkleideter Mönch begibt sich ins muntere Intrigenspiel und hat sichtlich Spaß daran. Dem armen Sünder Claudio erklärt er im Kerker die Vergänglichkeit des Lebens und bezeichnet ihn als Narren, der vergeblich dem Tod zu entgehen versucht und ihm dadurch doch geradewegs entgegen rennt. Die Schweinehälfte dient ihm hier als anschauliches Vanitassymbol. Shakespeares leicht ironische Lebenskunde wird bei Voss zum bedeutungsschwangeren Vortrag am halben Schwein. Das war es dann aber auch schon mit der schönen Philosophie, ansonsten gibt es noch nette Renaissance-Musik mit Trompete und Gitarre, die bezaubernde Carolina Riano Gómez singt anrührend dazu. Gert Voss gibt weiter den Gönnerhaften und spielt den Rest des Ensembles auch  noch mit verstellter Stimme locker an die Wand. Ansonsten ist das ein schauspielerisch merkwürdig zurückgenommener Abend, in dem immer mehr die Bilder und Einfälle des Thomas Ostermeier die Regie übernehmen. Dazu gehören noch das Absägen des Schweinekopfes, als Attrappe für den unerbittlichen Angelo und die Idee, seine einst wegen verlorener Mitgift verschmähte Verlobte Mariana auch noch vom spindeldürren Bernardo Arias Porras zu verkörpern. Dazu trägt er eine Maske und bewegt sich im blauen Kleidchen spinnenartig über die Bühne. Ganz magisches Orakelwesen, das sich wie das personifizierte schlechte Gewissen an Angelo hängt.
Nach gut zwei Stunden löst dann der zurückgekehrte Herzog mit großer Geste das Durcheinander nach und nach auf, die alte Macht ist wieder hergestellt. Köpfe wackeln bedenklich und es wird verheiratet, was sonst wohl nicht zusammen gefunden hätte. Die Essenz bei Ostermeier ist, dass man zwischen Macht und eigenem moralischem Anspruch immer ein fehlender Mensch ist und bleibt. Mensch Eidinger hängt sich dazu auch mal kopfüber in den Kronleuchter, nun selbst ganz Fleisch gewordener Sünder und bietet sein Leben auf den Knien an. Tue Buße und es wird dir vergeben werden. Diese Botschaft ist nicht ganz ironiefrei, aber in ihrer Unverbindlichkeit symptomatsich für den ganzen Abend. Shakespeares Parabel über moralisch schwache Politiker und deren Unfähigkeit zu regieren, reduziert sich hier auf die persönliche Schuld eines einzelnen Gestürzten und erinnert so durchaus auch an den Fall Strauss-Kahn, nur dass der im Zeitalter der Medien keinen Herzog mehr zur Vergebung braucht und sich per öffentlichem Fernsehauftritt reinwaschen kann. Nach einem furiosen Hamlet und einem eher wässrigen Othello, reicht es Ostermeier diesmal aus, mit ein klein wenig Ironie und gediegener Schauspielkunst, sich seines dritten Shakespeares in Folge zu entledigen. Der eigentlich im Zuschauerraum sitzende, heutige Souverän, muss sich hier nicht all zu sehr geistig überanstrengen. Er hat ja gerade erst in Berlin seinen Stellvertreter auf Zeit gewählt und nun wieder 5 Jahre Ruhe. Mal sehen, ob wenigstens dabei etwas Zählbares herauskommen wird.

Paragraph 1

Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.
– Aber wo geht sie hin?
Ja, wo geht sie wohl hin
Irgendwo geht sie doch hin!
Der Polizist geht aus dem Haus.
– Aber wo geht er hin?
usw.
Bertold Brecht

Ein Nachtrag siehe hier.

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