Cesária Évora (27. August 1941 – 17. Dezember 2011)
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Die „barfüßige Diva“ ist tot. (Tagesspiegel, 17.12.2011)
Cesária Évora (27. August 1941 – 17. Dezember 2011)
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Die „barfüßige Diva“ ist tot. (Tagesspiegel, 17.12.2011)
Der Kirschgarten von Anton Tschechow scheint mal wieder das Stück der Stunde zu sein. Die dekadenten Besitzer einer Schrottimmobilie, mit nur noch rein ideellem Wert, stellen sich als dem realen Markt nicht mehr gewachsen heraus und verlieren ihren hoch verschuldeten Grund und Boden samt enzyklopädischem Kirschgarten an einen neureichen Emporkömmling, dessen Eltern sie früher nicht einmal in die Küche vorgelassen hatten. Tschechow sezierte ziemlich genau einen Querschnitt durch die russischen Landbevölkerung um die Jahrhundertwende und beschrieb den Niedergang des alten Landadels und die Geburt der neuen Schicht des aufstrebenden Kleinbürgertums. Heute geht es der Mittelschicht immer mehr an den Kragen, der monetäre Hintergrund ist dabei größtenteils gleichgeblieben. Und auch am Leben auf Pump hat sich seither nicht viel geändert.
In Berlin gab es in diesem Jahr für Tschechowliebhaber bereits mehrmals die Gelegenheit den Kirschgarten mit mehr oder minder Geschick auf dem Theater abgeholzt zu bekommen. Bereits beim Theatertreffen im Mai lieferte Karin Henkel in einer Kölner Inszenierung eine recht lahme Zirkusvorstellung ab. Dauermüde Clowns in einer Manege der Langeweile. Nur Lina Beckmann als Warja sorgte noch für etwas Stimmung, was sie dem Fernsehkommissar auf Theaterurlaub Charli Hübner als Neukapitalist Lopachin aber stückbedingt auch nicht näher brachte. Keine neuen Erkenntnisse konnten vermittelt werden, für die Lebensweisheiten des Dieners Firs kein Platz mehr, die Schlussszene gestrichen. Mit abgespecktem Personal und gerade mal zwei Stunden Spieldauer, war das im wahrsten Sinne des Wortes zum Vergessen.

Tschechow am BE. Foto: St. B.
Jan Bosse am Gorki und Andreas Kriegenburg am DT versuchen sich auf recht unterschiedliche Weise am großen historischen Ritterschauspiel
Ich sagte, daß, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe führe, er mich doch nimmermehr glauben machen würde, daß in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.
Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen.
Heinrich von Kleist aus Über das Marionettentheater (1810)
Tanzen ist Träumen mit den Füßen ![]()
Foto: Clara Diercks / pixelio.de
Kleists Essay Über das Marionettentheater ist Ausdruck seines ästhetischen Empfindens der darstellenden Kunst wie auch seiner Skepsis über das zeitgenössische Theater seiner Zeit. Es zeigt Kleists Zerrissenheit der Seele, genauso wie seine Zweifel an der realen Welt, in welcher der aus dem Paradies vertriebene Mensch durch seine Gravitation an den Boden gefesselt bleiben muss. Was Wunder also, dass sich zwei Regisseure in Berlin nun u.a. mit Hilfe von Puppen einem als unspielbar geltenden Werk Kleists nähern, dem so wundersam hirnspinnstigen, großen historischen Ritterschauspiel Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe. Goethe, wird kolportiert, hatte das ihm überlassene Manuskript nach der Lektüre mit den Worten: Ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn! Die verfluchte Unnatur! in das lodernde Feuer des Ofen geworfen. Er weigerte sich das Stück aufzuführen, … wenn es auch ganz Weimar verlangt.
Was für eine Ironie, ist doch das Feuer neben dem Wasser ein entscheidendes Element in Kleists Dichtung über die geradezu unterwürfige Liebe des einfachen Mädchens Katharina Friedeborn zum Ritter Friedrich Graf Wetter vom Strahl. Erst muss es buchstäblich durchs Feuer gehen und dann auch noch einen reißenden Fluss überqueren. Dabei steht ihr ein echter Schutzengel zur Seite, ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.“ Soviel Pathos kennt man nur noch aus der Oper, wie z.B. aus Mozarts Zauberflöte oder den Werken Richard Wagners, der auch in Tränen ausbrach, beim Lesen von Kleists Drama. Man glaubte damals, eine Parodie auf die romantischen Ritterschauspiele der Zeit vor sich zu haben, musste aber feststellen, dass es Kleist, den lang ersehnten Erfolg vor Augen, durchaus ernst damit wahr. Ihm gelang hier ein Anschlag auf die aufgeklärte Welt seiner Zeit, mit Hilfe der romantischen Schilderung eines Traums von der bedingungslosen Liebe.
Kleists Kantkrise und die Tragikkomödie des Aphitryon
Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801
Die meisten Werke Heinrich von Kleists entstanden infolge der Verarbeitung seiner sogenannten Kantkrise. Kleist war nach dem Studium von Kants Kritik der Urteilskraft in eine existentielle Krise gestürzt, die einerseits dadurch begründet war, dass nach Kant der Verstand, den Kleist so hoch schätzte, nicht in der Lage sei, die Wahrheit und somit die Welt zu erkennen und anderseits darin, dass alles Streben nach, Liebe, Ruhm, Glück usw. sinnlos wird, …wo alles unweigerlich mit dem Tode endigt! Kleists Fazit: Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr. Dass er dennoch in den 10 ihm noch verbleibenden Jahren 8 Dramen, 8 Erzählungen sowie zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und theoretische Schriften verfasst hat, zeugt immerhin von einer unglaublichen Willens- und Schaffenskraft. Kleist konnte sich immer wieder entsprechend disziplinieren, wenn auch seine eigentlichen Lebensziele und Unternehmungen fast ausnahmslos scheiterten.
Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme, zugrunde geht, wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter den Füßen entzieht.“
Heinrich von Kleist an seine Schwägerin Marie von Kleist vom 17. Sept. 1811.
alter Kleist-Grabstein
Nach der schon besprochenen Tragödie Die Familie Schroffenstein ist der Amphitryon wohl das Stück, welches die Identitätskrise Kleists und seine Zweifel an der Erkennbarkeit der Wahrheit am besten ausdrückt. Das Lustspiel des französischen Komödiendichters Molière über den Gott Jupiter, der mit der Alkmene in Gestalt ihres Gemahls Amphitryon eine Liebesnacht verbringt und die Protagonisten damit in eine existentielle Glaubenskrise stürzt, hatte Kleist in der französischen Gefangenschaft zu seiner Version einer Tragikomödie inspiriert. Das Stück bekam einige gute Rezensionen, nur Goethe hatte wie immer etwas daran auszusetzen und wollte lieber Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug in Weimar aufführen. Goethe bekam das Manuskript von Kleists Verleger Adam Müller zugesandt, der in dessen Abwesenheit für das Stück trommelte, und analysierte das Lustspiel genau. Er schrieb am 14.07.1807 an F. W. Riemer: Das Ende aber ist klatrig. Der wahre Amphitryon muß es sich gefallen lassen, dass Zeus diese Ehre angetan hat. Sonst ist die Situation der Alkmene peinlich und die des Amphitryon zuletzt grausam. Und an Adam Müller: … es ist allenfalls nur ein wunderlich Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Für Goethe war das Stück, jenes merkwürdige poetische Produkt, nur als Einwickelpapier für Geld gut, dass er dem Verleger Frommann nach Jena schickte. Dort wurde das Exemplar aber, neben anderen Werken Kleists, zur Abendunterhaltung von Frommann selbst vorgetragen.
Je näher uns jemand steht, umso schwieriger scheint es zu sein, Abschließendes über ihn zu sagen Christa Wolf (aus Kindheitsmuster, Suhrkamp Verlag, 1976)

Christa Wolf (* 18. März 1929 in Landsberg; 1. Dezember 2011 in Berlin) Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0313-302 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA
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Mein siebenundzwanzigster September
Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht und vergeht ein winziges Stück meines Lebens.
Christa Wolf, Ein Tag im Jahr – 1960-2000, Luchterhand Literaturverlag, 2003
Der schönste 27. September
Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen
und mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.
Thomas Brasch Der schönste 27. September, Suhrkamp Verlag, 1983
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Wenn die Menschen gewisse Exemplare ihrer eignen Gattung aus Bosheit oder aus Unverstand, aus Gleichgültigkeit oder aus Angst vernichten müssen, dann fällt uns, bestimmt, vernichtetet zu werden, eine unglaubliche Freiheit zu. Die Freiheit, die Menschen zu lieben und uns selbst zu hassen.
Begreifen, daß wir ein Entwurf sind vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden. Das zu belachen ist menschenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.
(…)
Fern hören sie Stimmen. Sie rufen nach Kleist. Die Kutsche nach Mainz soll abfahren. Die Günderode bedeutet ihm, sich zu entfernen. Sie verabschieden sich durch eine Handbewegung.
Jetzt wird es dunkel. Auf dem Fluß der letzte Schein.
Einfach weitergehn, denken sie.
Wir wissen, was kommt.
aus Kein Ort. Nirgends“, Aufbau-Verlag, 1979
Liebe
O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.
Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.
Karoline von Günderrode (178o-1806)
Einstens lebt ich süßes Leben – Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Herausgegeben von Christa Wolf, Insel Verlag, 2006
Foto: St. B.
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Es war ja klar: Allen, die überlebten, würden die neuen Herren ihr Gesetz diktieren. Die Erde war nicht groß genug, ihnen zu entgehn. Du, Aineias, hattest keine Wahl: Ein paar hundert Leute musstest du dem Tod entreißen. Du warst ihr Anführer. Bald, sehr bald, wirst du ein Held sein müssen.
Ja! hast du gerufen. Und? An deinen Augen sah ich, du hattest mich begriffen. Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben.
aus Kassandra, Luchterhand Literaturverlag, 1983
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Eines Tages, dachte ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh. Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen Tisch, unter diese Lampe, das Papier zurechtrücken, den Stift nehmen und anfangen. Was bleibt. Was meiner Stadt zugrund liegt und woran sie zugrunde geht. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.
Juni-Juli 1979/November 1989
aus Was bleibt“ Luchterhand Literarturverlag, 1990
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Antwortversuche
Ich habe sie noch nicht als DIE ANDEREN gesehen
Ich traute meinen eigenen Gefühlen nicht
Ich glaubte ihnen Auskunft schuldig zu sein
Beklommen glaubte ich DER SACHE so zu nützen
Ich wusste mir nicht zu helfen
Ich hatte Angst
*
Drei Tage sind vorbei im Traum heut nacht
Rasender Fall durch Schichten
Von immer dichterer Konsistenz
Luft Wasser Morast Schutt Geröll
Steckenzubleiben droht ich zu ersticken
Dann plötzlich unter mir Gestein
Und diese Stimme
Du stehst auf festem Grund
Weinen im Traum ist erlaubt
Santa Monica 26.3.1993
aus Auf dem Weg nach Tabou – Texte 1990-1994, Kiepenheuer & Witsch, 1994
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Wir sprechen einen Namen aus und treten, da die Wände durchlässig sind, in ihre Zeit ein, erwünschte Bewegung, ohne zu zögern erwidert sie aus der Zeittiefe heraus unseren Blick. Kindsmörderin? Zum ersten mal dieser Zweifel. Ein spöttisches Achselzucken, ein Wegwenden, sie braucht unsere Zweifel nicht mehr…
…Ich, Medea, verfluche euch.
Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.
aus Medea Stimmen, Luchterhand Literaturverlag, 1996
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Foto: St. B.
Das Bild, das ich in dieser Minute aus meinem Dachfenster sehe, möchte ich in der Minute meines Todes sehn: Der Himmel, der die Landschaft beherrscht, blau grundiert. Kumuluswolken. Wolkenstreifen darüber, in einer anderen Höhenschicht. Der tiefe Horizont, unterbrochen von Baumwipfeln Die unendlich vielen Nuancen von Grün Beherrschend ist aber der Kirschbaum mitten auf der Wiese, ich kenne keinen wie ihn. Er blüht über und über trotz der bitteren Kälte der letzten Wochen. Unbeschreiblich das sanfte, heitere Licht.
aus Nuancen von Grün – Ausgewählte Texte zu Landschaft und Natur, Aufbau Verlag 2002 (ursprünglich in Voraussetzungen einer Erzählung – Arbeitstagebuch zum Kassandra-Projekt (1981), Werke 7, München, 2000
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Und die Farben. Ach, Angelina, die Farben! Und dieser Himmel.
Sie schien zufrieden, flog schweigend, hielt mich an ihrer Seite.
Wohin sind wir unterwegs?
Das weiß ich nicht.
Aus Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Suhrkamp Verlag, 2010
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Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art.“ aus Nachdenken über Christa T.“, Luchterhand Literaturverlag, 1978
Wir werden weiter darüber nachdenken. Danke, Christa W.
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,,Vorerst gescheitert“ – Der Zoon Politikon ist wieder aufgetaucht. Ein fast perfektes Doppel.
Ein gerechter, weiser, tapfrer, gottesfürchtger Mann
Und großer Zeichenkündger, da er den Frevlern sich,
Den frechen Prahlern, trotz des eigenen Sinns gesellt,
Er wird, so Zeus will, mit in den Tod hinabgestürzt.
Eteokles über den Seher Amphiaraos (Aischylos: Sieben gegen Theben)
Gel-War!
Wählbar?
,,Denn wenn eben jeder einzelne für sich nicht selber genügend ist, so verhält er sich zum Staat geradeso wie die Teile eines anderem Ganzen zu diesem letzteren; wenn er aber andererseits nicht an einer Gemeinschaft sich zu beteiligen vermag oder dessen durchaus nicht bedarf wegen seiner Selbstgenügsamkeit, so ist er freilich kein Teil des Staates, aber eben damit entweder ein Tier oder aber ein Gott.„ Aristoteles aus ,,Politik“

Zoon politicon oder Zoon syndyastikón?
Dass ich ein politischer Mensch, ein Zoon politikon, bleibe, steht außer Frage. KTzuG zu GdiL (DIE ZEIT, 24.11.2011 Nr. 48)
Wir stehen selbst erstaunt und sehn betroffen,
Den Vorhang auf und keine Fragen offen.
S. v. K. für die Kalauer Illustrierten Tagesblätter (KILT)
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Es gab viel zu sehen in den gut zwei Wochen des Kleistfestivals im Maxim Gorki Theater. Im Zentrum standen sicher die Inszenierungen von Hausherr und Initiator Armin Petras, der sich mit dem Kriegerischen und dem Preußentum in Kleists Werken auseinander setzte und Jan Bosse, der die Lustspiele Der zerbrochene Krug und Amphitryon zum Besten geben durfte und auch noch Kleists Ritterspiel Das Käthchen von Heilbronn zur Komödie machte. Das scheint Bosse zu liegen (dazu später mehr) und ist sicher auch der dankbarere Kleistpart. Nachdem Felicitas Brucker bereits im letzten Jahr die Penthesilea als schmerzhaftes Emanzipationsdrama mit mehr oder minder Erfolg aufgeführt hatte, blieb noch Kleists Erstling Die Familie Schroffenstein übrig. Dieser an Romeo und Julia erinnernden Scharteke – Kleist bezeichnete das Stück selber so – hat sich nun der Jungstar des Regieteams am Gorki, Antú Romero Nunes, angenommen.
Foto: St. B.
,,Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen. Ursula, eine Totengräberwitwe, in Die Familie Schroffenstein
Studio Braun zeigen ihr Actionmusical „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ am Deutschen Theater Berlin
Nicht nur der Truppe um Armin Petras im Maxim Gorki Theater ist aufgefallen, dass wir im Kleistjahr sind, auch andere Theatergruppen nehmen das Jubiläum zum Anlass, um sich mit dem streitbaren Autor auseinander zu setzen. Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger vom Hamburger Trio Studio Brau sind alle drei künstlerisch vielseitig begabt, machen Musik, schreiben Bücher sowie Theatertexte und sind berüchtigt für ihre Telefonstreiche auf verschiedenen Radiosendern. Bisher hatten sie ihre Heimstadt am Hamburger Schauspielhaus, für das sie sich in der Intendanten-Krise auch tatkräftig eingesetzt haben, Ex-Kultursenator Reinhard Stuth, kann ein Lied davon singen.
Im letzten Jahr haben Studio Braun am traditionsreichen Hamburger Theater schon einmal eine Revue aufgeführt und nannten das eine moderne Fantasie. Es ging um die Figur des Kremlfliegers Matthias Rust. In Rust – Ein deutscher Messias war der grandiose Schauspieler Fabian Hinrichs als naiv sensibler Flugschüler mit Sendungsbewusstsein zu sehen, der ,mangels Aufmerksamkeit, erst auf dem Roten Platz in Moskau landet, dann den Weltfrieden verkünden will und schließlich wieder in der medialen Versenkung verschwindet, aus der er sich nur mittels einiger aufsehenerregender Straftaten wieder zu befreien hoffte. Irgendwann gänzlich der Vergessenheit anheim gefallen, diente er nun Studio Braun zur lustigen Mythenbildung und wurde schließlich zum Sektenguru und Gründer des utopischen Friedensreichs Lagonia gekürt. Die drei Meister des abseitigen Humors peppten dieses moderne Märchen mit schrägem Witz, skurrilen Szenen und natürlich jeder Menge Musik auf.
Musik ist nun auch die treibende Kraft in ihrem neuen Streich Fahr zur Hölle, Ingo Sachs. Ein ganzes Orchester hat sich im Graben vor der Bühne verschanzt, wie zu Beginn der Veranstaltung Heinz Strunk verkündet. Auch wird genau erklärt worum es sich bei dieser Vorstellung handelt. Wir sehen zunächst ein Filmteam auf einer drehbaren Bühnenkulisse, das sich anscheinend an irgendeiner Hollywoodschmonzette versucht. Anita Vulesica ist die Schauspieldiva Bonnie und Felix Göser ist niemand anderes als der große Actionstar Charles Bronson. Wir befinden uns im Jahr 1982 am Set der Fortsetzung der amerikanischen Kultsaga Ein Mann sieht rot, indem ein unbescholtener Architekt, nachdem seine Frau ermordet und seine Tochter vergewaltigt wurde, mit einer Pistole bewaffnet den Moloch New York aufräumt und, zur Freude von Polizei und Justiz, die Zahl der frei herumlaufenden Kleinganovenschar stark dezimiert.
„Die armen lechzenden Herzen! Schönes und Großes möchten sie tun, aber niemand bedarf ihrer, alles geschieht jetzt ohne ihr Zutun.“ Heinrich von Kleist in einem Brief an Adolfine von Werdeck (Nov. 1801)
Die Spielpläne in deutschen Landen sind wieder voll mit den Werken Heinrich von Kleists und die Gilde der Theaterkritiker- und Literaturwissenschaftler überschlägt sich mit der Herausgabe von neuen Büchern zu Leben und Werk des 1777 in Frankfurt (Oder) geborenen und 1811 am kleinen Wannsee früh aus dem Leben geschiedenen Dramatikers, Verfassers von Prosawerken, zahlreichen Streit- und Lehrschriften, Briefeschreibers aus Leidenschaft sowie Herausgebers von journalistischen Blättern. Im Bühnenrankig der Autoren liegt Kleist hinter Shakespeare auf Platz zwei, noch vor Goethe und Schiller. Ob sich das verkannte Genie das jeh hätte träumen lassen? Nun liegt diese Häufung an Kleist-Aufführungen sicher vor allem am 200. Jubiläum dieses spektakulären Doppelselbstmords, den er zusammen mit seiner Geliebten Henriette Vogel begangen hatte – es ranken sich nach wie vor einige Verschwörungstheorien um dieses Geschehen – aber auch daran, dass uns dieser Dichter, von für seine Zeit ungewöhnlichen und immer noch streitbaren Werken, einfach nicht in Ruhe lassen will.
Heinrich von Kleist
als Projektion in der Ausstellung Kleist: Krise und Experiment im Ephraim-Palais Berlin
„Für mich gibt es zwei Hauptkonflikte bei Kleist. Der eine ist der zwischen Individuum und Gesellschaft, der andere der zwischen Traum und Wirklichkeit.“ Armin Petras
Teil 2: Die Filme des Wettbewerbs
Novembrigkeit verbreiteten nicht nur die Beiträge der Nebenreihen beim 21. Filmfestival in Cottbus, vor allem die Mehrzahl der zehn im offiziellen Wettbewerb befindlichen Filme hatte sich inhaltlich und formell der Kunst der Melancholie verschrieben. Sigmund Freud beschrieb sie einst sehr treffend als …tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls…. Also ein Gefühl, dass beileibe nicht allein mit der Sehnsucht der gequälten Seele im Sinne der Romantik zu erklären ist, sondern seine ganz realen Ursachen in bestimmten Lebensumständen hat und sich konkret in den Reflexionen der Menschen darauf widerspiegelt. Wobei mit Mythen und Symbolik überladene Filme nicht unbedingt eine Seltenheit darstellen.
Foto: St. B.
Die Cottbuser Stadthalle, Ort der Wettbewerbspremieren.
So auch beim aktuellen Wettbewerb, der durchaus, wie schon erwähnt, eine konsequente Fortsetzung der vergangenen Jahre darstellt. Dabei lässt sich die Auswahl der Wettbewerbsfilme, bei näherer Betrachtung der letzten Jahrgänge, auf ungefähr diese einfache Formel bringen: Man nehme ein paar orientierungs- oder auch völlig antriebslose Figuren, erschüttere sie zusätzlich in ihren Grundfesten und lasse sie dann ungebremst mit der Realität kollidieren. Vor allem der Mensch in der Identitätskrise, die Schwierigkeiten bei der Bewältigung verschiedenster Alltagsprobleme und die Ohnmacht gegenüber Bürokratie und neuen Machtstrukturen beschäftigen die Filmemacher Osteuropas. Weiterhin sind die Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit und immer wieder der Krieg auf dem Balkan beliebte Themen. Vermehrt stehen auch Verfilmungen von Stoffen nach wahren Begebenheiten auf dem Programm. All das gab es nun in verschiedenster Machart und künstlerischer Qualität zu sehen. Allein, der echte Knaller fehlte auch diesmal, ein Aha-Erlebnis wollte sich partout nicht einstellen. Aber dazu nun im Einzelnen.