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  • Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum? Ein neuer Schimmelpfennig in Frankfurt/M – Eine kleine philosophische Betrachtung

    In den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt hatte kürzlich in der Regie von Christoph Mehler das Neue Stück vom Mülheimpreisträger 2010 Roland Schimmelpfennig Premiere. Es heißt „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum?“ Wie man so liest, treten dort eine Handvoll Bauarbeiter auf, schlagen ein Loch in die Wand, in dem einer von ihnen angeblich verschwindet und irgendwann pimmelschwingend aus dem Reich unter den verfaulenden Dielen wieder auftaucht und reden über Gott und die Welt, wie Bauarbeiter das eben so den ganzen Tag und die halbe Nacht machen. Ein richtig schönes Schimmelpfennig-Märchen also. Die Kritik ist außer sich und voll des Lobes. Die Billiglöhner aus dem Osten haben wieder Pfusch gebaut und die Cottbuser Muffe ist geplatzt. Nun sitzen die Handwerker um ihren Chef Rudi und philosophieren mit einem Kasten Augustiner-Bier um die Wette. Dabei fallen dann die magischen Worte aus der Regieanweisung Schimmelpfennigs: „Pause. Bier. Rauchen. Vielleicht Arbeit“, einer der wohl schönsten Theatersätze, die ich je gelesen habe, gehört leider noch nicht. Aber vielleicht geht Schimmelpfennig ja mit dem Stück auf Brandenburgtournee, obwohl er dabei wohl einen großen Bogen um Cottbus machen sollte und unbedingt anderes Bier einpacken muss. Diesen schönen hochphilosophischen Satz kann man eigentlich erst so richtig verstehen, wenn man wie ich schon einmal selbst im realsozialistischen Mörtel gerührt und sinnlose Löcher in Wände gehauen hat.
    Es ist ja nicht das erste Stück in dem Bauarbeiter bei Schimmelpfennig auftreten. Jürgen Gosch hat ja mal in einer Inszenierung von Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“ eine ganze Schubkarre Steine aus der Rangloge auf die frisch renovierte Bühne des Deutschen Theaters in Berlin schütten lassen, was sicher einigen Verantwortlichen kurz das Herz stocken ließ, mir aber irrsinnige Freude bereitete, da darin schon die Sinnlosigkeit allen aufklärerischen Strebens zum Ausdruck kommt. Da kippt ein Prolet dem Bildungsbürger in seinem frisch geputzten Tempel eine Karre Schutt auf die Bretter, die die Welt bedeuten und unter denen sich wohl jetzt auch noch ein ganzes „kannibalistisch-kolonialistischen Insekten-Reich“ (G.St./FAZ) befindet. Da lob ich mir doch die philosophischen Runden in unserem Bauwagen damals in der Baulücke Cottbuser Straße bei einem oder mehreren Cottbuser Hell, je nachdem ob die Steinen und/oder der Zement noch vor oder erst nach dem Mittag kamen. Meist kamen sie ja gar nicht, also viel Zeit zum Philosophieren. Und wir waren alle große Bierphilosophen, vom Brigadier (so hieß der Polier) bis zum Handlanger, der leider noch vor der Wende einer Leberzirrhose zum Opfer gefallen ist. Manche Philosophie erledigt sich sozusagen von selbst. Adorno hatte Recht, Aufklärung ist totalitär und Philosophie kills.
    Dabei ging es bei unseren hochprozentigen Weltbetrachtungen gar nicht so sehr um ein „Wenn, dann…“ oder ein Wie und Warum, sondern eher um ein Wann und Wo wird ein neuer Kasten Bier geholt bzw. Wer holt den und kommt heute noch Arbeit oder nicht. Da kann man schon mal in eine echte existentielle Schaffenskrise und Schieflage geraten. Aber immerhin haben wir die große Anarchie versucht, zumindest in der kleinen Welt unseres Bauwagens und trotzdem noch hin und wieder eine gerade Ecke gemauert. Und außerdem, Philosophieren auf der Baustelle ist doch heute im durchorganisierten Kapitalismus gar nicht mehr möglich, weder in Frankfurt am Main noch in Cottbus an der Spree, Arbeit hin oder her. Und darum braucht es solche Autoren wie Schimmelpfennig, die noch eine echte Utopie haben. Ob nun der Sozialismus an zu wenig Zement (was ich bezweifele, Betonköpfe gab es ja genug) oder daran gescheitert ist, dass wir zu viel Bier getrunken haben, habe ich leider vergessen, keine Ahnung. Ich weiß nur: Kapitalismus und ich „Wir passen nicht zusammen“. Delirium for ever! Jetzt gehe ich mir erst mal ein Augustiner aufmachen und denke etwas über die geplatzte „Cottbuser Muffe“ nach und vielleicht überschreibe ich danach noch einen Shakesbier.

    cottbuser_hell_1962.JPG

    An die Freunde (eines guten Tropfens)

    Sehn wir doch das Große aller Zeiten
    Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
    Sinnvoll still an uns vorübergehn.
    Alles wiederholt sich nur im Leben,
    Ewig jung ist nur die Phantasie;
    Was sich nie und nirgends hat begeben,
    Das allein veraltet nie!

    Friedrich Schiller

    Hier gehts zur Nachtkritik des Stückes

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    NACHTRAG:

    Nun ist es sogar amtlich. Die Genossen der DDR waren Schnapsweltmeister. Spiegel-online titelte am Sonntag: „Jungs, macht die Kehle frei!“, Morgenpost-online zog gestern nach. Der Ethnologe Thomas Kochan, ehemaliger Cottbuser, hat die Spezies des trinkenden Ossis für seine Doktorarbeit „Blauer Würger – Trinkgewohnheiten der DDR“ untersucht, die nicht etwa von der Spirituosen-Lobby, sondern von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gesponsert wurde. „Hipp Hopp, rin in Kopp“, aber welch eine Enttäuschung, kein Saufen für den Widerstand, nicht einmal für den Weltfrieden, ruhig gestellt wurde der gemeine DDR-Bürger. Alkohol gab es immer und in reichlichen Mengen steht da. Sehr beliebt war die „Wodka-Bockwurst-Diät“, eine todsichere Methode zum Abnehmen. Selbst 13-jährige Mädchen wurden von ihren Freunden mit gefälschter Vollmacht zum Schnapskaufen in den Konsum geschickt. Lieblingsgetränke der Kinder waren Eierlikör und Kiwi (Kirsch-Whisky). Auch bei uns zu Hause stand immer ein Rumtopf, angesetzt mit Grufu (Grubenfusel), einem Depotat-Schnaps für Werktätige in der Braunkohle. Was Kochan aber nicht herausgefunden hat, sogar bei der NVA, wo Alkohol eigentlich verboten war, gab es einen eindeutigen Beschaffungs-Code: Brauche dringend 14 50 für 0 7 zwecks 3 8. Was soviel bedeutete wie Goldbrand (kostete 14,50 Mark) im 07er Glasmantelgeschoss zwecks 3,8 pro Mille im Turm. Eine ganze Friedensstreitmacht auf Schlängelkurs zum Schutze des Sozialismus, wenn das die NATO gewußt hätte.
    Die DDR-Opposition habe sich übrigens laut Kochan „neben Meinungs- und Reisefreiheit auch gegen Umweltverschmutzung und Alkoholabhängigkeit engagiert“. Na ja, es sah ja auch wirklich nicht schön aus, wenn die ganzen Alkoholleichen im Urlaub am Balaton immer gleich neben ihren Trabis herumlagen. Anschauungsmaterial haben die Artikler von der Morgenpost freundlicher Weise gleich mit beigefügt. Das Trinkverhalten der Ossis war aber trotzdem nicht alkoholfixiert sondern zentriert, also ganz klar von oben organisiert. Welch große nachträgliche Ernüchterung und spirituelle Erleuchtung zugleich. Der angehende Dr. spirituosus Thomas Kochan hat nun auch seine gesammelten Erfahrungen genutzt und einen Schnapsladen im Prenzlauer Berg eröffnet, „Dr. Kochan Schnapskultur“ in der Nähe der Immanuelkirche, auch einst ein Hort der DDR-Opposition, welch ein Frevel. Aber kein Blauer Würger oder gar Pfeffi für den guten Atem sind dort etwa im Angebot. Nein, im Kapitalismus betrinkt man sich mit Niveau und geistig hochwertigen „europäischen Destilaten“ wie dem Kräuterbalsam der Dominikanerinnen des Klosters Heilig Kreuz. Na dann Gott zum Wohl, meine Oma hätte sich mit so etwas wahrscheinlich die Füße einbalsamiert. Da hole ich mir doch lieber einen Eckes-Edelkirsch vom Aldi um die Ecke. Prost.
    Nun ist der Ossi also wieder um ein weiteres Stück Vergangenheit ärmer, betrogen durch den Kontrollwahn der SED-Diktatur, die selbst die sicher geglaubte Flucht des frustrierten DDR-Bürgers in den Suff organisiert hatte. Herr Schimmelpfennig, empören Sie sich mit uns und schreiben Sie ein neues Stück. Geben Sie dem Ossi seine Würde zurück, aber bitte nicht mit Augustiner Hell.

    Nichttrinkerlied

    Das Schicksal hat es so gefügt,
    dass mir am Alkohol nichts liegt.

    Mich lockt nicht Bier, nicht Gin, nicht Wein –
    Na ja, ein Wein, der darf schon sein.

    Mich lockt nicht Korn, nicht Bier, nicht Gin –
    Ist da ein Gin? Dann immer rin!

    Mich lockt nicht Wein, nicht Korn, nicht Bier –
    Da kommt ein Bier? Das nehmen wir!

    Mich lockt nicht Gin, nicht Wein, nicht Korn –
    Her mit dem Korn! Und dann von vorn:

    Das Schicksal hat es so gefügt,
    dass mir am Alkohol nichts liegt etc.

    Robert Gernhardt

  • Drei Mal Leben und Sterben – ganz unterschiedliche Generationenkonflikte in drei Inszenierungen am DT und HAU Berlin

    Am 05.04.11 war im HAU 2 noch einmal das seit einem Jahr laufende und zum Theatertreffen 2011 eingeladene Stück „Testament“ der Performancegruppe „She She Pop“ zu sehen. Grund war die Verleihung des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost. Herzlichen Glückwunsch dem Team noch nachträglich zu dieser verdienten Ehrung. Anhand des Shakespeare-Dramas um den greisen „König Lear“ der seine Macht aufgibt, sein Reich an seine drei Töchter aufteilen will und an den ungeregelten Verhältnissen aller untereinander scheitert, verhandelt das Performerteam mit ihren Vätern den Generationenvertrag neu aus. Eine verspätete Vorbereitung zum Generationenwechsel nennt sich der Abend im Untertitel und weist damit schon darauf hin, dass man meist erst viel zu spät über das Altern der Elterngeneration und die damit auftretenden Probleme und Unannehmlichkeiten nachdenkt, auf die man nie so richtig vorbereitet scheint.
    Zuerst stellen die mitwirkenden Performer (zwei Töchter und ein Sohn) ihre Väter vor, nur eine Tochter wollte ihren Vater lieber nicht auf der Bühne sehen. Die Väter nehmen dann auf Sesseln Platz, ihre Gesichter werden groß auf umrahmte Leinwände an die Bühnerückwand geworfen. Es sind Herren zwischen 60 und 70 Jahren aus dem gutsituierten Bildungsbürgertum meist schon im Ruhestand, durchaus theaterbegeistert aber kritisch gegenüber dem Performancegedanken der Töchter. In nachgespielten Probenausschnitten wird der Kampf um die Deutungshoheit dieses Theaterexperiments verdeutlicht. Streit bleibt nicht aus und die Väter drohen schon mal damit das Ganze platzen zu lassen. Das Ergebnis ist dennoch interessant anzusehen. An einem Flipchart werden erst mal verschieden Themen aufgeschrieben, die verhandelt werden sollen.
    Der Text des Shakespearestücks läuft auf einer Leinwand mit und wird in Auszügen zu jedem Akt gelesen. So bleibt das Stück als Hintergrund und Aufhänger erhalten und wird mit heutigen Entsprechungen neu interpretiert. Zum Beispiel die Aufteilung des Reichs mit dem Anspruch der Kinder auf die Hinterlassenschaft der Väter. Was möchte man erben, auf was hat man ein Recht. Beispiele werden von den Töchtern aufgeführt. Ein Diagramm zeigt das Verhältnis von Liebe der Nachkommen proportional zur Abgabe des Vermögen der Eltern. Ist es besser alles sofort abzugeben oder sich die Liebe mit einer rationierten Werteabgabe dauerhaft zu sichern. Das ist natürlich ironisch gemeint, ernster wird es schon wenn noch Enkel ins Spiel kommen, sich die alleinstehenden Töchter dadurch benachteiligt fühlen und die Enkelstunden in einen monetären Ausgleich umrechnen. Das nächste Problem tritt zwangsläufig auf, wenn die Väter mit ihrem Tross „Ritter“ zu den Töchtern ziehen und diese nicht darauf vorbereite oder eingerichtet sind. Dies wird anhand der Bücher eines der Väter bildlich am Flipchart verdeutlicht. Aber es geht natürlich auch um lieb gewordenen Eigenheiten, die die Töchter natürlich ganz anders sehen und schließlich ist man bei der Würde der Väter angelangt, die sich darüber definiert im Alter noch gebraucht zu werden und auch vehement einfordert wird. Es geht darum gemeinsam Zeit zu verbringen, dem anderen aber trotzdem genügend Platz für sich zu lassen.
    Ein Generationenkonflikt wäre aber kein Konflikt, wenn es nicht auch um verschiedene Interessen und Ansichten ginge, hier im speziellen die der politisch aktiven 68er-Generation zur heutigen, die das ewige Gerede von früher nur nervt. Es werden einige Vorurteile und Klischees ausgetauscht. Letztendlich gipfelt das dann im besagten Generationenwechsel, zu dem die Sturmszene im Lear genutzt wird. In einem gemeinsamen Ritual, werden den Vätern die Hemden ausgezogen und letzte Lieblingslieder gemeinsam gesungen. Dann treten die Töchter in die Stiefel ihrer Väter und nehmen auf den Sesseln Platz. Die nun hilfsbedürftigen Väter sind dem Schutz der Töchter anheim gegeben, das Pflegethema wird nun verhandelt. In einem Monolog spricht eine Tochter über den immer mehr verfallenden Körper des Vaters, den sie bis zum Tod begleitet. Die Tochter deren Vater nicht an der Performance teilnimmt, vergibt ihm in einem weiteren Monolog, dass er nie wirklich für sie da war und lieber für die Arbeit gelebt hat Es werden letzte Fragen gestellt, die natürlich nicht zur Gänze beantwortet werden, einer der Väter liegt dazu in einem Pappsarg. In einem schönen Schlussbild liegen die Väter und Töchter wie Lear und Cordelia im Tod vereint im Knäuel auf der Bühne.
    Das mag alles sehr oberflächlich erscheinen, viele Themen können natürlich nur angerissen und skizziert werden. Die angestrengte Arbeit zu diesem Theaterstück ist auf der Bühne natürlich nicht komplett abzubilden. Es liegt hier am Zuschauer, das für ihn wichtige zu entnehmen und selbst mit seinen Eltern im gemeinsamen Dialog durchzuspielen. In der Laudatio zur Verleihung des Preises im Anschluss an die Vorstellung ist von einem „gleichermaßen mutigen wie berührenden Dokumentartheater-Abend“ die Rede, der ein großes Wagnis eingehe zu einer echten Begegnung über den Generationenkonflikt hinaus. Dem kann man durchaus zustimmen.

    Ganz anders da das neue Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“ vom viel versprechenden und preisgekrönten Jungautor Nis Momme Stockmann, das am 07.04.11 an den Kammerspielen des DT aufgeführt wurde. Hier ist der Vater bereits tot und die Nachkommen stehen entgeistert vor den Überresten gelebten Lebens. Die Bühne läuft nach hinter schräg an, auf einem Sessel sitzt eine zur Seite gesunkene Puppe, eine kahle verdreckte Matratze, zwei Umzugskartons und ein Telefon, das sind die sparsamen Requisiten. Die Wände zieren Sprüche wie „Geduld braucht es für das Hineinwachsen eines Menschen in die Welt“. Das mutet wie Waldorfschulpsychologie an oder soll sehr existentialistisch klingen, ist aber doch nur pseudophilosophische Brühe. Es sind Zitate aus dem Stück und stehen auf vielen Zetteln, die in den Kisten auf der Bühne verborgen sind. Elaborate des verstorbenen Vaters, den seine beiden Söhne da auf dem Sessel finden, in seiner finalen Kacke.
    „Kacke!“ ist dann auch das meist gebrauchte Wort zu Beginn des 90-minütigen Kammerspiels über die Unfähigkeit der beiden Brüder, mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters klar zu kommen, den sie sichtlich nicht wirklich gekannt haben, noch bisher irgendein geartetes Interesse an dessen verflossenem Leben zeigten. Und so dreht sich all ihr Bestreben erst mal um die Suche nach einer Möglichkeit aus dieser absurden Situation wieder heraus zu kommen, die Schuld für die Situation beim Pflegdienst zu suchen oder sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben. Mit der Klobürste muss Berg den Vater säubern, diese bleibt dann der Puppe im Hintern stecken, als sichtbares Zeichen, das in Würde Sterben in dieser Welt so nicht möglich ist.
    So weit so gut, daraus ließe sich schon etwas machen. Aber Autor Stockmann will die ganz große Familientragödie bedienen und so haben beide Söhne jede Menge Mutti- und Vati-Komplexe und halten sich ihre verpfuschten Leben vor. Der ältere Eirik (Werner Wölbern) hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, die er noch nicht überwunden hat und der etwas tollpatschig, unsicher wirkende jüngere Berg ist sichtlich nicht in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen. So wird er auch von seinem großen Bruder tyrannisiert und rumgeschupst, das führt bis zu einem ersten Gewaltausbruch mit dem Abrasieren des Schurrbarts, da der zu sehr an den überpräsenten Vater erinnert. Berg revanchiert sich dann mit dem Geständnis mit Eiriks Frau geschlafen zu haben, nur um ihm etwas weg zu nehmen. Nachdem beide hinter den wahren Grund des Gestanks in der Wohnung des Vaters gekommen sind, es hebt sich die Bühnenrückwand und eine riesiger Berg Müll kommt zu Vorschein, eskaliert das Ganze zum verzweifelten Selbstreflektionsdrama und beide werfen sich ihre Ängste und psychotischen Traumsequenzen über Spinnen, Katzen, Mütter und Väter (Freud lässt grüßen) ungefiltert an den Kopf, unfähig zur wirklichen Kommunikation miteinander. „Hör auf, ich will das alles nicht hören.“
    Beim verzweifelten Aufräumen fällt ihnen dann die Zettelsammlung des Vaters mit Gedichten und philosophischen Abhandlungen in die Hände. Das nimmt ihnen nun gänzlich die Fassung. „Hast du das gewusst?“ und „Ich fühl mich verarscht.“ sind die Reaktionen, was wunder, der Zuschauer fühlt dies mit zunehmendem Maße auch. Der junge Regisseur David Bösch deckt lieber den Mantel des Schweigens über den Inhalt der Zettelkisten, ein Zitat ist im Programmheft abgedruckt. Es scheint als wollte Bösche retten was zu retten ist, die beiden ehrlich bemühten Darsteller Werner Wölbern und Christoph Franken sind aber nicht mehr zu retten. Stockmann zieht seinen Figuren ohne ersichtlichen Grund, plötzlich den Boden unter den Füßen weg, sie straucheln und stürzen ziellos in der einsamen Gedankenwelt ihres Autors herum, aussichtslos der totalen Leere ausgeliefert. Schließlich erhebt sich der geknechtete Berg über seinen Bruder Eirik und erschlägt ihn nach einem weiteren Gewaltexzess im Müllberg. Einen Ausweg aus der Situation findet er nicht, gefangen in seiner Angst vor dem wahren Leben bricht er zusammen.
    Das Stockmann die Seele der kleinbürgerlichen Familie feinfühlig sezieren kann, hat er in „Kein Schiff wird kommen“ bewiesen, hier zeigt er nur große Abgründe, aber ohne wirklich deren Tiefen auszuloten. Gähnende, nihilistische Leere beherrscht trotz der großen Müllberge die Bühne. Durch dieses Stück weht so tief der schwere Atem von Beckett, dass kein hochrangiger Regisseur mehr Lust verspüren wird, diese hohlen, ausgelutschten Signifikanten noch mit Leben zu füllen. Stockmann erliegt hier sichtlich selbst dem „Teufel Signifikant“, den er eigentlich anprangern wollte. Wenn die neue Form der Dramatik bedeutet, jegliche Relevanz zu verweigern, so ist das Stockmann hier bestens gelungen. Man kann sich die eigene Autorenschaft aber auch schön reden, nur wird Stockmann so irgendwann als Schaumschläger nicht als großer Dramatiker enden. Es ging ihm um das Anliegen des Autors, als Seele seiner Arbeit, dieses Stück ist aber leider seelenlos und ein Anliegen nirgends greifbar. Dem Markt wird es egal sein, Allgemeingültigkeit und Nachhaltigkeit sind mit diesen gesichtslosen Figuren allemal gegeben, die Frage ist nur, wie lange das Publikum das noch mitmacht.

    Große Themen werden auch in der zweiten Premiere im Deutschen Theater am 08.04.11 verhandelt. In den Stücken „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“, erzählt die niederländische Autorin Judith Herzberg die Geschichte einer jüdischen Familie von 1972 bis 1998. Stephan Kimmig hat diese drei Teile nun zu einem 4 ½-stündigen Abend „Über Leben“ zusammengefügt. Judith Herzberg, Jahrgang 1934, ist Tochter von Holocaust-Überlebenden und hat von 1943-45 in wechselnden niederländischen Familie auf dem Lande gelebt. Ihre Erfahrungen dieser Zeit sind in dieses Werk mit eingeflossen.
    Die Hauptperson Lea (Susanne Wolff) ist ebenfalls bei einem nichtjüdischen Ehepaar aufgewachsen und liebt die Pflegemutter Riet (großartig Christine Schorn), die ziemlich offen ihre Rechte einfordert und immer wieder für kuriose Einwürfe sorgt, genauso wie ihre leiblichen Eltern Ada (Almut Zilcher) und Simon (Christian Grashof). Im ersten Teil wird Leas dritte Hochzeit gefeiert, neben dem Bräutigam Nico (Daniel Hoevels) sind die früheren Männer Leas, die Exfrau von Nico sowie etliche Verwandte und Bekannte anwesend. Durch dieses weitverzweigte Gestrüpp der Verhältnisse muss man sich erst mal durchfinden, bis die Beziehungen der Figuren zueinander klar werden. Die Grundidee Herzbergs war, dass das Stück auf einem Balkon vor dem Hochzeitsaal stattfindet. Eine etwas boulevardeske Situation, Kimmig lässt hier die Protagonisten alle zusammen auf der Bühne stehen, die Figurengruppen im Gespräch treten immer wieder aus dem Kreis heraus und tanzen ansonsten zu Lateinamerikanischer Musik. Das wirkt etwas statisch, ist aber mit 1 Stunde recht kurz und reicht so zur Einführung aller Personen. Wir erfahren, das Nico immer noch in seine Ex Dory (Maren Eggert) verliebt ist und das diese einen Vaterkomplex hat, begründet dadurch ihn nie kennen gelernt zu haben, da er im Holocaust umgekommen ist. Sie versucht immer wieder Informationen aus Simon herauszubekommen. Das ist das eigentliche Problem des Stücks, dass nicht über dieses Thema gesprochen werden kann. Der einzige der immer wieder laut über seine tote Frau klagt ist der nichtjüdische Zwart (Markwart Müller-Elmau) Vater von Nico, der nun mit Duifje (Simone von Zglinicki) verheiratet ist und diese seine Stiefgattin nennt. Ada ist durch die Geschehnisse im Lager traumatisiert und will eine stationäre Therapie machen. Simon hält das für Untreue und droht sie zu verlassen. Er wird später ein Verhältnis mit Dory anfangen aus dem ein Sohn (Isaac) entsteht, der bei Simon und Lea aufwachsen wird, da Dory als Geigerin ständig auf Tour ist. Auch Leas dritte Ehe wird scheitern, Nico geht zu Dory zurück.
    Komplizierte Zusammenhänge, die noch durch weitere Nebenpersonen wie Freunde von Nico und Lea komplettiert werden. Ihr erster Ex David bringt sich gleich bei ihrer Hochzeit mit Nico um und der zweite Mann Alexander (Peter Moltzen) ist mit einer Prostituierten verheiratet und zieht im 2. Teil „Heftgarn“ mit Frau und Kind in die Nähe von Ada und Simon, da er selbst ohne Eltern eine innige Beziehung zu Ada aufgebaut hat. Es dreht sich im Großen und Ganzen um die Menschen die fehlen und das schwierige Leben mit dieser Last überlebt zu haben. Eine ziemlich leergeräumte Bühne mit hohen Sperrholzwänden dreht sich und symbolisiert die vergehende Zeit. Dennoch ist dieses Stück nie schwermütig oder pathetisch. Der Text von Judith Herzberg besitzt eine große Ironie, die sich im 2. Teil nach und nach entfaltet, leiser Humor und die sparsame Bebilderung von Stephan Kimmig verhelfen diesem schweren Thema ohne jeglichen Einfühlungskitsch und Betroffenheitsgedusel zu seinem Recht. Von Rührseeligkeit keine Spur. Es wird geliebt, geboren und gestorben. Ada stirbt und auch Alexander und seine Frau kommen bei einem Autounfall ums Leben. Von außen dringt immer wieder nur ein Klempner in die abgeschlossnen Welt der Familie ein, die sich ganz um sich selbst dreht. Diese Figur steht aber nicht nur für einen schönen Running Gag im zweiten Teil, in dem Gerber mit Rohrzange mal von links und mal von rechts über die Bühne latschen darf und schönen, trockene Sätze abliefert, sondern für die Außenwelt, die ein echtes Interesse am Leben dieser Familie als ganz normale Menschen zeigt. Kluiters begleitet den Lebensweg der Figuren und ist selbst noch am Schluss als Stromableser da, wenn Simon schon alt und klapprig ist und ihn kaum noch wiedererkennt.
    Im Zentrum des 3. Teils steht nun Simon, der nach dem Tod von Ada allein mit Lea im Haus der Familie lebt, das längst an Hans (Jörg Pose) den alten Freund von Nico verkauft ist, aber Simon kann wieder nicht mit seiner Tochter darüber sprechen. Hans hat seine Frau Pien (Meike Droste), die er auf der Hochzeit Leas kennen gelernt hat, mit sieben Kindern sitzen lassen und ist in Amerika zu Reichtum gelangt. Die Kinder sind nun selbst erwachsen und rebellieren gegen die ältere Generation wie Isaac (Paul Schröder), der nicht Stellvertreter für die vielen Toten des Holocaust sein will, fordern ihre Geschichte ein, wie Xandra (Claudia Eisinger), die im Waisenhaus aufgewachsene Tochter von Alexander oder lehnen ihre Väter ganz ab, wie Piens und Hans Sohn Chaim (Moritz Grove). Die Figuren stehen dazu dicht an der Rampe und artikulieren ihre Wut oder Resignation. Aber es wird auch noch mal träumerisch und die Toten Ada und Alexander nehmen die Hinterbliebenen noch mal an die Hand und bitten zu einem letzten Tänzchen. Am Sterbebett von Simon schließt sich der Kreis, alte Wunden zwischen Lea und Dory werden wieder aufgerissen oder man versucht sich zu versöhnen. Und der alte Fuchs Simon will und will nicht sterben. Ein Theaterabend mit großartigen Schauspielern, wie es lange keinen mehr am DT gab. Dank an das Team und an Stephan Kimmig, dass er diese Stücke von Judith Herzberg wieder ausgegraben hat und sich mit seiner Inszenierung alles in allem wohltuend zurückhält. Nach dem nihilistischen Debakel vom Vorabend in den Kammerspielen, ist das ein reines Fest fürs Leben, das auch den Blick auf den Tod, das Unfassbare sowie die Schwächen der Menschen und ihre Unfähigkeit damit umzugehen nicht ausspart.

    Judith Herzberg und Stephan Kimmig im Gespräch   (tip Berlin)

  • HIRNSCHADEN

    Diktator, Eisbär, Pinguin,
    Am Ende sind sie alle hin.
    Der Pathologe kraust die Stirn:
    Verehrtes Volk, es war das Hirn.

    Schön eingelegt in Spiritus,
    Mit Stroh gestopft die hohle Nuss.
    Einst Protagonist im Menschenzoo,
    In Wachs nun bei Madame Tussaud.

  • Manfred Karge baut den beiden Brecht-Komponisten Hanns Eisler und Paul Dessau am Berliner Ensemble fragwürdige Denkmäler.

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    Hanns-Eisler-Revue – Manfred Karge stellt ein Mischung aus Kampf- und Protestsongs zu einem Portrait des Komponisten Hanns Eisler zusammen

    Hanns Eisler der Sohn eines österreichischen Philosophen und einer Fleischertochter, war Zeit seines Lebens eng mit der Arbeiterklasse verbunden und widmete ein Großteil seines umfangreichen Werks deren Kampf gegen Kapitalismus und Faschismus. Als Schüler von Arnold Schönberg war er aber auch Zwölftonmusiker und komponierte hoch anspruchsvolle Kunstlieder. Manfred Karge versucht nun das Leben von Hanns Eisler mit Hilfe seiner bekanntesten Lieder in Form einer szenisch gestalteten Revue darzustellen. Über weite Strecken gelingt ihm das auch, anhand ironischer Übertreibung ein durchaus eindrückliches Bild dieses hoch intelligenten und nachdenklichen Menschen zu zeichnen. Darin liegt aber auch eines der Probleme dieser Inszenierung, die dick aufträgt und die Person Eisler hinter Schminke und Kostümierung der 20er Jahre verschwinden lässt.
    Roman Kaminski in langem Mantel, den Hut schwenkend, darf als Eisler zwischen den Liedern aus dessen bewegter Biografie plaudern und Anekdoten bedeutungsgeladen mit rollendem R zum Besten geben. Sogar ein kleines Zwiegespräch zwischen ihm, dem Schüler und seinem Meister Schönberg gibt es, in dem der ihm prophezeit, dass er sich den Sozialismus nach den ersten zwei Anzügen schon noch abgewöhnen wird. Es kam bekanntlich anders. Der Puppenspieler Benno Lehmann führt eine Eislerpuppe vor sich her, die in Brechtscher Verfremdung parliert und zu der vom Band eingespielten Eisler-Originalaufnahme „Die haltbare Graugans“ den Gesang übt. Hier hat der Abend Witz, nimmt sich nicht zu ernst und zeigt Eislers Selbstironie. Mit großen Sängern hat er zusammengearbeitet, sie waren ihm für die Interpretation seiner Musik sehr wichtig. So werden am Rande Größen wie Ernst Busch, Gisela May und Irmgard Arnold erwähnt, die so eine Revue sicher belebt hätten.
    Das Orchester unter der Leitung von Tobias Schwencke ist auf jeden Fall gut aufgestellt und begleitet den Abend sicher und souverän, während sich 6 Schauspielerinnen und 15 Schauspieler mit der Darbietung der Eisler-Songs mit mehr oder weniger Erfolg abmühen. Es beginnt auf der nach vorn spitz zu laufenden Revue-Bühne von Karl-Ernst Herrmann mit „viel Blut“ und dem Spartakus-Lied von 1919, gesungen von Judith Strößenreuter. Im Stempellied (Text: David Weber) wird sitzend im Chor berlinert „Ohne Pinke an der Panke“ und „Das Lied des Händlers“ (Ich weiß nicht, was ein Mensch ist / ich kenne nur seinen Preis.) leitet dann die Brecht/Eisler-Songs ein, die den Großteil des Abends bestimmen. Erster Höhepunkt ist sicher „O Falladah, die du hangest!“ vom Sterben eines Kutschpferdes auf offener Straße, sehr plastisch von den Protagonisten geschildert. „Ändere die Welt, denn Sie brauchte es“ (aus der Maßnahme) und „Die Ballade vom Wasserrad“ (aus Die Rundköpfe und die Spitzköpfe) folgen, Videoprojektionen von Frieder Aurin auf der Bühnenrückwand bebildern die einzelnen Nummern.
    Ein weiterer David-Weber-Text mit „Der Ballade vom Nigger Jim“ bricht mit jazziger Musik und dem starken Gesang von Georgios Tsivanoglou die Brechtphalanx für kurze Zeit auf. Walter Mehrings „Bankenlied“ und das „Seifenlied“ von Kurt Tucholsky, ein Spottlied auf die Sozialdemokratie in der Weimarer Republik, stehen den knalligen Interpretationen der Brechtsongs aber in nichts nach. Es wird auch ordentlich Schaum geschlagen und Seifenblasen fallen vom Bühnenhimmel. Karge versucht sich wieder in bildreichem Politkabarett. Weiter wird dick getüncht, passend zum Brecht-Song aus den Rundköpfen und Spitzköpfen. Sabin Tambrea singt gestenreich „Das Lied vom SA-Mann“ und schmiert sich dann theatralisch seine blutigen Hände ins Gesicht, bevor er in den Schoss von Swetlana Schönfeld als deutsche Mutter flieht. Die leisen Töne darf die Schönfeld dann schließlich mit dem „Lied einer deutschen Mutter“ anschlagen, leider trifft sie diese nur selten. Das wird es wohl u.a. gewesen sein, was die May bewogen hat in der Pause der Premiere im Januar über die Triolen zu referieren, bevor sie von Hausherr Peymann zur Ordnung gerufen wurde. Katharina Susewind hat noch einen großen Auftritt mit der „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“, aber auch sie muss zum Schluss übertrieben chargieren.
    Von der anderen Liedkunst Eislers zeugen die Ausschnitte aus den Woodbury-Liederbüchlein für Frauenchor, hier tut sich besonders Anna Graenzer mit ihrer hohen klaren Stimme hervor. Johannes R. Becher wird als Unterstützer nach der Rückkehr aus dem Exil in den USA gewürdigt, die Zusammenarbeit mit Eisler gipfelte ja bekanntlich in der Nationalhymne der DDR. Diese wird aber nicht gespielt, dafür „Deutschland – Heimat meine Trauer / Land im Dämmerschein“ und „Die alten Weisen“. Die Eislerpuppe intoniert dann noch die „Kinderhymne“ mit dem Brechttext „Anmut sparet nicht noch Mühe“, eine Alternative zur DDR-Hymne, eine Idee, die nach der Wende von einigen Intellektuellen wieder aufgegriffen wurde, aber im nationalen Taumel keine Mehrheit fand. Den bombastischen Schluss bildet dann das „Solidaritätslied“ in immer stärker werdendem Chor mit rotem Transparent. Lange schauen die Sänger danach ins Publikum bevor die Massen auseinander laufen, eine Anspielung auf Brechts Johanna oder auf heute? Vielleicht, dem Publikum im BE kann es egal sein. Zwiespältig ist dieser Abend wie die ganze Person Eislers selbst und so kann Karges Revue ihr auch nur eingeschränkt gerecht werden. Ansehen sollte man sich den Abend aber auf jeden Fall. Zu empfehlen sind übrigens auch die Brecht-Lehrstückinszenierungen von Frank Castorf in der Volksbühne mit Musik von Hanns Eisler, Paul Hindemith und Kurt Weill.

    Song-Beispiele auf YouTube:

    Gisela May „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“, Brecht/Eisler

    Hanns Eisler und Irmgard Arnold „Kinderhymne“, Brecht/Eisler

    Ernst Busch „Solidaritätslied“, Brecht/Eisler

    Hanns Eisler – Piano Sonata No. 3 I-III

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    „Der Lukullus-Skandal“ als mäßiges Politkabarett – Manfred Karge inszeniert einen Text von Werner Hecht zum Formalismusvorwurf an die Brecht/Dessau-Oper „Die Verurteilung des Lukullus“

    Wie gut gemachtes Dokutheater aussehen könnte, hat jüngst Jürgen Kuttner mit Hacks „Die Sorgen und die Macht“ am DT bewiesen. Manfred Karge inszeniert nun einen Text des Brechtexperten Werner Hecht über den Skandal zur Aufführung der Brecht/Dessau-Oper „Das Verhör des Lukullus“ auf der Probebühne des BE, die nach langen für die Künstler entwürdigenden Debatten in die „Verurteilung des Lukullus“ umbenannt und von Bertolt Brecht mit Ergänzungen versehen wurde. Kurz zum Inhalt: Brecht schrieb die Geschichte über den römischen Feldherren Lukullus bereits 1940 im schwedischen Exil als Hörspielversion. Lukullus als erfolgreicher Eroberer kommt nach seinem Tod in den Hades und soll sich dort vor einem Tribunal aus einfachen Leuten (u.a. Bäcker, Fischweib, Bauer) für seine Kriegstaten verantworten. Die Hörspielfassung endet nicht mit einer Verurteilung, sondern mit der Forderung „Ins Nichts mit ihm“. Daran und an der modernen Musikfassung störten sich die Kulturpolitiker der damaligen DDR im sogenannten Formalismusstreit.
    Karges Inszenierung wirft hier aber keine Fragen zur Formalismusdebatte Anfang der 50er Jahre auf, die es ernsthaft zu diskutieren gäbe, er stellt eine fertige Meinung aus. Der Einsicht, dass sich Politik nicht in die Kunst einmischen soll, ist im vollen Umfang zuzustimmen. Dazu bedarf es aber keiner solchen Kunstanstrengung. Werner Hecht hat mit Sicherheit wertvolles Material zum Lukullus-Skandal zusammengetragen, mehr aber auch nicht. Warum publiziert er das nicht selbst? Vermutlich fehlt das allgemeine Interesse daran und er hat sich gedacht, am BE ist das Material wohl am besten aufgehoben. Da ist er aber genau an die richtige Adresse geraten, museale Geschichtsaufbereitung mit Knallchargen auf einer Guckkastenbühne, das ist Theater zum Abnicken im doppelten Sinne.
    Zur politischen Einordnung in den Kontext des kalten Krieges fehlt jeder Bezug. Es wird nur die Figur des russischen Kulturpolitikers Orlow vorgestellt, ein Pseudonym des Diplomaten Wladimir Semjonow, Berater der sowjetischen Miltäradministration und ab 1953 Botschafter in Ostberlin, von 1979 – 1986 dann auch in der Bundesrepublik. Diese Figur dürfte außenpolitisch nicht ganz unbekannt sein. Er war Sammler russischer Kunst von Kandinsky bis zu den Suprematisten, eine schillernde Gestalt, deren Wirken man nur schwer mit den Aussagen zum Formalismus aus der Täglichen Rundschau von 1951 in Einklang bringen kann. Er tritt hier als dumpfer Russe mit typischem Akzent auf. Es war halt so, die Ostzone musste auf Linie gebracht werden, da waren Kosmopoliten wie Brecht, Eisler oder Dessau per se verdächtig.
    Es kommt dann ein kleiner Verweis auf Wolfgang Harich, Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Theaterkritiker, der auch in der Täglichen Rundschau publizierte, ein etwas anderer Geist, der öffentlich die Kulturpolitik der Partei kritisierte und nach dem Tod Stalins für einen eigenen Weg zum Kommunismus wie in Ungarn eintrat und dafür auch kurz nach Brechts Tod zusammen mit Walter Janka zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Um das alles geht es Hecht aber nicht, es dreht sich nur um Brechts Eintreten für die künstlerische Freiheit der Lukullus-Oper und deren Komponist Paul Dessau, der im Übrigen hier in diesem Stück eher eine Nebenrolle spielt.
    Eine weitere nicht unwichtige Figur, die hier nicht ganz zu Unrecht zur Knallcharge gemacht wird, ist der damalige Intendant des Theaters der Freundschaft (heute Theater an der Parkaue) Hans Rodenberg, der in einer einem Tribunal ähnelnden Diskussion über Dessau herzieht und von Helene Weigel über die Rezeption der Mutter von Gorki aufgeklärt wird. Rodenberg hat auch im Fall Eisler keine rühmliche Rolle gespielt. Es fällt nicht schwer gegen solche Pappnasen, mit halbwegs vernünftigen Argumenten zu punkten. Brecht darf dann hier aber gleich eine flammende Rede zur Stellung des Künstlers zur Politik halten. Au backe, wenn er sich da mal selbst immer dran gehalten hätte.
    Brecht wird aber wieder mal auf einen Kunst-Sockel gehoben, ohne sein politisches Wirken in der DDR kritisch zu hinterfragen. Das versucht Karge erst lieber gar nicht, obwohl er es besser wissen müsste. Warum hat er nicht mit Hanns Eisler weitergemacht, wenn er unbedingt künstlerisch an der Formalismusdebatte arbeiten muss. Der „Johann Faustus“ von Eisler ist mindestens genauso lohnend und wurde auch am BE, übrigens erst 1983, zur Uraufführung gebracht. Auch da kommt Brecht am Rande eine nicht unerhebliche Verteidigerposition zu. Aber Brecht muss der uneingeschränkte Held sein, der den Formalismusvorwurf besiegt, indem er einfach ein paar marginale Ergänzungen vornimmt und den doofen Kulturpolitikern die Tour versaut.
    „Von wegen eingeknickt“, schreibt Hecht in der Berliner Zeitung, einen Sündenfall der Brecht-Rezeption will er heilen. Ja, Brecht hat schwer lernen müssen, dass er mit seiner Kunst der herrschenden Politik zu nahe gekommen ist. Den 17. Juni übergeht Hecht völlig. Brecht hat sich eigentlich nie klar von den DDR-Oberen distanziert, auch oder gerade um der Kunst Willen. Brecht hat sich nach dem 17. Juni in eine Art Innere Emigration begeben (Buckower Elegien), aber er hat nie an der DDR gezweifelt, vielleicht an der Führung der Partei, das gipfelte ja in den einigen Spottgedichten auf die Regierung die sich ein neues Volk wählen soll (Die Lösung), auf das „Kaderwelsch“ der Parteibonzen (Die neue Mundart) oder die beflisse „Selbstkritik“ der Kulturfunktionäre (Nicht feststellbare Fehler der Kunstkommission).
    Das allein macht aber noch keinen Dissidenten aus Brecht, dieser Art der Beweihräucherung bedarf es auch nicht. Er hat zwar weiter in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ unter dem von der Partei eingesetzten Chefredakteur Wilhelm Girnus seine Gedichte veröffentlichen können, war aber auch nicht mit allen Entscheidungen der Partei einverstanden. Brecht hat versucht eine Art Vermittlerrolle zu spielen. In der Zeit der Tauwetterperiode nach Stalins Tod hat er beratend für den Präsidenten der Akademie der Künste und Kulturminister Johannes R. Becher, gewirkt. Er hat den eingeschlagenen Weg der Partei nicht wirklich verlassen, sich aber immer für verfemte Künstler wie Eisler oder sogar Barlach eingesetzt, der Jahre nach seinem Tode bei einer Ausstellung 1952 noch in Formalismusverdacht geriet. Brechts Werk steht für sich und muss nicht durch das Herausstellen seines entschiedenen Eintretens gegen die Formalismusvorwürfe gerettet werden. Dahingegen erzeugt das Stück von Hecht geradezu ein falsches, geschöntes Bild von Brecht. Wie sich das alles weiter entwickelt hätte, kann man nur mutmaßen, da Brecht 1956 gestorben ist. Künstlerisch ist er nicht hoch genug einzuschätzen, aber das Politische muss man bei ihm immer mitdenken.
    Dann noch zum Schluss des Stücks eine bemerkenswerte Entdeckung oder doch nur Anekdote? Brecht bekommt das BE von den Kulturpolitikern der DDR in der Hoffnung, dass er sich damit übernimmt. Doch es kam anders, aber das ist eine andere Geschichte sagt Hecht, das hätte er ruhig näher ausführen können. Die Quintessenz der Veranstaltung ist, dass sich Claus Peymann nun von Werner Hecht als Nachlassverwalter Brechts geadelt fühlen darf und endlich auch den Schriftzug Brecht-Museum an die Tür nageln kann. Aber das ist auch eine ganz andere Geschichte. Diese Geschichte bekam noch nach der Premiere einen bitteren Beigeschmack, als sich Daniela Reinhold vom Musikarchiv der Akademie der Künste in einem Leserbrief in der Berliner Zeitung zu Fehlern im Inhalt von Hechts Stück äußerte und auf bereits „gesicherte Erkenntnisse zum Entstehungs- und Umarbeitungsprozess“ der Oper aufmerksam machte, die seit einer Ausstellung zu Paul Dessau aus dem Jahre 1995 in Katalogform vorliegen.

    DIE VERURTEILUNG DES LUKULLUS (1951) von Bertolt Brecht (Libretto) & Paul Dessau (Musik), Probenbilder einer Inszenierung von Ruth Berghaus (Deutsche Staatsoper Berlin 1992 Wiederaufnahme einer Produktion von 1983) auf YouTube

  • Jung-Siegfried von nebenan, Martin Schüler bringt uns Wagners „Siegfried“ näher – Der 2. Tag der Ring-Tetralogie am Staatstheater Cottbus

    Seit 2003 (Rheingold) entsteht am Staatstheater Cottbus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ als semiszenisches Orchesterwerk. Intendant Martin Schüler hat nun nach der „Walküre“ (2008) den zweiten Tag der Tetralogie inszeniert. Mit dem „Siegfried“ war Wagner „…durch die Kraft meiner Sehnsucht auf den Urquell des ewig Reinmenschlichen gelangt…“. Durch seine naive, stürmische Natur ist der junge Held ein idealer Gegenpart zu den nach Macht strebenden und sich gegenseitig beneidenden Nibelungen, dem auf der Macht sitzenden Riesen Fafner und dem in seine Verträge und Gesetze verfangenen Gott und Realpolitiker Wotan. In Wagners Welten-Drama über Neid, Besitzgier und Machtstreben stellt „Siegfried“ mit seiner Erweckung der Walküre Brünnhilde die Seite der Liebe und damit der Erschaffung einer neuen Welt nach dem Untergang der alten dar.
    Martin Schüler nimmt Wagner nun wörtlich und versucht uns die Figuren des Rings tatsächlich menschlich näher zu bringen. Dass das Staatstheater keine ideale Bühne für große Wagneropern darstellt, wird dabei nicht zum Manko sondern erweist sich als großes Glück. Das Philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Evan Christ sitzt wie bereits des öfteren hinter einem Gaze-Vorhang auf der Bühne, davor agieren die Sänger, den Haupt-Szenen der drei Aufzüge gemäß, in einem sparsam von Gundula Martin eingerichteten Bühnenbild. Das lässt einen genauen Blick auf die Protagonisten zu und erleichtert die Verständlichkeit der durchweg guten Stimmen, drängt aber die Musik trotzdem nicht in den Hintergrund. Das hat kammerspielartigen Charakter aber semiszenisch wird es dennoch nie, die Handlung der Oper bleibt im Spiel der Darsteller klar erkennbar.
    Der Erste Aufzug zeigt die Schmiede des Nibelungen Mime, der verzweifelt versucht des Schwert Notung zusammen zu schweißen. Uwe Eikötter mit Schweißerbrille hämmert auf dem Amboss in der Mitte der Bühne herum, köchelt erst Spagetti und dann seine Zaubertränke, ansonsten hat er mit dem ungestümen Siegfried zu tun, dargestellt vom Wiener Gasttenor Peter Svensson, der ihn mit Bärenfell erschreckt und an den Amboss bindet. Dieser Siegfried ist die Überraschung der Inszenierung, der blondgelockte Svensson in schwarzer Lederhose und Harnisch gibt ihn als kleines, hüpfendes Kraftpaket, ganz Jung-Siegfried in naiver Reinform. Schüler weckt hier die komödiantische Seite in Wagners Ring-Tragödie. Mime dagegen ist listig, verschlagen und weiß Siegfried für seine Zwecke einzusetzen. Der als Wanderer verkleidete Wotan (Bass-Bariton Nico Wouterse) in Mantel, Hut und Sonnenbrille und natürlich mit seinem Zeichen dem Vertragsspeer, treibt Mime zwar in die Enge und gibt ihm letztendlich doch die Lösung seiner Frage, dass nur einer der die Angst nicht kennt, das Schwert Notung wieder schmieden kann. Unter ordentlich Dampf tut Siegfried das dann auch und beide ziehen zur Neidhöhle des Wurms Fafner, dem versprochenen Abenteuer entgegen. „Notung! Notung! Neidliches Schwert!“ und der Ambos fällt unter dem Hieb Siegfrieds in zwei Stücke.
    Im Zweiten Aufzug nach der ersten Pause befinden wir uns dann in einem mit Tannen angedeuteten Wald, der Bühnenhintergrund ist mit Stacheldraht abgezäunt. Hier geht Alberich (Bariton Andreas Jäpel) in Mantel und Schapka auf und ab, das Lager Fafners bewachend und auf den günstigen Augenblick wartend, den Ring wieder zu erlangen. Wotan zerschneidet den Draht und ruft den Wurm Fafner (Ingo Witzke), der aber sitzt müde auf einem Berg Goldbarren hinter dem Orchester. „Ich lieg‘ und besitz‘, laßt mich schlafen!“ Sein Bass ertönt verstärkt durch ein riesiges, offenes Megaphon. Alberich flieht und erst Siegfried vermag den trägen Wurm mit einem kräftigen Hornruf zu wecken. Svensson steht dabei neben Evan Christ und bläht die Backen, bevor er Fafner erlegt und auch der hinterlistige Mime dran glauben muss. Das Waldvögelein ist erst ein sanfter Flötenton und flattert an Fäden hängend über die Bühne, zwei weitere Exemplare sitze in den oberen Seitenlogen. Cornelia Zink, ganz in grün, springt dann mit ihrem hellen Sopran vor Siegfried her und lässt sich von ihm über die Bühne jagen. „So wird mir der Weg gewiesen: wohin du flatterst folg‘ ich dem Flug!“, mit dem Ring dem Brünnhildenfelsen entgegen.
    Zu Beginn des Dritten Aufzugs ist die ganze Bühne mit weißem Tuch ausgeschlagen, unter dem einige Möbel zu erahnen sind. Es blitzt und donnert, Wotan erweckt die Göttin Erda (Marlene Lichtenberg, Mezzosopran) die auf einem Sofa ruht, beide in weiß gewandet singen vom Ende der Götterherrschaft. „Laß mich wieder hinab! Schlaf verschließe mein Wissen!“ Erda wird mit dem Tuch in die Tiefe unter der Bühne gezogen. Siegfries taucht nun auf und stellt Wotan. Dieser kann ihn nicht mehr aufhalten, nicht das Schwert zerspringt, sondern der Speer Wotans unter dem Schlag Siegfrieds. „Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!“ Die Musik wallt nun auf und Siegfried stürzt davon zum Feuergürtel. Ein schönes Bild geben hier Statistinnen des Theaters, die unter dem Tuch lange Wellenbewegungen ausführen. Nachdem sie ebenfalls wieder im Untergrund verschwunden sind, gibt die Bühne nun den Blick auf schiefe Möbel und einen zerstörten Tresor frei. Die Walküre Brünnhilde (Sabine Paßow, Sopran) hat dort Schild und Harnisch verstaut und sitzt schlafend in einem Sessel. Nun entspinnt sich ihre Erweckung durch Siegfried, der erst unbeholfen immer wieder zurückschreckt, ehe er sie dann endlich wach küsst. „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! Heil dir, leuchtender Tag!“ Ein starkes Gesangsduo, das auch nach über 4 Stunden nichts an Kraft vermissen lässt.
    Viel Beifall, Blumen und Bravi für die Solisten und das Orchester, aber auch einige Buhs für Martin Schüler, der mit seiner leicht ironischen Art wohl einige Wagnerpuristen vergrätzt hat. Er holt mit seiner Inszenierung Wagners Oper nicht zwanghaft ins Heute, sondern erzählt hier eher ein modernes Märchen für jedermann. Auch etwas unfreiwillige Komik vermag da den Gesamteindruck nicht zu schmälern. Für alle denen Schüler damit Wagner wieder näher gebracht hat, sei gesagt, dass sich 2013 zu Wagners 200. Geburtstag am Staatstheater „Der Ring“ schließt und die „Götterdämmerung“ heraufzieht. Man darf schon gespannt sein, wie sich Martin Schüler dann das brennende Walhall mit dem Untergang der Götter vorstellt.

    Video aus rbb-Tipps

  • Hamlet stirbt und geht mit mir essen – Zum Welttag des Theaters

    Aus Liebe, Wahnsinn, Tod in jeglicher Gestaltung,
    besteht dies Unternehmen zur Abendunterhaltung.
    Der Schein regiert die Welt und schlägt die Tasten,
    Die ganze Welt ist Bühne, ein wunderbarer Zauberkasten.

    Steck deine Kindheit voll Lust dir in die Taschen,
    Mach dich davon damit, in riesigen Gamaschen.
    Wandle im engen Bretterhaus und übertritt die Schwelle
    der Schöpfung, vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

    Unter Verwendung von Zitaten von
    William Shakespeare, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Bertolt Brecht, Max Reinhardt und Gustav Seibt

  • Andreas Kriegenburg stellt mit Hebbels „Judith“ in den Kammerspielen des DT das Dilemma der Legitimation des Tyrannenmords aus

    Schwarz, blutiges Rot und gekalktes Weiß sind die drei vorherrschenden Farben in Andreas Kriegenburgs Theaterwelt, einem Theater der melancholischen, oft auch clownesken Masken und Bilder. Umfallende Wände, schiefe Ebenen, die kaum Halt für seine Figuren darstellen, zeichnen seine Bühnenbilder aus. Sich niemals wirklich sicher sein, die behandelten Stoffe hinterfragen und spielerisch neu gestalten, das waren bisher die Stärken von Kriegenburgs Inszenierungen. Er ließ sich dabei immer auch auf schwerst melancholische oder klaustrophobe (Dea Loher, Anton Tschechow oder Franz Kafka) und pathosgeladene Stoffe (Aischylos Orestie, Hebbels Nibelungen und Kants Penthesila) ein, die aber in seiner Hand mit viel Spielfreude neu erstrahlten. In der letzen Zeit überwiegen aber deutlich eine gewisse Schwere und Ausweglosigkeit in den behandelten Stoffen zu Lasten seines zauberhaft komödiantischen Humors, der Kriegenburgs Inszenierungen bisher auszeichnete. Diese zart melancholische und oft poetische Ironie ist ihm nun in Friedrich Hebbels „Judith“ vollends abhanden gekommen. Nachdem Michael Thalheimer im letzten Jahr die Nibelungen von Hebbel in einer gewaltigen Blut- und Bierflut ersäufte, nähert sich nun auch Kriegenburg an diese bedeutungsschwangeren Bildern an.
    Hebbel hatte seine Judith im Gegensatz zum biblischen Vorbild, nicht als Gotteskriegerin gezeichnet, die triumphierend den Kopf des assyrischen Heerführers Holofernes in die belagerte Stadt Bethulien trägt, sondern als eine Frau und unberührte Witwe mit eigenem Willen und einer Sehnsucht nach erfüllter Sexualität. Sie fällt letztendlich aber auch dieser Sehnsucht zum Opfer und tötet den Holofernes aus Rache, also niederen Beweggründen, ist sich dieser Schuld wohl bewusst und zerbricht schließlich daran. Das Dilemma der Legitimation des Tyrannenmordes macht nun Kriegenburg daraus. Im Programmheft zeichnet der Germanist und Professors des Lehrstuhls Literatur und Medien an der Ruhr-Universität-Bochum Manfred Schneider die Chronologie von Tyrannenmorden in der Literatur und Weltgeschichte von Caligula, Nero und Cesar über Ludwig den VI. bis zu Abraham Lincoln und schließlich Nicolai Ceausescu in der nun medienbestimmten Gegenwart nach, als eine Suche nach einer rechtlichen Legitimation und fehlgeleiteten Rezeption der Geschichte von göttlicher Herrschaft und Tyrannei. „Der Tyrannenmörder ist nicht selten das Spiegelbild seines Opfers. Er macht das Unmögliche möglich, nämlich „kurzen Prozess“. Aber er fühlt sich zu dieser Tat legitimiert, … weil er sich durch Vorbilder, durch geschriebenes oder ungeschriebenes Recht dazu aufgefordert sieht.“
    Das steckt alles natürlich auch in der Judith. Kriegenburg vermengt nun aber die religiöse Figur der Bibel mit der Verzweiflungstäterin bei Hebbel. Am Anfang soll allerdings noch über ein Videobild einer Kopftuchträgerin mit der Unterschrift: „I’m not a terrorist“ klar gestellt werden, dass Judith eben nicht in den fanatisch religiösen Kontext gestellt werden soll. Die Bilder, die nun in schneller Folge über die Bühnerückwand laufen, sollen den Gegenwartsbezug aus Krieg, Gewalt und deren medialer Aufbereitung zeigen. Da stehen Bildern von Nachrichtensendungen mit Obama und Gaddafi, der nun aktuell den als nächstes zu stürzenden Tyrann darstellt, neben Bildern von Guantanamo und Wikileaks-Gründer Julian Assange, einen den man durchaus als kritischen Hinterfrager des heutigen Tyrannensturzes bezeichnen kann, obwohl er mittlerweile selbst zu einer Art medialen Tyrannen gemacht wurde. Lauter Interessante Fragen, die es zu klären gäbe, aber das ist schnell ad acta gelegt. Nachdem die Protagonisten in Alltagskleidung die Geschichte der Judith erzählt haben, bemalen sie die Rückwand mit schwarzer Farbe, die weiße Lücken lässt, aus denen lauter Opfer werden und Alexander Khuon schält sich als Holofernes aus dieser Gruppe heraus.
    Hier nun beginnt das eigentliche Dilemma der Inszenierung, die Aktualität in Bildern behauptet, aber nur noch den Schrecken und die Macht des Tyrannen Holofernes ausstellt und die Ohnmacht und das Wanken der Ebräer, die in der Steinigung des Assad gipfelt, in einer durchchoreografierten Tuchtanznummer verklausuliert. Judith wird nun aus dieser Unentschlossenheit heraus zur Projektion der Wünsche dieser Ebräer, ihre eigentliche Geschichte wird buchstäblich unter dem Tuch gehalten und Katharina-Marie Schubert als Judith muss sich auf der Bühne wälzen und mit Farbe beschmieren, um die reine Verzweiflung darstellen zu können. Die Begegnung mit Holofernes wird zu einer Unterwürfigkeitsnummer, die saufenden und vergewaltigenden Soldaten des Holofernes, in weiße blutbefleckte Mäntel gekleidet, sind das bestimmende Bild dieser Inszenierung. Hin und wieder tritt einer aus dem Kreis der Protagonisten und erzählt als Judith eine Geschichte aus der Sicht der Opfer bekannter Kriege von Judäa über Beirut bis nach Srebrenica.
    Alexander Khuon soll die Ausgeburt eines Tyrannen verkörpern, ist aber nur ein gelangweilter Kraftmeier. Sein Trunk ist die Droge jedes beliebigen Diktators, der sich an seinen Taten besoffen hat, bis ihm nichts mehr bleibt, als auf seine Attentäter zu warten, Gott werden oder Tier. Kriegenburg entscheidet sich für das Tier im Manne. Holofernes sticht erst alles um sich herum ab und zerrt sich dann sämtliche Blutmäntel über, bis er vor Kraft kaum noch laufen kann. Er verhöhnt, als sich selbst gottgleich wähnender Kriegsherr, die Götter der Ebräer und erniedrigt die vor ihm liegende und verzweifelt argumentierende Judith. Das wird als nicht enden wollender Schlammcatch-Ringkampf ausgeführt, bis Holofernes Judith schließlich zum eigentlichen Geschlechtsakt wegzerrt.
    Als einzige weitere Rolle steht oder besser kniet Bernd Moss als Judiths Magd Mirza neben dem Geschehen und barmt mit ihr um die Wette. Von der aufsteigenden, enttäuschten Wut der Judith auf ihren Schänder ist dann nichts mehr wirklich zu sehen. Kriegenburgs Weltschmerz überträgt sich auf seine Darstellerin und diese muss den Zorn wieder mit einem Bild beweisen, indem sich Katharina-Marie Schubert mit Theaterblut „Hass“ auf den Bauch schreibt. Die eigentliche Tat der Enthauptung findet nach Umsturz der Bühnenrückwand im Hintergrund statt, indem sich Judith auf das Schwert des Holofernes setzt, das dem schlafenden dann im Hals steckt. Das ist ganz großes Schmerzgetue und die Zweifel der Judith an ihrer Tat werden in den Versen Hebbels zur großen Anklage gegen alles Übel dieser Welt. „Wehe, sie werden mich rühmen!“ Das zeigt dann aber Kriegenburg nicht mehr und was er eigentlich zum Dilemma der Judith zu sagen hat, geht im Bildmatsch der Inszenierung unter. Es bleibt zu hoffen, das er schnellst möglich wieder aus seiner Trauergruft heraussteigt und zur Leichtigkeit seiner früheren Bilderräusche zurück findet. Dabei muss er ja sein Gewissen nicht in der Garderobe lassen, aber nur Aufschminken ist auch keine Lösung.

    Das Höchste und das Tiefste

    Kein Gewissen zu haben, bezeichnet das Höchste und Tiefste,
    Denn es erlischt nur im Gott, doch es verstummt auch im Tier.

    Friedrich Hebbel

  • Der Lenz ist da – Zum Welttag der Poesie

    Veronika, der Lenz ist da,
    Wer sänge da nicht tralala?
    Die ganze Welt bald ausgeext,
    Die atomare Wolke wächst.
    Veronika, mir ist so grün,
    Drum lass uns rasch nach Grönland fliehn,
    Wo Eisbärn noch in Freiheit ziehn.
    Sogar der Großpapa
    Sagt zu der Großmama:
    „Veronika, warum sind wir noch da,
    Veronika, Veronika, wie lang noch da?“

    Veronika, der Lenz ist da,
    Die Nato fliegt nach Afrika.
    Die ganze Welt schaut wie verhext,
    nur auf den neusten Videotext.
    Gaddafi ist der Welt nicht grün,
    Soll er doch an dem Südpol fliehn,
    Zum schwarz befrackten Pinguin.
    Sogar der Opapa
    Sagt zu dem Obama:
    „Barack, sieh mal, der Lenz ist da,
    Barack, Barack, flieg doch nach Alaska!“

    Veronika, der Lenz ist da,
    Das ist doch wirklich sonnenklar.
    Der Eine hier, der Andre da,
    Die ganze Welt wär wunderbar.
    Veronika, es sei verziehn,
    Ob Wolke, Eisbär, Pinguin,
    Dass sie so schnell vorüberziehn.
    Sogar der Großpapa
    Sagt zu der Großmama:
    „Veronika, der Lenz ist da,
    Veronika, Veronika,
    Die ganze Welt dem Wahnsinn nah!“

    frei nach dem Song der Comedian Harmonists

  • Pimp my Car oder mit Sloterdijk auf dem Rücksitz – Das Jubiläums-F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

    Das Festival Internationale Neue Dramatik ist im 10ten Jahr und Schaubühnen-Hausherr Thomas Ostermeier bot innerhalb von 10 Tagen alles auf, was zur Zeit international Rang und Namen hat. Neben Festivalgrößen der letzten Jahre wie Wajdi Mouawad mit seinem neusten Stück „Zeit“, Alvis Hermanis mit „Schukschins Erzählungen“ und Rodrigo Garcia mit einem Solostück für Lars Eidinger, sind Raritäten wie der israelische Autor Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen und Neuheiten von Autoren wie Paul Brodowsky und Marie NDiaye oder jungen Regisseuren wie Johannes von Matuschka und Kirill Serebrennikov am Start. Das alles findet diesmal fast ausnahmslos mit bereits fertigen Inszenierungen statt, szenische Lesungen wie in den letzten Jahren sind leider Mangelware. Dafür gibt es Workshops für junge Regisseure  und Stückeschreiber, deren Ergebnisse rund um das offizielle Programm zu sehen sind. Zwei der neuen Stücke sind Hausproduktionen und gehen dann auch in den Spielplan der Schaubühne über.

    Im Stück des argentinischen Autors Rodrigo Garcia „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ hebt ein Vater all sein Geld (2.000,- €) von der Bank ab und bricht mit seinen zwei Söhnen, die eigentlich lieber ins Disneyland Paris wollen, zu einem Trip nach Madrid auf, um nachts in den Prado einzusteigen und sich die Gemälde von Goya anzusehen. Aber nicht einfach nur so, sie machen einen ganzen großen Kult daraus im Glitzer-Taxi, das auf der Bühne steht, mit Rotwein, Seranoschinken und Philosophie bis zum Abwinken. Denn es fährt noch der Großphilosoph Peter Sloterdijk auf dem Rücksitz mit, den man mit lukullischen und monetären Versprechungen nach Madrid gelockt hat. Ganz große Kunst also, nicht einfach nur Fußballstadion und Bier saufen, nein der kleine Mann geht stilvoll zu Grunde.
    Eine Paraderolle für Lars Eidinger, im Bärenfellkostüm monologisiert er sich durch den schrägen Text von Garcia. Zu Anfang fallen ihm kiloweise Bücher aus dem Pelz, befreit von all der kulturellen Last, philosophiert er frei über den (Un)Sinn des Lebens und verfehlte Kindererziehung. Der Nachwuchs ist nicht besonders begeisterungsfähig und hält nicht viel von dem Plan in Madrid nur Bilder von Goya anzusehen, aber Papa hat für genügend Unterhaltung inklusive Drogen und geplantem Puff-Besuch gesorgt. Der vom Flieger abgeholte Sloterdijk steckt auf der Bühne in einem Sack und verheddert sich auf Band in seinen eigenen Kunst-Phrasen.
    Eidinger geht in die Vollen, legt Technosound auf, der direkt in die Magengrube wummert, balanciert auf Büchertürmen und pflanzt die Bücher zum Schluss wie kleine Gräber auf den Kunstrasen, die er liebevoll gießt. Ein Abgesang auf „Sinn und Verstand“ unserer Gesellschaft, der Sturz ins 100%ige Chaos ohne irgendeine Absicherung. Rodrigo Garcia hat eine schöne kleine Satire über verlorene Werte und die Sehnsucht nach einem echtem Leben in einer medial zugemüllten Welt mit jeder Menge selbsternannter Heilsbringer und Propheten geschrieben.

    Ein Bärenkostüm gibt es auch in der zweiten Schaubühnenproduktion „Regen in Neukölln“ des jungen Autors Paul Brodowsky in einer Inszenierung von Friederike Heller. Der Autor schickt 6 mehr oder minder verstörte Figuren und einen Stadtfuchs durch die Berliner Sommernacht, immer wieder zusammenprallend, den Staub der Pflastersteine schmeckend und sich schließlich im alles reinigenden Regen wieder findend.
    Entfernt erinnert das an Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“. Hier nun das Gegenstück, das alten West-Berlin, in dem sich der schwerst berlinernde Taxifahrer Karl-Heinz (Ernst Stötzner) und ein Scherenschleifer (Sebastian Nakajew), dem ein Fuchs einst in den Trümmern Berlins den Finger abgebissen hat und der nun im besagten Eisbärenkostüm auf der ständigen Suche nach einem Stadtfuchs ist, schon lange nicht mehr zurecht finden. Dieser ganz kultivierte Fuchs (Niels Bormann) sitzt auf den als langen Laufsteg die Bühne ausfüllenden Berliner Gehwegplatten und lässt sich im Anzug die Reste der anderen mit Messer und Gabel schmecken.
    Hanife (Eva Meckbach) ist ein selbstbewusste junge Araberin, die mit dem als Model verdienten Geld ihren Vater Ibrahim (Urs Jucker) aushalten muss, der natürlich als Mann darunter leidet und alle Leute mit zweifelhaften Geschichten um Geld anpumpt und ständig nach Hause telefonieren will. Franz Hartwig und Luise Wolfram sind ein junges Pärchen, das sich in der Disco kennen lernt und nicht richtig zueinander finden will. Marten, der Computer-Freak, verfällt dabei ständig in ein Art jandelndes Buchstabenwechsel-Kauderwelsch und das Disco-Girl Ella ist schon wieder auf dem nächsten Trip und landet schließlich vor Kallis Taxi und auf dem harten Bordstein. Überhaupt scheint Sprache hier das Problem und Kommunikation eher die Missverständnisse noch weiter zu befördern. Der Stoff (oder Stiff) ist leider oft etwas dünn, aber nicht uninteressant. Friederike Heller nimmt es locker und versucht Figuren und Stück in eine leicht übertriebene Komik zu retten.

    Komik ist auch das Hauptelement im Stück „Morris Schimmel“ des leider früh verstorbenen israelischen Autors Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen, bekannt durch ihre Inszenierung „Die Dritte Generation“. Hier ist es die zweite, die sich noch nicht von den Eltern, den Überlebenden des Holocaust emanzipiert hat.
    Der 40jährige Morris lebt noch bei seiner Mutter Tollebraine, die ihn liebevoll bevormundet und damit noch seine Antriebslosigkeit befördert. Mit seinen Kumpeln lebt er in den Tag hinein und hat große Pläne von einer Heirat mit seiner Nachbarin Choledonka oder einer Reise nach Schweden. Als sein Vater Gumperts stirbt bricht für die Mutter ein Welt zusammen und es wird noch einmal einige Zeit vergehen, bis Morris nach dem Tod der Mutter endlich Israel verlässt und nach Schweden aufbricht. Nach seiner Rückkehr ist alles wie zuvor, nur das alle älter sind und die junge Joggerin, der er immer nachgelaufen ist, deutlich mehr Pfunde auf den Hüften hat.
    Ein absurder Reigen über verpasste Lebenschancen und das konsequente Ablehnen jeglicher Lösungsansätze. Der Weisheit letzter Schluss fällt aus dem Mund des sterbenden Vaters und heißt „Buchweizengrütze“. Der verkappte Heilsbringer namens Heine-Mareine Bitterfeld, der die Antwort auf alle Fragen bringen soll, gibt aber auch nichts weiter als seinen Namen preis. Das Stück ist mit jeder Menge herrlichem jüdischen Sprachwitz gespickt und hat auch wirklich tolle Schauspieler, leider nickt man trotzdem auf Dauer etwas weg.

    Ein echtes Kontrastprogramm dann zur späten Stunde im „Sport“-Studio der Schaubühne. „Penthesilea, Außer Atem“ heißt das Stück, das der Regisseure Johannes von Matuschka mit Schülern des ersten Abschlussjahrgangs der Schauspielschule des Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine einstudiert hat. Bei Kleist Penthesilea rennt man ja wohl traditionell an der Schaubühne im Kreis, hier hatte dieser Kreis als Kampfarena aber auch einen handfesten Sinn, nicht nur als Symbolik für das ewig andauernde sinnlose Anrennen gegen die eigene Natur und festgefahrene Rituale. Ein wenig erinnert das an „Penthesilea und Achill“ vom Gefängnistheater Aufbruch, da die Rollen der Hauptprotagonisten auch mal von allen übernommen werden, aber es wurde nicht der klassische Chor propagiert, sondern schon der Kampf des einzelnen Individuums in der Gruppe gezeigt. Klasse Aufführung, man war schlagartig wieder hell wach.
    Das bekannte Thema der Amazonenkönigin Penthesilea und ihrer bedingungslosen Lieben zum Griechischen Kämpfer Achill wird hier zum auch innerhalb der Geschlechter herrschenden Kampf um Macht in einer klar hierarchischen Struktur mit Eifersucht und Unterwerfungszwang dargestellt. Ein klares Besitzstands- und Gruppendenken bis zur Selbstauslöschung. Eine wirkliche Befreiung von den Konventionen findet nach nicht statt, es gibt keine Sieger nur Unterlegene. Das Spiel der Darsteller/innen zeigt doch auch sehr viel Zweifel an den eingeübten Rollenbildern. In den männlichen Rollen, zeigt sich die ganze Bandbreite männlichen Verhaltens. Einerseits der Macho und Frauenverächter, dann der Anführertyp und Machtmensch und andererseits der nachdenkliche Vermittler, der genüssliche Beobachter, der Mitläufer und schließlich der schüchterne Stotterer, der von beiden Seiten hochgezogen wird und dann in seinem verletzten Stolz unbeholfen überreagiert. In Gebärszenen mit Äpfeln wird der Wahnsinn der Auslese der Amazonen dargestellt. Die guten (weiblich) ins Töpfchen die schlechten am Stiel (männlich), werden zu Fallobst. Selbstbewusst wirken die Amazonen, aber auch sie verkörpern deshalb noch keine wirkliche Einheit.
    Bei all der Athletik bleiben die Protagonisten erstaunlich nahe am Kleistschen Text. Die Inszenierung findet immer wieder sehr treffende Bilder, schon am Anfang wenn alle nebeneinander stehen und durch die aufgesetzten Gasmasken versuchen Zärtlichkeiten auszutauschen. Erst wenn die Masken fallen, können die wahren Gefühle heraus, andererseits ist es aber oft auch besser die Maske auf zu behalten. Lieben und Verletzen liegen eben dicht beieinander, original Kleist: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.“

    Am letzten Wochenende wurden dann kleine Minidramen vor den Türen der Schaubühne in extra dafür aufgemotzten Autos und Crashcars gezeigt. „Confessions“ heißt das Projekt, in dem sieben junge Autoren unter der Regie von Jan-Christoph Gockel mit Schuldgeständnissen und Glaubensbekenntnissen experimentierten.
    Das Studio ist am Abend fest in russischer Hand. In „Otmorozki“ (die Abgebrühten) von den Autoren Zakhar Prilepin und Kirill Serebrennikov begehren junge Russen gegen das System der korrupten Regierung mit ihrem Machtapparat auf. Geboren in den 80igern und aufgewachsen in den 90er Jahren voll Kriminalität und Gewalt, suchen sie ihren Platz in der neuen Gesellschaft. Der Protagonist Grischa ist zwischen der Möglichkeit mitzumachen oder für Gerechtigkeit zu kämpfen hin und hergerissen. Erfahrungen wie Freundschaft und erste Liebe einerseits sowie Verrat, Tod, die Unterdrückung und Repression der Polizei anderseits lassen ihn schließlich auf die Barrikaden gehen.
    Ein sehr kraftvolle Inszenierung von Kirill Serebrennikov mit Schülern des Moskauer Künstlertheaters Mchat. Auf der Bühne werden Absperrgitter hin- und hergeschoben und die jungen Wilden skandieren vor den knüppelnden Omon-Leuten immer wieder „Revolutzia“. Als Grischa mit seinen Freunden schließlich zur Waffe greift und eine Polizeistation einnimmt eskaliert die Gewalt. Leider wird nicht ganz klar, was die Jungendlichen eigentlich außer Gerechtigkeit noch wollen. Es bleibt etwas im Dunkeln, genau wie die schlecht positionierten Übertitel im Gegenlicht der grellen Neonröhren an der Decke, die die Situation überstrahlen.
    Da dürfte es im Haupthaus beim lettischen Regisseur Alvis Hermanis und „Schukschins Erzählungen“ etwas ruhiger zugegangen sein. Die Inszenierung, die schon 2009 bei den Wiener Festwochen gastierte, beschreibt in acht kurzen Szenen das russische Landleben in einem sowjetischen Kolchos. Vor naturalistischer Fototapete geben die Schauspieler des Moskauer Theaters der Nationen Liebe, Eifersucht, Klatsch und anderes Kurioses nicht ohne russische Klischees mit Tanz und Musik zum Besten. Das ist witzig gemacht und hat mit der bekannten Filmschauspielerin Chulpan Hamatowa auch ein charmantes Zugpferd.
    Und auf ein weiteres Ereignis im Spielplan der nächsten Schaubühnensaison kann man sich schon freuen. Yael Ronen studiert gerade ein neues Projekt mit den Protagonisten der „Dritten Generation“ ein. Erste Ergebnisse des Stücks „The Day Before the Last Day” gab es auf dem F.I.N.D. schon mal vorab zu sehen. Es geht diesmal um die Zukunft, natürlich auch wieder um religiösen Fanatismus und die apokalyptischen Visionen aller großen Weltreligionen. Na wenn das nichts brennend Aktuelles ist?!

  • Claus Peymann veranstaltet große Bernhardfestspiele am Berliner Ensemble und bestätigt damit wieder mal dessen Ruf als Theatermuseum.

    Claus Peymann hat pünktlich zum 80sten Geburtstag des leider zu früh verstorbenen österreichischen Dramatikers Thomas Bernhard im gesamten Haus die Bernhard-Festspiele ausgerufen. Da er in Bochum, Wien und auch am BE schon so ziemlich alle Bernhard-Klassiker aufgeführt hat, musste zum Jubiläum nun einfach etwas Kompliziertes her. Die Wahl viel auf „Einfach Kompliziert“ und mit diesem Stück, in Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, stellt sich Peymann nun einen besonders schönen Pokal in die Vitrine. Das Strahlende an diesem neuen Solitär ist sicherlich, dass er für die Rolle des alternden zwischen vergangenem Ruhm und Selbstkasteiung gefangenen Mimen, nach Klaus-Maria Brandauer, wieder einen hochkarätigen Burgtheaterschauspieler präsentieren kann.

    dsc03804.JPG Gert Voss am BE. Foto: St. B.

    Gert Voss steht bzw. liegt am Anfang auf den Knien in einem geschwungenen Tortenstück als Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann, das spitz in den kleinen Zuschauerraum des BE ragt. Die Wände dieser Klause sind hoch und von schäbig bröckelnder Farbe bedeckt, ein großes Fenster suggeriert Tageslichteinfall. Da liegt er nun also auf den Knien und hämmert gegen die Fußleiste und die verflixte Mäuseplage an. „Die Mäuse sind übriggeblieben, Alle weggestorben ausnahmslos …“ „Wir haben alle unsere Talente verkümmern lassen … Aus dem Herzen eine Mördergrube gemacht.“ Und so geht es weiter, die ganze Litanei eines alten Schauspielers über das vergangene Leben, verpasste Chancen, einst Geliebtes wie Goethe oder Schopenhauer ist ihm nun verhasst, ein einsames Warten auf den Tod mit immer gleichen Tagesabläufen, unterbrochen nur durch ein kleines Mädchen, das ihm Milch bringt, die er eigentlich nicht mag und immer wieder wegschüttet.
    Das Stück hat Thomas Bernhard für den Schauspieler Bernhard Minetti zu dessen 80sten Geburtstag geschrieben, nun führt es Claus Peymann zum 80sten Bernhards wieder auf. 1986 hatte das Stück am Schillertheater in der Regie von Klaus André Uraufführung, Minetti spielte die Rolle selbst. Die Regieanweisungen Bernhards sind klar und seit damals nicht geändert worden, auch Peymann vermeidet das bewusst und so wird Voss zwangsläufig zur Minetti-Karrikatur bis hin zur Krone Richard III., die der alte Schauspieler im Stück für seine Rolle in Duisburg als Andenken überreicht bekommen hat. Voss gestikuliert, wirft Schattenbilder, schwingt den Hammer und rotzt gekonnt die Rolle hin, philosophiert aber auch bisweilen zu aufgesetzt und sonnt sich übertrieben in ihr. Zwischentöne werden gelegentlich weggenuschelt, der Text aber Wort für Wort deklamiert. Komödie oder Tragödie, das ist immer die Frage bei Bernhard, auch Peymann kann sich hier nicht wirklich entscheiden, er überlässt Voss die Regie und dieser dankte es ihm als geübter Bernharddarsteller mit routiniertem Spiel. Es ist schade, dass dabei nicht mehr herauskommt als eine Kopie, Minetti ist allgegenwärtig, Voss müht sich redlich diesem Vergleich zu entkommen, den Gedanken an den großen Mimen Bernhard Minetti wird man aber trotzdem den ganzen Abend nicht los.

    Keine Probleme mit der Frage Tragödie oder Komödie, Original oder Kopie hat dagegen der Peymann-Zweitverwerter Philip Tiedemann, der bereits im Dezember letzten Jahres als Ouvertüre zum Bernhardjubiläum dessen selten gespielte Hochseekomödientragödie „Immanuel Kant“ gnadenlos als Klamotte aufführte. Im Stück fährt ein Professor mit dem gleichen Namen wie der große Königsberger Philosoph mit dem Dampfer von Europa nach Amerika, um sich dort die Augen operieren zu lassen. Im Gepäck hat er seine Frau und seinen minderbemittelten Bruder Ernst Ludwig, den er als Diener gebraucht und unablässig schikaniert, jede Menge Bernhardsche Hasstiraden loslässt, natürlich philosophiert und einen Papagei namens Friedrich in einem verhängten Käfig als sein schützenswertes Gedächtnis ansieht, das ständig „Imperativ, Imperativ“ rufen muss.
    Das Ganze spielt auf schwankender Plattform, da hohe See, am Hintergrund ist der Dampfer angedeutet, das Personal schwebt auch mal an langen Strippen vorbei und ständig hat man das Tuten des Nebelhorns im Ohr. Die Rolle des grantelnden Philosophen sollte erst Christian Grashof übernehmen, wurde aber nach Unstimmigkeiten von Norbert Stöß ersetzt, was besser gewesen wäre, scheint bei dieser Nichtregie eigentlich auch egal. Stöß liegt im Liegestuhl und hat weiter nicht zu tun als zu kommandieren, lamentieren und den Irren zu spielen. Ursula Höpfner, als seine Frau und Martin Schneider als Bruder, haben dies zu ertragen und ansonsten nichts weiter zu bestellen. Für den großen Spaß sorgen die Schiffbesatzung und Carmen-Maja Antoni als überdrehte amerikanische Millionärin mit rostiger Kniescheibe, die dem Anachronismus Theater lieber ein heißes Fußbad vorzieht und ansonsten ordentlich Kalauern und Chargieren darf.
    Der Witz an dem eher schwächeren Bernhard-Stück ist, dass eigentlich alle eine Knall haben und auf den großen Philosophen in Amerika schon die Zwangsjacke wartet. Der Blinde, der das Licht der Aufklärung nach Amerika bringen will. Diese Abgründe umschifft Tiedemann gekonnt, wie die Untiefen in scheinbar bekannter See, und lässt die ganze Personage von Anfang bis Ende eine Slapstick-Nummer nach der anderen aufführen, bis zum finalen Sing-Sang mit Lampion. Unter dem Tuch über dem Käfig ist aber nichts, der Vogel ist ausgeflogen und der Sinn über Bord gegangen, die Chose läuft gewaltig auf Grund oder auch Land unter am BE.

    Zum Jubiläum des Dramatikers gehört natürlich auch eine entsprechende Bernhard-Werkschau. Claus Peymann lässt sie im gesamten Haus des BE ausrichten. Das sehr umfangreiche Programmbuch zur Aufführung von „Einfach Kompliziert“ dient dazu als Katalog. Die Ausstellung ist in 5 Teile gegliedert, Bernhard Lebensbilder mit vielen Fotos aus dem Bernhard-Archiv und u.a. auch vom Fotografen Sepp Dreissinger im Weigel-Zimmer, Fotos von Bernhard-Inszenierungen am BE in der Kantine und Die Räume des Bernhard-Bühnenbildners Karl-Ernst Herrmann im Aufricht-Zimmer. Besonders interessant sind die Fotografien von Bernhards Theater im Rang-Foyer, eine fast lückenlose Dokumentation von Bernhard-Inszenierungen von 1960 bis heute. Ein Wiedersehen mit so bekannten Theaterschauspielern wie Bruno Ganz, Ulrich Wildgruber, Otto Sander, Therese Affolter, Marianne Hoppe, Kirsten Dene, Ilse Ritter, Gert Voss und natürlich Bernhard Minetti in Inszenierungen von Dieter Dorn, Ernst Wendt, Alfred Kirchner, Uwe Jens Jensen, Philip Tiedemann sowie dem Hausherrn des BE Claus Peymann selbst. Und noch ein großer Bernhard-Mime ist hier immer wieder vertreten, der 2009 verstorbene Traugott Buhre. Viele Fotos und einige Videos zeigen ihn in seinen unvergessenen Rollen wie in „Der Schein trügt“, „Der Theatermacher“, „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, „Der Deutsche Mittagstisch“ und „Vor dem Ruhestand“.
    Für Brechts Turmzimmer hat sich Claus Peymann aber etwas ganz besonderes ausgedacht. Es ist der lückenlosen Dokumentation des Burgtheaterskandals um die Uraufführung des Stückes „Heldenplatz“ gewidmet. Das Stück und der Autor, obwohl in großer Fotografie anwesend, spielen dabei aber eher eine untergeordnete Rolle. Peymann feiert sich hier vielmehr selbst, in 26 Fotos, 50 Schlagzeilen und mehreren Originaldokumenten sowie Mitschnitten von Publikumsreaktionen geht es nicht etwa um den verhassten Nestbeschmutzer Bernhard, sondern viel mehr um die Herausstellung der Tat Peymanns dieses Werk auf der Bühne der Burg durchgesetzt zu haben. Der Skandal um des Skandal Willens, eine Attitüde, die sich durch Peymanns Intendanzen seit der Stuttgarter Zeit zieht. Der Skandal in Berlin scheint aber immer mehr die Tatsache zu sein, das BE zur Archivierung seiner Arbeiten zu missbrauchen sowie seinen Regiestil zu konservieren. Man spricht zu Recht immer mehr von einem Theatermuseum. Viele von Peymanns alten Inszenierungen wurden hier wieder aufgewärmt und dazu gesellte sich noch eine eher unkritische Aneignung der Werke Brechts.
    Demnächst wird am BE wieder Brecht verhandelt. Manfred Karge, der erst kürzlich Hans Eisler für sich entdeckt hat, inszeniert die Umstände um das Verbot der Brecht-Dessau-Oper „Das Verhör des Lukullus“ in „Der Lukullus-Skandal“ einer Collage von Werner Hecht. Der Autor und Brecht-Experte äußerte sich dazu schon in der Berliner Zeitung. Man wird sehen, ob ein nachdenklicherer Umgang mit Brecht wieder ins Haus Einzug hält oder nach den Bernhardfestspielen nun wieder Brecht gehuldigt werden soll.

    „Wir existieren nur, wenn wir sozusagen der Mittelpunkt der Welt sind.“ Thomas Bernhard aus Einfach Kompliziert