Nun, man kann von Shakespeares Romeo und Julia ja so einiges halten, ein wohl bekannter Kritiker hält es sogar für eine große Scharteke. Das es aber auch zum veritablen Gefühlsverwirrungsspiel reicht, hätte man erst mal nicht für möglich gehalten. In Potsdam beweist genau das nun Schauspieler Buno Catomas. Erst vor kurzem tobte er noch als liebes- und geschlechtsverwirrter Sir Toby Rülp in Jan Bosses Was ihr Wollt über die Bühne des Thalia Theaters in Hamburg und nun versucht er sich mal eben selbst als Regisseur eines Shakespeare-Klassikers.
Romeo und Julia ist nun der Liebes- und Schmachtfetzen unter Shakespeare Stücken schlechthin, Romeo stürzt sich aus unerfüllter Liebe ins Vergnügend, erblickt auf einem Fest Julia und verfällt ihr augenblicklich, der Rest ist bekannt, man muss zum Inhalt nicht mehr allzu viel sagen, er ist sogar den eher theaterfernen Kreisen nicht erst seit Leonardo DiCaprio durchaus geläufig. Die neuesten Versionen dieses Stückes, dieser der bedingungslosen Liebe verfallenen Teenager zwischen zwei bis auf Blut verfeindeten Familien in Verona, chargieren zwischen Schwulst und Klamauk mit allerlei modernisierenden Mätzchen wie Hip-Hop, Jugendgangs und Ähnlichem. Cathomas will nun die ehrliche große Emotion in den Vordergrund stellen, die absolute Liebe in all ihrem Pathos. Und das wird erst mal ungeniert und fett behauptet, von allen Beteiligten in teilweise kurioser Überzeichnung. Überall Liebessehnsucht und -wahn, mit melancholischer, stimmungsvoller Tangomusik pinselt Cathomas satt nach und das scheint durchaus gewollt. Er vollzieht gekonnt einen Spagat zwischen Kitsch, Klamauk und großen Gefühlen.
Es wird allen Arten der Liebe Platz eingeräumt, die Mutter Julias, Elzemarieke de Vos als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, ist unglücklich verheiratet mit einem golfspielenden, dauerkalauernden Irren, grandios Wolfgang Vogler als Capuletkarikatur, dessen Wutausbruch über die ungehorsame Tochter, die Säulen des Pappmachebühnenbilds von Thomas Giger zum Krachen bringen. Ähnliches sah ich nur in Sieben Sommersprossen von Regisseur Herrmann Zschoche, ein DEFA-Film über eine Schülergruppe, die im Sommerlager Shakespeares Stück aufführt und sich darin gefühlsmäßig verstrickt. Und so haben auch hier einige eine unerfüllte Sehnsucht, allen voran Lady Capulet, die dem ihrer Tochter angedachten Bräutigam Paris (Jan Dose) hinterher schmachtet und im Hochzeitswahn die Brautinsignien etwas Altes, etwas Neues, etwas Blaues selbst anzieht. Das Geliehene fehlt aber als Zeichen des Glücks, das sie nicht erreichen kann. Auch die Amme (Meike Fink) findet das gestandene Mannsbild Paris interessanter als den Hänfling Romeo, eher auch blass Eddie Irle, der aber in seiner Liebesraserei den Nebenbuhler schließlich ins Jenseits befördert.
Gestorben wird ja in Romeo und Julia auch mit viel Pathos. Erstes Opfer der Familienfehde ist bekanntlich Romeofreund Mercutio, der sich erst mit seinem Kumpel Benvolio (Florian Schmidtke) noch einige lustige Kapriolen, wie Einkaufstaschen- und Fliegenslapstick leisten darf. Holger Bühlow hat sich nach seiner grandiosen Darstellung des Christians im Turm zum Potsdamer Publikumsliebling gemausert. Das Vorgeplänkel zum Duell mit Streithahn Tybalt wird zum brüllend komischen Versuch dem Unausweichlichen u.a. mit einer Wasserpistole aus dem Weg zu gehen, Mercutio zieht schließlich bekannter Maßen den Kürzeren und auch Tybalt wird dann von Romeo regelrecht hingewürgt.
Die leiseren Töne gibt es dann in den nicht fehlen dürfenden Liebesszenen des jungen Paares, hier auf eine Leiter an der dreistöckigen Bühnenbildwand mit lauter Öffnungen. Die Julia der Juliane Götz ist die einzige, die ihre große Liebe lebt und wahrhaft artikuliert. Die Szenen mit ihrem Romeo gehören zu den wirklich anrührenden des Abends. Zur ersten Liebesnacht verkriechen sich beide in einem großen Shirt, es wird später dann zum Totenbett der beiden. Hier steckt das große Pathos eine jungen Liebe, die nicht nach einem Warum oder Wofür fragt.
Und noch einem wird in dieser Inszenierung eine zentrale Rolle eingeräumt, René Schwittay als Bruder Lorenzo philosophiert haareraufend an der Bühnenrampe über die Unerklärbarkeit der Emotionen wie Liebe und Hass und durch was sie ausgelöst werden. Ansonsten sitzt er in seiner Junggesellen-Klause auf einem wahrscheinlich aus lauter Liebesromanen bestehenden Bettlager und sieht dem Geschehen fassungslos kopfschüttelt zu. Ein Liebestor, der sich in seiner Einsamkeit vergraben hat, unfähig seine inneren Gefühle an die Frau (Amme) zu bringen. Zu mehr als einer beiläufigen Einladung zu einem Drink reicht es nicht, die Vergeblichkeit seiner Liebesbemühung ertränkt er mit Dosenbier. Bruno Cathomas schenkt ihm noch einen verzweifelten Schluss-Monolog über die unerfüllte Liebe. Ist das Pathos Liebe doch nur ein großes Missverständnis, Cathomas bleibt die Antwort bewusst schuldig. Es ist ihm kein großer Wurf, aber eine über weite Strecken einleuchtende Interpretation des klassischen Liebesstoffes gelungen. Man darf gespannt sein, wie sich Mona Kraushaar im Mai am Berliner Ensemble mit diesem Stoff schlägt. Bruno Cathomas hat noch etwas Platz unter der Latte gelassen.
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Himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt – Bruno Cathomas sucht am Potsdamer HOT das ganz große Pathos der Liebe in Shakespeares Romeo und Julia
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Wo is`n eigentlich Monteverdi?
Schauspiel-, Musik-, Regie- und Literaturstudenten aufgepasst! David Marton ist an der Schaubühne zu sehen, unbedingt hingehen, da könnt ihr was lernen. Da wird noch richtig zitiert, nicht so lasch wie bei der andcompany und ihrem Lenz im Loop. Hier steppt Homer und nicht der Bär, das gibt was her. Und wie geht das? Zuerst müsst ihr mal eure versiffte Studentenbude etwas aufräumen und die Pizzareste vom Herd kratzen. Es wird bio-italienisch gekocht und viel gerannt, denn ihr müsst fit sein. Den Rest für die Performance bekommt man auf dem Trödel am 17. Juni. Es werden benötigt: ein Dutzend alte Telefone, ein Hometrainer, rot-weißes Absperrband, ein Overheadprojektor, eine Marcel-Duchamp-Monografie und natürlich Bach- und Monteverdi-Platten. Wie man die digitalisiert oder zerscratcht, zeigen euch sicher Kalle Kalima und Michael Wilhelmi.
Gesangsunterricht zu nehmen wäre von Vorteil, ist aber nicht zwingend erforderlich. Unablässig ist aber das Studium folgender Philosophen: Jaques Derrida, wegen dem Dekonstruieren, Gilles Deleuze, wegen dem Anti-Ödipus und natürlich Kenntnisse zum Psychoanalytiker Félix Guattari, wegen der Wunsch- und im übertragenen Sinne der Jungesellenmaschine (siehe Duchamp). Puh, ganz schön anstrengend, zur Erholung trällert ihr dann einfach mal einen Blues oder geht zur Schizo-Analyse. So, danach geht es frisch an die Lektüre von Franz Kafka, Fernando Pessoa und Péter Esterházy. Es handelt sich nämlich wieder mal um Überväter und Söhne, die mit deren Mythos nicht klarkommen. Deshalb veranstaltet ihr auch sofort ein Brainstorming zum Thema: Wie bastele ich an einem Mythos. Vorzugsweise am eigenen natürlich.
Wer danach noch kindisch und doof nach Vati fragt, wird sofort von Mutti zum Zähneputzen und ins Bett geschickt. Ohne weibliche Begleitung versteht sich, davon könnt ihr die nächsten Jahre vielleicht mal träumen. Den ödipalen Komplex dürft ihr aber getrost vergessen, denn irgendwann ist Vati wieder da, ein alter Loser im Marlon-Brando-Look, mit dem eh keiner mehr gerechnet hatte. Ach so, das Stück heißt übrigens Die Heimkehr des Odysseus auch als Oper Il ritorno dUlisse in patria von Claudio Monteverdi (1567-1643) bekannt. Wer ist denn nun dieser Odysseus wieder? Das ist der einzige, der nicht singen, dafür aber richtig auf der Opposaune spielen kann. Und wer jetzt etwa noch fragt, Wo is`n eigentlich Monteverdi?, der wird sofort vom Regieteam vom Platz gestellt und muss vorzeitig zum Duschen. Wem das irgendwie zu hoch ist, dem empfehle ich den Besuch eines Marthaler-Abends, nur so`n fluffig, flockiger Nachahmer. -
Nora im Wolkenkuckucksheim – Henrik Ibsen am Maxim Gorki Theater Berlin
Jorinde Dröse rechnet mit der Elterngeneration in der Bundesrepublik der 70er Jahre ab, vergisst aber das gesellschaftliche Umfeld dieser Zeit zu beleuchten
Nora oder ein Puppenheim heißt Ibsens Stück über den Ausbruch einer Frau und Mutter aus ihrer Ehe am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Puppenhaus steht dabei für die Eingeschlossenheit in die herrschenden Konventionen der Gesellschaft und die Fremdbestimmung durch ihren konservativen Mann, der sich die Protagonistin zum Schluss entzieht. Ich muss herauskriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich. Jorinde Dröse verlegt das Stück in die Zeit ihrer Eltern, in die Bundesrepublik der 70er Jahre. Auch dort herrschten trotz der sexuellen Befreiung der 68er noch strenge einengende Rollenfestschreibungen in den Beziehungen zwischen Mann und Frau.
Vielleicht hätte man für diese Perspektive im Rang sitzen müssen, was ich auch diesmal getan habe, ganz zufällig eigentlich. Hier wird diese Puppenstube noch viel deutlicher. Dieser Blickwinkel fehlte den meisten Kritikern wahrscheinlich. Allerdings werden die Figuren schon ganz bewusst gelenkt und diese unsichtbare Hand trägt deutlich die Handschrift der Regisseurin. Es ist ihre ganz persönliche Sicht aus eigener Erfahrung heraus. Einen großen Experimentierkasten hat Jorinde Dröse hier aufgebaut, in dem sie die Figuren hin- und herschiebt, ordentlich durchdreht und dann ungebremst aufeinanderprallen lässt. Das wirkt spaßig und bisweilen unfertig wie noch auf der Probe. Es gibt keine vorhersehbare Dramaturgie, es ist alles sehr erfrischend und manchmal auch etwas chaotisch wie auf einem Kindergeburtstag. Aber das ist das Konzept, die genüssliche Sicht des ehemaligen Kindes auf die Fehler der Eltern, aber nicht nur mit einem Gefühl der Überlegenheit, sondern durchaus auch mit dem nötigen Ernst für die Situation.
Eine ungewöhnlich aufgekratzte Nora ist hier Hilke Altefrohne, eine die sehr wohl ihren Platz im Leben neben ihrem geliebten Torvald beansprucht, aber ansonsten eigentlich akribisch an der gutbürgerlichen Fassade und Einrichtung ihres kleinen Wolkenkuckucksheim-Glücks bastelt. Dass das dann an der Wahrheitspedanterie und den Konventionen ihres Mannes scheitern muss, wird ihr erst zu spät klar. Sie ist das große Kind, für das sie auch von Helmer gehalten wird, Peter Kurth spielt ihn locker, generös und ist dabei selbst noch ein großer Junge. Er bevormundet Nora und nimmt sie nicht ernst, siehe Running Gag mit der Süßigkeitentüte. Nora, die Konsumverrückte, die sich selbst noch für ihren Göttergatten als Geschenk verpackt. Ihre einzige wirkliche Kommunikationsanlaufstelle ist eigentlich Doktor Rank, Andreas Leupold darf hier auch sehr lustig sein, endet aber wie immer als tragische Randfigur mit Heulkrampf.
Dennoch ist diese allen psychologischen und hoch philosophischen Kram über Bord werfende Inszenierung sehr sympathisch. Man muss sich erst mal in diese überraschend unkonventionelle Herangehensweise einsehen. Jorinde Dröses führt uns nicht nur in eine andere Zeit, es ist für viele eine ganz andere Welt, die dort gezeigt wird. Aber in eine neue Perspektive kann man sich ja einsehen, auch wenn diese einigen etwas zu schräg geraten scheint. Es ist die Welt der Kinder, die da verständnislos neben dem Chaos der Eltern stehen und dabei emotional überfordert sind. Das Nachspielen der üblichen Phrasen zum Schluss macht das deutlich. Ein Schluss der es in sich hat. Nach der Entdeckung der Urkundenfälschung, die Nora für Torvald begangen hatte, um einen Kredit zu erhalten, der ihm schließlich das Leben rettete, läuft Peter Kurth rot an dreht sich wie ein Brummkreisel und zieht pfeifend imaginäre Trennlinien durch das Puppenhaus. Die Lebenslüge bricht zusammen und beide brechen aus der Enge des Raumes durch die Drehtür in einen Schneesturm hinaus, sich wüst beschimpfend. Die Kinder sitzend kichernd auf der leeren Bühne und äffen die Eltern nach.
Was danach passieren wird, ist also ein Rosenkrieg, der ja in Ibsens Nora so noch nicht angelegt war. Man kennt vielleicht aus einigen epischen bzw. dramatischen Werken die Versuche, zu beschrieben, wie denn der Werdegang der Nora nach dem Verlassen ihrer Familie aussehen könnte, wie zum Beispiel in Peter Handkes Die linkshändige Frau oder eben im Klassiker Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften von Elfriede Jelinek. All das interessiert Jorinde Dröse nicht. Und das ist für mich das eigentliche Problem der Inszenierung. Wer, und wenn auch nur aus der Erinnerung heraus, ein Stück in eine andere Zeit verlegt, sollte zumindest den Kontext zu dieser Zeit nicht vollends ausblenden. Gesellschaftliche Probleme und soziale Verwerfungen in Folge der Wirtschaftskrise dieser Jahre, werden nur in den Randfiguren, Kristine und Krogstad angeschnitten. Ihr Kampf, um alles in der Welt ein Stück vom Glück zu erhaschen, ist symptomatisch für diese Zeit.
Die Zeit der 70er Jahre in der Bundesrepublik war aber noch durch andere Kämpfe gekennzeichnet, deutscher Herbst, die Notstandsgesetze und nicht zuletzt die aufkommende Frauenbewegung mit ihrer Galionsfigur Alice Schwarzer, zum Beispiel mit Frauen gegen den § 218, Der kleine Unterschied und seine großen Folgen etc. Nach der Radikalisierung der 68er befand sich die Gesellschaft aber bereits wieder auf dem Rückzug ins Private und das ist die eigentliche Parallele zu unserer Zeit, dieses wohl sozialdemokratische Element des Hineinrückens in die Mitte. Man muss das in Nora nicht unbedingt thematisieren, aber als Bezug zu den 70ern sollte es nicht ganz außer Acht gelassen werden. So ist Jorinde Döse zwar eine leichte und spielerisch überzeugende neue Sicht auf die Figuren in Ibsens Nora gelungen, aber letztendlich bleibt diese Inszenierung eben auch nur ein entpolitisiertes Stück normale Bürgerlichkeit. -
Oh Finnland, Deine Männer! – Dimiter Gotscheff zeigt Aki Kaurismäkis Mann ohne Vergangenheit in langatmigen Clownsnummern
Irgendwann ruft Margit Bendokat diesen Satz aus, nachdem sich die finnischen Männer ihrer Lieblingsbeschäftigung dem Alkoholtrinken hingegeben haben. Die Männer kommen in Aki Kaurismäkis Filmen nie besonders gut weg. Meist steuern sie stoisch schweigend aber konsequent irgendeiner unaufhaltsamen Katastrophe entgegen. Das geschieht aber nie ohne einen Anflug von Komik. Kaurismäkis Filme zeichnen sich durch eine recht undramatische Handlung mit sparsamen Dialogen aus, das dicke Ende kommt meist zum Schluss. Vom Neorealismus beeinflusst, entwickelt er seine minimalistischen Einstellungen ähnlich den Filmen von Jim Jarmusch in unspektakulären schwarz-weiß Bildern. Kaurismäki ist ein unverbesserlicher Pessimist mit einem lachenden Auge. Man nennt das wohl Melancholie, er bezeichnet sich selbst eher als manisch depressiv. Um so verwunderlicher, dass er mit dem Film Der Mann ohne Vergangenheit ein Märchen vom Rande der Gesellschaft mit einem kleinen Happy End in zarten, farbigen Bildern gemalt hat.
Ein Mann wird brutal zusammengeschlagen, verliert dabei sein Gedächtnis und muss in einer Containersiedlung unter lauter verkrachten Existenzen ein neues Leben beginnen. Das gelingt ihm trotz der Knüppel, die dem Namenlosem durch die gesellschaftlichen Institutionen wie Kirche, Arbeitsamt und Bank immer wieder zwischen die Beine geworfen werden, mit Hilfe der Solidarität der anderen Containerbewohner und eigener Beharrlichkeit. Der Film ist eine Art Stationendrama, ein Glaube-Liebe-Hoffnung-Stoff auf finnisch und durchaus geeignet für die Umsetzung auf der Theaterbühne. Dimiter Gotscheff versucht sich nun nach Die Chinesin von Godard, einem Vorbild Kaurismäkis, mit seiner zweiten Filmadaption in dieser Spielzeit. Das Ergebnis ist leider ernüchternd. Stephan Kimmig ist bereits mit dem Kaursismäki-Film Wolken ziehen vorüber 2004 am DT mit vorwiegend stummen Bildern gescheitert. Gotscheffs Inszenierung ist da redseliger, die stummen Passagen des Films wie den Überfall auf den Protagonisten M, lässt er zu Beginn durch Samuel Finzi, in typischer Kaurismäki-Aufmachung, erzählen. Das geschieht noch einige Male an diesem Abend und wirkt wie eine Audiotranskription eines Films für Blinde. Das ist eines der Mankos dieser Inszenierung, dass die Stimmung des Films nicht auf der Bühne umsetzbar ist.
Der Minimalismus von Kaurismäki kommt noch am besten zum Ausdruck, durch das wieder sehr sparsame Bühnenbild von Katrin Brack, mit einer überdimensionalen Peitschenlaterne und mehreren großen Plastiktaschen als Containerbehausungen. Das gibt Raum für einige sehr lustige Slapsticknummern, wie die Einweihungsparty der Containertasche von M, einer Saunaszene mit rauchenden Taschen und einer Tasche als Umkleidekabine. Wolfram Koch als M gelingt noch am ehesten der lakonische Ton des Films, die Anderen, allen voran Samuel Finzi in mehreren Rollen, karikieren ihre Figuren nur in clownesken Szenenfolgen. Keiner der Protagonisten vermag ihnen wirklich Leben einzuhauchen. Unnötig wirken auch die vielen Bibelzitate, die das Geschehen nur zusätzlich grotesk aufladen. Einzig eine Szene kann überzeugen, wenn sich M und die von Almut Zilcher etwas übertrieben als spätes Mädchen gespielte Heilsarmistin Irma langsam näher kommen. Dabei fungiert der Hund Hannibal als Kuppler. Das ist der Clou der Inszenierung, den Hund des geldgeilen Vermieters Anttila (sehr laut Michael Schweighöfer) als unterwürfigen Menschen, dargestellt von Andreas Döhler, auftreten zu lassen, der später aber auf sein altes Herrchen pissen wird.
Mehr vermag Gotscheff nicht aus der Vorlage zu machen, der Abend ist mit über 2 Stunden viel zu lang und sogar streckenweise regelrecht langatmig. Wohltuend da eher noch die musikalische Begleitung mit einer Band, die finnischen Tango, Chanson und Blues mischt, getanzt darf auch mal werden, ein märchenhafter Zauber entwickelt sich aber dennoch nicht. Gotscheff verwechselt Melancholie mit Langeweile und lässt seine Protagonisten lieber bedeutungsschwanger an der Rampe stehen und ins Publikum starren. Kaurismäkis subtiler, trockener Humor geht dabei leider völlig flöten. Noch nie hat eine Inszenierung von Dimiter Gotscheff so bemüht und dennoch leer gewirkt, ein dramaturgischer Offenbarungseid. -
Schillers Der Parasit und Shakespeares Was ihr wollt – Ein Matthias-Hartmann-Doppel am Wiener Burgtheater
Da hat es dann doch noch geklappt, mit einem kurzen Wien-Besuch am Ende diesen Jahres. Es geht mit Flyniki in gut einer Stunde aus dem tief verschneiten Verkehrschaos Berlins ins ÖPNV-Paradies Wien, wo die Bahn mit an Wunder grenzender Selbstverständlichkeit alle 5 min. fährt und man immer wieder in nettem Dialekt gebeten wird, seinen Sitzplatz anderen Bedürftigen zu überlassen. Neben den größten Schnitzeln und den besten Mehlspeisen der Welt, gibt es in Wien auch die älteste Kaffeehauskultur und so bekommt man eben nicht einfach nur einen Kaffee, sondern so merkwürdige Dinge wie Einspänner, Verlängerte und kleine oder große Braune. Diese besondere Melange aus traditioneller k.u.k. Beschaulichkeit und ein liebenswerter weltmännischer Größenwahn machen den besonderen Charme von Wien aus. Das konsequente Ignorieren aller moderner Einflüsse in Kultur und Sprache sowie eine gewisse Hassliebe zur eigenen Geschichte zeichnen den Wiener (Lebens)Künstler aus. Allerdings ist die Zeit der Kaffeehausliteraten wie Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Robert Musil, Franz Werfel oder Joseph Roth lange vorbei und man kann die meisten Protagonisten nur noch auf dem Zentralfriedhof besuchen.
Die Ruhe dieser morbiden Weihestätte hat Wien am Silvesterabend komplett abgelegt und gibt sich in der Innenstadt der Feierlaune der Touristen hin. Am Graben ist kaum noch ein Durchkommen und das Wiener Bildungsbürgertum hat sich in der Burg verschanzt. Der Burgdirektor Matthias Hartmann lädt zur traditionellen Silvesterpremiere. Ich lasse aber die Burg links liegen und begebe mich lieber zu einem köstlichen Silvestermenü und einer anschließenden Party in der roten Bar des Volkstheaters. So habe ich zwar den jährlichen Witz des Burgdirektors verpasst aber auch eine an einen solchen erinnernde Inszenierung. Dennoch siegt schließlich die Neugier und am Neujahrsabend habe ich mir doch noch ein Last-Minute-Ticket für den Parasiten geholt.Tür auf, Tür zu, Matthias Hartmann rutscht auf der Schleimspur des Schillerschen Parasiten aus
Der Burgdirektor hat zum Jahreswechsel alles aufgeboten was Rang und Namen am Burgtheater hat. Udo Samel als leicht beeinflussbarer Minister Narbonne, Kirsten Dene als dessen dominante Mutter und Johann Adam Oest als braver Beamter Firmin, aber natürlich darf einer nicht fehlen und so wanzt sich Michael Maertens als Selicour nicht nur mit aller Macht an alle die sein Fortkommen befördern können, sondern auch ans Wiener Publikum ran. Auf einer riesigen Schleimspur schliddert er in Schillers Komödienübersetzung des Franzosen Louis-Benoît Picard durch die Inszenierung von Matthias Hartmann.
Was Hartmann nach Inszenierung des Parasiten in Bochum und Zürich immer noch an dieser moralisierenden Parabel vom mediokren nach oben buckelnden und nach unten tretenden Emporkömmlings interessiert, kann er hier trotz seines Kniffs mit dem dreifachen Ende, in dem alle als Intriganten und Kriecher entlarvt werden, nicht wirklich deutlich machen. Die Inszenierung bleibt so mittelmäßig wie es der französische Originaltitel Médiocre et rampantes verheißt. Schon Regiekollege Philip Tiedemann ist vor gut einem Jahr mit einer Kasperletheaterversion am BE gescheitert, trotzdem setzt Hartmann auf Altbewährtes und die Kunst seiner Darsteller. Zur Klamotte taugt der Stoff allemal und so geben sich alle redlich Mühe, um den Wienern Mittelmäßigkeit und Verlogenheit par excellence vorzuführen. Am besten gelingt das noch Oliver Stokowski als von Sellicour geschasstem Schreiber La Roche. Er spinnt gekonnt die Gegenintrige. Immer wieder hat er nur beim bloßen Nennen des Namens seines Widersachers reinste Säurespritzer im Auge.
Die Jungen, Gerrit Jansen als verhinderter Dichter Karl Firmin und Yohanna Schwertfeger als seine Angebetete Charlotte, bleiben eher blass, der Rest spielt brav und kocht das durchaus vorhandene komödiantische Talent auf Sparflamme. Der Klamauk überwiegt und Maertens chargiert, näselt und grimassiert, dass das Wiener Publikum in wahre Begeisterungsräusche verfällt. Das Beste bleibt allerdings das Bühnenbild von Johannes Schütz, mit einer hohen weißen Faltwand mit verschieden großen Türen, durch die kleinste zwängt sich der niedere genügsame Beamte Fermin und an die Klinke der größten reicht Udo Samels Narbonne fast nur auf Zehenspitzen. Leider verläppert sich der Witz zunehmend und der Herr neben mir verfällt in einen seligen Theaterschlaf, der Glückliche. Die übrigen Wiener können dann nach den obligatorischen Pausenschnittchen beruhigt der Moral von der Geschicht beiwohnen und sich vergnügt auf den Heimweg machen. Wirkliches Mobbing geht anders.Was ihr wollt (nicht) lachen !? Matthias Hartmann lässt den Schalksnarren von der Leine
Schalksnarren sind ein unnütz Hofgesind. – Friedrich Petri (1549-1617)
Das wusste auch schon William Shakespeare und so gab er seinen eh schon maladen Figuren meist noch einen lustigen Gesellen an die Seite, der zum Hohn der Herrschaft noch für kräftig Spott sorgte. König Lear musste sich mit so einem Schalksnarren herumplagen und als er dann dem Wahnsinn nahe ans Wüten ging, ging auch der Narr, nicht nur von der Leine, sondern lieber gleich stiften. Der Narr und der Mächtige, ein sich stets in Frage stellendes Paar, das die Ambivalenz von Macht symbolisiert.
Auch die hoch melancholische Fürstin Olivia aus Illyrien besitzt eben so ein Exemplar. Ihr Narr liegt vorzugsweise auf der faulen Haut und gibt gescholten nur patzige Antworten: Weg mit der Lady!. Den Schalk im Nacken, die Hand stets offen, gibt ihn Sven-Eric Bechtolf als abgehalfterten Entertainer, der schon bessere Tage gesehen hat, im abgewetzten Anzug und ohne Schuh. Immer auf der Reise zwischen zwei knauserigen Herren, zieht er einen Verstärker wie einen Rollkoffer auf dem Flughafen hinter sich her und kann gar wunderlich Geräusche damit machen, Lieder singen, die keiner hören will und zu Anfang weiß er sogar einen Schiffsuntergang damit zu bewerkstelligen.
Die Bühne ist ganz leer, nichts außer einem Klavier, um sich im Sturm daran festzuhalten. So entspinnt sich die Shakespearsche Story vom Stranden der jungen Viola, erst unsicher dann selbstbewusst und forsch hier Katharina Lorenz. Sie weiß ihrer Rolle am besten unterschiedliche Facetten abzugewinnen und die Zerrissenheit überzeugend darzustellen. Alle anderen üben sich in Narretei und selbstverliebtem Spiel. Dörte Lyssewski wirft ihr blondes Haar und schmachtet ihre Olivia nur so hin, Fabian Krüger als Fürst Orsino scheint sich vor lauter Langeweile in diese Frau verliebt zu haben, er weiß eigentlich irgendwann nicht mehr so genau warum und beharrt aus lauter Trotz, obwohl doch vor seiner Nase die als Cesario verkleidete Olivia von Liebe stammelt. Den Vogel schießen aber Nicholas Ofczarek und Michael Maertens als total verblödetes Ritterduo ab. Ofcarek hat man einen Stock ins Kreuz gesteckt eine Glatze verpasst und ein Glas in die Hand gedrückt. So stakst er dauerbesoffen über den auf die Bühne geschobenen Teppich und es fehlt tatsächlich nur noch der Tigerkopf, um darüber zu stolpern. Maertens spielt mit Lust den begriffsstutzigen Vollkoffer Bleichwang und das gelingt ihm auch in Rüstung ohne viel Mühe. Fehlt nur noch der Malvolio, und auch Joachim Meyerhoff reiht sich in den Reigen der Narren ein. Er grimassiert, gibt sich anzüglich und steht den anderen beim Slapstick in nichts nach. Das ist vorhersehbar und reizt zu so manchem Schenkelklopfer, das Publikum nimmt es dankbar auf.
Ein Teppich muss natürlich auch gesaugt werden und so hat Maria Happel als Zofe Maria wieder einen ihrer unnachahmlichen Auftritte, ein weiterer mit nicht enden wollendem Lachanfall wird folgen, wenn die List gelungen ist und Malvolio wie zu erwarten in gelben Strümpfen mit kreuzweis geschnürten Bändern auftritt. So stehen dann alle Spielarten des Narren nach Hans Sachs auf der Bühne und versuchen sich gegenseitig zu übertreffen. Halt`s maul, Du dumme Sau wird zur Hymne des Abends. Die von Karsten Riedel auf Gitarre oder Klavier gespielten und wunderbar gesungen Sonette werden so an den Rand gedrängt. Matthias Hartmann lässt alle Narren an der langen Leine agieren, allein am Ende geht ihnen die Luft aus, Malvolio sitzt in der dunklen Kiste unter der Bühne und ewig lang gibt es eine Liveschaltung aus dem Untergrund auf Video übertragen. Dafür nimmt er uns dann alle zur Strafe in Sippenhaft. Nach 3,5 Stunden ist der Narrenspuk dann vorbei, die von Stéphane Laimè, der schon in Hamburg Jan Bosses Was-ihr-wollt-Version ausgestattet hat, mit Kitsch und Tand nach und nach zugemüllte Bühne wird wieder geleert. Aber alle sanfte Melancholie kommt zu spät, der Narr kann es nicht mehr richten, der Wiener hat sich bereits totgelacht. Illyrien wird so zum Billigausflugziel für Partygänger mit After Hour und Kulinarischen Schmankerln. Den Reiseführer gibt es im Programmheft dazu. Diese Süßspeise ist all zu deftig, aber passt scho!Schalksnarren, Fliegen und Hunde finden sich zum Essen zu jeder Stunde. – Joseph Eiselein (1791-1856)
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Zwei Klassikeradaptionen von andcompany&Co im Berliner HAU
FatzerBraz – andcompany&Co versuchen sich den heiligen Bertolt Brecht einzuverleiben
Bereits Ende Oktober des letzten Jahres gastierten andcompany&Co und einige brasilianische Mitstreiter mit einer Version von Brechts Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer im HAU 3. Die Inszenierung hatte auf dem Theaterfestival in Sao Paulo im August Premiere und ist eine Annäherung an das Prinzip der brasilianischen Anthropophagia“ der Verspeisung des heiligen Feindes“ nach dem Manifesto Antropófago (1928) von Oswaldo de Andrades, um sich durch auffressen und verdauen die kreative Energie des Gegners anzueignen und diese selbst wiederum kreativ zu nutzen.
Die Frage nach dem Fressen und der leidigen Moral hat ja in Brechts Texten eine gewisse Bedeutung und so liegt es nahe, den eigensinnigen Fatzer mit den brasilianischen Urmythen wie der des Macunaima des Schriftstellers Mario de Andrades kurzzuschließen. In Südamerika sind ja die Revolutionäre reinste Volkshelden und so tragen die Protagonisten zu südamerikanischen Klängen Masken von Che Guevara, Ulrike Meinhof, brasilianischen Stars und Sternchen sowie Angela Merkel, Bastian Schweinsteiger und natürlich Brecht selbst vor sich her.
Die von den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges desertierte Panzerbesatzung sitzt zu Beginn in einem grünen Planenmonstrum aus dem Arme, Beine und Köpfe herausschauen können. Ansonsten erinnert hier nicht sehr viel an den eigentlichen Ort das Geschehens, die Stadt Mühlheim. Alles wirkt eher sehr exotisch mit Palmen und Tiermasken. Das ist alles sehr erfrischend und lustig anzusehen, letztendlich können andcompany&Co dem Stoff aber nicht viel neues abgewinnen. Der Egoist Fatzer geht den vorbestimmten Weg, weg von den revolutionären Plänen hin zu den Fleischtöpfen. Den Kameraden in ihrem Pappkartonkellerloch hängt er Knochen und Würste vor die Nase. Am Ende verschwindet Fatzer in einem großen Pappmachemaul, leicht verdauliche Kost ohne lästiges Sodbrennen.Lauter Vater-Sohn-Traumata in teutschen Landen – Die Bearbeitung des Pandämonium Germanicum der andcompany&Co ist nicht bloß eine lenzsche Eseley
Wer die Szenische Skizze in drei Akten von Jakob Michael Reinhold Lenz, 1775 entstanden, aufführen will, muss dafür schon einen triftigen Grund haben. Vor allem füllt das Stück keinen ganzen Abend. Deshalb schließen die Akteure von andcompany&Co den Goethe-Apologeten Lenz mit einem anderen Möchtegern-Künstler kurz, dem 68er Rausch- und Reise-Autor Bernward Vesper, Ex-Geliebter der RAF-Aktivistin Gudrun Ensslin. Vesper hatte an seinem Übervater und Nazidichter Will Vesper zu leiden und sich in seinem Werk versucht von ihm zu emanzipieren. Lenz versuchte mit seiner Satire Pandämonium Germanicum Goethe auf einen Berg zu heben und die Nachahmer von französischen und englischen Vorbildern als Philister zu geißeln. Die Journaille kommt dabei auch nicht gut weg. In einem Tempel des Ruhms treffen alle aufeinander, um letztendlich verspottet zu werden und in Goethe und Lenz die Vorkämpfer des neuen Dramas zu sehen.
Bei andcompany&Co findet das auf einer Bühne mit rotem Vorhang und in historischen Kostümen statt. Goethe ist eine Frau und Lenz alias Vesper ist Maler im Blaumann und um Eigenständigkeit bemüht. Es gibt Bücher so groß, das man in ihnen verschwinden kann und unter ihnen begraben wird. Das Licht wird an und aus geknipst, die Vorbilder aus Kunst, Kultur und Politik tanzen wie in einem Horrortrip durch 200 Jahre Reliquienverehrung mit Figuren wie Shakespeare, Goethe, Schiller, Kleist, Wieland, Lessing, Kafka, Hitler, Bader, Enslin und Vesper an uns vorbei.
Haben andcompany&Co in Fatzerbraz beim Versuch sich Brecht einzuverleiben, den Klassiker noch fast unverdaut wiedergekäut, so entwickeln sie beim durch den Zitat-Wolf drehen von J M R Lenz und all seiner neuzeitlichen Pendanten ein gewaltiges Assoziationsfeuerwerk. Nach dem Motto Handeln, Handeln, Handeln ziehen andcompany&Co hier kongenial Parallelen durch die deutsche Geschichte und schlagen den Bogen der deutschen Heldenverehrung und deren Vaterfiguren vom Sturm und Drang und der Weimarer Klassik über Nationalsozialismus, 68er Generation RAF und deutschem Herbst bis ins Heute. Nur gibt es sie eben nicht mehr diese Überväter und verhinderten Söhne. Jetzt sind alle nur noch Nachahmer und 15 min. Berühmtheiten? Jeder der sich auf eine Bühne stellt, ist gezwungen, das Rad ständig neu zu erfinden, das hat so ähnlich auch schon Rene Pollesch im Perfekten Tag festgestellt.
Andcompany&Co parodieren das bis hin zu Peymann-, Meese-, Bleibtreu- oder Schlingesiefverweisen mit ALS-Quiz. Man muss das Rad nicht mehr neu erfinden, es ist alles schon mal da gewesen und wartet nur auf seine Reproduktion. Lenz`ens Albtraum des sich vom Vorbild befreienden Kunstwerks dient hier nur als Aufhänger für eine wunderbare Eseley des schönen Scheins. Gut geskizzen ist manchmal auch wie gemohlt. Übrigens macht das Ganze auch ohne das nötige Insiderwissen Spaß und wem das all zu süßlich gerät, man muss ja die Bonbons nicht annehmen, wenn man schon zu viel vom Braten genossen hat. -
Die Früchte des Zorns vom Baum der Erkenntnis
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Armin Petras dramatisiert John Steinbecks Roman als anrührendes Road-Movie am Maxim Gorki Theater
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John Steinbeck hat sich nie sehr für den intellektuellen Menschen interessiert. Er war stets eher den erdverbundenen Landleuten zugetan, die ihr Brot noch im wahrsten Sinne des Wortes im Schweiße ihres Angesichts verdienten und hat ihren Kampf mit der Natur, als deren Bestandteil er den Menschen begriff, Zeit seines Lebens in seinen Romanen begleitet. Darum beschäftigte er sich vor allem auch mit den ökologischen Problemen der Umwelt und seine naturalistischen Romane sind immer auch als eine Art Versuchsanordnung zu verstehen, die Gesetze der Natur in die menschliche Gesellschaft zu übertragen. Dabei verlor er aber nie den Blick für die Schicksale der Menschen am Rande dieser Gesellschaft.
In kaum einem anderen seiner Werke treffen diese beiden Anliegen Steinbecks so zusammen wie in Früchte des Zorns aus dem Jahre 1939. Aus einer Art Naturkatastrophe heraus, entstanden aus dem Ausdörren der Böden in Oklahoma, bedingt auch durch den Anbau von Monokulturen, verlieren die Landarbeiter ihre Farmen an die Banken und ziehen wie einst die Israeliten aus, um sich im gelobten Land Kalifornien als Obstpflücker zu verdingen. Steinbeck erzählt die Geschichte dieser Okies aus der Dust Bowl anhand der leidvollen Odyssee der Familie Joad. Armin Petras der sich in dieser Spielzeit am Maxim Gorki Theater ganz dem Erzählen von Geschichten und Geschichte verschrieben hat, übernimmt diesen Plot für seine Untersuchungen der Umwelt, sozialer Migration und Zusammengehörigkeitsgefühlen von Gruppen und ist damit dem originären Anliegen von Steinbeck direkt auf der Spur.
Zu Beginn füllt ein Haus mit Papierfront und Sperrholzdach die Bühne. Die Fassade wird abgerissen und verbrannt, das Dach hochgezogen. Die gesamte Familie Joad blickt in eine brennende Tonne, den Resten ihres bisherigen Lebens nach. Der Track gen Westen kann beginnen. Petras entwickelt eine Art Roadmovie auf schiefer Ebene, eine Leinwand zeigt die Straße, Vögel ziehen vorüber und alle schlagen den Takt der Schlaglöcher und Motorkolben des alten LKWs auf die Bühnenbretter.
Die ersten, die auf der Strecke bleiben, sind erfahrungsgemäß die Alten, die sich nicht mehr so leicht verpflanzen lassen. Ursula Werner und Wolfgang Hosfeld geben ihren Figuren selbst noch im Sterben sehr viel Würde. Sie können die Zuversicht der Jungen nicht mehr teilen, die nach einem Leben wieder auf dem Land suchen, oder einem neuen in der Stadt wie Schwiegersohn Connie (Albrecht A. Schuch) und die schwangere Rose of Sharon. Aus dem elektrischen Bügeleisen aus dem Katalog wird hier sogar ein ganzer Kühlschrank. Ein kleiner Traum von Luxus, der sich nicht erfüllt. Nur symbolisch lässt ihn Petras später auf die Bühne hieven. Regine Zimmermann ist hier erst träumerisch naiv und dann beim Erzählen der Schlussszene, in der Rose of Sharon einem Verhungernden die Brust gibt, wie eine Allegorie der Jungfrau Maria aus dem Hohelied selbst.
Die Realität von Fremdenhass und Egoismus, der die Familie auf ihrer Fahrt begegnet, hat die Joads schneller eingeholt, als ihre Träume gewachsen sind. Mutter Joad (sehr jung mit Julischka Eichel besetzt) ringt um den Zusammenhalt ihrer Familie, kann aber das Auseinanderbrechen nicht verhindern. Mit dem Sohn Tom (Max Simonischek) und dem Wanderprediger Casy (Michael Klammer) stellt Steinbeck zwei sehr unterschiedliche Protagonisten ins Zentrum seines Romans, an deren Wandlung er sehr deutlich Ursache und Wirkung von sozialer Ungerechtigkeit darstellt. Der Priester, der erst seinen Glauben an Gott verliert, wird zum Hass-Prediger eines neuen Glaubens und schließlich zum Märtyrer des Kampfes um Gerechtigkeit. Petras stellt ein biblisches Tableau an die Bühnenrampe. Tom wird Casy folgen und seinem erst unkontrollierten Zorn schließlich eine gezielte Richtung geben. Max Simonischek trägt lässig den Spaten als Instrument seiner Wutausbrüche immer mit sich auf dem Rücken.
Armin Petras setzt Steinbecks Naturalismus mit viel Countrymusik und passenden Kostümen um, versucht aber auch den teilweise pathetischen Realismus mit Humor und Ironie zu brechen. Petras Blick auf die Figuren ist nie ein sentimentaler aber ein durchaus mitfühlender und dafür findet er mit seinem bekannten Hang zu symbolisierenden Gruppenszenen auch immer wieder wunderschöne Bilder. Den unschuldigen Drang nach Glück verdeutlichte eine Szene, in der sich Michael Klammer als Baum mit erhobenen Armen windet, die unerreichbare Zweige symbolisieren, nach denen sich alle strecken, um an die verheißenen Früchten zu gelangen. Die Früchte der Erkenntnis prasseln dann auch aus dem Schnürboden.
Wie in der Bibel ist der Preis zwar nicht die Vertreibung aus dem Paradies, aber die Abdrängung an den Rand der Gesellschaft. Ihr Traum wird nochmals ironisiert, als alle in feiner Kleidung an die Rampe treten. Wie bei Steinbeck kommt zum Elend auch wieder der Einbruch der Naturgewalten mit einer großen Regenflut. Rose of Sharon verliert ihr Baby wie die jüngste Tochter Ruthie (Ninja Stangenberg) ihre Unschuld. Die Familie scheitert im gelobten Land und zerfällt.
Armin Petras kann Steinbecks Roman zwar nicht konsequent ins Heute transportieren, letztendlich dient ihm aber die Geschichte nicht nur dazu, wie viele Kritiker konstatierten, den ewig jammernden Ossi mit dem Okie zu vergleichen, sondern er geht hier vor allem wie Steinbeck weiter der These nach, “dass der Mensch für sich allein gar keine Seele hat, dass er einfach ein kleines Stück von einer großen Seele ist.“
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Die Früchte des Zorns
von John Steinbeck, für die Bühne bearbeitet von Armin Petras (Mitarbeit Anne Habermehl)
Inszenierung: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Aino Laberenz, Video: Niklas Ritter, Dramaturgie: Nina Rühmeier
Mit: Regine Zimmermann, Ursula Werner, Julischka Eichel, Ninja Stangenberg, Michael Klammer, Max Simonischek, Wolfgang Hosfeld, Wilhelm Eilers, Albrecht Abraham SchuchPremiere war am 18.12.2010 im Maxim Gorki Theater Berlin
Infos: http://www.gorki.de/spielplan/fruechte-des-zorns/
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Für Drei Groschen Neues
Es war lange ruhig um den großen Meister des Epischen Theaters, niemand wusste mehr etwas Neues von ihm zu berichten. Alles schien gesagt, die Brechtforschung am Ende. Nun ist wie aus dem Nichts ein neues altes Foto aufgetaucht. Brecht hat sich selbst in jungen Jahren als Fan der Salzburger Festspiele geoutet. Wahrscheinlich protestierte er aber auch nur dagegen, dass Karl Valentin und Liesl Karstadt immer nur in Tracht zu Besuch gekommen sind und wollte den bayrischen Banausen mal etwas Kultur beibringen. Wir sind begeistert und Lampions auch auf der Bühne wieder schwer in Mode. Der Dümmste bekommt die rote Laterne.
Gestern war ich wieder mal im BE und zwischen zwei Stunden Klamauk, habe ich mir wie so oft die Brechtfotos im Turmzimmer angesehen. Da hängt er in etwas schiefen Rahmen, mal frech mit Ledermantel und Zigarre, stolz mit Automobil, mal nachdenklich, dann wieder in kraftvoller Pose. Alle diese Bilder wirken wohl in irgendeiner Weise gestellt. Ein inszeniertes Leben zieht an uns vorüber. Wenn da nicht ein Bild wäre, das dem Blick leicht entgehen könnte. Es hängt neben dem Ausgang zur Stiege und zeigt Brecht 1933 in seiner Charlottenburger Wohnung. Er sitzt an einem leeren aufgeräumten Schreibtisch, knöpft sich die Jacke zu und sieht zum geöffneten Fenster. Ein Lichtschein dringt ins Zimmer, die Gardine hebt sich leicht im Wind. Wieder nachdenklich und sehnsuchtsvoll entrückt wirkt des Meisters Blick. Was wird er wohl gesehen haben? Den vorbeischwebenden Engel der Geschichte aus dem Bild von Paul Klee? Wir wissen es nicht, wir wissen nur was weiter geschah. Walter Benjamin hat es beschrieben und Brecht hat es erzählt.
Man wird die Brechtgeschichte nun umschreiben müssen und das Bild wird ersetzt werden, gegen einen Karnevalsschnappschuss im Mozartkostüm. Welche Ausblicke… aus dem Turmzimmer.
Der Traum vom Christkind
Ich glaube ich hab einen Engel gesehen
Er stand da so einsam und unglaublich schön
Die Flügel geknickt, zerrissen das Hemd
Und hat so herzzerreißend geflenntWas ist diese Welt doch auch immer so eilig
Ich hielt nur kurz inne, mir wurde ganz heilig
Dann hab ich ihn sanft in den Arm genommen
Da ist er mir zwischen den Fingern zerronnen -
Captain Beefheart – Einer der Großen des Avantgarde ist tot

Captain Beefheart (15. Januar 1941 in Glendale, Kalifornien – 17. Dezember 2010 in Arcata, Kalifornien)
Der Maler und Musiker Don Glen Van Vliet alias Captain Beefheart ist am 17. Dezember im Alter von 69 Jahren in Arcata, Kalifornien gestorben. Dazu kommt noch, das sein Förderer und Freund Frank Zappa justament heute auch noch 70 Jahre alt geworden wäre. Nun können sie wieder gemeinsam jamen. The Turture never Stops!
Und als kleine Reminiszenz an sein geniales Schaffen habe ich natürlich noch einen schönen Song rausgesucht.„Further than we’ve gone“ So long Captain Beefheart.
Und natürlich trotzdem auch ein Happy Birthday to Frank Zappa.
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Ein schlaffer Gruftie und ein Kochduell in epischer Höhe am Centraltheater Leipzig
Kein Theater polarisiert derzeit so sehr wie das Centraltheater Leipzig. Seit der Spielzeit 2008/09 mit dem Beginn der Intendanz von Sebastian Hartmann, Ende der 90er Jahre Hausregisseur unter Frank Castorf an der Volksbühne in Berlin, stehen sich die Anhänger des alten Schauspiels Leipzig und der neuen Crew fast unversöhnlich gegenüber. Das ging teilweise bis zu wüsten Beschimpfungen in den verschiedenen Threeds zu den besprochenen Inszenierungen auf Nachtkritik. Am ersten Dezember-Wochenende war ich selbst mal in Leipzig und habe mir zwei Inszenierungen am Centraltheater angesehen. Freitag den Jedermann von Jürgen Kruse und Samstag den Zauberberg von Sebastian Hartmann. Unterschiedlicher können Theaterabende gar nicht sein.
Jedermann – Das Mysterium vom Sterben des reichen Mannes als düster-trashige Rockoper von Jürgen Kruse
Jürgen Kruse hat schon am Deutschen Theater in Berlin eine Salome als verschmähtes Groupie eines moralisierenden Grungerockers dargestellt und den Othello als düstere Orgie mit Erdbeergeschmack. Bei Co-Regisseur Kruse läuft immer alles nach bekanntem Strickmuster ab. Wenn man sich endlich ins Halbdunkel seiner 70er Jahre WG-Athmosphäre eingesehen hat, wird man nach und nach aller schemenhafter, oberflächlicher und gelangweilter Figuren gewahr, soweit sie nicht schon vor der Bühne durch den Jedermann des Manuel Harder ausgerufen wurden. The Harder They Come würde tatsächlich gut passen, aber Reggae ist nicht die Welt von Jürgen Kruse, obwohl auch hier der Joint kreist. Kruse lässt dann die Schemen auch nicht näher an uns heran als nötig. Der Tod ist ein cooler Typ mit Sonnenbrille und Tattoos, einer mit dem man sicher prima bei einer Sauftour über den Kiez kommt und ansonsten nur jemand ist, bei dem man noch ein paar Minuten samt der letzten Zigarette schnorren kann. Gott ist eh alles scheißegal, brabbelt ständig dazwischen, gibt den Entertainer und klopft auf Holz, wenn da nur nicht der Wurm drin wäre in all dem holzschnittartigem Gewerkel.
Jedermann
[Szene mit Edgar Eckert, Manuel Harder (vorn)]
© R.Arnold/CentraltheaterKruse ist irgendwo in den 70er Jahren stecken geblieben samt Musikgeschmack und so verwechselt er Theater immer noch mit einem Rockkonzert, nur dass das hier nicht Hair oder die Rocky Horror Picture Show ist, sondern das Mysterienspiel um das Sterben des reichen Mannes, der vor das göttliche Gericht gerufen wird, um sich zu läutern. Diesen moralisierenden Quatsch zu persiflieren bedarf es aber mehr als Lässigkeit und eines passenden Soundtracks. Harder gibt hier den Poser, das Alter-Ego von Jürgen Kruse, kippt jede Menge Rotwein vorzugsweise aufs weiße Hemd und gebärdet sich als Street Fighting Man, Fechtszenen sind Pflicht bei Kruse. Der Rest ist nur gruftige Staffage mit Totenköpfen und Engelsflügeln in schwarz und weiß, der Teufel ist eine aufreizende Dame in Rot. Rosalind Baffoe, eine der meist beschäftigtsten Nebendarstellerinnen auf deutschen Bühnen, trägt erst ihr Unterwäsche und dann ein gelbes Kleid spazieren, als Buhlschaft hat sie hier auch nicht viel mehr zum Geschehen beizutragen. Jedermanns guter Gesell ist lustig und zu jedem Unfug bereit, bis es ans Sterben geht.
Kruse spiegelt hier schon die Oberflächlichkeit der heutigen Gesellschaft, nur es bleibt Behauptung, es geht uns nichts an, wie die Kiste voller Flitter und Tand. Der Glaube ist eine Travestie von Jedermanns Werken mit umgeschnalltem Bauch, beide zerren ihm Hemd und Hosen vom Leib, das letzte Hemd wird dann zur Zwangsjacke. Eine schöne Ironie, Jedermann als Gefangener im Regiekonzept von Jürgen Kruse. Tod und Teufel fixen ihn an und saugen ihn aus. Da bleibt nicht mehr viel übrig als ein zäher 2stündiger Abend mit jeder Menge Trash und Manierismus. Da das anscheinend wieder in ist, holt Kruse damit sicher einige junge Leute von der Straße wieder ins Theater. Der halbvolle Saal zeigt aber die Leere seiner Bemühungen nur um so deutlicher. Der sogenannte Befreiungsschlag für das Centraltheater ist das sicher nicht. Die Frage wäre, ob es diesen überhaupt braucht. Tun, Leiden, Lernen der Lehrsatz der Tragödie nach Aristoteles und Sie glauben dir erst, wenn du tot bist stehen am eisernen Vorhang, der sich über allem senkt. Das Centraltheater ist aber mit oder ohne Jürgen Kruse auch so noch sehr lebendig und bedarf sicher keiner Katharsis.
Sebastian Hartmann erklimmt fast mühelos die epischen Höhen des Zauberbergs von Thomas Mann
Am Maxim Gorki Theater in Berlin machte 2008 Stefan Bachmann bei seiner Zauberberg-Inszenierung das Vergehen von Zeit bildhaft spürbar, indem er die Zuschauer 12 Minuten lang mit einer Liegekur bei laufender Drehbühne sowie mit Fiebermessen und Wickelanleitungen am laufenden Band traktierte. Das waren lustige 2 Stunden Zauberberg light, ohne das man sich mit dem existentiellen Inhalt des Romans weiter beschäftigen musste. So einfach macht es uns Sebastian Hartmann in Leipzig nicht. Der Abend dauert gute 4,5 Stunden inklusive zweier Pausen und trotzdem ist keine Minute sinnlos verschenkt. Meine letzten Hartmann-Erlebnisse liegen etwas länger zurück, Ibsens Gespenster (2000) mit einer begnadeten Sophie Rois mit Turmfrisur und Strindbergs Traumspiel (2001) mit der zauberhaften Cordelia Wege als Engel in eine Autowaschanlage an der Berliner Volksbühne sowie Hauptmanns Vor Sonnenaufgang 2003 am Burgtheater Wien. Dort versuchte er den Castorfschen Container auf die Bühne des Burgtheaters zu transformieren, nebst den typischen Volksbühnenblödeleien. Das kam natürlich nicht besonders gut an bei den an Claus Peymann geschulten Wienern und es war fast amüsanter die abwandernden Abonnenten zu beobachten, als das lustige Gehopse auf der Bühne zu verfolgen.
Die Bühne am Centraltheater ist diesmal kein Container, sondern ein weiß gestrichenes Sperrholzgebilde, das wie ein schroffer Gletscher, das schwer zu erklimmende Romangebirge Thomas Manns darstellt. Und so müssen sich die Darsteller auch ein ums andere Mal abseilen oder die steile Schräge erklimmen. An dem Verweis auf den Zeitbegriff in Thomas Manns Roman kommt Hartmann natürlich nicht vorbei. Manolo Bertling als WIR-Erzähler schwenkt eine schwarze Fahne und klärt zu Beginn über das Besondere der Zeit auf. Es wird also ein langer Abend werden, in dem das Gefühl von Zeit tatsächlich erfahrbar werden soll. Schopenhauer, von Mann verehrt, wird im Programmheft zitiert: Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt;… Diese grundpessimistische Aussage durchzieht auch Hartmanns Inszenierung und so tanzt dieser Abend scharf an der Kante des Abgrunds, den uns Thomas Mann mit seinem Roman eröffnet hat.
Der Zauberberg
[Ingolf Müller-Beck, Peter René Lüdicke, Rosalind Baffoe]
© R.Arnold/CentraltheaterSeit der Volksbühne hat Hartmann übrigens nicht nur Cordelia Wege und Rosalind Baffoe im Gepäck, die als Die Mexikanerin hier auch ein paar Worte mehr sagen darf und ansonsten wieder viel auf und ab schreitet, sondern auch Peter René Lüdicke als Settembrini, der hier tatsächliche ein wenig wie ein italienischer Drehorgelspieler aussieht und auch so parliert und Guido Lambrecht als seinen Hans Castorp. Volksbühnenerfahrung hat auch Maximilian Brauer, der den braven Vetter Ziemßen spielt und am Anfang im Stechschritt erst mal die Bühne lang und breit durchmisst, ganz der disziplinierte Soldat. In seinem ersten Zusammentreffen mit Hans Castorp zitiert Hartmann Szenen aus dem Film Figthclub von David Fincher, wohl ein Verweis darauf, dass hier beide die zwei Seiten einer gespaltenen Persönlichkeit bilden. Etwas an den Haaren herbei gezogen, eine Seelenverwandtschaft ist aber durchaus bei Thomas Mann angelegt.
Überhaupt ist Hartmanns Inszenierung ein Gemisch aus Erzählen und bildlichen Verweisen und Zitaten und natürlich kommt er auch ohne Nietzsche nicht aus, spätestens dann als der Naphta des Ingolf Müller-Beck wie der personifizierte Nietzsche kurz vor der ersten Pause vom Berg herb steigt. Ein weiteres mal dann als Lambrecht in einem Faunskostüm über die Bühne springt, als Verweis auf das Dionysische im Menschen. Mann zitierte ja in seinem Roman auch aus Nietzsches Geburt der Tragödie. Diese zwei Seiten des Menschen, einerseits das dionysisch Körperliche, u.a. in der Figur des Peeperkorn und das Apollonische der Aufklärung in Settembrini anderseits, stehen hier dann auch im Mittelpunkt von Hartmanns Inszenierung. Sein Castorp ist ein ewig Suchender, erst ein Schwätzer und Schwärmer der sich bei seinen Werbungen um Madam Chauchat, eigentümlich steif von Artemis Chalkidou gespielt, immer selbst im Wege steht und dann ein Nachdenklicher aber Verwirrter. Andächtig lauschend sitzen er und sein Vetter Ziemßen beim ausgedehnt zelebrierten Kochduell der beiden gegensätzlichen Lebensphilosophen Naphta und Settrembrini. Erst schweigend Suppe kochend, gehen sie tous les deux anschließend umso wortgewaltiger aufeinander los. Hartmann kontrastiert diesen Kampf mit einem Auftritt einer schrägen Laienspieltruppe, wie schon einmal in seiner Inszenierung des Traumspiels, als Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit, die das sinnlose Duell vorwegnehmen. Hartmann verwirft hier beide Richtungen, das ideologisch Diktatorische ebenso wie die Bemühung um Aufklärung der Menschheit. Castorp muss schließlich die Suppe der Schwätzer auslöffeln und windet sich folgerichtig dann auch in Krämpfen. Die Gulaschsuppe in der zweiten Pause am Buffet war aber Gott sei Dank well done.

Der Zauberberg [Artemis Chalkidou, Guido Lambrecht, Matthias Hummitzsch, Janine Kreß] © David Baltzer/bildbuehne.deDer Abend ist in drei recht unterschiedliche Kapitel geteilt. Im ersten ist alles noch sehr an Thomas Mann angelehnt. Es kommen alle wichtigen Personen des Berghofes vor, inklusive Verein halbe Lunge und bei den Vorlesungen über die Liebe von Dr. Krokowski, hier als Frau von Janine Kreß dargestellt, wird wild gekuschelt. Man spricht viel französisch und eine klamaukige alkoholgeschwängerte Karnevalsszene darf natürlich auch nicht fehlen. Der zweite Teil ist ganz dem schon beschriebenen Kampf Settembrini gegen Naphta gewidmet. Der Schneetraum fällt aus, es regnet schwarze Asche. Ein Abgesang auf die Parabel der Güte und Liebe? Das lässt Hartmann im vagen. Es folgt im dritten Teil die erdige und körperbetonte Vorstellung des Mynheer Peeperkorn (Matthias Hummitzsch, auch als eine Karikatur des Hofrat Behrens unterwegs), nackt und mit viel Matsch. Eine dionysische Orgie an deren Ende der Tod steht. Nun geht es weiter in Rokokokostümen, Voltaire der große Aufklärer lässt grüßen. Der Mensch ist halt nur ein Tier mit kleinem Gehirn und hier sind alle wie Tote auf Urlaub. In einer ausgedehnten, artistisch ausufernden Seance wird Vetter Ziemßen angerufen, der dann auch in Jeans erscheint und noch mal den Tyler Durden gibt.
Am Ende begräbt eine ganze Schneelawine alles unter sich. Mühsam schälen sich die Protagonisten aus dem Styropor und erzählen von den Stahlgewittern des Ersten Weltkriegs. Dazu steht die alte Volksbühnenreliquie Steve Binetti mit seiner E-Gitarre am Bühnenrand, zerfetzt den Lindenbaum und macht den Höllensound zu diesem abgründigen Abend über Liebe, Leben, Krankheit und Tod. Radikalismus ist Nihilismus. Der Ironiker ist konservativ. schreibt Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen, die im Programmheft abgedruckt sind. Die erotische Ironie des Geistes vertrat hier Thomas Mann. Hartmann schlängelt sich zwischen Ironie und Nihilismus durch den Roman. Er entscheidet sich nicht und das kann man vielleicht als reaktionär bezeichnen, nicht das Kleben an der Vorlage. Man muss den Zauberberg nicht unbedingt gelesen haben, aber es empfiehlt sich zum Verständnis des Ganzen. Es ist ein großer, fantastisch ausufernder Theaterabend und ähnlich wie bei seinem Ziehvater Frank Castorf ist nichts wirklich klar. Wo andere fröhlich ihr Diskurssüppchen kochen, ist Sebastian Hartmann weiter auf der Suche und in diesem Sinne bleibt er sich auch selbst ein wenig treu.