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  • Endstation 50th – Thomas Langhoff mottet am Berliner Ensemble Tennessee Williams Psychodrama im Petticoat ein

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    Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ wurde 1949 in einer Zeit des Umbruchs der Werte im Nachkriegsamerika uraufgeführt. Eine hochpsychologische Studie über den Untergang des dekadenten aristokratischen Südstaatenbildungsbürgertums und den Aufschwung der proletarischen Einwanderer in den großen Städten wie New Orleans. Als Gegenspieler stehen sich hier gegenüber, die gefallene Südstaatenschönheit Blanche Dubois und der von polnischen Einwanderern abstammende Automechaniker Stanley Kowalski, der mit Blanches Schwester Stella verheiratet ist. Thomas Langhoff inszeniert dies anfänglich wie ein modernes Boulevardstück, aber trotzdem streng im Gewand der 50er Jahre. Er setzt dabei auf bekannte Gesichter aus seiner DT-Intendantenzeit, wie Dagmar Manzel als Blanche und Robert Gallinowski als Stan. Mit der Wahrnehmung von Zeit ist das aber so eine Sache. Ich saß also in der Premiere der Aufführung und musste die ganze Zeit an eine ähnlich angelegte Inszenierung denken. Ich dachte mir so dabei, das ist doch bestimmt 10 Jahre her, warum wieder dieser biedere Realismus. Irrtum, es waren nur 4 Jahre, die Rede ist von Wilfried Minks Inszenierung Endstation Sehnsucht in der Koproduktion St. Pauli Theater Hamburg und Renaissance Theater Berlin mit Emanuela von Frankenberg als Blanche und Ben Becker als Stan. In diesen besagten Häusern würde man ja eher den Edelboulevard vermuten, aber Minks hatte hier eigentlich versucht, eine psychologisch eindrucksvolle Studie in schonungslos realistischen Bildern abzuliefern. Leider ist ihm das auch nur bedingt gelungen.

    Dagegen fällt Langhoffs Inszenierung am Berliner Ensemble leider noch mal um Längen ab, obwohl um einige Längen reicher. Die New-Orleans-Musik war bei Minks sehr immanent, geradezu passend in die Handlung verwoben und nicht nur schmückendes Beiwerk. Mit Ben Becker hatte man auch genau den Darsteller, den es für einen Stan Kowalski braucht, brutal, ohne Kultur, aber mit dem gewissen etwas, das Robert Gallinowski trotz redlichen Bemühungen hier sichtlich fehlt. Von Ben Becker mag man halten was man will, als Bühnenschauspieler ist er tatsächlich nicht die Wucht, die seine Körpermasse suggeriert und an Henry Hübchens legendären Volksbühnen-Stan reicht er mit Sicherheit auch nicht heran. Aber er kann das Talent was er hat, zielgenau einsetzen und es passte meiner Meinung nach besser als die anderen Versuche von z.B. Guntram Brattias sehr verschlagem Stan seinerzeitam Schauspiel Frankfurt, oder dem des eher cool und lässigen Lars Eidinger an der Schaubühne, bis hin zum „Skinhead“ Robert Gallinowski nun am BE. In der momentan laufenden O`Neill-Inszenierung am Renaissance Theater trifft Becker sogar ein paar leise Töne ganz gut, neben der Seehundszene auf dem Tisch. Vielleicht setzt man den Stan Kowalski immer noch mit dem jungen Marlon Brando gleich und sucht irgendwie das verführerisch Erotische. Das fehlt aber bei beiden Inszenierungen, die sich so sehr gleichen, dass der Unterschied wohl gerade mal noch in der Farbe des Satin-Pyjamers von Stan Kowalski besteht. In Minks Inszenierung ist er rot und in Langhoffs blau, vom Leib reißen sie sich ihn beide mit Inbrunst.

    Das Theater-Paar Gallinowski und Manzel standen nicht zum ersten Mal zusammen auf einer Bühne, es war ein Wiedersehen alter DT-Schauspieler, das man sich aber doch etwas anders vorgestellt hätte. So wird dann selbst Annika Mauers sehr gutes Spiel als Stella, zwischen leichtem Aufbegehren, totaler Ergebenheit und resignierender Ohnmacht sowie Veit Schuberts schüchtern, tollpatschiger Mitch von Dagmar Manzels Overacting förmlich an die Wand gedrückt. Manzel lässt keine Minute offen, wer hier der Star ist. Sie scheint auf der großen Musicalbühne jedes Gespür für Feinheit und Zwischentöne verloren zu haben. An ihrer Blanche kann sie zu keiner Zeit glaubhaft den Verfall einer gebildeten, von Liebessehnsucht und Verlangen beseelten Frau, die durch die kalte Realität getrieben in eine Scheinwelt abtaucht, darstellen. Das Psychologische dieses Stücks ist aber bei Langhoff völlig weginszeniert. Eine taffe Blanche, die nie den Eindruck macht, als wäre da etwas hinter der Fassade, bietet dem Brutalo Stan so lange Paroli, bis dieser den Tisch umkippt und ihr unmissverständlich klar macht, wer der Herr im Hause ist. Danach beginnt erst der Bruch in der Persönlichkeit Blanches, die leisen Anklänge die Langhoff und Manzel hier streuen, wie in den wichtigen Szenen mit dem Zeitungsjungen oder der Blumenverkäuferin, werden aber nur beiläufig weggespielt und gar nicht richtig wahrgenommen. Das ist das Problem, dieser Inszenierung, die nur auf das Können und die Bekanntheit von Dagmar Manzel abzielt und nie wirklich an der Psychologie dieser Figur arbeitet.

    Zum Schluss wird Blanche als rein pathologischer Fall an den Füßen aus ihrer Traumwelt gezerrt. Das hat Tennessee Williams Stück nicht verdient, den Abrutsch in Kitsch und Sentimentalität. Die Streetcar Named Desire ist hier auf einer Sentimental Journey into Madness. Das passt auch zum BE, das nach Brechtmuseum und Bernhard-Spektakel nun auch noch zur Off-Broadway-Bühne mutiert. Für textgetreue Inszenierungen ist es ja schon lange die Anlaufstelle Nummer 1 in Berlin, leider zu Lasten zeitgemäßer Interpretation. Es muss ja nicht immer Warlikowski oder Castorf sein, aber Petticoat und Schmalztolle sind schon lange out. Im April wird ein weiterer Kostümfetischist Wedekinds Lulu, voraussichtlich auch mit viel Musik, auf die Bretter des BE stellen. Ob es dann psychologisch oder wie bei Volker Lösch sogar politisch wird, darf bei Robert Wilson bezweifelt werden. Bunt wird es aber auf jeden Fall und das ist ja am BE mittlerweile die Hauptsache.

  • Neues aus Kalau (2)

    Rauch über dem Bendlerblock

    Wie die Kaulauer Illustrierten Tagesblätter (KILT) mitteilen, kam es heute Nachmittag auf dem Paradeplatz des Bendlerblocks zu einer ersten Kostümprobe des über den Ex-Verteidgungsminister Karl Theodor zu Guttenberg geplanten Films mit Musik und ganz großer Komparserie. Neben der Kanzlerein Angela Merkel waren auch mehrere Kabinettsmitglieder der Bundesregierung anwesend. Zu Guttenberg zeigte sich so überrascht über die Echtheit der Stellprobe, dass er sich spontan als alter Rockfan von den frisch gecasteten Musikern den Song „Smoke on the Water“ von der Band Deep Purple wünschte. Das Orchester, das aus Mitgliedern des Karnevalsvereins „Spieß- und Schießgesellschaft“ bestand, erfüllte ihm auch prompt diesen Wunsch. Zur stimmungsvollen Untermalung wurden einige Nebelkerzen und Karnevalsböller gezündet.
    Am Rande der Veranstaltung gab zu Guttenberg bekannt, nun an das Schreiben seiner Memoiren zu gehen. Wie aus gut informierten Kreisen bekannt wurde, sind neben Martin Walser und Kai Dieckmann noch weitere nicht näher benannte Ghostwriter im Gespräch. Als Titel der Autobiografie gab zu Guttenberg „Eigene Gedanken, das eine oder andere in der Erinnerung“ an. Gut gelaunt meldete er sich danach bei seinem Nachfolger Thomas de Maizière mit Gottes Segen ab. Böse Zungen behaupten aber auch, dass es Gerüchte über eine Fortsetzung der eben erschienenen Guttenberg-Biografie gäbe, Titel: „Guttenberg nach dem Fall, ein Mann ohne Gel und Adel“.

    S. v. K.

     guttenberg_kostumprobe1.jpg

    guttenberg_kostumprobe2.jpg

    Erste Bilder der Kostümprobe mit KT (KILT)

    „Smoke on the Water“ für KT (Video)

    KTs Zapfenstreich

    Nun kommt für mich
    Die Zeit der Reue und der Buße
    Und genau so werde ich
    Mit Gottes Segen und viel Muße
    Ans Schreiben geh`n
    Mit meinen eigenen Gedanken
    Die immer um euch ranken
    Bis wir uns wiederseh`n

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  • Neues aus Kalau

    In den Fußstapfen von Stauffenberg

    Wie die Kalauer Illustrierten Tagesblätter (KILT) gestern berichteten, wird der deutsche Hollywoodregisseur und Oscarpreisträger Florian Graf Henckel von Donnersmarck auf seiner nächsten Touristentour nach Deutschland die Biografie seines Vetters Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenburg verfilmen. Der Arbeitstitel laute „In den Fußstapfen von Stauffenberg“. Gemäß den Ausführungen des Verfassers des Artikels aus der KILT (K. v. D.) wird es zu einer dramatischen Schlussszene im Berliner Bendlerblock kommen, in der zu Guttenberg von anonymen Heckenschützen aus dem Internet hinterrücks zur Strecke gebracht wird. In seinem Herzblut liegend, soll er noch folgendes ausrufen: „Man kann umgangssprachlich, und ich betone: umgangssprachlich, von Krieg sprechen.“ Die Rolle von zu Guttenberg soll gut informierten Kreisen zu Folge Kai Dieckmann übernehmen. Gesponsert wird der Film von der deutschen Friseur-Innung.

    KT/KD?karnevalskappe-03.gifam Filmset (KILT)
    guttenberg_neu.jpg

    Als Berater für das Drehbuch fungiert laut KILT der deutsche Schriftsteller Martin Walser, der auch Spickzettel für den Hauptdarsteller Dieckmann schreiben soll. Bei einer ersten Lesung des Skripts, lud er die Crew zu einer Segeltour über den Bodensee mit anschließendem Ghostwritingkurs im Tagungshotel Lindau ein. Der Film soll voraussichtlich zur geplanten Comebacktour von zu Guttenberg am 20. Juli 2012 in die deutschen Kinos kommen.

    S. v. K.

  • AVATARA

    Nachts, wenn alle Avatare schlafen
    Und der blaue Mond am Himmel scheint
    Wirst Du mich nicht Lügen strafen
    Bittre Tränen er sonst weint

    Nachts, wenn Träume Dich befallen
    Denke immer auch daran
    Wem Du lieber willst gefallen
    Wird herabziehn Dich in seinen Bann

    Nachts, wenn alles scheint vergessen
    Was am Tage Dich gefangen hält
    Glaube nur daran nicht zu versessen
    Es sich bald zurück zu Dir gesellt

    Nachts, wenn alle Avatare schlafen
    Wache lieber, schlafe selbst nicht ein
    Gestern noch wir zwei uns trafen
    Morgen kann es schon ein And´rer sein

    Stefan

  • ZURÜCKTRETEN BITTE

    Waltz with KT

    Text (1) geändert, Kehrreim original nach: Stud. phil. Carl Wolfgang Müller (2), 1953
    Musik (wechselnd zwischen schnellem Foxtrott und langsamem Walzertakt): Willi Lechler (3)

    Stephanie läßt sich scheiden heut‘,
    Nach zehnjähriger Ehezeit,
    Da zieht sie endlich aus.
    Der Doktor war nur copy ’n’ paste.
    Wer weiß woher der Freiherr ist?
    Nun ist die Sache raus.

    Und KT steht allein am Bahnsteig 3,
    Und der Kairos der alles bezwingt ist vorbei,
    Und KT mit sehr viel Herzblut klagt.
    Doch die Zeit läuft ab und Chronos sagt:

    Zurücktreten bitte,
    Zurücktreten bitte,
    Der Zug, der fährt gleich ab (gleich ab).
    Zurücktreten bitte,
    Zurücktreten bitte,
    Ich hebe jetzt den Stab (den Stab),
    Die Türen schließen
    Und Vorsicht am Zug
    Wir haben Verspätung,
    Wir haben genug.
    Wir fahren jeden Augenblick,
    Drum, treten Sie bitte zurück.

    Drum KT, zack zack,
    macht uns den Schmubarak.

    Deutschland an vielen Fronten steht,
    Nur ein gegelter Haarschopf geht.
    Wird es für immer sein?
    Sein oder Nichtsein, so wird geblufft,
    KT hat es noch immer geschafft,
    Grüß Gott, zur Hintertür herein.

    Und KT steht weiter auf Bahnsteig 3
    Und sagt uns Adieu und wie kraftlos er sei,
    Erst Kundus, Gorch Fock, dann Wehrdienst a.D.
    Und Chronos mit der roten Mütze ruft: „Geh!“

    Zurücktreten bitte,
    Zurücktreten bitte,
    Wir fahrn alleine ab (ja ab).
    Zurücktreten bitte,
    Zurücktreten bitte,
    Ich hebe jetzt den Stab (den Stab).
    Die Türen schließen
    Und Vorsicht am Zug.
    Es tut uns leid,
    Doch wir haben genug.
    Wir fahren jeden Augenblick,
    Und KT der tritt nun zurück.

    So geht das alte Lied,
    Zurück ins 2. Glied.

    Fußnoten:
    (1): Originaltext gefunden in Der Spiegel 35/1953
    (2): Carl Wolfgang Müller ist heute u.a. Dr. phil. in Publizistik- und Theaterwissenschaft sowie Germanistik, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik der TU Berlin (geb. 12. 11.1928 in Dresden). Er studierte bis 1956 an der FU Berlin und schrieb Kabaretttexte und politische Gassenhauer. (Quelle: Wikipedia)
    (3) Zum Komponisten sind keine weiteren Angaben verfügbar.

     karltheodor_zu_guttenberg.jpg

    In Memoriam „Dr.“ Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenburg
    28. Oktober 2009 bis 1. März 2011 Bundesminister der Verteidigung

    „Irgendwann sitzen wir alle in Bayreuth beisammen und begreifen gar nicht mehr, wie wir es anderswo aushalten konnten.“
    Friedrich Nietzsche

    Aus dem Werbevideo der Uni Bayreuth

    Machen Sie Ihren Doktor in Bayreuth, es lohnt sich.

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  • Das Tier und der menschliche Wahnsinn in den Filmen des Wettbewerbs auf der Berlinale 2011

    Die diesjährige Berlinale scheint ihr Thema gefunden zu haben, es ist das Tier in allen möglichen Gattungen und seine Wirkung auf die menschliche Psyche. Mal beruhigend bei Trennungsschmerz, mal als Auslöser von Torschlusspanik bei Mitdreißigern, als Symbol für den Tod oder das Fremde und als mystisches Sehnsuchtswesen eines afrikaverrückten Arztes. Der Wahnsinn in seinen verschiedenen Spielarten ist allen diese Figuren in irgendeiner Weise eingeschrieben.

    Béla Tarr erzählt uns in seinem neuen Film einen vom Turiner Pferd

    “Der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren…” – Friedrich Nietzsche

    Dieses Zitat Nietzsches muss der ungarische Regisseur Béla Tarr wörtlich genommen haben. Ausgehend von einem nicht näher belegten Ereignis in Turin des Jahres 1889, in dem Nietzsche dem von einem Kutscher misshandeltem Pferd weinend um den Hals fällt, erzählt er die unbekannte Geschichte dieses Kutschers und seinem Pferd als dumpfes Untergangsszenario in einem nie enden wollenden Sturm der in völlige Finsternis mündet. Nietzsche sah in dieser Begegnung seine Vision bestätigt, die er bereits 1888 in einem Brief an den Maler und Schriftsteller Reinhart von Seydlitz schilderte: „Winterlandschaft. Ein alter Fuhrmann, der mit dem Ausdruck des brutalsten Cynismus, härter noch als der Winter ringsherum, sein Wasser an seinem Pferd abschlägt. Das Pferd, die arme geschundene Creatur, blickt sich um, dankbar, sehr dankbar“. Nietzsche fällt daraufhin in eine geistige Umnachtung, die 10 Jahre andauern soll und mit seinem Tod endet.
    Tarr ist ein Meister langer Einstellungen und harter Schwarz-Weiß-Bilder. In seinen Filmen stellt er in teils surrealen Bildern immer wieder die Unfähigkeit der Menschen zu Empathie und wahrer Liebe dar. In „Werckmeister Harmonies“ wird ein Wanderzirkus mit einem riesigen Wal zum Sinnbild für das Fremde, das Gefüge einer Kleinstadt störend, deren Bewohner sich in einem von einem Demagogen angestachelten Exzess von Gewalt Luft verschaffen. Dabei gab es aber immer auch einen Protagonisten, der sich diesen Bestrebungen mit Witz und dem naiven Glauben an die Menschlichkeit entgegenstellte. In „The Turin Horse” gibt es diese Figur nicht mehr. Der Stumpfsinn hat gesiegt, das Ende der Welt ist nahe. Innerhalb von 6 Tagen wird diese gewohnte Welt des Kutschers und seiner Tochter aus den Fugen geraten, jeder Ausbruchsversuch ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Wind heult unentwegt und die minimalistische Musik von Mihály Víg verdichtet diesen 2 1/2-stündigen Film zu einer Tour de Force für alle Zuschauer. Die Kamera von Fred Kelemen folgt zunächst stringent in langen Einstellungen dem immer gleichen Tagesablauf der Protagonisten, vom An- und Auskleiden, Wasserholen, dem obligatorischen Schnaps zum Frühstück, dem vergeblichen Anschirren des kranken Pferdes bis zum Abendmahl mit heißer Pellkartoffel. Diese eindrücklichen langsamen Bilder des deutschen Regisseurs und langjährigen Kameramanns von Béla Tarr erzählen von der Härte der Natur und der Verlorenheit des Menschen darin.
    Nur wenige Variationen lässt Béla Tarr zu. Einmal kommt der Nachbar, dem der Palinka ausgegangen ist, durch den Sturm zum Haus der Beiden und erzählt vom Untergang der Stadt in Dekadenz und dem immer währenden Kampf zwischen Herrschaft und Unterwerfung. Das Drehbuch stammt wieder vom Schriftsteller László Krasznahorkai, viel gesprochen wird dennoch nicht. Der Alte (János Derzsi) knurrt nur und herrscht seine Tochter (Erika Bók) an. Sie muss ihn immer wieder an- und auskleiden, da er einen steifen Arm hat. Bisweilen trocken und mehlig, wie die Pellkartoffeln an denen sie still kauen, wirkt dieser Film. Da das Pferd nicht mehr frisst und nicht aus dem Stall will, bleibt die Hütte der Ort des weiteren Geschehens. Der Alte sieht müde aus dem Fenster in den Sturm. Ein Wagen mit Zigeunern kommt vorbei auf dem Weg nach Amerika, sie wollen aus dem Brunnen trinken. Der Alte verjagt sie wütend mit der Axt. Die Tochter liest zögerlich religiöse Verse aus einem Buch, das ihr einer der Zigeuner geschenkt hat. Am nächsten Tag ist der Sturm vorbei und der Brunnen versiegt. Es wird nicht mehr hell und das Feuer geht langsam aus. Dennoch bleiben sie bei ihrem Tagesablauf, der Alte beißt in die rohe Kartoffel und befiehlt seiner Tochter ebenfalls zu essen, doch sie hat wie das Pferd bereits aufgegeben.
    Das Leben als sinnloser Kreislauf des Werden und Vergehens, das ist das filmische Vermächtnis des Béla Tarr, das sich in seiner ausweglosen Entgültigkeit gewaschen hat, auch ohne Wasser. Tarrs Nihilismus demontiert Nietzsches Theorie vom Übermenschen konsequent. „Die Schwachen und Mißratnen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Nietzsche aus „Antichrist“) Nach Tarr haben sie das nun gründlich selbst besorgt. Der Meister schickt uns nach dem Film mit einer knappen Geste nach Hause. Das Mitleiden hat für dieses Mal ein Ende.

    Der Mensch ist nur ein Seil, gespannt zwischen dem Tier und dem Übermensch. Ein Seil über einem Abgrunde. – Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“

    Afrika for ever – In „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler verliert sich ein Arzt im Dschungel seiner Sehnsüchte

    Mit Ulrich Köhler ist in diesem Jahr wieder ein Vertreter der „Berliner Schule“ im Wettbewerb vertreten. 2009 gewann Maren Ade, Lebensgefährtin von Ulrich Köhler, mit „Alle anderen“ den großen Preis der Berlinale-Jury. Köhler dürfte das mit seinem Film wohl schwerlich gelingen. Er ist so etwas wie der Mystiker unter den Regisseuren der „Berliner Schule“, seine Figuren brechen aus gewohnten Bahnen aus und verlieren sich an unwirklich anmutenden Orten wie einem Ferienhaus in „Bungalow“ und einem surrealen Hotel in „Montag kommen die Fenster“.
    In Schlafkrankheit geht es um eine Paar, das jahrelang Entwicklungshilfe in Afrika geleistet hat. Ebbo (Pierre Bokma, niederländischer Schauspieler, z.Zt. an den Münchner Kammerspielen) und Vera Velten (Jenny Schily, bekannt aus Inszenierungen der Schaubühne Berlin) wollen nun wegen ihrer Tochter nach Deutschland zurück kehren. Ebbo ist Arzt und leitet ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in Kamerun. Auch Köhler hat mit seinen Eltern einige Zeit in Afrika verbracht. Ganz ruhig und unspektakulär erzählt er die Geschichte von verlorenen Illusionen und dem ewigen Kampf um Geld und die Zweckentfremdung von Fördermitteln. Dennoch hält Ebbo etwas in Afrika, er liebt das Land, die Arbeit hier füllt ihn aus, in Deutschland erwartet in nichts. Unter Tränen erklärt er seiner Frau am Telefon, dass er nicht zurückkehren wird.
    Als nach Jahren Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), ein junger französischer Arzt mit afrikanischen Wurzeln, zu einer Einschätzung des Schlafkrankheitsprogramms nach Afrika fährt, trifft er nach längere Fahrt in den Dschungel und einiger Wartezeit auf Ebbo, der sich häuslich eingerichtet hat, eine einheimische Frau besitzt, die schwanger von ihm ist und zweifelhafte Projekte wie ein Hüttendorf für Touristen betreibt. Ein Ähnlichkeit zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist nicht von der Hand zu weisen. Alex, der wegen seiner Hautfarbe und Homosexualität erst selbst noch in Frankreich diskriminiert wurde, bewegt sich wie ein ignoranter Europäer durch Afrika, voller Vorurteile und ständig auf der Hut übervorteilt zu werden. Er findet keine Beziehung zu Ebbo, alles ist ihm fremd. Ebbo dagegen gefällt sich in der Rolle des Wohltäters, herrscht seine Bediensteten an und hat sich an die Korrumpierbarkeit der Beamten und des Militärs gewöhnt. Mit einem Franzosen geht er zur Nilpferdjagd. Dieses mystische Tier Afrikas steht als Sinnbild für Kraft und ist gefürchtet für seine Gewaltausbrüche. Nach einem Streit verlieren sich die Jäger im Dunkel des Dschungels. Ein Schuss fällt, Alex sieht am nächsten morgen ein Nilpferd, das kurz durchs Bild läuft. Es bleibt offen, was mit Ebbo passiert ist. Der undurchdringliche Dschungel hat ihn verschluckt, er ist an seinem Sehnsuchtsort verloren gegangen.
    Das wäre eine gute Story für den Mystiker unter den Dramatikern Roland Schimmelpfennig, der sich aber lieber mit einer Holzpuppe und dem Gesichts Gottes als Metapher für das unerklärbare Afrika beschäftigt hat. Ulrich Köhler weiß auch nicht so recht, was er dem Stoff anfangen soll, der Europäer als Fremdkörper und ewiger Kolonist, kann nicht von diesem Kontinent seiner Träume lassen. Es tun sich aber keine wirklichen Abgründe der Seelen wie bei Conrads Roman auf. „Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren (…) Wir gehen mit Worten Kompromisse ein. Es hilft uns auch nicht weiter. Es ist wie ein Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: `Ich bin gerettet!`“ – Joseph Conrad

    Noch 30 Tage bis Paw Paw – Eine Katze verändert das eingefahrene Leben zweier Mitdreißiger in „The Futur“ von Miranda July

    Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe. – Rainer Maria Rilke

    So ist es auch im zweitem Spielfilm des US-amerikanischen Multi-Talents Miranda July, in dem sie auch wieder wie in „Ich und Du und Alle, die wir kennen“ (Goldene Kamera in Cannes 2005 für das beste Debüt) die weibliche Hauptrolle übernimmt. Die Katze heißt Paw Paw (Pfötchen) und ist einem Paar in den Dreißigern zugelaufen. Sie wollen es adoptieren, um mehr Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen. Sie bekommen aber noch mal 30 Tage Bedenkzeit, da die verletzte Pfote des Streuners erst im Tierheim gesund gepflegt werden muss. Dass die kranke Katze nicht nur ein paar Monate zu leben hat, sondern auch gut und gerne 5 Jahre, versetzt die beiden, die ihr Leben fast nur noch im Internet verbringen, in totale Torschlusspanik. In 5 Jahren ist man schließlich schon 40 und das ist ja fast schon 50. Sie wollen die letzten 30 Tage ohne Verantwortung dann auch voll nutzen, kündigen spontan ihre langweiligen Jobs als IT-Serviceberater und Tanzlehrerin für Kinder und stürzen sich in neue Projekte. Jason (Hamish Linklater) widmet sich dem Klimaschutz und zieht von Haustür zu Haustür, um Bäume zu verkaufen. Sophie will 30 Tänze kreieren, jeden Tag einen neuen und ins Internet stellen. Sie scheitern natürlich beide an ihren zu hoch geschraubten Zielen. Letztendlich sind das alles nur vergebliche Ausbruchsversuche aus ihrer lahm liegenden Beziehung.
    Aus dem Off reflektiert die Katze mit der verfremdeten Stimme von Miranda July über das ungebundene Leben in der Wildnis, freut sich aber auf ein ruhiges Leben bei den Beiden, die sie nun aufnehmen werden und sie signalisiert schon mal durch Schnurren Bereitschaft. Bereit für einen gemeinsamen Neuanfang ist das Paar aber nicht wirklich. Sophie drängt es zu einem alleinerziehenden Schilderdesigner aus einer Vorstadtsiedlung und einer schnellen Affäre, Jason trifft einen bereits 60 Jahre verheirateten Mann, dem er einen alten Fön abkauft und sich seine Weisheiten über die Liebe und Paarbeziehungen im allgemeinen anhört. Seine erst 4 Jahre währende Beziehung zu Sophie erscheint Jason bereits ewig, ist aber in den Augen des Alten nur der Anfang und der ist ja bekanntlich schwer. Der Film ist auch eine Geschichte über das Vergehen von Lebenszeit und die unterschiedliche Wahrnehmung dessen. In einer albtraumhaften Sequenz sieht Sophie ihre Freundinnen vor sich, erst schwanger, dann mit Kindern und schließlich stehen diese dann vor ihr und wollen ihre Kind zum Tanzkurs anmelden. Die Zeit rast in ihren Augen und auch Jason versucht diese einfach anzuhalten, muss aber erkennen, das die gemeinsame Zeit nur in seiner Vorstellung fest steht und Sophie sich auch so längst von ihm entfernt hat.
    Beide verpassen den Abholtermin für die Katze, die bereits voll Ungeduld gewartet hatte und sich die Länge von 30 Tage vorzustellen versucht. Sie stirbt am Ende, ob es einen Neuanfang für Sophie und Jason geben wird bleibt offen. Miranda July gelingt mit viel Selbstironie und Humor, der auch in seinen leicht kitschig melancholischen Momenten nie aufgesetzt wirkt, ein durchaus überzeugendes Porträt von zwei Menschen, die nicht so richtig zu wissen scheinen, worum es ihnen im Leben geht. Miranda July hat diesen Stoff, wie sie im anschließenden Gespräch erklärt, aus einer ihrer Kurzgeschichten entlehnt und die ihrer Meinung nach etwas langweilige Story durch entsprechend assoziative Bilder zu verstärken versucht. Durchaus sehr sympathisch dieser Versuch, leider aber auch etwas zu nett. Der Konfliktstoff bleibt bisweilen in diesen visuellen Fantastereien stecken.

    Der Film, der an diesem Abend in der Reihe „Berlinale goes Kiez“ im Kino Adria an der Steglitzer Schloßstraße lief, wurde von Maren Ade präsentiert, deren Lebensgefährte Ulrich Köhler seinen Film „Schlafkrankheit“ im Wettbewerb zeigte. Und so wurde der Abend noch zu einer Veranstaltung der „Berliner Schule“, mit der Miranda July auch persönlich verbandelt ist. Zum zweiten Film des Abends erschienen doch tatsächlich Dieter Kosslick und Christoph Terhechte und stellten mit Christian Petzold und seinem Film „Etwas Besseres als den Tod“ einen weiteren Vertreter dieser Richtung vor. Alle sprühten geradezu vor Witzigkeit und hatten sichtlich Spaß mal abseits des stressigen Berlinale-Alltags.
    Der Film von Petzold ist ein Beitrag zu dem dreiteiligen Projekt „DreiLeben mit den Regisseuren Dominik Graf und Christoph Hochhäusler, das im Forum der Berlinale lief. Es erzählt mit jeweils anderen Protagonisten in den Hauptrollen, die Geschichte eines entlaufenen Frauenmörders (Stefan Kurt) und weiterer Figuren aus dem Umfeld einer kleinen Stadt im Thüringer Wald. Der erste Teil von Christian Petzold dreht sich um die Liebesgeschichte zwischen einem Medizinstudenten (Jacob Matschenz) der in einem Krankenhaus ein Praktikum macht und einem bosnischen Zimmermädchen (Luna Mijovic, bekannt aus dem Berlinalesieger von 2006 „Grbavica“). Die Liebe scheitert an Vorurteilen und den verschieden Vorstellungen über eine gemeinsame Zukunft. Das Mädchen wird schließlich dem Mörder zum Opfer fallen, es gibt eine kurze Horrorschockszene in Petzolds Film und unheimlich gefilmte Bilder des Waldes. Man kann sich sicher auf die Ausstrahlung im Herbst in der ARD freuen, zwischen Tagesschau, Wetter und Anne Will, wie Petzold gut aufgelegt witzelte. Aber vielleicht kommt ja auch ein Championsleaguespiel dazwischen.

    Wie die Väter, so die Söhne und Töchter – Andres Veiel psychologisiert die 68er in seinem ersten Spielfilm „Wer wenn nicht wir“, einem Portrait von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper

    Eine Katze steht auch im Mittelpunkt der Schlüsselszene des ersten Spielfilms des Dokumentarfilmers Andres Veiel. Veil wurde bekannt durch wunderbare Dokumentationen, wie etwa über junge Schauspielschüler (Die Spielwütigen, 2004), über den brutalen Mord an einem 16-jährigen Jungen im brandenburgischen Potzlow (Der Kick, 2006, nach seinem gleichnamigen Theaterstück am Gorki Berlin, 2001) und nicht zu letzt durch den 2001 gedrehten Dokumentarfilm „Black Box BRD“, in dem er die Biografien des von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und die des bei seiner Festnahme in Bad Kleinen auf bisher ungeklärte Weise ums Leben gekommenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Nun hat sich Veiel der Biografie des Paares Gudrun Ensslin und Bernward Vesper angenommen, beide Leitfiguren der 68er Studentenbewegung, deren Liebe letztendlich nicht nur an den unterschiedlichen Ansichten über den Weg zu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen scheitern.
    Der Film beginnt kurz nach dem 2. Weltkrieg im Elternhaus des 8jährigen Bernward im niedersächsischen Triangel. Die besagte Katze gehört dem Jungen. Der Vater erschießt die Katze, weil sie den Nachtigallen im Park nachstellt. Im ruhigen Verständnis heischenden Ton erklärt er Bernward, das Katzen nicht zum Menschen passen, da sie die Juden unter den Tieren sind. Diese Szene ist prägend für den jungen Vesper, er hat sie auch in seinem Drogentrip „Die Reise“, einer Abrechnung mit der Elterngeneration, beschrieben. Der Roman blieb Fragment, da sich Vesper im Jahr 1971 in der Psychiatrie das leben nahm. Der Vater Will Vesper, dargestellt vom Theaterschauspieler Thomas Thieme, war eine glühender Hitler-Verehrer und sogenannter Blut-und-Boden-Dichter, der gegen jüdische und liberale Schriftsteller und Verleger hetzte. Dennoch verehrte Bernward Vesper sehr seinen Vater auch noch nach dem Krieg und begann auf des Zuraten hin selbst zu schreiben. August Diel stellt ihn sehr schön zwischen selbstbewusstem politischem Verleger und schwankend in der Distanz zu seinem Vater dar. 1961 lernt er Gudrun Ensslin an der Uni Tübingen kennen, wo sie u.a. Germanistik studieren und Vorlesungen bei Walter Jens besuchen. Beide gründen einen Verlag, um die alten Bücher Will Vespers aber auch linke Schriften und ein Buch von Stokely Carmichael, einem der Führer der afroamerikanischen Black Panther Party, heraus zu bringen.
    Der Film, der auf dem Buch „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus“ des Publizisten und Historikers Gerd Koenen beruht, beschreibt das in allen Einzelheiten. Die Annäherung der beiden erfolgt erst zögerlich, dann aber um so heftiger. Sie ziehen zusammen, erst zu dritt mit einer Freundin Gudruns. Dann entsteht aber schnell, eine fast symbiotische Beziehung zwischen Bernward und Gudrun. Beide versuchen sich aber auch unabhängig von einander zu verwirklichen, eine ständiger Kampf um Anerkennung und Abgrenzung zu den Eltern beginnt. Vesper geht fremd und Ensslin verletzt sich aus enttäuschter Liebe selbst. Sie geht eine kurze Beziehung zu Klaus Roehler ein, der ihr bei ihrer Dissertation über Hans Henny Jahnn helfen soll. Schließlich mündet der Kampf doch in den bürgerlichen Akt der Verlobung. Es folgen Verbindungen zur SPD-nahen Gruppe 47, die aber nicht ihrem Streben nach radikaleren Forderungen entsprechen. Veiel spult den Film wie ein Biopic ab. Es werden dokumentarische Szenen aus Nachrichten und alten schwarz-weiß-Dokumentationen eingespielt, um den zeitgeschichtlichen Bezug herzustellen. Von den ersten Atombombenversuchen in den USA, über den Beginn der großen Koalition von CDU mit Kiesinger und derSPD, dem obligatorischen Schahbesuch mit den Prügelszenen in Berlin, bis zum Kaufhausbrandprozess in Frankfurt geht die Kette direkt zur Begegnung mit Andreas Baader. Alexander Fehling spielt ihn als zwischen androgynem Wesen und dem üblichen Revolutionsposer. Seine Fotzenrhetorik hat Veiel aber bewusst vermieden, Gudrun Ensslin darf auch mal zurückschlagen und so ist sein Film im Gegensatz zum Bader-Meinhoff-Komplex auch nicht so reißerisch inszeniert. Es geht Veiel eher um ein Psychogramm dieser Zeit.
    Gudrun Ensslin ist eine Figur, die aus Ablehnung gegen den Opportunismus der Vätergeneration heraus, zu der Einsicht gelangt, das man etwas tun muss. Eine Entdeckung ist dabei die junge Lena Lauzemis, die Gudrun Ensslins große Emotionalität und ihre emanzipierte Entschlossenheit wirklich anschaulich rüberbringen kann. Ensslin ist Vesper in jedem Moment geistig und in ihrer Entschlossenheit überlegen. Er kann ihr nicht mehr Paroli bieten. Aus der Erkenntnis, dass die Bundesrepublik mit ihrer angeblich freiheitlichen demokratischen Grundordnung die Geschichte des Nationalsozialismus nicht wirklich aufarbeitet und das im Bewusstsein der Menschen nicht ankommt, stellt sie sich gegen ihre bürgerliche Familie und radikalisiert sich, um den Massen ein Beispiel zu geben. Man muss das in gewisser Weise auch psychologisch sehen. Der Druck für intellektuelle Leute wie Ensslin, Meinhoff und auch Vesper war so groß, das es nur zwei Möglichkeiten für sie gab, entweder zerbrechen wie Vesper oder, oder der Weg in den Terror der RAF, der andere Wahnsinn, wie ihn Baader propagierte. Ein dazwischen gibt es für sie nicht, entweder dafür sein oder dagegen. Das ist auch der Widerspruch, der sich für viele nicht lösen ließ. Radikale Forderungen lassen sich in einer Demokratie nicht so schnell umsetzten. Eine im Knast eingefügte Szene zeigt Ensslin im Gespräch mit der Anstaltsleiterin, die an ihr Gewissen appelliert, mit dem Verweis auf kleine Schritte der Veränderung, um sie vom bewaffneten Kampf abzubringen. Dennoch steigen die Protagonisten der RAF aus und bilden eine in ihren Strukturen klar hierarchisch und diktatorisch durchorganisierte Organisation. Sie sind damit aber wieder im System der Väter angekommen. Diesen Weg will Veiel mit seinem Film beschreiben, leider pathologisiert er damit auch die gesamte 68er-Bewegung. Die Geschichte hat keine passende Lösung parat, es bleibt ein ewiges Suchen nach der Wahrheit. Hier bietet der Film auch keinen Antworten.

    „Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“ – aus dem Briefwechsel von Heinrich Böll mit Ernst-Adolf Kunz 1945-1953

    alle Preisträger auf einen Blick

  • Ringbahn-Kurti oder der S-Bahn-Blues

    Morgen, ich bin der Kurti, I am the Kurti und ich singe euch den S-Bahn-Blues. I sing you the S-Bahn-Blues. Ich hoffe er gefällt euch, dann gibt mir bitte etwas Geld. I hope you like it, then give me your money, please. Let`s begin! Ich fang dann mal an.

    Wenn ich am Bahnsteig steh, dann frieren mir die Zeh`,
    Kann das denn sein, worum sich alles dreht?
    Ich fahr das ganze Jahr lang, täglich mit der Ringbahn.
    Und sicher nicht damit das so weiter geht.

    Ich bin reif, reif, reif, reif für die Bühne.
    Ich bin reif, reif, reif bühnenreif.
    Und ich frag mich warum keiner anruft,
    Zum aussteig´n ist es längst höchste Zeit.
    Und ich wundre mich warum keiner anruft,
    Zum aussteig´n bin ich lang schon bereit.

    Und ist die S-Bahn da, dann wird mir langsam klar,
    Es hört mir keiner zu, wenn ich hier sing.
    Schubsen, Schieben, „Motz“en, das find ich voll zum Kotzen
    Das ist ganz einfach nicht mehr so mein Ding.

    Ich bin reif, reif, reif, reif für die Bühne.
    Ich bin reif, reif, reif bühnenreif.
    Und ich frag mich warum keiner anruft,
    Zum aussteig´n ist es längst höchste Zeit.
    Und ich wundre mich warum keiner anruft,
    Zum aussteig´n bin ich lang schon bereit.

    Am Heidelberger Platz dann, umsteig`n in die U-Bahn,
    Das kann`s doch alles nicht gewesen sein
    Nur Khuon, Castorf, Peymann, lasst doch mal endlich mich ran.
    Das ewige Talent schlägt endlich richtig ein.

    Ich bin reif, reif, reif, reif für die Bühne.
    Ich bin reif, reif, reif für`s DT.
    Und ich frag mich warum keiner anruft,
    Zum aussteig´n ist es längst höchste Zeit.
    Und ich wundre mich warum die noch da sind,
    Dabei sind die doch längst alle kalt.

    Ich bin reif, reif, reif, reif für die Bühne.
    Ich bin reif, reif, reif für`s BE.
    Und ich frag mich warum keiner anruft,
    Zum aufsteig´n wär ich endlich mal dran.
    Und doch fahr ich hier weiter im Kreis rum,
    Denn die Ringbahn, die kommt nirgends an.

    Ohoho, ein paar Cent für die Musik?

    Ohoho, danke, schönen Tag noch.

    Ohoho, thank you for traveling with the S-Bahn.

    Ohoho, `n Schluck Bier?

    Ohoho, oder `n Stück von deiner Brezel?

    Ohoho, wie isses mit dir?

    Ohoho, noch `ne Motz oder `n Straßenfeger?

    Ey, vafatz da Alta …

    frei nach „Reif für die Insel“ von Peter Cornelius (1981)

  • Bitter-Tränen-Most oder Mord und Totschlag

    Ein Dramolett für Thomas Bernhard zum 80sten

    Wien. Most sitzt mit seinen Schwestern Bitter und Tränen beim Essen. Es gibt Rindssuppe und Schnitzel.

    Bitter: Habst ihr heut schon den Kurier gelesen?
    Tränen: Naa, i bin doch so a Heferl. Nur Mord und Totschlag, immer nur Mord und Totschlag.
    Most: Was schreibens denn?
    Bitter. Der Peymann hat ein` Geist g`sehen.
    Tränen. Der Peymann? I habs g`wust. Nur Mord und Totschlag.
    Most: Wer war denn der Geist?
    Bitter: Der Bernhard selig war`s, steht hier.
    Tränen: I sag`s doch immer…
    Most: Ja, ja nur Mord und Totschlag. Aber was sagt er denn?
    Bitter: Wer, der Peymann, oder der Geist?
    Tränen: Sicher nur Mord und Totschlag.
    Most: Egal, sag scho.
    Bitter: Also der Peymann sagt, er träumt vom Bernhard und der ruft ihn ständig an, so als wenn er sei Witwe wer.
    Tränen: Jessas, nur Mord und Totschlag.
    Most: Ja und, was sagt da der Bernhard?
    Tränen: Iss doch die Krapfen Bub, die hab i nur für di g`macht.
    Most, isst einen Krapfen: Mmpf, nun sag scho, was hat da der Bernhard g`sagt?
    Bitter: Er soll a Komödie machen, der Peymann.
    Most: A Komödie? So, a Komödie, wos waß denn der Peymann, wos a Komödie is?
    Tränen: Bub, tua da nix an. Iss noch aan Krapfen.
    Most, stopft sich noch eine Krapfen rein: A Komödie, das i net lach, wos waß denn der Peymann, wos a Komödie is? Wos wü denn der geben?
    Bitter: Einfach kompliziert gibt der. Mit`m Voss.
    Tränen: Ah, der schmeckt mir. A fesches Mannsbild.
    Most: Wos? Das soll a Komödie sei? Das Ganze hat mit aaner Komödie nix zum tun, gar nix. Und was ist jetzt mit der Mordspension vom Voss?
    Tränen: Maria und Josef, Mord und Totschlag.
    Bitter: Dafür hat er dem Peymann a Hosen gekauft.
    Tränen: A Hosen, das g`fallt mir. Bub, nimm noch a Krapfen.
    Most: Hoit die Pappen.
    Er Nimmt einen Krapfen und wirft ihn nach ihr.
    Tränen: Bub, mach a schön Wetter.
    Most: Dummkopf, a Katastrophen ist das, a Kunst-Natur-Katastrophen. Und also naturgemäß a schäbiger Unterhaltungsmechanismus, ist das, nix weida.
    Er isst noch eine Krapfen und rülpst.
    Bitter: Darüber gibt’s nix zum Diskutieren, sag i. Das ist a Komödie, a Komödie mit Mäusen und aanem König.
    Most: A Mauskönig? Ist das vom Tschaikowski? Bernhard hat nur Mozart g`hört. Mozart und a bisserl Wagner, nix mit´m Tschaikowski, a Tragödie ist das, nix als a Tragödie. Da wü i aus da Welt fallen, wenn das net a Tragödie ist.
    Tränen: Bub, sei stad, da sind noch Krapfen.
    Most: Hast du da Mausgift rein getan?
    Tränen: Naa, die sind nur mit Milch g`macht.
    Most: Milch? I mag ka Milch nicht.
    Er läuft blau an.
    Bitter: Mei, Bub, wos ist das jetzt? I hab scho Karten für die Burg gekauft. Soll i die jetzt zurück geben? Die öffentliche Proben war scho a Gschra. Mei, wos für a schöne Kronen der Voss aufhat und aan Hammer hat der. Wenn nur nicht wieder das Licht zu lang ausgeht. Aber der Peymann hat ja Gott sei Dank a Stoppuhr.
    Most, würgt und hustet: Licht, Hammer, Karten für die Burg? Wos für a Stauborgie soll das wieder werden? Die Piefkes haun mit dem Hammer ganz Österreich ein und dann kippen die wida a Fuhre Mist vor die Burg.
    Tränen: Natürlich, nur Mord und Totschlag. Bub?
    Sie klopft ihm auf den Rücken. Most kippt vom Stuhl. Bitter und Tränen springen auf.
    Bitter: Da kann man sagen was man will, aber der Bub hört ja nicht. Er wollte doch noch ausmalen.
    Tränen: Das wird sich wohl nicht mehr ausgehn.
    Sie sieht ihn nachdenklich an.
    Tränen: Was für eine Enttäuschung. Du, was ist eigentlich Vollkommenheit?
    Bitter: Wenn nichts stimmt. Das Leben taugt nicht für die Ewigkeit. Aber man muss es durchhalten.
    Sie wickeln Most in das Tischtuch ein und schleifen ihn raus. Vorhang.

    thonmas-bernhard.jpg

    Thomas Bernhard    * 9. Februar 1931 in Heerlen, Niederlande; † 12. Februar 1989 in Gmunden, Österreich

  • Die Labdakiden im Familienkreis – Friederike Heller psychologisiert die „Antigone“ des Sophokles an der Berliner Schaubühne mit der Band Kante als Supervisor

    Man kann sich den ganzen theoretisierenden Kram des Programmhefts mit Heideggers durch Hölderlin inspirierten Antigonerezeption, Wurmsers Psychoanalyse der Scham und des Dramaturgen Stegemanns Abhandlungen über die Tragödie ruhig sparen. Werft es weg! Es geht im Großen und Ganzen um die letzten Sätze der Widerlegung der Antigone-Interpretation des Psychoanalytikers Jaques Lacan durch die Genderforscherin Judith Butler, in der Antigone schließlich die Stelle der toten Brüder einnimmt, um jenen „männlichen Exzeß, der die Wächter, den Chor und Kreon in Erstaunen versetzt: Wer ist hier der Mann?“ Diese Frage treibt die Regisseurin des Abends Friederike Heller an, weshalb sie auch auf die Idee verfallen ist, alle Rollen durch zwei Männer spielen zu lassen. So weit so gut, nehmt es an.
    Die Tragödie des Ödipus und seiner Familie der Lapdakiden zu psychologisieren ist seit Freud nicht neu. Das beschränkt sich nicht nur auf Ödipus, es bezieht sich seit Lacans Ethik der Psychoanalyse auch auf seine Nachkommen und im speziellen auf seine Tochter-Schwester Antigone. Heller lässt dann zu Anfang auch die Lapdakiden zur traditionellen Familienaufstellung antreten. Die Band Kante und die beiden Schauspieler Christoph Gawenda und Tilman Strauß begeben sich erst widerwillig in den Kreis, der durch Supervisor Peter Thiessen, Sänger der Band Kante, aufgestellt wird, dann entwickelt sich aber langsam das gewünschte Stellvertreterphänomen, die Protagonisten nehmen ihre Rollen an und spielen die Tragödie von Ödipus bis zur Antigone, ganz nach dem Motto: „Was weh getan hat, wird erinnert“.
    Ab hier hätte sich etwas Phantastisches ereignen können, aber es tut sich nichts, keine Verstrickungen werden deutlich, nichts Unheimliches regt sich. Das Problem liegt daran, das Heller diese Methode nur ironisierend benutzt, aber nichts weiter damit bezweckt. Hymnisch werden Hölderlintexte mit der Band Kante intoniert und zwei Schauspieler werfen sich mit viel Elan und Flitter in die Widersprüche zwischen göttlichem Gebot, weltlichem Gesetz und eigener Hybris. Irgendwann werden sie wieder auf das Parkett der Realität zurück gerufen und erfahren vom Psychoguru Thiessen, dass nicht nur die Akzeptanz jedes Familienmitglieds auf gleicher Stufe gilt, sondern auch die Rangordnung der Ahnen einzuhalten ist. Antigone tritt demnach in eine ihr nicht angestammte Position und erleidet somit den Tod, wie die Helden aller griechischen Tragödien. Das sich das widerspricht und somit die therapeutische Sitzung ad absurdum geführt ist, wird als große Erkenntnis gefeiert. König Kreon zittert auf den Knien Thiessens, sein Irrtum wird hier als eine blöde Psychopanne bagatellisiert. Man feiert das in einem dionysischem Rockexzeß.
    Die Rezeption des Antigonestoffes auf der Bühne ist lang, er wurde bisher meist als Sieg des Humanismus über staatliche Willkür erklärt, das war vor allem nach dem 2. Weltkrieg so. Die Klassik sah noch die Auseinandersetzung mit dem Göttlichen in der Tragödie als Reibungspunkt, Hölderlin sah sie eher im Fehlen einer anders gearteten spirituellen Idee jenseits irgendeines Gottes. Im deutschen Herbst fand die Antigone (Schlöndorff, Böll) sogar den Einzug in die Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus. Das alles scheint Friederike Heller nicht zu interessieren. Das man heute nach einer neuen Rezeption der Antigone sucht, ist zeitgeschichtlich gesehen mehr als verständlich. Nur Friederike Hellers Inszenierung reibt sich an gar nichts mehr, sie vertändelt die Tragödie zu Gunsten einer unbestimmten psychologisierendem Gendertheorie und der alles nivilierenden Liebe, die jede politische Interpretation ablehnt. Die Schuld die sich Kreon selbst und nicht ein wüst Schicksal auf das Haupt gehäuft hat, wird so nicht sichtbar. Letztendlich tritt so zwar bei Kreon eine psychologische Katharsis ein, das Schaudern und Jammern soll aber niemanden im Publikum stören, der mahnende Schlusssatz des Chors ist gestrichen.
    Den Schülern, die wahrscheinlich wieder reihenweise in diese Inszenierung geschickt werden, entgehen so ca. 200 Jahre Rezeptionsgeschichte, die hier nicht durch eine grundlegend neue ersetzt werden. Das Ärgerliche an der Sache ist, dass das nicht irgendwem passiert, sondern Friederike Heller, die gerade mit der Band Kante für die bisher vielleicht interessantesten Klassikeradaptionen der letzten Zeit gesorgt hat. Es steht die Frage im Raum, wo dabei überhaupt Antigone bleibt? Sie fehlt unentschuldigt, dafür gibt es ein Ungenügend und aus dem Yo wird eher ein No.

  • Mit nichts als Wut im Bauch – „Die Weber“ am Deutschen Theater

    Michael Thalheimer inszeniert Hauptmanns „Stück ohne Helden“ fast 1 zu 1 aber ohne jede Sehnsucht

    Nach „Rose Bernd“ und den „Ratten“ hat sich Michael Thalheimer nun Gerhart Hauptmanns naturalistisches Elendsdrama „Die Weber“ vorgenommen. Selbst aus Schlesien stammend, interessierte sich Hauptmann zwecks die Umsetzung eines formal naturalistischen Stücks, für die Vorgänge rund um den spontanen Aufstand der hungernden schlesischen Heimweber gegen die Fabrikantenfamilie Zwanziger 1844 in Peterswaldau. Tief beeindruckt durch das Elend der Weber, das er bei Recherchereisen dort vorfand, entstand in den Jahren 1891 bis 1893 das Schauspiel „Die Weber“.

    Olaf Altmann hat Thalheimer für die Inszenierung eine lange Treppe gebaut, die den gesamten Bühnenraum einnimmt. Unten sitzen die Weber, die um Vorschuss betteln, oben der Fabrikant Dreißiger (Ingo Hülsmann) und dazwischen sein Erfüllungsgehilfe der Expedient Pfeifer (Moritz Grove), der auch mal wie ein Hund die Treppe hoch und runter rennen kann. Die Treppe als Sinnbild der sozialen Abstufung, teilt klar die handelnden Gruppen. Es gibt ja in Hauptmanns Schauspiel keinen zentralen Helden, die Weber treten als Masse auf, wenngleich aus ihr heraus immer wieder Einzelpersonen hervortreten, deren Grundton der Anklage von erlittener Ungerechtigkeit aber stets gleich bleibt. Und genau so inszeniert Thalheimer auch die Weber, ohne spezielle Gefühlsregung sprechen bzw. schreien die Protagonisten ihren Text frontal ins Publikum. Ein Chor der Ankläger, es erübrigt sich einzelne Personen hervorzuheben.

    Die schauspielerische Leistung der Weberdarsteller Peter Moltzen (der rote Bäcker), Sven Lehmann (der alte Baumert), Michael Gerber (der alte Ansorge) und Norman Hacker (Moritz Jäger) ist zweifelsohne hervorragend und steht hier stellvertretend für alle. Michael Schweighöfer, als Schmied Wittig, poltert eher schwach und spöttisch von der französischen Revolution, er spielt weiter keine große Rolle. Einmal noch tritt eine Person in den Fordergrund, wenn Katrin Wichmann als Luise Hilse ihr leidenschaftliches Plädoyer für ein gerechtes Leben hält und sich den aufständischen Webern anschließt. Hier regt sich erstmals ein kleiner Szenenapplaus im Publikum. Scheint darauf Thalheimers Inszenierung zu zielen, das Mitgefühl zu wecken und die Wut zu übertragen?

    Man ist eindeutig im Vorteil, wenn man vorher mal den Text im Original gelesen hat. Thalheimer lässt die schlesische Kunstsprache Hauptmanns aus dem Naturalismus ins Expressionistische kippen. Das hat er schon bei der Inszenierung von Hebbels „Nibelungen“ so gemacht. Aber auch die Figurenzeichnung ist leider wieder übertrieben plakativ. Das hat bei den Nibelungen noch halbwegs Sinn gemacht, hier führt es zu nichts. Es ist keine Haltung erkennbar, die Thalheimer einnehmen will. Er führt Hauptmanns Stück, in dem Brecht in seiner gesellschaftlichen Tendenz nicht mehr als das Milieu sah, fast 1 zu 1 auf. Der Dreißiger von Ingo Hülsmann fällt hier tatsächlich etwas aus der Rolle und verweist in die heutige Zeit, mit seinen Reden könnte er auch gut Sprecher eines Unternehmerverbandes sein oder gar der Bundesregierung, der die Erhöhung der Hartz-4-Sätze um 5 € verkaufen muss. Der Rest ist Charge und reine Elendsdarstellung.

    Es ist vielleicht Zufall, das Frank Castorf am selben Tag in Zürich wieder bösen Klamauk macht. Mit den Webern ist ihm 1997 ja schon der Abgesang zur revolutionären Fähigkeit der Massen gelungen. Bei Thalheimer fällt der Befund nicht viel anders aus, hier führt die Revolte, woher auch immer die kommen könnte, wie eine Naturkatastrophe zwangsläufig in Chaos und Gewalt. Der unbeteiligte gottergebene Hilse ist das erste Opfer. Allerdings vermeidet Thalheimer jegliche weiterführende Stellungnahme und das ist das, was er mit Hauptmann gemein hat, er meint es in seiner großen Kunstanstrengung eben einfach nur gut. Aber diese unstillbare Sehnsucht der Hauptmannschen Protagonisten nach einem besseren Leben, werden dabei in Gebrüll und Suff erstickt. Da wünscht man sich schon ein klein bisschen Revolution, nur so für ein Quarkschnittchen mehr. Aber wie schon der alte Hilse sagt, alles Schißkojenne.