Well roared, lion. (William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum)
Luk Perceval hat im Hamburger Thalia Theater eine neue Textfassung des Hamlet von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel auf die Bühne gebracht. In dieser stark zusammengestrichenen Inszenierung gibt es einen zwiegespaltenen Hamlet dargestellt von zwei Schauspielern, mehrere Ophelias, ein Klavier und einen im Oberton jodelnden Musiker. Das hat den Journalisten und Welt-Kommentatoren Alan Posener veranlasst in einer Kritik des Abends, der ihm sichtlich nicht gefallen hat, zu schreiben, das der Text von Zaimoglu und Senkel in seiner Reduktion … sich zum Original wie der Koran zur Bibel. verhalte, der Rest sei Plattheit. Er bezichtigt Perceval weiter eine harmlose, buddhistische Weltsicht zu verkünden, Die zufällig Percevals Weltsicht ist. Seine Begründung: Hamlet ist nämlich ein radikal politisches und radikal religiöses Stück. Es sei ein Stück über
eine Auseinandersetzung mit der monotheistischen Moral und ihrer Obsession mit weiblicher Sexualität einerseits; andererseits mit der Realpolitik. wie es heute täglich nicht in Helsingör aber in saudi-arabischen Palästen und in den Gangs unserer Großstädte gegeben wird. Shakespeares Text werde durch die Wurstmaschine gedreht und raus käme eine comicblasenhafte Dürftigkeit. Darf man Shakespeare solche Gewalt antun? Es ist nicht verboten, leider. Malt ein dänischer Karikaturist eine mäßig lustige Mohammed-Karikatur, werden überall dänische Botschaften abgefackelt. skandiert er weiter ohne dem Abfackeln von Theatern das Wort reden zu wollen. Alle Schauspieler
chargieren gnadenlos, als wären sie beim Ohnsorg-Theater. Ein Mann am Klavier
deutet mit einer Mischung aus mongolischem Obertongesang, Muezzin-Ruf und Jodeln deren Gemütslage an. Überschrift des Ganzen: Hamlet für Blöde – Wenn der Muezzin jodelt. Daraufhin sah sich der Intendant des Thalia Theaters Joachim Lux genötigt einen offenen Brief an die Redaktion der Welt zu schicken, in dem er Alan Posener Volksverhetzung und Verunglimpfung anderer Religionen vorwirft, da Feridun Zaimoglu türkischstämmig ist „
also Moslem, also wahrscheinlich Islamist,
“ sei usw. Eine Kampfansage die man von Hamburger Intendanten gar nicht mehr erwartet hatte, nachdem sein Kollege Friedrich Schirmer vom Hamburger Schauspielhaus erst kürzlich sang- und klanglos die Segel gestrichen hatte, infolge der Subventionskürzungen des Hamburger Senats für sein Haus.
Nachdem sich jetzt alle mehr oder minder aufgeregt zu Wort gemeldet haben, schlage ich vor, das sich zum Zeichen der Ökumene Joachim Lux, Luk Perceval, Feridun Zaimoglu und Alan Posener auf eine Tasse Yogi Tee treffen. Om mani padme hum! Aber bitte alle zusammen im Obertongesang. Das entspannt so schön.
Nun ist darüber auch ein Streit in der übrigen Presse entstanden, was die freie Meinungsäußerung betrifft und ob Lux nicht übertrieben reagiert hat. Mit seiner Tatü-Tadaa!-Brandrede hat Posener natürlich weit übers Ziel hinaus geschossen. Da wird sogar Gerhard Stadelmaier blass, der Shakespeare selbst schon das Schreiben von Scharteken vorgeworfen hat. Zumindest eine Entschuldigung bei Josef Ostendorf (einem fetten Alten) wäre fällig, der kann nämlich nichts für den Regieeinfall. Alle anderen schwachsinnigen Assoziationen dieser Kritik sind ebenfalls ziemlich boshaft, auch wenn sich scheinbar für Posener so schön eins ins andere fügt. Joachim Lux stellt sich hier mit Recht vor sein Team, tut aber nicht gut daran Volksverhetzung zu rufen, da wird er wohl den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Dafür gibt es andere Stellen, das zu klären. Alan Posener ist ja ein streitbarer Geist, wie man so hört und liest, nur geht er hier so in der Art Viel Feind, viel Ehr! vor und begründet damit selbst erst den Club der brüllenden Löwen. Da ist er aber an der Alster am falschen Platz gewesen. Der König der Löwen wird im Hafen von Hamburg gegeben. Das kann sich Joachim Lux genauso hinter den Spiegel klemmen. Poseners Einlassungen zum politischen und religiösen Gehalt des Hamlets und die Rückschlüsse auf die heutige globale Situation, die er daraus zieht, befremden mich dann schon ein wenig, haben sie doch nichts mit der Sicht die Perceval vermitteln will zu tun. Es interessiert ihn offensichtlich auch nicht, was andere so bewegt, wenn sie über einen Klassiker nachdenken. Er schreibt Shakespeare auf seine Fahne, meint aber einen ganz anderen. Ich glaube, das kann man schon mal in den falschen Hals bekommen. Ich bin mir sicher, das Posener darauf auch spekuliert hat und Joachim Lux tut ihm auch noch den Gefallen. Schade nur, das jetzt keiner mehr über die Inszenierung redet, nur noch über den Veriss. Perceval und Zaimoglu werden das aushalten. Es wird ihnen auch eher mehr als weniger Zuschauer bringen.
Wenn es Posener aber tatsächlich um die Verteidigung Shakespeares ginge, müsste er zumindest nicht auch noch die Schauspieler mies machen. Nun, er hat ein Buch über Shakespeare geschrieben, das macht ihn sicher zum Experten, nur Shakespeare kann heute jeder Depp lesen und sich seinen eigenen Reim drauf machen. Allein wozu der Terz um den doppelten Hamlet? So what? Der King of Drama ist leider tot und das der neue selbsternannte nun ein King of Dharma ist, ist sein Bier nicht Shakespeare. Und zum Geist und dem schlafenden Hamlet fällt mir noch so eine uralte Mär von einem alten Mann mit Bart ein, der in einem Berg sitzt und schon so lange wartet, das ihm der rote Bart durch den Tisch gewachsen ist. Lasst ihn schlafen, der Bart ist ab und die Walhalla voll von solchen Gestalten, dass es Heine mit Sicherheit gruselt nun auch noch dort rum stehen zu müssen.
Alan Posener hat sich heute gegenüber der taz doch noch geoutet. Sein Text ist also nicht missverständlich und sein Vergleich von Bibel und Koran durch islamwissenschaftliche Binsenweisheiten gedeckt. Unklar bleibt, warum Posener den Vergleich benutzt, obwohl es weder in der Textfassung von Zaimoglu noch in der Inszenierung von Perceval um Religion geht, außer um seine Ressentiments gegen den Islam anzubringen. Religionen zu verunglimpfen sei ein Menschenrecht, sagt er. Aha, Posener verwechselt also wissentlich berechtigte und notwendige Kritik mit Verunglimpfung. Die taz stellt uns freundlicherweise Auszüge aus dem Paragraphen zur Volksverhetzung zur Verfügung. Diese wäre strafrechtlich gegeben,
wenn jemand in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet. Da hat Alan Posener ja noch mal Glück gehabt, er verunglimpft ja nur deren Religion. Seine Assoziationskette vom Prinz von Dänemark zu dänischen Karikaturen, brennenden Botschaften und dem jodelnden Muezzin lässt dies leider vermuten. Warum er dazu extra eine Hamlet-Aufführung besucht, erschließt sich dabei nicht sofort, gibt es doch genügend andere gesellschaftliche und politische Anlässe dies zu tun. In der sicheren Tarnung einer Theaterkritik und mit Rückendeckung des Kulturchefs der Tageszeitung Die Welt klappt das viel besser, ohne sich aufs unsichere politische Parkett begeben zu müssen. Erstaunlich, da er doch sonst diese Öffentlichkeit nicht scheut. Nun, es ist aber auch mühselig immer nur in das eine Horn zu blasen und wesentlich angenehmer auch mal die Flöte spielen zu können. Leider verkennt Joachim Lux die Tatsache nur benutzt worden zu sein und schlägt in die gleiche Kerbe wie Posener, gleich einer Löwin, die sich schützend vor ihre Jungen stellt und brüllt Brandstiftung. Das tut der Sache so wenig gut wie es hilft, Poseners Beweggründe wirklich klarzustellen. Sie erfüllen sicher nicht den Tatbestand der Volksverhetzung, er schafft es damit auch nicht auf das Trittbrett von Thilo Sarrazin. Dort tummeln sich eh schon genügend durch die Feuilletons und Talkshows irrlichternde Gestalten. Posener ist aber mit flinken Füßen und spitzer Feder auf dem besten Wege alle zusammen weit rechts zu überholen. Hier trifft dann auch wieder die Überschrift vom Hamlet für Blöde zu, da Posener uns anscheinend alle für dumm verkaufen will.
Peter Michalzik bringt es in der Frankfurter Rundschau noch mal auf den Punkt: Der Fall zeigt, wie weit die Verwirrung reicht, was die Islam-Erregung mittlerweile angerichtet hat. Man sagt Islam, und schon wallt ein Gespenst mit einem unglaublichen Vernunftverneblungspotential durch unsere Köpfe. Hamlet, Islam, Abfackeln, egal, alles eins. Alan Posener und Joachim Lux reihen sich da munter mit ein. Um Shakespeare und Theater geht es da schon lange nicht mehr.
Schreibe einen Kommentar