Im Rahmen des „Polski Express III einem Teil des Projekts „The Promised City, einer kulturellen Initiative zwischen Berlin und Warschau mit Kooperationen in Mumbai und Bukarest, waren vom 25.05.10- 5. 06.10 einige polnische Theaterstücke am HAU Berlin zu sehen.
Der polnische Regiepunk und Avantgarde-Performer Jan Klata hat auch wieder zugeschlagen. Zwei Stunden Pop, Rock, Sex und Gier im HAU 2. Ein bombastischer, absurder Reigen von Regieeinfällen die Frank Castorf blass aussehen lassen können. Bei Peaches Christ Superstar, um die Ecke im HAU 1, kann es nicht viel aufregender gewesen sein. In seiner Bühnenversion des polnischen Literaturklassikers „Das gelobte Land vom Nobelpreisträger Władysław Stanisław Reymont aus dem Jahre 1898 kann Klata seine Herkunft vom Werbefilm und Fernsehen nicht ganz verhehlen, sehr viel Popästhetik und Rock-Attitüden bevölkern die Bühne. Eigentlich geht es im Roman von Reymont um die industrielle Revolution im ausgehenden 19. Jahrhunderts, es wird die Geschichte vom Zusammenleben der verschiedensten Nationalitäten und Schichten in der Textilindustriestadt Łódź erzählt. Durch Spekulationen mit Insiderwissen an der Baumwollbörse erhalten der Pole Karol, der Deutsche Maks und der Jude Moryc die Möglichkeit eine Fabrik zu eröffnen.
Klata kombiniert diesen Plot der 1974 von Andrzej Wajda verfilmt wurde, gegenwartstauglich mit einem anderen Film der 80er Jahre, nämlich Oliver Stones „Wallstreet“. Die Szenen lösen sich permanent ab. Erst klappern Broker an Tischen mit ihren Computertastaturen, dann stellen die Arbeiter Fragen nach besserer Unfallverhütung und Gesundheitsmaßnahmen, die ihnen vom alten Fabrikbesitzer und Patriarchen Bucholc zynisch mit einem Vortrag über Homöopathie beantwortet werden. Die Gier ist allgegenwärtig. Das Motto der Wallstreet leuchtet als Reklame: „Greed is Good. Selbst die Frauen als Sinnbild der Begierde führen mit Strapsen und Netzstrümpfen bekleidet einen Poledance auf. Karol kopuliert bei einem Schlagzeugsolo zu Phil Collins „In the Air Tonigth mit der Fabrikantenfrau Lucy Zuker, die ihn dafür mit den Insiderinformationen versorgt. Das Ganze geht natürlich schief, da sich Lucys Mann rächt und die Fabrik noch während der alkoholgeschwängerten Einweihungsfeier anzündet. Man ist wieder ganz unten angekommen, auch die Liebe Karols zu Lucy oder der Fabrikantentochter Mada hält nicht, sie fällt ihm bildlich immer wieder aus den Armen, wie auch das Geld zerronnen ist. Eine als menschliche Fackel über die Bühne laufende Kunstfigur des Bum Bum und eine Trashversion des Whitney-Houston-Klassikers „I will always love you“ beenden Klatas terrible Dance for Money.
Ja, das ist schon so eine Sache mit der Avantgarde. Gehört Krzysztof Warlikowski eigentlich noch dazu oder ist er schon eher der Angepasste? Am vergangenen Wochenende konnte man das, anhand seiner Inszenierung „(A)pollonia“ im Rahmen das Polski-Express in der Station Kreuzberg, eingeladen vom HAU, begutachten. Warlikowski hat sich hier über 4 Stunden lang mit dem Thema der Menschenopfer und der Selbstaufopferung von der Antike bis ins Heute befasst. Mit Figuren aus der griechischen Mythologie, von der Agamemnon-Tochter Iphigenie über die Figuren der Orestie des Aischylos bis zu Euripides‘ Tragödie Alkestis und Passagen aus der zeitgenössischer Literatur wie z.B. „Elizabeth Costello“ von J.M. Coetzee und den „Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell, die ja auch Elemente der Orestie enthalten, versucht er uns Motivationen für Opferungen, menschliche Abgründe und eine Unmöglichkeit der Karthasis näher zu bringen. Als Ausgangspunkt dient die wahre Geschichte der Apolonia Machczynska, die im 2. Weltkrieg 25 jüdische Kinder vor der Gestapo versteckte, verraten wird und in den Verhören der Gestapo anstelle ihres Vaters die Schuld auf sich nimmt. Dies bleibt aber auch nur eine kleine Eingangsszene und dann arbeitet sich Warlikowski in einer Art Cut-up-Collage-Technik nacheinander an den Figuren der Iphigenie, Klytaimnestra, Agamemnon, Orest, Alkestis, Admetos, Herakles, Apollon und Athene ab. Iphigenie wird für eine zweifelhaftes Vorhaben, die Reise nach Troja, geopfert, daraus wird sich dem Fluch der Atriden folgend die blutige Geschichte der Orestie entwickeln. Alkestis opfert sich für ihren Gatten Admetos auf, der wegen einer Beleidigung der Göttin Artemis sterben soll. Nur weil sie sich bereit findet zu sterben, kann er weiter leben. Apollon ist Admetos behilflich und errettet auch noch Alkestis aus dem Hades.
Die Schauspieler wechseln immer wieder die auf der Bühne stehenden Plexiglascontainer oder sitzen wie beim Familienessen zusammen am Tisch. Zur Erleichterung der Orientierung werden die Namen der antiken Figuren an die Rückwand geworfen. Die anderen literarischen Einsprengsel kann man teilweise nur erahnen, so spricht Agamemnon bei seiner Rückkehr Worte aus den Wohlgesinnten, das er es sich nicht ausgesucht hätte zum Mörder zu werden. Interessant auch einige Videoeinsprengsel von Paaren, die nach ihren Beziehungen gefragt werden und der ob man sich für den anderen auch mit dem Leben aufopfern würde. Das letztere bleibt schließlich unbeantwortet. Unterbrochen werden die Texteinlagen immer wieder durch Musikeinlagen einer Band mit der fantastischen Sängerin Renate Jett. Das lockert die doch sehr verkopfte aber trotzdem nie langweilige Inszenierung zusätzlich auf und hält einen auch nach der Pause noch bei der Stange.
Der zweite Teil gehört am Anfang ganz der Elizabeth Costello und ihren öffentlichen Vorträgen zur Tierquälerei, dem Verhältnis zwischen Tier und Mensch am Beispiel des Affen Rotpeter von Franz Kafka, sie vergleicht ihren Vortrag mit dessen Bericht an die Akademie, und kulminiert in ihrer Gleichsetzung der Schlachthöfe mit dem Holocaust. Das Verbrechen des Dritten Reichs, so lautet die Anklage, war, Menschen wie Vieh zu behandeln. Man war immer da, will aber nie etwas davon gewusst haben. Das wird ernst und glaubwürdig von Anna Radwan-Gancarczyk vorgetragen und würde auch sicher nicht seine Wirkung verfehlen, wenn es nicht all zu offensichtlich wäre. Weiter geht es dann wieder mit den antiken Figuren und ihrem Kampf, Videos und Musik. Das Ganze ist mehr eine stetige Performance als richtiges Theater und so ist man am Ende zwar in gewisser Weise aufgewühlt, kann aber nur schwer die vielen Bildern einordnen und verarbeiten. Konventionell ist dieser Theaterabend mit Sicherheit nicht, aber auch nicht wirklich innovativ. Warlikowskis Inszenierung fehlt eine gewisse Konzentration auf das Wesentliche und so verpuffen doch seine Bemühungen um Fragen der Pflicht, Schuld, Sühne und Vergebung etwas im Ungefähren. Am Schluss finden sich alle Protagonisten noch mal im Glascontainer um die Band zusammen und feiern erleichtert das Ende ihres langen Kampfes. Der Zuschauer verlässt nach gut 4 Stunden dann, nach langem Beifall, auch erleichtert die Station.
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