___
Theaterzauberer Robert Wilson verwendet nicht erst seit heute Musik zur Untermalung seiner Inszenierungen. Bisher standen ihm Größen der Rock- und Pop-Szene wie Tom Waits, Herbert Grönemeyer oder Lou Reed zur Seite. Für seine neue Produktion am Berliner Ensemble hat Wilson nun mit den Schwestern Bianca und Sierra Casady, auch bekannt als CocoRosie, zusammengearbeitet, die eigentlich musikalisch bestens zu seinem bizarren bunt-bizarren Bildertheater passen müssten. Vor zwei Jahren stellt der 71jährige Texaner die bekannte Schauspielerin Angela Winkler als schaurig-schönen Vamp und verführerische Kind-Frau Lulu auf die Bühne des BE. Diesmal hat er sich die Geschichte von Peter Pan, dem Jungen der nicht erwachsen werden will, von James Matthew Barrie ausgesucht. Gespielt wird die Bühnenfassung in deutscher Übersetzung von Erich Kästner. Der Text ist dankenswerter Weise im wie immer am BE in anspruchsvoller Weise gestalteten Programmbuch abgedruckt.

Wilson interessiert am Peter Pan nicht nur die jugendliche Pose, sondern auch der Zwiespalt eines Menschen, der, für die ewige Jugend und Freiheit auf Liebe und ein Glück in Gemeinschaft verzichtend, bewusst seine Rolle als Außenseiter zelebriert. Dass auch er einst eine zweite Seite, einen sogenannten Schatten besessen hat, zeigt die Inszenierung gleich im ersten Bild. Groß ist er hinter einer kleinen Jungenspuppe mit Laterne an der Bühnenrückwand angebracht. Sabin Tambrea, der Jungstar des Berliner Ensembles, gibt aber sogleich von schallendem Gelächter begleitet zu verstehen, dass er Peter Pan sei und lustig sein will. Das Spiel beginnt dann auch sogleich mit einer Parade der Darsteller in bunten Kostümen und wie immer grellgeschminkten Gesichtern. Ein Schatten, der darauf fallen könnte, stört da nur und wird daher auch gleich entfernt.
Aber um diese andere Seite, den fehlenden Schatten, soll es gehen, auf dessen Suche Peter Pan auf Wendy Darling (Anna Graenzer) trifft und sie mit ihren Brüdern durchs geöffnete Fenster ins Neverland entführt. Den Künsten dieses mit grüner Lederjacke bekleideten Verführers erliegen die Darling-Kinder nur zu gern, um aus der täglichen Gängelei der Eltern und Neufundländer-Nana, die hier gleich dreifach in der Form von knurrenden und bellenden Bullterriern auftritt, zu entrinnen. Auf weißen Wattewolken, die auf großen Stellagen geschoben werden, geht der Flug ins Land Nirgendwo einem Reich mit Piraten, Indianern und Nixen, in dem Peter Pan der Käptn der Lost Boys ist.

Wilson verzaubert in der ersten Hälfte sein Publikum mit immer neuen Arrangements aus fantastischen Figuren, Kostümen und Musikeinlagen. Die Lost Boys sind lustige Kerls mit roten Haaren, die Piraten finstere Ledermäntelträger mit Sturmfrisur, Tigerlilly (Georgios Tsivanoglou) sieht aus wie ein dick eingemummelter Eskimo und singt mit ihren Indianern ein lustiges „Hände in die Luft“. Die Fee Tinkerbell, Peters eifersüchtiges Anhängsel, schwirrt als ein alles elektrisierendes, blondgelocktes Zwitterwesen im Tutu umher. Christopher Nell treibt Schabernack wie ein Puck, piekt alle mit seinem Zauberstab, zittert, lacht und singt in hellstem Sopran. Ein Idealwesen der Wilson`schen Figurenchoreografie. Und so kiekst, funkt, klingt und plingt es bis zur Pause weiter, dass es nur so eine Freude ist. Das Publikum dankt es den Schauspielern mit einigen Lachern und reichlich Szenenapplaus.
Vielleicht kommt das alles aber doch etwas zu bunt, lustig und infantil daher. Das Hintergründige, die schwarze Seite des Nimmerlands will sich nicht wirklich zeigen. Der Schrecken erzeugt sich aus präzise getimtem Licht und jedes neue Bild wird schnell zur beliebigen Karikatur. Da sirren die Sirenen auf spitzen Pappmageklippen und der böse Käpten Hook droht mit seiner Hakenhand und schwingt die Peitsche. Er verflucht seinen Erzfeind Peter Pan und besingt ihn doch in einer melancholischen Stunde auch als seinen Erzfreund. Stefan Kurt, langjähriger Wilson-Darsteller, changiert hier als Zerrissener zwischen Einsamkeit und Wahn. Er will Peter zum Manne machen und scheitert doch an seiner eigenen Angst vor dem Tod. Ein Krokodil mit funkelnden Augen trägt bereits seine Uhr und Hand im Magen. Als sie zu ticken aufhört, ist es auch um ihn komplett geschehen.

Peter Pan darf lachender Rächer und geflügelter Retter seiner Wendy und der Lost Boys sein. Er bleibt immer die Jugend und die Freude. Das es auch durchaus anders sein könnte, kommt nur in einer Szene mit den Lost Boys im Haus unter der Erde zum Ausdruck. Hier sitzen sie aufgereiht an einer langen Tafel, an deren Enden Wendy und Peter sich wie ein altes Ehepaar streiten. Wendy gerät hier zur bösen Karikatur ihrer Mutter. Anna Graenzer ist dieser Zwiespalt von Anbeginn grell ins Gesicht geschminkt und die Angst, dass irgendwann das Fenster zu Heim und Eltern für immer geschlossen sein könnte. Doch das Musical verlangt nach seinem Happy End. Familie Darling bekommt Zuwachs durch die Lost Boys und Peter singt sein Good Bye. „To Die Be An Awfully Great Adventure“. Und nicht nur das bleibt bei Robert Wilsons neuestem musikalischem Bilderspaß allerschönste Behauptung.
***
PETER PAN
Robert Wilson / CocoRosie
von J. M. Barrie / Deutsch von Erich Kästner
Regie, Bühne, Lichtkonzept:
Robert Wilson
Musik und Songs: CocoRosie
Kostüme: Jacques Reynaud
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Dramaturgie: Jutta Ferbers,
Dietmar Böck
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Yashi Tabassomi
Musikalische Leitung: Stefan Rager, Hans-Jörn Brandenburg
Arrangements/musikalische Einrichtung: Doug Wieselman
Übersetzung der Songs: Arezu Weitholz
Licht: Ulrich Eh
Mit: Antonia Bill (Nixe I, Whibbles, Die Tapfere), Luca Schaub (Bisschen), Claudia Burckhardt (Nixe II, Cecco), Anke Engelsmann (Nana, Tootles), Johanna Griebel (Zwilling I), Raphael Dwinger (Nana, Spitzchen), Anna Graenzer (Wendy), Traute Hoess (Frau Darling, Nixe III, Großer kleiner Panther), Boris Jacoby (Bill Jux, Indianer III), Marvin Schulze (Michael), Stefan Kurt (Kapitän Hook), Christopher Nell (Tinkerbell), Stephan Schäfer (John), Marko Schmidt (Zwilling II), Martin Schneider (Herr Darling, Das Krokodil, Smy), Sabin Tambrea (Peter Pan), Jörg Thieme (Löckchen, Indianer II), Felix Tittel (Noodler, Indianer I), Georgios Tsivanoglou (Nana, Cookson, Tigerlilly), Axel Werner (Starkey), Nadine Kiesewalter (Doppelbesetzung Wendy), Joachim Nimtz (Doppelbesetzung Kapitän Hook) und Lisa Genze / Lana Marti / Mia Walz (Das Kind)
The Dark Angels: Joe Bauer (Ton und Geräusche), Florian Bergmann (Holzblasinstrumente), Hans-Jörn Brandenburg (Tasteninstrumente), Cristian Carvacho (Perkussion, Charango), Dieter Fischer (Posaune, Banjo), Jihye Han (Bratsche), Andreas Henze (Bass), Stefan Rager (Perkussion), Ernesto Villalobos (Flöten)
Dauer: 2h 30 Minuten (mit Pause)
Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/89/peter-pan
__________
Schreibe einen Kommentar