„Das Netz ist fast das Gegenteil, das ist eine diffuse Welt von Informationen, Bildern und Texten, die keinerlei Regie gehorcht, die auch keiner Ästhetik gehorcht, jedenfalls keiner persönlichen Ästhetik, keiner Handschrift eines Regisseurs oder einer Dramaturgin. Und es ist ein interaktives Medium, also Brechts Radiotheorie auf Highspeed.“
Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung) zum Unterschied von Theater und Netz bei der Begrüßung am Eröffnungsabend der Konferenz Theater und Netz.
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Netzpolitikerin Marina Weisband und BE-Intendant Claus Peymann im Gespräch über die Schnittpunkte von Theater und Internet. Moderation: Albert Eckert – Foto: St. B.
Zwei sichtlich gut gelaunte Diskutanten verständigten sich am Vorabend der vom Theaterportal nachtkritik.de organisierten Konferenz „Theater und Netz“ in der Heinrich-Böll-Stiftung eine gute Stunde lang über Schnittstellen zwischen Internet und Theater. Außer kleinen Seitenhieben von Claus Peymann an die „unwandelbare“ Kritikerschaft blieb die Runde weitestgehend moderat, wenn man mal von der Eigenart des BE-Intendanten absieht, längere Monologe a la früher war alles besser zu halten. Um sich richtig auf den Gegenüber einzustellen, wurden der alte Theaterhaudegen Peymann zur Netzkonferenz re:publica und die Netzpolitikern Marina Weisband (Piratenpatei) zum Theatertreffen geschickt. Bereitwillig gaben dann auch beide ihre Eindrücke wieder. Wobei sich Claus Peymann über die Leute wunderte, die auf der re:publica in Anzügen wie Vertreter auf den Bühnen säßen, die dort stage heißen, und fragte sich, wer die wohl bezahle. „Wer macht sein Geschäft mit dem Internet?“
„Internet ist das Kommunikationssystem der Einsamkeit.“
Claus Peymann
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Für Marina Weisband hat Theater immer eine große Rolle gespielt. Schon als Kind hat sie selbst Theater gespielt. Das Theater diene als Rückzugraum für das emotionale und körperliche Erleben. Es ist der Sender, und der Empfänger Publikum könne seinerseits wieder zum Sender werden. Netzwerke bezeichnet sie als komplementäres Konzept für das Theater, als Orte für die Diskussion. Claus Peymann sieht sich dagegen als „heiliges Mammut“. Er sei ein Dinosaurier, der sein i-Phone nicht versteht und sich das Internet ausdrucken lässt, um am Morgen zu lesen, „was da wieder so los war“ auf den Kommentarseiten von nachtkritik.de. Das Internet ist für ihn das Kommunikationssystem der Einsamkeit und die Affirmation von Fernsehen und Video ein Vergehen am Theater. Der Code der digitalen Welt, der für Marina Weisband ebenso für Emotionen nutzbar ist, bleibt ihm fremd. Claus Peymann würde lieber mal so ein Gespräch führen wie die beiden Protagonisten in Peter Handkes Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Theater ist immer subversiv, betonte Regisseur Peymann und sprach von seiner Bochumer Zeit, in der das Theater der einzige leuchtende Ort in der Stadt war, und dem Theaterskandal in Wien um seine Bernhard-Uraufführung von „Heldenplatz“. Theater war schon immer der Ort der stärksten Opposition in Diktaturen, ohne das man sich jetzt wieder eine wünschen würde, um besseres Theater zu machen. Marina Weisband sprach dagegen vom Einfluss des Internets auf heutige revolutionäre Umwälzungen wie beim Arabischen Frühling. Die Vernetzung im Internet nehme den Menschen die Angst. Dabei betonte sie aber auch, das facebook allein noch keine Revolution mache. Es ist vielmehr die Magie der Körperlichkeit, die auf der Straße entsteht. Und das mache auch die Faszination von Theater aus.
„Netzwerke sind das komplementäre Konzept zum Theater.“
Marina Weisband
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Claus Peymann sah zumindest ein, dass es ohne dass Internet nicht geht. Für ihn ist Internet toll, wenn es von guten Leuten gemacht wird. Für deren Bildung ist laut Marina Weisband das Theater zuständig. Theater dramatisiert aber laut Peymann nicht den Schulfunk, sondern vermittelt Erlebnisse. Sei ein Fest, wie eine Messe, bei der Wasser in Wein verwandelt würde. Dies erzeuge auch beim Publikum eine kurzzeitige Verwandlung, die nachhaltig sein könne. Über die Kunst und Ästhetik im Internet gingen die Meinungen erwartungsgemäß stark auseinander.
Fazit der Veranstaltung
„Der Traum ist, dass wir zusammen stark sind und das Schlimmste verhindern, damit der größte Teil der Menschheit glücklich wird.“ sagte Claus Peymann schon zu Beginn des Abends. Welch schöne Utopie. Aber braucht das Theater überhaupt das Internet? Die Frage blieb leider weitestgehend unbeantwortet. Selbst Marina Weisband fragte sich, ob Theater etwas mit dem Internet zu tun haben muss. „Muss alles digitaler und vernetzter werden?“ Fast eine Steilvorlage für den Theateroldi Peymann. Trotzdem ein unterhaltsamer Appetizer für die folgende Konferenz. Obwohl laut Claus Peymann Amerikanismen sich wie Krebs über das Internet verbreiten und diese Art Imperialismus uns die Identität raube. Ob dadurch, dass Marina Weisband, wie Peymann feststellte, wieder an ihren Computer, und er an sein Theater gehe, die Abgrenzung von einander manifestiert bleibt, wird die Zukunft zeigen.
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Einige Fotos und Texte zur Konferenz „Theater und Netz“ vom 8. und 9. Mai 2013 in der Heinrich Böll Stiftung.
Fremde Welten – Blogbeitrag von Sascha Krieger (Stage and Screen)
Poetische Verlorenheit – Peymann traf Weisband auf der Böll-Bühne, von Jamal Tuschick (junge Welt)
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