Auf den Hund gekommen oder Bakunin auf dem Rücksitz der Gentrifizierung

Dirk Lauckes neues Stück in den Kammerspielen des DT wieder inszeniert von Sabine Auf der Heyde

„Die Völker aller Nationen haben heute den revolutionären Instinkt verloren. Sie sind zu sehr mit ihrer Lage zufrieden, und die Furcht, auch noch das zu verlieren, was sie haben, macht sie harmlos und träge.“ Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814-1876)

Diese Trägheit macht sich vor allem im Genuss von zuviel Alkohol und dem Abspielen von Countrymusik bemerkbar. Des weiteren ist man dann irgendwann nicht mehr in der Lage seine Miete zu bezahlen und muss schließlich qua Räumungsbefehl dem Besitzer und Carlofterbauer Steven weichen. Jörg der Altrevoluzzer und soziale Pflegefall hinterlässt nach Freitod durch Gas eine Gitarre mehrere Countryplatten und einen Hund namens Bakunin, benannt nach eben diesem Begründer der Sozialanarchistischen Idee, die den Staat als Wurzel allen Übels abschaffen wollte. Das alles geht nun in den Besitz von Steven über, der den Hund mangels weiterer adäquater persönlicher Konkursmasse einfach einsackt. Steven ist verbandelt mit der Lokalpolitikern Charlotte, die ihm bereits ein Loft mit Ökostrom fürs umweltfreundliche Elektroauto abgekauft hat und einen pubertierenden Sohn namens Jan hat, der gerade seine Anarcho-Phase auslebt und versucht Stevens Auto anzukokeln. Weiterhin gehören zum Kiezumfeld Moni die Chefin von Jörgs Stammkneipe zur Fettecke und die Sozialpflegerin Eddi, die sich um Jörgs verwahrloste Wohnung kümmerte und kurzzeitig längst verschüttete Gefühle in ihm erweckte.
Nun stehen Moni und Eddi in Jörgs Wohnung um Abschied zu feiern und dem bösen Gentrifizierer Steven die Verantwortung für Jörgs Tod anzuhängen. Dirk Laucke spult hier bewusst ein Potpourri der sozialen Klischees ab, wobei sich jeder am Ende aber als empfänglich für die Weihen der modernen Welt herausstellt. Die Spielszenen werden durch den Hund Bakunin lakonisch und bissig kommentiert, ein Störenfried in unserem Gewissen, der aber auch lieber seine Ruhe hätte, da ihm auch keiner richtig zuhören will. Er kann den Unterschied zwischen Farbbeutel und Farbei anhand seines Handbuchs für Großstadtkommunarden erklären, hat für jeden den passenden Spruch und erzählt auch noch ein Gleichnis über einen alten Inuit der seine Hütte in Alaska an einen Ölkonzern verlieren soll und sich letztendlich als Jörg selbst herausstellt, der übrigens auch noch der Vater von Steven ist. Die Fabel als Darstellung der realen Welt mit einem versöhnlichen Ende an das hier im wirklichen Leben schon keiner mehr glauben will.
Sabine Auf der Heyde findet für diese aberwitzige Story wie schon in „Für alle reicht es nicht“ die passenden Bilder auch mit Hilfe eines spielfreudigen Ensembles allen voran Matthias Neukirch als philosophierender Hund Bakunin, Isabel Schosnig als überforderte Mutter Charlotte, Moritz Grove als aalglatter Steven, Hauke Diekamp als zorniger Jan, Anita Vulesica als quirlige Eddi und Simone von Zglinicke als standhafte Wirtin Moni. Die Musik und die genialen Comiczeichnungen als Videoprojektion im Hintergrund runden das Ganze ab. Wenn da nicht eine Wermutstropfen bliebe und man immerzu an den echten Bakunin denken müsste und an die vielen, die nach wie vor daran glauben, das man mit ein wenig zivilem Ungehorsam die Gesellschaft ändern könnte. Dirk Laucke hätte noch ein paar Schritte weiter gehen und hinter die Masken einiger dieser Demonstranten gegen die Umwertung der Kiezkultur schauen können, dann wäre ihm vielleicht doch eine Spur von Utopie aufgefallen, die er so nicht mehr zu sehen glaubt. Letztendlich ist sein Stück auch eine schallende Ohrfeige an gerade junge Leute mit ehrlichen Ideen und Träumen, die er mit seiner Sicht der Dinge sicher nicht erreichen wird. Da Laucke sich wohl schon jeder Utopie entledigt zu haben scheint, wirkt sein Verweis auf Brechts epische Draufsicht auf die Figuren etwas bemüht und bei allem Witz auch in der Wirkung zu flach. Wie schon in „Für alle reicht es nicht“ scheitern die Figuren an ihren festgefahren Denkmustern, das Ende ist offen oder besser alles bleibt wie es immer war. Und bei aller Liebe, die Vorteile von Gentrifizierung am Vorbild der Ideen für die Nutzung des Flughafens Tempelhof erklären zu wollen, wie in einem Interview für das Programmheft geschehen, ist schon ein wenig weltfremd. Bis dann auf einen Latte macciato im Carloft-Cafe um die Ecke.

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