Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht an der Schaubühne Berlin

Eine Inszenierung von Friederike Heller unter musikalischer Begleitung der Band Kante.

Um es vorweg zu nehmen, Juchhu es hat funktioniert, allerdings mit einem kleinen Aber. Wer heute den guten Menschen aufführt wird immer auch an die Grenzen stoßen, an die auch schon Bertolt Brecht selbst gelangt ist. Es hat viel Text, es passiert eine Unmenge, wie gestalte ich das, dass es seine Schwere verliert? Friederike Heller setzt dabei kongenial das um, was Patrick Wengenroth zum Epischen Theater ein paar Wochen vorher eingefallen ist. Verfremdungseffekt bis zur Travestie, sie bleibt dabei aber nah am Text. Brecht bleibt erkennbar, auch wenn es mitunter ins Alberne schwappt. Klasse die Einlagen von Ernst Stötzner als Wang, es hatte ja Sinn, das von Brecht diese Zwischenstücke eingefügt wurden. Da hätte man sogar noch mehr drauf aufbauen können. Die Musik von Dessau wird durch Kante frisch und rockig präsentiert, das hilft auf jeden Fall Schwächen in der Dramaturgie des Stückes zu überspielen. Kante haben Erfahrung mit Theatermusik, ich sah sie bereits in 2007 in Wien bei einer gelungenen Heller-Inszenierung von Peter Handkes Spuren der Verirrten im Akademietheater. Da standen Sie noch mehr am Rand, jetzt stehen sie im Zentrum des Geschehens und gestalten es offensiv mit.

Nun zum lustigen Hut auf Hut ab-Spielchen, das geht natürlich nur wenn der Zuschauer und ab und an auch der Schauspieler selbst nicht den Durchblick verliert. Die Anzahl der Mitwirkenden zu reduzieren, entsteht ja nicht aus dem Sparzwang heraus, sondern der besseren Verständlichkeit bei zu vielen Nebenfiguren. Es klappt nahezu reibungslos und hat am Anfang auch Tempo und Pep. Nur, und jetzt kommt das große Aber, es läuft sich mit der Zeit tot. Man kann solch ein Tempo nicht grenzenlos aufrecht erhalten, und da käme nun der Einsatz des Epischen Theaters für Unterbrechungen zu sorgen, um dem Zuschauer zu signalisieren, Achtung jetzt umschwenken und um einen Bruch auch in der Dramaturgie aufzuzeigen. Die Wang-Zwischenspiele sowie die ins Publikum gesprochenen Erklärungen könnten das bringen, hier geht aber Heller zu leicht drüber weg. Der Schluss wird im Schnelllauf absolviert und verpufft gänzlich. Nun ich verlange nicht, dass die Götter auf einer Wolke entschweben, aber ich könnte mir vorstellen, dass man doch noch mal zum Schluss auch meinetwegen nach dem Verbeugen zum Publikum spricht. So jetzt habe wir für euch 3 Stunden den Kasper gegeben und jetzt schert euch raus und denkt selber weiter. Der Schluss muss muss muss ja nicht unbedingt gut sein.

So und jetzt sehen Sie, dass ich ganz ohne Erwähnung Jule Böwes als Shin Te ausgekommen bin, woran mag das liegen, nicht das Sie nicht gut wäre oder nicht ausreichend präsent, nein sie fügt sich einfach wunderbar in eine klasse Ensembleleistung ein.

Im Guten Menschen von Sezuan wird der Widerspruch eines guten Lebens in einer schlechten Gesellschaft dargestellt. Es wird erzählt, nicht erklärt, zwei Lebensentwürfe werden nebeneinander gestellt und lediglich noch zusätzlich kommentiert um den Widerspruch zu verstärken. Die Parabelhaftigkeit aufzulösen, also die Erklärung zu bringen, würde bedeuten den Text daraufhin zu untersuchen, also zu dekonstruieren um seine Perspektiven zu finden. Friederike Heller tut dies auch nicht, im Gegensatz zu Sebastian Baumgarten mit seinem Danton am Gorki Theater. Wo ist also das Problem? Die Frage nach glaubwürdigen Figuren steht angeblich im Vordergrund. Wie will man die bei Brecht finden? Taugen heute Figuren wie Shin Te, Grusche, die Mutter, Johanna etc. noch zur Identifikation? Die Grundaussage des Widerspruchs den Brecht in seinen Stücken zeigt bleibt aber doch immer sichtbar, er ist allgegenwärtig und wird trotzdem auf dem Theater sicher nicht gelöst werden, ob ich nun dekonstruiere, das Stück so lasse wie es ist oder es lediglich etwas zeitgemäßer aufführe. Ich glaube man hat eher Angst, ästhetisch nicht dort abgeholt zu werden, wo man vor Jahren mal stehen geblieben ist? Das kann es doch wohl nicht sein.

Einen anderen Regiestil wird man sich demnächst am BE anschauen können, wenn Manfred Karge den Kreidekreis inszeniert. Ein Vergleich lohnt in jedem Fall.

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