Die großen Frauenfiguren der Weltliteratur haben es den Regisseuren des Maxim Gorki Theaters angetan. Nach Anna Karenina und Madame Bovary nun die Effi Briest. Jorinde Dröse setzt nach Ibsens Nora mit der Bearbeitung des Fontaneromans ihre Betrachtungen der bürgerlichen Familie fort. Wo bei Ibsen die Transformation aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart noch relativ gut funktionierte, hapert es nun bei diesem preußischen Sittengemälde der Jahrhundertwende von Theodor Fontane an schlüssigen Bezügen zur heutigen Zeit. Obwohl das Programmheft anderes suggerieren will, wir haben es hier doch mit einem hartnäckigen Fall des Scheiterns einer jungen Frau an den herrschenden bürgerlichen Konvention zu tun. Ein in Liebesdingen unerfahrenes junges Mädchen heiratet voller romantischer Vorstellungen auf den Wunsch der Eltern einen zwanzig Jahre älteren Karrieremenschen, leidet an dessen Gefühlsarmut und stürzt sich in eine unbedeutende Affäre, an deren Folgen sie schließlich zerbricht. Dass es heute immer noch so ist, liegt nicht sofort auf der Hand. Für die Regisseurin des Abends sind es aber genau diese verklärten Vorstellungen vom romantischen Lebensglück, die frau von so einer vermeintlich guten Partie hat.
MGT Berlin, Foto: St. B.
Jorinde Dröse setzt die Kenntnis Fontanes Romans vollends voraus. Ihre Romanadaption ist stark gekürzt und episch erklärende Einsprengsel, wie sonst üblich, fehlen fast gänzlich. Zu Beginn steht Robert Kuchenbuch als Baron von Innstetten an der Rampe und nimmt das Ende bereits voraus, wenn er vom Glück im Abwickeln des Alltäglichen spricht. Da ist auch schon die vor Glück jauchzende Effi, dargestellt von Anja Schneider, im weißen Brautkleid, dem Inbegriff des romantischen Mädchentraums, mit anwesend. Wilhelm Eilers als Vater Briest in Joppe und Stiebeln führt dann in die Geschichte ein, das Anwesen der Briests im Havelland genauestens beschreibend. Videos am Bühnenhintergrund liefern die nötige Bebilderung dazu. Auch die obligatorische Schaukel darf nicht fehlen, wird aber von Wilhelm Eilers sofort wieder abgehängt. Die glücklichen ungestümen Mädchenjahre der Effi Briest sind schnell zu Ende. Sie tanzt mit Innstetten erst mal zur Hochzeitsreise ab. Per Video werden Postkarten mit den Stationen von München bis Venedig gezeigt. Anja Schneider steht an der Rampe und schwelgt in Effis Erlebnissen, die ihren Gatten „überhaupt sehr aufmerksam“ und „engelsgut gegen mich“ findet.
Es wird sehr viel mit Video (einmal mehr Stefan Bischoff) gearbeitet, so sind z.B. das Haus in Kessin und der Neufundländer Rollo in Animationen zu sehen. Sehr eindrucksvoll das Bild vom Zimmer mit Haifischkopf und Krokodil, am oberen Bildrand wehen im Wind die Gardinen des Tanzsaals. Die Inszenierung nimmt sich hier ausführlich Zeit für all die Symbolik Fontanes, die Effi Angst macht und zu Innstettens Erziehungsmaßnahmen gehören. Robert Kuchenbuch ist dabei so staubtrocken wie der Hinterpommersche Ostseesand, der auf der Bühne verstreut wurde. Weitere nicht unbedeutende Randfiguren wie Pastor Niemeyer, Alonzo Gieshübler oder die Sängerin Marietta Trippelli sind gestrichen. Wilhelm Eilers als alter Briest gibt die Rolle seiner Frau in ein paar Nebensätzen gleich mit, was etwas irritiert, aber sein Leitspruch, das alles sei ein weites Feld, kommt trotzdem nicht zu kurz. Jorinde Dröse konzentriert sich klar auf die Dreiecksgeschichte Effi, Major von Crampas, Innstetten. Paul Schröder steht als finstere Johanna im Gouvernantenlook sowie als charmanter Verführer Crampas mit Hang zum Klamauk auf der Bühne und Ruth Reinecke hat noch ein paar schöne Momente als ganz und gar geerdete Roswitha.
Foto: St. B.
Die Liebe in der Mark Brandenburg, ein weites Feld…
Die Liebelei aus Langeweile dauert aber bekanntlich nicht ewig und Effi folgt Innstetten nun als Ministerialbeamtengattin und Mutter erleichtert nach Berlin. Nach der Pause nimmt dann dort das Schicksal seinen Lauf, Johanna findet die Briefe und übergibt sie stolz Innstetten. Eilers der nun auch noch Ministerialdirektor Wüllersdorf spielt, ergeht sich mit Innstetten in den bekannten Phrasen der Ehre, an die sie selbst nicht glauben. Aber es muss ein. Das Duell mit Crampas ist nur kurz im Video zu sehen. Effi wird verstoßen und zieht sich an den Rand der Bühne zurück. Nur einmal noch wird sie aufbegehren, nachdem ihre von Innstetten abgerichtete Tochter im Matrosenanzug (Achtung: Déjà-vu) ihren Spruch: O gewiß, wenn ich darf. aufgesagt hat. Mit einem wütenden Weg mit euch! wirft Anja Schneider allen Ekel in Richtung Publikum. Es bleibt der einzige trotzige Moment dieser Inszenierung, die streckenweise durchaus sympathisch daherkommt, aber sich zum Schluss in tragischer Melancholie verliert. Zu unentschlossen bleibt Jorinde Dröses Abend, von dem man nie wirklich weiß, von was er eigentlich erzählen will. Im Internet durfte Effi Briest beim ersten Facebook-Onlineauftritt des Maxim Gorki Theaters noch in ein Supermannkleid schlüpfen, davon ist auf der Bühne außer einer super aufspielenden Anja Schneider leider nicht mehr viel übrig geblieben.
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