Das 21. Festival des osteuropäischen Films in Cottbus gibt sich im goldenen Herbst 2011 sehr „“novembrig“

Teil 2: Die Filme des Wettbewerbs

Novembrigkeit verbreiteten nicht nur die Beiträge der Nebenreihen beim 21. Filmfestival in Cottbus, vor allem die Mehrzahl der zehn im offiziellen Wettbewerb befindlichen Filme hatte sich inhaltlich und formell der Kunst der Melancholie verschrieben. Sigmund Freud beschrieb sie einst sehr treffend als „…tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls…“. Also ein Gefühl, dass beileibe nicht allein mit der Sehnsucht der gequälten Seele im Sinne der Romantik zu erklären ist, sondern seine ganz realen Ursachen in bestimmten Lebensumständen hat und sich konkret in den Reflexionen der Menschen darauf widerspiegelt. Wobei mit Mythen und Symbolik überladene Filme nicht unbedingt eine Seltenheit darstellen.

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Die Cottbuser Stadthalle, Ort der Wettbewerbspremieren.

So auch beim aktuellen Wettbewerb, der durchaus, wie schon erwähnt, eine konsequente Fortsetzung der vergangenen Jahre darstellt. Dabei lässt sich die Auswahl der Wettbewerbsfilme, bei näherer Betrachtung der letzten Jahrgänge, auf ungefähr diese einfache Formel bringen: Man nehme ein paar orientierungs- oder auch völlig antriebslose Figuren, erschüttere sie zusätzlich in ihren Grundfesten und lasse sie dann ungebremst mit der Realität kollidieren. Vor allem der Mensch in der Identitätskrise, die Schwierigkeiten bei der Bewältigung verschiedenster Alltagsprobleme und die Ohnmacht gegenüber Bürokratie und neuen Machtstrukturen beschäftigen die Filmemacher Osteuropas. Weiterhin sind die Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit und immer wieder der Krieg auf dem Balkan beliebte Themen. Vermehrt stehen auch Verfilmungen von Stoffen nach wahren Begebenheiten auf dem Programm. All das gab es nun in verschiedenster Machart und künstlerischer Qualität zu sehen. Allein, der echte Knaller fehlte auch diesmal, ein Aha-Erlebnis wollte sich partout nicht einstellen. Aber dazu nun im Einzelnen.

Traditionell sind Filme aus Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken, aus unseren Nachbarländern Polen und Tschechien sowie den Ländern Ex-Jugoslawiens stark vertreten. So auch in diesem Jahr. Mit dem Krieg in Bosnien beschäftigte sich der Streifen „NEPRIJATELJ – DER FEIND“ des Regisseurs Dejan Zečević in serbisch-montenegrinischer Koproduktion. Nach dem Waffenstillstand 1995 ist ein Minenräumkommando damit beschäftigt, die eigenen Hinterlassenschaften zu beseitigen. In einer alten Fabrik finden die Soldaten, in einen Keller eingemauert, einen Mann, der weder Hunger noch Durst hat oder unter Erschöpfungserscheinungen leidet. In den vom Krieg auf verschiedenste Art traumatisierten Menschen entwickelt sich rasch die paranoide Vorstellung, es handele sich um den Leibhaftigen selbst. Abgeschnitten von der Umwelt, in der klaustrophoben Situation eines verlassen Bauernhofs, projizieren sie irgendwann alle erfahrene Schrecken des Krieges auf diese eine Figur. Die Angst vor ihm geht um und wie in einer selbsterfüllenden Prophezeiung beginnen sich alle zu beargwöhnen, Aggressionen brechen aus und enden in gegenseitiger Gewalt und Mord. Nun ist das kein besonders diffizil inszeniertes, psychologisches Kammerspiel. Der Film spielt mit dem Kriegsgenre genau so wie mit Mythen und religiösen Versatzstücken, die so das eigentliche Thema, über das Entstehen des Bösen in den Gedanken der Menschen, überlagern.

Direkt aus Polen kamen zwei Filme, ein weiterer Beitrag war eine rumänisch-polnische Koproduktion. Leszek Dawids Film „KI – ICH HEISSE KI“ ist am dichtesten am unmittelbaren Alltagsleben dran. Seine Protagonistin, die junge Kinga, eine recht kaotische Frau, kämpft mit sich und den Problemen einer alleinerziehenden Mutter. Ihren antriebslosen Freund und Kindsvater hat sie verlassen und mischt nun mit ihrer unkonventionellen Art die WG ihrer Freundin, der feministischen Künstlerin Dorota, auf. Dafür ist der nicht unerhebliche Beitrag zur Miete zu erarbeiten. Ki versucht das u.a. als Aktmodell in der Kunstakademie oder mit Auftritten in einer Tabledance-Bar. Das mit der Erziehung ihres Sohnes Pio in Einklang zu bringen, stellt Ki vor hohe Herausforderungen, denen sie mit willkürlicher Delegierung der Pflichten auf andere begegnet und so deren Leben auch noch durcheinander bringt. Leszek Dawid greift hier in die Vollen, das Jugendamt steht natürlich bald auf der Matte, Ki muss zur Psychotherapie, sie entlarvt die Scheinmoral des Amtsleiters und der prinzipientreue Mitbewohner Mikolaj wird kurzerhand zum Verlobten bestimmt. Natürlich bekommt Ki so ihr Leben auf Dauer nicht in den Griff. Um den Grund ihrer Probleme zu ergründen, beginnt sie ein Videoprojekt über ihr Leben. Es macht Spaß der Schauspielerin Roma Gasiorowska bei der schwierigen Darstellung der quirligen Ki zuzusehen. Sie bekam dafür auch die Lubina für die beste weibliche Hauptrolle und Leszek David für seinen Film den Fipreski-Preis.

Ein anderer polnischer Beitrag befasste sich, wie schon im letzten Jahr, mit einer wahren Begebenheit. Der Film „LINCZ – LYNCHEN“, Regie: Krzysztof Łukaszewicz, erzählt einen besonders komplizierten und emotional aufwühlenden Fall von Lynchjustiz in Polen. Im Jahr 2005 erschlagen mehrere Angehörige einer Familie in einem kleinen Dorf einen allgemein bekannten und wegen seiner Brutalität gefürchteten vorbestraften Obdachlosen. Dieser hatte die Familie immer wieder heimgesucht, beraubt und misshandelt. Die Polizei schritt nie ein, teilweise aus Personalmangel oder einfach aus Ignoranz. Der Film geht an die Nieren und will auch bewusst Emotionen erzeugen. Łukaszewicz beschreibt das Versagen der Politik und Vollzugsorgane gleichermaßen wie das der Judikative im anschließenden Prozess. Das Selbstjustiz keine Lösung ist, kommt in den, durch einen nervenaufreibenden Prozess und gezielten Pressekampagnen, zerfallenden Familienbande zum Ausdruck. Die aus verständlicher Verzweifelung heraus begangene Tat zur Befreiung vom Peiniger, kann auf Dauer keine wirkliche Freiheit für die einzelnen Familienmitglieder bewirken. Die Schuld wiegt zu schwer und zerstört nach und nach das fragile menschliche Gefüge der Protagonisten. Letztendlich hinterlassen aber die teilweise sehr reißerischen und brutalen Bilder, denen nichts entgegengesetzt wird, einen schalen Beigeschmack.

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Das Festival war wieder gut besucht. Schlange vor dem Weltspiegel.

Ebenfalls auf einer wahren Begebenheit beruht „CRULIC – DER WEG INS JENSEITS“ von der rumänischen Regisseurin Anca Damian, der erste Animationsfilm im Cottbuser Wettbewerb. Hier wird in beeindruckenden Bildern die Geschichte des 30jährigen Claudiu Crulic erzählt, der, aufgewachsen in Rumänen, um zu arbeiten 2007 nach Polen reist, und später dort fälschlich angeklagt in der Untersuchungshaft einen Hungerstreik beginnt. Anca Damian bringt uns in ihrem reportagehaften Streifen, nicht ganz ohne Witz, diesen jungen Mann näher. Angefangen von seiner Kindheit und Jugend in Rumänien bis zu seinem Versuch sich in Polen ein besseres Leben aufzubauen, begleiten wir Claudio, der das Geschehen auch selbst aus dem Off kommentiert. Er gerät schließlich in die Mühlen der Bürokratie und geht allein gelassen von Justiz und Politik langsam zu Grunde. Es erweist sich als großer Vorteil diesen Leidensweg in animierten Bildern zu erzählen. Gewinnt man doch so den nötigen Abstand, um diese unglaubliche Story wirklich zu begreifen. Dennoch nicht ganz ohne Emotionen ist dieser Film vor allem eine künstlerisch herausragende Arbeit, die leider der Jury nur eine lobende Erwähnung wert war. Dafür bekam der Film den Preis der Ökomenischen Jury.

Die Filme „SALZ WEISS“ aus Georgien und „SONNIGE TAGE“ aus Kasachstan sind trotz unterschiedlicher Charaktere und Herangehensweisen der Regie, in ihrer melancholischen Grundwahrnehmung sehr ähnlich.
In „Salz Weiß von der Regisseurin Keti Machavariani, treffen drei unterschiedliche Protagonisten im Schwarzmeerbadeort Batumi aufeinander. Der Polizist Niko, mit seiner Familie aus Abchasien geflohen, erfüllt stoisch seinen Dienst, wirkt stets abwesend, redet nicht viel und kann seine Gefühle für die Saisonkellnerin Nana nicht wirklich äußern. Nana arbeitet zielstrebig, nachts in einer Strandbar, tags in einem Restaurant, um sich ihren Traum vom eigenen Lokal an der sagenhaften Salzküste zu erfüllen. Dieser mythische Ort wird zum Symbol für die Wünsche und Bestrebungen aller. Auch die 14jährige Rumtreiberin Sopo hat ein Ziel, sie will dem Leben zwischen Kinderheim und ihrer Ersatzfamilie der anderen obdachlosen Jugendlichen entfliehen. Nana versucht ihr zu helfen, einen Pass zu bekommen, aber Sopo wird nicht darauf warten. Die Beziehung zwischen Niko und Nana scheitert und sie nimmt den nächsten Bus an die Salzküste. Der Film erzählt in ruhigen Bildern von den vergeblichen Annährungsversuchen der drei. Das sommerliche Batumi, Meer und Sonne sind zwar stets im Hintergrund anwesend, spielen aber für die nach privatem Glück Sehnsüchtigen kaum eine Rolle. Das Spiel des schweigsamen Polizisten Niko überzeugte die Jury dermaßen, dass Gagi Svanidze für diese Rolle die Lubina für den besten männlichen Darsteller bekam.

Vom Sommer an der Schwarzmeerküste zur kalten, kasachischen Einöde sind es in Cottbus nur ein paar Schritte ins nächste Kino. Der kasachische Regisseur Nariman Turebayev lässt seinen kurz vor dem 25. Geburtstag stehenden Protagonisten ziellos durch das winterliche Alma-Ata ziehen. Kein Job, kein Plan, kein Geld, in 10 Tagen wird man ihm Strom, Heizung und Telefon abstellen. „Sonnige Tage“ sehen wirklich anders aus. Dennoch reicht der Antrieb des Jungen nur bis in die nächste Kneipe zu seinem Kumpel oder bis zum Schnapsladen um die Ecke. Die nette Verkäuferin kann er aber auch nur sturzbetrunken ansprechen. Ein Job als Fahrer eines reichen russischen Geschäfstsmann scheitert, weil ihnen zwei in der Kneipe aufgegabelte Mädchen K.o.-Tropfen einflößen, sowie Geld und Papiere stehlen. Auch die Bekanntschaft mit seinem neuen, klavierspielenden Nachbarn reißt unseren Antihelden nicht aus seiner Lethargie. Er verweigert sich konsequent weiter, bis zum plötzlichen Ende mit Knall. Die Sicht von Nariman Turebayev auf die kasachische Jugend ist, trotz reichlich Wodka und leidlich schwarzem Humor, sehr ernüchternd. Hier war das erste echte Opfer der Melancholie im Festival zu beklagen. Mit 120 Minuten ist der Film auch definitiv zu lang, was für weitere Zuschaueropfer sorgen dürfte.

Die drei Beiträge aus Russland waren ebenfalls nach dem oben vorgegebenen Muster gestrickt. Wie in „PERSONALAUSWEIS“, dem einzigen tschechischen Film im Wettbewerb, in dem es um eine Gruppe Jugendlicher geht, die beim Erwachsenwerden an die Grenzen des real existierenden Sozialismus stoßen, gerät auch in „MEIN VATER BARYSHNIKOV“ der verträumte 14jährige Boris in die Einflusssphäre sowjetischer Parteifunktionäre. Regisseur Dmitry Povolotsky zeichnet das Portrait eines jungen Ballettschülers, dessen Mutter ihm den brühmten Tänzer Baryshnikov als großes Vorbild und Vaterfigur vorgaukelt. Allerdings war Baryshnikov in den 70er Jahren nach einem Gastspiel im Westen nicht wieder in die Sowjetunion zurückgekehrt. Boris steht mit seinen Wünschen irgendwie zwischen allen Stühlen, bis er schließlich mit der harten Realität konfrontiert, eine Entscheidung treffen muss. Das ist gute, routinierte Filmkost, aber ohne Überraschung und übermäßigen Tiefgang. Das Cottbuser Publikum mochte dies größtenteils, die Jury wollte aber definitiv anderes sehen. Auf ihre Kost kamen die Juroren dann bei den anderen beiden russischen Produktionen, die recht gleich im Grundmotiv Melancholie, was sonst, ansonsten eher kaum inhaltlich miteinander korrespondierten.

In Vladimir Kotts Tragik-Komödie „GROMOZEKA“ kämpfen drei alte Schulfreunde um die 40 mit ihrer Midlife-Crisis. Polizist Vasya hat weder im Dienst noch zu Hause die Hosen an. Seine Frau betrügt ihn, sein Sohn macht krumme Geschäfte und zu guter Letzt wird er noch als Nachtwächter in eine Fleischfabrik abgeschoben. Der Taxifahrer Mozerov ist schon lange geschieden, lebt wie ein Einsiedler und spioniert seiner studierenden Tochter nach, als er sie in einem „echt russischen“ Porno entdeckt. Der Arzt und Frauenheld Eduard schwankt zwischen seiner Frau und der Geliebten, ohne sich überhaupt entscheiden zu wollen. Sie haben es sich alle in ihrem Alltag mehr oder minder bequem gemacht und jeder auf seine Weise die Augen vor der Realität verschlossen. Erst nachdem sie plötzlich in Extremsituationen geraten, werden ihnen ihre faulen Lebenskompromisse bewusst. Vasya stellt mit seiner Dienstpistole den Liebhaber seiner Frau, der darauf ein Herzinfarkt erleidet. Im Glauben ihn umgebracht zu haben, holt er seinen Sohn zu Hilfe. Zum ersten Mal beginnt bei dem bisher alles klaglos ertragenden Würstchen eine Art Umdenken. Ähnlich ergeht es Mozerov, der nachdem er aus lauter Verzweiflung einen Gangster auf seine Tochter angesetzt hatte, um diese einzuschüchtern, doch noch zurück zu ihr finden kann. Einzig für Eduard scheint es zu spät. Seine Geliebte bekommt ein Kind, er ist aus der Wohnung geflogen und schließlich diagnostiziert er auch noch Lungenkrebs bei sich. Mit einem guten Schuss schwarzem Humor und russischem Fatalismus plagen sich die Drei mit ihren neuen Lebenssituationen. Beim Treffen in der Saune schwelgen sie dann wieder in alten Erinnerungen. „Wie geht es Dir?“ „Normalny!“ Der Film überzeugte Jury und Publikum gleichermaßen und räumte die Lubina für die beste Regie sowie den Publikumspreis ab.

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Preisverleihung am 05.11.11 in der Cottbuser Stadthalle.

„Die Liebe ist ein so unschätzbarer Schatz, daß du mit ihr die ganze Welt kaufen kannst und nicht nur deine, sondern auch fremde Sünden loskaufst. Gehe hin in Frieden und fürchte dich nicht.“ Starez Sosima in „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewski

Ein Kunsterlebnis ganz anderer Art ist der mit teilweise schockierenden Bildnern aufwartende Debütfilm von Angelina Nikonova „PORTRAIT IM ZWIELICHT“. Die Sozialarbeiterin Marina (Olga Dihovichnaya, die auch am Drehbuch mitschrieb) bearbeitet Fälle von vermutetem Kindesmissbrauch. Ihre Kollegen und Freunde sind desinteressiert an ihrer Arbeit und die Mütter der Kinder meist nicht in der Lage mit diesen Fällen umzugehen. Sie verzweifelt an dieser kaum lösbaren Situation ebenso, wie an ihrem sonst eher langweiligen Leben neben einem Karrieremann. Als Marina sich mit ihrem Liebhaber in einem Randbezirk der Stadt trifft, wird ihr auf dem Nachhauseweg die Handtasche gestohlen. Ohne Papiere wird sie dann von einer Polizeistreife aufgegriffen und dabei brutal vergewaltigt. Sie vertraut sich aber nicht ihrem Mann an. Auch macht sie keine Anzeige bei der Polizei, sondern meldet nur den Diebstahl ihrer Tasche. In der Plattenbausiedlung am Rande der Stadt sucht Marina beharrlich nach dem Polizisten, der sie vergewaltigt hat. Wieder und wieder laufen die gleichen Bilder ab. Als sie ihn endlich gefunden hat, will sie erst ihren Rachegefühlen freien Lauf lassen, hängt sich dann aber an diesen Mann, schläft mit ihm und zieht schließlich bei ihm und seinem kleinen Bruder ein. Es beginnt der beharrliche Versuch Marinas, ihren Peiniger durch bedingungslose Liebe zu läutern. Sie bewegt sich dabei zwischen einem modernen Dostojewkin`schen „Idioten“ und einem heiligen russischen Starez.

Das ist auf den ersten Blick schwer zu ertragen und nachzuvollziehen, erst durch die Erklärung der Drehbuchautorin Olga Dihovichnaya beginnt man diese Handlungsweise zu verstehen. Der in der russischen Tradition vorhandene, religiös bedingte Glaube an Vergebung und Nächstenliebe, der auch in den Romanen von Dostojewski und Tolstoi vorhanden ist, spielt dabei eine große Rolle. Nun ist dieser Film beileibe nicht religiös motiviert, in den Bildern schwingt immer auch eine klare Gesellschaftskritik mit. Allerdings steht diese nicht explizit im Vordergrund, sondern Marina ist hier die Figur, die von sich aus die bestehende Gewaltspirale unterbricht und einen neuen Weg geht. Bei Dostojewski läutern sich die Figuren durch das Erkennen der eigenen Schuld. Auch Marina ist schuldig geworden, sie hat den Polizisten angestiftet einem Vater, der von seiner Tochter des sexuellen Missbrauch beschuldigt wird, Angst einzujagen. Vermutlich hat die Tochter nicht einmal die Wahrheit gesagt. Marina verlässt den Polizisten schließlich wieder, geht aber nicht zu ihrem Mann zurück. Ihr Verhalten hat aber letztendlich bei ihrem Vergewaltiger etwas ausgelöst, er folgt ihr in einem offenen Schlussbild. Der Film polarisiert und ist damit ein konsequenter Kontrapunkt zum polnischen Streifen „Lynchen“. Wo die anderen Beiträge des Festivals nur Fragen aufwarfen oder feststellten, beeindruckte dieser Film vor allem mit seiner klaren Haltung und überzeugte damit auch die Jury, die ihm den Hauptpreis, die Lubina für den besten Film, zuerkannte.

Nach dem Ende des 21. Filmfestivals wird in der Cottbuser Stadthalle wohl wieder die gepflegte Abendunterhaltung mit Schlager und volkstümlicher Musik Einzug halten, aber auch Rainald Grebe verirrt sich noch im November nach Südbrandenburg. Da ist Achim Menzel sicher auch nicht mehr weit. Auf die Frage, was er denn die restliche Zeit des Jahres so mache, gab Festivaldirektor Roland Rust nach der Preisverleihung die schon geflügelte Antwort: „Nach dem Festival ist vor dem Festival.“ und einen kleinen Ausblick auf das nächste Jahr ließ er sich dann auch noch bereitwillig entlocken. Im Fokus werden die verschiedenen Religionen in den Ländern Osteuropas stehen und das ist dann auch ein vielversprechendes Thema, das sich nicht erst seit kurzem anbietet.

Dass Cottbus nach dem Festival wieder in kultureller Ödnis versinkt, braucht man wohl noch nicht zu befürchten. Staatstheater, Weltspiegel, Obenkino und das Kunstmuseum Dieselkraftwerk sorgen für die dringend notwendige Grundversorgung. Einige dunkle Wolken zeigen sich aber dennoch am Cottbuser Kulturhimmel, da, wie die FAZ heute berichtete, eine erneute Einsparwelle auf das Staatstheater zuzurollen scheint. Noch weitere Kürzungen dürfte das Staatstheater Cottbus nicht mehr verkraften können. Gerade die Sparte Schauspiel hat in den letzten Jahren schon einiges hinnehmen müssen, was sich auch deutlich in der Qualität ausgewirkt hat. Zur Zeit ist da wieder ein leichter Aufwind zu verspüren. Wenn dieser im Keim erstickt würde, hätte das fatale Folgen. Größere Zuschauermengen kann das Theater Cottbus nur durch seine Mehrspartenprojekte anziehen. Wenn man nur eine der drei Sparten streicht, käme das einem künstlerischen Knock out gleich.

Mit der herbstlichen Melancholie ist es nun aber spätestens ab dem 11.11. wieder vorbei und der Cottbuser Carnevals Club läutet die närrische fünfte Jahreszeit ein. Am Sonntagnachmittag gab es in der Stadthalle als Vorgeschmack schon mal Pfannkuchen (Berliner für Nicht-Brandenburger). Das man zum Lachen in Cottbus nicht unbedingt in den Keller gehen muss, zeigte dann zur traditionellen Abschlussparty im Glad-House die Band Kellerkommando aus Bamberg. Aber vielleicht ist die fünfte und schönste Jahreszeit in Cottbus auch das Filmfestival, die 22. Auflage gibt es jedenfalls wieder vom 06.11. bis 11.11.2012.

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Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. … Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit. Kurt Tucholsky

Die Liste aller Preisträger 2011

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