Melancholie, du kriegst mich nie… – Das 21. Festival des osteuropäischen Films in Cottbus gibt sich im goldenen Herbst 2011 sehr „novembrig“

Um seiner Hassliebe zum ständigen Begleiter Melancholie Ausdruck zu verleihen, hat der deutsche Liedermacher Gisbert zu Knyphausen, zur warmen Wohlfühlmelodie seines gleichnamigen Songs, einen entsprechend deutlichen Text verfasst. Ob die Melancholie tatsächlich eine schlechter Berater ist, wie es Knyphausen konstatiert, spielte für die Filmemacher auf dem 21. Cottbuser Festival des osteuropäischen Films kaum eine Rolle, sie schienen fast durchweg von einer Art schmerzvollen Wehmut befallen zu sein. In einem Beitrag zum diesjährigen Wettbewerbsprogramm betitelte Zeit-online das dann auch als „eine tiefe Novembrigkeit“.

Nun kommt diese Melancholie ja nicht von ungefähr, befinden sich doch auch die osteuropäischen Länder und Regionen in der allgemeinen Krise. Was in den Filmen der Preisträger von 2010 wie WHITE WHITE WORLD, EIN ANDERER HIMMEL und ADRIENN PÁL seinen Niederschlag fand, setzte sich nun in den Beiträgen des diesjährigen Festivaljahrgangs fort. Bei schönstem Sonnenschein und goldenem Herbstwetter prägten fast ausnahmslos Düsternis sowie Ziel- und Antriebslosigkeit das Geschehen in den Cottbuser Festivalkinos.

cottbus-2011-6.JPG Foto: St. B.
Der wiedereröffnete Weltspiegel in Cottbus.

Eine positive Nachricht ist dann aber doch zu verkünden, das ehemalige Ufa-Kino Weltspiegel konnte, nach der lange auf sich warten lassenden Sanierung, endlich wieder eröffnet werden. Das 100 Jahre alte Jugendstilgebäude erstrahlt innen wie außen in neuem Glanz und der Running Gag der Vorjahre, um die immer wiederkehrenden politischen Versprechen eines innerstädtischen Kinos in Cottbus, ist nun tatsächlich Geschichte. Mit dem Staatstheater Cottbus als traditionellem Ort der Eröffnung, der dazugehörenden Kammerbühne, der Stadthalle mit dem Festivalzentrum und dem Gladhouse mit dem kleinen Obenkino gehört der Weltspiegel nun endlich wieder zu den Stammadressen des Festivals.

Teil 1: Einige Filme aus den Nebenreihen des Festivals

Nun besteht das Festival nicht nur aus dem Wettbewerb um den besten Spielfilm, aber auch in den Nebenreihen des Programms war Grau die vorherrschende Farbe und man gedachte ein ums andere mal der Vergangenheit. Ist die Gegenwart hart und Zukunft ungewiss, ergeht der Mensch sich bekanntermaßen in Nostalgie und schwelgt in Vergangenem. Dieses Gefühl ist ähnlich der Melancholie und man es nach Uwe Tellkamps Roman der Turm auch „die süße Krankheit Gestern“. In einigen Filmen des Cottbuser Festivals fällt die Vergangenheit den Protagonisten aber ziemlich unverhofft und eher unsentimental auf die Füße, wie zum Beispiel in dem neuen Film von Marc Bauder (Jeder schweigt von etwas anderem, Regie zusammen mit Dörte Franke) „Das System – alles verstehen heißt alles verzeihen“, der als Gastbeitrag des Max-Ophüls-Festivals Saarbrücken, Partnerstadt von Cottbus, im Programm lief.

Erzählt wird hier die Story des 20jährigen Mike (Jacob Matschenz, Mitglied der diesjährigen Festivaljury), der sich mit seinem Kumpel durch kleinkriminelle Aktivitäten über Wasser hält und vom ganz großen Ding träumt. Das bietet sich ihm dann auch unvermittelt, als er plötzlich vom ehemaligen Freund seines toten Vaters protegiert und in Wirtschaftlobbyisten-Kreise eingeführt wird. Bezug zu Osteuropa ist hier die noch zu bauende Gaspipeline von Russland nach Europa. Konrad Böhm (Bernhard Schütz) nutzt seine alten Stasiverbindungen als ehemaliger Mitarbeiter der HVA-Wirtschaftsspionage und erpresst mittels alter Akten Politiker und Banker, um die Konkurrenz seines Klienten im Ausschreibungsverfahren um die Pipeline auszuschalten. Mike ist fasziniert von der Wirkung Böhms und schlägt die Warnungen seiner Mutter (Jenny Schily) in den Wind, die Böhm auch von früher kennt. Erst als er dessen Verwicklung in den Tod seines Vaters, einem ehemaligen Freund und Stasi-Kollegen Böhms, erkennt, beginnt er umzudenken. Die hanebüchene Stasistory dient Bauder hier leider nur vorrangig als Mittel einen Genrefilm zu drehen.

Die Verführbarkeit politischer und wirtschaftlicher Macht, wirkt zwar schlüssig, allein die ständige Über- und Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere lassen die Figuren meist eher unglaubwürdig erscheinen. Die Mutter, wegen der unbewältigten Vergangenheit dem Alkohol verfallen, muss dann auch noch Stasitippse gewesen sein. Eine Dreiecksbeziehung zwischen ihr und den beiden Stasikumpanen sowie ein Besäufnis mit der alten Garde des Kommunistischen Systems müssen auch noch her. Die brisanten Akten werden von einem glänzend spielenden Jürgen Holtz, als alter Stasigenosse mit Krückstock, in einem Datschenkeller aufbewahrt und auch schon mal mit der Schrotflinte verteidigt. Die Höhenflüge des von überregionalen Geschäften träumenden Böhm scheitern schließlich an noch größeren Schuften und Mike sieht so, dass auch dieser eiskalte Typ Nerven zeigen kann. Dass der Film trotzt dem überladenen Drehbuch noch funktioniert, verdankt er vor allem seinen bis in die kleinste Nebenrolle herausragenden Darstellern, vor allem Bernard Schütz, Jenny Schily, Florian Renner, Heinz Hoenig und eben Jürgen Holtz. In Saarbrücken ging der Film leer aus in Cottbus gab es zumindest den Förderpreis der DEFA-Stiftung, der zur nächsten Berlinale im Februar 2012 an Marc Bauder verliehen wird.

Noch weiter zurück in die Vergangenheit geht der slowenisch/kroatische Film „PIRAN – PIRANO“ des Regisseurs Goran Vojnovic, der in der Reihe Fokus: Osteuropa der Regionen lief. Der diesjährige Fokus setzte damit die im letzten Jahr begonnene globale Betrachtung des osteuropäischen Films fort. Das malerische slowenische Adriastädtchen Piran war in Folge des 1. Weltkriegs, wie ganz Istrien an Italien gefallenund litt während des 2. Weltkriegs unter den Faschisten. Der Bosnier Veljko hatte Piran einst mit befreit und blieb wegen der schönen Anica dort hängen. Einige Jahre nach ihrem Tod steht plötzlich ein alter Italiener in seiner Wohnung und behauptet dort geboren zu sein.

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Die slowenische Hafenstadt Piran an der Adria.

In vielen Rückblenden wird die Geschichte der beiden Männer erzählt, die langsam feststellen müssen, ein ganz ähnliches Schicksal erlitten zu haben. Der Bosnier Veljko heimatlos entwurzelt erst in Titos kommunistischem Jugoslawien, dann im slowenischen Piran und der Italiener Antonio stets fremd in Italien, der sich sein ganzes Leben nach Pirano, dem Ort seiner Kindheit, sehnte. Er möchte hier begraben werden und auch die Tochter Veljkos drängt ihren Vater schon länger zu einer Entscheidung, zur Erweiterung der Familiengrabstätte in Piran. Bisher hatte Veljkos die Gedanken daran immer zu verdrängen versucht. Das schmerzvolle Aufarbeiten der gemeinsamen Vergangenheit lässt die beiden Männer erst erkennen, wo ihre wirkliche Heimat ist. Dass dieser Film trotz der tragischen Geschichte nicht an seiner schwer melancholischen Attitüde und der gefühligen Musik erstickt, ist ebenfalls ein Verdienst der großartigen Darsteller. Das überbordende Drehbuch hält dann noch eine versöhnliche Schlusspointe parat, die die beiden nun nicht mehr ganz unfreiwilligen Nachbarn verbindet. Dafür bekam der Film den DIALOG-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen.

Um schmerzhafte Nachwirkungen des 2. Weltkrieges wie Vertreibung und Entwurzelung, gepaart mit einem Ereignis aus der jüngeren deutschen Geschichte, geht es auch in der deutsch/polnischen Koproduktion „WINTERTOCHTER“ des Regisseurs Johannes Schmid, ein Beitrag des Programmschwerpunkts „Weimarer Dreieck“ anlässlich des 20. Jahrestages des Komitees zur Förderung der Deutsch-Französisch-Polnischen Zusammenarbeit. Der Film hatte ebenfalls bereits seine Welturaufführung beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken.

Am Weihnachtsabend erfährt die 12jährige Katharina, genannt Kattaka, dass ihr leiblicher Vater ein russischer Seemann ist, der als Soldat in der ehemaligen DDR gedient hatte. Trotzig erzwingt sie von ihren Eltern die Reise nach Stettin, um ihn dort auf einem Containerschiff zu suchen. Sie wird von einem Freund und der burschikosen 75jährigen Lene begleitet. In einem alten Barkas fahren sie schließlich auf der Suche nach dem Seemann bis nach Danzig. Hier kommt nun auch Lenes lange verdrängte Vergangenheit wieder hoch, die als Kind auf der Flucht von ihrer Mutter getrennt wurde. Durch die intensive Begegnung mit der polnischen Bevölkerung, auf deren Hilfe die beiden auf ihrer langen Reise angewiesen sind, überwinden sie schließlich ihre Angst vor der Vergangenheit und gewinnen eine neue Zuversicht in die Zukunft. Der Film ist ein spannendes Roadmovie für jung und alt, überzeugt durch witzige Dialoge und hat mit der jungen Nina Monka und der Theaterschauspielerin Ursula Werner zwei überzeugende Darsteller. In einer Nebenrolle ist der polnische Starschauspieler Daniel Olbrychski, bekannt aus Volker Schlöndorffs Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“, zu sehen.

Kurzfilme sind im Programm des Filmfestivals in Cottbus besonders beliebt. Neben dem offiziellen Kurzfilm-Wettbewerb mit seiner „Langen Nacht der kurzen Filme“ gab es außerdem noch in der Reihe Spektrum ein Kurzfilmprogramm von serbischen Filmstudenten aus Belgrad. In einem sogenannten „Omnibus“ mit dem Namen „OKTOBAR“ beschäftigten sich die angehenden Filmemacher mit dem 10. Jahrestag der serbischen Revolution vom 5. Oktober 2000, dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Slobodan Milošević in Belgrad. Die filmischen Mittel der einzelnen Regisseure sind hierbei sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von einer Examensfeier mit bösen Wahrheiten, über das Portrait einer zerstörten Familie und schwierigen am lieben Geld scheiternder Beziehungen, bis zu märchenhaften Untoten, die ein kleines Mädchen vor bösen Immobilienhaien schützen und einer knalligen Satire über im Hungerstreik befindliche Arbeiter einer Fleischfabrik, die müde Partygänger als adäquate Nahrungsquelle für sich entdecken. In allen Filmen aber kommt der Jahrestag, wenn überhaupt, nur ganz am Rande vor. Die üblichen Alltagssorgen überlagern auch hier mittlerweile die allgemeine Aufbruchsstimmung von vor 10 Jahren.

In der neuen Reihe globalEAST in der die Einflüsse Osteuropas auf das Kino der Welt untersucht werden sollen, gab es u.a. ein Wiedersehen mit der russischen Schauspielerin Tschulpan Chamatowa (Luna Papa und Good Bye Lenin!). In dem Film „AMERICA“, eine Koproduktion von Portugal, Spanien, Brasilien und Russland in der Regie von Joao Nuno Pinto spielt sie die Russin Liza, die ihre Heimat verlassen musste und in Lissabon gestrandet ist. Hier lebt sie seit Jahren mit dem Charmeur und Gauner Vitor (Fernando Luís) und hat einen Sohn mit ihm. Eine ganze Gruppe von Kleinkriminellen um Vitor beschäftigt sich mit dem Diebstahl von Pässen und deren Verkauf an Flüchtlinge vor allem aus Südamerika und Afrika. Man will aber irgendwann ins ganz große Passfälschergeschäft einsteigen. Als eine Gruppe von Ukrainern in den Anbau des Hauses zieht, bekommt Liza zum ersten mal wieder Kontakt zu Leuten aus ihrer alten Welt. Sie verliebt sich sogar in den eine von ihnen. Liza fasst vorerst neuen Mut, da Andrej verlorene Gefühle in ihr weckt. Aber auch dieser Traum ist schnell vorbei. Als sich dann auch noch die russische Mafia ins Geschäft einschaltet, wird der Spielraum für Vitors Kumpane immer enger und das Risiko zu groß. Andrej genau wie Vitor müssen fliehen und in einer Stürmischen Nacht bricht nicht nur das Haus über den verhinderten Ganoven zusammen. Liza wird zwar mit Vito entkommen, aber das ersehnte Glück ist wieder in weite Ferne gerückt. Der Film hat durchaus Witz, ohne die harte Realität auszublenden, etwas zuviel Melancholie und Fadomusik machen ihn aber zu einer Art portugiesischem Kaurismäkiverschnitt.

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Irina Potapenko und Samira Radsi bei der Vorstellung ihres Films ANDUNI in der Cottbuser Stadthalle.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf den Abschlussfilm des Festivals, der nach der Preisverleihung in der Stadthalle Cottbus gezeigt wurde. Der erste Langspielfilm der jungen Regisseurin Samira Radsi „ANDUNI – FREMDE HEIMAT“ behandelt wie schon andere Filme zuvor wieder das Thema Heimat und das Gefühl der Entwurzelung. Die junge, mit ihrer Familie in Deutschland lebende Armenierin Belinda, dargestellt von Irina Potapenko (bekannt aus den Filmen „Prinzessin“, „Revange“ und der Volksbühne Frank Castorfs), Mitglied der diesjährigen Wettbewerbsjury, versucht mit einem Studium den einengenden Traditionen des Elternhauses zu entkommen. Sie lebt mit dem Deutschen Manuel (Florian Lukas) zusammen, der aber auch eigene Pläne eines Fotografiestudiums hat. Daraus ergeben sich erste Spannungen. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters beginnt sich Belinda wieder mehr für die Geschichte ihrer Familie, die aus der Türkei fliehen musste, zu interessieren. Einige Verkupplungsversuche ihrer Tante mit ledigen Armeniern scheitern zwar, aber irgendwann fährt sie schließlich sogar mit ihrem Onkel, Tilo Prückner als kurioses Musterbeispiel vollkommener Integration und Verdrängung, nach Armenien, um mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Der Film greift das Thema der türkisch-deutschen Erfolgskomödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ nun aus Sicht der Armenier auf. Ohne das gespannte Verhältnis der Armenier zu den Türken ganz auszuklammern, verliert sich der Film allerdings in einigen Klischees und steuert zielsicher auf ein kleines Happy End hin. Auch hier ist die gute alte Melancholie wieder erfolgreich mit im Boot.

wird fortgesetzt

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