Einige Gedanken zu Religion und Ethik in der heutigen Politik in Bezug auf Shakespeares „Maß für Maߓ und die Rede Papst Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag

Genau wie zu Shakespeares Zeiten der Stellvertreter Angelo in „Maß für Maß“, befindet sich auch heute der gewählte Politiker in einer Gewissens-Zwickmühle zwischen Ethik, Moral und Pflichtgefühl einerseits und der Versuchung von Erfolg, Karriere und Machtmissbrauch andererseits. Nur das er heute keinem absolutistischen Herrscher mehr verpflichtet ist, sondern allein dem Volke, das er aber, so scheint es oft, meist nur als Wähler versteht. Rechenschaft für ihr Handeln abzulegen, kommt den meisten Politikern dabei nicht in den Sinn. Der Souverän hat dafür in der Demokratie alle paar Jahre die Möglichkeit, seinen Unmut über die moralischen Qualitäten der Politik in einem Votum für oder gegen seine Vertreter zu artikulieren. Dabei geht es längst nicht mehr wirklich um Inhalte, sondern um Charisma und Strategien. Politische Visionen sind von bestimmten Personen abhängig, Hintergründe für politische Entscheidungen und wirtschaftliche Interessen werden von den meisten Wählern nicht mehr hinterfragt, bzw. sind kaum noch transparent und erkennbar. Hier erhält die Frage nach der Moral tatsächlich wieder eine außerordentliche Bedeutung.
Aus ganz anderem, sich selbst als unfehlbar postulierendem Munde, haben sich nun in Berlin die Vertreter aller Deutschen, ihre moralische Fehlbarkeit attestieren lassen müssen. Daher aus gegebenem Anlass ein paar Worte zur Papstrede im Deutschen Bundestag und der Botschaft, die Benedikt XVI. mit ihr vermitteln wollte. Nicht dass er an den heiligen Augustinus erinnerte, der den Staat ohne Recht als Mörderbande bezeichnete, oder die Ökobewegung der 70er Jahre lobte, ist das Bemerkenswerte an dieser Rede, sondern dass er die positivistische Vernunft, was auch sonst, als die nach seiner Meinung vorherrschende Erkenntnistheorie in Zweifel zieht. Es ist dabei schon verwunderlich, dass ein in seinem absolutistischen Selbstverständnis, ein Herrscher also ähnlich dem Herzog Vincentio, sich auf Karl Popper beruft, um den vermeintlichen Rationalismus in der Politik zu kritisieren. Anstatt laut Ketzer zu rufen, macht sich das Oberhaupt der Katholischen Kirche ganz offiziell und diplomatisch in einem säkularen Haus die Ansichten eines Agnostikers, der Hegel und Marx als Schöpfer allen totalitären und kollektivistischen Übels geißelte, zu eigen, ohne ihn dabei überhaupt explizit erwähnen zu müssen. Bei Popper bekam natürlich vor allem der große preußische Staatsphilosoph Hegel sein Fett ab. Popper erklärte den Positivismus für tot, wie Nietzsche einst Gott, und stellt ihm ein Modell gegenüber, das wissenschaftliche Annahmen nicht bewiesen werden können, sondern lediglich zu widerlegen sind. Einstein hatte Newton widerlegt und nun geht es seiner Relativitätstheorie selbst an den Kragen, seit im Teilchenbeschleuniger in Cern die Neutrinos (Geisterteilchen) anscheinend schneller als das Licht fliegen.

papst-benedikt_dp.jpg Wahlspruch Joseph Ratzingers (3 Joh. 8). Mit Sendungsbewußsein gegen die Irrlehren. (Briefmarken zum 80. Geburtstag des Papstes)

Geht es dem Papst nun tatsächlich nur um die Fehlbarkeit der Wissenschaft oder eine ökologische bzw. ethische Umorientierung. Er beklagt das Außerkraftsetzen der „klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht“, die Abdrängung der Religion in die Subkultur und plädiert für die Rückbesinnung auf die schöpferische Vernunft eines „Creator Spiritus“. Die letzten vernünftigen Grundsätze über Bord werfend, hängt nun der Bundestag an den Lippen des römisch katholischen Hirten und lässt sich von dieser Lichtgestalt der Aufklärung beeindrucken. Man könnte darüber den Kopf schütteln und die profanen Wahrheiten des Stellvertreter Gottes belächeln, wenn er nicht im Grundsatz an einer Wunde rühren würde, die offener nicht sein könnte. Wie hast Du´s mit der Religion und vor allem mit welcher? Schon Kant laborierte in seiner Religionskritik an der Erklärbarkeit Gottes und brauchte das höhere Wesen als Hilfskonstrukt für Ursache und Ziel moralischen und vernünftigen Handelns. Auch Popper bezog sich auf die positiven Einflüsse des Christentums auf die abendländische Kultur. Für den großen Logiker Wittgenstein ist das Problem von Religion und Ethik ein vor allem sprachliches. Er sieht die Ethik im Bereich des Unsagbaren und setzt sie gar mit der Religion gleich, allerdings ohne jegliches Dogma.
So viele verschiedene Meinungen über Religion und Ethik, nur der Papst scheint im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Um über Gut und Böse, was immer das auch sein mag, entscheiden zu können, wünscht er den Politikern, das „hörende Herz“ Salomons. Ganz salomonisch spricht er von der Überzeugung eines Schöpfergottes als Wurzel der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht. Shakespeare hatte in „Maß für Maߓ die gleiche Idee und sah sie in dem Ideal eines gerechten Herrschers in der Person Jakob I. verwirklicht. Jakob konnte durch sein Zaudern diesem Anspruch nicht genügen und widmete sich lieber seinen absolutistischen Bestrebungen. Er wurde in mehreren Stücken Shakespeares wie Hamlet und Macbeth verewigt. Christliche Moral gegen die Versuchung politisch aufzusteigen und unkontrolliert Macht ausüben zu können. Angelo, der Protagonist in Shakespeares Stück, entscheidet sich für die Abkehr von der Moral, die Nonne Isabella, für ihre Tugend. Diesen Konflikt zu lösen bedarf es bei Shakespeare des weisen unfehlbaren Herrschers Vincentio. Er ist die Macht, die vergibt oder straft, der Maß für Maß eine fragwürdige göttliche Ordnung wieder herstellt.
In Zeiten des religiösen Pluralismus, laufen besonders in Europa der monotheistischen Religion die Anhänger weg. So gerät der Auftritt des Papstes zur willkommenen Lobbyveranstaltung für die katholischen Kirche, verbrämt unter dem Deckmantel der offenen Gesellschaft. Ein Theokrat lehrt dem Deutschen Bundestag christliche Moral und drängt ihn damit sofort in der Ethikfalle. Die Politik als ein Fall sittlichen Notstandes? Im Falle Ostermeiers Shakespeare-Inszenierung von „Maß für Maߓ muss man das wohl bejahen. In Bezug auf die Belehrung durch den Papst, kann das ruhig bezweifelt werden. Nur in einer Abgrenzung zu religiösen wie auch weltanschaulichen Auffassungen ist es dem Politiker überhaupt möglich, ein Urteil zu fällen, das gesamtgesellschaftliche Relevanz hat. Das bedeutet ja nicht, das er nicht in Demut sein Gewissen befragen sollte, aber in rationaler Abwägung eines Für und Wider und nicht mittels göttlichem Gehorsams, wie der Papst vor seiner Abreise, seine Anhänger wie unbotmäßige Kritiker gleichermaßen beschwor. Eine Rückbesinnung zu christlichen Werten besteht für den Papst, und das hat er extra betont, vor allem in der Hinwendung zur orthodoxen Tradition der Kirche und der Absage an jegliche Bestrebungen einer Ökumene. Sollte sich die Politik in diese Abhängigkeit begeben, werden die brennenden Fragen der Menschheit wohl weiter unbeantwortet bleiben.

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