Große Vielfalt in den zahlreichen Nebenreihen des 20. Festivals des osteuropäischen Films in Cottbus

Vielfältigste Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen gab es dieses Jahr in den vielen Nebenreihen des Filmfestivals. Traditionell war Russland neben den zwei Wettbewerbsbeiträgen auch diesmal wieder stark vertreten. Und so ist die erste Anlaufstelle der Russische Tag „Russky Den“ am Mittwoch. Hier fielen vor allem zwei Filme auf. In AUSGLEICH (KOMPENSATSIYA) von der Regisseurin Vera Storozheva, die schon mit dem zauberhaften Film REISE MIT HAUSTIEREN vor drei Jahren in Cottbus abräumen konnte, machen sich zwei Schwestern nach dem Tod der Mutter auf die Suche nach ihrem Vater, der sie vor Jahren wegen einer anderen Frau verlassen hatte. Nach zehn Jahren hat er sich mittlerweile ein komplett neues Leben aufgebaut und eine neue Familie mit einer kleinen Tochter. Da er die beiden Schwestern nach einer flüchtigen Begegnung erst nicht zu erkennen scheint, entschließt sich die ältere der beiden, die neue Schwester kurzerhand zu kidnappen und einen finanziellen Ausgleich für die Jahre ohne ihren Vater zu verlangen. Für den Vater bricht nun seine scheinbar heile Welt zusammen, durch die indiskreten Fragen eines durchgeknallten Ermittlers erfährt er von der Affäre seiner jetzigen Frau, es läuft nun eine grotesk satirisch anmutende Maschinerie von Verzweiflung und Verletzungen ab. In der Zwischenzeit entwickelt sich aus dem erst ablehnenden Verhältnis der Schwestern untereinander eine gewisse Solidarität. Nachdem sie von einem Fahrradfahrer angefahren wird, gerät die ältere der Schwestern in eine merkwürdige WG von jungen Sängern, beim Hören eines christlichen Madrigals erwacht das Gewissen in ihr und sie erkennt sichtlich ergriffen, dass Rache nicht das richtige Mittel ist und entschließt sich die neue Schwester frei zu lassen. Nach einem Showdown mit Autoverfolgung endet das Drama aber gerade noch einmal gut für die neu zueinanderfindende Familie. Die poetische Tiefe von „Reise mit Haustieren“ kann Vera Storozheva hier nicht wieder erreichen, aber ihr gelingt eine recht gute Zustandsbeschreibung der heutigen russischen Gesellschaft.

Kein Happy End gibt es in dem Film von Jurij Bykov ZU LEBEN (ZHIT). Der Jäger Mikhail trifft unverhofft mitten in der russischen Weite einen Mann, der vor einer Gruppe Krimineller flieht. Gemeinsam sind sie nun als ungleiches Paar aneinander gebunden, der eine aus Unkenntnis des Weges, der andere da er körperlich nicht in der Lage wäre Widerstand zu leisten. Erst sehr langsam entwickelt sich eine kleine Solidargemeinschaft. Nachdem Andrei erzählt, das er eigentlich zu diesen Kriminellen gehört und es um Leben und Tod geht, da er die Regeln verletzt hat, ist Mikhail verzweifelt, da er am Leben hängt und zu seiner Familie zurück will. Aber es gibt kein Entrinnen, in einem verlassenen Dorf werden die beiden schließlich gestellt und Mikhail vor die Entscheidung zu leben oder das Schicksal von Andrei zu teilen. Er entscheidet sich letztendlich für das Leben, zu einem sehr hohen Preis. In eindrucksvollen, düsteren Bildern stellt Bykow harte existentielle Fragen ohne die Spur eines Auswegs offen zu lassen. Der Film läuft noch einmal in Berlin innerhalb der Russischen Filmwoche vom 24. bis zum 30. November 2010. Dort läuft dann auch zur Eröffnung der russische Blockbuster und Oscarkandidat KRAI von Alexey Uchitel.

Das „Spektrum“ zeigte dieses Jahr vor allem Beiträge aus Ungarn und Tschechien. Die Filme WALKING TOO FAST von Radim Špaček, TRÄUMER von Jitka Rudolfová aus Tschechien und WOMB vom bekannten ungarischen Regisseur Benedek Fliegauf waren wohl nicht gut genug für den Wettbewerb. Der Film VESPA, ein abenteuerliches Roadmovie über junge Roma in Südungarn, von Diana Groó konnte aber immerhin noch den DIALOG-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen abräumen.

Der polnische Film hat nun seine eigene Sparte mit dem „Polskie Horyzonty“. Hier liefen einige Kurz- und 2 Langspielfilme. Der Film DIE SCHLINGE von Wojciech Jerzy Has aus dem Jahre 1957 zeigt 24 Stunden im Leben eines Alkoholikers, der vergeblich versucht mit dem Trinken aufzuhören. In VENEDIG von Jan Jakub Kolski verwirklicht sich 1939 der Junge Marek seinen Traum von einer Reise nach Venedig im überfluteten Keller eines alten Landhauses zur Zeit des Überfalls Deutschlands auf Polen. Die Spiele der Teenager werden mit der harten Realität des Krieges und dem Mord an den Juden konfrontiert. In fast magischen Bildern erzählt der Regisseur über die Macht der Träume und das jähe Ende einer Kindheit. Den erstmals vergeben Deutsch-Polnischen Jugendfilmpreis U18 bekam der polnische Film ALLES WAS ICH LIEBE von Jacek Borcuch über die Geschichte einer Jugendpunkband 1981 in Polen, eine Art Romeo und Julia in den Zeiten von Solidarnosc und Kriegsrecht. Der Film ist übrigens auch die polnische Oscar-Hoffnung. Einen Abend mit polnischen Bands gab es dazu auch noch im Cottbuser Glad-House.

Tradition sind auch immer wieder deutsche Filme im Programm des Filmfestivals. In diesem Jahr gab es eine von der Medienjournalistin Karin Fritzsche kuratierte Retrospektive „Hüben & Drüben“ mit Filmen der Filmhochschule „Konrad Wolf“(HFF) aus Potsdam-Babelsberg und der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) Berlin. Neben den Filmen von Helke Sander DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT – REDUPERS und Kurzfilmen u.a. von Holger Meins OSKAR LANGENFELD 12 MAL, Volker Koepp SOMMERGÄSTE BEI MAJAKOWSKI und Thomas Heise WOZU DENN ÜBER DIESE LEUTE EINEN FILM? war ein bemerkenswerter Dokumentarfilm aus dem Jahre 1981 von Johann Feindt zu sehen. In seinem preisgekrönten Diplomfilm DER VERSUCH ZU LEBEN hält der Absolvent der dffb Berlin den Alltag in der Notaufnahme des Urban-Krankenhauses Berlin-Kreuzberg in groben s/w-Bildern fest. Wenn man es nicht wüsste, ist hier ein direkter Ost-West-Unterschied kaum spürbar. Alkoholiker und einsame alte Menschen gab ist hüben wie drüben. Feindt hält die Kamera konsequent drauf, erst bei der Einlieferung eines U-Bahn-Unfallopfer schreckt er vor der Härte der Bilder zurück. Er hatte bevor er an die dffb ging selbst dort als Medizinstudent in der Notaufnahme gearbeitet. Der Nähe des Regisseurs zum Metier ist es zu verdanken, das sich die Ärzte und Schwestern, sicher noch geprägt durch die Freiheit und Hoffnung der 70er Jahre, vor der Kamera öffnen und über ihre Träume und Probleme sprechen. Selbst die eingelieferten Alkoholiker und Drogensüchtigen erzählen bereitwillig aus ihrem Leben. Einige der Protagonisten hat Feindt im Nachhinein noch zu Hause besucht. Es entsteht so eine unglaublich realistische Dokumentation des Westberliner Alltags im Kreuzberg der frühen 80er Jahre, den es heute so überhaupt nicht mehr gibt. Ein Bericht vom Rande der Gesellschaft der im Vergleich zu heutigen Verhältnissen zeigt, das sich die Illusionen der Helfer von damals über ihren Job nach wie vor nicht erfüllt haben.

Einer der herausragendsten Filme des Festivals war mit Sicherheit der Abschlussfilm nach der Preisverleihung in der Cottbuser Stadthalle. Der Film von Oscar-Preisträger Danis Tanović (No Man`s Land) ZIRKUS COLUMBIA, an dem auch diesmal wieder die Oscar-Hoffnungen Bosnien-Herzegowinas hängen, mit dem Star aus den Filmen UNDERGROUND und IRINA PALM Miki Manojlović zeigt eine Kleinstadt in der Herzegowina im Sommer 1991 in der kurzen Zeit zwischen dem Zusammenbruch Jugoslawiens und dem Beginn des Bosnienkrieges. Divko kehrt nach 20 Jahren aus Deutschland zurück und nutzt seine alten Seilschaften zum neuen Bürgermeister, um seine ehemalige Frau Lucija mit dem gemeinsamen Sohn Martin aus dem Haus werfen zu lassen, da er sich einst von ihr verraten fühlte. Mit seiner neuen jungen Geliebten Azra zieht er ein und versucht mit Geschenken den Sohn, einen leidenschaftlichen Hobbyfunker, auf seine Seite zu ziehen. Mit seinem Geld um sich werfend, lässt Divko die ganze Stadt nach seiner entlaufenen Glückskatze Bonny suchen. Hin- und Hergerissen zwischen dem alten System verkörpert durch den väterlichen Freund der Mutter, einem Offizier der jugoslawischen Armee und dem alten kommunistischen Bürgermeister sowie anderseits seinem Freund, dem Sohn des neuen Bürgermeisters und der ersten Liebe zur sich vernachlässigt fühlenden Freundin des Vaters, kann Martin sich erst nicht entscheiden. Erst als die Anzeichen des beginnenden Nationalismus bei der Gruppe um den Bürgermeister sichtbar werden und seine Mutter nach Deutschland fliehen will, bezieht er Stellung und warnt die Kaserne vor dem Überfall der Nationalisten. Da Martin nun gefangen genommen wird, wandeln sich auch die Ansichten des Vaters, der in Frieden in der Heimat seinen Lebensabend genießen wollte. Nach der Befreiung können Martin und Azra nach Deutschland fliehen. Lucija bleibt bei Divko, ihre alte Liebe ist neu entbrannt. Im Hintergrund sieht man schon den näher kommenden Krieg mit einschlagenden Granaten. Danis Tanović ist ein großer Film über kleine ganz persönliche Schicksale während des Krieges in Ex-Jugoslawien gelungen, mit viel Witz packt er nach NO MAN`S LAND (2001) wieder dieses schwere Thema an.

Nach der Preisverleihung ging es wie jedes Jahr wieder zur Abschlussparty ins Glad-House. Die Band MALA VITA heizte mit Songs rund um den Balkan allen Gästen ordentlich ein. Der 21. Jahrgang des Filmfestivals in Cottbus findet vom 01.11.2011 bis zum 06.11.2011 statt.

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