Nicht ein spezielles Land oder eine Region standen wie sonst im Fokus des Festivals, sondern die globalisierte Welt an sich und die mit ihr verbundene Migration von Osteuropäern. Sogar bis nach Indien führte die Reise, im Film DASVIDANIYA lernt ein an Magenkrebs erkrankter indischer Buchhalter die Lust an der Liebe von einer russischstämmigen Prostituierten und kann versöhnt mit sich und seinem Bruder vom Leben Abschied nehmen. Der Soundtrack steht einem richtigen Bollywoodfilm in nichts nach.
Weitere gute Filme kamen aus Niederlanden mit DUSKA, einer kleinen Satire über einen weltfremden Filmkritiker, der durch einen penetranten osteuropäischen Bekannten in die Welt eines ukrainischen Dorfes gerät, und mit einem Spionagetriller aus Frankreich. In AKTION FAREWELL gerät ein französischer Ingenieur (Guillaume Canet) Anfang der 80er Jahre wider Willen in eine Spionageaffäre um einen desillusionierten KGB-Offizier, der mit sensationellen Informationen den eisernen Vorhang einreißen will, aber mit seinen unorthodoxen Mitteln das Gefüge der Geheimdienste in Unordnung bringt und letztendlich der allgemeinen Staatsraison geopfert wird. In der Hauptrolle war der serbische Regisseur Emir Kusturica zu sehen und William Dafoe und Fred Ward (herrliche Karikatur des schauspielernden Präsidenten Ronald Reagan) als amerikanische Gegenspieler sowie in weiteren Nebenrollen Alexandra Maria Lara, Diane Kruger, Benno Fürmann und Thomas Schmauser.
Die Einwanderung nach Israel wurde in zwei Filmen thematisiert. In dem tragikomischen Roadmovie THE HUMAN RESOURCES MANAGER (Oscarkandidat Israels) begleitet ein Personalchef einer Bäckerei in Jerusalem die sterblichen Überreste einer bei einem Bombenanschlag getöteten Angestellten nach Rumänien. In DIE EINZELGÄNGER nimmt der israelische Regisseur Renen Schorr den Aufstand russisch-stämmiger Soldaten der Golani-Brigade in einem Militärgefängnis im Jahre 1997 zum Anlass, um über Rassismus und Brutalität in der israelischen Armee zu erzählen. Die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte zweier Russen, wandelt Schorr geringfügig ab. Bei ihm werden die Soldaten wegen angeblichem Waffenverkaufs an die Hamas verurteilt und mit anderen israelischen Soldaten zusammengesperrt. Er besetzt die Hauptrollen mit zwei Laien, die sehr überzeugend die Zerrissenheit der beiden zwischen russischer Tradition und Loyalität dem israelischen Staat gegenüber darstellen können. Im harten Gefängnisalltag werden sie immer wieder von den Wärtern und anderen Gefangenen ausgegrenzt, gequält und erniedrigt. Nur ihre bedingungslose Freundschaft und der Glaube an eine Rehabilitierung bewahrt sie davor zu zerbrechen. Um eine Berufung zu erreichen, nehmen sie Aufseher und Mitgefangene als Geiseln. Erst die Offenbarung des einen der beiden Freunde die gestohlenen Waffen nur für eigene Schießübungen benutzt zu haben, um ein besserer Soldat zu werden und dem anderen, der seine Waffe tatsächlich verloren hatte mit einer neuen aushalf, kann eine Wandlung bei den israelischen Wärtern bewirken, die sie erst für wahre Verräter gehalten hatten. Die Geiselnahme geht zwar unblutig aus, aber eine Rückkehr in die Armee bleibt beiden dennoch versagt.
Aus Polen kam der Kurzfilm HANOI-WARSCHAU, der die Reise einer jungen Vietnamesin nach Warschau erzählt, wo ihr Freund wartet, der illegal auf einem Vietnamesenmarkt arbeitet. Mai Ahn wird mit anderen Vietnamesen durch Schlepper in einem Laster über die ukrainische Grenze nach Polen gebracht. Vom Fahrer vergewaltigt und im Wald zurück gelassen, kann sie schließlich mit einem polnischen Pärchen im Auto nach Warschau gelangen. Dort findet sie ihren Freund bei der Fremdenpolizei, er will sie aber nicht erkennen, da eine Preisgabe des wahren Namens die Abschiebung zur Folge haben kann. Ihre ehrliche Naivität steht gegen das System der Selbstverleugnung, um im Schutz der Anonymität die menschenunwürdige Einreisepraxis zu unterlaufen. Der Film erhielt den Special Award zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung.
Im Anschluss lief der bemerkenswerte halbstündige Dokumentarfilm ERZÄHLUNGEN VOM VERLORENEN der jungen israelischen Regisseurin Yael Reuveny. Ihre Suche nach dem im Holocaust verloren gegangenen Bruder ihrer Großmutter führte sie bis in den südbrandenburgische Ort Schlieben im ehemaligen Bezirk Cottbus. Dort war Feivke Schwarz in einem Zwangsarbeiterlager interniert und bliebt nach dem Krieg im Ort, nannte sich Peter, heiratete und wurde HO-Verkaufsstellenleiter. Unter konsequenter Verleugnung seiner Vergangenheit legte er eine Bilderbuch-DDR-Biografie hin. Yael Reuveny sucht aber nicht vorrangig nach Erklärungen, sondern fragt ganz behutsam die Menschen in Schlieben nach ihrem Verhältnis zu Peter Schwarz. In diesen Gesprächen offenbaren sich ganz nebenbei die übliche Verdrängung des Holocaust, Nachfragen über die Vergangenheit waren einfach Tabu, latente Vorurteile Fremden gegenüber aber auch der ganz normale Umgang mit einem total integrierten Menschen. Bei der Freundin von Peters Frau kann Reuveny in das Familienalbum schauen. Die Bilder zeigen ein völlig normales Familienleben, die Rührung ist ihr ins Gesicht geschrieben. So unglaublich das alles klingt, akzeptiert doch die Regisseurin letztendlich diese Lebensentscheidung des Bruders ihrer Großmutter, wird aber das Thema nicht ruhen lassen und in einen Langfilm weiterverarbeiten. Yael Reuveny bekam dafür den Cottbus Discovery Award und den DEFA Förderpreis der DEFA-Stiftung.
Schließlich gab es noch Beiträge zur Rückkehr von emigrierten Osteuropäern in ihr Heimatland und die Schwierigkeiten die dabei auf der Suche nach der eigenen Identität entstehen. In DAS VERGRABENE LAND des englischen Regisseurs Geoffrey Alan Rhodes kommt eine junger Regisseur in seine bosnische Geburtsstadt zurück, um einen Dokumentarfilm über die unter grünen Hügeln entdeckten Pyramiden zu drehen. Er bewegt sich völlig abgehoben durch die Szenerie seiner ehemalige Heimatstadt und versteht nicht die eigentlichen Gefühle und Probleme der Einheimischen. In einem monumentalen Kitschfinale mit Folklore und Massenaufstellungen der Bewohner auf dem Hügel der Sonnenpyramide glaubt er die Stimmung der alten Mythen einfangen zu können. Erst seine alte Freundin kann ihn wieder auf den Boden der Realität zurückbringen und motivieren sich auf das wirklich Wesentliche zu konzentrieren. Der Film wirkt leider etwas künstlerisch bemüht und vermittelt nicht wirklich glaubhaft Motivation und Wandlung des Protagonisten. 81 Minuten experimenteller Kunstwillen können auch sehr lang sein.
Alles in Allem konnte der diesjährige Fokus globalEast“ die hoch gesteckten Erwartungen an die Behandlung der Ost-West-Problematik im Film nach 20 Jahren Mauerfall aber erfüllen. Das System osteuropäische Thematiken mit Hilfe westlicher Koproduktion aufzugreifen hat sich trefflich weiterentwickelt. Der Fokus im nächsten Jahr wird sich wieder mit regionalen Problemen diesmal im Grenzgebiet zu Deutschland beschäftigen.
wird fortgesetzt
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