Serbische Tragöden, ungarische Melancholie und ein estnischer Heiliger – Am Samstag wurden in Cottbus die Preise des 20. Festivals des osteuropäischen Films vergeben

Der Wettbewerbsjahrgang zum 20. Jubiläum des Cottbuser FilmFestivals geriet ähnlich wie im letzten Jahr allgemein recht düster. Das Fazit das die osteuropäischen Filmemacher nach 20 Jahren Falls des Eisernen Vorhangs ziehen, sieht zum großen Teil sehr ernüchternd aus. 10 Filme aus 8 Ländern warben um die Gunst der so international wie noch nie besetzten Jury. Darunter zwei Filme aus dem immer stark vertretenen Russland und zwei aus Serbien, die beide in der Bergarbeiterstadt Bor spielen. Vor dem Hintergrund der Privatisierung der einst größten Kupfermine Europas spielen sich verschiedenste soziale Kämpfe ab. Im Film TILVA ROŠ von Nikola Ležaić sucht eine Gruppe Jugendlicher zwischen Skateboard-Stunts und der tristen Realität der Erwachsenen ihren eigenen Weg. Dafür erhielt er immerhin den erstmals in Cottbus vergebenen International Film Guide Inspiration Award.

Der zweite serbische Beitrag WHITE WHITE WORLD in Koproduktion mit Deutschland und Schweden erzählt mit Mitteln der antiken Tragödie die Geschichte mehrerer am Rande der niedergehenden Minenstadt Bor gestrandeten Figuren. Der ehemalige Boxer King hat es zu einer kleinen Bar und etwas Wohlstand gebracht, während seine Ex-Geliebte Ruzika, deren Vater und die Tochter Röschen in einem runtergekommen Sozialbau hausen. Ruzika ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, sie hat einige Jahre dafür abgesessen, dass sie ihren gewalttätigen Mann erschlagen hat. In dieser Zeit hat der coole Macho King eine Affäre mit ihrer drogensüchtigen Tochter angefangen. Zwischen unbändiger Liebe, Suff, Ernüchterung und tiefen gegenseitigen Verletzungen pendeln die Protagonisten hin und her. Erst spät erfährt King als er bereits durch eine Krankheit zu erblinden droht, das Röschen seine Tochter ist. Da ist es aber schon zu spät, in einem Anfall von Drogenwahn und Verzweifelung ersticht Röschen ihren Geliebten. Ruzika nimmt die Schuld auf sich und geht erneut ins Gefängnis. Begleitet von den tristen Bildern der zerstörten Landschaft Bors und Gesangseinlagen der Darsteller als Ausdruck innerer Monologe der Trauer zeigen der Regisseur Oleg Novković und seine Drehbuchautorin, die Dramatikerin Milena Markowić, diese hoch emotionale Story vom Verfall einer Stadt und ihrer Menschen. Als griechischer Chor dienen ihnen die Einwohner und Bergleute Bors, die sich zu einem kraftvollen Finale vor der Kulisse der verlassenen Gruben und Halden aufstellen. Trotz des großen Pathos, ist der Film jederzeit realistisch und hat für die „besonders mutige und einmalige filmische Sprache, die das tägliche Leid der Außenseiter durch eine kraftvolle ästhetische Erfahrung nachvollziehbar macht“ den Hauptpreis der Jury, die Lubina für den besten Film verdient.

Eine lobende Erwähnung erhielt der russische Beitrag EIN ANDERER HIMMEL von Dmitry Mamulija. Ali, ein Schafhirte aus Zentralasien, hat in einer Dürre alle seine Tiere verloren und zieht mit seinem Sohn nach Moskau auf der Suche nach seiner Frau, die beide bereits vor Jahren verlassen hat. In langen fast wortlosen Einstellungen bewegt sich Ali wie ein moderner Hiob, alles Leid still erduldend, durch die ihm fremde Welt der Metropole. Selbst als sein Sohn bei einem Unfall in einem Sägewerk stirbt, in dem der Junge schwarz arbeiten muss, verliert Ali nicht die Fassung. Einige verzweifelte Ausbrüche aus der Enge der Notunterkünfte der Gastarbeiter enden aber immer wieder in den Fängen der Bahnhofspolizei. Die Bilder von den entwürdigenden Prozeduren der Entlausung, werden Berichten aus dem russischen Fernsehen über die Schweinegrippe gegenübergestellt, welche die momentane Nachrichtenlage bestimmen. Als Ali von der Polizei endlich den Aufenthaltsort seiner Frau erfährt, rafft er sich noch einmal auf. In einer langen Autofahrt sitzen beide schließlich schweigsam nebeneinander, Alis langer leidvoller Weg hat all seine Worte aufgebraucht. Der Film erhielt zu Recht auch den Preis für den besten Debütfilm sowie den FIPRESCI-Preis.

Der zweite russische Film RÜCKWÄRTSGANG von Andrey Stempkovsky hatte eine kleine Odyssee hinter sich und musste extra aus Brüssel abgeholt werden. Die Geschichte einer Mutter deren Sohn im Tschetschenienkrieg vermisst wird und die schließlich einen jungen Flüchtling adoptiert, um ihre Trauer zu überwinden, konnte die Jury ebenso wenig überzeugen wie der rumänische Beitrag OUTBOUND von Bogdan George Apetri nach einer Geschichte von Cannes-Gewinner und Oscarpreisträger Cristian Mungiu, Regisseur von 4 MONATE, 3 TAGE und 2 WOCHEN. Matilda hat 24 Stunden Ausgang aus dem Gefängnis bekommen, um zur Beerdigung ihrer Mutter zu fahren. Bei der Familie ihres Bruders ist sie nicht gern gesehen, dort hat sie nichts zu erwarten. Ihr Ziel ist aber vor allem eine Flucht nach Italien. Dazu muss sie zum Kindesvater, einem Zuhälter und skrupellosen Geschäftemacher, für den sie in den Knast gegangen ist. Er hat den gemeinsamen Sohn in ein Kinderheim abgeschoben und feilscht das Matilda versprochene Geld herunter. Nach einem Streit verunglückt das Auto und Matilda kann alles Geld an sich bringen. Als sie endlich ihren Sohn Toma gefunden hat, ist dieser über andere Jungs aus dem Heim in Kinderprostitution verwickelt. Verstört und ohne Gefühl für wahre Zuneigung sind beide nicht fähig eine dauerhafte Beziehung zueinander aufzubauen. Im Zug nach Constanta, wo ein Schlepper auf Matilda wartet, stielt Toma seiner Mutter das Geld und verlässt den Zug. Trotz der völlig illusions- und ausweglosen Situation des Films, berührt die Geschichte durch ihre Ehrlichkeit und hat mit Ana Ularu eine glaubwürdige Darstellerin. Dafür bekam sie in Locarno schon den Preis für die beste Schauspielerin.

Der Preis für die beste weibliche Darstellerin ging in Cottbus aber an Eva Gabor für die Rolle der übergewichtigen Piroska aus dem ungarischen Film ADRIENN PÁL von Agnes Kocsis, der auch den Spezialpreis und die Lubina für die beste Regie sowie den Preis der Ökumenischen Jury erhielt. In melancholischen langen Einstellungen, erzählt der Film, eine Geschichte von der Verklärung der Vergangenheit und einer Person, die ihre Arbeit als Krankenschwester in der Palliativstation eines Krankenhauses zwar gerne macht, aber über der Suche nach einer ehemaligen Schulfreundin die Vergangenheit idealisiert, um ihr eigenes tristes Leben zu vergessen. Die Nachforschungen führen schließlich bis nach Übersee. Piroska kann sich aber nicht für eine Reise entschließen, hat aber mit der Suche letztendlich ihre eigene Lethargie überwunden. Dafür gab es unter anderem auch schon den FIPRESCI-Preis in Cannes und weitere europäische Filmpreise. Eva Gabor war in Cottbus die Freude über den Darstellerpreis mit viel Humor und einem schönen Lachen ins Gesicht geschrieben. Mit dreimal Baumkuchen und 2 Lubinas im Gepäck rechnete sie mit Belastungsproblemen beim Rückflug.

Bester Darsteller wurde der Este Taavi Eelmaa für seine Rolle des Tony in dem in s/w gedrehten Filmexperiment von Veiko Öunpuu DIE VERSUCHUNG DES HL. TONY. Angelehnt an die Visionen des heiligen Antonius und Dantes Göttlicher Komödie entwickelt Öunpuu einen zu Anfang kafkaesken Reigen über die Unmöglichkeit eines Managers einer Autofirma in dieser Welt ein guter Mensch zu sein, der schließlich innerhalb von weiteren 6 Kapiteln in einem surrealen Chaos endet. Taavi Eelma ist zu verdanken, das dieser an triste finnische Kaurismäkifilme erinnernde Versuch nicht völlig entgleist. Er stellt den Außenseiter in einer Welt zwischen sterbender oder falscher Religiösität, der Verführbarkeit des schnellen Reichtums, zügellosen Partys der Neureichen und seiner eigenen Ratlosigkeit und Zerrissenheit mit fast stoischer Ruhe dar. Ein Naivling, der schließlich an der schlechten Welt zu Grunde geht. Öunpuu kann in einigen Szenen eine schlüssige Zustandbeschreibung der estnischen Gesellschaft liefern. Er überfrachtet den fast zweistündigen Film aber zu sehr mit Zitaten und Anspielungen, trotzdem entbehrt das Ganze nicht einigen Witzes, wie in der Szene in der kafkaesker Polizeistation in die Tony gerät, nachdem er die abgetrennten Hände im Sumpf entdeckt oder der Party mit seinen dekadenten Geschäftsfreunden. Tony rennt immer wieder vergeblich gegen Borniertheit und die konsumorientierte Gesellschaft an. Sehr schön auch, wenn er nach dem Besuch einer sehr merkwürdigen Onkel-Wanja-Vorstellung für seinen Glauben an die verändernde Wirkung von Theater verlacht wird. In der Bar Zum Goldenen Zeitalter werden schließlich alle Illusionen einer idealen Gesellschaft zerstört und die Gäste landen auf der Schlachtbank des Barbesitzers, eines charismatischen Verführers. Obwohl Tony die Flucht gelingt, ist sein Leben zerstört, Job und Frau sind weg. Auch die Liebe zu einem Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen kann ihn nicht retten. Der Rest des Films ist surreale Traumdeutung und endet in einer kannibalischen Sequenz. 2008 erhielt Veiko Öunpuu in Cannes dafür immerhin den European Talent Award for Best Screenplay.

Ganz anders ist da der Film DER DIEB DES LICHTS des Kirgisen Aktan Arym Kubat, der schon 1998 mit BESHEMPIR den Hauptpreis in Cottbus gewinnen konnte. Der sympatische Held Svet-Ake, ein Elektriker auf dem Land, ist ein melancholischer Moralist, der den Menschen helfen will und damit bei den neuen korrupten Herrschern aneckt. Für seinen Traum von der billigen Art Strom mittels Windrädern zu erzeugen, wird er als Träumer verspottet und von einem aus rein geschäftlichem Interesse nach politischer Macht strebendem Unternehmer ausgenutzt. Svet-Ake ist ein gedemütigter Mann, zerrissen zwischen patriarchalischen Vorstellungen und seiner grenzenlosen Gutmütigkeit. Kubat gestaltet das Ende offen, ob sein Held gescheitert ist, lässt er das Publikum entscheiden. Dafür erhielt dann der Film auch den Publikumspreis.

Der polnische Beitrag MUTTER THERESA DER KATZEN von Pawel Sala hinterließ einen eher schwächerer Eindruck. Anknüpfend an eine wahre Geschichte aus den 90er Jahren über einen Mord zweier Brüder an ihrer Mutter, versetzte der Regisseur die Story in die heutige Zeit und überfrachtete das Ganze mit Afghanistaneinsatz des Vaters, Finanzkrise, der Vater verliert sein Geld bei Börsengeschäften, der Überreligiosität der Mutter, die in ihrer Wohnung mehrere Katzen hält und damit, dass die Jungen gewalttätige Computerspiele spielen. Damit der Film nicht all zu platt wirkt, erzählt Sala die Geschichte vom Ende her. Leider kann er dadurch die Entwicklung die zum Zerfall dieser Familie führt nicht wirklich glaubhaft darstellen. Die Motivation des älteren Bruders, der noch dazu an eigene übersinnliche Kräfte glaubt und eine stetige Aggressivität ausstrahlt, wird nicht klar. Allein eine Szene aus den Anfangstagen suggeriert eine Unfähigkeit des Vaters verständnisvoll auf seine Söhne zuzugehen. All diese einfachen Klischees wollte Pawel Sala eigentlich geschickt unterlaufen, leider ist sein Film aber genau in diese Falle gegangen.

Ein Ding der Unmöglichkeit ist gar der tschechische Actionfilm KAJÍNEK von Petr Jákl. Ebenfalls nach einer wahren Begebenheit, wird hier die Geschichte des populärsten Kriminellen und Ausbrecherkönigs Jiří Kajínek erzählt. Verurteilt für einen Mord an zwei Kleinkriminellen in den 90er Jahren sitzt er bis heute im Gefängnis und versucht eine Revision zu erreichen. In reißerischen Actionbildern a la Hollywood sucht eine junge Anwältin, deren Schwester von den beiden getöteten Gangstern ermordet wurde, nach den Verstrickungen korrupter Polizisten und Richter in den Fall. Ihre Nachforschungen werden von einem Geschäftsmann und Lobbyisten behindert. Er hat die Fäden in der Hand und schaltet alle Zeugen nach und nach aus. In einer Nebenrolle als Killer ist übrigens der deutsche Schauspieler Ken Duken zu sehen. Kajìnek wird als Opfer von Korruption in der Justiz und kriminellen Wirtschaftsinteressen dargestellt. Dieser Film gehört in die Sektion Nationale Hits. Es ist schwer zu glauben, das keine anderen tschechischen Filme im Angebot waren.

Die Preise im Wettbewerb der Kurzfilme gingen an den russischen Beitrag MEER DER WÜNSCHE von Shota Gamisonia und an die rumänische Familiengeschichte MUSIK IM BLUT von Alexandru Mavrodineanu.

Alles in allem wies der Jubiläums-Wettbewerb aber eine deutliche Steigerung zum letzen Jahre auf. Wenn es dann nächstes Jahr endlich mit dem dann hoffentlich fertig sanierten Weltspiegel wieder ein richtiges Festivalkino in der Stadt gibt, entfallen dann auch die unsäglichen Shuttlefahrten zum UCI am Lausitzpark in Gaglow. Das Festival lebt schließlich von seinem in den Jahren gewachsenen fast familiären Charme und kann auf eine Multiplex-Kino vor der Stadt gut verzichten.

Alle Preisträger auf einen Blick

wird fortgesetzt

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