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  • FASSBINDER-FOCUS der Berliner Festspiele 2015 (Teil 2): Drei Inszenierungen im Rahmen des 52. THEATERTREFFENs

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    Die TT-Trophäe gestaltet vom Künstler  Olaf Metzel - Foto: St. B.
    Die TT-Trophäe gestaltet vom Künstler Olaf Metzel
    Foto: St. B.

    Mehr als 40 Filme hat Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) in seiner zwölfjährigen aktiven Schaffenszeit gedreht. Zum 70. Geburtstag in diesem Jahr widmet ihm die Berliner Festspiele sogar eine kleine Ausstellung im Martin Gropius Bau, in der Fassbinders heutige Wirkung z.B. auf die Moderne Videokunst untersucht wird. Aber auch die Theaterschaffenden setzen sich immer wieder inhaltlich mit dem streitbaren Regisseur auseinander. Wie, das war bei einigen Inszenierungen im Rahmen des 52. THEATERTREFFENs zu entdecken.

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    Die Ehe der Maria Braun an der Schaubühne am Lehniner Platz

    Wie sich die in der aktuellen Fassbinder-JETZT-Werkschau ausgestellten mondänen Roben auf der Theaterbühne machen, kann man seit einiger Zeit an der Berliner Schaubühne in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun, seinem großen bundesrepublikanischem Sittengemälde der 1950er Jahre, bewundern. Ostermeier hat seine Inszenierung an den Münchner Kammerspielen aus dem Jahr 2007 an der Schaubühne mit neuer Besetzung wiederaufgenommen. Fassbinder begann mit seinem 38. Film 1979 eine sogenannte BRD-Trilogie, die er mit Lola und Die Sehnsucht der Veronika Voss fortsetzte. Diese Filme sind unwiderruflich verbunden mit den Namen großer Filmschauspielerinnen wie Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech. Im Rahmen des „Focus Fassbinder“ beim 52. Theatertreffen konnte man dieses gute Stück alte Bundesrepublik nun wiederentdecken.

    Die Ehe der Maria Braun in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair
    Die Ehe der Maria Braun in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

    In Ostermeiers Bühnenadaption spielte zunächst in München Brigitte Hobmeier die Maria Braun. An der Schaubühne hat nun Ursina Lardi die Hauptrolle übernommen. Und das ist in jedem Fall kein Verlust, sondern eher im Gegenteil eine große Lust ihr über die 105 Minuten Spielzeit zuzusehen, wie sie diesen schwierigen Fassbinder’schen Frauencharakter verkörpert. Nicht einfach nur ein Reenactment der Münchner Erfolgsinszenierung oder des Fassbinderfilms, auch wenn einige Szenen einen tatsächlich stark an das souverän zurückgenommene Spiel von Hanna Schygulla erinnern. Ostermeier hat außer der Maria Braun alle anderen Rollen, auch die der Frauen, mit den Schaubühnendarstellern Thomas Bading, Robert Beyer, Moritz Gottwald und Sebastian Schwarz besetzt. Ein großartiger Einfall, der die vier Akteure ein gewaltiges Theaterfeuer aus Komik, Travestie und schneller Verwandlung um den weiblichen Fixpunkt der Aufführung entfachen lässt.

    Die Geschichte des Aufstiegs der Maria Braun, die nach ihrer Hochzeitsnacht ihre große Liebe Herrmann an den Krieg verliert und auch nach dessen Ende weiter unbeirrt auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, ist die Biografie einer Frau, die in der Nachkriegszeit ihre Chance sieht und selbstbewusst ergreift. Über die Stationen Schwarzmarkt, Nachtbar für amerikanische GI’s und schließlich als Assistentin und Geliebte des Strumpffabrikanten Oswald macht Maria Braun Karriere, nur um ihrem Mann, der während dessen eine Gefängnisstrafe wegen Todschlags für sie absitzt, das bisher entbehrte Glück und Heim aufzubauen. Die anfängliche Freiheit entpuppt sich letztendlich aber als große Illusion in einer Welt, die sich nach wie vor nur um die der Männer dreht.

    Gespielt wird das auf einer Möbellandschaft aus den deutschen Fifties mit Cocktailsesseln und Nierentischen, Fernsehschrankwand und schweren Samtvorhängen. Es erklingt die Swing-Musik der Zeit, es wird getanzt, geraucht und viel Sekt getrunken. Den Mythos der Gründerjahre der BRD lässt Fassbinder am Ende in einem großen Knall zur WM-Reportage Herbert Zimmermanns aus Bern in die Luft fliegen. Auch das übernimmt Ostermeier in seine Inszenierung, genau wie berühmte Adenauerreden und historische Filmdokumente, die über die Rückwand der Bühne oder auf die Körper der Schauspieler projiziert werden. Dem Schaubühnenintendanten ist hier die Übertragung eines großartigen filmischen Zeitdokuments auf die Theaterbühne gelungen, das auch sonst wunderbar an den immer noch das mondäne Flair der Vergangenheit atmenden Berliner Kudamm passt.

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    Die Ehe der Maria Braun
    Nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder
    Drehbuch: Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich
    Regie: Thomas Ostermeier
    Bühne: Nina Wetzel
    Kostüme: Ulrike Gutbrod, Nina Wetzel
    Video: Sébastien Dupouey
    Musik: Nils Ostendorf
    Dramaturgie: Julia Lochte, Florian Borchmeyer
    Darsteller:
    Maria Braun: Ursina Lardi
    Hermann Braun, Betti, Amerikanischer Soldat, Journalist, Kellner: Sebastian Schwarz
    Standesbeamter, Opa Berger, Bronski, Dolmetscher, Karl Oswald, Notarin: Thomas Bading
    Mutter, Arzt, Richter, Senkenberg Wärter, Anwalt, Kellner: Robert Beyer
    Rotkreuzschwester, Schwarzmarkthändler Bill, Willi, Schaffner, Amerikanischer Geschäftsmann, Frau Ehmke, Kellner, Wetzel: Moritz Gottwald

    Termin beim Theatertreffen: 10.05.2015

    Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/die-ehe-der-maria-braun.html

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    Angst essen Seele auf am Maxim Gorki Theater

    Neben der Schaubühne am Lehniner Platz, die bereits längere Zeit mit Fassbinder auftrumpft und mit den Patrick Wengenroth-Inszenierungen Angst essen Deutschland auf oder Die bitteren Tränen der Petra von Kant weitere Beiträge zum „Focus Fassbinder“ beim Theatertreffen liefern konnte, hat auch das Maxim Gorki Theater eine Fassbinder-Inszenierung im Programm. Passend zur postmigrantischen Ausrichtung des Hauses am Festungsgraben in Berlin-Mitte hat sich Regisseur Hakan Savaş Mican den Film Angst essen Seele auf ausgesucht. Ein Stück bundesrepublikanische Geschichte der 1970er Jahre, das auch geprägt wurde durch die vielen Arbeitsmigranten, die durch verschiedene Anwerbeabkommen ab dem Beginn der 1960er Jahre nach Deutschland gekommen sind.

    Angst essen Seele auf - Foto © Esra Rotthoff
    Angst essen Seele aufFoto © Esra Rotthoff

    Fassbinder erzählt in seinem Film eine Geschichte von Sehnsucht nach Liebe, Heimat, Anerkennung und immer noch gültigen Ausgrenzungsmechanismen. Im Mittelpunkt steht die Putzfrau und Witwe Emmi (im Film von Brigitte Mira dargestellt), die sich in den jungen marokkanischen Gastarbeiter Ali (Fassbinderdarsteller El Hedi ben Salem) verliebt und ihn gegen alle Konventionen auch heiratet. Aber beider Liebe scheitert letztendlich an den bekannten Vorurteilen gegenüber Ausländern und dem ganz normalen Alltagsrassismus der Familie, Nachbarn und Kollegen von Emmi, die ihnen ihr Glück nicht gönnen wollen, aber auch am eigenen Unvermögen aufeinander zuzugehen und den anderen so zu akzeptieren wie er ist.

    Am Gorki sind Ruth Reinecke und Taner Şahintürk in den Hauptrollen zu sehen. Ein starkes Duo, das sehr glaubwürdig die tragischen Fassbinderfiguren verkörpert. Ansonsten setzt Hakan Savaş Mican in seiner Inszenierung ähnlich wie Ostermeier an der Schaubühne auf ein wandelbares Ensemble, das alle anderen Rollen untereinander aufteilt. Das ist sicher ebenso lustvoll und komödiantisch angelegt. Allerdings geraten die tratschenden, lästernden Putzfrauen, verlebten Kneipenexistenzen sowie spießige Nachbarn und Kinder oftmals zur bloßen Karikatur. Um dem Klischee etwas zu entfliehen, gibt der Regisseur Taner Şahintürk einen Eingangsmonolog, in dem er frei von Akzent die Geschichte der Arbeitsmigranten aus den 1970er Jahren erzählen kann. Auch hier schwelgt man mit Schlaghosen und Songs in den historischen Seventies, und auf leerer Bühne fallen abwechselnd Asche oder Flitter. Die Inszenierung ist sehr sympathisch auf Empathie mit den beiden Hauptfiguren angelegt. Das tödliche Magengeschwür Alis wird hier auch nicht weiter thematisiert – der schwerwiegende Satz „Das kann keiner, ohne die anderen leben, keiner“ wird von Emmis trotzigem „Zusammen sind wir stark“ optimistisch übertönt.

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    Angst essen Seele auf
    von Rainer Werner Fassbinder
    Premiere am Maxim Gorki Theater Berlin war am 06.06.2014
    Regie: Hakan Savaş Mican
    Bühne: Sylvia Rieger
    Musik: Daniel Kahn
    Kostüme: Pieter Bax
    Licht: Carsten Sander
    Dramaturgie: Irina Szodruch
    Mit: Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Anastasia Gubareva, Daniel Kahn, Sema Poyraz, Ruth Reinecke, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad und Aram Tafreshian

    Termin beim Theatertreffen: 06.05.2015

    Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/angst-essen-seele-auf/

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    Warum läuft Herr R. Amok? von den Münchner Kammerspielen beim Theatertreffen

    Plakat der Münchner Kammerspiele
    Plakat der Münchner Kammerspiele

    Das Theatertreffen steuerte mit Warum läuft Herr R. Amok? eine als bemerkenswert titulierte Inszenierung zum „Focus Fassbinder“ bei, wo implizit auch die Frage aufkam, warum überhaupt Filme von Fassbinder als Theater gemacht werden sollten – darauf wusste die aus München eingeladene Inszenierung von Susanne Kennedy (die im letzten Jahr schon mit ihrer streng artifiziellen Inszenierung von Fegefeuer in Ingolstadt Kritik und Publikum polarisierte) allerdings keine so rechte Antwort zu geben.

    Die Regisseurin wird ab 2017 zum neuen Leitungsteam um Chris Dercon an der Berliner Volksbühne gehören, was sie nun erst recht in das Zentrum der Berliner Kritiker rücken ließ. Im Deutschen Theater steht dann wieder einer ihrer Holzkisten, die einen klaustrophobischen Raum zwischen Hobbykeller und Freizeitsauna zeigt. Darin stehen die Figuren mit Silikonmasken, die ihre Gesichtszüge ebnen und sie wie Puppen aussehen lassen. Im Playback der von Laien eingesprochen Drehbuchtexte von Fassbinder und Mitautor und Regisseur Michael Fengler bewegen die Darsteller nur die Münder. Nach kurzen Pausen, bei denen eine Leinwand runterfährt und den selben Raum noch mal im Video doppelt, sagt eine computergenerierte Stimme die Spielorte der einzelnen Szenen an.

    Warum läuft Herr R. Amok? - Foto (C) JU Ostkreuz
    Warum läuft Herr R. Amok?Foto (C) JU Ostkreuz

    Fassbinder hatte sich schon während der Dreharbeiten vom gemeinsamen Werk distanziert. Der in improvisierten Dialogen gefasste Film, der den monotonen Alltag eines in einem Architekturbüro angestellten Technischen Zeichners beschreibt, der am Ende Frau, Sohn und Nachbarin umbringt, konnte seinen künstlerischer Ansprüchen nicht genügen. Er fand auch, dass dieser halbdokumentarisch wirkende Film, in dem die Kamera einfach nur auf das Geschehen draufhielt und abfilmte, was sie sah, zu denunziatorisch. Es geht um Individualität und Gemeinschaftssinn, Masken und Lügen, was sich hier wunderbar in den spießigen Gesprächen von Nachbarn, Kollegen und der Familie des R. selbst demaskiert. Das kulminiert in einer Betriebsweihnachtsfeier mit dem hilflosen Apell von Herrn R., doch mit seinem Chef Brüderschaft zu trinken. Soziale Kälte, Neid und Missgunst der bundesrepublikanischen Leistungsgesellschaft werden so in jeder Szene spürbar.

    Wo der Film in seiner Sparsamkeit dennoch einen stringenten Sog erzeugt, der einen bis zum Ende gefangen nimmt, dehnt sich Kennedys Inszenierung grotesk in die Länge. So wird die Szene, in der Herr R. in einem Plattenladen einen von ihm gesuchten Song vorsingt, in mehrere Teile gestückelt, und die Auftritte mit dem sprachgehandikapten Sohn oder bei dessen Lehrerin geraten wie bei einem Loriot-Sketch. Den sowieso schon relativ persönlichkeitslosen Figuren des Films nimmt die Regisseurin neben der stark eingeschränkten Motorik auch noch die Mimik und eigene Stimme und lässt sie so vollkommen austauschbar und fremdgesteuert erscheinen. Das Mittel der zusätzlichen Verfremdung und Distanzierung ist sicher nachvollziehbar, macht aber auf Dauer nur bedingt Sinn. Es bleibt eine künstlerische Eigenart (die bei Fegefeuer in Ingolstadt noch ganz gut funktionierte), eine Masche, die auf Dauer nervtötend ist und ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn bleibt. Daran ändert im Prinzip auch nicht, dass Kennedy nach dem Amoklauf die Laiensprecher, die vorher schon in den Videos alltäglichen Verrichtungen nachgingen, befreit auftreten und zu Eric Claptons „Let It Grow“ tanzen lässt.

    Als Mischform aus Experimentalfilm, Installation und darstellender Kunst wäre die Inszenierung für die Dauer eines Halbstünders womöglich interessant gewesen – in der hier dargebrachten Länge wurde sie jedoch zunehmend beliebig. Susanne Kennedy kappt auch wichtige Passagen aus dem Film, die durchaus gesellschaftspolitische Problematiken behandeln und bis heute keineswegs gelöst erscheinen – neben den rein zwischenmenschlichen Konflikten sind das z.B. die geschlechtsspezifischen Rollenbilder, die freie Entfaltung der Frau gegen die traditionellen Erwartungen (auch an den Mann, ihre Persönlichkeitsentwicklung sowie die Erziehung des Kindes). Diese Entpolitisierung des Stoffs verkauft letztendlich die Kunst an den Effekt.

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    Warum läuft Herr R. Amok?
    nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler
    Premiere in den Münchner Kammerspielen war am 27.11.2014
    tt15_promo_media_gallery_resRegie: Susanne Kennedy
    Bühne: Lena Newton
    Kostüme: Lotte Goos
    Sounddesign: Richard Janssen
    Licht: Jürgen Kolb
    Dramaturgie: Koen Tachelet.
    Mit: Willy Brummer, Kristin Elsen, Walter Hess, Renate Lewin, Christian Löber, Sybille Sailer, Anna Maria Sturm, Çiğdem Teke, Edmund Telgenkämper, Herbert Volz, Erika Waltemath

    Termine beim Theatertreffen: 03.05. und 04.05.2015

    Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

    http://www.theatertreffen.de

    Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Die Ausstellung „Fassbinder – JETZT“ im FASSBINDER-FOCUS der Berliner Festspiele 2015 (Teil1)

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    Der Berliner Martin Gropius Bau widmet dem deutschen Regie-Entfant-terrible eine kleine Werkschau zum 70. Geburtstag

    © Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main - Foto: Peter Gauhe
    © Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main – Foto: Peter Gauhe

    Fassbinder – JETZT – wie ist das zu verstehen? Dem Titel der Ausstellung scheint da nach dem in Versalien gesetzten Wörtchen „jetzt“ irgendwie ein Ausrufezeichen zu fehlen. Die unbedingte Forderung nach einem Fassbinder – JETZT! Denn es besteht gerade heute wieder eine große Dringlichkeit, deutsche Geschichte zu betrachten und das nicht nur retrospektiv. Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) hat sie mit dem Blick des hier und jetzt auf Celluloid gebannt. Seine Filme beschreiben die Geschichte Deutschlands nach dem großen Zusammenbruch und dem Neustart ins Wirtschaftswunder. Vom Weltenbrand zum Fußballweltmeister, vom Trümmermeer zum Mehr-ist-mehr einer aufstrebenden Weltwirtschaftsmacht.

    Und Fassbinder zeigte dabei auch immer das, was dabei auf der Strecke blieb. Er hatte den Finger am Puls der Bundesrepublik und mit ihr eine kleine Welt am Draht. Und natürlich hatte ihn auch Berlin, das Fenster zur großen Welt, das in den 70er Jahren Fassbinders Filme regelmäßig im Wettbewerb der Berlinale zeigte. Am Draht der Welt und Zeit zu bleiben, gerade darin besteht die Aktualität von Fassbinders Werk. Und was uns und den Künstlern unserer Zeit dieser Fassbinder heute noch zu sagen hat, versucht zumindest in Teilen die aktuelle Ausstellung zum 70. Geburtstag des 1982 früh verstorbenen Film- und Antiteater-Künstlers im 2. Stock des Berliner Martin Gropius Bau zu erklären.

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    "Warnung vor einer heiligen Nutte" DE 1970/1971 Michael Ballhaus, Rainer Werner Fassbinder (v.l.n.r.) (Dreharbeiten)
    Rainer Werner Fassbinder und Michael Ballhaus am Set von WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE, 1970/71
    © Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Foto: Peter Gauhe

    Hierbei gehen die Macher keineswegs rein retrospektiv vor, sondern teilen die Ausstellung in drei Bereiche auf. Zuvor begegnet einem aber am Eingang Rainer Werner Fassbinder selbst in einer Art Videoinstallation auf mehreren Bildschirmen, die nacheinander verschiedene Ausschnitte aus Fernsehinterviews mit dem Regisseur zeigen. Für Fassbinder-Liebhaber ebenfalls sehr interessant dürften die beiden linken Räume der Ausstellung sein. Im ersten, einem sogenannten Werkraum, werden neben Fotos von Dreharbeiten auch zahlreiche Originaldokumente aus dem Archiv der Fassbinder Foundation Berlin in einem langen Schaukasten aufgereiht. Dabei auch die abgelehnte Bewerbung bei der FFFB-Berlin, der Fassbinder eine Kritik von Jean-Luc Godards Vivre sa vie (Die Geschichte der Nana S.) beilegte. Wir sehen Briefe, Verträge, Besetzungslisten, Drehbücher und Storyboards. Der Regisseur führte akribisch Buch und war meist schon im Gedanken bei neuen Filmprojekten, bevor die aktuellen überhaupt abgedreht waren. Es gab schon mehrere Pläne bis weit in die 1980er Jahre hinein, so eben auch für einen Rosa-Luxemburg-Film.

    Entwurf von Barbara Baum für Hanna Schygulla - © Barbara Baum
    Entwurf von Barbara Baum für Hanna Schygulla
    © Barbara Baum

    Aber auch für Freunde von Reliquien und Devotionalien ist gesorgt. So steht da z.B. Fassbinders Flipperautomat und hängt natürlich seine berühmte Lederjacke. Bewundernswert auch ein Regal mit Videokassetten (handbeschriftet) von Filmklassikern wie Alfred Hitchcock, Jean-Luc Godard, John Huston oder Douglas Sirk, die den Regisseur nachhaltig inspirierten, und das für heutige Verhältnisse monströs wirkende Abspielgerät. Nebenan dann ein ganzer Raum für Fassbinders Kostümbildnerin Barbara Braun. Neben Vorzeichnungen und Skizzen sind hier auch die mondänen Roben aus Fassbinders großen Frauenfilmen wie Effi Briest, Die Ehe der Maria Braun, Die Sehnsucht der Veronika Voss, Lola und natürlich Lili Marleen aufgereiht. In Filmausschnitten kann man die Kleider dann an den großen Darstellerinnen Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech bewundern.

    Wendet man sich am Eingang nach rechts, wird in den darauffolgenden Räumen das Filmwerk Fassbinders auf seine ästhetischen Stilmittel wie Kameraeinstellungen, Bild-Arrangements und Sprache hin beleuchtet. Besonders die legendäreren immer wiederkehrenden Rundfahrten von Fassbinders Kameramann Michael Ballhaus sind in vielen Filmszenen zu sehen. Die wohl bekannteste aus dem Film Martha hat die Künstlerin Runa Islam zu einem Reenactment in einer Schwarz-Weiß-Videoinstallation inspiriert. Auf wie ein Triptychon angeordneten Videoscreens kann man Liebesszenen, Räume und Tafelbilder aus mehreren Filmen Fassbinders wunderbar miteinander vergleichen. Enge und Weite, Kargheit oder Opulenz, verspiegelte Räume und die artifizielle Sprache sind die bestimmenden Stilmittel in Fassbinders Werk, mit denen er die Gesellschaft vom Faschismus über die miefig spießige Bundesrepublik der Nachkriegszeit bis in die der 1970er Jahre portraitierte.

    Ming Wong: Lerne Deutsch mit Petra von Kant, 2007 - © Courtesy Ming Wong and carlier|gebauer
    Ming Wong: Lerne Deutsch mit Petra von Kant, 2007
    © Courtesy Ming Wong and carlier|gebauer

    Beeinflusst hat der Regisseur damit bis heute vor allem Foto- und Videokünstler, deren Werken mit angedeutetem Fassbinderbezug die weiteren Räume der Ausstellung gewidmet sind. So sind neben der schon erwähnten Kamerakreisfahrt von Runa Islam, klaustrophobisch beunruhigende Videoarbeiten von Jeroen de Rijke / Willem de Rooij, Maryam Jafri und Tom Geens zu sehen. In seiner Video-Installation Lerne Deutsch mit Petra von Kant spricht der chinesische Videokünstlers Ming Wong im Kostüm auf dem Flokati-Teppich eine Szene aus dem Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant. Genauso stilsicher karg wie Fassbinder arrangiert Jeff Wall seine Fotografien. Als Ergänzung zur Arbeitsweise Fassbinders sind diese Reflexionen seines Werks in der modernen Kunst sicher recht interessant, aber man hätte natürlich gern noch mehr aus dem schier unerschöpflichen Kosmos Fassbinders erfahren. So bleibt die Ausstellung mehr ein ästhetisches Appetithäppchen für Gourmets, das nicht wirklich satt macht und den politischen Menschen Fassbinder fast völlig ausspart.

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    Fassbinder – JETZT
    Martin Gropius Bau Berlin
    6. Mai bis 23. August 2015
    Veranstalter: Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main
    In Kooperation mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin
    Öffnungszeiten:
    Mi bis Mo 10:00-19:00 Uhr
    Di geschlossen

    Weitere Infos siehe auch: http://www.martin-gropius-bau.de

    Zuerst erschienen am 16.05.2015 auf Kultura-Extra.

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  • „die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer und „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz. Zwei bemerkenswerte Wiener Inszenierungen mit starkem Damenensemble beim Theatertreffen 2015 (Teil 5)

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    tt15_promo_media_gallery_resZu den beim THEATERTREFFEN 2015 jeweils doppelt vertretenen deutschen Bühnenmetropolen Berlin, München und Hamburg gesellt sich diesmal auch wieder die österreichische Hauptstadt Wien mit zwei durchaus bemerkenswerten Inszenierungen, die auch ganz gut zu den vom Veranstalter Berliner Festspiele selbst gelabelten politischen Themen Krieg, Flucht und Traumata passen.

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    Den Anfang machte Ewald Palmetshofers für das Wiener Akademietheater verfasste Auftragsstück die unverheiratete. Hier der Link zur ausführlichen blog-Kritik aus dem Januar…

    die unverheiratete - Plakat des Burgtheaters Wien
    die unverheiratete – Plakat des Burgtheaters Wien

    Die Rhythmik von Palmetshofers sehr atifiziellem Jambentext überführen die durch weg großartigen Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen und viel Musik. Das hat natürlich so seine Längen und schreit geradezu nach Kürzungen im Text, die ihm Borgmann – sonst auch ein wahrer Spezialist im expressiven Auspinseln von Regieeinfällen – allerdings nicht gönnt; daher dauert die Aufführung satte 2 h 20 min. Die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Uraufführung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes dennoch recht sehenswert.

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    Sprachlich mindestens so ungewöhnlich wie Ewald Palmetshofers die unverheiratete ist auch der von Wolfram Lotz eigentlich als Hörspiel verfasste Text Die lächerliche Finsternis. Das Stück hatte im letzten Jahr auf mehreren Bühnen, so auch am Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Theater in Hamburg einen regelrechten Erfolgslauf. Zum Theatertreffen eingeladen wurde aber die Uraufführung von Dušan David Pařízek, die im September 2014 die erste Burgtheaterspielzeit nach Matthias Hartmanns Rauswurf als Intendant eröffnete.

    „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz Regie Dušan David Pařízek Burgtheater im Akademietheater, Wien Uraufführung 6. September 2014 www.burgtheater.at Regie und Bühne: Dusan David Parizek Kostüme: Kamila Polívková Licht: Felix Dreyer Dramaturgie: Klaus Missbach mit: Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Frida-Lovisa Hamann Motiv v.l.n.r.: Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger
    Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
    Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

    Lotz greift für seine bissige Satire über die Verteidigung westlicher Werte am Hindukusch auf zwei bereits aufeinander beruhende fiktionale Werke zurück, indem er sie wiederum miteinander verschränkt in unsere Gegenwart holt. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse, wie das Stück im Untertitel heißt, fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola. Schon im kuriosen Prolog des somalischen Piraten Ultimo Michael Pussi, den hier Stefanie Reinsperger im breitesten Wienerisch gibt, macht der Autor klar, dass es ihm nicht nur um die reine Wirklichkeit geht, sondern um eine aus der Fiktion des Theaters heraus erschaffene neue Realität. Die Inszenierung zitiert auch aus Lotz’s Rede zum unmöglichen Theater.

    In der Annahme, dass der Hindukusch ein Fluss sei, begeben sich Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch mit einem Boot auf die Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger in den Dschungel Afghanistans. Soweit die etwas schräge Analogie zu den beiden Vorlagen. Was nun folgt, ist eine surreale Reise aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Was hier auch zu einer Fahrt in die eigenen und europäischen Innereien wird, die sich – wie so oft im postmodernen deutschen Drama – um die ganz persönlichen Darmwindungen dreht. Hier aber eben auf eine sehr lustvoll poetische und auch ironisch selbstkritische Art.

    Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien - Foto (C) Reinhard Maximilian Werner
    Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
    Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

    Als zusätzliche theatrale Verfremdung lässt Regisseur Pařízek alle Rollen von Frauen spielen. Sicher auch eine Reaktion auf die im Text enthaltende Frage der Mutter an Sohn und Autor Lotz: „Und es kommen keine Frauen vor?“ Die fremde Umgebung, die die beiden Soldaten (Catrin Striebeck als Pellner und Frida-Lovisa Hamann als Dorsch) langsam in den Wahnsinn treibt, wird noch durch die Wesensfremdheit des zynischen Pellner zu seinem ostdeutschen, leicht sächselnden Untergebenen Dorsch verstärkt. Den Beiden begegnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische beaufsichtigen und wohlmeinende rassistische Vorurteile pflegen. Ein vorbeischippernder Händler vom ehemaligen Kriegsschauplatz Balkan bietet den typischen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar kultiviert islamische Wilde und ein sprechender Papagei berichtet von Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung. Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger spielen alle weiteren Rollen mit österreichischem oder italienischem Spracheinschlag nebst einer bajuwarisch-exotischen Musikeinlage Wo samma, oder sorgen nebenbei für elektronische Dschungelgeräusche aus dem Hintergrund.

    Des mit öliger Schmiere angedeuteten Blackfacing hätte es sicher nicht bedurft. Man kann es aber auch als einen Verweis auf Coppolas Film, in dem sich die Soldaten auch mit Kampftarnfarben im Gesicht bemalen, oder als Öl, das Blut der Wirtschaft, deuten. Sehr schön auch die Idee, die Reflexionen von Lotz über sein Gefühl, über Dinge zu schreiben, die einem „fremd“ sind, in der improvisierten Pause mit sprechen zu lassen. Dabei wird von den Schauspielrinnen die zuvor eingestürzte Bretterrückwand Stück für Stück durch einen Gartenhexler gejagt, während sie den vielgecoverten Song The Lion Sleeps Tonigth in Endlosschleife singen. Das karikiert wunderbar den kolonialen Ökoraubbau wie auch die popkulturelle Vereinnahmung ethnischer Folklore. Besser kann man westliche Selbstgewissheit nicht auf die Spitze treiben.

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    die unverheiratete (UA)
    von Ewald Palmetshofer
    UA am Akademietheater Wien: 14.12.2015
    Regie und Bühne: Robert Borgmann
    Kostüme: Janina Brinkmann
    Musik: webermichelson
    Licht: Peter Brandl
    Dramaturgie: Klaus Missbach
    Mit: Stefanie Reinsperger, Christiane von Poelnitz, Elisabeth Orth, Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel
    Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

    Termine beim Theatertreffen: 06.05. und 07.05.2015

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    Die lächerliche Finsternis
    von Wolfram Lotz
    UA am Akademietheater Wien: 06.09.2015
    Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
    Kostüme: Kamila Polívková
    Licht: Felix Dreyer
    Dramaturgie: Klaus Missbach.
    Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck
    Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, „eine Pause, wenn Sie möchten“

    Termine beim Theatertreffen: 13.05. und 14.05.2015

    Weiter Infos: http://www.theatertreffen.de

    und http://www.burgtheater.at

    Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

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  • „Das Fest“ vom Staatstheater Stuttgart – Christopher Rüpings furiose Inszenierung nach Thomas Winterbergs Dogma-Klassiker beim Theatertreffen 2015 – (Teil 4)

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    Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz
    Foto (C) JU Ostkreuz

    Wenn es nach Armin Petras, dem Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, geht, dann kommt, was in Stuttgart bei der Premiere ausgebuht wird, mit Sicherheit zum THEATERTREFFEN nach Berlin. Wenn Petras tatsächlich eine Regel daraus ableiten wollte, müssten wohl einige Inszenierungen mehr auf dem Einladungsplan der Jury gestanden haben. Der ehemalige Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters hat es, was die Reaktionen des Publikum und der regionalen Kritik betrifft, noch nicht ganz in die Herzen der Stuttgarter geschafft. Da ist eine Einladung nach Berlin pro Jahr allein schon bemerkenswert genug. Gab im vergangenen Jahr der sogenannte „Mut zur Entschleunigung“ den Ausschlag für die Einladung von Robert Borgmanns Onkel Wanja-Inszenierung, die nicht wenige THEATERTREFFEN-Besucher zur Flucht oder in den Schlaf trieb, so dürfte es in diesem Jahr wohl der Mut sein, eine nicht gerade einfache, massenkompatible Geschichte auch noch relativ unkonventionell zu inszenieren.

    Christopher Rüping, ein weiterer der zahlreich in diesem Jahrgang vertretenen tt-Debutanten, hat sich an eine in der Tat ungewöhnliche Adaption des Dogma-Klassikers Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov gewagt. Der 1998 entstandene Film erzählt die Geschichte eines Inzests in einer dänischen Hoteliers-Familie. Vater Helge hat die Zwillinge Linda und Christian im Kindesalter sexuell missbraucht, wovon auch die Mutter wusste, was aber später nie wieder zur Sprache kam. Auf der Feier zum 60. Geburtstag des Patriarchen geht Christian an die Öffentlichkeit und hält, ausgelöst durch den Schock des Selbstmords seiner Zwillingsschwester, eine den Vater anklagende Rede. Der Film zeigt über die Zeit von 24 Stunden Christians schweren Kampf für die Wahrheit und gegen die familiäre Verdrängung, bis der aufgetauchte Abschiedsbrief Lindas das Lügengebäude endgültig einstürzen lässt.

    Regisseur Rüping reduziert das Personal des Films auf den engsten Kreis der Familie aus Vater, Mutter, Geschwister und Großeltern und lässt seine DarstellerInnen Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau und Christian Schneeweiß sehr spielerisch an die Sache herangehen. Es wird hier ein großer, ungebremster Kindergeburtstag gefeiert, was man auch als eine Art Familienaufstellung ohne Erwachsene deuten könnte, weshalb dann alle immer wieder in XXL-Pullover mit Großbuchstaben (Kostüme: Lene Schwind) schlüpfen, die ihre momentane Rolle anzeigen sollen. Außerdem wechseln mit den Pullovern auch immer wieder die Rollenzuschreibungen von Opfer, Täter und die der verschiedenen Familienmitglieder. Das ist sicher geschickt gestrickt, wenn es auch immer die Gefahr der Banalisierung des ernsten Themas in sich birgt. Dennoch wirkt das Spiel über die gesamte Zeit nie wirklich platt, und bei aller Infantilisierung bleibt der eigentliche Film-Plot doch erstaunlich gut erkennbar.

    Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz
    Foto (C) JU Ostkreuz

    Die durch die klaren Dogma-Regeln bestimmte, starre Dramaturgie des Films bricht Rüping durch die Art der Verfremdung und offene Spielanordnung komplett auf. Offen ist auch die Bühne von Jonathan Mertz. Stapel von Stühlen und Tischen werden immer wieder neu arrangiert und als Abgrenzungsbarrieren, Podium für Ansprachen oder Laufsteg für Showeinlagen zu Dance-Beats genutzt. Man beginnt hier bei einer vom gesamten Ensemble vorgeführten Rede nach dem Motto „Jede Familie hat ein Geheimnis“, die Geschichte der Klingenfeld-Hansen vom dänischen Özi über Erfinder und Entdecker bis zur dunklen NS-Zeit zu beleuchten. Die SchauspielerInnen gehen dabei in den vollen Körpereinsatz und versuchen auch immer wieder durch direkte Ansprache das Publikum mit einzubeziehen. Es zünden Konfettikanonen, wirbeln Windmaschinen, man erzählt sich unkorrekte Witze, und Matti Krause chargiert seinen „Oppa“ immer wieder ins gnadenlos Mundartliche.

    Rüping verliert über dem Klamauk aber nie ganz den Ernst aus dem Blickfeld. Zwischen Slapsticks und Popsongs von Cat Stevens‘ „Father and Son“ über „I Follow Rivers“ von Lykke Li bis zu „I’ll stand by you“ von den Pretenders treten immer wieder ruhige Phasen mit intensiven Reden und Dialogen, bevor sich die Party wieder gnadenlos weiter dreht. Figuren werden entlarvt, eingeschüchtert, isoliert oder wieder in den Kreis der schützenden grauen Masse aufgenommen. Der Regisseur macht es einem so nicht gerade einfach, Partei zu ergreifen. Wieder sehr emotional sind eine Badewannenszene, in der Christian seine tote Schwester erscheint, oder wenn sie sich zwischen ihn und seine Liebe Pia drängt. Und auch an den Geschwistern Helen und Michael gehen die Enthüllungen nicht spurlos vorbei. Der Schluss gehört dann noch einmal dem ausgestoßenen Vater und seiner Rechtfertigungsrede aus dem Hintergrund. Ein Zeichen, dass es wohl nie ganz aufhören wird.

    Die Inszenierung ist unglaublich dicht, emotional aufwühlend, und die Intensität des Spiels hält einen so bis zum Schluss gefangen. Das ist sicher zeitweise auch schwer erträglich, wobei die Reaktionen des Publikums bei der Premiere in Berlin dann doch recht positiv ausfielen. Wenn auch nicht in allen Szenen gelungen, so bleibt Christopher Rüpings Inszenierung doch zumindest bemerkenswert kontrovers und pustet damit etwas frischen Wind in das bisher doch recht vorhersehbar verlaufende Theatertreffen-Programm.

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    Das Fest (Haus der Berliner Festspiele, 11.5.2015)
    nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
    tt15_promo_media_gallery_resBühnenfassung von Bo hr. Hansen
    in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
    Regie: Christopher Rüping
    Bühne: Jonathan Mertz
    Kostüme: Lene Schwind
    Musik: Christoph Hart
    Dramaturgie: Bernd Isele
    Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß, Norbert Waidosch (Pianist)
    Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
    Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 20.04.2015
    Termine beim tt15: 11. und 12.05.2015

    Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de
    http://www.schauspiel-stuttgart.de

    Zuerst erschienen am 13.05.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Heil Hinkel! – Gute Schauspieler um Lina Beckmann und Josef Ostendorf dominieren eine eher komödiantische John Gabriel Borkman-Inszenierung vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg in der Regie von Karin Henkel beim Theatertreffen 2015 (Teil 3)

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    John Gabriel Borkmann vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg
    John Gabriel Borkmann vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg

    Der Hang zum Größenwahn ist der Figur John Gabriel Borkman aus Hendrik Ibsens gleichnamigen Drama über einen gescheiterten Banker, der Gelder seiner Kunden veruntreut hatte, um damit im großen Stil zu spekulieren, mit Sicherheit eingeschrieben. Ibsen orientierte sich an einem ähnlichen Fall in der norwegischen Gesellschaft seiner Zeit sowie an Nietzsches Schriften zum Übermenschen und dem Willen zur Macht. Das sieht man nun auch der Inszenierung von THEATERTREFFEN-Liebling Karin Henkel an. Bereits zum fünften Mal hintereinander ist die Regisseurin nach Berlin eingeladen. Ihre Arbeiten geraten ihr dabei mal ernst, mal eher heiter, besser oder schlechter, ganz nach der jeweiligen Inszenierungsidee. Momentan hat es Karin Henkel mit Masken, und nach der Verwechslungskomödie Amphitryon und sein Doppelgänger aus dem letzten Jahr ist sie auch in der aktuellen Ausgabe der Leistungsschau deutschsprachiger Theater für die gute Unterhaltung zuständig.

    Und das, trotzdem die Bühne in ihrer Mischung aus nordischer Weihehalle und Gruft eher eine düstere Ästhetik ausstrahlt: Eine massive Treppe führt in dem dunklen, sich nach hinter verjüngenden Bühnenkasten zu einem altarartigen Bett. Das Lager des nach fünf Jahren Haft und weiteren acht Jahren der freiwilligen Isolation vor sich hin brütenden Borkman, der in der massiven Gestalt von Josef Ostendorf allgegenwärtig ist, sich die Stufen rauf und runter schleppt und die Wände bekritzelt. Man lebt hier in der Vergangenheit, in einem Bunker mit zugemauerten Fenstern, in dem es der Frau Borkmans Gunhild zu kalt ist und ihrer Schwester und ehemaligen Geliebten Borkmans Ella die Luft zum Atmen fehlt. Beide sind in schönster Hassliebe vereint und kämpfen, nachdem sie früher oder später ihre Liebe zu Borkman verloren haben, nun um die des Sohnes Erhart.

    3sat-Preis für Lina Beckmann
    3sat-Preis für Lina Beckmann

    Karin Henkel macht daraus mit ihren herausragenden Schauspielerinnen Julia Wieninger als Gunhild und Lina Beckman (die im Anschluss völlig zurecht für ihre Darstellung mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde) als Ella einen verbalen und körperlichen Schlagabtausch zweier verflossener Diven auf großer Showtreppe, der in einem urkomischen Tauziehen an den Pulloverärmeln des um seine Unabhängig ringenden, doppelten Muttersöhnchens Erhart (Jan-Peter Kampwirth) – „Ich will leben!” – kulminiert. Nachdem die Jugend mit der lebensbejahenden Fanny Wilton (Kate Strong) – „Ich kann das Glück doch nicht einfach wegschicken, nur weil es zu spät gekommen ist.“ – auf und davon ist, beschwören und bewachen die beiden Kontrahentinnen gemeinsam gleich schwarzer Witwen den sterbenden Borgman.

    Die eigentliche Hauptperson tritt bei dieser stark auf Klamotte gebürsteten Inszenierung fast schon etwas zu weit in den Hintergrund. Der alte Borgman träumt davon, seine Rehabilitierung aus eigener Kraft zu schaffen, noch größer als zuvor zu werden, und versucht dazu Verbündete um sich zu scharen. Das gerät ihm aber eher zum grotesken Trauerspiel. Die Jugend mit Sohn Erhart und der jungen Frida (Gala Winter) hat andere Pläne, und selbst der verträumte Schmierendichter Foldal (Matthias Bundschuh) lässt sich nicht mehr einspannen. Borkman stampft mit den Füßen, das es dröhnt, die Schwestern belauern ihn und sich mit der Axt. Es wird viel gebuhlt, georgelt und auch mal sakral gesungen. Lauter bigotte Hirngespinste von untoten Vampiren, die sich gegenseitig aussaugen, nach Jugend gieren und doch keine Erlösung finden können. An eine Wiederauferstehung ist hier nicht zu denken. Und auch als aktueller Beitrag zur Finanzkrise taugt Ibsens alte Schmonzette nur bedingt.

    Die Inszenierung lebt im Grunde nur durch den überdrehten Witz und das überzeugende Spiel der Darsteller*innen, die sich diesem durchweg ironischen Konzept mit großer Lust ausliefern. Es wirkt dabei fast schon wie eine Persiflage auf den überwältigenden Borkman-Marathon des norwegischen Ibsenzertrümmerers und Praterbesetzers Vergard Vinge, der damit zum THEATERTREFFEN 2012 eingeladen war. Auch er spielte in seiner 12stündigen Ibsen-Horrorshow deutlich mit der Ironisierung faschistoider Elemente. Und es ist nach den ferngesteuerten Maskenpuppen aus Susanne Kennedys Fassbinderadaption Warum läuft Herr R. Amok? schon der zweite Bezug zum ästhetischen Kunstschockexperten beim diesjährigen THEATERTREFFEN. Der Mann macht also Schule und kommt so durch die Hintertür der ironischen Rezeption wieder auf die großen Bühnen der Stadttheater zurück.

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    John Gabriel Borkman (Haus der Berliner Festspiele, 9.5.2015) tt15_promo_media_gallery_resvon Henrik Ibsen
    Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
    Regie KARIN HENKEL
    Bühne KATRIN NOTTRODT
    Kostüme NINA VON MECHOW
    Musik ARVILD J. BAUD
    Licht ANNETTE TER MEULEN
    Dramaturgie SYBILLE MEIER
    Darsteller: John Gabriel Borkman JOSEF OSTENDORF
    Gunhild Borkman JULIA WIENINGER
    Erhart Borkman JAN-PETER KAMPWIRTH
    Ella Rentheim LINA BECKMANN
    Fanny Wilton KATE STRONG
    Vilhelm Foldal MATTHIAS BUNDSCHUH
    Frida Foldal GALA WINTER

    Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg war am 21.09.2015
    Termine beim Theatertreffen: 9.5. und 10.5.2015

    Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de

    Zuerst erschienen am 12.05.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Ich bin dann mal… gleich wieder da – In seiner Inszenierung von Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“ spielt Regisseur Thom Luz ironisch mit der Illusion von Fernweh. Theatertreffen 2015 (Teil 2)

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    Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett gibt es beim Theatertreffen 2015 auch vereinzelt den modernen oder postmodernen Autor zu erleben. Ebenso was Regisseure anbelangt; trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste sind paar überraschende Newcomer registrierbar – so Regietalent Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover umgesetzt hat…

    Foto (c) Karl-Bernd Karwasz
    Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
    Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

    Mit dem Finger auf der Landkarte hat man alles ganz allein im Griff, heißt es in einem Kinderlied. Was man dafür braucht, ist nur ein klein bisschen Fantasie. Judith Schalansky hat 2009 so ein Lesebuch für die Daheimgebliebenen mit dem vielversprechenden Titel: Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde geschrieben. Darin porträtiert die junge, in Greifswald geborene Autorin und Kommunikationsdesignerin fünfzig entfernte Eilande mittels einer künstlerisch gestalteten Landkarte und fünfzig kurzen Episoden, die das große Fernweh, die Sehnsüchte nach fremden, unerreichbaren Ländern beschreiben.

    Die Insel gilt uns dabei seit jeher als faszinierender Ort möglicher Utopien wie auch deren Scheiterns. Und der bildgewordene wie sprechende Ausdruck der Geschichte von Weltentdeckung, Schatz- und Glückssuche sind nun mal vorwiegend Karten aller Arten und Couleur. Für die Autorin Schalansky ist die Insel gleichsam „ein theatraler Raum“: „Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff. Diesen Erzählungen ist eigen, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind, Realität fiktionalisiert und Fiktion realisiert wird.“

    Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium - Foto: St. B.
    Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium
    Foto: St. B.

    Diese poetisch verdichtete Vermischung macht nun Thom Luz zum Ausgangspunkt für ein mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker. Als Spielort für sein assoziatives Bild-, Bewegungs- und Musiktheater wählte Luz das gusseiserne Treppenhaus der zwischen 1883 und 1886 errichteten Galerie Cumberland in der Nähe des Schauspiels Hannover. Für die Aufführung beim Berliner Theatertreffen wählte der Regisseur Luz das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow, ein ebenso imposanter Bau mit einem weiten, steinernen Treppenaufgang und schönem Kreuzgewölbe.

    Hier begegnen nun den Zuschauern, die auf drei Zwischenebenen des Treppenhauses Platz genommen haben, die historischen Figuren aus Schalanskys Inselimpressionen, die gleich aus dem Nebel der Geschichte auftauchenden Schatten die Treppenläufe auf und ab huschen und fragmentarisch aus ihren Erlebnissen berichten. Zur Dauerentschuldigung ihres flüchtigen Wandelns sprechen sie immer wieder den Satz: „Ich bin (hoffentlich) gleich wieder da.“

    Die so umhergeisternden Untoten werden von Stimmen- und Musikfetzen begleitet, die mal ganz nah und dann wieder von weit her an das Ohr des Publikums dringen. Man spielt Haydn mit Posaune, Trommelschlägen und Violin-Begleitung, singt den Anfang von „Somewhere over the Rainbow“ oder den Sehnsuchts-Song von René Carol „Deinen Namen, den hab‘ ich vergessen“. Eine Frau sucht die Piano Keys wie die Schlüssel zu einer anderen Welt, während ein Mann mit lateinamerikanischem Spracheinschlag die unbekannten Namen und geografischen Lagen von einsamen Inseln verliest. Sein „unbewohnt“ klingt wie der Ausdruck der absoluten Ferne und Unwirklichkeit.

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    Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
    Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

    Geradezu unwirtlich ist in den Erzählungen von Judith Schalansky, so manche Insel mit merkwürdigem Namen wie Einsamkeitsinsel, Antipodeninsel oder Himmelfahrtsinsel. Diese poetische Klanginstallation versucht sich im Sicht- und Hörbarmachen längst vergangener Geschichten und Personen, die einst ihre Spuren hinterlassen haben, gespeichert im Fels irgendeiner einsamen Klippe oder steinernen Treppe eines längst verlassenen Gebäudes. Die Namen und Schicksale von den Menschen, die sich dahin verirrten, ihr Ziel verfehlten oder manchmal sogar starben, sind uns heute Schall und Rauch. Sie wehen in ihren Erinnerungen an uns vorüber.

    Neben der Rekordsucht von Atlantikfliegern und Eismeerforschern ist ihre Landnahme aber immer auch die Geschichte von Kolonisation. Davon weiß diese kleine, feine Inszenierung allerdings recht wenig. Sie schwelgt in fremden Sprachen, Sinnen und Farben. Das Azur des Ozeans, das Gelb der Papayas und das Grün des Urwalds wechselt in unserer Vorstellung mit dem kalten, blauen Licht von knirschendem Eis im Nordmeer. Aber nichts ist befriedigender als selbst gewählte Einsamkeit, wie es so schön im Insel-Text heißt. Und darauf einen Gin-Tonic mit Eis.

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    Atlas der abgelegenen Inseln (06.05.2015)
    von Judith Schalansky
    Regie: Thom Luz, Bühne: Demian Wohler; Kostüme: Tina Bleuler, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Musikalische Leitung: Matthias Weibel
    Mit: Beatrice Frey, Oscar Olivo, Sophie Krauß, Günther Harder
    Musiker: Maria Pache, Karoline Steidl, Iris Maron, Mikael Rudolfsson

    Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

    Uraufführung am Schauspiel Hannover war am 21. September 2014.

    tt15_promo_media_gallery_resTermine beim Theatertreffen:
    04.05.2015, 20:30 – 21:50
    05.05.2015, 20:00 – 21:20
    05.05.2015, 23:00 – 00:20
    06.05.2015, 20:30 – 21:50
    07.05.2015, 20:00 – 21:20
    07.05.2015, 23:00 – 00:20

    Ort: Carl-von-Ossietzky-Gymnasium, Görschstraße 42/44, Berlin-Pankow

    Infos:

    http://www.berlinerfestspiele.de/…

    http://www.schauspielhannover.de

    Zuerst erschienen am 07.05.2015 auf Kultur-Extra.

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  • Berlins digitale Theatervision: Der Impuls des Kulturstaatssekretärs Tim Renner in der Diskussion – Eine Nachbetrachtung zur Konferenz Theater und Netz 2015

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    Bereits zum dritten Mal diskutierten an diesem Wochenende bei der Konferenz Theater und Netz in Berlin Journalisten, Blogger, Theatermacher und -enthusiasten in Workshops und Panels darüber, wie die vorwiegend noch analoge Bühnenkunst für das Internet fit gemacht werden kann. Also wie kommt nun das Theater ins Netz? Die Frage lässt sich so einfach und erschöpfend nicht beantworten, stehen dabei doch immer auch rein künstlerisch ästhetische Aspekte neben wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen, die es alle zu beachten gilt.

    Tim Renners Version vom digitalen Theater - Foto: st. B.
    Tim Renners Vision vom digitalen Theater – Foto: St. B.

    Seit einiger Zeit hat der Berliner Senat nicht nur einen neuen Bürgermeister und Kultursenator, sondern auch einen neuen Staatssekretär für Kultur. Tim Renner, Quereinsteiger aus der Musikbranche, hat sich da einiges vorgenommen, was man durchaus als eine kleine Revolution in der Berliner Theaterlandschaft bezeichnen könnte. Neben der heiß diskutierten Umbesetzung der Volksbühnenintendanz, will Renner auch Impulse im digitalen Bereich setzen. Bereits zum Beginn seiner Amtszeit machte er sich für das sogenannte Livestreaming von Theateraufführungen im Netz stark. Ein weiterer Punkt neben dem schon vielerorts praktizierten Twittern aus der Vorstellung heraus.

    Tim Renner 1
    Tim Renner
    Foto: St. B.

    Frage: Bringt der Einbruch der digitalen Welt in die analoge des Theaters den Machern oder den Zuschauern neben dem „Yes, we can!“ auch noch andere nennenswerte Vorteile? Ersetzt der Livestream das Live-Theatererlebnis vor Ort, oder soll er nur den Appetit auf den eigentlichen Besuch einer Theateraufführung anregen? Wie könnten speziell für das Internet erzeugte Theaterformate aussehen? Vereinzelt gibt es diese ja auch schon. Der allseits bekannte Theaterberserker Herbert Fritsch ist mit seinem Internet-Projekt X-Hamlet Vorreiter für eine nachstrebende Genration von Netzkünstlern, wie sie nun nach Vorstellung von Tim Renner an der neuen Volksbühne ab 2017 etabliert werden sollen.

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    Hier sei nun noch einmal an den Vortrag von Kulturstaatssekretär Tim Renner erinnert, der am 02.05.2015  in der Heinrich-Böll-Stiftung über Berlins digitale Theatervision sprach und sich anschließend noch einer Gesprächsrunde mit stellte. Auch das hatte sicher Potential für ein kleines Politikum.

    Erstmal ist zu konstatieren, dass sich die „Visionen“ Renners nicht nur um den schon oft diskutierten Livestream drehen. Zwischen „Geht nicht, gibt’s nicht“ und „Alles streamen ist Quatsch“ könne das Theater doch ganz entspannt auf das Phänomen der Digitalisierung schauen, sagte der sichtlich entspannte Kulturstaatssekretär. Aber was das TV (hier im Besonderen der arte-Theaterkanal) nicht geschafft habe (wie er selbst einwirft), wird wohl auch das Streamen von Theateraufführungen nicht leisten können. Der spätere Kommentar aus dem Publikum, dass der Livestream doch jetzt schon out wäre, spricht da Bände. Renner ist dann auch schnell weiter im Text und beim Marketing für die Theater, sprich einheitlichen Online-Ticketsystemen, der Bedeutung für die kulturelle Bildung in den Schulen und der unbeschränkten Teilhabe für alle, die nicht ins Theater gehen könnten. Sogar das Außenministerium zeige Interesse an Kunst und Internet, zum Beispiel mit Livestreams aus Istanbul.

    Diskussionsrunde mit Moderator Christian Römer (Heinrich-Böll-Stiftung), Tim Renner (Berliner Kulturstaatssekretär), Franziska Werner (Leiterin der Berliner Sophiensaele), Christian Holtzhauer (Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft) und Wolfgang Behrens (nachtkritik.de)
    Diskussionsrunde mit Moderator Christian Römer (Heinrich-Böll-Stiftung), Tim Renner (Berliner Kulturstaatssekretär), Franziska Werner (Leiterin der Berliner Sophiensaele), Christian Holtzhauer (Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft) und Wolfgang Behrens (nachtkritik.de)
    Foto: St. B.

    Tim Renner gab sich zunächst ganz als geübter Medienrhetoriker und den Spielball für die digitalen Visionen auch gleich wieder an die Theater zurück. Auch hier also weiterhin Entspannung beim Staatssekretär. Sein Impuls ist: Zum Sammeln der Ideen und Vorschläge hat die Senatskulturverwaltung einen sogenannten Call for Ideas eingerichtet, eine Plattform die erstmal nur einen Namen hat, aber noch kein Geld für die Umsetzung des von den Theatern und anderen Berliner Kulturinstitutionen zu leistenden Inputs. Die Auswertung beginnt laut Renner nach dem 5. Juli. Den Rest des Vortrags erspare ich mir hier mal. Zur künstlerischen Ausrichtung der neuen Volksbühne unter Chris Dercon und deren geplanten digitalen Ausdrucksformen war außer dem Hinweis auf das Terminal plus, einer Studiobühne als digitalem Raum, nicht viel mehr zu erfahren.

    Die Verblüffung unter den Panel-Teilnehmer auf dem Podium, ob der neuen Vision, die Berliner Theater digital nach vorn zu bringen, hielt sich dann auch eher in Grenzen. Zunächst natürlich Freude über den neuen, noch virtuellen Projekttopf bei der Leiterin der Sophiensaele. Irgendwas wird man damit schon anfangen können, denn Förderinstrumente erzeugen immer auch Nachfrage, und mit der Truppe Turbo Pascal ist man da ja schon bestens am Start. Es gab aber auch Bedenken von Seiten Wolfgang Behrens. Einen unbedingten Bedarf zur Förderung sieht er nicht, da hier vorrangig auch die Marketingabteilungen der Theater selbst zuständig wären. Und was letztendlich zur Initialzündung bei den Schulklassen führe, sei immer noch die physische Präsenz im Theater.

    Es wurde dann noch viel in Anglizismen wie Performance Spaces, Live Journey, Open und Close Shops gesprochen, oder über die Monopolmacht von Twitter, YouTube und Facebook sinniert. Das digitales Theater aber mehr als nur eine Frau mit einem Laptop im leeren Raum (sozusagen die 2.0-Version von Peter Brooks Theatervision) ist, dürfte jedem klar sein. Auf das salbungsvolle Schlusswort Renners, dass die Förderung von Kultur eine entscheidende Investition in die Zukunft ist, wird man den Staatssekretär aber wohl in Zukunft auch festnageln. Was zunächst bleibt, ist der Spruch von den dicksten Eiern am Theater, was ein auflockernder Tiefschlag in Richtung der alten Patriarchen sein sollte, und zum echten „Renner“ unter den Twitterern des Kongresses wurde.

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    Tim Renner_Besetzungsschild
    Foto: St. B.

    Der Beitrag ist im Rahmen des Bloggerspace auf dem Liveblog der Konferenz Theater und Netz erschienen.

    Texte zu den Schwerpunkten der Konferenz „Theater und Netz. Vol. 3“ vom 2. und 3. Mai 2015 in Berlin stehen auf nachtkritik.de.

     

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  • Hühnerdreck und Visionen – Nurkan Erpulat inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ als Fall von permanenter Arbeitsmigration.

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    Nurkan Erpulat ist der Experte für das Abklopfen von klassischen Theaterstoffen auf postmigrantische Spuren. Das hat er schon bestens mit Kafkas Schloss am DT oder dem Kirschgarten von Anton Tschechow bewiesen. Mit letzterem eröffnete er das neue Gorki Theater unter der Intendanz von Shermin Langhoff. Nun greift er wieder auf den russischen Dramatiker zurück und unterzieht dessen Onkel Wanja einer genaueren Untersuchung. Dass er da fündig werden könnte, hätte man auf den ersten Blick nicht vermutet. Es ist dann auch eher der zweite, aber selbst dieser hat es dann durchaus in sich.

    Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.
    Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

    Zitat Programmzettel: „Wie oft endet der Aufbruch in ein vermeintlich besseres Leben mit unermüdlicher Arbeit, die der Natur des Aufgebrochenen widerspricht und ihn deshalb jeden Tag ein Stück mehr zerstört – nicht die Arbeit an sich widerstrebt der Natur, sondern die aus Zwang verrichtete Arbeit in einer Gesellschaft, die alle Türen zu mir selbst versperrt.“ (Deniz Utlu, Onkel Wanja lesend) – Eine Adaption  des Romans Die Ungehaltenen von freitext-Herausgeber Deniz Utlu wird Ende Mai im Gorki  Studio uraufgeführt werden.

    Damit ist dann auch tatsächliche nicht nur der Migrant gemeint, der in Deutschland oder anderswo nicht in dem Beruf Fuß fassen kann, der seiner Berufung entspricht, sondern jeder, der außerhalb seiner kreativen Möglichkeiten auf einen Broterwerb angewiesen ist oder aus anderen Gründen nicht das Leben führt, zu dem es ihn eigentlich hinzieht. Also wann bin ich in ein Leben verstrickt, was nicht meins ist? Nun, wenn sich jeder diese Frage ehrlich beantworten würde, hätten wir vermutlich ein Land voller Arbeitsmigranten, die im Grunde nicht das tun, was sie eigentlich wollen. „Ein Beruf fern meiner Berufung“, wie es Deniz Utlu bezeichnet. Steile These, die man erstmal verdauen muss. Schaut und hört man dann aber bei Tschechows Onkel Wanja genau hin, kann man diese unfreiwillig Verstrickten überall finden.

    Onkel Wanja - Foto © Esra Rotthoff
    Foto © Esra Rotthoff

    Es beginnt mit einem wortlosen Gartenfest an einer Tafel mit Lichterkette vor der Videoprojektion eines Waldes. Das Ensemble schaut irgendwann lange in den Zuschauerraum. Was dann meist auch bedeuten soll: Achtung, jetzt seid ihr gemeint. Dann aber geht es auch schon los mit den Klagen. Der Arzt Astrow (Dimitrij Schad) hat keinen Spaß mehr an seinem Beruf, fühlt sich abgestumpft und ergibt sich gelangweilt dem Suff. Seine Leidenschaft, die Erhaltung der Natur, interessiert niemanden, besonders nicht seinen einzigen Freund Wanja (Tim Porath), der ebenfalls säuft, seiner Jugend nachtrauert und bedauert nicht gelebt zu haben. Das Buch, das der verhinderte Dostojewskij bei Tschechow noch schreiben wollte, schleppt er hier irgendwann seitenweise an, ohne jegliches Interesse damit zu erwecken.

    Als Katalysator und Hoffnungsträgerin, dass es da in der Tristesse des Alltags noch etwas geben könnte, was einem Mut zum Weitermachen gibt, fungiert die schöne Jelena (Anastasia Gubareva), die den Männern den Kopf verdreht, aber an den alten Professor Serebrjakow (Falilou Seck) gebunden ist. Jelena hat für den Professor ihre Gesangskarriere aufgegeben und übt sich nun im Müßiggang und Aushalten der Launen des alternden Mannes. Dass sie dabei wirklich glücklich ist, glaubt ihr eigentlich von Anfang an niemand.

    Im Sich-etwas-Vormachen sind hier übrigens alle Meister, allen voran die alte Wojnizkaja (Ruth Reinecke), Mutter von Wanja, die den Professor und Mann ihrer verstorbenen Tochter noch immer verehrt. Wanja und sie haben alle seine Texte gelesen, abgeschrieben und jeden Rubel aus dem Landgut, auf das der Professor nun zurückgekehrt ist, weil er kein Geld für das Stadtleben hat, für ihn aufgespart. Falilou Seck spielt ihn als gescheiterten Menschen, der in der Nachtszene, in der er bei Tschechow über seine Schmerzen klagt, noch einen angstverzerrten Monolog eines alternden Schauspieler hält und verzweifelt nach der Tapetentür in der Rückwand sucht. Dazu fährt die Technik einen großen Scheinwerfer herunter wie zur Demonstration der Künstlichkeit dieses Lebens.

    Sonja (Mareike Beykirch), die Tochter des Professors aus erster Ehe, hat es noch schwerer getroffen. Sie schleppt neben der unerfüllten Liebe zum Arzt Astrow auch das Trauma eines Kofferkindes mit sich rum. Diese Besonderheit vieler Kinder türkischer Arbeitsmigranten, die ihre Eltern nur im Sommer in den Ferien zu Gesicht bekamen, baut Regisseur Erpulat zusätzlich ein. Es hätte ihrer zur Beglaubigung der Eingangsthese nicht bedurft. Mareike Beykirch macht aus ihrer Rolle aber eine beeindruckende Performance.

    Überhaupt liefern die Gorki-Schauspieler wieder eine gute, geschlossene Ensembleleistung ab, die noch von Sema Poyraz als alte Nanja und Marina Frenk als grün gekleideten, kauzigen Telegin am Klavier ergänzt wird. Zwischen den obligatorischen Wutausbrüchen Wanjas mit der Pistole in der Hand, wodkaseligen Schwüren und dem Schwadronieren über Visionen singt das Ensemble immer wieder schön-melancholisch russische und türkische Lieder. Und die Saufkumpane Wanja und Astrow suchen ihre verlorenen Visionen im Hühnerdreck bei echten Hühnern, die ihnen freundlich zugackern. Bei den langen Verabschiedungen und den elegischen Abschlussworten Sonjas fügt sich alles wieder in die Ablenkung der ungeliebten Arbeit wie in eine traurige „Liebkosung“ des Unvermeidbaren. Diese Inszenierung wirkt damit fast schon klassisch. Nurkan Erpulat scheint endgültig angekommen im bürgerlichen Stadttheater.

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    Onkel Wanja
    von Anton Tschechow
    Übersetzung aus dem Russischen von Peter Urban
    Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Sinem Altan, Lichtdesign: Hans Leser, Dramaturgie: Ludwig Haugk
    Darsteller:
    Alexandrowna (Sonja): Mareike Beykirch, Ilja Iljitsch Telegin: Marina Frenk, Jelena Andrejewna: Anastasia Gubareva, Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Onkel Wanja): Tim Porath, Marina: Sema Poyraz, Maria Wassiljewna Wojnizkaja: Ruth Reinecke, Michail Lwowitsch Astrow: Dimitrij Schaad, Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow: Falilou Seck

    Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

    Premiere war am 02.04.2015 am Maxim Gorki Theater Berlin

    Termine: 10.05., 17.05., 26.06. und 30.06.2015

    Infos: http://www.gorki.de/spielplan/onkel-wanja/1481/

    Zuerst erschienen am 05.05.2015 auf Kultura-Extra.

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  • Die neue Langsamkeit in einer Doppelpremiere – „Don Carlos“ von Friedrich Schiller und Peter Handkes „Immer noch Sturm“ am Deutschen Theater Berlin

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    Das Deutsche Theater Berlin macht mal wieder auf Doppelpremiere. Kurz vor Beginn des Theatertreffens wollte es die Khuon-Mannschaft noch mal wissen. Es standen Peter Handke in den Kammerspielen und Friedrich Schiller im großen Haus auf dem Programm. Beide Dramatiker stehen auch für Geschichtsbewusstsein und einen ungebunden Geist. Also geben sie Gedankenfreiheit, Sire…

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

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    Immer noch Sturm – Frank Abt inszeniert Peter Handkes poetische Familienaufstellung der Kärtner Slowenen als naturalistisches Requiem.

    Das Einzige was den Schrifststeller Peter Handke mit Schiller verbinden dürfte, ist ein Zitat vom Anfang des Don Carlos, das Handke für sein Stück Die schönen Tage von Aranjuez verwendete. Aber nicht den 2012 am Wiener Akademietheater uraufgeführten „Sommerdialog„, der ein Jahr später auf der Probebühne des Berliner Ensembles seine Deutsche Erstaufführung erlebte, hat sich der junge DT-Regisseur Frank Abt ausgesucht, sondern Immer noch Sturm, die mit fiktiven Elementen angereicherte Familiengeschichte des österreichischen Autors mit slowenischen Wurzeln.

    Das Stück gastierte in der Hamburger Uraufführungsinszenierung von Dimiter Gotscheff im Juni 2012 bei den Autorentheatertagen im Großen Haus des Deutschen Theaters. Diesen großen Schatten wird die kleine, kammerspielartige Inszenierung von Frank Abt, die auch noch auf die Hinterbühne der DT-Kammerspiele verbannt wurde, leider den ganzen Abend über nicht los. Sie wirkt dann auch in Ästhetik und Darstellungsweise eher wie für die Probebühne des BE konzipiert. Und das ist sehr schade, bietet sich das Stück doch vor allem für eine expressive Ausweitung in den leeren Theaterraum an, was Gotscheff auf der großen Bühne damals auch bestens gelungen ist.

    Frank Abt  interpretiert Handkes Familiensaga  aus dem  Zweiten Weltkrieg aber wesentlich intimer. Peter Handke wurde 1943 als unehelicher Sohn einer Kärtner Slowenin und eines Wehrmachtsoldaten geboren. Seine Mutter hat den Vater lange in Deutschland gesucht und schließlich einen anderen Deutschen geheiratet. Davon hat Handke erst sehr spät erfahren, eine Tatsache, die ihn sein Leben lang beschäftigt hat.  Als Ich-Erzähler tritt er nun in Immer noch Sturm – auch dies ein Klassiker-Zitat, diesmal aus Shakespeares König Lear – wie ein Beschwörer der Geister aus seiner Vergangenheit in Erscheinung und schlägt ein Kapitel der tragischen Geschichte der Kärtner Slowenen als unfreiwillige Protagonisten zwischen den damaligen Weltmächten wie ein Familienalbum vor uns auf.

    Immer noch Sturm am DT -Foto (c) Arno Declair
    Immer noch Sturm am DT – Foto (c) Arno Declair

    Regisseur Abt macht daraus eine Art naturalistisches Leporello, das er zunächst in einem kurzen Prolog vom Ende her aufblättert, indem er den Erzähler (Markwart Müller-Elmau) detailliert vom Selbstmord seiner Mutter berichten lässt. Es ist eine Passage aus Handkes Erzählung Wunschloses Unglück, in der er bereits in den 1970er Jahren die Geschichte seiner Mutter verarbeitet hat. Für die Geisterbeschwörung Handkes hat Steffi Wurster eine schmal unterteilte  Miniaturwohnkulisse aus spitzwinkligen Wände auf eine runde, drehbare Scheibe gestellt. Darin sitzen in zeitgemäßer Kostümierung die Vorfahren des Ich-Erzählers, der ihren Berichten auf kahler Bühne andächtig aber weitestgehend passiv lauscht.

    Ort des Erinnerns in Handkes Gedanken ist das Jaunfeld, ein offenes Tal, durch das der Fluss Drau in Richtung Slowenien fliest, bekränzt vom Mittelgebirgszug der Saualpen und den Karawanken. Der Dichter beschreibt Berge, Natur und Jahreszeiten mit höchst poetischen Worten. Hier spielt sich das Leben der Familie von Handkes Mutter Maria (Judith Hofmann) ab, das die Darsteller nun in kleinen Spielszenen vor uns ausbreiten. Das Volk der Kärtner Slowenen muss, seiner Sprache und Traditionen beraubt, für das Dritte Reich in den Krieg ziehen. Drei Söhne (Thorsten Hierse, Ole Lagerpusch, Marcel Kohler) haben das Ehepaar Siutz (Katharina Matz und Michael Gerber), von denen zwei fallen werden und einer, Gregor (Thorsten Hierse), seiner Schwester Ursula (Simone von Ziglinicki) zu den jugoslawischen Partisanen folgt. Darüber verbittern die passiven Alten, und die Jungen werden hart. Gegenseitige Vorwürfe, Trotzreaktionen und Wut, ein wortgewaltiges Requiem zwischen Trauer und Resignation.

    Und das wird hier sehr breit erzählt und oft auch pathetisch auffahrend gespielt. Nichts von der gedankenoffenen Schwerelosigkeit der Gotscheff-Inszenierung. Die stille Passivität des Erzählers tut ihr Übriges, dass diese Inszenierung zusehends in Schwermut versinkt. Bezüglich seiner Geburt bleibt Müller Elmaus Figur immer außen vor, auch wenn er in der Geschichte seiner Vorfahren gefangen ist. Es überwiegt die Trauer über den Verlust der Heimat durch den Verrat der englischen Verbündeten im Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge sie das Jauntal Österreich zuschlagen. Das Bühnenbild wird von Akt zu Akt von den Darstellern selbst abgebaut, bis die leere Scheibe übrig bleibt, und sich die Familienmitglieder zu einem Abgesang an der Rückwand der Bühne versammeln. Regisseur Abt versucht Schicksal und Leid der Menschen emotional erfahrbar zu machen. Aber trotz der guten darstellerischer Leistung bleiben einem diese Figuren doch seltsam fremd.

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    Immer noch Sturm
    von Peter Handke
    Premiere auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele war am 29. April 2015
    Regie: Frank Abt
    Bühne: Steffi Wurster
    Kostüme: Sophie Leypold
    Dramaturgie: Meike Schmitz
    Mit: Markwart Müller-Elmau, Judith Hofmann, Katharina Matz, Michael Gerber, Ole Lagerpusch, Thorsten Hierse, Simone von Zglinicki, Marcel Kohler

    Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

    Termine: 08. und 26.05., 11.06. und 01.07.2015

    Infos: https://www.deutschestheater.de/spielplan/immer_noch_sturm/

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    Europa in der Schlafstarre – Im großen Haus des Deutschen Theaters führt Stephan Kimmig den spanischen Hof in Schillers Don Carlos als Müdigkeitsgesellschaft vor.

    Während es in den Flandern‘schen Provinzen rumort und sich der Aufstand gegen die spanische Krone formiert, befindet sich der Hof von König Philipp (Ulrich Matthes mit angegrautem Bart und Langhaarfrisur) zur Sommerfrische auf dem Land. Doch wie es bei Schiller so schön heißt: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.“ Und als Vorbote des Wandels kommt hier der Marquis von Posa (Andreas Döhler im Dutschke-Parker) mit einer Präsentkiste samt Schampus aus Brüssel, um den Freund und Infanten Don Carlos (Alexander Khuon) aus seiner Lethargie zu befreien. Dieser macht sich fit durch Seilhüpfen und Schattenboxen, allerdings scheitert sein kurzer Ausflug in die Aktion am Misstrauen des Vaters, der den Heißsporn schnell wieder in die zweite Reihe zurückstuft. Hier haben eindeutig andere die dicken Eier.

    Alexander Khuon ist in Stephan Kimmigs Inszenierung am Deutschen Theater nicht der mad guy, wie zum Beispiel noch Philipp Hochmaier in Nicolas Stemanns Inszenierung von 2007 am gleichen Haus, sondern eher ein düster Brütender, der sich die innere Wut abtrainiert ob seiner ewigen Zweitbesetzung im Wartestand auf den Thron. Auf dem sitzt Vater Philipp, zwar des Amtes relativ überdrüssig, aber wie ein angeschlagener Tiger noch gefährlich genug, um den drohenden Aufstand mit aller Macht niederzudrücken. Das Bühnenbild von Katja Haß zeigt eine fast leere Bürolandschaft mit großen Fenstern und Glastüren, an denen die Jalousien runtergefahren werden, wenn sich das misstrauische Beraterteam (Henning Vogt als Herzog Alba und Jürgen Huth als Pater Domingo) um den machtmüden König nähert. Eine abgeschottete Wirtschaftselite – das EU-Fähnchen steht auf dem Tisch – , das der frechen Provinz die Richtung aufzwingen will.

    Don Carlos am DT -Foto (c) Arno Declair
    Don Carlos am DT – Foto (c) Arno Declair

    Wer würde da nicht an Griechenland denken. Aber hier tanzt keiner Sirtaki, auch wenn mal ein Walzer geprobt wird, und schon gar nicht den Machern der Macht auf der Nase herum. Der Versuch endet dann bekanntlich auch für einige ziemlich tödlich. Das Konzept von Regisseur Kimmig ist in den ersten Minuten seiner Inszenierung durchaus interessant und stimmig, im allgemeinen Intrigensumpf um echte und falsch verstandene Liebe, gekränkte Eitelkeiten, Eifersucht und kompromittierende Briefe beginnt es aber schnell fad zu werden. Da gab es schon wesentlich politischere Deutungen.

    Statt das Funktionieren von Machtmechanismen zu überprüfen, wie noch in Schillers Maria Stuart, begnügt sich Kimmig mit der Pathologisierung eines überkommenen Systems, dass sich nach Menschen sehnt (Philipp), aber restriktiv an der Macht hängt. Das Duell ist hier aber nicht Posa und Carlos gegen Philipp, sondern alle gegen alle. Auch Posa, der sich für Carlos in die höfischen Intrigenspiele einlässt, muss das am Ende bitter erkennen. Der Schuss fällt aus dem Hinterhalt. Seinen Idealismus und die Hoffnung auf Gedankenfreiheit hat der Schlacks Posa zu schnell an den Schlips verkauft, der Parker wechselt symbolhaft die Person.

    Selbst die Liebe ist hier nicht die Rettung, auch wenn sie in Gestalt der Königin Elisabeth so sympathisch offenherzig wie bei Katrin Wichmann daherkommt. Der Gegenentwurf ist Kathleen Morgeneyers Prinzessin Eboli im smarten Kostüm. Auch sie ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihre Liebe aber kleinmütig verrät, nachdem sie im Nahkampf an der Rampe an der Gefühlsmaschine Carlos abgeglitten ist. In verzweifelten Zweierkonstellationen gehen die potentiellen Revolutionäre hier oft in den Clinch. Der Macht im Sessel haben sie allerdings nicht viel entgegenzusetzen. Das DT probt (wie schon am Vorabend bei Handkes Immer noch Sturm in den Kammerspielen) die neue Langsamkeit. Das Schlaflied Europas singt ein Kind in historischem Kostüm aus den Katakomben der Unterbühne. Als Drahtzieher im Hintergrund tritt dann noch Barbara Schnitzler auf, die ihren Kardinal Großinquisitor frontal ins Publikum deklamiert. Wer da noch nicht entschlummert ist, unterwirft sich freiwillig.

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    Don Carlos
    von Friedrich Schiller
    Regie: Stephan Kimmig
    Bühne: Katja Haß
    Kostüme: Antje Rabes
    Musik: Michael Verhoeven
    Dramaturgie: John von Düffel
    Mit: Ulrich Matthes, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Andreas Döhler, Kathleen Morgeneyer, Henning Vogt, Jürgen Huth, Barbara Schnitzler

    Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

    Premiere im Deutschen Theater Berlin war am 30.04.2015

    Termine: 14., 19. und 29.05., 04. und 10.06. sowie 05.07.2015

    Infos: www.deutschestheater.de

    Die Texte sind zuerst am 02.05. und 03.05.2015 auf Kultura-Extra erschienen.

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  • Das 52. Berliner Theatertreffen 2015 eröffnet mit der Inszenierung des Jelinek-Stücks „Die Schutzbefohlenen“ vom Thalia Theater Hamburg

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    Ohne die üblichen großkopferten Vorreden begann gestern Abend im Haus der Berliner Festpiele die 52. Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters. Man war sozusagen sofort mitten drin im Geschehen. Die Realität hat das Theater eingeholt, Wirklichkeit und Kunst reichen sich die Hand auf der Bühne. Geschützte Künstler um den Regisseur Nicolas Stemann und schutzsuchende Flüchtlinge aus Wien, Hamburg und Berlin gestalten im Schutzraum Theater gemeinsam einen Abend voller aufregender gesellschaftspolitscher Fragen, die auch im Anschluss noch für reichlich Gesprächsstoff sorgten.

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    Fotos: St. B.

    Die Kritik zur Inszenierung DIE SCHUTZBEFOHLENEN steht hier online:

    http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/tt2015_dieschutzbefohlenen_thaliatheaterhamburg.php

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    Festung Europa und Schutzraum Theater – Politik und Ästhetik in den eingeladenen Inszenierungen beim 52. Theatertreffen in Berlin (Teil 1)

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    Foto: St. B.

    Bereits im Oktober letzten Jahres ging ein schier unglaubliches Foto um die Welt. Auf einem riesigen Drahtzaun, der die spanischen Exklave Melilla an der Grenze zu Marokko vom Kontinent Afrika trennt, hingen Flüchtlinge, die unter Einsatz ihres Lebens, diesen Zaun zu überwinden versuchten, während auf der anderen Seite reiche Europäer in aller Seelenruhe Golf spielten. Zurzeit häufen sich in den heimischen TV- und Printmedien wieder die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten und angeschwemmten Leichen aus dem Mittelmeer. Eine fortgesetzte Schande für die Länder der Europäischen Gemeinschaft und die Verantwortlichen dieses unmenschlichen Grenzregimes.

    Neben Realität oder Fiktion, Authentizität und Interaktion gegenüber der reinen Repräsentation sind in der Kunst am Theater auch Politik und Ästhetik von entscheidender Wirkung. Was sich im geschützten Raum des Theaters abspielt, muss immer wieder mit dem tatsächlichen Geschehen in der realen Welt ver- und abgeglichen werden. Theater als offenes oder geschlossenes System – Kunst und Wirklichkeit bedingen sich einander. Vermischen aber kann man sie nur, wenn man sich aus der Fiktion löst und direkt in die Realität einwirkt, auch mit der Aktion vor Ort, die mitunter sogar ein konkretes politisch motiviertes Ziel verfolgt. Ästhetisch gesehen ist das natürlich immer auch eine künstlerische Gratwanderung.

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    Mit dem direkt vor Ort gehen tun sich die Stadttheater dann aber doch eher schwer. Die Künstler der Gruppe „Zentrum für Politische Schönheit“, die das dann im letzten Jahr auch gewagt hatten, taten dies noch mit einer sozusagen erst mediales Interesse generierenden Nacht- und Nebelaktion, bei der sie zunächst 14 Kreuze aus der Maueropfer-Gedenkinstallation Weiße Kreuze neben dem Reichstag abmontierten und als sogenannte Solidaritätsaktion zu den Toten des europäischen Grenz-Regimes entführten. Eine Kunstaktion, die das Gedenken der Daheimgebliebenen auch auf die Toten lenken sollte, die das rigide Einwanderungsregime der „Festung Europa“ bisher gefordert hat. Was dem folgte, war ein Aufschrei der Entrüstung und sogar so etwas wie ein echter parlamentarischer Shitstorm. Man kann das auf der Website der Aktionisten nachlesen. Eigentlich beschämend, und so musste das Ganze erst noch mal bittere Aktualität bekommen, als in den letzten Wochen wieder hunderte von ertrunkenen Flüchtlingen aus dem Mittelmeer auf die heimischen Bildschirme schwappten, um eine Reaktion der Erschütterung in den Medien auszulösen.

    Parallel zur Mauerkreuze-Aktion machte sich eine Gruppe von Künstlern und Aktivisten unter der Leitung von Zentrums-Chef Philipp Ruch zum Europäischen Grenzzaun auf, den sie mit Bussen quer durch Europa erreichen wollten. Mit Bolzenschneidern und Megafon „bewaffnet“ hatte man sich vorgenommen den EU-Grenzzaun wenigstens in Teilen zu zerstören. Mediale wie politische Aufmerksamkeit war den Aktionisten für Politische Schönheit auf ihrem Weg gewiss. Staatsschutz und Grenzpolizei der verschiedensten Länder folgten dem Tross bis zum Ziel, dem bulgarischen Ort Lessowo. Letztendlich blieb es beim Versuch – scheitern gehört nicht erst seit Christoph Schlingensief zum Credo politischer Aktionskunst. Man kann über diese Aktion streiten, eines kann man ihr aber nicht absprechen, ein Gefühl für politische Zusammenhänge und ein modernes ästhetisches Kunstverständnis, das sich wieder am Menschen orientiert und nicht nur am Gegenstand der Kunst.

    Den Zusammenhang von innerdeutscher Mauer und einem neuen Limes an den Grenzen Europas hat 1994 schon Heiner Müller festgestellt. Auch nicht gerade ein Denkfauler. Nun erinnern die Aktionen nicht von ungefähr auch an die von Christoph Schlingensief (etwa „Bitte liebt Österreich“ oder „Baden im Wolfgangsee“), nur dass die Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ hier nicht nur provokativ etwas künstlerisch Fingiertes der bestehenden Realität gegenüberstellt oder den reinen Spaßfaktor bedient, sondern tatsächlich im öffentlichen Raum handelt. Und das mit maximaler öffentlicher Aufmerksamkeit. Natürlich nutzte man hier die Medien samt Bild-Zeitung (vermutlich ist das einer der Gründe warum der sogenannte Vordenker der Ästhetischen Kunstaktion Bazon Brock so vehement dagegen protestierte), und die taten den Aktionisten dann auch den Gefallen, samt entlarvender Politikerkommentare.

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    Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg
    Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

    Angesichts dessen wäre es geradezu schon kurzsichtig vom Berliner Theatertreffen, der nun wieder anstehenden Leistungsschau der deutschsprachigen Theaterlandschaft, solch Engagements politisch aktiver Kunst nicht zu würdigen. Fast schon retrospektiv bemüht man sich nun dem Thema einigermaßen gerecht zu werden. Und so hat es dann auch ein anderer diskussionswürdiger Versuch, nämlich Nicolas Stemanns Inszenierung des Klageepos Die Schutzbefohlenen von der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek nach Berlin geschafft. Die Produktion des Thalia Theaters Hamburg, die am 1. Mai das 52. Theatertreffen eröffnet, deutet dabei nicht nur an, wo die Grenzen in Europa verlaufen, sondern auch wo der Kunst die Grenzen gesetzt sind. Diese Grenze in den Köpfen und der allgemeinen Wahrnehmung zu verschieben, war letztendlich auch die Absicht der an die Grenze der „Festung Europa“ entführten Berliner Mauerkreuze.

    Im Vergleich weniger spektakulär, aber darum nicht minder eindrucksvoll erzählt in Jelineks Stück ein Chor von Flüchtlingen seine Geschichte von Verfolgung, qualvoller Flucht und neuen Repressionen im Land der Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Recht und Demokratie. Ein Fundament, auf das wir nicht steigen können, da es auf dem Rücken von Menschen gebaut ist, wie es so ähnlich auch in Jelineks Text heißt. Ihr Text hat Anklänge an antike und mythologische Stoffe wie den Chor Die Schutzflehenden von Aischylos, Ovids Metamorphosen und die Bibel. Aber auch Schriften und Ereignisse mit aktuellem Zeitbezug wie etwa eine Broschüre des österreichischen Staatssekretariats für Integration mit dem schönen Titel „Zusammenleben in Österreich“ oder bös ironische Spitzen auf sogenannte willkommene Einwanderer wie die Opernsängerin Anna Netrebko und die Blitzeinbürgerung der Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa sind mit eingeflossen.

    Die große Frage im Umgang mit dem Text ist: Wer spricht hier für wen, oder wem soll letztendlich wirklich dadurch eine Stimme gegeben werden. Das typische Repräsentations- und Stellvertreterdilemma des Theaters, das hier noch dadurch verstärkt wird, dass man nicht etwa nur eine fiktive Rolle spielt, sondern im Namen einer tatsächlich vorhandenen, aber größtenteils stummen Menschengruppe spricht. Darüber können auch einzelne Aktionen von Flüchtlingen in Wien, Berlin und Hamburg (meist aus einem anderen Schutzraum, wie dem der Kirche, heraus) nicht hinwegtäuschen. Diese Menschen sind uns größtenteils dadurch fremd, dass wir ihre Geschichte/n nicht kennen, und uns auch bisher nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für diese interessiert haben.

    Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg
    Schaukasten des Thalia Theaters Hamburg

    Neben dem Inhalt des Textes selbst, der mal im typischen Jelinek-Stil kalauernd daher kommt, dann aber auch wieder ganz pathetisch Leid, Verzweiflung und Rechtlosigkeit beklagt, ist es immer auch seine adäquate Darstellung, worüber er sich letztendlich transportiert, um seinen Weg zum Publikum zu finden. Hier ist das Spiel zunächst wie selbstverständlich auf eine Gruppe weißer, männlicher Schauspieler (Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch) aufgeteilt. Zu Ihnen gesellen sich dann noch die schwarzen Schauspieler Ernest Allen Hausmann und Thelma Buabeng sowie die Hamburgerin Barbara Nüsse, die die erste Gruppe nun wieder in Zweifel ziehen.

    Stemann lässt alle mit den Worten Jelineks um ihre Präsens und Deutungshoheit auf der Bühne ringen. Sie wissen, dass sie nicht die Flüchtlinge sind. Eigentlich sind sie wie auch wir als Adressaten der Klage ja selbst gemeint. Das gipfelt dann in der Feststellung: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen.“ Ein Dilemma zwischen Betroffenheit über das Gesagte, und dem Paradox der Einfühlung bei gleichzeitiger Repräsentation. Dem begegnen die Darsteller immer wieder mit dem Hinterfragen von Stereotypen, provokantem Vorführen von fragwürdigen Theatermitteln (Black/Whitefacing), einem aus der Rolle heraustreten, oder auch mit Travestie, Slapstick und ironischen Musiknummern.

    Die wirklich Betroffenen kommen dann aber auch noch zu Wort. Im Hintergrund formiert sich ein echter Chor aus Schutzsuchenden, die neben Jelineks Text (Wer ist denn diese Jelinek überhaupt?) auch über ihre ganz eigenen Geschichten sprechen. Elfriede Jelinek hat ihr Stück in Anlehnung an in Wien Asyl suchende Menschen geschrieben, die aus Angst vor der Abschiebung die dortige Votivkirche besetzten. Nicolas Stemann spielte in Hamburg mit einer Gruppe von Lampedusa-Flüchtlingen, die in der Sankt Pauli Kirche Zuflucht gesucht hatten. In Berlin sind es Menschen, die vor kurzem noch den Oranienplatz und die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg besetzt hielten. Ein Umstand, der ein weiteres Dilemma zeigt, die Unfreiheit als Flüchtling in einer freiheitlichen Demokratie. Bei aller Unzulänglichkeit der Darstellung, ein erster Versuch der Flüchtlings-Problematik in theatraler Weise beizukommen. Weitere werden sicher folgen.

    Die Inszenierung erntete bisher viel Lob, aber auch ernst zu nehmende Ablehnung. Da tat Stemann sicher gut daran, die Zweifel der Darstellbarkeit gleich mit zu thematisieren. Man kann sich natürlich auch andere Performances wie Schlepperopern oder szenisch aufbereitete Wikipedia-Vorträge über Frontex ansehen (Die haben sicher auch ihre Berechtigung). Und man kann im Voraus oder Nachhinein viel behaupten. Was auch zur Aussage der Macher zur speziell politischen Ausrichtung des aktuellen Theatertreffens passen würde. Nach Festival-Leiterin Yvonne Büdenhölzer widmen sich die eingeladenen Theatermacher in ihren Interpretationen und Kreationen großen gesellschaftspolitischen Problemen wie Krieg, Flucht und den dadurch bedingten Traumata. Doch selbst wenn es denn nicht wirklich so gewollt gewesen wäre, steckt doch einiges an Potential in den eigeladenen Produktionen. Man wird in den nächsten zwei Wochen sehen, ob und wie sich diese Ankündigung bewahrheitet.

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