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  • Das 24. Festival des osteuropäischen Films in Cottbus hatte einen queeren Schwerpunkt und stellte vor allem die Probleme Jugendlicher in den Fokus. (Festivalbericht Teil 2)

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    Ein wirklich bemerkenswertes Special gelang dem 24. Cottbuser FilmFestival mit dem diesjährigen Fokus QUEER EAST, bei dem insgesamt 18 Produktionen aus 10 Ländern auf dem Programm standen. Eine herausragende Manifestation des Ringens um Akzeptanz in Ländern, in denen es durchaus noch gefährlich sein kann, sich offen zu seinen nicht der allgemeinen Norm entsprechenden sexuellen Neigungen zu bekennen. Besonders junge Menschen leiden unter dem Druck sich verstecken zu müssen. Auch fehlt es oft komplett am Willen der Älteren sich mit Toleranzfragen überhaupt nur zu befassen. In den meist noch patriarchal ausgerichtete Gesellschaften ist das nahezu ein Tabu und eine öffentliche Aufklärung somit nicht möglich.

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    So hat auch der 14jährige Beso im ländlichen Georgien kaum eine Vorstellung von den Wünschen und dem Leidensdruck seines schwulen Bruders. In Ich bin Beso von Regisseur Lasha Tskvitinidze kämpft er – allein gelassen von der Vätergeneration, der es nur um Ehre und Stärke geht – mit dem Erwachsenwerden und dem Erwachen der Sexualität.

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    Unverständnis und Ablehnung haben auch die russischen Jugendlichen erfahren, die sich der Plattform „Deti 404“ (Kinder 404) anvertrauen. Das von der Journalistin und lesbischen Aktivistin Elena Klimova gegründete Internet-Forum bietet homosexuellen Jugendlichen die Möglichkeit sich anonym auszutauschen und Rat zu erhalten. Grund für ihre Hilflosigkeit ist das neue Gesetz, das „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen in Anwesenheit von Minderjährigen“ unter Strafe stellt. Der russische Dokumentarfilm Children 404 von den Regisseuren Askold Kurov und Pavel Loparev stellt das Projekt und ihre Macherin vor und zeigt Ausschnitt aus den anonymen Internetbotschaften der Jugendlichen, die hier frei über ihre Probleme mit den Eltern und der homophoben Gesellschaft berichten, die sie für pervers oder satanisch erklärt. Und nicht nur deshalb ist die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen in Russland überdurchschnittlich hoch. Sogar Psychologen und Sozialarbeiter reden den verunsicherten Jugendlichen ein, selbst an der wachsenden Homophobie schuld zu sein.

    CHILDREN 404 - film still (c) FilmFestival Cottbus
    CHILDREN 404film still
    (c) FilmFestival Cottbus

    Weiter begleitet das Filmteam den 18jährigen Pasha, der nach dem Abschluss der Schule, in der er wegen seines Outings ständigen Repressionen durch Schüler und Lehrer ausgesetzt war, nach Kanada auswandern will. Er hat keine Lust mehr sich zu verstecken und sieht daher auch keine Chance für sich in Russland. Den minderjährigen und von ihren Familien verstoßenen Jugendlichen bleibt oft nur die Straße oder ein Zufluchtsort auf dem Land. Durch das Gesetz sind Schwule und Lesben ständiger Verfolgung und Denunziation ausgesetzt, was die Dokumentation auch belegt. Trotz dass Elena Klimova ihren Job verloren hat und auch juristisch verfolgt wurde (das Verfahren gegen „Deti 404“ ist zwischenzeitlich eingestellt worden), gibt sie die Hoffnung nicht auf, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich in Russland alles zum Guten ändert.

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    In Ungarn scheint das Thema erstaunlicherweise schon reif für einen Kino-Hit zu sein. Allerdings hat Regisseur Dénes Orosz hier zu einem Trick gegriffen. Wie im vor Kurzem gestarteten deutschen Kinofilm Coming In zeigt der schwule Radiomoderator Erik plötzlich ein unerklärbares Interesse für das weibliche Geschlecht. Allerdings bedarf es hier eines direkten Zusammenstoßes auf der Straße, um den Liebling der Budapester Schwulenszene und angehenden Vorsitzenden der Schwulen Liga umzupolen. Das soll ja tatsächlich bei einem britischen Jungen schon mal in die andere Richtung funktioniert haben. Ansonsten ist der Film eine ziemlich matte Komödie, die mit sexuellen Klischees, Vorurteilen und dem komischen Potential der Verwechslung spielt. Orosz nennt seinen Film dann auch ganz konventionell Coming out.

    Coming out beim 24. FilmFestival Cottbus (C) FilmFestival Cottbus
    Coming out beim 24. FilmFestival Cottbus
    (C) FilmFestival Cottbus

    Erik fühlt sich nun zu der taffen Motoradfahrerin und Neurologin Linda (Ursache des Zusammenstoßes) hingezogen. Kurz vor der Hochzeit mit seinem Freund Balázs in Amsterdam erfindet er sich einen Zwilling und beginnt erst zögerlich, dann aber mit voller Leidenschaft ein doppeltes Spiel. Dazu ist ihm noch eine Journalistin der reaktionären Zeitung „Die wandernde Rechte“ auf den Fersen. So läuft der Film zielsicher und vorhersehbar auf den titelgebenden Showdown zu, nach dem sich aber alles in allgemeinem Wohlwollen auflöst. Coming out ist sicher gut gemeint und wirbt auch für Verständnis und Toleranz, ist aber in dieser Konstellation für Ungarn im Moment vielleicht nicht ganz das richtige Signal. Trotzdem lockte der Film dort ein großes Publikum in die Kinos.

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    Man muss in einigen Ländern Osteuropas als Jugendlicher nicht unbedingt schwul sein, um in große Schwierigkeiten zu gelangen. In mehreren Filmen des Wettbewerbs standen Jugendliche mit ihren ganz alltäglichen Problemen im Zentrum der Handlung. Wie etwa der junge spielsüchtige Lette Modris, der im gleichnamigen Spielfilm von Juris Kursietis wegen einer Diebstahlbagatelle zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt wird und infolgedessen nach vergleichsweise noch geringeren Delikten wie Schwarzfahren und Biertrinken in der Öffentlichkeit sogar im Jugendstrafvollzug landet. Im polnischen Spielfilm Hardkor Disko von Krzysztof Skonieczny gibt sich die aus begüterten Verhältnissen kommende Ola bei nächtlichen Partys Sex-, Alkohol,- und Drogenräuschen hin, während sich der gutaussehende Streuner Marcin zu einer brutalen und blutigen Rachetour gegen Olas Eltern aufmacht. Was in beiden Fällen nicht unbedingt schlüssig wirkte.

    So sind die Regeln - (c) FilmFestival Cottbus
    So sind die Regeln(c) FilmFestival Cottbus

    Völlig aus der Bahn aber wirft ein kroatisches Elternpaar der gewaltsame Übergriff von Mitschülern auf ihren Sohn. Nachdem der im Koma liegende Junge gestorben ist, sucht der verzweifelte Vater nach Hilfe und Erklärung, trifft aber nur auf das Unverständnis unsensibler Ärzte und die langsame Bürokratie der Ermittlungsbehörden. In So sind die Regeln klagt Regisseur Ognjen Sviličić eine zunehmend verrohende und materiell orientierte Gesellschaft an, die sich an die Gewalt gewöhnt hat. Emir Hadžihafizbegović bekam für „die innere Kraft seiner unaufdringlichen Darstellung und seine feinfühlige Abbildung des Innenlebens eines Vaters“ den Preis für den besten Darsteller.

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    Der aber vielleicht eindrucksvollste Spielfilm im Wettbewerb zum Thema Jugend und Schule, der russische Wettbewerbsbeitrag Corrections Class von Ivan I. Tverdovsky, überzeugte gleich drei Jurys. Für seine eindrucksvolle Studie über eine Sonderklasse an einer russischen Schule, in der psychisch wie physisch gehandicapte Schüler, um sie zu verstecken, in einen separaten Flur abgeschoben werden, erhielt der Regisseur neben dem Preis der Ökumenischen Jury und dem FIPRESCI-Preis der Filmkritiker auch den Hauptpreis für den besten Film.

    Corrections Class - (c) FilmFestival Cottbus
    Corrections Class(c) FilmFestival Cottbus

    Die junge Lena, durch eine Muskelschwäche auf den Rollstuhl angewiesen, will unbedingt wieder zur Schule gehen. Aber es fehlt an behindertengerechten Zugängen und dem echten Willen der Verantwortlichen etwas daran zu ändern. Der Zusammenhalt der Klasse ist zunächst sehr groß, wird aber, nachdem zwischen Lena und dem Epileptiker Anton eine zarte Zuneigung aufkeimt, auf eine harte Probe gestellt. Eifersüchteleien, Vorurteile und die permanente Ausgrenzung durch die ignorante Umwelt bedingen schließlich auch in der Gruppe Gewalt und Intoleranz. Mit dem hervorragend und überzeugend spielenden Ensemble von Corrections Class hat sich zumindest ein Team aus Laien und professionellen Schauspielern gefunden, das man als ein geglücktes Projekt für eine gelungene Inklusion bezeichnen kann. Im Film muss da noch ein kleines Wunder für Hoffnung sorgen.

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    Damit ging dann am Samstagabend bei der Preisverleihung in der Cottbuser Stadthalle auch ein sehr interessantes Festival mit einem insgesamt hochklassigen Wettbewerbsjahrgang zu Ende. Und die international besetzten Jurys haben bei der Verteilung der Preise diesmal auch wirklich alles richtig gemacht.

    Ivan I. Tverdovsky (mitte)_Regisseur des Hauptpreisträger-Films Corrections Class mit seinem dt. Produzenten und Preistifterin GWFF-Geschäfstführerin Gerti Müller-Ernstberger _(c) Stefan Bock
    Ivan I. Tverdovsky (Mitte), Regisseur des Hauptpreisträger-Films Corrections Class mit seinem deutschen Produzenten und der Preistifterin Gerti Müller-Ernstberger vom GWFF
    Foto (c) St. Bock

    (Fortsetzung folgt.)

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    24. FilmFestival Cottbus
    Festival für den osteuropäischen Film
    4.-9.11.2014

    Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

    Zuerst erschienen am 11.11.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Beim 24. FilmFestival Cottbus dominierten im Wettbewerb Menschen in der Natur auf der Suche nach Heimat und Glück. (Festivalbericht Teil 1)

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    Startseitenbilder2014Die 24. Ausgabe des Festivals für den osteuropäischen Film in Cottbus hatte sich in diesem Jahr thematisch wieder Einiges vorgenommen. Vom Autorenfilm über den epischen Blockbuster bis hin zur frechen Komödie reichte das Spektrum der immerhin 169 Produktionen aus 35 Ländern. Auffallend oft bewegten sich dabei zu Beginn die Protagonisten in der freien Natur, entweder beim Verlust oder auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Der Begriff Heimat ist ja etwas, was besonders den osteuropäischen Film – nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der beginnenden Migration in den Westen – prägt. Neben den Sektionen Spektrum und globalEAST beschäftigten sich auch einige Beiträge des mit 12 Filmen bestückten Spielfilm-Wettbewerbs mit diesem Thema.

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    Die Archaik der Naturgewalten, das Gedeihen und Vergehen als Allegorie für das Erwachsenwerden und Leben mit der Natur thematisiert der georgische Regisseur George Ovashvili in seinem zunächst sehr ruhigen Film Die Maisinsel [ab 16. April 2015 in den Kinos], der bereits beim Filmfestival Karlovy Vary den Hauptpreis gewinnen konnte und hier in Cottbus den Publikumspreis verliehen bekam. Ein alter Abchase nimmt hier ein Stück Niemandsland in Form einer kleinen Insel im Grenzfluss zwischen Georgien und der abtrünnigen Teilrepublik Abchasien in Besitz und macht es für den Maisanbau urbar. Seine kurz vor dem Schulabschluss stehende Enkelin begleitet ihn dabei und hilft beim Aufbau einer kleinen Hütte und den täglichen Verrichtungen wie Fischfang und Pflege der wachsenden Maisansaat. Dabei wird der Zuschauer in langen Kameraeinstellungen auch Zeuge ihres Heranreifens zur jungen Frau.

    Als latente Gefahr sieht man immer wieder Patrouillenboote mit Bewaffneten vorbeifahren. Es dauert aber gute 20 Minuten, bis das erste Wort und – einige Zeit später – auch der erste Schuss in der Stille fallen und die Natur-Idylle kippen lässt. Ein georgischer Soldat rettet sich angeschossen auf die Insel und wird nun von den abchasischen Grenzern gesucht. Großvater und Enkelin pflegen den Verwundeten, wobei sich eine von gegenseitiger Neugier geprägte, zunächst wortkarg unsichere Beziehung zwischen dem jungen Mann und dem Mädchen entwickelt, die der Alte beargwöhnt. Irgendwann ist der Soldat wieder weg, und das Feld reif zur Ernte. Die Natur fordert unbarmherzig ihr Recht, das Mädchen erfährt ihren ersten Liebesschmerz, und die Insel wird in einer Unwetterflut hinweggespült. Ein eindrückliches Bild und Gleichnis des menschlichen Lebens mit den immer wiederkehrenden Jahreszeiten und Abläufen der Natur.

    Die Maisinsel gewann den Publikumspreis beim 24. FilmFestival Cottbus - (C) FilmFestival Cottbus
    Die Maisinsel gewann den Publikumspreis beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

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    Vollends ohne Worte kommt der russische Wettbewerbsbeitrag Test von Regisseur Alexander Kott aus. In wunderschönen Natur- und surreal anmutenden Kunstbildern erzählt der Film die Geschichte vom Menschen als Teil der Natur, von seinen Träumen und deren Zerstörung. In der Weite der kasachischen Steppe lebt ein LKW-Fahrer mit seiner Tochter. Während er vom Fliegen träumt, erlebt sie ihre erste Liebe auf dem Rücken des Pferdes eines Nachbarjungen, einem Recken in traditioneller Tracht, und einem jungen Russen, als Überbringer des Fortschritts mit Fotografie und Lichtbild. Die beiden werden sich in einer Art Hahnenkampf messen.

    Der Film (für den es den Regiepreis des FilmFestivals in Cottbus gab!) gießt die Steppe in poetisch leuchtende Farben, taucht den Himmel am Abend in tiefes Rot, das durch die Haare des Mädchens leuchtet, lässt die Sonne auf- und untergehen und den Mond im Mund des Vaters verschwinden. Aber auch ein bitteres Geheimnis birgt das karge Land. Hinter einem großen Zaun liegt die verbotene Zone, das sowjetische Versuchsgelände für Atomtests. Vermummte Gestalten gehen mit Geigerzählern durch das Gehöft des Lkw-Fahrers, der seinen Glauben an den Fortschritt mit dem Leben bezahlen muss. Das Mädchen hat mit Gräsern und Blättern seine Träume in ein Poesiealbum gepresst. Den unausweichlichen Untergang der Natur malt dann eine andere, von Menschenhand gemachte Naturgewalt als leuchtenden Atompilz in den Himmel über der Steppe, bis die Druckwelle alles mit sich fortreißt.

    Der Test gewann den Regiepreis beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus
    Der Test gewann den Regiepreis beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

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    Nicht viele Worte aber große Bilder macht zunächst auch der slowenisch-österreichische Beitrag von Regisseur Marko Naberšnik zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Es sind dies zumeist die Kommandos des Hauptmanns eines österreichischen Artilleriebeobachtungspostens in den schroffen Bergen der Julischen Alpen nahe der berüchtigten Isonzofront, die er mit zwei Soldaten von oben beobachten soll. Einzige Verbindung zum Tal ist das stetig schnarrende Feldtelefon, ansonsten gibt der Berg nur das Echo von Wind, Vögeln und weit her wehendem Granatdonner wieder. Als sich doch eine Granate in die Stellung verirrt, verliert einer der beiden Gebirgsjäger sein Leben und der jüdische Hauptmann Jan Kopetzky sein rechtes Bein. Der einfache 19jährige Kärntner Handwerkersohn Jakob Lindner muss nun allein die Stellung halten und den verwundeten Hauptmann pflegen, da ein Hilfstrupp aus dem Tal wegen des Beschusses nicht nach oben kommt.

    Der Film Die Wälder sind noch grün ist nach Tagebucheintragungen von österreichischen Soldaten entstanden. Auch der junge Gebirgsjäger Lindner vertraut hier seine Gefühle und Ängste einem Tagebuch an. Es sind dies Beschreibungen von Tagen des Leids, der Stille vor dem Sturm und den heimatlichen Wäldern, die noch grün sind, was dem Film seinen Namen gab. Bevor Kopetzkys stirbt, erzählt der Hauptmann dem Soldaten von seiner Kindheit und dem Pessach-Fest mit dem leeren Stuhl für den Propheten Elias, der die Ankunft des Messias verheißt. In einer alptraumhaften Sequenz steht Lindner schließlich vor einem zynischen K & K-General, der ihm als sein einziges Zuhause Österreich-Ungarn und als besten Freund allein den Tod verkündet. Das ist für Lindner der Beginn des Umdenkens, dem die Trennung von Telefon und Auftrag wie eine vollzogene Abnabelung folgt.

    Die Wälder sind noch grün beim 24. FilmFestival Cottbus - (c) FilmFestival Cottbus
    Die Wälder sind noch grün beim 24. FilmFestival Cottbus – (c) FilmFestival Cottbus

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    Von heimatlichen Gefühlen, Kriegsleid ganz anderer Art und patriarchalen Hierarchien einer Dorfgemeinschaft erzählen Wettbewerbsfilme aus Kasachstan und dem Kosovo. Im Spielfilm Drei Fenster und ein Strick kämpft die Lehrerin Lushe, die während des Krieges mit Serbien in ihrem Dorf im Kosovo vergewaltigt wurde, verzweifelt gegen die männliche Wand aus Schweigen und Verdrängung. Jahre später erst vertraut sie sich einer Journalistin an. Als die Männer des Dorfes den Artikel lesen, fühlen sie sich in ihrer Ehre verletzt und grenzen die junge Frau systematisch aus. Sie lebt allein und muss für ihren Sohn sorgen. Die anderen Frauen des Dorfes, von denen drei weitere damals auch vergewaltigt wurden, leiden ebenfalls unter dem Druck nicht darüber reden zu können. Die Frau eines der Männer, den die drückende Ungewissheit plagt, und der sich doch nicht zum offenen Gespräch mit seiner sichtlich traumatisierten Frau durchringen kann, wird sich sogar aus Scham erhängen.

    Nachdem die Tochter des patriarchal regierenden Dorfvorstehers Uka, der sich gern Präsident nennen lässt und großzügig Hilfsgelder verteilt, die Familie verlässt, versucht als einzige seine Frau die Stimme gegen ihren Mann zu erheben. Doch dieser bleibt unerbittlich gegenüber der Schande, die seiner Ansicht nach die Frauen über ihn und die Gemeinschaft gebracht haben. Regisseur Isa Qosja beschreibt hier sehr einfühlsam die Not dieser Frauen, die durch das erzwungene Verschweigen erneutes Leid erfahren müssen. Ein Schimmer der Hoffnung setzt die Rückkehr des im Krieg verschollenen Mannes von Lushe, der sich nicht von seiner Frau abwendet und ihr zuzuhören beginnt. Für den Film gab es eine lobende Erwähnung der Wettbewerbsjury.

    Der DIALOG-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen und eine lobende Erwähnung der Wettbewerbsjury ging an Drei Fenster und ein Strick (c) FilmFestival Cottbus
    Der DIALOG-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen und eine lobende Erwähnung der Wettbewerbsjury ging an Drei Fenster und ein Strick – (c) FilmFestival Cottbus

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    Wider dörfliche Verflechtungen, Korruption und staatliche Willkür ergreift der Film des jungen kasachischen Regisseurs Adilkhan Yerzhanov Partei. Drei Geschwister kommen nach dem Tod der Mutter aus der zu teuren Stadt in ihr Dorf zurück und ziehen in das geerbte Häuschen ein. Auf das hatte bereits auch der Bruder des Dorfpolizisten Anspruch erhoben und versucht sie nun mit Gewalt und Hilfe der korrupten Polizei wieder zu vertreiben. Die Eigentümer, wie sich der in teils brutalen, dann wieder kafkaesk surrealen Bildern gedrehte Film nennt, benutzt eine klare farblich angelegte Bildsprache. Die Bilder für die Natur, für Gut und Böse, werden mit den Farben grün, gelb und rot signalisiert. Der Maler Vincent van Gogh und seine farbigen Naturlandschaften standen dem Regisseur hier Pate.

    Der große Bruder muss dann sogar wieder in Gefängnis, und der jüngere wird damit zur Herausgabe von Auto und Haus genötigt. Niemand kommt den Dreien zu Hilfe. Der Lauf der beiden Brüder gegen die polizeiliche Willkür, Korruption und Gewalt spiegelt sich im verträumten Blick der an einem Hirntumor leidenden kleinen Schwester als clownesk zirzensisches Treiben der Täter. Die Kasachische Provinz erweist sich hier als postkommunistischer Albtraum, dem der sich zu kurz gekommen fühlende Bruder des Polizeichefs in einer Hasstirade gegen die neue Zeit verbalen Ausdruck verleiht. Der wie in einem Western gestaltete Showdown auf dem Polizeirevier wird dann sogar zum grotesk surrealen Totentanz des jüngeren Bruders mit seinen Verfolgern.

    Die Eigentümer beim 24. FilmFestival Cottbus (c) FilmFestival Cottbus
    Die Eigentümer beim 24. FilmFestival Cottbus
    (c) FilmFestival Cottbus

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    Keine Toten, dafür aber einiges an Durcheinander verbreitet der serbische Beitrag Die Ungehorsamen. Die einzige Regisseurin im Wettbewerb, Mina Djukisch, führt den Zuschauer auf ein verwirrendes Roadmovie durch die sommerlich ländliche Provinz mit weiten Feldern, Wiesen und Flüssen. Leni und Lazar, die schon in ihrer Kindheit ein unzertrennliches Gespann waren, treffen sich nach einigen Jahren beim Begräbnis von Lazars Vater wieder. Lazar, der in Deutschland studiert, und Leni, die sich mit einem Businesstypen eingelassen hat und aus Langeweile auch andere Beziehungen pflegt, verfallen sofort wieder einander und gehen gemeinsam auf eine ausgedehnte Fahrradtour. Sie treiben zunächst ein fast wortlosen Spiel aus übermütigen Blödeleien und mischen gemeinsam einen Wochenmarkt auf oder sprengen eine fremde Hochzeitsparty.

    Ihre wahren Gefühle füreinander können sie sich aber nicht eingestehen. Immer wieder versuchen sie auch voreinander zu fliehen. Die ungeklärte, obsessive Beziehung, die erst spät auch in eine sexuelle mündet, ist in ihrer ungezügelten Provokation Protest der Jugend gegen die Angepasstheit der älteren Generation, die noch im Sozialismus aufgewachsen ist, nach der Umwälzung aber in den Normen der neuen, materialistisch und chauvinistisch geprägten Gesellschaft aufgehen. Der Sturm der Jugend, der aber noch kein wirkliches Ziel kennt, bekommt seine Entsprechung in der zerstörerischen Naturgewalt eines Tornados, der vernichtend über die Felder fegt.

    (Fortsetzung folgt.)

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    Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/home/

    Zuerst erschienen am 09.011.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Die Nibelungen, der Deutschen liebster Mythos, als Beauty Of Revenge nach Hebbel am Berliner Maxim Gorki Theater und als musiklose Stabreimvariante nach Wagner am Thalia Theater Hamburg

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    Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge. Sebastian Nübling inszeniert am Maxim Gorki Theater Hebbels bürgerliches Trauerspiel als Crashversion mit Benz.

    Foto (c) Esra Rotthoff
    Foto (c) Esra Rotthoff

    Sei es die Opern-Tetralogie Richard Wagners oder das blutrünstige Trauerspiel Friedrich Hebbels, die Nibelungen – nach Heiner Müller der deutscheste aller deutschen Stoffe – lässt neben den Musiktheatern auch die deutsche Sprechtheaterlandschaft nicht zur Ruhe kommen. Stiegen noch im Januar Hebbels Nibelungen am Bonner Theater aus einem dicken BMW – das Auto ist ja bekanntlich der Deutschen liebstes Kind – wagt sich nun im Maxim Gorki Theater Sebastian Nübling als Lenker ans Steuer des blutdampfenden Nibelungenvehikels von Friedrich Hebbel.

    Wie man in der Ankündigung zur Inszenierung lesen konnte, wolle der Regisseur mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge „die dunkle menschliche Lust“ untersuchen, „unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“. Dazu benötigt man allerdings auch das passende Gefährt. In Berlin ist es ein ramponierter Mercedes Benz, der auf der Fahrt von Island oder – das Kennzeichen B RD 8914 lässt es erahnen – irgendwann nach der Wende von der Autobahn der deutsch-deutschen Geschichte abgekommen und in die Leitplanke geknallt ist. Jedenfalls schepperte es entsprechend ordentlich aus den Boxen, die danach zum Auftritt einer partygeilen Burgunder-Bande noch ein paar fette Technobeats beisteuern.

    Nübling bürstet seine Nibelungen kräftig gegen den Strich. Man könnte auch Stricher, Strizzis oder auf gut Deutsch Zuhälter sagen. Zumindest das Milieu treffen sie in ihrem Auftreten und den prollig goldgestreiften Outfits so im Ungefähren. Im Ungefähren verliert sich die Inszenierung dann aber auch ganz schnell. Nübling nivelliert das große Treue-, Blut- und Rachedrama der Deutschen zu Beginn auf das Niveau einer Kreuzköllner Streetgang herunter. Eine Bande von chauvinistischen Maulhelden (Tim Porath, Aram Tafreshian und Mehmet Ateşçi als Gunther, Gerenot und Giselher), die ihre Schwester an den Fremden (Taner Şahintürk als Siegfried) mit den dicken Dollarhosen verramschen, was Party-Girl Kriemhild (Sesede Terziyan) auch nicht sonderlich stört.

    Als Besetzungsclou kommt Till Wonka als bärtige Transe Brunhild daher. Weichei Gunther, der sich ihren Kuss nicht rauben kann, fliegt immer wieder vom Dach des Mercedes, bis ihm Siegfried bei der ersten Nacht im Fond des Wagens behilflich ist. Den Ekel muss er sich mit einer Flasche Wasser abwaschen. Der verhängnisvolle Zickenkrieg zwischen Brunhild und Kriemhild vor dem Dom findet ebenfalls auf dem Autodach statt. Wenn nicht gerade Hebbel-Text gesprochen werden muss, ist auch mal „die Kacke am Dampfen“, oder man(n) faselt vom „Vorsprung durch Technik“. Der Mord Hagens (Dmitrij Schaad als fieser Finsterling) an Siegfried findet bei einer Sado-Maso-Orgie der Männer statt. Danach schwört Hagen die Bande auf sich ein, bevor Kriemhild nochmal ganz als Hebbel’sche Furie Gerechtigkeit und Gericht über Hagen einfordern darf.

    „Mein Freund, wir sind auf einem Totenschiff“, sagt der verschlagen dreinblickende Hagen nach der Pause und sitzt dabei wie festgewachsen auf seinem Regie-Klappstuhl. Hebbels tragische Geschichtsauffassung, dass erst etwas komplett untergehen muss, bevor etwas Neues entstehen kann, der Mythos von der unausweichlichen Reise in die Katastrophe, wird hier zum Trip in eine stilisierte Welt aus lauter weißgewandeten Racheengeln. Die Heunen am Hofe Etzels (Nora Abdel-Maksoud) sind das zivilisierte Heute, aufgeklärt, gebildet und sprechen französisch. Wohl das, was König Gunther vorher ironisch mit Weltoffenheit und Neugier bezeichnet hatte. Die besagte Schönheit der Rache ergeht sich in Chorgesang und choreografiertem Säbeltanz. Auch hier Geschwafel von Humboldts Kosmos-Vorlesungen oder Edmund Birke, dem irischen Vordenker des Konservatismus. Eine merkwürdige Art von Ironie. Nübling entsorgt das ganze Deutsche Trauerspiel samt seiner alten Rezeption auf den Schrottplatz der Geschichte und baut ein paar schöne neue Ersatzteile ein.

    Der Untergang der Nibelungen im Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.
    Der Untergang der Nibelungen im Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

    Für den Dramatiker Heiner Müller war der Deutschen deutschestes Drama auch immer noch deutsche Wirklichkeit. Er hat ihn in einer grotesken Toten-Nummer in sein deutsch-deutsches Geschichtsdrama Germania 3 aufgenommen. Hermann Göring bezeichnete einst die Schlacht um Stalingrad als Nibelungenkampf. Müller sah im sich drehenden Mercedesstern auf dem West-Berliner Europacenter das Zahngold von Auschwitz und anderen Filialen der Deutschen Bank. Das will man heute nicht mehr hören geschweige denn wahr haben. Zumindest im Programmzettel des Gorki-Theaters klingt das am Beispiel der deutschen Autoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg noch an. Heute ist der Kampfplatz ein Absatzmarkt für deutsche Produkte – und seien es Waffen. Made in Germany, da irrt nämlich die Inszenierung, ist nach wie vor gefragt. Und das ist kein blöder Witz.

    Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist also in Gefahr. Zumindest will uns das die einzige zurzeit punktende Alternative für Deutschland weiß machen. Dieses Thema verkleinert Nübling hier auf Gartenzwerggröße. Und der komischste und gleichzeitig tragischste unter ihnen ist ausgerechnet der schwarzblütige Hagen selbst. Dmitrij Schaad fehlt nur noch die schwarze Zipfelmütze zum finsteren Outfit, wenn er mit albernen Durchhalteparolen quer durch die deutsche Geschichte von Goethes „Amboß oder Hammer sein“ über Goebbels Sportpalastrede bis zum Politikerspruch Helmut Schmidts „In der Krise beweist sich der Charakter“ seine schlaffen, sich in den Mercedes zurückziehenden Burgunder wieder auf Linie bringen will.

    Ist es bei Müller noch eine schaurig groteske Totenaustreibung, kommt Hagen von Tronje bei Nübling nur noch als lebendes Ausstellungsstück ins Deutsche Historische Museum. Der unvermeidliche Selfi mit Touristen darf nicht fehlen. Das Blut fließt bekanntlich woanders. Nach den Blutorgien von Marius von Mayenburg an der Schaubühne und Michael Thalheimer am Deutschen Theater vor vier Jahren hat Berlin auch weiterhin kein glückliches Händchen mit seinen Nibelungen. Man ist im Theater aber selten so plump und banal von der Seite angemacht worden wie in dieser Inszenierung. Der intellektuelle Zugriff auf den pathetischen Nibelungenstoff Hebbels ist dabei so desaströs platt wie die Reifen einer alten Schrottkarre. Der erste große Flop des Jahres im Theater des Jahres. Einfach nur ärgerlich.

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    Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge
    nach Friedrich Hebbel
    Premiere am Maxim Gorki Theater: 23.10.2014
    Regie: Sebastian Nübling
    Bühne und Kostüme: Eva-Maria Bauer
    Musik: Lars Wittershagen
    Licht: Jan Langebartels
    Dramaturgie: Jens Hillje.
    Mit:
    Giselher: Mehmet Ateşçi, Etzel: Nora Abdel-Maksoud, Werbel: Cynthia Micas, Gunther: Tim Porath, Siegfried: Taner Şahintürk, Hagen von Tronje: Dimitrij Schaad, Rüdeger: Falilou Seck, Gerenot: Aram Tafreshian, Kriemhild: Sesede Terziyan, Brunhild: Till Wonka, Das Kind: Sarah Böckner / Benita Haacke / Fée Mühlemann / Annika Weitzendorf

    Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

    Weitere Termine: 19. + 28. 11. 2014

    Infos: www.gorki.de

    Zuerst erschienen am 25.10.2014 auf Kultura-Extra.

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    Wagalaweia! Auweia! – Antú Romero Nunes inszeniert am Hamburger Thalia Theater den Ring von Wagner ohne Wagners Musik. / 1. Abend: Rheingold / Walküre

    Nach Sebastian Nüblings ziemlich plattgefahrenen Hebbel-Nibelungen am Berliner Maxim Gorki Theater gräbt just eine Woche später das Thalia Theater Hamburg den gesamten Ring des Nibelungen wieder aus. Der talentierte Regie-Tausendsassa Antú Romero Nunes stellt ihn als Sprechvariante nach Richard Wagners Libretto und altväterlichen Sagentexten frech auftrumpfend auf die Bühne an der Alster.

    Wagners Ring am Thalia Theater Hamburg - Foto: St. B.
    Wagners Ring am Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

    Und tief im Mythendreck vergraben erscheint auch der von Nunes frei auf die Drehbühne hinassozierte Beginn der Inszenierung. Da buddelt sich erst unter Klagelauten Cathérine Seifert in einen aus Blumenerde aufgeschütteten Haufen, um dann den anderen, aus dem Dunkel erscheinenden Zottelwesen ein aus besagtem Dreck gegrabenes Goldbündel zu präsentieren. Dabei geht das Licht immer wieder an und aus, Tag und Nacht als Ablauf der Zeit, in der sich diese Urmenschen langsam aber sicher wegen der goldglänzenden Habe in die Haare bekommen und an die Wäsche gehen. Stanley Kubrick lässt grüßen. In machohaften Machtspielchen und Unterwerfungsszenen mit Gegrunz, Feuerschein und Hammerschlag wird eine Art archaische Welt- und Menschheitsentstehungsphantasie als Vorgeschichte des eigentlichen Dramas um die Gier nach Wollust, Gold und Macht erzählt.

    Vor die Macht aber hat Wagner in seinem Ring-Text den Verzicht auf Liebeslust und Minne gesetzt. Und nur dem, der dies beherzigt, kann der aus rotem Gold geschmiedete Reif im Tausch mit der Liebe zu maßloser Macht verhelfen. Um eine neue Welt erschaffen zu können, muss aber der Bann des Besitzes gebrochen und die alte Welt vernichtet werden. Hier paaren sich Sagenstoff und romantische Revolutionsvorstellung verklärend zum mythischen Gesamtkunstwerk Richard Wagner. Die Rückkehr zum angestrebten „Naturzustand“ war für ihn nur durch eine radikale Zerstörung des Staates und seiner Gesetze zu erreichen. Soweit hatte Wagner seinen Bakunin gelesen und in seine Schrift Die Kunst und die Revolution einfließen lassen. Was daraus wurde und was Wagner noch vom freien und „starken, schönen Menschen“ zu berichten wusste, ist in anderen Schriften zu lesen, denen das Thalia Theater weiter keine größere Beachtung schenkt.

    Wo Wagner mit seiner radikalen Sehnsucht nach Liebe und Sinnlichkeit eine Überwältigungs-Oper komponiert, macht sich Nunes daran, dieses Pathos mit etwas pantomimischer Parodie aufzubrechen. Und so erzählen sich nun die der Sprache noch nicht Mächtigen auf der Bühne mit Händen und Füßen ihre ersten Heldentaten. Der Urtrieb nach Macht als Mythos bestehend aus Mord und Totschlag. Wobei die anderen gebannt starren, und was nach einer guten halben Stunde bei einer besonders eingängigen Performance von Peter Jordan den ersten Szenenbeifall gibt.

    Doch wer ist hier nun eigentlich wer? Genau das ist am Anfang auch das Problem, bis sich nach und nach aus dem wortkarg grunzenden Haufen die ersten Charaktere herausschälen und zu wagalaweiern beginnen und aus dem ersten Wort dann Werk, Weisheit und Wissen entstehen, dass alles was ist, auch endet. Eine der signifikantesten und viel wiederholten Aussagen dieses Abends.

    Foto des Thalia-Schaukastens St. B.
    Foto des Thalia-Schaukastens St. B.

    Wo es bis auf kleine angedeutete Klangzitate an der Musik mangelt, tritt nun von Anbeginn die stabgereimte Wagner’sche Alliteration in den Vordergrund, die bestimmt manch Opernfreund in ihrer Gänze noch nie so blank und bloß vernommen hat. Und obwohl die eigentliche Komödie der Tetralogie mit dem Siegfried ja noch kommt, nutzt Nunes, um seine Ringversion szenisch aufzupeppen, das vielleicht auch ungelenk und unfreiwillig Komische des Textes für eine recht ironische Sicht auf die Story, bei der es ordentlich kiest und kirrt, ohne aber gänzlich in die Klamotte abzurutschen. Das große Gefühlige in Wagners Text und Musik ersetzt der Regisseur mit mal düster dräuenden oder auch elektrisch wummernden Sounds, für die Johannes Hofmann verantwortlich zeichnet.

    Die Götter-Personage des Rings hat Nunes etwas eingedampft und arbeitet auch mit Doppelbesetzungen. So heißt Göttin Erda hier Kriemhild (Cathérine Seifert) – bei Wagner zeugt sie mit Alberich den Hagen – und Bärbel Schwarz als Wotans Frau Fricka übernimmt auch die Rolle der vertraglich an den Riesen Fafner verschacherten Freia, was für einige lustige Eheszenen mit dem arg geplagten Wotan (Alexander Simon) sorgt. Das Programmheft gibt hier einen kleinen Abriss der Figuren. Das Who is Who im sagenumwobenen Mythenmatsch. „Wotan Who?“ Genau dazu kann man sich dann noch im Logenrang Die Nibelungen verstehen in drei Fragen – Ein Versuch ansehen.

    Obergott Wotan, der sich seine Verträge macht und sie bricht wie es ihm gefällt, ist bei Alexander Simon ein eher windiger Schacherer und Macho, der den tumben Riesen Fafner (Thomas Niehaus) übers Ohr hauen will, aber dazu auf die Hilfe eines Schlaueren angewiesen ist. Als große Kraft- und Körpernummer mit knalliger Musik und mit dem Mund erzeugten Geräuschen baut Niehaus‘ Fafner die Burg Walhall faktisch im Alleingang. Der nächste Szenenapplaus ist ihm damit sicher. Hier glänzt Nunes Einfallsreichtum und sein talentierter Blick für außergewöhnliche Theaterbilder, was er bereits in so manch anderer unkonventionellen Inszenierung auch am Maxim Gorki Theater unter Armin Petras bewiesen hat.

    André Szymanski gibt den lüstern lechzenden Alberich als schief gehendes halbglatziges Wesen, das nicht von ungefähr an den Gollum der Tolkin’schen Ring-Saga erinnert, wie sich sicher auch Matthias Koch in Maske und Kostümen von Peter Jacksons Verfilmung der Herr der Ringe-Trilogie oder den endzeitlichen Mad Max-Filmen inspirieren ließ. Alberich verliert hier in einem listigen Frage-Antwort-Spiel um die Mythen der Urwelt seinen Schatz an Wotan und Loge den Listigen, der unter Peter Jordans außerordentlicher Präsenz zur vielleicht interessantesten Gestalt dieser Inszenierung wird.

    Dagegen fallen gerade das geschwisterliche Liebespaar Sieglinde (Lisa Hagmeister) und Siegmund (Daniel Lommatzsch) etwas ab, die den noch kommenden Helden Siegfried im Erdbett zeugen. Der finstere Hunding (Thomas Niehaus) bekommt einen Bauch umgeschnallt, wälzt sich sein Gebiet markierend wie ein Köter im Dreck und weist Siegmund, dem verhassten Wölfing, den Platz am Rand der Bühne. Der Kampf ist dann auch wie ein Geheul unter Hunden und Wölfen. Wotans Macht erweist sich hier als eine sehr willkürliche und durch die Eifersucht Frickas geprägte. Die Walküre Brünnhilde zeugt der Gott bei einer Vergewaltigung Kriemhilds (eigentlich Erda). Die Hass-Liebe-Beziehung zu Brünnhilde (Marina Galić) ist ein gezwungen patriarchaler Akt, der immer wieder auch ins Komische abdriftet. Diesen Wotan kann man samt seiner veralberten Schwert- und Walkürenritt-Einlagen nicht wirklich ernst nehmen.

    Der Ring am Thalia Theater Hamburg  Foto (c) Armin Smailovic
    Der Ring am Thalia Theater Hamburg
    Foto (c) Armin Smailovic

    Wo mit den Jahren in der Oper immer wieder neu versucht wurde, Wagners Opus Magnum aktuell zu deuten – wie letztens erst Frank Castorf & Aleksandar Denic im neuen Bayreuther Ring mit dessen sich ums schwarze Gold Erdöl drehenden Welterklärung ganz aus kapitalistischer Sicht – geht es Nunes hier eigentlich nur ums mythologisch Märchenhafte der Entstehung von Gier und Macht. Das lenkt dann schon eher von aktuell-politischen Zusammenhängen ab und den Blick des Publikums rein auf das dramatische Schauspiel. Leider hängt Nunes Ring da trotz großartiger Darsteller doch gerade in der zweiten Hälfte etwas schlaff in den Seilen. Und so beschleicht einen hie und da das garstig‘ Gefühl, da fehle noch was (außer der Musik).

    Im Januar vollendet sich dann mit dem Siegfried und der Götterdämmerung der Ring des Antú Romero Nunes, der an diesem ersten Abend das Potential der Geschichte wohl noch nicht ganz ausgeschöpft hat. Nach oben wähn‘ ich weidlich Lüfte in neblig‘ Lichten Nibelheims. Was in etwa heißen soll: Da ist noch reichlich Luft nach oben.

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    Der Ring: Rheingold/Walküre
    nach Richard Wagner und Altvätern
    Regie: Antú Romero Nunes
    Ausstattung: Matthias Koch
    Musik: Johannes Hofmann
    Musikalische Mitarbeit: Anna Bauer
    Dramaturgie: Sandra Küpper
    Mit: Marina Galic, Lisa Hagmeister, Peter Jordan, Daniel Lommatzsch, Thomas Niehaus, Bärbel Schwarz, Cathérine Seifert, Alexander Simon, André Szymanski

    Dauer: 3 Stunden, eine Pause

    Gesehene Vorstellung: 31.10.14
    Premiere im Thalia Theater war am 25.10.14

    Weitere Termine: 15. + 16. 11. / 4., 13., 25. 12. 2014 / 14. 1. 2015

    Infos: www.thalia-theater.de

    Zuerst erschienen am 03.11.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Zwei Versuche zu Dylan Thomas (1914 – 1953)

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    Dylan Thomas by Alfred Janes - Foto: Nat. Museum Wales (c) Hilly Janes
    Portrait by Alfred Janes – Foto: Nat. Museum Wales (c) Hilly Janes

    „Das Ziel des Gedichts ist das Zeichen, welches das Gedicht selbst setzt: Es ist das Geschoß und das Zentrum der Zielscheibe; das Messer, das Gewächs und der Patient. Ein Gedicht bewegt sich nur auf sein eigenes Ende hin, und das ist der letzte Vers.“

    Dylan Thomas (27.10.1914 – 09.11.1953) in einem Brief an den Kritiker, Lyriker und Romancier Henry Treece (16.5.1938.)

    Und dem Tod soll kein Reich mehr sein

    Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.
    Nackt erst werden die Toten eins
    mit dem Mann im Wind und im Westmond;
    Gehn die bloßen Knochen den Weg allen blanken Gebeins,
    Kehren ihre Glieder mit dem Sternenlicht heim.
    Wenn sie irre werden, sollen sie klarer sehn
    Wenn sie versinken im Meer, wieder auferstehn;
    Wenn auch Liebende fallen, die Liebe fällt nicht;
    Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.

    Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.
    Lang schon tief unterm wirbelnden Meer
    Solln nicht sterben sie windig und leer;
    Die gestreckt auf die Bank, wo die Sehnen gezerrt,
    Die geflochten aufs Rad, nicht zu brechen bereit;
    Wenn der Glaube auch birst in der Hand
    Und des Einhorns Übel sie verbannt;
    Getrennt aller Enden, werden sie nicht reißen;
    Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.

    Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.
    Nie mehr ein Möwenschrei dringt an ihr Ohr
    Noch branden laut Wellen die Küste empor;
    Wo einst Blumen geblüht, kann keine Blume mehr
    Heben den Kopf in den Schlag des Regens.
    Auch im Wahn und so tot wie Stein,
    Die Besten der Köpfe prägen sich ein;
    Steigen zur Sonne, bis die Sonne vergeht.
    Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.

    Foto: St. B.
    Foto: St. B.

    And death shall have no dominion

    And death shall have no dominion.
    Dead men naked they shall be one
    With the man in the wind and the west moon;
    When their bones are picked clean and the clean bones gone,
    They shall have stars at elbow and foot;
    Though they go mad they shall be sane,
    Though they sink through the sea they shall rise again;
    Though lovers be lost love shall not;
    And death shall have no dominion.

    And death shall have no dominion.
    Under the windings of the sea
    They lying long shall not die windily;
    Twisting on racks when sinews give way,
    Strapped to a wheel, yet they shall not break;
    Faith in their hands shall snap in two,
    And the unicorn evils run them through;
    Split all ends up they shan’t crack;
    And death shall have no dominion.

    And death shall have no dominion.
    No more may gulls cry at their ears
    Or waves break loud on the seashores;
    Where blew a flower may a flower no more
    Lift its head to the blows of the rain;
    Though they be mad and dead as nails,
    Heads of the characters hammer through daisies;
    Break in the sun till the sun breaks down
    And death shall have no dominion.

    Dylan Thomas

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    Dylan Thomas. Statue im Maritime Quarter Swansea - Foto: Wikipedia
    Statue im Maritime Quarter Swansea – Foto: Wikipedia

    „Komm nur her. Nur du kannst die Häuser schlafen hören. Nur du kannst in den vorhangblinden Schlafzimmern die Kämme sehen, die Unterröcke über den Stuhllehnen, die Krüge und Becken, die Gläser mit falschen Gebissen, an der Wand das ‚du sollst nicht‘ und die vergilbenden Bitte-recht-freundlich-Bilder der Toten.“

    Dylan Thomas, aus: Unter dem Milchwald

    Geh nicht gelassen in die gute Nacht (1)

    Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
    Das Alter sollte brennend toben, geht der Tag;
    Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

    Auch wenn am Schluss nicht die Erleuchtung lacht,
    Kaum dass ein Blitz je diese Worte spalten mag;
    Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

    Der Tränen guter Männer letzte Welle bracht
    Ihr brüchig Werk, das einst in grünen Buchten lag;
    Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

    Wild singend noch erjagten sie der Sonne Macht,
    Zu spät gewiss, was dauernd sie vermag;
    Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

    Mit fahlem Blick, dem Tode nah, ganz sacht
    Des Menschen brechend Auge leuchtet vag;
    Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

    Und du, mein Vater, dort auf traurig hoher Wacht,
    Mit heißen Tränen fluch und segne mich, ich sag:
    Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
    Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

    Ruine des Zisterzienserklosters Himmelfort - Foto: St. B.
    Ruine des Zisterzienserklosters Himmelfort – Foto: St. B.

    Geh nicht gelassen in die gute Nacht (2)

    Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
    Das Alter sollte tobend brennen, geht der Tag;
    Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

    Die Männer, deren Worte niemals Licht entfacht,
    Da aller Weisheit dunkler Schluss ist vag,
    Gehn nicht gelassen in die gute Nacht.

    Die Guten schreien, bis die letzte Welle kracht
    Entzwei ihr Werk, das einst in grünen Buchten lag,
    Zornwütig gegen das, was dunkel macht.

    Die Wilden, die lang jagten nach der Sonne Pracht,
    und spät erst lernten, dass nichts ewig dauern mag,
    Gehn nicht gelassen in die gute Nacht.

    Im greisen Blick, dem Tode nah, erwacht
    fast blind ein letzter heller Augenschlag,
    Zornwütig gegen das, was dunkel macht.

    Und du, mein Vater, traurig hoch gib Acht,
    Um deiner Tränen Fluch und Segen bitt ich, sag:
    Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
    Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

    Do not go gentle into that good night

    Do not go gentle into that good night,
    Old age should burn and rave at close of day;
    Rage, rage against the dying of the light.

    Though wise men at their end know dark is right,
    Because their words had forked no lightning they
    Do not go gentle into that good night.

    Good men, the last wave by, crying how bright
    Their frail deeds might have danced in a green bay,
    Rage, rage against the dying of the light.

    Wild men who caught and sang the sun in flight,
    And learn, too late, they grieved it on its way,
    Do not go gentle into that good night.

    Grave men, near death, who see with blinding sight
    Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
    Rage, rage against the dying of the light.

    And you, my father, there on the sad height,
    Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
    Do not go gentle into that good night.
    Rage, rage against the dying of the light.

    Dylan Thomas

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    Foto (c) New Directions Publishing Corp.
    (c) New Directions Publishing Corp.

    „Mir gefiel der Geschmack von Bier, sein lebendiger, weißer Schaum, seine kupferhellen Tiefen, die plötzlichen Welten, die sich durch die nassen braunen Glaswände hindurch auftaten, das schräge Anfluten an die Lippen und das langsame Schlucken hinunter zum verlangenden Bauch, das Salz auf der Zunge, den Schaum im Mundwinkel.“  – Dylan Thomas

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  • ’s ein „Spielmodell“ nach Heiner Müller

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    „Das kann jeder machen.“ Da war sich der Dramatiker Heiner Müller ziemlich sicher. 1984 legte er mit der Bildbeschreibung ein dramatisches „Spielmodell“ vor, eine Versuchsanordnung mit wechselnden Optiken, „ein Stück, das man mit sich selbst aufführt“. Und das sich v.a. mit jeder neuen Überschreibung erneut in Frage stellt.

    Woyzeck - Foto DT-Schaukasten St. B.
    Foto DT-Schaukasten / St. B.

    „Bin das ich, … ICH?“ Da ist sich am Ende der Aufführung der Schauspieler Benjamin Lillie (in der Rolle des Beschreibenden) schon nicht mehr so sicher über das Bild, an dem er den ganzen Abend zusammen mit seiner Mitstreiterin Katrin Wichmann gearbeitet hat. In diesem Stil, mit der Zweierkonstellation Mann-Frau, Woyzeck-Marie, überschreibt der Regisseur Sebastian Hartmann in seiner neuen Inszenierung am Deutschen Theater den Woyzeck mit Texten von Heiner Müller und Georg Büchner, dem Autor des Stück-Fragments selbst. „Ein Zugriff, der zur Folge hat“, wie es im Programmheft steht, „dass jede Vorstellung anders sein wird.“

    „ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“ – und trotzdem scheint es heute, als wäre der 1995 verstorbene Dichter Heiner Müller präsenter denn je. Erst im März dieses Jahres hatte Sebastian Baumgarten den Kentauren-Text aus Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee I-IV ans Ende seiner Dresdener Antigone-Inszenierung gesetzt. Was Frank Castorf seit Jahren zelebriert, seine Adepten tun es ihm nun gleich, als wäre der Heilige Geist des 2013 verstorbenen Dimiter Gotscheff in sie gefahren.

    Wirkte die Müller’sche „Amtsschimmel“-Parabel des buchstäblich mit seinem Schreibtisch verwachsenen Stasi-Beamten als Vergleich zum diktatorischen Regierungsstil des Kreon noch angepappt wie ein alberner Fremdkörper, nichts zeigend, was Baumgarten in seiner mit plakativer Symbolik aufgeladenen Inszenierung nicht schon lang und breit angedeutet hätte, so hat es Hartmanns Variante der textlichen Verschränkung und Übermalung durchaus in sich.

    Der Leipziger Ex-Intendant ist bekannt für sein psychodelisches Bildertheater. So hat er schon Thomas Manns Zauberberg, Michael Frayns Nackten Wahnsinn, Hans Falladas Trinker oder Leo Tolstois Krieg und Frieden mit assoziativen Klang- und Bildräuschen beballert. Aus Goethes großem, egomanischen Weltsinnsucher wurde gar Mein Faust. Am Deutschen Theater stellt Hartmann nun den Füsilier Franz Woyzeck und seine Marie in einen schwarz geteerten rechteckigen Trichter, wie ein überdimensioniertes Lautsprechergehäuse, das den E-Geigen-Sound des Livemusikers Ch. Mäcki Hamann transportiert und dessen Wände sich hervorragend für die schwarz-weißen Licht- und Schattenspiele des Videokünstlers Voxi Bärenklau eignen. Auch eine Art Gegenschräge aus dem Reich der Toten, die hier ihre Hände ins Licht recken.

    Woyzeck - Foto DT-Schaukasten St. B
    Foto DT-Schaukasten / St. B.

    „Weißt du auch, wie lang es jetzt is, Marie?… Und wie lang es noch sein wird?“ Woyzecks und Maries Liebe ist von Anbeginn ein nicht enden wollender Mord aus einer Art gymnastischen Übung heraus. Die Körper schnellen hoch, werfen sich ineinander, reiben sich, klammern und rollen – „…der Mord ist ein Geschlechtertausch, fremd im eigenen Körper“ schreibt Müller. Und so wechseln die beiden nicht nur die Rollen des Mörders und Mordopfers, sondern auch Text und Geschlecht, sind mal Manns- mal Weibsbild, Hauptmann, Arzt und Tambourmajor. In den Armen liegend erzählen sie sich ihre Geschichte „aus den Eingeweiden der Welt“, als Selbstvergewisserung vor der Sinnestäuschung.

    „Wie viel Blut hat ein Mensch?“ Hier eine ganze Tube voll. Küsse, Bisse – ein Übereinanderfallen von Körpern und Worten. Wo die Lücke im Ablauf des fragmentarischen Textes klafft, schiebt Hartmann nach. Ein athletisches Textmikado aus Heiner Müllers Hydra, Büchners ebenso hirnwütigen Dichter Lenz, dem Hessischen Landboten und Briefen. Vom Kampf gegen das eigene Ich über die Knechtschaft des Volkes bis zum alles zernichtenden Geschichtsfatalismus in Büchners Briefen. Das Paar spielt das hier beispielhaft immer wieder durch. Improvisationen über Liebe, Geschlechterkrieg und Tod. Mal emotional aufwühlend, dann wieder kommt ein „Ruhig Woyzeck, langsam!“

    Was Woyzeck körperlich nicht mehr vermag, holt sich Marie beim Tambourmajor. Benjamin Lillie steht nackt und angespornt von Katrin Wichmann im Trichter, schwingt sein schlaffes Gemächt, aber selbst das Pippi will nicht mehr kommen. Ist vom Volk als Herde, schwitzend, stöhnend und der Ordnung des Staates die Rede, macht Lillie den nachäffenden Primaten. Hartmann scheut keine Peinlichkeiten, lässt seine Akteure schreien, greinen und blödeln bis die Bühne sich aufschiebt und das Mordsfeld freigibt.

    „Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau“ versinkt im Nebel der Explosion einer Erinnerung, eine maschinell befeuerte Assoziation. Lillie berichtet von der Natur als Versuchsanordnung wie ein Betonklotz in der Landschaft mit Mann, Vogel, Frau. Eine Bildbeschreibung im Rückblick auf Gewesenes. Der Mensch, ein Stottern im Text, allein in einer abgestorbenen dramatischen Struktur, wie es Heiner Müller sah. Nicht das Messer, der Mensch WOYZECK ist noch immer die offene Wunde. Und das hat Sebastian Hartmann zumindest ganz gut erkannt. Nach dem kraftvollen Woyzeck von Leander Haußmann im BE und dem eher esoterischen Totenkult Woyzeck III von Mirko Borscht im Maxim Gorki Theater mal eine ganz andere Lesart.

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    WOYZECK
    von Georg Büchner
    Mit weiteren Texten von Georg Büchner und Heiner Müller
    Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
    Kostüme: Adriana Braga Peretzki
    Musik: Ch. ‚Mäcki‘ Hamann
    Video: Voxi Bärenklau
    Dramaturgie: Juliane Koepp.
    Mit: Katrin Wichmann und Benjamin Lillie.

    Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

    Termine: 22. Oktober sowie 3., 12. und 17. November

    Infos: www.deutschestheater.de

    Zuerst erschienen am 18.10.2014 auf Kultura-Extra.

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  • The Cut – Fatih Akins Armenier-Drama kommt nach den Filmfestspielen in Venedig jetzt auch in die deutschen Kinos.

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    the-cut_artwork_plakat-a4„Es war einmal, es war keinmal…“ beginnen alle türkischen Märchen, und auch Fatih Akin stellt diese Zeilen seinem neuen Film The Cut über den Leidensweg eines armenischen Schmieds aus der mesopotamischen Stadt Mardin voran. Das soll nicht heißen, dass dessen Geschichte etwa nur ein Märchen wäre. Akin will damit wohl eher ausdrücken, dass das Drama der im Ersten Weltkrieg vom Osmanischen Reich verfolgten und ermordeten Armenier für diese bittere Tatsache ist, wohingegen man in der Türkei auch heute noch nicht von einem Genozid sprechen will. Nach dem Scheitern eines Filmprojekts über das Leben des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 von einem jungen türkischen Nationalisten erschossen wurde, entschloss sich Fatih Akin, einen Film über den Völkermord an den Armeniern zu drehen.

    Es ist dem in Hamburg aufgewachsene Regisseur mit türkischen Wurzeln eine Herzensangelegenheit gewesen. Das Projekt stand dann aber wohl von Anbeginn unter keinem besonders guten Stern. Schon im Vorfeld gab es Widerstand aus der Türkei. Und so wie Akin von dort wegen Verrats angefeindet wurde, ist auch die Kritik in Deutschland bisher nicht gerade zimperlich mit dem Regisseur umgegangen. The Cut lief bereits im September im Wettbewerb des Filmfestivals Venedig. Man warf Fatih Akin vor, sich mit dieser Mammutproduktion übernommen zu haben, gänzlich unpolitisch zu sein und Hollywoodkino in CinemaScope zu machen. Und das sicher nicht nur, weil er sich den aus Armenien stammenden Drehbuchautor Mardik Martin, einen ehemaligen Mitstreiter Martin Scorseses, mit an Bord geholt hatte.

    The Cut - Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih 2014
    The CutFoto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih

    Noch zu Beginn, 1915 in seiner Heimatstadt Mardin, ist Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) ein sehr religiöser Christ, dessen Namen nicht umsonst an die Geburtsstadt des Erlösers erinnert, wie sich später noch herausstellen wird. Aber schon hier in Nazarets glücklichem Familienidyll mit Frau und Töchtern beginnt sich bereits der Schatten des Kriegs über das bisher friedliche Zusammenleben von Armeniern und Türken zu legen. Es ist von Osterlämmern die Rede, und Kraniche am Himmel sind ein Zeichen für eine gemeinsame lange Reise. Wie über Nacht werden dann Minderheiten zu Fremden erklärt. Zuerst holen die türkischen Soldaten die armenischen Männer aus ihren Häusern, später wird Nazaret in der Wüste die Trecks von Frauen, Kindern und Alten vorbei ziehen sehen. Da ist er selbst mit den Männern seiner Stadt bei der Zwangsarbeit für die Bagdadbahn durch die Wüste. Man kann dies allerdings nur erahnen. Fatih Akin lässt zwar nichts aus, sein Held durchläuft alle Stationen des systematischen Völkermords an den Armeniern, der Film enthält sich aber fast durchweg jeder politischen Erklärung oder gar Stellungnahme.

    Als Schlusspunkt seiner mit Gegen die Wand begonnen Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ erzählt Fatih Akin in The Cut mittels hoch emotionalen Bilder vom Martyrium des Schmieds Nazarets, der in Folge fast seine gesamte Familie verliert, auf wundersame Weise selbst überlebt und bei einem Massaker nach einem halbherzigen Schnitt eines mit Skrupel behafteten türkischen Häftlings in seinen Hals nun stumm auf einen Leidensweg geht, der dem des gottgeprüften Hiob nahe kommt. Dieser Schnitt oder Cut durchtrennt ihm nicht nur die Stimmbänder, er ist ein nachwirkender Einschnitt in das Weltverständnis eines gottesfürchtigen Mannes, der schließlich zum Bruch seines gesamten Wertesystems führt.

    The Cut - Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih 2014
    The Cut Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih

    Den Glauben an Gott verliert Nazaret spätestens im berüchtigten osmanischen Konzentrationslager von Raʾs al-ʿAin an der syrischen Grenze. Wie in einer Art verkehrten Pieta fleht ihn hier die Witwe seines getöteten Bruders Hrant an, sie zu erlösen. Bei dem Versuch, nach der Tat sich das tätowierte Kreuz vom Handgelenk zu kratzen, muss man unweigerlich an die Stigmata Christi denken oder an die Parallelen zum jüdischen Volk mit den eintätowierten KZ-Nummern. In Nelly Sachs Gedicht Hiob heißt es: „Und wenn diese meine Haut zerschlagen sein wird / so werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen.“ Für Nazaret kann es diesen Gott nicht mehr geben. Oder [wieder Nelly Sachs:] „Zu den Würmern und Fischen ist deine Stimme eingegangen.“ Mit diesem Film versucht Fatih Akin den Ungehörten eine Stimme zu geben. Dass dies nicht zum Theodizeeschinken wird, verdankt der Film seiner Hauptfigur, die stoisch ihren Weg geht. Einzig von der Liebe zu seinen Töchtern angespornt weiterzuleben.

    Letztendlich geht es Akin auch nicht nur um einen Helden, der stumm leidet, sondern darum, was ihm in Worten und Taten der Anderen widerfährt. Wobei diese Figuren dann immer wieder auch sehr eindimensional gezeichnet sind. Auf seiner Odyssee durch die syrische Wüste trifft Nazareth auf wohlmeinende türkische Deserteure, wird von Beduinen wieder aufgepäppelt und landet schließlich im Wagen eines hilfsbereiten arabischen Seifenmachers, versteckt in der Stadt Aleppo. Ein Anlaufpunkt und Asyl für viele weitere Überlebende. Hier bekommt der Film eine Atempause und andere freundlichere Bilder – z.B. wenn Nazaret in einem Freiluftkino sitzt und sich gebannt die ersten laufenden Bilder seines Lebens (Teufelswerk, wie eine arabische Frau versichert) ansieht. Es ist der Stummfilm The Kid mit Charly Chaplin (in der Rolle des Tramps) mit seiner Vaterliebe zu einem Waisenkind. Auch eine Hommage Akins an die Anfänge des Kinos und dessen empathische Wirkung großer Bilder.

    The Cut - Foto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih 2014
    The CutFoto: Gordon Muehle © bombero int. / Pandora Film Verleih

    Als er nach dem Krieg erfährt, dass seine beiden Töchter noch am Leben sind, setzt Nazaret seine Reise auf der Suche nach ihnen durch syrische Huren- und libanesische Waisenhäuser, über Kuba, Florida und Minneapolis bis in den amerikanischen Westen nach North Dakota fort. Auch dort sind die Menschen leicht in Gut und Böse zu unterscheiden. Und auch Nazaret steht vor der Entscheidung, wie weit er für das Erreichen seines Ziels gehen will. Fatih Akin zeigt hier nun das schwere Schicksal eines illegalen Migranten zwischen harter Arbeit, Ausländerhass und der Schwierigkeit selbst Mensch zu bleiben.

    Viel Herzblut hat Fatih Akin investiert, was man dem Film nun auch ansieht. Letztendlich sind dem Regisseur dabei wohl auch ein wenig die Distanz zum schwierigen Thema und das Vertrauen in die eigene Kunst des Erzählens abhandengekommen. Die Wucht seines früheren, direkten, ungeschliffenen Stils vertauscht er hier mit der fast erschlagenden Wucht emotionaler Bilder und Symbole. Akin will viel, vielleicht zu viel. Mit der rastlosen Zielstrebigkeit seines Helden verliert der Film irgendwann das eigentliche Ziel aus den Augen. Was Nazaret schließlich findet, ist zumindest ein spätes Glück und einen Ort für seine Trauer.

    ***

    The Cut
    Deutschland, Frankreich, Polen, Türkei, Kanada, Russland und Italien 2014
    Regie: Fatih Akin
    Drehbuch: Fatih Akin, Mardik Martin
    Kamera: Rainer Klausmann
    Setdesign: Allan Starski
    Kostüm: Katrin Aschendorf
    Maske: Waldemar Pokromski
    Schnitt: Andrew Bird
    Musik: Alexander Hacke
    Casting Director: Beatrice Kruger
    Produzenten: Fatih Akin, Karl Baumgartner, Reinhard Brundig, Nurhan Sekerci-Porst, Flaminio Zadra
    Besetzungsliste:
    Nazaret Manoogian: Tahar Rahim
    Krikor: Simon Abkarian
    Omar: Nasreddin Makram J. Khoury
    Rakel: Hindi Zahra
    Hagob Nakashian: Kevork Malikyan
    Mehmet: Bartu Küçükçağlayan
    Arsinée und Lucinée: Zein und Dina Fakhoury
    Leiterin Waisenhaus: Trine Dyrholm
    Frau Nakashian: Arsinée Khanjian
    Hrant: Akin Gazi
    Levon: Shubham Saraf
    Vahan: George Georgiou
    Ani: Arévik Martirossian
    Lucinée: Lara Heller
    Peter Edelman: Moritz Bleibtreu

    Kinostart: 16.10.2014

    Infos: http://www.pandorafilm.de/filme/the-cut.html

    O du Windrose der Qualen!
    Von Urzeitstürmen
    in immer andere Richtungen der Unwetter gerissen;
    noch dein Süden heißt Einsamkeit.
    Wo du stehst, ist der Nabel der Schmerzen.
    (…)
    Zu den Würmern und Fischen ist deine Stimme eingegangen.
    Hiob, du hast alle Nachtwachen durchweint
    aber einmal wird das Sternbild deines Blutes
    alle aufgehenden Sonnen erbleichen lassen.
    (…)
    Und wenn diese meine Haut zerschlagen sein wird,
    so werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen
    Hiob

    (aus dem Gedicht Hiob von Nelly Sachs)

    Zuerst erschienen am 16.10.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Das 1. Internationale Filmfest Potsdam am Thalia Kino in Potsdam-Babelsberg setzte neben einem kleinen Spielfilmwettbewerb vor allem der gut gemachten Fernsehserie einen Schwerpunkt.

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    IFF_Potsdam_LogoIn Potsdam-Babelsberg ist das Film- und Mediengeschäft seit Jahren erfolgreich etabliert und genießt international einen guten Ruf. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass es am Medienstandort der Brandenburgischen Landeshauptstadt seit diesem Jahr auch ein Internationales Filmfest gibt. Gegründet hat es Benjamin Glückskind mit seiner ebenfalls in Potsdam angesiedelten Glückskind Film UG. Geübt hat der Medienunternehmer, CDU-Lokalpolitiker und ehemalige Theologiestudent bereits von 2011 bis 2013 mit dem Incredible-Filmfestival, einem kleinen Open-Air-Kino-Festival mit ökologischem Anspruch, das Glückskind zuerst im brandenburgischen Lindenberg (Kreis Oder-Spree) gründete und das 2013 ans Kino Thalia nach Potsdam umzog. Nun also versucht eben hier Benjamin Glückskind – Nomen est omen – erneut sein Glück mit dem Internationalen Filmfest Potsdam.

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    Das Besondere an diesem neuen Filmfest ist, dass es seinen Schwerpunkt nicht allein nur im originären Kinofilm sieht, sondern in einer eigenen Sektion auch fürs Fernsehen produzierte Serien vorstellt. Damit will man sicher – seit US-Serien wie Games of Thrones oder Breaking Bad in Europa durchstarten – auch einer gestiegenen Nachfrage in Deutschland gerecht werden. Dazu kommt die Tatsache, dass hierzulande im Fernsehen die Budgets für Serienproduktionen immer noch wesentlich höher sind als im staatlich geförderten oder unabhängig finanzierten Filmgeschäft. Action-Serien mit künstlerischem Anspruch nachhaltig im Fernsehen zu etablieren, haben sich einige Sender wie z.B. der in Potsdam als Sponsor auftretende Bezahlsender Sky auf die Fahnen geschrieben. Und die Krise im Kino setzt zumindest einiges an Personal frei, das wie in den USA nun auch auf dem deutschen Markt verstärkt ins Fernsehen drängt.

    Mit Staffel-Piloten von The Knick (mit Steven Soderbergh als Regisseur, der sich erst kürzlich vom Kinofilm verabschiedet hat), einer um 1900 in New York spielenden Krankenhausserie, den in diesem Jahr in Deutschland bereits angelaufenen Masters of Sex (Regie: Michael Apted) oder der auf schwarzen Humor angelegten norwegischen Serie Lilyhammer über einen New Yorker Mafia-Boss, den es in den beschaulichen nordischen Olympiaort verschlagen hat, war das Filmfest dann international auch recht prominent besetzt. Neben den Blockbustern der Serie wurden aber auch deutsche Produktionen gezeigt, von denen u.a. das bereits 2012 entstandene halbstündige Serien-Testimonial Wir sind wieder wer vom jungen Leipziger Regisseur Tomas Stuber überzeugte. Der Plot ist durchaus spannend angelegt und darstellerisch gut besetzt mit Heiner Lauterbach als zwielichtigem Arzt und Christoph Bach als jungem Priester, der auf heftigen Widerstand stößt, als er in der amerikanischen Besatzungszone der 1950er Jahre den Mord am alten Gemeindepfarrer aufklären will und damit tief in die verdrängte Vergangenheit der Dorfbewohner eintaucht. Die Filmakademie Baden-Württemberg stand hier für noch weitere vielversprechende Serienideen Pate.

    Wir sind wieder wer - Bildquelle: Filmfest Potsdam
    Wir sind wieder werBildquelle: Filmfest Potsdam

    Ob solche Serien eine Zukunft im deutschen Fernsehen haben, sich auf Dauer beim Heimpublikum durchsetzen und somit für die Sender auch rechnen, wird man sehen. Gegen einen Qualitätssprung in der deutschen Fernsehlandschaft dürfte sicher niemand etwas einzuwenden haben. In einem Panel auf dem Potsdamer Filmfest waren sich dann die Branchenvertreter auch relativ sicher. An entsprechenden Ideen und Autoren scheint es jedenfalls nicht zu mangeln. Das Problem ist und bleibt das nötige Geld und Vertrauen in die vorhandenen Konzepte.

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    Ein Filmfest kommt aber nicht ganz ohne gute Spielfilme aus, und so standen neben einer Volker-Schlöndorff- und DDR-Retro dann immerhin auch 7 neue Filme im Wettbewerb um den von einer Jury vergebenen Goldenen Adler. Eröffnet wurde das Potsdamer Filmfest mit der einzigen Uraufführung im Programm, der SWR-Produktion Glückskind von Regisseur Michael Verhoeven. Man kann dies als ein weiteres Omen des Festivalmachers werten. Letztendlich ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Steven Uhly über einen sozial abgestürzten Arbeitslosen (Herbert Knaup), der im Müll ein Baby findet und es selbst großziehen will, nicht einfach nur die übliche Primetime-Fernsehunterhaltung. Ein Plädoyer für gesellschaftliche Verantwortung und Empathie, von dem man sich im Rahmen des FilmMittwochs der ARD bald überzeugen kann.

    Ähnlich emphatisch angesiedelt ist der Spielfilm Jack von Regisseur Edward Berger, der bereits im Februar im Wettbewerb der BERLINALE lief. Auch hier versuchen die Filmemacher das Label Sozialdrama so weit wie möglich zu umschiffen. Berger und seine Mitautorin Nele Mueller-Stöfen stellen nicht vordergründig das Milieu in den Mittelpunkt ihres Films, in dem des 10jährigen Jack und sein fünf Jahre jüngeren Bruder Manuel leben, sondern die Jungen selbst. Jack, vom unglaublich überzeugend agierenden Ivo Pietzcker gespielt, ist ein Kind, das vor der Zeit erwachsen werden muss, da die junge Mutter Sanne (Luise Heyer), mit der Erziehung der Brüder überfordert, ihre Verantwortung komplett auf ihn überträgt. Jack steht früh auf, kümmert sich um den Bruder, wäscht die Wäsche und zeigt Widerstand nur in eifersüchtigen Trotzhandlungen gegenüber den wechselnden Lovern der Mutter.

    Als Jack nach einem Badeunfall des Bruders in ein Heim muss und dort von einem älteren Jungen gemobbt wird, reißt er aus, holt den bei einer Freundin der Mutter abgestellten Manuel ab und begibt sich auf die Suche nach der verschwunden Sanne durch Berlin. Die Kamera bewegt sich hier meist auf der Höhe der beiden Jungen, die durch anonyme Szeneclubs ziehen, Essen klauen oder in einer Parkgarage schlafen. Immer wieder stehen sie ohne Erfolg vor der heimischen Tür, an der Jack kleine vergebliche Botschaften an die Mutter hinterlässt. Ein schmerzlicher Abnablungsprozess des Jungen von seiner Liebe zu Sanne und einer für ihn viel zu großen Verantwortung. Der Film hat nicht vor, die unreife Mutter zu verdammen, er zielt eher auf das fehlende bewusste Hinschauen der Anderen, an denen die Brüder unbemerkt vorbeilaufen oder von denen sie immer wieder weitergeschickt werden. Jack, bereits in den Kinos angelaufen, wäre ein durchaus würdiger Preiskandidat gewesen.

    Jack - Filmstill © Jens Harant
    JackFilmstill © Jens Harant

    Lange unbeachtet blieb auch das Drama der im Ersten Weltkrieg vom Osmanischen Reich verfolgten und ermordeten Armenier. Nun hat sich ausgerechnet der in Hamburg aufgewachsene türkischstämmige Regisseur Fatih Akin dieses in der heutigen Türkei immer noch totgeschwiegen Themas angenommen. Sein Spielfilm The Cut lief bereits im Wettbewerb des Filmfestivals Venedig. So wie Akin in der Türkei wegen Verrats angefeindet wurde, ist auch die Kritik bisher nicht gerade zimperlich mit dem Regisseur umgegangen. Man warf ihm vor, sich mit dieser Mammutproduktion übernommen zu haben, gänzlich unpolitisch zu sein und Hollywoodkino für die große Leinwand zu machen. Und das sicher nicht nur, weil er sich den aus Armenien stammenden Drehbuchautor Mardik Martin, einen ehemaligen Mitstreiter Martin Scorseses, mit an Bord geholt hatte.

    Fatih Akin hat viel Herzblut in den Film investiert, was man ihm auch ansieht. Letztendlich sind dem Regisseur dabei wohl auch ein wenig die Distanz zum schwierigen Thema und das Vertrauen in die eigene Kunst des Erzählens abhandengekommen. Als Schlusspunkt seiner mit Gegen die Wand begonnen Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ erzählt The Cut in hoch emotionalen Bildern vom Martyrium des christlich-armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) aus der mesopotamischen Stadt Mardin, der 1915 fast seine gesamte Familie verliert, von den Türken zur Zwangsarbeit verschleppt, aber auf wundersame Weise überlebt und nun stumm auf einer Odyssee durch die Wüste bis ins syrische Aleppo kommt. Dort wird Nazaret, der nicht umsonst den Namen der Geburtsstadt des Erlösers trägt, von einem hilfsbereiten arabischen Seifenmacher aufgenommen und setzt nach dem Krieg die Reise auf der Suche nach seinen Töchtern über Kuba, Florida und Minneapolis bis in den amerikanischen Westen nach North Dakota fort. [Eine ausführliche Kritik folgt zum Kinostart am 16. Oktober 2014.]

    In sehr direkten, authentischen Handkamerabildern berichtet der israelische Regisseur Noaz Deshe im europäisch produzierten Spielfilm White Shadow vom Schicksal des Albino-Jungen Alias (Hamisi Bazili) aus Tansania. Der Film behandelt das Problem der Jagd auf durch Pigmentstörungen weißhäutige Menschen in Ostafrika. Sogenannte Witchdoctors verkaufen für Tausende von Dollars die Organe der getöteten Albinos an die abergläubische Bevölkerung. Nach dem Mord an seinem Vater (ebenfalls Albino) wird der Junge von der Mutter zu einem Onkel nach Dar Es Salaam gebracht, wo er als Straßenverkäufer und Elektroschrottsammler arbeiten muss.

    White Shadows - Foto © Courtesy of Sundance Institute
    White Shadows Foto © Courtesy of Sundance Institute

    Alias tritt dabei sehr selbstbewusst auf und weiß sich in der Hierarchie der Straße zu behaupten. Immer wieder geht er auch in sein abgelegenes kleines Dorf zurück, in der mehrere Albinokinder leben, und spielt dort liebevoll mit seiner jüngeren Schwester Salum. Da der Onkel Schulden hat, verrät er schließlich aus Angst vor dem örtlichen Gangsterboss den Ort des Verstecks, was eine weitere Hatz auf die Albinokinder auslöst. Der Film beginnt und endet mit einem Feuer. Erst ist das rituelle des Witchdoctors und später das rächende des durch den örtlichen Priester aufgebrachten Mobs. Eine Spirale aus Gewalt und Selbstjustiz, der die Polizei nicht gewachsen ist. White Shadow bekam zum Festivalabschluss durchaus verdient den Goldenen Adler verliehen. Die Jury lobte hier vor allem „eine verblüffende Regiearbeit“, die auf „archaische, eindringliche, mitunter verstörende Bilderwelten“ setzt. Der Film startet am 6. November 2014 in den deutschen Kinos.

    Dagegen geht es in den Filmen Jamie Marks Is Dead von Carter Smith und Geron von Bruce LaBruce um geradezu Wohlstandsproblemchen weißer Teenager in den USA und Canada. In Jamie Marks Is Dead geistert der am Fluss tot aufgefundene Jamie Marks (Noah Silver) als lebende Leiche umher und erscheint immer wieder den beiden Teenagern Gracie (Morgan Saylor) und Adam (Cameron Monaghan). Adam, ebenso ein Außenseiter wie der Tote, entwickelt dabei ein fast obsessives Interesse an Jamies Schicksal, der hier wie ein verschwitztes Look-Alike des Zauberlehrlings Harry Potter daherkommt. Ein weiterer Zombie-Teeny darf dann auch mal zum Messer greifen und in einer slasherreifen Badezimmerszene etwas Grusel verbreiten. Regisseur Smith verliert bei seinem Spagat zwischen anspruchsvollem Autorenfilm und fantastischem Horrorschocker allerdings etwas das Zentrum seines Films aus den Augen.

    Mit viel Humor geht dagegen Queer-Kult-Trash-Filmer Bruce LaBruce an die Obsession seines jugendlichen Helden. Der stets hilfsbereite Lake (Pier-Gabriel Lajoie) ist in den Augen seiner Freundin Désirée (Katie Boland) ein Heiliger. Die revolutionär angehauchte Jungfeministin hat eine Liste ihrer Vorbilder von Ulrike Meinhof über Wynona Rider bis zu Kim Gordon angelegt und steht neben Lake vor allem auf das SCUM-Manifest und die Sängerin einer Girls-Rockband. Aber auch ein Heiliger hat so seine Versuchungen, und das Bild des gealterten Gandhi über dem Bett ist bei Lake mehr als nur ein Bekenntnis zum gewaltlosen Widerstand, wie Désirée beim heimlichen Durchstöbern seines Skizzenbuchs feststellen muss.

    Lakes Fetisch ist die faltige Haut gealterter Körper, und so findet er es auch nicht eklig in der „Runzelfarm“ eines Krankenhauses zu arbeiten. Das Waschen der Körper alter Patienten wird sogar zum erotischen Erweckungserlebnis. Schließlich verliebt sich Lake beim täglichen Gin Rummy in den 81jährigen schwulen Mr. Peabody (Walter Borden). Der unter schwere Medikamente Gesetzte hat einen letzten unerreichten Wunsch, einmal den Pazifik zu sehen. Lake kidnappt Mr. Peabody aus dem Krankenhaus und geht mit ihm auf eine Reise durch das verschneite Kanada. Im Gegensatz zu den früheren expliziten Pornofilmen von Regisseur LaBruce ist Geron eine eher brave mainstreamtaugliche Provokation auf altersgerechte Sexualvorstellungen. LaBruce dreht hier den erotischen Spieß ganz einfach mal um, und lässt den älteren Partner zum Objekt der eifersüchtigen Begierde eines noch knackigen Jugendlichen werden.

    Der Kreis - Foto © Salzgeber
    Der KreisFoto © Salzgeber

    Erwähnenswert noch der auf der BERLINALE bereits mit dem Teddy und dem Publikumspreis ausgezeichnete semidokumentarische Streifen Der Kreis. Hier wird aus der Perspektive eines recht ungleichen schwulen Paares in der Schweiz der 1950er bis 60er Jahre die Geschichte der ersten Schwulen-Zeitschrift „Der Kreis“ nachgestellt. Der angehende Lehrer Ernst Ostertag (Matthias Hungerbühler) lebt aus Angst vor beruflichen Konsequenzen seine Sexualität nur im Verborgenen, während der junge Varieté-Künstler Röbi Rapp (Sven Schelker) sich in der damals noch sehr liberalen Schweiz offen dazu bekennt. Morde in der Züricher Stricherszene lassen die errungen geglaubte Freiheit aber sehr schnell durch polizeiliche Repression und Zwang zur Registrierung schwinden. Kommentiert wird die Handlung dieses äußerst interessanten Films des Schweizer Regisseurs Stefan Haupt durch das immer noch zusammenlebende und mittlerweile auch verheiratete echte Paar Ostertag und Rapp sowie durch Einblendungen von Fotos der recht lebenslustigen Züricher Schwulen-Community jener Zeit. Kinostart in Deutschland ist der 30. Oktober 2014.

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    Die Filmauswahl in Potsdam bewies also durchaus ein Händchen für politisch relevante Kinokunst. Was aber dem Filmfest im ersten Jahr noch fehlte, war eine entsprechende Zuschauerresonanz. Die Vorführungen unter der Woche fanden leider in zumeist recht leeren Kinosälen statt. Die angestrebten 2.500 Zuschauer pro Tag dürften da noch nicht erreicht worden sein. Es ist aber kaum vorstellbar, dass sich in Potsdam und Umgebung kein enthusiastisches Kinopublikum finden ließe. Cottbus hat es mit dem Osteuropäischen Filmfestival vorgemacht, und mit den „Sehsüchten“ verfügt Potsdam ja immerhin schon über ein erfolgreiches Studentenfilmfestival. Ob sich die Nähe zu Berlin als Vor- oder Nachteil erweist oder der Nischen-Schwerpunkt Serie nicht den nötigen Anklang findet, steht nun für die Zukunft zur Analyse an. Es wird sich erst noch zeigen müssen, dass Potsdam über das reine Geschäft hinaus auch als Filmfeststandort reüssieren kann.

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    Internationales Filmfest Potsdam
    07.10. bis 12.10.2014
    Im Kino Thalia Potsdam Babelsberg
    Rudolf-Breitscheid-Straße 50
    14482 Potsdam

    Infos: http://www.filmfestpotsdam.de/

    Zuerst erschienen am 13.10.2014 auf Kultura-Extra.

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  • „Das Tierreich“ von Nolte Decar in einer knallbunten Uraufführungsinszenierung von Gordon Kämmerer in der Diskothek des Schauspiels Leipzig..

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    Das Tierreich am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold
    Das Tierreich am Schauspiel Leipzig. Foto © Rolf Arnold

    Obwohl das junge Autorenduo Jakob Nolte (Jahrgang 1988) und Michel Decar (Jahrgang 1987) beim Titel ihres Stücks Das Tierreich kurz an das Pubertier von Jan Weiler gedacht haben, in dem irgendwo „ein erwachsenes Wesen voller Güte und Vernunft schlummern soll“? An kleine Monster aber mit großer Sicherheit. In immerhin 21 Rollen bevölkern sie das Kleinstadtsetting der beiden Brüder-Grimm-Preisträger des Landes Berlin von 2013. In der Uraufführung des Textes in der Diskothek unterm Dach des Schauspiels Leipzig erscheinen die 6 Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihren Masken, langgezogene Köpfen, ausgepolsterten Kostümen und verzerrten Stimmen jedenfalls wie eine Kreuzung zwischen der Adams Family und den Figuren der Biene-Maja-Zeichentrickfilme. Diese kleinen pubertierenden Monster aus dem Kaff Bad Mersfeld erleben in den Sommerferien ihre ganz spezielle Art des Frühlingserwachens.

    Den Namen der Uraufführungsspielstätte Diskothek hat Regisseur Gordon Kämmerer (Jahrgang 1986), Absolvent der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, übrigens ziemlich wörtlich genommen. Ein Soundtrack von über 30 Rock-, Pop- und Countysongs, Raps und klassischen Werken untermalt seine knallig bunte und recht aktionsreiche Inszenierung. Auf einem fahrbaren, immer wieder neu zusammenschiebbaren Holzlaufsteg posieren die Darsteller wie auf einem Catwalk. Die Theater-AG probt Kleists Prinz von Homburg sowie erste Eitelkeiten, und eine obercoole Mädchenrockband tritt in hohen Boots mit Baseballschlägern auf. Dazu dröhnt aus den Boxen der Sound der 80er mit Neue-Deutsche-Welle Hits von DAF über Andreas Dorau bis Palais Schaumburg ihren Post-Punk-Pop-Apologeten wie Stahlnetz und Geile Tiere oder auch Anton Bruckner, Technotronic, Portishead und vieles mehr.

    Und dabei liebäugelt Kämmerer sicher nicht nur mit den heutigen Kids, sondern auch mit den großen Kindern der 70er, 80er und 90er, die hier in ihren eigenen Erinnerungen schwelgen dürfen. Eine Reise durch die Zeiten, Musikstile und Moden. „Wir bauen eine neue Stadt.“ Eine große Welt im Kleinen will uns die immer wieder im Video eingeblendete Spielzeugstadt sagen. Die Welt der Jugendlichen, in die neben der ersten Liebe, Partys, Eifersüchteleien und Gemobbe plötzlich auch die Realität in ganz wundersamer Weise aus heiterem Himmel mit einem Leopard II knallt, der aus einem Transportflugzeug auf die Schule fällt. An der Bühnendecke hängt ein Rasenmäher, der neben dem Panzer auch einen vom Vater geklauten Jaguar darstellt, was einen weiteren Crash mit Schädelhirntrauma und Beinverlust zur Folge hat.

    Die Kids versuchen sich zu artikulieren. Mal prahlerisch und altklug („Die Rentner haben schon alles hinter sich.“), mal mit schlauen Gedanken von Nietzsche oder Paul Celan. Dann läuft wieder eine schüchtern stumme Annährung am Baggersee über ein Leuchtschriftband. Was nützt die Liebe in Gedanken, die um den ersten Kuss kreisen und nicht heraus wollen („Hast du was gesagt? Ich? Ich hab nichts gesagt.“). So probiert man sich und die andere Seite und auch mal das andere Ufer aus. Als Reaktion auf die große Weltlage will die Chefredakteurin der Schülerzeitschrift ein Essay über Palästina schreiben und die Schul-Umbenennungs-AG bringt Namen wie Albrecht Dürer und Christoph Probst (Weiße Rose) gegen das Hindenburggymnasium in Stellung. Es werden Verschwörungstheorien über Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien diskutiert und sich in Demokratie geübt.

    Das Tierreich am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold
    Das Tierreich am Schauspiel Leipzig – Foto © Rolf Arnold

    Es bleibt zumeist beim Versuch. Unsere angehenden Erwachsenen stehen ihren Eltern, denen sie kleine, herzliche Hass-Rock-Songs widmen, in nichts nach. Und noch ein weiteres Haustier ist Bestandteil des Stücks und im Gegenzug zu den in ihren Gefühlen und Handlungen schwankenden Jugendlichen, auch wenn sie sich selbst bereits auf dem besten Weg der Anpassung befinden, recht zutraulich und pflegeleicht. Ein kleines, kuscheliges Chinchilla mit Knopfaugen, das zu Beginn verschwunden war und irgendwann im Wald vor der Kamera einer ambitionierten angehenden Tierfilmerin wieder auftaucht. Das kleine graue Nagetier als Auslöser einer großen Obsession. Nur – seine größte Bedrohung ist der Mensch, und vielleicht sollte man dann doch lieber Filme über Menschen machen.

    Dazu singen Bonaparte „Wir sind keine Menschen, wir sind Tiere“ und Grauzone von „Marmelade und Himbeereis“. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit dieses kleinen, fröhlich frechen Textes von Nolte Decar. Und trotzdem ist Das Tierreich viel mehr als eine Kleinstadtparodie von Eis am Stiel. Sicher ist Erwachsenwerden auch eine schwere Zeit. Aber es geht schnell vorbei, wie Sibylle Berg in ihrer trocken sarkastischen Art im Programmheft prophezeit. Vielleicht manchmal etwas zu schnell.

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    Das Tierreich (UA)
    von Nolte Decar
    Premiere: 03.10.2014
    Regie: Gordon Kämmerer
    Bühne: Jana Wassong
    Kostüme: Josa David Marx
    Dramaturgie: Julia Figdor
    Licht: Jörn Langkabel
    Video: Stini Röhrs
    Mit:
    Pina Bergemann
    Julia Berke
    Andreas Herrmann
    Anna Keil
    Dirk Lange
    Michael Pempelforth

    Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/diskothek/inszenierungen/das-tierreich-ua/

    Zuerst erschienen am 08.10.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Drei Schwestern – Tilmann Köhler inszeniert Anton Tschechows Tragikomödie am Staatsschauspiel Dresden als Lebensdrama nutzlos Wartender.

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    Anton Tschechows 1901 uraufgeführtes Drama Drei Schwestern ist eine Tragikomödie über die vergebliche Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben von Menschen, die in der Vergangenheit hängend über ihre Zukunft schwadronieren und dabei die Gegenwart vergessen. Die drei Töchter des verstorbenen Batteriekommandeurs Prosorow, Olga, Mascha und Irina, seit Jahren in der russischen Provinz gefangen, wünschen sich zurück in ein neues, interessantes Leben nach Moskau. Der dreifache Ausruf Irinas: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“ ist zum geflügelten Wort für unerreichbare Ziele und das Scheitern hehrer Vorsätze geworden. Er darf in keiner Inszenierung fehlen. Und auch Tilmann Köhler verzichtet nicht darauf, bevor es zur Pause seines dreieinviertelstündigen Abends geht.

    Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.
    Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

    Am Anfang steht aber das vielleicht schönste Bild der Inszenierung. Ein in Wellen geräuschvoll flatternder Papiervorhang füllt die gesamte Bühne und dient als riesige weiße Projektionsfläche, auf die sich die sehnsüchtigen Blicke der drei Schwestern (Ina Piontek, Yohanna Schwertfeger und Lea Ruckpaul), die zunächst noch mit dem Rücken zum Publikum davor stehen, fokussieren. Diese Papierwand wird dann im Anschluss bei der Namenstagfeier Irinas von allen Darstellern mit fettem Edding ausgemalt. Es entstehen so Körpersilhouetten und Schattenrisse ihrer „schönen Gedanken“ und Vorsätze.

    Köhler, bisher recht erfolgreicher Hausregisseur des Staatsschauspiels Dresden, transportiert in seiner neuesten Inszenierung viel über dieses Bild des fragilen, papierenen Vorhangs, der den Schwestern zunächst ein träumerisches Ziel verheißt, sie aber auch von der Verwirklichung ihres Traums abzuhalten scheint. Durch den aus Moskau kommenden, ihre Sehnsüchte wieder nährenden neuen Batteriekommandeur Werschinin (Matthias Reichwald) wird er sogar durchsprungen, bis ihn Irina, wenn sich im zweiten Teil die Träume langsam zerschlagen haben, vollends abreißt und zu einem Haufen zusammenträgt, in dem sich die Schwestern noch kurzzeitig gut verstecken können, bis das Knäuel schließlich vom schlaffen Bruder Andrej (Thomas Braungardt) und seiner das Regime im Haus übernehmenden Frau Natascha (Antje Trautmann) von der Bühne geräumt wird.

    Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn
    Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
    Foto (C) Matthias Horn

    Dazwischen haben die für gewöhnlich an unabänderlichem Weltschmerz leidenden Protagonisten viel Zeit zum Schwärmen, Palavern und Lamentieren über den ermüdenden Alltag. Sie tun dies hier zumeist monologisierend an der Rampe. Ein andauerndes Aneinander-vorbei-Reden, das im Programmheft auch treffend als ein „Lautwerden innerer Monologe“ bezeichnet wird. Allerdings bringt das vor der Pause nicht allzu viel Neues in die gut 100jährige Aufführungspraxis (z.B. in der Volksbühne oder im Thalia Theater) des Stücks. Köhler bemüht sich zwar um eine Zuspitzung der inneren Konflikte der Figuren durch körperlich angestrengtes Agieren seiner Darsteller und ein Spiel der deutlichen Zeichen, hält sich aber doch ziemlich getreu an die Tschechow’sche Dramaturgie des langsamen Zeittotschlagens.

    Tische und Stühle, die mal zur großen Tafel oder wieder zu Einzelgruppen arrangieren werden, bilden im ersten Teil das Setting auf der Bühne. Die Schwestern fallen allein schon durch ihre Kostüme aus dem Rahmen des unscheinbaren, alltäglichen Einheitslooks aus Schlabberpullis, Sweatshirts, Jeans und Arbeitshosen. Ihre Typen sind damit gesetzt. Irina, die Jüngste, trifft es optisch noch am besten. Olga, die stets pflichtbewusste Älteste der Schwestern, kommt wie ihre Ansichten in relativ unmodischen Kleidern daher. Die unglückliche Mascha spielt nur scheinbar die Coole und steckt mit dauerqualmender Fluppe im Mundwinkel in existentiell depressivem Schwarz.

    Bunt und rosig im Gesicht ist dagegen Schwägerin Natascha, die sich nicht lange ziert und die anfängliche Unsicherheit bald ablegt, wobei das ständige Bobik hier und Bobik da nicht nur die Schwestern rasch zu nerven beginnt. Der weiche Bruder Andrej ist ganz der verhinderte Künstler mit Gitarre, fügt sich aber immer mehr in die eintönige Laufbahn des Kreisangestellten und flieht doch ständig vor dem ihm Akten nachtragenden Diener Ferapont (Jochen Kretschmer). Aus Frust und Langeweile verspielt er das Erbe und redet sich die Beziehung zu seiner untreuen Natascha schön. Schließlich setzt er sich selbst in den Kinderwagen und beklagt lautstark sein Schicksal.

    Auch die anderen Männerfiguren neben den drei titelgebenden Schwestern sind bloße Typen, die aus der grauen Masse lediglich durch den verzweifelnden Drang nach Lautstärke hervorzustechen versuchen. Da bekommt jeder seine kleine Nummer. Maschas ungeliebter Mann, der Gymnasiallehrer Kulygin (Holger Hübner), ist ein schmierig schwafelnder, unangenehm übergriffiger Widerling, Baron Tusenbach (Jonas Friedrich Leonhardi) ein für seine idealistischen Ideen schon mal auf den Tisch springender Brausekopf und sein Widersacher Stabshauptmann Soljony (Kilian Land) ein unsicherer aber ebenfalls laut tönender Psychopath, der sich ständig zwanghaft die Hände mit Parfum bestäuben muss. Der alte Militärarzt Chebutykin (Albrecht Goette) zerfließt völlig in Selbstmitleid, wogegen der Unterleutnant Fedotik (Lukas Mundas) einen überflüssigen Witzbold gibt und dauergrinsend Fotos macht.

    Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn
    Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
    Foto (C) Matthias Horn

    Die Inszenierung ist mit einem live eingespielten, dauerklimpernd melancholisch stimmenden Soundteppich unterlegt, der nicht gerade zur Stimmungsaufhellung beiträgt. Es sind immer wieder Einzelaktionen, die die Figuren kurz aus ihrer Lethargie reißen. Die Auftritte erfolgen meist aus der ersten Reihe des Parketts, eine von Jürgen Gosch übernommenen Praxis einer improvisierten Probensituation. Nach der Pause versucht es Köhler dann noch zusätzlich mit etwas Gefühl und Emphase. Der emotional hochdramatische Zusammenbruch Maschas nach dem Abrücken der Soldaten und dem damit verbundenen Scheitern ihrer Liebe zu Werschinin bilden zugleich den Höhepunkt dieser recht illusionslosen Inszenierung.

    Dem Ganzen liegt auch ein wenig die Idee des in kapitalistischen Zeiten nutzlos gewordenen Menschen zu Grunde, dem einen Platz einzuräumen der Dramaturg Carl Hegemann im Gastbeitrag fürs Programmheft empfiehlt. Theater als Überfluss. Der Luxus der Kunst gegen die Effizienz der Marktwirtschaft. Eine kleine sozialkritische Komponente fügt auch Köhler in seine Inszenierung ein. In der Nacht des Wartens auf die Karnevalsmasken, die kurz in eine alkoholschwangere Fete mündet, klingelt es draußen im Foyer und rüttelt plötzlich an den Türen – wie als Zeichen des Einbruchs der realen Welt in der Künstlichkeit des Theaters. Man kann dies auch als eine Art Geisterbeschwörung verstehen, die Ankündigung des Weltenbrands, der in seiner Folge die nutzlosen Träumer hinwegfegen wird.

    Aus Olgas „Wenn wir’s doch wüssten“ am Ende wird in der Übersetzung von Angela Schanelec (2005 für die legendäre Inszenierung von Jürgen Gosch in Hannover erarbeitet) ein Beckett’sches „Man weiß es nicht.“ Man könnte da sicher noch über so einiges nachdenken. Köhlers Inszenierung bietet allerdings selbst wenig Ansatz dazu.

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    Drei Schwestern
    von Anton Tschechow
    Deutsch von Angela Schanelec
    Regie: Tilmann Köhler
    Bühne: Karoly Risz
    Kostüm: Susanne Uhl
    Musik: Jörg-Martin Wagner
    Licht: Michael Gööck
    Dramaturgie: Janine Ortiz
    Besetzung:
    Andrej Sergejewitsch Prosorow: Thomas Braungardt
    Natalja Iwanowna, Prosorows Braut, später seine Frau: Antje Trautmann
    Olga: Ina Piontek
    Mascha: Yohanna Schwertfeger
    Irina: Lea Ruckpaul
    Fjodor Iljitsch Kulygin, Gymnasiallehrer, Maschas Mann: Holger Hübner
    Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant und Batteriekommandeur: Matthias Reichwald
    Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Leutnant: Jonas Friedrich Leonhardi
    Wassilij Wassiljewitsch Soljony, Stabshauptmann: Kilian Land
    Iwan Romanowitsch Chebutykin, Militärarzt: Albrecht Goette
    Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant: Lukas Mundas
    Ferapont, Bote der Landesverwaltung: Jochen Kretschmer
    Anfissa, Kinderfrau: Brigitte Wähner
    Musiker: Florian Lauer, Georg Wieland Wagner

    Weitere Infos: www.staatsschauspiel-dresden.de

    Die nächsten Termine: 09.10., 14.10., 26.10., 03.11., 21.11., 03.12. und 28.12.2014

    Zuerst erschienen am 06.09.2014 auf Kultura-Extra.

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  • Ein Reigen Deutscher Geschichte von Heiner Müller bis Ton Steine Scherben – Manuel Soubeyrand eröffnet seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit einem Jahr100Spektakel.

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    Angeblich soll man ihn für verrückt erklärt haben, als in Theaterkreisen bekannt wurde, dass Manuel Soubeyrand, aus Esslingen kommend, seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit Heiner Müller eröffnen wolle. Und dann auch noch mit GERMANIA 3 – Gespenster am toten Mann, Müllers 1996 von Leander Haußmann in Bochum uraufgeführter Abgesang nicht nur auf den deutschen Sozialismus, begraben in einem Mausoleum aus Stacheldraht. Es ist vor allem auch ein Text-Monument, das aus Fragmenten gesamtdeutscher Geschichte besteht. Soubeyrand stellt es in eigener Regie einem ganzen Jahr100Spektakel voran, bestehend aus fünf Stücken und einer abschließenden Live-Radio-Show. Eine Tradition, die der neue Intendant vom alten übernommen hat. Sewan Latchinian (der vor einer Woche an neuer Wirkungsstätte in Rostock seinen 1. Stapellauf mit immerhin drei Premieren hatte) lässt nach zehn Jahren das Feld gut bestellt zurück. Den Senftenbergern ist ihr Theater lieb geworden. Da müsste Soubeyrand schon einiges in den Lausitzer Sand setzen, um sich hier dauerhaft die Ernte zu vermiesen.

    Neue Bühne Senftenberg - Foto: St. B.
    Neue Bühne Senftenberg – Foto: St. B.

    Heiner Müller ist entgegen Erwin Strittmatter, dem das benachbarte Staatstheater Cottbus vor kurzem noch zum Hundertsten gratulierte, beileibe nicht nur ein regionaler Ost-Dramatiker, wie Soubeyrand zur Einführung bemerkte. Der Regisseur vergleicht ihn sogar mit Friedrich Schiller, dem deutschen Nationaldichter und Verfechter einer „Universalgeschichte“, mit dem Müller nicht nur die letzten vier Buchstaben gemein habe. Strittmatter und Müller stehen aber beide auch in der Tradition von Bertolt Brecht. Von dem einem konnte man aus seinen Tagebüchern gerade neueste Anekdoten über den proletarischen Dichter lesen. Der andere verkündete „Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“. Und auch das ist Thema dieses Mammut-Abends, an dem Brecht und Müller nicht nur einmal um die Ecke winken werden. Das klingt nach schwerer Kost. Aber an ein wenig Überforderung mit deutscher Geschichte ist noch keiner gestorben, eher am Totschweigen selbiger.

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    Manuel Soubeyrand Foto: St. B.
    Manuel Soubeyrand
    Foto: St. B.

    Zunächst lässt sich feststellen, dass das Team um Intendant und Regisseur Manuel Soubeyrand nicht in Schieflage von der Müller’schen Gegenschräge, auf der bekanntlich die Toten warten, gerutscht ist. Man hält sich bodenständig aufrecht, zunächst noch ganz in Schwarz im Zuschauerraum vor der Rampe. Das Ensemble berichtet hier chorisch vom babylonischen Turmbau. Der Text ist nicht von Heiner Müller, sondern aus der Erzählung Das Stadtwappen von Franz Kafka. Es ist einer der typischen Kafka-Texte, in denen man viel will, aber nichts wirklich gelingt. In diesem Fall wird sogar das Chaos von Generation zu Generation größer, lediglich durch Kriege unterbrochen, an deren Ende die Nachfolgenden auf den Ruinen der Alten viel schöner und moderner aufbauen wollen. Als Wappen wählen sich die Bürger der Stadt eine Faust, die Faust der Zerstörung. Soubeyrand benutzt Kafkas Parabel des Scheiterns als Gleichnis für den Verlauf der Geschichte im Allgemeinen.

    Die Menschheit hat nichts aus der Geschichte gelernt. Und damit ist man dann schon mitten drin, in Heiner Müllers Historiendrama GERMANIA 3. Er gräbt die Schlächter und ihre bekannten und namenlosen Toten wieder aus. Ein Streifzug durch deutsche Geschichte von Preußen über Weimar nach Stalingrad und wieder zurück. Ein Exerzitium der Gespenster am toten Mann. Da stehen Teddy Thälmann und Walter Ulbricht an der Berliner Mauer auf Wacht, Stalin als wahnsinniger Macbeth sieht überall die Leichen seiner getöteten Gegner, und Hitler bläst im Führerbunker zur letzten Reise nach Walhall. Dazu erklingt Wagners Walkürenritt. Soubeyrand packt Müllers Texte in möglichst expressive Bilder, in denen die blutigen Führer des Volkes zwar erkennbar bleiben, aber wie überzeichnete Faschingsfiguren in Kostüm und Lametta chargieren.

    Rosa Luxemburg hinkt vor ihren Mördern zum Klang von „Es blies eine Jäger wohl in sein Horn“ über die Bühne, deutsche Soldaten nagen geräuschvoll an den Knochen ihrer toten Kameraden, und russische Soldaten lesen Hölderlin aus dem Buch eines toten Deutschen, der ein Foto gehängter Partisanen bei sich trägt. Drei deutsche Offizierswitwen lassen sich von einem kroatischen SS-Mann mit der Axt umbringen, und russische Soldaten vergewaltigen die Frau eines KZ-Häftlings auf dem Tisch. Für die Rache des Heimkehrers gibt es Sibirien. „Willkommen in der Heimat Bolschewik“. Soubeyrand erspart dem Zuschauer nichts, wenn er Müllers in den Zeiten springendes Stück leicht gekürzt als Reigen makabrer ineinander übergehender Szenenfolgen inszeniert. Auf der Rückwand flimmern immer wieder Aufnahmen historischer Ereignisse, vom Band kommen bekannten Stimmen aus der Vergangenheit.

    Das Jahr100Spektakel - GERMANIA 3 - Foto (C) Steffen Rasche
    Das Jahr100Spektakel – GERMANIA 3 Foto (C) Steffen Rasche

    Die Reise geht weiter von den Nibelungen über die DDR bis zum Mauerfall im Bühnenbild einer abgeranzt grün gekachelten Küche, in der Rächerin Kriemhild und Mörder Hagen, im Kettenhemd auf sein Schwert gestützt, stehen, die DDR-Nomenklatura Karneval feiert, und ein abtrünniger Sohn wird von seinem Funktionärsvater verraten. Soubeyrand bedient sich hier bei Müllers Wolokolamsker Chaussee. Er streicht dafür die drei Brechtwitwen und mit dem Rosa Riesen einen bekannten Nachwendemörder. Die Westerben übernehmen schließlich wieder den alten Besitz, ein Spukschloss mit dunkler Vergangenheit. „Dunkel Genossen ist der Weltraum sehr dunkel“ – mit dem Gagarin-Zitat schließt dann auch das Stück recht pessimistisch. Als Hoffnungsschimmer schiebt Soubeyrand das wieder chorisch an der Rampe vorgetragene Brechtgedicht An die Nachgeborenen hinterher. Die anwesende Brecht/Schall-Familie und Ziehvater Wolf Biermann wirds gefreut haben.

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    Während Manuel Soubeyrand bei Müller das Theaterblut noch weitestgehend in der Tube lässt, kommt es im zweiten Teil des Abends umso häufiger zum Einsatz. „Ich rieche Menschenfleisch“, ein Märchenzitat aus Müllers GERMANIA 3 könnte gut auch aus WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger von Werner Buhss stammen. Die einzige Uraufführung des Abends stand neben dem Fritz-Kater-Stück Vineta, Jan Neumanns Fundament und dem wortlosen Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz nach der ersten Pause zur Wahl. Neben Blut aus der Tube steht in WolfsWelt aber vor allem Menschenfleisch auf dem Speiseplan, gern auch mal roh durch den Wolf gedreht.

    Autor und Übersetzer Werner Buhss, 1949 in Magdeburg geboren, veröffentlicht seit den 1980er Jahren regelmäßig Theaterstücke mit Bezug zur deutschen Geschichte der Vor- und Nachwendezeit. Als nach der Wende Heiner Müllers Wortquell weitestgehend versiegte, war Buhss einer seiner Nachfolger in Sachen Geschichtsaufarbeitung. Für Bevor wir Greise wurden, ein Volksstück nach Barlachscher Manier (1995 in Magdeburg uraufgeführt) erhielt er den Mühlheimer Dramatikerpreis. Auch da wabert Stalin (1953 gestorben) als untoter Geist durch die Fünfziger der jungen DDR. WolfsWelt ist dagegen ein Stück aus der Gegenwart, in die der Geist der Vergangenheit aber deutlich seine Spuren hineindrückt.

    Das Jahr100Spektakel - WolsWelt - Foto (C) Steffen Rasche
    Das Jahr100Spektakel – WolfsWeltFoto (C) Steffen Rasche

    Ort der Handlung ist eine Art versteinerter Wald, fast wie in einer Endzeitstimmung, die aber geistig an Tendenzen der Gewalt, des Fremdenhasses und humanistischen Werteverfalls unserer Zeit erinnern soll. Buhss packt das in die Form eines zynischen Märchens angelehnt an das Rotkäppchen der Gebrüdern Grimm. Der böse Wolf ist hier ein Vater, der seine beiden Söhne im Geiste des Paukbodens erzieht. Zucht durch Körperertüchtigung, Denksport und sonntägliches Spielen als Strategieübung. Ist der Alte bei Buhss noch klar als Burschenschaftler zu erkennen, lässt die junge Regisseurin Samia Chancrin die Schauspieler gleich als menschliches Wolfsrudel auftreten, denen Kostümbildnerin Jenny Schall Fellfetzen an die Anzüge geklebt hat. Reviermarkierung und -reinigung als Verteidigung der abendländischen Kultur mit Zähnen und Klauen. Für alle reicht es nicht.

    Das moderne „Rotkäppchen mit den abgebissenen Fingernägeln“ heißt Hilde im roten Samtumhang. Ihre Geschichte der Befreiung aus dem Wolfsbauch wird zur chorisch durchchoreografierten Meisterleistung. Mit Hilde bricht der Trieb und die Eifersucht als neue Komponente in das Rudels ein, und somit die klare Hierarchie auf. Die Liebe überkommt erst den jungen Zweifler Götz, dann den älteren Bruder Hasso. „Die Liebe ist ein Verzehr des anderen.“ Die Saat des Zorns trägt bald ihre Früchte. Bevor die Brüder das Rotkäppchen zum Mord am verhassten Rudelführer bringen können, kommt der Brudermord. Als Anschauungsunterricht in kulinarischem Sexismus gibt es noch eine eingespielte TV-Kochshow.

    WolfsWelt ist ein Stück wie aus Zitaten, Sprichwörtern und sozialdarwinistischem Vokabular zusammengeklebt. Nietzsche, Jünger, Hindenburg usw., Stahlgewitter, Verdun als Badekur – „Was mich nicht umbringt, macht uns stärker!“ Dazu müllert es an allen Ecken und Enden. „Der Boden muss mit Blut gedünkt werden.“ (siehe Stalin in GERMANIA 3) Man müsste das Stück aus dem strengen Korsett seiner abgegrenzten Spielszenen und pseudophilosophisch eingeschobenen Lyrik befreien, was Regisseurin Chancrin auch stellenweise gelingt. Sie findet immer wieder passende Bilder für den beschriebenen Gewaltkreislauf, in dem sich das Rudel schließlich in den eigenen Schwanz beißt. Ihn zu brechen, bedarf es sicherlich mehr als einer vegetarischen Diät. Mahlzeit. Buletten und Würstchen gabs in der Pause vom Barrikadengrill im Hof der Neuen Bühne.

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    Brecht und Müller ziehen sich also wie ein roter Faden durch den Abend. Und auch im letzten Teil, der Live-Radio-Show zum Thema Politik, Widerstand und Hoffnung, wandelt Müllers Glückloser Engel mit weiten Schwingen über die Bühne und singt man Bertolt Brechts Legende vom toten Soldaten. In Form von Kalenderblättern erinnert das Ensemble an bedeutende Personen und Ereignisse sowie die beiden Weltkriege und Konflikte der letzten hundert Jahre wie in Irland, Vietnam oder Chile. Man gedenkt den Leitfiguren des Widerstands und der Hoffnung wie Georg Elser, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, Salvador Allende und Víctor Jara. Dazu werden Songs über Revolte und Revolution von den Neville Brothers, The Cranberries, Tracy Chapman oder Ton Steine Scherben gesungen, aber auch das Lied der Moorsoldaten. Wie schon in GERMANIA 3 eine überzeugende Ensembleleistung.

    Das Jahr100Spektakel - Keine Macht für Niemand Foto (C) Steffen Rasche
    Das Jahr100Spektakel – Keine Macht für Niemand
    Foto (C) Steffen Rasche

    Die Eckleuchten, oder besser Grubenlampen an der Neuen Bühne Senftenberg, die sich einst noch Theater der Bergarbeiter nannte, sind somit gesetzt. Mögen sie ein Licht aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinübersenden. Dafür steht mit „Der Traum ist aus“ auch ein weiterer Ton-Steine-Scherben-Song in der Radio-Show. Der lange Weg der Hoffnung führt hier am Ende Schritt für Schritt ins Paradies. Allerdings dachten Sänger Rio Reiser und Band wohl eher nicht an jenes, aus dem der Sturm des Fortschritts Walter Benjamins Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft treibt, die aufgeschichteten Trümmer unserer Katastrophen hinter sich im Blick.

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    Heiner Müller
    Germania 3. Gespenster am toten Mann
    Regie – Manuel Soubeyrand
    Bühne – Gundula Martin
    Kostüme – Jenny Schall
    Dramaturgie – Jörg Hückler
    Mit: Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Marianne Helene Jordan, Simon Elias, Jan Schönberg, Heinz Klevenow, Wolfgang Tegel, Robert Eder, Johannes May, Eva Kammigan, Eva Geiler, Sybille Böversen, Catharina Struwe

    Werner Buhss
    WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger (UA)
    Regie – Samia Chancrin
    Bühne – Saskia Wunsch
    Kostüme – Jenny Schall
    Dramaturgie – Jörg Hückler
    Mit:
    Götz – Tom Bartels
    Hasso – Friedrich Rößiger
    Hilde, Wolfgang, Hausfrau – Marlene Hoffmann
    Vater, Koch – Franz Sodann
    Kind – Dae Enn Rößiger
    Kinderstimme – Emilia Heimburger
    Kinderstimme – Jessie Thieme
    Kinderstimme – Lenie Thieme

    Heiner Kondschak
    Keine Macht für Niemand
    Lieder über Politik, Widerstand und Hoffnung
    Musikalische Leitung/Regie – Alexander Suckel
    Bühne – Gundula Martin
    Kostüme – Jenny Schall
    Dramaturgie – Jörg Hückler
    Mit: Tom Bartels, Alrun Herbing, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Roland Kurzweg, Hanka Mark, Friedrich Rößiger, Catharina Struwe, Wolfgang Tegel

    Weitere Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/das-jahr100spektakel.html

    Zuerst erschienen am 01.10.2014 auf Kultura-Extra.

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