„Nichts zu machen.“ Der Sinn will sich partout nicht erschließen. Seit über sechzig Jahren warten sie nun schon. Wladimir und Estragon, zwei abgerissene Clochards, des Lebens überdrüssig, mit nichts als einem kahlen Baum, an den sich zu hängen, die eine Option wäre, und die andere eine zwanghafte Hoffnung, dass da doch noch was käme, was sie Godot nennen und eine Erlösung aus dieser Situation verspräche, sie aber auch in höchste Angst versetzt. Der irische Dramatiker Samuel Beckett hat diese beiden Clowns zumindest mit etwas Wortwitz ausgestattet, auf dass sie sich beim Warten nicht allzu sehr langweilen. Die Zeit, die auch immer das in Anspruch nähme, zu vertreiben, ist nun die Aufgabe eines jeden Regisseurs, will er sich nicht in philosophischen Untiefen verlieren und das Publikum damit einschläfern. Klamauk ist da zumeist die Rettung. Humor ist wenn man trotzdem lacht, auch wenn das Dasein einem mitunter sinnlos erscheint.
*
Das Deutsche Theater Berlin – Foto: St. Bock
Langes Warten steigert bekanntlich das Verlangen. Und so ist es natürlich auch am Deutschen Theater, das uns lange auf die Folter gespannt hat. Die lange angekündigte Berlin-Premiere der Inszenierung von Warten auf Godot, bereits im Januar bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen herausgekommen, musste wegen einer Verletzung von Wolfram Koch beim Surfen im Urlaub ganze vier Wochen verschoben werden. Nun steht er doch am Sonntagabend als Estragon auf der Bühne des DT und zelebriert gemeinsam mit Schauspielpartner Samuel Finzi (Wladimir) in Andenken an Dimiter Gotscheff, der die Idee zu dieser Inszenierung nicht mehr selber umsetzen konnte, das Warten vor allem am Theater auch eine Kunst sein kann. Um die Vergänglichkeit von Zeit zu demonstrieren und ihr ein deutliches Bild zu geben, hat Bühnenbildner Mark Lammert die Bühnenschräge mit einem trichterförmigen Loch ausgestattet, das dem zeitlich wie örtlich unzureichend definierten Geschehen einen Raum gibt.
Es ist nach der nicht anwesenden Person des Godot, die zweite, nun sichtbare Unwägbarkeit, in die sich trefflich hineininterpretieren lässt. Ein Untiefe mit einem Sog, mindestens so groß, wie die Frage nach dem Wer oder Was, Warum oder Wohin und vor allem Wann. Ein großes Nichts, dass die Figuren ausspuckt und in das sie irgendwann wieder verschwinden werden. Das unendliche Universum, Gebärmutter und Grab, ein schwarzes Loch, das alle Zeit und Materie verschluckt. Zunächst zeigt uns Regisseur Ivan Panteleev anschaulich das Vergehen von Zeit, indem das Tuch, mit dem die Bühne bedeckt ist, langsam in dem Schlund des Trichters verschwindet. Ein Zeitstrudel, die Öffnung eines Stundenglases, durch das der Sand des Lebens rinnt. Ein besseres Vanitas-Symbol könnte es auf einer Bühne nicht geben.
Wolfram Koch, Christian Grashof, Andreas Döhler und Samuel Finzi in Warten auf Godot bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen – Foto (C) Arno Declair | Bildquelle: ruhrfestspiele.de
Keine Landstraße, kein Baum, keine ablenkenden Requisiten. Panteleev verzichtet auf alles, was Beckett noch heilig war. Nur ein Scheinwerfer an einem Mast, der die Bühne fahl ausleuchtet, wie eine Laterne, Baumersatz und Mond, in dessen Licht die beiden schicksalhaft verbundenen Tramps sehnsüchtigen schauen können. Alles andere ist ihnen genommen, die Rüben, wie die zu engen Schuhe Estragons und der Gürtel, der zum Aufhängen nicht taugt. Die Hoffnung bleibt und das Geschick der beiden Schauspieler, diesen ganz auf sich geworfenen Figuren Leben einzuhauchen. Und diese Chance ergreifen Koch und Finzi ein ums andere Mal.
Der Eiserne Vorhang klingelt und fährt geräuschvoll zu Beginn und Ende jedes der beiden Akte rauf und runter. Dazwischen heißt es spielen um die nackte Existenz. Im ersten Akt wird noch der Anschein gewahrt, es lohne sich das Warten, indem man mit etwas Philosophie die Zeit totschlägt und ein paar religiöse Themen abhandelt, wie etwa die Frage, warum nur einer der beiden Schächer erlöst wurde und nur einer der vier Evangelisten überhaupt davon berichtet. Die Sehnsucht Wladimirs nach der eigenen Erlösung wird durch das Desinteresse Estragons, den seine Schuhe mehr plagen als die Frage nach Gott und lieber nach gelben Rüben sucht, irgendwann ad absurdum geführt. Die beiden streiten wie ein altes Ehepaar, in dem Finzi den Part des Mitteilungsbedürftigen gibt und Koch nicht zuhören will und damit nur die Angst der eigenen Person überspielt.
Zu ihnen stoßen dann erwartungsgemäß als große Ablenkung vom eigenen Schicksal Pozzo und Lucky, gespielt von DT-Altstar Christian Grashof und Andreas Döhler, der als Lucky mal keine Koffer schleppen muss, sondern sich mit einem riesigen orangenen Tuch beschäftigt, das er immer wieder zusammenrafft, geduldig faltet, dabei hinstürzt und wieder von vorn beginnt. Grashof ist der vornehme Herr in Vollendung. Das Schurigeln der armen Kreatur Lucky ist ihm sichtliches Bedürfnis wie auch Last gleichermaßen. Ein ebenso schicksalhaft aneinander gekettetes Paar, auch ohne Strick. Ihnen fehlen gleichfalls sämtliche Requisiten wie Peitsche, Stuhl oder Hut. Lucky macht auf Befehl Yogaübungen und denkt laut. Seinen abstrusen Man-weiß-nicht-warum-Monolog blafft Döhler von der Rampe direkt ins Publikum. Er muss auch noch wortkarg den Jungen geben, der nach jedem Akt die Nachricht vom Nichtkommen Godots bringt, auf Fragen von einem Mann mit weißen Bart berichtet und dann auf den nächsten Tag vertröstet.
Warten auf Godot. Premierenbeifall für Wolfram Koch und Samuel Finzi am DT – Foto: St. B.
Als er weg ist, geht die Warteschleife von vorne los. Während Wladimir im zweiten Akt langsam verzweifelnd den Kanon vom Hund, der in Küche kam krächzt, um gegen die Einsamkeit anzusingen, nagt Estragon an seinem Knochen, den es nicht gibt, geht, schläft und vergisst Zeit, Tag und Grund ihres Tuns. Es ist eine Art Endlos-Pantomime, ein Pingpong der Worte und imaginären Gegenstände, wie der nichtvorhandene Hut Luckys, den sich die Finzi und Koch als Zeitvertreib immer wieder zuwerfen, mal wie Tennisspieler schlagen und dazu mit den Fingern schnippen. So imitieren sie auch ein Schachspiel ohne Brett und Figuren. Ein Slapstick jagt den nächsten, ein Kalauer den anderen. Dem Loch werden Didi und Gogo dennoch nicht entkommen, auch wenn sie sich gegenseitig umarmen, festhalten und mit den Jacken zusammenknöpfen. Immer mehr ähneln sie dem sich quälenden anderen Paar, das sie bereits imitieren. Der Abgrund ist nahe, aber sie haben zumindest sich und eine vage Ahnung von etwas anderem, was da noch sein könnte. Und auch das ist Theater. „Also? Wir gehen?“ / „Gehen wir!“ – usw., usf. … Großer Beifall und Bravorufe für die Akteure des kunstvollen Nichts.
***
Warten auf Godot
von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven
Eine Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Deutschen Theater Berlin
(Premiere vom 28. September 2014)
Regie: Ivan Panteleev, Bühne und Kostüme: Mark Lammert, Mitarbeit Bühne: Ulrich Belaschk, Mitarbeit Kostüme: Karin Rosemann, Licht: Robert Grauel, Sound-Design: Martin Person, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Andreas Döhler, Samuel Finzi, Christian Grashof, Wolfram Koch.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause Infos: www.ruhrfestspiele.de www.deutschestheater.de
Eine Recherche der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste im Rahmen des Projekts „Schwindel der Wirklichkeit“, kuratiert von Ulrich Matthes.
–
Der Schauspieler Ulrich Matthes ist viel unterwegs. Wer oft in Berlin ins Theater geht, wird ihm immer wieder begegnen. Und zwar nicht nur, wenn er selbst auf der Bühne steht. Sei es im Deutschen Theater, zu dessen Ensemble er gehört, beim Theatertreffen oder anderen Gastspielen – es gibt kaum einen Schauspieler, der sich mehr für die Arbeit seiner Kollegen interessiert. Und darum verwundert es nicht, dass gerade Ulrich Matthes die Idee zu diesem – jetzt als DVD vorliegendem – Projekt hatte. 10 Schauspielerinnen und Schauspieler im Gespräch mit 10 Menschen vom Theaterfach. Regisseure, Intendanten, Dramaturgen oder Kritiker, die sie über die verschiedenen Spielweisen, die Art ihrer täglichen Verwandlung befragen.
Was heißt das: Schauspielen? Was treibt einen auf die Bühne? Und welcher Preis ist zu bezahlen? Diese und andere Fragen, die Ulrich Matthes umtreiben, sind Grundlage für 10 sehr interessante, ganz unterschiedliche Gespräche, die aber immer wieder an diesen existentiellen Eckpunkten des Schauspielerseins ankommen. Matthes beklagt im Aufmacher zum Booklet der Doppel-DVD vielleicht auch zurecht, dass über die künstlerischen Möglichkeiten des Spielens im Theater, und vor allem auf den Proben, selten gesprochen wird. Neben Matthes selbst geben hier also 9 weitere herausragende Kollegen mehr oder weniger bereitwillig Auskunft über ihre Sichtweise auf und Ansprüche an den Beruf.
Natürlich sind das alles Spitzenkräfte, erfolgreich auf der Bühne, wie zumeist auch im Film. Matthes ist da selbst bestes Beispiel. Sie sind durchgesetzt in der Hierarchie der Theater, Agenturen und Fernsehsender. Man gehört zum Club, wie es etwas despektierlich der Volksbühnen- und Pollesch-Mime Fabian Hinrichs im Gespräch mit dem Film- und Theaterkritiker der Wochenzeitung Freitag, Matthias Dell, feststellt. Hinrichs ist es dann auch, der sich mit seiner Kritik am System Theater und Fernsehen am weitesten hinauslehnt. Diese Freiheit, nicht mehr in etwas hineingepresst zu werden, was man nicht ist, hat er sich redlich erspielt. Einst in den 1990er Jahren nach ein paar vorlauten Worten aus dem Volksbühnenengagement entlassen, kann er es sich mittlerweile aussuchen, mit wem er arbeiten will. Eine neue Zusammenarbeit mit René Pollesch scheint schon im Gespräch zu sein.
Neben aller Kritik bricht Hinrichs natürlich vor allem eine Lanze für den Schauspieler als Künstler und verteidigt den Beruf gegen die Selbstdarsteller mit narzisstischen Störungen. Das Abschaffen der Hierarchien und eine bessere Bezahlung der Schauspieler würden dagegen den Eintritt von Leuten mit Geschmack und Gehirn in den Beruf befördern. Man muss diese etwas harschen und relativierenden Sätze Hinrichs zum Mythos des Schauspielberufs der Vorstellung dieser DVD unbedingt voranstellen, obwohl sie in der Edition erst etwa später fallen. Ist doch der Einblick, den dieses Projekt in die Welt der Schauspieler vermittelt, zum Teil auch eine fast schon elitäre Sicht der Dinge, von ganz weit oben drauf. Dass sich die befragten Schauspielerinnen und Schauspieler dessen aber durchweg bewusst sind und zugeben in diesem Sinne privilligiert zu sein, adelt sie dann auch umso mehr.
Dass Schauspieler ein Problem mit der Scham haben, hätte man diesbezüglich dann aber eher nicht vermutet. Selbst für den Rampenberserker und großen Holzschlachter Sepp Bierbichler ist der Beruf ein ewiger Kampf gegen die Scham. Was für ihn nicht etwa Probleme mit Lampenfieber bedeutet, sondern tatsächlich das sich täglich Herzeigen-Müssen. Er hat das früher mit zwei Glas Bier oder Schnaps bekämpft.
Bierbichlers Gesprächspartner ist der Film- und Theaterregisseur Andres Veiel, der 2004 mit dem Dokumentarfilm Die Spielwütigen vier Schauspielstudenten auf ihrem Werdegang folgte, von denen heute sicher auch alle gut hier sitzen könnten. Nun ist Veiel selbst beim Theater angekommen. Auf dem umgekehrten Weg ist Bierbichler. Er hat nicht mehr die nötige Gier auf die Bühne zu gehen und macht nur noch eigene Sachen, wie eine geplante Verfilmung seines Romans, oder Abende mit Gesang, wie in Thomas Ostermeiers Inszenierung der Thomas-Mann-Novelle Der Tod in Venedig an der Berliner Schaubühne.
Eine Grande Dame des deutschen Theaters ist mit Sicherheit Edith Clever. Sie hat Theatergeschichte mitgeschrieben und unter Regisseuren wie Peter Zadek und Peter Stein eine Ära mitgeprägt, deren Bühnenästhetik und Schauspielführung in der Fortführung durch Claus Peymann oder Luc Bondy heute oft nur noch als museal bezeichnet wird. Bis auf wenige Ausflüge ins Filmfach wie den Verfilmungen der alten Schaubühne unter Stein selbst oder den streng ästhetischen Kunstfilmen des Regisseurs Hans-Jürgen Syberberg ist die Clever dem Theater immer treu geblieben. Im Spiel ist ihr wichtig, etwas ahnen zu lassen, von noch etwas anderem, was über das Wirkliche weit hinausgeht. Im Gespräch mit der Vizepräsidentin der Akademie der Künste und ehemaligen Intendantin des Berliner Hebbel-Theaters Nele Hertling berichtet Edith Clever sehr freimütig über ihren Werdegang. Ein reicher Erfahrungsschatz, der eine große Bereicherung für dieses Projekt darstellt.
Was die Clever und andere in den 1970er an der Schaubühne vorgelebt haben, davon können sicher auch junge Schauspielerinnen von heute profitieren. Die Freiheit im Team arbeiten zu können, ohne den entwürdigenden Besetzungszettel, ist für die meisten an den etablierten deutschen Stadttheatern engagierten Schauspieler, die übliche Art zu arbeiten. Unterschiede gibt es da höchstens in der Arbeitsweise mit dem Regisseur. Von René Pollesch schwärmt da nicht nur Fabian Hinrichs, auch Sandra Hüller von den Münchner Kammerspielen ist fasziniert von der unkonventionellen Art Stücke gemeinsam zu entwickeln, wohingegen sich Kollegin Wiebke Puls auch gern mal auf die Ansagen des Regisseurs verlässt. Sandra Hüller fände es schön, wenn es da kein Korsett mehr gäbe. Sie möchte sich nicht mehr für die Bühne adrenalinmäßig emotional aufbrezeln müssen.
Vom Temperament her völlig konträr sind sicher die Schauspielerin Maren Eggert vom Deutschen Theater Berlin und der sich selbst als Zappelphilipp bezeichnende Joachim Meyerhoff, seit der letzten Spielzeit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Während Maren Eggert sehr reduziert spielt und eine große innere Ruhe und Ernsthaftigkeit ausstrahlt, kann Joachim Meyerhoff nichts peinlich genug sein. Er mag es, das Peinlichsein auf der Bühne ausreizen zu dürfen. Der Zeit-Kritiker Peter Kümmel muss nicht allzu tief bohren, Meyerhoff ist selbst im Interview immer auch ein begnadeter Entertainer. Seine erfolgreichen Soloabende mit autobiografischen Texten am Rande der Fiktion sind sicher das, was man im besten Falle von Theater erwarten kann. Die Öffnung einer anderen Wahrhaftigkeit im Spiel mit der Sprache. Für den „Dompteur der Moments“ sei es das Größte, wenn sich im Spiel mit dem Zuschauer die Zeit öffnet und die Wahrheit dreidimensional wird. Dann könne man sie sich von allen Seiten ansehen. Ein schöner Gedanke.
Der Frage nach der Wahrheit und Authentizität im Theater kann heute kaum noch ein Schauspieler ausweichen. Eine Ausstellung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, in die das Projekt eingebettet ist, befasst sich dann auch mit Schwindel und Wirklichkeit. Die Bühne als in sich geschlossener, heiliger Kunstraum, der eine andere Wirklichkeit darstellt, wie es Maren Eggert für sich beschreibt, hat in der Hinsicht vermutlich auf Dauer ausgedient. Die Verabredung, dass oben auf der Bühne Wirklichkeit reproduziert und unten im Parkett emotional verarbeitet wird, funktioniert nur noch für die Wenigsten. Da ist Ulrich Matthes noch ganz der Idealist unter den Schauspielern. Er will rein in die Köpfe und Herzen der Zuschauer. Im Gespräch mit dem Theaterkritiker und Publizist Hans-Dieter Schütt (bildungsbürgerliche Intellektuelle zweier Systeme unter sich) verteidigt er seinen „Realismus des Spiels“ als Credo des pädagogischen Eros. Der Kampf des Menschen durch mehr Empathie gegen die Einsamkeit.
Etwas künstlerisch abgehobener geht Jens Harzer vom Thalia Theater Hamburg die Sache an. Für ihn hält die Wirklichkeit dem Theater nicht stand. Man spiele die Infragestellung der Wirklichkeit. Er nennt das auch ein „Welt-halten-Müssen gegen die Welt“. Harzers Figuren kommen eher aus dem Schweigen als aus dem Reden. Für ihn ist alles immer nur eine Annäherung an das, was man sagen will. Für Joachim Meyerhoff ist schon die physische Anwesenheit des Körpers allein eine Art der Authentizität. Die herkömmliche Vorstellung vom eifrigen Schauspieler und dem gebildeten, interessierten Zuschauer gebe es so nicht mehr. Das Verhältnis des Produzenten zum Konsumenten habe sich sogar verschoben. Meyerhoff geht sogar so weit, zu behaupten, der Schauspieler auf der Bühne konsumiere Aufmerksamkeit und unten sitze der Produzent und produziere Bildung.
Die komplette Auflösung der vierten Wand wird seit Jahren von den Performern betrieben, die hier durch die aus der bildenden Kunst kommende Signa Köstler vertreten sind. In den Stücken des dänischen Performancekollektivs Signa wird der Zuschauer zum Mitspieler und muss auf das, was er sieht, reagieren, wie auch umgekehrt die Performer. Letztendlich ist auch das eine Art Verabredung, aber eine, an der alle aktiv teilhaben können. Ein intensives Erlebnis für beide Seiten. Zwar gäbe es festgelegt Charaktere, aus denen die Performer nicht austeigen, Fiktion und Wirklichkeit verschwömmen aber oft. Beim Versuch die Fiktion zu brechen, entstehe eine Art Verunsicherung des Zuschauers, wer nun aus der Figur spreche, berichtet Signa Köstler, und da entwickele sich dann ein Dazwischen. Eine künstliche Welt, die behauptet echt zu sein, und damit dem herkömmlichen Stadttheater auch wieder sehr ähnlich ist.
Einer der schon immer die verschiedensten Kunstformen am Theater zusammengebracht hat, ist der ehemalige Intendant des Berliner HAU, Michael Lilienthal. Im sehr lockeren Gespräch auf der Bühne der Münchner Kammerspiele mit der Schauspielerin Wiebke Puls erzählt auch der Theatermacher von seiner Arbeit. Lilienthal wird 2015 die Kammerspiele übernehmen und scheint in Wiebke Puls, die schon durch die Schule von Regisseuren wie Jürgen Gosch und Andreas Kriegenburg gegangen ist und an biografischen Theaterprojekten von Michael Laub mitgearbeitet hat, eine erste interessierte Mitstreiterin gefunden zu haben. Die Ein-zu-Eins-Begegnung mit dem Zuschauer ist auch ein Wagnis, das sie gerne eingehen würde. Der intensive und beglückende Beruf des Schauspielers, wie ihn Initiator Matthes beschreibt, wird jedenfalls so schnell nicht aussterben.
Spielweisen. Gespräche mit Schauspielern
2 DVDs
Booklet ca. 70 Seiten, deutsch/englisch
EUR 22.00
Akademie der Künste, 2014
ISBN 978-3-88331-205-7
Kurator: Ulrich Matthes
Projektleitung: Petra Kohse
Mitarbeit: Tanja Krüger
Regie und Schnitt: Ingo J. Biermann
Bildgestaltung: Kai Miedendorp, Alexander Haßkerl
Die art berlin contemporary ist seit 2011 Berlins Hauptmesse und Aushängeschild der jährlich im Herbst stattfindenden Berlin Art Week. Und auch in diesem Jahr strömten die Messebesucher zahlreich zur Eröffnung in die Station Berlin in der Luckenwalder Straße am Gleisdreieck. Hier ist die Atmosphäre offener als in der in sogenannten galeriebezogenen Kojen angeordneten BERLINER LISTE oder der neuen Zweitmesse POSITIONS im Kaufhaus Jandorf. Die Austeller von 111 Galerien präsentieren hier 115 Künstler, was auch eine kleine Reduzierung zum Vorjahr bedeutet. Der Berliner Kunstmarkt ist sicher nicht so heiß umkämpft wie in Basel, London oder New York, aber immer noch repräsentativ was neue Positionen der Gegenwartskunst betrifft.
Die art berlin contemporary – Foto: St. B.
In der lockeren Verteilung der Galerien über die drei Hallen fallen große Skulpturen hier sofort ins Auge. So auch der riesige liegende Kronleuchter von Krištof Kintera bei Schleicher/Lange. My light is your light heißt das Werk und weist einem den Weg gleich hin zum nächsten Kunstwerk. Die Berliner Galerie Mehdi Chouakri zeigt den hoch aufragenden Kugelleuchter von Mathieu Mercier. Durch einen kleinen Uhren-Wald von Luc Fuller geht man bei der Galerie Rod Barton aus London.
Daniel Steegmann Mangrané – Foto: St. B.
Daniel Steegmann Mangrané hat eine Art labyrinthischen Raumteiler aus farbigen Kettenvorhängen erdacht und für die Galerie Esther Schipper in die Halle gestellt. Ein ganzes Haus hat Kerim Seiler für die Galerie Grieder Contemporary gebaut. Der Schweizer Künstler steht auf der Veranda seines mit französischem Leuchtschriftzug „Arbeiten sie nie“ überschriebenen Heims und lädt zum Verweilen ein. Unweit in einem kleinen Imbisswagen bietet Installations- und Performencekünstler John Bock als eine ins Licht getretene Triebkreatur für die Galerie Sprüth Magers Anti-Trieb-Toasts an. Wer das überlebt, kann sich bei W. Lentz aus Rotterdam auf einen alten Zahnarztstuhl des Künstlers James Beckett aus Simbabwe legen.
John Bock macht Toast Hawaii zur Triebabtötung – Foto: St. B.
Überhaupt überwiegt der Anteil an Installationen und Videoarbeiten die der traditionellen Kunstgenres. Trotzdem trifft man hier und da auch auf bekannte Namen der Malerei und Fotografie. Performancestar und Provokateur Jonathan Meese zeigt zum Beispiel bei Krinziger/Wien neue Bilder mit leicht infantiler Prägung. Die Betitelung BABYPARSIFAL zeugt wohl schon von ersten Ideen zur Inszenierung der Wagner-Oper bei den Bayreuther Festspielen 2016. Der Augsburger Maler Martin Eder stellt bei Galerie Eigen + Art seine üblichen trügerischen Idyllen aus leicht schwülstig lasziven Bildmotiven. Hier ist es die Figuren der Jeanne d’Arc und Aliénor d’Aquitaine als Sinnbild für das Einbrechen realer Gewalt in die Ästhetik von Videogames und die allgemeine Popkultur.
Mathieu Mercier im Hintergrund Close up von Fiete Stolte – Foto: St. B.
Den Österreicher Robert Muntean darf man allerdings nicht mit Markus Muntean vom Künstlerduo Muntean & Rosenblum, die noch im letzten Jahr auf der ABC ausstellten, verwechseln. Der junge Maler aus Loeben/Steiermark stellt nun – ganz untypisch für die gegenständlichen Gruppenportraits von Muntean/Rosenblum – ein fast schon abstraktes Gemälde bei der Charim Galerie Wien aus. Die Papierarbeiten von Volker Hüller bei der Produzentengalerie Hamburg zeigen surreal verzerrte Figuren an Bars, ähnlich den von Gorge Grosz. Hendrik Kaven montiert mit von 1 zu 1 nach ∞ einen Stadtplan aus verschiedenen Gemälden, zwischen denen Scheinstraßen und Alleen der Jugend verlaufen, an eine Wand.
Kristof Kintera – Foto: St. B.
Interessante Fotoarbeiten gibt es bei Christine König mit der Serie Hohes Haus (Berlin) der österreichischen Künstlergruppe G.R.A.M. zu sehen. Ein Trio des Stillstandes mit schlafenden Politikern. Richard Mosse stellt für carlier / gebauer einer 16teiligen Foto-Serie von Hütten in rot gefärbter Landschaft aus. Am Ende der Halle B zieht einen der Experimentalfilm Coupé /Décalé von Camille Henrot mit von Urwaldvölkern auf dem Vanuatu Archipel in den Bann, das die Galerie Johann König zeigt. Ein Initiationsritual, das im Westen für den Sport des Bungee-Jumpings adaptiert wurde.
Nina Pohl – Foto: St. B.
Genreübergreifende und Mixed-Media-Arbeiten sind nach wie vor stark im Kommen. Sprüth Magers hat an ein Gerüst in Halle B Arbeiten zwischen Malerei und Fotografie von Nina Pohl, Analia Saban und Walter Dahn gehängt. Eine ganze Wand mit auskragenden Elementen hat Tobias Rehberger für die Galerie neugerriemschneider bemalt. Eine Vanitas-Installation von Luciana Rondolini aus ironischer Portraitzeichnung auf Papier und metallenen Bananen davor zeigt die Galrerie miaumiau.
Dick mit Binden, Gips und Metallspänen umwickelt sind die Skulpturen des Briten Des Hughes bei der Buchmann Galerie Berlin. Skulpturen + Malerei zeigt die Galerie Arndt aus Berlin. Der Künstler Jigger Cruz hat seine in mehreren Schichten übermalten ikonoklastischen Gemälde mit kaputten Rahmen und davorgestellten Kunstharzfiguren ergänzt. Auch der Tscheche Marek Meduna trägt die Farben zuweilen dick auf und stellt bei der Prager Svit Gallery seine übermalten Plastikbierflaschen aus.
Skulpturen von Des Hughes – Foto: St. B.
Aber auch der Mensch selbst ist Kunst. Vor den Gemälden von Donna Huanca bei der Brand New Gallery aus Mailand hocken zwei am ganzen Körper blau bemalte Frauen, die man nur beim näheren Betrachten blinzeln sieht. Hat man kurz weggesehen, traut man seinen Augen kaum, wenn die Figuren dann plötzlich doch ihre Haltung verändert haben. Als wandelndes Kunstwerk durchschreitet unermüdlich eine Frau mit Wurstpappenschleppe die Hallen und mahnt gegen das Kopieren von Kunst. Und auch noch so manch andere Selbstdarsteller in eigener Sache unterwegs wurden auf der wieder sehr vielseitigen ABC-Messe gesichtet. Der Schriftzug der Leipziger Künstlergruppe FAMED (Galerie ASPN) verabschiedet uns am Ausgang mit den Worten: „We‘re on Fire!“
***
ART BERLIN CONTEMPORARY
Vanitas-Installation von Luciana Rondolini – Foto: St. B.
in der Station Berlin
18.-21.09.2014)
Öffnungszeiten:
Fr + Sa | 12 – 19 Uhr
So | 12 – 18 Uhr
Tickets & Preise:
Tagesticket 12 € | Ermäßigtes Ticket 8 €
am So Familienticket 25 € (Eltern + unbegrenzte Anzahl an Kindern unter 18 J.)
2-Tagesticket 20 €
Gruppenticket (ab 8 Personen) | 8 €
Station Berlin
Luckenwalder Straße 4-6
10963 Berlin
U1, U2 Gleisdreieck
Die BERLINER LISTE, älteste Kunstmesse der Hauptstadt, hat (wie jedes Jahr) einen Tag vor den anderen Messen der Hauptstadt am Mittwochabend ihre Pforten geöffnet. Nach wie vor außerhalb des offiziellen Programms der Berliner Art Week bespielt man in diesem Jahr mit den Hallen im Postbahnhof am Ostbahnhof ein deutlich kleineres Areal als in der großen Trafo-Halle des alten Heizkraftwerkes Mitte (MUMA) in der Köpenicker Straße, die in den Jahren zuvor architektonisch eindrucksvoller Standort der Messe war. Messechef Jörgen Golz und Kurator Peter Funken sind trotzdem stolz mit immerhin 112 Positionen aus 24 Ländern die größte Auswahl an Galerien, Projekträumen und Künstlern untern den Berliner Messen präsentieren zu können.
Die 11.BERLINER LISTE im Postbahnhof – Foto: St. B.
Auf der als Newcomer-Messe gehandelten BERLINER LISTE gibt es auch diesmal im fast schon familiären Galerieambiente auf zwei Floors wieder viel Neues zu entdecken. Die Künstler und Projektgruppen stellen sich hier noch höchst selbst vor. Dabei hat man vor allem die Berliner Kunden mit dem etwas kleineren Geldbeutel aber trotzdem großen Kunstsachverstand im Auge. Die Werke bewegen sich im überschaubaren Rahmen von 100 bis ca. 10.000 Euro.
Aber es muss nicht immer das Unikat sein. Kleinere Serien von Grafiken oder Kunstbücher sind schon ab 40 Euro zu haben. Kunst für Freunde z.B. nennt Anna Käse ihre kleinen, erschwinglichen Radierungen mit ironischen Textbotschaften aus ihrer Druckwerkstatt in Berlin. Sehr vielseitig zeigt sich auch der Maler und Grafiker Peer Kriesel.
Installation von GODsDogs – Foto: St. B.
Gleich am Anfang wird man aber von der charmanten Ute Brönner in ihrem gallery store FAKE und Echt begrüßt. Die Crossover-Künstlerin erklärt Interessierten ihre Installation One at a Time aus 99 mit Leinwand bespannten Keilrahmen. Die noch leere, sich wandelnde Grundfläche des Malers wird hier durch Dekonstruktion und immer wieder neue Rekonstruktion kurzerhand selbst zum Kunstwerk erhoben. Ihr eigens Kunstwerk sind auch das Künstlerpaar Britta & Ron Helbig (GODsDOGs), die sich in Ganzkörperbemalung neben ihrer Großskulptur Vortex präsentieren, die die Mitte der Galerie Sektion im Obergeschoss einnimmt. Sternstunden der Menschheit, aus verschiedensten Holzresten und Gegenständen zusammengestellt.
Gemälde von Kerstin Arnold – Foto: St. B.
Die Malerei ist neben Fotografie und Bildhauerei immer noch die vorherrschende Kunstform auf der BERLINER LISTE. Vor allem im Erdgeschoss trifft man auf die unterschiedlichsten Stile und Formate. Etwa die mit großem Pathos, Sex und Ironie aufgeladenen Großstadtgemälde des italienischen Malers und Fotografen Fioravanti wie Bananatown. Frauenpower in stark idealisierter Form zeigen die im fotorealistischen Stil gemalten Bilder von Kerstin Arnold. Ebenfalls realistische Paarportraits malt Susanne Storch.
Schemenhaft verwischt, unfertig, fast wie einfarbig luzide X-Rays, wirken da die Papierarbeiten der peruanischen Künstlerin Tania Bedriñana. Ebenso zart und zerbrechlich, aber auch lebensfroh im Augenblick sind ihre Kleinskulpturenserien. Ähnlich schön die mystischen Portraits der Berliner Malerin Jaya Suberg. Eher verstörend sind dagegen die Aquarelle von Hunden (rational animals), die der Ukrainers Ievgen Petrov in der Galeriesektion im 1.OG zeigt. Und traumatisch-dämonische Figuren im Renaissancestil malt Joey Schmidt-Muller in Schwarz-Weiß.
Skulpturen von Tania Bedriñana – Foto: St. B.
Immer wieder blicken einem neben dem Maskenmann Anonymos der Occupy-Bewegung prominente Gesichter aus Politik, Film und Mode an. Die russische Malerin Vera Kochubey hängt ein Bild des wohl zurzeit meist gehassten Mannes Wladimir Putin neben das ewig lächelnde Portrait des Dalei Lama. Passend dazu eine moderne Gebetsmühle aus Lebensmittelbüchsen und Getränkeflaschen von Michael Pröpper. Mit einer umfassenden Portraitserie großer Berühmtheiten für das heimische Wohnzimmer warten die Guerrero Galeria d’art aus Barcelona und die Galerie von Albert Baake aus Potsdam auf, der auch bekannte Künstler wie Elvira Bach und Udo Lindenberg im Programm hat. Persönlichkeiten unserer Geschichte erraten kann man in der Serie aus Kleinformaten in Öl Tausend Deutsche Portraits von Todd Severson.
Bei den fotografischen Arbeiten besticht vor allem der Niederländer Niki Feijen mit seinen großformatigen Fotos von historischer Architektur und verlassenen Gebäuden in ihrer morbiden Schönheit. Die Vergänglichkeit und das Weiterleben nach dem Tod thematisiert Fotograf Kang Hee-sung in seiner schwarz-weißen Serie Around, in der ein Mann einen Sarg mit sich führt. Wie poppige Mangas wirken da die farbigen Portraits des Belgiers Harry Fait bei ArtMagna. Die Kreuzberger Galerie Atelier Cross ART zeigt Underground-Fotografie aus der Fetischszene mit passender Performance.
Judaskuss. Fotocollage von Wadim Rakowski – Foto: St. B.
Hatte der in Berlin lebende russische Künstler Wadim Rakowski im letzten Jahr in einer sarkastischen Selbstportraitserie The thrown out money das hinausgeworfene Geld thematisiert, zeigt er diesmal in seinen fotografischen Collagen eine Serie von Remakes nach biblischen Gemälden des italienischen Barockmalers Carravaggio. Wieder stellt sich Rakowski selbst in den Mittelpunkt seiner Arbeiten. Es geht um den Künstler und das Modell, die tragische Existenz in phantastischer Beleuchtung, sowie König David als immer währende Führerfigur.
Holzskulptur von Edvardas Raceicius – Foto: St. B.
Ein weiterer alter Bekannter ist Edvardas Raceicius, der litauische Holzbildhauer aus Greifswald, mit seinen kleinen Holz-Figuren, die die menschliche Verbindung mit der Natur in einen direkten Bezug zum lebenden Werkstoff stellen. Peer Oliver Nau arbeitet seine originellen Skulpturen ebenfalls aus rohem Holz. Außergewöhnliche Skulpturen gibt es auch von Johanna Frohberg beim STELLA project zu sehen, und Annie Jungers stellt surreale Bronzeskulpturen aus. Aus dem Rahmen fallen die da reliefartigen Silberarbeiten des Berliners Michael Lade, kunstkammerartige Bildinstallation, wie er es selbst nennt. Aus Glas sind die faszinierenden Käferskulpturen von Dr. Boris Shpeizman aus Israel.
Glasskulptur von Dr. Boris Shpeizman Foto: St. B.
Slava Ostapchenkos Arbeiten lassen sich nur schwer einordnen. Er taped seine Bilder mit farbigem Packband auf Glas, gestaltet damit Wände, oder lässt sie als Rauminstallationen von der Decke hängen. Goldene Zeiten verheißt Isabella Viktoria Sedeka mit ihren Arbeiten aus Schlagmetallen und Ölfarben, und verteilt kleine Goldpunkte, die man sich nach einem anregenden Rundgang als schillerndes Andenken ganz umsonst mit nach Hause nehmen kann.
***
BERLINER LISTE
18.-21.09.2014
im Postbahnhof am Ostbahnhof
Messe für zeitgenössische Malerei, Skulpturen, Zeichnungen, Grafik, Installationen, Video-Kunst, Performance
Getapter Leuchtjesus von Slava Ostapchenko Foto: St. B.
Öffnungszeiten:
Täglich von 13 bis 21 Uhr
Letzter Tag von 13 bis 19 Uhr
Eintrittspreise:
Tageskarte: 15 EUR
Tageskarte ermäßigt: 12 EUR
Kinder unter 12 Jahren:
Eintritt frei
Der Zugang zur Messe ist
barrierefrei
Postbahnhof am Ostbahnhof
Straße der Pariser Kommune 8
10243 Berlin
Widerspruch, das neue Motto am Deutschen Theater – Foto: St. B.
Jürgen Kuttner ist in den 1990er Jahren als großartiger Videoschnipsler an der Berliner Volksbühne bekanntgeworden. Im Stile eines ironischen Welterklärers vermittelte er Sachen, die aus dem Blickwinkel des Otto-Normal-Bürgers entschwunden schienen, oder komplexe Zusammenhänge, die selbst von Politikinteressierten mit besserer Allgemeinbildung nicht mehr zu durchblicken waren. Heraus kam im besten Falle unterhaltsam dialektische Aufklärung, hin und wieder aber auch mal ein karnevalistisch aufbereiteter Wurf mit ollen Kamellen. Als letzteres muss man wohl auch die neue Produktion mit seinem Regiekumpel Tom Kühnel bezeichnen, mit der das Deutsche Theater infolge der verletzungsbedingten Verschiebung der Premiere von Warten auf Godot nun etwas verspätet die neue Spielzeit einläutete.
*
Die Regiekollegen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner haben sich ein weiteres Mal ein Stück des expressionistischen Dramatikers Carl Sternheim vorgenommen. Nach Aus dem bürgerlichen Heldenleben am Residenztheater München wird nun am Deutschen Theater die Komödie Tabula rasa aufgeführt. Die alte Tante SPD ist ja schon oft totgesagt worden. Sternheim verabschiedete mit seiner bösen Farce bereits 1916 die Ideale der Sozialdemokratie. Den Beinamen Gruppentanz und Klassenkampf, den Kuttner/Kühnel ihrer Inszenierung gegeben haben, kann man dabei als Schlingern durch Hundert Jahre Sozialdemokratie von der Bewilligung der Kriegskredite über Bad Godesberg bis zur Agenda 2000 verstehen. „Widerspruch“ plakatiert das DT außen. Und innen verquicken die beiden Macher von so widersprüchlichen Inszenierungen wie Die Sorgen und Macht (von Peter Hacks) und Capitalista, Baby! (nach Ayn Rands The Fountainhead) ihre aktuelle Bestandsaufnahme ganz provokant mit der Frage: Was war das eigentlich nochmal: links zu sein?
Diese und andere Fragen streut Schauspieler Jörg Pose immer mal wieder vom Rand der Bühne ein. Er sitzt dort vor einem alten Fernsehgerät und sieht Wie der Stahl gehärtet wurde, die Verfilmung eines Klassikers des sowjetischen Realismus von Nikolai Ostrovskij. Der Held des Romans, Pavel Korčagin, ist der Prototyp des revolutionären Klassenkämpfers, der selbst sein Privatleben und die Gesundheit für die Idee des Kommunismus opfert. Die alte DDR-Schullektüre ist beredtes Anschauungsmaterial und angestaubtes Museumstück gleichermaßen. Die Hauptfigur in Sternheims Tabula rasa trägt zwar den stahlharten Namen Ständer, ist aber alles andere als ein standhafter Sozialdemokrat der ersten Stunde. Es ist eher die Beständigkeit, immer das eigene Wohl im Auge zu behalten, die ihn ausmacht.
Kuttner und Kühnel am DT, Inszenierungsplakat – Foto: St. B.
Felix Göser, der schon den Willy Brandt in Kuttner/Kühnels Musical-Version von Michael Frayns Stück Demokratie gespielt hat, ist hier wieder ganz der Lebemann, wenn auch etwas spießig mit Zopf und Bademantel, und lässt sich die Butter nicht mal vom Brot gucken. Dabei sind Ständer bereits jegliche Visionen und Ideale, das Soziale betreffend, abhandengekommen. Der alte Arbeiter aus den Rodauer Glaswerken liebt die Bequemlichkeit und sorgt sich um sein Aktienpaket und die Rentenzulagen. Ständers bürgerliche Wohnstube gleicht auf der Bühne des DT einer Art gehobenem Arbeiterwohlfahrts- und Wohlfühlparadies mit angeschlossenem Bäderbetrieb. Sozialistischer Realismus schmückt hier nur noch die gekachelten Wände. Das ist bildhafte Satire pur, was nur noch durch die als blanke Karikaturen umherlaufenden Protagonisten getoppt wird.
Auch die tragen dank Sternheim alle sprechende Namen. Nachbar und Kollege Flocke (Michael Schweighöfer spielt wie immer als Knallcharge) ist ein begriffsstutziger Schluffi mit Wollmütze, der zwischen den wechselnden Winden treibt und leicht zu beeinflussen ist. Dagegen zeigt der ledernackige Langhaarfunktionär Sturm (Christoph Franken) noch entsprechende Qualitäten. Aber auch seine Art, mit speckiger Aktentasche und proletarischen Parolen ins Haus zu fallen, weiß Wilhelm Ständer zu nutzen. Sein erstes Ansinnen, die Arbeiter im Zuge einer Feier zum Betriebsjubiläum gegen die Leitung des Werkes aufzuhetzen, konterkariert er wenig später mit der Aktivierung von Flockes Sohn Artur als Gegenspieler. Daniel Hoevels spielt ihn als einen jung-dynamisch geföhnten Hochwasserhosen-Realo der 80er Jahre. Kuttner/Kühnel setzen auch bei den Kostümen auf deutliche Bildsprache.
Als schlechtes Gewissen der Sozialdemokratie fungiert ein von außen immer wieder hereinbrechender Arbeiterchor der Freischwimmer und singt alte revolutionäre Kampfeshymnen. Doch auch der Wedding ist schon lange nicht mehr rot, und gemäß Politdiskursler René Pollesch kann bekanntlich so ein Chor auch mal gewaltig irren. Wenn ein zaghaftes „Auf, auf zum Kampf“ ertönt, schließt Ständer einfach die Türen. Erst ist er für den geplanten Bau einer Arbeiterbibliothek, nachdem aber die bewilligte Millionen seine Dividende in Gefahr geraten lässt, intrigiert der alte Fuchs wieder dagegen. Die Verwirrtaktik dient dabei als Ablenkungsmanöver von der eigenen fleckigen Weste. Die Gier nach Macht und Reichtum der Genossen Bosse stellen Kuttner/Kühnel als lustiges Laienspiel zur 100-Jahrfeier des Glaswerks in einer Szene aus Wagners Ring mit den Rheintöchtern (Lisa Hrdina als Ständers Nichte Isolde, Natalia Belitski als Flockes Tochter Nettel und Judith Hofmann als Magd Bertha) im Nixenlook und Kollege Flocke als diebisch frohlockendem Alberich.
Ständer ist der geborene Politiker der Hinterzimmerfraktion, geschickt weiß er die Fäden zu ziehen, und schiebt, als er nach einer blumigen Rede des Betriebsdirektors selbst Verantwortung in der Direktion übernehmen soll, den armen Kumpel Flocke vors Loch. Nachdem die Rente sicher ist, macht Ständer seine persönliche Tabula rasa und schickt alle in die Wüste. Der Gesellschaftsvertrag ist aufgekündigt, muss selbst Magd Bertha feststellen, die jahrelang für gute Worte wie ein Tier bei Ständer geschuftet hat. Das Kredo des alten, gerissenen Sozialdemokraten lautet: „Man kann jedenfalls in seinen Neigungen weit schweifen, um immer noch ein erstklassiger Genosse zu sein.“
Das ist Stichwort und Einstieg für Jürgen Kuttner, der nun zu erklären versucht, wie die Sozialdemokratie eigentlich dahingekommen ist, wo sie heute steht? Der Weg zur Mitte und damit zur Macht als stetige Anbiederung an den Massengeschmack. Man will partout dazugehören. Zur Anschauung recycelt Kuttner einen alten Videoschnipselvortrag, in dem Cindy & Bert den Black-Sabbath-Klassikers Paranoid zum poppigen Hund von Baskerville mutieren lassen. Ein Werbespot für die SPD, wie uns Kuttner vermitteln will, mit einem zahnlosen Schoßhündchen als Mainstream-Coverversion ihrer selbst.
Deutsches Theater Berlin – Foto: St. B.
Das kommt gut an, aber auch sehr routiniert rüber. Das Wasser ist nicht gerade tief, in dem diese seichte Satire planscht. Wie Ständer scheuen auch Kuttner/Kühnel jegliches Risiko und setzen auf alte Ladenhüter und sichere Lacher. So kann das natürlich auch noch gut und gerne 20 Jahre weitergehen. Ständers robuster Gesundheitszustand spiegelt nicht nur die Beständigkeit der alternativlos biederen Politik der großen Koalition, sondern auch die Stumpfheit der Kunst, die vergeblich am Lack der Mächtigen zu kratzen versucht. Ob in Kuttners leicht aufgeregt quasseliger Art ein wenig echte Wut steckt, mag man ihm so nicht wirklich abnehmen. Die ständigen Umfaller im Willy-Brandt-Haus werden sich sicher zu Tode grämen, oder vor Lachen nicht mehr in den Schlaf finden.
Es muss ja nicht gleich Schlingensiefs Deutschlandabrechnung 100 Jahre CDU sein, ein Spiel ohne jegliche geschmackliche Grenzen, das der 2010 verstorbene Theaterberserker 1993 an der Volksbühne aufführte und das für etlichen Wirbel in Presse und Politikerkreisen sorgte. Aber wie Kuttner nach 100 Jahren SPD-Schmusekurs mit der Macht Tabula rasa macht, ist nicht backen ohne Mehl, oder ficken ohne Frauen, wie ein alter Marthaler-Witz geht, sondern Systemkritik in kleinst-homöopathischen Dosen. So braucht er jedenfalls im Dezember gar nicht erst mit seine neuen Revue Ach, Volk, du obermieses in der Volksbühne anzutreten. Das können Castorf, Fritsch und Pollesch selbst ganz gut.
***
Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf
nach Carl Sternheim
Premiere am Deutschen Theater: 11. September 2014
Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Daniela Selig
Video: Jo Schramm
Live-Video: Marlene Blumert, Kristina Trömer
Dramaturgie: Claus Caesar
Live-Musik: Michael Letz
Mit: Felix Goeser (Wilhelm Ständer), Lisa Hrdina (Isolde Ständer, Nichte und Mündel von Wilhelm Ständer), Michael Schweighöfer (Heinrich Flocke), Daniel Hoevels (Artur Flocke, Sohn von Heinrich Flocke), Natalia Belitski (Nettel Flocke, Tochter von Heinrich Flocke), Christoph Franken (Werner Sturm), Jörg Pose (Paul Schippel), Judith Hofmann (Berta, Magd bei Ständer), Jürgen Kuttner (Der Arzt), Michael Letz (Musiker)
Termine: 20., 25. September 2014 und 09., 14., 29. Oktober 2014
Das beliebte Konzept des sogenannten stagedivings aus der ersten Spielzeit des Studios Я unter der Leitung der Dramatikerin Marianna Salzmann fand am Sonntag eine viel umjubelte Neuauflage. Noch während der Premierenfeier von Erotic Crisis trafen sich am Samstagabend junge AutorInnen und RegisseurInnen und heckten gemeinsam mit DarstellerInnen des Maxim Gorki Theaters und Theaterinteressierten an der Bar des Studios Themen für 8 kleine Dramolette aus. Über Nacht geschrieben und tags darauf geprobt, erlebten sie dann schon am Sonntagabend ihre Premiere im überfüllten Studio Я.
stagediving im Maxim-Gorki-Studio Я – Foto: St. B.
Kurz überschreiben könnte man diesen Abend vielleicht mit dem Motto: Was will, was kann, wie geht Theater? Und vor allem, geht es uns noch etwas an, was da auf der Bühne passiert? Dabei geht es dann in erster Linie vielleicht nicht nur um relevantes Theater, sondern auch um den Spaß am Ausprobieren neuer Formen und Inhalte, was man allen 8 kleinen Stückentwicklungen durchaus anmerken konnte. Was sich aber wie ein roter Faden durch die aufgeführten Mini-Dramen zog, ist der Hang zum Surrealen, mitunter fast Skurrilen, gepaart mit einem Faible für die Tierfabel.
Bereits in der ersten Inszenierung eines Textes von Mehdi Moradpour durch Katharina Kummer treten sinnbildlich für Gefühle von Sehnsucht und Geborgenheit, aber auch Nacktheit, Verunsicherung und Verletzbarkeit Fabelwesen mit Tierköpfen auf. Ich bin das Tier, das dich beschützt ist der Versuch sich aus einer Art geschütztem Raum heraus zu artikulieren, denn „die Worte müssen raus, dahin, wo sie herkommen.“
Tierfiguren auch in dem aberwitzigen Stück Hermelin & Fuchs von Akin E. Şipal. Ein Text über den ganz normalen Wahnsinn unserer Zeit. In der Inszenierung von Rico Wagner reisen das lüsterne Hermelin (Mehmet Yılmaz) und der eher einfach gestrickte Fuchs (Falilou Seck) zu einem Kongress über die Strategien der Weltrettung. Erzählend begleitet wird das Ganze durch eine altklug philosophierende Grille (Paul Wollin). Rückbesinnung auf die Kräfte der Natur oder wissenschaftlicher Fortschritt? Dass das in dieser Konstellation im totalen Chaos endet, ist fast klar.
Programmheft der Veranstaltung Foto (c) Esra Rotthoff
Wie man das schwierige Thema Asylverfahren in leicht poetischer Art darstellen kann, zeigen Ilknur Bahadir und Mareike Beikirch in Olga Grjasnowas Stück mit dem bezeichnenden Titel Liebe in der szenischen Einrichtung von Nurkan Erpulat. Asylsuchende und Sachbearbeiterin in einem wechselnden Dialog aus realer Bürokratie und surrealem Gefühlschaos, was sich schließlich ähnlich Kafkas Käferparabel in einem Liebes- und Todestanz zweier Insekten auflöst.
In Der Nabel der Welt von Luna Ali, eingerichtet von Wera Mahne, spielen Eva Bey und Till Porath ein religiösen Paar in ihrer Hochzeitsnacht, das vorher wohl noch keinen Sex hatte. Ob es sich um eine Zwangsheirat oder wahre religiöse Keuschheit handelt, bleibt ungeklärt. Man versucht sich kennenzulernen und Geheimnisse auszuloten. Das ist ungemein komisch aber auch beklemmend, wie sich die beiden unsicher zu nähern versuchen und dann doch immer wieder voreinander zurückschrecken. Und auch in dieser merkwürdigen Paarkonstellation schwingt etwas Surreales mit.
Jakob Nolte erzählt in Hallo eine phantastische Geschichte von einem Zirkusbrand, traurigen Elefanten, die nie vergessen und einer sprechenden Schreibtischlampe. Johannes Maria Schmit hat sie mit den SchauspielerInnen Elizabeth Blonzen, Gregor Loebel und Mateja Meded eingerichtet.
Das Spielen mit Identitäten, ist mit Sicherheit eines der Hauptthemen des neuen Maxim Gorki Theaters. In dem Stück Im Herzen des Herzens eines anderen Menschen von Jayrôme C. Robinet plaudern die queeren Schauspielerinnen ingoe.deltraut und Fatma Souad sehr humorvoll über Identitäten mit Risiken und Nebenwirkungen sowie die männliche Vagina mit Variationshintergrund. Fazit: Es braucht neue Worte keine Identitäten als Hammer.
Vor die Säue. Verdauungsgeräusche vor Mitternacht von Tucké Royale ist ein kleines Diskursstückchen, das sich in losen Gedankenfäden um das Schweinchen Babe, den Tierschutz, das Anderssein und in fast schon Pollesch’scher Manier um die Identifikation und Repräsentation am Theater dreht, dass sich einem die Textlappen nur so um die Ohren wickeln. Dazu performt eine in Trance versetzte Darstellertruppe bestehend aus Alicia Agustín, Daniel Cremer, Marcues und Antje Prust in direkter Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Die vierte Wand ist hier aufgehoben und man liest sich die Texte gegenseitig vor. Was zwar recht charmant, aber auch etwas chaotisch wirkte und nicht für alle durchweg verständlich war. Wer nichts mitbekam, konnte sich zumindest an den Klängen der Elektroharfe von Hans Unstern berauschen.
Happy Angie von Robert Lucander (2014)
Wer in der Pause ging verpasste dann noch eine echt gespielte Geiselnahme. Das ganze Studio mit seinen ungefähr 200 ZuschauerInnen war plötzlich in der Hand der Schauspieler Hassan Tasgin und Till Wonka, die in der Polizeizentrale Mitte anriefen und verlangten, dass endlich die Am Kupfergraben um die Ecke wohnende Kanzlerin das Maxim Gorki Theater besuchen solle. Necati Öziri hat den beiden einen urwitzigen Text auf den Leib geschrieben, voller Gags und Anspielungen, in dessen kuriosen Verlauf auch irgendwann Regisseur Michael Ronen mit hineingezogen wird. Das Stück Theater ist endlich ist Theater, was dem Abend auch den Namen gab, ist Persiflage und Liebeserklärung auf das Metier zugleich.
Ob letztendlich die Forderung nach Abschaffung der Geldwertschöpfung oder das Braten größerer Schnitzel in der Kantine, der Weltfrieden oder doch ein Besuch der Kanzlerin wichtig für die neue Spielzeit des Maxim Gorki Theater sind, wird sich bald zeigen. Zu sehen war an diesem Abend auf jeden Fall eine große Lust am Fabulieren und Ausprobieren, wofür das Studio Я die besten Voraussetzungen bietet.
***
THEATER IST ENDLICH IST THEATER
stagediving im Studio Я am 14.09.2014
Autor*innen: Luna Ali / Olga Grjasnowa / Mehdi Moradpour / Necati Öziri / Tucké Royale / Jayrôme C. Robinet / Akin E. Şipal / Jakob Nolte
Regisseur*innen: Daniel Cremer / Nurkan Erpulat / Katharina Kummer / Wera Mahne / Michael Ronen / Johannes Maria Schmit / Rico Wagner / Julia Wissert
Mit: Alicia Agustín / Ilknur Bahadir / Elmira Bahrami / Eva Bay / Mareike Beykirch / Elizabeth Blonzen / ingoe.deltraut / Gregor Loebel / Mateja Meded / Cynthia Micas / Jasmina Musić / Tim Porath / Antje Prust / Falilou Seck / Fatma Souad / Volkan Türeli / Hasan Taşgin / Hans Unstern / Till Wonka / Paul Wollin / Mehmet Yılmaz
Der Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater, frisch gekürt zum Theater des Jahres, wurde am letzten Wochenende mit gleich drei Premieren gefeiert. Den Anfang machte am Freitag Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt, das er zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis entwickelt hat. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Am Samstag lotete Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisismit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin aus. Als Zugabe konnte man am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theaternoch einen Abend Kurzgeschriebenes sehen, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.
Spielzeitauftakt mit Tanz und Sextalk vor und im Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.
*
FALLEN – Die Tanztheaterproduktion von Sebastian Nübling und Ives Thuwis beschäftigt sich mit der Gewalt im öffentlichen Raum
–
Für die erste Premiere der Spielzeit wurde auf dem Platz vor dem Gorki extra eine kleine Arena errichtet – die Simulation eines öffentlichen Raums, wie es ihn bereits zu den Sportwettkämpfen im antiken Griechenland oder aber auch für populäre Vergnügungen in Form von blutigen Kampfspielen im alten Rom gab. Der Hintergrund für diese bauliche Idee (Bühne von Muriel Gerstner) ist ein nicht minder fürchterlicher: Körperliche Gewalt – meist ausgehend von Gruppen junger Männer, die sich ihre Opfer immer wieder scheinbar willkürlich aussuchen. Auch wenn Statistiken belegen, dass Berlin nicht die Hauptstadt der Jugendkriminalität ist, erschrecken doch die Meldungen von der Brutalität, mit der solche Taten begangen werden.
im Sand vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff
Bekannte Beispiele dafür sind ein 2011 auf einem Berliner U-Bahnhof von Jugendlichen zusammengetretener 29jähriger Mann und der 2012 auf dem Alexanderplatz erstochene 21jährige Jonny K. Die Gründe dafür mögen verschiedenster Natur sein. Soziale Ungleichheit, Ausländerhass, Mangel an entsprechenden Freizeitangeboten, der bloße Kick etc. etc. Alles läuft aber immer auf eine Spaltung der Gesellschaft hinaus, in Arm und Reich oder Stark und Schwach. Alkohol, gewaltverherrlichende Videospiele oder Filme dienen meist nur noch als Verstärker der eh schon latent vorhandenen Gewaltbereitschaft. Da übertönt der Ruf nach mehr Sicherheit in der Gesellschaft schnell den nach ausgleichender Gerechtigkeit.
Der Abend beginnt mit der szenischen Darstellung einer solchen Tat, indem einer der jungen Spieler von drei anderen zu Boden gerissen und getreten wird. Dazu hört man undeutlich die Stimmen aus einer U-Bahnstation. Danach ist Stille. Die zehn ganz in Schwarz gekleideten jungen Männer beginnen nun in aller Seelenruhen, als wenn nichts geschehen wäre, ein ausgedehntes Lauftraining. Aber der Lauf wird langsam immer schneller, bis alle bei dröhnenden Geräuschen zu gehetzten Sprints ansetzen und sich dann im vollen Lauf immer wieder gegenseitig rempeln, umstoßen, grätschen und mit größtem Körpereinsatz ineinander rennen. Das ganze Spiel wird sich zum Ende hin wiederholen. Wohl ein Ausdruck dafür, dass sich solche Taten jederzeit wieder ereignen können. Ein schier auswegloser, ermüdender Automatismus aus nicht enden wollender Gewalt.
Das ist im Grunde genommen kein herkömmliches Tanztheater. Es wirkt zuweilen wie ein äußerst dynamisches Anti-Aggressionstraining, wenn sich die Spieler gegenseitig schleppen, auch mal umarmen, auffangen oder wieder wegstoßen. Entwickelt sich daraus auch keine echte dramatische Spannung, bleibt alles immer in Bewegung. Die Spannung erzeugen hier im wahrsten Sinne des Wortes die Körper der jungen Männer selbst. Es geht natürlich auch um die Ästhetik und Erotik der Gewalt. Dem Kick beim Fight Mann gegen Mann. Mit Muskelspielen, Breakdance-Solos und beim gemeinsamen Posen (was bei den Zuschauern doch eher für Erheiterung sorgt) provozieren die Männer, demonstrieren ihre Macht, Reizbarkeit und Gewaltbereitschaft. Ausdruck eines gruppendynamischen Prozesses. Echte Tanzeinlagen sind da selten und sorgen für kurze Entspannung.
Premierenbeifall für FALLEN in der Arena vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.
Der Kampf erzeugt immer auch einen Unterlegenen, das Opfer der Gewalt, das man billigend in Kauf nimmt. Auch das wird hier gezeigt. Demütigung, Umherzerren des Opfers, flehende Schreie, verzweifeltes Eingraben und Boxen in den Sand. Das sind die starken, eindrucksvollen Szenen der Performance. Das titelgebende FALLEN ist hier auch mehrdeutig zu verstehen – als bloßes Umfallen, ohnmächtiges Fallen oder auch Sich-selbst-wieder-Fallenlassenkönnen, als herbeigesehnter Ausweg aus der Gewaltspirale. Ein hilfesuchender Blick der Männer geht hier in Richtung Abendhimmel. Trotz der großen körperlichen Verausgabung aller Spieler glückt es der Inszenierung nur bedingt Gewaltentstehung zu erklären. Sie bleibt ein darstellerischer Versuch, der immerhin ansehenswert ist.
*
Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Der Regisseur wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann. Mit Gewalt und Rache scheint Nübling sein Thema für die Spielzeit gefunden zu haben. Da ist es gut, dass andere Produktionen für den nötigen emotionalen Ausgleich sorgen werden.
***
FALLEN
Inszenierung: Sebastian Nübling / Ives Thuwis,
Bühne: Muriel Gerstner
Kostüme: Ursula Leuenberger
Musik: Tobias Koch
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Besetzungsliste: Hassan Akkouch / Tamer Arslan / Mehmet Ateşçi / Jan Bluthardt / Jerry Hoffmann / Taner Şahintürk / Dimitrij Schaad / Aram Tafreshian / Hasan Taşgin / Paul Wollin
Let’s talk about Sex – Yael Ronen und ihr Ensemble loten die „Erotic Crisis“ geplagter Großstädtern aus.
–
Die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen war bisher vor allem dafür bekannt, die Probleme von Jugendlichen aus Krisenregionen dieser Welt (Die dritte Generation, Common Ground) oder sogar einen Abend über Gott und die Welt (The Day before the last Day) auf die Bühne zu bringen. Ihre neue Produktion am Maxim Gorki Theater verortet sie dagegen in der privaten Kampfzone der zwischenmenschlichen Paarbeziehungen. Die Darsteller gehen diesmal auf der Bühne frontal die Schwierigkeiten eines gemeinsamen erfüllten Sexlebens und des Schamgefühls an, offen darüber zu reden. Über Sex spricht man nicht. Sex hat man, oder eben nicht.
Sextalks am Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff
Am Beginn steht dann auch ein Bild, was wohl symptomatisch für die Schlafzimmer geplagten Großstädter sein soll. Ein sich unruhig im Bett wälzendes Paar, das wie in einem Alptraum den Koitus-Geräuschen aus der Nachbarwohnung lauschen muss. Beim ersten Paar, Maya und Jan (Orit Nahmias und Thomas Wodianka), läuft im Bett schon lange nichts mehr. Man steckt tief in der Sex-Krise. Das andere, Kumari und Rafael (Anastasia Gubareva und Aleksandar Radenković), mit einem, wie zu hören, wohl ganz erfüllten Sexleben, wird sich erst noch in die Krise hineinmanövrieren. Es geht um die oftmals sehr weit auseinandergehenden Auffassungen, was denn nun wirklich guten Sex ausmacht und wie man, im durchaus doppelten Wortsinn, gemeinsam dahin kommt. Die eine Beziehung wird daran zerbrechen, die andere über Umwege vielleicht zu einer neuen Art Sexualität finden.
Der gesellschaftliche wie persönliche Druck diesbezüglich scheint enorm. Das will uns jedenfalls dieser Abend vermitteln. Das Fernsehen lebt es vor. Serien wie Sex and the City,Masters of Sex, Wahre Liebe oder Sex-Talks und Reportagen aus dem Rotlichtmilieu sind der Renner auf allen Kanälen. Guten Sex haben, gehört zum A und O einer Liebesbeziehung. Und die Sex-Branche weiß mit entsprechenden Hilfsmittelchen und visuellem Anschauungsmaterial dem Abflauen der sexuellen Begierde entgegenzusteuern. Stress im Alltag und Job oder zu große Erwartungen an das Projekt Partnerschaft und Familie, all das kann einer andauernden Libido mitunter abträglich sein. Missverständnisse und eine steigende Sex-Müdigkeit führen zu Problemen und münden oft in Streit. Und so wird man auch am Anfang nicht müde, einige dieser Klischees über den Sex in der Paarbeziehung von der Rampe aus ins Publikum zu werfen.
Zwischen allen Stühlen bzw. Betten sitzt da Singlefrau Susan (Mareike Baykirch), die sich nach außen über den Job definiert und als sexuelles Neutrum behauptet: „Ich bin mein größtes Projekt.“ oder „Wer braucht schon eine Beziehung?“ Die Computerspezialistin hackt sich lieber heimlich in das Lebend der Anderen ein, und holt sich so die Befriedigung ihrer uneingestandenen Bedürfnisse. Ihre Figur wirkt schon sehr spleenig gezeichnet, und später auch etwas freakig, wenn Susan sich dann mit Rafael, der aus seiner zu kompliziert gewordenen Liebesbeziehung ausbrechen will und bei ihr den reinen Sex sucht, über die verschiedenen Levels beim Spielen von Porno-Games austauchen.
Vorurteile gegenüber Singles spielen dann ebenso eine Rolle wie das gegenseitige Erzählen von sexuellen Fantasien und die Probleme, diese zu artikulieren, ohne gleich für pervers gehalten zu werden. In fantasievollen Leder- und Latex-klamotten posen die Vier zu Jimi Hendrix‘ Foxy Lady wie bei einer Fetischparty oder schrägen Paartherapie und drucksen mehr oder weniger verschämt herum. Das mündet in einige Szenen von großer Situationskomik, wenn etwa Orit Nahmias‘ Maya ihre Fantasie in Hebräisch zum Besten gibt, und man als der Sprache nicht Mächtiger nur Hamas, CIA und Hotel in Abu Dhabi versteht.
Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.
Ärger trifft es da den Rafael von Aleksandar Radenković, der durch die Konditionierung mittels der Pornovideos seines Vaters als Jugendlicher ein etwas verqueres Frauenbild vermittelt bekam, und nun ziemlich hardcore von seinem ersten Mal im Auto erzählt. Diese Erfahrung hat ihn damals etwas verunsichert zurückgelassen und sich prägend auf sein weiteres Sexualleben übertragen. Der angelernte Automatismus ist sein Problem, den Freundin Kumari auch mal so beschreibt: „Du bearbeitest mich, als wäre ich eine kaputte Waschmaschine.“
Natürlich geht es nicht nur allein um die Erotik oder Mechanik beim Sex, auch wenn man damit hie und da ein wenig übers Ziel des Abends hinaus schießt. Dass das alles nicht zu einer Aneinanderreihung von ironischen Kabarettnummern wird, verdankt die Inszenierung den hervorragenden Darstellern, die bereits in Produktionen von Yael Ronen und Falk Richter aus der letzten Spielzeit zu sehen waren. Und vor allem der Tatsache, dass die Textfassung, die Yael Ronen zusammen mit ihrem Ensemble erarbeitet hat, irgendwann auch dahin geht, wo es sehr persönlich wird und anfängt wirklich weh zu tun.
In mehreren Monolog- und Dialogszenen sprechen die Protagonisten offen über ihre Zweifel, Ängste und Wünsche. Man stellt fest, den Partner nicht wirklich zu kennen, oder dringt erst gar nicht zu ihm durch. Immer wieder mündet der Dialog in das Schweigen eines der Partner, bis es nicht mehr geht. Der verzweifelte Jan kann und will nicht über seine Unlust am Sex reden. Was Maya schließlich veranlasst zu gehen. „It’s finished. There ist no us.“ Und Kumari singt ihrem untreuen Rafael mit Where did you sleep, last night ein paar Zeilen Curt Cobain nach. Trotz allem wirkt die gezeigte Emotionalität nie übertrieben gespielt oder gar peinlich. Kein Wohlfühlabend also, aber einer der Mut machen soll.
***
Erotic Crisis (UA)
von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Nils Ostendorf
Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Mareike Baykirch, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Aleksandar Radenković, Thomas Wodianka.
Das Leben als Hashtag – NEVER FOREVER, das neue Text- und Tanzprojekt von Falk Richter und TOTAL BRUTAL an der Berliner Schaubühne behandelt die Probleme der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeitalter der digitalen Kommunikation.
–
Sie sitzen eingesperrt in flexible, aus Metallstangen bestehende Raumgebilde, mal monologisierend, mal miteinander redend, wenn überhaupt nur per Telefon. Es geht wiedermal um die sogenannten disconnected people in der Schaubühne am Lehniner Platz. Die Vereinzelung des modernen Großstadtmenschen durch die Möglichkeit der Nutzung digitaler Nachrichtendienste und sozialer Netzwerke ist nicht mehr nur ironische Beschreibung des Zeitgeists, sie ist mittlerweile bittere Realität. Die hauptsächliche Kommunikation erfolgt heute meist über Twitter, Facebook, Instagram oder WhatsApp. Ein oder mehrere Schlagworte für 140 Zeichen Information. Was sind die Highlights? Fasse dich kurz! Für mehr reicht oft nicht die Zeit. Das Leben funktioniert als Hashtag.
Never Forever an der Schaubühne – Foto: St. B.
Der Hashtag (#) dient der praktischen Verschlagwortung und vor allem natürlich der bestmöglichen Selbstdarstellung. Das Ganze folgt dabei einem einfachen, logischen Prinzip. Je mehr Schlagworte, desto größer die Chance auf mehr Follower. Das Internet generiert in kürzester Zeit eine wachsende virtuelle Gemeinschaft mittels des Schneeballprinzips. Nur was ist, wenn es plötzlich zum menschlichen Systemausfall kommt? Wenn die Angst vor und die Sehnsucht nach körperlicher Nähe sich unterbewusst und schmerzhaft überlagern? Davon erzählt das neue Theaterprojekt von Autor und Regisseur Falk Richter.
NEVER FOREVER ist eine konsequente Fortsetzung und Weiterentwicklung seiner letzten Inszenierungen an der Berliner Schaubühne von Trust über Protect Me bis hin zu For the Disconnected Child. Richter folgt dabei über die Jahre einem ganz bestimmten Themenkatalog, etwas redundant zwar, aber immer weitestgehend stringent durcherzählt, in locker gebundenen Szenenfolgen mit Musik- und Tanzbegleitung. Im Mittelpunkt der geplagte, durch die Segnungen der Moderne deformierte, globale Großstadtmensch, beziehungsgestört, heimatlos, und vom eigentlichen Leben abgetrennt.
Auch in NEVER FOREVER sind die Figuren lose über Eck miteinander verbunden. Da ist die Psychologin (Regine Zimmermann), die einerseits die Nähe zu ihrer Mutter (Ilse Ritter) sucht, einer alternden Schauspielerin, die nie die Mutterrolle übernehmen wollte. Anderseits aber klagt sie über den Distanzverlust zu einer Patientin, die selbstgefilmte Videos von sich auf ihren YouToub-Channel mit weit über 1.000 Followern stellt. Ein Ex der Psychologin (Tilman Strauß) folgt dieser Frau zwanghaft im Internet, will alles über sie erfahren und sich mit ihr treffen.
Die Leute sind vom Internet besessen und pflegen das Ich-Projekt bis zum Exzess. Sie haben Angst vor körperlicher Nähe, aber das Bedürfnis nach Beziehungen, die allerdings nur kurz und nie zweckfrei sein dürfen. Die Angst nicht gewollt zu werden, die Anforderungen des anderen nicht zu erfüllen, führt zur maximalen Selbstoptimierung im Netzt. Das Internet ist zur Plattform ihres Lebens geworden, die Festplatte zum Speichermedium aller Kontakte. Bei deren Absturz droht der Rückfall in die analoge Daseinsform, in der aber schon alle Erinnerungen vernichtet sind. Die scheinbare Freiheit im Netz wird zur Krise der Freiheit in Beziehungsfragen. Man will keinerlei Verbindlichkeiten eingehen, sich alle Optionen offenhalten.
Never Forever an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair
Die Schauspielerin vergleicht ihr Leben mit dem ihrer Rollen, in denen sie Fehler machen und sich ausprobieren konnte. Sie hat die Texte für ihre Abschiede immer auf Kassette gespielt. Auf die Frage eines von seiner Frau vor die Tür gesetzten Mannes (Florian Bilbao), wie man eine Sprache finden könnte, um seine Gefühle auszudrücken, weiß sie aber keine Antwort. Verzweifelt ringt ein anderer Mann (Kay Bartholomäus Schulze) nach Worten, probt vor leerem Stuhl ein Gespräch mit seiner Freundin, lässt es aber wieder bleiben. Diese disparaten Menschen befinden sich auf der anderen Seite der Wirklichkeit. Wer keine Spuren mehr wie Selfies auf Facebook oder in den Kommentarspalten der Online-Magazine hinterlässt, wird zum Rätsel, ist irgendwann nicht mehr existent.
Wie untote Dämonen, digitale Zombies bewegen sie sich in Nebelschwaden zu treibenden Elektro-Sounds von Malte Beckenbach über den Boden. Zwanghaftigkeit und Aggression spiegeln sich in den dynamischen Tanzchoreografien Nir de Volffs, die neben seiner Kompagnie TOTAL BRUTAL auch die Schauspieler des Schaubühnenensembles mit einbeziehen. Die Figuren hasten über die Bühne, drehen, winden sich oder hängen verloren in den Gestängen des Bühnenbilds. Solistisch und paarweise werden Anziehung und Abstoßung zelebriert. Dass sich Falk Richter für diese Produktion wieder einen professionellen Choreografen geholt hat, wirkt sich sehr positiv auf die Gesamtästhetik des Abends aus.
Auch die Textparts sind nicht nur auf die Schauspieler beschränkt. Falk Richter hat seine Notizen auf alle verteilt, und im Probenprozess erst zum fertigen Text umgearbeitet. Das wird auch von Regine Zimmermann für eine schöne ironische Einlage genutzt, in der sie aus der Rolle heraus die Probensituation für eine romantische Liebeszene mit vorgestelltem Partner beschreibt. Sie will aber das echte Gefühl und dass der Mann sich für sie interessiert. Für diesen Fall ist der gewünschte Partner im Stück aber wieder zu müde, zu busy oder beides. Das rutscht zwar knapp am Klischee vorbei, mündet aber in einen wunderbar verlorenen Monolog von Ilse Ritter als Fausts Gretchen am Spinnrad.
Das Gebet der verzweifelt Liebenden: „Meine Ruh ist hin / Mein Herz ist schwer / Ich finde sie nimmer und nimmermehr“ leitet eine fast schon spirituelle Wende und Rückbesinnung zu den eigentlichen Werten zwischenmenschlicher Beziehungen hin. Die alternde Schauspielerin bildet mit ihren Worten einen imaginären Raum – wie ihn das Theater auch darstellt – , in dem alles Vergangene, Gefühle wie Menschen, Platz haben und weiterleben. Bis auch sie sich schließlich als Demenzkranke verliert: „Mein armer Kopf / Ist mir verrückt / Meiner armer Sinn / Ist mir zerstückt“. Eine große emotionale Szene.
Never Forever – Premierenbeifall an der Schaubühne – Foto: St. B.
Falk Richters Text ist philosophisch grundiert mit dem passenden Überbau im Programmheft. Selbstoptimierung, Neoliberalismus, Psychoanalyse, soziologische Fragen, Einsamkeit, Angst vor Krankheit, Alter und Tod, alle Gedanken dazu finden sich irgendwo im Stück wieder. Was bei aller Kunst aber auch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Falk Richter mal wieder an den bekannten Symptomen herumdoktert und dem Internet vielleicht mehr Bedeutung zumisst, als ihm als Versucher der eigentlichen Probleme zukäme. Es wirkt mit Sicherheit potenzierend. Als aktuelle Gesellschaftskritik des Kapitalismus und seiner Auswirkungen ist NEVER FOREVER aber nur bedingt tauglich.
***
NEVER FOREVER
Schaubühne am Lehniner Platz
Uraufführung am 09.09.2014
Text und Regie: Falk Richter
Choreographie: Nir de Volff / TOTAL BRUTAL
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Malte Beckenbach
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Carsten Sander
Mit: Florian Bilbao, Katharina Maschenka Horn, Johanna Lemke, Ilse Ritter, Chris Scherer, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß, Regine Zimmermann
House for sale – René Pollesch sucht in seinem neuen Stück an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz den subversiven Kern der christlichen Erfahrung.
–
Das zum Ende der letzten Volksbühnensaison abgesagte Stück Cruel to be Kind von René Pollesch eröffnete gestern Abend – nun unter dem Titel House for Sale – die neue Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz. Von der ursprünglichen Inszenierung zum Shaekespeare-Zitat „I must be cruel only to be kind” (lt. Schlegel zu deutsch: „Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich.“), was aus dem Hamlet stammt, ist nur der Song „Cruel to Be Kind“ des englischen Singer-Songwriters Nick Lowe aus dem Jahr 1979 übriggeblieben.
House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.
René Pollesch hat seine Inszenierung in neuer, rein weiblicher Besetzung geprobt und mit den Drei Schwestern von Anton Tschechow verschnitten. Es ist ein Abend mit dem üblichen philosophischen Pollesch-Mix aus Liebe und Leben in Zeiten des Kapitalismus geworden. Hinzugekommen ist der Glaube und mit ihm der Verrat und die Gewalt. (Zitat: „Mir scheint, der Mensch muss gläubig sein oder muss nach einem Glauben suchen, sonst ist sein Leben leer, leer…“)
Ziemlich leergeräumt ist auch die Bühne – bis auf einen roten Vorhang im Hintergrund. Herbstliches Laub bedeckt passend zur anbrechenden Jahreszeit den Boden. In die Mitte hat Bühnenbildner Bert Neumann ein kleines Holzhaus gestellt, wie es einige Besucher bereits von René Polleschs Münchner Inszenierung Gasoline Bill (Autorentheatertage im DT) her kennen. Zu Beginn überfallen die beiden bewährten Pollesch-Darstellerinnen Sophie Rois und Christine Groß zusammen mit der Schauspielerin Mira Partecke, die auch schon über Pollesch-Erfahrungen verfügt, als Cowgirls in Weiß die Bühne. Volksbühnenurgestein Bärbel Bolle nimmt dagegen erstmal auf einem weißen Gartenstuhl Platz und harrt der Dinge, die da kommen…
House for sale. Die Bühne von Bert Neumann Foto: St. B.
Was folgt, ist eine herrlich schräge Persiflage auf eine Szene aus der US-Serie Starsky & Hutch, in der Hutch (in diesem Fall: Sophie Rois) dem finsteren Knastbruder Big Earl (herrlich knarzig: Bärbel Bolle) für Informationen erst den Bauchnabel zeigen und dann auch noch den Drachen machen muss. Ansonsten verfallen die Schauspielerinnen immer wieder in die Rollen von Tschechows Drei Schwestern, von denen wir hier aber zunächst nur zwei zu sehen bekommen. Sophie Rois mimt die überforderte, ständig müde Olga und Christine Groß die Mascha (klänge irgendwie schwul, wie Big Earl aus seinem Stuhl vermeldet). Als fiese Schwägerin Natalja tritt Mira Partecke in Erscheinung, und Bärbel Bolle sitzt als scheinbar nutzlose alte Kinderfrau Anfissa weiterhin im Lehnstuhl.
Gemeinsam beschwören sie als in der Vergangenheit lebende Tschechow-Figuren das Reich ihrer Kindheit, machen Jokes über slawisches Klima, Déjà-vus um das Geld, das man nicht hat. Das Haus ist schlecht eingerichtet und die Bildung auch nicht mehr das, was sie mal war. Trotz Marx‘ Das Kapital blieb die Revolution aus. Folglich ist Bücherschreiben wohl auch keine Lösung mehr. Sie hängen in der Zeitschleife fest und wiederholen sich. Motto: Wiederholung erfordert die größte kreative Kraftanstrengung. Die Schwestern beschließen irgendwas Subversives zu tun, entweder zu heiraten oder sich zu radikalisieren. Man träumt von der Grenzüberschreitung als marodierende Schauspieler.
House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.
Pollesch kommt hier wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen und zu Naziaufmärschen in New Jersey, gegen die nur Baseballschläger helfen. Gewalt kommt besser als Satire. Es gibt schließlich auch genug schlechte Konzerte gegen Rechts. Das Haus dreht sich, und es ertönt „I Live on a Battlefield“, ein weiterer Song von Nick Lowe. Pollesch vermengt nun geschickt Gewalt, Liebe und die subversive Kraft des Glaubens miteinander. Und zwar nicht die intolerante Gewalt der Liebe der Kirche, sondern die eines ihrer Gründerväter, wenn man soll will, des Apostels Paulus. Hieraus drehen die gut aufgelegten Diskutantinnen schließlich die Schleife hin zu Alain Badiou und dem postkommunistischen Philosophen Slavoj Žižek mit seinen Ausführungen zum Christentum zwischen Perversion und Subversion. Paulus als ersten Leninist sozusagen.
Das sind so Weiterentwicklungen zu Walter Benjamins Theologieansatz aus seinen Thesen über den Begriff der Geschichte. Es geht um den subversiven Kern der christlichen Erfahrung. Dazu wird das Gleichnis vom ungerechten Verwalter eines reichen Herrn aus dem Evangelium Lukas, Kapitel 16, herangezogen, der in Anbetracht seiner Schuld die Schuldscheine der Gläubiger seines Herrn um den von ihm zu Unrecht erhöhten Betrag mindert. Das Fälschen der Schuldscheine wäre hier sozusagen das Subversive. Daraus ergibt sich aber als Grundlage des Christentums nicht die Gerechtigkeit, sondern der Betrug. Umschluss, Kurzschluss, wie man will: Liebe und Religion sind schließlich auch nur Betrug. „From my cold dead hands“ – der Gottesbeweis mündet in einen kleinen Ringkampf zu Countrymusik.
Das Haus und die Diskursschleifen drehen sich noch ein wenig weiter mit blindem Automatismus, Bindung an singuläre Objekte etc. etc. – Buzzword-Bingo, um sich auch mal umständlich auszudrücken. Überhaupt wird wieder einiges an theoretischen Nebelgranaten gezündet. Man meint manchmal, Pollesch nehme sich hier tatsächlich mal selbst auf die Schippe, wie schon die Nabelschau vom Anfang zeigt. Die Kostüme (Tabea Braun) wechseln vom Westernoutfit passend zur Musik zum Batikgewandt. Zum Schluss gibt es noch einen weiteren 70er-Jahre-Hit zur Gitarre. Elvis Costellos „Peace, Love and Understanding“, ein Song aus der Zeit, als man noch auf der Suche nach Licht in der Dunkelheit des Wahnsinns war. „What’s So Funny ‚bout?” Ja, es wird viel gelacht, und man fühlt sich die 90 Minuten hindurch gut unterhalten. Aber – außer bei Bärbel Bolle natürlich – wirkt in diesem neuen Pollesch alles etwas zu handzahm.
***
House for Sale von René Pollesch
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Uraufführung: 10.09.2014
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Lothar Baumgarte, Musikarrangement: Roman Ott, Lars Gühlcke, Soufflage: Tina Pfurr, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Bärbel Bolle, Christine Groß, Mira Partecke, Sophie Rois, Tina Pfurr.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Termine:
12.09., 13.09., 16.09., 16.10., und 31.10.2014
Zum Schluss der kleinen Spielzeitrückschau inklusive Ausblick auf Neues an den fünf Stadttheatern Berlins gibt es dann noch etwas Positives zu berichten. Groß dürfte die Freude schon seit Tagen am Maxim Gorki Theater sein, dem kleinen immer unterschätzten Haus am Festungsgraben in Berlins schönster Mitte. Das unter der neuen Intendanz von Shermin Langhoff mit dem Anspruch eines interkulturellen Theaters mit multiethnischem Ensemble in die Spielzeit 2013/14 gestartete kleinste Stadttheater Berlins ist nun nicht nur beim Fachblatt Deutsche Bühne, sondern auch bei der höher bewerteten Kritikerwahl in der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gekürt worden.
Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.
Hinzu kommt die Wahl von Sibylle Bergs Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen zum Stück des Jahres. Eine in ironischem Grundton verfasste Beschreibung einer verstörten, orientierungslosen Jugend, die sich wütend am Bild der vorherrschenden Konsumgesellschaft, des Körperkults und der Popkultur abarbeitet. Durchaus auch zu verstehen als ein „Wüten der Affekte“ (wie es Hans-Thies Lehmann in seiner Theorie der Tragödie nennt), an den Auswirkungen der neoliberalen Gesellschaft. Das sagt so Einiges und Einigen doch weiterhin nicht viel. Wenn man so will, im Titel auch eine symptomatische Beschreibung für die momentane Verfasstheit der deutschen Stadttheaterlandschaft insgesamt.
Was zum Beginn der letzten Spielzeit noch kaum jemand wirklich für möglich hielt, ist nun Dank eines in weiten Teilen überzeugend umgesetzten Konzepts anerkannte Realität geworden und hoffentlich auch bald allgemeine Normalität. Das ureigenste Interesse einer gewachsenen, sich im stetigen Wandel befindlichen Gesellschaft an einem Theater, das die Lebenswirklichkeit aller Bereiche der Gesellschaft auch bis in den kleinsten Winkel des Theaters hinein abbildet. Dieses noch vorherrschende Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich das neue Maxim Gorki Theater nun erfolgreich etabliert hat, gilt es aber nicht einfach nur zur neuen Marke zu stilisieren oder gar auf Dauer zu konservieren, sondern stetig weiterzuentwickeln, als echte Reibungsfläche zur bürgerlich normierten Gesellschaft, deren Werte in Frage stellend, gleichzeitig verstörend und aufklärend wirksam.
*
Nach durchwachsenem Start mit dem Kirschgarten in der Regie von Nurkan Erpulat, der Tschechows tragikomischen Figuren ein zu starres Korsett interkultureller Differenz überstülpte, haben sich letztendlich Mut und Durchhaltevermögen ausgezahlt. Man hat viele neue Baustellen aufgemacht und einige aktuelle Themenfelder beackert. Falk Richter zeigte in seinem Projekt Small Town Boy die Lebenswirklichkeit von Schwulen und Lesben in Deutschland und Yael Ronen führte in Common Ground die Kinder ehemaliger Feinde des Jugoslawienkriegs zusammen, um nur zwei der starken Uraufführungen und Stückentwicklungen am Maxim Gorki Theater zu nennen. Da verschmerzt man schon mal Ausfälle wie Lucas Langhoffs ärgerliche Inszenierung der Übergangsgesellschaft von Volker Braun oder das völlig überambitionierte Woyzeck III-Projekt von Mirko Borscht.
Studio Я – Foto: St. B.
Auch das Gorki Studio, jetzt kurz Studio Я genannt, hat unter der Leitung von Marianna Salzmann Akzente gesetzt und ein eigenes Profil entwickelt. Hoch in der Gunst des Publikums standen z.B. Hakan Savaş Micans Inszenierung von Marianna Salzmanns Schwimmen lernen. Ein Lovesong oder die Stagediving-Abende wie RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE. Eines dieser jungen Stückentwicklungen mitten aus dem Herzen der diversen Gesellschaft kommt nun auch vollends zur Aufführung. Zöpfe (Arbeitstitel) von Marianna Salzmann hat am 13. Dezember Premiere. Man hofft da auf weitere Uraufführung im Laufe der Spielzeit.
Das Erreichte ist nicht nur Ausdruck der guten Strategie der Leitung des Hauses, von Regie und Dramaturgie, sondern vor allem auch Verdienst eines großartig motivierten, spielfreudigen Ensembles, das sich hier gefunden hat. Dazu passt auch wunderbar, dass einer der neuen Publikumslieblinge am Maxim Gorki Theater, der unglaublich vielseitige Dimitrij Schad, in der Jahresumfrage von Theater heute zum Nachwuchsschauspieler des Jahres gewählt wurde. Man darf hier auf Neues gespannt sein.
*
Der Start der neuen Spielzeit wird an einem ganzen Wochenende mit drei Premieren begangen. Den Anfang macht am 12. September Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Wieder eine Koproduktion mit dem Jungen Theater Basel. Einen Tag später wird Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisis mit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin ausloten. Als Zugabe gibt es dann am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theater noch einen Abend Kurzgeschriebenes, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.
Auch Nurkan Erpulat wird im November wieder eine neue Inszenierung vorlegen. Er hat sich die bitterböse Farce Seid nettzu Mr. Sloane des britischen Dramatikers Joe Orton ausgesucht. Ob sich diese etwas außergewöhnliche Ménage-à-trois mit einer Art umgekehrtem Tartuffe unter interkulturellen Vorzeichen nacherzählen lässt, wird sich zeigen. Es geht jedenfalls um Doppelleben und Scheinmoral der ach so normalen Kleinbürger, ein ewiges Thema auch außerhalb des sogenannten postmigrantischen Theaters. Da tritt dann also schon so etwas wie Normalität ein, wenn sich Erpulat nun um die allgemeine Moralkritik kümmert, auch wenn die Stückauswahl dazu etwas schräg erscheint. Fakt ist, Orton ist kein Unbekannter in der hiesigen Theaterszene. René Pollesch hat ihn übersetzt, Komödienspezialist Herbert Fritsch dessen Stück Beute 2009 in Oberhausen aufgeführt. Die Kritiker von Ortons Erstling Seid nettzu Mr. Sloane aus dem Jahr 1964 bescheinigtem dem Stück jedenfalls eine „Komik des Perversen“, was auch immer damit gemeint ist.
Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.
Mit Sicherheit nicht komisch gemeint ist Heiner Müllers Bearbeitung des russischen Revolutionsromans Zement von Fjodor Gladkow. Fleißigen Theatergängern dürfte noch Dimiter Gotscheffs Inszenierung vom Residenztheater München in Erinnerung sein, die im Mai das Theatertreffen in Berlin eröffnete. Regisseur Sebastian Baumgarten, seit Langem mal wieder zu Gast am Maxim Gorki Theater, wird sich jedenfalls im Januar 2015mit seiner Arbeit an der des großen, jüngst verstorbenen Kollegen messen lassen müssen. Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Nübling wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann.
Was das nächste Jahr sonst noch bringen wird, steht sicher nicht mehr nur in den Sternen, sondern harrt hoffentlich schon seiner Realisation. Auf jeden Fall bleibt es spannend. Liebe, Lust und Sexualität einerseits sowie Gewalt, Rache, Ideologie und Doppelmoral andererseits. Alles in allem eine Menge an wichtigen aber auch unbequemen Stoffen, denen sich das Maxim Gorki Theater in der neuen Spielzeit widmen wird. Und auch über neue Regiearbeiten von Hakan Savaş Mican würde man sich freuen. Mit seiner Inszenierung des Fassbinder-Klassikers Angst essen Seele auf gab er der letzten Spielzeit einen hoffnungsvoll versöhnlichen Abschluss. Trotz all der im Stück so treffend dargestellten und karikierten Ausländerfeindlichkeit, die vieler Orten noch gängige Praxis ist, kann es nur gemeinsam weiter gehen, auch im Theater. Ob nun mit Drama, Romanadaption, Komödie oder Tragödie, spielt dabei kaum eine Rolle.
***
„Heimat, das ist nicht nur dort, woher wir kommen, sondern auch, wohin wir gehen.“ Helmut Schödel, Dramaturg, Regisseur und Theaterkritiker. Quelle: DIE ZEIT, 31.8.1990, Nr. 36
Strammgestanden! – Leander Haußmann inszeniert Georg Büchners WOYZECK-Fragment am Berliner Ensemble
–
Foto: St. B.
Man kann Büchners getriebenen Soldaten und irren Frauenmörder Franz Woyzeck als Titelheld einer Mörderballade oder eines wirren Mörderreigens darstellen, ihn mit den Zuschauern in einen Käfig auf der Bühne sperren (alles Inszenierungsversuche der letzten Jahre in Berlin), oder man kann ihm auch ein paar Leidensgenossen in wüstenfarbenen Camouflageuniformen an die Seite stellen. So nun Leander Haußmann am Berliner Ensemble. Ein ganzer Trupp Bewaffneter stampft hier unter strengem Kommandoton mit den Stiefeln über die Bühne. Erste zarte Worte Woyzecks (Peter Miklusz) mit seiner Marie (Johanna Griebel) werden dadurch jäh unterbrochen, und der Wehrmann, Füsilier im 2. Regiment, 2. Bataillon, 4. Compagnie rückt wieder ein zum Dienst.
Den hirnlosen militärischen Drill mit seinem Gleichschritt und den gegenseitigen Demütigungen hatte Leander Haußmann schon in seinem mit eigenen Erlebnissen angereicherten Spielfilm NVA (2005) karikierend vorgeführt. Mit dem Woyzeckvon Georg Büchner macht er ihn auch zum Thema seiner neuen Inszenierung am BE und stellt nach seinem fulminanten Hamlet aus dem letzten Jahr eine weitere unruhige, von Gedanken gebeutelte Männerfigur der Dramengeschichte auf die Bühne.
Zeigte Katie Mitchell in The Forbidden Zone an der Berliner Schaubühne noch den Krieg aus der Perspektive der ohnmächtigen Frau, so fügt Leander Haußmann die des zum Töten gedrillten Soldaten hinzu. Er macht aus Büchners Woyzeck nicht einfach nur das Drama eines armen, irren Menschen, der im Eifersuchtswahn seine Geliebte Marie ersticht, Haußmann sieht im Woyzeck auch das Drama einer Zurichtung des menschlichen Individuums zur willenlosen Kampf- und Tötungsmaschine. Und er zeigt das mit echten Theaterbildern von Menschen, um mit Büchner zu sprechen, aus „Fleisch und Blut“ bestehend.
Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch
Erst durch die Zurichtung mit der vom Doktor (Traute Hoess) verordneten Erbsensuppe, die der Proband hier löffelweise eingetrichtert bekommt, und dem Drill in der Truppe wird Woyzeck zum willenlosen Objekt degradiert. Liegestütze, Exerzieren, Feudeln. Hier steht einer in der Hierarchie auf der untersten Stufe, was er auch immer wieder zu spüren bekommt. Den Irrsinn der Dressur vervollkommnet eine Slapsticknummer mit Affe, Klappstuhl, Bier und Banane. Traute Höss als stotternder Jahrmarktsausrufer, dem das Wort Potentat nicht über die Lippen kommen will und Peter Luppa, der vom Affen auf dem Stuhl direkt zum Soldaten mutiert. Die Truppe kreist dabei zum Peitschenknall als astronomische Zirkuspferdchen.
Die Eliten halten Woyzeck für moralisch verkommen und dumm. Selbst versinken sie in lähmende Agonie und Melancholie vor dem alternativlosen Gang der Welt. Diese Welt, wie sie ist, dreht sich, und dem Hauptmann (Boris Jacoby) schwindelt nur beim Gedanken daran. Es ist gut philosophieren, wenn andere die Suppe im wahrsten Sinne des Wortes auslöffeln müssen. Haußmann bricht die Lanze für den armen Landser Woyzeck und lässt ihn seinen Hauptmann chaplinesk einseifen. In einem Anflug von eigenem Größenwahn schneidet er ihm zur Figaro-Arie Rossinis den Hals durch.
Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch
Leander Haußmanns Inszenierung ist genauso wundersam getrieben und hirnwütig wie der großartige Woyzeck des Peter Miklusz, der direkt von seiner Rolle als Brechts Hans im Glück von der Probenbühne auf die großen Bretter des BE gewechselt zu haben scheint. Es schwingen hier Albernheit, Spielwut und die Musik aus so manchem Vietnamkriegsfilm wie etwa Full Metall Jacket mit. Von My Wild Love Went Ridin‘ bis This Boots Are Made For Walking, Haußmanns GIs marschieren zur Flower-Power-Musik von Joan Baez, Canned Heat, The Doors oder Nancy Sinatra.
Es bleibt aber auch das Drama der Marie. Im roten Kleid steht Johanna Griebel auf die Bühne immer zwischen dem großen Schatten des Kinderwagens am Bühnenhintergrund und der großen Lust zum Leben. Und dazu fehlt es nicht nur am nötigen Kleingeld. Melanie singt vom Nickel und Dollar, Dollie Parton Love Is Like a Butterfly. Und so fliegt Marie in die Hände des Tambourmajors (Luca Schaub), einem langen schönen Schlacks mit Federhut und wüstem Schläger. Die Sünde lockt sie in ein Zelt mit Leuchtaugen.
Die Truppe ist ein Branndewein saufender, lallender Haufen, der das „Bedürfnis totzuschlagen“ als von Gott gegeben bezeichnet. Der zur Eifersucht getriebene Woyzeck hetzt über die Bühne, den Tod im Schlepptau, der ihm als irr kichernder Waffenhändler sein Arsenal vorführt. Das letzte Liebes- und Totenbett der Marie wird ein Moosgeflecht aus getarnten Soldaten, die ihn auch noch anfeuern. Dem Publikum ruft der zum wahnsinnigen Vergewaltiger und Mörder gewordene Woyzeck wütend zu: „Was gafft ihr. Guckt Euch selbst an.“
Woyzeck am BE. Premierenapplaus für Leander Haußmann – Foto: St. B.
Haußmann mixt Büchners lose Szenenfragmente neu zusammen und stellt sie in logische Folge. Damit, dass er die Parabel des traurigen Mädchens nach dem Grimm’schen Sterntalermärchen an den Schluss stellt, gelingt ihm ein weiterer wundersamer Coup. Auf einem ausgerollten blauen Teppich mit lauter glitzernden Sternen versammeln sich noch einmal alle wie in einem schönen melancholischen Traum. Die Welt ist ein umgestürzter Hafen oder Nachttopp, und das BE wieder ein Theater. Man kann das sehen wie man will. Großer Beifall für Leander Haußmann und sein Ensemble.
—
WOYZECK
von Georg Büchner
Berliner Ensemble Premiere vom 06.09.2014
Regie und Bühne: Leander Haußmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Ausbilder der Soldaten: Rainer Clemens
Mit: Peter Miklusz (Woyzeck), Johanna Griebel (Marie), Luca Schaub (Tambourmajor), Raphael Dwinger (Andres), Antonia Bill (Margreth), Traute Hoess (Narr), Peter Luppa (Kind), Boris Jacoby (Hauptmann), Marko Schmidt (Unteroffizier), Matthias Mosbach (Unteroffizier), Marvin Schulze (Unteroffizier), Felix Lüke (Unteroffizier), Hannes Lindenblatt (Unteroffizier)
und: Sharon Joy Liedke, Carmen Romero Velasco, Heidrun Schug; Rainer Clemens, Riccardo Drews, Mario Erbherr, Oliver Gabbert, Thomas Göhing, Marcus Hahn, Raik Hampel, Bjoern Jarkowski, Franz Jarkowski, Carsten Kaltner, Robert Landschek, Marc Lippert, Paul Marwitz, Detlef Matthes, Haiko Neumann, Valentin Olbrich, David Pino Moraga, Alexander Petau, Michel Podwojski, Nils Rech, Benjamin Schwarweit, Thomas Schenk, Mathias Schlicht, Ralf Tempel, Christian Tiedge, Dietmar Lukas Treiber, Jan Wirdeier
Termine:
19., 23. und 27.09.2014
20., 26. und 27.10.2014
Welch Ironie – Patrick Wengenroth langweilt mit Büchners melancholischem Lustspiel Leonce und Lena an der Berliner Schaubühne
–
Leonce und Lena an der Schaubühne – Foto: St. B.
Die Welt ist eine Scheibe, und an der Berliner Schaubühne eine ganz besonders schöne. Sie ist rund, schräg und dreht sich, und man kann nicht von ihr abrutschen, da es schon Mühe bereitet, überhaupt auf sie hinaufzukommen. Sie kann auch Nebel und Musik, und ein schräges Stück von Georg Büchner kann man auch auf ihr spielen. Das alles muss aber vorher erst noch erklärt werden. Wir wollen ja nicht dumm sterben oder gar aus lauter lange Weile, weil man nichts versteht vor lauter Pipi und Popo. Das hat sich sicher auch Patrick Wengenroth, der Mann fürs Komische an der Schaubühne, gedacht. Und schickt darum Ulrich Hoppe auf die Scheibe, der, nach dem er sich mit einiger Mühe hochgezogen hat, auch noch erwartungsvoll angestarrt wird.
„Was wollen Sie von mir? Ich habe alle Hände voll zu tun.“ beginnt dieser als Leonce, Prinz von Popo, seinen Vortrag über den melancholischen Müßiggang und weitere brennende Fragen wie den ganzen, blöden Sau-Sack-Sinn und andere Peinsäcke. Aber das ist nicht etwa schon Büchners Lustspiel Leonce und Lena, sondern Rainald Goetz‘ bitterböser Klagenfurt-Monolog, den Wengenroth nicht zum ersten Mal bemüht – lässt sich damit doch so schön die beschissene Kunst- und Literaturszene ironisieren. Wo oben und wo unten ist und wie das scheiß Leben geht, wird aber auch heute Abend niemand erfahren. Der Schnitt ins Hirn bleibt aus, dafür gibt es die Prinzenrolle.
Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola
Popliterat Goetz trifft auf Popregisseur Wengenroth, der sich auch diesmal nicht zu schade ist, in Netzstrümpfen und mit Elvistolle sein Debut als Peter, König von Scheißegalien, zu geben. Ein Udo-Lindenberg-Lookalike wird aber nicht mehr aus ihm werden, wenngleich er auch schon ganz erfolgreich eine Lindenberg-Revue im Studio der Schaubühne inszeniert hat. Wetten, dass? Das zumindest bietet Popo-Prinz Leonce dem lustigen Kerl Valerio an, der hier gar nicht so lustig ist und auch nicht so genannt werden möchte. Jule Böwe krabbelt mit auf die Scheibe und spielt abwechselnd den Narren mit Hütchen oder Rosetta, die Angebetete des melancholischen Prinzen.
Aus lauter Langeweile und der Liebe überdrüssig, gibt der Prinz Rosetta den Laufpass und läuft dann mit Valerio vor der Aussicht, nun selbst König von Popo bzw. Scheißegalien zu werden, genItalien. Und so werfen Wengenroths Spieler weiter den selbst schon ironischen Texten Büchners noch jede Menge faule Witze hinterher. Wie war das noch gleich mit der grünen Langeweile? Dazu sinniert Ulrich Hoppe als Kermit der Frosch über die Schwierigkeit grün zu sein. Aha.
Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola
Ironie des Schicksals, dass Prinz Popo gerade das, was er eigentlich fliehen möchte, auf der sich unablässig drehenden Glücksscheibe wiederfinden muss. Auftritt Lena, Prinzessin von Pipi (Iris Becher), die auch nur irgendein weiteres It- und Covergirl der Pop(o)Historie im Klunkerlook ist. Beide liegen dann ein wenig auf dem Scheibenrasen rum, singen was von der Melancholie und so, und Jule Böwe stellt noch ein paar Hasenattrappen dazu. Bis Musiker Matze Kloppe schließlich ein Einsehen hat, den Discoladen dicht macht und die zwei Schmusehasen doch noch beschließen, Hochzeit zu machen.
Bei Büchners Automatenhochzeit bekommt dann noch das Theater sein Fett weg. Nichts als Kunst und Mechanismus. Scheiß Spiel. Und das ist der Unterschied zu Leander Haußmann. Sein Woyzeck wird erst zur Maschine gemacht, während Wengenrohts Büchner-Imitate von Beginn an Musikboxen sind, in die man nur Geld hineinwerfen muss, damit Kunst rauskommt. Für die Erkenntnis braucht es allerdings geschlagene zwei Stunden. Der Rest ist Hobby. Die Welt als Scheibe ist dann wohl doch kein so weitläufiges Gebäude, wie der Narr Valerio meint. Immerhin bekommt er endlich eine Hose und einen Ministerposten. Wengenroths König Peter gibt die Regie-rung ab und dem Prinzen eine zerknitterte Papp-Krone. „Geht einfach nochmal euren Text durch. Bis später, euer Party-Peter.“ Melancholie, du kriegst mich nie klein, tönt es mit Gisbert zu Knyphausen. Ein klarer Fall von Denkste.
Leonce und Lena in der Schaubühne Foto: St. B.
—
Leonce und Lena
Ein Lustspiel von Georg Büchner
Schaubühne am Lehniner Platz (06.09.2014)
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider
Mit: Iris Becher, Jule Böwe, Ulrich Hoppe, Patrick Wengenroth