Blog

  • Open-Air-Sommer 2014 (Teil 4): Mit dem Programm „Lusofonia“ begibt sich die WASSERMUSIK 2014 in die portugiesischsprachige Welt.

    ___

    (c) Haus der Kulturen der Welt
    (c) Haus der Kulturen der Welt

    Nach dem die WASSERMUSIK 2013 im Pazifischen Klangraum surfte, wird auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt in diesem Jahr mit dem Motto „Lusofonia“ der portugiesischsprachige Teil der Musikwelt bereist. Einst große Seefahrernation haben die Portugiesen ihre Sprache und Kultur in weite Teile des Erdballs gebracht. Nachdem die Weltmacht Portugal weitestgehend verblasst ist und infolge der Nelkenrevolution vor nunmehr 40 Jahren die ehemaligen Kolonien Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, die Kapverdischen Inseln sowie São Tomé und Principe ihre Unabhängigkeit erlangten, bleibt als ein Erbe der Kolonisation noch eine kulturell weithin rege Sprachgemeinschaft mit einer musikalischen Vielfalt, die es immer wieder neu zu entdecken gilt.

    Neben dem postkolonialen Erbe Portugals mit all seinen bekannten Schwierigkeiten nicht nur auf dem Afrikanischen Kontinent ist es aber vor allem Brasilien, das dem Ursprungsland der lusophonen Welt neben dem Fußball auch in der Musik (wie gerade erst bei der COPA DA CULTURA 2.0 ) Konkurrenz macht, und sich global gesehen großer Beliebtheit erfreut. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass zur Eröffnung der WASSERMUSIK 2014 gleich an eine brasilianische Musik-Legende erinnert wurde. Der Saxofonist Daniel Nogueira spielte mit seinem 13-köpfigen Ensemble Projeto Coisa Fina neben Traditionals der brasilianischen Latin-Jazz-Szene vor allem Stücke aus dem vielschichtigen Werk des Komponisten und Multiinstrumentalisten Moacir Santos. Stimmlich unterstützt wurde das Ensemble dabei durch den Sänger Flavio Tris.

    Daniel Nogueira & Projeto Coisa Fina convida Flavio Tris - Foto: St. B.
    Daniel Nogueira & Projeto Coisa Fina convida Flavio Tris – Foto: St. B.

    Eine Sängerin von besonderem Format gab es dann im Anschluss noch mit Mayra Andrade von den kapverdischen Inseln zu bewundern. Die Inselgruppe vor der Westküste Afrikas ist musikalisch vor allem durch die Ausnahmekünstlerin Cesária Évora geprägt worden. Mit der erst 29-jährigen Mayra Andrade besitzen die Kapverden aber auch in Zukunft eine stimmlich durchaus ebenbürtige Nachfolgerin. Neben Traditionellem überzeugte sie dabei vor allem mit ihren eigenen Songs, die Musikstile wie Reggae, Son, Chanson, Bossa Nova und Flamenco mit dem musikalischen Erbe der Inseln verbinden. Die recht zahlreich und ganz waterproof in der Ausstellungshalle des HKW erschienene heimatliche Gemeinde zollte der faszinierenden Sängerin viel Applaus.

    Mayra Andrade - Foto: St. B.
    Mayra Andrade – Foto: St. B.

    War die Eröffnung der WASSERMUSIK fast schon traditionell mit etwas Nass von oben bedacht, brachten die folgenden Wochenenden auch viel Sonnenschein auf der Dachterrasse des HKW. Besonders ins Schwitzen kamen die Weltmusik-Aficionados, für die die WASSERMUSIK bereits seit langem einen festen Platz im nicht gerade prallen Berliner Sommer-Oper-Air-Terminplan eingenommen hat, aber beim rein afrikanischen Abend am 8. August. Diesmal kam die angolanische Community voll auf ihre Kosten. Schon zu Beginn heizte DJ Nigga Fox aus Lissabon mit Urban Beats und Afro-House den bereits Anwesenden phonstark ein. Ein erster echter Kontrastpunkt im Programm der WASSERMUSIK 2014.

    Fotos: St. B.

    Einen Mix zwischen traditionellen angolanischen Drumsounds, Breakbeats und Raps gaben danach die Homeboyz mit ihrem „African Central Soul“. Sehnsüchtig erwartetet wurde aber der Star des Abends, MC Cabo Snoop. Der Shootingstar aus Luanda, Gewinner des MTV Africa Music Awards 2010, präsentierte denKuduro („harter Hintern“), eine noch junge aber bereits weltweit bekannte Tanzmusik aus Angola. Hierbei rappten sich Cabo Snoop und seine Mitstreiter an den Micros und Turntables mit Hip-Hop, Techno und Punk im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern ab. Das ließ niemanden mehr kalt und so erklommen immer wieder Mutige aus dem Publikum die Bühne und maßen sich mit dem begnadeten Tänzer und Entertainer.

    Maria de Medeiros Foto © Pedro Ferreira
    Maria de Medeiros
    Foto © Pedro Ferreira

    Komplettiert wird das Live-Programm der WASSERMUSIK 2014 an diesem Wochenende mit zwei weiteren interessanten weiblichen Stimmen. Am Freitagabend steht die portugiesische Chanteuse, Jazzsängerin und Schauspielerin Maria de Medeiros auf der Bühne der Dachterrasse des HKW. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren Auftritt als Blaubeerkuchen liebende Fabienne in Quentin Tarantinos Kultfilm Pulp Fiction. Die brasilianische Künstlerin Ava Rocha wird dann am Samstag mit ihrer dunklen, ausdrucksstarken Stimme komplexe aber doch übersichtliche Sound-Räume erschaffen. Beendet wird das umfangreiche Konzertprogramm dann nochmals ganz afrikanisch. Mit Conjunto Angola 70 groovt die Altherrenriege der ersten Blütezeit der Popmusik Angolas in den 70er-Jahren über die Bühne der hoffentlich sonnigen Dachterrasse.

    ***

    WASSERMUSIK: Lusofonia
    Ein Sommer-Open-Air-Festival
    auf der Dachterrasse des Haues der Kulturen der Welt
    (25. Juli 2014 – 16. August 2014)

    Infos:

    Wie immer finden die Veranstaltungen bei trockenem Wetter auf der Dachterrasse, bei Regen in der Ausstellungshalle statt.

    zum Fotoalbum auf Facebook:

    ---

     WASSERMUSIK auf YouTube:

    ---

    __________

  • Mit „Die Geliebten Schwestern” zeigt Filmregisseur Dominik Graf eine Dreiecksgeschichte aus den Zeiten des analogen Briefverkehrs jenseits schillernder Geschichtsverklärung.

    ___

    E-Bow the Letter
    Look up, what do you see?
     All of you and all of me
     Florescent and starry
     Some of them, they surprise
    The bus ride, I went to write this, 4:00 a.m.
     This letter
     Fields of poppies, little pearls
     All the boys and all the girls sweet-toothed
     Each and every one a little scary
     I said your name
    I'll take you over, there
     I'll take you over, there...
    aus: E-Bow the Letter von R.E.M. mit Patty Smith

    *

    Wer könnte wohl ehrlichen Herzens von sich behaupten, in letzter Zeit mal einen Brief verfasst zu haben, eigenhändig geschrieben und höchst selbst bei der Post aufgegeben? Auch hat das mittlerweile zur Aktiengesellschaft mutierte Unternehmen, das einst noch per Pferdekutsche in den Landen deutscher Kleinstaaterei unterwegs war, längst seine Schwerpunkte auf Logistik und Geldgeschäfte verlegt. Das einstige Monopol der Briefbeförderung ist verloren bzw. stückweise outgesorced. Beschränkt sich doch die heutige Korrespondenz zumeist nur noch auf nüchterne Geschäftspost.

    Die Geliebten Schwestern_(c) Senator Film VerleihJust in jenen schnelllebigen Zeiten also von E-Post und virtuellen sozialen Netzwerken bringt der deutsche Fernsehregisseur Dominik Graf einen Film ins Kino, der dem Kratzen der Feder auf weißem Bütten mit einer Intensität und Leidenschaft frönt, wie man sie hierzulande lange nicht mehr auf einer Leinwand erleben durfte. Und er verbindet seinen gesellschaftshistorischen Exkurs mit einer Liebesgeschichte um eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die der Kanon des deutschen Bildungsbürgertums zu bieten hat. Dem Dichter, Dramatiker und Gelehrten Friedrich Schiller, einem der Vertreter des freiheitlichen Kunstgedankens jener Zeit, der bis heute den Glauben an die nachhaltig heilenden Kräfte von Literatur und Theater nährt.

    Das letzte sogenannte Biopic über den jungen Dichter des Sturm und Drangs stammt aus dem Jahr 2005. Es zeigt uns in Gestalt des Schauspielers Matthias Schweighöfer einen charismatisch jugendlichen Brausekopf, der sich neben seiner selbstzerstörerischen Arbeit am Werk durch die Betten adliger Damen und Hofschauspielrinnen schnupft. Ein Schillerbild, das auf das jugendliche TV-Publikum abzielt, mit seiner plakativ revoltierenden Attitüde aber sicher um einiges am wirklichen Schiller vorbeischießt. 1785 verliert der 26jährige Schiller seine Stellung als Theaterdichter in Mannheim wieder an August Wilhelm Iffland und ist finanziell so gut wie am Ende.

    Hier nun in etwa schließt Dominik Grafs Film Die geliebten Schwestern zeitlich an. Der Regisseur führt uns in die Zeit der beginnenden Weimarer Klassik um 1787. Goethe weilt in Italien und der arme, mit erstem Dichterlorbeer bekränzte Schiller kommt auf der Suche nach neuen betuchten weiblichen Sponsoren aus Sachsen – wo ihn Körner, wie schon Henriette von Wolzogen oder seine verheiratete Geliebte Charlotte von Kalb, wieder finanziell aufgepäppelt hatte – nach Weimar. Er trifft hier im Vorbeigehen am Hause Charlotte von Steins auf die 22jährige Charlotte von Lengefeld. Graf stellt diese erste fiktive Begegnung zu Beginn als einen kleinen koketten Flirt außerhalb der herrschenden Konventionen dar, die Schiller wohl ob der Schlagfertigkeit der jungen Dame in guter Erinnerung bleibt. Charlotte, aus ländlich verarmtem Adel im thüringischen Rudolstadt, hat da schon ein paar fruchtlose Männerbekanntschaften zwecks erwünschter Eheanbahnung hinter sich, und ist ihrerseits vom wortgewandten Fremden fasziniert.

    Dies ist der Beginn einer intensiven Korrespondenz zwischen beiden, die sich nach Schillers Vorstellung im Hause von Lengefeld in Rudolstadt auf eine weitere Person ausdehnt. Lottes Schwester Caroline verguckt sich ebenfalls in den sympathischen, leicht unbeholfenen Schlacks. Was Schiller durchaus gefällt, da er sich sowohl geistig als auch in Herzensdingen beiden Schwestern zugeneigt fühlt. Und so bildet sich ein verschworenes Dreieck, das sich täglich mit Boten heimliche Briefe hin- und herschickt, für die es eigens, um durch mögliche Indiskretion den jeweils anderen nicht zu kompromittieren, namensverschleiernde Zeichen erfindet. Denn Caroline ist bereits mit dem Freiherrn von Beulwitz verheiratet. Diese arrangierte Ehe sichert dem männerlosen Hausstand der von Lengefelds das finanzielle Überleben. Und so ist es auch für Charlotte vorgedacht. Der junge idealistische Literat Schiller im abgerissenen Rock wirkt da auf die Mutter der Lengefeld-Schwestern eher unpassend und fast schon wie ein Mitgiftjäger.

    Die Geliebten Schwestern - Foto (c) Senator Filmverleih
    Die Geliebten SchwesternFoto (c) Senator Filmverleih

    Den nun folgenden Sommer 1788, den Schiller mit den beiden geliebten Schwestern in Rudolstadt verbringt, rollt Graf fast episch in etlichen Briefzeilen, langen Dialogen aber auch ganz alltäglichen Szenen vor uns aus. Die sonnendurchfluteten Bilder zeigen ein ländlich utopisches Naturidyll an der thüringischen Saale, in dem das Heu noch nach Heu duftet, sich Körper, Seele und Geist ganz langsam zu regen beginnen, dabei die schönsten freien Ideen entwickelnd. Jenes Arkadien, für das Goethe extra nach Italien reiste, schaffen sich die drei für einen Sommer im heimischen Rudolstadt, dessen Umgebung auch heute noch nicht ganz umsonst als Riviera bezeichnet wird. Schiller, der die deutschen Lande nie verlassen wird, entwickelt hier seine ganz eigenen Vorstellungen jenes Idealbilds, scheint ihm doch der Sehnsuchtsort Italien gänzlich unerreichbar. Erste Ernüchterung erlebt Schiller dann am Ende des Sommers nach der Rückkehr Goethes bei einem ersten Treffen mit dem großen Vorbild, das nicht ganz nach seinen Vorstellungen verläuft.

    „Ich hätte nicht geglaubt, daß das Glück das eure Liebe, auch schon in fernen Ahndungen mir gewährt, in meiner Seele sich erhöhen könnte. Aber mit jedem Tage wird es reicher und unerschöpflicher – ach die Liebe ist das Einzige in der Natur, wo auch die Einbildungskraft selbst keinen Grund findet und keine Grenze sieht. Nur in euch zu leben, und ihr in mir – o das ist ein Daseyn, das uns über alle Menschen um uns her hinwegrücken wird. Unser himmlisches Leben wird ein Geheimniß für sie bleiben, auch wenn sie Zeugen davon sind.“

    Schiller an Lotte v. Lengefeld und Caroline v. Beulwitz, 15. November 1789

    Dass diese Idylle trügerisch sein könnte, ist sowohl Regisseur Graf als auch seinem Schiller durchaus bewusst. Zunächst jedoch schwelgt der Film mit der Ménages-à-trois noch in deren Vorstellungen vom Leben und der Liebe zu dritt. Schiller bekommt seine Professur an der Jenaer Universität, hält dort seine bekannte Antrittsrede Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, bei der sich die Schwestern in Männerkleidung einschmuggeln und die Studenten mit Jakobiner-Kokarden am Revers als Zeichen der französischen Revolution Schiller zujubelnd die Hüte in die Luft werfen. Der junge Schiller ist diesen Ideen und dem allgemeinen Fortschritt durchaus zugetan. Durch die Revolutionierung des Buchdrucks erhofft er die schnelle Verbreitung seiner Werke und glaubt sich an der Schwelle einer ganz neuen Zeit.

    Schiller, der nun vor allem auch bedacht ist, seine Liebesverhältnisse zu ordnen, entscheidet sich schließlich auf Drängen und nach Fürsprache Carolines bei der Mutter für die unverheiratete Charlotte, ist aber noch im guten Glauben, die Beziehung zu beiden Schwestern wie bisher fortsetzen zu können. Die verschworene Gemeinschaft bekommt erste Risse, als Schiller sich ohne Wissen der Verlobten auf eine Nacht mit Caroline einlässt. Der Film vollzieht hier eine Wendung hin zum bürgerlichen Alltag der Familie Schiller, dem Kinderkriegen und den ständigen finanziellen Nöten. Caroline, die nun ihr Leben mit eigenen Liebschaften lebt, ist da außen vor. Schiller verbindet aber weiterhin ein herzliches und kreatives Verhältnis mit Caroline. So arbeiten sie gemeinsam an ihrer literarischen Karriere. Schiller hilft ihr über den Freund Wilhelm von Wolzogen aus der ungeliebten Ehe mit Beulwitz. Und ein außereheliches Kind will sogar wesentlich mehr suggerieren.

    Die Geliebten Schwestern - Foto (c) Senator Filmverleih
    Die Geliebten SchwesternFoto (c) Senator Filmverleih

    Jedoch selbst noch in Zorn und Eifersucht sind sich die Schwestern hier sehr nah. Da passt eigentlich kaum ein Blatt Briefpapier dazwischen, geschweige denn ein Mann. Vor den Augen des sterbenden Schillers verwischen sich dabei allerdings auch die Konturen der beiden Geliebten. Dominik Graf hat mit diesem Film kongenial Biografisches und gesellschaftliches Leben mit ganz persönlichen Wünschen und Empfindungen der Figuren verbunden. Mit unaufdringlicher Stimme kommentiert der Regisseur immer wieder aus dem Off das Geschehen, wobei es dieser Krücke eigentlich nicht zwingend bedarf. Das Vergangene verweist hier immer auch in die Gegenwart. Denn seit dem Scheitern der Ideale der französischen Revolution, was hier kurz mal das historische Pflaster rot färbt, bleibt die Frage der Menschheit nach dem, wie wir leben wollen, weiterhin aktuell. Parallelen lassen sich da durchaus zu den 68ern in der Bundesrepublik ziehen, oder auch zum real existierenden Sozialismus einer DDR.

    Aus seinem 170minütigen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag hat Graf fürs Kino eine um etwa 30 Minuten kürzere neue Schnittfassung erstellt. (Fürs Fernsehen wird es noch eine dreistündige Fassung in zwei Teilen geben.) Es wurde soweit möglich an Originalschauplätzen wie der Heidecksburg in und um Rudolstadt oder Weimar gedreht. Graf schöpft aus erhalten Briefen und bleibt nahe an den bekannten Fakten, lässt aber im geschriebenen Wort auch Platz für Fantasie und Spekulation. Diesem Film werden aber vor allem durch seine überzeugenden Hauptdarsteller (Henriette Confurius als Charlotte, Hannah Herzsprung als Caroline und Florian Stetter als Schiller) das erforderliche Leben und jene Leidenschaft eingehaucht, die Graf mit seinem, um einiges an Fiktion angereichertem Drehbuch behauptet. Und er ist dabei DEFA-Literaturverfilmungen wie Lotte in Weimar (1975), Die Leiden des jungen Werthers (1976)oder auch dem Hölderlin-Film Hälfte des Lebens (1984) näher als einer TV-Biofiction wie Goethe! aus dem Jahr 2010.

    ***

    DIE GELIEBTEN SCHWESTERN
    Regie: Dominik Graf
    Drehbuch: Dominik Graf
    Kamera: Michael Wiesweg
    Kostüm: Barbara Grupp
    Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem
    Schnitt: Claudia Wolscht
    Produzent: Uschi Reich, Grigoriy Dobrygin

    Darsteller:
    Charlotte von Lengefeld: Henriette Confurius
    Friedrich Schiller: Florian Stetter
    Caroline von Beulwitz: Hannah Herzsprung
    Frau von Stein: Maja Maranow
    Madame von Lengefeld: Claudia Messner
    Wilhelm von Wolzogen: Ronald Zehrfeld
    Charlotte von Kalb: Anne Schäfer
    Friedrich von Beulwitz: Andreas Pietschmann
    Knebel: Michael Wittenborn
    Körner: Peter Schneider
    u.a.

    Länge: 139 min.
    Kinostart: 31.07.2014
    Verleih: Senator Film Verleih GmbH

    Weitere Infos: http://www.senator.de/movie/die-geliebten-schwestern

    Schiller und die Lengefeld-Schwestern in Rudolstadt - Foto: St. B.
    Schiller und die Lengefeld-Schwestern in Rudolstadt – Foto: St. B.

    Lass die Zeilen schwingen!
    Seht auf, was erblickt ihr?
    Von euch alles und von mir
    Strahlend helle Sterne 
    Manche davon wunderbar
    
    Auf der Busfahrt ich nicht schlief, vier Uhr morgens
    schrieb den Brief
    Mohnfelder wie Perlenfädchen
    Alle Jungs und alle Mädchen naschhaft
    Wie ein jedermann bange aus der Ferne
    sprach ich dich an
    
    Ich bring dich rüber, dorthin
    Werd‘ ich dich bringen, dorthin
    

    Zuerst erschienen am 05.08.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • „Sommer 14 – Ein Totentanz“ von Rolf Hochhuth zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs – inszeniert von Torsten Münchow im Theater am Schiffbauerdamm

    ___

    Nachdem es noch im Juni 2013 die üblichen Drohgebärden von Seiten Rolf Hochhuths in Richtung Claus Peymann, dem der Senat das Gebäude des Berliner Ensembles untervermietet, und sogar eine Kündigungsklage gegen den Senat gegeben hatte, war es in der letzten Zeit etwas ruhiger um die beiden Streithähne geworden. Wenn nicht bei unsachgemäßen Bauarbeiten am Dach des BE die Sprinkleranlage ausgelöst worden wäre, die die Bühne dann mit mehreren Tausend Litern Löschwasser überflutete, man hätte vermutlich gar nicht erfahren, dass es Rolf Hochhuth in diesem Jahr tatsächlich gelungen ist, eines seiner Stücke im Theater am Schiffbauerdamm, wie die Immobilie im Besitz der Hochhuth’schen Ilse-Holzapfel-Stiftung für die Sommerbespielung dann wieder heißt, zur Aufführung zu bringen.

    Sommer 14 - Ein Totentanz am BE  Foto: St. B.
    Sommer 14 – Ein Totentanz am BE – Foto: St. B.

    Nicht nur passend zur Jahreszeit, auch anlässlich der 100. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs hat Hochhuth sein 1990 am Wiener Akademietheater uraufgeführte Stück Sommer 2014 – Ein Totentanz wieder ausgegraben und die Premiere pünktlich zum 1. August angesetzt. Aber wie immer geht auch das bei Hochhuth nicht ganz ohne Querelen ab, und so bauscht dann der Autor kurz vorher in der Presse die Inszenierung seines Stücks zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu einer mittleren Bühnenkatastrophe auf und rät dem potentiellen Publikum vom Besuch der Aufführung ab. Noch vor ein paar Tagen zeigten sich Hochhuth und der in letzter Minute engagierte Regisseur Torsten Münchow bei einem Pressetermin im Theater am Schiffbauerdamm zuversichtlich Seite an Seite. Nun plötzlich der Bruch. Hochhuth lässt verlauten, Münchow habe sein Stück verhunzt und verjuxt. Der Schauspieler, Gelegenheitsregisseur und die Synchronstimme von Kinostars wie Antonio Banderas, Gérard Depardieu oder Adam Sandler würde seine Schauspieler persönlich und ihre historischen Rollen total entwürdigen.

    Die Frage nur, die sich angesichts solcher Vorwürfe stellt: War es bei Hochhuths Sommertheater je anders? Erst 2010 floppte sein Stück Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato als peinliche Musical-Nummer unter der Regie von Florian Fries am Berliner Ensemble. Nun hat also Torsten Münchow eine Schauspieltruppe zusammengecastet, die (wie damals) aus Ex-Stars-und Sternchen der deutschen Unterhaltungskunst sowie hoffnungsvollen Jungtalenten besteht. Darunter (wie schon 2010) Fernsehschauspielerin und Moderatorin Caroline Beil, Schauspieler und Ex-Liedermacher Reiner Schöne, der nicht erst durch einen Auftritt im Dschungelcamp bekannte Film- und Fernsehmime Mathieu Carrière und last but not least Serienstar Ottfried Fischer als Kaiser Franz Josef. Ebenfalls einen kurzen Gastauftritt hat der „Coiffeur der Leidenschaft“, Promifriseur Udo Walz.

    Prominente der Zeitgeschichte lässt auch Rolf Hochhuth in seinem eher moralisch inspirierten Enthüllungsstück über die Ursachen des Ersten Weltkriegs auftreten. Er legt die 13 Spielszenen, in denen Waffenlobbyisten, führende Politiker und die gekrönten Häupter Europas jener Zeit ihre wahren Motivationen am Krieg offenbaren, dann auch nicht wirklich ironisch an. Das hat nun Torsten Münchow in seiner Inszenierung, für die kaum vier Wochen Probenzeit waren und nur knapp 8 der ursprünglich 13 Szenen übrig blieben, zur Erschütterung des Autors etwas anders gesehen.

    In einer Saunalandschaft als Wellnesshölle (oder -himmel, je nach Sichtweise) mit flauschigem Flokati-Teppich tummeln sich die verblichenen Oberhäupter der fünf sich feindlich gegenüberliegenden europäischen Reiche in Bademänteln und Schlappen. Vormontiert ist ein Prolog über die Unzulänglichkeit des schaffenden Menschen (Homo faber), die Errungenschaften der Wissenschaft friedlich zu nutzen. Hierbei treffen in griechischem Tragödienton aufeinander: der Kentaur Nessos (nackt und mit Erde beschmiert: Kathrin Höhne), Daidalos (im Overal mit Vogelkopf: Vitesha Benda) als Bringer des Fortschritts wie moderner Flugzeuge und der Tod (Kathrin Höhne), der erst als Putzfrau den Müll der Geschichte aufkehrt und dann im schwarzen Gewand bedeutsam über das Schicksal raunt. Die Drei wohnen weiter stumm und nur gelegentlich kommentierend dem Geschehen bei.

    Sommer 14 - EinTotentanz im Theater am Schiffbauerdamm Foto (c) Barbara Ellen Volker
    Sommer 14 – EinTotentanz im Theater am Schiffbauerdamm
    Foto (c) Barbara Ellen Volker

    Das lässt sich zunächst recht gut an, wird aber im Folgenden zu einem Defilee der Peinlichkeiten und einer Offenbarung inszenatorischer wie darstellerischer Defizite. Das geht von Ottfried Fischer, der seinen Text als greiser Kaiser Franz Joseph eher beiläufig ironisch zur Seite weg nuschelt, über eine Dart spielende zynische Churchill-Karikatur (Jens Schleicher) bis zum täppischen Knallchargenstadel preußischer Offiziere wie Großadmiral von Tirpitz (Rüdiger Joswig) und Generalstabschef von Moltke (Christian Mey). Man nimmt ihnen im flauschigen Bademantel die Einfädelung ihrer kriegerischen Machenschaften nicht wirklich ab. Dagegen kommt Großfürst Nikolai, Cousin Zar Nikolaus II. und Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte (Hans Leonard Wales als russischer Bär mit blanker behaarter Brust) mit einem Cocktail deutsch verwässerten russischen Blutes noch vergleichsweise gut weg.

    Auch der Kurzauftritt von Udo Walz mit Kaiser-Wilhelm-Bart fällt, da nicht weiter sinnführend, halbwegs harmlos aus. Man hätte ihm so ausstaffiert eigentlich auch noch gut die Rolle des deutschen Kaisers übertragen können. Gänzlich ohne Bart gibt nun Mathieu Carrière den mehrfach gehandicapten Hohenzollernspross und großen Flottenfanatiker Wilhelm II. im Bademantel mit festgebundenem Krüppelarm und Sonnenbrille. Dieser windet sich noch angesichts des Attentats in Sarajewo ob seiner Kriegsunschlüssigkeit und ist doch längst von seiner intriganten, Boccia spielenden Regierungsriege unter Reichskanzler Bethmann Hollweg (Reiner Schöne) ausgebootet. Da bleibt ihm nur in einer neuen Schlafanzughose den Krieg zu erklären.

    Dass es auch Stimmen des Zweifels und zur Kriegsvermeidung vor allem in Frankreich gegeben hat, klingt in Hochhuths Stück ebenfalls an. Hier lässt Münchow gnadenlos Boulevard spielen. So knallt die Frau (Caroline Beil) des französischen Premierministers und Kriegsgegners Caillaux den rechten Journalisten Calmette (Hans Piesberger) über den Haufen. Der französische Sozialist Jean Jaurès (wieder Hans Piesberger), der am Vorabend des Weltkriegs einem nationalistisch aufgehetztem Attentäter zum Opfer fiel, muss sein Plädoyer gegen den Krieg in einer Art Fernsehshow halten. Und der Disput zwischen Giftgaserfinder Dr. Haber (Thomas Giebel) und seiner Frau (Vera Tavares) über die Verantwortung des Wissenschaftlers gerät schließlich zum Rührstück.

    Torsten Münchow macht Geschenke, die keiner haben will. Foto: St. B.
    Regisseur Torsten Münchow macht Geschenke, die keiner haben will. – Foto: St. B.

    Die Stimmen aus dem gemeinen Volk und der Waffenindustrie sind bis auf zwei Ausnahmen weitestgehend ausgeblendet. Die lose und qualitativ recht unterschiedlichen Spielszenen werden durch Lehar-Walzer und alte Revuenummern von Walter Kollo wie Der Soldate, der Soldate und Ich glaube, da oben fliegt ’ne Taube (gesungen von Wiltrud Weber) zusammengehalten. Und so tanzt alles lustig eine Polonaise in den Abgrund. Ganz zum Schluss kommt noch mal der Hochhuth’sche Zeigefinger raus, als Timothy Stachelhaus als junger gefallener Soldat von der Rampe ein zorniges „Gehorcht nicht!“ ruft. Das Ganze klingt wie eine deutsche Parodie auf Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus. Aber das ist hier eben nicht Wien oder Salzburg, sondern nur das Theater am Schiffbauerdamm. Doch scheitern kann man überall. Torsten Münchow hat sich bemüht und macht den Abend lautstark dem vergrätzten Autor Hochhuth zum unerwünschten Geschenk. Draußen bei der Premierenfeier ruft er dann sein Ensemble im Kasernenhofton zum Shooting für die Pressefotografen. Wenigstens einer, der mit seiner Stimme für mächtig Stimmung sorgte.

    ***

    Sommer 14 – Ein Totentanz

    von Rolf Hochhuth

    Regie: Torsten Münchow
    Bühne & Kostüme: Andreas R. Bartsch
    Musik: Tom Leonhardt & Wiltrud Weber
    Darsteller: Mathieu Carrière, Diana Körner, Reiner Schöne, Caroline Beil, Rüdiger Joswig, Hans Piesbergen, Christian Mey, Kathrin Höhne, Vitesha Benda, Jens Schleicher, Barbara Frey, Thomas Giebel, Vera Tavares, Maike Knirsch, Timothy Stachelhaus, Ottfried Fischer als Kaiser Franz Joseph I. und Udo Walz

    Premiere: 01.August 2014 im Theater am Schiffbauerdamm (BE)
    Weitere Vorstellungen: 03.08, 07.08., 08.08., 09.08. jeweils 19:30 Uhr

    Eine Produktion der Ilse Holzapfel Stiftung

    Kartentelefon: 0170-7334629 & üblicher Vorverkauf
    Infos: sommer-1914@gmx.de

    Zuerst erschienen am 03.08.2014 auf Kultur-Extra.

    __________

  • Open-Air-Sommer 2014 (Teil 3): WOLFSFRIEDEN – Dominique Wolf bespielt mit ihrem Theater Wolfsbühne die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

    ___

    Die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.
    Die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

    Ein Operndorf ganz nach Christoph Schlingensiefs Idee wollte die Schauspielerin und freie Theaterregisseurin Dominique Wolf auf der Cuvry-Brache in Kreuzberg für einen Abend errichten. Ein Dorf am Ufer der Spree, das viele nur als erste Favela Berlins bezeichnen. Künstler, Aussteiger, Obdachlose, polnische Wanderarbeiter und Roma-Familien leben hier aus den unterschiedlichsten Gründen seit etwa zwei Jahren nebeneinander, in Zelten und selbstgebauten Hütten ohne Strom, Wasser und sanitären Einrichtungen. Den meisten Kreuzberger Anwohnern ist das freie Dorf ein Dorn im Auge, der Fortbestand latent bedroht von der Räumung durch einen Investor, der das Gelände irgendwann mal bebauen will. Bis dahin sind die Cuvryaner geduldet. Man kennt das noch vom Kulturhaus Tacheles in der Oranienburger Straße. Die Probleme sind da also fast schon vorprogrammiert.

    Regisseurin Dominique Wolf
    Regisseurin
    Dominique Wolf

    „Welcome in FreeCuvry“ und „See it with your eys“ steht auf einem Schild am Eingang. Regisseurin Wolf, die 2010 die Wolfsbühne gründete, will mit ihren alternativen, spartenübergreifenden Theaterprojekten sozialkritische Themen aufgreifen und geht dafür mit ihrem Team immer wieder direkt in den Stadtraum. Mit WOLFSFRIEDEN bespielt sie nun die Cuvry-Brache, einen Ort der ganz anderen Wohnkultur, fern jeder geordneten Struktur und Absicherung, ohne Garantie und doppelten Boden. Zwei Monate lang hat Dominique Wolf vor Ort bei den Bewohnern um Akzeptanz für ihre Idee geworben und um Mitwirkung bei der Durchführung ihres Vorhabens.

    Das Ergebnis konnte nun am Samstag, den 26. Juli ab 18:30 Uhr von Interessierten und Freunden unkonventionellen Theaters für den Unkostenbeitrag von 10 Euro besichtigt werden. Das Eintrittsgeld soll den Bewohnern der Cuvry-Brache zu Gute kommen. Wolf will aber durch ihr Projekt vorrangig Aufmerksamkeit für die Lage der Leute vor Ort erzeugen, Kunst als Mittel zur Verständigung für ein friedliches Miteinander der verschiedenen Gruppen mit den Anwohnern des Kreuzberger Kiezes. Kernstück dieses Vorhabens ist eine große gedeckte Tafel, an der gegessen, getrunken und geredet werden soll. In einigen der Behausungen der Cuvryaner gibt es außerdem kleine Spielszenen mit echten Schauspielern und auch Bewohnern der Brache.

    Das Ganze ist wie ein kleiner Parcours aufgebaut, den das Publikum in Gruppen immer wieder durchlaufen kann. Die Schauspieler performen teilweise in oder auch vor den kleinen Holzhütten, die sich im vorderen Teil des Areals in einem etwas verwilderten Wäldchen befinden. Wer nicht aufpasst, tritt hier aber auch in sorgsam angelegte Beete. „Folgen Sie mir, bitte folgen Sie mir.“ Der freundlich bestimmten Aufforderung Wolfs kann man sich nur schwer entziehen. Man ist ja schließlich auch gekommen, um zu schauen. Die anfangs noch empfundene Scheu vor dem ungewohnten bewohnten Ort weicht schnell der Neugier. Und so wagen sich die bereits erschienen Besucher gegen 19:00 Uhr endlich zuversichtlich auf die erste Runde.

    Dominique Wolf mit Bewohnern und Besuchern an der großen "Königs-Tafel".
    Dominique Wolf mit Bewohnern und Besuchern an der langen „Königstafel“.

    Man stößt im märchenhaften Gestrüpp auf kurze Performances, die sich um den „König des Dorfes“, das „Tal der Traurigkeit“, die „Melancholie“, „Wahre Liebe“ oder „Befruchtung“ drehen. Vor allem sollen hier natürlich die Zuschauer selbst befruchtet werden. Mit Kunst zum Kern der Sache. Es geht im Großen und Ganzen um die vielfältigen Spielarten zwischenmenschlicher Beziehungen, um Kreativität und das Anderssein. Ein vom Fruchtbarkeitsterror seiner Frau genervter politischer Schönredner findet sein wahres Glück einfach in der Nachbarhütte. Die Schauspielerin Miriam Ternes erzählt eine wundersame Liebesgeschichte über eine am Tinitus leidende Frau, die nicht nur den Hörnerv des Publikums trifft. Der chilenische Tänzer Danilo A.S. Cofre zeigt eine eigene Choreografie und berichtet den Umstehenden von seinem Inspirationserlebnis mit Pina Bausch.

    In einer Hütte muss eine junge Sopranistin einem alternden Impresario (Günther Schanzmann) eine Koloraturarie in der Waagerechten vorsingen, einige Sträucher weiter sitzt die Venus 2013 im Schaumbad und bringt ihren Othello-haften Verehrer zur Verzweiflung. Trotz heftigstem Streit ist doch die Liebe immer wieder das alles verbindende Element. Auch wenn sich sicher nicht alles auf diese einfache Formel herunterbrechen lässt, bleibt dies die wichtigste Botschaft des Abends.

    Schleiertanz mit Elsa Loy
    Schleiertanz mit Elsa Loy

    Über Lautsprecher werden O-Ton-Beiträge der Cuvryaner eingespielt, die über ihr Leben auf der Brache berichten. Und als sich die ersten Besucher bereits an die große Tafel setzen wollen, gibt die Tänzerin Elsa Loy noch eine magischen Schleiertanz-Vorstellung. Der Abend schließt aber am Spreeufer ab mit einer echten Operneinlage auf einem kleinen Boot. Kristin Schulze, die Sopranistin aus der Hütte vorher, hat ihr Engagement an Bord angetreten und singt noch eine bezaubernde Arie mit überraschendem Schlusspunkt. Begeisterter Beifall für alle Beteiligten.

    Die Blicke schweifen noch einmal von der Brache übers Wasser. Sie ist ein sogenanntes Filet-Grundstück in bester Lage. Der Ausblick könnte auch besser nicht sein, links die Oberbaumbrücke, am gegenüberliegenden Ufer das Gebäude von Universal Music. Die Media-Spree als drohende Alternative hat man also stets vor Augen.

    Sopranistin Kristin Schulze mit Choloraturarie zum Sonnenuntergang auf der Spree
    Sopranistin Kristin Schulze mit Koloraturarie zum Sonnenuntergang auf der Spree

    2012 war noch durch linke Gentrifizierungsgegner ein Denklabor, das sog. BMW-Guggenheim-Lab, auf der Brache verhindert worden. Bei verschiedenen Veranstaltungen sollten hier Themen der Stadtentwicklung diskutieren werden. Die Macher zogen wegen des Sicherheitsrisikos schließlich auf das Gelände des Pfefferbergs im Prenzlauer Berg. Befürchtungen der Kiezaufwertung, steigende Mieten, etc., etc. – das alles ist nichts Neues für Berlin. Die Anwohner wollten nicht zur Kiezattraktion werden. Nun ist man es letztendlich doch. Die Touristen kommen in Scharen, um das alternative Berlin-Feeling zu spüren, und machen Fotos fürs Facebookalbum. Die Belange und Probleme der Be- bzw. Anwohner der Cuvry-Brache interessieren da eher am Rande.

    Wie sich die Cuvryaner ihre Zukunft tatsächlich vorstellen, könnte man am 2. August bei einem „Tag der Offenen Cuvry“ erfahren. Fakt ist, die Gentrifizierung ist im Kiez um das Schlesische Tor längst angekommen. Massen von Feier- und Sensationswütigen belagern allabendlich die Kneipen und Restaurants in der Schlesischen Straße. Die Betreiber leben davon und sind bestrebt ihre Geschäftsgrundlage dauerhaft zu sichern. Wie es damit nach dem vom Investor geplanten Bau der „Cuvryhöfe“ aussieht, wird sich zeigen. Das Ruhebedürfnis geplagter Städter hat schon ganz andere Gebiete dauerhaft befriedet.

    Gefragt sind nun in erster Linie der Bezirk Kreuzberg/Friedrichshain und auch das Land Berlin, das die Bebauungshoheit der attraktiven Lücke an sich gezogen hat. Nur ist von dort zum Thema bisher nicht allzu viel zu hören. Sich öffnen, ist eine der Losungen der Operndorfaktion WOLFSFRIEDEN. Damit das keine hohle Phrase oder schöne Utopie bleibt, bedarf es mehr als ein paar wohlmeinender, vermittlungsbereiter Theaterleute.

    Bildergalerie WOLFSFRIEDEN

    alle Fotos (c) Stefan Bock

    ***

    WOLFSFRIEDEN
    auf der Cuvrybrache, Schlesischestr./ Cuvrystr,
    Premiere war am 26.07.2014
    Regie: Dominique Wolf
    mit: Adrian Zwicker, Édes Anna, Sonja Amina Chatterjee, Daniela Frezzato, Elsa Loy, Gregor von Holdt, Grete Gehrke, Oliver Schulz, Marie-Louise Stoffel, Günter Schanzmann, Kristin Schulze, Harald Polzin, Danilo Andres Sepulveda Cofre, Miriam Ternes, Ronja Seifert, Bibaki Mou, Lutz Rothe, Daniel Matz, Candy Bormann u.a.

    Infos zur Wolfsbühne unter: http://wolfsbühne.de/ und

    https://www.facebook.com/pages/Wolfsb%C3%BChne/444179992280660?ref=ts&fref=ts

    Samstag, 2. August: Tag der Offenen Cuvry
    FreeCuvry lädt alle ein zu Musik, Essen, Trinken, Bootsbau, Fluss und Strand, Massage, Führungen und vieles mehr, ab 13h.
    16-18h: Offene Diskussion mit Anwohner_innen und Bewohner_innen
    Ab 19h Praxisworkshop
    Ab 20h: Filmgucken auf Leinwand und Party!

    Weitere Infos zu FreeCuvry unter:
    http://freecuvry.wordpress.com/ oder https://www.facebook.com/CampCuvrystrasse

    __________

  • FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAGE – Der diesjährige BERLINALE-Sieger des chinesischen Regisseurs Diao Yinan ist ein spannender Genrestreifen im Stile des Film noir.

    ___

    FeuerwerkAmHelllichtenTage_Plakat
    Foto (c) Weltkino Verleih

    Black Coal, Thin Ice (dt.: „Schwarze Kohle, dünnes Eis“) hieß der Film des chinesischen Regisseurs Diao Yinan noch im kalten Februar, als er überraschend den Goldenen Bären der BERLINALE erhielt. Nun ist er im heißen Sommer unter dem deutschen Titel Feuerwerk am helllichten Tage in die Kinos gekommen. So hell sind die chinesischen Tage aber gar nicht, und auch das Feuerwerk, mit dem sich der deutsche Verleih weitestgehend dem chinesischen Originaltitel angenähert hat, lässt lange auf sich warten.

    Es ist 1999, im tief verschneiten Norden Chinas werden in der gesamten Provinz auf riesigen Kohlehalden und langen schwarzen Förderbändern immer wieder Leichenteile gefunden, als würden sie vom dunstig grauen Himmel regnen. Die Polizei ist auf eine schnelle Lösung des Falls aus. Erste Spuren sind überdeutlich, findet sich doch bei einer abgetrennten Hand auch der Ausweis der Leiche. Es ist ein Arbeiter aus dem Kohlewerk. Aber schlampige Ermittlungen durch gewalttätige, gleichgültige Polizisten führen schließlich in die Irre und ins lokale Kleinganovenmilieu, was zwei von ihnen mit dem Leben bezahlen.

    Zu den erfolglosen Ermittlern gehört Zhang Zili (Liao Fan), ein desillusionierter, zynischer Mann, der nicht von seiner geschiedenen Frau lassen kann. Er ist nicht ganz der typische Bad Cop, aber mit jeder Menge persönlicher Probleme beladen. Zhang wird bei der missglückten Verhaftung verwundet und rutscht nach der Entlassung aus dem Krankenhaus vollends in den Suff ab. Er muss sich, aus dem Polizeidienst entlassen, nun als Sicherheitsangestellter im Kohlewerk verdingen.

    Feuerwerk am hellichten Tage Foto (c) Weltkino Verleih
    Feuerwerk am helllichten Tage
    Foto (c) Weltkino Verleih

    Es geht nicht wirklich voran in diesem mysteriösen Fall, den die Polizei nach fünf Jahren Unterbrechung wieder aufrollt, da plötzlich neue Leichenteile auftauchen. Die Ermittler unter Zhangs damaligem Freund und Kollegen Captain Wang (Yu Ailei) konzentrieren sich nun wieder auf die Beschattung der Frau des ersten Toten. Die schöne aber zurückhaltende Wu Zhizhen (Gwei Lun Mei) arbeitet in einem kleinen Waschsalon, dessen Besitzer einen etwas bizarren Hang zu Frauen und Kleidungsstücken hat. Aber weiterhin Fehlanzeige.

    Auch Zhang lässt der alte Fall nicht los, er sucht die Nähe der geheimnisvollen Frau Wu, die ihn wie eine Männer verschlingende Femme fatale der chinesischen Vorstädte magisch anzieht. Die Kamera folgt den Beiden bei ihren knirschenden Gängen durch die verschneiten Straßen des nächtlichen Viertels, einer Wohnwüste mit einsamen Oasen blinkender Lichter von Supermärkten, Garküchen und Vergnügungsbars. Tags überwiegen das Grau der Häuser und der normale Alltag der großen Stadt, die mehr schlecht als recht verwaltet wird. Nur in überfüllten Bussen, dem Halbdunkel der Kinos und Tanzschuppen und beim abendlichen Eislaufen kommen sich die Menschen näher. Ansonsten lebt man flüchtig nebeneinander her. Ein interessanter Mix aus Genre-Film und düsterem Gesellschaftsportrait, der damit vielleicht eine Alternative zum kommerziell erfolgreichen chinesischen Martial-Arts-Kino darstellt.

    Feuerwerk am hellichten Tage Foto (c) Weltkino Verleih
    Feuerwerk am helllichten Tage
    Foto (c) Weltkino Verleih

    Der tatsächliche Grund für die Morde wird Zhang vom Waschsalonbesitzer dann fast wie nebenbei präsentiert. Ein fast vergessener ruinierter Ledermantel spielt dabei eine tragende Rolle, nur dass sich lange niemand wirklich dafür interessiert. Es ist das leidige Geld, nach dem alle streben, Barbesitzerin wie Waschsalonbetreiber oder Mitarbeiter eines Wettbüros. Es lässt keinen Platz für Nähe und echte Gefühle. Kein „guter Mensch“, nirgends. Die nötige Wärme fehlt auch der armen Wäscherin. Wie die Zudringlichkeiten ihres Chefs wehrt sie aber zunächst die an Stalking grenzenden Annährungsversuche Zhangs kühl ab.

    Der ebenfalls Ausgestoßene gewinnt mit seiner stoischen Beharrlichkeit nicht nur Stück für Stück die Zuneigung der traurigen, zurückgezogenen Frau. Er kommt auch irgendwann auf die Spur des unbekannten Schlittschuhmörders und Leichenzerstückelers, der schon vor langer Zeit Stück für Stück seiner wahren Identität entsorgt hat. Der Ex-Bulle wird den Fall lösen, und damit seine Liebe zerstören. Träume von persönlichem Glück und der Wunsch nach Gerechtigkeit gehen in dieser eisigen, grauen Welt nicht zusammen. Dagegen aufzubegehren, erscheint dem Helden wie ein nutzloser Knalleffekt, der zum Schluss wie das titelgebende Feuerwerk am helllichten Tage verpufft. Was Zhang bleibt, ist ein ausgelassenes Tänzchen auf dem Parkett der einsamen Herzen.

    ***

    FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAGE
    (BAI RI YAN HUO – BLACK COAL, THIN ICE)
    Volksrepublik China / Hongkong, China, 2014, 106 Min

    Regie, Buch: Diao Yinan
    Kamera: Dong Jingsong
    Schnitt: Yang Hongyu
    Musik: Wen Zi
    Sound Design: Zhang Yang
    Production Design: Liu Qiang
    Produzenten: Qu Vivian, Wan Juan
    Co-Produzenten: Shen Yang, Zhang Dajun

    Mit:
    Liao Fan (Zhang Zili)
    Gwei Lun Mei (Wu Zhizhen)
    Wang Xuebing (Liang Zhijun)
    Wang Jingchun (Rong Rong)
    Yu Ailei (Captain Wang)
    Ni Jingyang (Su Lijuan)

    Kinostart: 24.07.2014

    Verleiher: Weltkino Filmverleih GmbH

    Infos: http://www.weltkino.de/file/Home.html

    Zuerst erschienen am 25.07.2014 auf Kutura-Extra.

    __________

  • Open-Air-Sommer 2014 (Teil 2): Shakespeares „Komödie der Irrungen“ aufgeführt von SHAKESPEARE und PARTNER beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex

    ___ 

    „Wer bin ich?“ ist seit jeher eine der wichtigsten und auch immer wieder verwirrendsten Frage des Menschen. Die Verwechslungskomödie setzt dem meist noch zahlenmäßig einen drauf und vervielfältigt das Identitätsdilemma der Protagonisten durch gottgewollte Doppelgänger oder auch ganz irdische Zwillinge. Wir kennen Sie aus Molières Komödie des Amphitryon (1668), die Heinrich von Kleist inspiriert durch die Lektüre Immanuel Kants 1803 sogar ins tragikomisch Philosophische erhob, und der Komödie der Irrungen (1592) von William Shakespeare, einem zugegebener Maßen seltener gespieltem Frühwerk des englischen Dichters, dessen 450. Geburtstag in diesem Jahr weltweit begangen wird. Beide Stücke gehen jeweils zurück auf eine lateinische Komödie des römischen Dichters Plautus (254 – 184 v. Chr.), der sich wiederum von griechischen Komödiendichtern wie Menander (342/341 – 291/290 v. Chr.) inspirieren ließ. Der Ursprung aller Komödien aber ist wie bei der Tragödie der antike Dionysoskult. Das Genre der Verwechslungskomödie ist demnach fast so alt, wie das Theater selbst.

    *

    Sommertheater in der Klosterkirche am Alex - Foto: St. B.
    Sommertheater in der Klosterkirche am Alex – Foto: St. B.

    Mittlerweile beheimatet Berlin mit der Shakespeare Company, Shakespeare im Park und Shakespeare & Partner nicht weniger als drei Open-Air-Theatertruppen, die sich auf den großen elisabethanischen Dichter berufen und auch das Hexenkessel-Amphitheater im Monbijoupark hat so einiges von Shakespeare auf dem Spielplan. Letztmalig in Berlin auf einer Stadttheaterbühne waren die Irrungen übrigens in einer Inszenierung des britischen Regisseurs Martin Duncan 2001 am Maxim Gorki Theater zu sehen, dem Jahr der Gründung von SHAKESPEARE und PARTNER. All das ist neben dem Spaß am Spiel selbst natürlich Grund genug, den unterschätzten Erstling Shakespeares mal wieder aus der Schublade zu holen. Das taten Shakespeare & Partner bereits im Oktober 2012 für das Bürgerhaus in Pullach. Seither gastierte die Truppe mit der Inszenierung des 1970 in Bombay geborenen indischen Regisseurs Kenneth Philip George schon an vielen Bühnen quer durch Deutschland und auch im Ausland, bis sie damit 2013 ihre neue Sommerspielstätte in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche in der Nähe des Alexanderplatzes bezog.

    Nachdem im letzten Jahr Molières Amphitryon in der Version des Hexenkessels im Monbijoutheater den Shakespeare-Jüngern noch die Show gestohlen haben dürfte, eröffnete nun am 22. Juli wieder die Komödie der Irrungen ganz optimistisch den diesjährigen Theatersommer am Alex. Das Ensemble spielt dann auch von Anbeginn mit sehr viel Leidenschaft für und mit dem Publikum in der Klosterruine. Selbst der Verkauf der Programmhefte gerät da zu einer kleinen Performance. Fast noch wichtiger ist für das Open-Air-Sommertheater neben dem aufopferungsvollen Spiel ein flotter, gängiger Text. Mit der eher prosaischen Erstübersetzung von Christoph Martin Wieland oder der etwas geschraubten Versfassung von Wolf Graf Baudissin für die Schlegel/Tieck-Ausgabe ist da heute kein Stich mehr beim vergnügungssüchtigen Publikum zu machen. Fast jede Neuinszenierung bedient sich daher moderner Neuübertragungen.

    Erstaunlich nur, dass sich das fast ausschließlich aus den alten Bundesländern stammende Ensemble hier für die Übersetzung des unter dem Pseudonym E. S. Lauterbach schreibenden Journalisten Erich Selbmann (1926 – 2006), wenigen vielleicht noch als großes Tier im Rund- und Fernsehfunk der DDR sowie Chefredakteur der Aktuellen Kamera bekannt, entschieden hat. Eine „richtig rote Socke“ also, wie es Schauspieler Kai Frederic Schrickel etwas ironisch in seiner kleinen Einführung zum Stück erwähnt. Selbmanns Übersetzung entstand 1968 für Peter Kupkes Inszenierung am Hans-Otto-Theater Potsdam. Kupke, der mittlerweile z.B. auch wieder am Staatstheater Cottbus inszeniert, nahm die Übersetzung in den 1980er Jahren bei seinem Gang in den Westen mit ans Staatstheater Wiesbaden. Irgendwo da muss sie eines der bereits an etlichen deutschen Stadttheatern engagierten Mitglieder der Truppe jedenfalls aufgeschnappt haben.

    Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER
    Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

    Und der Text E. S. Lauterbachs scheint wie gemacht für das schnelle Spiel der Darsteller. Kein Stelzen oder Holpern, die Worte gehen allen recht flüssig von den Lippen. Die Pointen sitzen zielsicher und sind selbst noch für manch humoristischen Sidegag gut. Der erst 20jährige Shakespeare bewies hier schon ein gutes Gespür für Witz mit Hintersinn und versteckte tagespolitisch aktuelle Seitenhiebe. Soweit geht es bei SHAKESPEARE und PARTNER nicht, man konzentriert sich ganz auf den Spaß der Verwicklungen und Verwirrungen, die zwei sich gänzlich unbekannte Zwillingspaare bei sich selbst und den übrigen Protagonisten auslösen. Auch wenn der Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker 1790 in Etwas über William Shakespeares Schauspiele zu den Irrungen in der Art mäkelte: „Ich bin zwar wohl mit dir zufrieden, großer Dichter, du hast alles harmonisch und zierlich durcheinander gewebt: aber das glaub ich dir in Ewigkeit nicht, daß man auf Gottes Erdboden zwei Menschen finde, die in keinem Stück voneinander zu unterscheiden wären.“, der Plot geht dank seiner Situationskomik und gut getimten Dramaturgie dennoch ganz vorzüglich auf.

    So schlägt dann auch pünktlich um 20:00 Uhr die Kirchenglocke der benachbarten Parochialkirche und gibt das Signal für den Auftritt von Kai Frederic Schrickel, der neben Solinus, Herzog von Ephesus, auch noch den Kaufmann Ägeon von Syracus gibt, der sich den landläufigen Gesetzten der Stadt zuwider in Ephesus aufhält und sich an den Rollstuhl gefesselt mangels nötigem Kleingeld nicht von der Verurteilung zum Tode freikaufen kann. Mitleid erheischend erzählt er dem Herzog die Geschichte seiner Zwillingssöhne namens Antipholus, die samt Zwillingsdienerpaar Dromio durch eine Schiffskatastrophe voneinander getrennt wurden. Das Gespann aus Syracus kommt justament im Hafen von Ephesus an, und gerät nun in einen Strudel zufälliger grotesker Situationen, in denen sie für die ihnen nicht bekannten Exemplare gleichen Aussehens Antipholus und Dromio aus Ephesus gehalten werden.

    Was für den Herren Antipholus aus S. noch so manchen Reiz ausmachen dürfte – ihm wird ungefragt Schmuck und Geld angetragen, fremde gut aussehende Damen verfluchen und begehren ihn gleichermaßen – ist für den Diener sowohl des einen wie des anderen Herren durchaus von existentieller Not. Neben den Launen der Beiden (abwechselnd verkörpert von Andreas Erfurth) sowie der angedrohten bzw. verabreichten Schläge ergibt sich für sie nicht allzu viel Neues außer einer etwas zu rundlich geratenen Köchin und Weib des Dromio aus E., der sich Dromio aus S. dann doch lieber entziehen würde. Eine Glanzrolle für Sebastian Bischoff, der als Brechts Guter Mensch von Sezuan beim Theatersommer noch in einer weiteren berühmten Doppelrolle zu sehen sein wird. Bischoff hält als doppelt angeschmierter Dromio seine schmalen Schultern hin, kann sich aber Dank bauernschlauer Wesensart aus so mancher kniffligen Situation herausreden und heimst damit natürlich die meisten Sympathiepunkte beim durchweg amüsierten Publikum ein.

    Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER
    Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

    Die Damen sind nicht minder taff. Rike Joeinig als geplagte Ehefrau, des nicht gerade pflegeleichten Gatten Antipholus aus E. und Jillian Anthony (neu im Ensemble) als deren Schwester Luciana und der aufreizenden Kurtisane Adriana mit fulminantem Blondperücken-Aufritt kämpfen tapfer gegen die Geräuschkulisse der angrenzenden Grunerstraße an. Aber wir sind hier schließlich im Live-Open-Air-Theater. Übertriebene Perfektion und Akkuratesse sind da nicht primär gefragt. Man spielt ganz körperbetont auf fast leerer Bühne. Wenige Requisiten und schnelle Kostümwechsel bestimmen das Geschehen. Nach der Pause bessern sich Laut- und Lichtsituation und es kommt noch ein richtig gutes Sommerkomödienfeeling auf, bis sich über Koffer-auf-und-Zu, einige Geldverwicklungen, fälschliche Verhaftungen eines tumben Büttels (Kai Frederic Schrickel) und eines kuriosen Exerzitium des mittlerweile für wahnsinnig erklärten Antipholus von E. (oder doch von S.?) durch einen muskelbepackten blonden Recken (Dierk Prawdzik als Dr. Pinch sowie als Goldschmied und Überraschungs-Äbtissin) alles doch noch zum Guten hin auflöst.

    *

    Ab 6. August gibt es den nächsten Shakespeare in der Klosterruine am Alex. Mit Wie es euch gefällt in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel begeben sich SHAKESPEARE und PARTNER in den direkten Vergleich zu den anderen Berliner Shakespeare-Ensembles. Und wem es gefällt, kann das dann auch ausgiebig genießen.

    ***

    Komödie der Irrungen
    von William Shakespeare
    aus dem Englischen von E. S. Lauterbach

    Regie: Kenneth Philip George
    Kostüme: Ulrike Eisenreich
    Bühne: Susanne Füller
    Assistenz: Natascha Jeutter

    Mit: Rike Joeinig, Jillian Anthony, Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel

    Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause

    Die nächsten Termine: 25. und 26. Juli sowie 29. und 30. Juli 2014, jeweils 20:00 Uhr

    weitere Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/komoedie-der-irrungen/

    Zuerst erschienen am 24.07.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Nachruf auf den großen Burgschauspieler Gert Voss (10.10.1941 – 13.07.2014)

    ___

    Während die deutschen Fans im nationalen Taumel noch König Fußball und seinen Vier-Sterne-Prinzen huldigten, gab es für die Verehrer der großen Theaterkunst am Montagmorgen ein ungutes Erwachen. Am Vortag war ein anderer sternumflorter König für immer von der Bühne des Lebens abgetreten. Der deutsche Theaterstar Gert Voss, vom Großkritiker der F.A.Z. Gerhard Stadelmaier bereits zu dessen 70. Geburtstag im Oktober 2011 zum „König der deutschen Schauspieler“ geadelt, starb am 13. Juli überraschend nach kurzer schwerer Krankheit.

    Gert Voss 2011 - Pressefoto Hompage (www.gert-vos.at)
    Gert Voss 2011 – Pressefoto der Hompage (www.gert-voss.at)

    Vom Magazin Cicero 2012 nach seinen fiktiven letzten 24 Stunden befragt, gestand Voss, dass es ihm fast unmöglich erscheine, sich das vorzustellen. Für ihn ist das Leben immer dann am schönsten, wenn man die größte Freiheit und Unbegrenztheit hat. Durch Grenzen fühle er sich beengt. Er glaube auch nicht, die Fähigkeit zu haben, gleichmütig zu werden und loszulassen zu können. Den Tod empfand Gert Voss schon früh als vollkommen überflüssig, ja sogar als beleidigend. Und so spielte er auch Hofmannsthals Jedermann 1995-99 in Salzburg ohne abschließendes Gebet. Reumütig abdanken kam für ihn nicht in Frage. Gert Voss, der Theaterkönig, tot? Das kann nur ein großes Missverständnis sein.

    Die britische Times kürte Gert Voss 1995 auf der Höhe seines Erfolges zum besten Schauspieler Europas. Und der Preise sind da viele im Laufe dieses reichen Schauspielerlebens zusammengekommen. Der 1941 in Shanghai Geborene fand schon früh als Kind beim Sehen von Hollywoodfilmen Gefallen am Schauspielberuf. Nach einem abgebrochenen Anglistik- und Germanistikstudium nahm Voss ab Mitte der 1960er Jahren privaten Schauspielunterricht. Es folgte die Ochsentour durch die Provinz mit Engagements in Konstanz und Braunschweig, bis er in den 1970er Jahren zum Ensemble des Staatstheaters Stuttgart unter dem neuen umstrittenen Intendanten Claus Peymann stieß. Der Beginn einer langen, fruchtbaren Zusammenarbeit.

    Und Voss rettete Peymann nicht nur einmal künstlerisch wie auch politisch die Karriere. Er war ein listiger Puck in Shakespeares Sommernachtstraum, Karl Moor in Schillers Räubern, Büchners Woyzeck und Molières Tartuffe. Anfang der 80er Jahre folgten in Bochum u.a. der Saladin in Lessings Nathan der Weise und schließlich die Titelrolle in Kleists Hermannsschlacht in der Regie von Claus Peymann, der Peter Zadek in Bochum als Intendant beerbt hatte. Voss wurde jetzt erstmals zum Schauspieler des Jahres gewählt und wechselte 1985 mit Peymann ans Burgtheater Wien.

    Hier bekam er die nächsten Ehren durch den österreichischen Dramatiker Thomas Bernhard, der ihn mit den beiden Schauspielerinnen Ilse Ritter und Kirsten Dene in seinem Stück Ritter, Dene, Voss über die Philosophenfamilie Wittgenstein verewigte. Die Brandteigkrapfenszene ist legendär, die Inszenierung ein Klassiker. Nicht erst hier zeigte sich das große Talent zur vollkommenen Verwandlung des Gert Voss und begann eine neue Karriere als großer Bernhard-Darsteller und Minetti-Erbe. Er brillierte außerdem als Shakespeares Richard III., was den endgültigen Durchbruch für ihn und den neuen Burgdirektor Peymann beim skeptischen Wiener Publikum bedeutete. Er schlug es von da an ein ums andere Mal in seinen Bann.

    Ritter, Dene, Voss (Thomas Bernhard) – RITTER, ILSE / DENE, KIRSTEN / VOSS, GERT (2008) – Video von HOANZL auf YouTube

    Neben Claus Peymann, spielte Gert Voss nun Hauptrollen bei so bedeutenden Regisseuren wie Peter Zadek, Peter Stein, George Tabori, Luc Bondy und Andrea Breth. Als Shakespeares Othello und Mr. Jay in George Taboris Goldberg-Variationen, inszeniert von Tabori selbst, wurde Voss Anfang der 1990er Jahre zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Vor allem die gute Arbeitsbeziehung zu Peter Zadek veranlasste Voss sogar 1994-96 ans Berliner Ensemble zu wechseln. Neben Antonius und Cleopatra mit Eva Matthes und einem Ausflug mit Luc Bondy an Andrea Breths Schaubühne als erfolgsloser Illusionist sprang dabei aber nicht viel heraus, und nach dem Scheitern der Kollektivintendanz mit Heiner Müller am BE verließen Zadek und Voss die deutsche Hauptstadt wieder in Richtung Wien.

    Dort spielte er weiter bei Claus Peyman, führte selbst Regie bei Becketts Das Letzte Band und war beim Theatertreffen 1998 mit Endspiel in der Inszenierung von Georg Tabori auch mal wieder in Berlin zu Gast. Einem erneuten Engagement bei Claus Peymann, der 1999 angetreten war, das erfolglose BE aus der Krise zu retten, widerstand Voss aber. Seine wichtigsten Ankerpunkte blieben Peter Zadek und Luc Bondy, der die Wiener Festwochen als Intendant übernommen hatte. Das Dreigestirn lotete nun am Wiener Akademietheater recht erfolgreich die menschliche Psyche in Stücken von Tschechow, Ibsen und Strindberg aus. Als Schriftsteller Trigorin in Tschechows Die Möwe (Regie: Luc Bondy) und als Rosmer in Ibsens Rosmersholm (Regie: Peter Zadek) bescherte Gert Voss 2001 der Wiener Burg beim Theatertreffen noch mal höchste Aufmerksamkeit. Ein denkwürdiges Jahr. Neben dem Burgtheater, das viermal vertreten war, stand das BE mit Claus Peymann und seinem Richard II. zum letzten Mal auf der Einladungsliste.

    Es brach die Zeit der Thalheimers, Stemanns und Puchers an. Thomas Ostermeier leitete bereits seit 1999 die Berliner Schaubühne, Frank Castorf eroberte die Wiener Festwochen mit seinen Dostojewski-Adaptionen und René Pollesch zog in den Berliner Prater in der Kastanienallee ein. Das Theater Peymanns, Zadeks und Bondys galt plötzlich als überholt und museal. Gert Voss focht das nicht an. Er verlegte sich nun weiterhin erfolgreich auf die großen Altersrollen. Er war Big Daddy in Tennessee Williams Die Katze auf dem heißen Blechdach (Regie: Andrea Breth), Hauptmann Edgar in August Strindbergs Totentanz (Regie: Peter Zadek), Schillers Wallenstein (Regie: Thomas Langhoff) und natürlich bei den Wiener Festwochen 2007 ein keineswegs altersmilder, grandios irrer König Lear (Regie: Luc Bondy).

    Als einer der jüngeren Garde von Regisseuren wagte als Einziger Thomas Ostermeier, mittlerweile selbst ein Regie-Klassiker seiner Generation, den Ausnahmeschauspieler zu besetzen. 2004 überstand Voss tapfer dessen etwas missglückte Inszenierung von Ibsens Baumeister Solness am Wiener Akademietheater. Hier dominierte einer die jungen Kollegen nach Belieben. Voss hatte es nie nötig, wie ein hibbelig aufgescheuchter Marc Hosemann an der Berliner Volksbühne als Castorf-Alter-Ego den nachstrebenden Talenten die Tür zuzuhalten. Ostermeier holte den 70jährigen 2011 als Herzog von Wien in Shakespeares Maß für Maß noch einmal an die Berliner Schaubühne. Und Voss hielt hier ganz abgeklärt dem jungen Schaubühnenstar Lars Eidinger (als Angelo) in leicht ironischer Art einen philosophisch gut abgehangenen Vortrag in Sachen Lebenskunde am halben Schwein.

    Shakespeare, für Voss der Mount Everest unter den Autoren, bot für ihn immer Material zum Spielen und Erfinden: „Shakespeare oder wer auch immer es war, der diese Stücke geschrieben hat, hat jedes Mal, wie Kolumbus, einen Kontinent entdeckt. Und für einen Schauspieler sind seine Figuren immer neu zu entdeckende Kontinente. … Der Shakespeare hat keine Ideologie, nein. Dazu ist er zu widersprüchlich.“ gab Voss anlässlich des 450. Geburtstags des großen englischen Dramatikers im April diesen Jahres dem Wiener Stadtmagazin Falter zu Protokoll. Und es sah tatsächlich so aus, als nähme der Darsteller unzähliger Shakespeare-Rollen diese Kontinente jedes Mal fast wie im Handstreich, ganz der imaginäre, wandelbare König dieser immer wieder neu zu erschaffenden Theaterwelten.

    Auf die Ära Matthias Hartmanns als Direktor an der Wiener Burg muss man hier nicht weiter eingehen. Diese ist mittlerweile selbst Geschichte und zieht bereits ganz andere als künstlerische Kreise. Das Burgtheaterehrenmitglied Gert Voss war in die Findungskommission für die neue Burgtheaterdirektion berufen. Auch Thomas Ostermeier ist ja wie der Kammerschauspieler ein ganz großer Shakespeareverehrer und ebenfalls Nestroypreisträger. Beste Voraussetzungen also für das Amt des neuen Burgtheaterdirektors? 2013 gab Gert Voss noch einmal bei den Wiener Festwochen am Akademietheater eine Glanzrolle als melancholischer, sittengestrenger Hausherr Orgon, den seine Familie unbedingt von der Niederträchtigkeit des Schmarotzers Tartuffe überzeugen will. Im Starensemble der Wiener Burg war er dabei einziger Lichtblick in Luc Bondys Molière-Inszenierung, auf den sich wie immer die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums konzentrierte.

    Gert Voss in Einfach Kompliziert am BE - Foto (c) Monika Rittershaus
    Gert Voss in Einfach Kompliziert am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

    Bereits 2011 gab es zu Thomas Bernhards 80stem Geburtstag auch die längst fällige Wiedervereinigung von Gert Voss und Claus Peymann am Berliner Ensemble. In Einfach Kompliziert setzte sich Voss noch einmal die Pappkrone des Theaterkönigs auf und räsonierte ganz in Bernhard‘scher Manier über die Unzulänglichkeiten der Welt und der Künstlerexistenz schlechthin. „Wir existieren nur / wenn wir sozusagen / der Mittelpunkt der Welt sind“ heißt es da. Ganz naturgemäß eine Sucht des Schauspielers, die sich außer bei Voss für Claus Peymann selbst noch viel intensiver behaupten ließe. Es ist aber eine durchaus positive Sucht, die sich im Gegenzug auf die Sehgewohnheit und somit das Suchtverhalten der Zuschauer wie auch der Kritiker (siehe Gerhard Stadelmaier) gleichermaßen übertragen kann. Und von alten Gewohnheiten ist bekanntlich sehr schlecht wieder loszukommen. Was Gert Voss betrifft, hätten wir dieser Angewohnheit gerne noch eine ganze Weile länger gefrönt.

    Zuerst erschienen am 16.07.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • „Les Particules élélmentaires“ nach Michel Houellebecq inszeniert vom französischen Nachwuchsregisseur Julien Gosselin und ein kleines Fazit der FOREIGN AFFAIRS 2014.

    ___

    20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz Fotos: St. Bock
    20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
    Fotos: St. Bock

    Nach einem leicht verkorksten Start mit Ende einer Liebe von Pascal Rambert und Van den vos von FC Bergman, konnte sich das Theater-, Tanz- und Performance-Festival FOREIGN AFFAIRS unter dem Dach der Berliner Festspiele doch noch zu einigen wenigen Höhepunkten aufschwingen. Vor allem der Fokus „Musée de la danse“ um den Choreografen Boris Charmatz (u.a. 20 Dancers for the XX Century) und andere Tanzperformances wussten letztendlich das Publikum zu begeistern. Interessant wird Theater immer dann, wenn es ausgetretene Pfade, sprich die Bühne, verlässt und sich ein neues Terrain, im besten Fall den es umgebenden Stadtraum erobert. Das wusste schon Ex-HAU-Chef Matthias Lilienthal, und Boris Charmatz machte es ihm nun nach.

    20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz - Fotos: St. Bock
    20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
    Fotos: St. Bock

    Beim Flanieren auf dem geschichtsträchtigen Areal des Sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Treptow konnte man seinen Tänzer dabei zusehen, wie sie allein oder in kleinen Gruppen über das weitläufige Gelände verteilt kurze Ausschnitte aus einhundert Jahren modernem Tanz performten. Von Strawinskys Sacre du Printemps über Choreografien von Pina Bausch und Merce Cunningham bis hin zu Hip-Hop und Breakdance, die Tanzgeschichte des Zwanzigsten Jahrhundert erfüllte zwei Tage lang den sonst so martialischen wie gleichermaßen sterilen Ort. Sehr passend dazu auch Reinhild Hoffmanns Performance aus den 1980ern vor in Stein gemeißeltem Stalinspruch zur Stimme Heiner Müllers, der vom Band seinen Horatier deklamierte.

    Chto Delat - Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen - Foto: St. B.
    Chto Delat, Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen – Foto: St. B.

    So viel Ahnenverklärung an steinernen Denkmälern ist die Sache des russischen Künstlerkollektivs Chto Delat nicht. Sie praktizieren lieber den modernen geistigen Denkmalsturm mittels der Hinterfragung des Sinns von Monumenten zur Erinnerung an denkwürdige Ereignisse der Geschichte. Nur dumm, dass ihr großer „Paper Soldier“ von den WIENER FESTWOCHEN herübergerettet und als Anschauungsobjekt vor das Haus der Berliner Festspiele gestellt, bereits vor dem Start der Foreign Affairs nächtens abgefackelt wurde. Das gab zumindest genügend Stoff für ihre als Symposion getarnte Gesprächsperformance What is monumental today? Die Frage, wer den Brand gelegt haben könnte, stand allerdings auch etwas hinderlich vor der eigentlich wichtigeren Erörterung, wie sich eine kollektive und meistenteils vorbestimmte Erinnerungskultur in der heutigen demokratischen Gesellschaft in den Köpfen der Menschen auswirkt.

    *

    Ein weiteres Achtungszeichen setzte das Festival dann fast am Ende mit der Vorstellung der französischen Theater-Produktion Les Particules élélmentaires. Der 1998 erschienene Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq ist in Deutschland einer breiteren Masse nicht nur durch die recht erfolgreiche Verfilmung Elementarteilchen (2006) von Oskar Roehler mit einem kleinen Starensemble (u.a. Martina Gedeck, Nina Hoss, Franka Potente, Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen) bekannt. Auch auf den Theaterbühnen des Landes ist Houellebecq kein Unbekannter. Von Frank Castorf, der bereits im Jahre 2000 kurz nach Erscheinen des Romans eine Version an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke und Herbert Fritsch in den Hauptrollen inszenierte, bis zu Johan Simons, der 2004 am Schauspielhaus Zürich (Theatertreffen 2005) Regie führte, erfreuen sich die Elementarteilchen auch weiterhin großer Beliebtheit. Nun wurden wir mit einer französischen Variante des Stoffs beglückt.

    Der 27 Jahre junge Regisseur Julien Gosselin inszenierte Houellebecqs viel diskutierten Gesellschaftsroman tatsächlich als Erster in dessen Heimatland. Das liegt sicherlich auch daran, dass Romanadaptionen eher ein Phänomen der deutschen Theaterlandschaft sind. Die Premiere fand beim großen französischen Festival d’Avignon 2013 statt. Seitdem gilt Gosselin als Shooting Star der internationalen Theaterszene und wurde mit seiner Inszenierung auch zum Festival RADIKAL JUNG 2014 nach München eingeladen. Dort gab es dann fast erwartungsgemäß den Publikumspreis. Gosselin scheint mit seiner frischen, unkonventionellen Art zeitgenössische Stoffe zu inszenieren einen Nerv getroffen zu haben. Er gibt dafür u.a. Nicolas Stemann, Jan Lauwers und Romeo Castellucci als Vorbilder an. Ersterer scheint es dem Absolventen der EPSAD in Lille in diesem Fall besonders angetan zu haben.

    Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin
    Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

    Auf mit grünem Kunstrasen ausgelegter Bühne sitzen auf Podesten am Rand Livemusiker und unterlegen die Inszenierung mit einem dichten Elektrosoundteppich. Genau wie bei Stemanns Theaterperformances sind hier alle Darsteller ständig anwesend und übernehmen wechselnd die Rollen der Romanfiguren. Im ersten Teil vor der Pause überwiegt dabei ein munteres Erzählen. In Solo- und Gruppenspielszenen werden die beiden Hauptfiguren und ungleichen Halbbrüder Michel (Antoine Ferron) und Bruno (Alexandre Lecroc) vorgestellt. Dabei fällt v.a. der in jeder Hinsicht sexuell immer zu kurz gekommene, vollkommen schwanzgesteuerte und tittenorientierte Bruno mit Sonnenbrille und Cowboyhut auf. Ein männliches Heteroklischee schlechthin. Ein Großteil nimmt sein verzweifelter Ausflug in ein esoterisch angehauchtes New-Age-Camp zwecks sexuell ungezügelter Beziehungsanbahnung ein.

    Der zwischenmenschlich und psychisch gescheiterte Bruno findet sein kurzes Glück mit der in jeder Beziehung offenherzigen Christiane, die das Komplizierte in ihren vorherigen Beziehungen dem reinen uneingeschränkten Genuss vorzieht. Dem gegenüber steht Michel als großer Grübler in der verkorksten Familie. Die Inszenierung lässt nichts aus, um die vielen Liebschaften und Egotrips der dem uneingeschränkten Individualismus und sexuellen Selbstverwirklichungstrieb frönenden Mutter Jane inklusive ihrer komplizierten Beziehungszusammenhänge per Videoeinblendung zu beschreiben. Michel ist sexuell eher desinteressiert und widmet sich ganz der wissenschaftlich technischen Weiterentwicklung der Gesellschaft. Sein verspäteter sexueller Ankerpunkt wird die Freundin aus Kindertagen, Annabell, eine vom Leben frustrierte Frau, die im ganz rational denkenden Michel ihre letzte Chance auf ein Glück mit erfülltem Kinderwunsch sieht.

    Den Brüdern und ihren beiden Geliebten wird dieses Glück dann aber nicht vergönnt. Der vergängliche Körper schlägt ihnen ein Schnippchen. Anstatt sich wie Bruno in den Wahnsinn zu flüchten, geht Michel das Problem frontal didaktisch an. Wo Frank Castorf lustvoll dekonstruierte und auch spielerisch völlig überagierte, führte Johan Simons feinstes Debattier-Theater auf. Gosselins Elementarteilchen bewegen sich hier irgendwo dazwischen. Ähnlich wie die flüchtigen Bauteile der Materie zerfällt seine Inszenierung auch auffällig in zwei sehr unterschiedliche Teile. Erst ausgelassener Spaß mit Rockmusik und Slapstick, dann wieder längere Erzählpassagen mit erklärender Videounterstützung. Anders lassen sich Houellebecqs zuweilen zynische, ausufernde Gedankenschleifen wohl auch nicht bändigen. Houellebecq schlägt z.B. in einem weitschweifigen Kapitel die gedankliche Brücke vom Wiener Aktionismus über die sexuell befreiten 68er und spirituelle Atmosphäre der Hippies bis ins Zeitalter der brutalen nihilistischen Serienkiller. Gott ist tot, alles ist erlaubt. Das ist sicher schwer auf der Bühne darstellbar. Hier intoniert der verhinderte Rockstar und satanische Ritualmörder David Di Meola ein herzzerreißendes „Nights in White Satin“.

    Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin
    Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

    Dagegen wendet sich nun die Idee Michels, Liebe, Sex und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Der Mensch erhebt sich selbst zum Gott. Im Video spricht eine kettenrauchende Reporterfigur im Parker wie ein Houellebecq-Look-Alike mit einer ehemaligen Mitarbeiterin des Molekularbiologen. Das ist dann aber auch schon fast alles, was hier an den Wissenschafts- und Gesellschaftsdiskurs erinnert, den Houellebecq mit seinem Roman anstoßen wollte. Eine echte philosophische Auseinandersetzung wie zum Beispiel mit Aldous Huxleys Roman Schöne Neue Welt scheint Gosselin dann eher doch zu scheuen. Was das nun mit der Neoliberalisierung und Ökonomisierung der menschlichen Gefühle und Beziehungen zu tun hat, erfährt man u.a. bei René Pollesch. Elend lang gerät die erzählerische Passage, die Michel nach dem Freitod der an Unterleibskrebs erkrankten Annabell nach Irland führt und dort an einem Forschungsinstitut die Grundlagen für den neuen Menschen finden lässt. Sein spurloses Verschwinden und die späteren Diskussionen beim Aufgreifen seiner Theorien werden im Schnelldurchlauf und wieder per Videoeinspielung abgehandelt.

    Das Problem an Gosselins Inszenierung ist aber, dass es Houellebecq durchaus ernst meint, mit seiner These eines geklonten Menschen ohne Liebesproblemchen und Sinnkrisen. Das scheint auch Gosselin zu wissen und schiebt daher einen Epilog nach, in dem die den Göttern gleichen neuen Menschen 2076 von der Bühne der immer noch stattfindenden FOREIGN AFFAIRS mildtätig auf die Art dem Affen ähnlichen Menschen, die sie bereits hinter sich gebracht haben, herunter blicken und uns zuprosten. „Dieses Bühnenstück ist dem Menschen gewidmet.“ kann man dazu auf der Videoleinwand lesen. Wie schön zu wissen. Aber leider kommt dadurch auch alles Vorangegangene doch wieder einem lustigen Kindergeburtstag näher als einer ernst zu nehmenden Auseinandersetzung mit Houellebecqs Roman. Und dennoch ist das darstellerisch bei Weitem noch das Beste, was die FOREIGN AFFAIRS von Matthias von Hartz in diesem Jahr in Sachen Schauspiel zu bieten hatten.

    *

    Alles in allem ein auserlesenes und sicher auch aufwendig arrangiertes Programm, das leider zwischen dem Ende der langen Theatersaison und dem bald anstehenden TANZ IM AUGUST etwas ungünstig terminiert wirkt. Und warum das Ganze überhaupt eines eigenen Festivals bedarf, weiß nach drei Jahren FOREIGN AFFAIRS, zwei davon kuratierte bisher Matthias von Hartz, so recht auch immer noch keiner. Der Performance-Wanderzirkus der immer gleichen Gesichter gastiert immerhin auch jährlich am Berliner HAU. Da bedarf es wohl noch einiger guter Argumente und Optimierungsvorschläge mehr, um die FOREIGN AFFAIRS endgültig dauerhaft im Berliner Kulturkalender und dem Gedächtnis sowie in der Wahrnehmung  eines breiteren Publikums zu etablieren.

    ***

    Elementarteilchen / Les Particules élélmentaires
    nach Michel Houellebecq
    Eine Produktion von Si vou pouviez lécher mon coeur
    Regie und Bühnenbild: Julien Gosselin, Licht: Nicolas Joubert, Video: Pierre Martin, Ton: Julien Feryn, Musik: Guillaume Bachelé, Kostüm: Caroline Tavernier.
    Mit: Guillaume Bachelé, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Antoine Ferron, Noémie Gantier, Carine Goron, Alexandre Lecroc, Caroline Mounier, Victoria Quesnel, Tiphaine Raffier.
    Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

    Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/ueber_festival_fa/aktuell_fa/start.php

    Zuerst erschienen am 15.07.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Open-Air-Sommer 2014 (Teil1): Das Finale des TFF Rudolstadt – Die 24. Ausgabe des Tanz und Folkfests brachte Samba, Magic Bass, Bands aus Tansania und jede Menge gut abgehangener Gitarrenmusik.

    ___

    Samba de Roda - Foto: St. B.
    Samba de roda do Dona NicinhaFoto: St. B.

    Das war es mal wieder, das 24. TFF Rudolstadt ist Geschichte. Vier Tage voller Musik, Tanz und Sonne satt. Das brachte dem Festival trotz großer Konkurrenz durch die Fußball-WM mit 87.300 fast 1.800 Besucher mehr ein als im letzten Jahr. Und da wir schon bei den Zahlen sind – beim sommerlich heißen Wetter flossen immerhin 25.000 Liter Bier so manch durstige Kehle hinunter. Es ist sicher müßig, die Zahl der vertilgten Thüringer Rostbratwürste zu erwähnen, und so sei es dann auch genug mit der Statistik. Den nüchternen Zahlen und Fakten stand wiedermal jede Menge lebendiger, vielfältiger Musikkultur aus allen Teilen der Welt gegenüber.

    Tänzer von Mercan Dede - Foto: St. B.
    Tänzer von Mercan DedeFoto: St. B.

    Besonders der afrikanische und lateinamerikanische Kontinent wussten mit dem Länderschwerpunkt Tansania sowie Bands aus Mexico, Chile und Brasilien zu überzeugen. Die brasilianischen Sambagruppen wie Samba de roda do Dona Nicinha oder Ailton Silva + Aja Brasil brachten nicht nur das Publikum im Tanzzelt zum Schwitzen. Nachdem Freitag schon die Chilenen um die Sängerin Kali Mutsa durchstarteten, mixte am Samstag das Mexican Institute of Sound unter DJ und Produzent Camilo Lara auf der Konzertbühne im Heinepark traditionelle kolumbianische Cumbia mit Dub- und modernen Elektrobeats aus Mexico-City. Anschließend verzauberte zu später Stunde der türkische Künstler Mercan Dede mit seiner Band das Publikum vor der großen Bühne im Heinepark. Der in Kanada lebende DJ und Musiker brachte zu traditionell orientalischer Musik Tänzer auf die Bühne, die sich z.B. auch zu meditativen Klängen im Gewand eines türkischen Derwischs drehten. Ein Zusammentreffen von moderner, körperbetonter Choreografie mit mystischen Sounds, Breakbeats und viel Kunstnebel.

    Kaya Baikoko - Foto: St. B.
    Kaya BaikokoFoto: St. B.
    Ufunuo Muheme Group - Foto: St. B.
    Ufunuo Muheme Group – Foto: St. B.

    Bei den zahlreich erschienenen Bands aus dem ostafrikanischen Tansania fiel vor allem die rein weiblich besetzte Ufunuo Muheme Group mit ihrer von Djembés und Gesang begleiteten Tanzshow auf. Die traditionelle Trommel ist immer noch eines der bestimmenden Rhythmusinstrumente in der Musik Afrikas. Aber auch andere Klänge mischen sich zunehmend in den elektrisierenden Sound der Musikszene v.a. in und um die Großstadtmetropole Dar es Salaam. Von dort kommen Kazimoto, die ihren scheppernden Casio-Sound mit Schlagzeug, treibendem Bass und den Elektrosamples und-loops der beiden DJs Gebrüder Teichmann verstärkten. Absolut tanzbar ist auch der Baikoko, der sich in den 90er Jahren als Partysound in den Straßenbars von Dar es Salaam entwickelt hat. Davon konnte man sich noch einmal am Sonntagnachmittag akustisch und vor allem auch visuell bei den aufreizenden, fast artistischen Einlagen der Musiker und Tänzerinnen von Kaya Baikoko im Park überzeugen.

    Kazimoto & Gebrüder Teichmann - Foto: St. B.
    Kazimoto & Gebrüder TeichmannFoto: St. B.

    Was sich an den ersten beiden Festivaltagen angedeutet hatte – zur Halbzeitbilanz waren v.a. gitarrenlastige Acts bestimmend – setzte sich am Samstag und Sonntag fort. Und das ist nach Jahren der Fiedeldominanz durchaus die Überraschung des Festivals. Neben dem speziell vorgestellten Magic-Instrument des Jahres, dem Bass, erobert sich die Gitarre nicht nur die Rock- sondern auch die Folkmusik zurück. Hierbei besonders hervorzuheben sind die umjubelten Auftritte der englischen Band Fink am Freitag und das Comeback von Judith Holofernes, Frontfrau der Berliner Band Wir sind Helden. Nach einer kleinen Pause auf dem heimischen Sofa, die die Sängerin nicht nur zum Schreiben lustiger Tiergedichte genutzt hat, meldete sie sich am Samstagabend stimm- und soundgewaltig mit neuer Band nach dem Motto: „Platz da!“ auf der großen Bühne des Heineparks zurück.

    Judith Holofernes - Foto: St. B.
    Judith HolofernesFoto: St. B.
    Silver Sepp  Foto: St. B.
    Silver Sepp
    Foto: St. B.

    Wem das etwas zu poppig war, der konnte am Rande in der Stadt zum Beispiel beim Instrumentenbastler und witzigen Soundtüftler Silver Sepp fündig werden. Der Este musizierte auf einem aus einem Baumstamm gebauten Bass, trommelte auf einem alten Fahrradreifen und entlockte zusammengesteckten Abwasserrohren so manchen Klang, den er auch noch elektrisch verstärkt loopte. Auf der Heidecksburg war am Sonntagnachmittag eine Dame zu erleben, die englische Folkgeschichte geschrieben hat. Die Sängerin June Tabor gab ihr einziges Konzert in diesem Jahr gemeinsam mit der Oysterband, den Altmeistern der Folkszene auf der britischen Insel um Sänger John Jones. Es wurden neben englischen Traditionels und eigenen Stücken auch Coverversionen bekannter Songs von Bob Dylan, Fleetwood Mac, Velvet Underground, Joy Division und PJ Harvey gespielt.

    June Tabor & Oysterband - Foto: St. B.
    June Tabor & OysterbandFoto: St. B.

    Bei RUTH-Verleihung am Samstagabend auf der Heidecksburg brachte TFF-Preisträger Rainald Grebe sein komödiantisches Talent unter Beweis und konnte, wie schon vor einiger Zeit in Rudolstadt, mal wieder Volkslieder singen. Außerdem waren die Nachwuchspreisträger Liloba aus Leipzig zu sehen. Die Band macht das, was man im weitesten Sinne als Fusionsound bezeichnen würde. Der Leipziger Elektroniker Rafael Klitzing an den Turntables sowie als gemischtes Gesangsduo die Belgierin Elsa Grégoire und der Kongolese Pierre Kalonji Tumba bringen die Stile des französischen Chansons und der afrikanischen Beats mit moderneren Clubsounds zusammen. Einen fast noch interessanteren Mix haben die Hauptpreisträger der RUTH AlpenKlezmer zu bieten. Auch wenn man nicht alles versteht, die traditionell jüdische Musik mit bayrischem Gesang darzubieten ist in jedem Fall preisverdächtig und in diesem besonderen auch noch umwerfend witzig.

    Alpenklezmer - Foto: St. B.
    AlpenKlezmerFoto: St. B.

    Zum Finale des Tanz und Folksfests am Sonntagabend auf der großen Bühne im Heinepark wurden dann wieder die Gitarren rausgeholt. Die aus Österreich stammenden Russkaja, was man stiltechnisch auch Rus Ska Ja! buchstabieren könnte, spielten ihr hartes Brett mit Bläsersektion und nacktem Oberkörper. Sänger Georgij Makazaria, einziger echter Russe im Team und wiedererstandener Ivan Rebroff der Speed-Metal-Polka animierte und formierte das Volk vor der Bühne zum großen Kollektiv. Es gab ein treibendes Ringelspiel, genannt Psychotraktor, immer wieder Wassergüsse fürs schwitzende Publikum und einige Lektionen in russischer Sprache. Da kann unsereins aus dem ehemaligen Osten noch ganz gut mithalten. Dass es dann auch irgendwann zu Ende ging, wollte mal wieder keiner so richtig wahr haben. Und so mussten, wie bereits in den letzten Jahren, die Plastikmüllcontainer im Park bis weit in die Nacht als strapazierfähige Ersatzpercussions herhalten.

    Russkaja - Foto: St. B.
    RusskajaFoto: St. B.
    Russkaja Foto: St. B.
    Russkaja
    Foto: St. B.

    Ganz zum Schluss noch ein Ausblick ins Jubiläumsjahr. Das 25. TFF Rudolstadt findet vom 2. bis 5. Juli 2015 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Norwegen. Die Skandinavier haben bekanntlich eine sehr rege und innovative Folkszene. Passend dazu werden der traditionelle Volkstanz Halling und andere norwegische Tänze vorgestellt. Das Magic-Instrument 2015 ist die Cister (auch Zitter oder Laute), ein altes deutsches Saiteninstrument und Vorläufer der Gitarre. Also dann bis zum nächsten Jahr in Rudolstadt.

    ***

    Weitere Infos: www.tff-rudolstadt.de

    Fotogalerie auf facebook

    Zuerst erschienen am 09.07.2014 auf Kultura-Extra.

    __________

  • Open-Air-Sommer 2014 (Teil1): TFF Rudolstadt 2014 – Halbzeitbericht vom 24. Tanz und Folk Festival

    ___

    Bei schönstem Sonnenschein begann am 3. Juli das 24. Tanz und Folkfestival Rudolstadt. Am Donnerstagabend stimmten Rolf Stahlhofen (Söhne Mannheims) and Friends das bereits zahlreich erschienene Publikum mit ihrem Water Is Right-Project musikalisch bestens ein. Die Organisation setzt sich für die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser vor allem in Afrika ein. Eine an der Saale installierte Waterbox demonstrierte das System und lud zu einem sauber aufbereiteten Saale-Drink.

    Water Is Right - Rolf Stahlhofen Foto: St. B.
    Water Is Right – Rolf Stahlhofen
    Foto: St. B.

    Das Tanzbein wurde wieder kräftig zu Sambaklängen von Ailton Silva & Aja Brasil im Tanzzelt geschwungen. Nach einem Ausflug zu Rootsreggae mit französischer Akkordeonmusik von Winston McAnuff & Fixi auf der Konzertbühne gab es noch das volle Brett mit dem japanischen Orchester Turtle Island, die auf der großen Bühne im Heinepark munter traditionelle Instrumente und Rhythmen ihrer Heimat mit westlichen Gitarrenpunk mixten. Bis gegen 1:30 Uhr schallten die Riffs, Trommel- und Flötentöne bis über den bereits gut gefüllten Zeltplatz an der Saalewiese.

    Turtel Island - Foto: St. B.
    Turtel IslandFoto: St. B.

    Emsiges Treiben herrschte auch am Freitagmorgen in der Innenstadt, wo Marktstände, Straßenmusiker und Instrumentenbauer zum Bummeln oder Verweilen einluden. Auf der Heidecksburg eröffneten Kazimoto aus Dar es Salaam den Tansania-Schwerpunkt. Ihr rhythmischer und als „African-New-Wave“ bezeichneter Sound wird am Samstagabend noch durch die beiden DJs Gebrüder Teichmann verstärkt. Erste Mutige trotzen bereits der heißen Mittagssonne und wagten sich zum Tanzen aus dem schützenden Schatten.

    Annuluuk - Foto: St. B.
    AnnulukFoto: St. B.

    Beim Creole-Bundeswettbewerb junger Weltmusikgruppen bezauberten Annuluk auf der Bühne der Burgterrasse und empfahlen sich schon mal als mögliche Preisträger. Zumindest der Publikumspreis könnte ihnen sicher sein. Die Tradition alter Bluesbarden setzte anschließend „Mr. Bojangles“ David Bromberg in Begleitung von Mark Cosgrove fort. Der Gitarrist aus Philadelphia hat bereits mit bekannten Größen wie Bob Dylan, Jerry Garcia oder Willi Nelson auf der Bühne gestanden. Er bot zur Freude der Fans einige Klassiker der Folk- und Bluesmusik dar.

    David Bromberg - Foto: St. B.
    David BrombergFoto: St. B.

    Wem das zu viel Oldie oder zu wenig groovye war, dürfte bei einer anderen Gitarrenlegende im Heinepark bestens aufgehoben gewesen sein. Dort spielte die New Yorker Underground-Legende Arto Lindsay (u.a. Ex-Lounge-Lizards) mit brasilianischer Begleitung munter gegen die um sich greifende Fußballhysterie an, ließ sich aber gern die Zwischenergebnisse des Matchs Deutschland gegen Frankreich vom Publikum durchsagen. Seine Brasilianer mussten ja später am Abend auch noch gegen Kolumbien ran. Bis dahin vertrieb er den Fußballverweigerern vor der großen Bühne mit schrägen Gitarrenriffs, Feedback, Free- und Latinjazznummern vor hervorragend die Zeit bis zum nächsten Act.

    Arto Lindsay - Foto: St. B.
    Arto LindsayFoto: St. B.

    Der folgte mit den Black Warriors auf der Konzertbühne, eine weiterer afrikanische Rhythmussektion vom Tansaniaschwerpunkt. Dass englische Folkbands nicht nur fiddeln können, sondern auch ganz gut an der Gitarre sind, bewies Finian Paul Greenall mit seiner Band Fink aus Brigthon, eigentlich eine Hochburg des britischen Triphops. Ihr melancholischer, gut harmonisierender Gitarrenrock und Greealls Stimme erinnern entfernt an einen entschleunigten Bono Vox von U2 (allerdings ohne nervenden Bombasthall und Mitsinghymnen), nimmt seine Anleihen aber auch im amerikanischen Slowfolk des Süd- und Mittelwestens.

    Fink - Foto: St. B.
    Fink – Finian Paul Greenall
    Foto: St. B.

    Auf der Konzertbühne landete dann spät am Abend noch ein UFO, dem vier crazy Gippsys aus Chile (!) entstiegen. Die Band um die schillernde Sängerin Kali Mutsa (eine Barbarella auf Speed) mischt Elektronik mit lateinamerikanischen Rhythmen der Andenregion und europäischen Balkanbeats. Etwas störend dabei nur, dass mindestens die Hälfte des Sounds aus der Konserve kam und die große Ligtht und Videoshow etwas unterging. Auf jeden Fall war das tanzbar, wie auch der nächste Tansania-Act auf der großen Bühne im Heinepark. Segere Original schwangen ihre Hüften und Baströckchen bis weit nach Mitternacht.

    Kali Mutsa - Foto: St. B.
    Kali Mutsa Foto: St. B.

    Höhe- und Schlusspunkt des zweiten Tags beim TFF war aber mit Sicherheit das indische Tanztheater Mudiyetto aus Kerala. Hier wurde vor der Konzertbühne ein mythisches Ritual vollzogen. Zu unablässigem Bangra-Trommelfeuer kämpfe in traditioneller Kostümierung (u.a. ein weit ausladender Kopfputz und furchterregende Masken) zu Ehren von Kali der Dämon Darikan gegen die indische Gottheit des Todes, der Zerstörung, aber auch der Erneuerung. Ein Spektakel, das die Zuschauer ganze 2 ½ Stunden bannte.

    Mudiyettu - Foto: St. B.
    MudiyettuFoto: St. B.

    Am Samstag geht das Geschehen auf den vielen Bühnen des Festivals weiter. Es stehen noch, nun bei angenehmeren Temperaturen, bis zum Sonntagabend weitere heiße Acts wie z.B. von Judith Holofernes (Wir sind Helden), Mercan Dede, June Tabor & Oysterband, die Verleihung des Ruth-Weltmusikpreises auf der Heidecksburg sowie zum Abschluss die österreichischen Russkaja im Heinepark an. Aber auch am Rande wartet wie immer noch so manches Interessantes auf seine Entdeckung.

    Abschlussbericht TFF 14 hier!

    ***

    Das TFF auf der Heidecksburg - Foto: St. B.
    Das TFF auf der Heidecksburg
    Foto: St. B.

    Weitere Infos:
    www.tff-rudolstadt.de

    Fotogalerie auf facebook

    Zuerst erschienen am 05.07.2014 auf Kultura-Extra.

    __________