Mensch-Maschinen über Neuschland oder Unbeschwert durchs Überwachungsnetz
In Moskau sitzt ein Transitman,
Das Web ruft: „Catch him if you can.“
Wie flüchtig Schnee schmilzt da sein Bett,
Freiheit gibt’s nur im Internet.
Euro-Hawk-Drohne Wikipedia.de
Derweil umwölkt von wilden Drohnen,
In denen dunkle Saubermänner wohnen,
Sitzt unser Neuland-Merkel ganz in Ruh,
Und Sascha Lobotomie singt dazu.
Ein Lied vom Prism-Sauger, so geschwind,
Durch saubre Hirne säuselt leis’ der Wind.
So völlig unbeschwert geht jeder Depp,
Zum Nachladen ins World Wide Web.
Der Bundestag rührt trübe Kacke.
Wen trifft denn nun die Euro-Hacke?
Niemand ist Schuld an der Misere,
Nach Bruchlandung die große Kehre.
Und sanft ein Hawkwind weht von Ferne her,
Den Text für Fliegerhorst a.D. Maizière.
Der geht: „And I’m still feeling mean –
Well, God will send me a silver machine.“
***
Pfeift Snowden uns jetzt was aus Wien?
„Well I just took a ride in a silver machine.“
Sprach:Rausch – Navid Kermani beim Literaturfest Salzburg 2013 und ein Gespräch über Rausch und Ekstase mit Felicitas Hoppe, Claus Peymann und Konrad Paul Liessmann
Die Schlüssel zur Ekstase in der Hand. Petrus am Salzburger Dom. Foto: St. B.
Salzburg im Mai. Es regnet Schnürl wie man hier sagt. Die Salzach fließt trübe dahin und die Leute drücken sich unter ihre Regenschirme. Echte Ekstase sieht anders aus. Einzig Petrus sieht geistig entrückt in den nicht vorhandenen Himmel über dem Dom. Ein in Marmor gehauener Rauschzustand. Zur dringend notwendigen Stimmungsaufhellung der bodenhaftenden Bevölkerung hatte vor ein paar Jahren ein tapferer Salzburger Verein von Literaturverrückten ein Fest aus der Taufe gehoben. Es findet heuer zum sechsten Mal statt.
Die Sprache: Ein Fest! Der Sprache ein Fest! Geladen wurde, was in deutschsprachigen Landen Rang und Namen hat, um den Sprachhungrigen zu den Themen Sprach:Spiel, Sprach:Groteske, Sprach:Zauber und Sprach:Genuss ganze Sprach:Welten aufzutischen. Und so gaben sich u.a. Eckhard Henscheid, Eva Menasse, Felicitas Hoppe, Robert Schindel, Juli Zeh, Péter Esterházy und Ben Becker innerhalb von fünf Tagen die Sprachbestecke wie Staffelstäbe in die Hand. Ben Becker wäre sicher auch ein guter Kandidat für das Thema Sprach:Rausch gewesen, denn mit Räuschen im doppelten Sinne kennt sich der Bibelbesinger und Rotweintrinker bestens aus. Diesmal wollte er aber lieber mit Sprache zaubern und las aus der Balladensammlung „Der ewige Brunnen“.
Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani, der Mystiker unter den deutschen Literaten, ist aber mehr als nur ein Ersatz in Sachen Sprachrausch. Am 24. Mai las er aus seinen Werken Texte über Religion, Musik und Liebesverzückung. Kermani brachte u.a. eine kleine Auswahl aus „Dein Name“. Sein großer Tagebuchroman mit Reflexionen über die Geburt seiner Tochter in einer Frühgeborenenstation, das Leben und das Sterben wichtiger Menschen in seinem Leben wie seinen Großvater oder einen alten Sufigelehrten. Eine Meditation über das Mystische im Alltag. Es geht um Engel, Neugeborene und Hölderlins Begriff des Aorgischen in der Natur, die Liebe sowie Jean Pauls ersten Kuss.
Navid Kermani über Ekstase und Kontemplation im Alltag. Foto: St. B.
Danach philosophierte Kermani noch über Neil Youngs ekstatische Musik-Session„Arc“. Er las Passagen aus seinem „Buch der von Neil Young Getöteten“ und spielte dazu dem Salzburger Publikum eine paar berauschende Kostproben Young’schen Gitarrengewitters vor. Eine Musik, die einzig vermochte, seine an Dreimonats-Koliken leidende kleine Tochter zu beruhigen, und auch ihn selbst völlig zu entrücken vermag. Arc sei das islamische Bilderverbot in die Musik übersetzt. Arc bringe die Leere zum Klingen. Ein Überschallflugzeug, das nicht abhebenden könne. Dass die Klänge in Arc nichts bedeuten, sei gerade ihr Geheimnis.
Abschließend las Kermani noch einmal seine Bildbeschreibung zu El Grecos „Der Abschied Christi von seiner Mutter“ aus der Wochenzeitung Die Zeit. Ein Musterbeispiel einer scharfen Beobachtungsgabe und berückender Sprachgewalt. Und das ist dann auch wirklich groß und ekstatisch.
„Ist es nicht verwunderlich, daß ausgerechnet von den beiden Menschen, die wie keine anderen geliebt, nirgends die Liebe des Mannes und der Frau überliefert ist? El Greco, so scheint mir, hat sich gewundert, als er ihre Lippen so sinnlich malte, daß sie sich jeden Augenblick zu einem Kuß vereinigen möchten. Er hat zwei Blicke hinzugefügt, die in den Evangelien fehlen und doch jeder erinnern müßte, der je groß geliebt.“ (Navid Kermani, aus: „Der Abschied Christi von seiner Mutter“, Die Zeit, 12. Juli 2012
Nach einer kurzen Pause wurde die Runde um die Schriftstellerin Felicitas Hoppe und den Theaterregisseur Claus Peymann erweitert. Unter der Gesprächsleitung des Wiener Philosophen und Literaturkritikers Konrad Paul Liessmann wollte man über Rausch und Ekstase in der Literatur diskutieren. Ausgehend von Nietzsches Apollinischer Ekstase und Dionysischen Rauschzuständen (Claus Peymann bringt „Die Backchen“ des Euripides als Beispiel für den Sieg des Apollinischen) ging es um die Frage, ob die Literatur überhaupt eine Gattung im Nahverhältnis von Rausch und Ekstase sei. Ist die deutschsprachige Literatur zu brav? Liegt es daran, dass das metaphysische Element in der Literatur im Gegensatz zum 19. Jahrhundert heute keine Rolle mehr spielt, oder, nach Konrad Paul Liessmann, die religiöse Kunst nicht mehr die Speerspitze der Avantgarde ist?
Navid Kermani, Konrad Paul Liessmann, Felicitas Hoppe und Claus Peymann bei der Gesprächsrunde über Rausch und Ekstase – Foto: St. B.
Für Felicitas Hoppe erwartet der Leser von der Literatur immer Dinge, die er selber nicht kann. Heute würde man völlig demokratisiert sein Ich loswerden können. Als Katholikin schwärmt sie von der heiligen Johanna, der echten wohlgemerkt, die sich bei der Krönung von Karl dem VII. in Reims in einem kontemplativen Glückszustand zwischen Metaphysik und weltlichem Krieg befand. „In der Welt zu handeln und gleichzeitig aus ihr herauszutreten.“ Letztendlich sei Schreiben nicht nur Inspiration und Musenkuss, sondern vor allem Übung und Ausdauer, nach einem langen Vorlauf die Dinge zu repetieren.
Navid Kermani gibt dagegen etwas von den weisen Mystikern des Islam wieder: „Rausch ist etwas für die Kinder. Nüchternheit ist der Todeskampf für die Meister.“ Die Schwierigkeit sei nach dem „Entwerden“ das Bleiben in der Ekstase bei der Rückkehr in die Welt, um im Zustand des Gotteswillens Gutes zu tun. Er überträgt dies auf das Schreiben und das Schauspiel. Es ist in beiden Fällen die Schwierigkeit, das in den Proben oder beim Schreiben erreichte Glücksgefühl zu fixieren. Kermani betont das metaphysische Element bei Büchner, Jean Paul und Hölderlin. Hilfsmittel, die Mystiker hätten z.B. Opium genommen, haben immer zwei Seiten. Er zitiert dazu Neil Young: „The same thing that makes you live, Can kill you in the end.”
Felicitas Hoppe und Claus Peymann: „Alkohol war ja auch die österreichische Art, die 68er durchzuziehen.“ – Foto: St. B.
Und Claus Peymann hat sie alle inszeniert, die Ekstatiker des Schreibens, wie Schiller („der berauschende Duft fauler Äpfel“), Thomas Bernhard, der es aus sich heraus schreibt und Peter Handke, dem Mystiker mit seinen Pilzen. Ekstase hat er kurzzeitig bei Jelineks Sportstück erlebt, bekommt aber nicht mal mehr Schleefs kompletten Buchtitel „Droge Faust Parsifal“ zusammen. Und Nitsch mit seinen blutigen Schlachtungen sei heute auch nur noch ein touristisches Ritual wie die Mozartkugeln. In Leipzig schlägt sich der Blut-Messias kollektiver Ekstase gerade wieder mit den wenig berauschten Tierschützern herum. Peymann, der erklärte Aufklärer und Atheist („Wir leben im Zeitalter der Aufklärung, und dafür fühle ich mich zuständig“), hält nichts vom Predigen (Brecht, Müller und auch Handke tun es) und plädiert dafür, Alkohol nicht moralisch an den Rand zu schieben. Er redet von Artauds Heroin- und Curare-Räuschen und weiß als Kenner: „Es wird nirgends so viel gesoffen, wie am Theater“.
Vielleicht hat Peymann damit aber auch nur die Runde wieder entsprechend geerdet. Auf jeden Fall hat er seinen Meister in Moderator Liessmann gefunden. Dessen Fazit lautet dann auch: Der beglückte Aufklärer könne sich ja auch an seiner ekstatisch zuckenden Vernunft berauschen. Na dann Prost.
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SPRACH:RAUSCH mit Navid Kermani, Felicitas Hoppe und Claus Peymann; Moderation: Konrad Paul Liessmann (Universität Wien)
24. Mai, 19.30 Uhr, Theater im Kunstquartier Salzburg
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Wie ein Schrei im Sprachrausch – „Die nennen das Schrei“ Gesammelte Gedichte von Thomas Brasch – Buchpräsentation mit Katharina Thalbach und Martin Wuttke im Berliner Ensemble
„spiel du den wahn ich spiele seinen sinn / und wahnsinn heiße was uns zwei vereint“ Thomas Brasch, aus: Macbeth
herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz – Bild: Suhrkamp Verlag
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Ja, geschrien hat er, der Thomas Brasch, vermutlich auch oder vor allem im Rausch. Aus dem Fenster über dem Ganymed, in enger Nachbarschaft zum Berliner Ensemble, hat er geschimpft und gerufen. Eine Art Geheimdramaturg sei er gewesen, und guter wie böser Geist des Theaters am Schiffbauer Damm, wie Jutta Ferbers, die Dramaturgin des BE, zu berichten weiß. Und auch der Hausherr Claus Peymann schreibt in seinem Nachwort zu den Shakespeare-Übersetzungen, Brasch habe Shakespeare „wie im Rausch“ übersetzt. Herausgekommen sind sie vor elf Jahren, ein Jahr nach Braschs frühem Tod. Und wer hätte gedacht, dass es noch einmal eine neue Veröffentlichung von Thomas Brasch geben würde?
Nachdem 2002 Katharina Thalbach zusammen mit Fritz J. Raddatz „Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer – Gedichte aus dem Nachlass“ veröffentlicht hatte, mussten ebenfalls elf Jahre vergehen, bis neben dem kleinen Bändchen „Was ich mir wünsche: Gedichte aus Liebe“ (Bibliothek Suhrkamp, 2007) nun die Gesammelten Gedichte vorliegen. Zu verdanken ist das der Archivarin von Thomas Brasch Martina Hanf und der Literaturwissenschaftlerin und Autorin Kristin Schulz. Und man kann den beiden wohl nicht genug danken, ging doch mit der Veröffentlichung des immerhin 1029 Seiten umfassenden Bandes eine Buchpräsentation im Berliner Ensemble einher, die es in sich hatte.
So haben sich denn auch einige Erwartungsvolle im Sonntagsputz zur vormittäglichen Matinee am 16. Juni eingefunden. Die Sonne scheint nun schon seit Tagen. Aus Richtung des Deutschen Theaters weht vom Vortag noch etwas neue Dramatik herüber (Brasch hätte vermutlich gesagt: „Wer vorgestern noch Aufstand rief / ist heute zwei Tage älter) und vor dem Berliner Ensemble kann man die Vorfreude unter den Wartenden auf das Erdichtete des alten und jungen Dramaten Brasch förmlich erschnuppern.
Brasch-Lesung auf der Bühne des Berliner Ensembles. Foto: St. B.
Drinnen zwei Tische auf der Bühne, am Rand ein Band mit Fotos. Brasch als Kind, als Junge, der junge Brasch mit der jungen Katharina Thalbach, und dann später als rezitierender Richard II. „in einen schönen Rausch versetzt“. Seine letzte Übersetzung für Peymanns BE. Gleichzeitig Peymanns größter Erfolg und letzte Theatertreffeneinladung, und somit auch ein später Erfolg für Thomas Brasch. Dann sieht er uns an, dieser rastlose Grübler auf dem letzten Foto, für einen Moment, als würde er wissen, das wir jetzt genau da sitzen, auf ihn schauen und ihm lauschen. Aber auch zwei Vorlesenden, die ihm hier neu Stimme verleihen, und er besser keine kriegen könnte, als eben von Katharina Thalbach und Martin Wuttke. Sagt da ein Freund nach der Lesung, er höre beim Lesen von Brasch nur noch die Stimme der Thalbach. So als spräche der allein nur aus ihr, durch sie. Eine Liebe, ein Leben, eine Symbiose über den Tod hinaus.
Es beginnt Wuttke mit Selbstkritik, ein Werk aus den 80ern: „Klagen einer traurigen Generation … das ewige Lied von Vater und Sohn“. In Kargo (1977) hieß das noch: „Morgen will ich mir eine neue Religion erfinden mit Helden, Tempeln und Gebeten. (…) Halleluja, der Wind fegt durch unsere verstaatlichten Hirne.“ Helden sind auch heute wieder im (Sonder)Angebot. Das Freizeichen ist immer noch durchgehend. Nur das Monopol darauf hat nicht mehr die Post. Da sage noch einer, hier ändere sich nichts. Anfang der 70er bekennt Brasch im Poesiealbum 89 wehmütig: „Wie viele sind wir eigentlich noch. … Welchen Namen hat das Loch / in dem wir, einer nach dem anderen / verschwinden.“
Da ist er schon mit einem Bein im Westen. Raus aus dem „Land ohne Namen, daß sich mit Anfangsbuchstaben anreden lässt“. Ein Land, in dem es Brasch nur als Blindem gelingt, „so zu beten, daß ich nicht schuld bin“.
Und ich bin nichts als meine Augen.
Wenn ihr die zwei begrabt, begrabt ihr wen.
Ich habe nichts gelebt. Nur was gesehen.
Ich will nicht sterben. Nur was taugen.
(aus: über kunst)
Brasch will den leeren Kopf nicht mehr aufs Eisen legen, wie sein „Mörder Ratzek“. Der Dichter will etwas anderes. „Das andere Wort hinter dem Wort / Der andere Tod hinter dem Mord. / Das Unvereinbare in ein Gedicht / Die Ordnung. Und der Riß, der sie zerbricht.“ Auch wenn der Riß mitten durch ihn selbst verläuft.
Dann wieder der junge Brasch in verteilten Rollen. Es geht um Franz, der Lucie seine Fräsbank zeigen will und doch ganz anderes im Sinn hat. Es ist laut. Sie will weg zum anderen aus der Schlosserei. „Liebst du mich, Franz?“ „Ich kann nicht so reden, Lucie.“ Und als sie weg ist: „Das ist meine Maschine.“ Die Lesung ist da am stärksten, wo die Thalbach und Wuttke sich gemeinsam hochschaukeln. Das ist Ekstase und Spaß an Braschs schwarzhumorigem „Bericht vom Sterben des Musikers Jack Tiergarten“. Das ist deftig wie Vian. Da ist die Thalbach in ihrem Element. Die dicke Wirtin schlägt den Morgenrock zurück und Wuttke/Jack nimmt Witterung auf, vom duftenden Moos. Aber ohne Moos nichts los. Leicht gekürzt verfehlt die Trübsalflöte das Bemollha nur um ein paar Zentimeter. Keinen ausgekochten Jack-Kopf gibt es, dafür aber ein „Hahnenkopf 1525“. Schon Manfred Karge hatte sich mit Schauspielstudenten in seinem Erinnerungsabend „Vor den Vätern sterben die Söhne“ an Braschs Langgedicht über deutsche Geschichte versucht. Bei Thalbach und Wuttke wird man mit jedem Punkt und Komma mehr hineingesogen.
Katharina Thalbach und Martin Wuttke bei der Lesung aus „Die nennen das Schrei im BE. – Foto: St. B.
Besungen wird auch das Künstler-Dreigestirn „Heine und Tahlbach und ich“ (Brasch), eine Art Dreifaltigkeit aus Kopf, Bauch und Sohn. „Drei Köpfe eine Wand / Und Gelächter, weil keiner einen fand.“ Und auch der Säulenheilige Brecht meldet sich bei Brasch aus dem Grab. Zerfallen in der Erde Berlins, sieht er auch seine Nachfolger zerfallen über seinen Werken, mit einem Reimbesteck vor einer Erbse. Denn „die Verhältnisse sind gut, nicht dialektisch“. Das Ende einer Utopie? Das letzte Wort hat Martin Wuttke:
Als Gott den Menschen schuf
mit leichter Hand und schrägem Blick
gab er ihm auch einen Beruf
und um den Hals einen Strick
„Wenn ich nicht mehr da bin, wieviel wird euch fehlen.“ heißt es in Sindbad. Tod sein oder die Rettung. Für den nie angekommenen Reisenden war beides eine Option „Ich glaube an die Relativitätstheorie, aber wen ich nicht sehen will, ist Einstein.“ Brasch glaubte an die Lehre, aber nicht an die Gelehrten. Und er behielt Recht. „Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer.“ Katharina Thalbach hat es über 30 Jahre mitgelebt. Am Sonntag schien es so, als wäre da noch ein Hauch von „Antilopenduft“. Also wer Thomas Brasch wirklich endlich kennen lernen will, muss genau da durch. Und gelebt und gewohnt hat Brasch vor allem auch in seinen Gedichten. Gäbe es einen besseren Grund, sie wieder zu lesen?
„Die Rätsel sind gelöst: ihr Hirn sprang über. Sie wollte nicht Heimat sagen: Sie hatte kein Dach darüber.“ Thomas Brasch, aus: Meine Großmutter
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Berliner Ensemble, Juni 2013 – Foto: St. B.
Buchpräsentation:
Katharina Thalbach und Martin Wuttke lesen aus dem Gedichtband „Die nennen das Schrei“ von Thomas Brasch, hrsg. von Martina Hanf und Kristin Schulz
Berliner Ensemble
Bertold-Brecht-Platz 1
10117 BerlinSonntag, 16.06.2013, 11:00 Uhr
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„Die Tradition der Kunst ist die Tradition des Rausches, und jeder Versuch von Gesellschaften, den Rausch zu unterdrücken, führt allein dazu, daß diese Energien viel monströser aus irgendeinem nicht bewachten Gully hervorschießen. Wenn die Energien, die zwischen einzelnen Menschen strömen, kontrolliert und unterdrückt werden, entladen sie sich irgendwann in furchtbaren Massenbewegungen. Daraus entstehen Katastrophen.“ Heiner Müller
Ins Paradies vertrieben
Jamal Tuschick auf KUNO (editiondaslabor.de) zu:
Die nennen das Schrei – Die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch
Editorisches Mammut
Die Wiederauferstehung eines Dichters aus dem Archiv
Gespräch von Jamal Tuschick mit den Herausgeberinnen Martina Hanf und Kristin Schulz über Thomas Brasch – Die nennen das Schrei auf faustkultur.de
Irgendwann gegen Ende dieses bis dahin recht anschlussfähigen fast dreistündigen Abends dreht die Schaubühnendarstellerin Luise Wolfram als daheimgebliebene Ehefrau eines sich im fernen Japan mit thailändischen Prostituierten tröstenden GIs einfach durch und beginnt Zeilen aus dem bekannten Song „The Ballad of Lucy Jordan“ von Marianne Faithfull ins anschlussgestörte Skypephone zu schreien: „Und wie soll ich meinen Tag rumkriegen? Stundenlang das Haus putzen, oder die Blumen neu arrangieren oder nackt durch die Stadt rennen und brüllen.“ Zumindest das Brüllen kommt schon mal ganz befreiend rüber.
Bis dahin war man eher in den üblichen Beziehungsmühlenartigen Bewusstseinsspiralen des Autors und seiner zumeist weiblichen, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs befindlichen Protagonisten gefangen. Dann greift der isländische Musiker Helgi Hrafn Jónsson zur Gitarre und die bulgarische Opernsängerin Borjana Mateewa setzt mit dem besagten Song von Marianne Faithfull zum ersten wirklich mitreißenden Höhepunkt des Abends an. „Infektion!“ heißt das Festival, dass die Berliner Staatsoper jährlich neuer experimenteller Musik widmet. Und es beschert der Schaubühne die Heimkehr eines verlorenen Sohnes. Falk Richter, seit zwei Jahren am Düsseldorf Schauspielhaus, ist mit der Inszenierung „For the Disconnected Child“ an seine langjährige Berliner Wirkungsstätte zurückgekehrt.
„For the Disconnected Child“ Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. – Foto: St. B.
Wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik.
Man weiß an der Schaubühne, dass der Autor und Regisseur ein Händchen für die Verbindung von Sprache mit Musik und Tanz hat. Daher sollte Falk Richters spartenübergreifende Produktion wohl auch der krönende Abschluss einer an Höhepunkten eher armen Jubiläumssaison sein. An keinem Theater der Stadt wurde in dieser Spielzeit so oft zur Gitarre gegriffen, wie an der ihr 50jähriges Bestehen feiernden Berliner Schaubühne. Friederike Heller inszenierte zum Spielzeitauftakt etwas zu launig das Waits/Burroughs-Musical „Black Rider“, Lars Eidinger stellt zu Shakespeares „Romeo und Julia“ eine knallige Rockband auf die Bühne und Patrick Wengenroth ließ an seinem Fassbinderabend „Angst essen Deutschland auf“ munter Schlager trällern.
Selbst der Hausherr Thomas Ostermeier konnte es sich nicht verkneifen, eine musikalische Version von Thomas Manns homoerotischer Novelle „Der Tod in Venedig“ mit dem Ausnahmeschauspieler Sepp Bierbichler in der Hauptrolle des alternden Schriftstellers Aschenbach zu wagen. Die wehmütig brüchige Sangesstimme von Bierbichler zu Gustav Mahlers Kinder-Totenliedern wurde aber schließlich in einem atonalen Krachgewitter mit schwarzem Ascheregen hinweggefegt. Ein eher hoffnungsloses Unterfangen, so dem normalen Stadttheatergänger experimentelle Musik näher zu bringen. Da war der Versuch einer Hipster-Hausband in Ostermeiers Ibsens-Vergegenwärtigung „Ein Volksfeind“ wenigstens noch unterhaltsam und in jedem Falle massenkompatibel.
Man hatte sich an der Schaubühne wohl gedacht, mit Musik geht’s einfach besser. Oder besser noch, wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik. Dass dem oft nicht so ist, haben auch andere Theater bitter erfahren müssen. Im Staatsschauspiel Dresden stand Hamlet als wütender, Pop- und Rockballaden singender Bandleader auf der Bühne und am Deutschen Theater Berlin schreckte man selbst vor einer 20er-Jahre-Inflationsrevue nach Falladas „Wolf unter Wölfen“ nicht zurück. Beides unter der Leitung des ewigen Regietalents Roger Vontobel. Die Schaubühne steht also nicht ganz allein im Chorus der in der Musik ihr Heil suchenden Sprechtheater. Und da war der Autor/Regisseur Falk Richter bisher durchaus ein Garant für das ästhetische Crossover von Musik, Tanz und Texten mit gesellschaftskritischem Tiefgang, wie seine letzten Arbeiten mit der Choreografin Anouk van Dijk beweisen, die auch immer noch im Programm der Schaubühne zu finden sind.
Wo „Trust“ oder „Protect Me“ noch mehr einem ungezwungenen Work in Progress mit textlich weit ausschweifenden Gedankenexperimenten Richters glichen, in den sich die Tänzer und Musiker ästhetisch gleichberechtigt mit einbringen konnten, zeichnet der Autor für das Multimediawerk „For the Disconnected Child“ nun erstmals allein verantwortlich. Er hat die Texte geschrieben, choreographiert und führt die Regie. Nur die Musik wird ihm von gleich sieben Komponisten beigesteuert. Der Videokünstler Chris Kondek liefert die passenden stimmungsvollen Bilder dazu. Neben Mitgliedern der Staatskapelle Berlin stehen drei Tänzer und drei Opernsänger mit auf der Bühne. Richters Texte verteilen sich auf die Schaubühnendarsteller Ursina Lardi, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Stefan Stern und Tilman Strauß.
Das Ensemble von „For the Disconnected Child“ beim Premierenapplaus – Foto: St. B.
Soft Skills and Targets
Und er hat, wie eingangs schon erwähnt, den begnadeten Musiker Helgi Hrafn Jónsson, der nach einer kleinen Ouvertüre der Staatskapelle sofort zur besagten Gitarre greift und mit dem Solo „Soft Targets“ und seiner sanft androgynen Stimme den Reigen der im Programmzettel aufgelisteten Kompositionen eröffnet. Ziel der dann folgenden Texte, die teils zur Musik performt werden oder sich zwischen die einzelnen Stücke pressen, sind die Probleme des hochgezüchteten, in seiner Arbeitswelt funktionierenden Städters bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Jargon von Personalagenturen auch als „Soft Skills“ bezeichnet werden. Tiefergehende soziale Kompetenzen gehen den meisten Figuren in Falk Richters Kurzepisoden nämlich im Großen und Ganzen ab.
Da sitzt dann z.B. ein Paar (Luise Wolfram und Stefan Stern) unter den Mitgliedern der Kapelle und unterhält sich über Liebe und echte Nähe. Ein angestrengter Diskurs, den letztendlich beide als zu abstrakt aufgeben. Oder Stefan Stern spricht in einem depressiven Solo über die Ängste eines Menschen und dem Riss zwischen ihm und der Welt. Den Begriff Disconnected hat sich Richter aus der Psychologie entlehnt. Es geht um zwischenmenschliche Verbindungsprobleme oder Störungen von Menschen zu ihrer Umwelt. Störungen, die bereits bei Kindern auftreten, die, ganz in ihrer eigenen Welt, unfähig sind, vertrauensvolle Beziehungen überhaupt erst aufzubauen.
Als weiteres Beispiel erleben wir die Fernbeziehung einer vierzigjährigen, alleinstehenden Frau (Ursina Lardi) mit zwei Kindern und ihrer Mutter (Die Sängerin Borjana Mateewa), die im kalten, verschneiten Japan sitzt und als Ersatzsängerin auf ihren Auftritt als Amme in Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ wartet, während sie zu ihrer einsamen Tochter Kontakt via Skype aufzunehmen versucht. Eine Verbindung, die aber im doppelten Wortsinn ständig gestört ist. „Was man erst kaum ertragen kann, wie schnell gewöhnt man sich daran.“ ist dann auch die nicht besonders tröstliche Feststellung der Mutter und Text der Amme aus dem Opernlibretto.
Eugen Onegin als Missing Link zur heutigen Welt der Singles.
Die Oper „Eugen Onegin“ ist dann auch der Aufhänger, um Theater, Oper und reale Welt miteinander zu verknüpfen. Eine Idee, die nahe liegt, aber auch etwas überstrapaziert wirkt. Der unnahbare Held Onegin, der der offenherzigen Liebeserklärung der jungen Gutstochter Tatjana ausweichend begegnet, um sich alle Möglichkeiten offen zu halten, als erster Egoshooter und Missing Link zur heutigen Welt der Singles. Maraike Schröter und Gyula Orendt singen einige Passagen der Oper im Duett. Ursina Lardi gibt nun die Assessment-Trainerin Tatjana Winter als heutiges Äquivalent der verschmähten Geliebten, die einerseits Managern bei der Optimierung ihrer Soft Skills, wie etwa „Stresstoleranz“ oder „emotionale Kompetenz“ beraten soll, anderseits aber selbst in Beziehungsfragen ständig scheitert. Ein junger schnöseliger Mitarbeiter (Franz Hartwig) der Partnervermittlung eDarling lässt sie später unverblümt ihre Schwervermittelbarkeit beim Optimierungsversuch ihres eigenen Profils spüren.
Und so geht es im Grunde genommen bis zur Pause weiter nur um diese Unmöglichkeit der Beziehungsaufnahme, den Unterschied von emotionaler Ausprägung bei Männern und Frauen sowie deren allgemeiner Verfasstheit im Weiteren. Frauen flehen, heulen, klagen und Männer winden sich in Ausreden, versuchen Peinlichkeiten aus dem Weg zu gehen oder sind eifersüchtig. „Hör auf zu weinen!“ herrscht Tilman Strauß am Telefon und Maraike Schröters Sopran wimmert dazu am anderen Ende. Franz Hartwig wiederum macht seiner auf facebook sehr aktiven Freundin eine Eifersuchtsszene. Aus dem Besuch von Konzerten experimenteller Musik zur Erweiterung des intellektuellen Spektrums oder einer gemeinsamen Affinität zur Oper entsteht nicht zwangsläufig auch eine Liebesbeziehung. „Toll, dass Du so ehrlich bist. Wir sollten mal wieder SMSen, alles so stressig zurzeit.“ Und Tschüss.
Das Produktionsteam von „For the Disconnected Child“ um den Autor und Regisseur Falk Richter (vordere Reihe rechts) – Foto: St. B.
Redundante Permanentlaberei versus Traurige Reflexionen der Einsamkeit
Die emotionalen Verstörungen der Figuren auf der Bühne versuchen die Tänzer in Anziehung und Abstoßung zu übersetzen. Sie winden sich dabei oder stürzen von der Treppe des zweigeschossigen, loftartigen Bühnenaufbaus. Schließlich endet alles in einer gemeinschaftlich schrägen Klangübermalung des Schubertliedes „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“. Hörgewohnheiten werden dabei aber nicht gerade radikal über den Haufen geworfen. Was an musikalischer Experimentalität im ersten Teil des Abends nicht eingelöst werden kann, steckt Richter dann in den etwas dichteren aber insgesamt auch düsteren zweiten Teil. Die redundante Permanentlaberei wird nun durch fast schon lyrische Texte abgelöst. Traurige Reflexionen der Einsamkeit und Soli für die überzeugend agierende Ursina Lardi, deren Tatjana erschöpft auf der „Insel der ungebrauchten, ungeliebten Körper“ angekommen ist. Man befindet sich mental in Auflösung, nebulös wandern Möbel oder fährt das Auto ohne einen ins Büro. „The world is so loud sometimes“ heißt es im letzten Klaviersolo von Helgi Hrafn Jónsson. Dem ist nichts mehr hinzufügen.
Nicht durchweg ein gelungenes Experiment, dieser Abend, der erst zum Ende hin musikalisch und ästhetisch etwas abhebt. Falk Richter hat schon wesentlich interessantere Texte geschrieben, und sollte sich wie in „Trust“ oder „Protect Me“ unbedingt wieder einen Partner für die Choreografie suchen. Ansonsten ist alles wie früher an der Schaubühne, nur das wir ein paar graue Haare mehr haben und sich Richter nun an die Mitvierziger im Publikum wendet. Als große Selbstreflexion über die Angst vor der Einsamkeit und die Bindungsunfähigkeit, die Richter anhand des Eugen-Onegin-Stoffs bei seiner Generation festgestellt hat, ist das aber alles ein bisschen dünne. Sein „Disconnected Child“ bewegt sich spielerisch und tänzerisch zwischen ADHD und Autismus. Wie in einem ewigen disconnected mode gefangen. Der Bazillus zur Infektion kann so nicht überspringen.
„Es gibt keine wahre Aussage, denn die Position des Menschen ist die Unsicherheit des Schwebens. Wahrheit wird nicht gefunden, sondern produziert. Sie ist relativ.“Friedrich Schlegel (1772 -1829)
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Die Wiener Festwochen im Museumsquartier Foto: St. B.
Ist dem Menschen die Wahrheit tatsächlich zumutbar oder bekommt zuviel Wahrheit dem Menschen nicht? Letzteres konstatiert jedenfalls die eben mit dem Büchnerpreis ausgezeichnete Autorin Sibylle Lewitscharoff in ihrer ironischen Abrechnung mit dem Realismus in der Literatur „Vom Guten, Wahren und Schönen“. Sie geißelt hier vor allem den heute in der erzählenden Literatur vorherrschenden „Eigenkreativwahn“ und das „Affentheater des Zeitgeschmacks“. Gerade der Drang nach Wahrhaftigkeit und die Angst vor dem Authentizitätsverlust treibt aber auch immer mal wieder die Theaterschaffenden um. Für Lewitscharoff geschieht dieses Ringen nach Anerkennung jedoch nur mit Hilfe von „Provokation, Skandalen und Markierungsgesten“. Das deutsche Theater zeige eine Gesellschaft „von schreienden Verrückten, die herumbatzen und herumschmieren wie Kleinkinder“ und dabei der „Idiotie des Schockhaften“ verfallen.
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Kommune der Wahrheit – Nicolas Stemann wirft die Wirklichkeitsmaschine an und unterwirft Performer wie Publikum gleichermaßen dem nicht enden wollenden Strom der täglichen Nachrichten
„Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“Heiner Müller, Gesammelte Irrtümer 2: Interviews und Gespräche. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren, 1990
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Museumsquartier Halle E – Foto: St. B.
Nun haben Nachrichten sicher auch schockhafte Aspekte und zeichnen sich moderne Nachrichtenströme durch eine gewisse Idiotie aus, bei der man stets vor der schier unlösbaren Problematik steht, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Und auch die Provokation ist eine Methode, die Nicolas Stemann nicht ganz fremd ist. Absolut gegenwärtig sein, die Zeit sozusagen festhalten zu können, ist aber die vorrangige Intension des Teams um den Theaterregisseur und -experimentator Stemann, die man bei der Gründung der „Kommune der Wahrheit“ im Sinn hatte. Wie funktioniert dabei Wirklichkeit in den Nachrichten, die täglich auf uns einströmen? Und wie kann man diesen Strom der Nachrichten in Echtzeit am Theater abbilden? Das sind die Fragen, denen sich Nicolas Stemann und seine Darsteller vom Thalia Theater Hamburg bei den Wiener Festwochen gestellt haben. 5 Tage lang beschäftigten sie sich im Museumsquartier mit der Produktion von Wirklichkeit durch Medien wie Zeitung und Fernsehen.
Kommune der Wahrheit. Bühne im Museumsquartier Halle E – Foto: St. B.
Nicolas Stemann spricht bei der Premiere am 1.Juni zunächst auch von einem Projekt, was noch nicht vollendet sei, was sich noch weiterentwickeln wird und jeden Abend anders sein kann. Daher lädt er auch gleich das Publikum zum Wiederkommen ein. Mit der von ihnen selbst entwickelten „Wirklichkeitsmaschine“ versuchen die Kommunarden alles anzusprechen, was relevant ist, um so ihre eigene Version der Wahrheit zu schaffen. Die Maschine, so erfahren wir in kleinen Videoeinspielungen, habe dann auch irgendwann tatsächlich nach und nach selbst begonnen Wirklichkeit zu produzieren. Wobei sich die Metaphern in den Nachrichten wie etwa Heuschrecken, wenn es um Investmentgesellschaften geht, zu materialisieren begannen. Was schließlich sogar zu gruppendynamischen Prozessen führte und eine regelrechte Krise im Ensemble ausgelöst habe.
Kommunarden der Wahrheit angeschlossen an die Wirklichkeitsmaschine – Foto: Armin Bardel
Zunächst aber werden die Nachrichtenströme bildlich dargestellt. Die Bühne, um die das Publikum geteilt von zwei Seiten blicken kann, gibt den Eindruck einer Experimentalanordnung recht gut wieder. Die Darsteller in grauen Overalls stöpseln sich mit ihren Kopfhörern immer wieder an die Wirklichkeitsmaschine ein, um dann zuerst einzeln stockend, dann zu zweit und schließlich in wechselnden Gruppen chorisch die aktuellen Nachrichten wiederzugeben. Das geht eine ganze Weile so weiter, und beim Vorbeirauschen der Nachrichten denkt man, wenn man Birte Schnöink und den anderen so dabei zusieht, wie sie ganz mechanisch über die Demonstrationen am Istanbuler Taksimplatz, den Weltmilchtag oder den Protest der UNO gegen das Blutvergießen in Bagdad berichten, zwangsläufig an Stemanns letzte Produktion, den Faustmarathon.
In der Hexenküche der Kommune der Wahrheit Foto: Armin Bardel
Dort hatte sich Birte Schnöink als körperloser Homunculus („Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.“) noch aus ihrem Glaskolben befreit, um ganz zu werden und die Welt neugierig zu erkunden. Das Experiment der Verkörperung des Geistes scheitert zwar, dem geht aber zumindest der Versuch eines philosophischen Diskurses über die Menschwerdung voraus. In der Wirklichkeitsmaschine bleibt alles künstlich. „Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.“ (Goethe, Faust II) Hier nabeln sich die Menschlein zwar immer wieder von der Maschine ab, repetieren aber brav weiter die im Hirn gespeicherten Informationen. Dort ein Geist, dem der Körper fehlt, hier eine geistloser Körper. Was natürlich auch als schönes Bild der Abhängigkeit von der Künstlichkeit der Welt der Nachrichten durchgehen könnte, wenn sich daraus im Weiteren inhaltlich irgendetwas ergeben würde. Es fehlt aber hier wie dort am „Tüpfchen auf das i“.
„Wir hatten ja auch kein Stück. Die Nachrichten sollten das Stück sein.“ erklären dann schließlich die Kommunarden auf erstes Murren im Publikum. Stemann ist da ganz der gekonnte Conférencier und Manipulator, und nutzt die Stunde für ein weiteres Spiel, die Metapher von den zwei Seiten der Wahrheit. Er lässt dabei die Protagonisten ständig von einer Seite der Bühne zur anderen flitzen. Auf der einen soll gebuht werden, auf der anderen erschallt Beifall. Bis sich der Vorhang schließt und man von der gegenüberliegenden, anscheinend ereignisreicheren Seite abgeschnitten wird. Die Nachrichten nicht nur physisch, sondern auch inhaltlich von zwei Seiten zu beleuchten, bleibt hier aber reine Behauptung.
Die TV-Märchentante zu Besuch in der Kommune der Wahrheit Foto: Armin Bardel
Dafür gibt es einen Auftritt der TV-Märchentante. Die vorlaute Kommune bekommt von Franziska Hartmann in Blondhaarperücke und rotem Business-Kostüm eine autoritäre Lehrstunde in Nachrichtenkunde. Dabei wird gekalauert wie bei Elfriede Jelinek, von den Nachrichten, nach denen wir uns richten sollen und es uns bequem einrichten können, denn in den Nachrichten ist alles so schön normal. Und es gibt nichts, was man nicht nachrichten könne. „Wahrheit, liebe Wahrheit, es ist noch nicht soweit.“ Wir lernen, dass die Nachrichten perfekte Unterhaltung sind und „Django Unchained“ nur die perfekteren Bilder hat. Wirklichkeit ist imperfekt, und das was ist, ist unberichtbar. Da können wir nur noch staunen und sterben. Nur dass der eigene Tod keine Nachricht ist.
Nun wird noch nach der eigentlichen Aussage der Nachricht gefahndet. Was steht z.B. hinter der Meldung, dass seit Beginn der Unruhen in Syrien vor drei Jahren fast 100.000 Menschen getötet wurden? Dabei kippen die Darsteller immer wieder um, und wir erfahren, dass es vierzehn Tage dauern würde, wenn man den 12-Sekundensatz einmal für jeden Toten sprechen wollte. Daniel Lommatzsch verheddert sich bei einem Nullenloop, als er die Elfbillionen Euro Schulden der Europäischen Union verdeutlichen will. Wieder Birte Schnöink philosophiert vom Unglück der anderen in den Nachrichten und verzweifelt an den Fragen: „Wieviel Glück ist nötig, um das Unglück der anderen ertragen zu können? Wieviel Unglück der anderen braucht man zum Glücklichsein?“
Das erinnert entfernt an den Aufklärungskritiker und Menschenerzieher Rousseau, der von einem Gebot sprach, niemals jemandem zu schaden. Was für ihn eine Abkehr von der Gesellschaft bedeutete. „Denn in unserer Gesellschaft bedeutet Glück des einen notwendigerweise das Unglück des anderen. Das liegt im Wesen der Sache und niemand kann es ändern.“ Hier auf der Bühne ist man jedenfalls glücklich, dass das Unglück in den Nachrichten immer wo anders ist, und singt: „Ich will einfach nur glücklich sein.“ Da in Stemanns Kunst-Welt der Nachrichten weder zureichender Geist, noch die Kraft der Elemente oder eine zündende Idee herrschen, lässt sich leider auch nichts zu einem Kunstwerk in der Realität verschmelzen. Das Experiment scheint gescheitert. Wirklichkeit und Wahrheit bleiben auf der Strecke. Es erklingt das Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.
Kommune-Talk am Lagerfeuer – Foto: Armin Bardel
Als besonderen Witz blendet Stemann eine gefakte Meldung der ORF-Nachrichtensendung ZIB ein, in der der österreichische Anchorman Eugen Freund die Wirklichkeit für abgeschafft erklärt. Das, was wir traditionell als Wirklichkeit bezeichnen, sei nur eine Konstruktion, die auf selbstbestätigenden Annahmen beruht und sich daher jeglicher Begründbarkeit entzieht. Eine Expertenkommission sei bereits mit der Ausarbeitung von Alternativen beauftragt. Zu einer Art Expertengespräch mit Lagerfeuerromantik lädt dann auch Nicolas Stemann das ganze Team sowie den Nachrichtensprecher Eugen Freund und den Verschwörungstheoretiker Matthias Bröcker. Es geht natürlich vorrangig um die Glaubwürdigkeit von Nachrichten. Können wir alles glauben, was in den Nachrichten kommt? Wer ist im Besitz der Wahrheit?
Ein kleiner Exkurs in die Historie, die auch eine Geschichte des Kampfes um die Medienhoheit ist, hätte hier auf die Sprünge helfen können. Nicht umsonst haben Diktaturen Medien gezielt für Propaganda genutzt, und jeder Revolutionär kennt das Gebot, neben dem Regierungspalast und Flughafen auch die Radiosender zu besetzten. Milo Rau hat über die manipulative Kraft von Nachrichten in seinem Dokustück „Hate-Radio“ berichtet. Und wo bleibt die Kunst dabei? „Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht.“ hat Peter Weibel, der österreichischen Künstler, Kurator und Medientheoretiker, der neben Elfriede Jelinek und den bei der Premiere anwesenden Diskutanten ebenfalls als sogenannter Außenkorrespondent zu diesen Theoriegesprächen am Lagerfeuer geladen ist, 2000 in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt. Was durchaus auch die Frage des Auslotens von neuen Utopien mit einbeziehen würde.
Nicolas Stemann inmitten seiner Kommunarden mit Blaskapelle Foto: St. B.
Nicolas Stemann rammelt hier aber mit viel Getöse gegen längst offene Türen, die sich jedoch bereits wieder bedrohlich schnell zu schließen beginnen, ohne das überhaupt je über ein Dahinter nachgedacht worden wäre. Im Zeitalter von Facebook und Twitter kommt einem die abschließende Lagerfeuerrunde wie ein lustig ironisierender Anachronismus vor. Stemann vergisst dabei fast die anfangs zum Analog-twittern ans Publikum ausgegebenen Karteikärtchen wieder einsammeln zu lassen. Das stetige Kreieren von neuen Wirklichkeiten in der Welt des Internets hat bei unseren tapferen Kommunarden noch keinerlei Wirkung hinterlassen. Was diese Datenströme für Auswirkungen auf unsere reale Welt haben, lässt sich vielleicht noch am ehesten in den Einwürfen von Carl Hegemann erkennen, der aus dem NDR-Leitfaden zur Nachrichtengestaltung zitierte. Die Nachricht bezeichnet das, wonach man sich zu richten hat. Wobei es schlicht und einfach keine objektiven Nachrichten gibt. Der Anspruch an Wahrheit sei eine gemeinsame Grundlage, worüber man reden kann. Eine recht schwammige Formulierung.
Demnach wäre die Wahrheit also reine Verhandlungssache, frei nach der Konsenstheorie von Jürgen Habermas. Doch wie erreicht man eine paritätische und demokratische Teilnahme am Diskurs, wenn allein Parteiinteressen über die Besetzung von Kontrollgremien wie den Medienräten entscheiden? Der Dramaturg des Thalia Theaters sprach angesichts der Informationsflut in den Medien von kognitiver Dissonanz, und betonte noch einmal den manipulativen Charakter von Nachrichten. Seine Frage: Wie gehen wir damit um? Hier besteht also noch ein großer Bedarf an theoretischem Hintergrund, den der alte Dramaturgiehase Hegemann noch schaffen muss und wohl auch in Form eines Buches zum Projekt tun wird. Was allein schon wegen der Begrifflichkeit von Wahrheit, Wirklichkeit und Realität dringend erforderlich scheint. Bis zum Anwerfen der Wirklichkeitsmaschine im Thalia Theater Hamburg vergeht ja noch ein wenig Zeit.
3. Manifest der Kommune der Wahrheit: „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt – Foto: Armin Bardel
Bis dahin bietet Regisseur Stemann die Thesen des 3. Manifests der Kommune an, die da lauten: „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.“ Dem Terror der Nachrichten will die Kommune den Gegenterror der Phantasie in der Kunst entgegensetzen. Wie diese Gegenwirklichkeit aussieht, zeigt Stemann noch mal ganz zum Schluss, und gibt die Gesetze der Wirklichkeit als unvollkommen zur Änderung frei. Sebastian Rudolph und Daniel Lommatzsch steigen dazu in glitzernde Phantasieanzüge und lassen sich an Seilen emporziehen, während dazu das restliche Ensemble in Mickey-Mouse- und Cowboykostümen „Dreams are my Reality“ von Richard Sanderson aus dem 80er-Jahre-Cultstreifen „La Boum“ intoniert. Was recht sympathisch rüberkommt, als einzige ästhetische Setzung allerdings recht dürftig erscheint. Die Fete wird im September in Hamburg weitergehen. Die Kommune kämpft auch dort wieder mit der Flut der täglichen Nachrichten.
Nicolas Stemann muss dabei nur aufpassen, nicht völlig in Beliebigkeit zu versinken. Er hat schwierige Theatertexte, insbesondere die mäandernden Textflächen von Elfriede Jelinek, schon wesentlich interessanter in Szene gesetzt. Dem gehaltlosen Strom der Nachrichten die rein ästhetische Bilderwelt des Theaters entgegenzusetzen, kann genauso schnell übersättigen. Eine hübsche Verpackung täuscht nicht in jedem Fall über den schmalen Gehalt hinweg. Sowohl am Theater wie auch in den Medien ist nichts tödlicher als Belanglosigkeit und gediegene Langeweile. Und das wussten schon die Rolling Stones: „Who wants yesterday’s papers? Nobody in the world.“. Bezeichnender Weise gab es dann auch beim Verlassen des Stemann’schen Wirklichkeitsraums die aktuelle Tagesausgabe des Kuriers, einem der vielen Medienpartner der Wiener Festwochen. So kann man dann alles noch einmal schwarz auf weiß nachlesen, inklusive einer wohlwollenden Kritik zwei Tage später.
Die Kommune der Wahrheit beim Premierenapplaus – Foto: St. B.
Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh‘ in einem stillen Gebiet!
Ich leb‘ allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!
Friedrich Rückert (1821), Musik: Gustav Mahler
***
Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine
Nachrichtentheater von Nicolas Stemann
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Anika Marquardt, Lani Tran-Duc, Nicolas Stemann, Kostüme: Marysol del Castillo, Video: Claudia Lehmann.
Mit: Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Jörg Pohl, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Miriam Fontaine, Magdalena Hiller, Elisabeth Kanettis, Susanna Kratsch, Mariano Margarit, Birgit Unger, Verena Uyka, Fabiola Varga, Werner Weissgram, Florence Weissgram, Post und Telekom Musik Wien (Leitung: Christian Schranz).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
„Floh im Ohr“ von Georges Feydeau im Berliner Ensemble – Foto: St. B.
Gute Unterhaltung ist Mangelware an den Theatertempeln der subventionierten deutschen Hochkultur. Obwohl man sich schon hin und wieder mal am gut gemachten Boulevard versucht. Neben zeitgenössischen deutschen Autoren wie David Gieselmann (Herr Kolpert) und Lutz Hübner (Blütenträume, Richtfest u.a.), dem Briten Alan Ayckbourn (Bedroom Farce, RollenSpiel, Schöne Bescherungen u.a.) oder auch der Meisterin des französischen Edelboulevards Yasmina Reza (Drei Mal Leben, Der Gott des Gemetzels u.a.), die in ihren Komödien aber immer auch eine tiefere Metaebene einziehen, eignen sich dabei besonders die französischen Autoren der Belle Époque wie Eugène Labiche (Das Sparschwein) oder sein Bewunderer Georges Feydeau, der das Vaudville immer gegen die Hochkultur verteidigt hatte. Dieses Genre der sogenannten leichten Muse (u.a. Jacques Offenbach) und Boulevard-Komödie erfuhr etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch an deutschen Theatern seine Hochzeit.
Das Deutsche Theater in Berlin hat sich in der Gründerzeit aus eben einer solchen Vaudeville- und Operettenbühne heraus erst zum Nationalen Kunsttempel entwickelt. Das national erstarkte deutsche Bürgertum, das sein Selbstverständnis plötzlich nicht mehr nur in der reinen Unterhaltung sah, sondern seine gerade gewonnene Freiheit wieder mit strengeren Moralvorstellungen reglementierte, entdeckte wieder Goethe, Schiller und Kleist für sich. Eine für Deutschland durchaus typische Entwicklung, die bis heute trotz Postdramatik und Regietheater anhält, und sich nun, damit ästhetisch fast am Ende, plötzlich wieder in ironischer Weise des guten alten Vaudevilles besinnt. Dass die Komödie mit ironischem Tiefgang jedoch auch gewaltig in die Hose gehen kann, hat gerade erst der oberste Hausregisseur des DT Andreas Kriegenburg mit seiner bunten Show des individualisierten Unterhaltungsterrors „Sklaven“ nach Einaktern von Georges Courteline bewiesen.
Um der Hölle der sogenannten bürgerlichen Freiheit zu entkommen, ging der vergnügungssüchtige Familienvater von jeher gerne in den Puff und daheim zum Lachen in den Keller, oder eben auch ins Boulevardtheater. Da war es fast schon zwangsläufig Bedingung, dass neben dem festgefügten bürgerlichen Weltbild auch die Hosen ordentlich ins Rutschen geraten durften. Dazu bedarf es natürlich, um nicht auch noch das Niveau allzu tief sinken zu lassen, eines glücklichen Regiehändchens und einer gut geölten Theatermaschinerie vor und hinter den Kulissen. Nichts ist auf der Bühne schwieriger, als einen Schwank so zu schmieren, dass die Chose ordentlich flutscht und dabei nicht vollends abschmiert. Was so leicht aussieht, ist also durchaus handwerkliche Schwerstarbeit, und davor steht natürlich noch der mit der nötigen Begabung fürs Feine und Grobe versehene Autor, der in seinen Stücken das Uhrwerk so genau einzustellen weiß, dass es auch an den richtigen Stellen gongt, sprich Witz und Situationskomik überhaupt erst zünden können.
Georges Feydeau (1862 – 1921)
Und so ein Meister der guten Theaterschmiere ist eben der bereits erwähnte Georges Feydeau. Er hat derer immerhin sechsundsechzig geschrieben. Dabei durchlebte Feydeau seine, die Doppelmoral des Bürgertums entlarvenden Komödien, geradezu am eigenen Leib. Je nach Erfolg seiner Stücke bewegte er sich in gehobeneren oder weniger solventen Kreisen, und beendete sein Leben als geschiedener Mann, der die letzen Jahre seines Lebens in einem Hotel verbrachte, infolge einer Syphiliserkrankung geistig umnachtet. Feydeaus bekanntestes und auch immer wieder auf den Spielplänen der subventionierten Stadttheater stehende Stück ist die schwankhaft-groteske Komödie „La puce à l’oreille“, zu deutsch „Der Floh im Ohr“.
Das Berliner Ensemble öffnet sich damit nun auch ganz offiziell dem breiteren Publikumsgeschmack. Was nicht weiter erwähnenswert wäre, würde man hier nicht geradezu immer wieder den Hort der politischen Widerständigkeit gegen jegliche programmatische Verflachung verteidigen. Mit Regisseur Philip Tiedemann hat man dann auch den Mann gefunden, der bereits mehrfach bewiesen hat, siehe seine Inszenierungen der Schillerversion „Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen“ nach der Komödie des Franzosen Louis-Benoît Picard oder „Immanuel Kant“ von Thomas Bernhard, dass er einer boulevardesken Figurenzeichnung durchaus nicht abgeneigt ist, und den Spagat zwischen E und U mühelos hinbekommt.
Philip Tiedemann befindet sich mit seiner Idee Feydaus Klamotte „Floh im Ohr“ auf die große Bühne des BE zu hieven in prominenter Gesellschaft. Wie bereits Martin Kušej 2004 am Thalia Theater Hamburg und Dieter Dorn 2006 am Resi in München verwendet er dabei die moderne Übersetzung von Elfriede Jelinek. Die französische Boulevardkomödie hat tatsächlich einen gewissen Reiz auf die österreichische Autorin ausgeübt, und sich mit Sicherheit auch in den oft endlos kalauernden Wortkaskaden ihrer Theatertexte niedergeschlagen.
Die scharfe Kritikerin bürgerlicher Abgründe und fieser Scheinmoral ist von Detailreichtum, Komplexität und Zeichenhaftigkeit der Sprache in der französischen Farce gleichermaßen fasziniert, wie von der rasanten Schnelligkeit und der Tatsache, das nach dem kurzen Durchrütteln der bürgerlichen Konventionen alles wieder auf den Ausgangspunkt zuläuft. Der Bürger als Hamster im Rad der gesellschaftlichen Konventionen, wie sie es beschreibt. Die Komik speist sich hier aus der Verzweifelung der Figuren, mit der sie ihre Fehltritte zu vertuschen suchen, um dabei doch nur in Höchstgeschwindigkeit scheinbar immer tiefer im Strudel um die eigenen Lügen und Intrigen zu versinken.
Der „Floh im Ohr“ von Raymonde (Swetlana Schönfeld), der Ehefrau des Rechtsanwalts Victor-Emmanuel Chandebise (Joachim Nimtz), ist die irrige Annahme, dass ihr Gatte, der sie scheinbar absichtlich vernachlässigt, eine Affäre haben muss. Denn, was ich selber denk und tu, das trau ich auch den andren zu. Beweis sind ein paar Hosenträger, die ihr aus dem berüchtigten Etablissement „Zur Zärtlichen Miezekatze“ mit der Post zugeschickt wurden. Ihr Plan ist es, mit Hilfe eines fingierten anonymen Liebesbriefs, den ihre Freundin Luceinne (Marina Senkel) schreiben muss, den Untreuen Ehemann zu überführen. Daraus ergeben sich naturgemäß in Folge die allerschönsten Verwicklungen. Die verklemmte Moral wirft im Verborgenen ihre Hosenträger ab und stolpert sogleich über die heruntergelassenen Hosen.
„Floh im Ohr“ am Berliner Ensemble. Bühnenbild: Norbert Bellen – Foto: St. B.
Der eigentliche Besitzer der Chandebise’schen Hosenträger ist allerdings der Cousin des Hausherrn Camille, der überdies einen veritablen Sprachfehler besitzt (Thomas Wittmann beherrscht das konsonantenlose Sprechen praktisch wie aus dem Effeff), und ohne Hilfsmittel des zwielichtigen Arztes Dr. Finache (Uli Pleßmann) nicht viel zur Aufklärung beitragen kann. Der in Liebesdingen Benachteiligte benötigt etwas erotische Nachhilfe, die er sich in den Armen „zärtlicher Miezekatzen“ erhofft.
Weiterhin verwickelt sind der bisher verschmähte Verehrer von Madam Chandebise und Mitarbeiter von Victor-Emmanuel, Romain Tournell (Veit Schubert), der für seinen vorsichtigen Chef das Rendezvous wahrnehmen soll, und der sich nun ebenfalls gehörnt glaubende spanische Gatte von Luceinne, Carlos Homenides de Histangua (Jakob Schneider). Für vollkommene Verwirrung bei allen Beteiligten sorgt noch, dass der versoffene Portier des Hotels „Zur Zärtlichen Miezekatze“, genannt Poche, Rechtsanwalt Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Joachim Nimtz brilliert in dieser Doppelrolle mit schnellem Wechsel von Körperhaltung, Sprache und Kostüm.
Wie in jeder richtigen Boulevardkomödie klappen nun auch am BE die Türen und Bodenluken auf und zu, drehen sich Betten und verschwinden die Figuren damit im Bühnenboden, geben sich Herrenzote und Unterleibswitz die Klinke in die Hand. Nach anfänglichem Geplänkel und Ränkeschmieden im Hause Chandebise dreht die Klamotte erwartungsgemäß im 2. Akt bei den „Zärtlichen Miezekatzen“ auf. Ganz routiniert und halbwegs gut geölt läuft dann auch die Bühnenmaschinerie mit einer variabel verschiebbaren Lattenwand (Bühne: Norbert Bellen), die neben den Türen noch Platz zum Durchschlüpfen lässt und den Akteuren auch als Klettergerüst dient.
Die ganze Personage versammelt sich zum nicht ganz freiwilligen, gemeinsamen amourösen Tänzchen im verruchten Hotel. Männer stammeln, Damen kreischen. Klischee reiht sich an Klischee. Der Holzhammer regiert und Fußtritte sind noch immer probates Mittel für Schenkelklopfer. Chaplin lässt grüßen, und hat noch immer die Lacher auf seine Seite bekommen. Ein riesiger Rugbyspieler (Nicolai Despot) gibt den nach erotischen Abenteuern gierenden Engländer gleichen Namens, der sich auf alles was noch einen Rock trägt mit eindeutiger Pose stürzt. Der eifersüchtige spanische Ehemann trägt seinen Colt wie ein mexikanischer Pistolero, und kaut dabei bedrohlich auf seinem Akzent herum.
Feydeaus frecher Floh beißt sich fest im Ohr aller Beteiligten und versucht auch den gewagten Sprung ins Publikum, das bislang nur vereinzelt zu Lachen wagte. Dabei halten sich innere Abwehrhaltung und der Wille zum Amüsement vorerst die Waage. Allein das Karussell der Verwicklungen dreht sich dann doch etwas zu vorhersehbar. Man merkt dem Floh seine Jahre an, die er auf dem Buckel trägt. Es ächzt bedächtig im Gebälk der Witzmaschine. Der Sprung in die Gegenwart gerät leider etwas zu kurz. Tiedemann lässt der Farce auch nicht vollends ihren freien Lauf, bewahrt sie vor dem unkontrollierten Durchdrehen.
Das Team vom „Floh im Ohr“ beim Beifall. Foto: St. B.
Zu durchsichtig scheint heute diese Verwechslungskomödie, als dass sich daraus die nötigen Funken schlagen ließen, um einen Hochkultur-gesättigten Bildungsbürger noch aus der Reserve locken zu können. Obwohl die moralischen Hosenträger sicher auch weiterhin festgezurrt am Körper sitzen, scheinen uns das vorübergehende Ausbrechen aus starren Ehe-Konventionen oder ähnlich lächerliche Befindlichkeiten, wie die Angst vor dem Skandal, der noch die Figuren in Feydeaus Komödien antrieb, heute doch eher kalt zu lassen. Oder lag es am kühlen Wetter? Trotz allem noch ein recht warmer Applaus für das aufopferungsvoll kämpfende und ausgelassen hüpfende Floh-Ensemble.
Sonntag, 12. Mai, kurz vor 16:00 Uhr – es regnet in Berlin. Die Menschen auf der Kastanienallee hasten mit Regenschirmen an einem vorbei oder suchen trockene Plätzchen zum Unterschlüpfen. Der Praterbiergarten ist verwaist, bis auf ein Grüppchen Übriggebliebener vom Vatertag, die sich unter ein Vordach des Ausschanks verkrochen haben. Beste Zeit also, um dem 12-Spartenhaus, das die norwegischen Performer Vegard Vinge (Regie), Ida Müller (Bühne) und Trond Reinholdtsen (Musik) im Praterinneren aufgebaut haben sollen, einen Besuch abzustatten. Aber würde es auch gelingen, Einlass zu erhalten? Man war vorgewarnt. Bei der Premiere am 4. Mai musste die versammelte Besucherschar, inklusive der zahlreich erschienenen Kritiker, die nach etwa 4 Stunden vergeblichen Wartens nicht in den Zuschauersaal vorgelassen worden waren, unverrichteter Dinge wieder abziehen. In der zweiten Vorstellung gelang es besonders Hartnäckigen erst nach 6 Stunden in die Gänge des Hauses vorzudringen. Allerdings blieben auch da die Türen zum Allerheiligsten verschlossen.
Das Interesse ist auch am dritten Tag der Performance groß. Eine kleine Schlange hat sich vor dem Prater auf dem Gehweg der Kastanienallee gebildet. Ungeduldige wollen schneller vorgelassen werden, andere fragen den Einlassdienst nach der Länge der Aufführung. Einige Wartende lachen wissend. Die Antwort fällt mit zwischen drei und dreizehn Stunden unbefriedigend vage aus. Ungläubig fragt ein englisch sprechender junger Mann nach, und lächelt verlegen, als die Antwort bestätigt wird. Trotzdem lässt er sich nicht in die Flucht schlagen. Die Neugier obsiegt. Vor einem Jahr hatte das Künstler-Duo Vinge/Müller schon einmal mit einer Art Endlosperformance das Berliner Publikum angezogen, zu großen Teilen begeistert, aber auch in einigen Fällen angeekelt wieder abgestoßen. Damals führten sie auf der Bühne des Praters, die wie ein überdimensioniertes Puppenhaus gestaltet war, ihre ganz spezielle Interpretation von Ibsens Stück „John Gabriel Borkmann“ auf. Dabei faszinierte die meisten Zuschauer die Phantasie, mit ihrem schier unerschöpflichen Bilderreichtum, und die körperliche Radikalität mit der sich die Performer immer wieder an den Rand des Darstellbaren manövrierten.
Auch im 12-Spartenhaus, das Vegard Vinge im letzten Jahr bereits angekündigt hatte, geht es wieder um den weiten Psychokosmos der Dramengestalten des norwegischen Nationaldichters Henrik Ibsen. Es ist mittlerweile bereits die fünfte Ibsen-Bearbeitung des Künstlerkollektivs um Vinge und Müller. Im Prater der Volksbühne war noch 2011 eine 24-Stunden-Wildente weitestgehend unbeachtet geblieben. Spätestens aber mit der Einladung des „Borkmann“ zum Theatertreffen 2012 war das Berliner Publikum endgültig angefixt. Nun soll es also Ibsens „Ein Volksfeind“ sein, wie man den ersten Berichten der Kritiker entnehmen kann. Ein Stück um Demokratie, Volkszorn und elitäre Machtphantasien, mit dem sich in letzter Zeit nicht nur Schaubühne und Maxim Gorki Theater in mehr oder minder gelungenen Inszenierungen befasst haben. Programmzettel, Besetzungslisten oder irgendwelche Hinweise auf den Inhalt des 12-Spartenhauses auf der Website der Volksbühne gab es wie immer nicht.
Eingang zum Foyer des 12-Spartenhauses von Vinge/Müller im Prater der Volksbühne – Foto: St. B.
Und so harrt dann auch alles im Foyer des Praters freudig oder eher skeptisch der Dinge, die da kommen mögen. Der Raum ist ziemlich dunkel. Die Wände mit ihren großen, aufgemalten schwarzen Mosaiksteinen schlucken jegliches Licht. Wogegen die Decken mit farblich wesentlich stärker akzentuierten Mosaiken ausgestattet sind. An der Bar steht mit weißen Buchstaben „Teewasser und Butterbrot“. Vorerst geschieht allerdings nicht viel. Aus dem Lautsprecher dröhnt es immer wieder „Das Publikum, das Publikum.“ Durch eine Tür mit Fenstern kann man auf der Treppe zum Einlass nur einige der typischen, comicartig kostümierten Vinge-Figuren mit Gummimasken sehen. Eine davon hat überdimensionale Pappschlüssel in der Hand und verordnet mit schnarrender Stimme „Mäßigung“.
Nachdem nach ca. einer halben Stunde jeder Zuschauer sein Karte gegen ein rotes Plastik-Bändchen eingetauscht hat und einige es sich auf den umstehenden Bänken bequem gemacht haben, wird auf den drei Videoleinwänden eine OP-Szene eingespielt, bei der jener Mann mit den Schlüsseln nun als Chirurg einer Puppe in den Eingeweiden wühlt und das Innere interessiert in Augenschein nimmt. Ihm assistiert eine Dame in 50er-Jahre-Haarspray-Frisur mit großer Brille. Ein Bezug zu Ibsens Volksfeind ist noch nicht zu erkennen. In den Gängen, die man auch durch ein kleines Fenster einsehen kann, geht eine Figur mit schwarzer Maske und SS-Ledermantel auf und ab und hämmert gegen die Türen, die mit Aufschriften wie Garderobe, Dramaturgie, Intendanz, Ton, Administrator, Musikzimmer, Küche, Bad etc. ein voll funktionsfähiges Theaterhaus suggerieren.
Aber auch ihm wird nicht aufgetan, und er verheddert sich zunehmend in einem nicht enden wollenden „Sieg-Heil“-Score, der mit einem Techno-Loop der Anfangsakkorde von Modern Talkings „Cheri, Cheri Lady“ unterlegt ist. Ist das die Horrorvision eines uniformierten Unterhaltungsfaschismus á la Dieter Bohlen, der hier persifliert werden soll? Oder etwa die Diktatur der unbedingten Bespaßungserwartung des Publikums? Es werden Jahreszahlen eingeblendet. Wir switchen von 1942 bis nach 2011, dem Jahr der ersten Praterbesetzung von Vinge/Müller. Gastspiel Nairobi ist auf dem Bildschirm zu lesen. In einem Fenster unter der Aufschrift „ideologische Wand“ erscheint eine Art Geisterbahnfigur. In der Dramaturgie bearbeitet jemand eine Pappschreibmaschine. Und ein grauhaariger Mann mit Brille schnarrt etwas unverständlich von „allerbesten Aussichten, in der nächsten Zeit Professor zu werden“. Offensichtlich eine Passage aus „Hedda Gabler“. Immer mehr falsche Fährten werden gelegt. Am Einlass tut sich weiterhin nichts.
Vor einer Kulisse mit malerischem Bergpanorama und Aufschrift „Badeanstalt“ spricht die Figur vom Beginn über „Maßnahmen nur auf vorschriftlichem und gesetzlichem Wege“. Es ist Stadtvogt Peter Stockmann, der wie ein Mantra ständig die Worte „eine gute Atmosphäre“ wiederholt. Als noch zwei skurrile Typen in Trenchcoat mit Aufnahmegerät und Mikrofon auftauchen und zu einem Hüpfballett repetieren „Wenn erst die Presse eingreift.“, ist spätestens klar, dass wir uns schon mitten im „Volksfeind“ aus dem Comic-Ibsen-Universum des Vegard Vinge befinden, mit jeder Menge Anspielungen, Zitaten und Wagnermusik satt. Wer bis jetzt nichts verstanden hat, bekommt dann auch endlich ein bekanntes Gesicht zu sehen. Im OP taucht im Krankenkittel Volksbühnen-Mime Volker Spengler auf und liest erst einmal aus Ibsens „Baumeister Solness“. Es ist aber mehr ein unverständliches Lallen. Von einem Jungen im Wagner-Shirt, der auch schon in der „Wildente“ zu sehen war, wird er frontal bestiegen und nach einer Opernarie entbindet Spengler ein strammes Baby. „Nimm ihn an die Brust, gib ihm Milch, Vater!“ krächzt der Junge. Da ist er wieder, der große Psycho-Vater-Mutter-Komplex, den Vinge schon im „Borkmann“ bis zum Exzess strapaziert hat.
Volker Spengler liest aus Ibsens Baumeister Solness. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller
Gegen 18:00 Uhr, Volker Spengler dürfte nach der Anstrengung schon Feierabend haben, gibt es erste Einblicke auf das Innere des Bühnenraums. Zur Musik aus Wagners „Parsival“ schauen wir die heilige Halle. Aber Erlösung für die Wartenden ist noch lange nicht in Sicht. Ein Intendant mit Anzug und Krawatte, ebenfalls eine Figur aus der „Wildente“, der wie ein Mix aus Heiner Müller und Frank Castorf aussieht, zeigt auf alles und wiederholt dabei immer wieder „Meins!“. Er wird vom Jungen im Wagner-Shirt verfolgt, der ihn Vater nennt. „Möglicherweise sind wir überhaupt nicht mehr allein.“ ist seine Vermutung, die angesichts des erwartungsvollen Publikums auch vollauf der Wahrheit entspricht. Vergard Vinge verknüpft hier gekonnt Ibsens Stück, mit den Publikumserwartungen und dem elitären Theaterbetrieb an sich. Im Folgenden wird von der Journalie die Druckerpresse angeworfen. Das Programm des 12-Spartenhauses entsteht als News, die als „Die Revolution“ angepriesen werden.Der Junge ergeht sich in Ganzkörperbemalungen von nackten Frauen mit Netzstrümpfen und Riesenkitzlern, während der Intendant in seinem Sessel dabei mit einem Gummipenis onaniert. Dazu jault Celin Dion „My Heart Will Go On“ aus dem Film „Titanic“. Zu vorgerückter Stunde wird der bereits aus der 24-Stunden-„Wildente“ und dem „Borkmann“ bekannte Dr. Relling (eigentlich eine Figur aus Ibsens „Wildente“) im OP aus den Ingredienzien Intendanzsperma, ein paar Eiern und dem Inhalt von in Fläschchen abgefüllten Ismen wie Materialismus, Realismus, Erotismus, Feminismus, Darwinismus, Positivismus usw. den Grundstoff für einen neuen Menschen mixen. „Die Methode ist probat.“ heißt es immer wieder. Auch so ein Satz aus der Wildente. Dr. Relling, Ibsens Meister der Lebenslüge, versetzt hier keine Fontanelle, sondern schmeißt einfach den Brutkasten für den dämonischen Menschen an. Alles Weitere ist reines Kopfkino.
Bis dahin erfahren wir aber noch einiges aus dem Inneren des 12-Spartenhauses. Im Keller wird ein ordentlicher Haufen Kunstkacke mit Drehstühlen umrundet und dabei immer mehr breitgetreten. Was oben in den Gängen des 12-Spartenhauses produziert wird, verstopft unten so langsam die Kanalisation. Endlich ein Fall für den Badearzt Dr. Stockmann. Auftritt mit Schaufel. Während er im Schweiße seines Angesichts die fauligen Wasserrohre ausgräbt und bis zum Ellenbogen im Dreck verschwindet, sitzt oben Stadtvogt Peter Stockmann auf dem Lokus und sinniert: „Das ist nichts für meine Verdauung.“ Die Sache nimmt langsam Fahrt auf, als Badearzt Stockmann gegen 22:00 Uhr mit der „großen Entdeckung“ bei seinem Bruder auftaucht und immer wieder kräht: „Das Bad ist eine Pesthöhle.“. Nun kommt auch wieder Bewegung ins Publikum, das teilweise schon in Löffelchenstellung am Boden lag. Wagner kündigt wieder Großes an. Es ist aber nur ein Wutausbruch Stockmanns, der nun mit dem Rohr in der Hand zur großen Rede anhebt: „Die ganze Gesellschaft muss gereinigt werden.“ Alles strömt zum Einlass, um seinen Worten zu lauschen, leider bleibt das Portal abermals verschlossen.
Da wir nicht hinein gelangen, verlegt Peter Stockmann das Geschehen einfach mal nach draußen auf die Kastanienallee. Schüsse und Böller sind zu vernehmen. Vorsicht! Aus dem Prater wird anscheinend scharf geschossen. Eine gute Atmosphäre eben. Im Hof des Praters werkeln Bühnenarbeiter in Overalls, auf denen die Bezeichnungen, Sparte 1, 2 usw. stehen. Der Stadtvogt verkündet „Wachstum“, während er Geld gegen „Loyalität, wenn ich dir helfe, deine ökonomische Stellung zu verbessern.“ verteilt. Auch eine Möglichkeit ein 12-Spartenhaus zu finanzieren. Die Sparte Ballett dreht sich ohne Pause vor einer Pyramide, jetzt ist Aida dran, und sinkt irgendwann einfach um. Vinge überträgt die ideologischen Kämpfe um das Bad einfach auf die Verteilungskämpfe an einem Mehrspartentheater, was durchaus seinen Reiz hat. In diesem Theater, wo ebenfalls um den neuen Menschen gerungen wird und ideologisches Wasser in den Leitungen fließt, ist die Produktionsmaschinerie des Dr. Relling gegen 00:00 Uhr an ihrem Höhepunkt angelangt. Der Neue Mensch ist geboren. Das ganze Haus gerät dabei in einer rasanten Kamerafahrt durch die Gänge ins Wanken. A-ha schmettern dazu ihr „The Sun Allways Shines on T.V.”. Das Video des Songs ist ebenso eine Mischung aus Comic-Bildern und Realaufnahmen wie man sie hier in Vinges kleinem Horrorladen bewundern kann.
Jede Menge Ismen und Intendanzsperma. Foto: Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller
Als Pausenclown ist immer mal wieder der Mann im SS-Mantel zu sehen. Er singt schräg zum Pappakkordeon: „Wie einen Hund haben sie mich davon gejagt.“ Es ist also Morten Kiil, der zwielichtige Fabrikant und Schwiegervater von Badearzt Stockmann, der sich über seinen Rauswurf aus dem Stadtrat beschwert. Und natürlich kommt auch noch die Ekelfraktion auf ihre Kosten. Peter Stockmann zieht u.a. genüsslich langsam einen Tampon aus der Vagina der Tochter des Badearztes und lässt sich Teewasser und Butterbrot kommen. Man fühlt sich an den alten Witz erinnert: „Lieber Gott, lass es einen Teebeutel sein.“ Danach malträtiert er noch ein wenig den Badearzt mit der Rohrzange. „Es ist nicht meine Art, mich mit jemandem in die Haare zu kriegen. Gott behüte.“ Bis dann endlich der gute alte Kapitän Horster in seinem U-Boot zur „heilen Welt“ konstatiert: „Das wird nicht seine Meinung ändern.“ Da ist es dann aber auch schon nach 1:00 Uhr nachts.Nachdem sich die schräge Ibsen-Crew in die Koje gehauen hat und zu schnarchen beginnt, wird auch dem letzten der verbliebenen Tapferen im Foyer klar, dass sich die Pforte zum Heiligtum nicht mehr öffnen wird. Vinge und seine Ibsen-Zombies legen eine kurze Pause ein, bevor die nächsten Vergnügungssüchtigen wieder die Feste bestürmen werden. Um 1:30 Uhr schließen sich unwiderruflich die Türen zum virtuellen 12-Spartenhaus. Auf der Kastanienallee tobt dagegen immer noch das reale Leben, oder was man dafür halten könnte. Berliner Nachtschwärmer sind auf der Suche nach ihrem ganz speziellen Kick. Wem das Gesehene bis dato noch nicht ausgereicht hat, kann sich ihnen anschließen, oder auf die vage Aussicht einer späteren Beglückung nicht unter 9 Stunden Wartezeit hoffen. Also dann, bis zum nächsten Versuch.
***
Oh, I can’t explain
Every time it’s the same
Oh I feel that it’s real
Take my heart
I’ve been lonely to long
Oh, I can’t be so strong
Take the chance for romance, take my heart
I need you so
There’s no time I’ll ever go
Cheri, cheri lady
Going through a motion
Love is where you find it
Listen to your heart
Cheri, cheri lady
Living in devotion
It’s always like the first time
Let me take a part
Theaterzauberer Robert Wilson verwendet nicht erst seit heute Musik zur Untermalung seiner Inszenierungen. Bisher standen ihm Größen der Rock- und Pop-Szene wie Tom Waits, Herbert Grönemeyer oder Lou Reed zur Seite. Für seine neue Produktion am Berliner Ensemble hat Wilson nun mit den Schwestern Bianca und Sierra Casady, auch bekannt als CocoRosie, zusammengearbeitet, die eigentlich musikalisch bestens zu seinem bizarren bunt-bizarren Bildertheater passen müssten. Vor zwei Jahren stellt der 71jährige Texaner die bekannte Schauspielerin Angela Winkler als schaurig-schönen Vamp und verführerische Kind-Frau Lulu auf die Bühne des BE. Diesmal hat er sich die Geschichte von Peter Pan, dem Jungen der nicht erwachsen werden will, von James Matthew Barrie ausgesucht. Gespielt wird die Bühnenfassung in deutscher Übersetzung von Erich Kästner. Der Text ist dankenswerter Weise im wie immer am BE in anspruchsvoller Weise gestalteten Programmbuch abgedruckt.
Foto: St. B.
Wilson interessiert am Peter Pan nicht nur die jugendliche Pose, sondern auch der Zwiespalt eines Menschen, der, für die ewige Jugend und Freiheit auf Liebe und ein Glück in Gemeinschaft verzichtend, bewusst seine Rolle als Außenseiter zelebriert. Dass auch er einst eine zweite Seite, einen sogenannten Schatten besessen hat, zeigt die Inszenierung gleich im ersten Bild. Groß ist er hinter einer kleinen Jungenspuppe mit Laterne an der Bühnenrückwand angebracht. Sabin Tambrea, der Jungstar des Berliner Ensembles, gibt aber sogleich von schallendem Gelächter begleitet zu verstehen, dass er Peter Pan sei und lustig sein will. Das Spiel beginnt dann auch sogleich mit einer Parade der Darsteller in bunten Kostümen und wie immer grellgeschminkten Gesichtern. Ein Schatten, der darauf fallen könnte, stört da nur und wird daher auch gleich entfernt.
Aber um diese andere Seite, den fehlenden Schatten, soll es gehen, auf dessen Suche Peter Pan auf Wendy Darling (Anna Graenzer) trifft und sie mit ihren Brüdern durchs geöffnete Fenster ins Neverland entführt. Den Künsten dieses mit grüner Lederjacke bekleideten Verführers erliegen die Darling-Kinder nur zu gern, um aus der täglichen Gängelei der Eltern und Neufundländer-Nana, die hier gleich dreifach in der Form von knurrenden und bellenden Bullterriern auftritt, zu entrinnen. Auf weißen Wattewolken, die auf großen Stellagen geschoben werden, geht der Flug ins Land Nirgendwo einem Reich mit Piraten, Indianern und Nixen, in dem Peter Pan der Käptn der Lost Boys ist.
PETER PAN am BE – Fotos (c) Lucie Jansch
Wilson verzaubert in der ersten Hälfte sein Publikum mit immer neuen Arrangements aus fantastischen Figuren, Kostümen und Musikeinlagen. Die Lost Boys sind lustige Kerls mit roten Haaren, die Piraten finstere Ledermäntelträger mit Sturmfrisur, Tigerlilly (Georgios Tsivanoglou) sieht aus wie ein dick eingemummelter Eskimo und singt mit ihren Indianern ein lustiges „Hände in die Luft“. Die Fee Tinkerbell, Peters eifersüchtiges Anhängsel, schwirrt als ein alles elektrisierendes, blondgelocktes Zwitterwesen im Tutu umher. Christopher Nell treibt Schabernack wie ein Puck, piekt alle mit seinem Zauberstab, zittert, lacht und singt in hellstem Sopran. Ein Idealwesen der Wilson`schen Figurenchoreografie. Und so kiekst, funkt, klingt und plingt es bis zur Pause weiter, dass es nur so eine Freude ist. Das Publikum dankt es den Schauspielern mit einigen Lachern und reichlich Szenenapplaus.
Vielleicht kommt das alles aber doch etwas zu bunt, lustig und infantil daher. Das Hintergründige, die schwarze Seite des Nimmerlands will sich nicht wirklich zeigen. Der Schrecken erzeugt sich aus präzise getimtem Licht und jedes neue Bild wird schnell zur beliebigen Karikatur. Da sirren die Sirenen auf spitzen Pappmageklippen und der böse Käpten Hook droht mit seiner Hakenhand und schwingt die Peitsche. Er verflucht seinen Erzfeind Peter Pan und besingt ihn doch in einer melancholischen Stunde auch als seinen Erzfreund. Stefan Kurt, langjähriger Wilson-Darsteller, changiert hier als Zerrissener zwischen Einsamkeit und Wahn. Er will Peter zum Manne machen und scheitert doch an seiner eigenen Angst vor dem Tod. Ein Krokodil mit funkelnden Augen trägt bereits seine Uhr und Hand im Magen. Als sie zu ticken aufhört, ist es auch um ihn komplett geschehen.
PETER PAN am BE, Premierenbeifall – Foto: St. B.
Peter Pan darf lachender Rächer und geflügelter Retter seiner Wendy und der Lost Boys sein. Er bleibt immer die Jugend und die Freude. Das es auch durchaus anders sein könnte, kommt nur in einer Szene mit den Lost Boys im Haus unter der Erde zum Ausdruck. Hier sitzen sie aufgereiht an einer langen Tafel, an deren Enden Wendy und Peter sich wie ein altes Ehepaar streiten. Wendy gerät hier zur bösen Karikatur ihrer Mutter. Anna Graenzer ist dieser Zwiespalt von Anbeginn grell ins Gesicht geschminkt und die Angst, dass irgendwann das Fenster zu Heim und Eltern für immer geschlossen sein könnte. Doch das Musical verlangt nach seinem Happy End. Familie Darling bekommt Zuwachs durch die Lost Boys und Peter singt sein Good Bye. „To Die Be An Awfully Great Adventure“. Und nicht nur das bleibt bei Robert Wilsons neuestem musikalischem Bilderspaß allerschönste Behauptung.
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PETER PAN
Robert Wilson / CocoRosie
von J. M. Barrie / Deutsch von Erich Kästner
Regie, Bühne, Lichtkonzept:
Robert Wilson
Musik und Songs: CocoRosie
Kostüme: Jacques Reynaud
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Dramaturgie: Jutta Ferbers,
Dietmar Böck
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Yashi Tabassomi
Musikalische Leitung: Stefan Rager, Hans-Jörn Brandenburg
Arrangements/musikalische Einrichtung: Doug Wieselman
Übersetzung der Songs: Arezu Weitholz
Licht: Ulrich Eh
Mit: Antonia Bill (Nixe I, Whibbles, Die Tapfere), Luca Schaub (Bisschen), Claudia Burckhardt (Nixe II, Cecco), Anke Engelsmann (Nana, Tootles), Johanna Griebel (Zwilling I), Raphael Dwinger (Nana, Spitzchen), Anna Graenzer (Wendy), Traute Hoess (Frau Darling, Nixe III, Großer kleiner Panther), Boris Jacoby (Bill Jux, Indianer III), Marvin Schulze (Michael), Stefan Kurt (Kapitän Hook), Christopher Nell (Tinkerbell), Stephan Schäfer (John), Marko Schmidt (Zwilling II), Martin Schneider (Herr Darling, Das Krokodil, Smy), Sabin Tambrea (Peter Pan), Jörg Thieme (Löckchen, Indianer II), Felix Tittel (Noodler, Indianer I), Georgios Tsivanoglou (Nana, Cookson, Tigerlilly), Axel Werner (Starkey), Nadine Kiesewalter (Doppelbesetzung Wendy), Joachim Nimtz (Doppelbesetzung Kapitän Hook) und Lisa Genze / Lana Marti / Mia Walz (Das Kind) The Dark Angels: Joe Bauer (Ton und Geräusche), Florian Bergmann (Holzblasinstrumente), Hans-Jörn Brandenburg (Tasteninstrumente), Cristian Carvacho (Perkussion, Charango), Dieter Fischer (Posaune, Banjo), Jihye Han (Bratsche), Andreas Henze (Bass), Stefan Rager (Perkussion), Ernesto Villalobos (Flöten)
„Das Netz ist fast das Gegenteil, das ist eine diffuse Welt von Informationen, Bildern und Texten, die keinerlei Regie gehorcht, die auch keiner Ästhetik gehorcht, jedenfalls keiner persönlichen Ästhetik, keiner Handschrift eines Regisseurs oder einer Dramaturgin. Und es ist ein interaktives Medium, also Brechts Radiotheorie auf Highspeed.“
Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung) zum Unterschied von Theater und Netz bei der Begrüßung am Eröffnungsabend der Konferenz Theater und Netz.
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Theater trifft Netz. Netzpolitikerin Marina Weisband und BE-Intendant Claus Peymann im Gespräch über die Schnittpunkte von Theater und Internet. Moderation: Albert Eckert – Foto: St. B.
Zwei sichtlich gut gelaunte Diskutanten verständigten sich am Vorabend der vom Theaterportal nachtkritik.de organisierten Konferenz „Theater und Netz“ in der Heinrich-Böll-Stiftung eine gute Stunde lang über Schnittstellen zwischen Internet und Theater. Außer kleinen Seitenhieben von Claus Peymann an die „unwandelbare“ Kritikerschaft blieb die Runde weitestgehend moderat, wenn man mal von der Eigenart des BE-Intendanten absieht, längere Monologe a la früher war alles besser zu halten. Um sich richtig auf den Gegenüber einzustellen, wurden der alte Theaterhaudegen Peymann zur Netzkonferenz re:publica und die Netzpolitikern Marina Weisband (Piratenpatei) zum Theatertreffen geschickt. Bereitwillig gaben dann auch beide ihre Eindrücke wieder. Wobei sich Claus Peymann über die Leute wunderte, die auf der re:publica in Anzügen wie Vertreter auf den Bühnen säßen, die dort stage heißen, und fragte sich, wer die wohl bezahle. „Wer macht sein Geschäft mit dem Internet?“
„Internet ist das Kommunikationssystem der Einsamkeit.“
Für Marina Weisband hat Theater immer eine große Rolle gespielt. Schon als Kind hat sie selbst Theater gespielt. Das Theater diene als Rückzugraum für das emotionale und körperliche Erleben. Es ist der Sender, und der Empfänger Publikum könne seinerseits wieder zum Sender werden. Netzwerke bezeichnet sie als komplementäres Konzept für das Theater, als Orte für die Diskussion. Claus Peymann sieht sich dagegen als „heiliges Mammut“. Er sei ein Dinosaurier, der sein i-Phone nicht versteht und sich das Internet ausdrucken lässt, um am Morgen zu lesen, „was da wieder so los war“ auf den Kommentarseiten von nachtkritik.de. Das Internet ist für ihn das Kommunikationssystem der Einsamkeit und die Affirmation von Fernsehen und Video ein Vergehen am Theater. Der Code der digitalen Welt, der für Marina Weisband ebenso für Emotionen nutzbar ist, bleibt ihm fremd. Claus Peymann würde lieber mal so ein Gespräch führen wie die beiden Protagonisten in Peter Handkes Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Theater ist immer subversiv, betonte Regisseur Peymann und sprach von seiner Bochumer Zeit, in der das Theater der einzige leuchtende Ort in der Stadt war, und dem Theaterskandal in Wien um seine Bernhard-Uraufführung von „Heldenplatz“. Theater war schon immer der Ort der stärksten Opposition in Diktaturen, ohne das man sich jetzt wieder eine wünschen würde, um besseres Theater zu machen. Marina Weisband sprach dagegen vom Einfluss des Internets auf heutige revolutionäre Umwälzungen wie beim Arabischen Frühling. Die Vernetzung im Internet nehme den Menschen die Angst. Dabei betonte sie aber auch, das facebook allein noch keine Revolution mache. Es ist vielmehr die Magie der Körperlichkeit, die auf der Straße entsteht. Und das mache auch die Faszination von Theater aus.
„Netzwerke sind das komplementäre Konzept zum Theater.“
Marina Weisband
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Marina Weisband, Netzpolitikerin (Piratenpartei) – Foto: St. B.
Claus Peymann sah zumindest ein, dass es ohne dass Internet nicht geht. Für ihn ist Internet toll, wenn es von guten Leuten gemacht wird. Für deren Bildung ist laut Marina Weisband das Theater zuständig. Theater dramatisiert aber laut Peymann nicht den Schulfunk, sondern vermittelt Erlebnisse. Sei ein Fest, wie eine Messe, bei der Wasser in Wein verwandelt würde. Dies erzeuge auch beim Publikum eine kurzzeitige Verwandlung, die nachhaltig sein könne. Über die Kunst und Ästhetik im Internet gingen die Meinungen erwartungsgemäß stark auseinander.
Fazit der Veranstaltung
„Der Traum ist, dass wir zusammen stark sind und das Schlimmste verhindern, damit der größte Teil der Menschheit glücklich wird.“ sagte Claus Peymann schon zu Beginn des Abends. Welch schöne Utopie. Aber braucht das Theater überhaupt das Internet? Die Frage blieb leider weitestgehend unbeantwortet. Selbst Marina Weisband fragte sich, ob Theater etwas mit dem Internet zu tun haben muss. „Muss alles digitaler und vernetzter werden?“ Fast eine Steilvorlage für den Theateroldi Peymann. Trotzdem ein unterhaltsamer Appetizer für die folgende Konferenz. Obwohl laut Claus Peymann Amerikanismen sich wie Krebs über das Internet verbreiten und diese Art Imperialismus uns die Identität raube. Ob dadurch, dass Marina Weisband, wie Peymann feststellte, wieder an ihren Computer, und er an sein Theater gehe, die Abgrenzung von einander manifestiert bleibt, wird die Zukunft zeigen.
In freudiger Erwartung. Das Theatertreffen ist Fünfzig. Foto: St. B.
Mann, Frau, Liebe, Kind. In schneller Abfolge prasseln große Video-Piktogramme auf den sich vor seelischer Qual und unter großen Schmerzen windenden Leib der Medea. Dieser sagenhaften, fremden Prinzessin aus Kolchis, die seit der Antike immer wieder die Gemüter der Menschen bewegt und viele Künstler der bildenden und darstellenden Zunft inspiriert hat. Die Schauspielerin Constanze Becker verkörpert sie, gekleidet in ein seidenes Unterhemd und Stiefel, gezeichnet mit Tränenspuren aus dickem Kajal unter den Augen. Der Regisseur Michael Thalheimer ist nach längerer Pause ins Haus der Berliner Festspiele zurückgekehrt, wo am Freitag mit seiner Frankfurter Inszenierung des Euripides-Dramas das 50. Theatertreffen feierlich eröffnet wurde. Zuletzt war er 2007 / 2008 mit der „Orestie“ und den gefeierten „Ratten“, beides Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin, in der Auswahl vertreten. Hier direkt im Festspielhaus konnte man ihn allerdings letztmalig 2005 mit Wedekinds „Lulu“ vom Hamburger Thalia Theater sehen. In der Hauptrolle die junge Fritzi Haberlandt, damals noch in fast jeder Thalheimerinszenierung besetzt.
Constanze Becker (Medea) beim Applaus im Haus der Berliner Festspiele Foto: St. B.
Am Haus der Berliner Festspiele hatte 2001 auch Michael Thalheimers Theatertreffen-Karriere begonnen. Mit einem ebensolchen Piktogramm-Gewitter wie eben beschrieben, untermalt mit den gleichen harten Gitarrenriffs von Bert Wrede und auf einer fast kahlen Bühne von Olaf Altmann, führte sich der junge Nachwuchsregisseur erstmalig ein. Der Zusammenarbeit dieses kongenialen Inszenierungstrios ist seitdem eine beachtliche Anzahl an erfolgreichen Produktionen entsprungen, was für Michael Thalheimer schließlich auch in sieben Einladungen zum Theatertreffen mündete. Das sei doch ein anständiges Stück ließ sich bei der Premiere von Molnars „Liliom“ der Hamburger Ex-Bürgermeister Franz von Dohnanyi aus dem Premierenpublikum vernehmen. Thalheimer hatte mit seinem inhaltlich stark reduzierten, dafür aber körperlich stark akzentuierten Spiel einen kleinen Theaterskandal provoziert. Die Inszenierung spaltete anschließend auch das Berliner Publikum. Schon das minutenlange, regungslose Starren von Hauptdarsteller Peter Kurth zu Beginn der Aufführung sorgte für einige Unmutsbekundungen.
Preis für den Regisseur. Der Theatertreffenstempel. Foto: St. B.
Letztendlich hatte diese Einladung aber eine Wende in der Auswahlpolitik des Theatertreffens zur Folge. Jüngere Regisseure wie Andreas Kriegenburg, Stephan Kimmig, Armin Petras, Nicolas Stemann oder Thomas Ostermeier traten aus dem Schatten Frank Castorfs und trafen immer öfter den Geschmack der Jurymitglieder. Die Arbeiten von bis dato über Jahre etablierter Regisseure wie etwa Peter Zadek, Claus Peymann, Luc Bondy oder Andrea Breth verloren immer mehr an Bedeutung. Mittlerweile gehört Michael Thalheimer selbst zum Stadttheater-Establishment, und der letzte erwähnenswerte Skandal auf dem Theatertreffen liegt mit der Ekeldebatte um Jürgen Goschs Nackte-Männer-Macbeth auch schon einige Jahre zurück. Michael Thalheimer ist ein gutes Stück Theatertreffentradition. Und mit der Entscheidung, das Jubiläum mit der von allen Kritikern durchweg gerühmten „Medea“ zu beginnen, ist das Theatertreffen, das seit 2012 von Yvonne Büdenhölzer geleitet wird, dann auch kein allzu großes Risiko eingegangen.
Diese Medea, Enkelin des Sonnengottes Helios, unsterblich und über magische Kräfte verfügend, hilft laut den Sagen der griechischen Mythologie dem griechischen Helden Jason das Goldene Vlies für Pelias, den König von Iolkos, zu rauben. Im Laufe der antiken Geschichte wandelte sich diese zunächst durchaus positiv besetzte Figur der helfenden Jungfrau schließlich in die uns durch das Stück des Dichters Euripides bekannte der rachsüchtigen Kinds-Mörderin. Nachdem Medea bereits für Jason ihren Bruder Absyrtos getötet hatte, macht sie sich auch noch schuldig am Tode des Königs Pelias. Verlassen von ihrem Mann Jason zu Gunsten der Tochter des Königs Kreon von Korinth, wohin sich beide vor der Rache der Nachkommen des Pelias geflüchtet hatten, tötet Medea erst durch Zauberkraft und Gift die Nebenbuhlerin Kreusa und ihren Vater und dann, um den Verrat Jasons endgültig zu bestrafen, auch ihre eigenen Kinder. Auf einem Drachenwagen entflieht Medea zu König Aigeos, dem sie vorher einen Eid, sie zu beschützen, abgenommen hatte, nach Athen.
Das Schicksal der Medea hat auch in der Moderne viele weitere Bearbeitungen und Umdeutungen erfahren, z.B. von Hans Henny Jahnn mit einer schwarzen Medea, mit Jean Anouilhs Drama über die Unmöglichkeit die Vergangenheit abzustreifen, an dessen Ende sich Medea selbst tötet, oder in Heiner Müllers düsterer Endzeit-Variante „Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonauten“. Christa Wolf wiederum gab in ihrem aus feministischer Sicht erzähltem Roman „Medea. Stimmen“ der vermeintlichen Verbrecherin ihre unschuldige Gestalt zurück und stellte sie als Opfer von Intrigen und Fremdenhass dar. Selbst an der Grenze zum 21. Jahrhundert versuchten sich noch immer Autoren an einer Modernisierung des Medea-Stoffes, wie etwa Tom Lanoye mit seiner blutigen Neufassung der Argonautensaga „Mamma Medea“. Neil LaBute lässt in „Medea Redux“ eine junge Frau aus dem Gefängnis heraus die Geschichte einer heutigen Kindsmörderin als Teil seiner Mord-Trilogie „Bash – Stücke der letzten Tage“ erzählen und Dea Loher verlegt ihre „Manhatten Medea“ in die Anonymität einer ihr fremden Mega-City. Von all dem ist auch in den zahlreichen heutigen Inszenierungen der „Medea“ immer etwas dabei. Durchgesetzt hat sich auf den Bühnen letztendlich aber die Tragödie des Euripides, die auch Regisseur Michael Thalheimer in einer Neuübersetzung von Peter Krumme für seine Inszenierung wählte.
Ist die Tat der Medea nun irrationaler Wutausbruch oder bewusst gesteuerte Handlung? Ist sie überhaupt mit dem reinen Verstand begreifbar? Das sind die entscheidenden Fragen, mit denen sich ein Regisseur bei jeder Neuinszenierung konfrontiert sieht. Michael Thalheimer lässt daran keine Zweifel. Bei ihm ist diese aus männlichem Eigennutz erst missbrauchte und dann verlassene, in ihren Gefühlen tief verletzte Frau nicht Opfer ihrer Leidenschaft, sondern aus dieser Erfahrung heraus ihrerseits entschlossen Leiden zu schaffen. Die zunächst noch als weit entfernte, tief ausgeleuchtet Gestalt auf einer Mauer aus schwarzen Sperrholzplatten kauernde, furchtbare Klagelaute ausstoßende Medea, geht vom tief empfunden Gefühl des Unglücks über den durch Jason erfahrenen Verrat („Unsäglich ist die Qual“), ziemlich schnell und gefasst zum fürchterlichen Racheplan über. Gerhard Stadelmaier, der Großkritiker der FAZ, schrieb 2006 über die Medea-Inszenierung von Barbara Frey am DT: „Man hätte Nina Hoss mitten auf eine leere Bühne stellen können: Sie hätte sie gefüllt.“ Constanze Becker bewältigt das, sparsam körperlich akzentuiert, zunächst allein mit ihrer Stimme. Das Erhabene der Hoss`schen Gestalt weicht hier wieder ganz dem Archaischen. Und so klar, konzentriert auf das Ursprüngliche der Figur, ohne jegliches überflüssiges Gehabe, hat man die Medea wohl schon lang nicht mehr gesehen.
Die Männer sind dagegen wachsweiche, biegsame Typen, ganz auf die Sicherung ihrer Macht bedacht. Sie treibt die Angst vor den Flüchen und den großen Gefühlsausbrüchen dieser Frau. Der Auftritt Kreons (Martin Rentzsch) ist kurz und fahrig, sichtlich um Haltung und Wahrung seiner Autorität bemüht. Jason (Marc Oliver Schulze), ganz in blauem Samt, ist eine einzige beredt schwitzende Rechtfertigung. Und der wie zufällig vorbeischreitende Aigeus (Michael Benthin), als Verkörperung eines gottesfürchtigen Mannes, nur von der Aussicht besessen, Medea würde ihm den sehnsüchtigen Wunsch nach Kindern erfüllen können. Er schwört ohne Zögern auf Helios und alle Götter, sie zu beschützen, sobald sie sich nur selbst aus dem Lande retten könne. Lange Schatten werfen diese Männer dabei im tiefen Seitenlicht auf die hohe Wand. Wie eine Megäre hockt dort Medea auf ihrem Hochsitz, lauernd wie die Spinne im Netz. Die Wand fährt schließlich langsam nach vorn, nimmt das gesamte Bühnenportal ein und drängt die unter ihr Stehenden an den Rand der Bühne, dem drohenden Abgrund entgegen.
Yvonne Büdenhölzer, Michael Thalheimer und Constanze Becker bei der tt-Stempelübergabe Foto: St. B.
Die tiefe Leidenschaft, das gewaltige Herz der Medea, die sich bewusst an Jason bindet, ihre Liebe zu ihm über die eigenen Verwandten stellt, kann die Schmach nach Jasons Verrat nicht verwinden. Die seelische Verletzung ist zu tief, als dass sie das ihr zugefügte Unrecht ungesühnt lassen könnte. In der Verkennung dieser Kraft und der eigenen Selbstüberschätzung werden alle Männer leicht zum Spielball ihrer furchtbaren Rache. Die einzigen Vertrauten Medeas, die alte Amme (Josefin Platt), unsicheren Fußes auf klobigen Koturnen das Schicksal, eine auf Unrecht begründeten Liebe beklagend, und der Chor der Korinthischen Frauen, hier mit Bettina Hoppe stark in einer Person vereint, können sie nicht von ihrem Entschluss, auch noch die Kinder zu töten, abbringen. Große Genugtuung erfüllt Medea beim Bericht des Boten (Viktor Trempel) über den schrecklichen Tod Kreons und der Kreusa im von den Kindern Medeas überbrachten Kleid und Geschmeide. Letzte Zweifel auch ihre allerletzte Tat zu überdenken, sind schnell hinweggewischt. Jason, ein nasses Bündel Elend, liegt nach der Entdeckung der unfassbaren Tat nun zu ihren Füßen, vernichtet vom grausamen Willen der Verschmähten. Was unmöglich scheint, ist Götterwille, raunt der Chor. Das kann man hier getrost bezweifeln.
In der nächsten Spielzeit wird die sichtlich schwangere Constanze Becker wohl pausieren, obwohl man sich kaum eine bessere Besetzung für die von Michael Thalheimer am Schauspiel Frankfurt geplante Penthesilea-Inszenierung vorstellen kann. Nachdem Nina Hoss sich gerade frisch vom DT verabschiedet hat und an die Berliner Schaubühne wechselt, ist wohl auch nicht mit ihr zu rechnen, obwohl Thalheimer auch weiter dort am Lehniner-Platz inszenieren will. Aber vielleicht ist Constanze Becker ja bis zum Mai nächsten Jahres wieder zurück, um Kleists Stoff über die ganz von Herzen liebende Amazonenkönigin, die im Gefühlschaos Bisse für Küsse greift, gemeinsam mit Michael Thalheimer ganz neu zu befragen. Einer der entscheidenden Gründe, laut Yvonne Büdenhölzer, weshalb die „Medea“ hier beim Theatreffen zu sehen ist.
Haltestelle Theatertreffen Fünfzig – Foto: St. B.
Der Rest der Eröffnung ist schnell erzählt. „The same procedure as evrey year.“ Der Theaterjetset bevölkert wieder den Bornemannbau an der Schaperstraße, der ebenfalls seinen Fünfzigsten begeht. Vor der Premiere werden Politikerreden gehalten. Es geht in den Festreden wie immer ums Geld, das man haben möchte (Festspielchef Thomas Oberender) oder um das, was man großzügig verteilen will (Kulturstaatsminister Bernd Neumann). Immer mit kleinen Seitenhieben an die Politkonkurrenz der Stadt versteht sich. Es ist schließlich Wahlkampf. Und man kann sich kaum exponierter im Rampenlicht sonnen, als auf einer echten Bühne. Ein Festival, wie ein Mann in den besten Jahren, tönt es vom Rednerpult, oder eine Frau, wie es im Publikum raunt. Die Fettnäpfchen für Politikerworte sind auch im Theater dicht gesät. Eine Sperrholzterrasse vor dem Haus läd beim anschließenden Sekt zum Verweilen ein, und an der kleinen Bushaltestelle „Theatertreffen“ können nun wieder bis zum 19. Mai die Besucher austeigen, um die 10 bemerksenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum zu bewundern. Der starke Ansturm auf die Karten ist nach wie vor ungebrochen.
Gewohnter Anblick vor dem Festspielhaus. Suche Karte! – Foto: St. B.
Michael Thalheimer hat den Anfang gemacht. Ihm folgen nun weitere allseits bekannte Namen des deutschen Theaterbetriebs wie Luk Perceval, Johan Simons, Karin Henkel, Katie Mitchell oder Sebastian Nübling. Und auch Herbert Fritsch ist schon zum dritten mal hintereinander dabei. Mit Hamburg, München, Köln, Zürich und Berlin besitzen die meisten der ausgewählten großen Häuser bereits ein Abo fürs Theatertreffen. Das Fehlen der freien Szene ist trotz der ehrenwerten Entscheidung der Jury, die Produktion Disabled Theater des bekannten Choreografen Jérome Bell unter Mitwirkung behinderter Darsteller des Theaters Hora einzuladen, deutlich spürbar. Da trösten so unkonventionelle Produktionen wie die großartige Krieg-und-Frieden-Inszenierung von TT-Neuling Sebastian Hartmann oder die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Sebastian Baumgarten nur ungenügend über die sonst recht vorhersehbare Wahl im Jubeljahr des Theatertreffens. Also dann doch wieder nur business as usual? Man wird sehen.
Es ist wieder soweit. Heraus zum 1. Mai! Wann wir schreiten Seit‘ an Seit’… Seid umschlungen, Millionen! Nur, wer sind eigentlich diese Millionen? Und wo sind die? Kenne ich einen davon? Manchmal plagen einen so Fragen, denke ich bei mir, während ich mein Notebook aufklappe. Und nun? Schon wieder 1.Mai. Was kann einem dazu schon noch einfallen? Ach, übrigens, hatte ich schon erwähnt, dass ich jetzt endlich auch jemanden mit Migrationshintergrund kenne? Als ich nämlich letztens meinem Blog meine neuesten, noch ganz frischen Gedanken mitteilen wollte, bevor sie im ach so schnelllebigen World Wide Web ihr Verfallsdatum erreicht haben, da versteht es mich plötzlich nicht mehr.
Hat mein Blog einen Migrationshintergrund?
Ja, mein Blog, dieses nicht mehr wegzudenkende Anhängsel meiner virtuellen Existenz, spricht plötzlich eine andere Sprache. Es hatte klammheimlich, oder auch zwangsweise, ich rätselte noch eine Weile, sein Aussehen und seine Sprache verändert. Es kannte keine Ä-Ö-Ü- und sonstige Strichelchen mehr und die Admin-Seite befahl mir lauter Sachen auf Englisch. Schon diese merkwürdigen Internationalismen wie Admin. Früher hieß das einfach Verwalter. Ich war noch bis vor kurzem der uneingeschränkte Verwalter über einen kleinen, ganz und gar mir anvertrauten Bereich der digitalen Welt. Hier konnte ich mich sogar fast wie ein kleiner Alleinherrscher fühlen. Und nun, da mir diese Herrschaft nach und nach entglitt, was war ich jetzt?
Na ja, dachte ich mir, etwas Internationalismus im Netz kann ja heutzutage nicht schaden, solange man noch einigermaßen den Durchblick behält. Dieser Durchblick wurde mir aber nun durch eine mir völlig schleierhafte Useroberfläche und Menüführung förmlich vernebelt. Ich war so ziemlich am Verzweifeln. Admin, Admax, Admurx, ich wollte einfach mein altes Blog wieder haben.
„War mein Blog ein Netzflüchtling oder gar Opfer von digitalen Repressionen?“
Ich rief schließlich die Hotline meines Internetanbieters an. Nachdem ich eine Weile in der Warteschleife gehangen hatte, und dabei wechselweise Fahrstuhl-Musik zu hören bekam oder irgendwelche Zahlenkombinationen in den Hören bellen musste, fühlte sich endlich jemand für mein Problem zuständig. Ob ich denn nicht die Nachricht bekommen hätte. Was denn für eine Nachricht, fragte ich ziemlich zerknirscht.
Die Nachricht war vor einem Monat an die Mail-Box meines Kunden-Accounts versandt worden, die ich so gut wie nie besuchte, und lautetet: „Es ist unser Ziel, immer allen aktuellen technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen zu entsprechen. Daher teilen wir Ihnen mit, dass Ihr eingerichtetes Blog automatisch auf die aktuelle Version der Publishing-Plattform (XY) migriert wird. Und das Beste: Sie brauchen nichts weiter zu tun…“ Leider wären dabei einige Schwierigkeiten aufgetreten, an denen man aber bereits fieberhaft arbeite.
„HALLO? DEUTSCH! Versteht mich denn hier keiner?“
Ich war fassungslos. Also ohne mein Zutun migrierte mein Blog gerade in der virtuellen Weltgeschichte umher. War es zum Netzflüchtling geworden, gar Opfer von digitalen Repressionen? Musste ich mir ernsthaft Sorgen machen? Man vertröstete mich. Ich könne ja noch froh sein, dass alles in Englisch wäre. HALLO? DEUTSCH! Verstand mich denn hier keiner? Aha, ich sollte mich also allen Ernstes noch dafür bedanken, dass das Blog nicht nach China migriert sei, und ich täglich mit kryptischen Schriftzeichen begrüßt würde.
Ich war begeistert und harrte nun jeden Tag, tapfer aufkeimende nationalistische Gelüste in mir unterdrückend, auf die Rückkehr meines Blogs im Internet. Aber außer lauter Nachrichten und Kommentaren in mir nicht bekannten Sprachen, da waren sie also doch noch die chinesischen und vermutlich auch noch japanischen Kamikaze-Schriftzeichen, tat sich nichts. Ich kämpfte aufopferungsvoll gegen den auf mich einstürmenden internationalen Spam und kam mir dabei schon wie der Migrationsbeauftragte der Bundesrepublik Deutschland vor.
„Ein Musterbeispiel geglückter Integration.“
Als ich die Hoffnung so langsam aber sicher aufgegeben hatte, war es urplötzlich doch wieder da. Mein Blog, zurückgekehrt von der Bildungsreise im WWW, oder meinetwegen auch erfolgreich migriert, sprach, man glaubt es kaum, lupenreines Deutsch. Ein Musterbeispiel geglückter Integration dachte ich stolz bei mir, während sich die Seiten wieder mit meinen allerinnigsten eigenen Gedanken füllten. Ich glaube, wir werden jetzt doch noch richtig bestes Freunde, ich und mein Blog mit dem Migrationshintergrund. Aber zum eigentlichen Thema zurück. 1. Mai! Was war da gleich noch? Ach ja, genau, by the way, auf welche Demo gehen Sie eigentlich heute?
Die Digitale Bohème bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. Gemeinsam einsam im globalen Dorf des www. – Foto: leralle unter CC-Lizens auf flickr.com