Blog

  • Am 24. April 2013 ging die 9. Ausgabe der achtung berlin – new berlin film awards mit der Preisverleihung im Kino Babylon-Mitte zu Ende – Viel Freude und jede Menge großer Emotionen nach einer Woche voll guter Filme

    Haupspielstätte des Festivals, das Kino Babylon in Berlin-Mitte
    Hauptspielstätte des Festivals, das Kino Babylon in Berlin-Mitte

    Die Regisseurin Biene Pilavci war hinter dem großen Pult und dem riesigen Blumenstrauß kaum noch zu sehen. Allerdings drang ihre sich freudig lautstark überschlagende Stimme bis in die hinteren Reihen des Kinos Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin-Mitte. Die Emotionen brachen sich Bahn, nachdem Sie für ihren sehr persönlichen Dokumentarfilm „Alleine Tanzen“ über die schmerzvolle Vergangenheit ihrer aus der Türkei nach Deutschland migrierten Familie mit dem new berlin film award für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Die Dokfilm-Jury lobte daran dann auch den „ungewöhnlich offen Blick hinter die Kulissen eines Familiendramas“ in dem sich die jungen Filmemacherin, wie si e es selbst bezeichnete, komplett nackt gemacht hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes eine 90minütige emotionale Achterbahnfahrt, wie man in dem eingeblendeten Filmausschnitt erfahren konnte.

    Biene Pilavci inmitten ihres Filmteams bei Preisverleihung für den besten Dokumentarfilm
    Biene Pilavci inmitten ihres Filmteams bei der Preisverleihung für den besten Dokumentarfilm

    Mit Liebe gemacht – Die Filme des Spielfilm-Wettbewerbs

    Die Liebe als stärkste zwischenmenschliche Emotion stand dann auch im Mittelpunkt der meisten auf dem Festival gezeigten Kurz-, Mittellang- oder Langspiel- bzw. Dokumentarfilme. „Mit Liebe gemacht“ hieß das Festival-Motto, das sich natürlich auch in den nicht preisgekrönten Filmen widerspiegelte. Hervorzuheben sind da vor allem Filme wie „Kaptn Oskar“ von Tom Lass oder „Rona & Nele“ von Silvia Chiogna. Beide Filme zeichnet eine große Liebe zu ihren nicht ganz einfachen Figuren und zur Stadt Berlin als spannungsgeladenem Filmset aus. In „Kaptn Oskar“ beobachtet die Kamera dann auch die Protagonisten Masha (Amelie Kiefer) und Oskar (der Regisseur selbst) zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und kurzen Ausflügen ins brandenburgische Umland bei dem Versuch einer ungewöhnlichen Beziehung ganz ohne Sex und dem daraus resultierenden Beziehungsstress rein auf freundschaftlicher Basis.

    Das Fimtheater am Friedrichshain (FaF)
    Das Filmtheater am Friedrichshain (FaF)

    Oskar versucht von seiner dominanten Ex Alex (Martina Schöne-Radunski) loszukommen, die sich ihr Verhältnis wie das von Courtney Love zu Kurt Cobain vorstellt und Oskar schon die Wohnung abgefackelt hat. Auf seiner Flucht vor einem fremdgestalteten Leben trifft er auf Masha, die ihrerseits, wie auf der Suche nach einer Art Vaterfigur, ständig mit viel älteren Männern (in Nebenrollen die Bühnenschauspieler Christian Kuchenbuch und Gunnar Teuber) schläft. Was Oskar nicht davon abhält, nach einem exzessiven Alkoholabsturz doch wieder in Alex’ Bett zu landen. Zwischen zärtlichen Annäherungsversuchen und fast autistischer Abstoßung bewegen sich die beiden verletzten Beziehungsverstörten durch ein regelrechtes Gefühlschaos, dem sie doch eigentlich zu entkommen suchen. Was Masha und Oskar immer wieder zueinander treibt, ist eine ungestillte Sehnsucht nach Liebe und körperlicher Nähe. Allein diese Sehnsucht scheint letztlich nicht auszureichen, eine neue Art von Beziehung aufzubauen. Du tust mir nicht gut, ist Oskars Reaktion auf Mashas Klammerversuche. Beide vermögen einfach nicht aus ihren eingeübten Verhaltensmustern auszubrechen.

    Amelie Kiefer und Tom Lass bei der Vorstellung von Käptn Oskar im FaF
    Amelie Kiefer und Tom Lass bei der Vorstellung von „Kaptn Oskar“ im FaF

    Ein schöner und emotional berührender Film genau wie auch Silvia Chiognas „Rona & Nele“. Die erfolglose Architekturstudentin Nele lebt ein recht unspektakuläres Leben als graue Maus. Sie sieht es als ihre vorrangige Aufgabe sich um ihre zu Depressionen neigende alleinstehende Mutter zu kümmern, bei der sie auch noch wohnt. Heimlich träumt sich Nele aber in ein aufregenderes Leben hinein. Als ihr die sich im Supermarkt auf unkonventionelle Weise selbstbedienende Rona über den Weg läuft, hängt sich Nele einfach kurzentschlossen an die allein in einem verlassenen Haus im Friedrichshain wohnende junge Lebenskünstlerin. Doch auch hier stehen sich die verschiedenen Lebensauffassungen ziemlich konträr gegenüber. Jede der beiden jungen Frauen hat ihre ganz eigenen speziellen Probleme. Selbst die so resolut und selbständig wirkende Rona schreckt vor allzu viel Nähe zurück. Erst langsam entwickelt sich nach anfänglicher Ablehnung durch Neles erstaunliche Beharrlichkeit doch noch eine durch gegenseitige Solidarität geprägte Beziehung, die schließlich in einen Versuch einer echten Freundschaft mündet. Ein bezaubernder Berlinfilm der einerseits eindrücklich die Einsamkeit der Großstadt beschreibt aber auch durch fantastische Bilder Mut machen will. Da fängt schon mal eine Hose an zu tanzen und eine Straßenkapelle spielt den magischen Soundtrack dazu.

    Hauptpreis im Wettbewerb Spielfilm für „Silvi“ von Nico Sommer

    Aber nicht die Beziehungsprobleme der Jugend haben letztendlich die Wettbewerbsjury Spielfilm, bestehend aus der Schauspielerin Anjorka Strechel, dem Schauspieler und Regisseur RP Kahl und dem Filmproduzenten Jan Krüger, überzeugt, sondern ein Film über eine 47-jährige, die, von ihrem Mann verlassen, nach einer neuen Liebe sucht. Nach der ersten Enttäuschung wagt sie schließlich ganz naiv auf Anraten einer Freundin den Neuanfang und probiert sich erstmals in ihrem Leben selbst aus. Kontaktanzeigen, anonymer Sex mit skurrilen Typen, wie einem Busfahrer, der ihr beim ersten Date gleich seinen Schichtplan und die wichtigsten Nachfahrverbindungen offeriert, werden zur echten Herausforderung für Silvi. Der Film „Silvi“ von Regisseur Nico Sommer lief schon in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ auf der diesjährigen Berlinale und zeigt nicht nur deswegen auffallende Parallelen zum ebenfalls auf der Berlinale sehr erfolgreichen gelaufenem chilenischen Wettbewerbsbeitrag „Gloria“.

    Nico Sommer mit Filmteam bei der Preisverleihung für den besten Film für "Silvi"
    Nico Sommer mit Filmteam bei der Preisverleihung für den besten Film „Silvi“

    Nico Sommer hat in „Silvi“ aber tatsächlich auf eine wahre Begebenheit zurückgegriffen, und trifft damit einen Nerv der Zeit, in der mehr und mehr reifere Frauen mit ihren Erfahrungen und Sehnsüchten die Leinwand erobern. Siehe hierzu auch den 2010 bei Achtung Berlin gezeigten Film „Unbelehrbar“ von Anke Hentschel mit Lenore Steller in der Hauptrolle. Der Film ist gerade erst in den deutschen Kinos angelaufenen. Mit Lina Wedel als Silvi hat Nico Sommer auch eine wunderbare Hauptdarstellerin gefunden. An ihrer Seite überzeugen einmal mehr Thorsten Merten (Halbe Treppe, Unbelehrbar, Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel), Harald Polzin, Ivan Gallardo und der große komödiantische Darsteller Peter Trabner (Dicke Mädchen, Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel). Nico Sommer und „Silvi“ erhielten den new berlin film award für den besten Spielfilm und den Preis des Vereins Deutscher Filmkritiker.

    Zuhälter, Psychopaten und skurrile Separatisten – Die Filme der Stars von Film und Bühne auf dem Festival konnten leider nicht durchweg überzeugen

    Ein Filmfestival kommt natürlich nicht ganz ohne Stars aus. Und so waren mit Tom Schilling, Nora von Waldstetten, Nina Kronjäger oder Bruno Cathomas auch einige aus Film und Theater bekannte Größen vertreten. Jedoch allein die großen Namen konnten die Wettbewerbsjury dann doch nicht in jedem Falle überzeugen, Filmen wie der „Woyzeck“-Version von Nuran David Callas, Tim Staffels „Der Jäger ist die Beute“ oder „Freiland“ vom jungen Regisseur Moritz Laube einen Preis zuzuerkennen. Nach Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“ mit dem Ochsenknecht-Sohn Wilson Gonzales hat der Theaterregisseur Nuran David Calis mit Georg Büchners „Woyzeck“ ein weiteres Stück Weltliteratur verfilmt. Büchners Dramen-Fragment verlegt Calis in den Berliner Wedding von heute. Zwischen Nutten und Zuhältern, Hinterhofwohnung und türkischen Imbissbuden muss sich der ehemalige Restaurantbesitzer Franz Woyzeck (Tom Schilling) behaupten. Er braucht Geld für den Traum vom gemeinsamen Glück mit seiner Freundin Marie (Nora von Waldstetten) in einem Häuschen im Grünen.

    Tom Schilling, Nora von Waldstätten und Regisseur Nuran David Calis bei der Premiere von "Woyzeck" im FaF
    Tom Schilling, Nora von Waldstätten und Regisseur Nuran David Calis bei der Premiere von „Woyzeck“ im FaF

    Bei einem dubiosen Arzt (Brav Woyzeck, er bekommt Zulage.), dargestellt von Gorki-Schauspieler Gunnar Teuber, der seine Finger auch im Drogengeschäft hat, setzt er sich Arzneimittelversuchen aus und schindet sich in der Küche eines religiösen türkischen Restaurantbesitzers (Georgius Tsivanoglou vom BE), den seine Kumpels Andres und Louis (Markus Tomczyk und Christoph Franken vom DT) nur den Kanackenhauptmann nennen. Auch hier werden Büchnertexte strapaziert (Ein guter frommer Mensch tut das nicht. Woyzeck, du bist unmoralisch.). Mit den Kumpels sammelt er nachts auch noch Müll aus U-Bahnschächten und faselt dabei wie im Delirium Büchners Worte von Freimaurern und Ratten in Endlosschleife (Es ist so still, als wär die Welt tot. Man möchte den Atem halten). Dabei bleibt natürlich zwangsläufig die Libido auf der Strecke und Freundin Marie wendet sich einem Zuhälter und bekannter Kiezgröße (Simon Kirsch) zu.

    Woyzeck wird durch die Medikamente immer wunderlicher und rennt schwitzend, halluzinierend und Büchnertext phantasierend durch Berlin. Es kommt was kommen muss. Wie bei Büchner verraten die Ohrringe Maries Untreue und Woyzeck greift zu Pistole und Messer. „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“, heißt es bei Büchner. Hier schwindelt einen nur ob des hanebüchenen Plots, bei dem Andres und Louis dem Zuhälter auch noch die Reifen von der Limousine klauen müssen, um sie auf dem Trödelmarkt zu verscherbeln. Büchners gesellschaftlich Ausgestoßene landen schließlich in der Mülltonne oder gehen den vorherbeschriebenen Weg in den Wahnsinn. Das hat mit einem gut gemachten sozialrealistischen Thriller so viel zu tun, wie Georg Büchner mit Martin Scorsese. Tom Schilling wird es verschmerzen können, hat er doch gerade erst verdienter Maßen zusammen mit Jan-Ole Gersters wesentlich zwingenderem Berlinfilm „Oh Boy“ beim Deutschen Filmpreis triumphiert.

    Mit „Der Jäger ist die Beute“ hat Theaterautor und -regisseur Tim Staffel in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Fabian Spuck seinen zweiten Spielfilm gedreht. Auch hier stehen wieder bekannte Namen aus der Theaterszene vor der Kamera. Nina Kronjäger, ehemalige René-Pollesch-Muse (u.a. Heidi Hoh und 24 Stunden sind kein Tag) spielt die Schrifstellerin Melanie. Als ihr muskelbepackter Lover Tyson agiert der Volksbühnenschauspieler Trystan Pütter. Melanie wird von dem ehemaligen gescheiterten Tennistalent Moira (unabwendbares Schicksal) verfolgt. Sie spricht der Schriftstellerin ständig mit verzerrter Stimme den Anrufbeantworter voll, legt ihr Blumen vor die Tür und fühlt sich im Geiste völlig eins mit ihr. Schaubühnendarstellerin Jule Böwe überzeugt hier als naive, einsame Stalkerin, die über eine überbordende Fantasie verfügt, das aber nicht selbst kreativ umzusetzen weiß.

    Nina Kronjäger, Hauptdarstellerin in "Der Jäger ist die Beute" vor dem Kino Babylon
    Nina Kronjäger, Hauptdarstellerin in „Der Jäger ist die Beute“, vor dem Kino Babylon

    Als ungleiches Polizisten-Duo Infernale sind die beiden Schauspieler vom Thalia Theater Hamburg Bruno Cathomas und André Szymanski zu sehen. Beide sind sogenannte Stalking-Beauftragte und mit dem Fall beauftragt, den Stalker (Noch geht man davon aus, dass es sich um einen Mann handelt.) zu finden. Die beiden wegen psychischen Problemen und Inkompetenz Strafversetzten verfolgen recht unkonventionelle Methoden der konspirativen Beschattung. Erschwerend kommt hinzu, dass Enno (Bruno Cathoms) Melanies Ex ist und neue eifersüchtige Besitzansprüche in ihm erwachen. Torge (André Szymanski) ist ein stark verhaltensgestörter Rassist, den Gewaltfantasien plagen und der in Moira ein Ebenbild seiner Mutter sieht, an der er sich gerne rächen möchte. Die Polizisten verfolgen so ziemlich schnell aus reinem Eigeninteresse die Fährte ihrer Begierde. Was zur Folge hat, dass bald nicht mehr wirklich klar zu sein scheint, wer eigentlich der Jäger und wer die Beute ist.

    Das ist so ungefähr bis zur Hälfte eine ziemlich gut inszenierte Komödie über die skurrilen Probleme beziehungsgestörter Großstädter. Tim Staffel wollte die verschiedensten Spielarten des Stalking beleuchten und hat dafür lange recherchiert, wie er nach der Premiere des Films erklärte. Man merkt dem Film leider seine ursprüngliche Konzeption als Hörspiel an, was sicher auch daran liegt, dass die Realisierung tatsächlich aus Kostengründen parallel erfolgte. Der Film ist stark dialoglastig (würde vermutlich auch besser als Theaterstück funktionieren) und vermag dem kaum entsprechende Bilder entgegenzusetzen. Die Story verliert sich schließlich immer mehr in den einzelnen Psychomacken, sexuellen Fantasien und der unaufgearbeiteten Vergangenheit der Protagonisten. Der Geschichte geht so nach und nach die Luft aus, und übrig bleibt lediglich die Erkenntnis, dass in jedem anonymen Großstadtbewohner ein potentieller Stalker lauern kann.

    Große Erwartungen verbanden sich in Zeiten von Finanzkrise und Occupy-Bewegung mit dem Spielfilm „Freiland“ von Moritz Laube. Er beschreibt ein Experiment in dem eine Gruppe von Gesellschaft und Politik Enttäuschter einen eigen Staat in der brandenburgischen Provinz gründen. Und auch das basiert ja durchaus auf wahren Begebenheiten. Solche Art Staatsgründungen gab es tatsächlich schon. Regisseur Moritz Laube, der dieses Filmprojekt auch konzipiert hat, stellt diesen Versuch aber von Anfang an als zum Scheitern verurteiltes Unterfangen einiger fanatischer Utopisten, Ökospinnern und Sonderlingen mit Hang fürs Militärische dar. Der Lehrer Niels (Aljoscha Stadelmann) wird nach dem Besuch einer in Gewaltexzessen eskalierenden Demo mit seinen Schülern vom Schuldienst suspendiert. Er ergreift die Gelegenheit und kidnappt den in einem Wohnwagen voller Konserven durch Deutschland reisenden und Vorträge haltenden Untergangsphilosophen Christian (Matthias Bundschuh) und verschleppt ihn aufs Land, wo er ein altes Gutshaus gekauft hat.

    Regisseur Moritz Laube mit dem Freiland-Team bei der Premiere im Kino Babylon
    Regisseur Moritz Laube (mit Micro) mit dem Freiland-Team bei der Premiere im Kino Babylon

    Der Name für den neuen Staat ist schnell gefunden und erste Mitstreiter (unter ihnen Schauspieler Andreas Leupold vom Maxim Gorki Theater) pilgern ins neue Freiland. Die Auswahl erfolgt durch ganz gezielte Fragen. Regeln werden schnell beschlossen, Pässe und Funktionen verteilt. Ein morgendlicher Fahnenappell mit Marschmusik sorgt für die notwendige Identifizierung mit der Sache. Als der Zulauf immer größer wird, werden allerdings die Grenzen schnell geschlossen und die Presse bekommt endlich auch Wind von der Sache. Der TV-Reporter (Klaas Heufer-Umlauf) weiß aber nur von hygienischen Unzulänglichkeiten, Zwang und regelmäßigen Reproduktionsabenden, bei denen die Paarungen immer wieder neu ausgelost werden, zu berichten. Das ist alles von Moritz Laube natürlich mit einem großen Schuss Ironie inszeniert. Die Freiländer reproduzieren bei ihm von der ersten Minute an das, was sie eigentlich an der bestehenden Gesellschaft, die sie verlassen haben, immer kritisieren wollten. Eine neue Art von Demokratie im Kleinen lässt sich so schwerlich umsetzen. Der Film funktioniert daher am besten noch als Farce und beweißt damit natürlich nur das Zitat von Karl Marx, dass sich Geschichte, wenn überhaupt, dann nur als Farce wiederholt.

    Als weiterer hartnäckiger Widerpart der Freiländer erweist sich noch der lokale Bürgermeister (Stephan Grossmann), der auch schon ein Auge auf das Grundstück der Freiländer geworfen hatte. Er schleust seine Sekretärin (Henrike von Kuick) als Spionin in den Freistaat ein, engagiert einen finsteren Personenschützer und sorgt dafür, dass die Versorgungsquellen der Separatisten nach und nach versiegen. Als Geld und Ressourcen knapp werden, entschließt man sich einfach Essen und Strom zu rationieren. Erste aufkommende Zweifel können nur mit viel Propaganda unterdrückt werden. Spätestens nachdem der „Finanzminister“ Freilands mit den letzten Goldreserven getürmt ist, der Diesel zur Neige geht und Eifersucht, Missgunst und Allmachtphantasien überhand nehmen, ist die Gemeinschaft endgültig in Auflösung begriffen. Und das dramatische Diktum des Theaterautors Anton Tschechow „Eine Pistole, die im ersten Akt eines Stücks an der Wand hängt, muss spätestens im dritten Akt abgefeuert werden.“ erfüllt sich natürlich auch noch.

    Der Theaterschauspieler Bruno Cathomas (Schaubühne Berlin, Thalia Theater Hamburg) spielt eine kleine witzige Nebenrolle als in die Welt gesandter Botschafter Freilands. Aber auch er kann Utopie und Film nicht mehr retten. Als er, die Anerkennung der UNO in der Tasche, nach langer kostenintensiver Reise zurückkehrt, werden die übriggebliebenen Freiländer gerade von der Polizei eingefangen und der Bürgermeister übernimmt wieder den ihm angestammten Platz in der politischen Ordnung des „lokalen“ Dorfes. Auch das „globale“ Dorf hat die Aussteiger schnell wieder aufgesogen. In den immer wieder dokumentarisch eingestreuten Interviewfetzen geben sie ihre ganz persönliche Sicht auf die Ereignisse in Freiland vor der Kamera wieder. Eine wirkliche Vision hatte hier niemand. Was davon übrig bleibt, ist eine Erfahrung mehr und die Hoffnung auf die Macht der Liebe. Na immerhin etwas.

    Jan Krüger, Anjorka Strechel und RP Kahl, die Wettbewerbsjury Spielfilm vor dem Kino Babylon
    Jan Krüger, Anjorka Strechel und RP Kahl, die Wettbewerbsjury Spielfilm vor dem Kino Babylon

    „Kohlhaas!!! Scheiß aufs Geld!“ – Die Welt als Wille und Vorstellung in einem Film von Aron Lehmann

    Ein kleines Wunderwerk an Film hat der Regisseur Aron Lehmann mit seiner Abschlussarbeit für die HFF Potsdam-Babelsberg geschaffen. Den Mangel an Fördergeld, der so vielen Low-Budget-Filmen gemein ist, nutzt er als Potential für eine ironische Betrachtung des Filmemachens in Zeiten knapper Kassen. Aus der Verfilmung eines historischen Ritterspektakel nach der Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist droht nach dem Rücktritt der bayrischen Produzenten ein Debakel zu werden. Heinrich von Kleist war mit seinen Werken der ihn umgebenden Welt um einiges voraus. Mit verzweifelter Akribie versuchte er in ihr, beeinflusst von der Philosophie des Königsbergers Immanuel Kant, seinen Platz zu finden und als „freier denkender Mensch“ nicht einfach nur da stehen zu bleiben, wo ihn das Schicksal hingeworfen hatte. Im Jahr 1811 endete die Suche allerdings mit Kleist Selbstmord am kleinen Wannsee bei Berlin. Das Kleistzitat: „Ein freier, denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt; oder wenn er bleibt, so bleibt er aus Gründen, aus Wahl des Bessern.“ stellt der junge Berliner Regisseur Aron Lehmann seinem Film „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ voran.

    „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Mit diesem Satz beginnt acht Jahre nach dem Freitod des 33-jährigen Dichters Kleist der 31 Jahre alte Philosoph Arthur Schopenhauer sein großes pessimistisches Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Für ihn war die Welt als Vorstellung lediglich durch das vorstellende Subjekt gegeben, hing also unmittelbar vom Erkenntnisvermögen des Betrachters ab. Und er widersprach dabei in einigen Punkten der transzendentalidealistischen Auffassung Kants. Aron Lehmann bleibt hier nicht stehen. Er überträgt die These Schopenhauers, allerdings ganz im positiven Sinne, auf den Film. Für ihn entsteht die gesamte Welt (des Films) erst aus dem reinen Willen zur Imagination.

    Das Filmteam von Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel vor dem Kino Babylon
    Das Filmteam von „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ vor dem Kino Babylon

    Und damit hat der Filmemacher natürlich mit den Theaterleuten einiges gemein, die auch wieder zahlreich in seinem Film vertreten sind. Sei es durch die mitwirkenden Schauspieler oder die sich selbst bühnenaffin gebenden Dorfbewohner, die sich dem Regisseur im Film als unerwartete Erfüllungsgehilfen zunächst bereitwillig andienen. Den Idealismus des jungen Regisseurs, dargestellt vom anderen Jungstar des neuen deutschen Films und Filmpreisnominierten Robert Gwisdek, teilen sie jedenfalls alle erst nach einer flammenden Motivationsrede mit anschließendem demonstrativ imaginiertem Kampfgetümmel im bayrischen Forst. Da werden Kühe und Ochsen zu Pferden und auch fehlende Schwerter, Rüstungen und brennende Kulissen halten den Regisseur nicht davon ab seinen Traum vom Film in die Realität umzusetzen. Dass ihm dabei neben dem Hauptdarsteller auch irgendwann der Sinn für die wirkliche Welt abhanden kommt, blendet er dabei allerdings nach und nach völlig aus. Die Liebe zu seiner Muse, der Darstellerin von Kohlhaas’ Frau Lisbeth (Rosalie Thomass), lässt ihn schließlich selbst als Kohlhaas in den Kampf für die Verwirklichung seiner Vision ziehen.

    Aron Lehmann (mit Micro) und sein Team bei der Preisverleihung für die beste Regie im Kino Babylon
    Aron Lehmann (mit Micro) und sein Team bei der Preisverleihung für die beste Regie im Kino Babylon

    Der Einbruch der merkwürdigen Filmkunstschaffenden in die normale Welt der Dörfler schlägt nach anfänglicher Begeisterung schnell in Ablehnung und blanken Hass um, der schließlich sogar Kohlhaas’sche Dimensionen annimmt. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel werden a priori genau da überschritten, wo der Wille zur Vorstellung Zwang zu werden droht. Eine Binse nicht erst seit das Geld knapp und die Kunst im ständigen Existenz- und Erklärungsnotstand steht. Der irgendwo zwischen Truffauts „Amerikanischer Nacht“, Fassbinders „Warnung vor einer heiliger Nutte“ und den wahnwitzigen Filmvisionen vom Schöner-Scheitern eines Christoph Schlingensiefs angesiedelte Streifen ist ein klares Plädoyer für die schier grenzenlose Kreativität des Künstlers, das Aron Lehmann hier natürlich nicht ganz ohne Ironie und kleine Seitenhiebe auf die deutsche Kinoszene hält. Denn dass ein gut subventionierter Film über Kleists Rächer aus verletztem Gerechtigkeitsgefühl auch daneben gehen kann, hat schließlich schon Volker Schlöndorff erfahren müssen. Übrigens, wem dass nicht passt, der kann ja zu Tom Tykwer gehen, dessen ohne Wackelkamera gedrehten Filme immerhin für gute Szenenbilder, Masken und tadellos sitzende Kostüme Preise abkassieren.

    Ein großes filmisches Vergnügen, an dem auch die Spielfilmjury Gefallen fand und Aron Lehmann dafür ganz zu Recht den new berlin film award für die beste Regie zuerkannte. Neben Robert Gwisdek und Rosalie Thomass stehen Lehmann hier so tolle Schauspieler wie Jan Messutat, Thorsten Merten, Heiko Pinkowski, Michael Fuith, Peter Trabner u.v.a.m. zur Seite. Was auch nicht nur bei diesem Film ein starker Beleg für den dringend zu schaffenden Darstellerpreis war, wie die Jury auch eindringlich betonte. Der Dank zum Schluss der Preisverleihung galt natürlich noch dem engagiert und aufopferungsvoll arbeitendem Festivalteam, das Achtung Berlin wieder zu einem außerordentlichen Festivalerlebnis machte. Und so kann man sich schon heute auf den Start der 10. Ausgabe des new berlin film awards am 09.04.2014 und natürlich die hoffentlich bald anstehenden Kinostarts der Festival-Filme freuen.

    Das Achtung-Berlin-Festivalteam bei der Preisverleihung im Babylon Mitte
    Das Achtung-Berlin-Festivalteam bei der Preisverleihung im Babylon Mitte

    ***

    Alle Preisträger und Jurybegründungen gibt es hier.

    (c) Text und Fotos: Stefan Bock

    __________

  • Frust statt Brust – Sibylle Berg alias „Frau Sibylle“ randaliert in ihrer S.P.O.N.-Kolumne auf Spiegel online und beklagt sich dabei über das Elend im deutschen Stadttheater.

    Wir kennen Sibylle Berg als genaue Beobachterin und unerbittliche Beschreiberin menschlicher Unzulänglichkeiten. Die Ergebnisse heißen dann z.B. „Das Unerfreuliche zuerst. Herrengeschichten.“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.“ Ironie und Schwarzer Humor waren eigentlich nie ihr Problem. Seit etwas zwei Jahren schreibt Sibylle Berg eine der S.P.O.N.-Kolumnen auf Spiegel-online namens „Fragen Sie Frau Sibylle“. Unter der Schlagzeile Zeit für Frustrandale sitzt sie nun zu Gericht über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters. Tatsächlich ein seltsamer Begriff. Sprechtheater klingt irgendwie wie Brechtheater, ohne zweites t in der Mitte versteht sich. Was ist passiert? Warum geht es Frau Sibylle so schlecht? Sie war lange nicht mehr glücklich im Theater. Und ich kann das sogar in Teilen nachvollziehen.

    3783Sibylle Berg

    Sibylle Berg (* 2. Juni 1962 in Weimar) ist eine deutsche Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. – Foto: Udo Grimberg (Wikipedia)

    Nur woran liegt das? An leidenden, halbnackten Frauen, zu vielen Männern am Theater oder langweiligen Spielplänen? Wer hat das deutsche Stadttheater zur „Minna“ gemacht? Wer raubt uns mit den ibs-ten „Räubern“ den Nerv? An jedem zweiten Theater wird passend zur Krise ein „Kirschgarten“ abgeholzt. Keine Ideen, kaum neue Stücke, wenig interessante Rollen für Frauen. Kurz – das Elend, konstatiert Frau Sibylle. Den schwarzen Peter bekommen nun der Stein und der Zadek. Bei denen rannten ja bekanntlich schon in den 70ern Nackte über die Bühne und schrien. Alles Schreier, außer Schlingensief und Pollesch. Wenn Christoph Schlingensief weiter brav den Messdiener gegeben hätte, würde ihn wahrscheinlich heute noch keiner kennen. Und René Pollesch ist auch erst seit ein paar Jahren etwas ruhiger geworden.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Volksbühne vor ziemlich genau 10 Jahren drei nackte Komparsen für Schlingensiefs „Atta, Atta, die Kunst ist ausgebrochen!“ suchte. Ob diese schon nackt zum Casting erscheinen mussten, ist mir allerdings nicht bekannt. Wenn das damals nicht nur ein Fake gewesen wäre, hätte Frau Sibylle sich etwa geweigert in der Volksbühne von einem/er nackten Komparsen/in zu ihrem Platz geleitet zu werden? Bereits 1993 bei „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“ forderte Schlingensief das Publikum auf, sich nackt auszuziehen. Gleichberechtigung für alle! „…seid nackt, nackt, nackt!“ Wäre ihm Frau Sibylle gefolgt? Aber zumindest gematscht wurde jede Menge bei Schlingensief. Also bitte bloß keine neue Ekeltheaterdebatte.

    Sebastian Hartmann inszeniert nach Shakespeares Was ihr wollt und dem Nackten Wahnsinn. Premiere: 19. November 2011.

    Nackte am Theater? Wo gibt’s denn sowas?
    Birgit Unterweger in „Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt“ am Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian HartmannFoto: David Baltzer/bildbuehne.de

    Man sieht, Nackte am Theater, das ist alles ein ziemlich alter Hut, auf den sie da drischt. Dazu gibt es sogar schon genau so lange, wie es Frau Sibylle gibt, eine Doktorarbeit von Ulrike Traub. Nur was will sie nun eigentlich wirklich? Allgemeine Ratlosigkeit durchzieht diese Klage. Aber lesen Sie erst noch einmal hier selbst nach. Und, schlauer? Muss man(n)/frau sich nun wohl oder übel ernsthaft Gedanken oder sogar Sorgen machen? Sicher, es ist bedauerlich, Christoph Schlingensief ist tot, Peter Zadek schon etwas länger. Nur Peter Stein geistert noch durch die Theatergeschichte, immer in gehörigem Abstand zur Gegenwart, dem Publikum und vor allem der Kritik. Einen Beitrag zur Bankenkrise oder dem Irak-Krieg würde man aber wohl auch von René Pollesch vergeblich einfordern. Die Folge ist Frust statt Brust. Randale durch sinnverhüllende Verweigerung. Frau Sibylle leidet, und wir leiden beim Lesen zwangsläufig mit.

    Wissen Sie, was das Komische an Kolumnen wie „Fragen Sie Frau Sibylle“ ist? Obwohl niemand gefragt hat, bekommt jeder eine Antwort. Aber so isses halt immer schon gewesen, die Sibylle hat nie wirklich einer gefragt. Trotzdem hat sie unermüdlich geunkt, von der Antike bis in die heutige Zeit. Irgendwann hat sich das verselbständigt, und die Sibyllen schossen wie Hallimasch aus dem Boden. Vermutlich jedes zweite Kräuterfräulein, das zu viel vom eigenen Gesammelten und Gebrutzelten genascht hatte, hielt sich für eine gottberufene Prophetin. Die Sibylle entwickelte sich tatsächlich schon in der Antike schnell zu einer Art Berufsbezeichnung. Und es waren meist Männer, die in einsamen Nächten in ihren Klosterzellen anfingen, den ganzen Unsinn aufzuschreiben. Viele Seiten füllen die verschiedensten sibyllinischen Schriften.

    Jeder Kult, jede Religion, jede Epoche kennt diese weibliche Form der ekstatisch kryptischen Prophetie. Die aus rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet und mit ihrer Stimme durch tausend Jahre reicht. So hat Heraklit die Sibylle beschrieben. Und es dürften mittlerweile weit über zweitausend Jahre sein. Viel schlauer ist seither allerdings noch keiner geworden. Und beim Barte des Propheten oder den roten Haaren der Sibylle, warum das so ist, daran scheiden sich noch heute die Geister.

    Da unsere Frau Sibylle tatsächlich Frau Sibylle heißt, und zwischen zwei Theaterstücken und ein paar Büchern auch noch Zeit für die Prophetie hat, dürfen wir das nun im Onlinezeitalter wöchentlich lesen, was sie so umtreibt, oder ihr, wie Herr Stadelmaier (auch so eine Art Prophet am Theater) es sagen würde, durch die Rübe rauscht. Vielleicht sollte Frau Sibylle tatsächlich mal was rauchen. Das entspannt ungemein, wenn man mal wieder gerade kurz vor der Frustrandale steht. Oder, auch eine Möglichkeit, Herrn Stadelmaier fragen. Dann werden die Orakelsprüche zwar auch nicht hellsichtiger, aber höchst wahrscheinlich lesbarer.

    Und so bleiben wir bis dahin ebenso ratlos, wie Frau Sibylle selbst, und schauen in das Grab, das sich da aufgetan hat und alles zu verschlucken droht. Das gute alte Stadttheater samt halbnackten Schreihälsen, die rumstehen, rumlaufen oder gute Texte in guter Betonung aufsagen und natürlich den vielen Textarbeitern, die an ihrem „heteronormativen Weltbild“ meißeln. Und Frau Sibylle, als leidende Frau und hin- und hergerissene Autorin, immer mittendrin, im Strudel der schier unendlichen Kunstformen und -begriffe, die doch keiner begreift. Zwischen Skylla und Charybdis, René Pollesch und She She Pop, klassischem Bildungsbürgertum und freien Gruppen.

    Träumen von Geschwindigkeit, Bildern, Tempo, Mut, alles zu ändern? Wer will das schon, wenn es Texte wie diesen gibt, den man ohne ganz in Rage zu verfallen, zusammenfalten und als Papiertiger zu den Akten legen kann. Abteilung: Schriften aus der Grotte. Sie wissen schon, da wo die Sibylle wohnt. Und jetzt? Bei den unergründlichen Tiefen des Hellespont. Worum ging es eigentlich noch? Stein und Zadek, Nackte und Schreihälse? Selbstreferenzielles von Theaterschaffenden, Sibylle Berg, Inga Stade oder IM Lustig? Die Kommentatorenkästchen auf Spiegel-online und nachtkritik.de laufen jedenfalls über vor lauter guten Ratschlägen. Oder geht es etwa doch wieder mal um die Revolution am Theater? Sagte ich schon, dass ich ratlos bin? Ich weiß nur eines: Hallimasch macht Heil im Ar… Und jetzt raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Oder fragen Sie Frau Sibylle.

    _________

  • globale 2013 – Das 8. globale Filmfestival Berlin findet vom 11. bis 17. April im Eiszeit Kino und im regenbogenKINO statt.

    Die globale 2013 in Berlin globale 2013

    Das globale Filmfestival findet bereits seit 2003 in Berlin statt und zeigt Produktionen aus aller Welt, deren Fokus vorrangig auf der Beobachtung sozialer Missstände und Konflikte liegt. Es werden Geschichten über Widerstand und alternative Handlungsmodelle zur Gegenwehr erzählt. Die globale versteht sich dabei durchaus als politisches Festival, das mittels Filmkunst die Diskussion zu länderübergreifenden Themen und allgemeinen sozialen Problemen sucht, und damit eine möglichst breite Plattform zur Kommunikation bietet. Die Macher verstehen sich dabei als Mittler zur internationalen Vernetzung durch das vielschichtige Medium Film. Denn gerade der Film vermag am ganz konkreten Beispiel die Zusammenhänge und Verkettungen von lokalen mit globalen Machtverhältnissen sichtbar zu machen und schärft damit den Blick für die Realität.

    Eine Woche lang werden nun ab dem 11.04.13 ganze 49 Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme gezeigt. Es besteht dabei die Chance für das Publikum unterschiedliche Lebenswelten und Zusammenhänge kennen zu lernen und mit den Filmemacher_innen darüber ins Gespräch zu kommen. Das globale-Team sieht dabei die Schwerpunkte nicht nur auf den ganz alltäglichen Problemen. Sie werfen ganz konkrete Fragen auf. Es soll sich vor allem auch darüber ausgetauscht werden, wie Menschen weltweit in (post)kolonial geprägten Verhältnissen leben, welchen Einfluss der Kapitalismus und dessen neoliberale Formen auf unsere Gesellschaften haben und wie wir uns dem patriarchalisch geprägten Wertesystem widersetzen können. Die ausgewählten Filme beleuchten dabei die Institutionen und Strukturen, die hinter den Konflikten und sozialen Missständen existieren.

    Abschied von Matjora Abschied von Matjora

    Eröffnet wird das Festival am Donnerstag, den 11.04.13 um 18:00 Uhr mit dem österreichischen Dokumentarfilm „Der Prozess“ im Regenbogenkino in Kreuzberg. Der Film dokumentiert den Gerichtsprozess gegen eine Gruppe von Tierschützern. Die Protagonisten sehen sich staatlicher Überwachung und Gewalt ausgesetzt, gegen die es keine demokratisch garantierten Rechte zu geben scheint. Ein unbedingtes Must-Seen ist der russische Spielfilm „Abschied von Matjora“, der noch zu Sowjetzeiten 1979 gedreht wurde. Ein Dorf in der russischen Provinz soll einem Staudammprojekt weichen. Ein Beitrag über soziale Entwurzelung und staatliche Willkür, der bis heute nicht an Aktualität verloren hat, wie in weiteren Filmbeiträgen zum Thema zu sehen sein wird. „Abschied von Matjora“ wird ebenfalls am 11.04.13 um 21:00 Uhr im Eiszeitkino gezeigt.

    Weitere Filme gibt es zur Arabellion in Tunesien und Libyen, zu Streikaktionen in Griechenland, interner Vertreibung der Landbevölkerung in Lateinamerika oder zum alltäglichen Rassismus und der europäischen Flüchtlingspolitik. Am 15.04.13 um 18:30 Uhr zeigt das Eiszeitkino noch einmal den russischen Dokumentarfilm „Winter, go away!“, ein Beitrag des Leipziger DOK-Filmfestivals 2012. Junge russische Filmemacher-innen verfolgen mit der Kamera die Protestaktionen während der letzten Präsidentschaftswahlen im Winter 2012 in Russland. Ein wichtiger Beitrag zur Einschätzung der politischen Verhältnisse im heutigen Russland und der oppositionellen Kräfte gegen Präsident Putin. Das Festival schließt am 17.04.13 im Eiszeitkino um 21:00 Uhr mit einer Doku über den Völkermord in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. „Deutsch-Südwas! – Erinnerung an einen deutschen Völkermord“ konfrontiert uns noch einmal mit unserer eigenen verdrängten kolonialen Vergangenheit.

    winter go away Winter, go away

    Das gesamte Festivalprogramm ist hier einzusehen:  globale Programm 2013

    Fotos: globale-Filmprogramm

    KINO-Adressen:

    regenbogenKINO
    Lausitzer Str. 22
    10999 Berlin-Kreuzberg

    Eiszeit Kino 1 und 2
    Zeughofstr. 20
    2. Hinterhof, 1. Etage
    10997 Berlin-Kreuzberg

    __________

  • Über das Verstummen im Bannkreis von Terror und Intrigen – Schöner Scheitern mit Schiller am Berliner Ensemble und Hölderlin beim F.I.N.D. an der Schaubühne

    ___

    Da ihr noch die schöne Welt regiertet,
    An der Freude leichtem Gängelband
    Glücklichere Menschalter führtet,
    Schöne Wesen aus dem Fabelland!
    Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,
    Wie ganz anders, anders war es da!
    Da man deine Tempel noch bekränzte,
    Venus Amathusia!

    Da der Dichtkunst malerische Hülle
    Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! –
    Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,
    Und, was nie empfinden wird, empfand.
    An der Liebe Busen sie zu drücken,
    Gab man höhern Adel der Natur.
    Alles wies den eingeweihten Blicken,
    Alles eines Gottes Spur.

    Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,
    Holdes Blütenalter der Natur!
    Ach, nur in dem Feenland der Lieder
    Lebt noch deine fabelhafte Spur.
    Ausgestorben trauert das Gefilde,
    Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
    Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
    Blieb der Schatten nur zurück.

    Friedrich von Schiller aus: Die Götter Griechenlands

    Attika, die Heldin, ist gefallen;
    Wo die alten Göttersöhne ruhn,
    Im Ruin der schönen Marmorhallen
    Steht der Kranich einsam trauernd nun;
    Lächelnd kehrt der holde Frühling nieder,
    Doch er findet seine Brüder nie
    In Ilissus heilgem Tale wieder –
    Unter Schutt und Dornen schlummern sie.

    Mich verlangt ins ferne Land hinüber
    Nach Alcäus und Anakreon,
    Und ich schlief‘ im engen Hause lieber,
    Bei den Heiligen in Marathon;
    Ach! es sei die letzte meiner Tränen,
    Die dem lieben Griechenlande rann,
    Laßt, o Parzen, laßt die Schere tönen,
    Denn mein Herz gehört den Toten an!

    Friedrich Hölderlin aus: Griechenland 

    schillerdenkmal-dresden.jpg    friedrich-holderlin-pastell-von-franz-karl-hiemer_1792.jpg

    Zweimal Friedrich. Schöngeist Schiller (Denkmal aus dem Jahr 1913 von Selmar Werner am Albertplatz in Dresden – Foto: St. B.) und in den Spuren seines Vorbilds der junge Hölderlin (Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792)

    Mit der Theokratie des Schönen gegen den Terror – Romeo Castellucci zelebriert Hölderlins Hyperion an der Schaubühne

    Ein „Gefühlsterrorist“ sei dieser Kleist gewesen, aber eben einer „im schönsten Sinne“. So Claus Peymann in einer Fernsehdokumentation zum Kleistjahr 2011 über den preußischen Dichter und Dramatiker, der „Rasende Gedichte“ schrieb und laut Peymann wie eine „Rakete“ in die Ordnungspolitik Goethes hinein „geknallt“ sei. Von einem deutschen Genie, das nur Millimeter vom Extremismus eines Dschihad-Kriegers entfernt gewesen sei, sprach der Intendant des Berliner Ensembles sogar. Und so scheint es auch gar nicht verwunderlich, dass ein anderer Theaterregisseur das stark emotionale Werk eines weiteren vom Geheimen Rat Goethe missverstandenen Dichters in die Nähe der Attentäter des 11. September rückte. Die Rede ist von Friedrich Hölderlin und seines in Briefform verfassten Romans „Hyperion – Oder der Eremit in Griechenland“. Für den italienischen Skandalregisseur Romeo Castellucci sind das nämlich „Briefe eines Terroristen“, wie seine Adaption von Hölderlins Versuch einer Reise auf der ihm bis dato fremden „terra incognita im Reiche der Poësie“, wie er es selbst bezeichnete, im Untertitel heißt.

    FIND_Schaubühne2 Foto: St. B.

    Hölderlin hat mit Kleist sicher die Sprachgewalt gemeinsam, eine Affinität zur Philosophie Kants und Fichtes, sowie die anfängliche Begeisterung für die Französische Revolution. Der späteren Resignation Hölderlins steht aber bei Kleist ein regelrechter Hass gegen die Napoleonische Besetzung Deutschland gegenüber. Während Kleist Stücke wie „Die Hermannsschlacht“ als verklausulierten Aufruf zum bewaffneten Kampf gegen Napoleon verfasste oder die Gewalt des Menschen in der Natur in blutigen, philosophisch reflektierten Novellen wie „Das Erdbeben von Chili“ beschrieb, ließ Hölderlin seinen griechischen Freiheitshelden „Hyperion“ nach gescheitertem Kampf zwar klagen, aber auch die Kunst als Kind der göttlichen Schönheit preisen. Und darin war Hölderlin wohl tatsächlich radikal gläubig, als ein Vertreter einer Religion der Liebe zur Schönheit, und, so scheint es zumindest Castellucci, den selbsternannten Märtyrern des islamischen Dschihad, mit ihrem unbedingten Glauben an die „ewigen Gärten“ des Paradieses (siehe Programmheft), nicht ganz unähnlich. Nur das eben Hölderlins Bombe im Geiste rein aus der Kraft der Sprache entspringt, die sich in ihrer Sehnsucht nach Größe über die seinem Ideal nicht entsprechende reale Welt hinaus erheben will.

    Und dieses Ideal verlegte Hölderlin getreu seinem Vorbild Schiller, der ihm auch die Veröffentlichung der ersten Versuche am Hyperion ermöglichte, nach Griechenland, dem Sehnsuchtsort vieler deutscher Dichter jener Zeit. Jedoch bei Hölderlin ist es nicht nur das Land der klassischen Antike, das er mit der Seele suchen will, sondern das Griechenland der Befreiungskriege gegen die osmanische Vorherrschaft um 1770, was wohl auch nicht ganz zufällig mit Hölderlins Geburtsjahr zusammenfällt. Siebenundzwanzig Jahre und eine gescheiterte Französische Revolution später, schreibt Hölderlin seinen Hyperion als persönliche Reflexionen des Scheiterns aber auch der Hoffnung auf Versöhnung des Menschen mit dem Genius und der Natur, als ein utopisches Moment der Naturhaftigkeit des Subjekts. Adorno sah Hölderlins Text als eine Versöhnung von Subjekt und Objekt, wie er es in seinem Hölderlin-Essay „Parataxis“ beschreibt. Denn der Genius ist selber auch Natur und „Sein Tod (…) wäre das Erlöschen der Reflexionen und der Kunst mit ihr im Augenblick, da die Versöhnung aus dem Medium des bloß Geistigen übergeht in die Wirklichkeit.“ Und genau das ist auch das zeitgenössische Moment Hölderlins gegenüber der Weimarer Klassik, die kritisch philosophische Sicht des Aufklärers Rousseau, dem zweiten großen Vorbild und Halbgott für Hölderlin. Dessen Skepsis an der Fortschrittsgläubigkeit der Aufklärung zieht sich über Nietzsche schließlich weiter bis zu Adorno und Horkheimer, die in der „Dialektik der Aufklärung“ die Weltherrschaft über die Natur für das Ende von Subjekt und Objekt verantwortlich machen. „Naturbeherrschung zieht den Kreis, in den Kritik der reinen Vernunft das Denken bannte.“

    Foto: St. B. FIND_Hyperion_Schaubühne_Applaus

    So ist denn auch das eigentlich Radikale an Hölderlins Hyperion nicht allein sein Kampf für die Freiheit, sondern die Kritik an den Gründen dessen Scheiterns, sein Kulturpessimismus gegenüber den Deutschen und die bedingungslose Beschwörung der Einheit von Genius und Natur. Was Castellucci nun in seiner Inszenierung an der Berliner Schaubühne daraus macht, ist freilich etwas ganz anderes. Er sieht die Zeitgenossenschaft Hölderlins frei nach dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der ihm sicher näher sein dürfte als Adorno oder Horkheimer, nicht in einer aufgeklärten Aufklärung, sondern darin, in der verzögerten menschlichen Wahrnehmung von Licht, Zeit und Raum, „In der Dunkelheit der Gegenwart jenes Licht wahrzunehmen, das uns vergeblich zu erreichen versucht.” Darin bei aller pathetischen Schönheit das Licht der Aufklärung erblicken zu wollen, wäre allerdings angesichts der Versuchsanordnung Castelluccis eher etwas vermessen. Und so geht dann auch zu Beginn das Licht auf der Bühne aus und ein gut ausgerüstete Cop Squad zerstört akribisch im Schein von Taschenlampen eine gut bürgerliche Wohnlandschaft samt Sitzmöbeln, Bücherregalen und macht auch vor dem Parkettboden nicht halt. Das zieht sich so ca. 20 min. hin, und nachdem das Licht wieder angegangen ist, wird das Publikum mit einem barschen „Hier gibt es nichts zu sehen!” und „Verlassen Sie den Saal!” zum sofortigen Gehen aufgefordert. Der gerade erst seinen Sitzplatz erwartungsvoll eingenommene Bildungsbürger wird so abrupt aus dem Tempel der Kunst vertrieben und kann getrost alle Hoffnung fahren lassen. Vor allem auch der im Publikum weilende Claus Peymann hätte sich das sicher vorher nicht träumen lassen, in einer seiner früheren Wirkungsstätten wie der Schaubühne so schnell wieder hinauskomplimentiert zu werden, und dabei noch die Bühne von einer gewaltbereiten imaginären Staatsmacht besetzt zu sehen. Aber das Volk fügt sich und wird dann auch erwartungsgemäß nach einer halben Stunde Aufräumarbeit wieder in die heiligen Hallen eingelassen.

    Nach der anfänglichen Demonstration roher Gewalt wird man nun im Folgenden aber mit wahrer Hochkultur beglückt. Auf leergeräumter Bühne liegt ein schwarzer Hund. Blind wie der weise Seher Teiresias und mit spitzen Ohren wie der ägyptische Gott Anubis. Ein wahrer Seelengeleiter, ein Psychopompos wie es bei Castellucci heißt, der uns gebannt lauschend anstarrt, bis er selbst von der Bühne geleitet wird. Gebannt lauschen muss nun auch der Zuschauer, da ein Kind die ersten Worte aus den Erziehungskapiteln des Hyperions flüstert. Es treten im Folgenden weitere Töchter der Schönheit auf. Rosabel Huguet, Eva Meckbach, Angela Winkler und Luise Wolfram führen durch die Lebensalter und Erfahrungsberichte Hyperions an seinen Brieffreund Bellarmin. Anfänglich ist noch die Rede vom Schwert und gerechten Krieg, dazu gibt es pathetische Bilder vom reinen Jüngling im weißen Hemd, dem der Freund Alabanda jenes Schwert darbringt, und Luise Wolfram zeigt sich geübt im Spiel damit. Da gilt noch: „sanft zu sein, zur Unzeit, das ist hässlich, denn es ist feig!“ Doch ins Erhabene mischen sich Zweifel, denn der erträumte Freistaat ist nicht zu erzwingen. Der Kunstterror nimmt seine Lauf und lässt auf grauer Plane aus Schmutz Himmel und Wolken entstehen. Aber auch eine Pistole streicht das Putzkommando der Eingreiftruppe auf die Bühne. Davor präsentiert dann Angela Winkler, wegen der wohl auch Claus Peymann vorrangig erschienen ist, die große „Scheltrede an die Deutschen“. Die „Barbaren von Alters her“, „tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark“. Ins Mark gehen einem hier auch erstmals die Worte Hölderlins. Im hohen Ton, wie er einst an der Schaubühne gepflegt und seit dem nur noch selten gehört wurde.

    FIND_Hyperion_Schaubühne_Pistole Foto: St. B.

    Der Philosoph Martin Heidegger, der selbst Hölderlingedichte eingesprochen hat, wusste von der Schwierigkeit den richtigen Ton zu treffen. „Durch das wiederholte Hören werden wir hörender. Aber auch achtsamer auf die Weise, wie das Gesagte des Dichters gesprochen sein möchte.“ Wirklich mißglückt ist das an diesem Abend sicher keiner der Darstellerinnen. Den Sinn hinter den Worten jenseits der stark verkünstelten Bilder hervor zu holen, ist allerdings nur Angela Winkler mit ihrer Scheltrede an die Deutschen gelungen. Daneben steht Castelluccis ästhetischen Bilderterror und eine Kunstanstrengung mit der die nackt und weiß getünchte Eva Meckbach zum Ende hin als Diotima noch einmal die Schönheit und Versöhnung von Genius und Natur anruft. Von den Außenansichten der Nackt-Tableaus ähnlich der Fotokunst eines Man Ray oder Robert Mapplethorpe mit Dildo und Gestöhn bis hin zu einem medizinisch psychologischen Blick mittels Spezialkamera ins Innere kann das alles nicht über die Realität hinweg täuschen, dass der Mensch ein zerrissenes Wesen bleiben wird, das nicht nur den Hang zum Schönen, sondern auch die Wurzeln der Zerstörung in sich trägt. Auf eine Videowand wird eine Aufzählung sämtlicher chemischer Spurenelemente des menschlichen Körpers projiziert. „Ich bin hier und ich bin bewaffnet.“ steht irgendwann an der Wand. Ist Kunst Waffe und der Künstler ein Kämpfer der Aufklärung? Der politische Dichter zwischen Ideal, Realität, Wahnsinn und Bewaffnung. Von Schiller und Goethe, Lenz und Hölderlin über Heinrich Heine, Georg Büchner bis hin zu Paul Celans Lyrik des Verstummens. Mit diesem „… ich kann kein Volk mir denken, das zerißner wäre, wie die Deutschen“, diesem Zwiespalt der deutschen Seele gilt es weiterhin zu kämpfen. Und wer, wenn nicht Claus Peymann wüsste davon ein Lied zu singen.

    Das Ende des bürgerlichen Trauerspiels – Claus Peymann verjuxt Schillers „Kabale und Liebe“ am Berliner Ensemble

    Nun müsste man eigentlich meinen, Claus Peymann wäre der Meister der konstruktiven Ironie und des ästhetischen Widerstands auf dem Theater. Ob er sich nun in Stuttgart für den Zahnersatz von Gudrun Ensslin einsetzte oder in Wien mit Thomas Bernhard gegen das Geschichtsvergessen der Österreicher eintrat. Seit jeher ist ihm das Erzeugen von politischem Furor unerlässliche Antriebskraft für seine Theaterarbeiten gewesen. Was schließlich zu Beginn seiner Zeit als Intendant des Berliner Ensembles in seinem hehren Anspruch, der „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ sein zu wollen, gipfelte. Allerdings findet Claus Peymann aus dem selbstgezogenen Bannkreis von eigenem Anspruch und tatsächlich erreichter künstlerischer Wirkung und Ästhetik nicht mehr heraus. Die von ihm ungeliebte Theaterkritik beachtet ihn kaum noch oder überschüttet ihn mit ihrer Häme. Selbst in der Flucht nach vorn, den verliehenen Titel eines Theatermuseumsdirektors ironisch übernehmend, kann Claus Peymann nicht darüber hinwegtäuschen, das Berliner Ensemble tatsächlich ästhetisch in eine theatrale Sackgasse manövriert zu haben. Und so ist denn der einstige große Mediendompteur und passionierte Leitartikler Peymann seit einiger Zeit auch einem gewissen Geschichtsdefätismus erlegen. Bereits 2011 eröffnete er dann auch der Berliner Morgenpost gescheitert zu sein und fügte hinzu: „Wir leben momentan in dieser geschichtslosen Zeit. (…) Niemand blickt zurück – oder weit nach vorn. Vielleicht bin ich ein Anachronist, aber ich habe diesen Traum, dass dem Theater erziehende, weltverbessernde Züge anhaften – frei nach Lessing und Schiller. Wir können einen Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechts leisten.“ Ein Jahr später wiederholte Peymann seine Selbsteinschätzung gegenüber der Rheinischen Post und schloss mit einem Aufruf an die jungen Dramatiker: „Wir würden gerne unsere Wut und unsere Verzweiflung über das Unrecht der Welt zeigen, aber wir haben die Stoffe nicht mehr. Dichter, wo seid ihr geblieben?“ Selbst diesen Nachwuchs zu fördern, ist ihm dabei aber nie in den Sinn gekommen.

    be_kabale-und-liebe_marz-2013.JPG Foto: St. B.

    Nach nunmehr einem Jahr und mehreren Premierenverschiebungen und -absagen inszeniert er nun „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller, einem Klassiker des Sturm und Drang. Nach Georg Büchners resignativem Revolutionsdrama „Dantons Tod“ im letzten Jahr nun also wieder ein Stück des klassischen Bildungskanons. Das BE mit dem Auftrag zur moralischen Anstalt. Die Wiederherstellung der höheren Ordnung der Welt, welche nach Schillers Diktum Gottes Gericht als letzte Instanz vor die weltlichen Justiz stellt, am Beispiel des bürgerlichen Trauerspiels. Im August 2012 hatte das BE noch eine Fahne mit dem Schillerzitat „Die Kunst ist die Tochter der Freiheit“ als Solidaritätsbekundung für die russische Punkband Pussy-Riot gehisst. Für jene drei jungen Frauen, die, nachdem sie den Aufstand gegen Wladimir Putin und die staatliche Verstrickung mit der orthodoxen Kirche in der Christ Erlöser Kirche in Moskau geprobt hatten, nach einer Art Schauprozess zu zwei Jahren Lagerhaft wegen Rowdytums und Schürens von religiösem Hass verurteilt wurden. Von Seiten des BE hieß es dazu, die Aktion zeige die Wirksamkeit der Kunst und verbinde den „Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts unserer Klassiker mit der politischen Gegenwart.“ Frage wäre nun, was für politische und vor allem künstlerische Konsequenzen erwachsen eigentlich daraus einem subventionierten Stadttheater mit Bildungsauftrag.

    Wozu inszeniert Claus Peymann noch und was kann und soll uns sein Wirken ist da natürlich auch der Knackpunkt seiner Schiller-Inszenierung. Ich habe ja eine der vielen Voraufführungen zu „Kabale und Liebe“ gesehen. Das hat durchaus seinen Reiz, gibt doch der Hausherr jeweils zu Beginn eine seiner unnachahmlichen Erklärungen ab. Man kann sich sozusagen als Testperson fühlen und wird darauf aufmerksam gemacht, dass man ruhig lachen kann, wenn es einem danach ist. Die Komik wäre da bei Schiller schon drin, aber eben bitte auch das Mitfühlen nicht ganz außer Acht lassen. Es geht also um die große Liebe und das Mitgefühl. Na um was geht es denn sonst seit über 2.000 Jahren am Theater? Große Gesten, Große Gefühle, alles ganz Groß. So hält es Claus Peymann ja auch seit Jahren. Allerdings schließt sich so langsam der Kreis, um das mit Kreide gemalte Zeichen auf der Bühne von Achim Freyer aufzunehmen, ohne dass sich mal wieder Gewolltes und Gekonntes darin annähernd treffen würden. Bezüglich seiner These des persönlich gescheitert zu sein, fällt dann in meinen Augen auch Peymanns „Kabale und Liebe“-Inszenierung tief resignativ aus. Das weinende und das lachende Auge treffen sich bei Peymann im Bannkreis von Schillers Trauerspiel der Intrigen.

    Foto: St. B. be_kabale-und-liebe_marz-2013_buhne.JPG

    Wirklich was zu Lachen hat hier aber kaum noch einer, auch wenn der höfische Popanz von Kalb (Thomas Wittmann) als Clown auftritt und Mottenpulver unter den Achseln zu haben scheint. Der Präsident (Joachim Nimtz) als Zirkusartist auf Stelzen, die ihm im Angesicht der Liebe und des ungestümen Drangs seines Sohnes Ferdinand wegzuknicken scheinen. Nun also nicht mehr Dompteur großer Polit-Tiere sondern biederer Zirkusdirektor. Bei Peymann wird der Hof zur Manege, und Politiker zu albernen Zauberkünstlern der Macht und Intrige. Norbert Stöß erreicht hier in seiner Darstellung des schwarzbefrackten Kabalenschmieds Wurm beinahe mephistophlische Ausmaße. Allerdings versagen seine Verführungskünste bei Luisen, die hier fast zum jungfräulichen Gretchen mutiert. Und mit den Ferdinands ist das auch so eine Sache. Wenn sie nicht die Wände hochgehen (DT, Inszenierung Stephan Kimmig) dann zerschlagen sie Geigen. Mit einem Schlagzeug wäre allerdings noch mehr Furor zu erzeugen, wie man von Jette Steckels Danton zu berichten weiß. Allerdings ist Stadtmusikant Miller (Martin Seifert) nun mal nicht bei der Steve Miller Band angestellt und Ferdinand (Sabin Tambrea) und Luise (Antonia Bill) weder Children of the Future noch of the Revolution. Der Musikus, halten zu Gnaden, übt lieber Bückling und überlässt seiner Tochter mit den großen Augen das Feld. Peymann inszeniert seine Frauen auch ganz groß. Sie heben sich schon in ihren Kostümen von der übrigen Personage ab und beherrschen die großen Gesten und die Gefühle nach Belieben. Katharina Susewinds Lady Milford in zartrosa auf eine Schaukel drappiert und Antonia Bills Luise ganz in unschuldigem Weiß. Abstufungen in den Farben verdeutlichen klar die moralische Position oder hierarchische Stufe, auf der die Figuren anzusiedeln sind. Eine Differenzierung ist aber weder Schillers noch Peymanns Ding. Die Hoffnung trägt dementsprechend immer helle Farben und die Söhne marschieren auch heute wieder ins Ausland.

    Und es ist die gute bürgerliche Moral, die das feststellen muss, und um die es Peymann auch geht. Wenn schon nicht der Sieg der Liebe, dann doch der des Bildungsbürgertums. Wenn schon nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, dann wenigstens Mitgefühl. Von Dantons Tod zum Limonadengift. Von der gescheiterten Revolution, die ihre Kinder frisst, zum bürgerlichen Trauerspiel. Der aufgeklärte Schillerianer Peymann hebt noch einmal den Zeigefinger und winkt uns damit zu. Das sich Schillers Ideal nicht erfüllt hat, weiß aber auch er, und so fällt die Schmacht- und Reuearie des Präsidenten aus. Das hätte ein großes, kluges, wenn auch resignatives Alterswerk sein können. Das Vermächtnis des Claus Peymann sozusagen, obwohl er uns den Lear noch schuldig ist. Da er aber weiter machen will, bleibt es nur eine unter vielen verjuxten Alterswerken am Theatermuseum BE. „Wir werden noch spielen, wenn aus dem Wiener Burgtheater eine Diskothek und aus dem Berliner Ensemble ein Supermarkt geworden ist. Theater ist ein Teil der menschlichen Psyche und wird darum nie untergehen.“ Vom Burgtheaterdirektor zum ewigen Filialleiter am BE. Vom Supermarkt der großen Gefühle zum allabendlichen Untergang in Kitsch und Tränen. Claus Peymann ist mit seinen Ideen aus der Stadttheatermottenkiste nicht mehr allzu weit davon entfernt.

    be_kabale-und-liebe_marz-2013_beifall2.JPG Foto: St. B.

    ***

    Literaturhinweis:

    Die Untüchtigen: Kunst, Spektakel, Revolution – Revolutionäre Poetik. Oder: Wie vom Schweigen sprechen? Zur Dichtung Hölderlins und Celans – Ein Vortrag von Nikolai E. Bersarin (Jahrgang 1964)

    _________

  • Frühlingspoesie im Schnee. O weh!

    Draußen rieselt leis der Schnee,
    In die Stille starrt ein Reh.
    Und in seinem dünnen Rock
    Steckt ein Fläschchen Winter-Bock.
    Zaghaft bricht es aus dem Wald –
    Glaube nur, es ostert bald.

    winter-bock.jpgText und Collage: St. B.

    _________

  • Ironische Maskenspiele zwischen Liebe, Verrat und Imagination. Oder was kann und wozu studiert man Universalgeschichte? – Zwei Intertextuelle Versuche mit Heiner Müller und Friedrich Schiller über den Aufstand auf Berliner Bühnen.

     ___

    „Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
    Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

    Foto: St. B. bat-studiotheater_der-auftrag_febr-2013.jpg
    Ohne Auftrag auf dem Teppich der Weltgeschichte.
    Blick in die leere Szene am bat-Studiotheater.

    „Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater und „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co im HAU 1

    Wie es der Zufall manchmal so will, gab es in den vergangenen Wochen gleich zwei Inszenierungen an Berliner Theatern, die sich vordergründig mit dem Thema des Aufstands und seiner Rezeption in der Geschichte beschäftigen und gleichzeitig damit in Bezug zur gesellschaftspolitischen Wahrnehmung und dem revolutionären Potential in unseren Tagen treten wollen. Gerade eben erst ist der Autor der viel beachteten Streitschrift „Empört Euch!“ Stéphane Hessel gestorben. Sein Aufruf zum Engagement war vor allem an die Jugend gerichtet und hallte auch auf vielen deutschsprachigen Bühnen landauf und landab wider. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich der künstlerische Nachwuchs gerade am bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch mit einem der zeitgeschichtlichen Stücke Heiner Müllers auseinander setzte, das den „Auftrag“ zum Aufstand sozusagen schon im Titel trägt. Im HAU 1 dagegen beleuchtete das bekannte Künstlerkollektiv andcompany & Co. den Aufstand aus Sicht der „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ von Friedrich Schiller und verschränkte es dabei mit weiteren Texten zum Thema, u.a. dem neuerdings ebenso oft auf deutschen Bühnen (von Berliner Schaubühne bis Maxim Gorki Theater) zitierten revolutionären Aufruf zum Widerstand „Der kommenden Aufstand“ des „Unsichtbaren Komitees“. Einem politischen Text, der bereits seit 2007 in Frankreich und seit 2010 auch in deutscher Übersetzung kursiert. Dass diese zeitgeschichtlichen Exkurse in HAU und bat noch dazu stark intertextuellen Charakter aufweisen, ist eine weitere interessante Gemeinsamkeit beider Inszenierungen. Sie beziehen sich dabei vor allem auf spezielle Ereignisse der Zeitgeschichte oder deren Abbildung in Werken anderer Künstler.

    Motiv bei A.S.

    Debuisson auf Jamaika
    Zwischen schwarzen Brüsten
    In Paris Robespierre
    Mit zerbrochenem Kinn.
    Oder Jeanne D’Arc als der Engel ausblieb
    Immer bleiben die Engel aus am Ende
    FLEISCHBERG DANTON KANN DER STRASSE KEIN
    FLEISCH GEBEN
    SEHT SEHT DOCH DAS FLEISCH AUF DER STRASSE
    JAGD AUF DAS ROTWILD IN DEN GELBEN SCHUHN.
    Christus. Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt
    WIRF DAS KREUZ AB UND ALLES IST DEIN.
    In der Zeit des Verrats Sind die Landschaften schön.

    Heiner Müller (1958)

    Tragödie oder Farce? – „Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater

    Der zeitgeschichtliche Bezug bei Heiner Müller und die Intertextualität des Stücks „Der Auftrag“ bestehen nicht allein nur darin, dass sich Müller auf Motive der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers stützt, welche die französische Revolution und ihr Wirken auf historisch verbürgte Vorgänge jener Zeit auf den europäischen Kolonien der Antillen beschreibt. Er spielt im „Auftrag“ auch vielfach auf biblische Motive an und stellt klare Bezüge zu Georg Büchners Revolutionsstück „Dantons Tod“ sowie den geschichtstheoretischen Ausführungen von Karl Marx (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte) und Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte) her. Der Untertitel des Stücks „Erinnerungen an eine Revolution“ verweist dabei deutlich auf die wohl wichtigste Intension in Müllers Werk, nämlich die, gegen das allgemeine Geschichtsvergessen anzuschreiben. Dazu kommt wie so oft bei Müller der Verrat in all seinen Formen und Spielarten. Hier im Speziellen eben auch der Verrat an der Geschichte, der Zusammenhang von Liebe, Genuss und Verrat sowie historischem Auftrag und opportunistischer Staatsraison.

    Die Republikaner Debuisson, Sohn von französischen Plantagenbesitzern auf Jamaika, Galloudec, ein französischer Bauer, und Sasportas, ein ehemaliger Sklave, werden vom französischen Konvent 1797/98 ausgesandt, um auf Jamaika einen Aufstand unter den Plantagensklaven zu organisieren. Als sie dort ankommen sind, hat aber bereits Napoleon am 18. Brumaire VIII des Republikanischen Kalenders (09.11.1799) die Herrschaft in Frankreich an sich gerissen und die Freiheit trägt wieder Uniform. Der Auftrag ist somit obsolet. Das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. Während Debuisson in die alten Verhaltensmuster der herrschenden Klasse zurückfällt, sterben die anderen beiden bei dem Versuch ihren Auftrag dennoch auszuführen. Sasportas wird gehängt und Galloudec verreckt in Gefangenschaft an den Folgen seiner Verwundung. Die Revolution auf Jamaika ist gescheitert. Der Auftraggeber Antoine in Frankreich erhält den letzen Brief des sterbenden Galloudec, der den Auftrag wieder zurückgegeben will. Bürger Antoine, nunmehr der Bankrotteur einer Firma, die nicht mehr im Handelsregister steht, verleugnet den Auftrag und flieht sich in die Arme seiner Frau. Hier setzt nun der Bezug zur Gegenwart ein. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen. Eine junge Frau reflektiert zu Beginn der Inszenierung am bat aus dem Off über ihr Schauspielstudium. Sie beschreibt ihre Vorstellungen von künstleris   cher Entfaltung auf der Probebühne, die Angst vor dem Scheitern sowie die finanzielle Sicherheit, die ihr das Geld des Vaters beim sich Ausprobieren bietet. Auf der einen Seite steht die unsichere Möglichkeit mit Kunst etwas zu verändern, auf der anderen Seite die, sich nach einem Scheitern wieder bequem in die Abhängigkeit zum Geld des Vaters zurückfallen zu lassen.

    der-auftrag-vl-weil-bruggemann-breustedt-richter-vetter_-foto-ch-burchard.jpg
    Der Auftrag v.l. Weil, Brüggemann, Breustedt, Richter, Vetter. Foto: Ch. Burchard

    Vor diesem Hintergrund entwickeln die sechs Schauspielstudenten im 3. Studienjahr ihre Version von Heiner Müllers „Auftrag“ als Versuch und Diskurs über das Scheitern, den Verrat an sich selbst, seinen Gefühlen und Ideen. Dabei entwickeln sie in einer spielerisch sehr anregenden Form Müllers Requiem auf verlorene Revolutionen, das immerhin schon fas 25 Jahre auf dem Buckel hat, konsequent weiter. Von traditionell chorischen Passagen zu Beginn über die zynischen Dialoge der drei Emissäre bis zu den von Müller eingefügten mystischen Traumsequenzen und parabelartigen Monologen, wie der „Ersten Liebe“ oder dem „Mann im Fahrstuhl“, wechseln die Darsteller gekonnt hin und her. Dabei werden die strengen Müller`schen Texte und Szenenfolgen immer wieder durch Slapsticknummern durchbrochen, verlieren dadurch aber nicht an Kraft und Intensität. Es geht nicht allein um ironische Brechung, sondern um eine konkret spielerische Aneignung des Stoffs. Nicht bloße Reproduktion, sondern die Durchdringung von Müllers Texten ist die Folge. Und das unterscheidet Magali Tosatos Inszenierung von der üblichen Müller-verehrenden Rezeption seines Werks, wie z.B. in der letzten großen, bekannten Inszenierung des „Auftrags“ zu des Dichters 75. Geburtstag. Der Müller-Schauspieler und einstige Hamletdarsteller Ulrich Mühe hatte 2004 das Drama in Starbesetzung (Florian Lukas, Christiane Paul, Ekkehard Schall, Herbert Knaup, Udo Samel, Inge Keller, Heike Kroemer) auf die große Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht. Das war gut gemeinte Heiner-Müller-Ikonografie in rostigem Bühnenbild. Ein wenig 11.September hier, ein wenig ökologische Dystopie da, und ein andächtiges Erstarren vor des Meisters Text. Eine hehre Leichenfledderei im besten Sinne nach 10 Jahren des kollektiven Vergessens jeglicher Aufträge.

    Im bat findet das Spiel auf zwei sich voneinander abhebenden Ebenen (Bühne: Franziska Keune) statt. Am Boden liegen Regale die durch Antoine (Anton Weil) zu Beginn wie Ikea-Möbel verschraubt werden. Er wirkt dabei wie ein heutiger gestresster Alltagsbürger, der sich bei seiner Arbeit gleich von einer ganzen Gruppe von Briefüberbringern genötigt sieht. Wie in einem bösen Traum schießen die Hände mit dem Schreiben Galloudecs immer wieder geisterhaft aus den liegenden Regalsärgen zu ihm empor. Und immer wieder klingt dazu auch wie zum Hohn ein alter Schlager über Ananasfarmen auf Jamaika. Während unten die drei grundverschiedenen Revolutionäre ihre Ansichten vom Kampf zunächst noch sehr euphorisch darlegen, dräut oben der „Engel der Verzweifelung“ aus der Luke und zieht die „Erste Liebe“ (ganz in weiß Kara Schröder) den Plantagenbesitzersohn Debuisson (mit herrschaftlichem Tropenhelm Felix Maria Richter) mit ihren süßen Reden von Verrat und Genuss wieder in ihren Bann. Er hat hier auf Jamaika seine Maske nicht mehr nötig. Schnell legt er sie wie seine Überzeugungen ab, während die anderen beiden diese Möglichkeit nicht haben. „Dein Fell bleibt schwarz, Sasportas. Du, Galloudec, bleibst Bauer. (…) Ich will mein Stück vom Kuchen.“ Die Hackordnung wird wieder hergestellt. Demütig müssen Galloudec (Jan Gerrit Brüggemann in gescheckten Unterhosen) und Sasportas (nur in Shorts Christophe Vetter) ihre angestammten Masken aufbehalten. Ihnen bleibt nur das Schauspiel von der Französischen Revolution als Farce zu wiederholen. Und sie schlagen sich dabei im „Theater der weißen Revolution“ ihre närrischen Rasta-Perücken vom Kopf. „Ein bisschen Spaß muss sein“ singt die Gruppe dazu und führt ein koloniales Bananentänzchen inklusive brauner Brüste auf. Die Freiheit ist wieder, wie schon Dantons Gefährte Lacroix in Büchners Drama kurz vor dem Schafott erwähnt, zur Hure gemacht. „Die Freiheit und die Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren.“ (Danton in: „Dantons Tod“, 5.Szene)

    der-auftrag-vl-vetter-breustedt-bruggemann-richter_-foto-ch-burchard.jpg
    Szene aus „Der Auftrag“ im bat-Studiotheater. (v.l. Vetter, Breustedt, Brüggemann, Richter) – Foto: Ch. Burchard

    „Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution.“ Die Geschichte schreitet voran, der Mensch dreht sich in ihr beständig im Kreis. Eine fatale, fatalistische Mischung aus Benjamins verzweifeltem „Engel der Geschichte“, Marx‘ Rückkehr der Geschichte als Farce sowie „Dantons Tod“ von Georg Bücher als Revolutionstheater der fleischgewordenen Masken. Und immer noch scheitert der Mensch an der Last der Entscheidung zwischen Vernunft und Eros, Auftrag und Genuss oder auch dem Zwiespalt gesellschaftlicher Verpflichtung und persönlichem Glück. Er wird „zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte“, wie es Georg Büchner beim Rückblick auf die Französische Revolution desillusioniert bezeichnete, die gleichwohl eine unvollendete bleibt. (Siehe hierzu auch Jette Steckels Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ am Hamburger Thalia Theater.) Dagegen setzt Heiner Müller sein Theater des „konstruktiven Defaitismus“, des ironischen Zweifels an der reinen Ideologie. Das im Angesicht des Scheiterns aller Utopien trotz allem noch Raum für einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine scheinbar unerreichbar gewordene Utopie lässt. Hierzu wird der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ im bat zum besonderen Ereignis. In ruhigem, deklamierenden Ton – Die Zeit ist aus den Fugen – besteigt Anton Weil Sprosse um Sprosse der Leiter nach oben. Zunächst noch eingeschnürt in Schlips und Zwang seinen Auftrag nicht zu verfehlen, kommt ihm nach und nach die Gewissheit seines Scheiterns, und wird der Verlust seines imaginären Auftrags zur inneren Befreiung. Die Angst weicht dem Vergessen und öffnet somit durchaus die Möglichkeit einer anderen, neuen gedanklichen Ebene. Auch auf einem grasüberwachsenen Bahndamm bleibt jede Arbeit auch immer Hoffnung.

    Und so wie Müller seine Protagonisten in ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen einer Sehnsucht nach Glück und Hoffnung, Geschichtsvergessenheit und Verrat zeigt, so sind die Macher des Abends im bat auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Auftrag in einer Welt, wie sie sich den drei Revolutionären in einer kleinen Videoeinspielung mitten im Prenzlauer Berg zwischen religiösen Wahnvorstellungen und Verheißungen, Drang zu sklavischer Liebe und Unterordnung sowie jeder Menge anderer Schicksale und Ungerechtigkeiten aller Art eröffnet. Der scheinbar ohne konkreten Auftrag aus der Enge des Fahrstuhls tretende Mensch, befreit von den Zwängen einer vorbestimmten Ideologie, wird seinen ganz persönlichen Auftrag auch in diesem offensichtlichen Wirrwahr nicht verfehlen können. Vorausgesetzt man empfindet die Ungerechtigkeit der Welt nicht als gottgegeben und begnügt sich damit, durch sein Handeln kein weiteres Unrecht zu begehen und niemandem zu schaden. Wie es der Vater unserer Schauspielstudentin, offensichtlich selbst in leitender Position, im abschließenden Video seiner Tochter als seine Werte vorleben und mitgeben will.
    Das bat-Studiotheater wird sich im April im Rahmen eines regelrechten Festivals mit Studenteninszenierungen, übrigens neben Bertolt Brechts Frühwerk „Trommeln in der Nacht“, auch wieder mit Heiner Müller befassen. Dann stehen mit „Zement“ und „Verkommenes Ufer. Medeamaterial. Landschaft mit Argonauten“ weitere Texte zwischen Revolution, Utopieverlust und Mythen der Geschichte auf dem Programm. „DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT”

    Termine unter: www.bat-berlin.de

    ***

    Imaginäre Bühnenbesetzung am HAU 1 – andcompany&Co. proben den (kommenden) Aufstand nach Schiller.

    hau-1_februar-2013.jpg
    Schillersche Trutzburg der Kunst. Das HAU 1 in der Stresemannstraße Berlin-Kreuzberg – Foto: St. B

    Um das Herstellen eines bestimmten Kontextes zur Geschichte geht es auch in „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co. Vor dem Hintergrund von Schillers Text über die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ versuchen die Performer um Alexander Karschnia sich über die politischen und ökonomischen Grundlagen für einen Aufstand klar zu werden. Also was sind die Grundlagen für eine revolutionäre Situation und wie kommt sie in Gang. Dazu besetzen die Performer die Bühne und machen uns zu ihren Komplizen im Zuschauerraum. Künstlerische Unterstützung hat das Kernteam der andcompany diesmal vom flämischen Theatermacher Joachim Robbrecht, mit dem sie schon für die Lecture-Performance „BLACK BISMARCK previsited“ zusammengearbeitet haben und von Kollegen aus den Niederlanden bekommen. „How do you squat an imaginary space within an imaginary context?“ ist die Frage die es zu klären gilt. Die Darsteller nennen das, was sie auf der Bühne des HAU 1 zusammengeführt hat, dann zunächst auch eine Besetzungsprobe. Der imaginäre Raum des Theaters lässt sich für das Vorhaben, über die politischen Anliegen der Kunst zu verhandeln und dem freier Bürger dazu eine Bühne zu bieten, bekannter Maßen auch am besten nutzen. Schon Friedrich Schiller selbst hatte in seiner Vorlesung „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ das Theater als eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung bezeichnet.

    Ausgehend von den historischen Kämpfen der vereinigten Niederlande im 80jährigen Krieg von 1568 bis 1648 gegen die Europäische Zentralmacht Spanien (Spanische Krone), in Deutschland eher bekannt als der 30jährige Religionskrieg in Mitteleuropa, werden auf der Bühne nach Parallelen zur heutigen globalen Finanzkrise einerseits und zur Krise der Kunst in den heutigen Niederlanden andererseits gesucht. Die weltweiten Occupy-Bewegungen werden dabei mit dem Aufstand der „Geusen“ 1564 verglichen. Die Bühnenbesetzer im HAU 1 treten dann auch im Gewand der niederländischen Aufständischen wie Bettler in Säcke gekleidet auf. Sie üben zunächst das Vokabular der heutigen globalisierungskritischen Widerstandsbewegung, das sich in den zahlreichen Occupy-Camps entwickelt hat, ein. Man sitzt dazu mit dem Rücken zum Publikum und wiederholt dabei stoisch immer wieder alles Gesagte. In Hinblick auf eine globalisierte Geschichte des Widerstands ist es erst einmal notwendig zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Ein imaginären Kontext entsteht aber erst in der Verbindung einiger skizzenhaften Spielszenen von den Werken wie Goethes „Egmont“ oder Schillers „Don Carlos“ mit der universalen Geschichte Europas von den Zeiten der Entdeckung Amerikas durch die Spanier über deren Aufstieg zur Weltmacht bis hin zur Entstehung des freien Warenaustauschs in den Niederlanden. Auf der Bühne, wo sich für Schiller Vergnügen und Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wird spielerisch die Reise von den Silberminen des Potosi über den finanziellen Zusammenbruch Spaniens, das sein Gold nicht mehr los wurde, bis zum ersten Weltmarkt mit den Finanzplätzen Antwerpen und Amsterdam vollzogen.

    andcompany_co_der_kommende_aufstand_01.jpeg
    Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller – Szenenfoto von Hans Jörg Michel

    Der Lack ist ab, die einst glänzende Fassade wird in der kleinen Guckkastenbühne mit der Tapete abgerissen. Der Aufstand der niederländischen Bürger gegen die spanische Krone als Reaktion auf die Behinderung des freien Handels. Die Niederlande entwickelten sich zu einem Zentrum von florierender Wirtschaft, Wissenschaft und Fortschritt ohne die Repressionen der spanischen Inquisition, die hier noch einmal in rotem Kutten- und Mützenmummenschanz den Aufständischen die Instrumente zeigen darf, deren Ton arg verstimmt klingt. Mit historischen Kostümen geht man über zu Schillers „Don Carlos“. Doch wo bleibt bei all der lustigen Fiktion und Historienbebilderung der Bezug zu heutigen Aufständen. „Wo bleibt der Aufstand?“, wird dann auch aufgeregt von einem Beteiligten gefragt. Der (kommende) Aufstand manifestiert sich hier auch erst einmal nur durch die eingestreuten Wuttexte der Performer inklusive Auszügen aus dem Pamphlet des Unsichtbaren Komitees. Auf der Bühne entsteht so zunächst auf ironische Weise eine imaginäre Ästhetik des Widerstands mit Anleihen bei Schiller, Peter Weiss und Heiner Müllers konstruktivem Defaitismus. Und so kommt dann schließlich auch noch der Umschluss zur prekären Situation der Künstler in den heutigen Niederlanden. Die Künstler stehen dort bereits mit dem Rücken zur Wand und hier auf der Bühne plötzlich ohne Hosen da. Kein Geld zu besitzen macht sie daheim zu Bittstellern mit geöffneten Geldbeutel und Verbrechern im Sinne der Gesellschaft, deren größte Missetat es ist, wie in Brechts „Mahagonny“ kein Geld zu besitzen.

    Den „Kommenden Aufstand“ zitieren und singen die Holländer und Flamen gemeinsam mit den deutschen Performern der Truppe zumindest kollektiv auf der Bühne herbei, und versuchen ihn auch in die Reihen des Publikums zu tragen. Mit runtergelassener Hose, nostalgischen Protest-Hits wie „Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, solln aufstehn“, entsprechenden Protestschildern und unkoordiniertem Gewusel auf der Bühne hat das natürlich schon etwas fröhlich unbefangen Chaotisches. Aber zu Schillers Forderung nach Gedankenfreiheit gesellen sich so neben Rede-, Versammlungs- auch die Assoziationsfreiheit der Kunst. Ganz frei nach Heiner Müllers Feststellung: „Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist die Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Und dabei produziert vor allem auch die Angst Kreativität. Sie ist konstruktiv und zwingt uns zu Lösungen (HM aus: „Gesammelte Irrtümer“). Selbst auf die Gefahr hin, dass, wenn man an mehreren Zitat-Baustellen gleichzeitig bastelt oder auf der Bühne an zu vielen Lichtschaltern spielt, man ganz plötzlich auch im Dunklen stehen kann. Es geht hier natürlich nicht nur um die reine Lust am Zitieren. Es soll in beiden Stücken vordergründig unsere heutige Stellung zu einer universellen Menschheitsgeschichte aus bestimmten Machtverhältnissen, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und den daraus resultierenden Aufständen herausgearbeitet werden. Von den erfolgreichen Aufständen bei Friedrich Schiller über die gescheiterten bei Heiner Müller versuchen die bat-Inszenierung „Der Auftrag“ und die Performance „Der (kommende) Aufstand“, vor allem mittels spielerischer Untersuchung der historischen Mythen, in alten Geschichtsräumen neue Türen aufzustoßen. Beiden Inszenierungen ist das dann auch mit ihren aktuellen Bezügen mehr oder weniger glücklich gelungen.

    der-aufstand_schiller.jpg
    Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller von andcompany&Co – (c) Jan Brokof

    „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
    Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

    ***

    Literatur:

    • Heiner Müller: „Der Auftrag und andere Revolutionsstücke“, Herausgegeben von Uwe Wittstock, Reclam, Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8470)
    • Heiner Müller, Werke 1: „Die Gedichte“, Herausgegeben von Frank Hörnigk, Suhrkamp 1998
    • Georg Büchner: „Dantons Tod“, Reclam Taschenbuch
    • Karl Marx: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Suhrkamp Taschenbuch oder auf zeno.org
    • Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, Reclam Taschenbuch
    • Friedrich Schiller: „Don Carlos“, Reclam Taschenbuch
    • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Reclam Taschenbuch und
    • Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Inselverlag Leipzig, 1979 (nur gebraucht) oder beides auf Projekt Gutenberg-DE
    • Das Unsichtbare Komitee: „Der Kommende Aufstand“, Edition Nautilus, Hamburg 2010, oder auf pdfcast.org

    _________

  • „Dichtung und Kunst ist Kraft. Wir brauchen Dichtung.“ Stéphane Hessel, der Autor der Streitschrift „Empört Euch!“ ist gestorben.

    stephane-hessel.jpg Foto: G. Freihalter (Wikipedia)
    Stéphane Hessel (20.11.1917 – 26./27.02.2013)

    „Man kann dialektisch überwinden, was einem nicht passt, das ist mir heute noch wichtig. Und ich glaube daran, dass man dialogisch vorwärts kommen kann.“ Stéphane Hessel 2012 bei einem Besuch im Hölderlinturm in Tübingen

    Wer noch lebt, sage nicht: niemals!

    Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
    Das Sichere ist nicht sicher.
    So, wie es ist, bleibt es nicht.
    Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
    Werden die Beherrschten sprechen.
    Wer wagt zu sagen niemals?
    An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
    An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Ebenfalls an uns.
    Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
    Wer verloren ist, kämpfe!
    Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?
    Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen.
    Und aus niemals wird: Heute noch!

    Bertolt Brecht (Lob der Dialektik)

    „Widerstand, auch der friedliche, ist nie gänzlich frei von Gewalt. Die britische Kolonialmacht musste Gandhis gewaltlosen Widerstand durchaus als politische Gewalt erleben. Jeder Widerstand ist im Kern moralische Gewalt – die Entschlossenheit des Sichentgegenstellens, die Weigerung zurückzuweichen. Das ist jedoch etwas ganz anderes als terroristische Gewalt, die immer ihre Wirkung verfehlt. Man kann die Terroristen, die Bomben legen und sich selbst mit in die Luft sprengen, vielleicht verstehen, aber nicht entschuldigen. Gewalt ist ein Ausdruck der Verzweiflung, nicht der Hoffnung. Eine gewalttätige Hoffnung kann es in der Politik nicht geben. Terroristische Gewalt vergiftet die Ziele, für die sie zu kämpfen vorgibt. (…)
    Walter Benjamin, ein Freund meines Vaters, ich habe ihn selbst noch vor seinem tragischen Selbstmord in den Pyrenäen 1940 kennengelernt, misstraute dem Fortschritt. Er sah dahinter immer einen moralischen Rückfall. Ich halte es lieber mit meinem Lieblingsdichter Hölderlin: Wenn das Schlechte kommt, ist auch das Gute nicht mehr weit.“

    aus einem SPIEGEL-Gespräch mit dem ehemaligen Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel über die Zumutungen des modernen Kapitalismus (Ausgabe 4/2011)

     

    „Stéphane Hessel ist auch ein Engel der Geschichte. Einer, der sich umzudrehen vermochte und ein Lächeln aus der Zukunft in die Katastrophen der Gegenwart brachte.“

    aus: „Der Engel der Geschichte“ – Ein Nachruf von Arno Widmann in der Berliner Zeitung (28.02.2013)

    Paul Klee: Angelus Novus (1920) klee-angelus-novus.jpg
    Israel-Museum, Jerusalem

    _________

  • Goe East! Die Berlinale 2013 blickte oft und weit in die Regionen Osteuropas. Der Beitrag des deutschen Kinos nahm sich dagen recht bescheiden aus. – Eine Bärennachlese.

    berlinale-logo.jpg Der Osteuropäische Film auf Bärenjagd und die derzeitige Situation in Ungarn.

    So uninteressant und wenig inspiriert wie die wenigen deutschen Filmbeiträge dieses Jahr daherkamen, die Perspektive deutsches Kino sei hier ausdrücklich ausgenommen, so vehement feierte das postsozialistische, osteuropäische Kino fröhliche Urständ und regelrechte Erfolge auf der Berlinale. Ganze fünf Filme waren im Wettbewerb zu sehen und vier davon wurden sogar mit Preisen gewürdigt. Aber auch in den anderen Sektionen liefen starke Filme aus den Regionen hinter dem einstigen Eisernen Vorhang. Was eigentlich auch nicht wirklich verwunderlich ist. Von ungefähr kommt dieser Erfolg ja nicht gerade. Sind doch die produktiven, gut organisierten Strukturen der ehemals sozialistischen Filmproduktion nicht komplett verschwunden, so dass in diesen Ländern immer noch und dank internationaler Vernetzung mit Europa wieder gute Filme entstehen können. Nur haben zurzeit einige der Filmemacher mit einer ganz besonderen Gefahr zu kämpfen. Die fehlende Möglichkeit der freien Meinungsäußerung bei nationalistischen bis totalitären Tendenzen und die oft negativen Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung schränken die Entstehung unabhängiger Filmproduktionen stark ein.

     Bela Tarr auf dem Sarajevo Film Festival 2007 bela-tarr.jpg
    Foto: Kolja Hub (Wikipedia)

    Besonders in Ungarn und in weiten Teilen der ehemaligen GUS-Staaten sowie Russland selbst ist der Wegfall staatlicher Unterstützung für solche Projekte klar spürbar. So hat der ungarische Regisseur und Gewinner des großen Preises der Berlinalejury von 2011 Béla Tarr (A Torinói ló – The Turin Horse) seine Filmarbeit eingestellt. Er hatte nach der Berlinale 2011 sehr deutlich gegen die sich immer weiter verschlechternden kulturellen Zustände unter der rechtskonservativen Regierung Orban protestiert („Die Regierung muss weg. Nicht ich“, Tagesspiegel vom 07.03.2011). Gerade die Film- und Theaterkünstler haben derzeit mit der politischen Gleichschaltung wichtiger Ämter durch die ungarische Kulturpolitik zu kämpfen. Dazu passt dann auch die noch recht frische Meldung über die Absage des jährlich in Budapest stattfindenden Ungarischen Filmfestivals. Zum ersten Mal übrigens in den fünfzig Jahren seines Bestehens. Der Grund: Es gibt keine neuen ungarischen Filme, die gezeigt werden könnten. Nach Angaben des Verbands der Ungarischen Filmkünstler ist seit 2011, nachdem durch den Ministerpräsidenten Viktor Orban die unabhängigen Stiftung, die bisher über die Vergabe von Film-Fördermitteln entschieden hatte, aufgelöst wurde, kein einziger ungarischer Film mehr fertiggestellt worden. Diese Tatsache ist erschüttert für das Filmland Ungarn. Bei der Berlinale 2012 erhielt mit Bence Fliegauf wieder ein ungarischer Regisseur den Silbernen Bären für die beste Regie. Sein Film „Just The Wind“ behandelt die nationalistische Gewalt gegenüber die in Ungarn lebenden Roma. Auch ein großes Problem, neben dem weiter aufkeimenden Antisemitismus.

    Relativ ruhig ist es dagegen um den Regiealtmeister und Oscar-Preisträger István Szabó (u.a. Mephisto, Süße Emma, liebe Böbe), der in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag feiern konnte, geworden. Szabó ist selbst Jude und hat in seinen Filmen immer wieder das Thema des Nationalsozialismus aufgegriffen. 2011 verfilmte er mit „Hinter der Tür“ einen Roman der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó über die 1960er Jahre in Ungarn, der auch den Holocaust thematisiert. In den Hauptrollen sind Helen Mirren und die deutsche Schauspielerin Martine Gedeck zu sehen. Auch Szabó hatte bereits 1980 einen Silbernen Regie-Bären für seinen Film „Zimmer ohne Ausgang“ erhalten. Außerdem ist István Szabó der Ehrenpräsident des Filmfestivals in Cottbus, dass sich seit über zwanzig Jahren um den osteuropäischen Film verdient macht. Zur Eröffnung des 22. Festivals 2012 in Cottbus lief der ungarische Film „Final Cut – Ladies and Gentlemen“ des Regisseurs György Pálfi (u.a. Hukkle – Das Dorf, Taxidermia). Er hat diese bereits in Cannes präsentierte Zeitreise durch die gesamte Kino-Geschichte aus Schnipseln von 450 Film-Klassikern zusammengeschnitten. Auch eine Möglichkeit, wie in Ungarn womöglich in Zukunft Filme entstehen müssen. Allerdings ist dabei noch das Problem des Urheberrechts endgültig zu klären. Pálfi beteiligte sich auch an dem Episodenfilm „Magyarország 2011 – Ungarn 2011“ über die katastrophalen künstlerischen Zustände in Ungarn. Der von Béla Tarr produzierte Beitrag von 11 Regisseuren (u.a. auch Bence Fliegauf) lief auf der Berlinale 2012 im Kurzfilmprogramm. Auf dem diesjährigen Berlinale Co-production Market suchte Pálfi nach einem Koproduzenten für seinen neuen Film „The Voice“, der Anfang 2014 Premiere haben soll. Vielleicht ja sogar auf der nächsten Berlinale.

    berlinale-palast_estermann.JPG

    Schwule Priester, Eisenklopfer, dominante Mütter und Lektionen über Harmonie – Viele Preise für Filme aus Osteuropa und den Regionen der ehemaligen Sowjetunion im Berlinale-Wettbewerb 2013.

    Nach dem Ausbleiben der ungarischen Filmschaffenden auf der Berlinale 2013 sind dafür nun andere Regisseure Osteuropas ganz erfolgreich in die entstandene Lücke gesprungen. Filme aus Polen, Rumänien und Russland, Koproduktionen der Balkanstaaten, Bosnien/Herzegowina und Slowenien mit Frankreich sowie der ehemaligen Sowjetrepublik Kasachstan mit Deutschland waren dieses Jahr im Wettbewerb vertreten. Außer Boris Khlebnikovs „Dolgaya schastlivaya zhizn” wurden dabei auch durchweg alle mit Preisen bedacht. Das polnische Drama um einen jungen schwulen Priester, der sich in einen seiner Schüler verliebt, bekam zwar keinen Silber- oder Goldbären, dafür aber den schwul-lesbischen Filmpreis „Teddy“. „W imi…“ (In the Name of – Im Namen…) der Regisseurin Malgoska Szumowska umschifft die Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche und beschäftigt sich lieber mit dem Zölibat und dem in Polen eher noch problematischerem Thema homosexueller Geistlicher. Der Film schließt damit unmittelbar an den Schwerpunkt Religion des 22. Filmfestivals in Cottbus an, bei dem im November 2012 ebenfalls polnische Filme dominierten. Der bosnische Regisseur und Oscarpreisträger Danis Tanović (No Mans Land, Zirkus Columbia) hat sich mit „Epizoda u zivotu beraca zeljeza“ (An Episode in the Life of an Iron Picker- Eine Episode aus dem Leben eines Eisenklopfers), wie Bence Fliegauf im letzten Jahr mit der Diskriminierung der Roma in Ungarn, mit dem Leben einer Roma-Familie in Bosnien auseinandergesetzt. Die schwangere Mutter wird trotz schweren Komplikationen, das Kind ist im Mutterleib gestorben, vom Krankenhaus aus finanziellen Gründen nicht aufgenommen. Der Vater Nazif versucht das Geld für die Behandlung beim Zerlegen von Schrottautos zu verdienen. Was wie ein Dokumentarfilm daherkommt, ist ein durchaus berührend gefilmtes Reanactment. Tanović lässt die Familie vor seiner Handkamera tatsächlich ihre eigene Geschichte nachspielen. Dafür gab es den Großen Preis der Jury und den Silbernen Bären für den Hauptdarsteller Nazif Mujic.

    Den Goldenen Bären für den besten Film konnte der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer für „Pozitia Copilului“ (Child’s Pose – Die Stellung des Kindes) entgegennehmen. Eine Bestätigung für das in den letzten Jahren international wieder sehr präsente rumänische Kino. Bereits 2010 hatte der Rumäne Florin Serban mit „Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich“ einen Silbernen Bären gewonnen. Und Cristian Mungius (4 luni, 3 săptămâni si 2 zile – 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage / După dealuri – Beyond the Hills) oder Cristi Puiu (Moartea domnului Lăzărescu – Der Tod des Herrn Lazarescu) sind in Cannes kene Unbekannten mehr. Aber auch jüngere Filmemacher wie Bogdan George Aperti (Periferic – Outbond, nach einem Buch von Cristian Mungiu) oder Anca Damian (Crulic – Drumul spre Dincolo / Crulic – DerWeg ins Jenseits) waren in den letzen Jahren in Cottbus erfolgreich. Häufig sind in den rumänischen Filmen entweder soziale Probleme oder die Aufarbeitung der Vergangenheit unter der Diktatur Ceauşescus die Hauptthemen. Aber auch ganz alltägliche Geschichten oder rein familiäre Probleme bestimmen immer mehr die Plots der jungen Nachwuchs-Regisseure. Sie drängen mit einer ganz neuen Ästhetik und anderen Themen auf den internationalen Markt. So stellt Paul Negoescu, dessen Debut „O Luna in Thailanda“ (Ein Monat in Thailand) 2012 im Cottbuser Wettbewerb gezeigt wurde, eine Gruppe junger Rumänen aus der Mittelschicht in den Mittelpunkt seines Films, lässt sie in einer Silvesternacht durch Bukarest streifen und über ihr Leben und die Liebe nachsinnen. Calin Peter Netzer hat mit seinem Film über einen antriebsschwachen jungen Mann, der ein Kind überfährt, und dessen dominante Mutter, die ihm mit allen Mitteln die für ihn lästigen Schwierigkeiten aus dem Weg räumen will, Soziales und Innerfamiliäres bestens zu einem Sittenbild der heutigen rumänischen Elite und der staatlichen Institutionen miteinander verbunden.

    potsdamer-strase2.jpg

    Den vielleicht außergewöhnlichsten Film im Wettbewerb zeigte der kasachische Regisseur Emir Baigazin. „Uroki garminii“ (Harmony Lessons – Lektionen in Harmonie) beschäftigt sich in einer fein abgezirkelten Bild-Ästhetik mit dem fast zwanghaften Drang des 13-jährigen Schülers Aslan die vollkommene Perfektion zu erreichen und dabei das für ihn aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis von Körper und Geist wieder in einen harmonischen Einklang zu bringen. Aslan (Timur Aidarbekov) ist ein Außenseiter in der Schule, der von dem kräftigeren Bolat (Aslan Anarbayev) gedemütigt und mit einem Bann belegt wird. Niemand darf ihn beachten oder gar mit ihm reden. Bolat führt unter den Schülern ein Regime aus Erpressung und brutaler Unterwerfung. Alle müssen ihm Geld und andere Abgaben liefern, die er wiederum an ehemalige ältere Schüler weitergibt. Nur der neue Schüler Mirsain (Mukhtar Andassov) aus der Stadt wiedersetzt sich dem Gebot und wird dafür von Bolat brutal zusammengeschlagen. Aslan, der daheim bizarr ausgetüftelte Zurichtungen an Kakerlaken mittels elektrischem Strom vollzieht und sie dann an gefangene Eidechsen verfüttert, lebt seine eigene Ordnung der Dinge und verfällt schließlich auf eine extreme Art der Rache. Bolat wird irgendwann tot aufgefunden und die beiden Jungen geraten durch die Ermittler der Polizei schnell in Verdacht. Die Philosophie der Sehnssucht nach einer stabilen Harmonie von Körper und Seele ist gestört, in einem System, das einerseits auf religiösen Traditionen und archaischen Riten (z.B. das Schächten eines Schafes zu Beginn des Films) beruht, und anderseits aber, diese verneinend, neue Werte lehrt, die wiederum auf Misstrauen und Unterordnung basierend, nur neue Verstörungen zur Folge haben. Der Gott der Ordnung und der kleinen Dinge befindet sich für Aslan in einem Amulett, das er von seiner Großmutter geschenkt bekommt, die um sein Seelenheil besorgt ist. Dieser letzte Halt wird ihm schließlich auch noch von seinen Verhörern genommen.

    Baigazin erzählt mit sehr anschaulichen Bildern eine Parabel von der Entstehung und dem Kreislauf der Gewalt in einer Gesellschaft, die bereits ihre Kinder autoritär erzieht, uniformiert und jeglichen Widerstand schon im Ansatz bricht. Die Lehrer in der Schule reden einerseits von Gandhi, dann andererseits wieder von Unterordnung und vom physikalischen Gesetz der Energie. Und meinem doch damit nur die Dynamik des Geldes als Triebfeder der Gesellschaft oder die Darwinsche Regel, das der Stärkere den Schwächeren frisst. Wie eine bewusste, genaueste Nachahmung des Gelernten wirken dazu die Schulhofszenen, in denen sich die Schüler Bolats Befehlen unterordnen oder Arslans Kakerlakenversuchsanordnungen. Als die Staatsmacht in Form der Polizei an die Schule kommt, um den Mord an Bolat aufzuklären, geraten die beiden Verdächtigen in eine nie geahnte Schleife aus Brutalität und perfiden Verhörmethoden, bis das Ganze in ein regelrechtes Prügel- und Folterszenario mündet. Wobei man nie ganz genau weiß, was Realität ist, oder der Phantasie Aslans entspringt.Baigazin formuliert hier nicht eindeutig aus, überlässt die Deutung dem Zuschauer. Zum Schluss wird lediglich das eine System der Unterdrückung durch eine neues stabiles ersetzt. Die Staatsmacht schlägt erbarmungslos zurück. Hatte beim 22. Filmfestival in Cottbus der Kasache Erlan Nurmukhambetov mit „Koktemnin Birinshi zhanbyry“ (erster Regen im Frühling) einen meditativen Film über die Utopie der Liebe zur Natur und deren Kraft zur Reinigung und Reinkarnation der Seele gezeigt. So malt sein Landsmann Emir Baigazin mit „Harmony Lessons“ eine schwarze Dystopie der Gewalt, die dargestellt in ihrer unbegreiflichen Schrecklichkeit, nur durch eine übertriebene Ornamentik der Filmbilder mit ihrer förmlichen Sucht nach Harmonie – Und darin ähneln sie durchaus Ulrich Seidels Hoffnungs-sehnsüchtigen Bildern der Paradies-Trilogie. – wieder gebrochen und somit überhaupt erst künstlerisch darstellbar wird. Dafür bekam sein Kameramann Aziz Zhambakiyev den Silbernern Bären. Es hätte ruhig noch mehr für diesen eindrucksvollen Film herausspringen können.

    international.jpg

     

    Klassenkampf auf postsowjetisch und Kreise gegen das Vergessen – „Za Marksa…“ (For Marx… – Für Marx…) von Svetlana Baskova mit Sergej Paxomow, Vladimir Elifanzew u.a. (Russland 2012, – 100 Min.) und „Krugovi“ (Circles – Kreise) von Srdan Golubović mit Leon Lučev, Nebojša Glogovac u.a. (Serbien, Kroatien, Slowenien, Deutschland, Frankreich 2013, 112 Min.) im Forum

    delphi.jpg

    Auch in anderen Sektionen der Berlinale waren einige bemerkenswerte Filme aus Osteuropa zu entdecken. So z.B. ein weiterer Beitrag aus Russland im Internationalen Forum des jungen Films. Ähnlich wie im bereits erwähnten russischen Wettbewerbsbeitrag „Dolgaya schastlivaya zhizn” von Boris Khlebnikov arbeitet die russische Regisseurin Svetlana Baskova in ihrem postsowjetischen Klassenkampf-Drama „Za Marksa…“ (For Marx…) mit verschiedenen Elementen des Genrekinos. Hier sind es vor allem Anklänge an das finster brutale Mafiakino a la Scorsese, wobei es am Ende sogar doch noch zu einem echten blutigen Showdown kommt. Aber die Mischung in „Za Marksa“ ist durchaus vielfältiger, als es auf den ersten Blick erscheint. In einem Stahlwerk in der russischen Provinz liefern sich Vertreter neugegründeter unabhängiger Gewerkschaften mit einer skrupellos agierenden Werksleitung einen fast aussichtslosen und verlustreichen Kampf. Nachdem die Arbeitsbedingungen im Werk immer schlechter werden und die offiziellen Gewerkschaften und Provinzpolitiker es sich mit dem Fabrikbesitzer einem alten Oligarchen und früherem KGB-Oberst in einem Netz aus Korruption eingerichtet haben, greifen die Arbeiter zu Eigeninitiative. Ihre Vertreter treffen sich in geheimen Versammlungen, beraten und organisieren eine Streik. Diese Treffen und Unterhaltungen zwischen den Arbeitern aber gestaltet Svetlana Baskova als einen geistigen Austausch auf durchaus hohem Niveau. Man diskutiert über die Ästhetik in Filmen von Godard oder dem amerikanischen Hollywoodkino, die Unterschiede des Theaterbegriffs bei Stanislawski und Brecht, Gogols Roman „Die toten Seelen“ oder auch über die russische Geschichte.

    svetlana-baskov-und-sergey-pakhomov_foto-maxim-mosin.jpg
    Regisseurin Svetlana Baskova und Hauptdarsteller Sergej Paxomow aus dem Film „Für Marx…“ – Foto: Maxim Mosin

    Der Fabrikarbeiter zeigt sich hier als allseits gebildeter und interessierter Bürger, so wie ihn schon Marx forderte und später dann die 68er zum Ziel ihrer Agitationszirkel machten. Baskova zitiert in ihrem Film auch Klassiker des sowjetischen Kinos der 50er und 60er Jahre wie Wassili Schukschins „Kalina Krasnaja“. Ein Filmplakat hängt im Umkleideraum, in dem sich die Gewerkschafter treffen. Dagegen ist der Sohn des Fabrikbesitzer als Karikatur eines Kapitalisten gezeichnet. Machtbesessen und großspurig regiert er den Betrieb nach Gutdünken und zieht Geld aus der Firma, das eigentlich für die Modernisierung und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gebraucht würde. Er will dafür in London moderne Kunst ersteigern, denn mit dem vorhanden sozialistischen Realismus lässt sich kein Staat mehr gegenüber Investoren aus dem Westen machen. Baskowa zeigt hier einerseits den Manchesterkapitalisten alter Prägung, und mit dessen postmoderner Überzeichnung nimmt sie andererseits ein von Marx abgewandeltes Hegelzitat zur Wiederholung in der Geschichte auf, das dann auch prompt aus dem Munde eines der Gewerkschafter kommt. Der Film zeigt die Wiederholung der Geschichte als bittere Farce. Einschüchterung, Gewalt und Verrat, die Werksleitung setzt alle Mittel ein, um den Widerstand der Arbeiter zu brechen. Schließlich lässt ein Bruder in Unwissenheit dessen den anderen morden. Eine Genre-Mix also aus Brechts episch dialektischem Theater, griechischer Tragödie und Hollywooddrama. Trotz allem, oder gerade deswegen ist der Film weder platte Kapitalismuskritik noch Genrekino. Er geht viel weiter. Baskowa zeigt eindeutig ihre Sympathie für die sich in Russland neugründende freie Gewerkschaftsbewegung. Der Titel des Films lässt sich natürlich auch nicht ganz ohne Absicht auf das Werk „Für Marx“ des französischen Philosophen und marxistischen Theoretikers Louis Althusser zurückführen. Denn der Klassenkampf in der Theorie ist nicht nur im heutigen Russland wieder bittere Praxis.

    Filmausschnitt auf der Website von Svetlana Baskova.

    Der Balkan ist eine Region Osteuropas, die aus dem internationalen Kino so gut wie nicht mehr wegzudenken ist. Besonders mit Filmen von Emir Kusturica (Regie) und Goran Bregović (Musik) sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens seit Ende der 80er Jahre zu einiger Bekanntheit gelangt. In Kusturicas Filmen (Time of the Gypsis, Underground, Schwarze Katze, weißer Kater (ohne Bregović)) stand vor allem das Leben der Roma im ehemaligen Jugoslawien und natürlich der Balkan-Krieg im Vordergrund. Mit ihren teilweise mystisch aufgeladenen Bildern und einer kraftvollen traditionellen Musikuntermalung haben sie in Westeuropa einen reglerechten Balkanbrass-Boom ausgelöst, der immer noch anhält. Die Vermarktung der Filmmusik war dann aber auch einer der Gründe, die zum Zerwürfnis der beiden Künstler führte. Die zahlreichen Pro-serbischen Statements des in Sarajevo geborenen Regisseurs Emir Kusturica haben ihm nach den Kriegen auf dem Balkan immer wieder Kritik einbrachte. Sein internationaler Ruhm ist aber nach wie vor ungebrochen, was regelmäßige Einladungen zu den Filmfestspielen in Cannes und Venedig sowie zahlreiche Filmpreise bezeugen.

    Der Krieg auf dem Balkan ist auch in den neueren Filmproduktionen aus Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina immer noch vorherrschendes Thema, wie auch in diversen Filmen der letzten Jahre auf dem Filmfestival in Cottbus. Bei der diesjährigen Berlinale war es daher neben dem Wettbewerbsbeitrag von Danis Tanović über eine Roma-Familie im heutigen Bosnien vor allem die serbisch-kroatisch-slowenische Koproduktion „Krugovi“ (Circles – Kreise) des Regisseurs Srdan Golubović im Forum, die in Verbindung mit Deutschland und Frankreich mit ihrem nationenübergreifenden Plädoyer wider das Vergessen der Kriegsereignisse auffiel. Der Film beschreibt in den Anfangsminuten ein Ereignis aus den Tagen des serbisch-bosnischen Kriegs 1993 in Trebinje (im heute serbischen Südteil der Herzegowina (Republik Srpska) gelegen) bei der der bosnische Kioskbetreiber Haris (Leon Lucev) aus nichtigem Grund von drei serbischen Soldaten brutal misshandelt wird. Ihm kommt der Serbe Marko (Vuk Kostic) zu Hilfe. Es wird zunächst offen gelassen, was aus den Beteiligten in Folge dessen geschieht. Unausgesprochene Wahrheit ist aber, dass Marko seinen mutigen Einsatz für Haris mit dem Leben bezahlen musste. Der Film setzt 12 Jahre nach dem Ereignis wieder ein, und führt einige der Menschen aus dem Umkreis der damaligen Geschehnisse wieder zusammen. Haris lebt inzwischen mit seiner deutschen Frau und zwei Kindern in Halle/Saale. Er ist, wie es Markos Vater einmal treffend sagen wird, der Mann der nie vergisst. Selbstlos, ohne an die Folgen für sich und seine Familie zu denken, hilft er der ehemaligen Freundin von Marko Nada (Hristina Popovic), als sie mit ihrem Sohn vor ihrem brutalen Mann nach Halle flieht. Er setzt schließlich sogar sein eigenes Leben für sie ein.

    kreise_kurt-bouda_pixeliode.jpg
    Kreise der Hoffnung. Foto: Kurt Bouda / pixelio.de

    Ganz anders verhält sich einer der Täter. Todor (Boris Isakovic) liegt in Belgrad als Unfallopfer auf dem Operationstisch des Arztes Nebojša (Nebojša Glogovac), einem Freund von Marko. In mehreren Gesprächen mit Nebojša ist Todor nicht bereit aus freien Stücken sein Schuld einzugestehen und bringt den Arzt und Freund damit in einen moralischen Zwiespalt. Die Tat von damals zieht ihre Kreise weiter bis in das heutige Leben der Protagonisten. Markos Vater Ranko (Aleksandar Bercek), der immer noch in Trebinje lebt, baut eine im Krieg zerstörte orthodoxe Kirche wieder auf. In diesem Teil der Handlung kommt es zur Begegnung zwischen dem alten verbitterten Mann und Boddan, dem Sohn (Nikola Rakocevic) eines der Mörder. Aus der anfänglichen Abneigung des Alten entwickelt sich aber im Laufe der Zeit schließlich eine fast väterliche Zuneigung. Im Nachdenken darüber, ob der Tod des Sohnes umsonst war, prägt Markos Vater dann auch das Bild des Steins, der ins Wasser geworfen, Kreise gegen das Vergessen aber auch für eine Hoffnung auf Aussöhnung ziehen kann. Hier in der Zusammenarbeit mit der Folgegeneration der Täter vollzieht er einen Anfang. Wie schon Arsen Anton Ostojić mit seinem bosnischen Drama „Halimin Put” (Halimas Weg) im Wettbewerb des 22. Filmfestivals Cottbus ist Srdan Golubović mit „Krugovi“ ein einfühlsamer und nachdenklich stimmender Beitrag zur notwendigen Aufarbeitung der Kriegsereignisse auf dem Balkan gelungen. Der Film erhielt den Preis der Ökumenischen Jury im Forum.

    Deutsche Beiträge im Internationalen Forum des jungen Films sowie Preisträger und Gäste der Perspektive Deutsches Kino

    arsenal2.jpg

    Zum Schluss dann doch noch ein kleines Fazit  zum deutschen Film auf der Berlinale 2013. Nach drei recht guten Filmen im Wettbewerb der letzten Berlinale gab es in diesem Jahr nur den mäßig spannenden Westernverschnitt „Gold“ von Thomas Arslan nach Machart der Berliner Schule und die recht schmale deutsch-französisch-südafrikanische Koproduktion „Layla Fourie“ der jungen Regisseurin Pia Marais. Gegenüber den Preisträgerfilmen fielen diese Beiträge doch qualitativ etwas ab. Noch schmaler war  der Auftritt das deutschen Films in den anderen Sektionen des Festivals. Im Internationalen Forum des jungen Films liefen einige Produktionen aus dem Dunstkreis des Berliner Schule wie „Echolot“ von Athanasios Karanikolas, der Regieseminare an der Schauspielschule Ernst-Busch gibt und zusammen mit zehn Schauspielabsolventen des Jahres 2011 dieses Filmexperiment entwickelt hat. In fast dokumentarischen, improvisiert wirkendenden Einstellungen beobachtet Karanikolas die jungen Menschen bei einer sehr eigenen Art von Trauerarbeit an einem Wochenende in einem brandenburgischen Landhaus. Dorthin hatte sich einer ihrer Freunde zurückgezogen, bis er sich von allen unerwartet im See ertränkte. Teilweise unfähig, sich zu dieser Tat zu verhalten, feiern sie eine zügellose Party und ergeben sich ihren spontanen Gefühlen. Sie trinken, philosophieren, streiten oder lieben sich, ohne dabei an irgendwelche Konsequenzen zu denken. Das Ergebnis ist daraufhin auch eher ernüchternd.

    Karanikolas Bestandsaufnahme der Clique aus lauter zum Teil typisch kreativ mit sich selbst beschäftigten Mitzwanzigern zeigt, dass der Zusammenhalt der Gruppe und die Anteilnahme am früheren Leben des Toten schon länger nicht mehr wirklich existierte. Der Regisseur holt einige der Freunde wie zur Erklärung noch mal vor die Kamera. In diesen dokumentarisch gefilmten Reflektionen geht es noch einmal um die Aufarbeitung der Vergangenheit und ihren Nachhall in der Gegenwart. Eine gemeinsame Zukunft scheint jedoch nicht vorstellbar. Durch das gezwungene Nachdenken über das kaum fassbare Ereignis sind alle plötzlich auch mit ihrem eigenen Leben konfrontiert. Leider fällt ihnen dabei nicht viel zum Thema ein. Dieses allzu spontane filmische Ausloten von gruppendynamischen Prozessen verhallt ohne großes Echo. So können auch nur 77 min. recht lang werden. Einige der Darsteller waren schon 2009 während des Schauspielstudiums an Berliner Theatern zu sehen. Wie z.B. Bettina Burchard und Nina Horvath in „Klassen Feind“ an der Schaubühne oder Thomas Halle, Julian Keck, Aenne Schwarz, Marco Portmann, Arndt Wille und Henning Bosse in Andreas Kriegenburgs „Hamlet“-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters. Momentan befinden sich alle von Rostock über Berlin, Cottbus, Jena, Mannheim, Karlsruhe, Nürnberg oder Ingolstadt bis hin nach Wien in ersten festen Theaterengagements.

    cinemaxx.jpg

    Mit Anne Ratte-Polle ist eine weitere bereits bekannte Theaterschauspielerin der Berliner Volksbühne im Forumsbeitrag „Halbschatten“ von Nicolas Wackerbarth zu sehen. Sie war bereits einmal 2004 mit der Verfilmung des Theaterstücks „Die Nacht singt ihre Lieder“ von Jon Fosse in der Regie von Romuald Karmakar mit dem verstorbenen Frank Giering als Filmpartner im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Sie spielte damals eine junge Frau die ihren antriebsschwachen und erfolglosen Schriftstellerehemann verlassen will. In „Halbschatten“ tritt ein Mann erst gar nicht in Aktion. Merle reist in das Ferienhaus ihres Geliebten an der südfranzösischen Côte d’Azur, trifft dort aber nur auf seine Kinder. Man zeigt erst kein sehr großes Interesse aneinander. Erst als der Geliebte weiterhin ausbleibt, lässt sich Merle eher notgedrungen auf die anfänglich spröden Kinder ein. So gerne man Anne Ratte-Polle bei ihrem Spiel zusieht, es wirkt doch etwas zu abgeklärt. Obwohl Merles Motive die ganze Zeit wie im besagten Halbschatten bleiben, besitzt die Figur kaum Geheimnisvolles oder irgendwelche Ambivalenzen. Der Film strahlt keine Dringlichkeit aus und verliert sich mehr und mehr in den Befindlichkeiten der Protagonisten. Die erst stille Beobachterin Merle, die anfänglich so ungewollt von außen in diese Familie einzudringen scheint, steigt auch nur wie zum Schein in die Welt der Kinder ein, um sich dann doch schnell wieder gelangweilt abzuwenden. Die Flucht am Ende scheint wie geplant, obwohl sie doch eher spontan wirken soll.

     Anne Ratte-Polle anne-ratte-polle_berlinale-2012_halbschatten.jpg
    bei der Vorführung des Films „Halbschatten“ im Kino Arsenal – Foto: St. B.

    Wesentlich interessanter und thematisch breit gefächerter sind da meist die Filme der Perspektive Deutsches Kino. Die in diesem Jahr wieder einmal ihren Preis „Dialogue en perspective“ an zwei künstlerisch und gesellschaftlich sehr engagierter Spielfilm verlieh. Der 26-minütige Kurzfilm „Chiralia“ von Santiago Gil spielt in ruhigen fast meditativen Einstellungen an einem Waldsee mit den Wahrnehmungen und Gefühlen der durch das Verschwinden eines Jungen beim Baden im See zufällig aufeinander treffenden Personen, die über sich, den jeweils anderen oder eigene Kindheitserinnerungen zu reflektieren beginnen. Der Vater, ein junges Paar und eine ältere Frau zwischen Angst, Apathie, Gleichgültigkeit und Mitfühlen, das Ereignis zieht alle unweigerlich kurzzeitig in ihren Bann.

    In „Zwei Mütter“ von Anne Zohra Berrached ringt ein lesbisches Paar (Karina Plachetka und Sabine Wolf) mit ihrem Wunsch ein Kind zu bekommen und den bürokratischen Hürden in Deutschland. Die juristisch ungeklärten Folgen einer künstlichen Befruchtung und dem daraus entstehenden Nachwuchs machen es ihnen unmöglich auf üblichem normalen Weg ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Nur wenige Ärzte lassen sich auf diese Konstellation ohne Erzeuger oder solventem Vater ein. Als endlich ein Arzt gefunden ist, will die Behandlung trotz mehreren Versuchen nicht anschlagen. Aus finanziellen Erwägungen entschließen sich die beiden die teure Behandlung abzubrechen und in der Grauzone der Internetforen nach einem Spender zu suchen. Dabei gehen die Vorstellungen und Erwartungen zu den potentiellen Vätern sowie deren Motivationen und Forderungen bald sehr weit auseinander und strapazieren die Beziehung der beiden Frauen bis zur unvermeidlichen Zerreisprobe. Das kompromisslose Vorgehen der eine Frau auf dem Weg schwanger zu werden, verletzt die andere Frau in ihrem Selbstverständnis als Partnerin und lässt sie sich als Mutter zurückgesetzt fühlen.

    Anne Zohra Berrached hat viel in den verschiedenen Szenen recherchiert und einige authentische Protagonisten wie Ärzte und Samenspender für ihren Film gewinnen können. Auch die beiden Schauspielerinnen zeigen des strapazierte Gefühls- und Alltagsleben des Paars mit sehr viel darstellerischem Einsatz und Einfühlungsvermögen. Ein dringliches Statement für die Gleichstellung lesbischer Paare und die juristische Klärung der dargestellten Grauzone bei der künstlichen Befruchtung und der leidlichen finanziellen Versorgungsfrage. Zwar geht der Kinderwunsch irgendwann in Erfüllung, die Beziehung ist auf dem Weg dahin aber fast schon auf der Strecke geblieben. Der Film lässt letztendlich offen, ob sich die beiden noch zu ihrem Glück als zwei gleichberechtigte Mütter finden können.

    haus-der-berliner-festspiele.jpg

    Ein Highlight zum Ende der Berlinale war mit Sicherheit der Gast des Filmfests Saarbrücken.Der mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete österreichische Film „Der Glanz der Tage“ der Regiesseure Tizza Covi und Rainer Frimmel (u.a. „La Pivellina“) lief wie immer am Berlinale-Sonntag im Rahmen derPerspektive Deutsches Kino. In den Hauptrollen sind der bekannte österreichische Theaterschauspieler Philipp Hochmaier, der sich selbst, und der Zirkuskünstler und ehemalige Bärendompteur Walter Saabl, der den unverhofft nach Jahren auftauchenden Onkel Walter spielt, zu sehen. Die semidokumentarische Produktion begleitet beide bei ihrem langsamen Kennenlernen. Sie führen viele  Gespräche über die Vergangenheit der Familie und ihre sehr ähnlichen Berufe, bei denen beide ständig auf Achse sind. Hochmaier an verschiedenen Theatern zwischen Hamburger Thalia und Wiener Burg und der bereits im Ruhestand befindliche Walter bei der Suche nach den Orten seiner schwierigen Kindheit. Nach und nach entwickelt sich zwischen den beiden, durch die plötzliche Notwendigkeit einander zuhören zu müssen, eine gegenseitige Achtung und Freundschaft. Wofür der vielbeschäftigte Hochmaier früher kaum Zeit hatte, da er sich nur durch seine kreative Arbeit definiert und seine Träume und Süchte am Theater auslebt. Der Erfolg auf der Bühne ist dann auch das, was Hochmaier den „Glanz des Tages“ nennt. Erst die Geschichten des Onkels lassen ihn inne halten und sich erstmalig selbst reflektieren.

    Walter Saabel und Philipp Hochmaier in DER GLANZ DES TAGES / THE SHINE OF DAY – Ausschnitt / ventofilmproductions auf YouTube

    Der Film, der bereits im August 2012 auf dem 65. Filmfestival in Locarno Premiere hatte, besitzt auch eine spannende Nebenhandlung. Der Nachbar von Philipp Hochmaier in Wien stammt aus Moldavien. Victor lebt zur seit allein mit seinem beiden kleinen Kindern, da seine Frau zu einem Begräbnis in die Heimat zurückgefahren ist. Eine Wiedereinreise nach Österreich wird ihr verweigert, da sie als Asylbewerberin das Land nicht hätte verlassen dürfen. Da Victor tagsüber arbeiten muss, kann er sich nicht immer um seine Kinder kümmern. Hier nun springt Walter ein. Aus seiner schlechten Erfahrung als Heimkind heraus, beginnt er, ohne erst lange zu überlegen, sich der Kinder anzunehmen. Und er plant sogar eine Reise nach Moldavien. Spätestens hier schließt sich dann auch wieder der Kreis nach Osteuropa. Walter Saales bekam für seine Rolle in Locarno den Preis als bester Darsteller. „Der Glanz des Tages“ ist einerseits eine genaue Lebensbeschreibung des Extrem-Schauspielers Philipp Hochmaier, der erst im letzten Jahr mit dem Faust-Projekt von Nicolas Stemann beim Berliner Theatertreffen gastierte, und seiner Welt des Theaters. Man sieht ihn z.B. bei Proben zu Büchners „Woyzeck“ am Thalia Theater Hamburg (Regie: Jette Steckel) und in Peter Handkes „Untertagblues“ am Akademietheater Wien (Regie: Friederike Heller). Dagegen werden die realen Alltagsgeschichten aus dem Leben Walters und Victors geschnitten, was zusammen eine interessante Mischung aus Biografischem und Fiktion ergibt. Ein filmisches Schmankerl nicht nur für Theaterinteressierte.

    Kinostart: 19.04.2013

    ***

     Die Ticket-Kassen haben wieder geschlossen. berlinale-tickets-2013.jpg

    Alle Preisträger der 63. Berlinale 2013 im Überblick.

    Die 64. Berlinale findet vom 13.02. – 23.02.2014 statt. Dann auch wieder im neueröffneten Zoo-Palast.

    Fotos, wenn nicht anders angegeben: St. B.

    __________

  • Berlinale 2013 (Teil 2) – Go East! Go West! Gas, Geld oder Heimat in Filmen aus den USA und Russland

    Die Premieren der Wettbewerbsfilme liefen wie immer im

    berlinalepalast2.JPG am Potsdamer Platz.

    Die Verheißungen des Fortschritts – „Promised Land” von Gus Van Sant mit Matt Damon, John Krasinski und Frances McDormand, (USA 2013, 106 min.) im Wettbewerb

    Das Land und im weiteren Sinne dessen Besitz, Beackerung oder Ausbeutung ist neben den Weiten Kanadas im deutschen Wettbewerbsbeitrag „Gold“ auch das Thema weiterer Filme im Berlinale-Wettbewerb, an denen sich Ost und West, wenn auch von ähnlichen Motiven ausgehend, unterscheiden. Um die Besitzer von kleinen Farmen in der amerikanischen Provinz geht es in Gus van Sants Wettbewerbsbeitrag „Promised Land”. Sie kämpfen täglich um ihre Existenz und sehen in der Verpachtung des nicht genug Ertrag abwerfenden Lands an einen Gaskonzern ihre letzte Chance. Die Erdgasförderung aus den tief im Boden unterer dem Land der Farmer liegenden Gesteinsschichten soll mit Hilfe des ökologisch umstrittenen Verfahrens Fracking erfolgen. Um das Land der Farmern günstig zu pachten, werden der junge Ingenieur Steven (Matt Damon), selbst Enkel eines gescheiterten kleinen Landmaschinenfabrikanten, und seine Kollegin Sue (Frances McDormand) von der Gasfödergesellschaft Global in eine Kleinstadt in Pennsylvania geschickt. Von ihrem Geschick hängt der Profit des Unternehmens ab, dessen Bosse große Stücke auf den recht erfolgreichen Steven halten. Gemeinsam versuchen die beiden nun den hoffnungslosen Farmern den neuen amerikanischen Traum in Form von Geld und der darin verheißenen Chance für eine neue bessere Zukunft, fernab ihres als Ackerland wertlos geworden Grund und Bodens, schmackhaft zu machen.

    Hauptdarsteller Matt Damon hat das Drehbuch für den Film gemeinsam mit John Krasinski geschrieben, der auch die Rolle des zwielichtigen Umweltaktivisten Dustin Noble übernahm. Es stehen sich in dieser Geschichte zwei Urmythen der über 200 Jahre alten amerikanischen Identität und des daraus erwachsenden Selbstverständnisses jedes Amerikaners plötzlich unvereinbar gegenüber. Einerseits die Besiedelung Amerikas durch europäische Einwanderer, die wie in „Gold“ von Thomas Arslan ihre alte Heimat für eine neue Chance auf Freiheit und eigenen Besitzstand eintauschten und andererseits der immer währende amerikanische Pioniergeist, der in den vielen Goldräuschen des Nordamerikanischen Kontinents kulminierte und sich nun in der Moderne zur reinen Gewinnmaximierung einzelner Konzerne pervertiert hat. Das heilige Prinzip der selbstbestimmten Eigenverantwortlichkeit jedes Amerikaners scheint damit unmittelbar in Frage gestellt. Und daher ist das für das alte Europa doch so vordergründige Umweltthema hier auch eher als zweitrangig zu betrachten. Die Farmer auf ihrem finanziell abgewirtschafteten Land in der amerikanischen Weite scheinen viel zu unbedeutend für das Interesse von Ökoaktivisten zu sein, was sich im Verlauf des Films auf eine ganz besonders perfide Art auch bewahrheiten wird.

    Nur eine lobende Erwähnung wert. matt-damon-at-the-incirlik-hospital-dec-7-2001.jpg
    Hauptdarsteller und Drehbuchautor Matt Damon Foto: Wikipedia

    Dieser Ansatz hätte eigentlich Stoff für einen hoch interessanten spannenden Film bedeuten können. Doch Damens und Krasinskis Plot folgt viel zu vorhersehbar einer ziemlich schlichten Hollywood-Dramaturgie, der sich Gus Van Sant mit einer recht konventionellen Regiearbeit auch voll und ganz unterordnet. Steve und Sue ringen mit allzu bekannten Versprechungen, wie der Aussicht auf schnellen Reichtum oder bessere Collegebildung für die Kinder, um die Sympathie der Farmer. Zwar haben sie damit anfänglich auch einige Erfolge. Steve versucht dabei sogar mit der jungen, sympathischen Lehrein Alice (Rosemarie DeWitt) anzubandeln. Doch schlägt ihnen bald  auch Gegenwehr in Person des ehemaligen Boeing-Ingenieurs, Physikers und pensionierten Collegelehres Frank Yates (Hal Holbrook) entgegen, der mit seinen ruhig und klug vorgetragenen Bedenken die von dem vorab von Steve geschmierten Bürgermeister zur schnellen Entscheidung einberufene Gemeindeversammlung platzen lässt. Als dann auch noch ein Ökoaktivist in der Stadt auftaucht und mit gezielten Aktionen Steves Bemühungen untergräbt, scheint sich das Blatt zu wenden. Steve sieht sich plötzlich nicht nur in Liebesangelegenheiten einer unerwarteten Konkurrenz gegenüber, was mächtig an seinem Ego kratzt. Bemühungen sich an den Stil der kleinen Leute vom Lande anzupassen, z.B. mit Flanellhemden aus dem örtlichen Shop für Gas, Guns und Guitars sowie peinlichen Saufspielchen oder Karaokeeinsätzen im örtlichen Pub, scheitern aber ebenso kläglich, wie eine sich im Regen auflösende Kirmesveranstaltung, für deren Vorbereitung Steve selbst tatkräftig Hand anlegt.

    Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die besorgten Bosse, denen Steve täglich via Videokonferenz Bericht erstatten muss, sich nicht mehr allein nur auf seine Überredungskünste verlassen wollen. Das perfide dieser unterstützenden Aktion aus dem Hintergrund überrascht dann eigentümlicher Weise nur den eigentlich dadurch wieder in Winner-Position geratenden Steve. Ansonsten gibt sich der Film alle erdenkliche Mühe, die beiden angeblichen Retter und Abgesandten des technischen Fortschritts mit ihrem ewigen Gerede vom Geld als Fremdkörper in einer Welt aus eher konservativ ausgerichteter Tradition darzustellen. Die will mit Alice und dem alten Frank aber so gar nicht verstaubt und hinterwäldlerisch erscheinen. Hinter ihren Geschichten stehen eben nur andere, ehrliche und geerdete Lebensentwürfe vom Glück im Kleinen. Und so fragt man sich die ganze Zeit, wann Steve endlich sein Herz nicht nur für Alice, sondern auch die Nöte und wahren Bedürfnisse der Einheimischen entdecken wird. Das es schließlich auch so kommt, und Steve vor der Gemeinde in einer Art selbstkritischen Rückbesinnung auf seine Wurzeln an die gut alte Selbstverantwortung des kleinen Amerikaners appelliert, ist die eigentliche, aber eben auch typisch amerikanische Botschaft des Films.

    Dagegen versickern kleine gesellschaftskritische Einwürfe zum Krieg ums Öl im Irak ebenso wie die giftige Chemie des Frackings fast unbemerkt in der ländlichen Ackerfurche. Wer aber glaubt, dass das „Fracking“ eher ein amerikanisches Problem sei, der wird mit der ziemlich frischen Meldung, dass sich auch Deutschland dieser zukunftsträchtigen Technologie nicht verschließen und deren Entwicklung offiziell fördern wird, eines Besseren belehrt. Diese zweite Zusammenarbeit von Matt Damon und Gus Van Sant nach dem Oscar-gekrönten „Good Will Hunting“ hatte wie auch „The Necessary Death of Charlie Countryman” bereits ihre Premiere in den USA und ist dabei eher gefloppt. Aus einem „Bad Steve“ lässt sich eben nicht so ohne Weiteres ein „Good Will“ machen. Das diese Filme nun zur Zweitverwertung im Wettbewerb der Berlinale laufen, scheint da eine zu hohe Konzession an das amerikanische Kino und die Notwendigkeit von großen Hollywoodstars auf dem roten Teppich zu sein. Das mit Steven Soderbergs Psychopillen-Thriller „Side Effects“ ein weiterer mittelmäßiger US-Film mit Starbesetzung im Wettbewerb der Berlinale lief, ist dafür sicherster Beleg. Außer Konkurrenz wäre ja nicht allzu viel dagegen einzuwenden. Zählbare Nebenwirkungen für die Qualität des Festivals gehen jedenfalls eher gegen Null. Fragen Sie Ihren Videodealer oder Kritiker des Vertrauens. Damons und Soderbergs Hollywood-Kollege George Clooney hat da in Sachen Enthüllung schon wesentlich Relevanteres auch auf der Berlinale gezeigt, bei der er allerdings in diesem Jahr nur als großes Phantom durch den Blätterwald und nicht über den roten Teppich rauschte.

    ***

    Bad connected, either way. – „Prince Avalanche“ von David Gordon Green (USA 2013, 94 min.) mit Paul Rudd und Emile Hirsch im Wettbewerb

    on-the-road_w-broemme_pixeliode.jpg
    On the line or bad connected? – Foto: W. Broemme / pixelio.de

    Einen Bären gab es dann doch noch für das US-amerikanische Kino. Die enge Zusammenarbeit der Berlinale mit dem Sundance Festival für den amerikanischen Independentfilm hat sich damit wohl ausgezahlt. David Gordon Green erhielt den Silbernen Regie-Bären für seine lakonische Tragikomödie „Prince Avalanche“. Nach einem verheerenden Waldbrand Ende der 1980er Jahre irgendwo fern ab in der texanischen Wildnis sind Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) unterwegs, um zerstörte Fahrbahnmarkierungen wieder zu erneuern. Die beiden strange guys bewegen sich dabei, obschon auf gerader gelber Linie unterwegs, irgendwie doch unablässig wie im Kreis. Die alkoholgeschwängerte und befreiende Selbsterkenntnis lautet dann schließlich auch irgendwann „bad connection“. Schlecht angeschlossen oder sogar komplett falsch verbunden scheinen die intellektuell völlig gegensätzlich gestrickten Männer zunächst auch in ihrer Konversation, wenn man das anfänglich überhaupt so nennen kann. Ihre über Wochen mehr oder weniger notgedrungen enge Beziehung verlangt den beiden bezüglich ihrer gegenseitigen Fremd- bzw. eigenen Selbstwahrnehmung so einiges ab, was wiederum das Vergnügen beim Zuschauer und vor allem -hörer der verhinderten Lebensphilosophen wesentlich erhöht.

    An Alvin ist sogar ein regelrechter Naturphilosoph verloren gegangen. Er fühlt sich beim Zelten im Wald wie daheim, entspannt beim Fischen oder in der Hängematte, lernt Deutsch und schreibt poetische Briefe an seine Freundin. Ansonsten genießt er mit Freuden die Vorzüge der Einsamkeit und kann sogar den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein erklären. Ganz im Gegenteil zum jüngeren eher oberflächlichen Lance, der es ohne die Aussicht auf den nächsten Fick kaum eine paar Tage aushält, und seine Chancen auf Erfolg genauestens vorher abschätzt. Für Alvin ist Lance daher nur ein verantwortungsloser, willensschwacher Looser, der es im Leben zu nichts bringen wird. Was er ihn auch deutlich spüren lässt. Alvin hängt den Boss raus und wirft dem Jungen auch ständig dessen Schwächen vor. Selbst als Lance sich wegen eines versauten Wochenendes, das bezüglich des erhofften Aufrisses nicht wie erhofft verlaufen ist, beim Älteren ausheulen will, hat dieser nur Sarkasmus für ihn übrig. Das Eis zwischen beiden beginnt erst zu brechen, als auch Alvin plötzlich wieder auf den Boden der Realitäten zurückgeholt wird. Seine Freundin, die auch noch dazu Lance’ Schwester ist, hat ihn für einen Anderen verlassen. Wofür er wiederum Lance und dessen gesamter Sippe die Schuld gibt. Nachdem sich daraufhin beide ordentlich gezofft haben und Alvin nicht nur emotional ziemlich abgestürzt ist, fangen sie endlich an, wirklich miteinander zu reden und sich zuzuhören.

    Dazu bedarf es allerdings noch eines extrastarken Katalysators in Form von Selbstgeranntem, den ihnen unverhofft ein skurriler alter LKW-Fahrer nebst ein paar echter Männerweisheiten überlässt. Nachdem Lance Alvin das Versagen bezüglich der Beziehung zu seiner Schwester vorhält, beginnt dieser erstmals sich wirklich selbst zu reflektieren. Das Leben in der Natur ist nämlich für Alvin auch nur ein Vorwand, sich nicht endgültig binden zu müssen. Und auch Lance ist aus Angst vor einer Entscheidung davongelaufen. Das Remake des 2011 von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson gedrehten isländischen Films „Á annan veg“ (Either way – Ein anderer Weg), was sinngemäß übersetzt auf andere Weise oder auch so oder so heißen kann, zieht seinen Wortwitz aus den kurzen, schlagfertigen Dialogen und einem guten Händchen für Situationskomik. Der rauen Naturgewalt des eher wortkargeren Originals versucht David Gordon Green längere mit Musik unterlegte Naturaufnahmen der texanischen Flora und Fauna entgegenzusetzen. Fast mystisch wirkt das Auftreten einer alten Frau, die in der Asche ihres Hauses ihren Pilotenschein und so manch verschüttete Erinnerung sucht. Egal wie rum man es nun nehmen mag, auf die eine oder andere Weise tragen auch diese Ereignisse zur Wandlung der Protagonisten bei. Step by step in the middle of the road nähern sich beider Linien irgendwo in einem Punkte an. And by the way, das ist endlich auch ein kleiner Überraschungserfolg für das amerikanische Independentkino auf dieser Berlinale. Was nicht unbedingt heißen soll, nur weil kein Bär im Film auftaucht, dass ihm gleich von der Festivaljury einer nachgeworfen werden muss.

    ***

    Zwischen postsowjetischem Kirschgarten und High Noon – „Dolgaya schastlivaya zhizn” (A Long And Happy Life) von Boris Khlebnikov mit Alexander Yatsenko und Anna Kotova, (Russland 2013, 77 min.) im Wettbewerb

    boris-khlebnikov_2010_a-savin.jpg
    Boris Khlebnikov 2010 in Moskau – Foto: A. Savin (Wikipedia)

    Eine ähnlich enge Beziehung zu ihrem Land wie die Farmer in „Promised Land”, haben auch die postsozialistischen Kolchosbauern in Boris Khlebnikovs (Koktebel, Berlinale 2003) neuem Film „Dolgaya schastlivaya zhizn” (A Long And Happy Life – Ein langes, glückliches Leben). Allerdings sind hier die Besitzverhältnisse nicht so eindeutig geklärt, so dass die Bezirksregierung das von Sascha Segeevich (Alexander Yatsenko) gepachtete Land kurzer Hand anderweitig verkaufen will und Sascha lediglich eine kleine Entschädigung dafür zuerkennt. Die Ernte steht aber kurz bevor und der junge Kolchosvorsitzende plant schon für das nächste Jahr. Da ihm von Seiten der Bezirksbeamten keine Wahl gelassen wird und auch auf Anraten seiner Freundin Anya (Anna Kotova) aus dem Sekretariat der Verwaltung, willig Sascha zunächst ein. Lässt sich dann aber von seinen entrüstet reagierenden Angestellten umstimmen, die nichts außer ihren kleinen Häuschen am Fluss besitzen und daher nicht aufgeben wollen. Gemeinsam ermutigt sich die kleine Gemeinschaft zum Bleiben, repariert alte Maschinen, baut Hühnerstelle und rüstet sich sogar zum Kampf. Die bedingungslose Unterstützung und Solidarität der Bauern ist aber leider nicht von allzu großer Dauer. Einer nach dem anderen fällt aus unterschiedlichen meist rein pekuniären Gründen von seinem Entschluss ab, so dass Sascha am Ende ganz allein gegen die korrupten Beamten der Staatsgewalt steht.

    Khlebnikov hat seinen Film in sehr sparsamen Bildern gedreht, die fast ausschließlich auf seinen jungen, aufrechten Helden fokussiert sind. Man sieht Sascha beim Reden mit den Beamten und vor seinen Bauern, immer beschäftigt und auf Achse. Die wenigen ruhigen Momente verbringt er mit Anya, mit der er aber auch immer wieder in Streit über die bereits geplante Zukunft in der Stadt gerät. Angestachelt durch die Verlogenheit der Provinzbosse und ihrer Mauschelei mit einem bekannten lokalen Unternehmer, der das Land am Fluss erschließen will, und von dem sich Sascha zudem auch noch Geld für seine Mitarbeiter geborgt hat, geht er schließlich in die offene Konfrontation mit dem System. Sascha ähnelt darin einem einsamen, für Gerechtigkeit kämpfendem Westernhelden, was Khlebnikov auch tatsächlich so beabsichtigt hat. Wie einst Gary Cooper in „High Noon“ (12 Uhr mittags) wehrt sich Sascha am Ende allein gegen die Übermacht der Staatsorgane. Wo allerdings die Farmer in „Promised Land“ noch die freie Entscheidung haben, bleibt Sascha im Prinzip keine andere Wahl zur Erlangung seiner Rechte.

    Mit dieser Rebellion, der sich die anderen Bewohner der Siedlung nicht anschließen wollen, setzt Sascha allerdings nicht nur endgültig die Existenz der Kolchose aufs Spiel. Der Entschluss nicht davon zu laufen, wird auch sein weiteres Leben unwiderruflich verändern. Der einsame, ungleiche Kampf ändert leider nichts an der Tatsache, dass das Land für immer verloren ist, was Sascha am Ende auch erkennen muss. Der weiter vor seinem Fenster dahinfließende Strom wird zum Sinnbild für den Gleichmut der Umwelt. Khlebnikovs postsowjetischer Eastern ist eine Parabel auf die Uneinigkeit und Gleichgültigkeit der Landbevölkerung und deren Wahl eines schnellen, bequemen Wegs aus der Misere, die durch ein stetiges System aus Gier und Korruption erst geschaffen und befördert wird. Wie einst die lebensuntüchtigen Besitzer in Tschechows „Kirschgarten“ verlieren die apathischen Landarbeiter trotz Saschas Opferbereitschaft ihren Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben. Die sparsame Handlung des Films bewegt sich ruhig und unspektakulär auf diesen unvermeidbar erscheinenden Showdown hin. Kein großes filmisches Ereignis, aber das liegt auch hier eher im Auge des Betrachters. Das Leben ist wie der Fluss, oder „Panta rhei“, wie die alten Philosophen zu sagen pflegten.

    ***

    Filmstarts:

    • Promised Land am 13.06. 2013
    • Prince Avalanche und A Long And Happy Life noch ohne Termin

    berlinale-logo_bar.jpg Berlinale-Fazit folgt

    _________

  • Berlinale 2013 (Teil 1) – Go East! Go West! Go North! Gold oder Liebe und ein wenig Hoffnung in Wettbewerbsfilmen aus den USA, Deutschland und Österreich.

    „The same procedure as every year.“

    Foto: St. B. potsdamer-platz-arkaden.jpg
    Wiedermal Anstehen für Tickets in den Potsdamer Platz Arkaden.

    Go East for Love! „The Necessary Death of Charlie Countryman” von Fredrik Bond mit Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen und Til Schweiger – USA 2013, 107 min.

    Wer sehen will, womit der deutsche Schauspieler Til Schweiger das Geld für die Produktionen seiner Kassenschlager „Keinohrhasen oder „Kokowääh“ verdient, der ist im amerikanischen Action Movie „The Necessary Death of Charlie Countryman” des schwedischen Muiskvideofilmers Fredrik Bond bestens aufgehoben. Schweiger verkörpert hier den rumänischen Killer Darko, den Bad Guy schlechthin, der zum schlechten Spiel nur noch die passende Mine machen muss. Und das kann er wirklich gut. He looks very serious, really. Und versteht sich natürlich nicht nur auf die rein visuelle Abschreckung. Das muss leider auch der junge Amerikaner Charly (Shia LaBeouf) in einem echten Backpackeralbtraum zu treibenden Moby-Beats quer durch die techno-, sex- und drogengeschwängerte Club-Szene von Bukarest nicht ganz freiwillig am eigen Körper erfahren.

    Nach dem Tod seiner Mutter (Melissa Leo – bei der Berlinale 2012 noch als „Francine“ im Forum zu sehen) ist der eh schon recht antriebslose Charly ziemlich down. In einem Schmerzmittelrausch erscheint ihm seine Mutter, die ihn dazu auffordert, nach Bukarest zu reisen, um seinen Kopf und auch das Herz wieder freizubekommen. Im Flugzeug macht er die Bekanntschaft eines älteren rumänischen Musikers (Ion Caramitru), der aber nach einer Flasche Champagner ebenfalls das Zeitliche segnet, nicht ohne ihm noch einen Gruß und eine lustige Krümelmonstermütze für seine Tochter Gaby (Evan Rachel Wood) mit auf den Weg zu geben. Nach der Landung fangen damit aber prompt die Schwierigkeiten für den arg naiven Charly an. Bereits auf dem Flughafen macht er Bekanntschaft mit finsteren Polizisten, bei denen Elektroschocker und Schlagstock recht locker sitzen, und Charly damit eine kleine Vorahnung auf den wilden Osten geben.

    Was Charly aber von da ab antreiben wird, ist die unbedingte, kompromisslose Liebe, die ihn fortan unauflöslich an die Augen, Lippen und Fersen der schönen Cellospielerin Gaby vom Sinfonieorchester der Bukarester Oper – ein wenig Kultur muss schließlich auch im dunklen Osteuropa sein – heftet. Die betrachtet allerdings der noch viel düsterer blickende Drogenboss Nigel (Mads Mikkelsen) als sein persönliches Anhängsel und macht dies Charly auch immer wieder schlagkräftig klar. Der rennt aber wie einst Lola ohne Rast und Ruh durch das nächtliche Bukarest und leider immer wieder gegen die Fäuste von Nigel, Darko und dessen Handlangern, die nun auch noch wegen eines geheimnisvollen Videobandes hinter ihm her sind. Furchtlos- und unermüdlich wie ein Stehaufmännchen schwingt sich Charly zum Retter seiner geliebten Gaby auf. Selbst mit der Notwendigkeit dafür sterben zu müssen konfrontiert, bleibt er noch kopfüber an einem Seil hängend, optimistisch und felsenfest von seiner Liebe überzeugt. Das ist dann doch in seiner sentimental-kitschigen Art etwas zu fett aufgetragen. Und dazu noch mit bedeutungsschwanger aufgeladenen Kommentaren von John Hurt aus dem Off viel zu hoch angehängt. Trotzdem erscheint diese Actionkomödie in ihrer künstlich aufgepuschten Emotionalität immer noch wesentlich lebendiger als so manch anderer Film des ersten Wochenendes auf der Berlinale.

    friedrichstadtpalast_2.jpg Foto: St. B.

    In einer weiteren schrägen Nebenrolle ist der als Ron aus den Harry-Potter-Filmen bekannte Rupert Grint zu sehen. Er spielt den rothaarigen Karl, der in Bukarest unter dem Künstlernamen Boris Becker (Charly says Pecker) zu einem Pornocasting will, und mit seiner durch ein paar rumänische Viagra verursachten Dauererektion die Schwierigkeiten für Charly erst so richtig eruptiv eskalieren lässt. Wäre der Film, der bereits auf dem Sundance Festival Premiere feierte, in der Sektion Panorama gelaufen, er hätte durchaus einen kleinen Achtungserfolg beim Publikum erzielen können. Eine fast ausgelassene Heiterkeit war im Kinosaal des Friedrichstadtpalastes förmlich greifbar. Für den Wettbewerb ist diese verunglückte Genrepersiflage trotz der schweren Jungs allerdings etwas zu leichtgewichtig geraten. Aber genau so abenteuerlich stellt man sich in Amerika wohl das Leben hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang vor. Ob nun Bukarest oder Budapest, bleibt dabei sicherlich einerlei, und ist nur ein weiterer abgenutzter Gag unter vielen.

    Kinostart in Deutschland noch nicht bekannt

    Go West for Gold! „Gold” von Thomas Arslan mit Nina Hoss, Marko Mandić, Uwe Bohm, Lars Rudolph, Peter Kurth, Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser – Deutschland 2013, 112 min.

    Eigentlich müsste es korrekter Weise Go North! heißen. Denn die Reise geht im Nordwesten Amerikas quer durch British Columbia ins Yukon-Territorium nach Dawson City, der berühmten Goldgräberstadt im hohen Norden Kanadas. Traumziel all jener die ab 1896 dem Lockruf des Goldes folgend, die angestammte Heimat und ihr bisheriges Leben hinter sich ließen, um im Norden Kanadas Glück und Reichtum zu finden. Der deutsch-türkische Regisseur Thomas Arslan hat in seinen Filmen bisher immer wieder Außenseiterfiguren meist aus der Berliner Postmigrantenszene (Geschwister, Dealer, Der schöne Tag) in den Mittelpunkt seiner Filme gestellt. Nun hat er inspiriert von alten Fotos deutscher Auswanderer, deren Schicksal in der neuen Welt Amerikas genauer unter die Lupe genommen. Also Ausgangspunkt der sieben Protagonisten aus „Gold ist die alte Welt Europas. Und wie heute viele aus der dritten Welt oder dem Süden Europas auf der Suche nach Glück und einem Auskommen für ihre Familien, der Armut ihrer Heimat entfliehen wollen, taten dies am Ende des 19. Jahrhunderts auch schon die Verlierer der industriellen Revolution auf unserem Kontinent.

    berlinale_gold_women-of-klondike.jpg

    Die wahre Emily Meyer? Martha Black aus Chicago. The First Lady of the Yukon. (1898) – Foto auf whitepinepictures.com, Women of the Klondike 

    Die Deutsche Emily Meyer (Nina Hoss), ein ehemaliges Dienstmädchen aus Chicago, schließt sich 1898 allein einer Gruppe deutscher Goldsucher um den zwielichtiger Treckführer Wilhelm Laser (Peter Kurth) an. Sie wählen die billige Landroute und vertrauen den angeblichen Wegkenntnissen Lasers, der sich aber schnell verfranst und dann klammheimlich stiften gehen will. Emily ist der ruhende Pol der Gruppe, im Gegensatz zum selbstgefällig schwafelnden Journalisten Gustav Müller (Uwe Bohm), der an einen Reisebericht schreibt, gerne mal einen trinkt und den Beschützer raushängen lässt. Allerdings blitzt er schnell bei Emily ab. Sie gibt wenig über sich Preis, macht sich wo sie kann nützlich und will ansonsten in Ruhe gelassen werden. Ruhe ist das entscheidende Element des Films. In sparsamen, fast elegischen Bildern sieht man die Truppe durch die unbekannte Wildnis streifen, immer wieder unterbrochen durch Achs- oder Schlüsselbeinbruch, erschöpfte Pferde oder Menschen, sowie anderen Unwägbarkeiten der beschwerlichen Reise. Die Weite der Landschaft öffnet sich nur für wenige, kurze Augenblicke.

    berlinale-2013_gold_percy-pond-en-route-to-the-gold-fields-many-stampeders-kept-diaries-of-their-gold-rush-journey.jpg

    Percy Pond auf dem Weg zu den Goldfeldern. Viele Goldsucher führten Tagebücher über ihre Goldrausch-Reise. Foto: Yukon Archives, Gillis family fonds (auf tc.gov.yk.ca)

    Nichts Heroisches hat der Film an sich. Die Motivationen und Sehnsüchte der Menschen beschränken sich auf das Blinken des Goldes in Lasers Hand. Ihre Vergangenheit behalten sie größtenteils für sich. Einzelschicksale werden nur gestreift, vom vierfachen Familienvater Joseph Rossmann aus New York (Lars Rudolph) über das ehemalige Restaurantbesitzerpaar Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser) bis zum Packer Carl Boehmer (Marko Mandić), der von zwei Viehdieben wegen des Mordes an ihrem Bruder verfolgt wird. Ihren Weg kreuzen Indianer, die sie für Geld kurze Zeit führen, ein irrlichternder Rückkehrer oder gar ein Gehängter, der es allein in der Wildnis nicht mehr ausgehalten hat. Einer nach dem Anderen gibt auf, bleibt zurück, verfällt dem Wahnsinn oder tritt in eine Bärenfalle und stirbt trotz Whiskydesinfektion an einem eindrücklich in Echtzeit abgesägtem Bein. Allein Emily beißt sich durch an der Seite Boehmers, zu dem sie sich immer mehr hingezogen fühlt. Und so bekommt der Film doch noch so etwas wie einen Showdown in Telegraph Creek, der allerdings auch recht unspektakulär und vorhersehbar ausfällt. Nur Nina Hoss reitet, alle männlichen Beteiligten hinter sich lassend, mit stoischer Entschlossenheit und hoch erhobenen Hauptes weiter durch die kanadische Wildnis Richtung Dawson. Ein echter Beitrag zum von der Berlinale ausgerufenen Festival der starken Frauen, für das Nina Hoss mit „Barbara“ ja auch schon im letzten Jahr stand.

    Zwischen Fiktion und dem unbedingten Willen zur detailgetreuen Dokumentation eines solchen Trecks tappt der Film nicht nur in Bärenfallen, sondern auch in jede Menge Wild-West-Klischees. Allerdings ohne daraus wenigstens etwas Spannung erzeugen zu können. Arslan geht es auch nicht um die unbedingte Erzeugung von genrebedingter Spannung, auch wenn er mit an Neil Young erinnernde schräg zerrende Gitarrenriffs den Film immer wieder vorantreiben will. Zumindest dockt er mit seinem ruhigen Stil phasenweise an den epischen und illusionslosen Spätwestern „Haevens`s Gate“ (1980) von Michael Cimino oder den lakonischen „Dead Man“ (1995) von Jim Jarmus an. Dieser Film hatte mit seiner mystischen Symbolik einen durchaus ähnlichen Ausgangspunkt. Nämlich das Verlorensein eines Menschen aus der Stadt, wie die deutschen Siedler von der technischen Revolution ausgespieen (Zugmotiv zu Beginn beider Filme), in eine ihm völlig fremde Welt. Die Berliner Schule schlägt bei Arslan aber leider immer wieder gnadenlos durch, von den fast peinlich banalen Dialogen bis zum ungeschönt normalen Alltag, der auch oder gerade in den Weiten Kanadas kaum Abwechslung verheißt. Das Ganze kommt dann eben am Ende doch zu deutsch, bieder und kleinlich genau daher.

    18 Filme sind im Wettbewerb der Berlinale wieder auf Bärenjagd.

     Foto: St. B. berlinale-2013_baren.jpg

    Nach dem krankheitsbedingtem Ausfall von Nina Hoss, die im letzten Jahr noch den Silbernen Bären für die Hauptrolle in Christian Petzolds Film „Barbara“ in Empfang nehmen konnte, war es dann doch Til Schweiger als einzigem verbliebenen, wahren deutschen Kinostar vorbehalten, erstmals zu einem Wettbewerbsbeitrag über den Berlinaleteppich zu schreiten. Wer hätte das je für möglich gehalten. Von einem Silber- bzw. sogar Goldbären sind aber beide Filme eigentlich ziemlich weit entfernt. „„Was für ein verfluchtes Pech“, darf dann zumindest Lars Rudolph in Thomas Arslans „Gold völlig ironiefrei konstatieren, „in einem so riesigen Land in eine Bärenfalle zu treten!“. Das wird wohl beiden Filmen auf der Berlinale, trotz allem gewollten oder auch unfreiwillig gekonntem Einsatz seiner Protagonisten, mit einiger Sicherheit erspart bleiben.

    Kinostart: 15.08.2013

    Verlorene Hoffnung im Diätcamp – „PARADIES: Hoffnung“ von Ulrich Seidl mit Melanie Lenz, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas und Verena Lehbauer – Österreich 2013, 91 min.

    Seine Paradies-Trilogie hat der österreichische Film- und Theaterregisseur Ulrich Seidl nach „Liebe“ in Cannes und „Glaube“ in Venedig mit „Paradies: Hoffnung“ nun bei der Berlinale zu einem Ende gebracht. Kein Ende mit Schrecken, obschon die ersten beiden Teile nicht gerade Beiträge zum Wohlfühlkino darstellen. Drei Frauen, drei göttliche Tugenden, drei unerfüllte Sehnsüchte nach dem Glück, so ließe sich die Grundidee der Trilogie auch kurz beschreiben. Die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sind untrennbar miteinander verbunden. Aus diesem Grund hatte Ulrich Seidl auch ursprünglich einen geschlossenen Episodenfilm geplant, wegen der Fülle des gedrehten Materials sich dann aber für drei eigenständige Filme entschieden.  In „Paradies: Liebe“ fährt eine verlassene, alleinerziehende Frau als Sextouristin nach Kenia. Sie erlebt im scheinbaren Liebesparadies nach anfänglichem Glück die plötzliche Ernüchterung und erfährt dabei den tatsächlichen Preis für Gefühle und die Wahre Liebe, was letztendlich in blanken Rassismus mündet. In „Paradies: Glaube“ sieht ihre Schwester die Erfüllung oder besser Erlösung in einer obsessiv gelebten Religiosität, und wird dabei mit Problemen der ehelichen Pflichterfüllung und der Toleranz gegenüber anderen Glaubensvorstellungen konfrontiert. In „Paradies: Hoffnung“ ist das verheißene Paradies mit einem uniformen Schönheitsideal verknüpft, dem die jugendlichen etwas zu dick geratenen Protagonisten nicht entsprechen und daher von ihren Eltern in ein Diätcamp in der österreichischen Natur verschickt werden.

    Dieser dritte Film schließt den Kreis und geht wieder zum Ausgangspunkt der Paradies-Trilogie, über den Glauben vor allem aber zurück zur Liebe, die hier zudem noch aus der naiven Unbedingtheit einer ersten Teenagerschwärmerei der 13jährigen Melanie (Melanie Lenz) zum 40 Jahre älteren Diätarzt des Camps (Joseph Lorenz) entspringt. Ermutigt durch die etwas joviale, aufgeschlossene Art des bereits ergrauten, aber immer noch, entgegen des seinen Bauch einziehenden sadistischen Sportlehrers (Michael Thomas), recht sportlich aussehende Mitfünfziger, beginnt sie ihn immer wieder in seinem Sprechzimmer aufzusuchen oder ihm gar vor dem Heim aufzulauern. Melanie schwärmt unschuldig vor ihrer sich in Liebesdingen bereits erfahrener gebenden Freundin (Verena Lehbauer) und beginnt sich für ihren Angebeteten sogar schön zu machen. Nur kurz kommen sich die beiden einmal bei einem Ausflug im Wald näher. Nach einer verbotenen nächtlichen Disko- und Sauftour mit ihrer Freundin kommt es zu einer einzigen etwas verstörenden Szene zwischen Arzt und Mädchen. Danach distanziert er sich um so stärker und weist Melanie schroff zurück. Die unschuldige Welt aus Teenagerspielen, und zwanglosem Austausch erster Liebesgeheimnisse kontrastiert Seidl immer wieder mit seinen formal streng symmetrisch arrangierten Bildern von Turnübungen, Disziplinierung und Bestrafung. Leider bleibt diesmal in Seidls Film vieles, vor allem was die Motivation des Arztes gegenüber der jungen Protagonistin betrifft, im vagen. Die Unmöglichkeit eines nicht akzeptierten Ausbruchs aus einem genormten System klingt aber dennoch unterschwellig an.

    Kreuz, Herz und Anker versinnbildlichen die drei göttlichen Tugenden in der christlichen Bildsprache. In „Paradies: Liebe“ und „Paradies: Glaube“ tauchen die ersten beiden Symbole auch immer wieder auf. Der Anker ist die Hoffnung oder wenn man so will das Vertrauen, das die junge Melanie in dem viel älteren Mann sucht. Ihre Sehnsucht nach Glück erfüllt sich, wie auch bei Teresa (Liebe) und Anna Maria (Glaube), jedoch nicht. Wo das Verlangen nach Liebe und Glauben bei den anderen beiden Frauen zur Obsession wird, fällt Melanie fast apathisch wieder in die Gruppe der anderen Jugendlichen zurück. Man kann das auch als ein Aufgeben des Glaubens an die Kraft die Liebe oder eine Absage an die Hoffnung interpretieren. So ruhig und unspektakulär wie der Abschluss der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl auch in Szene gesetzt sein mag, er verdeutlich doch klar diesen Zusammenhang. Ohne Hoffnung kein Glaube an die Liebe und ohne Glaube an die Liebe ist der Mensch hoffnungslos verloren. Und das muss man heute Gott sei Dank auch gar nicht mehr religiös begründen.

    berlinale-2013_paradies-hoffnung.jpg Foto: St. B.

    „Paradies. Liebe, Glaube, Hoffnung“. Eine Ausstellung mit Film-Stills aus der Trilogie von Ulrich Seidl ist noch bis zum 08.03.13 in der Galerie C/O Berlin zu sehen.

    Ulrich Seidl wird sich, nachdem er im letzten Jahr einen kurzen Abstecher mit „Böse Buben / Fiese Männer“ nach David Foster Wallace auf die Theaterbühne bei den Wiener Festwochen wagte, vermutlich auch weiterhin mit den Sehnsüchten und Obsessionen beiderlei Geschlechter beschäftigen und demnächst wohl die unterirdischen Hobbyräumen der Österreicher filmisch etwas näher beleuchten. Man kann durchaus wieder darauf gespannt sein, was er dabei zu Tage fördern wird. Nach dem ersten Wochenende der Berlinale muss man jedenfalls dem nach Cannes und Venedig drittgrößten A-Festival einen eher recht fahlen und schwachen Beginn attestieren. Ideen sind schon vorhanden, es fehlt nur noch etwas an der nötigen Strahlkraft. Stärkeres ist scheinbar auch weiterhin nicht in Sicht. Aber wie schon das vielbemühte Sprichwort besagt, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

    Fortsetzung folgt

    Kinostarts:

    • „Paradies: Liebe“ ist bereits angelaufen.
    • „Paradies: Glaube“ am 21.03.2013
    • „Paradies: Hoffnung“ am 16.03.2013

    _________