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  • Serbische Tragöden, ungarische Melancholie und ein estnischer Heiliger – Am Samstag wurden in Cottbus die Preise des 20. Festivals des osteuropäischen Films vergeben

    Der Wettbewerbsjahrgang zum 20. Jubiläum des Cottbuser FilmFestivals geriet ähnlich wie im letzten Jahr allgemein recht düster. Das Fazit das die osteuropäischen Filmemacher nach 20 Jahren Falls des Eisernen Vorhangs ziehen, sieht zum großen Teil sehr ernüchternd aus. 10 Filme aus 8 Ländern warben um die Gunst der so international wie noch nie besetzten Jury. Darunter zwei Filme aus dem immer stark vertretenen Russland und zwei aus Serbien, die beide in der Bergarbeiterstadt Bor spielen. Vor dem Hintergrund der Privatisierung der einst größten Kupfermine Europas spielen sich verschiedenste soziale Kämpfe ab. Im Film TILVA ROŠ von Nikola Ležaić sucht eine Gruppe Jugendlicher zwischen Skateboard-Stunts und der tristen Realität der Erwachsenen ihren eigenen Weg. Dafür erhielt er immerhin den erstmals in Cottbus vergebenen International Film Guide Inspiration Award.

    Der zweite serbische Beitrag WHITE WHITE WORLD in Koproduktion mit Deutschland und Schweden erzählt mit Mitteln der antiken Tragödie die Geschichte mehrerer am Rande der niedergehenden Minenstadt Bor gestrandeten Figuren. Der ehemalige Boxer King hat es zu einer kleinen Bar und etwas Wohlstand gebracht, während seine Ex-Geliebte Ruzika, deren Vater und die Tochter Röschen in einem runtergekommen Sozialbau hausen. Ruzika ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, sie hat einige Jahre dafür abgesessen, dass sie ihren gewalttätigen Mann erschlagen hat. In dieser Zeit hat der coole Macho King eine Affäre mit ihrer drogensüchtigen Tochter angefangen. Zwischen unbändiger Liebe, Suff, Ernüchterung und tiefen gegenseitigen Verletzungen pendeln die Protagonisten hin und her. Erst spät erfährt King als er bereits durch eine Krankheit zu erblinden droht, das Röschen seine Tochter ist. Da ist es aber schon zu spät, in einem Anfall von Drogenwahn und Verzweifelung ersticht Röschen ihren Geliebten. Ruzika nimmt die Schuld auf sich und geht erneut ins Gefängnis. Begleitet von den tristen Bildern der zerstörten Landschaft Bors und Gesangseinlagen der Darsteller als Ausdruck innerer Monologe der Trauer zeigen der Regisseur Oleg Novković und seine Drehbuchautorin, die Dramatikerin Milena Markowić, diese hoch emotionale Story vom Verfall einer Stadt und ihrer Menschen. Als griechischer Chor dienen ihnen die Einwohner und Bergleute Bors, die sich zu einem kraftvollen Finale vor der Kulisse der verlassenen Gruben und Halden aufstellen. Trotz des großen Pathos, ist der Film jederzeit realistisch und hat für die „besonders mutige und einmalige filmische Sprache, die das tägliche Leid der Außenseiter durch eine kraftvolle ästhetische Erfahrung nachvollziehbar macht“ den Hauptpreis der Jury, die Lubina für den besten Film verdient.

    Eine lobende Erwähnung erhielt der russische Beitrag EIN ANDERER HIMMEL von Dmitry Mamulija. Ali, ein Schafhirte aus Zentralasien, hat in einer Dürre alle seine Tiere verloren und zieht mit seinem Sohn nach Moskau auf der Suche nach seiner Frau, die beide bereits vor Jahren verlassen hat. In langen fast wortlosen Einstellungen bewegt sich Ali wie ein moderner Hiob, alles Leid still erduldend, durch die ihm fremde Welt der Metropole. Selbst als sein Sohn bei einem Unfall in einem Sägewerk stirbt, in dem der Junge schwarz arbeiten muss, verliert Ali nicht die Fassung. Einige verzweifelte Ausbrüche aus der Enge der Notunterkünfte der Gastarbeiter enden aber immer wieder in den Fängen der Bahnhofspolizei. Die Bilder von den entwürdigenden Prozeduren der Entlausung, werden Berichten aus dem russischen Fernsehen über die Schweinegrippe gegenübergestellt, welche die momentane Nachrichtenlage bestimmen. Als Ali von der Polizei endlich den Aufenthaltsort seiner Frau erfährt, rafft er sich noch einmal auf. In einer langen Autofahrt sitzen beide schließlich schweigsam nebeneinander, Alis langer leidvoller Weg hat all seine Worte aufgebraucht. Der Film erhielt zu Recht auch den Preis für den besten Debütfilm sowie den FIPRESCI-Preis.

    Der zweite russische Film RÜCKWÄRTSGANG von Andrey Stempkovsky hatte eine kleine Odyssee hinter sich und musste extra aus Brüssel abgeholt werden. Die Geschichte einer Mutter deren Sohn im Tschetschenienkrieg vermisst wird und die schließlich einen jungen Flüchtling adoptiert, um ihre Trauer zu überwinden, konnte die Jury ebenso wenig überzeugen wie der rumänische Beitrag OUTBOUND von Bogdan George Apetri nach einer Geschichte von Cannes-Gewinner und Oscarpreisträger Cristian Mungiu, Regisseur von 4 MONATE, 3 TAGE und 2 WOCHEN. Matilda hat 24 Stunden Ausgang aus dem Gefängnis bekommen, um zur Beerdigung ihrer Mutter zu fahren. Bei der Familie ihres Bruders ist sie nicht gern gesehen, dort hat sie nichts zu erwarten. Ihr Ziel ist aber vor allem eine Flucht nach Italien. Dazu muss sie zum Kindesvater, einem Zuhälter und skrupellosen Geschäftemacher, für den sie in den Knast gegangen ist. Er hat den gemeinsamen Sohn in ein Kinderheim abgeschoben und feilscht das Matilda versprochene Geld herunter. Nach einem Streit verunglückt das Auto und Matilda kann alles Geld an sich bringen. Als sie endlich ihren Sohn Toma gefunden hat, ist dieser über andere Jungs aus dem Heim in Kinderprostitution verwickelt. Verstört und ohne Gefühl für wahre Zuneigung sind beide nicht fähig eine dauerhafte Beziehung zueinander aufzubauen. Im Zug nach Constanta, wo ein Schlepper auf Matilda wartet, stielt Toma seiner Mutter das Geld und verlässt den Zug. Trotz der völlig illusions- und ausweglosen Situation des Films, berührt die Geschichte durch ihre Ehrlichkeit und hat mit Ana Ularu eine glaubwürdige Darstellerin. Dafür bekam sie in Locarno schon den Preis für die beste Schauspielerin.

    Der Preis für die beste weibliche Darstellerin ging in Cottbus aber an Eva Gabor für die Rolle der übergewichtigen Piroska aus dem ungarischen Film ADRIENN PÁL von Agnes Kocsis, der auch den Spezialpreis und die Lubina für die beste Regie sowie den Preis der Ökumenischen Jury erhielt. In melancholischen langen Einstellungen, erzählt der Film, eine Geschichte von der Verklärung der Vergangenheit und einer Person, die ihre Arbeit als Krankenschwester in der Palliativstation eines Krankenhauses zwar gerne macht, aber über der Suche nach einer ehemaligen Schulfreundin die Vergangenheit idealisiert, um ihr eigenes tristes Leben zu vergessen. Die Nachforschungen führen schließlich bis nach Übersee. Piroska kann sich aber nicht für eine Reise entschließen, hat aber mit der Suche letztendlich ihre eigene Lethargie überwunden. Dafür gab es unter anderem auch schon den FIPRESCI-Preis in Cannes und weitere europäische Filmpreise. Eva Gabor war in Cottbus die Freude über den Darstellerpreis mit viel Humor und einem schönen Lachen ins Gesicht geschrieben. Mit dreimal Baumkuchen und 2 Lubinas im Gepäck rechnete sie mit Belastungsproblemen beim Rückflug.

    Bester Darsteller wurde der Este Taavi Eelmaa für seine Rolle des Tony in dem in s/w gedrehten Filmexperiment von Veiko Öunpuu DIE VERSUCHUNG DES HL. TONY. Angelehnt an die Visionen des heiligen Antonius und Dantes Göttlicher Komödie entwickelt Öunpuu einen zu Anfang kafkaesken Reigen über die Unmöglichkeit eines Managers einer Autofirma in dieser Welt ein guter Mensch zu sein, der schließlich innerhalb von weiteren 6 Kapiteln in einem surrealen Chaos endet. Taavi Eelma ist zu verdanken, das dieser an triste finnische Kaurismäkifilme erinnernde Versuch nicht völlig entgleist. Er stellt den Außenseiter in einer Welt zwischen sterbender oder falscher Religiösität, der Verführbarkeit des schnellen Reichtums, zügellosen Partys der Neureichen und seiner eigenen Ratlosigkeit und Zerrissenheit mit fast stoischer Ruhe dar. Ein Naivling, der schließlich an der schlechten Welt zu Grunde geht. Öunpuu kann in einigen Szenen eine schlüssige Zustandbeschreibung der estnischen Gesellschaft liefern. Er überfrachtet den fast zweistündigen Film aber zu sehr mit Zitaten und Anspielungen, trotzdem entbehrt das Ganze nicht einigen Witzes, wie in der Szene in der kafkaesker Polizeistation in die Tony gerät, nachdem er die abgetrennten Hände im Sumpf entdeckt oder der Party mit seinen dekadenten Geschäftsfreunden. Tony rennt immer wieder vergeblich gegen Borniertheit und die konsumorientierte Gesellschaft an. Sehr schön auch, wenn er nach dem Besuch einer sehr merkwürdigen Onkel-Wanja-Vorstellung für seinen Glauben an die verändernde Wirkung von Theater verlacht wird. In der Bar Zum Goldenen Zeitalter werden schließlich alle Illusionen einer idealen Gesellschaft zerstört und die Gäste landen auf der Schlachtbank des Barbesitzers, eines charismatischen Verführers. Obwohl Tony die Flucht gelingt, ist sein Leben zerstört, Job und Frau sind weg. Auch die Liebe zu einem Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen kann ihn nicht retten. Der Rest des Films ist surreale Traumdeutung und endet in einer kannibalischen Sequenz. 2008 erhielt Veiko Öunpuu in Cannes dafür immerhin den European Talent Award for Best Screenplay.

    Ganz anders ist da der Film DER DIEB DES LICHTS des Kirgisen Aktan Arym Kubat, der schon 1998 mit BESHEMPIR den Hauptpreis in Cottbus gewinnen konnte. Der sympatische Held Svet-Ake, ein Elektriker auf dem Land, ist ein melancholischer Moralist, der den Menschen helfen will und damit bei den neuen korrupten Herrschern aneckt. Für seinen Traum von der billigen Art Strom mittels Windrädern zu erzeugen, wird er als Träumer verspottet und von einem aus rein geschäftlichem Interesse nach politischer Macht strebendem Unternehmer ausgenutzt. Svet-Ake ist ein gedemütigter Mann, zerrissen zwischen patriarchalischen Vorstellungen und seiner grenzenlosen Gutmütigkeit. Kubat gestaltet das Ende offen, ob sein Held gescheitert ist, lässt er das Publikum entscheiden. Dafür erhielt dann der Film auch den Publikumspreis.

    Der polnische Beitrag MUTTER THERESA DER KATZEN von Pawel Sala hinterließ einen eher schwächerer Eindruck. Anknüpfend an eine wahre Geschichte aus den 90er Jahren über einen Mord zweier Brüder an ihrer Mutter, versetzte der Regisseur die Story in die heutige Zeit und überfrachtete das Ganze mit Afghanistaneinsatz des Vaters, Finanzkrise, der Vater verliert sein Geld bei Börsengeschäften, der Überreligiosität der Mutter, die in ihrer Wohnung mehrere Katzen hält und damit, dass die Jungen gewalttätige Computerspiele spielen. Damit der Film nicht all zu platt wirkt, erzählt Sala die Geschichte vom Ende her. Leider kann er dadurch die Entwicklung die zum Zerfall dieser Familie führt nicht wirklich glaubhaft darstellen. Die Motivation des älteren Bruders, der noch dazu an eigene übersinnliche Kräfte glaubt und eine stetige Aggressivität ausstrahlt, wird nicht klar. Allein eine Szene aus den Anfangstagen suggeriert eine Unfähigkeit des Vaters verständnisvoll auf seine Söhne zuzugehen. All diese einfachen Klischees wollte Pawel Sala eigentlich geschickt unterlaufen, leider ist sein Film aber genau in diese Falle gegangen.

    Ein Ding der Unmöglichkeit ist gar der tschechische Actionfilm KAJÍNEK von Petr Jákl. Ebenfalls nach einer wahren Begebenheit, wird hier die Geschichte des populärsten Kriminellen und Ausbrecherkönigs Jiří Kajínek erzählt. Verurteilt für einen Mord an zwei Kleinkriminellen in den 90er Jahren sitzt er bis heute im Gefängnis und versucht eine Revision zu erreichen. In reißerischen Actionbildern a la Hollywood sucht eine junge Anwältin, deren Schwester von den beiden getöteten Gangstern ermordet wurde, nach den Verstrickungen korrupter Polizisten und Richter in den Fall. Ihre Nachforschungen werden von einem Geschäftsmann und Lobbyisten behindert. Er hat die Fäden in der Hand und schaltet alle Zeugen nach und nach aus. In einer Nebenrolle als Killer ist übrigens der deutsche Schauspieler Ken Duken zu sehen. Kajìnek wird als Opfer von Korruption in der Justiz und kriminellen Wirtschaftsinteressen dargestellt. Dieser Film gehört in die Sektion Nationale Hits. Es ist schwer zu glauben, das keine anderen tschechischen Filme im Angebot waren.

    Die Preise im Wettbewerb der Kurzfilme gingen an den russischen Beitrag MEER DER WÜNSCHE von Shota Gamisonia und an die rumänische Familiengeschichte MUSIK IM BLUT von Alexandru Mavrodineanu.

    Alles in allem wies der Jubiläums-Wettbewerb aber eine deutliche Steigerung zum letzen Jahre auf. Wenn es dann nächstes Jahr endlich mit dem dann hoffentlich fertig sanierten Weltspiegel wieder ein richtiges Festivalkino in der Stadt gibt, entfallen dann auch die unsäglichen Shuttlefahrten zum UCI am Lausitzpark in Gaglow. Das Festival lebt schließlich von seinem in den Jahren gewachsenen fast familiären Charme und kann auf eine Multiplex-Kino vor der Stadt gut verzichten.

    Alle Preisträger auf einen Blick

    wird fortgesetzt

  • Gestern wurde in Cottbus das 20. Festival des osteuropäischen Films eröffnet

    Am gestrigen Dienstagabend fand im Staatstheater Cottbus die Eröffnung des 20. Festival des osteuropäischen Films mit dem deutsch-serbischen Film „Die Frau mit der gebrochenen Nase“ in der Regie von Srđan Koljević statt. In der Hauptrolle ist die bekannte Schauspielerin Anica Dobra zu sehen. Wie immer werden auch zum Jubiläum in mehreren Sektionen des Festivals ca. 140 Filme aus mehr als 40 Ländern Mittel- und Osteuropas präsentiert. Festivalchef Roland Rust verspricht ein „so welthaltiges Programm wie nie“. Es werden in diesem Jahr Preise im Gesamtwert von 82.200 € vergeben.
    Im Hauptwettbewerb Spielfilm treten 10 Filme aus Estland, Kirgistan, Polen, Russland, Rumänien, Serbien, Tschechien und Ungarn an. Weiterhin gibt es den Wettbewerb Kurzspielfilm und neu einen deutsch-polnischen Jugendfilmwettbewerb speziell für 14- bis 18-jährige Zuschauer. Das Spektrum zeigt aktuelle Werke und Trends von bereits etablierten Regisseuren sowie internationale Ko-Produktionen. Der diesjährige Fokus ist sehr weit gestellt, zum Thema „globalEast“ werden Filme gezeigt, die die Frage klären wollen, welche Impulse das osteuropäische Kino der internationalen Filmlandschaft nach der „Wende“ geben konnte. Das Ost-West-Verhältniss im internationalen Kino, eine Bestandsaufnahme und Perspektiven 21 Jahre nach dem Mauerfall.
    In der Retrospektive 2010: „Hüben & Drüben“. werden anlässlich des 20. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung die Arbeiten der beiden deutschen Filmhochschulen „Konrad Wolf“(HFF) aus Potsdam-Babelsberg und der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) aus Berlin „im Zeitraffer der Jahrzehnte vor dem Mauerfall“ gegenübergestellt. Eine differenzierte Erkundung der aktuellen Filmszene des unmittelbaren Nachbarlandes Polen steht im „Polskie Horyzonty“ im Vordergrund. Des Weiteren stehen wie jedes Jahr zahlreiche Filme für Kinder, die Cottbuser Filmschau, als Wettbewerb für die Amateurfilmer, Nationale Hits und einige Specials auf dem Programm. Am heutigen Mittwoch beginnt das Festival traditionell mit einem „Russkiy Den“.
    Das Festival hat sich seit seinem Start 1991 vor allem zu einem großen Publikumsmagneten entwickelt, spielt mittlerweile aber auch in der internationalen Filmbranche eine wichtige Rolle. Die Preisverleihung findet am 06.11. ab 19:00 Uhr in der Stadhalle Cottbus statt. Als Abschlussfilm läuft die Koproduktion aus Bosnien-Herzegowina, Frankreich, Großbritannien, Slowenien, Deutschland, Belgien und Serbien „Zirkus Columbia“ von Regisseur Danis Tanović (No Mans Land) mit Miki Manojlović dem Star aus zahlreichen Filmen Emir Kusturicas. Im Anschluss ab 22:00 Uhr gibt es die Abschlussparty im Glad-House mit der Band „Mala Vita“ mit Musikern aus Bosnien, Serbien, den Niederlanden und Italien. Am Sonntag den 07.11. werden in der Stadthalle noch mal einige Filme wiederholt u.a. der Publikumsliebling und einer der Preisträgerfilme.
    In Kürze wird es hier einige zusammenfassende Berichte vom Geschehen in Cottbus geben. Viel Glück für die Teilnehmer an den Wettbewerben und eine Menge Spaß allen Zuschauern wünscht Stefan.

    Website Festival

    Programmflyer

  • Brecht am laufenden Band – Katharina Tahlbach inszeniert „Im Dickicht der Städte“ am Berliner Ensemble

    Man kann es förmlich spüren, wie sich der junge Bertolt Brecht 23jährig durch das Dickicht der Stadt beim Schreiben dieses expressionistischen Textes geschlagen hat. Er war fasziniert von diesem Moloch und seinen inneren Kämpfen. Vor allem vom Boxkampf Mann gegen Mann, mit den selben Voraussetzungen und den gleichen Chancen. In seinem Stück ist davon dann allerdings nur noch der reine Kampf übrig geblieben, die Chancen sind ungleich verteilt. Der Kapitalist Shlink sucht sich eben keinen gleichwertigen Partner aus. Ganz so zum Zeitvertreib zerstört er eine ganze Familie und geht dabei dann mit zu Grunde, als sich der in seiner Existenz bedrohte kleine Angestellte einer Leihbücherei George Garga mit den gleichen Mitteln zur Wehr setzt. Shlink gibt ihm die dafür nötigten Mittel und sich selbst in die Hand. Eine interessante Sozialstudie über die Einsamkeit in den Großstädten, böse und ohne Idealismus, ein Modellfall, der Brecht, noch vom Expressionismus inspiriert, interessierte, den unerbittlichen Kampf der Klassen auf Augenhöhe darzustellen.
    Es ist immer wieder mit mehr oder weniger Erfolgt versucht worden, dieses monströse Stück zu interpretieren. Allein es will nicht gelingen, da diese Situation heute kaum noch nachvollziehbar ist, obwohl sie für moderne Interpretationen einen weiten Spielraum lässt. Frank Castorf hat das Stück vor 5 Jahren von Chicago der zwanziger Jahre ins Subproletariat der Nachwendezeit transformiert. Eine Jogginghosen-Familie am Couchtisch erliegt den Reizen der Konsumgesellschaft: „Nie mehr minderwertig sein.“ Milan Peschel als Garga und Herbert Fritsch als Shlink waren ein kongeniales Paar im Lotterbett, Karikaturen des heutigen Klassenkampfes.
    Bei Katharina Thalbach sind noch die Couch und die ewig auf- und zugehende Tür, die den Lärm der Stadt imaginieren soll, übrig geblieben. Es ist nicht ihre erste Brecht-Regie, sie hat auch in einigen Stücken selbst gespielt. Tochter des Theaterregisseurs Benno Besson, ist sie aber allein bei ihrer Mutter der Schauspielerin Sabine Thalbach aufgewachsen. Sie war Schülerin von Helene Weigel am BE in den 60er Jahren und ist dadurch eher matriarchal geprägt worden, was man ihren Arbeiten auch immer anmerkt, neben einem fast unbändigen Hang zum Humor. Da sie sich dieses Männerkampf-Drama Brechts ausgesucht hat, vermutet man auch erst eine radikale Neuinterpretation.
    Warum sich hier aber ein eher devoter Shlink, gespielt vom Fernsehstar Gustav Peter Wöhler, in diesen Kampf wirft, bleibt ein Rätsel. Das zweite Problem ist die Besetzung des Garga mit Sabin Tambrea, der nicht nur mit der Situation des getriebenen jungen Garga sondern in seiner ganzen Darstellung der existentiellen Bedrohung völlig überfordert ist und in seiner Aufgeregtheit nie das Gefühl der anfänglich moralischen Überlegenheit („..ich verkaufe Ihnen nicht meine Ansicht darüber.“) transportieren kann. Alle Figuren tragen in der Inszenierung weiße Masken, die Kostüme sind typisch für die 20er Jahre, eine irgendwie geartete Modernisierung findet nicht statt. Katharina Thalbach nimmt das Stück Brechts und wirft es, gemixt mit einigen lustigen Regieeinfällen, wie es ist auf die Bühne. Einzig ein elektronisches Laufband für erklärende Übertitel und ein Laufband auf der Bühne, das öfter zum Auf- und Abtreten der Akteure dient, sowie der teilweise verwendete Industrial-Sound sind Zeichen unserer Zeit.
    Am Anfang gibt es noch einen orchestralen Hollywood-Filmjingle der Großes ankündigen soll, aber Katharina Thalbach hat sich eher einen Scherz erlaubt. Sie verwechselt Expressionismus mit Brechts Epischem Theater der Masken und Verfremdungen. Das einzig expressionistische sind die Bühne von Momme Röhrbein mit ihren langen durchsichtigen Vorhängen auf den Häuser oder Wälder projiziert sind und die Jane der Janina Rudenska, die völlig überdrehte Freundin Gargas. Allein das darstellerische Vermögen von Judith Strößenreuter als Gargas Schwester Marie, Andreas Seifert als Vater und Mara Widmann als die Mutter von Garga können etwas Glaubwürdigkeit vermitteln. Hier schlägt auch der matriarchale Touch der Thalheim durch. Die beiden Frauen emanzipieren sich zusehends von ihren Rollen und Männern. Alle anderen Figuren bleiben Karikaturen. Das der Pavian (Dejan Bucin) und Der Steuermann Pat Mankyboddle (Roman Kanonik) noch ausländischen Dialekt sprechen müssen, ist eben so unnötig, wie das typische Chargieren, das den Schauspielern am BE schon in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint.
    Der junge Brecht war von einer schlechten Aufführung von Schillers Räubern und von der zerstörerischen Liebe Arthur Rimbaud zu seinem Geliebten Paul Verlaine beeinflusst als er „Im Dickicht“ schrieb. Der wilde, zerreißende Kampf, den er da sah, wird bei Katharina Thalbach allerdings verschenkt. Das Finale auf fast leerer Bühne verpufft in einem vergeblichen Kussversuch Shrinks. Der Lynchmob steht derweilen mit Tiermasken auf der Bühne und vollführt einen Tänzchen. Der letzte Satz Gargas mutet da schon wie ein Hohn an: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.“ Es geht aber mehr um den Satz davor. „Allein sein ist eine gute Sache.“ Garga ist letztendlich dem Egoismus verfallen, er wechselt ohne mit der Wimper zu zucken die Klasse. Nur ist das in dieser Inszenierung nie wirklich spürbar.

  • Das Haus brennt – – Nicolas Stemann entsorgt Lessings Nathan auf Elfriede Jelineks „„Abraumhalde“

    „Nathan der Weise“ vom Thalia Theater Hamburg als Gastspiel am DT in Berlin

    Am Anfang eine leere Bühne im Deutschen Theater. Ein großer Lautsprecher senkt sich vom Schnürboden. Durch ihn hört man den Text von Lessings Nathan. Nachdem sich ein Gazevorhang im Hintergrund hebt, sieht man die Schauspieler in Sprecherboxen wie in einem Tonstudio. Das gibt eine sehr intime Stimmung, man kann sich ohne Bild zwangsläufig nur auf das gesprochene Wort konzentrieren. Das hat etwas klaustrophobisch Bedrohliches, was durchaus zur Situation in Lessing Stück passt. Der alte Text, wie wir ihn kennen, wird konserviert, als würde man ihn auf Band einsprechen. Nathan (Sebastian Rudolph) und Daja (Patrycia Ziolkowska) unterhalten sich über den Brand und die wundersame Errettung der Ziehtochter Recha durch den Tempelherren. Nach und nach bewegen sich die Darsteller, alle in Alltagskleidung, auch auf die Bühne, Rollenzuschreibungen werden erkennbar, ihre Mikrofone und Textpulte nehmen sie aber mit. Nathan ist zuerst sicher und gefestigt, wenn er den Tempelherren (Philipp Hochmair), den seine Recha (Maja Schöne) für einen Engel hält, zu sich einladen will, wird aber sichtlich unruhiger, wenn er zum Sultan Saladin (Felix Knopp) gerufen wird, weiß er doch, das da für ihn nicht viel Gutes kommen kann. Bis hierhin lässt Regisseur Nicolas Stemann alles getreu nach Lessing spielen, trotzdem wirkt es gestellt und künstlich.

    Stemann traut dem Text Lessings nicht, Rudolf druckst auch mehr die Ringparabel heraus. Unsicher blickt er sich immer wieder um. Dann kommt aus dem Bühnenhintergrund ein alter Nathan (Christoph Bantzer) im Kaftan und fängt an, ihn immer wieder mit dem Text von Elfriede Jelineks Sekundärdrama Abraumhalde zu unterbrechen. Er wird dabei von zwei weiteren Figuren in historischen Kostümen unterstützt, der christlichen Daja (Barbara Nüsse) und der Recha (Birte Schnöink), die eigentlich die Tochter des Bruders von Sultan Saladin ist. Die drei Religionen teilen sich den Text von Elfriede Jelinek. Stemann wollte der alten aufklärerischen Versöhnungsgeschichte dadurch den Hass zurückgeben, der ihm fehlte, um überhaut versöhnen zu können.

    Jelineks wie immer monologisierender Endlostext handelt vom brennenden Haus, immer wieder knistert es bedeutungsvoll, von religiösem Wahn, Märtyrern, den 72 Jungfrauen, der Verdrängung einer Wahrheit die niemandem gehört, die keiner einstreifen kann wie Geld und von Kellern, dem Fall des Hauses Fritzl. Das Unterirdische der Seele des Menschen gegen eine Parabel über die Gleichheit aller Religionen. Elfriede Jelinek führt die aufklärerische Moral Lessings mit Beispielen aus der heutigen Zeit ad absurdum. Eine Versöhnung schein so in weite Ferne gerückt.

    Jetzt wird es zunehmend bunter auf der Bühne. Die Symbole der Religionen schweben von der Decke und werden von den Schauspielern in Posen vor sich hergetragen. Der Tempelritter als Selbstmordattentäter, das ist schon eine witzige Idee, zieht aber auch den Nathan Lessings konsequent ins Lächerliche. Was einst als Religionskrieg begann, hat sich längst verselbstständigt und eine eigene ganz andere Dynamik bekommen. Die Schauspieler stülpen sich große Köpfe aus Pappmaché über, Papst Benedikt, Osama Bin Laden und Alan Greenspan als Geldjude, Goldbarren werden demonstrativ aufeinander geschlagen. Stemann hält sich hier sehr genau an die Regieanweisungen von Elfriede Jelinek. Ein bisschen zu viel Symbolik, die da von der Decke hängt und über die Bühne tobt. Der Inszenierung fehlt irgendwie der klare Standpunkt, außer dass religiöser Wahn und Vorurteile tödlich sein können. Das andererseits nimmt dem Stück auch den überstrapazierten Anspruch von Allgemeingültigkeit. Es hat ausgedient als Versöhnungsarie. Trotzdem bleibt Lessings Text immer noch deutlich und fassbar.

    Zum Schluss fängt sich die Inszenierung wieder, die Verbrüder- und Verschwesterung findet in den Tonboxen statt, auf der Bühne liegt der historische Nathan umgeben von Recha und Daja. Er hat ausgedient als Versöhner, wird nicht mehr gebraucht. Das ist ja auch bei Lessing so, wenn er zum Schluss ganz abseits steht. Er hat da seine Schuldigkeit getan. Jelinek hat ihn als Sinnbild der noch nicht erreichten Versöhnung entheiligt und auf Halde gelegt, aber nicht für immer, sondern als heimatlose oder verschüttete Utopie die wieder aufkeimen kann.

  • PROTECT ME – Ein getanztes Essay über das Leben an sich

    Falk Richter und Anouk van Dijk an der Berliner Schaubühne

    Wenn man alles, was an diesem Abend verhandelt wird, in eine Kritik stecken wollte, würde das ein Essay über das Leben an sich darstellen. Richter schneidet hier so ziemlich alle Themen an, die man sich vorstellen kann. Aber er dreht sich dabei nicht nur um sich selbst, er macht sich zwar seelisch und körperlich buchstäblich nackt vor uns und das meine ich durchaus im positiven Sinne, er zeigt aber auch, das es uns allen so geht. Ich bin gespannt, wie ein jetzt mit 29 Jahren vor Wut fast platzender Jungautor Stockmann mit 40 aussehen wird und welches Lebensfazit er dann zieht.

    Am Beginn des Abends ist es alles sehr düster und unklar wo das hingehen soll, als suche man noch nach einer Möglichkeit sich auszudrücken. Begleitet von dumpfen Technoklängen, streben die Protagonisten zu den Mikrofonen und werden mit Soundsalven immer wieder zurückgerissen. Der Autor aus „Trust“ ist auch wieder mit von der Partie. Kay Bartholomäus Schulze sucht nach einem Stück und einem Titel dafür. „Revolutionäre Energien“ oder „Cum till you die fucker“ wie Judith Rosmair irgendwann brüllt und alle Banker bis zum Herzstillstand ficken will.

    Der Autor fährt erst mal zu einem Wohlfühlseminar ins ProtectMe-Camp nach Thailand. Dort werden den Opfern der Finanzkrise die Wutattacken weg therapiert. Den Autor plagt aber die Einsamkeit und er ruft seine Freundin an, eine vielbeschäftigte Schauspielerin, die an einer echt authentischen Rolle für einen Nazistreifen probt. Erst langweilt man sich sogar ein wenig mit, aber spätestens mit der Untergangsparodie der Schauspielerin, dargestellt von Judith Rosmair, beginnt man aufzuwachen und nun drehen Richter und van Dijk auf, das einem Hören und Sehen vergeht. Das alles nur angerissen wird und Fragment bleibt ist dabei nicht weiter schlimm, es geht ja eher um die Fragen, die einem vielleicht mal mit 30 bewegt haben und die man sich entweder mit 40 immer noch stellt oder sich vielleicht nie stellen wird.

    Eine zweite Ebene wird eingezogen durch dies Szenen des Autors mit seinem senilen Vater (Erhard Marggraf), der eine Kriegsneurose hat und seine Frau vermisst. Sehr schön wenn er seinem Sohn in einer Windelszene Büchner oder Nietzsche vorhält und ungestüm das Paket mit Windeln wegkickt. Die haben schließlich schon in jungen Jahren die großen Themen angepackt, ohne darüber nachzudenken, ob die Zeit dafür reif ist. Nietzsche sagt ja auch, dass er zu früh gekommen wäre. Der Autor im Stück hat von allem mal gehört und auch Teile davon gelesen, aber, aber… Irgendwann delegiert oder projiziert man alles was man nicht schafft auf andere, wie die junge Praktikantin, Treffen mit dem Ex, Frisör- und Therapeutentermin. Dem Therapeuten (Tänzer Philipp Fricke) versucht Judith Rosmair sogar das Beenden ihrer Beziehung überzuhelfen.

    Der Generationen-Konflikt und die Angst vor dem Alter, sind ja jedem irgendwie bekannt, der mal die vierzig überschritten hat. Das Thema Fleisch ist auch ein sehr wichtiges in der modernen Gesellschaft. Es gibt die drei Stufen im Stück, jung, knackig, erfolgreich der neue Freund (Stefan Stern) der Schauspielerin, schlaff und ständig müde der Stricher, der vom einsamen Manager aufs Zimmer bestellt wird und erst mal ein Nickerchen braucht. Dann schließlich welk und nicht mehr funktionsfähig, der Vater der gewindelt werden muss. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach oder umgekehrt, in der Jugend wo Geist noch nicht gefragt ist und alles um Äußerlichkeiten geht. Mit dem ständigen An- und Ausziehen wird das plastisch sichtbar. Das Lebensalter und die Stufen der Erfahrung sind das eine, der andere Konflikt ist der Sinn, wofür man lebt und sich engagiert, was man erreichen will. Beispielhaft hier wieder die Suche nach einem relevanten Thema und einem Titel für das Stück des Autors.

    Es werden die herrschenden Machtstrukturen und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft gezeigt, Finanzkapital, Manager, Therapeut, Praktikant usw. und die Wutfantasien, die ganz unten noch vorhanden sind und weiter oben schon geschickt wegtherapiert werden. Ganz oben kann man sich die Wut sparen, man steht eh über allem und eigentlich außerhalb, das Bild des nicht integrierungswilligen Finanzmanagers, das der Vater im Gespräch mit dem Autor erläutert.

    Zwischenmenschliche Beziehungen stehen nach Trust natürlich auch wieder im Vordergrund. Zweifel, das sich nicht entscheiden können, das Fliehen vor Verantwortung, die Unfähigkeit Gefühle zu zulassen und zu zeigen (Sohn vor dem Vater, Liebespaar am Telefon) und die daraus resultierende Unzufriedenheit und Einsamkeit. Die Suche nach Nähe und wieder Abstoßung durchziehen die Choreografie der Tänzer. Sie stützen hier aber auch die Figuren und bilden einen Rahmen für Richters Text. Gemeinsam führen sie den Vater zum Mikrofon. Aus der Suche nach Vertrauen ist ein Schütze mich! geworden. Symptomatisch für die Unfähigkeit einander zu verstehen und die Unsicherheit und der Angst vor dem Scheitern, des sich Verzettelns und davor die großen Themen nicht angepackt und nichts geändert zu haben, ist die Szene wenn der Kay Bartholomäus Schulze von Judith Rosmair verlangt seine Worte ehrlich nachzusprechen, als Rückversicherung auch gehört worden zu sein. „Alles was ich mache besitzt Tiefe“. Das alles sind sehr viele Fragen für einen 2-stündigen Abend. Die Antworten muss nun jeder für sich selbst finden.

    Es sind alles in allem aber zu viele Baustellen, die Richter aufreißt, die liegen nun da und man schaut in ein Loch und wartet darauf, dass das mit Inhalt gefüllt wird. Die Kritik ist sich ja schon wieder einig, dass der Abend nicht an „Trust“ heranreicht, ich sehe das eher als fortlaufenden Prozess und der kann ja irgendwann durchaus zu einem Ergebnis führen. Falk Richter gefällt sich vielleicht auch in der Rolle des ewig Suchenden, und in Anouk van Dijk hat er zumindest künstlerisch eine Langzeitpartnerin gefunden.

  • So long, Pablo!

     Paul der Orakel-Krake ist tot – Ein Nachruf

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    Unerreicht als Kassandra der Meere
    Warn auch die Muscheln oft mies
    Dein Orakel geriet nie zur Chimäre
    In Öl, Pablo El Pulpo, Rest in Peace.

  • Von Kohlhaasenbrück nach Stuttgart 21 – Street Fighting Woman im Theater unterm Dach

    Anja Gronaus Version von Kleists Novelle heißt „Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger“

    „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.  — Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder. (…)“
    So beginnt Heinrich von Kleists Novelle vom braven Roßkamm, der dann auf seiner Reise nach Dresden, vom Junker Wenzel von Tronka, um zwei seiner Rappen gebracht wird und sich erst durch alle Instanzen klagen muss, bis er merkt, dass das Recht auch mit zweierlei Maß gemessen werden kann. Kleist untersuchte anhand dieser Geschichte, im Kontext der Aufklärung, die den Herrschaftsvertrag in eine legitime staatliche Ordnung wandeln wollte, ob der Einzelne ein Recht hat sich zu wehren, wenn ihm vom Staat Unrecht zugefügt wird. Kohlhaas rennt in gutem Gewissen mit seinen gerechtfertigten Ansprüchen gegen die Obrigkeit an und scheitert dennoch an deren Klüngel. Das lässt ihn schließlich verbittert aus dem Gesellschaftsvertrag aussteigen, um sich nun zu holen was im von Rechtswegen eigentlich zusteht. Wie ließe sich da nun eine Parallele zur heutigen Zeit ziehen, in dem der Rechtsstaat eigentlich verfassungsmäßig jedem garantiert ist?
    Regisseurin Anja Gronau, die schon erfolgreich die Trilogie der klassischen Mädchen (mit Kleists Käthchen, Schillers Johanna und Goethes Grete) auf die Bühne des Theaters unterm Dach gebracht hat, setzt hier wieder auf eine weibliche Heldin und so wird aus dem rechtschaffenden Kohlhaas eine mit Pferdeschwanz bezopfte, schlaue Kohlhäsin. Renate Regel erklärt mit einiger Ironie, das es sicher schöner wäre sich einen Schiller anzusehen mit großen Worten a la „Gedankenfreiheit“ und so, aber was wenn einem dabei der Rechtsstaat flöten geht? Sie bestreitet diesen Abend im Alleingang inklusive aller weiteren Rollen, von denen sie nebenbei berichtet. Trotzdem wird die Erzählung auf offener Bühne, gestaltet von Mi Ander, nie langweilig. Schon der Beginn ist ein Vergnügen, wenn Regel die zwei Rappen mittels Kopfschütteln und tänzeln auf ihren Stiefeln erstehen lässt, mit stattlichen Flanken versteht sich. Der Weg durch die Institutionen, um die vorenthaltenen Pferde zurück zu erlangen, erfolgt mittels Eintüten von Briefen und Darstellen der vielen Orte anhand von Kreidestrichen auf dem Boden. Die Namen der Städte und Adressaten zieren bald die ganze Bühne. Riegel springt erst frisch und enthusiastisch von Pontius zu Pilatus, bis der Elan allmählich erschlafft und sich die Ernüchterung breit macht. Die abschlägigen Briefe steckt sie immer wieder in ein Buch mit dem Grundgesetz.
    Dann endlich schlägt der Ton um und mit Tisch und Lampenständer wird aufgerüstet. Kohlhaas zieht in den Kampf gegen die Vetternwirtschaft der Tronkas, Hinz und Kunz und schließlich gegen die Stadt Leipzig, bis es auch Luther zu viel wird. Am Bühnenhintergrund tauchen Videos von Karlsruher Verfassungsrichtern auf, mit dem Megafon schreit Regel die Bilder an. Die Zuschauer werden aufgerufen mal mit auf einen Eimer zu hauen und sie selbst bläst in die Trillerpfeife. Das „Kohlhaasische Mandat“ als spaßiger Aufruf zur Demo. Schon Kleists Novelle ist widersprüchlich, Kohlhaas bekommt zwar sein Recht nur ist der Kopf auch verloren. Er ergibt sich dem Herrschaftswillen und büßt für seine Taten. Hinten raus wird die Geschichte bei Kleist auch noch mystisch, mit der Wahrsagung über den letzten sächsischen Kurfürsten in der Kapsel um Kohlhaas` Hals. Regel setzt sich demonstrativ in einen großen Sessel und liest aus einem Märchenbuch vor. Kohlhaas` Rache ist es, den Zettel hinunterzuschlucken. „Wer mir sein Wort einmal gebrochen, mit dem wechsle ich keins mehr.“ Gronaus Quintessenz ist es, das ganze Grundgesetzt zum Witz zu erklären und zu entsorgen, ihre Aufkündigung des Gesellschaftsvertrages sozusagen. Hinsichtlich der gerade aktuell laufenden Proteste in Stuttgart gegen staatlicher Willkür und Lobbyismus bei der Planung und Durchsetzung von Großbaumaßnahmen oder dem Aufbegehren von durch Theaterschließungen und Subventionskürzungen Betroffener, ist das auch sehr sympathisch.
    Wer will kann noch mal vor der Tür den Wortlaut des Artikels 20 GG Absatz 2 und 4 nachlesen. Es fällt sicher angesichts der Fernsehbilder von Stuttgart schwer an Sätze wie „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ zu glauben und man ist geneigt „Das Recht zum Widerstand“ vehement einzufordern. Das wird ja auch dort vor Ort getan, nur sind hoffentlich noch nicht alle Worte schon gesprochen. Ernst Bloch sah in Kohlhaas einen „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“, einen verfrühten Jakobiner. Kleist wollte zum Kampf gegen Napoleon aufrufen, er hat dabei sicher nicht an Anarchie und Terror gedacht. Wohin Anja Gronaus Kohlhaas zielt, bleibt etwas diffus, ihre Idee trägt einen tollen Theaterabend lang, doch dann muss mehr kommen. Das Nachdenken geht weiter.

    Eine Produktion von Anja Gronau in Koproduktion mit dem Theater unterm Dach Berlin, Forum Freies Theater Düsseldorf und LOFFT Leipzig.

  • Zum 50. Geburtstag von Christoph Schlingensief

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    „Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln.“                                                                                                                                                                        Christoph Maria Schlingensief (24. Oktober 1960 – 21. August 2010)

    Trotzdem alles Gute, wo auch immer Du bist, wünscht Stefan.

  • Wer, wie, was – Wieso, weshalb, warum – Sei schlau, bleib lieber dumm!

    In Patrick Wengenroths herrlicher Farce auf Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus im HAU 2 liegt die Silk-Ecke von Wien mitten auf der Sesamstraße.

    Karl Kraus` Lesedrama „Die letzten Tage der Menschheit“ sollte für ein Marstheater gedacht sein, „…Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten.“ Er hatte darin den 1. Weltkrieg dokumentiert, eine Montage von originalen Zitaten und Kommentaren mit unzähligen realen und fiktiven Figuren in über 200 Spielszenen. Ein Werk was in 5 Akten mit Vorwort, Vorspiel und Epilog an die 10 Abende zur Aufführung gebraucht hätte. Kraus ein Meister der satirischen Zeitkritik, hatte hier eine fast unglaubliche Realsatire über den Wahnsinn des Krieges verfasst. Wenn nun einer in Sprache und Ideenreichtum ebenso versierter aber in seinen Mitteln mit Sicherheit nicht in die Fußstapfen des ewigen Moralisten Karl Kraus tretender Theaterberserker wie Patrick Wengenroth sich dieses unspielbaren Dramas annimmt, was könnte dann nicht alles daraus werden?
    Wir sitzen vor einem riesigen Gerüst, das mit einem roten Vorhang verkleidet ist. Patrick Wengenroth liest im Frack von oben herab das Vorwort von Karl Kraus. Der Vorhang wird aufgezogen und gibt eine an ein Kasperletheater anmutende Bühne über unseren Köpfen frei. Es treten nun Muppet-Figuren wie Sam der amerikanische Adler auf, Bart Simson oder Puppen aus der Sesamstraße wie Ernie und Bert, die das Aufhängen von Minderjährigen diskutieren, eine der vielen bösen kleinen Szenen bei Karl Kraus. Die Soldaten in T-Shirts mit Aufschriften wie Multikulti ist tot, Ich bin fremd im eigenen Kiez und Gott strafe England, tragen Kochtöpfe als Helm. Alle bei Kraus schon absurd überzeichnete Figuren sind hier nochmals überhöht und extreme Karikaturen des lächerlichen nationalen Wahns und Patriotismus. In persona tritt natürlich die österreichische Feuilletonredakteurin Alice Schalek auf. Sie war die einzige weibliche Kriegberichterstatterin und schrieb für die Wiener Neue Freie Presse, ein Blatt des liberalen Bildungsbürgertums, das Kraus für seine patriotische Berichterstattung immer wieder kritisierte. Hier erklärt sie den Patriotismus wie ein Gaststar der Sesamstraße. Die Schalek zieht sich durch das Werk wie die Szenen des Optimisten und des Nörglers, in der sich Kraus selbst darstellte. Bei Wengenroth findet das irgendwann unter der Bühne statt, im Stile einer Diskussion unter Intellektuellen, die auch einfach mal die Standpunkte vertauschen. Die Medienkritik ist schließlich auch das Thema von Wengenroth. Sam der amerikanische Adler tritt als Moralapostel auf und liest angestrengt in der FAZ. Es gibt immer wieder solche Anspielungen in den original von Karl Kraus entnommenen Spielszenen.
    Zu einer bitterböse Satire auf die viel diskutierte Leitkultur, wird die Szene, wenn wie bei Kraus, Ordnungshüter fremdsprachige Aufschriften von Läden und Lokalen entfernen und sich dann selbst in der von Fremdwörtern nur so strotzenden österreichischen Sprache verheddern. Österreich bekommt sein Fett genauso weg wie Deutschland. Ein wichsender Bayer und ein besoffener Österreicher karikieren den Spießbürger und das neue Nationalgefühl „…wos hom denn Sö fürs Votterland geleisteet? Legimitiern S‘ Ihna! Vur mir!“ Ein reinstes Stahlgewitter der Lächerlichkeit bietet dann noch eine Ernst-Jünger-Karikatur als Bodybilder. In den Rollen des Normalessers und des Starkessers in herrlichen Fatsuits, werden immer wieder die von Intellektuellen wie etwa Alfred Kerr im 1. Weltkrieg patriotisch umgedichteten Klassiker von Goethe dargebracht. Wanderers Nachtlied wird da auch zu einem sicher nicht ungewollten Seitenhieb auf Thilo Sarrazin. Überhaupt hat Wengenroth sich auf das Aktuelle in den Szenen von Karl Kraus konzentriert und so einen ebenso schrägen wie klugen Abend zusammengebastelt. Ein großes Kompliment gilt den Darstellern, die das alles mit einem unglaublich körperlichen Einsatz präsentieren. Das ist sicher nichts für Karl-Kraus-Puristen, macht aber großen Spaß beim Zusehen. Unterstützt wird der Abend noch musikalisch von der Band „Die Türen“, die die Szenen immer wieder mit ihren Liedern wie „In die Stadt“ oder „Sei schlau, bleib dumm“ kommentieren.
    Am Ende geht die Welt zwar nicht unter, aber nachdem das Gerüst vom Vorhangstoff befreit ist, steht das Theater zeimlich nackt da, zwei Sado-Maso-Figuren sprechen die letzten Kraus-Texte. Das Schlusswort hat wieder Wengenroth, er liest den Subito-Text von Rainald Goetz: „Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen.“ Ein medial aufbereiteter Skandal 1983 in Klagenfurt, damals noch Aufruf für mehr Authentizität in der Literatur, heute ein Verweis auf den Zustand der Kultur, die zum Popevent verkommen ist. In Goetz Text tritt der bekannte Poptheoretiker Diedrich Diederichsen als Neger Negersen auf. „Nein, nein nein, immer alles zerschlagen,…“ sagt da Raspe, das Alter ego von Rainald Goetz. „Ja, sagte Neger Negersen, dann hast du die Identität, die Stabilität, und am Ende sogar noch einen Sinn.“ Der Sausinn wird wie bei Rainald Goetz auch von Patrick Wengenroth letztendlich verweigert. Das alles ist nicht ganz ohne Selbstironie, da Wengenroth, einst Rebell des Planet Porno, längst selbst in der Kulturinstitution Theater angekommen ist. Es wird noch ausgiebig getanzt, danach geht es sicher übergangslos zur Premierenfeier. Das mediale Ende der Menschheit ist nah, Patrick Wengenroth hat den Vorhang für die letzten Tage schon mal für zwei kurzweilige Stunden aufgezogen.

    noch bis zum 27.10.10 im HAU 2

  • In der Nische – zwei Stücke von Nis-Momme Stockmann in Berlin

    „Kein Schiff wird kommen“ in der DT-Box und „Das blaue, blaue Meer“ im Heimathafen Neukölln

    Die ganz großen Themen sind die Sache nicht von Jungautor Nis-Momme Stockmann, ganze vier Stücke sind von ihm aber bereits seit 2009 uraufgeführt worden. Eine Menge für einen 29-jährigen, der bereits den Heidelberger Stückemarkt und einen Werkauftrag vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens erhalten hat. Theater heute wählte ihn zum Nachwuchsdramatiker des Jahres 2010. Mit „Kein Schiff wird kommen“ wurde er für den Mühlheimer Dramatikerpreis 2010 nominiert. Das ist eine Menge Lorbeer und so durfte man zu Recht gespannt sein auf die Zweitaufführung des Stückes in der Box des Deutschen Theaters. Eingerichte wurde es hier vom jungen Regisseur Frank Abt, die Bühne ist von Anne Ehrlich. Vor einen roten Samtvorhang tritt Paul Schröder, er spielt einen Jungautor in Stockmanns Stück und erzählt etwas von Relevanz und Nachhaltigkeit im Theater. Der Markt braucht große Themen, so wollen es die Intendanten. Eine schöne Persiflage auf den aktuellen Theaterbetrieb. Als der Vorhang zur Hälfte aufgezogen wird, steht dort ein kleiner Tisch und der Autor sitzt und schwitzt sich das Große aus den Rippen. Ein Stück zum Jubiläum der Wende soll es sein. Ein Thema das ihn eigentlich nicht interessiert, er hat keine Beziehung dazu, da er 1989 eigentlich noch ein Kind war. Ein Brüderpaar am See hätte er noch anzubieten, aber diese Sachen sind nicht gefragt und auch eher inflationär. So quält er sich, brütet, wütet und fährt schließlich verzweifelt zu seinem Vater, der allein auf der Nordseeinsel Föhr lebt, wo auch Stockmann herkommt. Der Vorhang geht nur ganz auf und zeigt eine Mauer mit Schieferplatten, hinter einer Folie sitzt ein Mann am Tisch.
    Der Texts Stockmanns ist nicht genau in Rollen geteilt, die Monologe des Jungen und die Dialoge mit dem Vater teilen sich Paul Schröder und ein zweiter Schauspieler, Elias Arens. Er gibt den eher ruhigen Part und übernimmt dabei immer mehr die Rolle des Vaters, der Sohn nervt mit seinen Fragen und Geschichten, die er schon hundertmal erzählt hat. Es steht eine Mauer zwischen ihnen, die nur sehr langsam durchsichtig wird, wenn es um die Vergangenheit geht blockt der Vater ab. Der Sohn kommt nicht durch bei ihm und ist wiederum in seiner eigenen Verbohrtheit gefangen. Zur Wende hat der Vater auch keine große Geschichte zu erzählen und fragt warum der Sohn denn nicht auch etwas ganz Gewöhnliches schreiben kann. Dann erzähl mir was von Mutter. Hier fällt krachend die Mauer und Markwart Müller-Elmau sitzt nun als Vater am Tisch und windet sich. Die Mutter die zur Zeit der Wende begann Gespenster zu sehen, ist immer still anwesend in der Figur der Akkordeon spielenden Silke Lange. Sie zupft den aufgeregten Jungen am Ärmel und drängt sich immer mehr in sein Bewusstsein. Er fährt nach Hause und beginnt, gequält von albtraumartigen Sequenzen und der großen Angst vor dem Versagen, seine Geschichte nieder zu schreiben.
    Keine Frage, Paul Schröder trägt die Aufführung über die 90 Minuten hervorragend, allerdings vermittelt dieser ständig aufgeregt Text ausspeiende Angry Young Man eine Redundanz, die durch den eher ruhigen Part von Elias Arens kaum gebrochen werden kann. Das ist auf Dauer enervierend und trägt nicht viel zum Verständnis des eigentlich recht persönlichen und tief ins Innere eines Zerrissenen führenden Textes von Stockmann bei. Die Mauer fällt dann recht unvermittelt. Das dieses sich Freischreiben des Sohnes auch eine Befeiung für den Vater ist, dreht Abt hier in seiner Inszenierung völlig um. Der Vater liest zu Schluss mit zitternder Stimme die Geschichte des Sohnes über das langsame Sterben der Mutter vor. Es ist sicher für beide Seiten schmerzhaft, wenn das persönliche Drama einer ganzen Familie ans Licht tritt, aber das in einem alten einsamen gebrochenen Mann hinter einer Folie darzustellen, ist einfach zu platt. Hier kommt dann doch der Bezug zum eigentlichen Vater-Sohn-Konflikt zu kurz und der Kontrast zum großen Thema fehlt. Das was Stockmann wichtig ist, der Blick in die Nische anstatt ständig nur an der Oberfläche zu kratzen, erstarrt in Plattitüden, das Stück ist nach hinten raus leider auch einfach etwas dünn. Der Bruch zwischen den Zweifeln und der eintretenden Erkenntnis des Sohnes, über was er eigentlich Schreiben will und muss, war in der Stuttgarter Inszenierung glaubwürdiger dargestellt. Hier erscheint er mir zu abrupt vollzogen. Der rote Vorhang ist aber durchaus eine schöne Metapher. Steht man davor erwartet man gespannt eine große tragische Geschichte, wenn er sich dann öffnet, zeigt er meist nur ein kleines persönliches Drama, das aber durchaus auch Relevanz für das große Publikum haben könnte. Trotzdem ist natürlich Frank Abts Inszenierung durchaus sehenswert.

    Wie man einen schwierigen widersprüchlichen Text von Nis-Momme Stockmann ganz unaufgeregt und trotzdem eindrucksvoll aufführen kann, zeigt die Inszenierung von „Das blaue, blaue Meer“ in der Regie von Stefanie Aehnelt im Heimathafen Neukölln.
    Die Stockmannsche Nische ist hier eine Sozialbausiedlung am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft mit einer Tafel am Eingang, die genau über alle Gewalttaten berichtet und diesen Ort so zu einer skurrilen Endstation gescheiterter Existenzen deklariert. Angelegt von Politikern und Stadtplanern, um das Elend auszusperren und so, dass man darin nur verloren gehen kann.
    Auf der Studiobühne, die wie ein Kinderspielplatz in so einem Neubauwohngebiet von Svenja Kuhr gestaltet ist, sind die drei jugendlichen Protagonisten ständig präsent. Darko, dargestellt von Nico Ehl, hat sich dem Suff ergeben, er erzählt vom sternenlosen Himmel über der Siedlung, keine Hoffnung oder Zukunft nirgends, das er mal eine Vergangenheit hatte mit Geschwistern, Karate und Musik blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Sein Freund Elle (Roald Schramm) mit dem er sich regelmäßig zum gemeinsamen Trinken trifft, ist schon eine Stufe weiter, sein Auftreten ist bereits sichtlich vom Delirium geprägt. Dahin ist Darko auf dem besten Weg, im Vollrausch entgeht er nur um Haaresbreiten dem Tod auf den Eisenbahngleisen, sein Fuß bleibt dabei aber auf der Strecke. Der Arzt legt ihm ernsthaft nahe mit dem Saufen aufzuhören, aber Darko ist bereits wie in einer Art Zeitschleife gefangen. Das Ausweg führt meist nur über einen finalen Sprung von einem der Plattenbauten.
    Der Text von Nis-Momme Stockmann ist hier ebenfalls zu großen Teilen ein wütender Monolog der Hauptfigur Darko über die Sinnlosigkeit seines Daseins, zwischen Arbeitsamt, Siedlungsalltag mit Gewalt, sexuellen Missbrauch und Selbstmord und den einsilbigen Saufgelagen mit seinem Kumpel Elle. Roald Schramm übernimmt auch immer wieder die andere Rollen. Das ist in seiner Drastik kaum auszuhalten, jedoch durch die sparsame Mimik, Gestik und seine kräftige Sprache macht Nico Ehl aus seinem Darko keine übergroße Leidensfigur, sondern einen Menschen, der immer noch irgendwie an etwas zu glauben scheint. Er kämpft sich geschickt durch den philosophierenden Text von Stockmann mit seinen ständigen Fragen und Rückkopplungen. Seine vergebliche Suche nach den Sternen führt ihn schließlich zu Motte, einer jungen Prostituierten, in ihrer Rätselhaftigkeit bestechend glaubwürdig von Salome Dastmalchi dargestellt, die ebenso wie er in dieser Siedlung gefangen scheint. Sie hat aber auch einen Traum, den vom blauen Meer wohin sie irgendwann will. Allein es bleibt ein Tagtraum, dem auch beide gemeinsam nicht entfliehen können. Selbst ein Besuch im Zoo wird zum Desaster und sie können die Tiere schließlich nur durch den Zaun sehen. Sie bleiben letztendlich draußen und gefangen in ihrer Welt, die wir wiederum oft genug einfach ausblenden. Das Leben von Darko und Motte spielt sich weiterhin zwischen dem Traum von Norwegen mit Meer und Sternen und der sinnlosen Realität des Plattenbaus ab. Die Liebe bleibt immer da zwangsläufig auf der Strecke, wo es an echten Perspektiven fehlt. Das Warum ist als ständig bohrende Frage in den Text des Stückes eingeschrieben.