Drei Schwengel für Carli – Rolf Hochhuths Inselkomödie im Theater am Schiffbauerdamm (BE)

Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato als Musical-Version von Florian Fries

Er wolle mit Entsetzen Scherz treiben, weil sonst keiner hingeht, erklärt Rolf Hochhut in der Berliner Presse, die ihn nun wieder wie jeden Sommer als willfährigen Nachrichtenlieferant ausgemacht hat. Das ist erst mal nicht verkehrt, mit der derb erotischen Komödie „Lysistrata“ des Aristophanes als Vorbild für seine „Inselkomödie“ ließe sich da durchaus etwas machen. Auch Brecht hat mit seiner Dreigroschenoper und diesem Format zum transportieren von politischen Aussagen Erfolge gefeiert, hier am Theater am Schiffbauerdamm, lange bevor dann nach dem Krieg daraus das Berliner Ensemble wurde.
Leider hat sich Hochhuth für seine Musical-Version die falschen Leute für das falsche Haus ausgesucht. Der junge Komponist Florian Fries orientiert sich zwar auch etwas an Kurt Weill, mit seiner operettenhaft seichten Musik liefert er aber nur ein billiges Paul Lincke Plagiat ab. Das funktioniert sicher gut am Kudamm, dort befindet sich auch das richtige Publikum, nur ist das sicher nicht der Adressat, den sich Rolf Hochhuth vorgestellt hat, wenn er auch Solidaritätsadressen an die Kudammbühnen im Programmheft abgibt. Der erst 4 Wochen vor der Premiere eingewechselte Regisseur Heiko Stang bürstet das Stück kräftig auf Klamauk, es wird ordentlich kopuliert und die Damen schwingen die Hüften und Hinterteile vor den Nasen der dämlich geilen Herren mit Dauererektion. Ein Pope kann sich nur mit einem Kreuz der eigenen Geilheit und der ausgestellten Weiblichkeit erwehren. Darauf werden die Frauen leider auch reduziert, von List und Klugheit, außer bei der Abgeordneten Lysistrate aus Athen, kaum eine Spur.
Die Kostüme unterstützen das Konzept, aufreizen bis der Letzte kapiert hat, worum es geht. Wo hat man eigentlich auf einer griechischen Insel schon mal Frauen den halben Tag im Seidenmorgenmantel rumlaufen gesehen oder mit hochhackigen Stiefeln. Die politische Aussage, das die NATO den Russen auf den Pelz rückt und das Elend von Kriegen nur immer wieder auf das Volk zurückfällt, geht dabei völlig unter. Es wird gepost wie bei Drei Engel für Charlie und in großen Weinbottichen im Kreis gestampft. Kanonen dräuen am Bühnenhorizont. Ein korrupter Politiker darf sich mit seinem ergaunerten Geld freikaufen und hat einen schlüpfrig erotischen Bunny-Hasentraum. Die Songtexte sind ziemlich platt und nur mäßig komisch. In einem poppigen Tänzchen entlarven sich die Soldaten als nichts könnende Idioten und 4 Beine in Betten sind besser als Schlaftabletten. Zum Finale dieser Sommeroperette gibt es dann noch ordentlich Flitter und tam tam, alles findet sich zum guten Ende. So einfach ist die Welt des Rolf Hochhuth.
Im Programmheft kommen alte Männer wie Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour und Michael Gorbatschow zu Wort, die uns warnen wollen. Der Umgang mit alten Männern ist Hochhuth immer sehr gut bekommen, sagt er und hat auch noch einen besonderen Coup auf Lager, indem er den 106-jährigen Entertainer Johannes Heesters auf die Bühne setzt. Der darf dann einige Zeilen rezitieren, erst über die Liebe und die Frauen und dann nach der Pause ein Anti-Kriegsgedicht aus dem 19. Jh. vom flämischen Poeten Gentil Theodoor Antheunis, das er schon 2008 in seiner Geburtsstadt Amersfoort vorgetragen hat. Amersfoort war im 2. Weltkrieg bekannt als Internierungslager der SS, „Traurige Zeiten“, welch späte Einsicht des alten Heesters.
Was von dem Sommertheater um das Stück und Rolf Hochhuth übrig bleiben wird, sind leider nur wieder leere Drohungen in Richtung Senat um die Kündigung des BE, und Gerüchte zu Claus Peymanns Eintritt in die Ilse-Holzapfel-Stiftung. Was für ein Gespann. Peymann wäre dann BE-Chef für immer und müsste das ganze Jahr über Hochhuth-Stücke inszenieren. Aber Rolf Hochhuth wird wohl so weiter machen wie ehedem und sich Jahr für Jahr und Stück für Stück etwas mehr demontieren.

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