Droht die Zwangskollektivierung der Schauspielkunst? Zum Abschluss des Theatertreffens 2010

Ja, da kann einem tatsächlich Angst und Bange werden. Droht dem Theater jetzt die Zwangskollektivierung der Schauspielkunst? Ist das wieder so eine neue Idee von den Regisseuren, vor denen uns Stadelmaier, Strauß und Stein ständig warnen wollen.

Was ist tatsächlich passiert? Es waren sehr ereignisreiche Tage in Berlin. Wir durften 10 ausgewählte Theaterstücke erleben, die fast alle einen unmittelbaren Bezug in die Gegenwart haben oder sogar direkt davon erzählten. So etwas hat es noch nicht gegeben, in den letzten Jahren waren es 2, 3 oder höchsten 4 der Inszenierungen. Und etwas fehlte tatsächlich der große Einzelschauspieler a la Bruno Ganz und so dürfte es dem Altmeister auch wirklich schwer gefallen sein, seinen Preis los zu werden. Er ist dann zwangsläufig beim einzigen Stück fündig geworden, was eine erkennbare Hauptfigur und einen ihm angemessen Plot besitzt, dem Kleinen Mann von Hans Fallada. Aber auch einer anderen Jury ging es ähnlich, da wurden die Schauspielensemble schmählich ignoriert und sogar versucht sie gänzlich weg zu diskutieren. Das dabei die schönste, dem Gemeinsinn geradezu frönende Inszenierung des Theatertreffens, Die Kontrakte des Kaufmanns, einem faulen Kompromiss zum Opfer gefallen ist, ist die Tragik eines ansonsten erfrischenden Jahrgangs, wenn man von einigen Ausrutschern absieht, die man nie verhindern kann und die auch zur Herausstellung des wirklich Bemerkenswerten dazu gehören.

Die Wiederentdeckung des politischen Theaters wurde angeblich gefeiert. Meiner Meinung nach fehlt dazu noch einiges, aber es muss ja auch nicht zwangsläufig im Agitprop enden. Ein wenig störend finde ich jedoch, das ständige Unken über die Ausstellung von Unterschichten, Aquariengucken und das ewige Darstellen angeblich in unseren Köpfen existierender Klischees. Diese Klischees gehören einfach dazu, es kommt auch keiner auf die Idee der sogenannten Unterschicht ihre Klischees über den Bildungsbürger vor zu spielen. Ich glaube, der geübte Zuschauer kann sehr wohl die Wirklichkeit vom Spielen mit vorhanden Vorurteilen unterscheiden.

Und noch etwas ist mir aufgefallen, die klammheimliche Rückkehr des so verpönten Bühnenbildes in viele der Inszenierungen, sei es Riesenbutzbach, Kasimir und Karoline, Der Kleine Mann, Diebe oder Die Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen. So unterschiedliche Bühnenaufbauten hat man lange nicht gesehen und selbst in den Kontrakten des Kaufmanns existiert so etwas ähnliches wie ein Bühnenbild, wenn es auch im Laufe des Spiels sehr leiden muss und schließlich wie ein Kartenhaus der Träume in sich zusammenfällt und gnadenlos vom begnadeten Ensemble zerschrotet wird.

Am Rande durften wir noch Auszeichnungen für zwei verdiente Damen der Schauspielkunst in Berlin erleben, eine im Osten, gefeiert von den eher jungen Theaterleuten und eine im Westen, benutzt für den Versuch einer Reconquista der alten Garde, allen voran Botho Strauß, flankiert von einer Rede eines bekannten Theaterkritikers zu einer merkwürdigen Fahrt in die brandenburgische Provinz.

Das muss man alles erst mal verarbeiten, bevor man wieder zum zur Zeit eher trüben Berliner Theateralltag übergeht. Aber nach dem Theatertreffen ist vor dem Theatertreffen und vielleicht erkennen dann doch noch bis dahin einige, die Liebe im Theater und den Einzelnen im Ensemble vieler, die diese Theaterliebe teilen und täglich leben. Also dann, in diesem Sinne, bis zum nächsten Mal.

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