Runde Dramaturgien, Gedanken zum Beginn der Fußball-WM

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Plötzlich sind die Theater leerer. Ist das Stück schlecht oder das Wetter zu gut? Nein, es liegt an der wohl schönsten Nebensache der Welt, dem Fußball. Ganz unverhofft für den normalen Theatergänger, hat die Fußball-WM begonnen und der Gastgeber Südafrika, was gibt es Schöneres, hat auch das erste Tor geschossen, bereits einen Punkt auf dem Konto und ich habe mal wieder falsch gelegen.

Ja, der Fußball, nicht erst seit Nick Hornby oder Thomas Brussigs „Leben bis Männer“, hat er Einzug ins Theater gehalten. „Eigentlich ist Fußball ja wegen der Evolution. Das hätten Sie jetzt nicht gedacht, ist aber ne Tatsache. Evolution ist ein Begriff, denk ich mal, also Steinzeit, Neandertaler, Schimpanse, Sie wissen Bescheid. Wir haben ja vor Jahrmillionen auf den Bäumen gehockt, in Asamoahs Heimat, haben die Früchte abgefressen, und als der Baum leergefressen war, mussten wir zum nächsten…“ Es werden ganze Fußball-Revuen im Ruhrpott zelebriert und „Ein Herz ist kein Fußball“ weiß das Ramba-Zamba-Theater in Berlin. Der Fußball und das Theater pflegen auch viele gemeinsame Vokabeln, da ist von Dramaturgie die Rede, Szenarien und Spielwitz. Es gibt Schauspieler, die garantiert ausgepfiffen werden und begnadete Spielregisseure. Das Ganze findet in einer Art Arena, vor vielen Menschen statt, die auch schon bei den alten Griechen den Namen Stadion hatte.

Die Fußball-WM ist ein Schauspiel, das viele in ihren Bann zieht, auch jene, die sonst eher der Hochkultur huldigen und zum Italiener um die Ecke eher wegen der guten Pasta und des Weines gehen, als sich dort in ein Gespräch über Taktik und Testosteron verwickeln zu lassen. Nun sind aber auch sie mittendrin und werden von der südlichen Mentalität der Pedros, Kostas und Luigis angesteckt, ebenfalls mitfiebern. Spätestens wenn die deutsche Mannschaft im Viertelfinale stehen sollte, rennen sie Fähnchen schwingend beizeiten zu ihren Stammlokalen, um die besten Plätze vor den Leinwänden zu ergattern.

Das alles macht nun wieder den Theatern Probleme, die ihren Spielplan nicht dem der WM angepasst haben und am Publikumsschwund leiden. Da hat das Renaissance-Theater in Berlin vorgesorgt und die Vorstellung von „Was ihr wollt“ am Sonntag auf fußballfreundliche 18:00 Uhr gelegt. Aber auch so mancher unverdrossene Theaterbesucher wird sich wundern, das der Hamlet oder die Medea plötzlich kürzer ausfallen als angegeben, sind doch die Schauspieler, Bühnenarbeiter und der Abenddienst genauso dem Fußball-Wahnsinn anheim gefallen und sitzen lieber wie z.B. Khuon, Kimmig und Co. in der Bar des DT vor der Fußballübertragung.

Aber auch das vermeintlich schwache Geschlecht verfällt nun leichter den Fußballerbeinen der Schweini, Poldi, Messi, Grafite und Ronaldo und kann durchaus nicht nur nervende Fragen stellen sondern auch mit der Erklärung der Abseitsregel punkten. Für alle Fußballmuffel bleibt da nur noch der sichere Platz daheim oder der leer gebliebe im Theater, wo immer noch einige Unverdrossene der anderen schönsten Nebensache frönen.

Der Ball ist rund, das Runde muss ins Eckige, ein Spiel dauert 90 Minuten, nach dem Spiel ist vor dem Spiel, habe ich noch einen Allgemeinplatz nicht betreten? Natürlich, der Beste soll gewinnen. Na, da schau’n mer mal. Vor allem aber ist wie im Theater der Spaß am Spiel wichtig und dabei immer den Ball schön flach halten. In diesem Sinne, Jabulani! Last uns feiern.

PS: Was ich noch fast vergessen habe, da einer der Vorrundengegner der deutschen Mannschaft Serbien ist, möchte ich noch dem ehemaligen Oberindianer der DEFA zu seinem 70sten gratulieren. Herzlichen Glückwunsch Gojko Mitic.

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