Bei den Salzburger Festspielen ist dieses Jahr die Antike in. Sophokles` Ödipus hat es den heutigen Dramatikern und Regisseuren angetan. Jon Fosse bringt die ganze Trilogie in eigener Textfassung und Peter Stein übersetzt den Ödipus auf Kolonos neu. Angela Richter scheitert mit ihrer Regie von Fosses neuem Text wie man hört und auch noch in Berlin sehen wird und Peter Stein bringt seine eigene textgetreue Version des alten Sophokles selbst auf die Bühne. Das Ergebnis ist nun am Berliner Ensemble zu sehen.
Theaterdonner wurde angesagt. Darauf muss man aber lange warten, erst mal beginnt alles recht betulich. Die Grillen zirpen, die Vögel zwitschern, der Hain der Erinnyen als griechisches Idyll. Wenn Klaus Maria Brandauer als alter blinder Ödipus endlich seinen Stuhl gefunden hat, spult er seine ganze Bandbreite an Jammer und Fluch ab. Er greint und überschlägt die Stimme, fährt hoch und brüllt all seinen Hass auf das böse Schicksal und jene die ihm nicht zur Seite standen heraus, das einem Angst und Bange wird. Der Chor der alten Männer, genauso jammervolle Typen, stimmt mit ein und es entsteht ein wundersamer Wettstreit, wer wohl am besten klagen kann. Oimoi, Oimoi, der Sieger ist zwangsläufig Brandauer, er sitzt die Sache und das ganze Stück gekonnt aus. Dagegen ist schlecht anzukommen, alle anderen Mitstreiter sind nicht weiter erwähnenswert, Staffage und Kostümständer mit beschränktem Wirkungsradius, obwohl sie zumindest bis auf Jürgen Holtz als alter Kreon im Rollstuhl, des Laufens noch mächtig sind.
Peter Stein schwärmt im durchaus lesenswertem Programmbuch von seiner Sicht der Tragödie des Ödipus, die eigentlich keine mehr ist, da der tragische Held sich durch sein Ausharren im Unglück seine Läuterung erstritten hat und nun von den Göttern zur wohlverdienten Erhörung entrückt wird. Das nennt Stein dann das pathei mathein, das Leiden und Lernen. Man kennt den Spruch der aristotelischen Katharsis Tun, leiden, lernen und das ein Leben lang. Bertolt Brecht sind hier wahrscheinlich endgültig die Augen aufgegangen, lieber Hermann Beil, richtig erkannt.
Als Ödipus erfährt, das er als Glücksbringer demjenigen der ihn aufnimmt dienen wird, ist er sofort wieder oben auf. Das Jammern wird zum Fluch, der alte Tyrann erwacht zu neuem Leben, auch wenn er es bald im heiligen Hain aushauchen wird. Das einzige was Stein noch an Sophokles` Ödipus interessiert, ist den Text so genau wie möglich wieder zu geben. Das wirkt abgestanden und statisch, ohne Leben, eine tote Sprache halt. Peter Stein schafft einen nutzlosen Solitär nach dem anderen und stellt sie sich ins Regal, das mit Spinnweben schon überwuchert ist, gleich einem Sammler altertümlicher Schätze zum Anschauen gemacht, berühren verboten. Wer da noch mitfühlen will, ist im BE bestens aufgehoben, im einzigen noch produzierenden Theatermuseum der Republik.
Schließlich nach über zwei Stunden deuten Blitz und Donner das nahe Ende an, es dauert dann aber noch eine weitere halbe Stunde gefüllt mit Jammer, bis Martin Seifert als Bote die ersten wahrhaftigen Verse dieses Abends spricht. Da ist aber Ödipus längst ins Reich der Toten entschwunden und Klaus Maria Brandauer tritt aus dem Ölhain wieder hervor, um sich seinen wohlverdienten Applaus abzuholen.
Letztendlich bleibt von diesem Abend, zwei große Egos in einer Figur vereint, Brandauer spielt das Alter-Ego von Peter Stein, der alles verfluchende Genius verklärt sich selbst zum Heros. Es blitzt und donnert, aber es schlägt nichts ein. Diese originalgetreue Version des Peter Stein wird sicher bald im Orcus des Vergessens entschwinden wie alle anderen Regieuntaten im „Unterhemd“ vor ihm.
Großer Name! – Millionen Herzen
Lockt ins Elend der Sirenenton,
Tausend Schwächen wimmern, tausend Schmerzen
Um der Ehrsucht eitlen Flitterthron.
Friedrich Hölderlin, aus Die Ehrsucht, 1784
Hier geht es zur Diskussion auf Nachtkritik .
Auszüge:
7. Steins Ödipus in Berlin: Blitz ohne Einschlag
Letztendlich bleibt von diesem Abend, zwei große Egos in einer Figur vereint, Brandauer spielt das Alter-Ego von Peter Stein, das alles verfluchende Genie verklärt sich selbst zum Heros. Es blitzt und donnert, aber es schlägt nichts ein.
Stefan – 25. August 2010
8. Steins Ödipus in Berlin: Vermutung
Ich vermute, STEFAN hat die Aufführung nicht gesehen und erliegt einem Gerücht, denn wenn er nicht blind wie Ödipus wäre, müßte er mehr gesehen haben.
Hermann Beil – 26. August 2010
11. Ödipus auf Kolonos: Herrmann Beil an Stefan
Sehr gehrter Herr STEFAN, für Ihre so ausführlichen Anmerkungen danke ich Ihnen!Ihre Klassifizierung des BE als einziges Theatermuseum der Republik amüsiert mich. Und da sage einer, in ein solches Museum ginge keiner. Spontan fiel mir beim Studieren Ihrer Meinung ein Satz von Arthur Schnitzler ein: „Des Kritikers erste Frage müßte sein: Was hast du mir zu sagen, Werk – ? Aber seine erste Regung ist vielmehr: Nun, Werk, gib acht, was ich dir zu sagen habe!“ Gruß, H.B. – 28. August 2010
Sehr geehrter Hermann Beil,
vielen Dank für Ihre Zeilen, aber anstatt Schnitzler zu zitieren, sollten Sie ihn lieber zusammen mit Claus Peymann inszenieren, er ist nämlich durchaus nicht museal. Ich denke da zum Beispiel an die Liebelei-Inszenierung von Michael Thalheimer. Aber das ist ja für Sie wahrscheinlich böses Regie-Theater. Mein Vergleich mit einem Museum zielt ja dahin, dass das Theater im BE statisch geworden ist und nichts mehr hinterfragt. Es ist nicht greifbar, wir sollen vor diesem Regiestil der alten Männer vor Erfurcht erstarren. Das ist schon ein Stück weit Ideologie und erinnert mich verdammt an ganz andere Zeiten. Was soll mir denn das Werk von Sophokles noch erzählen, was nicht schon in allen Schulbüchern steht? Wo ist der Bezug zur Gegenwart, was soll diese alte Katharsis und Mimese, wovon erzählt Peter Stein, außer von sich selbst?
In dieser Spielzeit setzt Claus Peymann ja wieder auf Gegenwartsdramatik, noch einen Goldoni hätte ihm auch keiner mehr abgenommen. Schön das Sie auch Bernhard mal wieder aufführen wollen und Katharina Thalbach Brecht inszeniert Aber wie schon von anderen hier angemerkt, wo ist der Nachwuchs im BE? Sie lassen den Nachwuchs ja gar nicht zu. Einmal im Jahr darf bei Ihnen eine ausgewählte junge Regie-Frau mal einen Klassiker auf die Bühne stemmen. Ich hoffe das es Mona Kraushaar mit Shakespeare besser ergeht als Simone Blattner mit Kleist.
Übrigens gehe auch ich gerne ins Museum, ins richtige Theatermuseum nämlich. In München habe ich eine sehr bemerkenswerte Ausstellung über Regie-Frauen gesehen. Angefangen von Ruth Drexel, Ruth Berghaus über Andrea Breth, Katharina Thalbach, oder Karin Baier, Barbara Frey bis zu Friederike Heller, Jette Steckel u.v.a. werden vier Generationen dargestellt, mit ihren verschiedenen Sichtweisen und Erfahrungen nicht nur zur Emanzipation sondern auch zu den unterschiedlichen Stilen. Und ich möchte zum Schluss keinen alten Klassiker zitieren, sondern eine der jungen Regie-Frauen. Jette Steckel erzählt am Ende der Ausstellung vom Theater, als Raum … in dem man Fragen stellen darf, auf die es keine Antworten gibt. Aber man kann dort auch experimentieren und Utopien zum Leben entwerfen. Und da sind wir auch wieder bei Brecht und dem BE. Noch Fragen offen, Herr Beil? In diesem Sinne, Ihr Stefan. – 29. August 2010
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