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  • She She Pop öffnen im Hau 2 Ost-West-Schubladen – Die Kurzkritik

    Am Internationalen Frauentag luden gestern She She Pop zu ihrer neuen Performance „Schubladen“ ins HAU 2. Drei der in West-Deutschland aufgewachsenen Performerinnen räumten gemeinsam mit drei Gast-Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden (u.a. die Schriftstellerin Annett Gröschner), genüsslich ihre Schubladen aus. Ost-West-Klischees, schwierige Definitionsfragen, Feminismus in Ost und West, viel Musik und der Weltfrieden auf dem Prüfstand. Eine perspektivische Ost-West-Erinnerung mit einem lachenden und weinenden Auge. Aber zum Schluss wurde der theorielastige Ballast vom Tisch gefegt und begannen die Frauen wie Kati Witt zu schweben. Unbedingt hingehen und staunen!

    Schubladen im HAU 2 noch bis zum 11.03.12 jeweils 20.00 Uhr (Dauer ca. 2h)

    ausführliche Besprechung folgt.

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  • F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne (Teil 1) – In „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg bringt ein junger religiöser Fanatiker unser vermeintlich festes Toleranzverständnis ins Wanken

    „Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, daß Gott handeln würde, wenn Er ausreichend informiert wäre.“ Finley Peter Dunne, Humorist (1867 – 1936)

    find-2012.JPG Foto: St. B.

    Im Gegensatz zum Festival Internationale Neue Dramatik 2011 fällt die Anzahl der Neuproduktionen in diesem Jahr aus Mangel an entsprechender Finanzierung etwas schmaler aus. In dieser Woche sind daher vorwiegend Wiederholungen von Inszenierungen aus dem letzten Jahr zu sehen. Als einzige größere Uraufführung der Schaubühne ging schon letzte Woche das neue Stück „Märtyrer“ von Hausdramatiker Marius von Mayenburg ins Rennen, bei dem der Autor wie schon bei „Perplex“ (2010) auch selbst Regie führte. Mit „Märtyrer“ hat sich der Autor Mayenburg nach langer Zeit wieder einem Jugendstück gewidmet. In „Feuergesicht“ aus dem Jahre (1998) ging es um einen Jungen, der auf der Suche nach seiner Identität, in totaler Abgrenzung zu seiner Umwelt und den hilflosen Eltern, zu drastischen Mitteln greift und sich schließlich selbst anzündet. Die Hauptrollen in dem 2000 von Thomas Ostermeier an der Schaubühne inszenierten Stück spielten damals Robert Beyer und Judith Engel. Zwölf Jahre später stehen sie nun auf der Seite der Erwachsenengeneration und spielen einen saturierten, opportunistischen Schuldirektor und eine zwar übermäßig tolerante aber völlig überforderte Mutter eines Schülers, der aus heiteren Himmel religiöse Gefühle entwickelt und diese bis zum Wahn treibt, indem er sich erst als Eiferer geriert und dann schließlich sogar prophetische Ambitionen an den Tag legt.

    Benjamin Südel (Bernardo Arias Porras), ein erst völlig normal Pubertierender, steigert sich durch die übergenaue Lektüre der Bibel und deren wortwörtliche Auslegung in eine Art fanatische Religiosität hinein und lehnt alles in seinen Augen Unmoralische strikt ab. Der Einzelgänger aus Passion, isoliert sich damit um so mehr und kann nur einen körperlich behinderten Mitschüler als Anhänger und Jünger rekrutieren, der eigentlich nur verklemmt homosexuelle Gefühle für seinen „Guru“ empfindet. Bei einem vergeblichen Heilungsversuch des zu kurzen Beins von „Jünger“ Georg (Moritz Gottwald) kippt die Story sogar etwas ins Komische ab. Seine Umgebung nervt der selbsternannte christliche Retter mit exakten Bibelzitaten und explizit frauenfeindlichen, homophoben und antisemitischen Äußerungen. Wie er dazu gekommen ist und was ihn tatsächlich treibt, lässt Mayenburg im Unklaren. Im Programmbuch werden dafür die genauen Psychogramme von aller Arten Fanatikern erklärt und deren Verhaltensmuster analysiert. Nun will uns Mayenburg sicher nicht mit psychopathologischen Befunden langweilen, die Intention des Autors zielt tiefer, es ist die Reaktion der Umgebung auf diesen „Fall Benjamin“ die ihn interessiert.

    Und da ist zunächst der Sport- und Geschichtslehrer Dörflinger (Sebastian Schwarz), der das alles als jugendlichen Protest und reine Provokation abtut, was sich mit der Zeit schon geben wird, wie er sich selbst ja auch angepasst hat. Er reagiert nicht weiter auf Benjamin, knickt aber gegenüber den Anweisungen des Direktors ein, der Ruhe an seiner Schule für das einzig erstrebenswerte Ziel hält und die Schuld für das Verhalten von Benjamin eher bei seinen Lehrern sucht, als sich ernsthaft für den wahren Grund dahinter zu interessieren. Die Mutter kann mit der plötzlichen Vergeistigung ihres Sohnes ebenso wenig umgehen, wie sie in der Lage ist einzuschätzen, wo die Ursachen dafür zu suchen wären. Sie übergibt die ganze Verantwortung den studierten Pädagogen. Einzig Religionslehrer Pfarrer Menrath (Urs Jucker) sieht in Benjamin ein großes Potential und will ihn für die Kirche gewinnen, prallt aber an dessen fundamentalistischen Glaubensauslegungen ab. Er vermag den jungen Eiferer nicht mehr zu formen und sieht sein Heil nur noch im Gebet, wozu er auch Benjamins Mutter rät.

    An all diesen Einstellungen gleitet die Biologie- und Vertrauenslehrerin Roth (Eva Meckbach) mit ihrer Null-Toleranz-Offensive ab. Wo sich alle nach und nach hinter wohlfeilen Toleranzfloskeln verstecken, geht Frau Roth zum Gegenangriff über, in dem sie Benjamin mit seinen eigenen Mitteln schlagen will. Sie beginnt die Bibel zu lesen, um darin nach Gegenargumenten zu suchen. Letztlich versteigt sie sich dabei aber in eine Art Vernunftwahn und treibt den selbsternannten Propheten dermaßen in die Enge, dass dieser zur radikalen Mitteln greifen will, um seinen erkannten Feind aus dem Weg zu räumen. Alle Erwachsenen scheitern hier in Mayenburgs Versuchsanordnung über Toleranzverhalten und fanatische Denkmuster. Schließlich verliert die Verfechterin des unbedingten wissenschaftlichen Fortschritts nach sexuellen Anschuldigungen Benjamins völlig die Contenance und nagelt sich zum Zeichen ihrer unverrückbaren Ansichten an den Bühnenboden. Wer hier der wahre Märtyrer ist, wird so noch mal ironisch hinterfragt. Man kann Mayenburg eigentlich nur dazu gratulieren, sich in seinem Stück einem christlichen Fanatiker gewidmet zu haben und nicht einem islamistischen. Das so etwas auch in unserem Kulturkreis nichts Ungewöhnliches ist, weiß man spätestens seit Anders Behring Breivik.

    Auch in Yael Ronens Stück „The Day before the last Day“ wurde schon religiöser Fanatismus auf ironische Weise auf die Schippe genommen. Er ist vor allem auch Ausdruck von latent vorhandenem Fremdenhass und stetigen Ressentiments gegenüber Andersdenkenden. Insgesamt ist Mayenburgs Regie passabel. Er bricht seine harte Story immer wieder mit passenden Musikeinlagen, lässt Choräle singen oder alle mit Affenmasken Darwins Evolutionstheorie austesten. Nur kann sich Mayenburg nicht so recht entscheiden, ob er sein Stück als ernsthaftes Drama oder als Farce verstanden sehen will. Die Figuren sind insgesamt etwas zu flach angelegt, bieten aber eigentlich jede Menge komödiantisches Potential, das aber keiner wirklich auszuschöpfen vermag. So liegt die Last auf den Schultern von Bernardo Arias Porras als jungem Fanatiker Benjamin Südel, der in dieser Rolle über sich hinauswächst. Für Jugendliche ist das Stück durchaus zu empfehlen, da es nicht vordergründig moralisiert und offen bleibt für eigene Gedanken. Am Fehlen von klaren Bezügen zu vermeintlichen Ursachen oder zur Sehnsucht nach Transzendenz in unserer säkularen Gesellschaft sollte sich aber das erwachsene Berliner Bildungsbürgertum nicht stören. Letztendlich ist das Suchen nach persönlicher Spiritualität in einer aufgeklärten Welt auch ein Ausdruck von selbst errungener religiöser Freiheit, bedeutet aber auch die Möglichkeit der Befreiung von der Religion.

    „Mit Fanatikern zu diskutieren, heißt mit einer gegnerischen Mannschaft Tauziehen spielen, die ihr Seilende um einen dicken Baum geschlungen hat.“ Hans Kasper (1919-1990), Hörspielautor, Lyriker u. Satiriker

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  • VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger – Thomas Brasch am BE, Einar Schleef am Gorki und Heiner Müller am DT (Teil1)

    „Erst wenn eine Gesellschaft so regressiv ist, daß sie den Menschen das Wünschen abtrainiert, ist das Ziel der Mächtigen erreicht.“ Thomas Brasch

    Wenn im folgendem hier gleich zweier liebgewonnener deutscher Theaterberserker gedacht werden soll, denen die Berliner Theater in dieser Spielzeit ganze Wochenenden eingerichtet haben, darf man natürlich einen nicht vergessen. Thomas Langhoff, der Ex-Intendant des Deutschen Theaters, der, seit er dort nicht mehr inszenieren konnte, am Münchner Residenztheater bei Dieter Dorn und am Berliner Ensemble bei Claus Peymann eine neue Bühnenheimat fand, ist 73jährig am 18. Februar gestorben. Auf der Bühne des BE wurde gerade seine letzte Inszenierung gespielt, Tschechows „Kirschgarten“. In diese Arbeit hatte er noch einmal all seine verbliebene Kraft und Erfahrung gesteckt. Ein merkwürdig ruhiger und melancholischer Abgesang an vergangene Zeiten, der dennoch nicht gestrig wirkte. Sein stilles Vermächtnis nach immerhin knapp 50 Jahren als Theaterregisseur.

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    Thomas Langhoff (08.04.1938 – 18.02.2012)

    Begonnen hatte der Sohn von Theaterlegende Wolfgang Langhoff in den 60er Jahren als Schauspieler in Potsdam und kam übers Fernsehen schließlich als Regisseur zum Theater nach Berlin. Seine Inszenierung der „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow brachte er 1979 gleich am Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Frankfurt a.M. heraus. Theatergeschichte schrieb Thomas Langhoff dann 1988 mit der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun am Maxim-Gorki-Theater. Seit den 80er Jahren inszenierte er auch häufig im Westen. Mit Ibsen, Hauptmann, Brecht und Tschechow stellte Langhoff immer wieder die Probleme der bürgerliche Gesellschaft hüben wie drüben auf die Bühne. Und so pendelte er seit Jahren zwischen Ost und West, als wäre da nie etwas Trennendes gewesen. Mehrere Einladungen zum Berliner Theatertreffen waren die Folge.

    Seit 2010 hat er es gewusst, dass es ihm wie dem Jürgen Gosch ging. Zwei Inszenierungen, „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams und besagter „Kirschgarten“ von Anton Tschechow, entstanden dann noch unter seiner Regie am BE. Dafür holte er auch ehemalige DT-Stars wie Dagmar Manzel und Robert Gallinowski ans Berliner Ensemble. Eine mit Sicherheit bemerkenswertere Inszenierung ist Thomas Langhoff aber Anfang 2010 mit Gorkis „Nachtasyl“ gelungen, in der auch seine langjährigen Weggefährten Alexander Lang und Christian Grashof mitwirkten. „In das, was man liebt, legt man seine Seele …“ sagt dort Christian Grashof als Luka, das gilt insbesondere auch für Thomas Langhoff. Es hätte ihn sicher gefreut, noch erleben zu können, dass sein Sohn Lukas Langhoff, der die Familientradition als Regisseur weiterführt, mit Ibsens „Ein Volksfeind“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen ist.

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    „Vor den Vätern sterben die Söhne“ / „Mercedes“ – Manfred Karge und Philipp Tiedemann erinnert am Berliner Ensemble an Thomas Brasch

    Maxim Gorki wird im März auch wieder auf dem Spielplan des Berliner Ensembles stehen. Manfred Karge wird das Drama „Wassa Shelesnowa“ inszenieren. Im letzen November zu Beginn der Spielzeit widmete er sich aber dem 2001 verstorbenen und dem BE sehr verbundenen Theaterautor, Lyriker und Filmregisseur Thomas Brasch. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ heißt ein 1977 erschienener und recht erfolgreicher Prosaband mit einer ungewohnt direkten, revoltierenden Attitüde. Eine Bestandsaufnahme der Sicht junger DDR-Bürger auf das Land ihrer Väter, in dem es für sie keine Ziele und Freiheiten mehr gab. Manfred Karge hatte bereits in den 80er Jahren in Bochum Stücke von Thomas Brasch inszeniert, ist also prädestiniert in einer Hommage an den früh verstorbenen Autor zu erinnern. Er tut dies ganz als der wissende Onkel, am Lesetisch sitzen, mit dem Bild Braschs vor sich.

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    Thomas Brasch, 1993 – Foto: Marion Brasch (wikimedia commons)

    Zur Unterstützung hat sich Karge die jungen Schauspielstudenten Johanna Griebel, Patrick Bartsch und Andy Klinger geholt. Zu Beginn verliest er andächtig den Brief des linientreuen Vaters an den Sohn in der Kadettenschule. Thomas, der den Wunsch geäußert hatte Schriftsteller zu werden, bekommt vom Vater den guten Rat sich das nötige Rüstzeug beim Lernen im sozialistischen Kollektiv der Kadettenschule zu holen und erst mal die Laufbahn des Offiziers einzuschlagen und legt ihm auch noch die Lektüre von Scholochow ans Herz. Das wird es wohl nicht gewesen sein, was Thomas Brasch damals hören wollte, seine Entwicklung ging bekanntlich auch in eine andere Richtung.

    Die von den Studenten stehend, wie vor einer Art Anklagetribunal an ein Geländer gelehnt, wechselnd oder im Chor vorgetragenen Texte, haben mit dem titelgebenden Prosawerk nicht viel zu tun. Es ist im Großen und Ganzen eine Zusammenstellung aus dem Versstück „Papiertiger“ von 1977, dem „Mörder Ratzek“ aus dem Gedichtband „Der schöne 27. September“, der Satire „Kasimir und Margarete“ aus der sozialistischen Produktion und als Rahmen den Bauerkriegstext „Hahnenkopf 1525″, den Karge mit sämtlichen Punkten und Kommata vorträgt. Zum Schluss gibt es noch Auszüge aus dem Künstlerdrama „Lieber Georg“ über den tragischen Tod des jungen expressionistischen Dichters Georg Heym und das Gedicht „Kassandra“, erstmals 1977 erschienen in „Kargo“. Eine Klage in 8 Strophen über die Unmöglichkeit eines selbstbestimmtes Lebens und die Flucht in den Traum, Tod oder wie Brasch selbst in den Westen. Kassandra in der Resignation, als Wodkatrinkende Seherin, die schließlich das Eintreffen der Prophezeiung nicht mehr erwarten kann und der U-Bahn in der Schönhauser Allee entgegenschwankt.

    Die jungen Schauspieler tragen das mit einigem Furor und mit der Attitüde der jugendlichen Empörung vor, die Brasch zu seiner Zeit sicher anhaftete. Für die passende Bebilderung laufen Videofilme im Hintergrund. Karge bricht mit seinem Erinnerungsabend nicht im dünnen Eis vergangener Tage ein, aber er kommt auch nicht über den Stand einer szenischen Lesung hinaus. Thomas Brasch konnte nicht raus aus seiner Haut. Eine neue hat er nie bekommen. Hier wird sie leider auch nur mit Sprechblasen gefüllt. „Wer sind wir eigentlich noch. / Wollen wir gehen. Was wollen wir finden. / Welchen Namen hat dieses Loch, / in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.“ Die Frage bleibt offen. Wer Thomas Brasch nicht kennt, wird ihm hier nicht näher kommen. Karge legt den Fokus auf das Scheitern eines unverstandenen Künstler, der sich vergeblich an einem ihm feindlich gesinnten System abarbeitet. Darstellerisch kann der Abend da nicht überzeugen. Aber es lohnt sich trotzdem, einfach nur zuzuhören und die Texte auf sich wirken zu lassen.

    Einen vermeintlichen Clou hält Philipp Tiedemann mit seiner Inszenierung des 1983 uraufgeführten Stücks „Mercedes“ bereit. Er besetzt die beiden Hauptrollen mit Swetlana Schönfeld und Dieter Montag deutlich älter als im Original. Nun ist das Stück ja mittlerweile auch in die Jahre gekommen und der Autor wäre ungefähr im Alter der Schauspieler. Es hätte auch einen gewissen Reiz, wenn Tiedemann damit ein plausibles Ziel verfolgen würde. Er (Sakko) arbeitsloser Überführer von Mercedes-Luxuskarossen trifft Sie (Oi), die sich als Gelegenheitsprostituierte und -diebin durchschlägt. Machoimponiergehabe gegen ungezwungene Lebenslust, Brasch lässt die beiden in einer Art Straßenjargon, heute würde man sagen Jugendsprech aufeinanderprallen und aneinander vorbei parlieren. Ihre Träume werden durch die Realität ausgebremst, das endet mit dem Griff zum Hammer. Bei Tiedemann wirken die beiden wie lebende Anachronismen, übriggebliebene Dinos in einer Welt, in der sie nicht mehr gebraucht werden. Vermutlich eine Konzession ans ebenfalls in die Jahre gekommene BE-Publikum.

    Schönfeld und Montag berlinern sich lustig durch den Text, der vorzugsweise mehrfach wiederholt wird, und hetzen dabei durch eine Art Guckkastenbühne, die sich wie ein Fokus rahmenartig nach hinten verengt. Das kommt Tiedemanns Hang zum Kasperletheater sehr entgegen. Bei Suhrkamp heißt es über „Mercedes“, das Stück oszilliere zwischen Irrsinn und Groteske, Traum und Trauma, Poesie und Klamauk. Bei Tiedemann sind Traum, Trauma und jegliche Poesie gestrichen, wie auch die philosophierenden Zwischenmonologe der beiden Protagonisten. Tiedemann ebnet mit seiner gefälligen Inszenierung den Irrsinn ein und umschifft alle Abgründe direkt in den Klamauk. Man muss konstatieren, dass die Wiederbelebung des Autors Brasch für die Bühne hier misslungen ist. Der Patient bleibt komatös und dämmert weiter, eingeliefert ins Theatermuseum BE.

    23.30 MEZ

    Das kalte Licht verschwimmt
    zur Mauer übern Fluß.
    Die Hure flucht und krümmt
    sich unterm Kuß.

    Danton

    Der Held auf der Bettkante. Was
    er seinen Feinden entriß, haben seine Freunde
    schon unterm Nagel: ihn.

    So ist es, bleibt auch so. Bis
    sie mich holen und reißen mir den Kopf vom Hals,
    Für weniger als nichts: Für ihre neue Welt.

    Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

    Literaturempfehlungen:

    • Vor den Vätern sterben die Söhne, Bibliothek Suhrkamp 1355
    • Lovely Rita, Lieber Georg, Mercedes (Stücke), Taschenbuch Henschelverlag (1988), nur gebraucht erhältlich
    • Theater heute: 8 Stücke inkl. Braschs „Mercedes“, Suhrkamp Taschenbuch (1985) nur gebraucht erhältlich
    • Liebe Macht Tod, nach Romeo und Julia, Stücke und Materialien, Edition Suhrkamp 3415
    • Frauen. Krieg. Lustspiel, Edition Suhrkamp 1469
    • Lovely Rita, Rotter, Lieber Georg, Drei Stücke, Edition Suhrkamp 1562
    • Kargo, 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen. Gedichte, Kurzstücke und Prosa, Suhrkamp (1977), nur gebraucht erhältlich
    • Der schöne 27. September, Gedichte, Bibliothek Suhrkamp 1373
    • Mädchenmörder Brunke, Suhrkamp Taschenbuch 3195
    • Reihe Spectaculum: Nr. 26 mit dem Stück „Papiertiger“, Suhrkamp (1977); Nr. 28 mit dem Stück „Lovely Rita“, Suhrkamp (1978); Nr. 37 mit dem Stück „Rotter“, Suhrkamp (1983); Nr. 50 mit dem Stück „Frauen. Krieg. Lustspiel“, Suhrkamp (1990)
    • Thomas Brasch, »Ich merke mich nur im Chaos«, Interviews 1976–2001, Suhrkamp (2009)
    • Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie, S. Fischer (2012)
    • Filme: Engel aus Eisen, Domino, Mercedes, Der Passagier, DVD-Box (2010)

    Asche und Diamanten

    Geh nicht weg, sagt sie.
    Der blaue Himmel im Kino und die Welt die nicht mehr ist, wie sie nie war.

    Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

    Teil 2: Einar Schleef

    Teil 3: Heiner Müller

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  • Walk on the Wild Side – Lou Reed, der Meister der Ein-Ton-Musik wird 70.

    „As a statement it’s great, as a giant FUCK YOU it shows integrity.”

    So der britische Musikjournalist Lester Bangs zur wohl denkwürdigsten Rock-LP aller Zeiten, die Lou Reed 1975 angeblich nur aufgenommen hatte, um aus seinem Vertrag mit der Plattenfirma RCA wieder herauszukommen. Das zumindest ist ihm geglückt, ansonsten gaben über 10.000 enttäuschte Fans die unhörbare „Metal Machine Music“ wieder zurück. Erst im Jahre 2002 kam es zu einer Wiederaufnahme der Scheibe mit dem Ensemble Zeitkratzer. Das Werk wurde live im Rahmen der Märzmusik im Haus der Berliner Festspiele eingespielt. Aber selbst mit orchestraler Begleitung und ausgeteiltem Gehörschutz gruben sich die Feedbackschleifen von Lou Reeds Gitarre tief in die Magengruben der Zuhörer und drückten sie in die flauschigen Polster des Festspielhauses an der Schaperstraße. Für eingefleischte Fans ist die Live-DVD/CD seit 2007 im Handel erhältlich.

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    Lou Reed, Schinitzer Concert Hall Portland, OR. (2004) – Foto: Danny Norton (flickr.com)

    Von Konzeptalben dieser Art ließ Lou Reed in seinem weiteren Schaffen dann eher die Finger. Anderen Bands hat das die sogenannte Metal-Machine-Music-Klausel eingebracht und R.E.M. haben sich deshalb wohl sogar im letzten Jahr aufgelöst, um nach 20 Jahren bei Warner nicht die x-te Version von „Losing My Religion“ einspielen zu müssen. Harte Zeiten für Rockmusiker.

    Das alles hat Lou Reed nie viel geschert. Von seinen Anfängen in New York als Komponist von banaler Unterhaltungsmusik, der Gründung und alsbaldigen Wiederversenkung der legendären Velvet Underground mit seinem Lieblings-Hass-Kumpel John Cale in den 60ern, über seine androgyne Glamrock-Phase bei David Bowie in London, den eher ruhigen und ereignisärmeren 80er und 90er Jahren, in denen er den Drogen abschwor, bis zu seinen Ausflügen mit Robert Wilson in die Theatergefilde oder seiner jüngsten Lulu-Version mit der Band Metallica, die er bereits als Begleitmusik für die BE-Fassung von Wilson eingespielt hatte, Lou Reed läßt sich einfach nicht in eine Schublade pressen. Man kann über ihn sagen was man will, langweilig wird es ihm mit seinen 70 Jahren bestimmt nicht werden. Lester Bangs hat er jedenfalls schon mal überlebt und die Gefahr, dass er auf Endlos-Tourneen seine alten Hits abfeiert, besteht mit Sicherheit auch nicht. Herzlichen Glückwunsch.


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  • Das Blog im Urlaub

    Três vivas para os Açores!

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    Lagoa Azul bei Sete Cidades auf São Miguel (Azoren)

    dsc06480.JPG Fotos: St. B.

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    Demnächst in diesem Theater:

    • Totgesagte leben länger: Einar Schleef, Thomas Brasch und Heiner Müller
    • Das F.I.N.D. in der Schaubühne Berlin
    • u.v.m.

  • Starke Schauspielerinnen in den Filmen der Berlinale 2012 – Eine kleine Auswahl

    „Barbara“ von Christian Petzold mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld (Deutschland 2012, 105 min.) im Wettbewerb

    Der Regisseur Christian Petzold ist seit 2003, als sein Film „Wolfsburg“ im Panorama lief, ein regelmäßiger Gast auf der Berlinale. Im letzten Jahr war er neben Christoph Hochhäusler und Dominik Graf mit dem „Dreileben”-Projekt im Forum vertreten. Sehnlichst erwartet wurde nun, nach „Gespenster“ 2005, „Yella“ 2007 und einem kurzen Ausflug mit „Jerichow“ 2008 nach Venedig, Petzolds dritter Anlauf im Berlinale-Wettbewerb. Und wieder ist Nina Hoss seine Hauptdarstellerin. „Barbara “ist bereits die fünfte Zusammenarbeit Petzolds mit der bekannten Film- und Theaterschauspielerin. Kein mystisch aufgeladenes Gegenwartsstück ist es diesmal geworden, Petzolds neuer Film führt ins Jahr 1980 zurück, in die Zeit vor der Wende, angesiedelt in der tiefsten DDR-Provinz. Es ist der Sommer der Olympischen Spiele in Moskau.

    dsc06195.JPG Foto: St. B.
    Wo sonst Busse die Vergnügungssüchtigen abladen, drängen sich nun die Cineasten. Der Friedrichstadtpalast zur Berlinale.

    Die junge Kinderchirurgin Barbara ist nach einem Ausreiseantrag in ein Kinderkrankenhaus auf dem Lande nahe der Ostsee versetzt worden. Sie steht hier unter Sonderbewachung der örtlichen Stasi, ein Wagen ist fast rund um die Uhr zur Beobachtung abgestellt. In diesem paranoiden Klima misstraut sie jedem und „separiert“ sich zunächst auch, wie der ebenfalls noch recht junge Chefarzt feststellt und ihr offen davon abrät. Der von Ronald Zehrfeld, bekannt aus Dominik Grafs ebenfalls bereits auf der Berlinale gezeigtem Russenmafia-Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“, gespielte Andre versucht sich der kühl abwehrenden Frau zu nähern. Offen erzählt er seine eigene Geschichte, er wurde wegen eines medizinischen Fehlers in einer Klinik nahe Berlins ebenfalls strafversetzt. Andre ist nicht nur wegen der fachlichen Kompetenz Barbaras beeindruckt und versucht ihr Vertrauen zu erlangen. Sie lässt ihn aber wegen der von ihr vermuteten Stasikontakte zunächst abblitzen.

    Barbara birgt ein Geheimnis, ihr Freund (Mark Waschke) aus dem Westen plant ihre Flucht über die Ostsee nach Dänemark. In Treffen mit ihm im Wald oder im Interhotel öffnet sich die bisher verschlossene Frau und zeigt erstmals ihre Gefühle. Wieder in der ihr zugewiesenen Wohnung wartet schon der Stasioffizier Schütz (Rainer Bock) auf sie. Fast regungslos lässt sie die entwürdigenden Durchsuchungen und Leibesvisitationen über sich ergehen. Barbara hat mit ihrem alten Leben abgeschlossen, sie scheint nur noch körperlich anwesend. Als emotionaler Katalysator wirkt dann die Einlieferung der aus dem Jugendwerkhof Torgau ausgerissenen Stella (Jasna Fritzi Bauer). Zu ihr entwickelt Barbara erstmals Zutrauen und fühlt sich verantwortlich. Leise Zweifel an dem neuen Leben mit ihrem Freund im Westen mischen sich mit dem Gefühl helfen zu müssen. Das ist ein Ansatzpunkt für Andre, über die Arbeit bekommt er erstmals einen Zugang zu Barbara. Als noch ein Junge mit inneren Kopfverletzungen nach einem Selbstmordversuch auf der Station liegt, drängt sie auf eine Operation, obwohl der Zeitpunkt der Flucht nahe ist.

    Barbara und Andre erkennen nach und nach, dass sie einiges verbindet. Nicht nur über die Arbeit auch über die Kunst zeigt sich eine Art von Geistesverwandtschaft. Er würde gerne nach Den Haag fahren, um sich Rembrandts Bild „Die Anatomie des Dr. Tulp“ anzusehen, sie spielt Klavier. Andre schickt ihr daraufhin einen Klavierstimmer. Anfangs abwährend lässt sie sich darauf ein. Ihr unwirtliches Zimmer, für das sie kein Interesse zeigt, wird so erst zu einem Zufluchtsort. Schlüsselszene für die erste Annäherung ist das gemeinsame Kochen in Andres Wohnung. Barbara stöbert in seinem Bücherschrank und bleibt bei Turgeniews „Aufzeichnungen eines Jägers“ hängen. Er erzählt ihr die Geschichte vom „Kreisarzt“, der einer jungen Patientin die noch nie richtig geliebt hat nicht helfen kann. Diese Geschichte wirkt fast wie ein Symbol für beider Wünsche. Aber auch wenn man Petzolds fast unmerklich ausgestreute Zeichen nicht erkennt, funktioniert dieser Film allein durch seine geschickt aufgebaute Spannung, die fesselt und einen fast vergessen lässt, wo man sich eigentlich befindet.

    Christian Petzold zeigt die DDR nicht als düsteren starren Funktionärsstaat, sondern stellt die Menschen jenseits des Systems in den Vordergrund. Selbst der Stasimann vermag Schmerz und Leid zu empfinden, Andre spritzt seiner krebskranken Frau einmal Morphium. Er lebt sein Berufsethos ohne große Pose, Karriere ist ihm nicht wichtig. Petzolds DDR-Provinz ist nicht nur besonders detailgetreu nachgestellt, gedreht wurde in Brandenburg-Kirchmöser, sie gleicht auch einer Tschechow´schen Gesellschaftsstudie. Ein Land im Erstarren, mit sehnsuchtsvollen Menschen, die nach einer glücklicheren Zukunft Ausschau halten. Für die einen ist es der Quellekatalog, für die anderen ist es eine Liebe, ein sinnerfülltes Leben, oder der reine Traum von Freiheit. Auch Barbara muss sich entscheiden. Nina Hoss prägt diesen Film von Christian Petzold rein durch ihre Präsens, kaum eine Szene kommt ohne sie aus. So kann man die innere Zerrissenheit der Figur genauestens beobachten. Das Ende – ein kleiner und ein großer Findling am Meer, Blicke, ein geheilter Patient und zwei die leben und arbeiten werden, um irgendwann ihr Recht auf Glück einzufordern.

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    „Captive“ von Brillante Mendoza mit Isabelle Huppert (Frankreich, Philippinen, Deutschland, Großbritannien 2011, 120 min.) im Wettbewerb

    Dass eine große Schauspielerein auch relativ verloren wirken kann, zeigt der erste Film von Brillante Mendoza im Berlinale-Wettbewerb. Der bereits in Cannes preisgekrönte Regisseur von den Philippinen hat für sein aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien koproduziertes Entführungsdrama „Captive“ nach wahren Begebenheiten den französischen Filmstar Isabelle Huppert, die bei der Spielzeit Europa 2011 in Berlin auch auf der Bühne zu sehen war, gewinnen können. Im Jahr 2001 entführten Rebellen der islamistischen Abu-Sayyaf-Bewegung eine Gruppe von Touristen und ausländischen Hilfskräften auf der philippinischen Insel Mindanao. Unter ihnen ist die französische Missionarin Thérèse Bourgoine, gespielt von Isabelle Huppert. Es beginnt eine über 377 Tage dauernde Odyssee der Geiseln und ihrer Entführer durch den Philippinischen Dschungel der Insel Basilan, Heimat und Rückzugsgebiet der muslimischen Minderheit auf Mindanao.

    Mendoza geht wie bereits in seinen Filmen Kinatay (2009) und Lola (2009) sehr realistisch und fast dokumentarisch vor. Wackelnde Handkamera und der Befehlston, in dem die Entführer ihre Regeln verkünden, beherrschen den Großteil des Films. Eine Entwicklung von Handlung und Charakteren findet kaum statt. Mendoza setzt die brutale Gewalt, der die Geiseln ausgesetzt sind, in einen Kontext zur Naturgewalt. Die Flora und Fauna des Dschungels als stille Metapher der menschlichen Disparität. Der Mensch als Fremdkörper in einer mystischen, undurchdringlichen Umgebung. Von der philippinischen Armee verfolgt und beschossen, von unendlichen Fußmärschen und scheiternden Lösegeldverhandlungen zermürbt, verzweifeln die Geiseln. Erschöpfung und Tod sind ständiger Begleiter. In wenigen Szenen kommt es zu etwas wie Annährung und Dialog. Terror, Vergewaltigung und Zwangsheirat stehen neben dem Leid, das der muslimischen Bevölkerung Mindanaos in jahrelanger Unterdrückung zu teil wurde und den Hass befördert hat.

    Die Lehren des Korans, die von den Entführern gepredigt werden, bilden einen Kontrast zur christlichen Botschaft der Hilfe und Nächstenliebe. Diese wird von Thérèse repräsentiert. Als Heldin stellt sie Mendoza aber nicht dar. Sie versucht trotz Angst und Verzweiflung menschlich zu bleiben und freundet sich mit einem Jungen an, der seit dem Tod seiner Familie bei den Kämpfern eine neue Heimat gefunden hat. In einigen Ausbrüchen stellt sich Thérèse offen gegen die Praktiken der Entführer, erzwingt eine Beerdingung ihrer Begleiterin, kann aber ansonsten nicht viel ausrichten. Isabelle Huppert ist hier zwar körperlichen und emotionalen Strapazen ausgesetzt, aber als Charakter eher unterfordert. Eine politische Botschaft verfolgt Mendoza ebenso wenig, wie er auch künstlerisch nicht überzeugen kann. Er lässt allein die Bilder sprechen, wertet das Geschehen kaum. Die Entführer kommen dabei ebenso schlecht weg, wie das philippinische Militär, das waffenstrotzend auffährt, sich aber sonst wenig um das Leben der Geiseln kümmert. In einer Szene hören alle die Nachricht über den Terroranschlag auf die New Yorker Twin-Towers. Das Allāhu akbar der muslimischen Kämpfer wirkt wie eine reine Pose. Sie haben ihre Ideale längst der Aussicht auf Lösegeld, das sie für rein persönliche Zwecke nutzen wollen, geopfert. Noch einmal bemüht Mendoza ein Naturgleichnis, wenn er Thérèse einen großen bunten Vogel mit breiten Flügeln und langem Schweif sehen lässt. Danach folgt der letzte Befreiungsschlag.

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    „Francine“ von Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky mit Melissa Leo (USA, Kanada 2012, 74 min.) im Forum

    Ein großes Gesicht, wie das von Isabelle Hubert, kann einem gutgemeinten Film durchaus die nötige Aufmerksamkeit bringen. Es macht ihn dadurch aber nicht unbedingt besser. In „Francine“, dem Spielfilmdebut der US-amerikanischen Independentfilmer Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky, ist es die Oscar-Preisträgerin Melissa Leo (The Fighter), die sich ganz den Intensionen des Autoren-Teams Cassidy / Shatzky unterordnet und diesem Film dennoch eine ganz besondere Note verleiht. Der Film ist sparsam mit Worten und im Gegensatz zu den 120 enervierenden Minuten von „Captive“ wohltuend kurz geraten. Das liegt sicher am schmalen Budget und wohl auch an dem nur 10 Seiten langen Skript des Films. Shatzky und Cassidy wollten die Geschichte vom Scheitern eines Lebens erzählen, was ihnen auch eindrücklich gelungen ist.

    Francine (Melissa Leo) wird am Anfang des Films aus dem Gefängnis entlassen. In einer Duschsequenz sieht man ihren Körper, den das Leben gezeichnet hat. Ihr Blick sagt mehr als Worte es oft können. Sie bezieht ein kleines Häuschen in der Provinz nahe New Yorks. Sie ist einsam dort. In einer Szene lässt sich Francine vom wilden Sound einer Hardcore Metallband mitreißen, die am Parkplatz des Supermarkts spielt. Ansonsten ist sie eher scheu und wortkarg. In ihrem ersten Job als Verkäuferin in einem Geschäft für Haustiere wird sie wieder entlassen. Ersten Kontakt findet sie über eine Nachbarin (Victoria Charkut), die sie zu einer von der Kirche veranstalteten Party einlädt. Durch Linda lernt sie auch den trockenen Alkoholiker Ned (Keith Leonard) kennen, der ihr einen neuen Job in einem Gestüt besorgt. Sie verbringt mit ihm einen glücklichen Nachmittag, blockt aber seine Annährungsversuche strickt ab. Mit Linda schläft sie nach einer feuchtfröhlichen Party, aber mehr Nähe lässt Francine nicht zu.

    Einen weiteren Job bekommt sie in einer Tierarztpraxis. Tiere sind auch die einzigen Lebewesen, die Francine in ihre Wohnung lässt. Dort haben mittlerweile mehrere Katzen, Hunde, und Mäuse ein Heim gefunden. Mit Ihnen kapselt sich Francine in ihre eigene Welt ein und scheint einige glückliche Stunden zu verbringen. Aber die Tierliebe wird zur Manie, die Wohnung verwahrlost zusehends. Man kann Francines Not nur erahnen, sie drückt sich schließlich in einer Verzweiflungstat aus. Der Weg scheint vorbestimmt. Der Kreis schließt sich wieder und so landet Francine letztendlich da wo der Film begann. Müde und leer sitzt sie auf dem Rücksitz eines Streifenwagens. Dieses Bild der Endgültigkeit brennt sich ein. Man muss also nicht unbedingt bis in den Urwald fahren, um physisches und psychisches Leid erfahrbar zu machen. Francine ist eine Frau die sich nicht aus ihrer Isolation zu selbstbestimmtem Handeln befreien kann, was wiederum den Bogen zu Petzolds Barbara schlägt, die dazu nach reiflicher Überlegung sehr wohl in der Lage ist.

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    Welche Schauspielerin kann morgen dieses nette Tierchen mit nach Hause nehmen?

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  • Dem Theater im Schokohof fehlen bald die Räume, dem Theater unterm Dach fehlt jetzt schon das Geld – Letzte Premieren aus dem bedrohten Berliner OFF

    Am TISCH feiert Fränk Heller mit SPANNER! nach Lorcas „El Publico“ Lust und Leid zweier Theaterverrückter

    Im Hof der Ackerstraße 169/170, Heimstatt des alternativen Wohn- und Kunstprojekts Schokoladen e.V. in Berlin-Mitte, befindet sich das Theater im Schokohof (TISCH), einigen auch noch gut bekannt als Orphtheater. Im Jahr 1990 gegründet, musste es sein Bestehen schließlich 2008 aus Mangel an öffentlicher Förderdung einstellen. Seit 2002 leitete der Schauspieler Matthias Horn, in der freien Berliner Theaterszene bestens bekannt (u.a. Hexenkessel Hoftheater), das Orphtheater bis zu seiner endgültigen Auflösung. Danach hob er das TISCH aus der Taufe und stellte die Räume wieder Projekten der freien Szene als Spielstätte zur Verfügung. Es gab hier in den letzten Jahren viele interessante Produktionen nationaler wie internationaler OFF-Theatergruppen sowie der freien Tanz- und Performanceszene zu sehen. Nun ist auch dieses Projekt in seiner Existenz bedroht, denn dem Schokoladen e.V. droht nach einer Klage des Eigentümers, der in erster Instanz vom Amtsgericht Berlin stattgegeben wurde, die Räumung. Der Gerichtsvollzieher, wie einige Berliner Zeitungen diese Woche meldeten, ist mit dem Räumungstitel bereits für 22.02.12 angekündigt. Neben dem Schokoladen selbst, stehen nun das TISCH, der Club der polnischen Versager sowie einige Künstlerateliers und Tonstudios vor dem Aus. Letzte Hoffnung für die Betroffenen ist, das ein Deal mit dem Eigentümer zur Kompensation doch noch zustande kommt. Die 60 Grundstücke, die bisher vom Liegenschaftsfond angebotenen wurden, haben ihm jedoch nicht zugesagt. Um den Druck zu erhöhen, zog das in Trier ansässige Familienunternehmen vor Gericht.

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    Geht hier bald ganz das Licht aus? Der Schokoladen in der Ackerstraße.

    Unter diesen erschwerten Bedingungen schafft es das TISCH aber immer noch, bis zu drei Produktionen im Monat auf die kleine Bühne in der Werkstatt des Hinterhauses zu stellen. Am 1. Februar hatte hier die Abschlussarbeit des jungen Regisseurs Fränk Heller von der Kreuzberger Theaterakademie Premiere. Er suchte sich dafür das kaum gespielte Stück „El Publico“ des Spaniers Federico García Lorca aus. Heller hat Lorcas im Madrider Theatermilieu der 30er Jahre angesiedelte surrealistische Farce überarbeitet und brachte sie nun unter dem Titel „SPANNER!“ mit Berliner Schauspielstudenten neu heraus. Herausgekommen ist dabei ein ebenso faszinierender wie abstoßender Reigen aus Obsessionen, Travestie und ausgestellter Eitelkeiten, genau wie es Lorca auch vorgeschwebt haben dürfte. An eine Aufführung hatte er allerdings selbst nicht geglaubt, da „…es weder eine Truppe gibt, die sich an eine Inszenierung wagt, noch ein Publikum, das es ohne Unwillen hinnimmt – einfach, weil es der Spiegel des Publikums ist.“ (Suhrkamp Verlag) Eine Abrechung mit dem herkömmlichen bürgerlichen Theater und seinem saturierten Publikum hatte Lorca dabei im Sinn.

    Spanner! am TISCH - Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
    Spanner! am TISCH
    Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

    Heller gelingt es dennoch die Bilder in Lorcas Kopf adäquat auf die Bühne zu transformieren. Von Beginn an ist der Zuschauer als ungeliebter notorischer Voyeur mit einbezogen. Man betritt das Theater durch den Nebeneingang und wird sofort hinter den Vorhang verwiesen, mit der Aufforderung ja nichts zu berühren oder gar zu stören. Der schwule Theaterdirektor Enrique will nicht mehr provozieren und lieber mit gefälligen Shakespeareinszenierungen das große Publikum erreichen. Sein Ex-Lover, der Regisseur und Autor Gonzalo, reißt ihn aber aus seiner wohligen Bequemlichkeit, indem er das totale Theater propagiert und damit den alten Bühnenschreck in Enrique neu erweckt. Das erschüttert auch die kleine Theaterwelt um die beiden Egomanen, Ränke und Eifersüchteleien brechen sich Bahn. Die Proben zur Aufführung einer Trashversion von „Romeo und Julia“ bringen das kleine Theaterensemble schließlich an den Rand des Wahnsinns. „Man muss das Theater zerstören oder im Theater leben!“ Diesen Spagat führen uns die Schauspieler mit viel Lust und Schmerz vor Augen. Vom großen Theaterpathos bis zur mit Wonne zelebrierten Selbstzerstörung inklusive blasphemischer Kreuzigungsszene reicht dabei das Repertoire, doch der Vorhang muss jeden Abend für das nach Sensation gierende Publikum wieder hochgehen. Bleibt zu hoffen, dass er das im TISCH nach dem 22.02.12 auch noch weiterhin tun wird. Denn nur hier ist auf Dauer Platz für solche zarten surrealen Theatergewächse, die eines besonders geschützten Raumes bedürfen.

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    Mit friedlichem Protest und Melvilles „Bartleby“ – Das Theater unterm Dach im Notbetrieb

    Der Kulturstandort am Ernst-Thälmann-Park in dem sich das Theater unterm Dach befindet besteht bereits seit 1986. Er umfasst weiterhin den Veranstaltungsort „Die Wabe“, die kommunale Galerie parterre und einige Kunstwerkstätten. Die Einrichtungen stehen alle unter der Trägerschaft des Stadtbezirks Berlin-Pankow. Der Bezirk hat nun mit Wirkung zum 1. Februar die Finanzierung eingestellt. Seitdem werden keine Gelder mehr für Produktionen und Künstlergagen bezahlt. Am 15. Februar diskutiert die BVV in der Fröbelstraße um die Ecke den Doppelhaushalt 2012/2013 für den Bezirk Pankow. Dann wird sich vermutlich auch das weitere Schicksal der Künstler am Thälmann-Park entscheiden. Ein Aktionsbündnis Berliner Künstler hat daher zu einer Protestaktion vor dem Bezirksamt in der Fröbelstr. 17, Haus 7, BVV-Saal aufgerufen, denn es geht auch um die Zukunft weiterer kultureller Einrichtungen des Bezirkes Pankow. Im Internet kann man sich mit der Unterschrift einer Onlinepetition an dem Protest beteiligen. Bis dahin fährt man einen Notbetrieb und im Theater unterm Dach geht nach jeder Vorstellung der Hut rum.

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    Das Theater unterm Dach am Ernst-Thälmann-Park

    Passend zur Situation hatte hier am 9. Februar das Stück „Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street“ nach Herman Melville in einer Bearbeitung von Kai Gero Lenke Premiere. In Melvills Erzählung aus dem Jahr 1853 beschreibt ein älterer Rechtsanwalt ohne besonderen Ehrgeiz seine merkwürdige Begegnung mit dem Schreiber Bartleby, den er für das Kopieren von Schriftsätzen eingestellt hatte. Der erst sehr beflissene junge Mann verweigert sich nach und nach mit den Worten „Ich möchte lieber nicht.“ den Weisungen seines Bosses, bis er sich schließlich ganz in der Kanzlei zurückzieht und jegliche Verrichtung von Arbeit aufgibt. Der Anwalt erst erstaunt über diese Weigerung, erliegt schließlich aber der völlig friedfertigen Gegenwehr Bartlebys und entwickelt sogar Sympathie für den Sonderling. Er zieht schließlich selbst aus dem Büro aus und lässt Bartleby gewähren. Das tragische Ende Bartlebys wird in der Inszenierung von Luzius Heydrich am TuD in einer Koproduktion mit dem Zimmertheater Tübingen nur angedeutet. Von Interesse ist hier eher, dass Bartleby mittlerweile zum Symbol der Occupy-Wall-Street-Bewegung geworden ist.

    Die Inszenierung ist in Ton und Kostümen ganz in historischem Gewand. Als Requisit der Occupy-Bewegung sind nur die weiße Guy-Fawkes-Maske  anwesend und vom Band eingespielte Sprechchöre zu vernehmen. Das Bühnenbild besteht aus einem klaustrophobischen Kasten aus Holzlatten, der mit milchiger Folie bespannt ist, an der sich Schatten bilden und Bartleby (Johannes Karl) imaginäre Zahlenreihen schreibt. Der Boss (Endre Holéczy) sitzt an einem Tisch und hat die Verantwortung und Textlast der Erzählung zu tragen. Die drei anderen Kanzleiangestellten Turkey, Nippers und den Lehrling Ginger Nut gibt er ebenfalls mit verstellter Stimme und asthmatischem Hüsteln. Bartleby entzieht sich den angestammten Ritualen, nimmt nur die angebotenen Ginger Nut Biscuits und steckt sie verstohlen in die Westentasche. Der Boss ist dem rätselhaften Verhalten Bartlebys vergeblich auf der Spur, seine unerklärliche existenzielle Selbstauslöschung wird auch hier nicht geklärt. Im Spiel verdeutlicht sich aber die Abhängigkeit beider Protagonisten voneinander, wenn z.B. der Boss Bartleby auf dem Rücken trägt oder sich in einer Tanzsequenz die gestörte Harmonie zeigt. Die Folienwand beginnt immer durchlässiger zu werden, bis sie letztendlich vom Boss durchbrochen wird. Das sanfte Beharren auf einer einmal eingenommenen Position kann sich also durchaus lohnen, auch im Fall des weiteren Bestehens des Theaters unterm Dach.

    dsc06184.JPG Foto: St. B.

    Termine unter: www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

    Bartleby wieder am
    Do 01.03.12, 20 Uhr
    Fr  02.03.12, 20 Uhr
    Sa 03.03.12, 20 Uhr
    So 04.03.12, 20 Uhr

    Solidaritäts-Gastspiel: Theater unterm Dach
    29.02.12, 19.00 in der Box des Deutschen Theaters
    UNTERTAN – „Wir sind Dein Volk“
    nach dem Roman ‚Der Untertan‘ von Heinrich Mann
    Regie: Anja Gronau

    nächste Termin im TISCH:

    MARRAKESCH
    16. bis 19.02.12, 20:00 Uhr
    „Kollektiv Schluß mit ohne“
    ein Zusammenschluß freischaffender Theaterprofis

    ZWISCHEN STÜHLEN
    Uraufführung von Volker Eisenach
    23. – 26.02.12, 20 Uhr
    01. – 03.03.12, 20 Uhr
    08. – 11.03.12, 20 Uhr

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  • Oder Bruch – Ein Projekt von Tobias Rausch zum Oderhochwasser 1997 am DT

    Mit der Flut der Worte gegen einen Damm aus Mythen – Oder Bruch. Eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin mit der Neuen Bühne Senftenberg.

    Als Deichgraf ist der damalige brandenburgische Minister für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung Matthias Platzeck in die Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands eingegangen. Durch ständige Präsenz vor Ort und in den Medien erwarb er sich während der Oderflut von 1997 den Ruf eines fähigen Krisenmanagers. Ein Mythos war geboren und trug ihn schließlich bis in das Amt des brandenburgischen Ministerpräsidenten. Fast 15 Jahre nach dem Jahrhundert-Hochwasser im Oderbruch hat sich der freie Autor, Regisseur und Performer Tobias Rausch (u.a. lunatiks produktion) dahin zurückbegeben, den Mythen auf die Spur. Mehr als 100 sogenannte „Augenzeugen“ hat er dort befragt und aus den vielen Interviewschnipseln einen respektablen Theaterabend zusammengebastelt, der nun in der Box des Deutschen Theaters Premiere hatte.

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    Die Oder bei Hochwasser. Foto: Janina Briesemeister – pixelio.de

    Auch Matthias Platzeck begegnet uns zu Beginn des Abends wieder. Vor einem Plastikvorhang haben sich vier der sechs Darsteller (Barbara Heynen, Marco Matthes, Friedrich Rößiger, Barbara Schnitzler, Juschka Spitzer und Bernd Stempel) in weißen Gummistiefeln und Ostfriesennerzen aufgebaut und erzählen u.a. als Einsatzleiter des THW und der Bundeswehr, von dem was sie nun wohl im Hochwassergebiet erwarten wird. Später gibt der Vorhang das Bühnebild frei, bestehend aus Sperrholz-Deich und Welle mit einem alten Teppichmuster beklebt. Darauf stehen die Schauspieler und schlagen die Arme wie Vögel an ihre Kunststoffmäntel oder patrouillieren als Deichläufer auf der Krone und am Fuß des Damms. Der lässt sich im Laufe des Abends variabel umbauen, stellt Leitzentrale, das Dach eines abgesoffenen Hauses oder eine Notunterkunft für die Evakuierten dar. Die Schauspieler schlüpfen in die verschiedensten Rollen von Betroffenen, über Verantwortliche aus der Region und Landespolitik, bis zu den vielen Helferorganisationen.

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  • „Der Turm“ von Uwe Tellkamp am Anhaltischen Theater Dessau und „Jochen Schanotta“ von Georg Seidel am Deutschen Theater Berlin

    Dessau gleicht einem architektonischem Freiluftmuseum. Kaum eine andere deutsche Stadt ist so vom Bauhaus geprägt, wie der zwischen Mulde und Elbe im Herzen von Sachsen-Anhalt gelegene Gemeindeverbund Dessau-Roßlau. Aber auch andere Epochen und Baustile haben hier ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. In der wärmeren Jahreszeit locken die Parklandschaften von Dessau-Wörlitz und die dazugehörigen Schlösser Georgium, Mosigau, Wörlitz, Oranienbaum u.a. Dessau atmet Geschichte von der Reformation, über anhaltinisches Fürstentum, bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Nach der Wende ist von der Maschinenbau- und Fahrzeugindustrie nicht mehr viel übrig. Dessau widmet sich nun dem Umweltschutz, grünem Tourismus und der regionalen Kultur- und Geschichtspflege. Und so begeht man in diesem Jahr den 800. Geburtstag des Hauses Anhalt mit seinem Begründer Heinrich I. (1170-1252) aus dem Geschlecht der Askanier.

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    dessau_febr-2012-11.JPG Schloss Georgium

    Fotos: St. B.

    Noch bekannter aber dürfte sein Nachkomme Leopold I. (1676-1747), Fürst von Anhalt-Dessau, sein, der sowohl dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich II. als Heerführer diente. Also nicht nur der alter „Fritz!“, ein Theaterspiel für den König von Preußen in Potsdam, sondern auch noch ein Lustspiel nach Karl May zum „alten Dessauer“ erwartet uns im Juni als Open-Air-Event. Daneben hat Dessau kulturell noch einiges mehr als Bauhaus und Fürstengeschichte zu bieten. Neben den großen Söhnen der Stadt, wie Moses Mendelssohn und Kurt Weill, besitzt Dessau auch noch eines der größten Theater der ostdeutschen Bundesländer. Das Anhaltische Theater Dessau ist ein Vier-Sparten-Haus mit Oper, Schauspiel, Ballett und Puppentheater. „Glühende Landschaften“ heißt das Motto dieser 217. Spielzeit und um das Dessauer Bildungsbürgertum zum Glühen für ihr Theater zu bringen, hat sich die künstlerische Leitung um Generalintendant André Bücker einiges vorgenommen.

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  • Blut ist dicker als Wasser – „FamilienBande!“ Ein Spielzeit-Spektakel am Staatstheater Cottbus.

    Blut ist zwar immer noch dicker als Wasser, aber die sogenannten Blutsbande, oder wie man den Leim, der die bürgerliche Familie zusammenhalten soll, nennen will, sind seit Bertolt Brechts „Kleinbürgerhochzeit“ nicht unbedingt verlässlicher geworden. Was uns die Familie in den heutigen schnellen und durch Wertewandel sowie Globalisierung geprägten Zeiten immer noch bedeutet und welchen Widrigkeiten und Verwerfungen sie ausgesetzt ist, das untersucht das Staatstheater Cottbus in dieser Spielzeit. Zum Themenschwerpunkt Familie veranstaltete es nun sogar ein großes Theaterspektakel mit insgesamt 5 Inszenierungen an einem Abend. Zwei Inszenierungen waren für alle im großen Haus zu sehen. Drei weitere standen im Mittelteil des Abends zur Wahl. Neben Brecht konnte man sich für die Autoren Theresia Walser, Neil LaBute, oder Oliver Bukowski entscheiden, die ebenfalls Stücke über die „FamilienBande!“ geschrieben haben.

    „Die Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht in der Regie von Mario Holetzeck

    Vor etwa 12 Jahren, zu Beginn der Peymann-Ära, inszenierte Philip Tiedemann Brechts Einakter „Die Kleinbürgerhochzeit“ am Berliner Ensemble. Es war der Beginn einer falsch verstandenen musealen Brechtverehrung und der Anfang vom Ende des Traditionshauses am Schiffbauerdamm. Durchaus bezeichnend, dass das derbe Volksstück über eine missglückte Spießbürgerhochzeit dort immer noch auf dem Spielplan steht und damit einem anderen Brechtstück in einer legendären Heiner-Müller-Inszenierung, nämlich dem „Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Hauptrolle, Konkurrenz macht. Tiedemann mottete den alten Brechtvorhang mit der Picasso-Fiedenstaube wieder aus und mit dem Hans-Albers-Hit „La Paloma ade!“ sofort wieder ein. Mehr Brechtironie war dann leider nicht und die grell geschminkten BE-Darsteller wurschtelten sich brav durch den Brechttext und spielten Schenkelklopf-Klamotte. Auf die Idee, dass damit heute noch jemand gemeint sein könnte, kam man dabei aber nicht.

    staatstheatercottbus_familienbande-2.JPG Foto: St. B.
    FamilienBande! Das Staatstheater Cottbus feiert wieder ein Spektakulum.

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