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  • Parteidisziplin und Lebenslügen – Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jean-Paul Sartres „“Die schmutzigen Hände““ und Thomas Vinterbergs „“Die Kommune“

    Gerade noch haben an der Volksbühne René Pollesch und Fabian Hinrichs mit viel Spaß und artistischem Spieltrieb das verstörte Individuum im Kapitalismus untersucht und die Unmöglichkeit ein Netzwerk zu lieben ironisch verdeutlicht, wobei sie ganz nebenbei noch Brechts Egoisten und Anarchisten Fatzer einflochten, da zieht schon das Deutsche Theater nach und verabschiedet in zwei Inszenierungen ein paar liebgewonnene bzw. verhasste Ismen und entsorgt gescheiterte Utopien. Und das kommt teilweise so locker und leicht daher, dass man sich die Augen reiben muss und kneifen möchte, ob man denn wirklich im Tempel des bildungsbürgerlichen Theaters an der Schumannstraße sitzt. Die beiden noch an Jahren jungen Regietalente Jette Steckel und Rafael Sanchez beschäftigen sich hier mit Themen, die schon auf dem Müllplatz der Geschichte zu liegen schienen, aber in letzter Zeit wieder sehr aktuell sind. Ob sie auch den Kern der Sache getroffen haben, bleibt aber bei beiden Inszenierungen relativ offen, und damit bestätigt sich eigentlich nur wieder die Feststellung, dass ein stark aufspielendes Ensemble noch jedem Stück etwas Relevanz entlocken kann.

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    Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin

    Spieltrieb, Idealismus oder todernste Realpolitik – Jette Steckel klopft Sartres großes Spiel über Methoden zur politischen Machterlangung auf Lüge und Wahrheit ab.

    Spiel, Spaß und gute Laune scheinen dem alten Stück irgendwie eingeschrieben zu sein. Leider hat das wohl in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, ha ha, keiner so richtig mitgekriegt. Oder liegt es daran, dass es ständig falsch verstanden wurde und immer wieder nur für Stalinismuserklärungen herhalten musste. Zwei unvergessene Inszenierungen der Nachwendezeit haben Sartres Stück über einen ideologisierten jungen Intellektuellen, der einen politischen Mord begehen soll und an der Aufgabe menschlich scheitert, von diesem Rezeptionsstaub befreit. Über Frank Castorfs herrliche Jugoslawienkriegsfarce von 1998 an der Volksbühne, mit dem ungeschlagenen Dreigestirn Henry Hübchen als dichtendem Hoederer-Karadzic, Matthias Matschke als verhuschten, grimassierenden Tollpatsch Hugo („Kann ich auch! Kann ich auch!“) und Kathrin Angerer als nölendes Girlie Jessica, braucht man nicht mehr zu reden. Mit frechen Balkanbrassklängen bliesen sie dem ollen Sartre ordentlich den Marsch.

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  • Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse oder Scheiß auf die Ordnung der Welt! Das Theaterprojekt „Fatzer geht über die Alpen“ an der Berliner Volksbühne

    Auf den Spielplänen im deutschsprachigen Raum ist der Klassiker des epischen Theaters Bertolt Brecht in dieser Spielzeit eher selten zu finden. Da gibt es nur hin und wieder mal eine Dreigroschenoper oder einen verjuxten Galilei. Das Staatstheater Cottbus wird nächste Woche in einem großen Spektakel „Die Kleinbürgerhochzeit“ mit anderen Gegenwartsstücken über die bürgerliche Familie kollidieren lassen und an der Volksbühne in Berlin sind immer noch die großartigen Lehrstückbearbeitungen von Frank Castorf zu sehen. Um so erfreulicher, dass sich die Volksbühne seit 2010 in Zusammenarbeit mit dem italienischen Teatro Stabile de Torino befindet, um Brechts Fatzer-Fragment neu zu beleuchten. Bertolt Brecht hatte es nach Jahren der Bearbeitung als unmögliches Experiment („Einfach zerschmeißen“) verworfen, für Heiner Müller gehört es zu den Jahrhunderttexten. „Fatzer geht über die Alpen“ heißt nun das Theaterprojekt, dass im Fond Wanderlust durch die Kulturstiftung des Bundes, dem Goetheinstitut Turin und dem Italienischen Kulturinstitut Berlin gefördert wurde. In dieser Woche waren nun an der Volksbühne die Ergebnisse zu sehen.

    „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ – René Pollesch und Fabian Hinrichs winken freundlich mit der Baggerschaufel

    dsc06068.JPG Foto: St.B.

    René Pollesch gab bereits am Mittwochabend sozusagen die Ouvertüre für dieses Wochenende rund um den Egoisten Fatzer und die großen gescheiterten gesellschaftlichen Versuche. „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia” heißt sein neues Stück, für das er wieder, nach „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“ und der „Der perfekte Tag“, mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs zusammengearbeitet hat. Und Hinrichs machte es im wahrsten Sinne des Wortes spannend. Gerade noch im akademischen Viertel erreichte er die Volksbühne, in der bereits das illustre Premierenpublikum wartete und mit reichlich 80er-Jahre-Popmusiksound beschallt wurde. Mit seinem unnachahmlichen Charme nahm Hinrichs aber sofort die Anwesenden für sich ein und zog alle mit einem bombastischen Intro in seinen Bann. Zu den Klängen von Bruce Springsteens Klassiker „Streets of Philadelphia“ seilte er sich mit einer Gruppe von jungen Artisten aus dem Schnürboden ab, die danach auch sofort anfingen sich springender und radschlagender Weise sportlich zu betätigen.

    Hinrichs flirtet sichtlich gutgelaunt mit dem Publikum und beginnt dann über die Probleme der Linken zu referieren, sich heutzutage zu orientieren, wo die Feindbilder nicht mehr so eindeutig sind. Der Kapitalismus hat sich gewandelt und Leuten wie Jean Ziegler fällt es da sichtlich schwer mit Botschaften von verhungerten Kindern Gehör zu finden. Was hören wir überhaupt noch voneinander? Ein anderes beliebtes Thema von René Pollesch. Wir hören uns zu, aber hören wie uns wirklich? Die alte Repräsentationsmaschinerie rollt und deckt im Theater alle Widersprüche zu. Das hatte Brecht schon erkannt und mit seinem Epischen Theater neue Wege beschritten, die heute genauso ausgelatscht sind wie das gute alte Bürgerliche Einfühlungstheater. Trotzdem ist er ein Klassiker an dem man nicht so ohne weiteres vorbeikommt und so ist dann auch die ganze Bühne von Bert Neumann ein einziges Brechtzitat. Die Gardine darf nicht fehlen und auf der sonst leeren Bühne steht ein Planwagen wie in der Mutter Courage am BE, wenn er auch mit modern bedruckter LKW-Plane bespannt ist. An Aktualität hat Brecht nicht verloren und auch Pollesch kommt daher nicht ganz an ihm vorbei. In der Niederlage auf dem Platz bleibend, zitiert ihn Hinrichs. Er war schon 2008 bei der Empedokles-Fatzer-Inszenierung von Laurent Chétouane am Schauspiel Köln mit dabei.

    René Pollesch geht es hier aber eher um heutige Sichtweisen des Kapitalismus. Arbeiterchöre waren gestern, heute ist der Chor ein Netzwerk, dem sich der zwangsweise individualisierte Einzelkämpfer nicht entziehen kann. Die Akrobaten umgarnen Hinrichs, auch wenn dieser partout nicht mit dem Chor in die Kiste springen will. Nein, schlafen kann er nicht mit diesem Repräsentant des Kapitalismus. Wie Brechts Fatzer bleibt auch die Figur Hinrichs ambivalent. Der Geist ist willig, allein das Fleisch ist schwach, körperliches Nähebedürfnis siegt über Klassenstandpunkt. Da werden bezaubernde Lauf-, Sitz- und Standbilder geschaffen und alles kuschelt im Regen unter dem theorieschweren Couragewagen, vor den sich Hinrichs im Rock auch mal spannt. Schöne Bilder ergeben sich immer wieder aus diesem unklaren Verhältnis zwischen Chor und Individuum. Aber da fehlt doch noch was, nur das werden wir heute Abend nicht zu sehen bekommen. Hinrichs ruft mehr als einmal Stopp und erklärt, dass die besten Szenen herausgeschnitten wurden, da wir sie eh nicht ertragen und ihn nie wieder im Theater sehen könnten. René Pollesch fragmentiert sich selbst und killt seine Darlings. Da der Chor stumm bleibt, wird der Diskurs zu Gunsten der Liebe ausgesetzt.

    Alles Weitere erschöpft sich in artistischen Turnbildern, die die 13 Schüler der Bühnenakrobatikschule „Etage“ immer wieder mit großer Lust erzeugen. Fabian Hinrichs zwängt sich schließlich noch in ein enges Krakenkostüm und erklärt den Mehrwert anhand des Unterschieds von Turnwettkampf in einer Mehrzweckhalle zum Theater für 45 €€, indem er die satte Musikuntermalung immer wieder unterbricht. Die großen Fragen werden heute nicht mehr verhandelt. Ein etwas unbefriedigender Coitus interruptus. Bevor es zu schön wird, ziehen ihn Pollesch und Hinrichs einfach wieder raus, den Stecker für das Licht der Erkenntnis. Man hat das sowieso immer nur für sich selbst gemacht und nie für das Publikum, sagt Hinrichs. Aber vielleicht gibt es ja demnächst doch noch den Director`s Cut, denn ganz ohne Diskurs geht es bei René Pollesch mit Sicherheit auf Dauer auch nicht. Bis dahin hat er mit dem fabelhaften Fabian Hinrichs den „Flirt in der Luft“ (R. Pollesch im Tip) neu definiert und vermutlich alles richtig gemacht. Wir schmunzeln selbst und sehn vor Glück besoffen, den Glitzervorhang zu und alle Fragen offen.

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    Träge Masse übt die Revolte gegen staatliche Gewalt – Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ mit dem Teatro Stabile di Torino

    Den theatralen Mehrwert gab es dann mit der Inszenierung von Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ durch das Teatro Stabile de Torino in der Regie von Fabrizio Arcuri. Bertolt Brecht hatte wie schon erwähnt das Fragment nach mehrjähriger Bearbeitung als unspielbar verworfen und es sollte tatsächlich bis 1976 dauern, bis an der Berliner Schaubühne am Hallescher Ufer Frank-Patrick Steckel die Uraufführung vom Untergang des Egoisten Fatzer mit dem Ende 2010 verstorbenen Wolf Redl in der Titelrolle besorgte. Eine weitere bedeutende Inszenierung gab es 1978 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Da sie für eine Aufführung an der Volksbühne Ost-Berlin die Rechte von den Brechterben nicht bekamen, wichen das Regieduo Manfred Karge und Matthias Langhoff nach Hamburg aus. Sie baten Heiner Müller um eine Bearbeitung und zur Aufführung kam dann seine Zusammenstellung von Brechts „Fatzer-Dokumenten“, die Müller in den Kontext des RAF-Terrorismus in der BRD stellte. Die Übersetzung ins Italienische von Milena Massalongo für das Tetro Stabile orientiert sich im Wesentlichen an Müllers „Fatzer-Material“.

    Foto: St. B.  dsc06074.JPG

    Auch Fabrizio Arcuri stellt seinen Fatzer wieder in einen aktuellen Kontext. Seine Tankinsassen desertieren nicht aus dem 1. Weltkrieg, sie sind Deserteure aus einem System der staatlichen Gewalt und auf der Suche nach der Revolte gegen diese Verhältnisse, mit denen die heutige Politik in Italien gemeint ist. Auf der Bühne herrscht Straßenkampf, ein demoliertes Auto landet auf dem Dach und beginnt zu brennen. Zwei Feuerwehrleute versuchen mit CO2-Löschern in ohrenbetäubenden Lärm die Flammen zu bekämpfen, während sie über die zwei Arten von Menschen philosophieren, die Herrschenden und die Beherrschten. Frage: „Woran also erkennt man die herrschende Art?“ Antwort: „Daran erkennt man die herrschende Art, dass sie sagt, daß es ohne Gewalt geht.“ Frage: „Wer aber weiß, dass es nur mit Gewalt geht?“ Antwort: „Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse.“ Das ist die Frage in dieser Inszenierung, wie lässt sich die Ohnmacht gegen staatliche Gewalt beantworten und wie entsteht so eine Revolte.

    Nachdem die Besatzung aus dem gelöschten Auto gekrabbelt ist und die erste Szene mit Fatzers Abkehr vom Krieg und die Fahrt nach Mülheim beschlossen sind, gehen die 4 Protagonisten Fatzer, Koch, Büsching und Kaumann (Mariano Pirrello, Matteo Angius, Werner Waas und Paolo Musio) an die Rampe und suchen den Dialog mit dem Publikum. Die Ausgangspunkte für eine Revolte werden zusammengetragen. Elend, schlechte Kleidung, klimatische Verhältnisse etc. und die Hemmnisse wie z.B. das Loch, zu dem es den Manne hinzieht. Das ist nicht ganz ernst gemeint und orientiert sich locker an Brechts Textfragmenten. Es wird ein kurzes Ratingspiel eingefügt, in dem ausgewählte Zuschauer mit Italien-, Griechenland- und Schweizfähnchen winken sollen. Italien arm, Griechenland noch ärmer und Schweiz reich. Es wird ein AAA-Schild hochgehalten und gefragt ob der Ausstieg aus der EU eine Alternative wäre. Eine lustige Runde Agitprop, die etwas an „Revolution Now!“ von Gob Squad an der Volksbühne erinnert.

    Nach dem Theorieteil geht es dann aber sehr ernsthaft mit den Fatzerdokumenten weiter. Fabrizio Arcuri bleibt hier sehr nah an Brechts Text, nur in einigen Bildern wird Bezug zur Gegenwart genommen. Die Soldaten tragen Polizeikampfanzüge und Schlagstöcke. Fatzer wird von ihnen auf seinem Rundgang nach Fleisch geschlagen oder der abgeführte Arbeiter brutal zusammengeknüppelt. Die Bühne bleibt meistenteils sehr düster, die Szenerien spielen sich in kleinen verschiebbaren Boxen ab. Nachdem die Truppe bei Kaumanns Frau eingezogen ist, macht sich die große Resignation und Wut über Fatzers Alleingänge breit. Die Kaumann (Francesca Mazza) täuscht im Geschlechtskapitel unter der Decke einen Orgasmus vor. Fatzer sitzt eher unbeteiligt daneben, während sich die drei anderen onanierend davor stellen und den Kommentar über das Lehren der geschlechtlichen Liebe rezitieren. Die Inszenierung ist hier in ihrer ausführlichen Länge nicht wirklich zwingend am Problem des Abweichlers oder anarchischen Egoisten Fatzer dran.

    Erst zum Schluss bekommt die Inszenierung wieder etwas Drive. Der Schuss auf Fatzer fällt und nachdem alle den Raum verlassen haben beendet eine Bombenexplosion das Drama. Im Abspann läuft auf der Videowand Brechts Schlussgedicht „Fatzer komm“. Auch ohne Einblendung der Staatsmänner weiß jeder, dass die letzten Zeilen Silvio Berlusconi meinen: „Du bist fertig, Staatsmann / Der Staat ist fertig. Gestatte, dass wir ihn verändern / Nach den Bedingungen unseres Lebens. (…) Der Staat braucht dich nicht mehr / Gib ihn heraus.“ Nun herrschen in Deutschland noch keine italienischen Verhältnisse, doch diese Zeilen lassen sich gut und gerne auch auf Politiker wie zu Guttenberg oder den in die Kritik geratenen Bundespräsidenten Wulff beziehen. Fatzer geht Anfang Februar wieder zurück über die Alpen nach Turin. Dort wird sich zeigen, ob die Italiener die Ironie von René Pollesch und Fabian Hinrichs verstehen werden und ebenso beglückt reagieren, wie das Berliner Publikum. Mit dieser fröhlichen Unverbindlichkeit steht „Kill your Darlings!“, trotz seiner leisen, versteckten Resignation, ziemlich konträr zum Scheitern von Brechts „Fatzerfragment“ und der Interpretation von Fabrizio Arcuri und seinem Team.

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    FATZER:
    Mich lähmt das Morgen und
    Dies unverbindliche Heut!
    So sitzend
    Zwischen noch nicht und schon nicht mehr
    Glaub ich nicht, was ich denk!
    Sicher ists ein Irrtum, schon morgen
    Klar! Warum also heut reden? Was
    Nützt dies Bootbaun bei vertrocknendem Fluß?
    Wenn ich euch essen
    Seh, seh ich hinter euch andre verdaun
    Euch unähnlich! Aber mich seh ich nicht essen!
    Ich hör eure Stimmen nicht vor dem Geräusch
    Vieler Schritte solcher, die ich nicht kenn.
    Aus eurem runden dreckigen Mäulern fallen
    Große viereckige Worte, woher sind sie?
    Mir scheint, ich bin vorläufig
    Aber was
    Läuft nach?
    Daß ihr mich versteht
    Das verbiet ich.

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  • Gott ist tot und fährt U-Bahn – „Also sprach Zarathustra“ und „Der Penner ist jetzt schon wieder woanders“ auf den Studiobühnen der Schaubühne und des Maxim Gorki Theaters

    Gott ist tot! Das ist spätestens seit Friedrich Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ jedem bekannt. Nun zeigt er sich doch noch einmal in der Berliner U-Bahn, wenn auch nur in Form eines schmierigen Schlagersängers (Wolfgang Hosfeld), der Udo Lindenberg intoniert und ein Stepptänzchen zum besten gibt. Und genau wie der keine Herzen reparieren kann, weiß Gott auch keine Antwort auf die großen Fragen der Menschheit. Außer den Lottozahlen und ein paar Bibelsprüchen hat er weiter nichts zu sagen und empfiehlt die Lektüre von „The Maracot Deep“, einem utopischen Roman von Sir Arthur Conan Doyle über das sagenhafte Atlantis und den Sieg des Guten über das Böse. Was sollen einem auch schon die Antworten auf die letzten großen Fragen, wenn man noch nicht einmal weiß, was sich auf dem Meeresgrund abspielt. Das ist den beiden schrägen Typen Andrej und Igor (Anne Müller und Matti Krause) dann doch zu viel und nachdem sie während der U-Bahnfahrt zu ihrem Dealer bereits einen Verleger, einen Sprayer mit Rastalocken, eine Nazi-Oma und ein sächsisch schwäbelndes Touristenpärchen gekillt haben, muss nun auch noch Gott dran glauben.

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    Der ganz normale Wahnsinn, täglich in der U-Bahn.
    (Biennale Venedig 2011, Arsenale) Foto: St. B.

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  • (K)ein weites Feld – Jorinde Dröse reduziert Fontanes „Effi Briest“ am Maxim Gorki Theater nur auf das Wesentliche

    Die großen Frauenfiguren der Weltliteratur haben es den Regisseuren des Maxim Gorki Theaters angetan. Nach Anna Karenina und Madame Bovary nun die Effi Briest. Jorinde Dröse setzt nach Ibsens Nora mit der Bearbeitung des Fontaneromans ihre Betrachtungen der bürgerlichen Familie fort. Wo bei Ibsen die Transformation aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart noch relativ gut funktionierte, hapert es nun bei diesem preußischen Sittengemälde der Jahrhundertwende von Theodor Fontane an schlüssigen Bezügen zur heutigen Zeit. Obwohl das Programmheft anderes suggerieren will, wir haben es hier doch mit einem hartnäckigen Fall des Scheiterns einer jungen Frau an den herrschenden bürgerlichen Konvention zu tun. Ein in Liebesdingen unerfahrenes junges Mädchen heiratet voller romantischer Vorstellungen auf den Wunsch der Eltern einen zwanzig Jahre älteren Karrieremenschen, leidet an dessen Gefühlsarmut und stürzt sich in eine unbedeutende Affäre, an deren Folgen sie schließlich zerbricht. Dass es heute immer noch so ist, liegt nicht sofort auf der Hand. Für die Regisseurin des Abends sind es aber genau diese verklärten Vorstellungen vom romantischen Lebensglück, die frau von so einer vermeintlich guten Partie hat.

    MGT Berlin, Foto: St. B. gorki-2.JPG

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  • Wien, die „Stadt der Künstler und Kellner“ – Zwischen Kaffeehaus, runden Geburtstagen, Marillenknödeln und poetisch gefärbten Theatergewächsen

    „ ‚Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.‘ – hat also, anders formuliert, das Kaffeehaus als einer der letzten zu verlassen.“ Zitat des Wiener Kaffeehaus-Stammgasts Gustav Grüner aus „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg (1975)

    wien-silvester-2011-13.JPG Foto: St. B.
    Das Café Leopold Hawelka in der Wiener Dorotheergasse

    Was mir kurz vor Silvester als erstes in der Fly „Niki“, wo der legendäre Formel-1-Pilot Lauda, welch Ironie, immer noch selbst die Sicherheitsanweisungen verliest, tatsächlich Lesbares in die Hand fiel, war ausgerechnet der Kurier. Eine andere Legende hatte sich in den Himmel über Wien verabschiedet. „Kaffeehaus-Legende Hawelka gestorben“ titelte das Wiener Blatt. Auch Presse und Standard kondolierten und sogar die deutschen Großzeitungen hatten einen Tag später Nachrufe auf Den Wiener Cafetier überhaupt im Feuilletonteil. Leopold Hawelka starb am 29.12.11 im 101. Lebensjahr. Noch im April 2011 hatte er in dem von ihm 1939 in der Dorotheergasse eröffneten „Café Hawelka“ seinen 100. Geburtstag begangen. Die FAZ erhob das Hawelka nun sogar zum „wahren Café Europa“, denn es hat mit Sicherheit dem „Central“ in der Herrengasse, wo immerhin Leo Trotzki in den Jahren seiner Wiener Emigration Schach zu spielen pflegte, den Rang als Prominentencafé abgelaufen. Im Hawelka gaben sich nach dem Krieg österreichische und internationale Größen aus Kunst und Politik die Klinke in die Hand. Heute lebt das Hawelka immer noch von seiner Tradition als Künstler- und Intellektuellen-Café. Nachdem diese allerdings so nach und nach weggestorben sind, drängen sich nun dort die Touristen und halten bei einer Melange oder internationalisiertem Caffé Latte vergeblich Ausschau nach den Stars und Sternchen. Dabei sitzt man nun sogar in besonders geschützten Räumen, denn die UNESCO hat die Wiener Kaffeehäuser im November 2011 zum Weltkulturerbe erklärt.

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  • Neues aus Kalau (4): DER WULFFOMATOR oder Geh Du ran!

    Mailboxing mit Rückschlagfaktor

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    © collage by st. b.

    Wer Diekmann auf die Mailbox scheißt, wird blöde meist.

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    Das BILD-Telefon oder Geh Du ran!

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    Den ganzen Tag geht mir das auf die Nerven
    Ich könnt das Scheißteil aus dem Fenster werfen
    Bei allem was ich tu werd ich gestört
    Versuch zu tun als hätt ich nichts gehört

    Ich geh nicht ran
    Geh du ran du ran
    Ist eh nicht für mich
    Geh du ran du ran

    Das ist bestimmt noch mal der Wulff für dich
    Genug hat der noch lange nich
    Was der sich nur schon wieder traut
    Mir ist der ganze Tag versaut

    Ich geh nicht ran
    Geh du ran du ran
    Ist eh nicht für mich
    Geh du ran du ran

    Ich bin doch nur noch für die Wahrheit da
    Stimmt sie auch nicht ist mir egal
    Die Mailbox läuft ab jetzt auf laut
    So ist der ganze Mist bald jedem vertraut

    Ich geh nicht ran
    Geh du ran du ran
    Ist eh nicht für mich
    Geh du ran du ran

    nach „(GEH) Du ran Du ran“ von den Fehlfarben

    S. v. K. für die Kalauer Illustrierten Tagesblätter (KILT)

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     Siehe auch: AfghanOpoly oder das große Spiel um ein Amt

  • José, der große Matador

    jose-tomas-by-rafael-estrella.jpg José Tomás
    Foto von Rafael Estrel unter CC-License (flickr.com)

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    José, der große Matador,
    Verlor beim Stierkampf mal ein Ohr.
    Arg hatte es ihn hingeschmissen,
    Dabei ist es wohl abgerissen.

    War das das Ende der Karriere?
    Als wenn es von Bedeutung wäre,
    Mono statt Stereo zu hören.
    Wen könnte daran etwas stören?

    José nahm das nicht so gelassen,
    Er konnte es erst gar nicht fassen.
    Noch wichtiger als Ruhm und Geld
    War ihm das Lob der Damenwelt.

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    wien-silvester-2011-15.JPG Fernando Botero
    Der Hornstoß (1988) in einer Ausstellung des Bank Austria Kunstforums Wien, noch bis zum 15.01.2012

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    Die Lösung schien ihm gar nicht schwer,
    Ein neues Ohr, das musste her.
    Und drauf zum Dichter dieser Zeilen
    José sprach: Du musst dich beeilen.

    Der kratzte kurz sich hinterm Ohr,
    Und zog eine neues Blatt hervor.
    Er nahm es längs, dann wieder quer,
    Allein der Kopf, der blieb ihm leer.

    Was tun? Längst war der Stier gebraten,
    Doch das Poem ließ auf sich warten.
    Des Dichters Muse wollt nicht küssen,
    Da hat er schnell verreisen müssen.

    Das Blatt hat niemand mehr gefunden,
    Und auch der Dichter blieb verschwunden.
    Falls ihr ihn doch noch einmal seht,
    José fragt, wie es weitergeht.

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    dsc03770.JPG

    Aquatinta von Pablo Picasso aus dem grafischen Zyklus
    zur Neuauflage der spanischen Stierkampfanleitung
    „LA TAUROMAQUIA“ (1957) – „Picasso Künstlerbücher“
    im Kupferstichkabinett Dresden, April 2011

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  • Unter Warmduschern und Dandys – Christopher Marlowes Edward II. und Alexander Puschkins Eugen Onegin an der Berliner Schaubühne

    schaubuhne-kudamm.JPG Foto: St. B.
    Lebendige Historie oder vergeudete Lebenszeit? An der Schaubühne kann man dem Verrinnen von Zeit nicht immer nur gelassen entgegensehen.

    Das Beste zum Feste, denkt sich die Berliner Schaubühne in der Adventszeit am lichterumflorten Ku`damm und schickt Marlowes „Edward II.“ unter der Oberaufsicht von Regisseur Ivo Van Hove in einen videoüberwachten Bühnenhöllen-Knast. Dort wartet man aber nicht auf die Ankunft des Heilands, sondern spinnt eifrig Intrigen gegen den unstandesgemäßen Günstling des Königs Edward. Dieser Gaveston, dargestellt von Christoph Gawenda, Neuankömmling in der weggesperrten Hofgesellschaft, die sich in sechs gleichgroßen Gefängniszellen um ihren König schart und ständig Prestigeverlust wittert, ist ein vollmundiger Schönling, der schnell den Unmut der Lords erregt. Man murrt, lässt die Muskeln spielen und begehrt schließlich auf.

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  • Hurry Christmas, oder ein harter Job

    Der Schlitten schlingert, hoch auf dem Bock,
    Ein Mann mit Bart sitzt, im roten Rock,
    Und peitscht das Rentier, bis das es bockt.
    Noch Hundert Kunden, die Prämie lockt.

    Er gibt ihm Zunder, sich einen Punsch,
    Im Kopf gedeiht nur der eine Wunsch:
    Ach hätt ich Flügel, nicht dieses Wrack,
    Dann wär ich sicher total auf Zack.

    Doch plötzlich polterts. Er stoppt. Oh weh!
    Ein Bub mit Schwingen liegt blass im Schnee.
    Den Kutscher dauerts, doch weiter geht
    die Hatz beflügelt, vom Wind verweht.

    Ein Fittich schmückt nun den Schlitten aus,
    und schafft die Fuhre Punkt zwölf nach Haus.
    Freudiges Lächeln, das sei der Lohn.
    Christenheit singe in höchstem Ton.

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  • Was wird hier eigentlich gespielt? – „Nackter Wahnsinn / Was ihr wollt“ und „Fanny und Alexander“ in der Regie von Sebastian Hartmann am Leipziger Centraltheater

    centraltheater-leipzig.JPG Foto: St. B.
    Was ist Kunst? Ein diffuses Licht im sozialen Raum.

    Diese Frage haben sich nicht erst in der letzten Zeit viele Leipziger Theatergänger gestellt und blieben daraufhin den Inszenierungen des Intendanten des Centraltheaters Leipzig Sebastian Hartmann lieber fern. Nun ist das auch eine zentrale Frage in Michael Frayns Komödie „Noises Off – Der nackte Wahnsinn“ in der eine komplett chaotische Provinz-Theatertruppe versucht eine Tür-auf-Tür-zu-Boulevardkomödie mit dem Titel „Nothing On – Nackte Tatsachen“ auf die Bühne zu bringen. Dieser Titel ist natürlich recht doppeldeutig und könnte neben dem wortwörtlichen Nichts-anhaben auch gerade eben gar Nichts bedeuten. Er wird hin und wieder auch mit „Spaß muss sein“ oder „Was wird hier gespielt?“ übersetzt. Nun ist Hartmann kein Provinztheatervorsteher und seine Schauspieltruppe eines der zur Zeit im wahrsten Sinne des Wortes engagiertesten Ensembles der deutschen Theaterlandschaft. Trotzdem sah er sich immer mehr in die Rolle eines Buhmann gepresst und verleiht ihr nun sozusagen in seiner neusten Inszenierung „Nackter Wahnsinn/Was ihr wollt“, frei nach Shakespeare und anderen, auch entsprechend Ausdruck.

    Das geschieht natürlich immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn, das wusste schon der Autor Frayn, Theater ist auch immer ein Spiegel der „Zerbrechlichkeit des Lebens“. Freud und Leid liegen oft dicht beieinander und erzeugen so nicht nur schöne Oberfläche, sondern mitunter auch den schmerzhaften Schnitt ins Fleisch. Sebastian Hartmann hat hierfür sogar einen eigenen Theater-Stil geprägt, der sich, in Anlehnung an die bekannte Leipziger Szene der bildenden Künste, auch noch „Leipziger Handschrift“ nennt. In seiner Inszenierung des Ingmar-Bergmann-Klassikers „Fanny und Alexander“ führte er nun sogar diese „Leipziger Handschrift“ mit dem bedeutendsten Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ Neo Rauch zusammen. Hartmann lässt auch sonst „grundsätzlich“ nichts unversucht, dem Leipziger Centraltheater tatsächlich eine unverwechselbare Handschrift zu verleihen. Trotz großer Beachtung durch die Presse, die ihm auch überregional beigemessen wurde, und bekannter Gaststars von Film und Bühne ist es Hartmann aber über drei Spielzeiten nicht geglückt, das recht spröde aber immer streitlustige Leipziger Publikum gänzlich für sich zu gewinnen.

    dsc05864.JPG Foto: St. B.
    Der Nackte Wahnsinn?
    – Japanische No-Masken im Leipziger Grassi-Museum für Angewandte Kunst

    Nicht ganz überraschend kam dann auch zu Beginn der neuen Spielzeit seine Ankündigung, die Intendanz über das Jahr 2013 hin nicht mehr zu verlängern. Er verlässt vor allem wegen ständiger Unterfinanzierung des Hauses und wegen der fehlenden Rückendeckung der Leipziger Kulturpolitik die Stadt. Eine neue Wirkungsstätte hat er noch nicht angegeben. Sicher wird er an anderer Stelle seine Aktivitäten fortsetzen, ob nun in Berlin oder anderswo, einer wie Hartmann hat sich der Kunst mit Haut und Haar verschrieben. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er nun neben Bergmanns Künstlerfilm „Fanny und Alexander“ auch Shakespeares Verwechslungskomödie „Was ihr wollt“ ausgewählt hat, werden doch darin einerseits die Auswirkungen der Einschränkung der Kreativität eines fantasiebegabten Jungens beschrieben und anderseits auch die ungefesselte Spiellust, der ständige Rollenwechsel und schließlich die, wenn auch nur kurzzeitige, Befreiung von jeglicher Konvention gefeiert.

    Diese entfesselte Spiellust darzustellen, ist was Sebastian Hartmann immer wieder in seinen Inszenierungen umtreibt. Und so heißt der Untertitel der neuen Inszenierung, die im November Premiere hatte, dann auch: „Ich will nicht dass mir jemand sagt welche Rolle ich zu spielen habe!“. Dazu gibt es in der Lose Blätter Sammlung No. 5 des Centraltheaters einen einführenden Text vom „Hausphilosophen“ Guillaume Paoli. Ein kleiner Exkurs in die philosophische Betrachtung des ICHs, der eigenen Identität nach dem Orange-Zwiebel-Prinzip. Persona, die antike Maske, stellt unsere äußere Schale dar, mit der wir uns an der Außenwelt reiben können. Sie ist immer mehr mit dem Individuum (dem Unteilbaren), das wir darstellen verschmolzen. Daher tritt nun die Frage in den Vordergrund, ob da noch jemand hinter der Maske bzw. Schale ist oder ob das ICH nur die Summe aus lauter Masken darstellt. Der Mensch lebt nun in der Vorstellung, als Zeichen der totalen Authentizität die Maske abzustreifen und sein wahres ICH zu zeigen, sieht aber hinter der Maske immer wieder nur enttäuscht eine weitere, oder nur mit einer Maske sind wir tatsächlich in der Lage unser Innerstes auszudrücken.

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    Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt (Szene)
    © David Baltzer/bildbuehne.de

    Shakespeare hat mit „Was ihr wollt“ das Stück zu dieser schier unlösbaren Situation geschrieben. Er beschreibt mit dem Hintergrund der „Twelfth Night“, als Abschluss der zwölf Rauhnächte und Beginn der Karnevalszeit mit ihren Maskenspielen, die Verwirrung durch Identitäts- und Geschlechterwechsel. Dazu passend verknüpft Hartmann die Komödie Frayns als doppeldeutiges Spiel des Theaters auf dem Theater. Rollenzuschreibungen sind nicht mehr eindeutig, die Grenzen zum realen Leben verwischen und zeigen so am besten das tägliche Dilemma des Künstlers auf der Suche nach möglichst authentischer Darstellung oder karikiert zumindest diese Bemühungen. Auch Renè Pollesch sind mit „Schmeiß dein Ego weg!“ und  „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“ bereits einige Beiträge zu diesem Thema an der Berliner Volksbühne gelungen.

    Sebastian Hartmann bleibt erstaunlich nah an Frayns Rahmenhandlung und beginnt mit einem laut bunten Finalauftritt der gesamten Truppe in grotesker Kostümierung, viel Konfetti und riesigen Luftballons. Manuel Harder als Regisseur sitzt an einem Pult im Zuschauerraum, neben ihm Thomas Lawinky in einem Gastauftritt als der Autor des Stücks. Nach der Unterbrechung der laufenden Generalprobe durch den Regisseur, der alle in rüdem Ton abkanzelt, wird eine Kritik- und Selbstkritikrunde mit allen Schauspielern einberufen. Der Autor bekommt noch einmal die Chance seine Intensionen zu erklären, was in einer Farce endet, bei der ihm erst einmal das Mikrofon geöffnet werden muss und dann alle nacheinander den Tisch verlassen. Lawinky referiert im unsicheren Vortragston über Sinn und Unsinn des Stücks, über Schuldramaturgie und den Unterschied von dramatischen zu epischen Texten etc., etc. Das Thema der Verwechslungskomödie wird noch mal mit den Gedanken Paolis kurzgeschlossen. Krönung ist eine Replik auf „Uli Khuon“ und seine Aussagen über das Stadttheater als sozialen Raum. Hier steht Hartmann im Zwiespalt zu seinem ästhetischen Anspruch. „Also wir machen Kunst / das steht fest…“ und „WENN DIE FRAGEN AUFHÖREN / FÄNGT DIE KUNST AN“. Das ist natürlich nur „grundsätzlich“ so zu sehen, wie die strickende Souffleuse Frau Ostruznjak (herrlicher Zungenbrecher) Lawinky verbessert, und gelingt eben nicht immer.

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    Idealbild versus klassische, anatomisch korrekte Porportionen. „Die große Odaliske“ von Jean Auguste Dominique Ingres, ein ästhetischer Akt der künstlerischen Freiheit als nackter Hintergrund.

    Und das kann man nun ca. 3 ½ Stunden lang auf der Bühne bewundern. Verständnislose Mimen, die an ihrer Rolle hängen sie aber gar nicht erst begreifen, gegen ein aufoktroyiertes System der Regie. Der soziale Riss verläuft nicht nur am Bühnenrand zum Publikum, sondern geht mitten durchs Ensemble. Da vermengen die Schauspieler Rolle und Persönliches, gehen auf den Egotrip oder sehen sich ohnmächtig den Vorstellungen des Regisseurs ausgeliefert. Ein verrückter Physiker als Experte (Artemis Chalkidou) begehrt auf und verwandelt sich schließlich in verschiedene Kunstfiguren der griechischen Antike. Die zu spät gekommene Schauspielerin Heike Stumpf (Birgit Unterweger) versucht auf Teufel komm raus ihr Vorsprechen durchzuziehen und wird darüber schließlich irre. Ein Narr tanzt aus der Reihe (Edgar Eckert), ein Inder (Hagen Oechel) macht einen Stuhlslapstick, eine Schauspielerin (Susanne Böwe) bringt per Telefon ihr Kind ins Bett und ein überforderter Inspizient (Mathias Hummitzsch) versucht alle irgendwie bei der Stange zu halten. Dazu gibt es das Übliche der Boulevardkomödie mit falschen Türen, Abgängen ins Nichts und einem Teller Sardinen als Hommage an Frayns „Nackten Wahnsinn“. Ein bisschen Shakespeare wird natürlich auch noch gespielt. In einer Probe des unbedingten Regiewillens sind Manolo Bertling und Sarah Franke in einem Meer aus Kleid verwoben und als Viola / Cesario / Malvolio / Olivia oder umgekehrt zu erleben, undurchsichtig dahinter gespiegelt durch den Narren.

    Krönung ist natürlich die Szene in der Maximilian Brauer als Jesus mit dem Esel Manfred auf der Bühne erscheint, um den Regisseur, der nun Gott selbst ist, in Frage zu stellen. Er will den Vertrag aufkündigen, nicht mehr das Opferlamm Gottes sein. Dass ihm diese Befreiung aus seiner angestammten Rolle nicht gelingt, ist vorprogrammiert und wie an durchsichten Fäden gezogen bewegt er sich über die Bühne, wühlt im frischen Eselskot, reißt sich die Kleider vom Leib und zerrt an seinem Geschlecht. Teufel (Hagen Oechel) und Herrgott einigen sich darauf, dass einer ohne den anderen keine Daseinberechtigung hat. Nun stürzen noch die vom Wahn befallenen Heike Stumpf und Cordelia Wege als Entführungsopfer Natascha Kampusch auf die Bühne und werden vom Teufel mit Blut besudelt. Eine Orgie des entfesselten Wahnsinns entspinnt sich, musikalisch begleitet durch den schon im „Zauberberg“ aufspielenden Gitaristen Steve Binetti, ein Chor sorgt für klassische Untermalung. Das sich das Ganze zum Ende hin fast in ein demokratisches Happy End auflöst und Zuschauer und Schauspieler im Sit-in über das Stück entscheiden sollen, täuscht nicht über die Ironie Hartmanns hinweg, hier nicht allein nur sich auf die Schippe genommen zu haben, sondern die Leipziger Verhältnisse mitmeint, gegen die er letztendlich trotz seines aufopferungsvollen Ensembles nicht ankommen konnte. Hier ist ihm noch mal ein großes Aufbegehren dagegen gelungen.

    dsc03874.JPG Foto: St. B.
    Das Centraltheater Leipzig

    Das gelingt Hartmann bei seiner Adaption von Ingmar Bergmanns Film-Klassikers „Fanny und Alexander“ nur bedingt. Schon im „Zauberberg“ hatte er Thomas Manns symbolbeladenen Roman nicht einfach nur bebildert, sondern ließ alles eher wie eine große Improvisation aussehen. Auch jetzt gibt er seinen Schauspielern viel Platz für Slapstick und aus der Rolle springen. Die Handlung zerfasert dabei immer wieder zwischen Weihnachtstafel, Lotterbett und kühler Strenge des Bischofshauses. Erzählerische Passagen von Linda Pöppel und Manolo Bertling, die auch erwachsene Pendants der Kinder Fanny und Alexander (Yusuf El Baz und Lydia Makrides) darstellen, unterbrechen dabei das Spiel und stellen am Anfang die Handlung nebst der im Theatersaal aufgereihten Personen vor. Es fällt schwer hier einige der Darsteller hervorzuheben, vielleicht Cordelia Wege als kühle Schönheit Emilie Ekdahl, Artemis Chalkidou in einer Doppelrolle als verwirrte Henrietta Vergerus und düstere Haushälterin Justina, oder Peter René Lüdicke als lebenslustiger Onkel Carl Gustav Ekdahl, der zwischen Slapstick, frivolen Witzen und Bettszenen hin- und herhüpft und sein Gegenpart der redegewandte aber eiskalte Bischof Edvard Vergerus, der von Ingolf Müller-Beck ebenso gespielt wird. Beide waren schon im „Zauberberg“ als Settembrini und Naphta in ein buchstäbliches Kochduell verwickelt.

    Es entwickelt sich in Folge eine schier hemmungslose Performance über das Theater und Schauspielerdasein, für die Bergmanns Drehbuch nur den Hintergrund zu bilden scheint. Bei Hartmann geht es wie immer um mehr, um die Daseinberechtigung und Wahrnehmung der Kunst an sich, wie auch um die Existenz des Künstlers zwischen Traum- und ihn umgebender realer Welt. Die Geschichte des fantasiebegabten Jungen Alexander, ein künstlerisches Lebensfazit Bergmanns, zwischen der ihn behütenden Theaterfamilie und der prinzipienstrengen und alle Kreativität abtötenden Welt des Stiefvaters Bischof Vergerus, kann man bei Hartmann durchaus auch als ein Fazit seiner Leipziger Intendanz lesen. Hartmann stellt den Kontrast der freien Theaterfamilie zum engen Haus des Bischoffs in den Vordergrund. Alle weiteren Stationen des Films durchläuft Alexander nur peripher, der unkundige Zuschauer ist somit etwas ratlos dem Treiben auf der Bühne ausgesetzt. Das Bild „Die Lage von Neo Rauch, das dann in der zweiten Hälfte der Vorstellung am Bühnenhintergrund erscheint, verstärkt dieses etwas hilflose Gefühl der Verrätselung nur um so mehr. Wie die mystische Symbolik des Leipziger Malers, der sich Erklärungen zu seiner Kunst stets entzieht, lässt sich auch Hartmanns Inszenierungsstil auf nichts Genaues festlegen.

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    Fanny und Alexander (Szene) © R.Arnold/Centraltheater

    Der Kampf Alexanders und der Hass gegen den Bischoff kommen selten wirklich explizit zum Ausdruck. Lediglich die bedrohliche Ansprache von Vergerus an Alexander über Wahrheit und Lüge wird hier enervierend lang ausgewalzt. Das dadurch erschütterte Weltbild des Jungen und das gestörte Gleichgewicht der Wahrnehmung seiner Umwelt, – wobei sogar der Bühnenboden symbolisch zu wackeln beginnt – stellt sich für ihn nur durch Traumsequenzen wieder her, in die ihn Isak Jacobi (Wolfgang Mario Bauer) und Ismael (Linda Pöppel) immer wieder entführen. Diese Szenen verpuffen hier allerdings im Ungefähren. Zum Schluss sitzt die Familie wieder am großen Tisch und alles wirkt wie zu Beginn der Vorstellung glücklich vereint. Letztendlich ist das aber auch nur eine trügerische Vision, die durch Manola Bertlings vergeblichen Versuchen im Sensenmannkostüm ins Bild von Neo Rauch zu springen, symbolisiert wird. Vielleicht symbolisiert die Szene aber auch die abgegrenzte Welt der Kunst, in die nichts Fremdes, auch der Tod nicht, Eingang erhält.

    Das Ganze ist wieder ein an Regieeinfällen reiches Theaterhappening, aber man bleibt alles in allem nach gut 2 ½ pausenlosen Stunden doch etwas unbefriedigt zurück. Der Funke der das Hartmannensemble durchzuckt, will nicht recht überspringen. Die Inszenierung hat etwas sentimental Sehnsuchtsvolles einerseits und etwas wild Ausuferndes anderseits. Hartmann zelebriert wieder den entfesselten unbedingten Kunstwillen, in der Hoffnung die kollektiven Räusche der Bühne auf das Publikum übertragen zu können. Etwas, was eben selten gelingen will, ihm aber einzig erstrebenswertes Ziel bleiben wird. Für Spekulationen um Hartmanns Zukunft scheint es momentan noch zu früh zu sein. Ob er tatsächlich 2013 nach Berlin wechseln wird, zwei Möglichkeiten gäbe es ja dann u.U., scheint momentan eher unrealistisch. Das dann freie Maxim Gorki Theater, dürfte zu klein für seine Ambitionen sein und bei der ähnlich dem Centralthetaer chronisch unterfinanzierten Bühne käme er nur vom Regen in die Traufe. Das Frank Castorf den Intendantenstuhl der Volksbühne freigibt und sich nach seinem krönenden Bayreuthgastspiel aus dem aufreibenden Repertoirgeschäft des Stadttheaters zurückzieht, kann sich in Berlin auch niemand wirklich vorstellen. Aber Hartmann braucht ein festes begeisterungsfähiges Ensemble, eine Theaterfamilie ähnlich der Ekdahls, um seine Visionen von Theater fortsetzen zu können. Im März 2012 wird Sebastian Hartmann erst einmal in Koproduktion mit Maxim Gorki Theater in Berlin Falladas „Trinker“ inszenieren, auch wieder eine exzessive Figur die aus den bürgerlichen Konventionen auszubrechen versucht.

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