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  • Oh, Demosthenes – für Nis-Momme Stockmann, der Versuch einer Erwiderung

    „Unmöglich ist es, daß der Ungerechte, der Meineidige, der Lügner, eine dauerhafte Macht besitze. Eine solche Macht hält für einmal und auf kurze Zeit. Sie blüht, wenn es glückt, in Hoffnung auf, aber, von der Zeit belauert, fällt sie von selbst zusammen.“

    Demosthenes, der berühmteste Redner Attikas, versuchte in seinen Reden zum Kampf gegen die Vereinnahmung der Griechen durch Philipp II. von Makedonien aufzurufen.

    Auch Du hast Deinen Phillip gefunden. Ich darf doch Du sagen, da Du mir vorkommst, wie ein alter Kumpan, ein Bruder im Geiste.

    Nur sind wir auch Verbündete? Was weißt Du von mir, was weiß ich von Dir?

    Da wir doch keinen Sektor teilen, höchstens uns immer wieder annähern und entfernen, uns aneinander reiben und im günstigsten Falle eine kleine Schnittmenge bilden.

    Aber wir teilen eine Sehnsucht. Wir stehen am Meer der Geschichten aus Himbeersoße.

    „Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird liegen am Kai.“

    Dein Schiff wird kommen. Es wird mich mitnehmen über dieses Meer, wird mich wieder absetzen und ich werde warten auf die Rückkehr, einen Penny in der Hand.

    Bist Du der Mann der die Welt aß? Gib Sie wieder frei, Stück für Stück.
    Lass mich teilhaben an Deinen Träumen und Ängsten.
    Knuff mich ruhig stark in die Schulter, ich will es aushalten.

    „Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird beschießen die Stadt.“

    Du brauchst keinen Nietzsche, der Nihilismus ist Dir fremd.
    Sei ein Strauchelnder im Heer des Gleichschritts.

    „Auch Quellen und Brunnen versiegen, wenn man zu oft und zu viel aus ihnen schöpft.“

    Ein Besessener, in dem was du willst. Steh gleich einem Einar Schleef im Gleichmut des diskursiven Konsens.
    Saug Deine Wahrheit aus dem Hier und Jetzt. Vertraue nicht dem Ruf nach Brisanz und Relevanz.

    „Der Ausgangspunkt für die großartigsten Unternehmungen liegt oft in kaum wahrnehmbaren Gelegenheiten.“

    Und so will auch ich glücklich vor mich hin rezipieren, will zuhören dem Logographen der Seele, aufnehmen und verstehen.

    „Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird entschwinden mit mir.“

    Deinem Sinn für Liebe und Schönheit vertrauend, hoffend nicht für Dich zu sein, der mit dem falschen Teil um die Ecke kommt,

    Dein XYZ, nicht als Dein Kritiker sondern Dein Publikum.

    (Unter Verwendung von Zitaten des Demosthenes und Brechts Seeräuber-Jenny)

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    Zur Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf  Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

    Das ist natürlich sehr kokett, in der Position von Nis-Momme Stockmann, zu behaupten nicht gefallen zu wollen. Mit seiner scheinbaren Verweigerung eine Geschichte zu erzählen, in „Ein Schiff wird kommen“, legt er aber den Finger in die Wunde. Ich meine, gut beobachtet zu haben, wie einige Zuschauer sich in ihren Sitzen hin und herrutschend, nicht so wirklich in diese Story ergeben wollten. Das ist ungewöhnlich für uns, erst zum Schluss etwas präsentiert zu bekommen, womit wir vorher nicht gerechnet haben. Aber ich glaube, darum geht es auch, keine Erwartungen zu erfüllen, sondern das zu machen, was für einen selbst Relevanz hat. Die Schmähung der Kritiker und des Kulturbetriebs, der auch Stockmann selbst trägt, ist aber durchaus nachvollziehbar. Er beißt voll Wut in die Hand die ihn füttert, das mag arrogant erscheinen, ob der Tatsache, das auch andere junge Autoren in diesem Betrieb bestehen wollen und müssen. Aber er hat einen Kampf begonnen, der ihm wichtig erscheint und das ist das Recht der Jugend. Er wird in Zukunft daran gemessen werden, vor allem von denen, die seiner Meinung nach die Künste verseuchen. Aber auch das Publikum wird erfahren wollen, wie er diese Kraft, die er aus der begonnen Auseinandersetzung gewinnen will, nutzen wird. Dafür wünsche ich ihm viel Erfolg und das sich ihm weitere Gleichgesinnte anschließen werden.

  • Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr von Christoph Ransmayr

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    Ein Gastspiel des Theaters Dortmund am Berliner Ensemble im Rahmen des Uraufführungs-Marathons „Odyssee Europa“ bei der Ruhr.2010 – Regie: Michael Gruner

    In den letzten Jahren hat Claus Peymann am Berliner Ensemble immer mit ein paar ausgewählten Stücken einen kleinen Kontrapunkt zum Theatertreffen in Berlin setzen wollen. Dieses Jahr reicht es nur für einen „Odysseus, Verbrecher“ aus Dortmund. Wahrscheinlich weil Claus Peymann wohl lieber selbst zum Theatertreffen geht, wie berichtet wird.

    Aber was ist das? Diesen Odysseus sollte die Strandpolizei lieber sofort von der Bühne weg verhaften. Plakatives Guckkastentheater mit einem der schlechtesten Texte, die ich je von Christoph Ransmayr gehört oder gelesen habe. Diesen Text, wie auch die Inszenierung, kann man sich nur mit sehr viel Ouzo schön saufen. Griechische Tragödien zur Geißelung der Kriege unserer Zeit her zu nehmen, ist nicht neu aber durchaus machbar. Dann aber bitte auch mit dem originalen Text und nicht mit dieser Holzhammerdidaktik. Die Toten sind die Menschen, die im Chor ständig Lieder aus der „Winterreise“ hauchen müssen und die Lebenden sind blutrünstige Zombies oder berechnende „Reformer“ unter Papiermasken. Papieren wirkt das Ganze auch, aufgesetzt und unglaubwürdig. Ist das nun eine besondere Form der Verfremdung oder eher Entfremdung? Es ist einem nach Gott sei dank nur 1:30 h auch so ziemlich egal. Ich hoffe, der Regisseur gibt nach jeder Aufführung eine Runde Halsbonbons für die heiseren Schauspieler aus, die die ganze Zeit mit verstellter Reibeisenstimme sprechen müssen. Da gehe ich dann doch lieber weiter zum Theatertreffen, und mit Sicherheit sehe ich da auch Claus Peymann wieder.

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    Infos: http://www.theaterdo.de/spielplan/schauspiel/

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    Odysseus, Verbecher. – Projekt Odyssee Europa – Schauspiel Theater Dortmund
  • Vùng biên gió’i (Grenzgebiet) – Rimini Protokoll mit Experten aus Dresden und Prag zu Gast im HAU 2 Berlin

    Es ist eine Menge passiert an diesem Wochenende in Berliner Theatern. Neben dem Hauptevent Theatertreffen ist aber eine kleine aber interessante Produktion von Rimini Protokoll in einem Gastspiel aus Dresden völlig unbemerkt von der Berliner Kritik am HAU2 gelaufen. Vùng biên gió’i (Grenzgebiet) erzählt mit Experten aus Dresden und Prag die Geschichte der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR und ihrer Kinder, der zweiten Generation sozusagen, die nun in Deutschland und Tschechien ihre neuen Wege und Bestimmungen suchen. Als gelernter ehemaliger DDR-Bürger kennt man die kleinen, quirligen, immer gut gelaunten Leute, vorwiegend aus den Betrieben der Textilindustrie.

    Und auch ich hatte meinen ersten Jeans-Anzug nicht von der West-Verwandschaft sondern vom sogenannten „Fidschi“ für ca. 250 Ostmark. Für ihre Geschichte hat man sich nie wirklich interessiert, war der Kontakt doch meist nur auf solche geschäftlichen Beziehungen reduziert. Dank Rimini Protokoll hört man nun mehr, auch wenn man Vieles, falls man wollte, auch nach der Wende schon erfahren konnte. Die so genannte Solidarität der Brudervölker bestand in knallhart kalkuliertem materiellen Interesse, zu gleichen Teilen gingen je 40% der von den Vertragsarbeitern erzeugten Waren, übrigens auch aus Kuba, Angola oder Mosambique, in die SU oder nach Westdeutschland. Wir hören interessiert die Geschichten aus dem Vietnamkrieg von den Protagonisten, die damals meist selbst noch Kinder waren.

    Ergänzt werden die Berichte von einem ehemaligen Grenzoffizier, der nach seinem aktiven Dienst, Betreuer für die vietnamesischen Vertragsarbeiter wurde. Sein Duktus des gewohnten Befehlsempfängers und -verteilers klingt ungewohnt und sicher für einige, nicht im Osten groß Gewordene, antiquiert. Aber auch ich erinnere mich solcher Betreuer in den Lehrlingswohnheimen der DDR. Es gehört sicher Mut dazu, sich der Aufgabe des Zeitzeugen aus dieser Sicht zu stellen.

    Die Stellung der vietnamesischen Vertragsarbeiter in DDR war sicher eine komplett andere, als die der südvietnamesischen Boat People in der BRD. Diese waren eher willkommen und hatten die Chance sich zu integrieren, was den Vietnamesen in der DDR verwehrt blieb. Ein Unterschied, der durchaus auch in der noch immer nicht völlig überwundenen ideologischen Teilung des Landes nach dem Ende der französischen Fremdherrschaft begründet ist. Aber auf diese Parallele zur gesamtdeutschen Geschichte kann dieses sicher gut gemeinte Projekt nicht auch noch eingehen. Es wäre aber gerade für alle Deutsche in Ost und West eine wichtige Erfahrung.

    Fakt ist, das die verbliebenen Vietnamesen aus Deutschland nicht mehr weg zu denken sind und gerade ihre Kinder eine Chance für eine normale Entwicklung wie alle Deutschen oder andere Migrantengruppen haben müssen. Einen starken Integrationswillen hat gerade die Gruppe der Vietnamesen ja immer bewiesen.

    Wenn man wie ich einmal Vietnam besucht hat, ist man jedenfalls der Freundlichkeit und der ehrlichen Neugier der Einheimischen allem Neuen gegenüber bedingungslos erlegen. Ich hoffe jedenfalls, das sich dies nach der beginnenden Öffnung des Landes nach Westen hin, nicht all zu negativ für die Vietnamesen auswirken wird.

  • Rrungs! – Eine Raumerkundung von Wanda Golonka an der Berliner Volksbühne

    Immer wieder gehe ich, um meinen Horizont zu erweitern, mit schöner Regelmäßigkeit in Tanztheaterproduktionen. Was läge da näher als eine Raumerkundung in der Volksbühne. Gab es dort doch immer wieder sehr interessante und gelungene Beiträge dieser Sparte. Der Beitrag von Wanda Golonka, über die man immer wieder vielversprechende Rezensionen in den Theaterfachblättern lesen konnte, heißt Rrungs!. Und es scheint, das dieser Abend bestrebt ist, mit genau diesem Geräusch irgendwann gegen die Bühnenwand zu fahren. Um es vorweg zu nehmen, ich habe mir dieses Ende erspart.

    Der Bühnenraum wird durchschritten / erkundet, erst durch uns Besucher und dann immer wieder durch die Tänzer, nach vorn und hinten, mit wirren Verrenkungen, die an Gymnastiksendungen aus dem Fernsehen mit abgestelltem Ton erinnern. Es dürfte bekannt sein, das gerade Musik Räume öffnen, schaffen und ausfüllen kann. Wanda Golonka verzichtet weitgehend darauf und so bleibt der Raum in der Volksbühne merkwürdig leer, ja zum Teil verschließt er sich einem sogar regelrecht. Da hilft auch der Text nicht mehr, der ohne passende Bilder alleine ohne Bezug daneben steht. Gerade Heiner Müller mit seiner Bildbeschreibung kann einen ganzen Abend füllen, was Susanne Truckenbrodt 2003 in den Sophiensaelen bewiesen hat. Dieses Potential von Text wird hier in der Volksbühne schmerzlich verschenkt. Und so hat sich Wanda Golonka leider mit dieser Vorstellung in Berlin bis auf die Knochen ihrer Tänzer blamiert.

  • Für alle reicht es nicht von Dirk Laucke

    In der Box des Deutschen Theaters Berlin

    Aus den Lautsprechern der Bar vor der Box im DT tönt Bob Dylan. Ich muss unweigerlich an die herausragende Dylan-Thomas-Inszenierung „Unter dem Milchwald“ von Sabine Auf der Heyde hier in der Box denken. Einige ihrer skurrilen Zeltplatzbewohner hat sie in das neue Stück von Dirk Laucke hinüber gerettet. Nun stehen sie im Wald mitten im Niemandsland zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und der Tschechischen Republik. Ein junges Ost-West-Pärchen das Zigaretten und rechte Musikkassetten schmuggelt und ein ehemaliger NVA-Offizier der einen Panzer aus dem Schrott gerettet hat und damit Nostalgiefahrten durchs Gelände plant. Heiner hat sein Leben in der DDR gelebt und sucht nach einem neuen im vereinigten Deutschland, Jo und Anna haben noch nicht einmal richtig zu leben angefangen.

    Es fehlt an Geld und Zukunft. Ideen haben sie jedenfalls und da stolpern sie über einen Laster mit Schmuggelzigaretten und vergessenen asiatischen Flüchtlingen. Nachdem erst mal ausdiskutiert wird, ob Fidschis für Vietnamesen ein rassistischen Schimpfwort ist oder nicht, werden von Jo sofort Pläne geschmiedet den Fund in Geld umzusetzen. Er erklärt als echter „Besser“-Wessi Heiner erst mal, das ihm für sein Panzergeschäft nicht nur das richtige Merchandising fehlt, sondern vor allem das Geld. Und nachdem die Zweifel bei Heiner halbwegs ausgeräumt sind, läuft die Chose, natürlich letztendlich voll gegen den Baum.

    Dirk Laucke, Jahrgang 1982, interessiert in seinem Stück weniger der Ost-West Konflikt als viel mehr der globale, in dem die Grenzen in Europa zwar durchlässiger geworden sind, sich aber die „Evolution“ der Wirtschaftsflüchtlinge nur weiter nach Osten oder Süden verschoben hat. Trotzdem lässt er Heiner seine Ost-Biografie mit NVA und Alkohol die ihm erst Frau und Kind gekostet hat und dann nach der Wende gehen auch noch System und Job flöten. Erst als seine Tochter Ela wieder auftaucht, findet er endlich in seiner Enkelin Chayenne, klingt ja wie Pfeffer sagt Anna nein wie die Indianer meint Jo, eine Zuhörerin für seine alten Geschichten. Jede Figur im Stück hat ihre spezielle mehr oder weniger traumatische Biografie. Jeder sucht ein neues Leben, will etwas vom Kuchen abhaben. Das Gewissen schlägt mit Ela in ihre Mitte, sie ist die einzige die nicht tatenlos zusehen will, wie die Flüchtlinge im Laster zu Grunde gehen.

    Nachdem Jo mit seine Plänen gescheitert ist, niemand will die Vietnamesen haben, sogar die Erdbeerfelder zur Arbeit gibt es nicht mehr, will auch Heiner die Flüchtlinge so schnell wie möglich loswerden, sie stören nur sein neues Geschäft. Das er dabei auch seine Tochter, die im Streit mit Anna, die nicht nur die Vietnamesen als unmittelbare Konkurrenz sieht, im Laster gelandet ist, mit über die Grenze nach Tschechien fährt, merkt er nicht mal. Sie kann nur noch konsternieren „Ich gehöre doch nicht dazu“. Letztendlich sitzen wir aber alle im selben Boot, nur für alle reicht es eben nicht.
    Die Inszenierung von Sabine Auf der Heyde ist dicht und glaubwürdig, sie hat mit Katrin Wichmann, Paul Schröder, Bernd Stempel und Isabel Schosnig auch ein grandiosen Schauspielensemble, das nebenbei noch genial die Musik, die Geräusche der Tiere im Wald oder das Fahren des Panzers besorgt.

    So eine Story kann schnell bildgewaltig im Sozialkitsch enden, hier gelingt Sabine Auf der Heyde aber wieder mal ein kleines Meisterwerk.

  • Der Kaukasische Kreidekreis am Berliner Ensemble

    in einer Inszenierung von Manfred Karge

    Wie oft hat man schon die Chance in einer Woche kurz hintereinander zwei der Brechtstücke zu sehen, die ihm wie keine seiner vielen anderen so am Herzen gelegen haben? Zwei Parabeln über die Stellung des Einzelnen in einer ihm feindlichen Gesellschaft. Es gibt zwei gute Menschen die vor schwere Entscheidungen gestellt werden und die sich erst im Guten Menschen von Sezuan nicht für eine Seite entscheiden können und dann im Kaukasischen Kreidekreis aber gezwungen sind Partei zu ergreifen. Es gibt zwei Konflikte, erst den der Shen Te eines guten Lebens im Schlechten und dann der der Grusche wie werde ich vom Geknechteten zum bewusst handelnden Menschen. Das geht mit einer bestimmten Entwicklung einher. Erst hat sie Mitleid und dann durch das eigene Bringen von Opfern zum Wohle des Kindes entwickelt sie sich bewusst zur wahren Mutterfigur. Nicht das Blut ist entscheidend sondern das Handeln was zum Nutzen des Kindes führt, das ist der Unterschied zum historischen chinesischen Kreidekreis den Klabund bereits vor Brecht sehr erfolgreich ins Deutsche übertragen hat.

    Das Einfügen der Rahmenhandlung mit den beiden um ein Stück Weideland streitenden Dörfer in der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg war Brechts aktueller Kommentar zur damaligen Situation. Nun ist das aus heutiger Sicht sicher etwas blauäugig im Wissen darüber, was Stalins Zwangsumsiedlungen für Leid unter z.B. den Tataren verursacht hat. Das wurde Brecht auch vorgeworfen. Manfred Karge bringt es nun noch einmal zur Relativierung und als seinen aktuellen Beitrag. Allerdings wischt er gleich auch die Dorfbewohner weg und lässt nur noch den Sänger zu, der aus der Vergangenheit berichtet. Sozialismus scheint ihm langweilig gestrig. Das steht konträr zur Aussage des Programmhefts mit einem globalisierungskritischen Loblied auf Brechts Kreidekreis des Schweizer Soziologen Jean Ziegler und dem Abdruck der Übertragung des Kommunistischen Manifests in Verse von Brecht.

    Karge zerstört aber so den Parabelcharakter des Stücks über das nützliche Handeln und reduziert den Blick allein auf Grusche. Deren Entwicklung wird aber nicht konsequent dargestellt. Sie ist von Anfang an die entschlossene resolute Frau wie sie sich im Prozess dann gegenüber Azdak positioniert. Der Weg der Grusche wird in Karges Inszenierung immer wieder von der Geschichte des Dorfschreibers Azdak unterbrochen und überlagert so ungünstig ihre Entwicklung. Der epische Charakter jede Szene für sich zu sehen wird aufgelöst und die Handlungen ineinander verschachtelt. Es ist vielleicht dramaturgisch von Vorteil die Szenen des Azdak mit der Grusche-Handlung zu mischen, finden sie ja auch parallel statt, aber es hatte einen Sinn, das Brecht die Handlungen trennte. Der bereits vom Leben enttäuschte versoffene Azdak ist ein weiterer Widerspruch in der Geschichte. Brecht hat lange nach einem sozialen Grund für sein Handeln gesucht. Brecht karikiert einerseits in ihm das alte amoralische korrupte Rechtssystem und zeigt ihn aber auch anderseits als bauernschlauen Lump der das Recht sabotiert und spricht wie es ihm passt. Eine gewisse Enttäuschung gepaart mit dem Wissen, das er die Welt nicht ändern kann, lassen ihn im alten System verharren. Das dabei die Leute seiner Schicht meist besser weg kommen, erscheint wie ein zufälliger Nebeneffekt. Dieter Montag spielt den Azdak bisweilen wie einen Dorfrichter Adam a la Stein und Brandauer, ein Overacting, das unpassend wirkt, ist er doch eigentlich auch immer unsicher, ob dem was ihm passiert. Und so sind leider auch alle anderen Figuren merkwürdig überzeichnet und in ihren Gebärden besonders in der Grusche doch eher auf Empfindung getrimmt als auf Darstellung eines Charakters.

    Unbestritten dagegen ist Brechts Stellungnahme im Stück in Bezug auf Kriege in jeglicher Art. Kriege finden auch heute noch im Zeichen der Globalisierung statt, nur sind sie hier in Deutschland noch nicht allgegenwärtig. Und nicht Peymann möchte ich hier aus dem Spiegel zitieren sondern Thomas Brussig: „Noch haben wir nicht das elektrisierende Ereignis, über das alle reden und das jeden zwingt, eine Meinung zum Afghanistan-Einsatz zu haben. Es gibt deutsche Opfer, und es gibt Verrohungstendenzen unter deutschen Soldaten, aber unterhalb der Schmerzgrenze. Wir geraten unmerklich in Zustände hinein, bei denen sich hinterher alle entsetzt fragen: Wieso haben wir da nicht früher reagiert?“
    Auch Karge reagiert nur zögerlich, alles bleibt so unbestimmt. Soldaten in Sowjet-Uniformen irritieren nur, als das sie allgemeingültig für Kriege herhalten könnten. Karge vermischt etwas, was aktuell unverständlich wirkt, Stalin-Greuel mit den Kriegen der Mächtigen in denen Menschen nur als Mittel zum Zweck dienen und immer die Verlieren sein werden.

    Da die Provokation in Karges Inszenierung so undeutlich ist, taugt sie nicht. Seine Interpretation ist sicher nicht verstaubt, sie hebt mein Brechtbild aber auch nicht aus den Angeln.

  • Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht an der Schaubühne Berlin

    Eine Inszenierung von Friederike Heller unter musikalischer Begleitung der Band Kante.

    Um es vorweg zu nehmen, Juchhu es hat funktioniert, allerdings mit einem kleinen Aber. Wer heute den guten Menschen aufführt wird immer auch an die Grenzen stoßen, an die auch schon Bertolt Brecht selbst gelangt ist. Es hat viel Text, es passiert eine Unmenge, wie gestalte ich das, dass es seine Schwere verliert? Friederike Heller setzt dabei kongenial das um, was Patrick Wengenroth zum Epischen Theater ein paar Wochen vorher eingefallen ist. Verfremdungseffekt bis zur Travestie, sie bleibt dabei aber nah am Text. Brecht bleibt erkennbar, auch wenn es mitunter ins Alberne schwappt. Klasse die Einlagen von Ernst Stötzner als Wang, es hatte ja Sinn, das von Brecht diese Zwischenstücke eingefügt wurden. Da hätte man sogar noch mehr drauf aufbauen können. Die Musik von Dessau wird durch Kante frisch und rockig präsentiert, das hilft auf jeden Fall Schwächen in der Dramaturgie des Stückes zu überspielen. Kante haben Erfahrung mit Theatermusik, ich sah sie bereits in 2007 in Wien bei einer gelungenen Heller-Inszenierung von Peter Handkes Spuren der Verirrten im Akademietheater. Da standen Sie noch mehr am Rand, jetzt stehen sie im Zentrum des Geschehens und gestalten es offensiv mit.

    Nun zum lustigen Hut auf Hut ab-Spielchen, das geht natürlich nur wenn der Zuschauer und ab und an auch der Schauspieler selbst nicht den Durchblick verliert. Die Anzahl der Mitwirkenden zu reduzieren, entsteht ja nicht aus dem Sparzwang heraus, sondern der besseren Verständlichkeit bei zu vielen Nebenfiguren. Es klappt nahezu reibungslos und hat am Anfang auch Tempo und Pep. Nur, und jetzt kommt das große Aber, es läuft sich mit der Zeit tot. Man kann solch ein Tempo nicht grenzenlos aufrecht erhalten, und da käme nun der Einsatz des Epischen Theaters für Unterbrechungen zu sorgen, um dem Zuschauer zu signalisieren, Achtung jetzt umschwenken und um einen Bruch auch in der Dramaturgie aufzuzeigen. Die Wang-Zwischenspiele sowie die ins Publikum gesprochenen Erklärungen könnten das bringen, hier geht aber Heller zu leicht drüber weg. Der Schluss wird im Schnelllauf absolviert und verpufft gänzlich. Nun ich verlange nicht, dass die Götter auf einer Wolke entschweben, aber ich könnte mir vorstellen, dass man doch noch mal zum Schluss auch meinetwegen nach dem Verbeugen zum Publikum spricht. So jetzt habe wir für euch 3 Stunden den Kasper gegeben und jetzt schert euch raus und denkt selber weiter. Der Schluss muss muss muss ja nicht unbedingt gut sein.

    So und jetzt sehen Sie, dass ich ganz ohne Erwähnung Jule Böwes als Shin Te ausgekommen bin, woran mag das liegen, nicht das Sie nicht gut wäre oder nicht ausreichend präsent, nein sie fügt sich einfach wunderbar in eine klasse Ensembleleistung ein.

    Im Guten Menschen von Sezuan wird der Widerspruch eines guten Lebens in einer schlechten Gesellschaft dargestellt. Es wird erzählt, nicht erklärt, zwei Lebensentwürfe werden nebeneinander gestellt und lediglich noch zusätzlich kommentiert um den Widerspruch zu verstärken. Die Parabelhaftigkeit aufzulösen, also die Erklärung zu bringen, würde bedeuten den Text daraufhin zu untersuchen, also zu dekonstruieren um seine Perspektiven zu finden. Friederike Heller tut dies auch nicht, im Gegensatz zu Sebastian Baumgarten mit seinem Danton am Gorki Theater. Wo ist also das Problem? Die Frage nach glaubwürdigen Figuren steht angeblich im Vordergrund. Wie will man die bei Brecht finden? Taugen heute Figuren wie Shin Te, Grusche, die Mutter, Johanna etc. noch zur Identifikation? Die Grundaussage des Widerspruchs den Brecht in seinen Stücken zeigt bleibt aber doch immer sichtbar, er ist allgegenwärtig und wird trotzdem auf dem Theater sicher nicht gelöst werden, ob ich nun dekonstruiere, das Stück so lasse wie es ist oder es lediglich etwas zeitgemäßer aufführe. Ich glaube man hat eher Angst, ästhetisch nicht dort abgeholt zu werden, wo man vor Jahren mal stehen geblieben ist? Das kann es doch wohl nicht sein.

    Einen anderen Regiestil wird man sich demnächst am BE anschauen können, wenn Manfred Karge den Kreidekreis inszeniert. Ein Vergleich lohnt in jedem Fall.

  • Zum Tod von Werner Schroeter

    Für Werner Schroeter war der Mensch und der Körper immer Thema, ob im Leben oder im Tod, das gehört immer dazu, da hat er sicher keinen Unterschied gemacht. Ich hoffe nur, das es zumindest den Kritikern leid tut, die in seiner letzten Inszenierung in der Volksbühne vorgezogen haben zu schlafen, eine nächste Chance ihn zu erleben wird es nicht mehr geben. Aber leider ist das wie mit der verschütteten Milch. Da er nun nicht mehr da ist, wird es ihm nicht mehr gerecht werden. Man kann von „Quai West“ keinen großen Abend erwarten und schon gar keine Opulenz und Wahnsinn wie in „Malina“, das gibt das Stück ja gar nicht her.
    In einem seiner letzten Interviews mit der FAZ hat er zu einer Frage über sein Verhältnis zur Schönheit Tschaikowsky zitiert: „Man darf doch wohl vom Publikum verlangen, dass es eine Reise mitmacht, in der es den unaufgehobenen Widerspruch zwischen Schmerz und Schönheit als einen möglichen Weg in die Wahrheit und Wahrhaftigkeit sieht.“ Weiter sagt er: „Für mich ist Schönheit kein Verbrechen und kein Kitsch. Es ist nicht nur „des Schrecklichen Anfang“, wie Rilke schrieb, sondern Schönheit ist ein Seelenbedürfnis des Menschen. Und allein durch die Schönheit ist nicht alles Schreckliche so schrecklich, wie es sonst vielleicht aussieht. … Man muss den Menschen lieben, um ihn zu verstehen.“ Wenn das pathetisch klingt, na meinetwegen, aber da ist auch verdammt viel Kraft drin. Werner Schroeter ist eben selbst ein „Kraftwerk der Gefühle“.

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    „Die Sinnlichkeit. Dass man den Menschen als Körper nimmt und nicht als Gedanken. Die Sprache ist doch körperlich. Sie ist wie Pisse, das ist auch physisch. Alles ist Körper. Schauen Sie doch: Hier ist der Sprachkörper. Und jetzt ist er weg.“ (taz, April 2009)
    Werner Schroeter (* 7. April 1945 in Georgenthal; † 12. April 2010 in Kassel)
    Danke!

  • Dantons Tod – Sebastian Baumgarten inszeniert Georg Büchner am Maxim Gorki Theater Berlin

    Die Macht der Sprache, die Sprache als Machtinstrument. Das sollte das Thema von Sebastian Baumgarten an diesem Abend im Maxim Gorki Theater sein. Die französische Revolution interessiert wenn überhaupt nur am Rande. Sie ist verkommen noch bevor sie richtig vollendet werden konnte. Überall nur Zombies. Der eine predigt Wasser, der andere säuft Wein. Überall wird mal vom Honigtöpfchen der guten Regieeinfälle genascht, aber es bleibt nichts Essentielles kleben.

    Baumgarten hangelt sich so von 68er Kommunardenagitationszirkeln über lustige Bettszenen a la Kommune 1, Kunst kontra Radikalisierung a la RAF zum totalen Untergang mit Zyankalikapseln. Dazwischen immer mal wieder auch Büchners Danton und seine Kontrahenten Robespierre und Saint-Just, die dann irgendwann, wenn das Bühnenbild sich vom Bunker in eine Treppe gewandelt hat, als Hüter der Moral in Schäferkostümen zum Fanal gegen die Abtrünnigen blasen. Sprache ist viel an diesem Abend in allen Formen. Der belehrende Ton der politischen Schulung im SDS-Format, weinseliges Kommunarden-Bla-Bla, demagogisches Geschrei und vergebliches Verteidigungsgestammel der in ihrer Macht erschütterten Dantonianer. Die Sprache der Gasse ist ausgesperrt und nur wenn sich die Tür des Bunkers öffnet ist sie lautstark zu vernehmen. Sie wird auch irgendwann Robespierre hinwegschreien und dann ist Stille, wenn die Macht erloschen ist. Baumgarten zeigt zum Schluss alle Protagonisten in einem Stummfilm. Die Idee ist gut, nur sie bleibt leider unverständlich.

    „Die Idee einer gesamtgesellschaftlichen Sprache, die Macht immer wieder neu organisiert und jenseits von übergeordneten Autoritäten setzt, ist bis heute uneingelöste Utopie der Demokratie und der Aufklärung.“ So verheißt es das Programmheft. Da aber heute zur Sprache auch die Macht der Bilder hinzukommt, können das bloße Einblenden von Videos über Straßenkämpfe keinen mehr auf die Barrikaden bringen.

    Hannah Arendt hat sich lange mit den Revolutionen der Welt beschäftigt. Sie wird im Programmheft zitiert: „Macht aber besitzt eigentlich niemand, sie entseht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen.“ Baumgarten versteht die gemeinsame Sprache der Revolution als ein großes chaotisches Babel? Und so bleibt leider die ganze Inszenierung das was Danton erst zum Schluss ist, nämlich ziemlich kopflos.

  • Fabian Hinrichs Ein Koffer voller Schmerzen in den Sophiensaelen Berlin

    Meine letzten Vorlesungserfahrungen liegen mit Sicherheit mehr als 15 Jahre zurück, und in unguter Erinnerung daran, habe ich mich zu diesem erneuten Selbstversuch, nicht ohne Koketterie behauptet, auch selbst überreden müssen. Letztendlich gelockt hat mich, die Ankündigung, das Fabian Hinrichs hier „eine Art öffentlichen Rechenschaftsbericht über eine Arbeit, die man mich im übrigen mehr oder weniger nach meinem Gutdünken verrichten lässt“ ablegen will. Was muss man sich darunter vorstellen, wenn ein 35jähriger sich freiwillig wieder auf die harten Sitze der Hörsäle der Freien Uni Berlin setzt und Vorlesungen zur Politikwissenschaft hört, um uns dann an den Ergebnissen teilhaben zu lassen? „Wie werde ich in einer, in eineinhalb Stunden, dieses oder jenes vorstellen können, ohne die Leute allzusehr zu langweilen?“ Eine Frage die sich jeder Besucher vorher auch selbst gestellt haben wird und sicher auch die, was er nun am Ende damit anfangen wird. Diese Antwort verweigert uns Fabian Hinrichs von Anfang an. „Es geht mich insofern nichts an, als ich nicht zu entscheiden habe, was Sie damit machen.“ Also der Programmzettel hilft schon mal nicht weiter. Dafür gibt es ein mehrere Seiten dickes Skript, wie es sich für eine richtige Vorlesung auch gehört. Das Konzept lautet aber „Songs ohne Namen, Interview ohne Namen, Vorlesung ohne Namen“.
    Der Autor der Vorlesung, Zeit und Ort bleiben im Verborgenen, wir können nur aus dem Text erahnen, das der Referent bereits in den 20er und 30er Jahren in Jugendberatungsstellen mitgearbeitet hat und eine süddeutschen Dialekt (vermutlich bayrisch) spricht. Aber zuerst, nachdem die Besucher der Vorlesung die auf den Sitzen des Saales liegenden Zettel mit der seltsamen Aufschrift „Reserviert für F. Hinrichs!“ entfernt und sich gesetzt haben, werden zur Einstimmung Gesprächsfetzen, Musik (u.a. Reinhard May), Kabaretteinlagen vom Band gespielt. Fabian Hinrichs sitzt in Jeans und weißem Unterhemd auf einem Stuhl und versucht gegen das Bühnenlicht unsere ersten Reaktionen einzufangen. An die Wand werden mittels Beamer immer wieder Bilderfetzen von Menschen, die einem wahrscheinlich bekannt vorkommen sollen, geworfen.
    Endlich beginnt Hinrichs mit den Worten: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Titel, der für diesen Vortrag ausgewählt wurde, lautet: ‚Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn’.“ Es geht also um nichts mehr oder weniger als den Sinn des Lebens.
    Spätestens hier dürfte so mancher Zuhörer und mit Sicherheit jeder Kritiker in eine sofortige Sinnkrise geraten. Diese Vorstellung die uns Hinrichs nun bietet entzieht sich natürlich jeder Bewertung, wenn man nicht vor hat ein Essay über den Sinn des Lebens zu verfassen. Das Ganze ist zumindest sehenswert, Fabian Hinrichs trägt in Mimik, Gestik sowie Tonfall den Autor aufs Genaueste imitierend den gesamten Vorlesungstext vor. Es wird kein Versprecher, kein Räusperer und kein „äh“ ausgelassen. Der zum Teil bayrisch eingefärbte Dialekt wirkt komisch, ein verschmitztes Lächeln kann sich selbst Hinrichs nicht verkneifen.
    Der Inhalt in Kurzform gebracht, handelt von der ewigen Sinnsuche im Leben. Es werden Beispiele für die gescheiterte Sinnsuche im Selbstmord mit einem „gestorbenen Nein“ als Antwort dargebracht. „Das Sinnlosigkeitsgefühl als das existentielle Vakuum“, das Leiden am sinnlosen Leben. Einen kleiner Lacherfolgt bringt die Beschreibung des Eindringens dieses Leeregefühls anhand des Büchleins „Das Leiden des sinnlosen Lebens“ ohne Visum in die sozialistischen Länder, trotz Einfuhrverbot fürs existentielle Vakuum. Im Weiteren wird von Verhaltensforschung, Reiz-Antwort-Mechanismus und dem Menschen als sich abreagierendem Wesen gesprochen. Wir hören Schlagworte wie Wohlstandsgesellschaft, Konsumgesellschaft, das Erzeugen und Befriedigen von Bedürfnissen, außer des Sinnbedürfnisses des Menschen. Der Mensch als triebgesteuertes Wesen? Alles „erstunken und erlogen“, gesteuert durch die Massenmedien. Nachdem Psychodynamik und Behaviourismus anhand der Widerstandskämpfer im Nazionalsozialismus widerlegt sind, wird der Mensch als sich selbst transzendierendes Wesen erkannt. Ab jetzt wird es hoch philosophisch, Ontologie bzw. Metaphysik halten Einzug und es gipfelt in der Selbstverwirklichung und deren Nebeneffekten wie Sexualneurosen von Männern mit Orgasmusstörungen. Das sorgt immer wieder für Belustigung, genauso wie die Feststellung dass das Leben ja auch nichts weiter als ein Oxidations- sprich Verbrennungsprozess ist, was das sprichwörtliche Erlöschen des Lebenslichtes beim Tode erklären dürfte.
    Wo bleibt nun die Antwort auf den Sinn des Lebens? Liegt er in dem was wir tun, kann man Sinn tradieren? „Alle Werte sind tot, es lebe der Sinn!“ Sinnfindung in einer hoffnungslosen Situation, einer unheilbaren Krankheit, Unfall, etc.? „Eine Tragödie in eine persönlichen Triumph zu verwandeln“, als menschlichste aller Fähigkeiten. Suchen sie sich etwas aus. Grundsätzlich ist Sinnfindung für jeden Menschen möglich, ist die Quintessenz des Vortrags. Wer hätte das gedacht? Der Vortrag schließt mit der Feststellung, das jene politische Partei, welche auf die Sinnfrage eine Antwort bietet, von deren Faszination profitieren kann und man hofft das der Staat daran keinen Schaden nehme, „Videant consules!“. Welche Partei wird das wohl sein?
    Das alles kennen wir irgend woher und der Meister im Beschreiben politisch, philosophischer Vorgänge in der Gesellschaft am Theater ist auch anwesend, es ist niemand anderes als Rene Pollesch.
    Hinrichs hat mit ihm schon die Frage des Verblendungszusammnenhangs zu klären versucht und dieser Abend schließt nahtlos daran an. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt er uns wieder hinters Licht, wir gehen ihm mit Vergnügen auf den Leim und die Schilder auf den Sitzen sagen nichts anderes, als das wir nun erleben, was Hinrichs in den Wochen vorher an der Uni durchlebt hat. Wir sehen eine Persiflage dieser hochwissenschaftlichen Welt.
    Das Wir als potenzierter Fabian Hinrichs, das ist doch schon mal was.