Blog

  • Fußballpsychologien, fehlende Fußballgötter und kontinentale Verschiebungen

    Das Glück scheint sich abgewendet zu haben, nach dem furiosen Auftakt der jungen deutschen Mannschaft, ein ernüchternder und unglücklicher Rückschlag gegen Serbien. Der Balkan als großes Rätsel und Angstgegner der Deutschen? Hier hilft wohl nur noch Tiefenpsychologie weiter, wenn man den Journalisten und Spielexperten glauben will. Diese selbsternannten Fußballphilosophen tappen aber immer wieder im Dunkeln und zerren alte Statistiken heraus. Rein statistisch gesehen, so ihre These, ist also noch alles möglich, haben doch deutsche Mannschaften in der Geschichte der WM nach Niederlagen in der Vorrunde immer das Finale erreicht und sind so auch 3 mal Weltmeister geworden. „Im Fußball verkompliziert sich alles durch das Vorhandensein der gegnerischen Mannschaft.“ hat schon Sartre, der heimlich auch Fußball guckte, konstatiert. Er hat sogar philosophische Schriften zum Kicken verfasst, worin er erkannte, das zu viel Analyse und taktische Vorbereitung nicht zum Ziel führen, da alle möglichen Varianten eines Fußballspiels nicht vorherbestimmt werden können. Es würde kein vernünftiges Spiel zustande kommen und man verliere zwangsläufig. Sollte das nicht Jogi Löw mal lesen? Da ist scheinbar also auch viel Psychologie mit im Spiel oder ist doch eher der Zufall am Werk. Das Fußballspiel als Darstellung des großen Ganzen im Kleinen? So sieht es wohl der Philosoph Peter Sloterdijk. Der Fußball als Metapher für „…die Ungerechtigkeit des Glücks“. Oder ist es das menschliche Versagen? Murphys Gesetz, alles was schief gehen kann, geht auch schief. Podolski schießt im ganzen Spiel daneben und nimmt sich auch noch den Ball zum Elfmeter. Er hat mit seinem verschossenen Strafstoss die Antithese der Angst des Torwarts vorm Elfmeter bestätigt. Psychologisch ist der Torwart im Vorteil, er hat nichts zu verlieren, wenn er ruhig bleibt. Rein statistisch scheint der Schütze im Vorteil, zu sein, ist aber eher dem Druck des Versagens ausgesetzt. Er hatte eine schlechte Saison, trifft im ganzen Spiel nicht das Tor und hätte darum nicht schießen sollen, weiß ein echter Fußballpsychologe im Radio zu erzählen.

    Also schlechtes Karma, ist uns der Fußballgott abholt? Schauen wir uns dazu nun noch das Abschneiden der anderen vermeintlich starken Nationen in der Vorrunde an. Da kommt einem schon ein Verdacht auf, wenn man sich die Fußballmannschaften des amerikanischen Kontinents anschaut, die Spiele Chiles, Mexicos, Paraguays, der USA und auch noch das bisher eher mäßige Auftreten der Brasilianer zeugen davon. Nicht zuletzt schaue man sich noch Maradonas Argentinier an, der große Trickser mit der Hand Gottes im Bunde, die nicht mehr über Europa zu ruhen scheint, sondern auf dem anderen Kontinent jenseits des Atlantiks. Dagegen ist Frankreich so gut wie am Ende, liegt England fast am Boden, Portugal und Spanien enttäuschen, ein WM-Titel scheint da in weiter Ferne und Italien hat sich bisher auch nicht mit Rum bekleckert, lediglich in der Holland-Gruppe scheint alles nach Plan zu laufen. Wenn sich die Oranjes auch mehr von Spiel zu Spiel mogeln, hat doch Dänemark gezeigt, das man ein schlechtes Spiel noch mal korrigieren kann. Sogar Ottos müde Griechen haben sich wieder gerappelt. Unsere Jungs haben es also nach wie vor in der eigenen Hand und so sollten sie allen psychologischen Ballast abwerfen und was auch immer für Gründe nach der Niederlage gefunden wurden, schlechter Schiedsrichter, Unerfahrenheit, Pech oder Übermotivation, alle sogenannten Experten im Spiel gegen Ghana Lügen strafen.

    Und zum Schluss noch ein bekannter französischer Philosoph, Albert Camus, der nebenbei auch noch ein ausgezeichneter Fußballtorwart war: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“ Wenn das auch etwas pathetisch klingt, vielleicht nehmen sich das zumindest die Franzosen ja noch zu Herzen. Immerhin gibt es einen in der deutschen Mannschaft, der das lebt. Philipp Lahm hat den Druck von den jungen Spielern genommen und sich die Schuld für das Versagen gegeben. Das hat eine gewisse Größe, die einem Kapitän Ballack eher fehlte.

    Also am Mittwoch wissen wir mehr, bis dahin verbleibe ich als Ihr Dr. h.c. phil. Wuwu Sellers.

  • Die Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek in der Reithalle des HOT Potsdam

    In einer Inszenierung von Lukas Langhoff

    Vom RBB wurde das Stück noch als der Knaller vor der Sommerpause angekündigt, das hat auch mich angelockt und so bin ich am Samstag in die schöne Stadt Potsdam gefahren, um mir das Affentheater anzusehen.

    „Die Eclipse als Zeichen der Krise und Katastrophe ist in die Szenerie der Geburt des Menschen eingebunden. Und dazu hören wir Ligetis Requiem.“ heißt es im Programmheft, in einem Text von Gottlieb Florschütz zu Stanley Kubricks Film „2001 – A Space Odyssee“. Lukas Langhof nimmt für seine Inszenierung aber das bekanntere Intro, Richard Strauss` Eröffnung zu Nietzsches „Also Sprach Zarathustra“. Der absolute Wiedererkennungswert zum Film ist ihm also wichtig. Kubrick wollte einen Science-Fiction-Film drehen, in dem technische Utopie und kulturphilosophische Spekulationen über außerirdische Existenzen mit der Evolution des Menschen kollidieren. Langhoff wollte mit Masken spielen und Banker als Affen auftreten lassen. Als Intro funktioniert die Affenszenerie von Lukas Langhoff noch halbwegs, als Monolith steht die besagte Telefonzelle als Relikt der außerirdischen Vergangenheit da. Das erste Klingeln wird von den Affen noch erschrocken bestaunt. Der Evolutionsschritt erfolgt wie bei Kubrick mit dem finden des Knochens. Langhoff überspringt die Werkzeug-Stufe und geht sofort zum Mordinstrument beim Kampf um die Wasserstelle über. Die Gier ist geboren.
    Das hätte als Einstieg genügt, für Langhoff ist die Evolution aber noch nicht beendet und so bleibt der Mensch erst mal noch Tier und die Affenmaske auf. Als nächster Zivilisationsschritt fällt ein Koffer mit Kleidern vom Schnürboden, die Affen kleiden sich ein und führen uns, wie bei einer Modenschau, ihre neue Identität vor. Das Individuum ist geboren. Ach ja, Jelinek gibt es natürlich auch noch. Immer wenn einer der Affen aus der Rolle dessen, was Affen so machen fällt, werden die Jelinekschen Texte zum Besten gegeben. Langhoff bleibt nicht bei den strengen Textgruppen Jelineks, sondern löst die Affengruppe auf und entwickelt lieber Individuen. Da das Stück keine Dialoge hat, müssen welche hinzu erfunden werden. Es folgt ein lustiger Regieeinfall nach dem anderen und derer sind viele, der Text des Stücks stört da eher. Die Textfragmente des originären Stücks werden immer wieder durch die anderen der Affengruppe unterbrochen, ihnen ist langweilig, sie wollen lieber fernsehen oder machen den Redner nach, Affen eben. Menschlich wird es trotzdem noch. Es treten eine Eso-Äffin, die alle Chakren erklärt, bis man selbst ganz schackrig wird, ein Gitarre spielender Muski-Affe, der die Hand aufhält, gähn, ein Prügelaffe, ein bayrisch sprechender Affe und ein verliebter der poetische Texte aufsagt, seine Angebetete von hinten beschnuppert und eine Erdnussdose erjagt. Er bekommt aber sofort von einem anderen Affen vorgehalten, das sein Verhalten nicht PC ist und in den Erdnüssen zu viele Konservierungsstoffe enthalten sind. So kalauert sich Langhoff durch die Inszenierung, ohne zu merken, das der Text von Elfriede Jelinek selber witzig genug ist, er verändert ihn sogar so, das ein des Textes nicht Mächtiger kaum noch erkennen kann, was Jelinek ist und was Regieeinfall.

    Texttreue ist kein Dogma, Elfriede Jelinek lässt jedem Regisseur für das Stück den größt möglichen Freiraum. Auch Nicolas Stemann hat das weidlich ausgenutzt. Nur bei ihm wusste man immer, wann es um Jelinek geht oder wann einfach mal eine Pause ist, um die Schwere des Textgewitters zu durchbrechen und den Kontakt zum Publikum zu suchen. Von Gewitter ist hier keine Spur, der Zuschauer wird nicht gefordert. Verfremdung ist gut, Entfremdung eher missverständlich und hinderlich bei der Selbstreflektion. Wenn die Masken bisweilen fallen, dann nur um zu demonstrieren, das der Mensch nicht besser als ein Affe ist. Das Ausweiden einer im Anzug steckenden Affenpuppe und das genüssliche Verspeisen der Innereien ist sicher provokativ, aber wozu? Die Provokation steckt im Text. Aber Langhoff traut ihm nicht und zerstört so seine gewaltige Macht. Nur einmal kommt so etwas wie ein Zusammenhang von Inszenierung zum Text auf, wenn eine der Äffinnen sich im Wasser spiegelt, sich erkennt und dann den Monolog über den österreichischen Finanzministerminister Grasser vorträgt, dem Sonnyboy der FPÖ, der sich mit seinem Charme aus allem raus redet. Da ist das Lena-Special mit Euro-Fahne eher wieder aktuelle Effekthascherei. Denn was hat Lena mit Europa zu tun, außer das sie den Euro Song Contest gewonnen hat. Der Text des Stücks wird persifliert und kulminiert in der Tatsache, das Elfriede Jelinek selbst am Telefon eingesteht, das sie nichts von der Wirtschaft versteht und der Kapitalismus auf der ganzen Linie gesiegt hat. Da ist sie also wie wir, auch endlos verstrickt, ohne Hoffnung auf einen Ausweg, nur das sie ein Stück geschrieben hat, das Langhoff und Co. anscheinend nicht verstanden haben.

    Wenn das alles nur eine „Scheiß-Metapher“ ist, wie einer der Affen irgendwann konstatiert, was ist dann noch wahr? Wirklichkeit und Theater, alles Illusion, die Finanzblase, das Geld das nun weg ist, die Spaßgesellschaft, wahrscheinlich noch der ganze Text von Elfriede Jelinek dazu. Rene Pollesch wird im Programmheft zitiert: „Sie wurden betrogen ums interaktive Theater? Seid froh! Seid glücklich! Diesem unerbittlichen Amüsierbetrieb entkommen zu sein.“ Mit dieser Farce hat Lukas Langhoff sich aber wieder voll mit diesem Amüsierbetrieb kurzgeschlossen.

  • Axel hol den Rotkohl und Orbital Freaks im Ballhaus Ost Berlin

    ___

    Orbital Freaks von Streunende Hunde und Pawel Schwejka

    Der Raum im 3.Stock des Ballhaus Ost ist mit einer langen leeren Tafel ausgefüllt. Daran sitzen Ein Mann und eine Frau, die über verschiedenste Themen wie Liebe, Sex, Geld und gestresste Beziehungen über SMS und Internet kleine Geschichten entwickeln.
    Nadine Dubois und Pawel Schwejka werfen sich die Texte zu und ergänzen sich wunderbar. Verstärkt werden sie noch durch Molekularmusiker Dirk Woite, der einen herrlichen Vortrag über Dioxyamphetaminderivate, LSD und kosmische Harmonien hält. Nadine Dubois legt dazu einen irren Tanz auf dem Tisch hin. Die kurzen Szenen werden immer wieder durch einige Musikeinlagen vom Band unterbrochen, die von den Schauspielern mit Stimme und Körper mit performed werden. Es entseht so eine dichter Abend über die Möglichkeit von Sprache, Körper und Musik, eine kurzweilige Performance, die Lust auf mehr macht.

    Orbital Freaks Eine Personanz für einen Raum, eine Situation und drei Körper.
    mit NADINE DUBOIS, PAWEL SCHWEJKA, DIRK WOITE und WIEBKE HENSLE als Gabi
    Regie, Text PAWEL SCHWEJKA Raum OLF KREISEL Musik KLAUS
    EINE PRODUKTION VON STREUNENDE HUNDE IN KOOPERATION MIT DEM BALLHAUS OST
    MIT FREUNDLICHER UNTERSTÜTZUNG DURCH DAS THEATERHAUS MITTE

    ———————————————————————————————-

    Axel hol den Rotkohl von und mit Helene Hegemann und Das Helmi

    „Das Puppentheater Das Helmi, das mittlerweile in der von Anne Tismer begründeten freien Spielstätte Ballhaust Ost residiert, hat sich für seine neuste Produktion – man lese und staune! – von dem allseits geachteten nachtkritik.de-Kommentator Stefan inspirieren lassen, der am 8. März 2010 um 13:02 Uhr im sogenannten Axolotl-Thread seine Idee für die Theatralisierung des Romans „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann postete: „Wie wäre es, wenn unter der Regie von Volker Lösch, ein Chor entrüsteter Blogger auf der Bühne sein Recht auf Anerkennung der Urheberschaft am Werk einklagen würde?“ (Unüblicherweise ist die Quelle im Programmheft sogar genannt.)“ Wolfgang Behrens von Nachtkritik, nachzulesen unter www.nachtkritik.de

    Nun, ich bin auch noch einen kleinen Kommentar schuldig. Vielen Dank übrigens noch mal an das Ballhaus für die Freikarte, ich habe mich köstlich amüsiert. Klasse Figuren und wie immer beim Helmi, dieser herrlich trockene Humor. Die entrüsteten Blogger und Literaturkritiker tragen Pappmasken und werfen der Helene im Stück (Gaststar Stephanie Stremler) wie in der wirklichen Feullitondebatte immer wieder vor “„Du hast das alles nicht erlebt““. Es werden einzelne Szenen aus dem Buch von Helene Hegemann, natürlich stark verfremdet mit den Puppen nachgespielt. Sehr witzig ist die Einlassszene vor dem Berghain-Club mit dem Türsteher Sven Marquardt als alles verschluckendem Müllkübel. Man nimmt sich erfreulicher Weise nicht zu ernst und so kann der herrlich dilettierende Abend auch nur über die Runden kommen. Die starken Musikeinlagen peppen die Sache noch zusätzlich auf. Sieht sich Helene Hegemann tatsächlich als eine neue Janis Joplin? Ein Gedanke der mir gut gefällt.

    Zum Schluss doch noch eine kleine Frage meinerseits: Who the Fuck is Volker? Der Volker Lösch hätte vielleicht mal gerne so eine tolle Idee, aber ich will ja nicht meckern.

    St. B., 09. Mai 2010

    Axel hol den Rotkohl von und mit BURKART ELLINGHAUS, HELENE HEGEMANN, FELIX LOYCKE, FLORIAN LOYCKE, BRIAN MORROW, KATHARINA SCHRÖDER, STEPHANIE STREMLER, EMIR TEBATEBAI

    www.ballhausost.de

  • Was ihr wollt im Renaissance-Theater Berlin

    Eine Inszenierung von Armin Holz in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen

    Was verbindet die Fanmeile am Olympiastadion und das Renaissance-Theater in Berlin? Sie sind beide vuwuzelafreie Zonen. Was am Olympiastadion noch ganz sinnvoll erscheint, erweist sich im Renaissancetheater als großer Fehler. Man möchte Gitte Haenning die lange Tröte reichen, damit sie als musikalischer Narr den Figuren, denen Armin Holz mit kleinkunstbeflissenem Eifer allen shakespeareschen Spielwitz ausgetrieben hat, wieder Leben einbläst. Der Traum immer jung zu bleiben, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Im Geiste immer jung zu sein ist aber möglich. Liebe ist nicht abhängig von Alter und Geschlecht. Da ist die Idee von Armin Holz auch nachvollziehbar, „Shakespeares Was ihr wollt“ mit einer Garde Schauspieler jenseits der 60 aufzuführen. Aber, was dort auf der Bühne stattfindet, erinnert stark an eine bunte Muppet Show, nur das die Alten auf der Bühne sind und nicht in der Loge sitzen.

    Kreischbunte Kostüme bei „Was ihr wollt“ sind ja noch durchaus angebracht, aber doch kein kindisches Gehopste ohne Sinn und Verstand. Es fällt schwer, die passenden Worte zu finden, um nicht ganz aus der Rolle zu fallen, wie diese Nichtinszenierung von Armin Holz. Er hat sich eine hübsche Geschichte um die durchaus verehrenswerte Ilse Ritter als Viola/Sebastian gebastelt und alle Figuren müssen sich dieser wundersamen Idee unterordnen. All diese sonst so wunderbaren Schauspieler, am auffälligsten hier Dieter Laser als selbstverliebter traumwandlerischer Orsino, mühen sich in wirren Verrenkungen und possierlichem Textaufsagen, das es regelrecht peinlich für alle Beteiligten inklusive Zuschauer wird.

    Das Holz ein Regie-Wunderling ist, weiß man mittlerweile, aber dieser Hang zur Exaltiertheit und Künstlichkeit war noch nie so auffällig, wie in dieser Inszenierung. Das Stück wird im Schnelldurchlauf abgehandelt. Man lässt sich mehr Zeit, die typischen Holz-Bühnenbilder, Treppe, Pfeil und Pappnasenhaus, auf und ab zu bauen, hier mit Bildern vom Leipziger Maler Matthias Weischer ergänzt, als die eigentlich so schön verworrene Story zu entwickeln. Alle wichtigen Szenen samt falschem Brief der Zofe (Angela Schmid), auf den ein riesiger Holzpfeil oder sollte man Zaunpfahl sagen, zeigt, Vadim Glownas Demütigung als Malvolio, das von Sir Toby (Markus Boysen) provozierte Duell zwischen Viola/Sebastian und Sir Andrew (Hans Diehl) sowie die Säuseleien von Elisabeth Trissenaar als Olivia sind enthalten, aber es ist mehr ein Abhaken als ein wirkliches Erspielen dieser Rollen. Der Sinn des Stücks über die Geschlechterverwirrung, fällt hinten runter und wird nur durch ein Bild eines Zwitterwesens auf der Bühne behauptet.

    „„Was ihr wollt’ erfüllt einen Traum. Der Traum, den letzten Zipfel von etwas zu erhaschen, was eigentlich versunken ist.““ schreibt Holz im Programmheft. Versunkene Welten will er wieder auferstehen lassen und landet doch wie von ihm selbst beschrieben in einem Albtraum, der nach 1 ¾ Stunden in einem letzten Ringelrein in weiß mit angeklebtem Schnurrbart endet und alle Beteiligten doch noch pünktlich zu Poldis erstem Tor nach Hause entlässt.

  • Mit der Vuvuzela zum WM-Titel?

    „Was ist eine Vuvuzela?“ „Was, Wusel Ella?“ „Nein, eine Vuvuzela!“ „Ach, der Uwe Seeler.“ Und da haben wir schon das Problem, das Ding ist einfach irre laut und wahrscheinlich Schuld daran, das nun nicht nur den Kühen am Kap sondern auch im Allgäu die Milch im Euter sauer wird. Macht nichts, jetzt ist sowieso eher Cacau angesagt. Übrigens wird auch Frank Castorf ohrenbetörender Lärm für Schwerhörige bei den Wiener Festwochen attestiert. Seine Tschechow-Inszenierung mit dem Schlachtruf „Nach Moskau! Nach Moskau!“ mache durch ein Nervensägentrio (Die drei Schwestern) alle nur taub, schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt. Und das ganz ohne Vuvuzelas. Zu Uwe Seelers Zeiten konnte man sich wahrscheinlich noch in Zimmerlautstärke von einer Seitenauslinie zur anderen unterhalten. Eine große Leuchte im Unterhalten ist Seeler aber auch nie gewesen und mit einem seiner Zitate: „Ich bin dafür, jetzt erstmal mit der Relation im Dorf zu bleiben…“, sind wir schon beim nächsten Problem, der Berichterstattung in den Medien.

    Vorhang auf zur ersten Betrachtung der deutschen Spieldramaturgie und wie sie so von uns Olli Kahn und dem neuen Stabsfeldwebel des ZDF, Frau Müller-Hohenstein gesehen wurde. Sie lassen selbst das Dream-Team der deutschen Fußballkommentatoren Netzer-Delling blass aussehen. So mal eben zwischen Pinkelpause und Kühlschrank tönte von der Moderatorin aus dem Fernseher: „Und für Miroslav Klose, ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft.“ Olli Kahn, ohne Regung: „Ja, das ist für ihn eine Erlösung.“ Darauf folgte ein Twitter-Gewitter der Entrüstung und für uns alle der Beweis, das der deutsche Fußball wohl immer noch mit Vokabeln aus schwarz-braunen Unzeiten und jeder Menge Militärjargon belegt ist. Erst explodierte Lukas Podolski und dann zündete auch noch Miroslav Klose, das der auf einen Einsatz brennt, wusste Jogi Löw nach dem Spiel zu berichten. Für den Zuschauer blieb die Erlösung von solcher Art Kommentierung allerdings aus. Bela Rety konnte übrigens auch noch mit Wissenswertem über die australischen Spieler und den Lebenslauf von Mahatma Gandy glänzen. Kahn, den man wohl in einen zu knappen Anzug gesteckt oder vorher aufgeblasen hatte, rang sichtlich ergriffen nach Worten, zur Beschreibung eines Spiels, das doch nichts Geringeres als die Entfesselung der Spielfreude zeigte, die man sich so lange von der Nationalmannschaft erhofft hatte und die sich nun wohl für einige zu überraschend mit einem 4:0 gegen Australien Bahn brach. Löw konstatiert dann auch eher nüchtern, dass es wichtig war zu gewinnen und nun Selbstbewusstsein gibt. Na, wer hätte das gedacht. Ganz anders da die Spieler selbst, Klose: „Man hat gesehen, dass wir Spaß am Fußball haben. Ich weiß, was ich kann. Ich habe mich super gefühlt.“ Wem da wohl das eindeutige Handzeichen nach seinem Tor galt? Oder Podolski: „Wir wussten, dass wir gut drauf sind. Wir haben das heute gut gemacht.“ Der einzige, der da etwas vorsichtiger zurückschaut ist Kapitän Lahm, ob der etwas brenzligen Situation vor dem deutschen Tor zum Anfang des Spiels: „Man darf nicht vergessen, dass wir in den ersten Minuten Glück gehabt haben. Aber die Mannschaft hat sehr, sehr viel Qualität.“ und „Wir haben das Auftaktspiel gewonnen, aber es ist noch ein langer Weg.“ Das hört sich bei Fußball-Kaiser Franz ganz anders an: „Alle Gegner wissen, dass der Deutsche nie aufgibt. Deshalb werden wir beneidet.“ halt eben ganz in Kaiser-Wilhelm-Manier. Vielleicht denkt er ja auch, das Australien eher ein Strafinsel für aussortierte 2. und 3. Divisionäre aus England ist, was geschichtlich nicht ganz von der Hand zu weisen wäre. Dabei ist gerade einem britischen Journalisten der so sprichwörtliche Humor zu bescheinigen. Jonathan Northcroft brachte in einem Artikel über den englischen Pechvogel-Torhüter Green den Witz des Tages, der stelle nämlich ein Leck dar, über das die Yankees sich nicht beschweren. Na hoffentlich nehmen das alle Engländer so humorvoll, sonst gibt es bald einen Australier mehr.

    Ehrliche Emotionen im deutschen Blätterwald sind da eher Fehlanzeige. BILD titelt: „Schwarz rot geil, wir tröten alle weg, das wird unsere WM.“ Das ist Trötenterror pur. Die Süddeutsche Zeitung stellt grobschlächtig fest: „… das Paket, mit dem gar Möbelpacker aus dem Weg geräumt werden konnten, stimmt.“ Da drückt sich der Berliner Kurier mit seinen „Zauberlöwen“ vergleichsweise fast poetisch aus. Keimen da vielleicht schon erste Träume von einem nächsten Sommermärchen im südafrikanischen Winter auf? Mit dem 130-dB-Horn vom Kap der guten Hoffnung zum WM-Titel, oder schlägt uns doch noch ein Vuvu-Stopper vorzeitig aus dem Rennen? Man wird es sicher bald hören und sehen. Den passenden Song dazu gibt es glücklicherweise auch schon, „Schland, o Schland!“ von Uwu Lena. Na hoffentlich vergeht uns da nicht bald Hören und Sehen.

    So, „Und was machen wir nun mit den ganzen Vuvuzelas nach der WM?“ „WAS?“ Ja, genau, wir drehen sie um und benutzen sie als Hörrohr, denn was aus der einen Öffnung rauskommt, muss auch zur anderen wieder reingehen können. Zu Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Jacob Zuma.

    PS: Ob die Fähnchen an den deutschen Autodächern nun die Anzahl der geschossenen Tore oder eher die Punktezahl in Flensburg anzeigen, konnte noch nicht herausgefunden werden. Der Kommentator bleibt aber diesbezüglich am Ball.

  • Runde Dramaturgien, Gedanken zum Beginn der Fußball-WM

    Plötzlich sind die Theater leerer. Ist das Stück schlecht oder das Wetter zu gut? Nein, es liegt an der wohl schönsten Nebensache der Welt, dem Fußball. Ganz unverhofft für den normalen Theatergänger, hat die Fußball-WM begonnen und der Gastgeber Südafrika, was gibt es Schöneres, hat auch das erste Tor geschossen, bereits einen Punkt auf dem Konto und ich habe mal wieder falsch gelegen.

    Ja, der Fußball, nicht erst seit Nick Hornby oder Thomas Brussigs „Leben bis Männer“, hat er Einzug ins Theater gehalten. „Eigentlich ist Fußball ja wegen der Evolution. Das hätten Sie jetzt nicht gedacht, ist aber ne Tatsache. Evolution ist ein Begriff, denk ich mal, also Steinzeit, Neandertaler, Schimpanse, Sie wissen Bescheid. Wir haben ja vor Jahrmillionen auf den Bäumen gehockt, in Asamoahs Heimat, haben die Früchte abgefressen, und als der Baum leergefressen war, mussten wir zum nächsten…“ Es werden ganze Fußball-Revuen im Ruhrpott zelebriert und „Ein Herz ist kein Fußball“ weiß das Ramba-Zamba-Theater in Berlin. Der Fußball und das Theater pflegen auch viele gemeinsame Vokabeln, da ist von Dramaturgie die Rede, Szenarien und Spielwitz. Es gibt Schauspieler, die garantiert ausgepfiffen werden und begnadete Spielregisseure. Das Ganze findet in einer Art Arena, vor vielen Menschen statt, die auch schon bei den alten Griechen den Namen Stadion hatte.

    Die Fußball-WM ist ein Schauspiel, das viele in ihren Bann zieht, auch jene, die sonst eher der Hochkultur huldigen und zum Italiener um die Ecke eher wegen der guten Pasta und des Weines gehen, als sich dort in ein Gespräch über Taktik und Testosteron verwickeln zu lassen. Nun sind aber auch sie mittendrin und werden von der südlichen Mentalität der Pedros, Kostas und Luigis angesteckt, ebenfalls mitfiebern. Spätestens wenn die deutsche Mannschaft im Viertelfinale stehen sollte, rennen sie Fähnchen schwingend beizeiten zu ihren Stammlokalen, um die besten Plätze vor den Leinwänden zu ergattern.

    Das alles macht nun wieder den Theatern Probleme, die ihren Spielplan nicht dem der WM angepasst haben und am Publikumsschwund leiden. Da hat das Renaissance-Theater in Berlin vorgesorgt und die Vorstellung von „Was ihr wollt“ am Sonntag auf fußballfreundliche 18:00 Uhr gelegt. Aber auch so mancher unverdrossene Theaterbesucher wird sich wundern, das der Hamlet oder die Medea plötzlich kürzer ausfallen als angegeben, sind doch die Schauspieler, Bühnenarbeiter und der Abenddienst genauso dem Fußball-Wahnsinn anheim gefallen und sitzen lieber wie z.B. Khuon, Kimmig und Co. in der Bar des DT vor der Fußballübertragung.

    Aber auch das vermeintlich schwache Geschlecht verfällt nun leichter den Fußballerbeinen der Schweini, Poldi, Messi, Grafite und Ronaldo und kann durchaus nicht nur nervende Fragen stellen sondern auch mit der Erklärung der Abseitsregel punkten. Für alle Fußballmuffel bleibt da nur noch der sichere Platz daheim oder der leer gebliebe im Theater, wo immer noch einige Unverdrossene der anderen schönsten Nebensache frönen.

    Der Ball ist rund, das Runde muss ins Eckige, ein Spiel dauert 90 Minuten, nach dem Spiel ist vor dem Spiel, habe ich noch einen Allgemeinplatz nicht betreten? Natürlich, der Beste soll gewinnen. Na, da schau’n mer mal. Vor allem aber ist wie im Theater der Spaß am Spiel wichtig und dabei immer den Ball schön flach halten. In diesem Sinne, Jabulani! Last uns feiern.

    PS: Was ich noch fast vergessen habe, da einer der Vorrundengegner der deutschen Mannschaft Serbien ist, möchte ich noch dem ehemaligen Oberindianer der DEFA zu seinem 70sten gratulieren. Herzlichen Glückwunsch Gojko Mitic.

  • Schwarzes Tier Traurigkeit von Anja Hilling am DT Berlin

    Eine Inszenierung von Jorinde Dröse in den Kammerspielen

    Eine Gruppe von Leuten um die Dreißig bis Vierzig bei einem gemeinsamen Picknick im Wald, es ist Sommer und es knistert zwischen den einzelnen Personen und nicht nur im Unterholz des Waldes. Trotzdem kein Weltenbrand, nirgends. Das Stück will dennoch nicht nur bloße Behauptung sein, es ist einfach im ersten Teil willentlich banal. Es werden beim Picknick im Wald Allgemeinplätze belegt, die alle kennen und die man nicht näher erklären muss.

    Dann wirft plötzlich der Brand alle Figuren auf sich selbst zurück. Hier entstehen sehr eindrückliche Bilder. Die Figuren in den Videoeinspielungen bekommen durch die Projektion auf die erst schön farblichen Blumenwaldtapeten, plötzlich in schwarz-weiß, wunde Gesichter wie mit Brandblasen gezeichnet. Hier ist der Text wirklich poetisch, auch in all seinen schlimmen Schilderungen des Infernos.

    Doch ach, was passiert dann? Nach dem Brand fallen alle, bis auf den Künstler Oskar, wieder in den alten Trott der Banalität. Der einzige Mensch, der vorher gelebt hat, ist nun tot, und mit Miranda ihr Kind. Das Paul daran zerbricht ist noch erklärbar, aber was sagt uns das weiter so der anderen? Hat es diese Katastrophe für sie überhaupt gegeben, hätten sie ohne diese nicht genau so versagt? Ihr Leben ist schon vor dem Brand fest zementiert. Will uns Anja Hilling das als Lebensdrama schlechthin verkaufen? Der Künstler verarbeitet alles in einem Kunstwerk, na was sonst.

    Hier haben wir sie wieder, die Dramatik der kleinen Anzeichen, deutlicher geht es nicht mehr. Schade. Über die Regie von Jorinde Dröse muss man da nicht mehr reden. Die eigentlich durchweg guten Schauspieler können einem nur noch leid tun.

  • Rumsbums und Zackzack oder Shakespeare, es geht nicht

    Es ist schon wieder was passiert.

    Der große Kritiker S. hat den eher unbekannten Dramatiker S. aus Stratford-upon-Avon in einer seiner unnachahmlichen Denkschriften über das Theater, deren Wortlaut ich hier gar nicht in der Lage bin, im Detail wiederzugeben, der „hanebüchenen Kolportagendramaturgie“ eines „Renaissance-Groschenheftes“ bezichtigt. Das wäre an sich noch nicht der Untergang der Welt, weiß man doch, das S., der Dramatiker, in einer Zeit lebte, in der ein schneller Erfolg bei den Massen, einem schon die nackte Existenz sichern und der Verriss des wütenden Mobs, das schnelle Ende der Karriere nach sich ziehen konnte. Also dieser S., der Kritiker, belehrt uns nun im 21. Jahrhundert, wie man im 16. Jahrhundert Stücke schrieb und zu schreiben hatte. Leider tut er dies am Beispiels einer unbedeutenden Liebestragödie, die jüngst in Frankfurt am Main aufgeführt und durch Nachtkritik nicht besucht wurde. Ich sehe mich daher gezwungen, mein Loblied auf diesen erneuten großen Geistesblitz des Herrn S. hier zu singen, da es mir durchaus passend erscheint.


    Rumsbums und Zackzack oder Shakespeare, es geht nicht

    frei nach Gerhard Stadelmaiers Kritik zu Romeo und Julia in den Frankfurter Kammerspielen in der FAZ vom 07. Juni 2010

    Seht, ehrlich, wie kann das sein
    Gesehen, verliebt, verheiratet, oh, nein
    Heimlich, da verfeindet, unverzeihlich
    Vetter gemeuchelt, wie peinlich
    Rumsbums und Zackzack
    Klippklapp und Datschkapp
    Shakespeare, es geht nicht

    Schwülstig Geplapper mit Wucht
    Balkongekletter und schnelle Flucht
    Pater mit toxisch Trunk zur Hand
    Scheintod, so Unbill gebannt
    Rumsbums und Zackzack
    Klippklapp und Datschkapp
    Shakespeare, es geht nicht

    Liebstem das Herze erweicht
    Brief im Exil nicht erreicht
    Liebste scheinbar so tot
    Säuft`s auch, ach große Not
    Rumsbums und Zackzack
    Klippklapp und Datschkapp
    Shakespeare, es geht nicht

    Sie erwacht, er nun echt hin
    Stürzt in Dolch, wo ist der Sinn
    Ende der Kolportage, aus die Maus
    Welche Scharteke, einfach rein-raus
    Rumsbums und Zackzack
    Klippklapp und Datschkapp
    Shakespeare, es geht nicht

    Zum Dank für die erhellenden Weisheiten des großen S. sollte er eine Rolle in dem von ihm so geliebten Stück „Was ihr wollt“ bekommen, so das er tatsächlich nicht mehr weiß, ob er noch Männlein oder Weiblein ist. Ich schlage die Rolle des Malvolio in der Inszenierung von Armin Holz vor und hoffe Herrn S. am Wochenende mit gelben Strümpfen und kreuzweise gebundenen Strumpfbändern im Renaissance-Theater in Berlin begrüßen zu dürfen.
    Wie immer möchte ich meine kleinen unbedeutenden Verse jemandem widmen und wer wäre passender, als das vielleicht größte Liebespaar aller Zeiten. Vielen Dank für die vielen schönen erlebnisreichen Stunden im Theater.

    „Altes Verlangen stirbt; es zu beerben ward junge
    Leidenschaft geschwind ersehn: Die Schöne, derhalb Liebe wollte sterben,
    Ist neben Julias Schönheit nicht mehr schön. Romeo liebt und wird
    geliebt, gefangen von gleichem Reize beide, doch als Feind gilt sie ihm,
    wie als Köder ihr zu bangen auf tück’scher Angel süße Liebe scheint.
    Als Feind darf er sich nicht zu ihr getrauen, mit Schwüren ihre Liebe zu
    erflehn, sie liebt wie er, allein, um ihn zu schauen, weiß sie der Wege
    weniger noch zu gehn.
    Doch Leidenschaft gibt Kraft, Zeit weist die Wege, der Liebe Süße
    schwächt die schlimmsten Schläge.“

    (aus Romeo und Julia von William Shakespeare)

  • Frank Castorf im Tagesspiegel vom 10.06.2010

    Es gibt ein sehr interessantes Interview mit Frank Castorf im Tagesspiegel. Darin berichtet er noch mal über „Nach Moskau!“ und wie Tschechow eigentlich zu verstehen ist. Viele Tschechow-Inszenierungen, nicht nur bei „seinem Freund Stein“ würden immer leicht ironisch gefärbt im Psychologismus ertrinken. „Aber tatsächlich haben wir es bei Tschechow in meinen Augen mit einer grellen Komik zu tun, fast wie bei Artaud.“ meint Castorf. Alle Tschechow-Figuren seien kommunikationsunfähig. „Das Missverständnis ist die Voraussetzung für Komik. Es ist keine Tat-Sprache mehr, die zu Handlungen führt.“ Alle warten nur auf die ferne Sinn bringende Zukunft oder reden von der schönen Vergangenheit. Also da sagt er zumindest nichts Neues, außer Stein haben das auch alle von Gosch über Richter bis Kriegenburg in ihren Tschechow-Inszenierungen so verstanden.
    „Die Bauern“ dagegen sind „das Elend, der Dreck, das russische Dorf, der Muschik, der Schmutz.“ Und das ist dann Komik wie bei Tolstoi und Dostojewski, nur das Tschechow das ganz ohne Romantisierung brutal und trostlos beschreibt. Der Muschik ist immer schuld. „Wir sehen das Elend, aber im Hintergrund ahnt man bei Tschechow ein Wetterleuchten der radikalen Veränderung, die das 20. Jahrhundert dann heimgesucht hat, die Oktober-Revolution.“ Das liegt vor allem am Atheismus Tschechows, der sich gegen seinen religiösen Vater behaupten musste, meint Castorf. „Es gibt keinen Gott, es gibt nur Sinnlosigkeit.“ Das ist die Modernität von Tschechow.
    Trotzdem wird er sich wieder Dostojewski zu wenden und im nächsten Frühjahr „Der Spieler“ inszenieren, wegen des göttlichen Prinzips außerhalb der Menschen, das uns Westlern so fremd ist. Also die Russen lassen Castorf wohl nach wie vor nicht los, nur das aus dem Castorf-Prinzip auch keiner wirklich schlau wird. Gott bei Dostojewski oder Atheismus bei Tschechow, Castorf bleibt ein Suchender.
    Suchen muss er sich auch einen neuen Chefdramaturgen, denn Stefan Rosinski, der ihm ja mehr oder weniger vor die Nase gesetzt wurde, hat er entlassen. Gestörter Betriebsfrieden, keine brauchbare Spielplangestaltung, versuchte „feindliche Übernahme“, das ist schon Starker Tobak und nun muss Castorf selber ran und vielleicht gibt es bald ein Wiedersehen mit einigen alten Volksbühnenepigonen und Leander Haußmann an der Volksbühne.

  • Der Polski-Express hält im Berliner HAU

    Im Rahmen des „Polski Express III“ einem Teil des Projekts „The Promised City“, einer kulturellen Initiative zwischen Berlin und Warschau mit Kooperationen in Mumbai und Bukarest, waren vom 25.05.10- 5. 06.10 einige polnische Theaterstücke am HAU Berlin zu sehen.

    Der polnische Regiepunk und Avantgarde-Performer Jan Klata hat auch wieder zugeschlagen. Zwei Stunden Pop, Rock, Sex und Gier im HAU 2. Ein bombastischer, absurder Reigen von Regieeinfällen die Frank Castorf blass aussehen lassen können. Bei Peaches Christ Superstar, um die Ecke im HAU 1, kann es nicht viel aufregender gewesen sein. In seiner Bühnenversion des polnischen Literaturklassikers „Das gelobte Land“ vom Nobelpreisträger Władysław Stanisław Reymont aus dem Jahre 1898 kann Klata seine Herkunft vom Werbefilm und Fernsehen nicht ganz verhehlen, sehr viel Popästhetik und Rock-Attitüden bevölkern die Bühne. Eigentlich geht es im Roman von Reymont um die industrielle Revolution im ausgehenden 19. Jahrhunderts, es wird die Geschichte vom Zusammenleben der verschiedensten Nationalitäten und Schichten in der Textilindustriestadt Łódź erzählt. Durch Spekulationen mit Insiderwissen an der Baumwollbörse erhalten der Pole Karol, der Deutsche Maks und der Jude Moryc die Möglichkeit eine Fabrik zu eröffnen.

    Klata kombiniert diesen Plot der 1974 von Andrzej Wajda verfilmt wurde, gegenwartstauglich mit einem anderen Film der 80er Jahre, nämlich Oliver Stones „Wallstreet“. Die Szenen lösen sich permanent ab. Erst klappern Broker an Tischen mit ihren Computertastaturen, dann stellen die Arbeiter Fragen nach besserer Unfallverhütung und Gesundheitsmaßnahmen, die ihnen vom alten Fabrikbesitzer und Patriarchen Bucholc zynisch mit einem Vortrag über Homöopathie beantwortet werden. Die Gier ist allgegenwärtig. Das Motto der Wallstreet leuchtet als Reklame: „Greed is Good“. Selbst die Frauen als Sinnbild der Begierde führen mit Strapsen und Netzstrümpfen bekleidet einen Poledance auf. Karol kopuliert bei einem Schlagzeugsolo zu Phil Collins „In the Air Tonigth“ mit der Fabrikantenfrau Lucy Zuker, die ihn dafür mit den Insiderinformationen versorgt. Das Ganze geht natürlich schief, da sich Lucys Mann rächt und die Fabrik noch während der alkoholgeschwängerten Einweihungsfeier anzündet. Man ist wieder ganz unten angekommen, auch die Liebe Karols zu Lucy oder der Fabrikantentochter Mada hält nicht, sie fällt ihm bildlich immer wieder aus den Armen, wie auch das Geld zerronnen ist. Eine als menschliche Fackel über die Bühne laufende Kunstfigur des Bum Bum und eine Trashversion des Whitney-Houston-Klassikers „I will always love you“ beenden Klatas terrible Dance for Money.

    Ja, das ist schon so eine Sache mit der Avantgarde. Gehört Krzysztof Warlikowski eigentlich noch dazu oder ist er schon eher der Angepasste? Am vergangenen Wochenende konnte man das, anhand seiner Inszenierung „(A)pollonia“ im Rahmen das Polski-Express in der Station Kreuzberg, eingeladen vom HAU, begutachten. Warlikowski hat sich hier über 4 Stunden lang mit dem Thema der Menschenopfer und der Selbstaufopferung von der Antike bis ins Heute befasst. Mit Figuren aus der griechischen Mythologie, von der Agamemnon-Tochter Iphigenie über die Figuren der Orestie des Aischylos bis zu Euripides‘ Tragödie Alkestis und Passagen aus der zeitgenössischer Literatur wie z.B. „Elizabeth Costello“ von J.M. Coetzee und den „Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell, die ja auch Elemente der Orestie enthalten, versucht er uns Motivationen für Opferungen, menschliche Abgründe und eine Unmöglichkeit der Karthasis näher zu bringen. Als Ausgangspunkt dient die wahre Geschichte der Apolonia Machczynska, die im 2. Weltkrieg 25 jüdische Kinder vor der Gestapo versteckte, verraten wird und in den Verhören der Gestapo anstelle ihres Vaters die Schuld auf sich nimmt. Dies bleibt aber auch nur eine kleine Eingangsszene und dann arbeitet sich Warlikowski in einer Art Cut-up-Collage-Technik nacheinander an den Figuren der Iphigenie, Klytaimnestra, Agamemnon, Orest, Alkestis, Admetos, Herakles, Apollon und Athene ab. Iphigenie wird für eine zweifelhaftes Vorhaben, die Reise nach Troja, geopfert, daraus wird sich dem Fluch der Atriden folgend die blutige Geschichte der Orestie entwickeln. Alkestis opfert sich für ihren Gatten Admetos auf, der wegen einer Beleidigung der Göttin Artemis sterben soll. Nur weil sie sich bereit findet zu sterben, kann er weiter leben. Apollon ist Admetos behilflich und errettet auch noch Alkestis aus dem Hades.

    Die Schauspieler wechseln immer wieder die auf der Bühne stehenden Plexiglascontainer oder sitzen wie beim Familienessen zusammen am Tisch. Zur Erleichterung der Orientierung werden die Namen der antiken Figuren an die Rückwand geworfen. Die anderen literarischen Einsprengsel kann man teilweise nur erahnen, so spricht Agamemnon bei seiner Rückkehr Worte aus den Wohlgesinnten, das er es sich nicht ausgesucht hätte zum Mörder zu werden. Interessant auch einige Videoeinsprengsel von Paaren, die nach ihren Beziehungen gefragt werden und der ob man sich für den anderen auch mit dem Leben aufopfern würde. Das letztere bleibt schließlich unbeantwortet. Unterbrochen werden die Texteinlagen immer wieder durch Musikeinlagen einer Band mit der fantastischen Sängerin Renate Jett. Das lockert die doch sehr verkopfte aber trotzdem nie langweilige Inszenierung zusätzlich auf und hält einen auch nach der Pause noch bei der Stange.

    Der zweite Teil gehört am Anfang ganz der Elizabeth Costello und ihren öffentlichen Vorträgen zur Tierquälerei, dem Verhältnis zwischen Tier und Mensch am Beispiel des Affen Rotpeter von Franz Kafka, sie vergleicht ihren Vortrag mit dessen Bericht an die Akademie, und kulminiert in ihrer Gleichsetzung der Schlachthöfe mit dem Holocaust. „Das Verbrechen des Dritten Reichs, so lautet die Anklage, war, Menschen wie Vieh zu behandeln.“ Man war immer da, will aber nie etwas davon gewusst haben. Das wird ernst und glaubwürdig von Anna Radwan-Gancarczyk vorgetragen und würde auch sicher nicht seine Wirkung verfehlen, wenn es nicht all zu offensichtlich wäre. Weiter geht es dann wieder mit den antiken Figuren und ihrem Kampf, Videos und Musik. Das Ganze ist mehr eine stetige Performance als richtiges Theater und so ist man am Ende zwar in gewisser Weise aufgewühlt, kann aber nur schwer die vielen Bildern einordnen und verarbeiten. Konventionell ist dieser Theaterabend mit Sicherheit nicht, aber auch nicht wirklich innovativ. Warlikowskis Inszenierung fehlt eine gewisse Konzentration auf das Wesentliche und so verpuffen doch seine Bemühungen um Fragen der Pflicht, Schuld, Sühne und Vergebung etwas im Ungefähren. Am Schluss finden sich alle Protagonisten noch mal im Glascontainer um die Band zusammen und feiern erleichtert das Ende ihres langen Kampfes. Der Zuschauer verlässt nach gut 4 Stunden dann, nach langem Beifall, auch erleichtert die Station.