Die Labdakiden im Familienkreis – Friederike Heller psychologisiert die „Antigone“ des Sophokles an der Berliner Schaubühne mit der Band Kante als Supervisor

Man kann sich den ganzen theoretisierenden Kram des Programmhefts mit Heideggers durch Hölderlin inspirierten Antigonerezeption, Wurmsers Psychoanalyse der Scham und des Dramaturgen Stegemanns Abhandlungen über die Tragödie ruhig sparen. Werft es weg! Es geht im Großen und Ganzen um die letzten Sätze der Widerlegung der Antigone-Interpretation des Psychoanalytikers Jaques Lacan durch die Genderforscherin Judith Butler, in der Antigone schließlich die Stelle der toten Brüder einnimmt, um jenen „männlichen Exzeß, der die Wächter, den Chor und Kreon in Erstaunen versetzt: Wer ist hier der Mann?“ Diese Frage treibt die Regisseurin des Abends Friederike Heller an, weshalb sie auch auf die Idee verfallen ist, alle Rollen durch zwei Männer spielen zu lassen. So weit so gut, nehmt es an.
Die Tragödie des Ödipus und seiner Familie der Lapdakiden zu psychologisieren ist seit Freud nicht neu. Das beschränkt sich nicht nur auf Ödipus, es bezieht sich seit Lacans Ethik der Psychoanalyse auch auf seine Nachkommen und im speziellen auf seine Tochter-Schwester Antigone. Heller lässt dann zu Anfang auch die Lapdakiden zur traditionellen Familienaufstellung antreten. Die Band Kante und die beiden Schauspieler Christoph Gawenda und Tilman Strauß begeben sich erst widerwillig in den Kreis, der durch Supervisor Peter Thiessen, Sänger der Band Kante, aufgestellt wird, dann entwickelt sich aber langsam das gewünschte Stellvertreterphänomen, die Protagonisten nehmen ihre Rollen an und spielen die Tragödie von Ödipus bis zur Antigone, ganz nach dem Motto: „Was weh getan hat, wird erinnert“.
Ab hier hätte sich etwas Phantastisches ereignen können, aber es tut sich nichts, keine Verstrickungen werden deutlich, nichts Unheimliches regt sich. Das Problem liegt daran, das Heller diese Methode nur ironisierend benutzt, aber nichts weiter damit bezweckt. Hymnisch werden Hölderlintexte mit der Band Kante intoniert und zwei Schauspieler werfen sich mit viel Elan und Flitter in die Widersprüche zwischen göttlichem Gebot, weltlichem Gesetz und eigener Hybris. Irgendwann werden sie wieder auf das Parkett der Realität zurück gerufen und erfahren vom Psychoguru Thiessen, dass nicht nur die Akzeptanz jedes Familienmitglieds auf gleicher Stufe gilt, sondern auch die Rangordnung der Ahnen einzuhalten ist. Antigone tritt demnach in eine ihr nicht angestammte Position und erleidet somit den Tod, wie die Helden aller griechischen Tragödien. Das sich das widerspricht und somit die therapeutische Sitzung ad absurdum geführt ist, wird als große Erkenntnis gefeiert. König Kreon zittert auf den Knien Thiessens, sein Irrtum wird hier als eine blöde Psychopanne bagatellisiert. Man feiert das in einem dionysischem Rockexzeß.
Die Rezeption des Antigonestoffes auf der Bühne ist lang, er wurde bisher meist als Sieg des Humanismus über staatliche Willkür erklärt, das war vor allem nach dem 2. Weltkrieg so. Die Klassik sah noch die Auseinandersetzung mit dem Göttlichen in der Tragödie als Reibungspunkt, Hölderlin sah sie eher im Fehlen einer anders gearteten spirituellen Idee jenseits irgendeines Gottes. Im deutschen Herbst fand die Antigone (Schlöndorff, Böll) sogar den Einzug in die Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus. Das alles scheint Friederike Heller nicht zu interessieren. Das man heute nach einer neuen Rezeption der Antigone sucht, ist zeitgeschichtlich gesehen mehr als verständlich. Nur Friederike Hellers Inszenierung reibt sich an gar nichts mehr, sie vertändelt die Tragödie zu Gunsten einer unbestimmten psychologisierendem Gendertheorie und der alles nivilierenden Liebe, die jede politische Interpretation ablehnt. Die Schuld die sich Kreon selbst und nicht ein wüst Schicksal auf das Haupt gehäuft hat, wird so nicht sichtbar. Letztendlich tritt so zwar bei Kreon eine psychologische Katharsis ein, das Schaudern und Jammern soll aber niemanden im Publikum stören, der mahnende Schlusssatz des Chors ist gestrichen.
Den Schülern, die wahrscheinlich wieder reihenweise in diese Inszenierung geschickt werden, entgehen so ca. 200 Jahre Rezeptionsgeschichte, die hier nicht durch eine grundlegend neue ersetzt werden. Das Ärgerliche an der Sache ist, dass das nicht irgendwem passiert, sondern Friederike Heller, die gerade mit der Band Kante für die bisher vielleicht interessantesten Klassikeradaptionen der letzten Zeit gesorgt hat. Es steht die Frage im Raum, wo dabei überhaupt Antigone bleibt? Sie fehlt unentschuldigt, dafür gibt es ein Ungenügend und aus dem Yo wird eher ein No.

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